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5. Mund und Kuss im Christentum in:

Stephanie Bähring

Die religionswissenschaftliche Bedeutung von Mund und Kuss in den abrahamitischen Religionen und in der Antike, page 63 - 84

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4198-7, ISBN online: 978-3-8288-7108-3, https://doi.org/10.5771/9783828871083-63

Series: Religionen aktuell, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
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Mund und Kuss im Christentum Begrifflichkeiten Die Schriften des Neuen Testaments wurden zunächst im sogenannten Koine-Griechisch verfasst. Deshalb wird für das Verb „küssen“ φιλεῖν, und für den Kuss das von φιλεῖν abgeleitete Substantiv φίλημα verwendet. Die Verwendung dieses Verbs, welches die Liebe von Freund zu Freund, von den Göttern zu den Menschen, kurz gesagt, die Liebe, die dem Zug des Herzens folgt, beschreibt, trägt zudem den Aspekt der Hochschätzung und Bezeugung freundschaftlicher Gefühle in sich. Des Weiteren kennt das Neue Testament die Verstärkung von φιλεῖν, nämlich καταφιλεῖν, was so viel wie „abküssen“ bedeutet, welche in Mt 26,48f. und Mk 14,44f. verwendet wird, als Judas Jesus verriet.296 In Punkt 5.3.2.3 wird noch genauer auf diese Stelle eingegangen werden. Ist der griechische Befund für die Verwendungsweise von φιλεῖν als Ausdruck des Küssens eher unauffällig, so fällt in der lateinischen Übersetzung des Neuen Testaments, der Vulgata, auf, dass für den Kuss ausschließlich osculum und für die Handlung des Küssens osculari verwendet wird. Die lateinischen Begrifflichkeiten basium und suavium, die auch den Kuss beschreiben, werden ausgespart, da ihre Verwendung eng mit dem erotischen Bereich zusammenhängt und man jegliche Verbindung zum Sexuellen unterbinden wollte. Stattdessen konnotierte man die versöhnliche Komponente des Kusses und benutzte in späterer Zeit statt osculum, den Ausdruck pax.297 5. 5.1 296 Vgl. Hofmann, Philema, S. 2f. 297 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 11. 63 Formelle Küsse Küsse im religiösen Bereich Kusshand und Fußkuss Obwohl im Neuen Testament die Kusshand nicht zu finden ist, so ist sie jedoch Teil der Umwelt der frühen Christen, zum einen, weil sie in der griechisch-römischen Kultur zu finden ist, zum anderen auch im Judentum. Aufgrund dieser Tatsache können die frühen Christen nicht umhin, auch diesen Gestus für sich zu nutzen und umzudeuten. Da die vorliegende Arbeit, wenn nur die Heiligen Schriften, wie Tora, Neues Testament und Koran zu Rate gezogen würden, ein sehr rudimentäres Bild der jeweiligen Umwelten und sozialen Kontexte zeichnen würde, fließen auch Quellen aus dem unmittelbaren Umfeld bis zur Spätantike mit ein. Dass der Gestus der Kusshand in das Christentum übergegangen ist, ist wohl dem Kirchenvater Hieronymus (347– 420 n. Chr.) zu entnehmen: „qui adorant, solent desosculari manum et capita submittere.“298 Weitere Zeugnisse über die Kusshand sind Abbildungen, auf denen Christen zu sehen sind, die die Proskynese durch die Kusshand ausführen. Nach Harst gibt es eine Schrankplatte aus dem 5. Jahrhundert, auf der Petrus zu sehen ist, der, während er ein lateinisches Kreuz schultert, den Kusshandgestus in von Hieronymus beschriebener Weise ausführt.299 Das gen Himmel gerichtete Haupt während Gebetshandlungen beschreibt Johannes auch von Jesus, nachdem er den Lazarus wieder auferweckt hat (Joh 11,41): „Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.