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5. Argumente bei der Neubewertung in:

Nina Ziesemer

Denkmalbestand im Wandel, page 185 - 234

Denkmale der DDR nach 1989

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4207-6, ISBN online: 978-3-8288-7111-3, https://doi.org/10.5771/9783828871113-185

Tectum, Baden-Baden
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Argumente bei der Neubewertung Historischer Denkmalwert Da die Geschichtlichkeit der Denkmale eine Grundvoraussetzung für ihren Schutz ist,1109 besitzt der historische Denkmalwert, wie oben dargestellt, unter den Denkmalwerten eine besondere Bedeutung. Auch in der fachlichen, politischen und öffentlichen Diskussion um die Zukunft des DDR-Denkmalerbes waren diesbezügliche Argumente daher auffällig prominent und facettenreich vertreten. Bereits Zeitzeugen beschrieben den historischen (Dokumentations-)wert als den dominierenden und entscheidenden Denkmalwert für den Entschluss, die Zeugnisse der Bau-, Gedenkund Sepulkralkultur unter Denkmalschutz zu stellen.1110 Einhellig wurden die Denkmale als Zeugnisse des untergegangenen Staates verstanden und bewertet. Ihnen wurde nachgesagt, in ihrem individuellen Erscheinungsbild und in ihrer Gesamtheit die politischen, ökonomischen und sozialgeschichtlichen Verhältnisse, die Herrschaftsansprüche und Zielsetzungen ihrer Machthaber sowie deren jeweiligen Wandel zum Ausdruck zu bringen.1111 Allen voran die „politischen Denkmäler“ wurden dabei als „Studienmaterial der Ideologiegeschichte“,1112 5. 5.1. 1109 Mörsch, Georg: Zur Differenzierbarkeit des Denkmalbegriffs, in: Denkmal – Werte – Gesellschaft. Zur Pluralität des Denkmalbegriffs, herausgegeben von Wilfried Lipp, Frankfurt a.M. und New York 1993, S. 151 / Hubel, Denkmalpflege, S. 160. 1110 Vergleiche beispielhaft: Kühne, Günther: Das Unmögliche ermöglichen. Schwierigkeiten der Denkmalpflege in der Weltstadt, in: Architektur in Berlin. Jahrbuch 1992, herausgegeben von der Architektenkammer Berlin, Hamburg 1992, S. 123. 1111 Vergleiche beispielhaft: Reiche, Steffen: Der Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR, in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 33. Er spricht an der betreffenden Stelle konkret über das sozialistische Erbe in Eisenhüttenstadt. 1112 Mittig, Hans-Ernst: Politische Denkmäler und „Kunst am Bau“ im städtischen Kontext, in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 24. Mittig gibt an dieser Stelle das Urteil einer anderen Person wieder, welches diese in einem Leserbrief an die Tageszeitung traf. 185 „Symbol für die Propaganda des Unrechtssystems“1113 oder als „Politkitsch-Sachzeugen“1114 beschrieben. Ihr Entstehungskontext machte die Denkmale für viele Betrachter aber nicht zu alleinigen Zeugnissen der DDR, sondern auch zu Dokumenten der Gesamtberliner Stadtgeschichte, der deutschen Teilung und der globalen Systemkonkurrenz im 20. Jahrhundert. In einer Denkschrift der Initiative „Politische Denkmäler der DDR“ hieß es diesbezüglich etwa: Die „Denkmäler der Nachkriegszeit in Ost- und West- Berlin dokumentieren […] „Stadtgeschichte, die von der Konfrontation der USA und der Sowjetunion geprägt war“.1115 Daneben wurden die Denkmale enger gefasst auch als Zeugnisse des DDR-Städtebaus und ihrer Architektur- und Kunstgeschichte bewertet, wobei insbesondere der erste Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee als prägnanter Ausdruck des ostdeutschen Architekturschaffens wahrgenommen wurde.1116 Die Karl-Marx-Allee galt nach Beobachtung des Berliner Journalisten Thomas Wüppner „als eindrucksvollstes Beispiel kollektiver Planung und Bauleistung im zweiten deutschen Staat.“1117 Die Bauhistoriker Werner Durth und Niels Gutschow verwiesen allerdings bei der architekturgeschichtlichen Einordnung der Nachkriegsdenkmale auf länger zurückreichende Entwicklungslinien, an welche die Bauschaffenden der DDR lediglich angeknüpft hatten.1118 Ferner wurde auf parallele Erscheinungen in weiteren Staaten 1113 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Fritz: Hassemer und Nagel einig: Lenin wird nun doch bald demontiert, in: Der Tagesspiegel vom 16. Oktober 1991. 1114 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des FDP-Abgeordneten Werner Wiemann zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1366B. 1115 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. (Hrsg.): Denkschrift der „Initiative politische Denkmäler“. Arbeitsgruppe des Vereins Aktives Museum Faschismus und Widerstand Berlin. Vorschlag zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit in Berlin, Berlin 1993, S. 13. 1116 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Die aktuelle Frage, in: Der Tagesspiegel vom 24. September 1991. 1117 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Wüpper, Thomas: Karl-Marx-Allee – Sozialistische Prachtstraße wird zum Steuerparadies, in: Frankfurter Rundschau vom 3. April 1995. Aber auch die Plattenbauten der sich anschließenden Industrialisierung des Bauwesens sollten nach Ansicht des Architekten und Architekturhistorikers Jean Louis Cohen als Zeitdokumente ernst genommen werden (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Kühne, Günther: Bauten der fünfziger Jahre: denkmalwert? Tagung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, in: Der Tagesspiegel vom 8. Februar 1990). 1118 Durth, Werner, Gutschow, Niels: Einführung, in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 9. Ihr Urteil bezog sich jedoch nicht explizit und ausschließlich auf das DDR-Erbe. Der Leipziger Kunsthistoriker Thomas Topfstedt betonte eine diesbezügliche Kontinuität etwa in Bezug auf das Werk des Architekten Hanns Hopp (Topfstedt, Thomas: Eingangsstatement zur Podiumsdiskussion „Wodurch bilden die 50er Jahre eine Epoche?“ anlässlich der Tagung „Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre“ vom 2. bis zum 4. Februar 1990 in Hannover, abgedruckt in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee 5. Argumente bei der Neubewertung 186 – auch im Westen – verwiesen.1119 Das „Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz“ charakterisierte das Denkmalerbe der DDR daher als einen „Teil der in ganz Deutschland immensen Aufbauleistung nach dem Zweiten Weltkrieg“,1120 womit es zugleich als Ausschnitt der internationalen Baukultur des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden könne.1121 Nicht zuletzt wurden die Denkmale als Anschauungsobjekte der kulturellen Leistungen der DDR verstanden. Gerade in diesem Bereich, so betonten Politiker wie Volker Hassemer, hatte sich die DDR auch im Vergleich mit der Bundesrepublik sehen lassen können.1122 Der damalige Kulturminister Dietmar Keller nannte drei Faktoren, welche die Kunst der DDR im Besonderen ausgezeichnet und von der Kultur anderer Staaten abgehoben habe: die besonderen Startbedingungen unter sowjetischer Einwirkung, der besondere politische Einfluss auf die Kulturlandschaft und schließlich die Abgeschlossenheit des Systems, durch welche sich die Kunst insbesondere mit internen Sachverhalten befasst habe.1123 Selbstbewusst wurde sein Nachfolger, Herbert Schirmer, als letzter Kulturministers der DDR in der Presse daher zitiert: „Wir werden unsere 40jährige Kultur- und Kunstentwicklung auf keinen Fall annullieren oder als mit einem Lächeln abzutuende Episode in einem Schubfach unterbringen, sondern wir werden sie als sehr wichtige Abteilung der deutschen Kultur- und Kunstentwicklung im 20. Jahrhundert betrachten.“1124 Skulpturen, Gedenksteine oder -tafeln zeugten überdies von den historischen Personen und Ereignissen, denen sie gewidmet waren. In Passantenumfragen differenzierten die befragten Bürger bei ihrer Bewertung aber durchaus zwischen der mefür Denkmalschutz, Bonn 1990 [= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41], S. 95). 1119 Der „Zuckerbäckerstil“ war nach Einschätzung von Vertretern des Denkmalschutzes ursprünglich aus den USA gekommen und in Moskau lediglich variiert worden (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Nitschke, Eberhard: Tempel der Zuckerbäcker, in: General-Anzeiger vom 22. Juli 1995). 1120 Empfehlung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz vom 27. November 1995 – Nicht vergessen, sondern schützen und aufheben! Für die Erhaltung von Architektur und Städtebau der DDR, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 113. 1121 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Spelsberg, Irmela: Pflegedienst an der Ruine, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Juni 1995. 1122 Riedle, Gabriele: Der Vormund will Mündel sein, in: Die Zeit vom 18. Mai 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 48, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 1076. 1123 Bericht des Ministers für Kultur auf der 14. Sitzung des zentralen Runden Tisches am 26. Februar 1990 zur Kulturpolitik der Regierung, abgedruckt in: Der Zentrale Runde Tisch der DDR. Wortprotokoll und Dokumente. Band IV: Identitätsfindung, herausgegeben von Uwe Thaysen, Wiesbaden 2000, S. 879. 1124 o.A., Kulturunion, S. 211. 5.1. Historischer Denkmalwert 187 morierten Person und ihrer Vereinnahmung durch das frühere politische System.1125 Dennoch stellte sich nach der friedlichen Revolution die Frage nach der historischen Korrektheit der Darstellungen, der Legitimität der Ehrung sowie den daraus zu ziehenden Konsequenzen. In mehreren Fällen sah die Expertenkommission des Senats Korrektur- oder weiteren Forschungsbedarf. Das Spartakus-Denkmal in der Chausseestraße stand nach Ansicht der Experten am falschen Platz, da sich die Gruppe während des Ersten Weltkrieges nicht am Standort des Denkmals, sondern ein paar Meter davon entfernt gegründet hatte1126 (s. Abbildung 27). An der Karl Marx-Gedenkstätte in Stralau und dem Spanienkämpfer-Denkmal im Volkspark Friedrichshain beanstandete die Kommission historisch unkorrekte Inschriften1127 (s. Abbildung 28). Veränderungen der Beschriftung zog sie auch bei einigen antifaschistischen Denkmalen in Betracht,1128 welche ihr zufolge teilweise „peinlich ungenau“ waren.1129 Die Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und an diejenigen, die dieser entgegen gewirkt hatten, hielt sie in einem demokratischen System aber nicht nur weiterhin für sinnvoll, sondern für unabdingbar.1130 Da zuletzt auch in West-Berlin die Zeit des Nationalsozialismus und die Orte des NS-Verbrechens stärker in das öffentliche Bewusstsein getreten und diesbezügliche Gedenkstätten im Entstehen gewesen waren, empfand die Initiative „Politische Denkmäler der DDR“ es als geradezu inakzeptablen Widerspruch, im selben Zuge in der anderen Hälfte der Stadt die Zerstörung antifaschistischer Denkmäler zu fordern.1131 Günter Herlt, ehemaliger Kommentator im DDR-Fernsehen schloss sogar einen Zusammenhang zwischen der Zunahme rechtsextremistischer Gewaltakte und „der Zahl linksfeindlicher Amtsakte“, womit er wohl die Demontage sozialistischer Denkmäler meinte, nicht aus.1132 Kritik übte die Kommission ferner an der Heroisierung von Angehörigen der Grenztruppen, die während ihres „keineswegs ehrenhaften Dienstes“ ermordet worden waren.1133 Umstritten war für sie und andere auch die Darstellung Ernst Thälmanns. Zur Entmythologisierung der Person und zur (Neu)Gestaltung des Denkmals wurde im Jahr 1993 eigens ein Symposium veranstaltet.1134 Nach Ansicht von Peter 1125 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Biskup, Harald: Der Ärger mit den steinernen Giganten, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18. September 1991. Für die Dargestellten äußerten die Befragten „Achtung, zum Teil sogar eine gewisse Sympathie“ (Ebd.). Leider benennt Biskup nicht die Quelle dieser Aussagen. 1126 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 31. 1127 Ebd., S. 29/51. 1128 Ebd., S. 82/85. 1129 Ebd., S. 49. 1130 Ebd., S. 6f. 1131 LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 20. Einladung zu einem Arbeitstreffen am 22. Juni 1990 zum Thema Berliner Denkmäler seit 1945 – Gedenken oder zerstören?, undatiert, Bl. 33. 1132 Herlt, Günter: Birne contra Historie, Berlin, 1993/94, S. 10. 1133 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 74. 1134 Kulturamt Prenzlauer Berg, Dokumentation, S. 35. 5. Argumente bei der Neubewertung 188 Jochen Winters von der FAZ war die Ähnlichkeit der Büste mit dem echten Thälmann zufällig. Bestimmte Partien des Gesichts ähnelten ihm zufolge eher Lenin als dem Hamburger Arbeiterführer.1135 Kurt Wernicke, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit am Museum für Deutsche Geschichte in Ost-Berlin, kam daher zu dem Schluss, dass Ernst Thälmann zwar ein Denkmal verdient habe, nicht aber ein solches.1136 Einen Nachbesserungsbedarf zugunsten der Eindeutigkeit seiner Aussage sah die Kommission ferner für das deutsch-polnische Denkmal im Bezirk Friedrichshain. Sie schlug vor, darüber zu beraten, „wie es von einem reinen Helden- auch zu einem Opfer-Mahnmal […] umgewandelt werden kann“.1137 Rund ein Jahr zuvor hatte die Kommission des Bezirks Mitte dieses bereits für das Spartakus-Denkmal gefordert, da „das Denkmal in seiner Gestaltung ohne zusätzliche Kommentierung seiner Funktion als geschichtlicher Erinnerungspunkt nicht gerecht“ werde.1138 Weiterer Forschungsbedarf wurde auch in Bezug auf die Person Julius Fuçik gesehen.1139 Besonders umstritten war aber die Bewertung der historischen Person und Leistung Wladimir Iljitsch Lenin, was sich etwa in einer Parlamentsdebatte im Berliner Abgeordnetenhaus zeigte. Während Peter-Rudolf Zotl von der PDS noch dessen Widersprüchlichkeit betonte, womit er mögliche Verdienste nicht ausschloss,1140 hoben die Abgeordneten der CDU und FDP insbesondere seine Verbrechen hervor. Sie erinnerten an die Gründung von Geheimdienst und KZs, daran dass er ein deutscher Spion und ein Vaterlandsverräter gewesen sei und als ein totalitärer Despot und Mörder dem Kontinent viel Unglück gebracht habe.1141 Für die Denkmalbefürworter, wie die Vertreter der „Bürgerinitiative Lenindenkmal“, stand er jedoch für Frieden,1142 sodass sie dem vom „Bildersturm“ bedrohten Denkmal in Erinnerung an den Herbst 1989 1135 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Winters, Peter Jochen: Auf der Müllhalde der Geschichte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Februar 1993. 1136 Loff, Birgit: Wird Lenin bald begrünt? Die DDR entsorgt ihre Klassiker-Monumente, in: Stuttgarter Zeitung vom 9. August 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6802. 1137 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 54. 1138 LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 31. Abschlußbericht der zeitweiligen Kommission „politische Denkmale in Mitte“ an den Ältestenrat der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin vom 23. April 1992, S. 2. 1139 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 60. 1140 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des PDS-Abgeordneten Dr. Peter-Rudolf Zotl zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin- Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1356C. 1141 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeiträge des CDU-Abgeordneten Dr. Uwe Lehmann-Brauns, des FDP-Abgeordneten Werner Wiemann und des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1357B, 1361B und 1362D. 1142 Sie erstellte ein Transparent mit der Aufschrift: „Lenin steht für Frieden – der Senat für Krieg“ (ADS. Ablieferung Bürgerinitiative Lenin-Denkmal. Bürgerinitiative Lenindenkmal Berlin-Friedrichshain [Hrsg.]: Bürgerinitiative Lenindenkmal = Demokratie in Aktion, Berlin 1992, S. 9). 5.1. Historischer Denkmalwert 189 das Schild „Keine Gewalt“ um den Körper hängten1143 (s. Abbildung 29). In einem Gastkommentar für das „Spandauer Volksblatt“ befand Julius Wallot von der Berliner CDU hierzu geradezu ungläubig, dass eine groteskere Umkehrung der Werte wohl kaum denkbar sei. Ferner erklärte er, dass Lenin für ihn kein Teil der Berliner Kulturgeschichte sei.1144 Für seinen Parteikollegen Hans Müller war Lenin nicht mal mehr Bestandteil der deutschen Geschichte. Er sah Lenin als eine Person und historische Erscheinung der russischen und sowjetrussischen Geschichte, die dem Osten Deutschlands lediglich übergestülpt worden war.1145 Seltener wurde Lenin allgemeiner und abstrakter als Sinnbild für die Idee des Sozialismus und den historischen Versuch seiner Umsetzung verstanden. War dies der Fall, so wurde er mitunter zugleich zur Antithese zum (neu) erfahrenen Kapitalismus.1146 Für einige Betrachter hatten sich der ursprüngliche Charakter und Zeugniswert der Denkmale mit dem politischen Umbruch von 1989/90 allerdings auch verändert, was nach Ansicht der Expertenkommission des Senats typisch für derartige Systembrüche war: „Aus einem Symbol der Macht kann so ein Zeichen der Ohnmacht, aus einer Drohgebärde ein Ausdruck der Hilfslosigkeit, aus einer Siegergeste ein Bild der Niederlage werden.“1147 Demzufolge sah der hessische Denkmalschützer Christoph Mohr gerade in den Bauten der frühen Jahre nun „Denkmale eines gescheiterten Weges, in deren Maßstabslosigkeit und Rückwärtsgewandtheit das Scheitern schon vorgezeichnet“ schien.1148 Auch Harald Biskup vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ qualifizier- 1143 ADS. Ablieferung Bürgerinitiative Lenin-Denkmal, Alt-Signatur 2003-XXII-2. Pressemitteilung des Büros für ungewöhnliche Maßnahmen, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst und Fraktion Bündnis 90/Die Grünen [AL]/UFV vom 1. Oktober 1991 – „Keine Gewalt“. 1144 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Wallot, Julius: „Keine Gewalt“: Ausgerechnet Lenin!, in: Spandauer Volksblatt vom 19. Oktober 1991. Auch dies war nur eine von mehreren Sichtweisen. Im Katalog zur Ausstellung „Erhalten, zerstören, verändern?“ ist Lenin als Bürger der Stadt sogar ein eigener Beitrag gewidmet worden. Vergleiche hierzu: Schönfeld, Martin: Lenin in Berlin, in: Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), Berlin 1990, S. 33–35. 1145 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des CDU-Abgeordneten Dr. Hans Müller zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1364B. 1146 ADS. Ablieferung Bürgerinitiative Lenin-Denkmal, Alt-Signatur 2003-XXII-2. Artikelentwurf eines Mitglieds der Bürgerinitiative Lenin-Denkmal für das Neue Deutschland vom 8. April 1994 – Warum wir bei Lenin bleiben?, S. 2. Für den Kunsthistoriker Hans-Ernst Mittig waren die Denkmäler der DDR Orte, an denen der Kapitalismus einer kritischen Analyse unterzogen und zivilisiert werden konnte (Mittig, Hans-Ernst: Zur Eröffnung der Ausstellung, in: Erhalten, zerstören, verändern. Denkmäler der DDR in Ost- Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 [= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1], S. 12). 1147 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 8. 1148 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Mohr, Christoph: Wo das Grauen der Überlebenden jeden Gedanken an Erhaltung zu verbieten scheint, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14. März 1993. 5. Argumente bei der Neubewertung 190 te sie jetzt als das zurückgebliebene „steinerne und bronzene Archiv einer gescheiterten Utopie“ ab.1149 Bruno Flierl erkannte in der bis zum Herbst 1989 unvollkommenen Umgestaltung des Berliner Zentrums sowohl den Aufbau als auch den Abbau staatssozialistischer Autorität in der DDR: „Nichts ist am Ende so geworden, wie es zu Beginn geplant war“.1150 Andere deuteten die Denkmale stattdessen zu Zeichen einer neuen Zeit und der (wieder) gewonnenen Freiheit um. So schlug der ehemalige Regierende Bürgermeister West-Berlins, Walter Momper, im Herbst 1991 beispielsweise vor, den Künstler „Christo“ das Lenin-Denkmal zeitweise umgestalten zu lassen, um aufzuzeigen, dass die Vergangenheit überwunden war.1151 Auch Christoph Stölzl vom DHM sah in den Denkmalen potentielle Siegesmale der neuen Freiheit.1152 Allen voran die Berliner Mauer aber wurde mit ihrem Fall weltweit zu einem Symbol für die Freiheit und zu einem Zeichen der Überwindung der Teilung stilisiert. Nach Meinung eines FAZ-Autors verkörperte sie „den Tiefpunkt, aber auch einen Gipfelpunkt der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.“1153 Einige Betrachter hoben allerdings auch den bereits zu DDR-Zeiten bestehenden Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit hervor: „Den Zweck, um dessentwillen sie auf ihren hohen Sockeln stehen, erfüllen sie […] keineswegs“, schrieb etwa der Journalist Dieter E. Zimmer für die „Zeit“.1154 Und auch sein Kollege, Thomas Rietzschel, von der FAZ behauptete, dass sie bereits zum Zeitpunkt ihrer Errichtung „vergessen“ gewesen seien,1155 wobei wohl die einstige Bemerkung des österreichischen Schriftstellers Robert Musils mitschwang, wonach nichts auf der Welt so unsichtbar sei wie ein Denkmal. 