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Stephanie Bähring

Die religionswissenschaftliche Bedeutung von Mund und Kuss in den abrahamitischen Religionen und in der Antike

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4198-7, ISBN online: 978-3-8288-7108-3, https://doi.org/10.5771/9783828871083

Series: Religionen aktuell, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Religionen aktuell Religionen aktuell Herausgegeben von Bertram Schmitz Band 24 Die religionswissenschaftliche Bedeutung von Mund und Kuss in den abrahamitischen Religionen und in der Antike von Stephanie Bähring Tectum Verlag Stephanie Bähring Die religionswissenschaftliche Bedeutung von Mund und Kuss in den abrahamitischen Religionen und in der Antike Religionen aktuell; Band 24 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 E-Book: 978-3-8288-6729-1 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4198-7 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1867-7487 Umschlagabbildung: © Andrea Izzotti Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Vorwort Die Lektüre dieses Buches über den Kuss ist ein Genuss. Es ist anregend und führt ebenso unterhaltsam wie wissenschaftlich fundiert in die Tiefen eines selten beleuchteten Themas. Es ist eine spezifisch menschliche Befähigung, überhaupt küssen zu können – und dieses Privileg des Kusses findet in Religionen verschiedenste Ausdrucksformen, Gestaltungen und Bedeutungen. Stephanie Bähring nimmt die Vielfalt religiöser Küsse für die Sphäre der westlichen Religionen in den Blick. Um sich in diesem anregenden Thema nicht zu verlieren, – „Denn Küssen ist schön“ – wie es zum Abschluss dieser Arbeit heißt, strukturiert sie ihr Werk fast schon akkurat: Die einzelnen Kapitel beziehen sich auf Rom und Griechenland, Judentum, Christentum und schließlich Islam. Dabei werden zunächst spezifische Begrifflichkeiten behandelt. So geht es zunächst darum, wie in jeweiligen Quellensprachen der Kuss benannt wird, welche Etymologie dieses Wort oder diese Wörter haben, etwa auch ob Kuss mit dem Wort für Mund oder Gesicht, oder gar mit Verehren und Beten in Verbindung steht, wie dies z. B. im Lateinischen der Fall ist. Es folgen Ausführungen zu formellen Küssen im politischen und religiösen Bereich, privaten bei Familie und Freundschaft, - aber auch spezifischen Küssen, die im Christentum relevant sind wie das Bild vom Kuss des Verrats, oder auch der Kuss von Leben und Tod, wie mitunter im Judentum, oder gar in der Medizin. Auf diese Weise legt Bähring erstmalig eine Betrachtung des Kusses in den Religionskulturen und ihrer Geschichte vor. Einige Momente sind in dieser Darstellung besonders bemerkenswert. So klammert die griechisch-römische Religionswelt grundsätzlich das sexuelle und erotische Element weit weniger aus der Sphäre des Religiösen aus, als etwa die abrahamitischen Religionen. Dementsprechend darf der Kuss in der Antike durchaus eine erotische Nuance enthalten, auch wenn er in religiösen Sphären gebraucht wird. Das Christentum hingegen musste den Kuss erst, wie in der Arbeit pointiert formuliert wird, „deerotisieren“, bevor er als Friedenskuss gebraucht werden konnte. V Dies betrifft anfangs noch das beidgeschlechtliche, später dann nur gleichgeschlechtliche Ritual, am besten mit geschlossenen Augen und Lippen vollzogen. Bemerkenswert ist auch der – wahrscheinliche – Übergang vom Kuss der als belebt gedachten Erde, dem Erdkuss, zum Fußkuss. Ebenso wird der Übergang vom untertänigen Kuss der religiösen hin zur weltlichen Autorität beschrieben. Weiterhin zeigt Bähring den Weg der Übernahme des Küssens religiöser Gegenstände aus der Welt der Antike auf, hin zum Christentum und erst daraufhin auch zum Judentum – und schließlich sehr zurückhaltend zum Islam, bei dem nur die Kaaba, am besten der schwarze Stein in ihr, und der Koran geküsst werden sollten. Diese Art des Küssens geschieht offensichtlich weniger aus Verehrung, wie sich vermuten ließe, sondern um über den Mund der jeweiligen Heiligkeit teilhaftig zu werden. So gibt es ebenfalls den Unterschied vom Kuss bei Verstorbenen, der eine Ehre darstellt und dem religiös bedeutsameren Element, dem Hauch, den austretenden letzten Atem des Verstorbenen aufzunehmen und zu bewahren. Damit zeigt sich, dass die Assoziation des leidenschaftlichen Kusses unter frisch Verliebten oder Paaren, die sich auch nach Jahren noch so fühlen, in diesen Religionskulturen nicht die einzig praktizierte Form des Kusses ist. Er kann durchaus formalisiert sein oder gar Hierarchien zum Ausdruck bringen. Dies geschieht etwa gegenüber dem Göttlichen, wenn dieses Erhabene sich in einem Buch, einem Bild, einem Stein oder einem anderen Gegenstand verkörpert hat. Allerdings kann sich nach alter Vorstellung das Göttliche auch in einem weltlichen Bereich befinden, etwa wenn aus diesem Grund der Dienstherr, der Patron, geküsst wird. Damit bekommt auch die Ausführung des Kusses naheliegender Weise eine unterwürfige Form. Oder aber es handelt sich um einen egalitären Kuss, etwa dem christlichen Kuss des Friedens oder, nicht religiös, etwa um den Kuss zwischen Verwandten – wobei es zumeist die Hüter dieser Religionen als ihre Aufgabe ansahen zu regeln, wer wen küssen dürfe (dies gilt selbst für das alte Rom) oder müsse, damit ein vorgegebener Rahmen erfüllt und keine Grenze überschritten wird. Leidenschaft wird dann nur sehr bedingt bei diesen Küssen zu assoziieren sein. In seiner ausgeführten Form ist der Kuss mal hierarchisch, mal egalitär, emphatisch oder reglementiert, auf jeden Fall aber intim ver- Vorwort VI bindend und mitunter erhaben. Der Kuss ist ebenso als intensiver Ausdruck persönlicher Beziehung geeignet wie als Zeugnis religiöser Tiefe. Ich wünsche den Lesenden dieses Buchs weitere tiefe Einblicke in dieses selten diskutierte, aber doch sehr anrührende Thema. Professor Dr. Dr. Bertram Schmitz Hannover / Jena 2018 Vorwort VII Inhaltsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XIII Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 1 Der Mund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 5 Der Mund – ein physiologischer Exkurs unter Einbezug von Zähnen und Lippen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1 5 Das Phänomen des Küssens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2 8 Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 13 Begrifflichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.1 13 Lateinische Begriffsbestimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.1.1 13 Griechische Begriffsbestimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.1.2 15 Formelle Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2 16 Küsse im religiösen Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.1 16 Der Erdkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.1.1 16 Die Kusshand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.1.2 17 Der Lippenkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.1.3 20 Der Sachkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.1.4 23 Küsse im politischen Rahmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.2 24 Kusshand und Fußkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.2.1 24 Der Handkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.2.2 25 Der Lippenkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.2.3 26 Küsse in Klientelverhältnissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2.3 29 IX Private Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3 30 Küsse in Familie und Freundschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.1 30 Der Kuss in erotischen und sexuellen Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.2 32 Weitere Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4 34 Der Kuss des Verrats. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4.1 34 Der Hauchkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4.2 35 Exkurs: Die Ursprünge des Hauchkusses in Ägypten . . . . . . . . . . . .3.4.2.1 35 Der Kuss Sterbender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4.2.2 37 Mund und Kuss im Judentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 39 Der Mund und seine Sprechwerkzeuge im Judentum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.1 39 Der Mund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.1.1 39 Lippen und Zunge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.1.2 40 Begrifflichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2 42 Formelle Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.3 44 Küsse im religiösen Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.3.1 44 Küsse im politischen Rahmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.3.2 49 Private Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.4 52 Küsse in Familie und Freundschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.4.1 52 Küsse zwischen sich Fernstehenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.4.2 54 Der Kuss in erotischen und sexuellen Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.4.3 56 Weitere Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.5 60 Mund und Kuss im Christentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5. 63 Begrifflichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.1 63 Formelle Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2 64 Küsse im religiösen Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.1 64 Kusshand und Fußkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.1.1 64 Der Sachkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.1.2 65 Küsse im politischen Rahmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.2 67 Inhaltsverzeichnis X Private Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3 69 Der Liebeskuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.1 69 Küsse in der Familie und zwischen sich (im Geiste) Nahestehenden . . . .5.3.2 71 Der Begrüßungs- und Abschiedskuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.2.1 71 Der Heilige Kuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.2.2 72 Der Judaskuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.2.3 82 Der Kuss im Islam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6. 85 Begrifflichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.1 85 Die Bedeutung von Mund und Lippen im Islam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.2 86 Formelle Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.3 88 Küsse im religiösen Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.3.1 88 Küsse zwischen sich Fernstehenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.3.2 90 Private Küsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4 92 Der Liebeskuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4.1 92 Küsse in der Familie und in Freundschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4.2 97 Der Hauchkuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4.3 98 Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. 101 Schlusswort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8. 109 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Primärliteratur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Inhaltsverzeichnis XI Abkürzungsverzeichnis AJS Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel bBB Babylonischer Talmud, Bava Batra BerR Bereshit (Genesis) Rabba bMQ Babylonischer Talmud, Moʽed Qatan bSan Babylonischer Talmud, Sanhedrin bYev Babylonischer Talmus, Yevamot DevR Devarim (Deuteronomium) Rabba ShirR Shir ha-Shirim Rabba (Hohelied Rabba) yPea Palästinensicher Talmud, Peʾa XIII Einleitung „Auf die Hände küßt die Achtung, Freundschaft auf die offne Stirn, Auf die Wange Wohlgefallen, Selge Liebe auf den Mund; Aufs geschloßne Aug die Sehnsucht, In die hohle Hand Verlangen, Arm und Nacken die Begierde, Überall sonst die Raserei.“ (Franz Grillparzer 1791–1872)1 Mit seinem Kussgedicht differenzierte Grillparzer zwischen den verschiedenen Abstrakta, die unterschiedliche Kussorte bevorzugen und ihnen dadurch eine bestimmte Bedeutungsrichtung verleihen. Aber nicht nur in der geisteswissenschaftlichen Literatur, sei es religiöse, poetische oder prosaische Literatur, ist der Kuss oftmals ein Motiv. Auch die Naturwissenschaft beschäftigt sich mit dem Phänomen des Kusses. Die Philematologie hat sogar ein eigenes Forschungsfeld begründet. Küsse werden auch in der klinischen Medizin nach ihrer Bedeutung unterschieden, jedoch sind es hier nur zwei: der Kuss des Lebens und der Kuss des Todes. Der Kuss des Lebens, bezeichnet dabei die künstliche Beatmung, entweder als Mund-zu-Mund- oder als Mund-zu-Nase-Beatmung. Der Todeskuss bezeichnet den Kuss zwischen einem Allergiker und einem Nichtallergiker, der vorher etwas gegessen hat, worauf der geküsste Allergiker hochsensibel reagiert. So ein Kuss kann mitunter lebensbedrohlich sein.2 Doch könnte man Küsse noch ganz anders kategorisieren: nach ihrem Geräusch, ihrer Berührungsart, ihrer Dauer oder ihrem Zweck. Warum küsst der Mensch überhaupt, wen küsst er, wenn er küssen will und was passiert beim Kuss? Wenn man es als lustvollen Austausch von Bakterien bezeichnen würde, wie es wohl so mancher Wissenschaftler humorvoll 1. 1 Grillparzer, Gedichte, S. 109. 2 Vgl. Spitzer, Nichtstun, S. 125f. 1 bezeichnet3, dann würde man der Komplexität eines Kusses nicht gerecht werden. Denn Küssen ist mehr als ein Austausch von Speichel. In über 90 Prozent der menschlichen Gesellschaft werden Küsse ausgetauscht und dort wo nicht geküsst wird, gibt es Handlungen, die einem Kuss doch sehr ähnlich sind. Ein Aneinanderreiben der Nase oder ein Lecken über das Gesicht des Partners beschreiben solche Ersatzhandlungen.4 Doch zu welchem Zweck verhalten sich die Menschen durch verschiedene Kulturen hinweg so ähnlich? Aus biologischer Sicht dient Küssen als Test zur Feststellung der Qualität des Partners, es soll sexuelle Erregung herbeiführen und Bindungsprozesse stärken. Jedoch wurde das Küssen im Laufe der Menschheitsgeschichte kulturell modifiziert und nicht jeder Kuss hat überall die gleiche Bedeutung und ist auch erlaubt. Denn es gibt auch viele Küsse, die nicht sexuell konnotiert sind und die, die es sind, sind meist bestimmten gesellschaftlichen Regeln unterworfen. Zum Küssen gehören immer zwei. Ein Subjekt und ein Objekt. Im Idealfall sind es zwei Subjekte, zwei aktiv Beteiligte, die sich gerne küssen. „Wer küßt, berührt, denn Kuß ist Kontakt. Als Mundkuß sogar stets hüllenloser.“5 Küsse sind Zeichen, haben Signalwirkung und sind symbolträchtig.6 Wie schon Grillparzer erwähnt hat, können sie ganz unterschiedliche Abstrakta darstellen, wie Hochachtung, Verehrung, Freundschaft, Liebe, Versöhnung und Fürsorge. Diese Bedeutungsvielfalt hat dazu geführt, dass der Kuss in vielen Bereichen der Gesellschaft ritualisiert wurde und somit „Teil standardisierter individueller oder kollektiver Verhaltensweisen […]“7 geworden ist. Aufgrund seiner Popularität bei den Menschen erfreut sich der Kuss häufig Gegenstand und Motiv in Kunst, Musik und Literatur sein zu dürfen. Auch in die vorliegende Arbeit hat der Kuss Eingang gefunden. Untersuchungsgegenstand wird im Folgenden sowohl die Kusskultur im antiken Rom und Griechenland sein als auch in den abrahamitischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. 3 Vgl. Spitzer, Nichtstun, S. 116. 4 Vgl. ebd., S. 128. 5 Best, Der Kuss, S. 9. 6 Vgl. ebd., S. 10. 7 Ebd. 1. Einleitung 2 Bevor die unterschiedlichen Kusstypen näher beschrieben werden, wird zuvor ein Ausflug in die Anatomie des Mundes unternommen. Lippen, Zähne, Zunge und Speichel werden Erwähnung finden, da alle diese Komponenten beim Küssen beteiligt sind. Des Weiteren bildet das Phänomen des Küssens die biologische Grundlage für diese Arbeit, da sie erst durch sein Vorhandensein in dieser Form entstehen konnte. Anschließend werden die Kussarten im antiken Rom und Griechenland sowie in Judentum, Christentum und Islam untersucht. Der Aufbau ist für alle vier Bereiche relativ parallel gestaltet, um am Ende einen kultur- bzw. religionsgeschichtlichen Vergleich zu ermöglichen. Am Anfang steht stets die begriffliche Bestimmung von Mund und Kuss in der jeweiligen Sprache der einzelnen Religion bzw. Kultur, in der sie entstanden ist. Da Mund und Kuss sehr eng miteinander verknüpft sind, lohnt es sich vor allem im Vielgötterglauben der Römer und Griechen als auch in Judentum und Islam die Bedeutung von Mund und Lippen mitaufzunehmen, da diese wiederum aufschlussreich für die jeweiligen Kusstraditionen sind. Kategorisiert wird infolgedessen zum einen in formelle Küsse im religiösen als auch im öffentlichen Bereich und zum anderen in private Küsse, wobei sich in beiden Kategorien nach den einzelnen Kussformen weiter differenzieren lässt. Zuletzt hat jede Religion ihr eigenen „Spezialküsse“, die in der Rubrik „Weitere Küsse“ aufgenommen sind und von Religion zu Religion differieren. Ein Randthema, das in dieser Arbeit mitbehandelt wird, ist die Bedeutung von Atem und Speichel, da beide beim Kuss übertragen werden und eng in Verbindung zur Seele stehen. Zudem hängen sie eng mit Heilung und Krankheit zusammen. Auch das Thema Sexualität nimmt bei der Ausführung der jeweiligen Glaubenskultur einen gewissen Raum ein, da besonders die Liebesund Begrüßungsküsse zwischen Freunden und Bekannten nicht beschrieben werden könnten ohne den Stellenwert zu beachten, den die Erotik in der jeweiligen Glaubensrichtung hat. Den Schluss bildet eine Zusammenschau der einzelnen Ergebnisse aus den jeweiligen Bereichen und damit verbunden ein kulturwissenschaftlicher bzw. religionswissenschaftlicher Vergleich. Die Grundlage für die Untersuchung des Kusses im antiken Rom und Griechenland bilden lateinische und griechische Quellen antiker 1. Einleitung 3 Autoren. In den abrahamitischen Religionen sind jeweils die Heiligen Schriften Ausgangspunkt der Untersuchungen, wobei besonders im Judentum für weitere Forschungszwecke Talmud und Midrasch und im Islam verschiedene Hadith-Sammlungen zu Rate gezogen wurden. Für die Erforschung des Kusses im Christentum wurde zudem ein Blick in die Apokryphen geworfen und weitere christliche Literatur aus der Antike bzw. dem frühen Mittelalter herangezogen. Mystische Strömungen der Religionen bleiben jedoch ausgeklammert oder werden, wo es angemessen ist, nur am Rande Erwähnung. Der Leser soll durch die Vielfalt an Literatur einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Kusskulturen der unterschiedlichen religiösen Vorstellungswelten bekommen, wobei die Arbeit aufgrund der Menge an Quellen auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Neben einem Überblick über die verschiedenen Kusskulturen, wird der Leser über Sexualitäts- und Schicklichkeitsempfinden in den jeweiligen Glaubensrichtungen informiert, sowie über Entwicklungsund Transformationsprozesse einzelner Kusstypen. Da der Kuss an sich nicht religiös ist, soll der Versuch unternommen werden, herauszufinden, inwiefern sich die Religion den Kuss zu Eigen gemacht und wann sie ihn aber ins Private verbannt hat. Dabei spielt auch der Aspekt der Intimität aus religionspsychologischer Hinsicht eine Rolle. Die Schlussbetrachtungen dieser Arbeit werden die Ergebnisse unter anderem auch unter diesem Aspekt betrachten. Aufgrund fehlender hebräisch und arabisch Kenntnisse konnte ich aber nicht exegetisch an hebräischen bzw. arabischen Originaltexten arbeiten, sondern musste Übersetzungen heranziehen. Doch wie küssten die Menschen nun in früheren Zeiten? Welche Küsse gab es in welchem Kulturkreis und in welcher Glaubensrichtung? Wo liegen beispielsweise die Unterschiede zwischen Handkuss und Kusshand und was hat es eigentlich mit der Übertragung der Hauchseele beim Küssen auf sich? Diese und noch viele weiteren Fragen sollen nun im Folgenden untersucht werden. 1. Einleitung 4 Der Mund Der Mund – ein physiologischer Exkurs unter Einbezug von Zähnen und Lippen Der Mund ist ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Körpers, da er der Nahrungsaufnahme, der Atmung und der Kommunikation dient, die essentiell für das Überleben des Menschen sind. Der Mund besteht aus den Lippen und der Mundhöhle, in welcher sich Zähne, Zunge und Gaumen befinden. Die Zunge ist dabei ein für den Sprechakt unverzichtbares Organ.8 Durch ihre Bewegung werden bestimmte Laute erzeugt, durch die sich der Mensch verbal verständlich machen kann. Neben ihrer Aufgabe Kommunikation physiologisch gelingen zu lassen, spielt sie auch eine wesentliche Rolle beim Essen. So hilft sie beim Kauen und Schlucken und lässt den Menschen durch ihre Geschmacksknospen an der Zungenspitze, an den Seiten und am Zungenende zwischen süß, salzig, sauer und bitter unterscheiden. Die Zunge ist ein sehr empfindlicher Muskel, der auf Kälte, Hitze und auf die Beschaffenheit der Speisen, bzw. der in den Mund eingeführten Objekte sensibel reagiert. Zudem fungiert sie als „Zahnstocher“, indem sie nach dem Essen in die Zahnzwischenräume fährt, um dort etwaige Essensreste zu entfernen.9 Da das Schmecken neben den anderen menschlichen Sinnen, wie Sehen, Hören und Fühlen eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung der Umwelt spielt, lässt sich bei Kleinkindern eine erhöhte orale Aktivität feststellen, um die Welt zu erkunden, indem sie sich neben dem Anfassen von Gegenständen, diese auch gerne in den Mund stecken.10 Die Zähne sind das Mahlwerkzeug, um die Nahrung, welche zuvor mit den Händen zubereitet und portioniert wurde, zu einem gut ver- 2. 2.1 8 Vgl. Morris, Die nackte Eva, S. 102. 9 Vgl. ebd., S. 103. 10 Vgl. ebd., S. 104. 5 daulichen Brei zu zerkleinern. Ein Erwachsener besitzt inklusive der etwas später nachwachsenden Weisheitszähne 32 Zähne. Zudem zählt der Mensch vier obere und untere Schneidezähne, sowie zwei Eckzähne, welche für das Abbeißen bzw. Abreißen von größeren Nahrungsstücken konzipiert sind.11 Damit die verschiedenen Vorgänge in Mund und Rachen reibungslos ablaufen können, müssen die Schleimhäute zum einen feucht gehalten und zum anderen die Nahrung gleitfähig zum Schlucken gemacht werden. Für die Feuchtigkeit im Mund ist der Speichel zuständig. Die tägliche Speichelproduktion eines Menschen liegt bei 1 bis 1,5 Litern pro Tag.12 Der Speichel tritt dabei aus den Speicheldrüsen aus, wobei er keimfrei ist. Sobald er aber im Mund ein paar Mal hin und her gewälzt wurde, hat er Millionen Bakterien aufgenommen, die wiederum dafür verantwortlich sind, dass Speichel auch Krankheiten von Mensch zu Mensch übertragen kann.13 Zudem beginnt die Verdauung nicht erst im Magen. Der Speichel enthält viele Enzyme, die beispielsweise Kohlenhydratketten aufspalten können und so einen Teil der Verdauung schon vorbereiten. Das Essen würde ohne Speichel nur halb so gut schmecken, da er das Essen so auflöst, dass es auch die Geschmacksknospen erreichen kann.14 Der Mund ist sozusagen das funktionale Zentrum des menschlichen Gesichts. Mit ihm essen, beißen, lecken, saugen, schmecken, kauen, schlucken, husten, gähnen, knurren, brüllen, grunzen, sprechen, lächeln, lachen, küssen, pfeifen und rauchen die Menschen.15 Die Lippen sind zwei Wülste, die Oberlippe und die Unterlippe, die aus Muskulatur und Drüsen bestehen. Aufgrund ihrer Anatomie sind sie sehr dehnbar und können aktiv oder passiv sein. Die Lippen grenzen sich vom Rest des Gesichts durch ihre intensive rote Farbe ab.16 Durch beide Lippen verläuft jeweils eine Schlagader, die auch bei sexueller Erregung die intensivere Rotfärbung der Lippenpartie bewirkt.17 Die Muskulatur der Lippen hält mit Hilfe der Wangen die 11 Vgl. Morris, Die nackte Eva, S. 104. 12 Vgl. Lehmann, Zahnärztliche Propädeutik, S. 54. 13 Vgl. Morris, Die nackte Eva, S. 109. 14 Vgl. Klinke, Physiologie, S. 429. 15 Vgl. ebd., S. 102. 16 Vgl. Wetzel, Anatomie, S. 178. 17 Vgl. ebd., S. 179. 2. Der Mund 6 Zähne in ihrer „normalen Stellung“.18 Der Verhaltensforscher Desmond Morris erwähnt gleich zu Anfang seiner Beschreibung der Lippen, dass die des Menschen dahingehend einmalig sind, weil sie von „innen nach außen gestülpt“ sind.19 Dabei sind oftmals die Lippen der Frau etwas auffälliger nach außen gestülpt, als die des Mannes, da sich die Frau, nach Morris‘ evolutionstheoretischen Erkenntnissen, im Gegensatz zum Mann mehr Jugendlichkeit im Äußeren bewahrt hat, um Schutzbedürftigkeit zu signalisieren.20 Dessen Lippen spielen bei der Partnerwahl zwar auch eine Rolle, fallen aber nicht so ins Gewicht. Vielmehr liegt die kindliche Natur beim Mann in seinem jungenhaften Verhalten im fortgeschrittenen Alter.21 Den Lippen kommen verschiedene Aufgabenbereiche zu. So sind sie bei Nahrungsaufnahme dafür zuständig, das Essen in den Mund zu befördern und beim Kauen denselben immer wieder zu schließen, so dass das Essen nicht wieder herausfällt. Vor allem bei Kleinkindern haben die Lippen die wichtige Aufgabe, die mütterliche Brustwarze luftdicht zu umschließen und die Muttermilch herauszusaugen. Indem es die Brustwarze an seinen Gaumen drückt, presst es zugleich die Milch aus dem Milchkanal.22 Der kleinkindliche Saugreflex führt schließlich dazu, dass bei der Erkundung der Welt Kleinkinder Objekte an den Mund führen, da die Lippen auch ein Tastorgan sind. Neben der Funktion der Nahrungsaufnahme sind die Lippen neben der Zunge für die Lautbildung unverzichtbar, da manche Laute, wie die Doppellabiallaute, zwischen beiden Lippen oder, wenn es labiodentale Laute sind, zwischen Unterlippe und den oberen Schneidezähnen gebildet werden.23 Des Weiteren sind die Lippen ein entscheidender Faktor der nonverbalen Kommunikation. Sie sind die Signalquelle für eine Kommunikation auf der Metaebene. Es werden vier Lippenstellungen, nämlich offen, geschlossen, vorstehend oder eingezogen unterschieden. Diese können nach oben oder nach unten gezogen, angespannt oder locker 18 Vgl. Wetzel, Anatomie, S. 178. 19 Vgl. Morris, Die nackte Eva, S. 88. 20 Vgl. ebd. 21 Vgl. ebd., S. 11f. 22 Vgl. ebd., S. 89. 23 Vgl. Kürschner, Grammatisches Kompendium, S. 47. 2.1 Der Mund – ein physiologischer Exkurs unter Einbezug von Zähnen und Lippen 7 sein. Eine Kombination dieser verschiedenen Lippenstellungen ergibt einen reichen Fundus an möglichen Ausdrucksformen. Bei der Formung der Lippenstellungen sind sechs verschiedene Muskelstränge bzw. -typen beteiligt, die den Mund in die gewünschte Form bringen. Je nach Aktivierung der einzelnen Muskeln können sich im Gesicht des Menschen ein Kuss, Lachen, Kummer, Verachtung, Trauer, Ekel, Ironie, Schmerz, Schrecken, Wut etc. spiegeln. Die einzelnen Falten, die dabei um die Mund-, Wangen- und Augenpartien entstehen, vervollständigen neben der Lippenstellung den Gesichtsausdruck.24 Durch bestimmte Laute, die, der jeweiligen Situation und Gemütsregung angepasst, ausgestoßen werden, können nochmals feinere Abstufungen im Befinden des jeweiligen Gegenübers gemacht werden.25 Da sich diese Arbeit überwiegend mit dem Kuss beschäftigt, muss schließlich noch die Lippenfunktion in Bezug auf den Kuss untersucht werden. Da der Kuss ein Phänomen ist, dessen Ursprung nicht ganz genau geklärt ist, weil sich sein Stammbaum aufgrund verschiedener beeinflussender Faktoren nicht linear darstellen lässt, ist es nötig ein wenig auszuholen, um die verschiedenen Theorien des Küssens, angefangen bei den Säugetieren, in das Konzept des menschlichen Kusses plausibel einzufügen. Das Phänomen des Küssens Der Kuss ist zunächst eine Interaktion zwischen zwei Menschen. Nicht immer berühren sich die Beteiligten dabei, wie beispielweise beim Luft- oder Handkuss. Der Kuss ist ein Zeichen, welcher immer eine gewisse Botschaft an das Gegenüber vermittelt. Die Wissenschaft über das Küssen, die Philematologie, kann im Tierreich fünf verschiedene oskulatorische Situationen feststellen: die Begrüßung, Körperpflege, Paarung, Mund-zu-Mund Fütterung der Jungen und den Kampf. Bei Säugetieren entwickelten sich nämlich aus der Mund-zu-Mund Fütterung weitere Formen der „Schnauzenzärtlichkeit“.26 Besonders das Be- 2.2 24 Vgl. Morris, Die nackte Eva, S. 99f. 25 Vgl. ebd. 26 Vgl. Best, Der Kuss, S. 11. 2. Der Mund 8 schnuppern erinnert stark an den Riechkuss bzw. Nasenkuss bei den Inuit oder in asiatischen Kulturen. Schon Darwin stellte fest, dass der Kuss mit dem Mund oder auf denselbigen als Zeichen der Zuneigung kein angeborenes menschliches Phänomen ist, da er in manchen Kulturen fehlt.27 Stattdessen lässt sich zunächst verallgemeinernd sagen, dass Berührung ein menschliches Grundbedürfnis gegenüber geliebten Personen ist, sei es, dass dies mit den Lippen oder Händen geschieht. Eibl-Eibesfeldt sieht dagegen den Kuss als „menschliches Universale“ und erklärt sich Kulturen, in denen nicht geküsst wird dadurch, dass in diesen der Kuss nur mit Sexualität verbunden und folglich negativ konnotiert ist oder der Kuss auch im sexuellen Bereich ein Tabu darstellt und stattdessen durch gegenseitiges Beriechen ersetzt wird.28 Ganz geklärt ist das „wie“ und „warum“ der Herkunft des Kusses in der Wissenschaft aufgrund verschiedener Einflüsse augenscheinlich noch nicht. Dennoch gibt es zwei plausible Theorien zu dessen Entstehung im Allgemeinen. Zum einen könnte der Kuss aus dem Biss entstanden sein, der einen Funktionswechsel vom Kampfverhalten zur Paarung durchlaufen hat, zum anderen aus dem Kussfüttern von Säuglingen. Der Nackenbiss zählt bei vielen Tierarten als Teil des Paarungsrituals. Dieser ermöglicht seitens des männlichen Tieres das Festhalten des Weibchens. Darüber hinaus bietet ein Biss in den Nacken eine Orientierungshilfe, um die Kopulation physisch gelingen zu lassen.29 Auch bei Menschen bietet, aus mechanischer Sicht, somit ein Kuss „face à face“ die Möglichkeit die Vorderseiten aneinander zu pressen, um sich in der Missionarsstellung zu paaren. Ist die sexuelle Erregung sehr groß, so kann es auch zum gegenseitigen Biss zwischen zwei Liebenden kommen. Das Sprichwort „Jemanden zum Fressen gern haben“ drückt indes auch das ungestüme, unkontrollierte Verlangen aus, eine andere Person in Besitz nehmen zu wollen. Mit dem Beißen ist oftmals das Lecken und Saugen verbunden, die, nach Otto Best, wichtige Zwischenstufen für das Entstehen des Kusses bildeten.30 27 Vgl. Best, Der Kuss, S. 21. 