“ Diese Gestik ist aber keine genuin christliche, da es auch eine allgemeine jüdische Gebetszeremonie laut Lukas (Lk 18,13) war. In der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner, gehen beide in den Tempel zum Beten, wobei der Zöllner nach Lk 18,13 nicht einmal die Augen zum Himmel erheben wollte. In der griechisch-römischen Kultur war der Blick zum Himmel vor allem bei der Anbetung des Sonnengottes selbstverständlich, da sich die Blickrichtung nach dem Götterbild oder dem vermuteten Wohnsitz des angebeteten Gottes richte- 5.2 5.2.1 5.2.1.1 298 Apologia adv. Rufin. 1,19 (MPL 23, 413B) zit. n. Hofmann, Philema, S. 142. 299 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 114. 5. Mund und Kuss im Christentum 64 te.300 Dass beim Gebet zusätzlich die Arme empor gehoben wurden ist ein additiver Aspekt des Sonnenkultes. Auch dieser Gestus war in der antiken Welt des Judentums verbreitet wie Psalm 63,5 zeigt: „So will ich dich loben mein Leben lang, und meine Hände in deinem Namen aufheben.“ Das Küssen der Hand, bevor man die Hände zum Himmel erhob, war nur eine zusätzliche Komponente dieses Gestus. Eingang gefunden hat diese Verehrungsgeste in die Liturgie als sogenanntes „sursum corda“.301 Vor der Einsetzungshandlung zur Eucharistie, werden die Einsetzungsworte gesprochen, wobei der Priester die Handlung Jesu beim letzten Abendmahl bis ins kleinste Detail nachahmt. Dölger nimmt an, dass man sich in der frühen Kirche Jesus gar nicht anders beim Gebet vorstellen konnte als mit erhobenen Armen und Augen in Richtung Himmel.302 Ähnlich wie die Kusshand, war auch der Fußkuss zu Zeit Jesu weit verbreitet, was nicht verwunderlich ist, betrachtet man die Ergebnisse aus den Punkten 3.2.2.1 und 4.2.2. Der Fußkuss, als Kuss der Hingabe und Demut gegenüber anbetungswürdigen oder höhergestellten Personen oder Abbildern, hat auch im Neuen Testament bei Lk 7,37f. in der Geschichte von der Sünderin Eingang gefunden. Diese suchte Jesus auf, als er in der Stadt war und bat ihn um Vergebung ihrer Sünden, indem sie ihm in einem fort die Füße salbte und küsste. Der Fußkuss ist auch in der Heiligenverehrung verbreitet. „Der Glaube, dass das Urbild im Abbild wohnt […]“303, bringt die Menschen dazu, die Statuen zu küssen. Der Heilige Petrus im Petersdom in Rom hat deshalb blank geküsste Füße.304 Der Sachkuss Auch war der Sachkuss im Christentum verbreitet, da die Menschen glaubten, dass durch das „Einwohnen Gottes“ das betroffene Objekt, sei es eine Reliquie oder eine Heiligenstatue, Gott gehört und dadurch heilig ist. Um an dieser Heiligkeit teilzuhaben, wurde der Gegenstand 5.2.1.2 300 Vgl. Dölger, Sol, S. 308f. 301 Vgl. ebd., S. 301ff. 302 Vgl. ebd., S. 302f. 303 Harst, Der Kuss, S. 134. 304 Vgl. Angenendt, Religiosität, S. 392. 5.2 Formelle Küsse 65 in der Verehrung auch berührt oder geküsst.305 Im Christentum war es deshalb, wie bei den Römern, Brauch, die Schwellen zu küssen.306 Ein weiteres Kussobjekt war der Altar. Der Altar spielte dabei eine ganz herausragende Rolle, weil man glaubte, Christus selbst sei der Altar. Diese Symbolträchtigkeit des Altars besteht seit dem 4. Jahrhundert.307 In seiner gottesdienstlichen Funktion ist er der Ausgangspunkt für den Friedenskuss. Denn während des liturgischen Gottesdienstes küsst der Priester den