1149 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Biskup, Harald: Der Ärger mit den steinernen Giganten, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18. September 1991. 1150 Flierl, Bruno: Rund um Marx und Engels: Berlins „sozialistische“ Mitte, in: Hauptstadt Berlin – Wohin mit der Mitte?, herausgegeben von Helmut Engel und Wolfgang Ribbe, Berlin 1993 (= Publikationen der Historischen Kommission zu Berlin, o.Bd.), S. 137f. 1151 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Eb: Denk-Stätte statt Denkmal, in: Berliner Zeitung vom 2. Oktober 1991. 1152 Schumann, Dirk: Marx geht, die Monumente bleiben?, in: Die Tageszeitung vom 4. August 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6798 / Hinze, Monumente, S. 6808. 1153 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Mönninger, Michael: Die Narbe der Stadt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Juli 1991. Den (denkmalgeschützten) Resten der Berliner Mauer wurde von Seiten des Senators daher der Rang eines weltgeschichtlichen Monuments zugesprochen, für welches Berlin weitreichende Verantwortung trüge (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Scharf, Rüdiger: Denkmal oder Abriß? Kulturausschuss diskutierte über Mauerreste, in: Berliner Morgenpost vom 7. Mai 1991). 1154 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Zimmer, Dieter E.: Was tun mit Lenin? in: Die Zeit vom 18. Oktober 1991. 1155 Rietzschel, Thomas: Marx und Engels dösen in die Zukunft, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Oktober 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6819. 5.1. Historischer Denkmalwert 191 Für die Denkmalbefürworter leitete sich aus dem von ihnen festgestellten Zeugniswert die Notwendigkeit des Denkmalerhalts sowie das Erfordernis ihrer gesellschaftlichen Aneignung ab. Zum einen wurde von den Denkmalen Hilfe bei der als notwendig erachteten Bewältigung des SED-Regimes erhofft. „Wer die Geschichte der DDR aufarbeiten will“, formulierte etwa die West-Berliner Denkmalschützerin Christine Hoh-Slodczyk, „braucht die Denkmale als Dokumente. Die Spuren der Geschichte müssen sichtbar bleiben.“1156 Schleifen, so lautete nämlich der Umkehrschluss, „fördere das Verdrängen. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte könne dadurch behindert werden.“1157 Für die Stadt Berlin, die der damals amtierende Bundespräsident Richard von Weizsäcker als „Treuhänderin“ der nationalen Geschichte bezeichnete, in der sich ihre Narben befinden wie nirgendwo sonst,1158 schien dies umso so mehr zu gelten als andernorts. Abrissbefürworter nahmen den Zeugniswert der Denkmale allerdings gerade als ihren spezifischen Makel und Hindernis für die Vergangenheitsbewältigung wahr. „Wie können wir eine solche Geschichte aufarbeiten“, fragte etwa der Regierende Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepgen, anlässlich der aktuellen Stunde zum Abriss des Lenin-Denkmals 1991, „wenn wir Lenin-Denkmäler – und zwar als Vorbilder unserer Gesellschaft – in unserer Stadt weiterhin dulden?“1159 Auch der letzte Landeskonservator der DDR, Peter Goralczyk, sah in den erhaltenen Resten der Berliner Mauer eher ein anschauliches „Zeichen dafür, daß beide Teile Berlins und Deutschlands noch nicht wieder zusammengewachsen sind, daß Trennendes, das in 40 Jahren entstanden ist, nicht so schnell wie es sich die Mehrheit der Bevölkerung wünscht, überwunden werden kann.“1160 Ihre Argumentation stützten die Genannten zum einen darauf, dass die Denkmale geschehenes Unrecht und das Handeln der Täter symbolisierten. Diese aber hatten nach Ansicht der Kritiker weder Achtung noch Sympathie verdient1161 und sollten 1156 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Hoh- Slodczyk, Christine: Mit Lenin muß man leben lernen, in: Neue Zeit vom 24. September 1991. 1157 Stocxxx, Paul [Name des Autors im Original abgeschnitten]: Die lästigen Zeugnisse. Kontroverse Debatte um die Denkmäler im Osten Berlins, in: Der Tagesspiegel vom 27. Oktober 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6817. 1158 Harmsen, Darmverschlingung, S. 6812. 1159 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1362D. 1160 Goralczyk, Peter: „Die Berliner Mauer, ein Denkmal der Geschichte“, in: Denkmalschutz-Informationen 4/1990, S. 57 [im Original falsch datiert auf 1989]. 1161 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des CDU-Abgeordneten Dr. Uwe Lehmann-Brauns zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1357D. 5. Argumente bei der Neubewertung 192 mit dem Verbleib ihrer Spuren im Stadtbild nicht noch einen nachträglichen Triumph erleben.1162 Ferner sollten sozialistische Kultstätten vermieden werden.1163 Vor allem aber wurde die (weitere) Präsenz der Denkmale von Kritikern als ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und ihrer Hinterbliebenen interpretiert, der diese provoziere, verletze oder belaste.1164 So fragte Joachim Neander in der „Welt“: „Ist es den Menschen, die unter dieser Macht gelebt und gelitten haben, zuzumuten, weiter im Schatten dieser Drohung zu leben?“1165 In dieser Frage klang die vermeintlich unterschiedliche Bewertung der Denkmale durch Ost- und Westdeutsche an, die der Journalist Günter Kowa noch konkreter ausführte: „Die Denkmäler werden mit ganz anderen Augen angesehen“, schrieb er im Februar 1993 in der „Mitteldeutschen Zeitung“, „wenn man mit ihnen leben mußte.“1166 Martin Schönfeld von der Initiative „politische Denkmäler der DDR“ sah in den infrage stehenden Denkmalen jedoch mehr als nur Zeugnisse der ideologischen Herrschaftsansprüche ihrer Auftraggeber und früheren „Täter“. Für ihn waren sie auch Dokumente „der allgemeinen Duldung, der alltäglichen Niederlage eines jeden einzelnen“ in der DDR.1167 Folglich betrachteten er und seine Mitstreiter das Schleifen der Denkmale auch als den Versuch, die Frage nach der (individuellen) Verantwortung für die Geschichte zu verdrängen1168 und nicht nach der persönlichen Rolle im Sozialismus zu fragen. Zum anderen wollten die Denkmalbefürworter die betreffenden Objekte als Beitrag für die politische Bildung und Demokratieerziehung künftiger Generationen sichern, da sie die Erinnerung an die versunkene Epoche vermeintlich auch dann noch wachhalten konnten, wenn in den Stadtbildern kaum mehr etwas an die Geschichte der DDR erinnere.1169 Gleich der Wirkung eines Menetekels sollten sie den Nachgeborenen Anschauungsmaterial für die Repression und Entmündigung durch das frü- 1162 Feilcke, Stadtschloß, S. 6833. Der Autor des Beitrags ist Bundestagsabgeordneter der CDU gewesen. 1163 Dass die Herausbildung einer solchen in Bezug auf das Lenin-Denkmal befürchtet wurde, thematisierte der FDP-Abgeordnete Werner Wiemann in einer Plenardebatte. Er selbst negierte diese Gefahr jedoch, da das, was Lenin vertrat, „so total abgelebt“ habe (Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des FDP-Abgeordneten Werner Wiemann zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1360D). 1164 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 6/71 / LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 31. Abschlußbericht der zeitweiligen Kommission „politische Denkmale in Mitte“ an den Ältestenrat der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin vom 23. April 1992, S. 4. 1165 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Neander, Joachim: Denkmals-Dämmerung, in: Die Welt vom 20. Februar 1993. 1166 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Kowa, Günter: Leere Sockel keine Lösung, in: Mitteldeutsche Zeitung vom 24. Februar 1993. 1167 Schumann, Marx, S. 6797. 1168 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Presse-Reader, S. 5. 1169 WS: Mehrheit für Marx und Engels, auch wenn sie nicht gefallen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. November 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6824. Der Autor beruft sich hier konkret auf die Ansicht von Christoph Stölzl. 5.1. Historischer Denkmalwert 193 here Regime sein und so dazu beitragen, dass derartiges nicht wieder geschehe.1170 Damit aber wurden die Denkmale nicht zuletzt danach bewertet, welches Potential ihre authentische Substanz als „Lernort“ oder „Geschichtspfad“ besaß.1171 Diese potentielle Rolle der Denkmale für die Demokratieerziehung wurde von keiner Seite prinzipiell in Frage gestellt. Christoph Mohr merkte allerdings kritisch an, dass das wirkliche Ausmaß des in der Vergangenheit geschehenen Leids den Nachgeborenen kaum zu vermitteln sei.1172 Kritischer hinterfragt wurde überdies der Umfang der zu diesem Zweck zu erhaltenden Denkmale. „So vieler Mahnungen an das Versagen des Sozialismus/Kommunismus bedarf das einige Deutschland nicht“,1173 schrieb etwa Peter Dietmar im Sommer 1990 in der „Welt“. Und auch Thomas Rietzschel von der FAZ sah zwei bis drei erhaltene Denkmale, wie im Falle der Mauersegmente, als ausreichend an. Schließlich würde auch niemand ernsthaft an der Idee Gefallen finden wollen, „die ruinierten Städte in ihrem trostlosen Zustand zu belassen, nur damit man hernach einmal sehen kann, wohin die Machtanmaßung der Ideologen führte.“1174 Demzufolge machte auch die Expertenkommission des Senats die „für die SED- Zeit typische Vielfach-Würdigung bestimmter Personen und Ereignisse“ zu einem ihrer Entscheidungskriterien. Mehrfachehrungen wurden kritisiert und sollten nach Möglichkeit nicht fortgeführt werden.1175 Den Seltenheitswert – etwa der Spanienkämpfer-Ehrung und der Würdigung des polnischen Kampfes gegen den Nationalsozialismus – hob die Expertenkommission hingegen positiv hervor.1176 Welche Konsequenzen aus dem Zeugniswert der Denkmale gezogen wurden, hing aber nicht zuletzt von den Positionierungen zum allgemeinen Umgang mit der Vergangenheit – allen voran mit den negativen Seiten der eigenen Geschichte – und dem Selbstverständnis der damaligen Denkmalpflege ab. Beides wurde am Beispiel der Denkmale und des städtebaulichen Erbes der DDR nun abermals diskutiert. Die Vertreter des institutionellen Denkmalschutzes traten deutlich für den umfassenden Erhalt kulturellen Erbes ein. „Vom Denkmalschutz“, so sein Vertreter Ludger Sutthoff, „kann nicht nur das ästhetisch Schöne und ideologisch wie politisch Bequeme und Populäre betroffen sein. Kultur und Geschichte haben eben auch denkmalwürdige 1170 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Engel, Helmut: Denkmalpflege ist mehr als nur Gemütspflege, in: Berliner Morgenpost vom 1. März 1992. 1171 „Geschichtspfad“ war ein in diesem Diskurs von der West-Berliner Denkmalschützerin Christine Hoh-Slodczyk geprägter Begriff. Er bezog sich auf die Relikte der Berliner Stadtplanung in beiden Hälften der Stadt (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: DDR-Denkmäler im Visier, in: Berliner Zeitung vom 13. April 1992. 1172 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Mohr, Christoph: Wo das Grauen der Überlebenden jeden Gedanken an Erhaltung zu verbieten scheint, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14. März 1993. 1173 Dittmar, Lenin, S. 6796. 1174 Rietzschel, Marx, S. 6819. 1175 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 7. 1176 Ebd., S. 51/53. 5. Argumente bei der Neubewertung 194 Schattenseiten, deren Vergessen […] ein kultureller Verlust bedeuten würde.“1177 Für Christoph Mohr „war es im Prinzip nicht von Bedeutung, ob der untersuchte Gegenstand die Hervorbringung eines ethisch-moralisch einwandfreien Systems ist oder eines solchen, das sich auf Unterdrückung des Menschen und Missachtung der Freiheit des Individuums gründet.“1178 Auch für den damaligen Berliner Landeskonservator hatte die Denkmalpflege mehr zu sein als Gemütspflege und Balsam für die Wunden.1179 Während diese Sachverständigen eher ex negativo argumentierten, sahen andere Kollegen die Denkmalpflege geradezu in der Pflicht, „Denkmale als Anstöße zu erhalten“1180 und in der Rolle eines Mahners unbequem zu agieren.1181 Folglich wurde die Erhaltung der jüngeren und als „unbequem“ empfundenen Denkmale zu einem Prüfstein für den Umgang der Gesellschaft mit dem kulturellen Erbe insgesamt erklärt.1182 Auch Akteure anderer gesellschaftlicher Bereiche bekannten sich offen zu der eigenen Vergangenheit und all ihren Brüchen und Schattenseiten. Sie mahnten, dass niemand das Recht habe, sich „aus seiner Geschichte herauszumogeln“,1183 „40 Jahre Geschichte mit einem Kran auszuradieren“,1184 Geschichte durch eine Säuberung zu 1177 Sutthoff, Ludger J.: Kulturhäuser – Zentren des politischen und kulturellen Lebens in der DDR, in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 87. 1178 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Mohr, Christoph: Wo das Grauen der Überlebenden jeden Gedanken an Erhaltung zu verbieten scheint, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14. März 1993. 1179 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Engel, Helmut: Denkmalpflege ist mehr als nur Gemütspflege, in: Berliner Morgenpost vom 1. März 1992. 1180 Kier, Hiltrud: Eingangsstatement zur Podiumsdiskussion „Wodurch bilden die 50er Jahre eine Epoche?“ anlässlich der Tagung „Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre“ vom 2. bis zum 4. Februar 1990 in Hannover, abgedruckt in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 97. 1181 Fischer, Manfred F.: Zur Lage. Eröffnungsansprache des Vorsitzenden der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland zur Jahrestagung 1992 in Dortmund, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 2/1992, S. 109. 1182 Empfehlung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz vom 27. November 1995 – Nicht vergessen, sondern schützen und aufheben! Für die Erhaltung von Architektur und Städtebau der DDR, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 114. 1183 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Kühne, Günther: Bauten der fünfziger Jahre: denkmalwert? Tagung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, in: Der Tagesspiegel vom 8. Februar 1990. 1184 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Rüsch/ coma/stü: Lenin: Senator Hassemer will Abriß einleiten, in: Berliner Morgenpost vom 2. Oktober 1991. 5.1. Historischer Denkmalwert 195 entsorgen1185 oder “besenrein übergeben“ zu wollen1186 sowie Geschichte per Katalog1187 oder „à la carte" zu wählen.1188 Allerdings wurde dieser Position bisweilen auch ein anderes Verständnis von dem Umgang mit der Vergangenheit und dem Denkmalerbe gegenüber – oder zumindest zur Seite – gestellt. Danach hatten die Denkmale mit dem Ende des Regimes das Anrecht auf ihre Existenz prinzipiell verloren und jede „neue“ Gesellschaft das Recht auf die Errichtung eigener Denkmale.1189 Dies galt nach Ansicht der Expertenkommission des Senats umso eher, wenn das frühere Regime von den Bürgern abgelehnt wurde.1190 Joachim Neander verwehrte sich in einem Beitrag für die „Welt“ daher dagegen, jeden Abriss eines Denkmals gleich als einen Akt der Barbarei zu bewerten und damit zu verurteilen.1191 Künstlerischer Denkmalwert Anders noch als am Beginn der Denkmalpflege nahm der künstlerische Wert der Denkmale im Vergleich zum historischen Denkmalwert einen deutlich geringeren Platz in der fachlichen, politischen und öffentlichen Diskussion um das Nachkriegserbe ein. Für einige Diskutanten schien er angesichts der vielschichtigen historischen Bedeutung der Denkmale sogar irrelevant zu sein. So sprachen sich Experten auf dem in Berlin abgehaltenen „Internationalen Kongress für Kunstgeschichte“ im Jahr 1992 für den Erhalt der von ihnen als unbequem bezeichneten Denkmale aus – unabhängig von ihrem künstlerischen Wert.1192 Mit der kunsthistorischen Einordnung besaßen der historische und der künstlerische Denkmalwert aber auch eine Schnittmenge. Wie oben beschrieben, wurde den Denkmalen zum einen ein dokumentarischer Wert für die Bau- und Kunstgeschichte der DDR – und gelegentlich auch über deren Grenzen hinaus – zugeschrieben.1193 5.2. 1185 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Schmalz, Peter: Zur Zwischenlagerung nach Köpenick, in: Die Welt vom 6. November 1991. 1186 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Gärtner, Peter: Die klobigen Monumente von einst, in: Die Rheinpfalz vom 25. März 1993. 1187 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Tietenberg, Annette: Denkmalpflege als Feigenblatt, in: Berliner Zeitung vom 30. Juli 1992. 1188 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Adamek, Sascha: Stadtforum im Denkmalsstreit, in: Berliner Zeitung vom 23. September 1991. 1189 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Speicher, Stephan: Marx und Engels bleiben, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Februar 1993. 1190 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 5. 1191 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Neander, Joachim: Denkmals-Dämmerung, in: Die Welt vom 20. Februar 1993. 1192 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Tietenberg, Annette: Denkmalpflege als Feigenblatt, in: Berliner Zeitung vom 30. Juli 1992. 1193 So wurde die Karl-Marx-Allee beispielsweise als östliches Pendant zum West-Berliner Hansa-Viertel bewertet, womit sie zugleich indirekter Teil der West-Berliner Architekturgeschichte war (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Die aktuelle Frage, in: Der Tagesspiegel vom 24. September 1991). 5. Argumente bei der Neubewertung 196 Zum anderen wurde bei der Denkmalbewertung die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung innerhalb dieser beiden Disziplinen berücksichtigt.1194 Positiv hervorgehoben wurden die für die DDR-Verhältnisse bahnbrechenden Neuerungen im Bereich der Gebäudetypologie1195 und Bauten wie das Funkhaus in der Köpenicker Nalepastraße, die jenseits der DDR-Norm entstanden waren. Laut Eberhard Nitschke vom „General-Anzeiger“ verblüffe dieses Bauwerk die Fachwelt in den neunziger Jahren noch immer.1196 Als bauhistorisch besonders interessantes und herausragendes Bauwerk der (Ost-)Moderne galt für Experten und Laien aber vor allem das Staatsratsgebäude.1197 Eine weitere und stärker ausgeprägte Argumentationslinie widmete sich dem ästhetischen Wert der Denkmale, wobei die Urteile, je nach Akteur und Objekt, sehr unterschiedlich ausfielen. So schrieb die Berliner Denkmalschützerin Gabriele Dollf- Bonekämper in einem Artikel in der „Kunstchronik“ von Bauten „auf höchsten Anspruchsniveau“, nicht ohne noch auf derselben Seite hinzuzufügen, dass eben nicht alle schön und erfreulich anzuschauen seien.1198 Auch die Expertenkommission des Senats machte Unterschiede aus. So sprach sie den „politischen Denkmälern“ zwar insgesamt eine große künstlerische Bedeutung ab, plädierte aber aufgrund ihrer guten künstlerischen Gestaltung etwa für den Erhalt der Karl-Marx-Gedenkstätte in Stralau und des Spanienkämpfer-Denkmals im Volkspark Friedrichshain.1199 Für Catrin Glücksmann von der „Neuen Zeit“ waren hingegen nur noch wenige Denkmale „ein ästhetischer Genuß“, zumal ihr künstlerischer Wert schon zu DDR-Zeiten umstritten gewesen sei.1200 Diese vermeintliche Lücke zwischen „dem wirklichen Leistungsvermögen der Künstler der DDR“ und den von ihnen tatsächlich realisierten Denkmalen wurde Das „Haus des Lehrers“ wurde als Teil einer deutsch-deutschen oder europäischen Architektur- Entwicklung verstanden (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Spelsberg, Irmela: Pflegedienst an der Ruine, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Juni 1995). 1194 So wies Peter Goralczyk etwa darauf hin, dass die Bauten der fünfziger Jahre einen Beitrag für die Weiterentwicklung der Architektur der beiden folgenden Dekaden bildeten, wenngleich diese sich bewusst von der früheren abgrenzten (Goralczyk, Peter: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre in der DDR, in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 [= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41], S. 76). 1195 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Spelsberg, Irmela: Pflegedienst an der Ruine, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Juni 1995. 1196 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Nitschke, Eberhard: Tempel der Zuckerbäcker, in: General-Anzeiger vom 22. Juli 1995. 1197 Vergleiche hierzu die Parlamentsdebatte im Abgeordnetenhaus zum Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Demokratischen Planungsprozess für eine demokratische Hauptstadt – VI – hier: Erhalt des ehemals vom Staatsrat genutzten Gebäudes von Berlin am 24. November 1994, darin insbesondere die Beiträge von Harald Wolf von der PDS und Elisabeth Ziemer von Bündnis 90/Die Grünen. 1198 Dolff-Bonekämper, Denkmalpflege, S. 262. 1199 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 11/29f./50f. 1200 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Glücksmann, Catrin: Die Reste Lenins werden unter Sand begraben, in: Neue Zeit vom 16. Februar 1993. 