28 Vgl. ebd., S. 29. 29 Vgl. ebd., S. 26. 30 Vgl. ebd., S. 26f. 2.2 Das Phänomen des Küssens 9 Das Saugen als „differenziertes Brutpflegeverhalten“ ist namensgebend für die Säugetiere.31 Nach einiger Zeit des Stillens entwickelt sich bei Säuglingen das sogenannte Lecksaugen an der mütterlichen Brust, das konstitutiv für die spätere Aufnahme fester Nahrung ist. Denn beim Kussfüttern kaut die Mutter dem Kind die Nahrung vor und schiebt diese aus ihrem Mund in den des Säuglings, während dieser die Nahrung durch Leck- und Saugbewegungen aufnimmt. Wenn sich die Mutter auch nur mit ihrem Mund nähert, „so stülpt er schon bei Annäherung seine Lippen vor.“32 Hinsichtlich der Pflege der Kinder ist das mütterliche Bedürfnis zu küssen dem Verhalten der Menschen inhärent. Zudem ist die Oralität der Kleinkinder ein Drang, ihre Umwelt mit Mund und Händen erforschen zu wollen, der sich auch im Erwachsenenalter nicht verliert, wenngleich er sich anders ausdrückt. Indem sich Beriechen, Betasten und Belecken zudem als Verhalten zur Überprüfung von Verträglichkeit und Sympathie bei den menschlichen Vorfahren durchgesetzt hat, wird auch dieses heutzutage im Rahmen eines Handschlags und Begrüßungsküsschens durchgeführt. Im sexuellen Bereich hat sich das Beißen zum zärtlichen Liebeskuss entwickelt, wobei das Küssen als Ausdruck von Zuneigung auch eine Übertragung mütterlicher Gestik auf den allgemein sexuellen Bereich darstellt.33 Denn letztendlich ist das Lecksaugen eines Säuglings einem Zungenkuss zwischen Liebenden doch sehr ähnlich. Wissenschaftlich erwiesen ist nämlich, dass beim Küssen das Hormon Oxytocin ausgeschüttet wird, welches wiederum die Glückshormone Dopamin und Serotonin freisetzt. Die Ausschüttung von Oxytocin bewirkt eine verstärkte und verbesserte soziale Interaktion, zudem wirkt es auch als Katalysator zur Bindungsbereitschaft. Sobald Oxytocin ausgeschüttet wird, fühlen wir uns mit unserem Gegenüber verbunden.34 An einem Kuss sind dabei 160 verschiedene Muskeln beteiligt und pro Minute werden durchschnittlich sieben Kalorien verbraucht.35 Insgesamt lassen sich bei den Menschen vier verschiedene Formen des Küssens unterscheiden: „das im Rahmen des mütterlichen Brut- 31 Vgl. Best, Der Kuss, S. 27. 32 Ebd., S. 28. 33 Vgl. Best, Der Kuss, S. 33. 34 Vgl. Uvnäs Moberg, Oxytocin, S. 127ff. 35 Vgl. Spitzer, Flirten, S. 124f. 2. Der Mund 10 pflegeverhaltens zu beobachtende Küssen des Säuglings, das damit aufs engste verwandte auftretende Kußfüttern, die verschiedenen Spielarten des Küssens im Paarungsvorspiele und die zahlreichen Formen des Grußküssens sowie deren Verbindungen mit anderen Bewegungsweisen, von der Kußhand bis zum Fußkuß.“36 Der Kuss zwischen Liebenden mag zwar aus dem Beißen und dem Kussfüttern abzuleiten sein, dennoch erklärt dies noch nicht vollständig die Anziehungskraft, die die Lippen des Partners auf den oder die Geliebte/n ausüben. In diesem Zusammenhang zieht Morris einen Vergleich zwischen den Lippen und den Schamlippen der Frau, die auf den Mann eine besondere Attraktivität ausüben. Stets wurden in verschiedenen Kulturen die Lippen auf unterschiedliche Art und Weise betont und hervorgehoben. Besonders in westlichen Kulturen ist der Vergleich zwischen den Lippen und den weiblichen Geschlechtsorganen einleuchtend, da Frauen ihre Lippen meist rot schminken und auch gerne unbewusst befeuchten, wodurch die Lippen erregten Schamlippen noch ähnlicher werden.37 Das Zusammenspiel von biologischen und kulturanthropologischen Faktoren hat das Küssen in den jeweiligen Gesellschaften beeinflusst und geprägt und kann nicht nur auf einen einzelnen Ursprung zurückgeführt werden. Der Kontext des Küssens hat sich aber erweitert, indem der Kuss als Ausdruck des Bedürfnisses nach Berührung und Kontakt nicht nur in den intimen Bereich menschlicher Verhaltensweisen verortet werden kann, sondern er bildet auch in sublimierter Form bestimmte kultische Gewohnheiten ab, dadurch dass er Kontakt mit lebendigen oder dinglichen „Medien der Macht“ zeigt.38 36 Best, Der Kuss, S. 33. 37 Vgl. Morris, Die nackte Eva, S. 89f. 38 Vgl. Onasch, Lexikon, S. 239. 2.2 Das Phänomen des Küssens 11 Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland Die Kusstypen und Kusspraktiken in Rom und Griechenland sind aufgrund des gegenseitigen kulturellen Einflusses recht ähnlich, weshalb ich diese nicht in getrennten Punkten behandeln werde. Unterschiede werden dennoch innerhalb der folgenden Einheit „Mund und Kuss in der Antike“ deutlich werden. Begrifflichkeiten Lateinische Begriffsbestimmung Im Lateinischen finden sich drei verschiedene Begriffe für den Kuss: osculum, basium und suavium. Ihre Verwendung variiert je nach Kontext, da die Begriffe zwar alle einen Kuss beschreiben, aber ein Kuss im alten Rom und Griechenland, wie auch heute, nicht gleich ein Kuss war. Bei den verschiedenen Bedeutungsnuancen gibt es in der heutigen Forschung Kontroversen. So ist Oppermann der Meinung, dass „mit osculum der zeremonielle, mit basium und suavium der vulgäre Kuss benannt wurde.“39 Wohingegen ein Blick in die „Lateinische Synonymik“ von Ramshorn eine größere Bandbreite an Bedeutungsvarietäten im je spezifischen Kontext eröffnet. Osculum meint den „Kuss im Allgemeinen, von dem zusammengezogenen, klein geformten Mund so genannt“40, basium beschreibt den Kuss der Zärtlichkeit und suavium bzw. savium – beide Varianten sind möglich – impliziert den Kuss aus Liebe.41 Suavium leitet sich von dem Adjektiv suavis,-e ab, welches mit 3. 3.1 3.1.1 39 Oppermann, Art. Kuss, Sp. 381. 40 Ramshorn, Synonymisches Handwörterbuch, S. 262. 41 Vgl. ebd. 13 süß, angenehm, lieblich oder reizend übersetzt werden kann.42 Fosbroke hingegen verlässt sich auf die Aussagen von Terenz43, den er folgendermaßen interpretiert: „Osculum implied a kiss of duty, and was given by a mother to her child; basium, one of affection, and was paid by the husband to the wife, suavium, one of lust, and was given to a mistress.”44 Catull verwendet basium, bzw. das Verb basiare (küssen) hauptsächlich in vulgären Kontexten.45 Die etymologische Verwandtschaft zwischen dem lateinischen os, welches „Mund“, „Sprechorgan“, „Gesichtsausdruck“, „Gesicht“, „Maske“, „Mündung“ und „Eingang“ je nach Kontext bedeuten kann, und osculum, ist evident. Mit dem Mund wurde geküsst, er ist das Kusswerkzeug. Neben der Bezeichnung des Mundes, kann os auch das Gesicht bezeichnen. Die ursprünglichere Bedeutung war aber Mund.46 Welchen Stellenwert der Mund bei den Römern hatte, zeigt die Besetzung des gesamten semantischen Feldes des Gesichts, wodurch die übrigen Gesichtsteile in ihrer Relevanz beinahe vernachlässigt werden. Von os (Genitiv oris) leiten sich auch orare (sprechen), orator (der Redner) und oratio (die Rede) ab.47 Maurizio Bettini stellt deshalb die Hypothese auf, „[…] daß das Gesicht für die Römer dem Mund entspricht, insofern als dieser für die Fähigkeit zu sprechen steht.“48 Ich würde noch einen Schritt weitergehen und die Hypothese um die Fähigkeit des Küssens erweitern, da, wie die Arbeit später zeigen wird, der Kuss genauso wie die Sprache, viele verschiedene Facetten einer Persönlichkeit aufweisen kann und zudem durch den Kuss, auch das innerste des Menschen, die Hauchseele, übertragen wird. 42 Vgl. Walde, Lateinisches etymologisches Wörterbuch, S. 611. 43 Ter. Eun. 3,2,3.: „Oscula officiorum sunt, basia pudicorum affectionum, suavia libidinum.” 44 Vgl. Fosbroke, A Treatise, S. 267. 45 Vgl. Walde, Lateinisches etymologisches Wörterbuch, S. 97f. 46 Vgl. Bettini, „Einander ins Gesicht sehen“, S. 4. 47 Vgl. ebd., S. 5f. 48 Ebd., S. 5. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 14 Griechische Begriffsbestimmung Das älteste griechische Verb für küssen ist κυνεῖν, welches mit dem deutschen Kuss, bzw. küssen sprachgeschichtlich verwandt ist. Fast ausschließlich wird κυνεῖν in der Poesie verwendet.49 Eine Bedeutungsverschiebung von „küssen“ erfolgt mit dem Präfix προσ. Προσκυνεῖν heißt in der wörtlichen Übersetzung „anküssen“ und wird im Zusammenhang der Götterverehrung und Ehrerbietung gegenüber Höherstehenden verwendet.50 Hierzu gehört die Verehrung durch Kusshand und das Sich-nieder-werfen auf den Boden vor dem zu verehrenden Subjekt oder Objekt. Neben diesen beiden Ausdrücken wird häufig φιλεῖν oder καταφιλεῖν gebraucht, von dem sich auch der Kuss, nämlich φίλημα, ableitet. Damit verwandt ist auch das Wort φίλος, zu übersetzen mit Freund oder Geliebter.51 Φιλεῖν wird vorzugsweise verwendet, um den Kuss von Wangen oder Mund unter nächsten oder nahen Verwandten zu beschreiben52 und ist das prosaische Pendant zu κυνεῖν.53 Zusätzlich kennt das Griechische noch ἀσπάζομαι, welches das „(freundliche, liebevolle) Begrüßen, Umarmen, das Liebhaben, den K. gelegentlich mit verdeutlichendem Zusatz (Plut. Perikles 24 ἠσπάσατο…μετὰ τοῦ καταφιλεῖν, etwa „küsste zärtlich“) [bezeichnet].“54 In den Kapiteln zum Kuss in Judentum und Christentum wird das Verb προσκυνεῖν noch etwas genauer betrachtet werden. Im Gegensatz zum Lateinischen gibt es im Griechischen keinen Zusammenhang zwischen dem Verb „küssen“ und dem Substantiv „Mund“. Die etymologisch undurchsichtige Bezeichnung für Mund, στόμα, kann mit keinem der genannten Verben in Verbindung gebracht werden. 3.1.2 49 Vgl. Binder, Art. Kuß, Sp. 939. 50 Vgl. Greeven, Art. προσκυνέω, S. 760. 51 Vgl. Frisk, Griechisches etymologisches Wörterbuch, S. 1018f. 52 Vgl. Staubli, Proskynese, S. 5. 53 Vgl. Frisk, Griechisches etymologisches Wörterbuch, S. 1017f. 54 Binder, Art. Kuß, Sp. 940. 3.1 Begrifflichkeiten 15 Formelle Küsse Küsse im religiösen Bereich Die Götter waren in der Antike Vorbild für die Menschen und das Verhalten der Götter, welches in Kunst und Literatur überliefert war, versuchten die Menschen nachzuahmen.55 Die Götter wurden in Kult und Gebet verehrt. Dabei brachte das Gebet den Betenden in eine „sehr reale Beziehung“ zu seinem Gott,56 da, meist ausgedrückt in Handoder Fußkuss, er eine intimere Form der Beziehung wünschte als die formale Huldigung. 57 Im religiösen Bereich gab es bei den Römern und Griechen viele Möglichkeiten die Götter durch Küsse zu verehren. Zahlreiches und mannigfaltiges literarisches und künstlerisches Material ist aus der Antike überliefert, so dass es an Beispielen für die jeweilige Art der Verehrung nicht mangelt. Gleichzeitig erhebt diese Arbeit auch bei der Betrachtung der Küsse im alten Rom und Griechenland keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Beispiele für verschiedenartige gelebte Küsse sollen lediglich ein lebendiges Bild der antiken Kusswelt skizzieren und durch Textbelege die Theorie illustrieren. Der Erdkuss58 Eine der ältesten Arten die Götter zu verehren, war, sowohl bei den Römern, als auch bei den Griechen, das Küssen der Erde. Neben den Göttern im Olymp, gab es zudem die Götter der Unterwelt und fruchtbarkeits- bzw. lebensspendende Götter, die man mit der Erde in Beziehung setzte. In diesem Zusammenhang meint Johannes Leipoldt: „Wir müssen hier beachten, daß der Grieche vor seinen Göttern selten kniet. Im Morgenland geschieht das oft; der Fromme macht sich vor Gott klein. Wenn der Grieche einmal kniet, so ist der Sinn umgekehrt: man kniet meist vor Unterirdischen, will ihnen so näherkommen.“59 3.2 3.2.1 3.2.1.1 55 Vgl. Zimmermann, Handbuch, S. 424. 56 Vgl. Dölger, Sol Salutis, S. 11. 57 Vgl. Prümm, Religiongeschichtliches Handbuch, S. 487. 58 Die Abkürzungen lateinischer Autoren richten sich nach dem Abkürzungsverzeichnis des Thesaurus Linguae Latinae. 59 Leipoldt, Umwelt des Christentums, S. 13. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 16 Im Gegensatz zu den olympischen Göttern brauchte es für die Fruchtbarkeitsgöttin Gaia, im Lateinischen Tellus genannt, keinen Altar, denn als Erde war sie allgegenwärtig. Neben der Erde besaßen aber auch Steine oder Bäume im Glauben der antiken Menschen göttliche Kraft.60 Homer und Ovid berichten beide vom Erdkuss. Aegisthos, einer der zahlreichen Protagonisten in Homers Odyssee, entkommt dem von Poseidon aufgewühlten Meer, da die Götter doch Mitleid mit ihm haben und ihn ans vaterländische Ufer treiben: „Freudig sprang er vom Schiff ans vaterländische Ufer, küßt' und umarmte sein Land, und heiße Tränen entstürzten seiner Wange, vor Freude, die Heimat wieder zu sehen.“61 Ebenso wie Aegisthos küsst Odysseus nach zehnjähriger Irrfahrt „die fruchtbare Erde“, um seinen Dank Mutter Erde auszusprechen.62 In den Metamorphosen des Ovid küsst Cephalus unter dem Zorn Jupiters die Erde und einen „unvergleichbaren Eichbaum, heilig dem Jupiter selbst“,63 um Jupiter zu besänftigen. Die Kusshand Neben der Verehrung der Erde durch einen Kuss war die Gebetssitte der Kusshand weitaus verbreiteter. Tatsächlich haben sich die Götter nach antiker Vorstellung gegenseitig mit der Kusshand gehuldigt. Dies belegt eine Vase mit einem Bild der Artemis, „mit dem Köcher auf dem Rücken und dem Bogen in ihrer Linken, während sie die rechte Hand mit der Fläche nach innen an ihren Mund hält.“64 Empfänger ihrer Huldigung ist ihr Bruder Apollo. Auch Lukian kennt die Begrü- ßung der Sonne durch eine Kusshand. Scheer sieht es bei den Römern und Griechen zumindest als gängiges Ritual an, die Götterstatuen durch Kusshand zu begrüßen. Teilweise versuchte man wohl auch die Statue selbst zu küssen.65 Im sizilianischen Agrigent hatte der Berüh- 3.2.1.2 60 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 89. 61 Od. IV 521–523. 62 Vgl. Od. V 462–463. 63 Ov. Met. VII, 632–633: „tamen oscula terrae roboribusque dedi, […]”. 64 Harst, Der Kuss, S. 98. 65 Vgl. Scheer, Die Götter, S. 42 3.2 Formelle Küsse 17 rungskult solche Ausmaße angenommen, dass Mund und Kinn der Herkules-Bronzestatue dabei regelrecht abgewetzt wurden.66 Im Gegensatz zum Erdkuss war ein Kuss auf Knien bei den Griechen wohl eher selten. Es hing meist von der Dringlichkeit des Anliegens ab, ob man sich vor das Götterbild warf oder nicht. Der Normalfall scheint es zumindest nicht gewesen zu sein.67 Die Kusshand hingegen war sehr weit verbreitet. Heiler merkt hierzu an: „Nichts beweist die Verbreitung der Gebetssitte des Kusses und der Kußhand so sehr wie der Umstand, dass der griechische Terminus für ʻanbetenʼ (προσκυνεῖν) ursprünglich ʻküssenʼ und der lateinische Terminus adorare (die Hand zum Mund führen) bedeutet.“68 Die Ausführung der Kusshand beinhaltete ein „Ausstrecken und Hinhalten der Hand in Gesichtsnähe.“69 Die Kußhand hat ihren Ursprung im Grußgestus der unerreichbaren Himmlischen. So wurde beispielsweise die aufgehende Sonne von den Römern mit der Kusshand verehrt und begrüßt, da es nicht möglich war einen direkten Kontakt herzustellen.70 Heute ist die Kusshand kein Bestandteil der religiösen Verehrung mehr, sondern hat sich ihren Platz im profanen Bereich erobert. Beispielhaft für die Eroberung des Profanen ist die Erzählung von Amor und Psyche, in der Psyche, eine sterbliche Königstochter, mit der Kusshand aufgrund ihrer Schönheit von den Menschen verehrt wird. Ovid beschreibt diese Geste in seinen Metamorphosen sehr detailliert.71 Dabei wurde die Rechte an den Mund gelegt und die Fingerspitze des Zeigefingers an die Daumenspitze gelegt.72 Diese Geste ist auch heute nicht ganz unbekannt. Jedoch wird sie in Deutschland in Verbindung mit einem Kuss in Kontexten des Lobens verwendet, sehr häufig in Verbindung mit schmackhaftem Essen. 66 Vgl. Scheer, Die Götter, S. 40. 67 Vgl. ebd., S. 42. 68 Heiler, Das Gebet, S. 104. 69 Harst, Der Kuss, S. 94. 70 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 111. 71 Vgl. ebd., S. 116. 72 Apul. met. IV, 28: „[…] stupidi et admoventes oribus suis dexteram primore digito in erectum pollicem residente […].” 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 18 Der Grund für die Verdrängung der Kusshand aus dem religiösen Bereich, ist in der Ausbreitung des Christentums zu suchen, dass sich von heidnischen Kulten abzugrenzen versuchte. Diese Separierung erfolgte nicht nur in der Verweigerung heidnischer Bräuche, sondern auch auf sprachlicher Ebene. Denn für die Verehrung einer Gottheit mit der Kusshand wurde stets das griechische προσκυνεῖν oder das lateinische adorare verwendet. „In Anbetracht dessen muß die verhältnismäßige Seltenheit des Gebrauchs im Neuen Testament auffallen, wo doch an Worten, die die Gebetshaltung bezeichnen, durchaus kein Mangel ist […].“73 Bei Paulus ist die Verwendung von προσκυνεῖν nur einmal belegt (1 Kor 14,24). Etwas öfter als in den restlichen neutestamentlichen Schriften taucht es im Matthäusevangelium, im Johannesevangelium und in der Apokalypse auf. Dennoch wird dadurch der Verdacht einer sprachlichen Verweigerung heidnischer Symbolik nicht gemindert.74 Denkt man an die Kusshand, die wiederum nicht mit dem Handkuss verwechselt werden darf, und an die kniefällige Verehrung chthonischer Gottheiten, so fragt man sich, ob es bei den Römern und Griechen wohl auch einen Fußkuss gab. Da, wie schon erwähnt, ein Kniefall bei den Griechen eher selten war und sehr wenig darüber berichtet wurde, weiß man auch nicht, ob diese Art der Verehrung mit einem Kuss verbunden war. Theophrast bezeichnet diese Art der Verehrung als Aberglauben und Aristoteles benutzt dafür sogar das Wort Barbarei.75 Auch die Römer lehnten es ab zu knien, da es einem freien römischen Bürger als unwürdig erschien. Jedoch scheint ein Kniefall mit Kuss zur Zeit Jesu nicht unbekannt gewesen zu sein, wie die Erzählung der Sünderin zeigt, die Jesu Füße küsst (Lk 7, 37–38). Und auch Apuleius (* 123 n. Chr.)76 berichtet in seinen Metamorphosen, dass die Göttin Isis ganz selbstverständlich von den Menschen mit einem Fußkuss verehrt wurde. Einmal im Jahr gab es einen Festzug, bei dem die Götterbilder der Isis vom Tempel zum Meer und wieder zurückge- 73 Horst, Proskynein, S. 30. 74 Vgl. ebd., S. 31f. 75 Vgl. Ratzinger, Der Geist der Liturgie, S. 159. 76 Vgl. Dörrie, Art. Apuleius, Sp. 471. 3.2 Formelle Küsse 19 tragen wurden.77 Auf den Tempelstufen stehend wurde der Statue der Isis mit Fußküssen gehuldigt.78 Auch die Griechen kannten wohl später den Fußkuss, wie Charitons Roman Kallirhoë zeigt, als sich das Mädchen der Aphrodite-Statue im Tempel zu Füßen wirft und sie einmal unter innigen Fußküssen anfleht, ihr den Mann zum Ehemann zu geben, den Aphrodite ihr gezeigt hatte und ein anderes Mal der Liebesgöttin unter stürmischen Fußküssen ihren Dank ausspricht.79 Walter Bauer ist sich sicher, dass sich der Fußkuss aus dem Erdkuss heraus entwickelt hat. Da Proskynese nichts anderes als die kultische fußfällige Verehrung mit einem Kuss bedeutet, sieht er die Proskynese „bei den Persern vor dem vergötterten König, dann bei den Griechen vor der Gottheit oder etwas Heiligem sich niederwerfend den Boden od. Füße, Kleidersaum u.ä. küssend […].“80 Wie genau es aber von der zunächst abwertenden Haltung besonders der Griechen gegenüber dem Fußkuss zu dessen Akzeptanz und Verbreitung kam, ist nicht ganz erforscht. Der Einfluss Alexanders des Großen darf dabei nicht unterschätzt werden. So liest man im Wörterbuch der Religionen, dass das Knien „aus dem profanen, speziell höfischen Brauch in den kultischen übergegangen ist.“81 Der Lippenkuss Die Menschen im antiken Rom und Griechenland, aufgewachsen im polytheistischen Glauben, hatten – aufgrund ihres Vielgötterglaubens – eine ganz andere Einstellung zu Heiligkeit und Sexualität als die in den abrahamitischen Religionen sozialisierten Gläubigen. So durften religiöse Küsse auch erotisch sein, denn die Menschen der frühen Kulturen sahen in ihrer Sexualität etwas Heiliges. Besonders die Zeugung wurde als göttlicher Akt verstanden, welche auch nicht ohne einen Kuss passierte. Eduard Meyer, ein bedeutender Althistoriker, sieht die Heiligkeit in der Sexualität folgendermaßen begründet: 3.2.1.3 77 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 131. 78 Vgl. Apuleius XI 17,3: „[…] exosculatis vestigiis deae quae gradibus haerebat argento formata, ad suos discedunt Lares.” 79 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 130f. 80 Bauer, Wörterbuch, S. 1421. 81 Bertholet, Wörterbuch, S. 317. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 20 „Von den Betätigungen des Menschen trägt besonders das Geschlechtsleben einen geheimnisvoll-religiösen Charakter. Der Geschlechtsakt wird daher als eine sakrale Handlung aufgefasst, die besonderer Weihen und Heiligungszeremonien bedarf. Daraus hat sich mit der Steigerung der Kultur eine religiöse Prostitution entwickelt, welche von den Töchtern des Volks die Hingabe der Jungfrauschaft als Opfer an eine große Göttin des Geschlechtslebens fordert […].“82 Pindar und Ovid geben beide Hinweise auf die Existenz von Tempelprostitution. So berichtet Pindar über die Weihung von 100 Tempelprostituierten, den sogenannten Hierodulen, durch den Korinther Xenophon83 und Ovid beschreibt in seinen Fasti den Tempelkult der Venus.84 Strabo, ein griechischer Geschichtsschreiber, berichtet von der Blüte des Tempels auf dem Eryx, einem sizilianischen Berg, der voll von Tempelsklavinnen gewesen sein soll und bezieht sich in diesem Zusammenhang auch auf den Tempel Erucina in Rom, der ähnlich beeindruckend auf Fremde gewirkt hat (Strab. 6,272).85 Sexualität ist „immer und überall – außer in der modernen Welt […] eine Erscheinung des Heiligen und der Geschlechtsakt ein allumfassender Akt (also auch ein Mittel der Erkenntnis).“86 Der Lippenkuss ist ab dem 14. vorchristlichen Jahrhundert bezeugt.87 Vor allem die römische Literatur der Kaiserzeit gibt einen sehr detaillierten Einblick in die Sexualwelt der Römer, wobei die Autoren kein Blatt vor den Mund nahmen. Besonders kultische Feste boten im religiösen Kontext Anlass für ungehemmte Küssorgien. Auch Darstellungen von Priapus, dem römischen Gott für Fruchtbarkeit, wurde als „Inbegriff der männlichen Kraft“ gehuldigt. Ein anonymes Gedicht aus der Kaiserzeit belegt die Wirkung des Priapus sowohl auf Männer als auch Frauen: „dies Zepter, […] manch Mägdelein erglüht, [und] manch feiner Luststrolch seine Küsse gibt, […].“88 82 Harst, Der Kuss, S. 145 zit. n. Meyer, Eduard: Geschichte des Altertums, Bd. 2, Essen 1989, § 345. 83 Vgl. Pind. fr. 122. 84 Ov. fasti 4, 865ff. 85 Vgl. Stumpp, Prostitution, S. 117f. 86 Eliade, Ewige Bilder, S. 15. 87 Vgl. Schroer, Die Körpersymbolik, S. 153, Abb. 57. 88 Späth, Frauenwelten, S. 402. 3.2 Formelle Küsse 21 Beim Saturnalienfest, einer Feierlichkeit zu Ehren des Saturn, dem Gott der Aussaat, wurde für drei Tage geküsst und getrunken, da es das fröhlichste Fest des Jahres war. Man dürfte sich darunter ein karnevals- ähnliches Fest vorstellen.89 Der römische Dichter Martial (40–103/104 n. Chr.) fordert in seinem Gedicht, das zur Zeit der Saturnalien spielt, den jungen Mundschenk auf, ihm Wein einzugießen und ihn dann nach dem Vorbild Catulls (84–54 v. Chr.) zu küssen90, einem römischen Dichter vor Martials Lebzeiten, der hungrig und unersättlich nach den Küssen seiner geliebten Lesbia war.91 Aus den Texten der Römer, aber auch der Griechen spricht eine gewisse Unbekümmertheit, ihre Götter und Helden mit Küssen zu verehren. Im griechischen Megara gab es sogar einen „heiligen Kusswettbewerb“, bei dem die Grabstele des Diokles von Megara von jungen Knaben um die Wette geküsst wurde. Gewinner wurde derjenige, der seine Lippen am zärtlichsten auf die Stele presste.92 Theokrit beschreibt es folgendermaßen: „wer am besten vermochte, Lippen auf Lippen zu pressen, kehrt sodann schwer mit Kränzen beladen zu seiner Mutter zurück.“93 Möglicherweise war auf der Grabstele ein Abbild des Diokles, das die Jungen küssen mussten. Die Schlussfolgerung ergibt sich aus Theokrits Aussage, dass Lippen aufeinandergepresst werden mussten. Und Aristophanes beschreibt den Chorgesang der athenischen Frauen bei den „Thesmophoriazusen“, einem Fest zu Ehren der Göttin Leto und ihrem Sohn Apoll, als „weiblich zart, so zungenküsselüstern, so schnäbelnd süß.“94 Erotisch frivole Gedanken während der kultischen Feierlichkeiten zu Ehren der Götter waren demnach kein Affront gegenüber den Himmlischen. Zudem gibt uns die Textstelle auch noch Aufschluss über die Kussgewohnheiten der Griechen. Zungenküsse waren also bekannt und beliebt. 89 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 161. 90 Vgl. Mart. Ep. XI, 6. 91 Vgl. Cat. c. 5. 92 Vgl. Pierer, Encyclopaedisches Woerterbuch, S. 398. 93 Theokrit, Gedichte, S. 194. 94 Aristoph. Thesm. 130–132. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 22 Der Sachkuss Neben Küssen zwischen Menschen und Göttern, gab es im sakralen Bereich auch den Sachkuss. Durch die Berührung von Gegenständen, von denen man glaubte, dass ihnen eine gewisse göttliche Kraft innewohnt oder sie eine Verbindung zum Göttlichen haben, „hat der Mensch teil an dieser Heiligkeit.“95 Der griechische Schriftsteller Plutarch beschreibt, dass der römische Diktator Sulla bei Schlachten immer ein Bildnis von Apoll um seine Brust trug, welches er küsste und zu welchem er sprach, weil er an dessen Wirkmächtigkeit glaubte (Plut. Sull. 29).96 Die Römer glaubten auch, dass die Hausschwelle heilig und der Vesta geweiht ist. Der Gedanke ergibt sich aus der separierenden Funktion der Schwelle, da sie zum einen die Trennung, aber zum anderen auch den Übergang von einem in den anderen Lebensbereich kennzeichnet. Außerdem bewohnten sie gute und böse Geister, „die respektiert, gewonnen und abgewehrt sein wollten.“97 Dies war mehr als Grund genug, die Türschwelle zu küssen. Öfter jedoch wurde die Tempelschwelle als die Hausschwelle geküsst.98 In späterer Zeit sollen laut dem römischen Schriftsteller Arnobius auch kranke Christen zu den Schwellen der Tempel geeilt sein und diese geküsst haben, um die Götter um Heilung zu bitten (Arnob. I, 49).99 Nicht nur die Türschwelle, speziell die Tempelschwelle, war heilig, sondern auch der Tempelboden, den man küsste, um mit den Göttern in Kontakt zu treten, damit sie die Bitten erhörten (Cass. Dio 41.9.2).100 Der Brauch, Dinge zu küssen, die etwas Heiliges an sich haben, wie Abbilder, Statuen, später Reliquien und viele Dinge mehr, wird sich nicht nur in römisch-griechischen und jüdischen Verhaltensweisen zeigen, sondern findet sich, wie die Arbeit später zeigen wird, auch in christlichen und islamischen Bräuchen wieder. 3.2.1.4 95 Harst, Der Kuss, S. 168. 96 Vgl. ebd., S. 160. 97 Vgl. Stiefelhagen, Theologie, S. 113. 98 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 169f. 99 Vgl. ebd., S. 173. 100 Vgl. ebd., S. 172. 3.2 Formelle Küsse 23 Küsse im politischen Rahmen Kusshand und Fußkuss Die Proskynese diente ursprünglich der kultischen Verehrung, jedoch degenerierte sie, man kann sagen ab Alexander des Großen (356–323 v. Chr.), zur Geste im Herrscherkult. In diesem geschichtlichen Wendepunkt kam es zur zunehmenden Vergöttlichung der griechischen und römischen Herrscher. Das Selbstverständnis Alexanders forderte von den Untertanen die Proskynese, sowohl im Fußkuss als auch in der Kusshand.101 Plutarch beschreibt Alexanders Auftreten als „sehr stolz und ganz durchdrungen von seiner göttlichen Abkunft und Gotteskindschaft.“102 Obwohl den Römern der Kaiserkult, der durch Alexander den Großen nach Griechenland gebracht wurde, schon länger bekannt war, kam es in Rom erst ab Kaiser Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.) zu sichtbaren Ausprägungen desselben. Zum einen war die Verehrung des Kaiserbildes mit der Kusshand Teil des Staatskultes, zum anderen wurde von den Untertanen auch eine huldigende Begrüßung verlangt, die sich in Hand- oder Fußkuss wie beispielsweise bei dem Tyrann Caligula (12–41 n. Chr.) ausdrückte.103 Den Missbrauch einer ursprünglich kultischen Geste für profane Zwecke nennt Johannes Horst die „Entartung der Anbetung in der Anbetung des Menschen, [da] […] das Geschöpf anstelle des Schöpfers in den Religionen verehrt wurde.“104 Die Kusshand wurde allmählich zur Höflichkeitsfloskel. „Was von der Kusshand blieb, ist das Zeichen der Zuneigung, innig oder auch flüchtig, das wir im Gruß zum Ausdruck bringen, wenn jemand nicht erreichbar ist.“105 Im Gegensatz zur Kusshand ist der Fußkuss ein Verehrungsgestus, der Demut ausdrückt, aber auch einen negativen Beigeschmack von Unterwerfung und Wehrlosigkeit in sich trägt. Alföldi sieht es als erwähnenswerten Fakt, dass neben dem adorandum auch das tremen- 3.2.2 3.2.2.1 101 Vgl. Arr. an. 7,11,1. 102 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 221. 103 Vgl. ebd., S. 225. 104 Horst, Proskynein, S. 121. 105 Harst, Der Kuss, S. 206. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 24 dum seinen unheimlichen, zu Demut und kniefälliger Anbetung zwingenden Druck bei der Vergötterung der schicksalsbestimmenden Machtmenschen ausgeübt habe. Dieses tremendum erzöge zur emotionalen Unterwürfigkeit.106 Mit dem Stolz der Griechen war das nicht vereinbar. Alexander hat „die göttliche Verehrung von den Hellenen für sich gefordert, nur von ihnen, nicht von den Makedonen; deren Glauben ist die Menschenvergötterung immer fremd geblieben.