Altar, bei der sogenannten Pax, welche nichts anderes als einen Friedenskuss meint, und gibt den Kuss mit Hilfe eines Kusstäfelchens an die Gemeinde weiter, die es dann der Reihe nach küsst.308 Zur Bedeutung des Friedenskusses wird an anderer Stelle noch eine ausführliche Beschreibung gegeben werden. Objekte, die geküsst wurden, waren neben Heiligenstatuen auch Reliquien.309 Sogar Personen, denen der Märtyrertod augenscheinlich bevorstand, wurden geküsst. In den Akten von Thekla und Paulus, einer pseudepigraphischen Schrift aus dem 2. Jahrhundert, kommt die von Paulus missionierte Thekla zu ihm ins Gefängnis, um seine Fesseln zu küssen.310 Auch sind Kreuze, Gräber und die Heilige Schrift Gegenstände heiliger Verehrung und somit die eines Kusses.311 Das Christentum hat also, wie beispielsweise bei dem Kuss der Tempelschwelle, Gesten aus dem Heidentum übernommen und auf die christliche Symbolik hin umgedeutet. Es gäbe noch viele weitere Beispiele für Objekt- bzw. Sachküsse, jedoch genügt hier ein Einblick, da alles geküsst werden konnte, von dem man glaubte, dass es eine Spur Heiligkeit enthielt. Das Augenmerk soll deshalb im Christentum auf den Bruder- bzw. Friedenkuss gelenkt werden. 305 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 169. 306 Vgl. Hofmann, Philema, S. 138. 307 Vgl. ebd., S. 135. 308 Vgl. ebd., S. 116. 309 Vgl. ebd., S. 140. 310 Vgl. Hennecke, Neutestamentliche Apokryphen, S. 100. 311 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 180. 5. Mund und Kuss im Christentum 66 Küsse im politischen Rahmen Die Huldigung von Herrschern fiel besonders den frühen Christen schwer. Unter Nero (37–68 n. Chr.), der die ersten Christenverfolgungen initiierte, und später unter Trajan (53–117 n. Chr.) und Domitian (51–96 n. Chr.) kam es zu weiteren Verfolgungen, da den Christen die Verweigerung des Kaiserkultes zur Last gelegt wurde.312 Die Verweigerung sich an der Verehrung des Kaisers zu beteiligen rührt aus dem ersten Gebot (Ex 20,3) her „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“. Jedoch ist auch die Obrigkeit laut Paulus, so steht es in Röm 13,1, von Gott eingesetzt,313 um in weltlichen Angelegenheiten Recht und Ordnung durchzusetzen. Durch diese Bibelstelle gelang es späteren Kaisern, sich als von Gottes Gnaden designiert zu bezeichnen und für sich die Proskynese seitens der Christen einzufordern.314 Jedoch war die Problematik weniger schwer als beispielsweise unter Nero, da, angefangen mit Kaiser Konstantin, die nachfolgenden Herrscher im römischen Reich christlichen Glaubens waren. Heiler schreibt hierzu die Christen hätten nach dem Mailänder Edikt „[…] den Kaiserkult übernommen und die damit verbundenen kaiserlichen Epitheta wie „Gottes Sohn“, „Herr“, „Allherrscher“, „Heiland“, etc. […] und […] ihm [dem Kaiser] Anbetung durch Sichniederwerfen und Fußkuss [erwiesen].“315 Auch vor der christlichen Liturgie machte der Kaiserkult nicht halt. Genau lässt es sich nicht datieren, jedoch muss sich nach Harst die Sitte, dem Pontifex Hand- und Fußkuss zu teil werden zu lassen vor der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts etabliert haben.316 Nicht nur die römischen, sondern auch die byzantinischen Kaiser sahen sich als Stellvertreter Gottes auf Erden und wollten mit der Proskynese verehrt werden.317 Klauser schreibt in seiner abendländischen Literaturgeschichte, dass Ehrenrechte und Zeremoniell des kaiserlichen Hofes und der höchsten Beamtenschicht auf Bischöfe und Kleriker übertra- 5.2.2 312 Vgl. Schnelle, Die ersten 100 Jahre, S. 432. 