5.2. Künstlerischer Denkmalwert 197 auch von anderen aufgetan.1201 Nach Einschätzung des ostdeutschen Architekten Bruno Flierl waren die Fähigkeiten von ihm und seinen Kollegen durch die ökonomischen Zwänge unterdrückt worden. Die Ökonomen und Techniker hatten anderes als „eine bessere Architektur“ im Sinn gehabt.1202 Volker Hassemer erinnerte zudem daran, dass nicht „notwendigerweise die Besten, dafür aber die Gefolgsleute oder die dem Geschmack der politischen Klasse entsprechenden Künstler“ am ehesten beauftragt worden waren.1203 Die konkrete Kritik an der ästhetischen Qualität der realisierten Werke bezog sich zum einen auf die vermeintliche Monotonie und Ideenlosigkeit. So wurde die Architektur der DDR als eine des Mangels und der Kargheit beschrieben.1204 Manche sparten auch mit Verunglimpfungen nicht. Es war von einer „ästhetisch rasch verschlissenen, langweiligen Allerweltsarchitektur“,1205 „Plattenbau-Pest“,1206 „DDR-Einheitskunst“,1207 ästhetischen und politischen Beleidigungen1208 und stadtplanerischer Peinlichkeit die Rede1209. Diese Mängel wurden jedoch nicht allein auf die äußeren Bedingungen und die Abfolge der verschiedenen Architekturströmungen innerhalb der DDR zurückgeführt. Nach Ansicht des Berliner Architekturhistorikers Wolfgang Schäche orientierten sich die modernen Bauten in der Dorotheenstadt mit „ihrer austauschbaren Phantasielosigkeit“ beispielsweise durchaus an den „trivial-modernistischen Gestaltungsmustern westlicher Architektur“.1210 Für die Mitglieder der „Deutschen Akade- 1201 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/166. Antwort des Senators für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Dr. Volker Hassemer, auf die Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Dr. Hans Müller über Denkmale des SED-Staates vom 14. März 1991, S. 20f. 1202 Sack, Manfred: Was, der ist immer noch da?, in: Der Architekt 5/1991, S. 288. 1203 Hassemer, Volker: Die öffentliche Hand als Eigentümer von Baudenkmälern und als Adressat von Denkmalschutz und Denkmalpflege, in: Der Eigentümer und sein Denkmal – das Denkmal in der öffentlichen Hand, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn o.J. (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 42), S. 13. 1204 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Spelsberg, Irmela: Pflegedienst an der Ruine, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Juni 1995. 1205 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/15. Redebeitrag des CDU-Abgeordneten Dr. Hans Müller zum Antrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der SPD über die Einschränkung des Denkmalschutzes für die Karl-Marx-Allee vom 10. November 1991, S. 1228B. 1206 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Grundmann, Ute: Keine Rettung mit West-Rezepten, in: Neue Ruhr-Zeitung Essen vom 8. Oktober 1990. Die Autorin zitiert hier den DDR-Denkmalschützer Peter Goralcyzk. 1207 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Lächelndes Gesicht, in: Der Spiegel vom 7. Oktober 1991. 1208 Redebeitrag von Heinrich-August Winkler auf der Podiumsdiskussion „Verfallen und vergessen oder geschützt und aufgehoben?“ anlässlich der Tagung „Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt?“ vom 15. bis zum 16. Mai 1995 in Berlin, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 107. 1209 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Die aktuelle Frage, in: Der Tagesspiegel vom 24. September 1991. 1210 Schäche, Wolfgang: Die Dorotheenstadt. Zu Geschichte und Bestand, in: Architektur in Berlin. Jahrbuch 1995, herausgegeben von der Architektenkammer Berlin, Hamburg 1995, S. 54. 5. Argumente bei der Neubewertung 198 mie für Städtebau und Landesplanung“ war aber eben in beiden Hälften der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten „schlechter Städtebau und eine miserable Architektur entstanden – durch die Hybris der DDR wie durch die subventionierte Modebesessenheit Westberlins“.1211 Zum anderen wurde Kritik geübt an der Größe und Wucht der in der DDR errichteten Skulpturen. Sie schlug sich in sprachlichen Formulierungen wie „monumentale ‚Heiligenfiguren‘“,1212 „gräßlich-gigantischen Götzenbilder“1213 oder „hochbesockelter Unkunst“1214 nieder. Die Initiative „Politische Denkmäler der DDR“ wertete diese Urteile allerdings auch als den Versuch, die SED-Bauten im Sinne einer Totalitarismus-Rhetorik mit den Monumentalbauten der NS-Zeit gleich zusetzten1215 – und damit zu diskreditieren. In dem Terminus „Unkunst" offenbarte sich zudem die Neigung, den Denkmalen ihren Status als Kunst- und Bauwerk generell abzuerkennen. So gab der Friedrichshainer Baustadtrat, Gerd Hannemann, laut eines Presseberichts zu verstehen, dass das Lenin-Denkmal für ihn kein Kunstwerk, sondern ein Machwerk sei.1216 Auch Peter Bloch, früherer Leiter der Berliner Skulpturensammlung, betrachtete die Trümmerfrau vor dem Roten Rathaus nicht als Denkmal, sondern als ein Straßenmöbel.1217 Hannemanns Parteikollege, Ernst-August Poritz, sah in dem Erbe der DDR gar „Auswüchse oder Pervertierungen architektonischen Schaffens“.1218 Der CDU-Abgeordnete Hans Müller wiederum sprach von wirklichen Baudenkmalen,1219 was implizierte, dass es auch „unwirkliche“ gab. Schließlich fanden die ostdeutschen Künstler Reinhard Zabka und Eva Kowalski jene Kinderäußerungen, welche die Denkmale positiv bewerteten, geradezu besorgniserregend. Sie seien wohl durch ihre Lehrer negativ be- 1211 Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung: Hauptstadtplanung, in: Der Architekt 1/1994, S. 3. 1212 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Biskup, Harald: Der Ärger mit den steinernen Giganten, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18. September 1991. 1213 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Neander, Joachim: Denkmals-Dämmerung, in: Die Welt vom 20. Februar 1993. 1214 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Lächelndes Gesicht, in: Der Spiegel vom 7. Oktober 1991. 1215 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Presse-Reader, S. 6. 1216 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Biskup, Harald: Der Ärger mit den steinernen Giganten, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18. September 1991. 1217 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz (Hrsg.): Dokumentation der 37. Sitzung des Stadtforums vom 18./19. Februar 1994. Typologie der öffentlichen Räume, S. 20 (URL: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtforum/download/archiv/37.pdf, letzter Zugriff am 5. Mai 2016). Ferner bezeichnete er das Lenin-Monument als ein Drohmal (Ebd., S. 20). 1218 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 11/978. Kleine Anfrage des CDU- Abgeordneten Ernst-August Poritz über Denkmalschutz in einem vereinigten Berlin vom 31. Mai 1990, S. 35. 1219 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/15. Redebeitrag des CDU-Abgeordneten Dr. Hans Müller zum Antrag der Fraktion der CDU und der SPD zur Einschränkung des Denkmalschutzes für die Karl-Marx-Allee vom 10. Oktober 1991, S. 1228B. 5.2. Künstlerischer Denkmalwert 199 einflusst worden und in ihrem Schönheitsempfinden beeinträchtigt.1220 Sie alle sprachen damit aus, was viele – zumindest in Bezug auf das Marx-Engels-Denkmal – dachten. Eine in der Kunstzeitschrift „Pan“ veröffentlichte Umfrage ergab, dass die Mehrheit der Befragten zwar für den Erhalt dieses Denkmals war, es 81 Prozent aber nicht gefiel und 77 Prozent es nicht für ein Kunstwerk hielten.1221 Diesem Negativurteil wurde entgegengehalten, dass ästhetische Empfindungen und der Zeitgeschmack stets einem Wandel unterworfen seien. So verwies Helmut Engel in einem Gastbeitrag in der „Berliner Morgenpost“ etwa darauf, dass die inzwischen im allgemeinen Bewusstsein akzeptierten „Mietskasernen“ des Historismus bis in die sechziger Jahre hinein auch noch verteufelt gewesen waren.1222 Eine ähnliche Entwicklung, so die indirekte Schlussfolgerung, konnte für die Denkmale der DDR nicht ausgeschlossen werden. Diese Differenzierung, nahm auch der Journalist Dieter E. Zimmer in einem Artikel für die „Zeit“ vor. Darin bezeichnete er den damaligen Leninplatz als „realsozialistischer Städtebau par excellence“, der zwar nicht dem gegenwärtigen Geschmack entspräche, aber prinzipiell nicht vom Schlechtesten sei.1223 Nach Ansicht des FDP-Abgeordneten Wolfgang Mleczkowski war allerdings auch dieser Zeitgeschmack nicht der Beste. Sein Votum für den Erhalt des Staatsratsgebäudes begründete er daher mit der Angst vor schlechteren Alternativgestaltungen.1224 Ebenso qualifizierte der Kunsthistoriker Hellmut Lorenz die populären Schönheitsideale ihrerseits als ästhetisches Spießerideal ab, dem die Fachkompetenz weichen müsse.1225 Für Hubertus Adam von der Initiative „Politische Denkmäler der DDR“ war eine derartige Unterscheidung zwischen guter und schlechter Kunst aber insgesamt hinfällig, da solche Werturteile nicht objektivierbar seien und dem gegenwärtigem Stand der kunsttheoretischen Diskussion widersprächen. Seiner Meinung nach stellte sich daher eher die Frage „nach der Funktionalisierung des Ästhetischen“.1226 Der ostdeutsche Kunsthistoriker Peter Feist leugnete zwar nicht das Fehlen dieser absoluten, zeit- 1220 Stocxxx [s.o.], Zeugnisse, S. 6817. 1221 WS, Mehrheit, S. 6824. 1222 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Engel, Helmut: Denkmalpflege ist mehr als nur Gemütspflege, in: Berliner Morgenpost vom 1. März 1992. Er betont in dieser Passage allerdings vor allem die historische Interpretation. 1223 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Zimmer, Dieter E.: Was tun mit Lenin?, in: Die Zeit vom 18. Oktober 1991. 1224 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/76. Redebeitrag des FDP-Abgeordneten Wolfgang Mleczkowski zur Beschlußempfehlung des Ausschusses für Stadtplanung und Stadtentwicklung vom 2. November 1994 zum Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen über demokratische Planungsprozesse für eine demokratische Hauptstadt – VI –, hier: Erhalt des ehemals vom Staatsrat genutzten Gebäudes am 24. November 1994, S. 6516C-D. 1225 Lorenz, Störfaktor, S. 139. Dieser Argumentation folgten jedoch keine weiteren Fürsprecher noch erfuhr er direkten Widerspruch. 1226 Adam, Widerspruch, S. 6821. 5. Argumente bei der Neubewertung 200 los objektiv gültigen Maßstäbe für Qualität, wollte „aber anhand einiger Kriterien wenigstens Elemente einer (relativen) Qualität“ ermittelt sehen können.1227 Selten spielten die verantwortlichen Künstler bzw. deren künstlerisches Gesamtwerk in der Debatte eine Rolle. Zu den Ausnahmen gehörte eine Einlassung auf dem Außerordentlichen Kongress des VBK im Frühjahr 1990. Sie problematisierte den Abriss der Werke noch lebender Künstler, da diese zukünftig noch weiterarbeiten wollten1228 – ohne diesen Makel. Der Bildhauer Nikolai W. Tomski, der wegen der Qualität seines künstlerischen Schaffens kritisiert wurde, war Anfang der neunziger Jahre allerdings bereits verstorben. Der ostdeutsche Bildhauer Fritz Cremer äußerte sich auf Anfrage gegenüber der Presse auch zu charakterlichen Schwächen Tomskis. So gab er zu Protokoll, dass sich der arrivierte Tomski einst geweigert habe, einem von der politischen Führung gemaßregelten Bildhauerkollegen zu helfen.1229 Vor dem Hintergrund dieser Ungleichbehandlung in der Sowjetunion bzw. in der DDR interpretierte der Kulturpolitiker Dieter Lattmann das „Denkmalkippen“ nicht zuletzt als einen Racheakt an Künstlern, die in der DDR „Vorrechte und offizielle Geltung besaßen“.1230 Städtebaulicher Denkmalwert Auch der städtebauliche Denkmalwert spielte in der Diskussion um die Zukunft des Denkmalerbes der DDR keine dominierende Rolle, wenngleich Denkmalschützer und Politiker die allgemeine Bedeutung topographischer Gesichtspunkte durchaus in Erinnerung riefen.1231 Selten aber wurden diesbezügliche Qualitäten der betreffenden 5.3. 1227 Feist, DDR-Kunst, S. 57. 1228 Archiv der Akademie der Künste. Bildende Kunst. VBK-Zentralvorstand 864/2. Stenographisches Protokoll vom außerordentlichen Kongress des Verbandes Bildender Künstler am 10. und 11. April 1990 in Berlin, undatiert, S. 324. 1229 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Tsp: Lenin weicht noch nicht, in: Der Tagesspiegel vom 7. November 1991. 1230 Lattmann, Dieter: Die Unschärfe der Bilder. Kultur in politischer Wendezeit, in: Kulturpolitik. Bundesmitteilungsblatt des BBK 4/1992, S. 114. 1231 In einem Appell des „Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz“ des Jahres 1995 hieß es: „Bei der Erhaltung und Erneuerung im Städtebau sind die prägenden Gestaltungsmerkmale, insbesondere das Verhältnis der Baukörper zueinander und zu den Freiräumen zu berücksichtigen“ (Empfehlung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz vom 27. November 1995 – Nicht vergessen, sondern schützen und aufheben! Für die Erhaltung von Architektur und Städtebau der DDR, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 [= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51], S. 114). Auch der Staatssekretär für Stadtentwicklung und Umweltschutz gab auf der diesem Appell vorausgegangenen Konferenz zu verstehen: „Die Stadttopographie muß die Denkmalpflege in Berlin ganz besonders im Auge behalten.“ (Redebeitrag von Wolfgang Branoner auf der Podiumsdiskussion „Verfallen und vergessen oder geschützt und aufgehoben?“ anlässlich der Tagung „Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt?“ vom 15. bis zum 16. Mai 1995 in Berlin, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalko- 5.3. Städtebaulicher Denkmalwert 201 Denkmale explizit hervorgehoben. Häufig fiel das Urteil über ihren städtebaulichen Wert negativ aus. Dem Abriss des Thälmann-Denkmals sollte laut der Expertenkommission des Senats beispielsweise gleich eine Neukonzeption des Platzes folgen.1232 Ebenso wurden von anderer Seite springende Baufluchten, die Dominanz des Fernsehturms oder ausufernde Parkflächen inmitten der Stadt kritisiert,1233 welche den Eindruck der Urbanität und die historische Stadtstruktur zerstört hätten.1234 Diesen Stimmen widersprachen allerdings mehrere Denkmalbeschreibungen in den damaligen Publikationen des Landesdenkmalamtes. Ihnen zufolge waren die betreffenden Denkmale durchaus an die historische Substanz ihres städtebaulichen Umfeldes angepasst.1235 Dennoch bestand vor allem in konservativen Kreisen der Wunsch, das alte Berliner Stadtbild mit seiner Platz- und Straßenführung im Sinne einer „Kritischen Rekonstruktion“ wiederherzustellen. Hierfür war zunächst zu klären, inwiefern die jungen Denkmale diesen Plänen entgegenstanden und daher abzutragen oder ihnen anzupassen waren. Im Besonderen von diesen Überlegungen betroffen war jenes Areal, wo bis 1950 das Berliner Stadtschloss gestanden hatte und zu DDR-Zeiten unter anderem das Staatsratsgebäude neuerrichtet worden war. Aus städtebaulicher Perspektive hielten Kritiker den Rekonstruktionsplänen die Grenzen der Umsetzbarkeit entgegen1236 oder verwiesen, wie der Stadtplaner Harald Bodenschatz, auf falsche historische Prämissen. Nach seiner Einschätzung war der Schlossplatz nämlich keinesfalls immer schon jenes städtebauliche und machtpolitische Zentrum der Stadt gewesen, wie es die Rekonstruktionsbefürworter kolportierten und wiederhergestellt sehen wollten.1237 mitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 [= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51], S. 106). 1232 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 33f./85. 1233 Schäche, Dorotheenstadt, S. 55 / Dieckmann, Friedrich: Staatsräume im Innern Berlins, in: Architektur in Berlin. Jahrbuch 1992, herausgegeben von der Architektenkammer Berlin, Hamburg 1992, S. 31 / Feilcke, Stadtschloß, S. 6833. 1234 Peter Goralczyks damalige Behauptung, die Bauten der fünfziger Jahre würden von den Fachleuten spontan wegen ihrer städtebaulichen Qualität bewundert, stellt sich daher als Ausnahme dar und erscheint rückblickend wenig nachvollziehbar (Goralczyk, Architektur, S. 75). 1235 Die an der Straße „Unter den Linden“ in den sechziger und siebziger Jahren entstandenen Neubauten wahrten beispielsweise alle die durch das Lindenstatut vorgegebenen Traufhöhen (Hahn, Svenja: Das Regierungszentrum, in: Zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz. Denkmale in Berlin-Mitte, herausgegeben von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz/ Referat Öffentlichkeitsarbeit, Berlin 1994 [= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 2], S. 25). 1236 So verwies die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus in einer Plenardebatte zum Staatsratsgebäude darauf, dass die frühere Straßenführung auch nach einem Abriss nicht wiederherstellbar sei, weil die frühere Brüderstraße aus Sicherheitsgründen gesperrt bleiben müsse (Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/4592. Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Demokratischen Planungsprozess für eine demokratische Hauptstadt – VI – hier: Erhalt des ehemals vom Staatsrat genutzten Gebäudes vom 20. Juni 1994). 1237 Bodenschatz, Harald, Fischer, Friedhelm, Lütke-Daldrup, Engelbert: Berlin: Hauptstadt mit Vergangenheit, in: Architektur in Berlin. Jahrbuch 1992, herausgegeben von der Architektenkammer Berlin, Hamburg 1992, S. 25. 5. Argumente bei der Neubewertung 202 Eine ähnliche Art der städtebaulichen Argumentation – nur unter veränderten Vorzeichen – war der Verweis auf die Konsequenzen von Veränderungen am gegenwärtigen Gefüge. Dem Hermann-Duncker-Denkmal wurde von der Expertenkommission des Senats beispielsweise eine städtebauliche Bedeutung für die Mitte Karlshorst zugeschrieben.1238 Seine Entfernung, Umsetzung oder Veränderung hätte folglich das umliegende Gefüge stören können. Der Berliner Fernsehturm wurde von Teilen der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte als weit sichtbares Symbol des Berliner Stadtzentrums und Orientierungspunkt für Reisende beschrieben, weshalb darauf zu achten war, „daß diese Sichtbeziehung aus weiter und mittlerer Entfernung nicht verbaut“ würde.1239 Den ersten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee bezeichnete der Architekt Peter Norden gleich als Rückgrat des gesamten Bezirks Friedrichshain.1240 Die größte städtebauliche Bedeutung wurde im Diskurs aber wohl dem Lenin- Denkmal zugeschrieben. Der gesamte Straßendurchbruch vom Straußburger Platz zu dem Hügel des Friedrichshains, hieß es in einem „Zeit“-Bericht, sei auf diese Statue hin komponiert worden.1241 Ebenso war er nach einer Darstellung von Christine Hoh-Slodczyk eingefügt in einen beide Stadthälften übergreifenden ideologisch-städtebaulichen Zusammenhang: „Wenn man die Stadt von West nach Ost durchquert, beginnend am Theodor-Heuss-Platz“, erklärte sie, „so durchmißt man eine Strecke, an der Geschichte wie auf einem Lehrpfad anschaulich wird“.1242 Nach Ansicht der zuständigen Senatsverwaltung war es daher undenkbar, das Lenin-Denkmal „zu verpflanzen“. Der Standort galt ebenfalls als geschützt1243 (s. Abbildung 30). Als Konsequenz einer möglichen Entfernung des Lenin-Denkmals wurde zudem befürchtet und erörtert, dass „dem kahlen Platz mit seinen uniformierten Neubauten wieder Ödnis“ drohe,1244 die „diesen für den sozialistischen Wohnungsbau der siebziger Jahre so typischen Platz noch scheußlicher erscheinen“1245 lasse. Ein Konzept zur 1238 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 35. 1239 Archiv der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin. Anlage zur Drucksache 237/93. Standpunkte für die Entwicklung zum Alex des Ausschuss’ für Stadtentwicklung, Verkehr und Umwelt, undatiert, S. 3. 1240 Norden, Peter: Was wird aus der früheren Stalinallee?, in: Architektur in Berlin. Jahrbuch 1992, herausgegeben von der Architektenkammer Berlin, Hamburg 1992, S. 99. 1241 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Zimmer, Dieter E.: Was tun mit Lenin?, in: Die Zeit vom 18. Oktober 1991. 1242 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Hoh- Slodczyk, Christine: Mit Lenin muß man leben lernen, in: Neue Zeit vom 24. September 1991. 1243 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Stollowsky, Christoph: Senator im Rollenkonflikt und eine brüskierte Fachwelt, in: Der Tagesspiegel vom 3. Oktober 1991. 1244 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Mönch, Regina: Lenins Denkmal nunmehr kopflos, in: Der Tagesspiegel vom 14. November 1991. 1245 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Winters, Peter Jochen: Der steinerne Gast geht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Oktober 1991. 