“107 Aber nicht nur die Griechen hatten ein psychologisches Problem, vor ihrem Kaiser die Proskynese auszuführen. Den Römern war dabei auch nicht wohl, wie Epiktet zu berichten weiß. Er vergleicht dabei den freiwilligen, verführerischen und schmeichelnden Fußkuss für eine Sklavin mit dem Fußkuss für den Kaiser, den der Küssende in diesem Kontext eher als Tyrannei und nicht als Ehrerbietung empfinden würde (Epikt. IV, 1.17).108 Eng mit dem Fußkuss verwandt ist, aufgrund seiner Ausführung in Bodennähe, der Kniekuss. Von ihm berichtet Homer als Odysseus, um sein Leben zu retten, vor dem ägyptischen König niederkniet, dessen Knie umarmt und sie küsst.109 Der Glaube an einen rettenden bzw. heilenden Kniekuss war auch im römischen Kaiserreich verbreitet. So soll nach der Überlieferung der „Scriptores Historiae Augustae“ eine erblindete Frau das Knie des Kaisers Vespasian geküsst haben und dadurch gesundet sein.110 Diese Beispiele zeigen, dass der Kuss, auch wenn er kein Lippenkuss ist, eine emotionale Handlung ist, die aus dem Innersten des Menschen kommen sollte, da sie eine Beziehungshandlung ist. Ein Kuss wider Willen in demütiger Haltung ist für den Küssenden eine seelische Belastung. Der Handkuss Sowohl im alten Rom, als auch in Griechenland war in späterer Zeit neben Fußkuss und Kusshand auch der Handkuss für Privilegierte üb- 3.2.2.2 106 Vgl. Alföldi, Der Vater, S. 131. 107 Wilamowitz-Moellendorf, Der Glaube, S. 261. 108 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 228. 109 Vgl. Hom. Od. XIV, 276–279. 110 Vgl. SHA, Hadrian, 25, 1–3. 3.2 Formelle Küsse 25 lich.111 Die gleiche Verehrung forderten neben den Herrschern auch wichtige Staatsmänner und Feldherrn für sich ein.112 Dass der Handkuss in Rom existierte, sagt noch nichts über die Häufigkeit von dessen Ausführung aus. Nach Harst war der Handkuss am römischen Hof wohl weniger üblich. Wenn die Hand aber geküsst wurde, so wurde die Rechte geküsst. Die Hand wurde „als Kraftträger betrachtet, in dem die Potenz des Individuums gesammelt war und durch den sie weitergeleitet oder entzogen werden konnte.“113 Des Weiteren steht die Hand für „die ganze Person; sie ist körperliche Manifestation ihrer geistigen Absicht.“114 Zudem steht sie für „herrscherliche […] Macht und richterliche […] Gewalt [und] […] ist Sinnbild numinoser Kraft schlechthin.“115 Das Küssen der rechten Hand umfasste viel mehr als die bloße Ausführung einer Huldigungsgeste. Der Kuss umfasste die gesamte geküsste Person und im Moment des Kusses fand ein Austausch von Kräften statt. Plinius beschreibt in seiner Naturgeschichte den Handkuss explizit: „Man ergreift sie (die rechte Hand), um sie auf der Rückseite zu küssen und streckt sie beim Schwur aus.“116 Der Handkuss konnte, genauso wie der Fußkuss, eine für den Küssenden demütigende Geste sein, da ein Handkuss ohne das Beugen von Rumpf und Kopf nicht möglich ist. Neben der Bedeutung als Huldigungsgeste, war ein Handkuss nicht selten schmeichlerischer Natur und wollte das Gegen- über milde stimmen.117 Der Lippenkuss In der frühen Kaiserzeit war es neben dem Fuß- und Handkuss sowie der Kusshand nicht unüblich, dass der Kaiser die „ansehnlicheren“ Besuche auf den Mund küsste, da es „unter seinesgleichen“ üblich war.118 „Die Herrscher ließen ihre Statuen in den Tempeln zur Anbetung aufstellen; man redete sie mit Deine Göttlichkeit (numen tuum) an und 3.2.2.3 111 Vgl. Binder, Art. Kuß, Sp. 940. 112 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 231. 113 Ebd., S. 229. 114 Kötzsche, Art. Hand II, Sp. 403. 115 Ebd. 116 Plin. nat. XI, 250 zit. n. Harst, Der Kuss, S. 233f. 117 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 234. 118 Vgl. Seeck, Geschichte, S. 7. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 26 nannte alles, was ihnen zugehörte, göttlich, himmlisch, heilig.“119 Der Mund- bzw. Lippenkuss ist nicht ganz unstrittig. So meint Binder, dass die meisten dieser Begrüßungsküsse Wangenküsse waren.120 Jedoch scheint mit der Kaiserzeit der Lippenkuss einen Aufschwung erlebt zu haben, der jedoch nicht im Sinne aller Kaiser war. Tatsächlich muss vom Lippenkuss so inflationär Gebrauch gemacht worden sein, dass Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.)121 per Edikt die cotidiana oscula verbot.122 So war es Tradition, dass der Kaiser, wenn er geschäftlich die Stadt verließ, sich von den Senatoren küssend verabschiedete und diese bei seiner Rückkehr auch auf gleiche Art und Weise begrüßte.123 Harst nimmt an, dass Tiberius, der einen Widerwillen gegen die Menschen hegte,124 hinter diesem Erlass seine Menschenfeindlichkeit verstecken konnte, indem er sein Vorgehen als hygienische Maßnahme zum Schutz der Oberschicht tarnte.125 Vössing meint hingegen, dass diese Küsse nicht auf den Mund, sondern auf die Wangen gegeben wurden, da auch der Wangenkuss als Begrüßungsritual sowohl privat als auch öffentlich verbreitet war. Er argumentiert mit den Floskeln der salutatio bzw. der resalutatio und dem Verb reddere, die in Kontexten der Begrüßung bzw. des Abschieds oft verwendet wurden. Die Angst vor dem bei Martial häufig belegten os impurum (Mart. 1,83; 2,10; 10,22; etc.), dem unreinen Mund, unterstreicht seine These.126 Dass der Mund besonderer Reinlichkeit bedarf, hat auch Apuleius in seiner „Apologia“ zum Ausdruck gebracht, da ihn „der Mensch doch in aller Öffentlichkeit und Sichtbarkeit am häufigsten braucht, ob er nun jemand einen Kuss gibt oder mit einem plaudert oder im Hörsaal vorträgt oder im Tempel Gebete verrichtet.“127 Das heißt der Mund ist zudem ein Ort, wo sich Bakterien tummeln, die Krankheiten und schlechte Gerüche erzeugen, die auch in der Antike als unangenehm empfunden wurden. 119 Seek, Geschichte, S. 7f. 120 Vgl. Binder, Art. Kuß, S. 940. 121 Vgl. Hanslik, Art. Tiberius, Sp. 814; 817. 122 Vgl. Suet. Tib. 34. 123 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 244. 124 Vgl. Baar, Das Bild, S. 37. 125 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 244. 126 Vgl. Vössing, Mensa, S. 453. 127 Apul. apol. 7,2. 3.2 Formelle Küsse 27 Ein schönes Beispiel für den Lippenkuss ist der Beschluss des Zweiten Triumvirats zwischen Octavian, Antonius und Sextus, von dem Cassius Dio in Buch 48 berichtet. Obwohl es einige Übersetzungen gibt, dass sich die drei Männer nach Abschluss des Bündnisses nur umarmten,128 steht bei Dio eindeutig küssen, in der Form von ἐφίλησαν.129 Aber schon zuvor bei der Beendigung des Partherkriegs gegen den armenischen König Tiridates I. kam es zwischen diesem und dem römischen Vertreter Corbulos zu einem einigenden Kuss, wie Tacitus in seinen Annalen berichtet (Tac. ann. XV, 29.1).130 Harst geht hier so weit zu sagen, dass bei diesen Küssen auch die Hauchseele übertragen wird, die die Einheit und Einigung der beiden feindlichen Parteien noch besser bestätigt. Wesen und Bedeutung der Hauchseele werden in Kapitel 3.4.2 noch ausführlich beschrieben werden. Da durch den Lippenkuss unmittelbar Gemütsbewegungen und Gefühle übermittelt werden, kann ein Kuss in solch einem historischen Augenblick kaum lügen. Kaiserliche Küsse verdienten besondere Aufmerksamkeit, denn die Art des Kaiserkusses, ob auf Mund oder Wange, die Emotionalität, die der Kuss beinhaltete, und viele weitere kleine nonverbalen Zeichen und Gesten zeigten an, ob jemand in der Gunst des Kaisers stand oder nicht.131 Kaiser Diokletian (244–311 n. Chr.) schaffte den Kaiserkuss im Sinne eines Lippenkusses fast gänzlich ab. So konnte lediglich der Glückliche, der einen solchen Kuss des Kaisers empfing, dies als Auszeichnung verstehen.132 Der Lippenkuss wurde stattdessen vom Sachkuss abgelöst. Das heißt es wurde nun nicht mehr eine Stelle des kaiserlichen Körpers geküsst, sondern ein Zipfel des Purpurgewandes, wodurch aber die Intimität verloren ging.133 128 Vgl. Cary, Dio’s Roman, S. 297. 129 Vgl. Cass. Dio 48, 37.1. 130 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 242. 131 Vgl. ebd., S. 246. 132 Vgl. ebd., S. 253. 133 Vgl. Seeck, Die Geschichte, S. 7. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 28 Küsse in Klientelverhältnissen Die römische Gesellschaft war nach dem System einer Klientelgesellschaft aufgebaut und definierte sich über die Abhängigkeiten zwischen Mächtigeren, den patroni, und Schwächeren, den clientes.134 So verwundert es nicht, dass man in diesem System bestimmte Rituale einführte, die sowohl dem Patron als auch dem Klienten das Herrschaftsgefüge vor Augen führten. Das allmorgendliche Begrüßungsritual, die salutatio, bestand darin, den Patron mit einem Kuss zu begrüßen. Ob der Kuss ein Lippenkuss oder Wangenkuss in der frühen Kaiserzeit war, ist nicht belegt. Vermutlich wird es der Patron nach eigenem Ermessen entschieden haben, welchen Klienten er wie begrüßen möchte. Das Klientelwesen weitete sich ab der Kaiserzeit aus. „Man hofierte Freunde, Gönner und politisch Einflussreiche. Die Zahl der Morgenbesucher wurde ausschlaggebend für Ansehen und Einfluss einer Persönlichkeit.“135 Die salutatores wurden in Klassen eingeteilt und entsprechend zugelassen.136 Gegen Ende des ersten Jahrhunderts war es üblich, dem Patron Hand, Brust oder Knie zu küssen.137 Der Klient hingegen wurde mit Handschlag begrüßt. In der frühen Kaiserzeit bekam er dazu einen Kuss.138 Auch die Freilassung eines Sklaven wurde mit Küssen begangen. Die Freilassung war ein Fest, das zeremoniell begangen wurde.139 Dem Sklaven wurde dabei eine Filzkappe aufgesetzt und er wurde von seinem Herrn und den geladenen Gästen mit einem Kuss in die Gemeinschaft der Freien aufgenommen.140 Griechenland war vor der Eroberung durch die Römer frei von solch einer Gesellschaftsordnung. Die griechische Gesellschaftsordnung gründete sich stattdessen auf die Abhängigkeit von einer konkreten Person. Diese Abhängigkeit konnte aber im Gegensatz zum alten Rom nicht über Generationen hinweg und innerhalb der Familie wei- 3.2.3 134 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 416. 135 Ebd. 136 Vgl. Groß, Art. salutatio, Sp. 1524. 137 Vgl. Hurschmann, Art. salutatio, Sp. 1270f. 138 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 417. 139 Vgl. Neumeister, Das antike Rom, S. 204. 140 Vgl. Dölger, Antike, S. 196. 3.2 Formelle Küsse 29 tergegeben werden.141 Es existierten zwar bestimmte Abhängigkeitsverhältnisse zwischen „sozial und wirtschaftlich Ungleichen“, aber solche Verhältnisse entwickelten sich eher innerhalb von Nachbarschaftsbeziehungen, wenn ein Bauer Ärmere aus seinem Dorf unterstützen wollte.142 Zwar gab es auch im antiken Griechenland Sklaven, jedoch nicht in dem Maße, wie es sie in Rom gab. Das Forschungsfeld über die Sklaverei im alten Griechenland liefert aufgrund der schlechten Quellenlage ein eher rudimentäres Bild. Tatsache ist, dass „Strukturen von lokal wirksamer Patronage und persönlicher Patronage auf der Ebene der gesamten Polis nicht institutionalisiert [wurden].“143 Küsse in diesen Verhältnissen waren eher unüblich. Bei den Griechen findet sich zudem der Handkuss in einem sozial hierarchischen Gefüge bei Götteropfern, wie Theobald Kron schreibt: „Unter den Griechen küßte der Arme dem Reicheren die Hände bei den Opfern, die dieser den Göttern gab, um ihn dadurch zu ehren.“144 Private Küsse Küsse in Familie und Freundschaft Küsse innerhalb der Familie, die Eltern ihren Kindern geben oder umgekehrt, waren in der Antike Gang und Gebe. Das Ritual eines allmorgendlichen Kusses scheint bei den Römern sehr wahrscheinlich.145 Sowohl in Griechenland als auch in Rom waren jedoch speziell für Frauen nur Küsse innerhalb der Verwandtschaft erlaubt. Das im alten Rom eingeführte ius osculi regelte die Küsse der Frauen in verwandtschaftlichen Beziehungen, so war es ihnen gestattet Verwandte nur bis zum 6. Grad zu küssen.146 Hierbei handelte es sich nach Vössing um einen Mundkuss.147 Diese Vorschrift sollte nach Plinius die Frauen daran 3.3 3.3.1 141 Vgl. Seelentag, Das archaische Kreta, S. 531. 142 Vgl. ebd. 143 Ebd. 144 Kron, Kuß, S. 1. 145 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 386. 146 Vgl. Schneider, Ius, Sp.1284f. 147 Vgl. Vössing, Mensa, S. 453. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 30 hindern zu viel Wein zu trinken. Ein Begrüßungskuss hätte die nach Wein riechenden Frauen nämlich sofort enttarnt. Plutarch hingegen sieht in der Kuss-Regelung eher einen Codex für die Eheschließung von Verwandten. Denn bis zum 6. Verwandtschaftsgrad war es Frauen dadurch nicht erlaubt, eine Ehe mit den nächsten Verwandten einzugehen. Die letzte Erklärung ist auch die wahrscheinlichere.148 Der Begrüßungskuss war verpflichtend. Ausgenommen war davon ein Kuss des Ehemanns in der Öffentlichkeit. Der Begrüßungskuss, ein osculum, sollte dadurch seine sexuelle Konnotation verlieren und stattdessen die innige Verbindung zu den Verwandten zeigen, die als incesta galt.149 Neben Küssen innerhalb der Verwandtschaft küssten sich auch Freunde im alten Rom gerne. Jedoch werden Freundschaftsküsse nur von Männern, aber nicht von Frauen berichtet. Der öffentliche Begrüßungskuss war bei Griechen und Römern in früher Zeit jedoch unbekannt. Die orientalische Hofetikette nahm Einfluss auf beide Kulturen, wodurch erst ab der hellenistischen Zeit öffentliche Begrüßungsküsse zwischen Freunden und Verwandten üblich waren. Auch zum Abschied wurde geküsst.150 Ovid berichtet von einem Abschiedskuss zwischen sich und seinem Freund Carus, der ihn unter Tränen küsst. Ob das nun ein Mundkuss war, sei dahingestellt.151 Fest steht nur, dass Mundküsse zwischen Männern im alten Rom gängiger Brauch waren: man küsste Bekannte auch auf der Straße.152 Aber auch in Griechenland ist ersichtlich, dass der gleichgeschlechtliche Kuss alltäglich war, denn es werden viele „historische“ Wiedersehens- und Begrüßungsküsse ab der hellenistischen Zeit beschrieben.153 Bei Griechen finden sich sowohl unter Bekannten, als auch Unbekannten Küsse auf Antlitz, Haupt oder Schulter, aber weniger auf den Mund.154 Geküsst haben beide Völker gerne und viel. So viel, dass der römische Dichter Martial die Kusseuphorie als Anlass zum Lästern in 148 Vgl. Schneider, Ius, Sp. 1284f. 149 Vgl. Harders, Suavissima soror, S. 24. 150 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 408. 151 Vgl. Ov. trist. 3,15–16. 152 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 410. 153 Vgl. ebd., S. 409. 154 Vgl. ebd., S. 400. 3.3 Private Küsse 31 einem seiner Epigramme nimmt, indem er das Kusschaos in Rom beschreibt, wo jeder jeden küsst. Selbst Lesbia wäre es unmöglich gewesen ihrem Catull, der so viele Küsse von ihr einforderte, jemals so viele Küsse geben zu können, wie man bei einem Besuch, laut Martial, in Rom bekommt.155 Der Kuss in erotischen und sexuellen Beziehungen Von wirklichen Liebesküssen wird bei den Römern und Griechen sehr wenig berichtet. Dafür gibt es eine Fülle an Beschreibungen erotischer Küsse mit der Geliebten oder dem Geliebten. Der eheliche Kuss findet dagegen kaum Beachtung. Grund dafür war der Stellenwert der Ehe. In beiden Kulturen wurde nicht aus Liebe geheiratet, sondern aus Besitzgründen, um Erbansprüche geltend zu machen oder seine politischen und gesellschaftlichen Beziehungen so zu festigen.156 „Die Römer waren der Überzeugung, dass Liebesleidenschaft eines freien Mannes nicht würdig war, machte sie ihn doch zum Sklaven einer Frau.“157 Bezüglich Homosexualität hatten Römer und Griechen eine ähnliche Einstellung. Bei griechischen Symposien gab es nicht nur Musik und Vorträge, sondern auch Geschlechtsverkehr mit Hetären und jungen Männern.158 Die Knabenliebe, die sogenannte Päderastie, genoss in Rom nicht die gleiche Beliebtheit wie in Griechenland. Sie galt eher „als nervenschonendes Vergnügen, das die Seele nicht aufwühlte.“159 Küsse zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern waren nicht nur unter Menschen verbreitet. Besonders das Verhältnis zwischen dem Göttervater Zeus und seinem Mundschenk Ganymed sollte in diesem Zusammenhang Erwähnung finden, welches Lukian jedoch als recht einseitiges beschreibt, wenn er Zeus sagen lässt: „Das wird mir eben das angenehmste sein, wenn ich […] dich nach Herzenslust küssen und umarmen kann.“160 Von Liebesbeziehungen zwischen zwei 3.3.2 155 Vgl. Mart. 12,59. 156 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 347. 157 Ebd., S. 347. 158 Vgl. ebd., S. 280. 159 Ebd. 160 Lukian, Göttergespräche, 4 zit. n. Harst, Der Kuss, S. 281. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 32 Frauen gibt es kaum Zeugnisse, da sich nur Frauen aus dem Hetärenstand die Freiheit nehmen konnten sich miteinander zu vergnügen, da sie ungebunden waren.161 Es ist wieder Lukian, der von der Liebe zwischen zwei Frauen berichtet. Er schreibt von dem frisch vermählten Ehepaar Megillos und Demonassa, die sich zu ihrem sexuellen Vergnügen eine Hetäre ins Schlafzimmer holten.162 Die Liebesdichtung in Rom machte Catull salonfähig, der besonders für seine Kussgedichte berühmt war, die an seine geliebte Lesbia gerichtet waren: „Da mi basia mille, deinde centum,dein mille altera, dein secunda centum, deinde usque altera mille, deinde centum!“ (Cat. c. 5,7–9). Ovid folgte Catulls Vorbild und schwang sich zum Berater in Liebesdingen auf. In seiner Ars amatoria gibt er Anweisungen für das Liebesspiel, in welchem dem Kuss eine besondere Bedeutung zukommt. Er ist der Initiator jeder sexuellen Begegnung, er ist die „Geburtsstunde“ eines jeglichen Liebesspiels. Auch sind Fußküsse von Ovid empfohlen worden.163 Sehr derb und obszön hingegen, indem er sich des Vulgärlateins bedient, beschreibt der römische Schriftsteller und Senator Petron in seinem Satyricon das Priapus-Fest, bei dem keine erotische Vorliebe nicht bedient wurde. Seine vulgäre Wortwahl und die von der Leserschaft als anstößig empfundenen Texte haben ihm den Eingang in die höhere Literatur verwehrt.164 Auffällig in den griechischen Romanen ist beim Liebeskuss der Zusammenhang zur Seele der Küssenden. So wird besonders vor der Ehe „die Reinheit eines jungen Mannes immer wieder betont, wenn es um die große Liebe zu der Auserwählten geht. […] Würde der Mann eine andere küssen, so hätte er damit sich und seine Seele einer anderen geschenkt.“165 Umgekehrt wird natürlich auch die Einhaltung der Reinheit seitens des Mädchens gefordert, was aber in einer patriarchalischen Gesellschaft stille Voraussetzung ist.166 Auch im Abschiedskuss lässt sich die Seelenübertragung erkennen, wenn Harst schreibt: „Mit dem [Abschieds]kuss wollen Liebende ein Stück des Geliebten aufneh- 161 Vgl. Harst, der Kuss, S. 298. 162 Vgl. ebd. 163 Vgl. Ov. ars III, 533–534. 164 Vgl. Kroll, Kuss, S. 511f. 165 Harst, Der Kuss, S. 334f. 166 Vgl. ebd., S. 335. 3.3 Private Küsse 33 men und bewahren.“167 Zur Übertragung des Seelenhauches wird im Kapitel 3.4.2.2 „Der Kuss Sterbender“ noch genauer eingegangen werden. Letztendlich konnte in der römisch-griechischen Antike Sexualität uneingeschränkt ausgelebt werden, da sie unter dem Schutz der Götter stand. So ist Homer davon überzeugt, dass alle Handlungen und Taten der Menschen von den Göttern geleitet werden.168 Tabus im außerehelichen Geschlechtsverkehr gab es auch keine. Die Liebe wurde gelobt, besungen und gefeiert. Sich Küssen und Lieben erinnern in dem Ausmaß schon fast an gottesdienstliche Handlungen, wenn sich die Menschen dabei im Dienst der Göttin Venus stehen sehen, wie beispielsweise der augusteische Dichter Horaz.169 Weitere Küsse Der Kuss des Verrats Der Judaskuss ist nicht der einzige prominente Kuss des Verrats in der Antike. Bei der Ermordung Caesars spielten Küsse eine nicht unerhebliche Rolle, da sie, zunächst als schmeichlerische Küsse getarnt, die Absichten von den Verschwörern gegen Caesar, Brutus und Cassius, verschleiern sollten, um bei Caesar keinen Verdacht zu erregen. Plutarch berichtet in seiner Biographie „Brutus“ detailliert über die Ermordung des Imperators. An den Iden des März im Jahr 44. v. Chr. wird Caesar im Senatssaal heimtückisch ermordet. Um Caesar für ihr Vorhaben möglichst nahe zu kommen, schicken die Verschwörer Tillius Cimber vor, der Caesar unter Küssen auf Brust und Haupt darum bitten soll, seinen in der Verbannung lebenden Bruder zu begnadigen. Währenddessen umringen die anderen Verschwörer Caesar und fassen ihn an den Händen und küssen diesen auch. Als Caesar Tillius‘ Bitte ablehnt, reißt dieser ihm die Toga von der Schulter und der Mitverschörer Casca gibt Caesar den ersten Dolchstich. Caesar starb daraufhin an 3.4 3.4.1 167 Harst, Der Kuss, S. 332. 168 Vgl. Hom. Il, IX,49. 169 Vgl. Hor. Od. III,26. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 34 den vielen weiteren Dolchstichen, die ihm von den Verschwörern beigebracht worden waren.170 Der Hauchkuss Exkurs: Die Ursprünge des Hauchkusses in Ägypten Damit die Herkunft der Kusspraktiken und deren Bedeutung in der Antike, aber auch vorausgreifend auf das Alte Testament, nachvollzogen werden können, ist ein kleiner Exkurs in das alte Ägypten notwendig. Dort entstand nach mystischen Vorstellungen die Welt durch einen Kuss. In der Vorstellungswelt der Ägypter ist der Urzustand ein völliges Chaos, welches auch als „Nun“ bezeichnet wird.171 Dieses Chaos wurde von den Ägyptern vor „unendlicher Zeit“ als Urschlamm mit vielen möglichen Keimen des Werdens angesehen, aus welchem auch der Sonnengott Atum aus sich selbst hervorging.172 Atum ist somit der Urgott aller Götter und mit ihm entstanden auch seine Söhne Schu und Tefnut. Atum wird in den Schöpfungstexten oftmals mit dem Gott Re oder später Amun gleichgesetzt, der somit auch der Vater seiner Tochter Ma’at ist. So heißt es „O Re, der die Ma’at geboren hat, ihm wird die Ma’at dargebracht.“173 Ma’at bedeutet für die alten Ägypter „die numinose Verkörperung von Regel und Ordnung in Staat, Kosmos und Einzelleben.“ Sowohl die Götter als auch der irdische König brauchten die Ma’at, die das ägyptische Weltbild verkörperte und die Grundlage für Staat und Kult, Recht und Moral und für alles Leben bildete. Durch Ma’at entsteht die Welt, da sie das Chaos geordnet hat. Sie entstand durch einen Kuss des Atum bzw. Re: „da sprach Nun zu Atum: Küsse deine Tochter Maat, gib sie an deine Nase! Dein Herz lebt, wenn sie sich nicht von dir entfernt (CT II 34h–35c–d).“174 Sylva Harst sieht in diesem Kuss einen belebenden Kuss, der als konkreter Kuss zur 3.4.2 3.4.2.1 170 Vgl. Plut. Brut. 17. 171 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 27f. 172 Vgl. ebd., S. 28. 173 Assmann, Liturgische Lieder, S. 157. 174 Assmann, Tod und Jenseits, S. 81 zit. n. Harst, S. 28. 3.4 Weitere Küsse 35 „Beatmung“ der Welt führte.175 Die Beatmung geschieht in diesem Kuss durch die Nase, da es sich um einen Nasenkuss, der typisch ägyptisch ist, handelt. Küssen bedeutet nach Assmann im Ägyptischen einatmen. „Die Nase ist das Tor für den Atem, so dass ein Nasenkuss von einem Gott immer mit dem Aussenden und dem Empfangen des Lebenshauches verbunden ist.“176 Schon bei diesem Kuss zeigt sich, dass beim Küssen immer zwei beteiligt sind. Und so wie das Wort nach der Bibel „im Anfang“ war (Joh 1,1), so ist nach dieser ägyptischen Schöpfungslehre der Kuss „im Anfang“. Die Ägypter haben in der Nase gesehen, was später der Mund besonders im Alten Testament war: eine „Öffnung, durch die Atem und Wort fließen, die lebenserhaltende Nahrung zum Körper findet und, nicht zuletzt, der Einhauchung der Seele.“177 Den Seelenbegriff kannten die Ägypter nicht, aber man kann davon ausgehen, dass durch den Hauch etwas im Körper angestoßen wurde, wie beispielsweise das Herz, das das Gegenüber mit Leben erfüllte. Die Vorstellung von einer Belebung des Herzens findet sich an dieser Stelle bei Jan Zandee wider, der die oben zitierte Stelle wie folgt übersetzt: „Nun sprach zu Atum: ‚Atme deine Tochter ‚Wahrheit‘ ein, nachdem du sie an deine Nase gesetzt hast, damit dein Herz wieder auflebe […].‘178 Und auch der Sohn Atums, Schu, der Gott des Lebens wurde von seinem Vater aus der Nase „ausgehaucht“.179 Wie Schu zum Leben ausgehaucht wurde, so haucht er durch einen Nasenkuss der Welt Leben ein.180 Der älteste überlieferte Kuss ist ein Nasenkuss bzw. Riechkuss, da küssen mittels Hieroglyphen durch zwei sich berührende Nasen dargestellt wurde. Selbst in einem Zauberpapyrus, einem ägyptischen magischen Text, der auf das 7. bzw. 6. Jahrhundert vor Christus datiert ist, findet sich die Vorstellung einer Belebung der Lebewesen durch eine Hauchung durch die Nase.181 Jedoch scheint in diesem Fall sogar die Belebung durch den Mund bekannt zu sein. Diesen Punkt vernachläs- 175 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 28. 176 Ebd., S. 30f. 177 Best, Der Kuss, S. 142. 178 Zandee, Jan: Sargtexte. Spruch 80, in: ZÄS 101 (1974), S. 62–79, S. 73 zit. n. Harst, S. 28. 179 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 32. 180 Vgl. ebd. 181 Vgl. ebd., S. 40. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 36 sigt Sylva Harst bei der Analyse des Papyrus leider gänzlich, den Jan Assmann hingegen aufnimmt: „aus dessen Nase die Luft hervorgeht, um alle Nasen zu beleben, der als Sonne aufgeht, die Erde zu erhellen, aus den Ausflüssen dessen Leibes der Nil fließt, um jeden Mund zu beleben […].“182 Der Nil könnte metaphorisch für den Speichel des Belebenden stehen. Welche Rolle Hauch und Speichel in der Antike und im Alten Testament spielen, wird in den folgenden Kapiteln näher untersucht werden. Der Kuss Sterbender Der letzte Kuss, der in Bezug auf die griechische und römische Kusswelt Erwähnung finden sollte, ist der Kuss Sterbender. Unter Einbezug des Vorwissens aus Kapitel 3.4.2.1 sollte die Lebenskraft spendende Wirkung des Hauches deutlich geworden sein. Eine weitere Voraussetzung für das Verstehen des Kusses, ist das Wissen über die Bedeutung von πνεῦμα in seiner außerchristlichen Dimension. So bezeichnet πνεῦμα zunächst den Wind, Hauch oder Odem als einen Bewegungsprozess.183 Damit verbunden ist im Besonderen das Einatmen, das sich psychologisch „als Erfüllung, Beschwingtheit, Inspiration und Enthusiasmus dar[stellt].“184 Zudem hat das πνεῦμα nach antiker Vorstellung belebende Kraftwirkung und kann deshalb auch die Bedeutung ‚Leben‘ oder ‚lebendes Wesen‘ annehmen.185 Nach Aristoteles ist jedes Lebewesen in Besitz des „beseelenden Lebenshauches“.186 Zenon von Kition sieht den ganzen Kosmos als belebt an, dessen Ursache Gott ist. Dadurch ist das menschliche πνεῦμα „ein Teil des ‚göttlichen Geistes‘.“187 Die Vorstellung einer menschlichen Seele war auch den Naturvölkern bekannt, deren Totenriten deshalb denen der Römer ähnlich waren. So glaubte man, dass im Tod die Seelen der Vorfahren auf die Nachfahren übertragen werden könnten. Es war somit nicht ungewöhnlich, „daß im Augenblick des Todes ein Kind über den Mund des Sterbenden ge- 3.4.2.2 182 Assman, Eine Sinngeschichte, S. 344. 183 Vgl. Saake, Art. Pneuma, Sp. 387. 184 Ebd. 185 Vgl. ebd., Sp. 388. 186 Vgl. ebd., Sp. 391. 187 Ebd., Sp. 392. 3.4 Weitere Küsse 37 halten wurde, oder daß ein Angehöriger der Familie sich über ihn beugt, um seinen Atem aufzufangen.“188 Ähnlich beschreibt es Blümner, nämlich dass es auch bei den Römern nicht ungewöhnlich war, den letzten Hauch, den der Sterbende ausstieß, mit dem Mund aufzufangen.189 Meistens war derjenige, der sich über den Toten beugte ein Familienmitglied.190 Indem man den Hauch des Sterbenden in sich aufnahm glaubte man „die Wirkkräfte des Toten zu bewahren.“191 Vergil berichtet in seiner Aeneis vom Selbstmord der karthagischen Königin Dido, nachdem sie von Aenaes verlassen worden war. Didos Schwester Anna, findet die im eigenen Schwert Sterbende und sagt: „Vergönnt mir, daß ich mir klarem Wasser die Wunde wasche und wenn noch ein letzter Hauch über ihre Lippen kommt, will ich ihn mit einem Kuß auffangen.“192 Der Hauch als belebendes Element, ausgestoßen durch Mund oder Nase, war in der Antike und auch schon viel früher, wie es der Schöpfungsmythos der alten Ägypter belegt, ein weitverbreiteter Gedanke. Welche Formen, Bedeutungen und Wirkungen der Kuss im Judentum hat und ob es dort auch so etwas wie einen Hauchkuss gibt, hat das folgende Kapitel zum Gegenstand. 188 Wundt, Völkerpsychologie, S. 131. 189 Vgl. Blümner, Römische Privataltertümer, S. 483. 190 Vgl. Nillson, Early Orphism, S. 218. 191 Harst, Der Kuss, S. 493. 192 Verg. Aen. IV, 683–685. 3. Mund und Kuss in der Antike: Rom und Griechenland 38 Mund und Kuss im Judentum Der Mund und seine Sprechwerkzeuge im Judentum Der Mund Der anfängliche physiologische Exkurs über Mund und Kuss hatte auch Zunge und Lippen als essentielle Bestandteile des Mundes und als Kusswerkzeuge zum Gegenstand. Das Alte Testament ist reich an Beispielen über die Verwendungsweise von Mund, Zunge und Lippen in je unterschiedlichen Kontexten. Einige der Beispiele möchte ich herausnehmen, da der Mund mit dem Kuss unweigerlich verbunden ist und aus der Untersuchung von Organ und Phänomen möglicherweise neue Deutungsrichtungen erschlossen werden können, wenn sie zueinander in Beziehung gesetzt werden. Der Mund wird im biblischen Kontext in Bezug auf Essen, also die Nahrungsaufnahme durch den Mund, gebraucht (Ez 2,8) 193 und für die Beschreibung von Sprechakten (Jes 55,11; Jer 15,19; Num 12,8). Da die hebräische Sprache eine Vorliebe für metaphorische Beschreibungen hat, wird der Mund bisweilen auch als Gefäß bzw. Behälter (Ex 4,15) oder Erdspalte (Ex 4,15) beschrieben. Sexuell konnotiert ist der Mund zudem in Psalm 78,36194 und im Hohelied 1,2195 und 7,10196. Auffällig ist der Dualismus, den die Verwendung des Terminus Mund im Alten Testament aufweist. Er wird meistens entweder nur in einen positiven Zusammenhang gebracht (Mal 2,6), wenn es um das Sprechen weiser Worte geht, oder nur in einem negativen Zusammenhang gebracht, in dem der Mund nur Frevel oder Lügen äußert (Hi 20,12). Was aus dem Mund eines 4. 4.1 4.1.1 193 Die folgenden Bibelzitate stammen alle aus Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft (Hg): Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Bibeltext in d. rev. Fassung von 1984, Berlin/ Altenburg 41990. 