313 „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“ 314 Vgl. Stegemann, Streitbare Exegesen, S. 227ff. 315 Heiler, Erscheinungsformen, S. 369. 316 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 228. 317 Vgl. ebd. 5.2 Formelle Küsse 67 gen wurden und deshalb auch in den Bereich der Liturgie eingedrungen seien. „Weil die Bischöfe den höchsten staatlichen Würdenträgern gleichgestellt wurden, kamen ihnen Thron, Lichter, Weihrauch, Mappula, Handkuss und andere Ehrenrechte zu, und weil der Bischof von Rom der kaiserlichen Majestät selbst gleichgeordnet wurde, hatte er wie der Kaiser Anspruch auf Ring, Kniefall, Fußkuss und Aufstellung seines Bildes in Amtsräumen, das heißt in den Kirchen.“318 Zwar hatte Jesus in der Zinsgroschen-Erzählung gesagt „Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21), jedoch sind darunter weltliche Dinge zu verstehen, wie beispielsweise die Abgabe der kaiserlichen Steuer. Der Verehrung eines Kaisers gleich der eines Gottes steht dabei immer noch das erste Gebot im Weg. Die Kirche der Spätantike fing aber durch das klerikale System an, eine Hierarchie aufzubauen, welche sich an der Bevölkerung unter dem Vorwand göttlicher Legitimation bereichern konnte. Die Situation der frühen Christen in den Urgemeinden war jedoch eine andere, da man versuchte, sich möglichst unauffällig gegenüber dem Kaiser zu verhalten. Die Folgen waren der Rückzug in die eigene Glaubensgemeinschaft und der Versuch sich, vom römischen Staat möglichst unbemerkt, von kultischen Festen zurückzuziehen, um einer Verweigerung der Teilnahme am Kaiserkult vorzubeugen.319 Zudem ergab sich durch die Hoffnung auf die Vergebung der Sünden, der leiblichen Auferstehung und eine Aufnahme in das Reich Gottes, für die frühen Christen eine neue Gewichtung des Verhältnisses zur Gesellschaft, zum Staat, zur Politik und zur Moral.320 Die schleichende Institutionalisierung gewöhnte die Menschen jedoch an das neue Machtsystem bis zur Reformation ohne dabei viel Widerspruch zu erfahren und durch die Unbildung der Laien wurde die Verehrung des Klerus und der Obrigkeit als gottgewollt hingenommen. 318 Klauser, Abendländische Literaturgeschichte, S. 13. 319 Vgl. Dahlheim, Geschichte, S. 127ff. 320 Vgl. ebd., S. 115ff. 5. Mund und Kuss im Christentum 68 Private Küsse Der Liebeskuss So wenig wie im Alten Testament von einem erotischen Liebeskuss die Rede ist, außer im Hohelied, dessen Interpretationen aber mannigfaltig sind und auch von Christen als geistige Vereinigung zwischen Kirche und Gott angesehen wird, so wenig kommt auch der Liebeskuss im Neuen Testament vor. Im Mittelpunkt des Neuen Testaments steht die Liebe zu Gott. Die Liebe zu den Mitmenschen ist im platonischen Sinn gedacht. Liebe zwischen Mann und Frau ist nur in der Ehe legal und darf nicht in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden, wie beispielsweise durch einen Kuss.321 Klare und direkte Aussagen sowohl über Heterosexualität als auch Homosexualität finden sich im Neuen Testament nicht. In der exegetischen Forschung interpretiert man die Bibelstellen Röm 1,26f; 1 Kor 6,9 und 1 Tim 1,10, die mögliche Hinweise auf homosexuelles oder als wider die Natur gekennzeichnete sexuelle Handlungen aufweisen, sehr unterschiedlich.322 Der Grundton der Aussagen hat jedoch einen negativen und verleumderischen Charakter. Scholz meint in diesem Kontext: „Was auch immer exakt in den betreffenden Passagen im Blick auf bestimmte Sexualpraktiken gemeint sein will, die pejorative Konnotation, die schroffe Ablehnung und apodiktische Verurteilung ist jeweils offensichtlich.