5.3. Städtebaulicher Denkmalwert 203 Neugestaltung lag nach Auskunft der Pressesprecherin des zuständigen Senators zum Zeitpunkt des Abrissbeschlusses noch nicht vor.1246 Dass der Abriss dennoch durchgeführt wurde und Lenin zunächst ein Vakuum im Stadtbild hinterließ, blieb den Berlinern negativ in Erinnerung. Die Entwicklungen am Platz der Vereinten Nationen wurden bei künftigen Abrissbegehren daher zur Negativfolie. Nach dem Votum des Pressesprechers der Berliner Kulturverwaltung sollte etwa das Thälmann-Denkmal erst abgerissen werden, wenn die Zukunft des Areals geklärt war. Ansonsten, so zitierte ihn die „Welt“, habe man „wieder so eine öde Leere wie auf dem alten Lenin-Platz.“1247 Auch in Bezug auf den geplanten Abriss des Staatsratsgebäudes wiesen verschiedene Seiten, wie etwa der einstige Stararchitekt der DDR, Hermann Henselmann, auf die noch nicht ausreichend durchdachte Anschlussplanung und das drohende „Loch“ in der Stadtmitte hin.1248 Nicht zuletzt argumentierten Denkmalbefürworter wie Manfred F. Fischer, der damals Vorsitzender der „Vereinigung der Landesdenkmalpfleger“ war, damit, dass der öffentliche Raum auch nach einem Abriss der Zeugnisse der Vergangenheit mittelfristig immateriell besetzt und von ihnen geprägt bliebe.1249 Die „klaffende Lücke“, die der steinerne Lenin im Stadtbild zurückließe, würde jeder im Geiste mit ihm auffüllen, mutmaßte auch Dieter E. Zimmer.1250 Die Leute würden noch lange sagen: „Dort stand er“, womit der eigentliche „Denk-mal!“-Zweck nach Ansicht eines Redakteurs der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) erfüllt war.1251 Des Weiteren wurde die zentrale Lage der Denkmale im Stadtbild diskutiert. Im Unterschied zu Denkmalen früherer Epochen, so stellte die Expertenkommission des Senats fest, konzentrierten sich jene der DDR in hoher Zahl an den zentralen Standorten im Stadtgebiet.1252 Einer Beobachtung von Hellmut Lorenz zufolge war einigen der Erhalt am Stadtrand jedoch genehmer als in der (historischen) Mitte der Stadt.1253 1246 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Fritz: Hassemer und Nagel einig: Lenin wird nun doch bald demontiert, in: Der Tagesspiegel vom 16. Oktober 1991. 1247 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Reich, Anja: Die Angst vor leeren Plätzen, in: Die Welt vom 2. April 1993. 1248 Knebusch, Hans Christoph (im Gespräch mit Hermann Henselmann): Von der Weberwiese in die Stadtmitte. Ein Zeitsprung, in: Architektur in Berlin. Jahrbuch 1993/94, herausgegeben von der Architektenkammer Berlin, Hamburg 1994 S. 167 / Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/76. Redebeitrag des FDP-Abgeordneten Wolfgang Mleczkowski zum Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Demokratischen Planungsprozess für eine demokratische Hauptstadt – VI –, hier: Erhalt des ehemals vom Staatsrat genutzten Gebäudes am 24. November 1994, S. 6516B / Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/2113. Kleine Anfrage des Abgeordneten Albert Eckert von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur unzureichenden Sicherung des Lenin-Denkmals vom 12. Oktober 1992, S. 9. 1249 Fischer, Lage, S. 111. 1250 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Zimmer, Dieter E.: Was tun mit Lenin? in: Die Zeit vom 18. Oktober 1991. 1251 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Cs: Lenins Abschied aus Berlin, in: Süddeutsche Zeitung vom 31. Oktober 1991. 1252 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 11. 1253 Lorenz, Störfaktor, S. 138. 5. Argumente bei der Neubewertung 204 Neben ideologischen schien dies auch ökonomische Gründe gehabt zu haben, da die Denkmale – „unbeachtet wie ehedem“ – die schönsten Bauplätze für andere Zwecke verstellten.1254 So schlugen die beiden Berliner Regierungsparteien vor, statt der im Stadtkern gelegenen Karl-Marx-Allee lieber das dezentralere Hans-Loch-Viertel in Lichtenberg zur Anschaulichkeit zu erhalten.1255 „Die Fehlentwicklung der Plattenbauweise und der industrialisierten Bauwirtschaft durch dogmatisch staatliche Lenkung veranschaulicht sich hier weniger deplatziert als inmitten der erneuerungsbedürftigen City“, erklärte Hans Müller von der CDU.1256 Auch im Falle des Lenin-Denkmals beklagte der Journalist Jochen Peter Winters, dass es als „historisches Museumsstück […] nicht unbedingt auf einem verkehrsumfluteten Platz im Zentrum der deutschen Hauptstadt stehen“1257 müsse. Ähnlich urteilte die Expertenkommission des Senats in Bezug auf das Marx-Engels-Denkmal. Durch eine Begrünung sollte es an Dominanz und ideologischem Stellenwert verlieren. Notfalls war es an einem anderen Ort zu erhalten.1258 Für die beiden zentral vor dem Roten Rathaus platzierten „Aufbauhelfer“ sah die Expertenkommission des Bezirks Mitte zwar keinen Handlungsbedarf, eine Verlagerung in die Karl-Marx-Allee bzw. auf die Weberwiesen wurde von ihr aber für möglich gehalten.1259 Wer die Größe (und damit auch städtebauliche Dominanz) eines Hermanns haben wolle, kommentierte die SZ diese Äußerungen, der müsse schon in den Teutoburger Wald gehen oder auf vergleichbare Höhen ausweichen, in Berlin solle Gigantisches jedenfalls unter Bewuchs verschwinden.1260 Der Wunsch nach einer „Verbannung“ der mobilen Denkmale aus der Stadtmitte ließ sich ferner aus dem von mehreren Seiten vorgebrachten Vorschlag ableiten, auf einem Exerzierplatz in Oranienburg oder auf dem einstigen Gelände der Staatssicher- 1254 Rietzschel, Marx, S. 6818. 1255 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/679. Antrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der SPD über die Einschränkung des Denkmalschutzes für die Karl-Marx- Allee vom 26. September 1991. Nach Ansicht der beiden Fraktionen war der (politische) Anspruch dort weniger überzogen gewesen (Ebd.). 1256 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/15. Redebeitrag des CDU-Abgeordneten Dr. Hans Müller zum Antrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der SPD zur Einschränkung des Denkmalschutzes für die Karl-Marx-Allee vom 10. Oktober 1991, S. 1229A. Neben dem Hans-Loch-Quartier in Lichtenberg nahm er auch das Allende-Viertel in Köpenick in den Blick. 1257 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Winters, Peter Jochen: Der steinerne Gast geht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Oktober 1991. 1258 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 28. Die Initiative „politische Denkmäler der DDR“ kritisierte an solchen Vorschlägen, dass die Denkmale auf diese Weise der Öffentlichkeit entzogen würden und damit sprichwörtlich Gras über sie wachse (Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Denkschrift, S. 13). 1259 LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 31. Abschlußbericht der zeitweiligen Kommission „politische Denkmale in Mitte“ an den Ältestenrat der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin vom 23. April 1992, S. 3. 1260 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. J.B.: Zur Geschichte des deutschen Denkmals, in: Süddeutsche Zeitung vom 16. Februar 1993. 5.3. Städtebaulicher Denkmalwert 205 heit eigens ein Areal für die entfernten Denkmale zu errichten.1261 Dieser Vorschlag wurde mal mehr, mal weniger kritisch kommentiert, wobei Skeptiker eine Art Panoptikum der („Entarteten Kunst“) befürchteten.1262 Nicht zuletzt sollte nach Ansicht der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und der Bürgerinitiative „Spandauer Vorstadt“ in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte der historisch-geographische Kontext über das weitere Schicksal der Gedenktafeln – zumindest im Bezirk Mitte – mitentscheiden. Ein direkter Bezug zwischen dem Wirken oder Wohnen der geehrten Person und dem Standort sollte hergestellt werden können.1263 Wissenschaftlicher Denkmalwert Der wissenschaftliche Denkmalwert besaß in der Diskussion so gut wie keinen Eigenwert. Die Expertenkommissionen des Bezirks Mitte und des Berliner Senats gehörten zu den wenigen Akteuren, die expliziter auf ihn eingingen. Die Expertenkommission des Berliner Senats befand in ihrem Abschlussbericht: „Ihre Aussage scheint […] unverzichtbar für die Erforschung der widersprüchlichen, oft schwer zu deutenden Geschichte des DDR-Staates.“1264 Die West-Berliner Denkmalschützerin Christine Hoh- Slodczyk, die ihr als Mitglied angehört hatte, betrachtete nicht „nur die Themen der Denkmale, sondern auch die Gestaltung ihres Umraumes und dessen Nutzung – etwa für Aufmärsche, Vereidigungen, Zeremonien“ als wichtige Quellen für wissenschaftliche Disziplinen wie die Soziologie, Geschichte oder Kunstgeschichte.1265 Ganz konkret führte zudem die Stabsstelle Denkmalschutz in der Senatsverwaltung für Stadt- 5.4. 1261 Zuchold/Rieseberg, Denkmalpflege, S. 6823 / Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Biskup, Harald: Der Ärger mit den steinernen Giganten, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18. September 1991. 1262 Kritisch äußerten sich etwa Margot Ticha vom DHM und der FAZ-Journalist Peter Jochen Winters zu den Plänen von Josef Kurz. Gezielt der Lächerlichkeit preisgeben wollte die Denkmale hingegen der CDU-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Klaus-Rüdiger Landowsky. Er schlug zugleich vor, sie durch neue Werke zu ersetzen (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Winters, Peter Jochen: Der steinerne Gast geht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Oktober 1991 / Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Schwieren-Höger, U.: Asyl für ausgediente Arbeiterführer, in: Die Welt vom 29. Oktober 1993 / Pressemitteilung Nr. 89 der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus vom 13. März 1991 – Landowsky-Aufruf an die Künstler: „Stellt Kunstwerke an die Stelle stalinistischer Denkmäler“, abgedruckt in: Denk Mal Positionen. Dokumentation zur Ausstellung [zum Ernst Thälmann Denkmal] vom 14. Juli – 13. August 1993 im Prenzlauer Berg Museum, herausgegeben vom Kulturamt Prenzlauer Berg, Berlin 1993, S. 10). 1263 LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 31. [Positionen der] Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen/Bürgerinitiative Spandauer Vorstadt in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin zur zeitweiligen Kommission „Politische Denkmale in Mitte“ der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin, undatiert. 1264 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 61. 1265 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Hoh- Slodczyk, Christine: Mit Lenin muß man leben lernen, in: Neue Zeit vom 24. September 1991. 5. Argumente bei der Neubewertung 206 entwicklung und Umweltschutz im Kontext der Debatte um das Lenin-Denkmal der Öffentlichkeit gegenüber dessen wissenschaftliche Bedeutung für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte an.1266 Öffentliches Interesse Häufiger wurde hingegen mit dem öffentlichen Interesse, insbesondere der öffentlichen Meinung, argumentiert. Für die Expertenkommission des Senats war diese für die Entscheidungsfindung sogar explizit zu berücksichtigen, wobei sie hierunter im Besonderen die Empfindungen der Anwohner verstand.1267 Gerade diesbezüglich zeigten sich allerdings große Wahrnehmungsunterschiede zwischen den Denkmalbefürwortern, ihren Kontrahenten und (unparteiischen) Beobachtern von außen. Während die einen wahrgenommen haben wollten, dass viele Bürger der ehemaligen DDR nach dem Fall des SED-Regimes nun auch ihre Denkmäler fallen sehen wollten,1268 war für die anderen das Gegenteil der Fall. „Entgegen unseren Erwartungen“, schrieben etwa die Organisatoren der Ausstellung „Erhalten, zerstören, verändern?“, „plädierten nicht nur Kunsthistoriker und Denkmalpfleger, sondern auch direkt betroffene Anwohner in der Mehrzahl aus unterschiedlichen Gründen für den zumindest vorläufigen Erhalt“.1269 Weniger Stimmen betonten den Dissens und die Gleichzeitigkeit beider Positionen1270 oder sprachen von einem Desinteresse und einer Gleichgültigkeit der Bürger gegenüber diesem Themenfeld.1271 Für Dietmar Kanthak vom „General-Anzeiger“ wäre letzteres jedenfalls kein Wunder gewesen, da „die revoltierenden Massen in der DDR […] weniger die Kunst als vielmehr Freiheit, Rechte und Wohlstand des Kapitalismus“ suchten.1272 Nach Aussage von Manfred F. Fischer ginge aus Umfragen je- 5.5. 1266 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Stollowsky, Christoph: Senator im Rollenkonflikt und eine brüskierte Fachwelt, in: Der Tagesspiegel vom 3. Oktober 1991. 1267 LA Berlin D Rep 002 Nr. 1795. Senatsvorlage 1467/92 – zur Beschlußfassung – für die Sitzung am 10. März 1992 vom 19. Februar 1992, S. 4. 1268 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. BM: „Beim Anblick von Lenin vergeht mir der Appetit“, in: Berliner Morgenpost vom 1. November 1990. 1269 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Erhalten, S. 7. 1270 „Unter Künstlern und Historikern“, war etwa im Kölner „Stadt-Anzeiger“ zu lesen, „ist der Umgang mit diesen sichtbaren Überbleibseln des alten Regimes so umstritten wie unter den Normalbürgern“ (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Biskup, Harald: Der Ärger mit den steinernen Giganten, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18. September 1991). 1271 Nach Ansicht von Albrecht Hinze von der SZ war es sogar die Mehrheit, welche sich den Denkmalen gegenüber distanziert und gleichgültig verhielt. Zugleich wollte er jedoch auch die Tendenz erkannt haben, „etwas von DDR-Identität bei der deutschen Einigung zu bewahren“ (Hinze, Monumente, S. 6809). 1272 Kanthak, Dietmar: Brücke für eine gemeinsame Zukunft?, in: General-Anzeiger für Bonn und Umgebung vom 26. Januar 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Be- 5.5. Öffentliches Interesse 207 doch eher das Gegenteil hervor. Sie hätten gezeigt, dass die Denkmalpflege in Ostdeutschland insgesamt als hohes Gut betrachtet werde.1273 Im Falle der am stärksten ausufernden Debatte, jener um die Zukunft des Lenin- Denkmals, lagen die Einschätzungen besonders weit auseinander. Den vom zuständigen Senator Hassemer ausgemachten „Volkszorn“, mit dem er sein Abriss-Vorhaben begründete, nahmen Außenstehende eher als Scheinargument wahr. So kommentierte Otto-Jörg Weis von der FR etwa, der Senator habe nach einem Grund gesucht und sei darin schließlich fündig geworden. Möglicherweise aber sei der Volkszorn vornehmlich ein Problem der Berliner CDU.1274 Die Unterstützer Hassemers beriefen sich in ihrer Argumentation auf die spontane Spendenaktion des Rundfunksenders „Hundert, 6“. Nach Angaben des dortigen Chefredakteurs, Georg Gafron, seien innerhalb einer Stunde 42.000 DM von den Berlinern für den Abriss zusammen getragen worden.1275 Einem weiteren Medienbericht zufolge hatten sich zudem Firmen gemeldet, die bereit waren, den Abriss des Denkmals gratis abzuwickeln.1276 Diesen Berichten standen die Unterschriftensammlungen, kreativen Spruchbänder und anders lautende Umfrageergebnisse gegenüber, auf welche die Denkmalbefürworter ihre Argumentation stützten. Die Repräsentativität und Legitimität dieser Listen und Umfragen wurde von der Gegenseite allerdings stark angezweifelt, da sie auf das Engagement der „Bürgerinitiative Lenindenkmal“ zurückgingen. Diese bestand zu wesentlichen Teilen aus Denkmalanwohnern. Aufgrund ihrer privilegierten Wohnlage wurde ihnen eine starke Nähe zum alten Regime unterstellt. Ein Vorwurf, über den sich in der Folge eine eigene Debatte entspann. So wurde den Anwohnern unter anderem nachgesagt, die ausgehängten Einladungen zur Bürgerversammlung gezielt entfernt zu haben, um unter Gleichgesinnten bleiben zu können1277 und damit das gewünschte Abstimmungsergebnis zu erhalten. Für Vertreter der Berliner PDS kam dies wiederum einer „Diffamierungskampagne“ „gegen die Bewohnerinnen und Bewohner des Leninplatzes und ihrer Mehrheitsmeinung“ gleich.1278 richterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 59, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 207. 1273 Fischer, Lage, S. 112. Vergleiche diesbezüglich die Ausführungen in Kapitel 4.5. dieser Studie. 1274 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Weis, Otto-Jörg: Flugs zum Fleddern freigegeben, in: Frankfurter Rundschau vom 24. Oktober 1991. 1275 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Rüsch/ coma/stü: Lenin: Senator Hassemer will Abriß einleiten, in: Berliner Morgenpost vom 2. Oktober 1991. 1276 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Posch, M./Münter, C.: „Genosse Lenin“ erweist sich als harte Nuß, in: Berliner Morgenpost vom 18. Oktober 1991. 1277 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Biskup, Harald: Der Ärger mit den steinernen Giganten, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18. September 1991. 1278 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des PDS-Abgeordneten Dr. Peter-Rudolf Zotl zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin- Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1356A. 5. Argumente bei der Neubewertung 208 Christiane Fischer-Defoy vom „Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“ konnte den Debatten, selbst wenn sie anders ausgingen als von ihrem Verein erhofft, auch Positives abgewinnen. Ihrer Meinung nach trugen sie mit dazu bei, „das Bewußtsein in dieser Stadt für den Umgang mit Spuren ihrer Geschichte zu schärfen.“1279 Ähnlich argumentierten auch Denkmalschützer bezüglich des Erbes der fünfziger Jahre. Gerade eine zuvor nicht am Erhalt interessierte Politik hatte ihnen zufolge die kritische Aufmerksamkeit der Bürger und Öffentlichkeit geweckt und deren Interesse am Denkmalerbe (erst) wachsen lassen.1280 Innerhalb des Expertenkreises wurden das öffentliche Interesse und die Ausprägung der öffentlichen Meinung aber vor allem im Zusammenhang mit Erhaltungsprognosen thematisiert. Eher negative Zustimmungswerte – und damit eine geringere Erhaltungswahrscheinlichkeit – prognostizierten sie den Resten der Berliner Mauer und den im Abbau befindlichen Industrieanlagen. In diesen Fällen sei es vermessen, so Hans-Herbert Möller, wenn man mehr als eine Denkmaldokumentation erwarte. Den Erhalt der Karl-Marx-Allee sah er – wie Kollegen – hingegen als unstrittig an.1281 Nach Ansicht von Werner Durth und Niels Gutschow, beide Experten für das Architekturerbe der Nachkriegszeit, war im Jahre 1990 „nicht nur in der Fachöffentlichkeit die Notwendigkeit des Denkmalschutzes für Bauten der 50er Jahre unumstritten.“1282 Aufgrund des größeren zeitlichen Abstands zum Entstehungszeitpunkt lag ihre Popularität nach Aussage von Irmela Spielberg von der FAZ bereits deutlich über jener für das Erbe des darauffolgenden Jahrzehnts.1283 Die ostdeutsche Stadtplanerin Dorothea Tscheschner begründete die „anhaltende Akzeptanz“ jenes Denkmalerbes auch mit deren Entstehung im Rahmen des „Nationalen Aufbauwerks“, an dem die DDR-Bevölkerung selbst beteiligt gewesen war.1284 Mediale Beobachter erwarteten zudem keine Einwände in Bezug auf die Denkmale für Käthe Kollwitz, Heinrich Heine oder Heinrich Zille.1285 Auch machten sie 1279 Fischer-Defoy, Jahre, S. 11. 1280 Appell des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz vom 2. Februar 1990 – Eine Zukunft für unsere Vergangenheit. Schutz und Erhaltung von Bauten der 50er Jahre, abgedruckt in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 7. 1281 Möller, Hans-Herbert: Denkmalpflege in Deutschland. Aufgabe – Probleme – Ziele nach der Wiedervereinigung, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 2/1991, S. 103. 1282 Durth/Gutschow, Einführung, S. 9. 1283 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Spelsberg, Irmela: Pflegedienst an der Ruine, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Juni 1995. 1284 Tscheschner, Dorothea: Der „Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin“, in: Hauptstadt Berlin – Wohin mit der Mitte?, herausgegeben von Helmut Engel und Wolfgang Ribbe, Berlin 1993 (= Publikationen der Historischen Kommission zu Berlin, o.Bd.), S. 207. 1285 Beckelmann, Jürgen: Spitzhacke oder Museum?, in: Stuttgarter Zeitung vom 17. August 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6803 / Neukirch, Kerl, S. 6820 / Husner, Gabriele: Was tun mit den Denkmälern?, in: Allgemeine Zeitung Mainz vom 14. Dezember 1990, abge- 5.5. Öffentliches Interesse 209 eine allgemeine Akzeptanz „stadtbildprägender Denkmäler“ aus.1286 Kritischer gesehen wurde von Journalisten hingegen die Zukunft der Denkmale für die während ihres Dienstes verstorbenen Grenzsoldaten1287 sowie die des zentral gelegenen Marx- Engels-Denkmals.1288 Neben der öffentlichen Meinung waren auch stadträumliche, wirtschaftliche und verkehrstechnische Faktoren entscheidend für das öffentliche Erhaltungsinteresse. Wenngleich etwa der Denkmalwert der Karl-Marx-Allee prinzipiell nicht in Zweifel gezogen wurde, mahnten einige die restriktiven Vorgaben des Denkmalschutzes als lähmend für die weitere Stadtentwicklung an.1289 Ein Vertreter der CDU sah dort das individuelle Menschenrecht auf „menschenwürdiges Wohnen“ durch den Konflikt von Wohn- und Erhaltungsinteressen womöglich berührt.1290 Die beiden Regierungsfraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus zogen die erforderliche Stadterneuerung daher „einer in absehbarer Zeit notwendigen und kostenintensiven Restauration der moralisch und physisch verschlissenen und städtebaulich-ästhetisch fragwürdigen Architektur“ vor.1291 Eine ähnliche Einschätzung besaßen sie in Bezug auf den Schlossplatz und seine Umgebung. Laut einem Vertreter der CDU boten sie städtebaulich, architektonisch, ästhetisch und funktionell „keinen einzigen Ansatz zu einer zukunftsorientierten Innenstadtplanung.