194 Ps 78,36: „Doch betrogen sie ihn mit ihrem Munde.“ 195 „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes.“ 196 „Lass deinen Mund sein wie guten Wein.“ 39 Menschen kommt, ist nach alttestamentlicher Vorstellung gottgewollt, da Gott den Mund nach Ex 4,11 geschaffen hat. Besonders bei Hesekiel zeigt sich die Vorstellung göttlicher Eingebung (Ez 3,27), indem Gott dem Menschen den Mund auftut. Diese Kontrolle ist umso wichtiger, als der Mensch in ständiger Gefahr lebt, durch seinen Mund zu sündigen. Daher bitten Gläubige, „Herr, behüte meinen Mund und bewahre meine Lippen.“197 Psalm 141,3 verdeutlicht, wie wichtig die Lippen beim Sprechakt sind. Im Folgenden soll die Rolle von Lippen und Zunge näher beleuchtet werden, da ihre Semantik im Kontext stärker variiert, als die des Mundes und sie oftmals pars pro toto für den ganzen Mund stehen. Lippen und Zunge Das hebräische Wort für Lippe śāfāh bezeichnet die Lippe oder die Lefze eines Tieres, es kann aber auch im übertragenen Sinn für Sprache, Rede und Sprachfähigkeit stehen. Jedoch war es im Alten Orient common sense, dass sich in der Sprechweise eines Redners seine Charakterzüge spiegeln.198 Die Lippen im Alten Testament können aus rein körperlichen Aspekten zum Subjekt der Sprachhandlung werden, wie bei Hiob, dessen Lippen hadern (Hi 13,6). Manchmal wird das aktive Subjekt aber zum passiven Objekt degradiert, das böse Worte oder Lügen unbedacht an sich vorbeischlüpfen lässt (Num 30,13). Auch wird im Gegensatz zum Neuen Testament im Alten Testament der erotische Aspekt der Lippen genannt, indem ihre rote Farbe (Hl 4,3) gepriesen wird und sie als verführerisch gelten (Hl 5,13). Zudem verkörpert der Wein, der die Lippen benetzt (Hl 7,10), den Ausdruck sinnlichen Genießens. Daneben sind die Lippen, wie schon in Punkt 2.1 erwähnt, der Spiegel für Emotionen, wie Angst, Erregung oder Freude. Da die Lippen oftmals näher bestimmt werden, aber nicht in ihren physiologischen Eigenschaften, sondern in der Art ihrer Rede, lassen sie Rückschlüsse auf den Sprecher zu. So ist ein „Mann der Lippen“ (Hi 11,2) ein Vielredner, der viel Unnützes redet, um nur ein Beispiel 4.1.2 197 Ps 141,3. 198 Vgl. Müller, Lippen, S. 1. 4. Mund und Kuss im Judentum 40 zu nennen. Im religiösen Kontext wird der Begriff der Lippe im Bereich des Lobens, Verkündigens, Gelobens und Bekennens gebraucht. Dabei ist die Macht der Lippen, welche sie durch ihre Rede erlangen, nicht zu unterschätzen. So traut Jesaja den Lippen des verheißenen Herrschers zu, die Gottlosen mit dem Hauch seiner Lippen zu töten (Jes 11,4). Nicht ganz so drastisch beschreibt Psalm 140,10 das Unheil, welches Lippen, unter denen Otterngift lagert, über einen Menschen bringen können. Neben all diesen negativen Aspekten sind Lippen auch fähig weise zu sprechen (Spr 16,23) und einen Menschen zu ernähren (Spr 18,20). Auch finden sich anthropomorphe Vorstellungen der Lippen Gottes im Alten Testament, die meistens in Kontexten verwendet werden, die seine Kommunikationsfähigkeit und Zugewandtheit mit und zu den Menschen thematisieren. Aber auch Gerichtsvorstellungen über andere Völker, erwähnen die donnernde Stimme Jahwes und seine blitzende Zunge im Zuge einer „als Unwetter dargestellten Gerichtstheophanie“ in Jesaja 30,27.199 Ein Reinigungsritus der Lippen musste vollzogen werden, bevor die göttliche Weisung von Jesaja empfangen werden durfte oder bevor es Daniel erlaubt war, zu Gott zu sprechen. Damit war die Vorstellung verbunden, dass die Lippen Ausdruck sowohl positiver als auch negativer menschlicher Emotionen waren und somit auch Sündhaftes über die Lippen kommen könnte.200 Beim Anbrechen der Parusie wird Gott den Menschen nach Zef 3,9 reine Lippen geben, damit sie ihn anrufen können.201 Die genannten Aspekte sind nicht vollständig, sondern greifen überblickshalber nur einige wichtige Aspekte auf, die in Bezug auf den Kuss relevant sind. Wie die Lippen, bezeichnet auch die Zunge, hebr. lāšôn, das Körperteil des Menschen und des Tieres. Da die Zunge, wie auch die Lippen, bei der Erzeugung von Sprechakten eine große Rolle spielt, kann auch sie symbolisch für die Sprache an sich oder die Sprachgewandtheit eines Menschen stehen. Indem die Sprache im Alten Orient als Spiegel des menschlichen Charakters galt, lässt auch die Zunge Rückschlüsse auf die Gesinnung des Einzelnen zu. Die Zunge kann loben (Ps 51,16), Rechtes sprechen (Ps 35,28), aber auch verleumden (Ps 199 Vgl. Müller, Lippen, S. 5ff. 200 Vgl. ebd., S. 5. 201 Vgl. ebd,, S. 6. 4.1 Der Mund und seine Sprechwerkzeuge im Judentum 41 15,3). Wie die Lippen, wird die Zunge auch zum selbstredenden Subjekt: „Siehe, ich tue meinen Mund auf, und meine Zunge redet in meinem Munde.“202 Bis heute gibt es auch das Sprichwort „seine Zunge hüten“ (Spr 21,23), das eine Eigenständigkeit der Zunge impliziert, die oftmals anfängt zu reden, bevor die Gedanken überhaupt geordnet und kontextadäquat geantwortet werden kann. Dass die Zunge zudem eng mit Emotionen und inneren Vorgängen verbunden ist, zeigt auch das Sprichwort „das Herz auf der Zunge“ tragen. Das apokryphe Buch Jesus Sirach verwendet darin den Spruch: „Die Narren tragen ihr Herz auf der Zunge; aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen“ (Sir 21,28). Zudem ist die Zunge der Hauptsitz der Lüge. Die Idiome „mit glatter Zunge sprechen“ (Spr 6,24), „mit betrügerischer Zunge sprechen“ (Ps 52,6) spielen beide auf den schlechten Charakter des Menschen und keine einmalige Fehlhandlung an. Ähnliches verdeutlicht auch der Ausdruck „mit gespaltener Zunge“ sprechen, der auf den alttestamentlichen Sündenfall anspielt, seitdem die Schlange mit ihrer gespaltenen Zunge der Inbegriff von Hinterlist und Tücke ist. Die Ambivalenz der Zunge zeigt sich auch darin, dass sie sowohl den Tod als Waffe (Jes 54,17), geschliffenes Messer (Ps 52,4) oder Pfeil (Jer 9,2–7) bringen kann203, als auch Leben, indem ihre Rede zuweilen heilende Wirkung entfalten kann.204 Gott selbst ist nach Jes 30,27 auch Besitzer einer Todeszunge, da sie in Jesaja eine Wirkung wie verzehrendes Feuer besitzt. Begrifflichkeiten Das hebräische Wort für „küssen“ ist in vokalisierter lateinischer Schriftsprache nāšaq. Die Etymologie der Wurzel nšq ist nicht klar. Barth leitet sie aus dem Arabischen mit der Bedeutung „an etwas riechen, den Odem einschlürfen“ ab, jedoch gibt es ein viel weiteres Bedeutungsspektrum, so dass nšq auch „sich rüsten“ oder „sich wappnen“ heißen kann, welches auf das arabische nasaqa zurückgeführt 4.2 202 Hi 33,2. 203 Vgl. Müller, Zunge, S. 3. 204 Vgl. ebd. 4. Mund und Kuss im Judentum 42 wird, welches „aufreihen, aneinander fügen“ bedeutet.205 Im Alten Testament ist die Wurzel nšq insgesamt 32 Mal belegt. Es wird in Kontexten intensiver Liebesbeziehungen, verwandtschaftlicher Verbundenheit und als Zeichen unterwürfiger Ehrerbietung gebraucht. „Das Verb kommt in den folgenden Stämmen mit diesen Bedeutungen vor: qal „küssen“; s. berühren (Gen 41,40); pi „viel und lange küssen“ (Ps 2,12); hiph „aneinander stoßen“ (vielleicht „sich hörbar berühren“)“206 Wie auch im Griechischen haben im Hebräischen das Verb „küssen“ und das Substantiv „Mund“ keinen gemeinsamen Stamm. Pæh ist das hebräische Wort für Mund als Sprechorgan,207 wird aber auch explizit als Kusswerkzeug in 1 Kön 19,18 erwähnt. Jedoch wird zwischen dem Mund als Sprechorgan und dem Mund als Esswerkzeug unterschieden. Denn „Hunger“, „Schlund“ und „Begierde“, alles Nominative, die mit dem Essen in Verbindung stehen, liegen in der jüdischen Vorstellung anatomisch etwas weiter hinten im Mund, eher schon im Übergang zur Kehle. Das hebräische Äquivalent ist für diese Begrifflichkeiten næpæš. Das Femininum næpæš ist ein ursprüngliches Nomen, das nicht von einer Verbalwurzel abgeleitet werden kann. Im Zusammenhang mit dem Hauchkuss, ist eine nähere Betrachtung von næpæš aufgrund ihrer Bedeutungsvielfalt sinnvoll und ergiebig.208 Die Grundbedeutungen sind „Schlund“, „Rachen“ und „Kehle“, die das Wort in seinen Grundfunktionen als Sättigungs- und Atmungsorgan beschreiben. Zwischen Speiseröhre und Luftröhre wird nicht unterschieden. Im Essenskontext gibt es auch die Übersetzungsmöglichkeit mit „Gier, Begierde und Verlangen“, wenn man an das schnelle Verschlingen denkt. Auch bezeichnet es den Hunger. Die Begierde kann aber auch auf den erotischen Bereich übertragen werden.209 Næpæš kann auch die Bedeutung „Atem“ annehmen. Auf diese Bedeutung werde ich im Zusammenhang mit Gen 2,7 noch genauer zu sprechen kommen. Eng damit verbunden ist die Übertragung von næpæš mit der Bedeutung Seele. Wolff merkt hierzu an: „Ein kleiner Schritt führt von næpæš als spezifischem Organ und Akt des Begeh- 205 Vgl. Beyse, Art. nāšaq, Sp. 677. 206 Ebd. 207 Vgl. Lopez, Art. pæh, Sp. 522. 208 Vgl. Seebass, næpæš, Sp. 532. 209 Vgl. ebd., Sp. 538f. 4.2 Begrifflichkeiten 43 rens zu der erweiterten Bedeutung, bei der næpæš Sitz und Akt auch anderer seelischer Empfindungen und Gemütszustände wird.“210 Aber so wie næpæš nicht einfach Leben heißt, „so bezeichnet næpæš nicht die Seele als Nuance u.a., sondern die Seelenkraft, das Sprudeln von Personalität, die alle tristesse bannende Energie.“211 Daneben hat næpæš noch weitere Bedeutungen und Färbungen, die in diesem Zusammenhang aber keine Erwähnungen finden brauchen. Ein weiterer Begriff, der im Zusammenhang mit der Hauchseele erwähnt werden muss, ist der Begriff rûah. , dessen Grundbedeutung Wind, Atem, Geist, Energie, Lebenskraft ist und somit dem Wort næpæš recht ähnlich scheint. Rûah. „[…] ist in der Hebräischen Bibel ganz zentral, er wird sowohl in anthropologischer Hinsicht (auf den Menschen bezogen) wie auch theologisch (von Gott) gebraucht, um eine Kraft auszudrücken, die begrifflich schwer zu fassen ist. Mit dem deutschen Wort „Geist“ ist nur ein kleiner Teil der biblischen Vorkommen gedeckt.“212 Jedoch ist rûah. der Begriff, an dem christliche Theologen den Heiligen Geist ansetzen. Er enthält viel stärker noch als næpæš ein lebensschöpfendes Prinzip im Sinne einer Neuschöpfung und geht über das rein „vitalistische Lebensprinzip“ hinaus.213 Besonders in Verbindung mit der Hauchseele, auch bezogen auf das islamische Verständnis, haben diese Begrifflichkeiten Bedeutung für diese Arbeit. Formelle Küsse Küsse im religiösen Bereich 214 Der Kuss ist in der menschlichen Biologie und durch Sozialisation ein Gestus oder eine Handlung, die auch den Menschen der Alten Welt zu eigen war. Sowohl im religiösen als auch im privaten Bereich wurde 4.3 4.3.1 210 Seebass, næpæš, Sp. 543. 211 Ebd., Sp. 544. 212 Schüngel-Straumann, Art. Geist (AT), S. 1. 213 Vgl. ebd., S. 19ff. 214 Als Quellengrundlage für die Texte aus Talmud und Midrasch diente die Website www.sefaria.org. 4. Mund und Kuss im Judentum 44 geküsst, wobei das Verhältnis zu den Göttern bzw. Gott ein Spiegelbild der sozialen Verhältnisse der Menschen untereinander war. Im Kuss suchte man die intime Nähe zur Gottheit. Da die Israeliten ein nicht ganz so kussfreudiges Volk wie die Römer oder Griechen waren, wird hier nicht für jede einzelne Kussart ein neues Kapitel eröffnet werden. Stattdessen wird der Neubeginn der jeweiligen Kussform durch Absätze deutlich gemacht. Die Kusshand war nicht nur in Rom und Griechenland verbreitet, sondern auch im Alten Orient. Sie wurde jedoch, wie man aus dem Buch Hiob erfährt, von den Israeliten abgelehnt und als Götzenverehrung empfunden.215 Sylva Harst nimmt an, dass die Ablehnung ihren Grund in der Unsichtbarkeit von Jahwe hat und dass der Kusshand dadurch ihr konkretes Ziel der Verehrung fehlte.216 Jahwe ist nicht alle Zeit unsichtbar. Im Tempel offenbarte er sich und seine Heiligkeit. Er wurde von den Israeliten als greifbares und sinnliches Gegenüber verstanden, dem man wie einem profanen Herrscher huldigte.217 So ruft Psalm 2,11 zur Verehrung Jahwes mit einem Fußkuss auf: „Dienet dem Herrn in Furcht und küsst seine Füße mit Zittern.“ Jedoch ist Zenger der Meinung, dass es sich bei dem „Herrn“ um den von Jahwe eingesetzten Messias handelt, um den König David, der gewählt wurde, um „[…] seine universale Gottesherrschaft durch ein vom Zion her amtierendes Königtum durchzusetzen.“218 Denn wie sollte der Fußkuss bei einem körperlosen Jahwe ausgeführt werden? Man hätte den Tempelboden küssen müssen, um eine Proskynese anzudeuten. In dem Kontext des gesamten Psalms, indem auch Jahwe zu Wort kommt, indem er von seinem Sohn spricht, den er heute gezeugt habe,219 ist es doch wahrscheinlicher, dass es sich bei dem „Herrn“ in Vers 11 um den Messias handelt. Lippenküsse finden sich im religiösen Kontext im Alten Testament nicht. Nur in der allegorischen Auslegung des Hoheliedes (Hl 1,2), wenn Jahwe Israel küsst, könnte man mit viel Fantasie von einem Lippenkuss des personifizierten Israels mit Jahwe sprechen. Der Mangel 215 Vgl. Hi 31,27–26. 216 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 106. 217 Vgl. ebd., S. 128f. 218 Zenger, Psalm 2, S. 50. 219 Vgl. Ps 2,7. 4.3 Formelle Küsse 45 an Lippenküssen von Mensch zu Gott, lässt sich damit erklären, dass die Israeliten einen bildlosen Glauben hatten, der sich nach dem Gebot richtete: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen!“220 Jedoch stellte man sich Gott in gewisser Weise anthropomorph vor, da ihm auch ein Mund zugeschrieben wurde, wenn es bei Jesaja 11,4 heißt, dass Gott den Gottlosen mit dem Hauch seiner Lippen töten wird. Zum anderen finden sich im Alten Testament nur wenige Beschreibungen von Küssen unter den Menschen. Sexualität war zwar von Gott gegeben, aber hauptsächlich um der Vermehrung und der Erhaltung der Schöpfung willen.221 Die Spiritualität, die sich in der göttlichen Gegenwart bei sexuellem Verlangen oder sexuellen Handlungen wie bei den Römern und Griechen ausdrückte, fehlte in der Vorstellung der Israeliten und in der Umwelt des Alten Orients völlig. Wenn schon der Kuss von Mensch zu Mensch kaum Beachtung findet, warum und wie sollte es dann möglich sein, einen unsichtbaren Gott zu küssen? Jedoch gibt es, wie schon erwähnt, in der jüdischen Vorstellungswelt den göttlichen Kuss. Dieser Kuss kann Leben schenken und dieses auch wieder nehmen. In der jahwistischen Erzählung wird der Mensch durch die næpæš Gottes lebendig. So steht in Gen 2,7: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ Dieser Kuss wird sehr wahrscheinlich ein Nasenkuss gewesen sein, bedenkt man die altägyptischen Vorstellungen von der Belebung der Welt, wie in Kapitel 3.4.2.1 beschrieben wurde. Dagegen spräche allerdings die Vorstellung des Todeskusses durch Jahwe, auf den ich später noch eingehen werde. Diesen Kuss stellten sich die Juden nämlich als Lippenkuss vor. So würde das belebende Element von Jahwe auf zwei verschiedenen Wegen dem Menschen gegeben und genommen werden. Gustav Stählin sieht in der Handlung Jahwes die Übertragung der Hauchseele auf den Menschen.222 Ernst Haag sieht wiederum in diesem Akt die Gleichstellung von göttlichem Mundhauch und Gotteswort. Beides ist so mächtig, dass es Leben schaffen kann.223 Jedoch 220 Ex 20,4. 221 Vgl. Gen 9,7. 222 Vgl. Stählin, φιλέω, S. 124. 223 Vgl. Haag, Der Mensch, S. 18. 4. Mund und Kuss im Judentum 46 muss bei der Interpretation der Übertragung des göttlichen Odems berücksichtigt werden, dass der Jahwist die Seele, wie wir sie heute kennen und auch bei den Griechen als Sitz „äußerlich-irdischen Lebens“ gedacht wurde, so nicht kannte.224 Der wesentliche Unterschied zwischen antiken bzw. dem heutigen Denken und dem hebräischen Denken liegt darin, dass im alten Israel die Seele bzw. der Lebensodem Gottes als Leihgabe angesehen wurde, bis Gott diese dem Menschen wieder entzog. Johannes Leipoldt schreibt hierzu: „Im alten Israel wird der Mensch als Wesen gesehen, das aus Fleisch und Blut besteht und durch den Lebensodem Gottes, Seele genannt, belebt und von Gott angesprochen wird; dieses Menschenwesen […] lebt so lange, wie ihm Gott seinen Lebensodem beläßt; zieht er ihn ab, so vergeht der Mensch; er lebt ganz aus der Abhängigkeit von der Gabe des Lebens durch Gott her. Erwägungen über den höheren Wert der Seele gegenüber dem Leib, wie sie die Griechen angestellt haben, kennt man im alten Israel nicht.“225 Der Entzug des Lebensodems durch Gott wird nach späterer Interpretation an zwei Stellen im Alten Testament beschrieben. So geschah der Kusstod laut dem Midrasch Debarim sowohl bei Mose, als auch bei Mirjam.226 In seiner Todesstunde „[…] küsste ihn der Heilige, geb. sei er! und nahm ihm seine Seele mit dem Kusse seines Mundes.“227 Mirjams Tod wird in Num 20,1b erwähnt. Dort heißt es: „Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben.“ Das „dort“, das genauso gut auf die in Num 20,1a vorher genannte Stadt Kadesch bezogen werden könnte, interpretieren die Mischnatrakte Baba Batra228 und Moed Qatan229 als ein „dort“ am Munde Gottes. Auch Aaron ist nach Baba Batra 17a durch den Gotteskuss gestorben, sowie seine Schwester Mirjam. Da dieser Todeskuss für die Geschwister aber ein Lippenkuss ist, wurde dieser in der Heiligen Schrift in Bezug auf Mirjam nicht erwähnt, so die Erklärung des Rabbiners Elazar zu Num 20,1, da es un- 224 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 51. 225 Leipoldt, Umwelt, S. 229f. 226 Die Abkürzungen der rabbinischen Texte richten sich nach Stemberger, Günter: Einleitung in Talmud und Midrasch, München 72011 und können im Abkürzungsverzeichnis nachgelesen werden. 227 DevR 1,11.g. 228 Vgl. bBB 17a. 229 Vgl. bMQ 28a. 4.3 Formelle Küsse 47 schicklich gewesen wäre.230 Das talmudische Zeitalter scheint von Prüderie und der verzweifelten Abwehr von jeglicher Art Erotik bestimmt zu sein. Eine weitere Stelle im Midrasch Bereshit, die belegt, wie unpassend ein Kuss in der Öffentlichkeit ist, bezieht sich auf die Aussage in Gen 29,11: „Und [Jakob] küsste Rahel und weinte laut.“ Der Midrasch fragt nach dem Grund für Jakobs Tränen. Die Antwort: Jakob weinte, weil er sah, dass Männer tuschelten und ihn aufgrund des Kusses bezichtigten, unkeusches Wesen einzuführen.231 Aber nicht nur Juden mit einer besonderen Stellung zu und vor Gott, wie es für Gelehrte gilt, werden durch den Hauchkuss erlöst werden, sondern laut dem Midrasch Schir Ha-Schirim auch „die Seelen aller übrigen Gerechten.“232 Das Hiobbuch kennt den Hauchkuss auch. Gottes Odem ist dabei imstande, alles Fleisch verscheiden zu lassen, sobald er den Lebensatem aus den Menschen herauszieht.233 Dies kann aber auch im Zorn geschehen: „Durch Gottes Odem verderben sie, vom Hauch seines Zornes schwinden sie hin (Hi 4,9). Jedoch soll nach Meinung der Rabbinen der Kusstod der leichteste der 903 Todesarten sein.234 Neben der Fähigkeit, den Tod durch das Einatmen des menschlichen Hauches zu bringen, hat Jahwe auch die Macht, Totengebeine wieder lebendig werden zu lassen. In einer Vision sieht Ezechiel die Toten durch den göttlichen Hauch wieder auferstehen, nachdem sie mit Sehnen und Fleisch von Gott überzogen wurden (Ez 37,5). Als einzigem Menschen ist es nach der Überlieferung der Heiligen Schrift dem Propheten Elias gelungen, unter der Schirmherrschaft Jahwes eine Totenerweckung durch einen Hauchkuss durchzuführen. 2 Kön 4,32 beschreibt die Szene folgendermaßen: „und [er] stieg aufs Bett und legte sich auf das Kind und legte seinen Mund auf des Kindes Mund […].“ Das Motiv der Übertragung von Seelenkräften durch den Kuss ist auch bei dem mit der Salbung verbundenen Kuss im Akt der Königsweihe wirksam. Das folgende Kapitel wird diesen Aspekt näher betrachten. 230 Vgl. bMQ 28a. 231 BerR 70. 232 ShirR 1. 233 Vgl. Hi 34,14–15. 234 Vgl. Stählin, φιλέω, S. 124. 4. Mund und Kuss im Judentum 48 Im religiösen Bereich finden sich bei den Israeliten kultische Küsse, die sich aber alle an Götzen richten. So berichtet Hos 13,2 von Küssen für Kälber und 1 Kön 19,18 von Verehrungsküssen für Baal. Küsse, die sich auf religiöse Gegenstände beziehen, fanden erst spät Eingang ins Judentum. Ursprünglich stammte das Küssen kultischer Gegenstände aus dem Orient, und kam, so Immanuel Löw, „auf dem Umwege über das kaiserliche Rom und die beiden Tochterreligionen wieder zu den Juden zurück.“235 Da es für das Küssen religiöser Objekte kaum Vorschriften in der rabbinischen Literatur gibt, ist der Kuss sehr allgemein geworden und „als Ausdruck der Liebe zur religiösen Übung“ bezeichnet worden. Es werden geküsst: „die Mezuza am Türpfosten beim Betreten und Verlassen des Raumes, die Türpfosten beim Betreten und Verlassen des Raumes, die Türpfosten der Synagoge bei Ein- und Austritt, Tefillin und Talit beim An- und Ablegen […],“236 die Schaufäden bei gewissen Gebeten, der Vorhang der heiligen Lade beim Öffnen und die Torarolle beim Aus- und Einheben. Wenn man die Tora als Besucher einer Andacht nicht erreichen konnte, so küsste man die Hand, mit der man die Tora aus der Ferne gegrüßt hatte. Auch das Gebetbuch wurde geküsst.237 Diese Aufzählung verdeutlicht, dass es keinen heiligen Gegenstand gab, der im Zusammenhang mit einer zeremoniellen Andacht gebraucht wurde und dabei nicht geküsst wurde. Es lässt sich feststellen, dass diese Tradition des Idolkusses sich seit dem 17. Jahrhundert langsam etablierte. Jedoch unterlag auch diese Tradition laufenden Veränderungen vor allem durch die Synagogenordnungen.238 Küsse im politischen Rahmen Da das Königtum nach der Einführung von Saul zunehmend kritisiert wurde, ist das Verhältnis der gläubigen Israeliten zum Königtum kein durchweg positives, da sich, wie an der Sozialkritik der Propheten abzulesen ist, die Könige an der Bevölkerung maßlos bereicherten (Jer 4.3.2 235 Löw, Der Kuß, S. 659. 236 Ebd., S. 660. 237 Vgl. ebd., S. 660ff. 238 Vgl. ebd., S. 661. 4.3 Formelle Küsse 49 22) und Götzen anbeteten (Hos 8). Zudem steht der monotheistische Glaube der Juden einer gottgleichen Verehrung ihrer Herrscher, welche diese für sich einforderten, im Wege. Deshalb geht man auch davon aus, dass die fußfällige Verehrung zunächst ohne Kuss erfolgte (1 Sam 25,23–24; 2 Kön 4,37).239 Im Buch Ester wird deutlich, dass der Fußkuss nur für Gott oder den Messias bestimmt ist. In der „Einheits- übersetzung“ der Bibel wird das Buch Ester nach dem Vorbild der Septuaginta in der Langfassung übersetzt. In Est 4,17d–e verspricht Mordechai Jahwe, sich vor niemandem niederzuwerfen oder dessen Füße zu küssen, es sei denn für die Rettung Israels. „Aber im Zug der weiteren Entwicklung wird der Fußkuss auch bei den Juden als Zeichen dankbarer Verehrung geübt bKet 63a; bSanh 27b; jPea 1,1 (15d 28).“240 Bei Jesaja (Jes 49,23) und im Psalm 72,9 kommt der Ausdruck „Staub lecken“ vor. Von Salomon steht geschrieben: „Vor ihm sollen sich neigen die Söhne der Wüste, und seine Feinde sollen Staub lecken.“241 Jesaja bezieht sich dabei auf Israel, vor dem sich die Feinde verbeugen sollen und Psalm 72,9 jedoch auf den ersehnten göttlichen Messias, dessen Feinde auch Staub lecken sollen. Die Verehrungskontexte sind hier verschieden, einmal handelt es sich um Israel und ein anderes Mal um den Messias. Ob der Ausdruck „Staub lecken“ einen Fußkuss oder nur als Metapher für die Proskynese verwendet wurde, ist nicht eindeutig festzustellen, zumal man davon ausgeht, dass die fußfällige Verehrung zunächst durch einen Kuss geschah. Die Rabbiner nahmen eine besondere Stellung im jüdischen Volk ein, weshalb ihnen aufgrund ihrer Gelehrsamkeit auch eine besondere Ehre seitens der gewöhnlichen Juden entgegengebracht wurde. Ihre Dankbarkeit drückten einige Leute gegenüber den Rabbinen aus dem Volk durch Knie- und Fußküsse aus.242 Ob der Lippenkuss im Herrscherkult bei den Israeliten verbreitet war, ist in der Forschung umstritten. Den einzigen Hinweis auf einen Lippenkuss gibt das erste Buch Samuels. In der biblischen Geschichte von der Salbung Sauls durch Samuel zum ersten israelitischen König steht: „Da nahm Samuel den Krug mit Öl und goss es auf sein Haupt 239 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 215. 240 Stählin, φιλέω, S. 125. 241 Vgl. Ps 72,9. 242 Vgl. yPea 1,15 d. 4. Mund und Kuss im Judentum 50 und küsste ihn […].“243 Manche Forscher sehen in dem Kuss den Ausdruck der Bestätigung über die Rechtmäßigkeit der Verleihung der Königswürde. Der Religionswissenschaftler Friedrich Heiler und der Theologe Gustav Stählin sehen in dem Kuss mehr als einen rituellen Akt während der Krönung. Heiler sieht in diesem Kuss einen Seelenaustausch, indem Samuel seinen Geiststoff, sein „Mana“, auf Saul überträgt.244 Und Stählin sieht die Bedeutung dieses Kusses ähnlich wie Heiler, nennt den Geiststoff jedoch nicht Mana sondern Charisma: „Angesichts der sonstigen antiken Vorstellungen erscheint es wahrscheinlich, dass Salben und Küssen als Doppelakt der Übertragung des Charisma von einem Charismatiker auf den andern gewertet werden müssen.“245 Charisma bezeichnet im Alten Testament die „Begabung mit dem Geist Gottes“, wodurch die Träger dieser Gabe außergewöhnliche Fähigkeiten besaßen, wie beispielsweise Propheten oder Heerführer.246 In der vorköniglichen Zeit war die Geistbegabung, im Hebräischen rûah. genannt, an kein Amt gebunden und wirkte auch nicht lebenslang, sondern nur in von Jahwe bestimmten Situationen.247 Bei der Salbung Sauls durch Samuel soll es nach alttestamentlicher Vorstellung, wie schon Heiler und Stählin erwähnt haben, zu einer Geistausgießung gekommen sein. „Manchmal ist die Salbung auch mit der Verleihung des Geistes JHWHs verbunden […]. Das zeigt, dass der eigentlich Handelnde Gott ist, auch wenn die Salbung selbst von einem Propheten vollzogen wird.“248 Natürlich kann der Kuss auch in dem persönlichen Verhältnis von Samuel zu Saul gesehen werden. Die Jewish Encyclopedia geht davon aus, dass es sich hierbei um einen Wangen- oder Handkuss ohne das Zutun von rûah. handelte.249 Einen Lippenkuss hingegen ohne Geist- übertragung zu denken, ist nach Angabe der Jewish Encyclopedia eher unwahrscheinlich: „Among Orientals, who keep the sexes strictly separated, kissing on the mouth is not practised, except as an expression 243 1 Sam 10,1. 244 Vgl. Heiler, Erscheinungsformen, S. 231. 245 Stählin, φιλέω, S. 124. 246 Vgl. Schmidt, Charisma (AT), S. 1f. 247 Vgl. Schüngel-Straumann, Geist (AT), S. 10. 248 Riede, Salbung (AT), S. 3. 249 Vgl. Jacobs, Kiss, S. 515. 4.3 Formelle Küsse 51 of strong affection […].”250 Stattdessen waren der Wangenkuss oder eine Begrüßung Wange an Wange gängige Praxis im Alten Orient.251 Unter Verwandten scheint es jedoch üblich gewesen zu sein, dass sich Männer und Frauen nach Geschlechtern getrennt, auf den Mund geküsst haben, doch dazu später. Private Küsse Küsse in Familie und Freundschaften Geküsst wurde zwischen Geschwistern, wie bei Esau und Jakob (Gen 33,4), Josef und seinen wiedergefundenen Brüdern (Gen 45,15), Aaron und Moses (Ex 4,27) und natürlich unter Verwandten. Da küsst Jakob Rahel (Gen 29,11), es küssen sich Laban und sein Neffe Jakob (Gen 29,13), Mose und sein Schwiegervater Jitro (Ex 18,7), und Noemi küsst ihre Schwiegertöchter Rut und Orpa (Rut 1,9). Eltern oder Großeltern küssen natürlich auch ihre Kinder bzw. Enkel wie Abraham, der seinen Enkel Jakob mit einem Kuss zum Stammvater der Israeliten einsetzt, oder Rebekka, die ihren Sohn segnet und ihn dabei küsst. Vor allem das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist ein „sittlich reines“. Wie der Kuss aber genau ausgeführt wurde, ob als Lippen-, Wangenoder Stirnkuss, lässt sich nicht eindeutig sagen. Feststeht, dass sich Eltern und Kinder auch auf den Mund geküsst haben. Das zeigt Eisenstein in einer Sammlung kleiner Midrashim, genannt „Ozar Midrashim“. Beschrieben wird der Kuss zwischen Josef und seinem im Sterben liegenden Vater, wobei Josef spricht: „39 Jahre habe ich den Mund meines Vaters nicht geküßt und jetzt soll ich ihn ungeküßt lassen? (M. Kalla III f 53a Romm. B. r. 78, 9. Ozar Midr. 585 a. Schibbole hal 18)“.252 Abschiedsküsse gab es nicht nur zwischen Vater und Sohn und Mutter und Tochter, denn 1 Kön 19,19f. berichtet vom Abschiedskuss des Elisa, den er seiner Mutter geben möchte. Auch war es wohl nicht unüblich, dass sich männliche Verwandte auf den Mund geküsst ha- 4.4 4.4.1 250 Jacobs, Kiss, S. 515. 251 Vgl. ebd. 252 Löw, Der Kuß, S. 655. 4. Mund und Kuss im Judentum 52 ben, so heißt es im Midrasch, dass Laban seinen Neffen Jakob küsste, um zu testen, ob er Perlen im Mund habe.253 Auch der Freundschaftskuss zwischen Samuel und Jonathan könnte ein Lippenkuss gewesen sein, da von einem wirklichen Kusswechsel die Rede ist, denn es heißt „sie küssten einer den anderen.“254 Wenn in der Bibel von Küssen berichtet wird, so handelt es sich meistens um Begrüßungs- oder Abschiedsküsse. Derer gab es viele und man kann davon ausgehen, dass bei den Israeliten viel zur Begrü- ßung und zum Abschied geküsst wurde. Da derlei Küsse meist sehr emotional sind, spiegeln sie die Gefühlsstimmung der sich Küssenden wider, wobei es dabei schon zu dem ein oder anderen Lippenkuss gekommen sein mag. Ferner wurde bevorzugt auf Stirn oder Wangen geküsst. Mit den Abschiedsküssen war auch häufig ein Segen verbunden, der zudem auch oft bei der Bestimmung eines Erbes oder Nachfolgers gespendet wurde. Der Segen wurde aus dem religiösen Bereich als „glücksbringende Wunschformel“ in den privaten Bereich übernommen.255 Jedoch scheint man im talmudischen Zeitalter den Begrüßungskuss als Lippenkuss nicht so gern gesehen zu haben, denn R. Akiba lehrte, dass er die Meder in drei Dingen liebe: „das Fleisch zerschneiden sie auf dem Tische […], der Kuß bei ihnen geschieht nur auf die Hand (nicht auf den Mund), und wenn sie sich beraten, so geschieht‘s immer auf dem Felde […].