“323 In der Antike wurden die Paulusbriefe als Anfeindung Homosexueller interpretiert, wodurch „ein Kuss zwischen Männern […] beschimpft [wurde], wenn nicht sogar bestraft. Diese Einstellung bestimmte fortan Denken und Gesetzgebung der westlichen Welt.“324 Der Grund für die fehlende Beschreibung von Küssen im Neuen Testament ist in der Vergeistigung der Liebe zu suchen. 1 Joh 4,7 ruft seine Lieben zum gemeinsamen Liebesdienst mit den Worten: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.“ Körperliche Liebe, Lust und Begierde sind Sünde 5.3 5.3.1 321 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 320. 322 Vgl. Scholz, Homosexualität, S. 1f. 323 Ebd., S. 2. 324 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 298. 5.3 Private Küsse 69 und Teufelswerk. Fatal für Frauen war die Verbindung des Bösen und des Teufels mit der verführerischen weiblichen Erotik.325 Clemens von Alexandria (150–215 n. Chr.), ein griechischer Kirchenschriftsteller, 326 schreibt hierzu: „Die Liebe wird aber nicht nach einem Kuss, sondern nach der (liebevollen) Gesinnung beurteilt.“327 Überdies ist er der Meinung, dass Küsse „das Gift der Zuchtlosigkeit“ einflößten.328 Des Weiteren schreibt er, dass infolge der Schönheit der Frau viele auf Abwege geraten sind, und sich am weiblichen Geschlecht das Feuer der Liebe entzündet. Die aus dem Feuer erwachsende Liebesleidenschaft, der Eros, führt infolge der Sünde ins nie erlöschende Feuer (III, 83.4).329 Seinen Lebensdaten zufolge entwickelte sich die Leibfeindlichkeit, die in der Frau ihre Ursache suchte, schon sehr früh im Glauben des Christentums. Die Lustfeindlichkeit selbst hat aber ihre Wurzeln bei Paulus, der in der hingebungsvollen Liebe zwischen Mann und Frau eine Ablenkung im Glauben sah. 1 Kor 7,33 belegt seine Einstellung: „Wer aber verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, und so ist er geteilten Herzens.“ Da für Paulus die Rückkehr des Herrn kurz bevor stand, lebte er in einer Welt, die stark vom Naherwartungsgedanken geprägt war, weshalb seine ganze Kraft Jesus Christus bzw. Gott galt.330 Auch der Epheserbrief331, der Kolosserbrief332 und der Erste Petrusbrief333 rufen zur Enthaltsamkeit von fleischlicher Begierde auf. Augustinus verband die sexuelle Lust sogar mit der Erbsünde, die sich seiner Meinung nach in den Genitalien konzentrierte.334 Im Mittelalter deklarierte Leo der Große (~ 400–461 n. Chr.) die menschliche 325 Vgl. Schol, Der entmannte Eros, S. 151. 326 Vgl. Méhat, Art. Clemens, S. 101f. 327 Vgl. Clemens, Paedagogus, III, 81.2. 328 Vgl. ebd., III, 81.4. 329 Vgl. ebd., III, 83.4. 330 Vgl. Vollenweider, Art. Paulus, Sp. 1052f. 331 Eph 2,3: „Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne […].“ 332 Kol 3,5: „So tötet nun die Glieder, die auf Erden sind, Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde […].“ 333 1 Petr 2,11: „Enthaltet euch von fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten.“ 334 Vgl. Lössl, Julian von Aeclanum, S. 232. 