“1292 Nach Ansicht der Denkmalschützer wurde mit Aussagen wie diesen eine Behauptung revitalisiert, die sie schon allzu oft zu widerlegen versucht hatten: Der Denkmalschutz blockiere Investitionen und die wirtschaftliche Entwicklung und verhindere damit notwendige Arbeitsplätze.1293 „Es muß uns gelingen“ forderte Volker Hassemer anlässlich der Pressekonferenz zur Novellierung des Denkmalschutzgesetzes im Frühdruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6825. 1286 Harmsen, Darmverschlingung, S. 6813. 1287 Neukirch, Kerl, S. 6820. 1288 Beckelmann, Spitzhacke, S. 6803. 1289 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Lambrecht, Matthias: Freiräume, in: Berliner Zeitung vom 26. Januar 1994. 1290 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 11/978. Kleine Anfrage des CDU- Abgeordneten Ernst-August Poritz über Denkmalschutz in einem vereinigten Berlin vom 31. Mai 1990, S. 35. 1291 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/679. Antrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der SPD über die Einschränkung des Denkmalschutzes für die Karl-Marx- Allee vom 26. September 1991. 1292 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/76. Redebeitrag des CDU- Abgeordneten Dr. Hans Müller zur Beschlußempfehlung des Ausschusses für Stadtplanung und Stadtentwicklung vom 2. November 1994 zum Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen über demokratische Planungsprozesse für eine demokratische Hauptstadt – VI –, hier: Erhalt des ehemals vom Staatsrat genutzten Gebäudes am 24. November 1994, S. 6514B. 1293 Karg, Detlef: Organisation von Denkmalschutz und Denkmalpflege, in: Der Eigentümer und sein Denkmal – das Denkmal in der öffentlichen Hand, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn o.J. (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 42), S. 63 / Fischer, Lage, S. 111. Explizite Äußerungen dieser Art, an denen die Denkmalschützer sich abzuarbeiten versuchten, waren im untersuchten Material allerdings nicht zu finden. 5. Argumente bei der Neubewertung 210 jahr 1994 daher, „den Denkmalschutz aus dem unguten Geruch des zentralen Hemmnisfaktors herauszuholen“.1294 Sonstige Argumente Neben jenen Denkmalwerten, die in den Gesetzestexten aufgeführt waren, wurden noch weitere Bewertungskriterien als Pro- und Contra-Argumente herangezogen, auf die im folgenden Abschnitt eingegangen wird. Viele davon waren formaler Art oder ergaben sich unmittelbar aus der Praxis heraus. Gelegentlich wurde auch die Vergangenheit – jenseits des historischen Denkmalwertes – bemüht, um die eigene Position in der Gegenwart zu untermauern. Formale und praktische Aspekte Zu den formalen und praktischen Aspekten, welche im Kontext der Denkmalneubewertung thematisiert wurden, gehörte insbesondere das junge Alter der Denkmale. Es löste vor allem in Expertenkreisen die Frage aus, inwiefern der Denkmalschutz hier bereits zuständig war oder nicht. Da die Denkmalschützer diese Frage alle mit einem klaren „Ja“ beantworteten, kann sie allerdings als rein rhetorisch angesehen werden. Sei der Denkmalwert gegeben, erklärte etwa der brandenburgische Landeskonservator Detlef Karg auf einer Podiumsdiskussion im Jahr 1995, spiele die Entstehungszeit keine wesentliche Rolle für die weitere Bewertung mehr.1295 Und auch Manfred F. Fischer betonte, dass der Auftrag der Denkmalpflege nicht auf bestimmte Werke verengt sei, weshalb Stichtag-Argumente für ihn keinen Sinn ergäben.1296 Zum einen begründeten die Experten diese Sichtweise damit, dass die aktuellen Denkmalschutzgesetze der westlichen Bundesländer und jenes der früheren DDR 5.6. 5.6.1. 1294 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Schulz, Bernhard: In Zukunft politisch, in: Der Tagesspiegel vom 16. April 1991. Dieses notwendige Abwiegen disparater Interessen, deren Legitimation sie nicht generell bestritten, überließen die jeweiligen Senatoren für Stadtentwicklung und Umweltschutz ihrem eigenen Haus (Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 11/978. Antwort der Senatorin für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Michaele Schreyer, auf die Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Ernst-August Poritz über Denkmalschutz in einem vereinigten Berlin vom 17. Juni 1990, S. 36 / Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/1181. Antwort des Senators für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Dr. Volker Hassemer, auf die Kleine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joachim Günther über die Einsetzung einer Kommission über den Umgang mit DDR-Denkmälern im Ostteil Berlins vom 11. Februar 1991, S. 23). 1295 Redebeitrag von Detlef Karg auf der Podiumsdiskussion „Verfallen und vergessen oder geschützt und aufgehoben?“ anlässlich der Tagung „Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt?“ vom 15. bis zum 16. Mai 1995 in Berlin, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 102. 1296 Fischer, Lage, S. 110. 5.6. Sonstige Argumente 211 keine solchen zeitlichen Begrenzungen kannten bzw. gekannt hatten, womit einer Unterschutzstellung rechtlich nichts im Wege stand.1297 Zum anderen wurden zunächst die fünfziger Jahre als Phase des Wiederaufbaus,1298 dann die gesamte DDR, von ihnen als abgeschlossene Kulturepoche interpretiert. Wer mochte schon daran zweifeln, fragte Helmut Engel in einem Beitrag für die „Berliner Morgenpost“, „daß die DDR der Geschichte anheimgefallen und mithin im Sinne der Definition ‚abgeschlossen‘ ist“?1299 Vorbehalte gegenüber dieser Einschätzung schienen lediglich in Bezug auf den als zu schwammig und ideologisch aufgeladen empfundenen Begriff „abgeschlossene Kulturepoche“ selber zu existieren.1300 Der geringe Abstand zum Entstehungszeitpunkt wurde von Experten, wie jenen in der vom Senat eingesetzten Expertenkommission, jedoch als eine Herausforderung für die unvoreingenommene und differenzierte Beurteilung der Denkmale und ihrer Epoche betrachtet.1301 Das „Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz“ forderte im Jahr 1993 daher, trotz einer möglichen Befangenheit, die gängigen Maßstäbe der Denkmalwürdigkeit bei Abwägungen nicht preiszugegeben.1302 Auch der durch die zeitliche Nähe bedingte Mangel an Kenntnissen über die Bauund Kunstgeschichte der DDR wurde in Fachkreisen ausführlicher thematisiert. Nach Einschätzung von Thomas Topfstedt stand die diesbezügliche Dokumentation, Bewertung und Quellenforschung im Jahr der Wiedervereinigung noch ganz am Anfang.1303 Diese aber wurde nicht nur von ihm als wichtige und eigentlich notwendige Grundlage jeder tragfähigen Denkmalbewertung gesehen. So erinnerte 1993 eine „Resolution zur Lage der Denkmalpflege in den neuen Bundesländern“ daran: „Eine angemessen qualifizierte Bewertung des kulturellen Erbes und die Erarbeitung sinnvoller Erhaltungs- und Veränderungsvorschläge sind nur auf der Grundlage umfas- 1297 Appell des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz vom 2. Februar 1990 – Eine Zukunft für unsere Vergangenheit. Schutz und Erhaltung von Bauten der 50er Jahre, abgedruckt in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 7. 1298 Ebd., S. 7. 1299 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Engel, Helmut: Denkmalpflege ist mehr als nur Gemütspflege, in: Berliner Morgenpost vom 1. März 1992. 1300 Vergleiche hierzu vor allem die Eingangsstatements der Debattenteilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Erbe der fünfziger Jahre. Diese und weitere Redebeiträge sind abgedruckt in: Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz (Hrsg.): Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 81–109. 1301 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 61. 1302 Entschließung des Nationalkomitees für Denkmalschutz vom 18. Mai 1993 – Ausbau Berlins zur deutschen Hauptstadt, abgedruckt in: Denkmalschutz-Informationen 2/1993, S. 8. 1303 Redebeitrag von Thomas Topfstedt auf der Podiumsdiskussion „Wodurch bilden die 50er Jahre eine Epoche?“ anlässlich der Tagung „Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre“ vom 2. bis zum 4. Februar 1990 in Hannover, abgedruckt in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 106. 5. Argumente bei der Neubewertung 212 senden Wissens über das bauliche Erbe möglich.“1304 Folglich sprach sich das „Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz“ in einem Aufruf des Jahres 1995 dafür aus, die Forschung in diesem Bereich künftig stärker voran zu bringen.1305 Für die Kunsthistorikerin Annette Tietenberg, welche für die Initiative „Politische Denkmäler der DDR“, die Berliner Denkmalverwaltung und die Presse tätig gewesen war, ergab sich aus dieser Problematik eine umso größere Notwendigkeit, die Zeugnisse vorübergehend zu sichern, bis eine unbefangene fachliche Bewertung möglich würde.1306 Ähnlich argumentierte Peter Feist, indem er vor einem späteren Bedauern angesichts der erfolgten Verluste warnte und die Kunstwissenschaft daher zum Entgegenhalten aufforderte.1307 In diesem Kontext wurde auch die große Menge des jungen Erbes problematisiert, welche den sonst oft richtungsweisenden „Seltenheitswert“ egalisiert1308 und andere konkrete Auswahl- und Bewertungskriterien damit eigentlich umso notwendiger gemacht hätte. Bei seinem Eröffnungsvortrag für die Jahrestagung der „Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland“ insistierte Hans-Herbert Möller 1991 daher: Wir „müssen Kriterien entwickeln, die der besonderen Situa- 1304 Resolution zur Lage der Denkmalpflege in den neuen Bundesländern vom 29. Oktober 1993, abgedruckt in: Instrumente der Städtebaulichen Denkmalpflege, herausgegeben von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 1995 (= Berichte zu Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland, Band 5), S. 106. 1305 Empfehlung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz vom 27. November 1995 – Nicht vergessen, sondern schützen und aufheben! Für die Erhaltung von Architektur und Städtebau der DDR, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 113. Auch dieser Appell erinnerte die Akteure daran, bewährte Maßstäbe der denkmalpflegerischen Praxis bei der Erfassung des jüngeren Erbes nicht preiszugeben. 1306 Tietenberg, Annette: Denkmalspraxis in Ost- und West-Berlin. Zum Denkmalbegriff, in: Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), S. 20. 1307 Feist, DDR-Kunst, S. 55. 1308 Vergleiche hierzu vor allem die Beiträge von Manfred F. Fischer auf den zwei einschlägigen Fachtagungen des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz in den Jahren 1990 und 1995: Fischer, Manfred F.: Eingangsstatement zur Podiumsdiskussion „Wodurch bilden die 50er Jahre eine Epoche?“ anlässlich der Tagung „Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre“ vom 2. bis zum 4. Februar 1990 in Hannover, abgedruckt in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 99 / Redebeitrag von Manfred F. Fischer auf der Podiumsdiskussion „Wodurch bilden die 50er Jahre eine Epoche?“ anlässlich der Tagung „Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre“ vom 2. bis zum 4. Februar 1990 in Hannover, abgedruckt in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 108 / Fischer, Manfred F.: Zusammenfassung, in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 100. 5.6. Sonstige Argumente 213 tion im einzelnen Rechnung tragen, sowohl bei der Denkmalbewertung der DDR- Zeit, als auch bei den Rekonstruktionsfragen.“1309 „Nichts aber“, so hieß es in einem Beitrag in der „Stadtbauwelt“ skeptisch, scheint „schwieriger zu sein, als für die Beurteilung dieser Leistungen verbindliche Qualitätsmerkmale ausfindig und zur Grundlage künftiger Erhaltungsstrategien zu machen.“1310 Trotz dieser städtebaulichen Dominanz des Nachkriegserbes befürchteten Experten allerdings einen baldigen Kahlschlag des Denkmalbestandes – vor allem in den zentraleren Bezirken (Ost-)Berlins. „Durch die gesellschaftspolitischen Veränderungen und den damit besonders in Berlin und seiner Umgebung zu erwartenden Investitionsdruck“, prognostizierte etwa die Expertengruppe Denkmalpflege des Provisorischen Regionalausschusses, bestehe „die Gefahr, daß dieses Erbe leichtfertig aufgegeben wird.“1311 „Die Zeit drängt“, wurden Denkmalschützer auch in der „Berliner Morgenpost“ zitiert. Noch bevor die Bestandsaufnahme abgeschlossen sei, könnten die ersten Bagger kommen.1312 Aus diesen düsteren Prognosen wurde eine nachdrückliche Handlungsanweisung für den (Ost-Berliner) Denkmalschutz abgeleitet. Fachleute aus dem Westen gaben ihren ostdeutschen Kollegen bereits im Juni 1990 den Rat, nicht wie die Schlange aufs Kaninchen zu starren und abzuwarten, sondern zu handeln.1313 Dabei beriefen sie sich nicht zuletzt auf die Lehren, die aus der westdeutschen Nachkriegsentwicklung gezogen werden konnten. Die flächendeckenden Abrisse im Zuge des damaligen Aufbaus von autogerechten und modernisierten Großstädten sollten den ostdeutschen Kollegen nun eine Mahnung für Entscheidungen der Gegenwart sein. Nach Aussage des rheinländischen Kunsthistorikers und Denkmalschützers Udo Mainzer würde sich zeigen, ob das einstige Fehlverhalten des Westens nun zum Glück des Ostens würde.1314 Als geeignete Präventivmittel erschienen den Denkmalschützern und ihren Verbündeten, Moratorien in Bezug auf die weitere Bebauung und die zu treffenden Ent- 1309 Möller, Denkmalpflege (1991), S. 103. 1310 Höhns, Ulrich, Pahl-Weber, Elke: Denkmalschutz für die Stadt der 50er Jahre. Das Beispiel Kiel, in: Stadtbauwelt 105/1990, S. 623. 1311 LA Berlin B Rep. 002 Nr. 38194. Erklärung der Expertengruppe Denkmalpflege des Provisorischen Regionalausschusses vom 14. März 1990. 1312 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Dannenbaum, Uwe: Landeskonservator mahnt: Historische Bauten retten, in: Berliner Morgenpost vom 23. Februar 1990. 1313 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Angelstein, Martin: Den Ausverkauf von Kulturgütern verhindern, in: Frankfurter Rundschau vom 23. Juni 1990. 1314 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Speicher, Stephan: Potemkin als Denkmalpfleger, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Oktober 1990. 5. Argumente bei der Neubewertung 214 scheidungen1315 sowie beschleunigte Unterschutzstellungsverfahren.1316 Der zuständige Berliner Senator, Volker Hassemer, kritisierte jedoch, dass noch andere städtebauliche Instrumente als der Denkmalschutz für diesen Zweck zur Verfügung gestanden hätten.1317 Zuvor vorhandene städtebauliche Pläne, Richtlinien und Konzepte, auf die sich das Veto der Denkmalschützer hätte stützen können, hatten mit dem Mauerfall und der Vereinigung allerdings an Bedeutung verloren. Praktiker prangerten daher das zu Beginn der neunziger Jahre noch fehlende Planungsrecht an.1318 Ebenso beanstandeten die im Regionalausschuss versammelten Experten die bisherigen Inventare und stuften sie als revisionsbedürftig ein.1319 Der Berliner Architekturkritiker Günther Kühne sah zu Beginn der neunziger Jahre schließlich auch im Bereich des Denkmalrechts Nachbesserungsbedarf.1320 Problematisch für den Denkmalerhalt erwiesen sich in den Augen der damaligen Denkmalschützer zudem die vielerorts ungeklärten Besitzverhältnisse. Der im Einigungsvertrag festgehaltene Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“ hatte nach Angabe von Gottfried Kiesow, dem Gründer der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“, 1315 Experten sprachen sich dafür im Rahmen der Arbeit des Regionalausschusses aus (LA Berlin B Rep. 002 Nr. 38193. Anlage 4 zum Ergebnisprotokoll der 2. Sitzung der Arbeitsgruppe 9 des provisorischen Regionalausschusses am 21. Februar 1990 – Protokoll der konstituierenden Sitzung der Expertengruppe Denkmalpflege am 13. Februar 1990, undatiert, S. 8). Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen [AL]/UFV stellte anlässlich der Debatte um das Lenin- Denkmal einen Antrag, in dem sie forderte, „bis zum Vorliegen der Kommissions-Empfehlungen alle Denkmäler unter Denkmalschutz zu lassen und keines davon abzubauen“ (Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/667. Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen [AL]/UFV über die Einrichtung einer Fachkommission zum Umgang mit den Denkmälern im ehemaligen Ost-Berlin vom 25. September 1991). 1316 Vergleiche hierzu insbesondere: Appell des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz vom 2. Februar 1990 – Eine Zukunft für unsere Vergangenheit. Schutz und Erhaltung von Bauten der 50er Jahre, abgedruckt in: Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1990 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), S. 7. Die auf diese Weise geschützten Denkmale sollten laut Hellmut Lorenz nicht für alle Zeiten sakrosankt sein, mittelfristig aber den Folgen der Planungseuphorie entzogen sein (Lorenz, Störfaktor, S. 137). 1317 Lautenschläger, Rolf, Rada, Uwe: Kahlschlag in Berlin-Mitte, in: Architektur in Berlin. Jahrbuch 1995, herausgegeben von der Architektenkammer Berlin, Hamburg 1995, S. 64. 1318 Haspel, Jörg: „Kritische Rekonstruktion“ oder städtebauliche Denkmalpflege? Das Beispiel Berlin- Mitte, in: Altstadt – City – Denkmalort, herausgegeben von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 1996 (= Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Hamburg, Band 16), S. 33 / Stimmann, Hans: Berlin: Wiederaufbau ohne Zerstörung, in: Der Architekt 3/1993, S. 158. Haspels Vortrag wurde erst 1996 abgedruckt, jedoch im Untersuchungszeitraum gehalten. 1319 LA Berlin B Rep. 002 Nr. 38194. Anlage 4 zum Ergebnisprotokoll der 2. Sitzung der Arbeitsgruppe 9 des Provisorischen Regionalausschusses am 21. Februar 1990 – Protokoll der konstituierenden Sitzung der Expertengruppe Denkmalpflege am 13. Februar 1990, undatiert, S. 8. Die Überarbeitung der Listen war ihrer Ansicht zufolge aber auf die Schnelle nicht zu leisten (Ebd., S. 8). 1320 Kühne, Unmögliche, S. 131. 5.6. Sonstige Argumente 215 zu mancherlei Problemen in der Praxis geführt. Sanierungen würden verschoben.1321 Auch nach Einschätzung seines Kollegen Peter Goralczyk waren die Hausbesitzer durch die ungeklärten Eigentumsverhältnisse derart irritiert, dass sie sich nicht aktiv für die Erhaltung und Pflege der Denkmale einsetzten.1322 Eigentumsfragen, so forderte Manfred F. Fischer, müssten daher geklärt werden.1323 Da auch das Verhalten des Staates positive wie negative Weichen für den Umgang der Privateigentümer mit ihren Denkmalen stellen könne, sah er den Staat ferner in der Pflicht, diesbezüglich eine Vorbildfunktion einzunehmen.1324 Hierauf wies auch Annette Tietenberg hin, die bereits die Konsequenzen seines Fehlverhaltens wahrgenommen haben wollte.1325 Als weitere Aspekte, die Einfluss auf die Zukunft der Denkmale nahmen, wurden von Beobachtern wie unmittelbar Involvierten die vielerorts zu verzeichnenden Haushaltsprobleme und ungenügenden personellen Kapazitäten benannt. Diesbezüglich problematisiert wurde unter anderem, dass die ohnehin gering gefüllten Finanztöpfe eher zugunsten anderer Aufgabenbereiche des Staates geleert worden waren. Dringender als der Anstrich eines Hauses, das seit mehr als fünfzig Jahren keine neue Farbe gesehen habe, so die Wahrnehmung Klaus Goebels vom „Handelsblatt“, erschien die Erhaltung der Arbeitsplätze seiner Bewohner.1326 Dass auch die ostdeutschen Denkmallandschaften und Stadtbilder stark hilfsbedürftig waren, wurde allerdings von keiner Seite bestritten. So mahnte Susanne Lenz in einem Beitrag für die BZ an, dass der Zustand vieler Denkmale es eigentlich nicht zulasse, auf bessere Zeiten zu warten.1327 Die Vertreter des Denkmalschutzes plädierten daher für eine bessere personelle wie finanzielle Ausstattung ihrer Zunft und für flexiblere Förderinstrumente.1328 1321 Stephan, Regina: Denkmalpflege heute. Bern, Universität, 20.–22. Oktober 1993, in: Kunstchronik 6/1994, S. 304. Als ungeklärt galten beispielsweise die Eigentumsverhältnisse einiger Grundstücke im ehemaligen Grenzbereich, da keine entsprechenden Grundbücher mehr vorhanden waren (Parlamentsdokumentation Deutscher Bundestag. Drucksache 12/7834. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Eberhard Brecht, Dr. Nils Diederich [Berlin], Rolf Schwanitz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD zum Stand der Nutzbarmachung des innerdeutschen Grenzstreifens vom 9. September 1994, S. 2). 1322 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Nitschke, Eberhard: Die Vopo im Kloster, in: Die Welt vom 9. Oktober 1990. 1323 Fischer, Lage, S. 112. Für Gerd-H. Zuchold, Hans Joachim Rieseberg und Dietmar Keller hatte das Problem jedoch bereits früher eingesetzt. Als einen Grund des Verfall benannten sie die Vergesellschaftung des meisten Grund- und Hausbesitzes in der DDR, in deren Konsequenz sich „kaum jemand für Pflege und Erhaltung zuständig fühlte“ bzw. sich mit den Bauwerken identifizieren konnte (Zuchold/Rieseberg, Denkmalpflege, S. 6822 / Keller, Minister, S. 56f.). 1324 Fischer, Lage, S. 111. 1325 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Tietenberg, Annette: Denkmalpflege als Feigenblatt, in: Berliner Zeitung vom 30. Juli 1992. 1326 Goebel, Nationalstiftung, S. 6837. 1327 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Lenz, Susanne: Neues Land und alte Denkmäler, in: Berliner Zeitung vom 7. November 1990. 1328 Resolution zur Lage der Denkmalpflege in den neuen Bundesländern vom 29. Oktober 1993, abgedruckt in: Instrumente der Städtebaulichen Denkmalpflege, herausgegeben von der Vereinigung 5. Argumente bei der Neubewertung 216 Die gerade in Berlin angespannte Lage führte jedoch dazu, dass die wenigen zur Verfügung stehenden Ressourcen auch innerhalb des Denkmalschutzes sorgsam verteilt werden mussten. Ost- und westdeutsche Denkmalschützer nahmen sich auf ihrem Treffen auf der Wartburg daher vor, den Sicherungsmaßnahmen in den historischen Städten und der Rettung wichtiger Einzeldenkmale zunächst (größere) Priorität einzuräumen.1329 Während dieser Mangel an finanziellen und personellen Mitteln von Denkmalbefürwortern auf der einen Seite negativ interpretiert wurde, weil er konservatorische Maßnahmen und neue Unterschutzstellungsverfahren erschwere,1330 wurde ihm zugleich auch Positives abgewonnen: Er verzögere kritische Neuüberprüfungen1331 sowie kostspielige Abtragungen und Ersatzlösungen.1332 Denn Abbruch, so Elisabeth Ziemer von Bündnis 90/Die Grünen, sei sehr viel teurer als der Umbau oder Erhalt von Gebäuden.1333 Zudem war der Erhalt von bestehenden Plattenbauten nach Einschätzung des Architekten Dietmar Kuntzsch ökologischer und ressourcenschonender.1334 Für die FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus machten die leeren Kassen die Abtragung und Wiederaufstellung ausgewählter Denkmäler in einem Skulpturender Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 1995 (= Berichte zu Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland, Band 5), S. 106f. 1329 o.A.: Mitteilungen. Konferenz der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland und des Instituts für Denkmalpflege der Deutschen Demokratischen Republik auf der Wartburg am 2. März 1990, in: Deutsche Kunst- und Denkmalpflege 1/1990, S. 73. 1330 So beschrieb Wilhelm Polte, langjähriger Oberbürgermeister Magdeburgs, auf einer Podiumsdiskussion etwa, dass er jeden Tag die Grenzen des Machbaren sehe, weil der Haushalt der Stadt auf Dauer einfach nicht mehr hergäbe (Redebeitrag von Wilhelm Polte auf der Podiumsdiskussion „Verfallen und vergessen oder geschützt und aufgehoben?“ anlässlich der Tagung „Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt?“ vom 15. bis zum 16. Mai 1995 in Berlin, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 [= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51], S. 107). 1331 Laut Aussage der Kulturstadträtin Irana Rusta fehlten im Jahr 1990 die Zeit und die Kapazität, um die Verzeichnisse zu durchforsten (Lamberty, Ingo: „Vorzügliche“ 50er-Jahre-Kinos sollen erhalten werden, in: Der Tagesspiegel vom 12. August 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6862). 1332 Im Bezirk Prenzlauer Berg fehlte beispielsweise das Geld, um den bereits beschlossenen Abriss des Thälmann-Denkmals umzusetzen. Nach einer vorsichtigen Schätzung hätte man ca. eine Million DM hierfür aufbringen müssen (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Reich, Anja: Die Angst vor leeren Plätzen, in: Die Welt vom 2. April 1993). 1333 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/76. Redebeitrag der Abgeordneten Dr. Elisabeth Ziemer von Bündnis 90/Die Grünen zur Beschlußempfehlung des Ausschusses für Stadtplanung und Stadtentwicklung vom 2. November 1994 zum Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen über demokratische Planungsprozesse für eine demokratische Hauptstadt – VI –, hier: Erhalt des ehemals vom Staatsrat genutzten Gebäudes am 24. November 1994, S. 6515Df. 1334 Kuntzsch, Dietmar: Mythos Platte, in: Architektur in Berlin. Jahrbuch 1993/94, herausgegeben von der Architektenkammer Berlin, Hamburg 1994, S. 103. 5.6. Sonstige Argumente 217 park allerdings umso interessanter. Sie sahen darin die Möglichkeit, einen attraktiven Anziehungspunkt für Touristen zu schaffen, welcher zusätzlich Geld in den Haushalt spülen könnte.1335 Die Frage nach der richtigen Prioritätensetzung stellte sich nicht nur im Bereich der Finanzen, sondern auch in Bezug auf die politische Agenda. „Ein Parlament und ein Senat, die sich wochenlang darüber streiten, ob ein steinerner Lenin abgerissen werden darf “, schrieb etwa der „Welt“-Redakteur Peter Schmalz, „spielen Provinzbühne.“1336 Diese Einschätzung teilten selbst die Vertreter der Politik. So hielt die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus ihrer Regierung 1991 „ein langes Sündenregister“ vor, in dem alle bisherigen Versäumnisse benannt wurden,1337 um die sie sich in dieser Zeit hätten kümmern können. Sie bezeichnete die Beschäftigung mit den Denkmalen als „Ersatzschauspiel“1338 oder „Hauptprodukte“1339 angesichts der eigentlichen Herausforderungen im Zuge der Einheit. Auch der bautechnische Zustand der Denkmale spielte in der Diskussion um ihre Zukunft eine Rolle – wenn auch eine geringe. Zum einen waren fehlerhafte Ausführungen und der Mangel an geeigneten Ersatzmaterialien oder Konstruktionen, die aktuellen Bedürfnissen im Wärme- oder Schallschutz nicht gerecht wurden, laut den Erfahrungen des Berliner Denkmalschützers Norbert Heuler nachteilig für die denkmalpflegerischen Erhaltungsmöglichkeiten.1340 Nach Einschätzung von Werner Durth und Niels Gutschow zogen sich solche Mängel aber durch die gesamte Architekturgeschichte und waren kein spezifischer Makel der DDR-Bauten.1341 Im Besonderen in die Kritik geriet diesbezüglich die Karl-Marx-Allee. Die planerischen und baulichen Beanstandungen reichten vom schlechten Zuschnitt der Ladenlokale bis hin zu Verkehrsproblemen. Kapitulierend wurde auf einer Podiumsdiskussion des Jahres 1995 daher festgestellt: „Die funktionellen und substanziellen Mankos sind zu groß“.1342 1335 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/357. Antrag der Fraktion der FDP über den Umgang mit Denkmälern und anderen Bildwerken des „sozialistischen Realismus“ vom 28. Mai 1991. 1336 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Schmalz, Peter: Tanz um Lenin, in: Die Welt vom 22. Oktober 1991. 1337 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Der kopflose Lenin erhitzt die Abgeordneten, in: Der Tagesspiegel vom 15. November 1991. 1338 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag der Abgeordneten Renate Künast von Bündnis 90/Die Grünen zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1365A. 1339 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des PDS-Abgeordneten Dr. Peter-Rudolf Zotl zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin- Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1357B. 1340 Heuler, Probleme, S. 190. 1341 Durth/Gutschow, Einführung, S. 9. 1342 Redebeitrag von Martin Albinus auf der Diskussion „Stalinallee“ anlässlich der Tagung „Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt?“ vom 15. bis zum 16. Mai 1995 in Berlin, abgedruckt in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 63. 5. Argumente bei der Neubewertung 218 Zum anderen schien der bauliche Gesamtzustand mitentscheidend für die weitere Nutzung der Denkmale zu sein, die im Rahmen der Neubewertung ebenfalls zum Thema gemacht wurde. Laut Helmut Engel wisse der Denkmalpfleger „inzwischen längst, daß der beste Garant für ein Interesse an der Erhaltung von Baudenkmalen dessen Nutzung ist“.1343 Der Bauhistoriker Norbert Huse plädierte im „Stadtforum“ daher laut eines Berichts von Sascha Adamek für eine Aufrechterhaltung der Produktion und Sozialstruktur denkmalwerter Industriebetriebe, womit zugleich ein Beitrag zum Erhalt der gesamten Berliner Industriekultur geleistet werden könne.1344 Eine Alternative zur Nutzungskontinuität war die Öffnung gegenüber neuen Nutzungsmöglichkeiten, die sich an den Bedürfnissen der Gegenwart und Zukunft orientierten. Dass dies Veränderungen einschloss, war dabei unbestritten.1345 Bereits im Spätsommer 1990 prognostizierten Irana Rusta und Christine Hoh-Slodczyk, dass sich das Abwägen zwischen Konservierung und Erneuerung beim Anlocken von Investoren nach Ost-Berlin für die dortige Denkmalpflege als die entscheidende Gratwanderung herausstellen werde.1346 Bevor es zu Veränderungen käme, sollte laut Gerd-H. Zuchold und Hans Joachim Rieseberg von der „Ferdinand von Quast-Gesellschaft“ aber zumindest der alte Zustand dokumentiert werden.1347 Mit einer gezielten Weiter- oder Neunutzung sollte nicht zuletzt die Legitimation der Denkmale in der Öffentlichkeit erhöht werden. Andernfalls dränge sich laut Wolfgang Eberl von der bayerischen Denkmalschutzverwaltung nämlich die Frage auf, ob nicht nutzbare Denkmale auch noch Geld kosten dürften.1348 Schließlich wurden in einigen Fällen rechtliche Aspekte für die Bewertung der Denkmale herangezogen. Hierzu zählte auch der Denkmalstatus selber. Insbesondere das Staatsratsgebäude wurde oft mit dem Attribut „denkmalgeschützt“ beschrieben, woraus sich indirekte Handlungsimperative ergaben. Auch im Kontext der Debatte um die Zukunft des Lenin-Denkmals insistierten Befürworter und Denkmalschützer auf dessen rechtlichen Status, zumal das Ergebnis der Neuüberprüfung seinen Denkmalstatus eindeutig bestätigt hatte. Formaljuristisch stand dies einem Abbruch im Wege. In einer Kleinen Anfrage erinnerte die vormalige Stadträtin für Kultur, Irana Rusta, die amtierende Regierung 1991 daher an die Einhaltung der Gesetze bei der Demontage des Lenin-Denkmals, indem sie fragte, ob dessen Denkmalstatus zuvor 1343 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Engel, Helmut: Denkmalpflege ist mehr als nur Gemütspflege, in: Berliner Morgenpost vom 1. März 1992. 1344 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Adamek, Sascha: Stadtforum im Denkmalsstreit, in: Berliner Zeitung vom 23. September 1991. 1345 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Engel, Helmut: Denkmalpflege ist mehr als nur Gemütspflege, in: Berliner Morgenpost vom 1. März 1992. 1346 Lamberty, 50er-Jahre-Kinos, S. 6862. 1347 Zuchold/Rieseberg, Denkmalpflege, S. 6822. 1348 Eberl, Wolfgang: Die Hinterlassenschaft politischer Denkmäler. Was müssen, sollen, können, dürfen die öffentlichen Hände tun?, in: Der Eigentümer und sein Denkmal – das Denkmal in der öffentlichen Hand, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn o.J. (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 42), S. 55. 5.6. Sonstige Argumente 219 ordnungsgemäß aufgehoben worden war.1349 Die Rechtmäßigkeit einer solchen Löschung aus dem Berliner Denkmalbuch wurde von den Abrissgegnern allerdings ohnehin angezweifelt. Sie konnten kein übergeordnetes Interesse feststellen, das dem Erhalt im Wege gestanden hätte.1350 Ein weiterer Kritikpunkt an der Arbeit der zuständigen Behörden bestand darin, dass sie ihrer aus dem Denkmalstatus erwachsenden Aufsichtspflicht nicht ausreichend gerecht würden. So forderte die Expertenkommission des Bezirks Mitte in ihrem Abschlussbericht und in einem Schreiben an den Bezirksbürgermeister größere Anstrengungen in diesem Bereich explizit ein.1351 Auch in einem in der antiFa abgedruckten Brief hieß es, dass künftig alles politisch und juristisch Mögliche getan werden solle, um Straftaten, wie den Diebstahl von Gedenktafeln, zu vermeiden.1352 Das „Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“ wollte der Polizei mit ihrer Publikation über die Ost-Berliner Gedenktafeln bei der Ortung der zu schützenden Objekte sogar unter die Arme greifen.1353 Diese Sorge um den richtigen Schutz der Denkmale schloss selbst das bereits abgetragene Lenin-Denkmal ein. Die „Bürgerinitiative Lenindenkmal“ kontrollierte gleich mehrmals dessen neue Lagerstätte,1354 um dann gegenüber Politikern, Presse und Fachöffentlichkeit bei verschiedenen Anlässen auf die schlechten Lagerungsbedingungen hinweisen zu können, die es ihrer Meinung nach zu verbessern galt. Auch 1349 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/1181. Kleine Anfrage der SPD- Abgeordneten Dr. Irana Rusta über die Einhaltung der Gesetze beim Abriß der Denkmäler im Ostteil Berlins vom 18. Dezember 1991, S. 22. 1350 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Winters, Peter Jochen: Der steinerne Gast geht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Oktober 1991. Vergleiche hierzu auch die Ausführungen im Kapitel 5.5. dieser Studie. Martin Schönfeld stufte ferner die Entfernung zweier Textstelen am Thälmann-Denkmal als widerrechtlich ein, da nicht der Bezirk, sondern der Magistrat von Berlin Objekteigentümer und damit hierfür zuständig gewesen wäre. Zugleich war mit diesem Akt seiner Auffassung nach gegen das Urheberrecht des Künstlers verstoßen worden (Schönfeld, Martin: Die ersten Veränderungen – Verdrängung der jüngsten Geschichte, in: Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. [= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1], Berlin 1990, S. 16). 1351 LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 31. Abschlußbericht der zeitweiligen Kommission „politische Denkmale in Mitte“ an den Ältestenrat der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin vom 23. April 1992, S. 3 / LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 31. Schreiben der zeitweiligen Kommission der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin „Politische Denkmale in Berlin-Mitte“ an den Bürgermeister des Stadtbezirkes Mitte von Berlin vom 18. März 1992. 1352 o.A.: Brief an Köpenicker Bezirksverordnete, in: antiFa 3/1991, S. 7. 1353 LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 31. Brief von der Geschäftsführerin des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. an den Berliner Polizeipräsidenten vom 28. Februar 1992. 1354 ADS. Ablieferung Bürgerinitiative Lenin-Denkmal. Bürgerinitiative Lenindenkmal Berlin-Friedrichshain (Hrsg.): Bürgerinitiative Lenindenkmal = Demokratie in Aktion, Dokumentation 2. Teil mit Aktivitäten 1992, Berlin 1992, S. 3 / ADS. Ablieferung Bürgerinitiative Lenin-Denkmal. Bürgerinitiative Lenindenkmal Berlin-Friedrichshain (Hrsg.): Bürgerinitiative Lenindenkmal bleibt aktiv, Dokumentation 3. Teil, Berlin 1992, S. 3. 5. Argumente bei der Neubewertung 220 Albert Eckert von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen reichte hierzu im August 1992 eine Kleine Anfrage an den Senat im Berliner Abgeordnetenhaus ein.1355 Daneben wurde die Rolle von Verträgen, wie dem deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrag, betont. Der Erhalt und die Pflege der Gedenkstätten für die Rote Armee waren durch diese garantiert.1356 In Bezug auf weitere Objekte, die von sowjetischen Künstlern stammten, befürchtete die letzte Berliner Stadträtin für Kultur, Irana Rusta, im Jahr 1990 diplomatische Verwicklungen mit Moskau, sofern deren Erhalt von den Berlinern abgelehnt würde.1357 Um das Lenin-Denkmal entfachte zudem ein Urheberstreit. Die mutmaßlichen Erben des sowjetischen Bildhauers Tomski hatten die beabsichtigte Standortveränderung als illegitime Veränderung des gesamten Kunstwerks bewertet und ihr Mitspracherecht eingeklagt. Ihre Klage wurde jedoch abgewiesen. Zum einen schien dem zuständigen Gericht nicht eindeutig belegt, dass es sich tatsächlich um die rechtmäßigen Erben handelte,1358 wobei das Interesse möglicher Anspruchsberechtigter ohnehin hinter „dem Interesse des Landes Berlin als Eigentümer des Denkmals“ zurückgetreten wäre.1359 Zum anderen wurde betont, dass die Berufung auf das internationale Urheberschutzabkommen in diesem Falle nicht gelte, da die DDR diesem erst im Jahr 1973 beigetreten sei, als das Denkmal bereits stand.1360 Ferner wurde darauf verwiesen, dass Nikolai Tomski nicht den gesamten Platz, sondern nur das Denkmal in dessen Mitte gestaltet hatte.1361 Nicht zuletzt wurde die Entscheidung damit erklärt, dass der Künstler sich mit seinem Werk „in den Dienst der propagandistischen Heldenverehrung gestellt“ hatte, die sich zusammen mit dem Regime nun gewandelt habe.1362 Historische und (geo-)politische Aspekte Der Blick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte ging nicht nur in Richtung Bundesrepublik. Auch die in Ostdeutschland aus ideologischen Gründen vorgenommenen Abrisse wurden den damaligen Ereignissen vergleichend gegenübergestellt. Für grö- 5.6.2. 1355 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/2113. Kleine Anfrage des Abgeordneten Albert Eckert von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen [AL]/UFV über die unzureichende Sicherung des Lenin-Denkmals vom 21. August 1992, S. 9. 1356 Der „Freundeskreis sowjetischer Ehrenmale“ machte die Einhaltung der in diesem Vertrag geregelten Bestimmungen zu einer expliziten Vereinsaufgabe (o.A., Freundeskreis, o.S). 1357 o.A., Genitiv, S. 6811. 1358 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Hz.: Lenin fehlt ein Erbschein, in: Süddeutsche Zeitung vom 06. November 1991. 1359 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Reuth, Ralf Georg: Sitzt Lenin doch noch auf dem Olymp?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. November 1991. 1360 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Englisch, Erhard: Gerichtlicher Rettungsversuch schlug fehl: Lenindenkmal wird abgerissen, in: Nürnberger Nachrichten vom 6. November 1991. 1361 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Ws.: Demontierter Held, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. November 1991. 1362 Ebd. 5.6. Sonstige Argumente 221 ßere Aufregung sorgte insbesondere eine Äußerung des amtierenden Senators für Bau- und Wohnungswesen, Wolfgang Nagel, welcher das Schleifen des Lenin-Denkmals mit dem Abriss des Berliner Stadtschlosses durch das Ulbricht-Regime verglich.1363 Mancher Kritiker des geplanten Denkmalabrisses klagte dieses Vorgehen gar als das noch größere Vergehen an. Auf einem Plakat am damaligen Leninplatz war sinngemäß zu lesen: Ihr seid schlimmer als jene, die das Schloss abgerissen haben.1364 Zudem wurde den Machthabern der DDR noch ein Mindestmaß an Kulturbewusstsein zu Gute gehalten, das dem „Sieger in der Geschichte“ in diesem Falle eher abgesprochen wurde. Denn obwohl das SED-Regime gegen die Konfessionen gewesen sei, kommentierte ein Journalist der SZ, war das Denkmal des Reformators Martin Luther am Wittenberger Marktplatz bis 1989 stehen geblieben.1365 Ein Redakteur der „Welt“ erinnerte daran, dass in den späteren DDR-Jahren auch das Standbild von Friedrich dem Großen und einigen preußischen Generälen „Unter den Linden“ zurückgekehrt war, weil diese den Machthabern nunmehr doch nützlich erschienen waren.1366 Waren die Abrissbefürworter erst einmal als Bilderstürmer tituliert, war auch die Parallele zum selektiven Kunstverständnis der Nationalsozialisten nicht mehr weit. So war auf einem Flugblatt der „Bürgerinitiative Lenindenkmal“ zu lesen: „1933 waren es Bücher die brannten, 1991 sind es Denkmäler die abgebrannt werden.“1367 Auch das Plakat eines Jugendlichen wurde in der Presse mit der ihm offenbar konsequent erscheinenden Frage zitiert: „Und wann brennen die Bücher?“1368 Allerdings zeigte sich hier anschaulich, dass Geschichte unterschiedlich interpretiert werden kann. Während die ideologisch motivierten Abrisse der DDR in den genannten Statements mahnend in Erinnerung gerufen wurden, verwandten andere sie als Argument gegen den weiteren Erhalt der Denkmale. Laut Steffen Reiche, der als Minister für einige Jahre den Denkmalschutz in Brandenburg verantwortete, könnten und müssten dort, wo das SED-Regime tiefe Wunden in historische Stadtstrukturen geschlagen hatte, nun im Sinne der Stadtreparatur die Zeugnisse der DDR-Architektur abgerissen oder zurückgebaut werden.1369 Denn warum, so die implizite Fragestellung, sollte mit dem Staatsratsgebäude oder der Karl-Marx-Allee, die laut Hans Müller in einem Akt „ohne Rücksicht auf die dort noch vorhandenen Bauten und das 1363 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Posch, M./Münter, C.: „Genosse Lenin“ erweist sich als harte Nuß, in: Berliner Morgenpost vom 18. Oktober 1991. 