“256 Die Schriftgelehrten kennen nur drei bzw. vier Arten des Kusses, die nicht tadelnswert sind. „Ihnen galten nur die Küsse der Weihe, des Wiedersehens und des Lebewohls (und der Verwandtschaft).“257 Dagegen ist der Kuss auf den Kopf anerkannt und verbreitet besonders in Midrasch und Sohar, da er Anerkennung und Lob bedeutet. Auch wird von einem Handkuss im Buch der Jubiläen berichtet (Jubil. 31,7), als Jakob die Hand seines Vaters ergreift und diese unter einer Verbeugung küsst. Unterwerfung und Verehrung kommen in diesem Kuss auch im Judentum zum Ausdruck.258 253 Vgl. Wünsche, Der Kuß, S. 9. 254 Vgl. ebd., S. 11. 255 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 366. 256 Der erste Abschnitt, S. 49. 257 Löw, Der Kuß, S. 643. 258 Vgl. ebd., S. 654. 4.4 Private Küsse 53 Unter den Rabbinen strittige Küsse gibt es zwei. Einmal den Kuss zwischen Jakob und Rahel, als sich beide nach langer Zeit wiedersehen (Gen 29,11) und den Kuss zwischen den Brüdern Esau und Jakob (Gen 33,4), auf den ich im Kapitel 4.4 noch näher eingehen werde. Der Streit um den Kuss zwischen Jakob und Rahel entbrannte deshalb, weil Jakob seine Cousine küsste ohne sich vorher als ihr Verwandter vorzustellen, weshalb es als öffentlicher Kuss zwischen Mann und Frau gewertet wurde. Erst nachdem er Rahel geküsst hat, stellt sich Jakob als ihr Vetter vor. In Gen 29,18 steht geschrieben, dass er sich in Rahel verliebte. All dies deutet meiner Meinung nach daraufhin, dass es Liebe auf den ersten Blick war, als Jakob Rahel sah und sich von seinen Emotionen trotz aller jüdischen Vorschriften leiten ließ. Strittig ist nun, ob Jakob, weil er sich bewusst war, dass er Rahels Vetter ist, wusste, was er tat und er es als Kuss unter Verwandten ansah ohne in diesem emotionalen Moment darüber nachzudenken, Rahel über den Verwandtschaftsgrad zu informieren, oder ob es als unkeusches Verhalten seitens Jakobs zu werten ist, da er leidenschaftliche Gefühle für Rahel empfand. Diese Stelle wird, wie schon beschrieben, als sehr strittig empfunden und das anschließende Weinen Jakobs (Gen 29,11) als Gewissensbisse interpretiert. Küsse unter nahen Verwandten waren zwischen Mann und Frau erlaubt, wurden jedoch viel seltener beschrieben, als Küsse zwischen verwandten Männern.259 Im talmudischen Zeitalter war der Lippenkuss auch unter Verwandten Männern und Frauen nicht so gern gesehen, wie den Worten des Rabbi Akiba zu entnehmen war, der hingegen den Handkuss zur Begrüßung schätzte.260 Küsse zwischen sich Fernstehenden Sich Fernstehende küssen sich auch, jedoch nur Personen des gleichen Geschlechts. Meistens handelt es sich dabei um männliche Protagonisten im Alten Testament. Geküsst wird aus verschiedenen Gründen. Drei Beweggründe möchte ich etwas näher erläutern. Der Talmud be- 4.4.2 259 Vgl. Große Konkordanz, S. 889f. 260 Vgl. Wünsche, Der Kuß, S. 28. 4. Mund und Kuss im Judentum 54 richtet über Menschen, die aus Dankbarkeit küssen, da sie Hilfe erfahren haben. Konkret bedankt sich beispielsweise ein wegen Mordes Angeklagter bei Rabbi Papi, der ihn verteidigt hatte unschuldig zu sein, indem er dem Rabbi die Füße küsst.261 Des Weiteren gibt es den Kuss der Ehrfurcht, den man zwischen Mose und seinem Schwiegervater Jitro findet. Harst interpretiert diesen Kuss als Kuss der Ehrfurcht, da sich Ehrfurcht aufgrund von Jitros Alter gebührt und zudem wegen des Verwandtschaftsgrades. Mose verneigt sich vor seinem Schwiegervater und küsst ihn. Möglicherweise handelt es sich hier um einen Handkuss, da die Ausführung der in Jubil. 31,7 sehr ähnlich ist. Rabbinen wurden zudem im talmudischen Zeitalter durch Handoder Fußkuss verehrt.262 Die Verehrung fand jedoch zwischen den Rabbinen untereinander oder zwischen Rabbinen und Schülern statt, wie im Midrasch Schir Ha-Schirim geschrieben steht: „Wenn du dich mit den Worten der Tora beschäftigst, daß deine Lippen (beim Forschen) fest aneinander gedrückt sind, dann werden dich schließlich alle in Verehrung auf deinen Mund küssen.“263 Dabei kam es auch, wie diese Stelle zeigt, zu regelmäßigen Mundküssen, die genauso wie Hand- oder Fußkuss, Lob und Ehrerbietung ausdrücken sollten.264 Einen weiteren Kuss zwischen sich fernstehenden Personen, die aber in keinem politischen Machtverhältnis zueinander stehen, kennt die Geschichte über Absalom im zweiten Samuelbuch. Darin wird berichtet, dass Absalom seinen Vater David vom Thron stürzen wollte, indem er versuchte die Herzen der Israeliten zu gewinnen. Zudem warnte er die Bittenden vor den tauben Ohren des Königshauses bezüglich ihrer Anliegen.265 Dafür stellte er sich an den Weg, den alle Bittsteller nahmen, um vor König David zu treten und gab ihnen freundliche Küsse: „Und wenn jemand ihm nahte und vor ihm niederfallen wollte, so streckte er seine Hand aus und ergriff ihn und küsste ihn.“266 Ähnlich dem Kuss des Schmeichlers ist der Kuss des Verrats, der aber von zwei Brüdern berichtet, weshalb er in die Kategorie der Fern- 261 Vgl. bSan 27b. 262 Vgl. Strack, Kommentar, S. 995f. 263 SchirR 83a. 264 Vgl. Strack, Kommentar, S. 995f. 265 Vgl. 2 Sam 15,3. 266 2 Sam 15,5. 4.4 Private Küsse 55 stehenden nicht eingeordnet werden kann und deshalb im Kapitel 4.4 behandelt wird. Der Kuss in erotischen und sexuellen Beziehungen Der erotischste Kuss des Alten Testaments findet sich im Hohelied. Dort heißt es: „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes, denn deine Liebe ist lieblicher als Wein.“267 Weder ist im Kontext des Hoheliedes von der ehelichen Liebe die Rede oder von anderen konventionellen oder traditionellen Erwartungen an Frau oder Mann. Das Lied ist allein um der Liebe willen geschrieben. Die Liebe wird hier „als genuin menschlicher, gemeinsamer Vollzug menschlicher Lebensmöglichkeit“ beschrieben.268 Das Hohelied hat sich aus der mündlichen Tradition verschiedener Volkslieder entwickelt. Heute nimmt man an, dass die wörtliche Bedeutung auch die ursprüngliche ist, aber aufgrund seines anstößigen Inhalts wurde das Hohelied allegorisch ausgedeutet, sowohl im Judentum als auch später im Christentum.269 Da das Hohelied eine spezifische Ausprägung israelitischer Liebesdichtung ist und einige Gemeinsamkeiten mit anderen alttestamentlichen Stellen aufweist, wurde es in den Schriftenkanon aufgenommen. Eine große Rolle spielte dabei die Ähnlichkeit zu Stellen wie dem Weinberglied (Jes 5,1–7) oder die Erzählung von Nabots Weinberg (1 Kön 21).270 Hier wird die Beziehung Gottes zu Israel nach dem Muster eines Liebespaares dargestellt, was die allegorische Ausdeutung des Hoheliedes begünstigte. Im Hohelied verlangt eine Frau oder ein junges Mädchen explizit nach den Lippenküssen ihres Geliebten und fordert ihn zum Beischlaf auf. Die weibliche sexuelle Emanzipation scheint in der Zeit der Entstehung des Hoheliedes kein revolutionäres Verhalten gewesen zu sein, angesichts des Volksliedcharakters. Die Einstellung der Israeliten zur Sexualität wurde über die Zeit dennoch immer restriktiver. Da Küsse eng mit dem Sexualverhalten und -empfinden zusammenhängen, soll 4.4.3 267 Hl 1,2. 268 Bühlmann, Das Hohelied, S. 11. 269 Vgl. Bühlmann, Das Hohelied, S. 13ff. 270 Vgl. Zakovitch, Das Hohelied, S. 54. 4. Mund und Kuss im Judentum 56 ein kurzer Einblick in die Geschichte jüdischer Sexualität gegeben werden, um die jeweiligen Kusspraktiken besser verstehen zu können. Im antiken Judentum herrschte die Grundanschauung vor, dass das Ziel des Geschlechtsverkehrs zunächst der Fortpflanzung um der Erhaltung der Schöpfung und des Stammes willen (Gen 9,7) dient. Das Anliegen dabei Lust zu empfinden, spielt eine nebensächliche Rolle, ist aber im Gegensatz zum Christentum Bestandteil des Beischlafs ohne als sündhaft zu gelten.271 Auch das Aufsuchen von Prostituierten wird im frühen Israel nicht negativ gewertet. Im Gegensatz zur vorstaatlichen Zeit wird das Gewerbe der Prostitution ab der Königzeit von der frühen Religion als geächtet angesehen.272 Sichere Belege für die Existenz der Kultprostitution, wie bei den Römern oder Griechen, gibt es auch im Hinblick auf den Jerusalemer Tempel, das Nationalheiligtum Judas, nicht.273 Hinweise auf sinnliche Erotik finden sich im Hohelied, den Sprüchen Salomos (Spr 2,16; 5,1–5.15–20; 6,24; 7,5; 9,13–18), im zweiten Samuelbuch in der Geschichte von David und Batseba (2 Sam 11,1–27) und natürlich subtil in den Klagen der Propheten (Hos 2,4) über das ehebrecherische Verhalten der Gesellschaft. „Mit zunehmender Theokratisierung des j. Lebens geraten auch die sexuellen Sinnesfreuden offiziell in den Hintergrund, und der Talmud sowie die spätere rabbinische Literatur beschränken den erlaubten Geschlechtsverkehr auf das Gebiet der ehelichen Fortpflanzung.“274 Die Frau wird im Alten Testament, wie den Sprüchen Salomos zu entnehmen ist, als leibhaftige Verführung angesehen.275 Die Restriktion öffentlicher Zuneigung soll die Erotik ins Private verbannen, damit sie zum einen die sexuellen Triebe der Menschen nicht anstachelt und zum anderen bei niemandem Anstoß erregen kann. Baskin sieht die Bibel dabei vor allem als soziale Kontrollinstanz in Bezug auf Sexualität: „The Bible treats sexuality essentially as a question of social control: who with whom and in what circumstances.“276 Zudem begünstigte die Auslegung der Heiligen Schrift durch die Rabbiner eine liberalere Einstellung nicht. 271 Vgl. Theilhaber, Sexualhygiene, Sp. 384. 272 Vgl. Jost, Hure, S. 2. 273 Vgl. ebd., S. 3. 274 Theilhaber, Sexualhygiene, Sp. 384. 275 Vgl. Baskin, Women, S. 2795. 276 Ebd. 4.4 Private Küsse 57 Denn das Judentum ist eine patriarchalisch geprägte Religion, welche sich aus Gen 2,4ff also solche rechtfertigt. Die Auslegung des Alten Testaments zugunsten einer freieren weiblichen Sexualität führt heute in die feministische Richtung. So kann nach Westheimer die Geschichte von Rut, die sich dem Grundbesitzer Boas zu Füßen legt, um mit ihm zu schlafen, damit er sie anschließend heiratet, als ein Versuch gesehen werden, Frauen zu ermutigen, auch außerhalb der Ehe mit dem Sex anzufangen. Die Religion durch und durch vom Patriarchat bestimmt wurde, hatten Frauen in früherer Zeit vor allem in kultischen Angelegenheiten weniger Mitspracherecht und ihr Selbstbestimmungsrecht wurde durch die väterliche oder brüderliche Autorität beschnitten.277 Die sich im Mittelalter entwickelnde mystische Tradition des Judentums, die Kabbala, beschäftigte sich im Zuge der Verdrängung der Erotik durch die Traditionalisten umso mehr mit erotischen Themen und schrieb ihre Empfehlungen dazu auch im kabbalistischen Schriftwerk, dem Zohar, nieder.278 Jedoch heißt es nicht, wenn man Traditionalist ist, dass Sexualität im Leben eine untergeordnete Rolle spielt. Der Rabbi Jacob Emden empfiehlt in seiner Schrift, dem Sidur Jaawez, das Küssen und Umarmen vor und während des Geschlechtsverkehrs.279 Zudem ist nach talmudischer Vorstellung ein Mann erst ein Mensch, wenn er eine Frau hat und das Gebot der Schöpfungserhaltung einhält.280 Nach Ruth Westheimer ist das durchgehende Motiv in der jüdischen Tradition, dass Gott allgegenwärtig ist und in allen Beziehungen eine Rolle spielt, weshalb auch der Geschlechtsverkehr etwas Himmlisches an sich hat.281 Jedoch muss dabei betont werden, dass es sich hierbei um ehelichen Geschlechtsverkehr handelt. Homosexualität hingegen war unter Juden verpönt. Die Meinungen sind dazu – außer bei orthodoxen Juden, da Lev 20,13 den Geschlechtsverkehr unter Männern als Gräuel verurteilt – heute etwas liberaler,.282 Deshalb findet sich weder im Alten Testament, noch in der rabbini- 277 Vgl. Baskin, Women, S. 2793ff. 278 Vgl. Theilhaber, Sexualhygiene, Sp. 384f. 279 Vgl. Westheimer, Himmlische Lust, S. 87. 280 Vgl. bYev 63a. 281 Vgl. Westheimer, Himmlische Lust, S. 87. 282 Vgl. Morgenstern, Judentum, S. 64ff. 4. Mund und Kuss im Judentum 58 schen Literatur ein erotischer Kuss unter Männern. Neben den genannten Gründen gab es auch kultische Gründe für die Ablehnung eines Kusses zwischen den beiden Geschlechtern, da zum Beispiel Frauen während ihrer Menstruation und nach der Geburt ihres Kindes als unrein und unberührbar galten.283 Diese Haltung schlägt sich teilweise in der Geschlechtertrennung bei Begrüßungsküssen, wie beschrieben, nieder. Der schönste Kuss in der jüdischen Literatur findet sich in einem Roman aus dem 6. Jahrhundert. Es handelt sich um die Geschichte des Stammvaters Joseph, der sich in seine spätere Frau, die Ägypterin Asenath verliebt. Nach anfänglicher Zurückweisung eines Kusses der Asenath, da beide nicht verheiratet sind und es sich deshalb nicht gebührt einander zu küssen284, wird der Kuss zwischen beiden umso schöner beschrieben, nachdem der Erzengel Michael Aseneth dem Joseph zur Frau gegeben hat (Riessler, AJS 35,19.10–11): Dann streckte Joseph seine Arme aus, umarmte Asenath und Asenath den Joseph, und beide küssen sich gar lang. Und beide lebten wiederum in ihrem Geiste auf. Und Joseph küßte Asenath und er verlieh ihr Lebensgeist. Dann gab er ihr zum zweiten auch der Weisheit Geist. Zum dritten küßte er sie zärtlich und schenkte ihr den Geist der Wahrheit. Mit dem Kuss dieser beiden Liebenden geht die Übertragung der Hauchseele einher. Der belebende Aspekt, des Odems, wie in Punkt 3.4.2.1 angesprochen, kommt hier in der Beschreibung des Auflebens des Geistes zum Ausdruck. Da es sich hierbei um einen Text aus dem 6. Jahrhundert handelt, könnte man annehmen, dass der Autor die antiken Vorstellungen der Hauchseele kannte und diese Form der πνεῦμα-Interpretation in seine jüdische Vorstellungswelt übertrug. Jedoch kann mit dem Aufleben des Geistes, wie in Punkt 2.2 über das Phänomen des Küssens erwähnt wurde, durch die vermehrte Aus- 283 Vgl. Baskin, Women, S. 2793f. 284 Vgl. Riessler, AJS 35, 8.5–7. 4.4 Private Küsse 59 schüttung von Glückshormonen, auch einfach eine körperliche Erregung oder ein allgemeines Aufgewühltsein gemeint sein. Weitere Küsse Küsse, die sich aufgrund ihrer Besonderheiten nicht in die vorhandenen Kategorien einordnen lassen, aber trotzdem nennenswert sind und Relevanz für diese Arbeit besitzen, werden, wie schon im Kapitel über die Antike, unter einer extra Rubrik aufgeführt. Im Alten Testament finden sich neben allen anderen Küssen der Scheinkuss, der Kuss des Verrats, versöhnende Küsse, der Gotteskuss und Küsse zwischen personifizierten Abstrakta. Der Scheinkuss, ähnlich wie der Schmeichelkuss aus zwielichtigen und unaufrichtigen Gründen gegeben, findet sich im zweiten Samuelbuch, als Joab seinen Cousin Amasa tötet. Indem er ihm einen Begrüßungskuss vorgaukeln will, zieht er an Amasas Bart, was scheinbar keine seltene Geste unter Männern war,285 um sich zum Kuss aneinander zu ziehen, und gibt ihm anstatt eines Kusses einen Stich mit dem Schwert.286 Der Kuss des Verrats findet sich in der bekannten Geschichte von den Brüdern Jakob und Esau und deren Vater Isaak.287 Der zweitgeborene Jakob versucht mit Hilfe seiner Mutter Rebekka das Erstgeburtsrecht von seinem Vater Isaak zu erschleichen, indem er sich unter anderem die Festttagskleider seines Bruders überzieht, damit er genauso riecht wie dieser. Denn Isaak ist blind und nur durch seinen Geruchs- oder Tastsinn, kann er beide Brüder voneinander unterscheiden. Als der sterbende Isaak seinen erstgeborenen Sohn segnen will, küsst er stattdessen Jakob, weil er ihn für Esau hält. Mit dem Kuss ist der Segen und damit die Übertragung des Erstgeburtsrechts vollbracht und auch nicht wieder rückgängig zu machen.288 Jedoch finden sich auch versöhnende Küsse im Alten Testament. Der Wiedersehenskuss bei der Begrüßung zwischen dem betrogenen Esau und seinem Bruder Jakob in Gen 33,4 ist bei den Rabbinen um- 4.5 285 Vgl. Wünsche, Der Kuß, S. 2. 286 Vgl. 2 Sam 20,10–18. 287 Vgl. Gen 27, 20–27. 288 Vgl. Gen 27,16–18. 4. Mund und Kuss im Judentum 60 stritten. Manche sehen in ihm einen Feindeskuss, weil ihrer Meinung nach alles Handeln Esaus dem Hass entspringt, während ihn andere als Kuss der Versöhnung interpretieren.289 Mit einem weiteren Versöhnungskuss endet das Wiedersehen zwischen Josef und seinen Brüdern, die ihn als Jungen misshandelt und in einen Brunnen geworfen haben.290 Als Josef seinen Brüdern offenbart, dass er der zweitwichtigste Mann neben dem Pharao in Ägypten ist, sind die Brüder zunächst sprachlos. Josef ist sehr gerührt und küsst seine Brüder, wodurch sie ihre Sprache wiederfinden.291 Es lässt sich nur feststellen, dass durch den Kuss etwas in den Brüdern bewirkt wurde. Ob es nun der Speichel war, wenn es sich um einen Lippenkuss handelte oder der Hauch beim Küssen, der den Brüdern die Zunge löste, lässt sich in diesem Fall leider nicht feststellen. Aufschluss darüber könnte eventuell das Neue Testament mit der Bibelstelle Mk 7,31–37 geben, wo Jesus einen Taubstummen mit seinem Speichel heilt (siehe Kapitel 5.3.2.2). Das Judentum kennt neben den aufgeführten Küssen auch den Gotteskuss, der neben seiner belebenden und tödlichen Wirkung auch eine Auszeichnung sein kann. Dieser Kuss kann sich dabei, wie schon bekannt, auf einzelne Personen beziehen oder auf ein ganzes Volk, nämlich Israel. Löw schreibt hierzu, dass Israel seine Chance auf einen Gotteskuss verspielt hat: „Hätte Israel nach der Zerstörung des zweiten Heiligtums reuig Buße getan, so hätte Gott es umarmt und geküßt und für alle Ewigkeit in seinen Schoß versetzt (Elija r. 83 Friedm.).“292 Auch beauftragt Gott seine Engel, an seiner statt, Küsse der Anerkennung zu verteilen. Die Freunde Chananja, Mischael und Azarja bekommen jeweils einen Kuss von den Engeln wie der Talmud schreibt, da sie als Juden im Exil des babylonischen Königshofes trotz des Einflusses der heidnischen Kultur Jahwe treu geblieben sind.293 Engel gelten im Judentum als Boten Gottes, die dem Willen Gottes aber gänzlich unterstehen. Ihre Botschaftertätigkeit nehmen sie auch in Bezug auf die Offenbarung Gottes vor dem Volk Israel war. In Verbindung 289 Vgl. Löw, Der Kuß, S. 654. 290 Vgl. Gen 37,23f. 291 Vgl. Gen 45,15. 292 Löw, Der Kuß, S. 669. 293 Vgl. SchirR 7,10. 4.5 Weitere Küsse 61 mit Hl 1,2 wird der Vers „Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes“ von Rabbi Jochanan als Engelskuss interpretiert, den ein Israelit bekam, wenn er die Herrschaft Gottes anerkannte.294 Die Beteiligung der Engel an der Offenbarung, in dem Maße, wie sie sich Rabbi Jochanan vorstellte, ist unter den Rabbinen jedoch strittig.295 Besonders das Alte Testament kennt überdies Küsse, die von personifizierten Abstrakta ausgehen. So heißt es beispielsweise in Sir 29,5: „Dankbarkeit küsst des Spenders Hand“ oder in Ps 85,11: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ Die rabbinische Literatur hält noch einige Küsse mehr bereit, deren Behandlung in der vorliegenden Arbeit jedoch den Rahmen sprengen würde, weshalb ich darauf verzichte auf diese näher einzugehen. Im Folgenden soll nun ein Blick in die Kusswelt des Christentums geworfen werden, welches aus der jüdischen Tradition heraus vor mehr als 2000 Jahren im römisch beherrschten Palästina entstand. 294 Vgl. SchirR 1,2 § 230 zit. n. Schäfer, Rivalität, S. 44.: „[…] R. Jochanan sagt: Ein Engel brachte jedes einzelne Wort heraus vom Heiligen, er sei gepriesen, und ging herum damit zu dem einzelnen von Israel und fragte ihn: Nimmst du dieses Wort an? So und so Rechtssätze enthält es, so und so viele Strafen [etc] […]. Wenn der Israelit mit Ja antwortete, fragte [der Engel]: Erkennst du die Gottheit des Heiligen, er sei gepriesen an? Und wenn er dies bejahte, küßte er ihn sogleich auf seinen Mund.“ 295 Vgl. Schäfer, Rivalität, S. 45. 4. Mund und Kuss im Judentum 62 Mund und Kuss im Christentum Begrifflichkeiten Die Schriften des Neuen Testaments wurden zunächst im sogenannten Koine-Griechisch verfasst. Deshalb wird für das Verb „küssen“ φιλεῖν, und für den Kuss das von φιλεῖν abgeleitete Substantiv φίλημα verwendet. Die Verwendung dieses Verbs, welches die Liebe von Freund zu Freund, von den Göttern zu den Menschen, kurz gesagt, die Liebe, die dem Zug des Herzens folgt, beschreibt, trägt zudem den Aspekt der Hochschätzung und Bezeugung freundschaftlicher Gefühle in sich. Des Weiteren kennt das Neue Testament die Verstärkung von φιλεῖν, nämlich καταφιλεῖν, was so viel wie „abküssen“ bedeutet, welche in Mt 26,48f. und Mk 14,44f. verwendet wird, als Judas Jesus verriet.296 In Punkt 5.3.2.3 wird noch genauer auf diese Stelle eingegangen werden. Ist der griechische Befund für die Verwendungsweise von φιλεῖν als Ausdruck des Küssens eher unauffällig, so fällt in der lateinischen Übersetzung des Neuen Testaments, der Vulgata, auf, dass für den Kuss ausschließlich osculum und für die Handlung des Küssens osculari verwendet wird. Die lateinischen Begrifflichkeiten basium und suavium, die auch den Kuss beschreiben, werden ausgespart, da ihre Verwendung eng mit dem erotischen Bereich zusammenhängt und man jegliche Verbindung zum Sexuellen unterbinden wollte. Stattdessen konnotierte man die versöhnliche Komponente des Kusses und benutzte in späterer Zeit statt osculum, den Ausdruck pax.297 5. 5.1 296 Vgl. Hofmann, Philema, S. 2f. 297 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 11. 63 Formelle Küsse Küsse im religiösen Bereich Kusshand und Fußkuss Obwohl im Neuen Testament die Kusshand nicht zu finden ist, so ist sie jedoch Teil der Umwelt der frühen Christen, zum einen, weil sie in der griechisch-römischen Kultur zu finden ist, zum anderen auch im Judentum. Aufgrund dieser Tatsache können die frühen Christen nicht umhin, auch diesen Gestus für sich zu nutzen und umzudeuten. Da die vorliegende Arbeit, wenn nur die Heiligen Schriften, wie Tora, Neues Testament und Koran zu Rate gezogen würden, ein sehr rudimentäres Bild der jeweiligen Umwelten und sozialen Kontexte zeichnen würde, fließen auch Quellen aus dem unmittelbaren Umfeld bis zur Spätantike mit ein. Dass der Gestus der Kusshand in das Christentum übergegangen ist, ist wohl dem Kirchenvater Hieronymus (347– 420 n. Chr.) zu entnehmen: „qui adorant, solent desosculari manum et capita submittere.“298 Weitere Zeugnisse über die Kusshand sind Abbildungen, auf denen Christen zu sehen sind, die die Proskynese durch die Kusshand ausführen. Nach Harst gibt es eine Schrankplatte aus dem 5. Jahrhundert, auf der Petrus zu sehen ist, der, während er ein lateinisches Kreuz schultert, den Kusshandgestus in von Hieronymus beschriebener Weise ausführt.299 Das gen Himmel gerichtete Haupt während Gebetshandlungen beschreibt Johannes auch von Jesus, nachdem er den Lazarus wieder auferweckt hat (Joh 11,41): „Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.“ Diese Gestik ist aber keine genuin christliche, da es auch eine allgemeine jüdische Gebetszeremonie laut Lukas (Lk 18,13) war. In der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner, gehen beide in den Tempel zum Beten, wobei der Zöllner nach Lk 18,13 nicht einmal die Augen zum Himmel erheben wollte. In der griechisch-römischen Kultur war der Blick zum Himmel vor allem bei der Anbetung des Sonnengottes selbstverständlich, da sich die Blickrichtung nach dem Götterbild oder dem vermuteten Wohnsitz des angebeteten Gottes richte- 5.2 5.2.1 5.2.1.1 298 Apologia adv. Rufin. 1,19 (MPL 23, 413B) zit. n. Hofmann, Philema, S. 142. 299 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 114. 5. Mund und Kuss im Christentum 64 te.300 Dass beim Gebet zusätzlich die Arme empor gehoben wurden ist ein additiver Aspekt des Sonnenkultes. Auch dieser Gestus war in der antiken Welt des Judentums verbreitet wie Psalm 63,5 zeigt: „So will ich dich loben mein Leben lang, und meine Hände in deinem Namen aufheben.“ Das Küssen der Hand, bevor man die Hände zum Himmel erhob, war nur eine zusätzliche Komponente dieses Gestus. Eingang gefunden hat diese Verehrungsgeste in die Liturgie als sogenanntes „sursum corda“.301 Vor der Einsetzungshandlung zur Eucharistie, werden die Einsetzungsworte gesprochen, wobei der Priester die Handlung Jesu beim letzten Abendmahl bis ins kleinste Detail nachahmt. Dölger nimmt an, dass man sich in der frühen Kirche Jesus gar nicht anders beim Gebet vorstellen konnte als mit erhobenen Armen und Augen in Richtung Himmel.302 Ähnlich wie die Kusshand, war auch der Fußkuss zu Zeit Jesu weit verbreitet, was nicht verwunderlich ist, betrachtet man die Ergebnisse aus den Punkten 3.2.2.1 und 4.2.2. Der Fußkuss, als Kuss der Hingabe und Demut gegenüber anbetungswürdigen oder höhergestellten Personen oder Abbildern, hat auch im Neuen Testament bei Lk 7,37f. in der Geschichte von der Sünderin Eingang gefunden. Diese suchte Jesus auf, als er in der Stadt war und bat ihn um Vergebung ihrer Sünden, indem sie ihm in einem fort die Füße salbte und küsste. Der Fußkuss ist auch in der Heiligenverehrung verbreitet. „Der Glaube, dass das Urbild im Abbild wohnt […]“303, bringt die Menschen dazu, die Statuen zu küssen. Der Heilige Petrus im Petersdom in Rom hat deshalb blank geküsste Füße.304 Der Sachkuss Auch war der Sachkuss im Christentum verbreitet, da die Menschen glaubten, dass durch das „Einwohnen Gottes“ das betroffene Objekt, sei es eine Reliquie oder eine Heiligenstatue, Gott gehört und dadurch heilig ist. Um an dieser Heiligkeit teilzuhaben, wurde der Gegenstand 5.2.1.2 300 Vgl. Dölger, Sol, S. 308f. 301 Vgl. ebd., S. 301ff. 302 Vgl. ebd., S. 302f. 303 Harst, Der Kuss, S. 134. 304 Vgl. Angenendt, Religiosität, S. 392. 5.2 Formelle Küsse 65 in der Verehrung auch berührt oder geküsst.305 Im Christentum war es deshalb, wie bei den Römern, Brauch, die Schwellen zu küssen.306 Ein weiteres Kussobjekt war der Altar. Der Altar spielte dabei eine ganz herausragende Rolle, weil man glaubte, Christus selbst sei der Altar. Diese Symbolträchtigkeit des Altars besteht seit dem 4. Jahrhundert.307 In seiner gottesdienstlichen Funktion ist er der Ausgangspunkt für den Friedenskuss. Denn während des liturgischen Gottesdienstes küsst der Priester den Altar, bei der sogenannten Pax, welche nichts anderes als einen Friedenskuss meint, und gibt den Kuss mit Hilfe eines Kusstäfelchens an die Gemeinde weiter, die es dann der Reihe nach küsst.308 Zur Bedeutung des Friedenskusses wird an anderer Stelle noch eine ausführliche Beschreibung gegeben werden. Objekte, die geküsst wurden, waren neben Heiligenstatuen auch Reliquien.309 Sogar Personen, denen der Märtyrertod augenscheinlich bevorstand, wurden geküsst. In den Akten von Thekla und Paulus, einer pseudepigraphischen Schrift aus dem 2. Jahrhundert, kommt die von Paulus missionierte Thekla zu ihm ins Gefängnis, um seine Fesseln zu küssen.310 Auch sind Kreuze, Gräber und die Heilige Schrift Gegenstände heiliger Verehrung und somit die eines Kusses.311 Das Christentum hat also, wie beispielsweise bei dem Kuss der Tempelschwelle, Gesten aus dem Heidentum übernommen und auf die christliche Symbolik hin umgedeutet. Es gäbe noch viele weitere Beispiele für Objekt- bzw. Sachküsse, jedoch genügt hier ein Einblick, da alles geküsst werden konnte, von dem man glaubte, dass es eine Spur Heiligkeit enthielt. Das Augenmerk soll deshalb im Christentum auf den Bruder- bzw. Friedenkuss gelenkt werden. 305 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 169. 306 Vgl. Hofmann, Philema, S. 138. 307 Vgl. ebd., S. 135. 308 Vgl. ebd., S. 116. 309 Vgl. ebd., S. 140. 310 Vgl. Hennecke, Neutestamentliche Apokryphen, S. 100. 311 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 180. 5. Mund und Kuss im Christentum 66 Küsse im politischen Rahmen Die Huldigung von Herrschern fiel besonders den frühen Christen schwer. Unter Nero (37–68 n. Chr.), der die ersten Christenverfolgungen initiierte, und später unter Trajan (53–117 n. Chr.) und Domitian (51–96 n. Chr.) kam es zu weiteren Verfolgungen, da den Christen die Verweigerung des Kaiserkultes zur Last gelegt wurde.312 Die Verweigerung sich an der Verehrung des Kaisers zu beteiligen rührt aus dem ersten Gebot (Ex 20,3) her „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“. Jedoch ist auch die Obrigkeit laut Paulus, so steht es in Röm 13,1, von Gott eingesetzt,313 um in weltlichen Angelegenheiten Recht und Ordnung durchzusetzen. Durch diese Bibelstelle gelang es späteren Kaisern, sich als von Gottes Gnaden designiert zu bezeichnen und für sich die Proskynese seitens der Christen einzufordern.314 Jedoch war die Problematik weniger schwer als beispielsweise unter Nero, da, angefangen mit Kaiser Konstantin, die nachfolgenden Herrscher im römischen Reich christlichen Glaubens waren. Heiler schreibt hierzu die Christen hätten nach dem Mailänder Edikt „[…] den Kaiserkult übernommen und die damit verbundenen kaiserlichen Epitheta wie „Gottes Sohn“, „Herr“, „Allherrscher“, „Heiland“, etc. […] und […] ihm [dem Kaiser] Anbetung durch Sichniederwerfen und Fußkuss [erwiesen].“315 Auch vor der christlichen Liturgie machte der Kaiserkult nicht halt. Genau lässt es sich nicht datieren, jedoch muss sich nach Harst die Sitte, dem Pontifex Hand- und Fußkuss zu teil werden zu lassen vor der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts etabliert haben.316 Nicht nur die römischen, sondern auch die byzantinischen Kaiser sahen sich als Stellvertreter Gottes auf Erden und wollten mit der Proskynese verehrt werden.317 Klauser schreibt in seiner abendländischen Literaturgeschichte, dass Ehrenrechte und Zeremoniell des kaiserlichen Hofes und der höchsten Beamtenschicht auf Bischöfe und Kleriker übertra- 5.2.2 312 Vgl. Schnelle, Die ersten 100 Jahre, S. 432. 313 „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“ 314 Vgl. Stegemann, Streitbare Exegesen, S. 227ff. 315 Heiler, Erscheinungsformen, S. 369. 316 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 228. 