5. Mund und Kuss im Christentum 70 Lust zur Sünde allgemein, womit seine Aussage die Lebensbiographien vieler Einzelner mit quälenden Spannungen belastete.335 Der eheliche Kuss ist jedoch, abgesehen davon, dass die Ehe von Himmelsdingen ablenkt, erlaubt, denn in der Ehe galt es ja auch, den Schöpfungsauftrag Gottes zu erfüllen, wie Jesus nach Mk 10,2–9 ausführlich erläutert, indem Mann und Frau „ein Fleisch“ werden sollen. Jedoch wurde auch die eheliche Freiheit Lust zu empfinden von Hieronymus gegen Ende des vierten, anfangs des fünften Jahrhunderts negativ bewertet, da er die Lust im ehelichen Geschlechtsverkehr mit dem Beischlaf mit einer Prostituierten vergleicht.336 Wie die Ausführungen über den Heiligen Kuss noch zeigen werden, war jedoch in den Urgemeinden der Gedanke der Lustfeindlichkeit weit nicht so stark ausgeprägt, wie er sich in späteren Jahrhunderten schließlich durchsetzte. Küsse in der Familie und zwischen sich (im Geiste) Nahestehenden Der Begrüßungs- und Abschiedskuss Wie im griechisch-römischen Kulturkreis und im Judentum, so finden sich sowohl der Typus des Begrüßungs- als auch Abschiedskusses im Neuen Testament wieder. In der Geschichte vom verlorenen Sohn, nach der Erzählung von Lk 15,11–32, küsst der Vater seinen verloren geglaubten Sohn als dieser zurückkehrt. Ob dieser Begrüßungskuss ein Wangenkuss oder ein Lippenkuss war, gibt die Erzählung nicht preis. Aufgrund jüdischer Traditionen im christlichen Umfeld könnte es sich auch um einen Kuss auf den Mund gehandelt haben, zumal der Kuss ein gleichgeschlechtlicher war. Abschiedsküsse finden sich in der Apostelgeschichte, als sich Paulus von der Gemeinde von Milet verabschiedet. Die Trauer ist groß und die Gefühle sind aufgewühlt, da Paulus den Gemeindemitgliedern gesagt hat, dass sie ihn nicht mehr sehen werden. „Da begannen alle laut zu weinen und sie fielen Paulus um den Hals und küssten ihn.“337 5.3.2 5.3.2.1 335 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 471. 336 Vgl. Angenendt, Religiosität, S. 280. 337 Apg 20,17–20. 5.3 Private Küsse 71 Auch hier ist nicht klar, wie der Kuss zwischen Paulus und seinen Brüdern im Geist aussah. Waren es Lippen-, Wangen- oder gar Küsse auf die Stirn? Wenn diese Küsse nicht nur reine Abschiedsküsse waren, sondern es sich zum Abschied um den sogenannten Bruderkuss handelte, bei dem man sich auf den Mund küsste, um Kräfte und seelische Eigenschaften zu übertragen, so handelt es sich hier möglicherweise um einen Lippenkuss. Küsse wurden aber durch die Kirche zunehmend restriktiver behandelt. So wünscht sich Clemens von Alexandria in seinem erzieherischen Werk „Paedagogus“ mehr Zurückhaltung bei der Begrüßung. Diese modestia sollte nicht nur besonders bei Fernstehenden gezeigt werden, sondern sogar bei Menschen die man gerne hat.338 Das nächste Kapitel wird sich nun intensiv mit dem Bruderkuss, bzw. dem Heiligen Kuss oder auch Friedenskuss genannten Kusstypus auseinandersetzen. Der Heilige Kuss Im neuen Testament finden sich vier Textbelege, in denen zum gegenseitigen Gruß mit dem Heiligen Kuss aufgerufen wird (Röm 16,16; 1 Kor 16,20; 2 Kor 13,12 und 1 Thess 5,26). Eine weitere Belegstelle ist 1 Petr 5,14, jedoch ist hier nicht von dem Heiligen Kuss, dem φίλήμα ἁγίον, die Rede, sondern dem Kuss der Liebe (φίλήμα ἀγάπης). Die Bedeutung von „küssen“, abgeleitet von φίλήμα, wurde schon eingehend in den Punkten 3.1.2 und 5.1 besprochen. Die Bedeutung von ἁγίος ist ganz einfach „heilig“. Aber „seine spezifische Bestimmung erhält das Wort dadurch, dass es auf Gott und das, was zu Gott gehört angewandt wird im Gegensatz zu allem Geschöpflichen, zumal allem Sündhaften und Unreinen.