1364 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Englisch, Erhard: Gerichtlicher Rettungsversuch schlug fehl: Lenindenkmal wird abgerissen, in: Nürnberger Nachrichten vom 6. November 1991. 1365 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Cs: Lenins Abschied aus Berlin, in: Süddeutsche Zeitung vom 31. Oktober 1991. 1366 Dittmar, Lenin, S. 6796. 1367 ADS. Ablieferung Bürgerinitiative Lenin-Denkmal, Alt-Signatur 2003-XXII-2. [Titelloses] Flugblatt der Bürgerinitiative Lenin-Denkmal, undatiert. 1368 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Mönch, Regina: Lenins Denkmal nunmehr kopflos, in: Der Tagesspiegel vom 14. November 1991. 1369 Reiche, Umgang, S. 35. 5. Argumente bei der Neubewertung 222 dort noch vorhandene Straßensystem“1370 als mutwillige Zerstörung von charakteristischer und denkmalwerter Substanz des 19. und 20. Jahrhunderts1371 entstanden waren, nun anders, nämlich nach den gültigen rechtsstaatlichen Prinzipien, verfahren werden? In eine ähnliche Richtung zielte auch die Interpretation der Denkmale „als ungeliebte Gabe“,1372 deren Errichtung von den einstigen Machthabern verordnet worden war – ohne die damalige Bevölkerung zuvor zu fragen.1373 Ihre Entstehung wurde als „Zwangsveranstaltung“ kommuniziert.1374 So hieß es in der Presse, dass das Lenin- Denkmal 1970 bereits unter Protesten zahlreicher Ost-Berliner Künstler aufgestellt worden sei,1375 allein die Ausstellung der Entwürfe für das Marx-Engels-Denkmal einst großen Unwillen der Berliner ausgelöst hatte1376 und auch der Bau des Thälmann-Denkmals trotz öffentlichen Widerstands erfolgt war.1377 Den Abriss der Gasometer, der für die Aufstellung des Denkmals und die Neubebauung des gesamten Areals notwendig gewesen war, bezeichnete Irana Rusta als einen der letzten Akte des Vandalismus im Umgang mit den Ost-Berliner Denkmalen.1378 Zudem wurden Politiker nach 1989 damit zitiert, die Errichtung des Wohngebietes auf einem „verseuchten“ Areal wie diesem schon damals als unverantwortlich betrachtet zu haben.1379 Darüber hinaus wurden Denkmalstürze als historische Phänomene seit der Antike dargestellt – gegenüber denen sich die friedliche Revolution in der DDR als „über 1370 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/76. Redebeitrag des CDU- Abgeordneten Dr. Hans Müller zur Beschlußempfehlung des Ausschusses für Stadtplanung und Stadtentwicklung vom 2. November 1994 zum Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen über demokratische Planungsprozesse für eine demokratische Hauptstadt – VI –, hier: Erhalt des ehemals vom Staatsrat genutzten Gebäudes am 24. November 1994, S. 6514A. 1371 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/15. Redebeitrag des CDU-Abgeordneten Dr. Hans Müller zum Antrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der SPD zur Einschränkung des Denkmalschutzes für die Karl-Marx-Allee vom 10. Oktober 1991, S. 1228B. 1372 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag der SPD Abgeordneten Christine Luft zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1365D. 1373 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Maack, Hartwig: Abrissbirne gegen Argumente, in: Berliner Zeitung vom 2. Oktober 1991. 1374 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Cs: Lenins Abschied aus Berlin, in: Süddeutsche Zeitung vom 31. Oktober 1991. 1375 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Dpa/ RM.: Abriß des Lenin-Denkmals soll am heutigen Mittwoch beginnen, in: Der Tagesspiegel vom 6. November 1991. 1376 Husner, Denkmälern, S. 6825. 1377 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Winters, Peter Jochen: Auf der Müllhalde der Geschichte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Februar 1993. 1378 Lamberty, 50er-Jahre-Kinos, S. 6862. 1379 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Winters, Peter Jochen: Auf der Müllhalde der Geschichte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Februar 1993. 5.6. Sonstige Argumente 223 die Maßen geduldig“ erwiesen habe.1380 In diesem Sinne wurde die Berliner Stadtgeschichte als eine Geschichte voller Brüche interpretiert, zu der auch Denkmalabrisse und Neubauten gehörten. „Seit dem Aufstieg zur Hauptstadt unter Bismarck leidet Berlin an einem chronischen Identitätskonflikt“, schrieb etwa die Architektur- und Planungshistorikerin Simone Hain, „der sich in der Neigung offenbart, die Stadt alle zehn Jahre umzubauen.“1381 Nach Ansicht von Manfred F. Fischer war dieser Reflex unter den Ostdeutschen damals umso mehr verbreitet, da die Umerziehung und Ablösung von Altem Teil ihrer (politischen) Sozialisation gewesen war.1382 Gern wurde zudem das Bonmot des Kunstkritikers Karl Scheffler zitiert, wonach Berlin dazu verdammt sei, „immerfort zu werden und niemals zu sein.“1383 Wenn dem so war und der öffentliche Raum in Berlin ohnehin eine lange zurückreichende Vergangenheit besaß, warum sollte dann ausgerechnet an der gegenwärtigen Phase – den Zeugnissen der DDR-Geschichte – festgehalten werden?1384 Parallelen wurden überdies zum Umgang mit den Denkmalen früherer Epochen gezogen, wobei die Geschichte in der Argumentation ebenfalls mal für, mal gegen die Denkmale verwandt wurde. Denkmalgegner erinnerten an die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und den Umgang mit Denkmalen für Hitler oder andere NS-Grö- ßen, die laut Christoph Stölzl auch keiner im Stadtbild mehr hatte haben wollen.1385 Nach Einschätzung des in den dreißiger Jahren in Ost-Berlin aufgewachsenen, aber in der Bundesrepublik tätigen Journalisten Dieter E. Zimmer, hätte damals niemand im Traum daran gedacht zu argumentieren, wer „den Nationalsozialismus aufarbeiten will, braucht Hitler-Denkmale; wer Hitler-Denkmale beseitigt, verhindert die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus; wer Hitler-Denkmale antastet, zelebriert den gnadenlosen Umgang mit einem politischen Gegner und sucht überhaupt Erinnerung und Geschichte auszulöschen.“1386 Es stelle sich ihm zufolge daher die unausgesprochene Frage, ob „der Marxismus-Leninismus ein retrospektives Wohlwollen verdient, das man dem Nazismus nicht gewährt.“1387 Der Berliner Landesverband 1380 TW: Brave Revolutionäre, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Juli 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6795. 1381 Hain, Simone: Eine Stadt überholt sich selbst, in: Der Architekt 4/1995, S. 224. 1382 Fischer, Zusammenfassung, S. 100. 1383 Scheffler, Karl: Berlin – Ein Stadtschicksal. Nachdruck der Erstausgabe von 1990, Berlin 1989 (= Berliner Texte, Band 3), S. 219. 1384 Hassemer, Hand, S. 13. 1385 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Ullrich, Gisela: Nachdenken über das Denkmal: Stürzen oder erhalten?, in: Stuttgarter Nachrichten vom 12. Februar 1992. 1386 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Zimmer, Dieter E.: Was tun mit Lenin?, in: Die Zeit vom 18. Oktober 1991. 1387 Ebd. Der konservative Jurist Julius Wallot kam jedoch zu dem provokanten Schluss, dass im Falle der Erhaltung des Lenin-Denkmals als Kulturzeugnis wohl auch die „monströsen Peinlichkeiten des artverwandten Stils im Dritten Reich die Bezeichnung schützenswertes Denkmal“ verdient hätten (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Wallot, Julius: „Keine Gewalt“: Ausgerechnet Lenin!, in: Spandauer Volksblatt vom 19. Oktober 1991). 5. Argumente bei der Neubewertung 224 von Bündnis 90/Die Grünen verwies jedoch gerade vor dem Hintergrund dieser Erfahrung und der anfänglich unzureichenden Aufarbeitung des NS-Regimes darauf, dass ein Verdängen der Geschichte kein zweites Mal zur Leitlinie des Umgangs mit deutscher Geschichte und ihren Spuren werden dürfe.1388 Tatsächlich geriet in Berlin auch der Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe Anfang der neunziger Jahre wieder auf die politische Agenda. Im Zuge der Olympiabewerbung der Stadt wurde die Zukunft einiger Skulpturen des Olympiageländes neu verhandelt. Sie spiegelten zwar keine politischen Heroen, dafür aber das damals heroisierte Menschenbild wider. Ein Redakteur der „Welt“ plädierte daher für die Formulierung übergeordneter Kriterien im Umgang mit dem strittigen Erbe beider Diktaturen des 20. Jahrhunderts auf deutschem Boden.1389 In diesem Zusammenhang wurde auch die Forderung laut, das Nachkriegserbe im Westteil der Stadt stärker in diese Überlegungen einzubeziehen. Gleichsam wurde kritisiert, dass sich die bisherige Denkmalsdiskussion und -überprüfung allein auf den Ostteil der Stadt bezogen habe. Denkmale und Kunst im öffentlichen Raum waren laut Eberhard Elfert von der Initiative „politische Denkmäler der DDR“ aber weder in West- noch in Ost-Berlin ideologiefrei.1390 In beiden Hälften der Stadt seien „Gedenkanlagen für die jeweilige politische Propaganda funktionalisiert worden“.1391 Nach Einschätzung von Christine Hoh-Slodczyk waren die beiden Stadthälften daher als zwei Seiten ein und derselben Medaille und Teil einer gemeinsamen Geschichte zu verstehen, die nicht selektiv aufgearbeitet werden könne.1392 In Anerkennung dieses Zusammenhangs plädierte auch die Expertenkommission des Senats für eine Gesamt-Berliner Denkmalslandschaft, in welcher die Ost-Bezirke mit ihrer spezifischen Geschichte ebenso erkennbar bleiben sollten wie jene im Westteil der Stadt.1393 In diesem Sinne interpretierte Simone Hain die Ablehnung des Nachkriegserbes auch nicht als spezifisches Ostproblem. In einem Beitrag in „Der Architekt“ erinnerte sie vielmehr daran, dass es im Westen durchaus ebenfalls Abrissbegehren gab.1394 Die Vertreter der Initiative „politische Denkmäler der DDR“ gingen im Rahmen solcher Diskussionen noch weiter in die Geschichte zurück und erinnerten an den Umgang mit dem ebenfalls nicht unproblematischen preußischen Kriegerdenkmä- 1388 Programm [Bündnis 90/Die Grünen] zur Abgeordnetenhauswahl 1995. Berlin als umwelt- und menschenfreundliche Metropole, Berlin 1995, S. 57/72. 1389 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Neander, Joachim: Denkmals-Dämmerung, in: Die Welt vom 20. Februar 1993. 1390 Elfert, Eberhard: Denkmalsgattungen/Denkmalspraxis in West-Berlin, in: Erhalten, zerstören, ver- ändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin. Eine dokumentarische Ausstellung, herausgegeben vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 1990 (= Schriftenreihe des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Band 1), S. 24. 1391 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Denkschrift, S. 1. 1392 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Hoh- Slodczyk, Christine: Mit Lenin muß man leben lernen, in: Neue Zeit vom 24. September 1991. 1393 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 7f. 1394 Hain, Stadt, S. 227. 5.6. Sonstige Argumente 225 lern, die sie neu in Frage stellten.1395 Einige Abgeordnete forderten den Senat in einem Antrag dazu auf, den Denkmalschutz für die Siegessäule aufzuheben und sie als „Zeichen der Wiedergutmachung“ abzureißen. Auch sie gehörte ihnen zufolge „zweifellos zu den politisch belastetsten Denkmalen“1396 der Stadt. „Ein solches Denkmal“, hieß es in ihrem Antrag, sei „mit dem Prozeß der demokratischen Erneuerung in Berlin, wie er überall, vor allem aber im Ostteil Berlins propagiert wird, unvereinbar.“1397 Die Expertenkommission des Senats kam diesbezüglich allerdings zu einem anderen Schluss. Ihrer Ansicht nach hatte gerade der Verbleib des preußischen Erbes im Stadtbild gezeigt, dass Berlin strittige Baudenkmale durchaus verkraften könne, indem es sie durch Historisierung entschärfe.1398 Laut Torsten Hamsen von der BZ galt dies selbst für die sogenannten unbequemen Baudenkmale aus der Nazizeit.1399 Ferner wurden von Einzelnen auch jene Denkmäler in Frage gestellt, welche – wie die Bankhäuser in Frankfurt (Main)1400 – den Kapitalismus symbolisierten oder als „Synonyme vorgetäuschter Harmonie und Geborgenheit“ einst den Herrschenden zur Unterhaltung gedient hatten.1401 Solche Äußerungen offenbarten eine Kapitalismuskritik, die in anderen Beiträgen, die den Bauboom und die Macht der Investoren betrafen, nur indirekt mitschwang. Aufmerksam verfolgt wurden auch jene Parallelentwicklungen, mit denen an vermeintlich ruhmreichere Phasen der deutschen Geschichte anzuknüpfen versucht wurde und die Teil einer anderen nationalen Metaerzählung zu sein schienen. Der „Tagesspiegel“ stellte vor dem Hintergrund von Rekonstruktionen und Wiederaufstellungen von Denkmälern wie jenem für Kaiser Wilhelm am Koblenzer Eck im Jahr 1993 lakonisch fest: „Im Osten sinken die Denkmäler der Heroen in den Staub, im 1395 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Presse-Reader, S. 79. 1396 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/782. Antrag von 16 Abgeordneten über politisch belastete Denkmale in Berlin, hier Abriß der Siegessäule vom 15. Oktober 1991, S. 1. 1397 Ebd., S. 2. Diesem folgte ein weiterer Antrag von Abgeordneten verschiedener Fraktionen, welcher dem ersten inhaltlich zwar Recht gab, jedoch zu einem anderen Schluss kam. Er forderte den Senat auf, im Ausland um Verständnis für den Erhalt der Säule zu bitten. Sie gehöre nämlich in ihrer Ganzheit zur Geschichte des deutschen Volkes, und zwar mit all ihren Veränderungen (Standort und Höhe) und Ergänzungen (andere Denkmale in unmittelbarer Nähe), die im Verlaufe der über hundertjährigen Geschichte vorgenommen worden seien (Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/783. Antrag von 18 Abgeordneten über politisch belastete Denkmale in Berlin, hier Erhalt der Siegessäule vom 15. Oktober 1991). 1398 LA Berlin D Rep. 002 Nr. 3392. Bericht der Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin vom 15. Februar 1993, S. 8f. 1399 Harmsen, Darmverschlingung, S. 6813. Als Beispiel zog er das ehemalige Gästehaus der Hitlerjugend in Spandau-Hohengastow heran (Ebd., S. 6813). 1400 Freitag, Michael: Grüne Denkmäler, in: Bildende Kunst 10/1990, S. 9. 1401 Volpert, Memorandum, S. 8. 5. Argumente bei der Neubewertung 226 Westen kehren sie aus Ruinen zurück.“1402 Diese Fokussierung auf bereits verlorene Bauwerke wurde umso kritischer bewertet, da die andernorts noch bestehende Originalsubstanz im selben Zuge davon bedroht war, dem Vergessen und der Zerstörung preisgegeben zu werden. „Solange irgendwelche Denkmäler verfallen oder vom Zerfall bedroht sind“, schrieben Gerd-H. Zuchold und Hans Joachim Rieseberg angesichts dessen für den „Tagesspiegel“, „sollte denen die uneingeschränkte Hingabe gelten. Es ist zunächst zu retten, was noch da ist.“1403 Der vergleichende Blick richtete sich allerdings nicht nur auf die Vergangenheit und auf den Rest der Republik, sondern auch auf die anderen Staaten Osteuropas. Während sich die Experten der postsowjetischen Staaten im Rahmen von Fachtagungen scheinbar unbefangen über ihre Erfahrungen und Problemlagen austauschten, schienen die Denkmalstürze in der Ferne einige Berliner Politiker unter Zugzwang zu setzten. Allen voran der damalige Regierende Bürgermeister, Eberhard Diepgen, wollte laut der Presse nicht tatenlos zusehen, wie Lenin „in seinem Heimatland allenthalben vom Sockel gestürzt wird“,1404 sodass „Berlin ‚eines Tages die letzte Stadt‘ sein könnte, ‚in der Lenin noch Straßen und Plätze‘ ziert.“1405 In der „Berliner Morgenpost“ wurde er daher mit dem Aufruf zitiert, sich die Entscheidungen in anderen Städten zum Vorbild zu nehmen.1406 Dieser Wunsch war nach Ansicht von Annette Tietenberg nicht zuletzt durch die Imagebildung motiviert.1407 Die FAZ ordnete dieses Verhalten als neuerliches Lernen von der Sowjetunion ein – dieses Mal allerdings im Sinne der Demokratie.1408 Vor dem Hintergrund der intensiven Proteste gegen den Abriss des Lenin-Denkmals und in Anbetracht der deutschen Gründlichkeit 1402 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. T.M.: Kolossale Ohnmacht, in: Der Tagesspiegel vom 19. März 1993. Hierzu zählten des Weiteren die Neuerrichtung eines Denkmals für den letzten württembergischen König, Wilhelm II., in Stuttgart 1991 sowie die geplanten Rekonstruktionen von bereits „verlorenen“ Leitbauten in Braunschweig, Dresden oder Potsdam und die in Berlin an Bedeutung gewinnende „Kritische Rekonstruktion“. 1403 Zuchold/Rieseberg, Denkmalpflege, S. 6823. 1404 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Biskup, Harald: Der Ärger mit den steinernen Giganten, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18. September 1991. 1405 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Lächelndes Gesicht, in: Der Spiegel vom 7. Oktober 1991. 1406 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Rüsch/ coma/stü: Lenin: Senator Hassemer will Abriß einleiten, in: Berliner Morgenpost vom 2. Oktober 1991. 1407 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Tietenberg, Annette: Denkmalpflege als Feigenblatt, in: Berliner Zeitung vom 30. Juli 1992. So war etwa die bevorstehende Tagung des „Internationalen Olympischen Komitees“ Anlass für die Forderung des CDU-Abgeordneten Michael Boris, die „sozialistischen Denkmäler“ im Ostteil der Stadt abzubauen (Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/13. Mündliche Anfrage des CDU-Abgeordneten Michael Borgis über sozialistische Denkmäler im Ostteil der Stadt, undatiert, S. 1054D). 1408 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Winters, Peter Jochen: Der steinerne Gast geht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Oktober 1991. 5.6. Sonstige Argumente 227 kommentierte der „Tagesspiegel“: „Und natürlich waren und sind wir auch sowjetischer als die Russen.“1409 Allerdings ließ sich auch diesbezüglich eine genau entgegengesetzte Wahrnehmung und Argumentation feststellen. Ein Reporter der FAZ wollte beobachtet haben, dass es Besucher aus aller Welt gerade wegen des sozialistischen Erbes – den Resten der Berliner Mauer – in die Stadt zog.1410 Auch war auf einem Transparent zu lesen, dass sie die letzte Lenin-Statue in Europa sei und deshalb nicht zerstört werden dürfe.1411 Technokratische und akteursbezogene Aspekte Nicht zuletzt war die Diskussion in hohem Maße von der Frage geprägt, wer auf welche Weise über die Zukunft der Denkmale zu entscheiden hatte. Nicht wenige waren der Auffassung, dass das Ergebnis der Neubewertung nicht allein von der Beschaffenheit der Denkmale selber, sondern zu einem wesentlichen Teil von den Personalien und dem Grad der öffentlichen Beteiligung und Hinzuziehung von Experten abhinge. Hierbei offenbarten sich allerdings unterschiedliche Demokratieverständnisse. Während insbesondere für die Amtsinhaber aus der CDU das auf verfassungsgemäßem Wege gefundene Urteil der gewählten Volksvertreter Legitimation genug war,1412 strebten die Vertreter der (außerparlamentarischen) Opposition möglichst basisdemokratische Entscheidungen auf breiterer Grundlage an. „Ziel unserer Arbeit ist es“, so der Verein „Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“, „eine breite öffentliche Diskussion […] in Gang zu bringen.“1413 Für die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus bedeutete dies auch, den Entschluss hierüber nicht dem jeweiligen Stadtbezirk allein zu überlassen, sondern auf Landesebene einen gemeinsamen Weg im Umgang mit den sozialistischen Denkmalen zu finden.1414 Die Verantwortlichen mussten sich daher insbesondere in Anbetracht ihrer Entscheidung zum Lenin-Denkmal den Vorwurf gefallen lassen, voreilig und selbstherr- 5.6.3. 1409 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Thes: Am deutschesten, in: Der Tagesspiegel vom 10. November 1991. 1410 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Mönninger, Michael: Die Narbe der Stadt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Juli 1991. 1411 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. McElvoy, Anne: Lenin’ s last stand divides Berliners, in: The Times vom 4. November 1991. 1412 Volker Hassemer wurde in der BZ mit den Worten zitiert: „Meinem Demokratieverständnis entspricht es, auf die gewählten Vertreter, die Bezirksverordnetenversammlung, zu hören“ (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Adamek, Sascha: Stadtforum im Denkmalsstreit, in: Berliner Zeitung vom 23. September 1991). 1413 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Presse-Reader, S. 4. 1414 Parlamentsspiegel. Abgeordnetenhaus von Berlin. Drucksache 12/667. Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen [AL]/UFV über die Einrichtung einer Fachkommission zum Umgang mit den Denkmälern im ehemaligen Ost-Berlin vom 25. September 1991. 