317 Vgl. ebd. 5.2 Formelle Küsse 67 gen wurden und deshalb auch in den Bereich der Liturgie eingedrungen seien. „Weil die Bischöfe den höchsten staatlichen Würdenträgern gleichgestellt wurden, kamen ihnen Thron, Lichter, Weihrauch, Mappula, Handkuss und andere Ehrenrechte zu, und weil der Bischof von Rom der kaiserlichen Majestät selbst gleichgeordnet wurde, hatte er wie der Kaiser Anspruch auf Ring, Kniefall, Fußkuss und Aufstellung seines Bildes in Amtsräumen, das heißt in den Kirchen.“318 Zwar hatte Jesus in der Zinsgroschen-Erzählung gesagt „Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21), jedoch sind darunter weltliche Dinge zu verstehen, wie beispielsweise die Abgabe der kaiserlichen Steuer. Der Verehrung eines Kaisers gleich der eines Gottes steht dabei immer noch das erste Gebot im Weg. Die Kirche der Spätantike fing aber durch das klerikale System an, eine Hierarchie aufzubauen, welche sich an der Bevölkerung unter dem Vorwand göttlicher Legitimation bereichern konnte. Die Situation der frühen Christen in den Urgemeinden war jedoch eine andere, da man versuchte, sich möglichst unauffällig gegenüber dem Kaiser zu verhalten. Die Folgen waren der Rückzug in die eigene Glaubensgemeinschaft und der Versuch sich, vom römischen Staat möglichst unbemerkt, von kultischen Festen zurückzuziehen, um einer Verweigerung der Teilnahme am Kaiserkult vorzubeugen.319 Zudem ergab sich durch die Hoffnung auf die Vergebung der Sünden, der leiblichen Auferstehung und eine Aufnahme in das Reich Gottes, für die frühen Christen eine neue Gewichtung des Verhältnisses zur Gesellschaft, zum Staat, zur Politik und zur Moral.320 Die schleichende Institutionalisierung gewöhnte die Menschen jedoch an das neue Machtsystem bis zur Reformation ohne dabei viel Widerspruch zu erfahren und durch die Unbildung der Laien wurde die Verehrung des Klerus und der Obrigkeit als gottgewollt hingenommen. 318 Klauser, Abendländische Literaturgeschichte, S. 13. 319 Vgl. Dahlheim, Geschichte, S. 127ff. 320 Vgl. ebd., S. 115ff. 5. Mund und Kuss im Christentum 68 Private Küsse Der Liebeskuss So wenig wie im Alten Testament von einem erotischen Liebeskuss die Rede ist, außer im Hohelied, dessen Interpretationen aber mannigfaltig sind und auch von Christen als geistige Vereinigung zwischen Kirche und Gott angesehen wird, so wenig kommt auch der Liebeskuss im Neuen Testament vor. Im Mittelpunkt des Neuen Testaments steht die Liebe zu Gott. Die Liebe zu den Mitmenschen ist im platonischen Sinn gedacht. Liebe zwischen Mann und Frau ist nur in der Ehe legal und darf nicht in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden, wie beispielsweise durch einen Kuss.321 Klare und direkte Aussagen sowohl über Heterosexualität als auch Homosexualität finden sich im Neuen Testament nicht. In der exegetischen Forschung interpretiert man die Bibelstellen Röm 1,26f; 1 Kor 6,9 und 1 Tim 1,10, die mögliche Hinweise auf homosexuelles oder als wider die Natur gekennzeichnete sexuelle Handlungen aufweisen, sehr unterschiedlich.322 Der Grundton der Aussagen hat jedoch einen negativen und verleumderischen Charakter. Scholz meint in diesem Kontext: „Was auch immer exakt in den betreffenden Passagen im Blick auf bestimmte Sexualpraktiken gemeint sein will, die pejorative Konnotation, die schroffe Ablehnung und apodiktische Verurteilung ist jeweils offensichtlich.“323 In der Antike wurden die Paulusbriefe als Anfeindung Homosexueller interpretiert, wodurch „ein Kuss zwischen Männern […] beschimpft [wurde], wenn nicht sogar bestraft. Diese Einstellung bestimmte fortan Denken und Gesetzgebung der westlichen Welt.“324 Der Grund für die fehlende Beschreibung von Küssen im Neuen Testament ist in der Vergeistigung der Liebe zu suchen. 1 Joh 4,7 ruft seine Lieben zum gemeinsamen Liebesdienst mit den Worten: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.“ Körperliche Liebe, Lust und Begierde sind Sünde 5.3 5.3.1 321 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 320. 322 Vgl. Scholz, Homosexualität, S. 1f. 323 Ebd., S. 2. 324 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 298. 5.3 Private Küsse 69 und Teufelswerk. Fatal für Frauen war die Verbindung des Bösen und des Teufels mit der verführerischen weiblichen Erotik.325 Clemens von Alexandria (150–215 n. Chr.), ein griechischer Kirchenschriftsteller, 326 schreibt hierzu: „Die Liebe wird aber nicht nach einem Kuss, sondern nach der (liebevollen) Gesinnung beurteilt.“327 Überdies ist er der Meinung, dass Küsse „das Gift der Zuchtlosigkeit“ einflößten.328 Des Weiteren schreibt er, dass infolge der Schönheit der Frau viele auf Abwege geraten sind, und sich am weiblichen Geschlecht das Feuer der Liebe entzündet. Die aus dem Feuer erwachsende Liebesleidenschaft, der Eros, führt infolge der Sünde ins nie erlöschende Feuer (III, 83.4).329 Seinen Lebensdaten zufolge entwickelte sich die Leibfeindlichkeit, die in der Frau ihre Ursache suchte, schon sehr früh im Glauben des Christentums. Die Lustfeindlichkeit selbst hat aber ihre Wurzeln bei Paulus, der in der hingebungsvollen Liebe zwischen Mann und Frau eine Ablenkung im Glauben sah. 1 Kor 7,33 belegt seine Einstellung: „Wer aber verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, und so ist er geteilten Herzens.“ Da für Paulus die Rückkehr des Herrn kurz bevor stand, lebte er in einer Welt, die stark vom Naherwartungsgedanken geprägt war, weshalb seine ganze Kraft Jesus Christus bzw. Gott galt.330 Auch der Epheserbrief331, der Kolosserbrief332 und der Erste Petrusbrief333 rufen zur Enthaltsamkeit von fleischlicher Begierde auf. Augustinus verband die sexuelle Lust sogar mit der Erbsünde, die sich seiner Meinung nach in den Genitalien konzentrierte.334 Im Mittelalter deklarierte Leo der Große (~ 400–461 n. Chr.) die menschliche 325 Vgl. Schol, Der entmannte Eros, S. 151. 326 Vgl. Méhat, Art. Clemens, S. 101f. 327 Vgl. Clemens, Paedagogus, III, 81.2. 328 Vgl. ebd., III, 81.4. 329 Vgl. ebd., III, 83.4. 330 Vgl. Vollenweider, Art. Paulus, Sp. 1052f. 331 Eph 2,3: „Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne […].“ 332 Kol 3,5: „So tötet nun die Glieder, die auf Erden sind, Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde […].“ 333 1 Petr 2,11: „Enthaltet euch von fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten.“ 334 Vgl. Lössl, Julian von Aeclanum, S. 232. 5. Mund und Kuss im Christentum 70 Lust zur Sünde allgemein, womit seine Aussage die Lebensbiographien vieler Einzelner mit quälenden Spannungen belastete.335 Der eheliche Kuss ist jedoch, abgesehen davon, dass die Ehe von Himmelsdingen ablenkt, erlaubt, denn in der Ehe galt es ja auch, den Schöpfungsauftrag Gottes zu erfüllen, wie Jesus nach Mk 10,2–9 ausführlich erläutert, indem Mann und Frau „ein Fleisch“ werden sollen. Jedoch wurde auch die eheliche Freiheit Lust zu empfinden von Hieronymus gegen Ende des vierten, anfangs des fünften Jahrhunderts negativ bewertet, da er die Lust im ehelichen Geschlechtsverkehr mit dem Beischlaf mit einer Prostituierten vergleicht.336 Wie die Ausführungen über den Heiligen Kuss noch zeigen werden, war jedoch in den Urgemeinden der Gedanke der Lustfeindlichkeit weit nicht so stark ausgeprägt, wie er sich in späteren Jahrhunderten schließlich durchsetzte. Küsse in der Familie und zwischen sich (im Geiste) Nahestehenden Der Begrüßungs- und Abschiedskuss Wie im griechisch-römischen Kulturkreis und im Judentum, so finden sich sowohl der Typus des Begrüßungs- als auch Abschiedskusses im Neuen Testament wieder. In der Geschichte vom verlorenen Sohn, nach der Erzählung von Lk 15,11–32, küsst der Vater seinen verloren geglaubten Sohn als dieser zurückkehrt. Ob dieser Begrüßungskuss ein Wangenkuss oder ein Lippenkuss war, gibt die Erzählung nicht preis. Aufgrund jüdischer Traditionen im christlichen Umfeld könnte es sich auch um einen Kuss auf den Mund gehandelt haben, zumal der Kuss ein gleichgeschlechtlicher war. Abschiedsküsse finden sich in der Apostelgeschichte, als sich Paulus von der Gemeinde von Milet verabschiedet. Die Trauer ist groß und die Gefühle sind aufgewühlt, da Paulus den Gemeindemitgliedern gesagt hat, dass sie ihn nicht mehr sehen werden. „Da begannen alle laut zu weinen und sie fielen Paulus um den Hals und küssten ihn.“337 5.3.2 5.3.2.1 335 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 471. 336 Vgl. Angenendt, Religiosität, S. 280. 337 Apg 20,17–20. 5.3 Private Küsse 71 Auch hier ist nicht klar, wie der Kuss zwischen Paulus und seinen Brüdern im Geist aussah. Waren es Lippen-, Wangen- oder gar Küsse auf die Stirn? Wenn diese Küsse nicht nur reine Abschiedsküsse waren, sondern es sich zum Abschied um den sogenannten Bruderkuss handelte, bei dem man sich auf den Mund küsste, um Kräfte und seelische Eigenschaften zu übertragen, so handelt es sich hier möglicherweise um einen Lippenkuss. Küsse wurden aber durch die Kirche zunehmend restriktiver behandelt. So wünscht sich Clemens von Alexandria in seinem erzieherischen Werk „Paedagogus“ mehr Zurückhaltung bei der Begrüßung. Diese modestia sollte nicht nur besonders bei Fernstehenden gezeigt werden, sondern sogar bei Menschen die man gerne hat.338 Das nächste Kapitel wird sich nun intensiv mit dem Bruderkuss, bzw. dem Heiligen Kuss oder auch Friedenskuss genannten Kusstypus auseinandersetzen. Der Heilige Kuss Im neuen Testament finden sich vier Textbelege, in denen zum gegenseitigen Gruß mit dem Heiligen Kuss aufgerufen wird (Röm 16,16; 1 Kor 16,20; 2 Kor 13,12 und 1 Thess 5,26). Eine weitere Belegstelle ist 1 Petr 5,14, jedoch ist hier nicht von dem Heiligen Kuss, dem φίλήμα ἁγίον, die Rede, sondern dem Kuss der Liebe (φίλήμα ἀγάπης). Die Bedeutung von „küssen“, abgeleitet von φίλήμα, wurde schon eingehend in den Punkten 3.1.2 und 5.1 besprochen. Die Bedeutung von ἁγίος ist ganz einfach „heilig“. Aber „seine spezifische Bestimmung erhält das Wort dadurch, dass es auf Gott und das, was zu Gott gehört angewandt wird im Gegensatz zu allem Geschöpflichen, zumal allem Sündhaften und Unreinen.“339 Die gläubigen Menschen, können selbst als ἁγίοί bezeichnet werden, da sie durch das Opfer Christi am Kreuz zu solchen geworden sind. Daraus folgt wiederum nach Hofmann, dass das, was den ἁγίοί zu eigen ist, auch ἁγίον ist. Denn so verhält es sich mit dem Kuss, mit dem Paulus die Gemeinde ermahnte, sich einander zu begrüßen. An diesem Punkt stellen sich einige Fragen: Wel- 5.3.2.2 338 Vgl. Clemens, Paedagogus, III, 82.2. 339 Hofmann, Philema, S. 20. 5. Mund und Kuss im Christentum 72 che Funktion hatte der Kuss innerhalb der Gemeinden und im Bezug zur Außenwelt? War dieser schon immer mit einem Seelenaustausch konnotiert? Und vor allen Dingen: grüßten sich alle, also Brüder und Schwestern, untereinander oder war der Kuss nur unter dem gleichen Geschlecht üblich? Diese und weitere, auch sozialgeschichtliche Fragen, sollen im Folgenden nun näher betrachtet werden. Die Erwähnung des Heiligen Kusses bzw. des Kusses der Liebe erfolgt immer am Ende der Briefe und steht fest verbunden mit der Aufforderung sich untereinander, also die Glaubensbrüder und -schwestern zu grüßen. Dadurch wird der Kuss zum Zeichen und feststehenden Bestandteil der christlichen Gemeinschaft. Hofmann spricht hier sogar vom „einigende[n] Band der Liebe und des Friedens, das sich um alle Gläubigen schlingt.“340 Er geht davon aus, dass solch ein Brief am Ende einer Gemeindeversammlung verlesen wurden, woraufhin dann zum Schluss eine Abendmahlsfeier folgte. Zudem zieht er hier Parallelen zwischen der Verlesung des Briefes und einer Predigt, welche auch dem Herrenmahl vorangestellt ist. Der Kuss dient folglich als Bindeglied zwischen Ansprache und Eucharistie, wodurch er seine Bedeutung erst in der Versammlung der Gläubigen erhält. 341 Doch stellt sich die Frage, wo der Kuss seinen Ursprung hatte. Manche Autoren nehmen an, dass die paulinischen Briefe eine Tradition aufnehmen, die Jesus selbst eingeführt hat. Denn jegliche Erklärung wie der Kuss auszuführen ist, fehlt in den Briefen. Das impliziert wiederum, dass die Empfänger mit dem Ritus des Kusses vertraut waren. Reinhard Feldmeier stellt sogar die Mutmaßung auf, dass der Heilige Kuss als Ausdruck zur Zugehörigkeit der Dei familia auch schon im Kreis der Jünger praktiziert sein worden könnte.342 Auch lohnt sich ein Blick in die griechisch-römische Tradition, wo der Kuss als Begrüßungs- oder Abschiedskuss gerne zwischen Verwandten und Freunden ausgetauscht wurde und das familiäre bzw. freundschaftliche Band betonte.343 Dadurch, dass die Christen Brüder und Schwestern im Geist sind, könnte der Kuss auf die christliche Gemeinschaft umgedeutet worden sein, zumal man im griechisch-römischen Denken die Übertragung des 340 Hofmann, Philema, S. 20. 341 Vgl. ebd., S. 24ff. 342 Vgl. Feldmeier, Der erste Petrusbrief, S. 171. 343 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 18ff. 5.3 Private Küsse 73 Seelenhauches damit verband. Möglicherweise wurde die Dimension des Pneumas erst später in die Bedeutung des Kusses eingeflochten.344 Jedoch meint Phillips nach Penn, „that this preexisiting pneumatological understanding of the kiss may have influenced the kiss’s prevalence among Christian communities.”345 Zusätzlich war der Heilige Kuss für Paulus „a ritual communication of the divine pneuma dwelling within Christians.”346 Phillips begründet seine Annahme damit, dass Paulus die Formulierung ἀσπάσασθε ἀλλήλους ἐν φίλήματι ἁγίῳ und μετὰ τοῦ πνεύματος ὑμῶν niemals zusammen benutzt, wodurch im Kuss die zusätzliche Bedeutung des Geistes mitschwingt. Der Kuss wird mit dieser Bedeutungsrichtung von einem alltäglichen Kuss unterschieden und bekommt ritualhaften Charakter, indem diese Unterscheidung vollzogen wird.347 Die Soziologin Catherine Bell sieht den Prozess einer Ritualisierung darin, dass bestimmte soziale Handlungen von anderen Handlungen unterschieden werden348 und genau das geschieht mit dem Heiligen Kuss. Vier Paulusbriefe sprechen vom „Heiligen Kuss“. Aber gibt es einen Bedeutungsunterschied zu dem im Petrusbrief verwendeten Terminus „Kuss der Liebe“? Die Differenz zwischen dem φίλήμα und der spezifisch christlichen Bezeichnung für Liebe, nämlich ἀγάπη, ist so gravierend, dass, betrachtet man nur den Wortsinn, beide Küsse verschiedene Bedeutungen haben.349 Der christliche Liebesbegriff meint die „[…] erwählende tatbereite Liebe Gottes und in Abhängigkeit von ihr die Liebe der Gottesgemeinde […].“350 Hofmann folgert daraus, dass die ἀγάπη kennzeichnend für die christliche Gemeinschaft ist und im Genitiv verwendet dann auch den Kuss mit diesem christlichen Kennzeichen versieht. Wenn man nun davon ausgeht, dass Grund und Ziel der Gemeinschaft die spezifisch christliche Liebe ist, so hat dies auch eine heilige Komponente, weil die Liebe im Dienste Gottes verstanden wird. „Denn das Leben der Christen, welches ein 344 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 18ff. 345 Ebd., S. 20. 346 Phillips, The Ritual Kiss, S. 8–12 zit. n. Penn, Kissing Christians, S. 20. 347 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 20. 348 Vgl. ebd., S. 17. 349 Hofmann, Philema, S. 28. 350 Vgl. ebd., S. 31. 5. Mund und Kuss im Christentum 74 heiliges Opfer für Gott sein soll (Röm 12,1; 15,16) soll sich stets im Dienst untereinander realisieren (Eph 4,12), und dieser Dienst an den Brüdern soll eben durch die Agape geschehen (Gal 5,13f; 6,10).“351 Im Folgenden werde ich also beide Begrifflichkeiten synonym gebrauchen. Indem sich der Heilige Kuss als Ritual etablierte und in den ersten fünf Jahrhunderten in Gebeten, der Eucharistie, der Taufe, Ordination, Begrüßungen, Beerdigungen, klösterlichen Gelübden, Märtyrertum und der Buße Anwendung fand, wurden dadurch die Bindungen in der christlichen Gemeinschaft gestärkt.352 Jedoch musste der Kuss zunächst deerotisiert werden, indem dessen familiäre Bedeutung betont wurde.353 Denn obwohl in den neutestamentlichen Quellen nicht gesagt wird, wie der Kuss ausgeführt wurde, ist doch anzunehmen, dass der Heilige Kuss Mund zu Mund ausgeführt worden ist. Denn Clemens von Alexandria gibt knapp drei Jahrhunderte später in seinem Werk „Paedagogus“ Anweisungen zu dessen genauer Ausführung: keusch und mit geschlossenem Mund.354 Der Kuss der Liebe half den frühen Christen, sich als Gemeinschaft von Heiden und Juden zu exkludieren. Durch die Betonung der erotischen Komponente des Kusses und der Gefahren, die der Kuss in sich birgt, gelang es den Christen ihre eigene moralische Überlegenheit zur Schau zu stellen. Durch den keuschen und geschlossenen Mund widerstand man beim Küssen allen sexuellen Versuchungen.355 Dabei muss betont werden, dass bei den frühen Christen der Kuss auch zwischen Männern und Frauen ausgetauscht wurde,356 was natürlich auch Anfeindungen und abstruse Vermutungen über die sexuelle Freizügigkeit der Christen von außen mit sich brachte. In Rom durften Begrüßungsküsse ja nur bis zum sechsten Verwandtschaftsgrad ausgetauscht werden. Da die christlichen Gemeinschaften sehr zurückgezogen lebten, um im römischen Reich nicht aufzufallen, befeuerten solche Vermutungen natürlich noch ab- 351 Hofmann, Philema, S. 33. 352 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 1. 353 Vgl. ebd., S. 13. 354 Vgl. Clemens, Paedagogus, III, 81.3: „[…] δίὰ στόματος σώφρονος καί μεμυκότος […].” 355 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 13. 356 Vgl. ebd., S. 22. 5.3 Private Küsse 75 struse Gerüchte und Geschichten über die Gruppe mit dem neuen Glauben.357 War der Kuss oftmals ein Zeichen für den sozialen Rang von Geküsstem und Küssendem, so fällt auf, dass die Christen in den frühen Gemeinden mit dem Heiligen Kuss die soziale Rangordnung auflösten.358 Sklavenhaltung war in der Antike weit verbreitet und auch die frühen Christen waren mit dieser Form des Menschenhandels vertraut. Jedoch gab es auch einige Sklaven in den christlichen Gemeinschaften, die aber genauso wie alle anderen Mitglieder den Kuss teilten.359 Indem das einende Band Jesus Christus war, gab es keine Unterschiede mehr. Der Heilige Kuss war nur ein weiteres Ritual, um die Gruppengemeinschaft zu stärken und den Zusammenhalt zu fördern. Penn spricht hier von dieser Gemeinschaft als „single, unified social body.“360 Nach dem Evangelisten Matthäus hatte auch Jesus die familiären Eigenschaften dieser Gemeinschaft betont, deren gemeinsamer Glaube eine größere Verbindung zwischen den Gläubigen schafft als es die Blutsverwandtschaft jemals vermag.361 Durch den Kuss wird nicht nur der Zusammenhalt begünstigt, sondern auch die Solidarität der einzelnen Mitglieder untereinander. Denn der Kuss soll von Herzen kommen und keine Lippen unaufrichtig aufeinandergepresst werden. Wenn der Kuss ehrlicher Natur ist, so besitzt er auch Versöhnungspotenzial, weshalb er auch in späterer Zeit in Friedenskuss umbenannt wurde.362 Die Kirchenväter hatten sich bemüht, den Kuss nach allen Seiten hin liturgisch auszulegen. Auch im Alten Testament begegnet der Gruß als „nach jemandes Frieden fragen“ (1 Sam 25,6), weshalb in der kirchlichen Tradition die Erteilung des Heiligen (Begrüßungs-) kusses als „pacem dare“ bezeichnet wird.363 Über den Gebrauch des Kusses sind sich die Exegeten jedoch nicht ganz einig. Penn sieht den Heiligen Kuss bei den frühen Christen in der Funktion eines Begrü- ßungskusses, der jedoch bedeutungsschwerer ist als ein profaner Kuss 357 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 109. 358 Gal 3,28: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ 359 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 33. 360 Ebd., S. 26. 361 Vgl. Mt 12, 46–50. 362 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 44ff. 363 Vgl. Hofmann, Philema, S. 123. 5. Mund und Kuss im Christentum 76 zum Gruße, spricht ihm aber auch eine Stellung innerhalb des liturgischen Gottesdienstes zu, wohingegen Hofmann den Heiligen Kuss nur in der Liturgie positioniert. Hofmann begründet seine Annahme mit dem Postskript des Briefes, weil er die Verlesung der Paulusbriefe in den Gemeinden in einen Gottesdienst eingebettet sieht.364 Wie der Kuss zur Einigung einer Gemeinschaft führte, so brachte er auch die Exklusion anderer Gemeinschaften mit sich. Besonders problematisch war das Verhältnis zwischen Christen und Juden, es glich einer Rivalität unter Geschwistern, da man sich auf dieselbe Tradition berief.365 So denunzierte Ambrosius von Mailand die jüdische Gemeinschaft mit der unhaltbaren Behauptung, dass Juden weder Frieden noch Liebe in sich tragen würden und berief sich dabei auf den Verrat an Jesus durch den Judaskuss als auch auf die Bibelstelle Lk 7,45, wo ein Pharisäer, der Jesus in sein Haus einlädt, Jesus neben der Fußwaschung auch den Kuss verweigert. Folglich seien die Juden fähig nur eine Art von Kuss zu geben: den Kuss des Verräters.366 Die ursprüngliche Intention sich von anderen Gruppen abzuheben, hatte zur Folge, dass mit der Zeit auch innerhalb der christlichen Gruppe differenziert und unterschieden wurde. In den ersten beiden Jahrhunderten war der Kuss zwischen Mann und Frau üblich, jedoch gibt es Quellen aus dem 3. Jahrhundert, wie einige Apokryphen, die den geschlechtsübergreifenden Kuss einschränken, bzw. ihn vermeiden, wegen der subtilen erotischen Komponente. In der „Traditio Apostolocia“, die Hippolyt von Rom (170–235 n. Chr.) zugeschrieben wird, steht explizit, dass sich jeweils nur Personen des gleichen Geschlechts mit dem Heiligen Kuss grüßen sollen.367 In einem Dokument aus dem fünften Jahrhundert ist noch einmal die Rede von geschlechtsübergreifenden Küssen innerhalb einer asketischen Gemeinde, bevor sich ein Deckmantel des Schweigens über den Heiligen Kuss in Bezug auf die Geschlechtertrennung legt.368 Penn hat festgestellt, dass spätere Schriften den Kuss zwischen Mann und Frau nicht mehr erwähnen. Gründe, die für eine Geschlechtertrennung aus historischer Sicht sprechen, 364 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 2f; 45 und vgl. Hofmann, Philema, S. 24f. 365 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 60. 366 Vgl. ebd., S. 61. 367 Vgl. ebd., S. 23. 368 Vgl. ebd., S. 21. 5.3 Private Küsse 77 sind zum einen das Aufkommen des Asketizismus, in dessen Programm ein Kuss keinen Platz mehr hatte, zum anderen die Institutionalisierung der Kirche und die Rolle der Gemeinschaften unter den Augen der Öffentlichkeit, die mit Argusaugen über die Frauen wachte.369 Penn schreibt in diesem Zusammenhang: „Although women have had more freedom in domestic spaces, once in public, they were fully part of an honor/ shame system that prioritized women’s modesty and often their segregation.“370 Neben der Trennung von Männern und Frauen innerhalb der christlichen Gemeinschaft wurde zudem spätestens ab dem 5. Jahrhundert zwischen Konfession, also Getauften und Ungetauften Gemeindemitgliedern, und Ordination unterschieden. Der Kuss zwischen Laien und Klerikern wurde verboten, genauso wie der Kuss zwischen Getauften und Ungetauften.371 Die Verbote sind eng verbunden mit der damaligen Vorstellung von rein und unrein. Die Vorstellung von einem Mund, der durch einen Kuss Unreinheit übertragen könnte, existierte sowohl im griechisch-römischen Kulturkreis als auch in der jüdischen Vorstellungswelt.372 So ist laut Penn in der „Traditio Apostolica“ überliefert, dass die Katechumenen den Heiligen Kuss noch nicht teilen durften, da aufgrund der fehlenden Taufe, ihr Kuss noch nicht „rein“ sei.373 Paulinus von Nola, Bischof und Schriftsteller aus dem 4. Jahrhundert, geht sogar so weit zu sagen, dass der Kuss katholischer Christen keusch, reinigend und rein sei, wohingegen der Kuss von Häretikern von Schändung, Gift und Unzüchtigkeit geprägt sei.374 Und er vergleicht zudem den Heiligen Kuss zwischen der Kirche als Braut und Jesus Christus als Bräutigam375, was wohl auch Origines tat, für den der Friedenskuss „ein Abbild des Kusses zwischen Gott (Christus) und seiner Kirche“ war.376 In diesem Vergleich findet sich die Anspielung auf die allegorische Auslegung des Hoheliedes wieder. Mit der Unterscheidung von Reinheit und Unreinheit eines Kusses schreibt man 369 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 85. 370 Ebd., S. 84. 371 Vgl. ebd., S. 90, 122. 372 Vgl. ebd., S. 94. 373 Vgl. ebd., S. 99. 374 Vgl Penn, Kissing Christians, S. 102. 375 Vgl. ebd. 376 Thraede, Art. Friedenskuss, Sp. 514. 5. Mund und Kuss im Christentum 78 dem Kuss auch bestimmte Wirkungen auf den Menschen zu. Wie schon kurz erwähnt, ergab sich für den Heiligen Kuss die Vorstellung eines Seelenaustausches oder der Verbindung zweier Seelen, deren Voraussetzung zwei reine sich Küssende waren. Auch die Vorstellung von bestimmten Wirkungen von Atem und Speichel, manchmal in Verbindung mit einem Kuss, setzt sich im Neuen Testament fort. Jesus heilt in Mk 7,33 einen Taubstummen durch seinen Speichel und in Mk 8,23 einen Blinden, den er wieder sehend macht, nachdem er ihm seine Finger auf die Augen gelegt hat, an denen sein Speichel klebte. Ausspucken war überdies ein beliebtes Mittel sich vor Krankheiten zu schützen (Gal 4,14) oder seine Missachtung kundzutun. So berichtet Tertullian, dass Christen vor Götzenaltäre ausspukten und diese anbliesen, um ihre Abscheu zu zeigen.377 Auch soll Christus mit dem Hauch seines Mundes „den Bösen“, möglicherweise ist damit der Antichrist gemeint, bei seiner Wiederkunft vernichten (2 Thess 2,8), womit es wieder eine alttestamentliche Parallele gibt, wo Gott durch seinen Hauchkuss den Tod bringen kann. Hippolyt empfiehlt in einer Gebetsanleitung: „Wenn du aber deine Hand anbläsest und dich versiegelst mit dem Speichel, den du aus deinem Munde bringen sollst, wirst du ganz rein bis zu deinen Füßen.“378 Auch beim Küssen findet ein Austausch von Atem und Speichel statt, wodurch sich die Kräfte mischen und es zum Austausch der Hauchseelen kommt. Der Erste Korintherbrief beschreibt den Körper der Christen als Tempel Gottes, in dem der Geist Gottes wohnt. Dieser wird dann auch beim Kuss ausgetauscht. „Da Paulus sonst nirgends Pneuma und Psyche als Organe etwa des „geistigen“ und triebhafen Innenlebens unterscheidet und außerdem das Pneuma Gottes 1 Kor 3,16 mit ψυχή und σῶμα hinsichtlich kaum auf einer Stufe stehen dürfte […]“, ist anzunehmen, dass Paulus sich dem liturgischen Sprachgebrauch anschließt.379 Das Ritual des Anblasens war auch in Spätantike bei der Taufe weitverbreitet, so soll der Bischof dem Täufling die Hand aufgelegt haben und unter Anblasen die Geister beschworen haben zu entflie- 377 Vgl. Hofmann, Philema, S. 52. 378 Till, Die Kirchenordnung, S. 39 zit. n. Harst, Der Kuss, S. 264. 379 Hofmann, Philema, S. 32. 5.3 Private Küsse 79 hen.380 Allgemein ist die Taufe in Bezug auf den Kuss ein sehr bedeutungsvolles Ritual, da durch den Kuss der Geist Gottes dem Täufling eingeflößt wird. Johannes Chrysostomus sieht den Taufkuss als „Sinnbild der Aufnahme in die Gottesfreundschaft und in die Gottesgemeinde“ an.381 Dass die Aufnahme in eine neue Gemeinschaft mit einem Kuss erfolgt, war auch ein Brauch, um Sklaven freizulassen, wie schon in Punkt 3.2.3 erläutert wurde. Zudem kommt der Kuss als rituelles Aufnahmesymbol auch in der Priester- und der Mönchsweihe vor.382 Der Heilige Kuss hat aufgrund seiner Bedeutungshoheit auch eine Geschichte der Wandlung hinter sich. Nach dem ersten Petrusbrief gibt es nach Penn mindestens fünfzig Jahre lang keine antike Quelle, die den Kuss erwähnt.383 Erst im zweiten Jahrhundert in der Apologie des Märtyrers Justin, wird er im liturgischen Kontext als der Eucharistie vorangehend erwähnt und als Zeichen der körperlichen Selbstkontrolle bezeichnet.384 Daraus lässt sich folgern, dass der Kuss bis zum späten zweiten Jahrhundert geschlechterübergreifend ausgetauscht wurde. Im dritten Jahrhundert wird der Kuss nur noch in liturgischen Kontexten erwähnt. Zur selben Zeit verbietet, wie schon erwähnt, die „Traditio Apostolica“ den Austausch des Heiligen Kusses zwischen Mann und Frau, genauso wie die Apostolischen Konstitutionen, welche zudem den Kuss zwischen Laien und Klerikern unterbinden.385 Im achten Buch der Apostolischen Konstitutionen findet sich eine ausführliche Liturgie zur Bischofsweihe, aus der ersichtlich ist, dass der zu Ordinierende von allen anderen Bischöfen mit dem Kuss des Herrn in ihren Kreis aufgenommen wurde.386 Hofmann fand heraus, dass der Heilige Kuss nicht nur in der römisch-katholischen Liturgie verbreitet war, sondern auch in Syrien, Ägypten und in Kleinasien bzw. Byzanz.387 Der Heilige Kuss als Zeichen des Friedens und der Versöhnung wurde anstatt als Philema hagion schon von Tertullian als signa- 380 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 264. 381 Hofmann, Philema, S. 129. 382 Vgl. ebd. 383 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 21. 384 Vgl. ebd., S. 22. 385 Vgl. ebd., S. 23. 386 Vgl. Hofmann, Philema, S. 96. 387 Vgl. ebd., S. 106. 5. Mund und Kuss im Christentum 80 culum orationis (Tert. de orat. c. 14)388 und von Augustin signum pacis (Augustin. Serm. de divers. 83.) genannt,389 wodurch in den folgenden Jahrhunderten stets die Versöhnung mit Gott, der Christen untereinander und die Mitteilung des Friedens Gottes im Mittelpunkt standen. Im frühen Mittelalter trat dann aber an die Stelle des echten osculum pacis, der Gebrauch eines Kusstäfelchens. Der Priester küsste zuerst den Altar, als Zeichen des Kusses zwischen Jesus und der Kirche, küsste anschließend die Paxtafel und gab diese an die Gottesdienstbesucher weiter, welche das Kusstäfelchen der Reihe nach küssten.390 Der Glaube an den Kräfteaustausch beim Friedenskuss, verband sich überdies auch mit dem Märtyrer- und Reliquienkult. Durch das Küssen Heiliger Gegenstände, glaubte man, dass ein Austausch der den Objekten innewohnenden Kraft mit der eigenen Seele stattfand. Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Heilige Kuss mit dem Gedanken eines Austauschs von Kräften und seelischen Eigenschaften belegt wurde, sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Das Christentum hat durch die Bezeichnung des Kusses als „heilig“, den ursprünglich profanen Begrüßungskuss für sich umgedeutet und die in der Antike weit verbreitete Annahme des potenziellen pneumatischen Charakters eines Kusses für sich auf Gott bzw. Jesus hin umgedeutet.391 Der heilige Kuss der Christen hat im Heiligen Geist seinen Ursprung und durch den Kuss soll von Gott zu den Menschen und den Menschen untereinander die göttliche Agape vermittelt werden, „jene geistgewirkte Liebe, die ganz und gar durch Gottes Heilstat bestimmt ist und allein von dorther ihr Gepräge erhält.“392 Hofmann nimmt an, dass der Heilige Kuss von Anfang an seinen festen Platz bei gottesdienstlichen Gemeindeversammlungen der Christen hatte, 393 jedoch ist dies nur eine Vermutung und durch die Postskripte der Briefe nicht bezeugt. Fest steht aber, dass der Heilige Kuss sehr früh, also spätestens im zweiten Jahrhundert fester Bestandteil in der Liturgie war. Sobald 388 Vgl. Schmidt, Liturgik, S. 450. 389 Augustin. Serm. de divers. 83: „Pax vobiscum! Et osculantur Christiani in osculo, quod es signum pacis, si, quod ostendunt labia, fiat in conscientia.” Zit. n. Augusti, Denkwürdigkeiten, S. 338. 390 Vgl. Arens, Cîteaux, S. 120. 391 Vgl. Hofmann, Philema, S. 90. 392 Ebd., S. 91. 393 Vgl. ebd., S. 146. 5.3 Private Küsse 81 sich die Gemeinschaft stärker als „pax“ verstand, wurde die Bezeichnung osculum pacis für den Bruderkuss innerhalb und auch außerhalb von Gottesdiensten gebraucht. Der Aspekt der Gemeinschaft der Gläubigen als In-group wurde im Laufe der Zeit so essentiell, dass pax auch allein Kuss bedeuten konnte.394 Jedoch konnte ich keine Hinweise darauf finden, dass sich der Bruderkuss als reines Begrüßungsritual auch im Mittelalter fortsetzte, nachweisbar ist der Kuss nur bis ins 4. Jahrhundert.395 Der Judaskuss Von den vier Evangelisten berichten nur Matthäus (Mt 26,49), Markus (Mk 14,45) und Lukas (Lk 22,47) von dem Verrat Jesu durch den Kuss des Judas Iskariot. Johannes erwähnt den Kuss nicht (Joh 18,5). Bei Lukas wird für das Verb küssen φιλεῖν verwendet, Matthäus und Markus verwenden aber beide die verstärkte Variante, also mit Inbrunst küssen, nämlich καταφιλεῖν. Zudem haben Matthäus und Markus fast denselben Wortlaut an den Kussstellen. Die Art und Weise Jesus zu verraten und dabei bei Jesus, der es aber vorher wusste, wer ihn verraten würde, und bei seinen Jüngern keinen Verdacht im Moment des Verrats zu erregen, liegt in der jüdischen Tradition des Huldigungskusses gegenüber Rabbinen begründet. Der Plan des Verrats war perfide und schlau, der Kuss als verräterisches Zeichen mit den Hohepriestern und deren Soldatenschar abgesprochen. Indem Judas Jesus mit „Rabbi“ anredet (Mt 26,49; Mk 14,45), fand man an der Begrüßung durch einen Kuss nichts ungewöhnlich, da Rabbinen gern mit einem huldigenden Begrüßungskuss begrüßt wurden. Der Verrat durch Jesus bekommt also einen umso bittereren Beigeschmack, wenn man sich bewusst wird, dass für die Handlung des Küssens nicht nur φιλεῖν verwendet wurde, sondern sogar καταφιλεῖν. Der Verrat wurde also gemäß der Überlieferung in den Schriften wohl überlegt und überzeugt vom eigenen Tun durchgeführt. Aus dieser Erzählung ist ersichtlich, dass ein Kuss auch mit unreinem Herzen ausgeführt werden kann und der jüdische Verräter, sei er fiktiv oder historisch, Grund genug für die 5.3.2.3 394 Vgl. Thraede, Art. Friedenskuss, S. 506. 395 Vgl. ebd., S. 511. 5. Mund und Kuss im Christentum 82 frühen Christen war, sich von den Juden abwenden zu wollen, indem man den Kuss stattdessen zum Symbol der (Gottes-)liebe deklarierte und den Gläubigen beim Kuss reine Herzen und Gedanken unterstellte. Wenn man so weit gehen möchte, könnte man den Kuss des Judas auch als Todeskuss interpretieren, da er Jesus schließlich durch die Auslieferung an die Römer das Leben kostete. 5.3 Private Küsse 83 Der Kuss im Islam Begrifflichkeiten Genauso wie ich die Begrifflichkeiten von „Mund“, „Kuss“ und „küssen“ in Judentum und Christentum bestimmt habe, möchte ich auch dieselben Wörter ins Arabische übertragen und ihre Bedeutung untersuchen. Die Wörter „küssen“ und „Kuss“ lassen sich entweder von der Wurzel qbl, bs oder lt-m herleiten. So heißt Kuss in arabischer Sprache entweder qubla, būsa bzw. bausa oder lat-ma. Analog dazu werden die Verben gebildet, nämlich qabbala oder qabila396, lat-ama397 und bāsa398. Der Mund heißt im Arabischen fam.399 Ähnlich wie im Hebräischen, aber anders als im Lateinischen, kann man keine linguistische Verbindung zwischen dem Mund und dem Kuss ziehen. Beide haben andere Wurzeln und sind damit nicht in irgendeiner Weise voneinander abgeleitet. Auch die Verwendungsweise für Kuss und küssen ist relativ willkürlich. Einzig lat-ama, also küssen, ist in seiner Bedeutungsbreite etwas vielfältiger, da es überdies „schlagen“, „verletzen“ oder „verhüllen“ bedeuten kann. 6. 6.1 396 Vgl. Wehr, Arabisches Wörterbuch, S. 997f. 397 Vgl. ebd., S. 1142. 398 Vgl. ebd., S. 122. 399 Vgl. ebd., S. 982. 85 Die Bedeutung von Mund und Lippen im Islam400 401 „Der Mund [fam] gilt in der islamischen Kultur als die vollkommenste Form, der geometrisch gelungenste Teil des menschlichen Körpers.“402 Der Mund hat im Islam nicht nur die Funktion als Esswerkzeug, sondern, wie in vielen anderen Kulturen auch, wird der Mund zur handelnden Person gemacht. Chebel spricht in diesem Zusammenhang von einem in der volkstümlichen Kultur verbreiteten Bild „eines kastrierenden, klaffenden, phantasmatischen, tiefgründigen, monströsen und tödlichen Organs.“403 Der Mund wird im erotischen Kontext aber auch als Freudenbringer wertgeschätzt, da er süße Küsse spendet. Im Koran selbst wird vom Mund im Zusammenhang mit Äußerungen sehr häufig negativ berichtet. So kommen Lügen und Hass aus den Mündern der Ungläubigen und Frevler.404 Auch der Dualismus zwischen Wort und Herz wird thematisiert.405 Neben der Funktion als Sprechwerkzeug gibt es andere Passagen, die von Mundgeruch und der Reinigung des Mundes mit einem Siwak, einem kleinen Holzstöckchen reden.406 Da zum Mund auch der Speichel gehört, der aus religionswissenschaftlicher Sicht in vielen Kulturen eine wichtige Rolle spielt, haben sich sowohl im Koran als auch in den Hadith-Sammlungen Belegstellen finden lassen. Der Speichel wird aber stets nur im Zusammenhang mit Mohammed selbst erwähnt. Aus den Versen geht hervor, dass man dem Speichel des Propheten eine gewisse (Segens-)kraft zusprach, da Neugeborene zu ihm gebracht wurden, denen eine Dattel von ihm in den Mund gesteckt wurde. Das Besondere an dieser Zeremonie ist aber, dass er die Dattel vorkaute, 6.2 400 Die Zitation der Hadithstellen in diesem Kapitel richtet sich nach der auf der Website www.sunnah.com angegebenen Zitationsweise. 401 Die Koranstellen sind alle Bobzin, Hartmut (Hg.): Der Koran. In der Übersetzung von Friedrich Rückert. Mit erklärenden Anm. von Wolfdietrich Fischer, Würzburg 42001 entnommen. 402 Chebel, Die Welt, S. 294. 403 Ebd., S. 295. 404 Vgl. Sure 3:167; Sure 18:5; Sure 5:78. 405 Vgl. Sure 3:167. 406 Vgl. Sahih al-Bukhari 245, In-book reference: Book 4, Hadith 112, USC-MSA web (English) reference: Vol. 1, Book 4, Hadith 246. 6. Der Kuss im Islam 86 wodurch sie von seinem Speichel durchtränkt wurde und somit das Erste war, was in den Bauch des Babys kam.407 Eine weitere Erzählung berichtet davon, wie der Prophet von einem Mann namens Jabir und dessen Frau bewirtet wird. Als die Frau den Teig für das Brot bäckt, gibt Mohammed ein wenig seines Speichels hinein. Nach der Erzählung des Mannes aßen sich viele Leute an dem Brot satt, das dabei nicht weniger zu werden schien.408 Neben der Geschichte der wundersamen Vermehrung des Brotes, gibt es eine weitere Erzählung, in welcher Mohammed einen Mann mit Augenschmerzen von seinem Leiden erlöst, indem er ihm seinen Speichel auf die Augen streicht.409 Eine weitere Funktion des Speichels ist die Vertreibung des Bösen. So glaubte man durch dreimaliges Spucken auf die linke Seite den Satan vertreiben zu können, wenn einem dieser, in welcher Form auch immer, begegnete. Jedoch ist explizit vermerkt, dass dieses Spucken ohne Speichel erfolgen soll.410 Die Umsetzung in der Praxis wird dementsprechend ein Spuckgeräusch mit der dazugehörigen Gestik gewesen sein. Die beschriebenen Belegstellen erinnern doch sehr an christliche Vorstellungen und Rituale. Die Lippen, als Teilorgane des Mundes, werden in der arabischen Literatur als sehr kostbar beschrieben, da sie häufig mit Edelsteinen, wie beispielsweise Rubinen, verglichen werden. Zudem ist ein häufig verwendeter Beiname auch rūḥ (Geist, Seele). Überdies finden sich auch in der arabischen Literatur Vergleiche zwischen Mund und Vagina aufgrund ihrer Ähnlichkeit von Form und Beschaffenheit.411 Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Lippen und rūḥ gibt, wird sich im Folgenden herauskristallisieren. Aus der erotischen Konnotation der Lippen im Islam, lässt sich schon erkennen, dass Muslime in sexueller Hinsicht möglicherweise offener waren als Juden und insbe- 407 Vgl. Sahih al-Buchari 5469; In-book reference: Book 71, Hadith 3; USC-MSA web (English) reference: Vol. 7, Book 66, Hadith 378. 408 Vgl. Riyadhu s-Salihin 520, Arabic/English book reference: Book 1, Hadith 520. 409 Vgl. Riyadhu s-Salihin 175, Arabic/English book reference: Book 1, Hadith 175. 410 Vgl. Sahih al-Bukhari 6995, In-book reference: Book 91, Hadith 14; USC-MSA web (English) reference: Vol. 9, Book 87, Hadith 124. 411 Vgl. Chebel, Die Welt, S. 273. 6.2 Die Bedeutung von Mund und Lippen im Islam 87 sondere Christen. Diesem Verdacht wird besondere im Kapitel über den Liebeskuss nachgespürt. Formelle Küsse Küsse im religiösen Bereich Der Islam als Religion ist für unser Zeitverständnis relativ spät entstanden. Der Beginn wird auf die Zeit datiert, als der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed (570–620 n. Chr.) erschienen und ihm Gottes Wort offenbart haben soll. Islamische Lehren, Lebensführung und Überlieferungen gründen sich auf die Predigten und Handlungen des Propheten. Unter dem dritten Kalifen wurden die Zeugnisse von Mohammeds Worten gesammelt und schließlich nach dessen Tod im Koran zusammengefasst. Zu dieser Zeit gab es auch schon einige rituelle Bräuche aus anderen Kulturen, wie Persien oder Byzanz, die der Islam für sich übernehmen und neu interpretieren konnte. Das heißt Hand- und Fußkuss, sowie Sachküsse von heiligen Gegenständen wurden übernommen. Besonders die Hadithe, Berichte über Mohammeds Worte, Taten und Handlungen, geben Auskunft über die verschiedenen Kuss- bzw. Verehrungsformen im religiösen Bereich. Hand- und Fußkuss finden sich in den Überlieferungen fast ausschließlich in Bezug auf den Propheten Mohammed, der von Anhängern oftmals mit einem Hand- und/oder Fußkuss begrüßt wurde. Beide Kusstypen als Zeichen der Ehrerbietung haben eine lange Tradition, weshalb sie auch häufig überliefert wurden.412 Anders verhält es sich mit den Sachküssen. Es gibt wenig Literatur, die etwas zu Sachküssen zur Zeit des frühen Islam enthält. Feststeht, dass sowohl die Kaaba in Mekka bei der Pilgerfahrt von den Gläubigen geküsst wurde und immer noch geküsst wird als auch der Koran. Für den Kuss der Kaaba gibt es in den Hadith-Sammlungen mehrere Belegstellen, wie beispielsweise bei al-Bukhari, der beschreibt wie Mohammed bei seiner Pilgerfahrt die Kaaba 6.3 6.3.1 412 Vgl. Sunan Abi Dawud 5225, In-book reference: Book 43, Hadith 453; English translation: Book 42, Hadith 5206; Vgl. Al-Adab Al-Mufrad 975, In-book reference: Book 42, Hadith 11; English translation: Book 42, Hadith 975. 6. Der Kuss im Islam 88 umrundete und küsste.413 Eine interessante Belegstelle in der Hadith- Sammlung Sahih Muslim lässt Rückschlüsse auf den Umgang mit Heiligem zu. Heilig erscheint das, was mit Heiligem in Berührung kam. So umrundete Mohammed die Kaaba, das sogenannte Haus Gottes, mit seinem Pilgerstock, berührte mit dem Stock eine Ecke der Kaaba und küsste anschließend seinen Stock.414 Eine weitere Stelle, die in Bezug auf religiöse Küsse Erwähnung finden sollte, ist der Hadith-Sammlung Sunan Abi Dawud entnommen. Denn neben Fuß- und Handküssen, die dem Propheten von seinen Anhängern in treuer Verehrung gespendet wurden, erzählt diese Stelle von Küssen auf den Oberkörper des Propheten. Ob die Küsse aber auf die Herzgegend gegeben wurden, lässt sich nicht herauslesen: “[…] a man of the Ansar, said that while he was given to jesting and was talking to the people and making them laugh, the Prophet poked him under the ribs with a stick. He said: Let me take retaliation. He said: Take retaliation. He said: You are wearing a shirt but I am not. The Prophet then raised his shirt and the man embraced him and began to kiss his side. Then he said: This is what I wanted, Messenger of Allah!”415 Für diesen Mann gab es wahrscheinlich nichts Schöneres als den Propheten selbst zu küssen. Denn durch das Küssen heiliger Personen oder Gegenstände glaubte man Segenskraft, im Islam baraka genannt, zu erhalten. Dasselbe gilt auch für das Küssen des Korans, der von der Segenskraft des göttlichen Wortes erfüllt ist.416 Der Reliquienkult ist durch das Ikonographieverbot im Islam bei Weitem nicht so ausgeprägt wie im Christentum. In vielen Hadithen findet man ein Bilderverbot, wodurch sich auch offiziell keine Heiligenverehrung entwickelt hat. Nur um Reliquien des Propheten selbst, wie Zähne, Barthaare oder Waffen rangt sich ein Kult, der sogar heute noch in Istanbul gelebt wird. Aufgrund ihres unersetzlichen Wertes, wird vor den Reliquien auch nur gebetet. Jegliche Berührung ist ausge- 413 Vgl. Sahih al-Bukhari 1603, In-book reference: Book 25, Hadith 89; USC-MSA web (English) reference: Vol. 2, Book 26, Hadith 673. 414 Vgl. Sahih Muslim 1275, In-book reference: Book 15, Hadith 283; USC-MSA web (English) reference: Book 7, Hadith 2921. 415 Sunan Abi Dawud 5224, In-book reference: Book 43, Hadith 452; English translation: Book 42, Hadith 5205. 416 Vgl. Schimmel, Die Zeichen, S. 140. 6.3 Formelle Küsse 89 schlossen.417 Die einzigen Sachgegenstände, denen eine Verehrung mit dem Kuss zuteilwird, sind die Kaaba und der Koran. Küsse zwischen sich Fernstehenden Dieses Kapitel befasst sich sowohl mit Küssen im politischen Bereich als auch mit Küssen, die zwischen einander Unbekannten oder nur flüchtigen Bekannten ausgetauscht werden. Küsse in diesem Rahmen sind stets Teil einer Begrüßung. Die meisten Begrüßungsszenen im Koran und den Hadithen stellen eine Begrüßung zwischen Bekannten dar, wo man einander entweder küsste oder umarmte, auf die Art und Weise wie es Mohammed zu tun pflegte. Manchmal begrüßte man sich auch nur mit einem Händeschütteln. Zwischen sich Fernstehenden war das Händeschütteln wohl üblich, jedoch findet sich dazu nur der Beleg in der Hadith-Sammlung Sunan Abi Dawud: “When the people of the Yemen came, the Messenger of Allah said: The people of the Yemen have come to you and they are first to shake hands.”418 Über die Häufigkeit des Händeschüttelns im frühen Islam herrscht Uneinigkeit in der Forschung. So stellt es Østrup laut Freyer als zwangsläufige Begrüßungsgeste dar, wohingegen Freyer an der Ausschließlichkeit des Händeschüttelns zweifelt, da beispielsweise der Fromme Ibn ʿAun (685/686–768 n. Chr.) das Händeschütteln gänzlich unterließ.419 Zudem stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt zu einem Handschlag zwischen Mohammeds Anhängern und den Besuchern aus dem Jemen gekommen wäre, wenn die Besucher nicht als erste die Hand ausgestreckt hätten. Fuß- und Handkuss finden sich, wie schon im religiösen Bereich erwähnt, auch bei Küssen zwischen sich Fernstehenden. Besonders bei den späteren Kalifen war es Brauch, ihnen mit einem Handkuss zu huldigen. Østrup führt dies auf die byzantinische Hofsitte zurück, welche von den Arabern nachgeahmt wurde.420 Jedoch wurde der Handkuss teilweise modifiziert, indem 6.3.2 417 Vgl. Hofmann, Sterben, S. 351. 418 Sunan Abi Dawud 5213, In-book reference: Book 43, Hadith 441; English translation: Book 42, Hadith 5194. 419 Vgl. Freyer, Formen, S. 76. 420 Vgl. Østrup, Orientalische Höflichkeit, S. 39. 6. Der Kuss im Islam 90 man zunächst die eigene Hand küsste, bevor man sie einem anderen reichte. Auch der Fußkuss war im alten Orient als Huldigungsgestus gegenüber Herrschern verbreitet. Zudem fand zur Zeit der Abbasiden auch die Huldigung des Kalifen mit einem Kuss auf den Teppich statt, worauf dieser saß. Sehr deutlich wird auch hier wieder die Haltung der Proskynese.421 Fuß-422 und Handkuss423 finden sich auch in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht. Ein recht außergewöhnlicher Kuss, der in Tausendundeiner Nacht beschrieben wird, ist ein Erdkuss vor dem Herrscher.424 Der Ausdruck „die Erde küssen“ steht aber sehr wahrscheinlich symbolisch für die Proskynese vor dem Regenten. Østrup kennt noch einen weiteren arabischen Grußgestus, der seiner Meinung nach eine verkürzte Form der Proskynese ist: „Anstatt das Gesicht den Boden berühren zu lassen, indem man sich niederwirft, hebt man gewissermaßen den Boden zu sich herauf, indem man die rechte Hand abwärtsführte, um sie dann in zwei Bewegungen Mund und Stirn berühren zu lassen.“425 Mit der Berührung von Mund und Stirn könnte möglicherweise eine Kusshand angedeutet sein. Eine Belegstelle über diesen Sachverhalt konnte ich in der Literatur zu meiner Bestätigung aber leider nicht finden. Für einen Begrüßungskuss oder einen Handschlag als Begrüßungsgestus mit einer Frau, die nicht Mohammeds Frau war, findet sich kein Beweis. Tatsächlich soll Mohammed das Händeschütteln mit einer Frau untersagt haben: “I came to the Prophet with some other Ansari women to give our pledge. […]. We said: 'Allah and His Messenger are more merciful toward us. Com, let us give you our pledge, O Messenger of Allah! The Messenger of Allah said: 'I do not shake hands with women. Rather my word to a hundred women is like my word to one woman.”426 421 Vgl. Østrup, Orientalische Höflichkeit, S. 33. 422 Vgl. Lane, The Thousand and one Nights, S. 362. 423 Vgl. ebd., S. 216; 362; 102. 424 Vgl. Lewald, Tausend und eine Nacht, S. 542. 425 Vgl. Østrup, Orientalische Höflichkeit, S. 34. 426 Sunan an-Nasa'i 4181, In-book reference: Book 39, Hadith 33; English translation: Vol. 5, Book 39, Hadith 4186. 6.3 Formelle Küsse 91 Zur Entwicklung von Hand- und Fußkuss trug vor allem die Herrschaft der Abbasiden bei, die die persische Kultur wiederbelebte, die, wie es auch die Assyrer taten, ihre Großkönige in unnahbare Ferne rückten, wodurch sich bestimmte Höflichkeitsformen herausbildeten. Unter den ersten Kalifen und während der Umayyadendynastie „blieb die altarabische Schlichtheit im Verkehr mit dem Kalifen bewahrt, was auch damit zusammenhing, dass manche Glieder dieses Herrschergeschlechtes bewusst darauf bedacht waren, die Verbindung mit der beduinischen Kultur festzuhalten.“427 Auffällig ist natürlich, dass der Islam, als jüngste dieser orientalischen Religionen, vieles, was er vorfand, in seine Rituale aufgenommen hat. Denn so wie die Menschen ihren Herrschern begegneten, traten sie vor ihren Gott, womit eine Übertragung bestimmter Verhaltensformen von einem Bereich in gewisser Analogie auf den anderen stattfand. Private Küsse Der Liebeskuss Die Überlieferungen aus dem Koran und den Hadithen lassen darauf schließen, dass Mohammed stets ein sexuell sehr aktiver Mann war. Nach seiner ersten Frau Khadija, mit der er eine monogame Beziehung führte, pflegte er aber die Vielehe mit mehreren Frauen mit dem Anspruch alle Frauen gleich zu behandeln und auch sexuell befriedigen zu können.428 Ein Ausspruch, der ihm zugeschrieben wird heißt: „Drei Dinge in der Welt sind mir lieb geworden: Frauen, Parfüm und das Gebet.“429 Da der Liebeskuss eng mit Sexualität verbunden ist und das Handeln Mohammeds als Richtschnur für das Leben der Muslime dient, lohnt sich neben der Untersuchung von Kussstellen im Koran und den Hadithen ein Exkurs in die Welt der Sexualität des frühen Islam, um an den Stellen, wo nicht vom Kuss die Rede ist, sich Küsse 6.4 6.4.1 427 Østrup, Orientalische Höflichkeit, S. 44. 428 Vgl. Bürgel, Love, S. 86. 429 Ebd. 6. Der Kuss im Islam 92 denken zu können. Die Grundvoraussetzung für Sexualität ist der Rahmen der Ehe, in dem geküsst und miteinander geschlafen wird.430 Im Koran wird sehr offen mit Fragen der Sexualität umgegangen, da sowohl Männer als auch Frauen den Propheten regelmäßig aufsuchten, damit er ihnen Rat in intimen Angelegenheiten gab.431 Der Prophet wusste in Liebesdingen Bescheid, weshalb die Vermutung nahe liegt, „dass viele persönliche Erfahrungen, die der Prophet Mohammed mit seinem turbulenten Harem gemacht hat, sich im Koran und in der Einstellung des Islam zur Frau und zur Sexualität niedergeschlagen haben.“432 Solange aber der Geschlechtsverkehr innerhalb der Ehe stattfindet, haftet ihm sogar auch eine gewisse Sakralität an.433 Nach Mohammeds Tod wurde ein kompliziertes Regelsystem aus Koran und Hadithen entwickelt, was Nacktheit und Intimität betrifft. Fragen wie beispielsweise wer wen küssen, wer sich wem wie entblößt zeigen darf und wie Homosexualität zu bewerten ist, werden dort geklärt.434 Die Auslegung über Küsse ist, wie exemplarisch noch am Begrüßungskuss zu sehen sein wird, dennoch nicht einheitlich. Der Liebeskuss gehört in ein eheliches Verhältnis, in welchem er oft und zärtlich ausgeführt werden soll. So war Mohammed ein Mann, der Frauen liebte und schätzte und sich gerne mit ihnen vergnügte. Zum Abschied, bevor er in die Moschee zum Gebet ging, soll er seine Frauen stets geküsst haben.435 Dass es sich hierbei um Mundküsse handelte, ist sehr stark anzunehmen. Auch das Fasten nahm er nicht zum Anlass sich keusch zu verhalten und küsste seine Lieblingsfrau Aischa auch tagsüber während der Fastenzeit.436 Der Kuss, der oftmals dem eigentlichen Geschlechtsverkehr vorangeht, gehört zum Vorspiel, welches von Korangelehrten als wichtiger Bestandteil des Sexuallebens angesehen und betont wurde.437 Der Is- 430 Vgl. Trautner, Gibt es ein Sexualitätsdispositiv, S. 226. 431 Vgl. Omar, Sexualität, S. 44. 432 Heller, Hinter den Schleiern, S. 78. 433 Vgl. Omar, Sexualität, S. 51. 434 Vgl. ebd., S. 52. 435 Vgl. ebd., S. 64f. 436 Vgl. Sahih al-Bukhari 1928, In-book reference: Book 30, Hadith 36; USC-MSA web (English) reference: Vol. 3, Book 31, Hadith 150. 437 Vgl. Omar, Sexualität, S. 65. 6.4 Private Küsse 93 lam kennt keine „christliche Dichotomisierung von Fleisch und Geist“.438 Der berühmte Arzt Ibn Sina (980–1037 n. Chr.) forderte sogar junge Leute zum Geschlechtsverkehr auf, um ihr Wohlbefinden zu verbessern, wobei davon auszugehen ist, dass er dabei an keinen ehelichen Rahmen dachte. Chebel sieht in dem Aufruf zum einen ein Ausleben der Sinnenlust, zum anderen auch die Forderung „Zurückgehaltenes freizusetzen [und] innere Schranken und Hemmungen abzubauen“.439 Dass Liebe glücklich macht, zeigt sich in der Hadith-Sammlung von al-Bukhari im Buch des Fastens: „Aisha said, “Allah's Messenger used to kiss some of his wives while he was fasting,“ and then she smiled.“440 Selbst ein Zungenkuss wird in der Hadith-Sammlung Sunan Abi Dawud beschrieben: „The Prophet used to kiss her and suck her tongue when he was fasting.“ 441 Es war wohl eine Gewohnheit Mohammeds, Aischa Zungenküsse zu geben. Nach Mohammeds Tod blühte die Erotik unter den Kalifen Harun al-Raschid und dessen Nachfolger al-Mutawakkil, die beide ein ausschweifendes Liebesleben führten, auf, ehe sie durch die Zerstörung Bagdads 1258 eine herbe Zurückdrängung erfuhr.442 „An die Stelle der Wissenschaftler und Künstler und eines weltoffenen und toleranten Islams traten engstirnige Rechtsgelehrte, die sich in den folgenden Jahrhunderten in sklavenhafter Buchstabentreue mit der Auslegung des Korans und frommen Überlieferung beschäftigten […].“443 In die Zeit des Kalifen Harun al-Raschid fällt auch die Entstehung weiter Teile des Märchens „Tausendundeine Nacht“. Auch hier gibt es ein unterschiedliches Repertoire an allerlei Küssen. Neben Fuß-444 und Handkuss445 findet sich natürlich auch der Liebeskuss.446 438 Trautner, Gibt es ein Sexualitätsdispositiv, S. 230. 439 Chebel, Die Welt, S. 264. 440 Sahih al-Bukhari 1928, 1928, In-book reference: Book 30, Hadith 36; USC-MSA web (English) reference: Vol. 3, Book 31, Hadith 150. 441 Sunan Abi Dawud 2386, In-book reference: Book 14, English translation: Hadith 74; Book 13, Hadith 2380. 442 Vgl. Trautner, Gibt es ein Sexualitätsdispositiv, S. 246. 443 Ebd., S. 247. 444 Vgl. Lane, The Thousand and one Nights, S. 362. 445 Vgl. ebd., S. 216; 362; 102. 446 Vgl. ebd., S. 183. 6. Der Kuss im Islam 94 Nicht nur im irdischen, sondern auch im jenseitigen Leben bleiben die Wonnen sexueller Lust bestehen. Auch im Paradies nach dem Tod bleiben sie nach islamischer Vorstellung dieselben und werden auch heute noch mit der Vorstellung eines nie aufhörenden Lustempfindens verglichen.447 Dort gibt es zudem luxuriöse Ruhelager, köstliche Speisen, schöne Mädchen und ewig junge Männer. „Ob sich dieses Versprechen an Männer wie Frauen zugleich richtet, und ob hier eine ausschließlich hetero- oder auch eine homo- oder bisexuelle Erfüllung in Aussicht gestellt wird, wird nicht deutlich.“448 Genauso wenig wird das Verhältnis des Islam zur Homosexualität aus den Überlieferungen klar. In verschiedenen sozialen Bereichen, aber besonders verbreitet in der Herrscherklasse, war Homosexualität in der klassischen islamischen Welt, also in den ersten fünf Jahrhunderten nach Mohammeds Tod. Ihre Akzeptanz oder Verleugnung war dabei stets subjektiv. 449 Ein mögliches Argument für die Verbreitung homosexueller Praktiken hängt mit Kriegen und Eroberungen zusammen, wodurch beispielsweise Sklaven aus aller Welt in den arabischen Kulturkreis kamen und natürlich auch unterschiedliche Sitten und Anschauungen mitbrachten. Goitein schreibt in diesem Zusammenhang: “It [the spread of homosexuality in pre-Islamic and early Islamic times] was the outcome of the superimposition of a caste of warlike conquerors over a vast defenseless population. The steamrollers of the Assyrian, Babylonian, Persian, Macedonian, and Roman conquests had crushed all the independent nations of the Ancient Near East. What remained was human dust, a population that was not accustomed to bearing arms and was unable to fight. Any conqueror, whether Arab, Turk, or Mongol, could take what he liked. After the endless supply of girls of all races, colors, shapes and personalities had been tasted, the oversatiated and refined appetites had to be satisfied elsewhere. Thus the cult of the ephebes, or attractive male youths, originally was a privilege of the men in power. But as often happens with social mores, the example of the ruling class filtered down, and became a style of life for the entire community.”450 447 Vgl. Trautner, Gibt es ein Sexualitätsdispositiv, S. 231. 448 Meyer, Gewollte Widersprüche, S. 289. 449 Vgl. Martin, The Role, S. 1. 450 Goitein, The Sexual Mores, S. 47f. 6.4 Private Küsse 95 Auch in Mohammeds Stamm, der zu den Quraisch-Stämmen gehörte, war Homosexualität verbreitet.451 Jedoch wird im Koran (Sure 7: 80f.; Sure 21: 74f.; Sure 26: 165f.; Sure 29: 28f.) immer wieder auch die aus dem Alten Testament bekannte Stelle über Lot (Gen 19,4–13) angeführt, als Lot Besuch von zwei Gott gesandten Engeln bekommt und ihnen Unterschlupf in seinem Haus gewährt. Die Bürger Sodoms verlangen die Herausgabe beider Engel mit eindeutig sexuellen Absichten, wohingegen Lot dem Volk seine beiden Töchter aushändigen will. Gott bestraft die Sodomiten für ihre Haltung durch die Zerstörung der Stadt. Die Frage, die sich hier jedoch stellt, ist die nach dem Grund des Gotteszorns: War Gott zornig darüber, dass die Sodomiten homosexuelle Handlungen ausführen wollten oder dass die Absichten einer Gruppenvergewaltigung gleichkamen? Im neunten Jahrhundert aber, zur Zeit der Hochblüte der erotischen Dichtung, lebte auch der Dichter Abu Nuwas, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte und diese auch in seinen Gedichten rezipierte. So finden sich bei ihm Stellen, die als Kuss zwischen zwei Männern gedeutet werden können. Sein Scherzgedichte-Buch berichtet über die Inschrift über seiner Haustür: „Wer dieses Haus betritt, sei sorgenlos nur Küsse muss er dulden und Geckos.“452 So wird hier nicht zwischen Küssen für Mann oder Frau unterschieden. Zudem findet sich eine weitere Stelle in seinem Diwan wo es heißt: I saw the boy in the darkness and embraced him, O would that this kiss could last! I kissed him while asleep, if only the true interpretation Of this had emerged when I was awake! … (D. iv, 240)453 Weitere Stellen, an denen der Dichter homoerotische Liebe zwischen Männern beschreibt, waren mir leider nicht zugänglich, da diese Quellen nur in arabischer Sprache zugänglich sind. Wie auch in Judentum und Christentum wird der homoerotischen Frauenliebe kein nennenswerter Stellenwert zugedacht, da sie entweder kaum verbreitet oder generell übereinstimmend verachtet wurde. Erwähnung findet sie dennoch in Tausendundeiner Nacht und bei 451 Vgl. Daniel, Arab Civilization, S. 60. 452 Kremer, Diwan, S. 113. 453 D. iv, 240, zit. n. Kennedy, Abu Nuwas, S. 30. 