5. Argumente bei der Neubewertung 228 lich „vom grünen Tisch“1415 „in geradezu demokratieverhöhnender Art und Weise“1416 entschieden und damit womöglich riskiert zu haben, selbst die engsten Mitarbeiter und die Fachwelt mit ihrem Verhalten vor den Kopf zu stoßen.1417 Als Beleg für diese Sichtweise diente etwa ein Bericht im ND, wonach die Erbin des Bildhauers Tomski erst von dem Gerichtsurteil erfahren habe, als die Säge zum Abriss bereits angesetzt worden war.1418 Folglich wurden Appelle zu mehr Geduld und Fingerspitzengefühl laut. Behutsamkeit würde zumindest nicht schaden, hieß es etwa in einem Gastkommentar im „Spandauer Volksblatt“.1419 Darüber hinaus wurde in diesem Kontext darauf hingewiesen, dass der eigentliche Moment für „Bilderstürme" bereits verstrichen war und die Bürgerrechtsbewegung im Herbst 1989 nicht nur die abgesetzte SED-Führung, sondern auch die von ihr errichteten Denkmale verschont hatte.1420 Nun durch „einen kalten, kalkulierten Verwaltungsakt nachzuholen, was dem Volkszorn zugestanden hätte“, hatte nach Ansicht von Dieter E. Zimmer „etwas Peinliches“.1421 Es stand daher die Frage im Raum, inwiefern Entscheidungen gegen die Denkmale überhaupt noch im Sinne der einstigen DDR-Bürger waren. Einige von ihnen sahen sich durch sie jedenfalls geradezu ihrer Revolution beraubt und gaben zu verstehen, dass sie das schon hätten selber erledigen müssen.1422 In der FR wurde ein Passant mit der Frage zitiert, warum sie als Volk denn nicht gefragt worden seien. Das sei doch schließlich ihre Revolution gewesen.1423 Auch Erika Biskup, Vertreterin der Anwohnerinitiative am damaligen Leninplatz, wies der Presse gegenüber darauf hin: „Mir geht es gar nicht um Lenin selbst, sondern darum, unsere Macht zu demonstrieren, uns nicht vereinnahmen zu las- 1415 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Maack, Hartwig: Abrissbirne gegen Argumente, in: Berliner Zeitung vom 2. Oktober 1991. 1416 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18. Redebeitrag des PDS-Abgeordneten Dr. Peter-Rudolf Zotl zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin- Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1356A. 1417 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Stollowsky, Christoph: Senator im Rollenkonflikt und eine brüskierte Fachwelt, in: Der Tagesspiegel vom 3. Oktober 1991. 1418 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Kimmel, Klaus: Kohl-Dampf, in: Neues Deutschland vom 11. November 1991. 1419 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Pawlowski, Dietrich: Mit der Abrissbirne gegen böse Geister?, in: Spandauer Volksblatt vom 4. Januar 1992. 1420 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Gärtner, Peter: Die klobigen Monumente von einst, in: Die Rheinpfalz vom 25. März 1993. 1421 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Zimmer, Dieter E.: Was tun mit Lenin?, in: Die Zeit vom 18. Oktober 1991. 1422 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Weis, Otto-Jörg: Flugs zum Fleddern freigegeben, in: Frankfurter Rundschau vom 24. Oktober 1991. 1423 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Weis, Otto Jörg: Rosa Lenin hat in Berlin auch Verteidiger, in: Frankfurter Rundschau vom 8. November 1991. 5.6. Sonstige Argumente 229 sen“.1424 Eine Rhetorik, die sich in den Publikationen ihrer „Bürgerinitiative Lenindenkmal“ häufiger wiederfand. Dieser ostdeutsche Anspruch, allein über die Bewertung und den Umgang mit den DDR-Relikten zu entscheiden, erntete seinerseits den Widerspruch der Westdeutschen. Schließlich, so die Argumentation von Ingeborg Ruthe, handele es sich um „deutsch-deutsche Geschichte“. Folglich wurde kritisiert: „Da gehe sie doch schon wieder hoch, die Mauer im Kopf: ‚wir‘ und ‚ihr‘, ‚bei euch drüben‘, ‚bei uns hüben‘.“1425 Ferner warfen sie den Bürgern der neuen Bundesländer fehlende Dankbarkeit vor. Durch die Anbindung an die Bundesrepublik befänden sie sich schließlich in einer besseren Situation als die Einwohner der übrigen Staaten Osteuropas.1426 In diesem Klima der zunehmenden „Inländerfeindlichkeit“ auf beiden Seiten1427 stand nicht zuletzt der Vorwurf im Raum, dass Sieger über Besiegte zu Gerichte säßen und der Systemstreit mit anderen Mitteln und symbolischen Ersatzhandlungen fortgeführt werde. Nach Ansicht des westdeutschen Professors für Kunstgeschichte, Hans-Ernst Mittig, etwa sei der Abriss des Lenin-Denkmals von jenen Personen forciert worden, welche lange den Kalten Krieg betrieben hätten und damit nun nicht aufhören könnten.1428 Auch der in der DDR sozialisierte Berliner Jugendsenator, Thomas Krüger, unterstellte den Akteuren, dass sie nun wohl lieber ihren eigenen Insignien Geltung verschaffen wollten.1429 Es wurde daher zugleich davor gewarnt, die Bürger der ehemaligen DDR (weiter) vor den Kopf zu stoßen und damit die innere Einheit zu gefährden. Mangelnde Sensibilität verstärke nach Meinung des 1995 amtierenden sächsischen Staatsministers für Wissenschaft und Kultur, Hans Meyer, nämlich eher noch die Identifikation mit den umstrittenen Objekten,1430 als dass sie Distanz hierzu schaffe. Mehr noch, von einigen wurden sie zum Symbol für ihre gesamte, vermeintlich verlorene Ost-Identität stilisiert. So zitierten die „Nürnberger Nachrichten“ im November 1991 aus einem offe- 1424 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Adamek, Sascha/Averesch, Sigrid: Lenin fällt – der Streit geht weiter, in: Berliner Zeitung vom 6. November 1991. 1425 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Ruthe, Ingeborg: Denkmal – Denk mal, in: Berliner Zeitung vom 10. Februar 1992. 1426 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Thes: Am deutschesten, in: Der Tagesspiegel vom 10. November 1991. 1427 Ebd. 1428 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Weis, Otto-Jörg: Flugs zum Fleddern freigegeben, in: Frankfurter Rundschau vom 24. Oktober 1991. 1429 Ebd. Um diesen Verdacht von vorn herein aus dem Wege zu räumen, soll die Expertenkommission des Senats daher bewusst aus ost- und westdeutschen Vertretern zusammengesetzt worden sein (Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Weis, Otto Jörg: Berliner entsorgen Geschichte (Ost), in: Frankfurter Rundschau vom 16. Februar 1993 / Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. mm/ap: Thälmann soll fallen. Marx und Engels bleiben, in: Münchner Merkur vom 16. Februar 1993). 1430 Meyer, Hans Joachim: Zwischen Palast und Platte, in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 12. 5. Argumente bei der Neubewertung 230 nen Brief am Bauzaun des Lenin-Denkmals: „Alles, was wir sind, sind wir durch unsere Vergangenheit. Wir haben keine andere Geschichte. Es mag merkwürdig klingen, doch der Abriß dieses Kolosses wird in diesem Bewusstsein zum Angriff auf unsere Identität.“1431 Damit galt allerdings ebenso der Umkehrschluss. Ein wertschätzender Umgang mit der DDR-Kultur schien enorme Chancen zu bergen. Insbesondere amtierende (Kultur-)Politiker werteten den Bereich der Kultur als eine auch in den Jahren der Teilung stets tragfähige Brücke zwischen Ost- und Westdeutschland auf, von der sie sich nun einen wichtigen Beitrag zur Vereinigung der Republik erwarteten.1432 Denkmalschützer unterstrichen und spezifizierten das diesbezügliche Potential ihrer Klienten. Für Manfred Mosel etwa konnten „Denkmale als Zeichen und Bild […] eine herausragende Funktion“ bei der nationalen Identitätsstiftung einnehmen.1433 Nach Ansicht von Alfred Kernd’ l, dem vormaligen Leiter des archäologischen Landesamtes in Berlin, fiele es dem Land leichter, seine Identität zu finden, wenn es die steinernen Zeugnisse aushalte und sich ihnen stellte.1434 Gerade für Politiker reichte dieser Beitrag der Kultur über die nationalen Grenzen hinaus. Die Kultur beider Stadthälften sollte ihrem Wunsch nach in das europäische Haus eingebracht werden und auf dem außenpolitischen Parkett Deutschlands neue Rolle kommunizieren helfen.1435 Folglich wurde der Umgang mit dem Denkmalerbe von Einzelnen gewisserma- ßen zu einem Lackmustest für den Zustand der gegenwärtigen Demokratie erklärt. So vertrat die im Bezirk Mitte eingerichtete Kommission die Auffassung, dass sich die neu errungene Demokratie auch daran zeigen müsse, auf welche Weise sie mit dem politischen Erbe der DDR umginge.1436 Ebenso mahnte der westdeutsche Historiker Wolfgang Mommsen im Rahmen einer Veranstaltung, dass man eine freiheitliche 1431 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Englisch, Erhard: Gerichtlicher Rettungsversuch schlug fehl: Lenindenkmal wird abgerissen, in: Nürnberger Nachrichten vom 6. November 1991. Die Architektin Dorothea Tscheschner sah angesichts der Entwurzelung der ehemaligen DDR-Bürger durch eine derartige Praxis noch Schlimmeres auf sie zukommen. Wer den Halt verliere, der gerate bekanntermaßen sehr schnell ins Trudeln (Tscheschner, Ideenwettbewerb, S. 217). 1432 Eine von ihnen war etwa die Bundesministerin für innerdeutsche Beziehungen, Dorothee Wilms (Wilms, Wirtschaftshilfe, S. 187). 1433 Mosel, Manfred: Ensemble- und Gesellschaftspflege, in: Die Denkmalpflege 2/1994, S. 136. 1434 Kernd’ l, Alfred: Mit der Vergangenheit leben. Über den Umgang mit Geschichtsdenkmälern in Ost und West, in: Der Tagesspiegel vom 5. August 1990, abgedruckt in: Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Band 80, herausgegeben vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1993, S. 6799. 1435 Vergleiche hierzu beispielhaft: Parlamentsdokumentation Deutscher Bundestag. Drucksache 11/6265. Antrag von 21 Abgeordneten und der Fraktion der SPD auf eine Ständige Gemeinsame Kulturkonferenz vom 18. Januar 1990. 1436 LA Berlin B Rep. 232–33 Nr. 31. Pressemitteilung der Zeitweiligen Kommission „Denkmäler in Mitte“ vom 18. März 1992, ohne Titel. 5.6. Sonstige Argumente 231 Ordnung nicht zuletzt daran erkennen werde, ob sie die Bauten früherer Kulturen bewahre und nicht nur wenige Dinge erhalte.1437 Auf breitere Kritik stieß darüber hinaus die angebliche Geringschätzung der politischen Kaste gegenüber dem Urteil der Experten. Wo Experten hinzugezogen würden, so die Erklärung, drohten Debatten – und diese kosteten schließlich Zeit.1438 Hellmut Lorenz bilanzierte im Jahr 1992 daher resigniert: „Während in allen anderen Bereichen politischer Entscheidungskultur der Topos gepflegt wird, daß der Rat von Experten eine wesentliche Grundlage politischer Maßnahmen bildet und diese absichert, zählt fachliches Wissen im Bereich der Stadtbildpflege nun nichts mehr.“1439 Dort würden sie, so führte Annette Tietenberg seinen Gedanken fort, „entweder gar nicht zu Rate gezogen oder lediglich als Feigenblatt mißbraucht.“1440 Sie befürchtete daher, dass auch die von vielen Seiten geforderte – und schließlich eingesetzte – Expertenkommission „auf politischer Ebene so wenig Gehör wie die institutionalisierte Denkmalpflege findet.“1441 Darüber hinaus wurde in Expertenkreisen kritisch wahrgenommen, wie in der Öffentlichkeit mit den Denkmalschützern umgegangen wurde. Jene, welche für den Erhalt der Bauten eintreten, wurden nach Beobachtung von Hellmut Lorenz in den Bereich von Geisteskranken gerückt, obwohl das Plädoyer für den Erhalt der Denkmale zu den Pflichten eines Landeskonservators gehöre.1442 Ebenso war aber auch von einer „akademischen Abgeklärtheit“ die Rede.1443 Mitunter wurden aber auch andere Akteure öffentlich in ein schlechtes Licht gerückt. Die Abrissbefürworter wurden – wie oben beschrieben – vor allem für ihre Siegermentalität und Engstirnigkeit kritisiert und als „Betonköpfe“1444 beschrieben. Der 1437 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Valentin, Beate: Besorgniserregender Verfall hinter schönen Fassaden, in: Handelsblatt vom 8. Oktober 1990. 1438 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Lächelndes Gesicht, in: Der Spiegel vom 7. Oktober 1991. 1439 Lorenz, Störfaktor, S. 139. 1440 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Tietenberg, Annette: Denkmalpflege als Feigenblatt, in: Berliner Zeitung vom 30. Juli 1992. 1441 Ebd. 1442 Lorenz, Störfaktor, S. 137f. Seltener kam die Kritik – wie im Falle von Manfred Mosel – aus den eigenen Reihen. Er warf seiner Zunft vor, gelegentlich ein zu elitäres Verständnis zu haben, irrationale Bedürfnisse zu wenig anzuerkennen und nicht kulturwissenschaftliche Ziele zu stark abzuwerten (Mosel, Ensemble- und Gesellschaftspflege, S. 135). Auch der CDU-Abgeordnete Hans Müller nahm eine Schere zwischen dem Denkmalschutz und übrigen Interessen wahr. Er gab seine Befürchtung zu Protokoll, dass sich ein zu starr verstandener Denkmalschutz selbst entwerten könne (Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/15. Redebeitrag des CDU-Abgeordneten Dr. Hans Müller zum Antrag der Fraktion der CDU und der SPD zur Einschränkung des Denkmalschutzes für die Karl-Marx-Allee vom 10. Oktober 1991, S. 1228B). 1443 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Kowa, Günter: Leere Sockel keine Lösung, in: Mitteldeutsche Zeitung vom 24. Februar 1993. 1444 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Bm. Betonköpfe, in: Der Tagesspiegel vom 11. Dezember 1991. Der Autor des Beitrags bezog diese Beschreibung allerdings auf beide Parteien: Abrissgegner und -befürworter. 5. Argumente bei der Neubewertung 232 konservativen Presse, namentlich der Bild und FAZ, wurde zudem Meinungsmache durch eine suggestive Berichterstattung vorgeworfen.1445 Die Unterstützer der Denkmale wurden demgegenüber gelegentlich als Ewiggestrige klassifiziert. So sprach der CDU-Abgeordnete Hans Müller in einer Plenardebatte etwa von einem „Lenin-Kränzchen aus alten Unbelehrbaren und aus verklärten Jung-Idealisten“.1446 Auch in der Presse war von „strenggläubigen Leninisten“ und „Rentner[n] mit Gewohnheitsrechten“,1447 „Privilegierten“, die „sich noch immer in Anhänglichkeit“ übten1448 und einem „Häuflein Unverbesserlicher“1449 zu lesen, welche „den Widerstand gegen eine Entfernung des häßlichen, unzeitgemäßen Klumpens als letztes Fähnlein“1450 betrieben. Den Regierenden Bürgermeister Berlins zitierte die Presse mit dem Vorwurf an die PDS, „Dummenfang, Verunsicherung und Verhetzung nach Art aller Gruppierungen mit totalitärem Gedankengut“ zu betreiben.1451 Folgte man diesen Vorwürfen inhaltlich, so ging es einigen Abrisskritikern nicht nur um die Zukunft der Denkmale allein, sondern auch um ihre generelle Geisteshaltung und den Protest als solchen. Da passte es ins Bild, dass ein Passant der FR gegen- über erklärte: „Wir sind nicht wegen dem da hier. Wir sind ganz allgemein sauer, wir sind arbeitslos, und hier kann man’ s rauslassen.“1452 Diese Zusammenstellung macht deutlich, wie weit die Spannweite der Pro- und Contra-Argumente war, die von den zuvor genannten Akteuren für die Denkmalbewertung herangezogen wurden. Den größten Raum in der Diskussion nahm mit Abstand der historische Denkmalwert ein. Für die meisten Zeitgenossen war unbestritten, dass die Denkmale historische Quellen waren, die von verschiedenen Bereichen des untergegangenen Staates zeugten. Wie dieser rückblickend politisch einzuordnen und zu bewerten war, wurde in diesem Zusammenhang allerdings kaum debattiert. Allein in der Diskussion um die Bewertung der historischen Person Wladimir Iljitsch Lenin kam es zu einem generelleren Konflikt um die Einordnung des Staatssozialismus und 1445 Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Presse-Reader, S. 54. 1446 Parlamentsdokumentation Abgeordnetenhaus von Berlin. Plenarprotokoll 12/18, Redebeitrag des CDU-Abgeordneten Dr. Hans Müller zur Aktuellen Stunde „Die Schlacht gegen das Lenin-Denkmal – Welche Prioritäten setzt der Senat?“ am 14. November 1991, S. 1364D. 1447 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Mönch, Regina: Lenins Denkmal nunmehr kopflos, in: Der Tagesspiegel vom 14. November 1991. 1448 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Schmalz, Peter: Zur Zwischenlagerung nach Köpenick, in: Die Welt vom 6. November 1991. 1449 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Kimmel, Klaus: Kohl-Dampf, in: Neues Deutschland vom 11. November 1991. Diese Bezeichnung muss hier jedoch eher ironisch verstanden werden. Sie gibt die Worte Anderer wieder. 1450 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Wallot, Julius: „Keine Gewalt“: Ausgerechnet Lenin!, in: Spandauer Volksblatt vom 19. Oktober 1991. 1451 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. o.A.: Der kopflose Lenin erhitzt die Abgeordneten, in: Der Tagesspiegel vom 15. November 1991. 1452 Pressedokumentation Deutscher Bundestag. Ordner Denkmalschutz und Denkmalpflege. Weis, Otto Jörg: Rosa Lenin hat in Berlin auch Verteidiger, in: Frankfurter Rundschau vom 8. November 1991. 5.6. Sonstige Argumente 233 die Versuche seiner Umsetzung. Damit wurde auch die Kennzeichnung der DDR als „Unrechtsregime“ nicht prinzipiell in Frage gestellt. Strittiger schien hingegen, welche Konsequenzen hieraus zu ziehen waren. Während die DDR für die Einen Teil der überwundenen Vergangenheit bleiben sollte, versprachen sich Andere von dem bewussten Wachhalten der Erinnerung an sie einen positiven Einfluss auf die damalige und künftige demokratische Ordnung. Die übrigen Denkmalwerte spielten – mit Ausnahme des sehr disparat wahrgenommenen öffentlichen Interesses – eine untergeordnete Rolle. Den geringsten Raum erhielt der wissenschaftliche Denkmalwert. Selbst die rege am Diskurs beteiligten Historiker schienen in den Denkmalen in erster Linie Quellen für eine gesellschaftliche Aufarbeitung des geschehenen Unrechts und weniger potentielle und nichttextliche Zugänge für ihre eigene historische Forschung zu sehen. Ebenso wurde der Denkmalstatus selber selten thematisiert. Für die Wahrnehmung und Bewertung der Denkmale spielte er offenbar eine untergeordnete Rolle. Dennoch sahen die Denkmalschützer in ihm ein geeignetes Mittel, um gefährdete Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur mittelfristig zu schützen. Vielfach betonten sie die Bedeutung von Schnellerfassungen, bemängelten zugleich jedoch die praktischen Hürden auf dem Weg dahin. Weitere Bedeutung im Diskurs erlangten insbesondere Faktoren, die nicht in den Gesetzestexten zu finden waren. Viele von ihnen ließen sich – je nach Lesart – allerdings sowohl zugunsten als auch zuungunsten der Denkmale auslegen. Des Öfteren wurden die Argumente zudem nicht direkt formuliert, sondern indirekt als überspitzte Gegenargumente zu einem vermeintlichen Einlass oder erhobenen Vorwurf. Mitunter löste sich der Diskurs hierbei auch vom eigentlichen Bewertungsobjekt ab. So ging es den Diskutanten nicht zuletzt um die innere Einheit Deutschlands, die prinzipielle Legitimität denkmalpflegerischer Anliegen oder den Protest als solchen. Gerade Kulturpolitiker argumentierten häufig mit der integrativen Wirkung der (Denkmal)Kultur, die nach ihren Wünschen über die deutschen Grenzen hinausreichen sollte. Die in der Literatur dargestellten Bewertungsfaktoren ließen sich damit auch in dieser Untersuchung wiederfinden. Durch die Ausweitung von Betrachtungsgegenstand und -zeitraum erscheint ihr jeweiliges Gewicht jedoch in einem etwas anderen Licht. Anders als etwa von Arnold Bartetzky kolportiert, besaßen die Zentralität, Modernität und anschlussfähige Funktionalität der Denkmale zumindest in der öffentlichen Diskussion über das ostdeutsche Nachkriegserbe eine untergeordnete Bedeutung. Ob und inwiefern sie sich möglicherweise dennoch stärker auf das Ergebnis der Neubewertung niederschlugen, soll im folgenden Kapitel beantwortet werden. 5. Argumente bei der Neubewertung 234

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Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen der friedlichen Revolution auf das junge Ost-Berliner Denkmalerbe. Sie zeigt, wie jene Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur nach dem Mauerfall bewertet, selektiert und in das Selbstbild des vereinigten Deutschland integriert wurden. Die Autorin fragt nach den Akteuren und Interessen in diesem Prozess, arbeitet wesentliche Faktoren im fachlichen, politischen und öffentlichen Diskurs heraus und untersucht anhand der selbstgewonnenen Datenbasis deren Wirkmächtigkeit. Dabei weist sie nach, dass von einer generellen Ignoranz gegenüber den kulturellen Leistungen der DDR und einer Unvereinbarkeit mit der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur keineswegs die Rede gewesen sein kann. Am Ende der Neubewertung stand vielmehr ein beispielloses Bekenntnis zum Denkmalerbe des früheren Regimes. Damit beleuchtet die Studie einen weiteren Aspekt der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, fügt einen neuen Mosaikstein in das Bild der jüngeren deutschen Erinnerungskultur ein und leistet einen nationalen Beitrag zur Erforschung eines transnationalen Phänomens rund um das Epochenjahr 1989.