6. Der Kuss im Islam 96 dem Poeten Ahmad al-Tifashi.454 Jedoch kam es wohl im Harem des abbasidischen Kalifen Musa al-Hadid zu lesbischen Vergnügungen, die sicherlich Lippenküsse beinhalteten. Das Liebesvergnügen beider Frauen verurteilte er als Kapitalverbrechen. Er ließ die Frauen köpfen, parfümieren und dekorieren und zeigte sie hernach seinen Kurieren.455 Küsse in der Familie und in Freundschaften Küsse in der Familie und in Freundschaften scheinen an der Tagesordnung zur Zeit Mohammeds gewesen zu sein. Die Quellen zeichnen insgesamt ein Bild eines sehr liebevollen Umgangs miteinander. Auch Chebel schreibt, dass es im Islam sowohl einen Kinderkuss für die Eltern gibt, als auch einen Geschwisterkuss an der Wange. Da sich der Islam an Leben, Aussagen und Handlungen Mohammeds orientiert, ist anzunehmen, dass Chebel dies einer der Hadith-Sammlungen entnommen hat. Das Willkommensküsschen unter Verwandten oder Freunden in Begleitung einer Umarmung, so Freyer, scheint auch in früher islamischer Zeit üblich gewesen zu sein.456 Dieser konnte entweder als Lippen- oder Wangenkuss ausgeführt werden. Zudem war besonders der Kuss zwischen die Augen als Ausdruck väterlicher Zärtlichkeit verbreitet, wie er in Tausendundeiner Nacht des Öfteren beschrieben wird.457 Auch Abu Bakr, der Vater von Mohammeds Frau Aischa, hat Mohammed zwischen die Augen geküsst, nachdem er gestorben war.458 In Bezug auf Eltern-Kind-Küsse berichtet al-Bukhari, dass ein Wüstenaraber zu Mohammed kam und feststellte, dass Muslime ihre Knaben küssten, in seiner Kultur das aber nicht üblich wäre, woraufhin Mohammed entgegnete: „Ich kann dir nicht helfen, wenn Allah deinem Herzen die Barmherzigkeit entrissen 6.4.2 454 Vgl. Chebel, Die Welt, S. 251. 455 Vgl. Martin, The Role, S. 41. 456 Vgl. Freyer, Formen, S. 77. 457 Vgl. Østrup, Orientalische Höflichkeit, S. 38f. 458 Vgl. Sunan an-Nasa'i 1839, In-book reference: Book 21, Hadith 22; English translation: Vol. 3, Book 21, Hadith 1840. 6.4 Private Küsse 97 hat!“459 Von Abu Bakr wird berichtet, wie er seine kranke Tochter Aischa besuchte und ihr zur Begrüßung einen Wangenkuss gab.460 Es gibt nach den Überlieferungen in den Hadithen im Islam verschiedene Arten zu grüßen, wie auch schon anhand der Auswahl von Wangen- oder Lippenkuss bei der Begrüßung von Freunden oder Verwandtschaft zu sehen war. Da sich auch der Prophet nicht einheitlich festgelegt hat, welche Art des Grüßens nun die richtige ist, wird je nach Rechtsgelehrtenschule der Begrüßungskuss anders ausgelegt. Als verbindliche Regel scheint es jedoch für Grüßenden und Begrüßten gegolten zu haben, sich während des Grußes in die Augen zu sehen.461 Zudem war es üblich, sich mit einem Händeschütteln zu begrüßen. In der Hadith-Sammlung Riyadhu s-Salihin wird folgende Geschichte erzählt: A man asked: “O Messenger of Allah! When a man among us meets his brother or his friend should he bow to him?" He said: "No." The man continued: "Should he embrace him and kiss him?" He said: "No." He said: "Should he take his hand and shake it?" He said: "Yes.”462 Dennoch gibt es aber in selbiger Hadith-Sammlung ein Gegenbeispiel, in dem der Prophet seinen Gefährten Zaid ibn Haritha mit einer Umarmung und einem Kuss begrüßt,463 was wahrscheinlich auch als Vorlage für die etwas innigere Begrüßung zwischen Freunden und Verwandten diente. Der Hauchkuss Im Islam ist, wie schon am Beispiel von Abu Bakr und dem toten Mohammed erwähnt wurde, der Kuss für einen Toten üblich. Grütter beschreibt ihn als impulsive Handlung, die als Ausdruck persönlicher 6.4.3 459 Sahih al-Bukhari 5998, In-book reference: Book 78, Hadith 29; USC-MSA web (English) reference: Vol. 8, Book 73, Hadith 27. 460 Vgl. Sahih al-Bukhari 3918, In-book reference: Book 63, Hadith 144; USC-MSA web (English) reference: Vol. 5, Book 58, Hadith 256. 461 Vgl. Freyer, Formen, S. 76. 462 Jami` at-Tirmidhi 2728, In-book reference: Book 42, Hadith 41; English translation: Vol. 5, Book 40, Hadith 2728. 463 Vgl. Riyadhu s-Salihin: Hadith-Nr. 891, Buch 6, Kapitel 143. 6. Der Kuss im Islam 98 Verehrung bzw. als letztes Liebeszeichen für den Verstorbenen interpretiert werden kann. Nach Grütter gehen auch die Meinungen darüber auseinander, ob Abu Bakr den Propheten auf die Stirn oder Augen geküsst haben soll. Jedoch ist in diesem Fall nicht die Rede von einem Mundkuss, wie es in der Antike verbreitet war.464 Deshalb entfällt hier das Ritual eines Hauchkusses in dem Glauben, die Seele des Verstorbenen damit ein Stück weit in sich aufzunehmen. Was sich dennoch als Hauchkuss interpretieren lässt, ist die Beatmung Adams durch den Odem Allahs. In Sure 15:29 bläst Allah von seinem rūh. in den leblosen Schlammkörper Adams, um ihn zum Leben zu erwecken und er belebt auch Maryam mit seinem Hauch, wahrscheinlich durch seinen Mund, als sie Isa empfängt (Sure 66:12).465 In diesen Suren entspricht die Vorstellung des Hauches dem Lebensodem aus Gen 2,7. Dennoch ist dieser Lebensodem nicht mit der christlichen Vorstellung der Übertragung der Hauchseele oder der Seele im Allgemeinen gleichzusetzen, zumindest nicht in früh-islamischer Zeit. Denn neben rūh. kennt man noch ein anderes Wort für Seele, nämlich nafs. Nafs wurde in der früharabischen Dichtung reflexiv gebraucht und auf das Selbst oder die Person bezogen, wohingegen rūh. in seiner Grundbedeutung Hauch und Wind meint. Erst in nachkoranischer Zeit wurden beide Begriffe synonym verwendet, wobei beide die Bedeutung des menschlichen Geistes in sich tragen. Nafs ist jedoch mit dem hebräischen Seelenbegriff, nefesch, verwandt, deren „Grundidee die physische Begierde, im Paulinischen Gebrauch ψυχή [ist]“.466 „Einflüsse, die sich auf den nachkoranischen Gebrauch von Nafs und Rūh. geltend machten, waren die christlichen und neuplatonischen Vorstellungen von Rūh. mit menschlichen, engelhaften und göttlichen Funktionen und die spezifisch aristotelische psychologische Analyse von Nafs.“467 Jedoch sind rūh. und nafs nicht mit der Vorstellung der christlichen Hauchseele gleichzusetzen. Größere Ähnlichkeiten gibt es hingegen, auch aufgrund der Wortverwandtschaft durch das Semitische, mit der jüdischen Vorstellung von rûah. , der schöpferischen Lebenskraft, und nefesch. Reidegeld stellte in diesem Zusammenhang fest, dass es ver- 464 Vgl. Grütter, Arabische Bestattungsbräuche, S. 155. 465 Vgl. Calverley, Art. Nafs, S. 569. 466 Ebd. 467 Ebd. S. 570. 6.4 Private Küsse 99 wundert, dass trotz der Sprachverwandtschaft zwischen dem Hebräischen und dem Arabischen als semitischen Sprachen damit in frühislamischer Zeit, bzw. zur Zeit der Offenbarung des Korans, die Bedeutungsrichtung von rūh. als Lebenshauch den Arabern nicht bekannt war.468 Die Meinungen der späteren Exegeten, die auch verschiedenen Denkrichtungen, wie den Rationalisten, Mystikern oder naql-Traditionalisten angehörten, gingen über die Bedeutungsvielfalt von rūh. und nafs auseinander.469 Rūh. als in der Dichtung gerne verwendeter Beiname für Lippen, wie er in 6.1 erwähnt wurde, könnte Lippen und Mund als Organe verdeutlichen, über welche die Seele, nach einer Wanderung durch die Kehle wie es im Jami` at-Tirmidhi beschrieben wird, im letzten Atemzug entweicht.470 Diese Vorstellung einer Wanderung der Seele von innen nach außen durch die Mundöffnung entspricht wiederum sowohl dem Glauben der Christen und Juden als auch dem antiker Römer und Griechen. Wie genau sich die frühen Muslime das Einhauchen, ob durch Mund oder Nase, vorgestellt haben, wird aus den Koranversen nicht ersichtlich. Erst die islamische Mystik hat aber die Vorstellung der Verschmelzung und Übertragung der Seelen aufgenommen. Der Mystiker Ǧalāl ad-Dīn Rūmī besingt diese in seinem Ruba'iyat: „Zur Lippe kam die Seele – reich deine Lippe her, daß ich dir meine Seele kann legen in den Mund.“471 468 Vgl. Reidegeld, Das Verständnis, S. 231. 469 Vgl. Ebd., Das Verständnis, S. 233. 470 Vgl. Jami` at-Tirmidhi 3537, In-book reference: Book 48, Hadith 168; English translation: Vol. 6, Book 45, Hadith 3537. 471 Ruba'iyat 334b 1, übers. v. Annemarie Schimmel, zit. n. Heiler, Erscheinungsformen, S. 231. 6. Der Kuss im Islam 100 Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte Nachdem nun der Kuss in den einzelnen Religionen und seiner kulturellen Umwelt umfassend untersucht wurde, soll nun eine Zusammenschau der Ergebnisse unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte, deren Gegenstand die Gottesbeziehung ist, folgen. Zum einen sollte diese Arbeit einen Vergleich zwischen den polytheistisch römisch-griechischen Vorstellungswelten sowie Judentum, Christentum und Islam leisten, zum anderen aber auch nach dem Zusammenhang zwischen Religiosität und Intimität fragen. Für die Entwicklung des menschlichen Kusses im Allgemeinen haben sowohl biologische als auch kulturanthropologische Faktoren eine Rolle gespielt. Mittels verschiedener Einflüsse entstand er aus gegenseitigem Beriechen, Paarungsverhalten, Kussfüttern und dem menschlichen Bedürfnis nach Intimität. In allen behandelten Religionen existiert der Kuss sowohl im privaten und öffentlichen, religiösen und profanen Bereich, sowie in erotischen als auch platonischen Kontexten. Nach dem Abschluss aller vier Themenblöcke lassen sich vier verschiedene Bedeutungsbereiche des Kusses feststellen, auf die im Folgenden zusammenfassend eingegangen wird. Der Kuss kann als Ausdruck von Persönlichkeit und somit als Stellvertreter für Sprache gesehen werden, er ist Ausdruck von Beziehungen sowohl im zwischenmenschlichen Bereich als auch im Gott-Mensch-Verhältnis und kann überdies Identitätsmerkmal einer bestimmten Gruppe sein. Des Weiteren trägt er das Potenzial in sich, Leben zu geben oder sogar zu nehmen. Der enge Zusammenhang zwischen Kuss und Sprache war war bei den lexikalisch-semantischen Untersuchungen unübersehbar. Für beide Handlungen wird der Mund als Werkzeug mit seiner Zunge und seinen Lippen gebraucht. Sprachliche Verwandtschaft zwischen dem Kuss und dem Mund als Kusswerkzeug weist nur das Lateinische mit 7. 101 os und osculum auf. Auf semantischer Ebene ist zu vermerken, dass die verschiedenen Kulturen teilweise auch zwischen den Bedeutungsrichtungen der Wörter für „Kuss“ und „küssen“ unterscheiden, womit der Leser oder Zuhörer gleich weiß, um welchen Kontext es geht. Diese Unterscheidung wird nur im Griechischen und Lateinischen vollzogen. Das Arabische kennt hingegen drei verschiedene Wörter für den Kuss bzw. küssen, verwendet diese aber synonym. Das Judentum kennt für den Kuss nur eine Wurzel, die mit verschiedenen Stämmen kombiniert wird, und das westliche Christentum hat sich, angelehnt an das Lateinische, nur das osculum zu eigen gemacht aufgrund seiner platonischen Bedeutung. Beide, sowohl der Mund durch Sprache als auch der Kuss als Handlung, können die Gesinnung eines Menschen deutlich machen. So können entweder durch Sprache explizit oder durch den Kuss implizit dem Gegenüber Liebe, Freude, Ehrerbietung, Lüge, Hass oder Verrat als Botschaft vermittelt werden, womit wiederum die Haltung des Gegenübers offenbar wird. Wie wenig Lügen oder Verrat zunächst sprachlich deutlich werden und ihre wahre Natur enthüllen, so wenig augenscheinlich ist auch ein Schein- oder Schmeichelkuss, oder im schlimmsten Fall, wie am Beispiel von Jesus und Judas deutlich wurde, der Judaskuss, ein Kuss des Verrats. Den größten Teil der Arbeit hat der Kuss als beziehungsstiftende bzw. beziehungskonstituierende Handlung eingenommen. Aus biologischer Sicht wird, wie in Kapitel 2.2 erwähnt, beim Küssen das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, was als Katalysator zur Bindungsbereitschaft wirkt. Menschen brauchen Bindungen, sie sind Beziehungswesen, die „aktiv Beziehung [suchen] und auf die günstige Resonanz ihrer Bezugspersonen angewiesen [sind].“472 Diese Beziehung suchen sie zum einen durch Bindungsaufbau zu ihren Mitmenschen, zum anderen können Menschen auch religiöse Beziehungen eingehen. Die Gottesbeziehung wird „als Bezogenheit auf eine transzendente Wirklichkeit verstanden, weshalb die religiöse Beziehung im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.“473 Ihren Ausdruck findet diese Form der Beziehung in Riten, Gebeten oder Meditation.474 Die Wirklichkeit, be- 472 Murken, Gottesbeziehung, S. 37. 473 Ebd., S. 11. 474 Vgl. ebd., S. 12. 7. Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte 102 stimmte Erfahrungen sowie bestimmte Normen werden in diesen Handlungen als religiös gedeutet.. Das sind „moralische Bestimmungen, Regeln und Gesetze, die den Kosmos, die Gesellschaft und das Verhalten des einzelnen betreffen; sie sind in ihrem Absolutheitsanspruch durch eine höhere Instanz gerechtfertigt.“475 Jedoch lassen sich zwischenmenschliche Beziehungen und die Gottesbeziehung eines Menschen nicht einfach voneinander trennen, da er in beiden Beziehungsnetzen verhaftet ist und sich diese gegenseitig bedingen. Der Kuss als „Beziehungstat“ kann dabei sowohl im Profanen, als auch im Religiösen ritualhaften Charakter besitzen. Auffällig ist hierbei die sich durch alle genannten Religionen ziehende Sitte der fußfälligen Verehrung und des Handkusses. Josuttis schreibt in diesem Zusammenhang: „In genetischer Hinsicht haben Rituale archaischen Charakter, weil sie teils im stammesgeschichtlichen Erbe, teil im kollektiven Unbewussten, teils in der frühkindlichen Epigenese verankert sind. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, daß einzelne Verhaltenspartikel wie die Unterwerfungsgesten des Gebets, aber auch umfangreiche Verhaltenssequenzen wie die „Rituale freundlicher Begegnung“ […] weltweit verbreitet sind.“476 Die Anbetung der weltlichen Herrscher mit Fuß- oder Handkuss ist aus dem Religiösen ins Profane transformiert worden, nachdem diese auch für sich eine gottgleiche Verehrung einforderten. Die Stellung der Proskynese entwickelte sich wahrscheinlich aus der Gebetshaltung beim Erdkuss für die griechischen und römischen Erdgötter, wie der Fruchtbarkeitsgöttin Gaia, die dann ihre Nachahmung in Judentum, Christentum und Islam fand. Die Kusshand hingegen kennen nur die Römer, Griechen und Christen als Grußgestus für die unerreichbaren Himmlischen. Weder das Judentum, noch der Islam haben diese Geste als solche aufgenommen. Den Lippenkuss im religiösen Bereich und damit verbunden eine gewisse Sakralität der Sexualität, die sogar der Göttin Venus geweiht ist, war nur bei Römern und Griechen verbreitet. Der Geschlechtsakt diente unter anderem als Mittel zur Erkenntnis und führte sogar bis hin zur Tempelprostitution. Homosexualität wurde toleriert und die 475 Murken, Gottesbeziehung, S. 40. 476 Josuttis, Gottesdienst, S. 165f. 7. Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte 103 Ehe zwischen Mann und Frau diente lediglich zur Weitergabe des eigenen Namens und zur Sicherung und Stabilisierung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse. Dadurch, dass es bei den Römern als auch bei den Griechen männliche und weibliche Götter gab und auch die mythischen Erzählungen ohne Hemmungen von Liebe, Laster und Intrigen zu berichten wussten, kam es in diesem kulturellen Umfeld niemals zu einer Lustfeindlichkeit oder Einschränkung der Sexualität auf den privaten Bereich, wie es in Juden- und Christentum, sowie im Islam praktiziert wurde. Die Vorstellung von wie auch immer sexuell gearteter Lust als Strafe war dem römisch-griechischen Kulturkreis fremd. Jedoch wurde im Juden- bzw. Christentum und Islam durch die anthropomorphe Vorstellung eines männlichen Gottes „das weibliche Geschlecht als Ursprungsort menschlichen Lebens verdrängt und an seine Stelle eine männliche Gottesgestalt mit dem Status des höchstes Wertes gesetzt […].“477 Natürlich war auch die römisch-griechische Kultur patriarchalisch geprägt und es gab Restriktionen für Frauen, wie beispielsweise das ius osculi, aber sie erfuhren nicht dieselbe Zurückdrängung in den häuslichen Bereich wie es nach und nach in den abrahamitischen Religionen der Fall war. Dagegen kennen der römisch-griechische Polytheismus, wie auch die abrahamitischen Religionen, den Sachkuss. Dieser Kuss entspringt dem Bedürfnis und der Sehnsucht nach Intimität mit der transzendenten Gottheit und dem Wunsch nach Beziehung; bestenfalls der Einigung mit dem Göttlichen. Indem heilige Gegenstände berührt und geküsst werden, soll dabei ein Stück der Heiligkeit bzw. der „zauberhaften Seelensubstanz“, die den Gegenständen, wie beispielsweise Reliquien, innewohnt, in den Adoranten übergehen. Die Römer und Griechen küssten Tempelschwellen und Statuen, Juden die Tora, die Mezuza und viele weitere zum Gottesdienst gehörende Gegenstände, wobei sich dieser Brauch wie beschrieben erst als Übernahme spät entwickelt hat. Christen verehren Reliquien und Heilige mitunter durch den Kuss, Muslime küssen jedoch nur die Kaaba und den Koran aufgrund des Ikonographieverbots. Ein besonderer Kuss, der sich, im Gegensatz zu den anderen Religionen, nur im Christentum entwickelt hat, ist der Heilige Kuss bzw. 477 Mulack, Frauen, S. 99. 7. Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte 104 Bruderkuss. Obwohl auch bei Römern, Griechen, Juden und Muslimen stets zur Begrüßung und zum Abschied zwischen Freunden, Verwandten und in familiären Beziehungen, teilweise nach Geschlechtern getrennt, geküsst wurde, hat sich im Christentum als einziger Religion ein Kuss entwickelt, der zwischen ihren Anhängern auch eine religiöse Bedeutung hat. Dieser Begrüßungskuss leistete einen konstituierenden Beitrag zur Identitätsbildung und Stabilisierung der Christen als Gruppe. Er bewirkte Integration, Identität, Kontinuität und die soziale Gestaltung von Trieben.478 Indem der Kuss auch ein Ritual ist, dient er zur Strukturierung einer gewissen Ordnung, wehrt „Chaosmächte“ ab und manifestiert „das Urvertrauen in die fortdauernde Ordnung des Seins, getragen von einem numinosen Gefühl gegenwärtigen Heils.“479 Indem das Christentum die geistige Liebe zu Gott betonte und diese selbst gegenüber einem ehelichen Verhältnis höherstellte, gelang es ihm auch den Heiligen Kuss, der anfänglich noch zwischen beiden Geschlechtern ausgetauscht wurde, trotz seiner erotischen Konnotation in einen heiligen und reinen Kontext einzubetten. Die frühen Christen nahmen den Kuss zum Anlass, sich als Gruppe zu definieren und von ihrer Umwelt zu exkludieren, bis, wie schon beschrieben wurde, auch die In-group anfing, innerhalb ihrer Mitglieder zu differenzieren. Die Ähnlichkeiten bezüglich bestimmter Glaubensvorstellungen in Judentum, Christentum und Islam, wie die eines dualistischen Weltbilds oder die Verbindung von Sexualität und Strafe, gehen auf den Zoroastrimus, eine frühe persische Großreligion, zurück, die wesentlich das Verständnis von Schuld, Sünde und Sühne und damit verbunden die Vorstellung von Erlösungsszenarien nachhaltig prägte.480 Die Übertragung der Hauchseele beim Heiligen Kuss, ist der römisch-griechischen Vorstellungswelt entnommen. Der griechische Begriff Psyche „bezeichnet bei Homer den Lebensatem der als Hauchseele verstandenen Psyche, die durch den Mund oder die tödliche Wunde den Sterbenden verläßt.“481 Diese Vorstellung findet sich auch im Alten Testament, welches mit den Begrifflichkeiten næpæš für den Lebensodem und rûah. für den Geist Gottes spielt, wobei die Trennung 478 Vgl. Josuttis, Gottesdienst, S. 166f. 479 Ebd., S. 168. 480 Düsing, Einleitung, S. 7. 481 Ebd. 7. Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte 105 der Begriffe für unser heutiges Verständnis nicht ganz klar ist. Ähnlich ist die Problemlage, wie schon skizziert wurde, im Arabischen mit den Termini nafs und rūh. . Paulus hingegen bedient sich der griechischen Begriffe ψυχή, νοῦς und πνεύμα. Bei Paulus wird „in Abgrenzung zum original göttlichen Lebenshauch oder Geist Gottes […] die dem Menschen eingehauchte Psyche als bloße Potentialität zu einer Gottesbeziehung und Gotteserkenntnis verstanden.“482 Paulus sieht den Menschen als psychisches (seelisch und fleischlich gesonnenen) und gleichzeitig pneumatischen (geistlichen, geistbestimmten) Menschen.483 Die Übertragung einer Hauchseele durch einen Kuss findet sich zwar schon in der römisch-griechischen Vorstellungswelt. Mit einer konkreten Gottesvorstellung wird die belebende Hauchseele aber erst im Judentum, Christentum und Islam in Verbindung gebracht, wobei sich in letzterem die Imagination der Seelenübertragung erst im Mystizismus entwickelt hat. Mit der Übertragung der Hauchseele ist speziell im Judentum, zumindest in einem Einzelfall der Auslegung, auch die gleichzeitige Todesbedrohung durch Jahwes Kuss gegeben, da er die Macht hat, das Leben durch einen Kuss wieder zu nehmen. Wie anthropomorph dabei die göttliche Kussvorstellung war, hat die Auslegung der Rabbinen in Bezug auf Mirjams Todeskuss gezeigt: statt einen Kuss explizit zu benennen, begnügte man sich mit einem kryptischen „dort“ für die Lippen Gottes. An diesem Punkt würde auch die Frage nach der erotischen Intimität des Kusses ansetzen. Im profanen Bereich lässt sich zunächst offensichtlich zwischen Liebesküssen und Begrüßungs-, Abschieds- oder Verehrungsküssen unterscheiden. Letztere konnten auch auf unterschiedliche Körperstellen gegeben werden, wie Wangen, Hände, Füße, Stirn oder sogar Lippen und dort auch intergeschlechtlich. Das ius osculi bei den Römern belegt, dass auch scheinbar harmlose Küsse eine erotische Komponente haben konnten, indem ein Kussverbot zwischen Mann und Frau ab dem sechsten Verwandtschaftsgrad eingeführt wurde. Meiner Meinung nach können auch scheinbar harmlose Küsse erotische Intimität hervorrufen, gewollt oder ungewollt. Das Empfinden eines Kusses ist stets subjektiv und der Zusammenhang 482 Düsing, Einleitung, S. 9. 483 Vgl. ebd. 7. Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte 106 zwischen Körper, Geist, Seele und Eros ist eng. Beim Kuss wird zwischen den Küssenden eine Beziehung aufgebaut, sie stehen in einem Verhältnis zueinander und müssen sich für einen (kurzen) Zeitraum miteinander auseinandersetzen, in dem auch unbewusst biologische Prozesse ablaufen. Indem der Kuss von den Menschen in den religiösen Bereich übertragen wurde, ist er nicht weniger erotisch als zuvor. Jedoch fand die Transformation auch in die entgegengesetzte Richtung statt: der Kuss in seiner bestimmten Funktion, wie bei der Proskynese, wurde aus dem Religiösen wieder in den weltlichen Bereich übertragen. Jedoch haben religiöse Vorstellungen den Kuss besonders in Judentum, Christentum und Islam in ein religiöses Moralkorsett gezwängt, das jegliches erotische Empfinden außerhalb der Ehe verbieten sollte. Wurde der Heilige Kuss beispielsweise zunächst noch zwischen den Geschlechtern ausgeführt, unter der Annahme eines keuschen Mundes und reinen Gedanken, so wurde er, je mehr sich die Kirche als Institution begriff und den leibfeindlichen Aspekt des Christentums betonte, gänzlich als Ritual verdrängt. Aber auch der Heilige Kuss kann sich seiner erotischen Komponente nicht entledigen, denn Berührung schafft Intimität, und wenn Intimität vorhanden ist, kann sie auch erotische Gefühle hervorrufen. Jedoch sollte die sexuelle Intimität stets im Kontext Erwachsener betrachtet werden. Küsse in einer Eltern-Kind-Beziehung sollten frei von erotischen Gedanken sein. Der Islam hingegen ist nach Mohammeds Zeugnis weitaus offener in Bezug auf Sexualität, ausdrücklich wird sie in der Ehe empfohlen. Die Hadithe sprechen explizit von Zungenküssen und zum Kuss als festem Bestandteil des Vorspiels wird geraten. Neben zwischenmenschlicher Verbundenheit im Kuss wird auch bei Sachküssen ein gewisses Maß an Intimität aufgebaut. Der Gegenstand dient sozusagen als Ersatz für die ersehnte Person, wobei es trotz seiner Funktion als vermittelnde Instanz zu sexuellen Gedanken je nach seinem Kontext, ob profan oder religiös, und seiner Beschaffenheit kommen kann. Feststeht, dass der Kuss in der römisch-griechischen Antike, in Judentum und Christentum, sowie im Islam ein sehr vielfältiges und facettenreiches Zeichen ist, dass sowohl zwischen den Göttern, als auch 7. Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte 107 in der Gott-Mensch-Beziehung seinen festen Platz hatte, der aber in seinen Durchführungsmodalitäten stets zu Kontroversen angeregt und zu moralischen Uneinigkeit geführt hat. 7. Schlussbetrachtungen unter Einbezug religionspsychologischer Aspekte 108 Schlusswort Das Bedürfnis des Menschen aufgrund von Gefühlsregungen zu küssen, ist besonders seiner Sozialisation zu verdanken, die den Kuss als Kanal für heftige Emotionen, sei es Freude, Liebe oder Erleichterung geprägt hat. Das Grundbedürfnis nach Intimität und Beziehung wird im Kuss offenbar und zeigt sich auch in seiner metaphorischen Verwendung für Liebe, Treue, Verehrung, Achtung, Freundschaft oder Begierde. Der Wunsch des Menschen zu küssen ist weder in der westlichen, noch arabisch geprägten Welt weniger geworden, stattdessen scheint das Bedürfnis vor allem nach dem technischen Wissen über das Küssen größer geworden zu sein. Die Populärwissenschaft über die Liebe boomt und das Gefühl einer Kommerzialisierung der intimsten Privatsphäre der Menschen bestätigt sich doch immer wieder in Werbung, Filmen und Klatsch und Tratsch. Dennoch scheint der Kuss immer noch einen sehr hohen Stellenwert in traditionellen Liebeskonzepten einzunehmen, wenngleich er doch freizügiger verschenkt wird. Die sexuelle Revolution und der Feminismus haben vor der islamisch geprägten Welt nicht Halt gemacht und führen dort zu einem größeren Selbstbewusstsein der Frauen, wenn auch nicht überall. Überspitzt formuliert Otto Best den westlichen Lebensstil mit seinen Kussgewohnheiten: „Küsse auf der ganzen Linie also: Formalisiert und ritualisiert in der Öffentlichkeit, praktiziert als Anything goes in der Intimität des Privaten. Längst sind Begriffe wie „normal“, gerechtfertigt als Orientierungshilfen, obsolet geworden.“484 Grenzen liegen im Ermessen des Einzelnen, seiner Rollenvorstellung und seiner Sozialisierung. Das Gefühl des Anything goes, wie es Best beschreibt, erinnert an das fröhlich frivole Treiben, wie es für Rom beschrieben wurde. Doch muss auch in den Blick genommen werden, dass die engen religiösen Vorstellung nicht überall an Bedeutung verloren haben. In traditionellen jüdischen, christlichen und 8. 484 Best, Der Kuss, S. 394. 109 muslimischen Kreisen, gelten religiöse Vorschriften als verbindlich und zeichnen sich durch die unmittelbare Gottesbeziehung aus. Und auch der Sachkuss hat nicht weniger an Bedeutung verloren. Noch immer werden aus verschiedenen Beweggründen Gegenstände geküsst und diese zum Subjekt in Beziehung gesetzt. Da der Kuss, sei es als Objektkuss oder als ein Zeichen freundlicher Begegnung, elterlicher Zuneigung, respektvoller Hochachtung und zärtlicher Liebesleidenschaft in fast allen Kulturen allgemein anerkannt ist, ist er ein Ritual, das hoffentlich noch lange Bestand hat und die Menschen immer wieder erfreut, beruhigt, verwirrt, erregt und zu kontroversen Diskussionen ermuntert. Denn Küssen ist schön. 8. Schlusswort 110 Literaturverzeichnis Primärliteratur Apuleius: Metamorphosen oder Der Goldene Esel, Lateinisch und Deutsch v. Rudolf Helm, Berlin 1956. Apuleius: Verteidigungsrede – Blütenlese, Lateinisch und Deutsch v. Rudolf Helm, Berlin 1977. Arrianus, Flavius: Arrian. In two volumes with an Engl. transl. by P. A. Brunt. Anabasis Alexandri. Bd. 2 (LCL), Cambridge/ Massachusetts 1996. Bobzin, Hartmut (Hg.): Der Koran. In der Übersetzung von Friedrich Rückert. 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Zusammenfassung

Religiosität und Intimität verbinden sich im Kuss. Ein Kuss ist mehr als der in der heutigen Vorstellungswelt allgemein angenommene erotische Kuss zwischen zwei Mündern. Er ist Ausdruck von Persönlichkeit, Stellvertreter für Sprache und Identitätsmerkmal. Der Kuss ist eine „Beziehungstat“ und kann sowohl im Profanen als auch im Religiösen beziehungsstiftend wirken. Durch seine verschiedenen Erscheinungsformen und Durchführungsmodalitäten hat er sowohl in der Antike bei den alten Römern und Griechen, als auch in den abrahamitischen Religionen bei Juden, Christen und Muslimen stets zu Kontroversen über seine moralische Integrität angeregt. Der Kuss hat demzufolge eine Geschichte wechselseitiger Transformation zwischen dem biologischen, sozial-gesellschaftlichen und religiösen Bereich hinter sich. Er ist ein bedeutsames und facettenreiches Zeichen in jedweder Hinsicht; eine Geste, die auch heute noch zwischen den Menschen und in der Gott-Mensch-Beziehung gleichermaßen ihren festen Platz hat. Der Lesende reist bei der Lektüre dieses Buches in die Vergangenheit und lernt verschiedene Kussformen, deren Entstehung, Entwicklung und Anwendungsbereiche in der jeweiligen Religionskultur kennen.

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Zusammenfassung

Religiosität und Intimität verbinden sich im Kuss. Ein Kuss ist mehr als der in der heutigen Vorstellungswelt allgemein angenommene erotische Kuss zwischen zwei Mündern. Er ist Ausdruck von Persönlichkeit, Stellvertreter für Sprache und Identitätsmerkmal. Der Kuss ist eine „Beziehungstat“ und kann sowohl im Profanen als auch im Religiösen beziehungsstiftend wirken. Durch seine verschiedenen Erscheinungsformen und Durchführungsmodalitäten hat er sowohl in der Antike bei den alten Römern und Griechen, als auch in den abrahamitischen Religionen bei Juden, Christen und Muslimen stets zu Kontroversen über seine moralische Integrität angeregt. Der Kuss hat demzufolge eine Geschichte wechselseitiger Transformation zwischen dem biologischen, sozial-gesellschaftlichen und religiösen Bereich hinter sich. Er ist ein bedeutsames und facettenreiches Zeichen in jedweder Hinsicht; eine Geste, die auch heute noch zwischen den Menschen und in der Gott-Mensch-Beziehung gleichermaßen ihren festen Platz hat. Der Lesende reist bei der Lektüre dieses Buches in die Vergangenheit und lernt verschiedene Kussformen, deren Entstehung, Entwicklung und Anwendungsbereiche in der jeweiligen Religionskultur kennen.