“339 Die gläubigen Menschen, können selbst als ἁγίοί bezeichnet werden, da sie durch das Opfer Christi am Kreuz zu solchen geworden sind. Daraus folgt wiederum nach Hofmann, dass das, was den ἁγίοί zu eigen ist, auch ἁγίον ist. Denn so verhält es sich mit dem Kuss, mit dem Paulus die Gemeinde ermahnte, sich einander zu begrüßen. An diesem Punkt stellen sich einige Fragen: Wel- 5.3.2.2 338 Vgl. Clemens, Paedagogus, III, 82.2. 339 Hofmann, Philema, S. 20. 5. Mund und Kuss im Christentum 72 che Funktion hatte der Kuss innerhalb der Gemeinden und im Bezug zur Außenwelt? War dieser schon immer mit einem Seelenaustausch konnotiert? Und vor allen Dingen: grüßten sich alle, also Brüder und Schwestern, untereinander oder war der Kuss nur unter dem gleichen Geschlecht üblich? Diese und weitere, auch sozialgeschichtliche Fragen, sollen im Folgenden nun näher betrachtet werden. Die Erwähnung des Heiligen Kusses bzw. des Kusses der Liebe erfolgt immer am Ende der Briefe und steht fest verbunden mit der Aufforderung sich untereinander, also die Glaubensbrüder und -schwestern zu grüßen. Dadurch wird der Kuss zum Zeichen und feststehenden Bestandteil der christlichen Gemeinschaft. Hofmann spricht hier sogar vom „einigende[n] Band der Liebe und des Friedens, das sich um alle Gläubigen schlingt.“340 Er geht davon aus, dass solch ein Brief am Ende einer Gemeindeversammlung verlesen wurden, woraufhin dann zum Schluss eine Abendmahlsfeier folgte. Zudem zieht er hier Parallelen zwischen der Verlesung des Briefes und einer Predigt, welche auch dem Herrenmahl vorangestellt ist. Der Kuss dient folglich als Bindeglied zwischen Ansprache und Eucharistie, wodurch er seine Bedeutung erst in der Versammlung der Gläubigen erhält. 341 Doch stellt sich die Frage, wo der Kuss seinen Ursprung hatte. Manche Autoren nehmen an, dass die paulinischen Briefe eine Tradition aufnehmen, die Jesus selbst eingeführt hat. Denn jegliche Erklärung wie der Kuss auszuführen ist, fehlt in den Briefen. Das impliziert wiederum, dass die Empfänger mit dem Ritus des Kusses vertraut waren. Reinhard Feldmeier stellt sogar die Mutmaßung auf, dass der Heilige Kuss als Ausdruck zur Zugehörigkeit der Dei familia auch schon im Kreis der Jünger praktiziert sein worden könnte.342 Auch lohnt sich ein Blick in die griechisch-römische Tradition, wo der Kuss als Begrüßungs- oder Abschiedskuss gerne zwischen Verwandten und Freunden ausgetauscht wurde und das familiäre bzw. freundschaftliche Band betonte.343 Dadurch, dass die Christen Brüder und Schwestern im Geist sind, könnte der Kuss auf die christliche Gemeinschaft umgedeutet worden sein, zumal man im griechisch-römischen Denken die Übertragung des 340 Hofmann, Philema, S. 20. 341 Vgl. ebd., S. 24ff. 342 Vgl. Feldmeier, Der erste Petrusbrief, S. 171. 343 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 18ff. 5.3 Private Küsse 73 Seelenhauches damit verband. Möglicherweise wurde die Dimension des Pneumas erst später in die Bedeutung des Kusses eingeflochten.344 Jedoch meint Phillips nach Penn, „that this preexisiting pneumatological understanding of the kiss may have influenced the kiss’s prevalence among Christian communities.”345 Zusätzlich war der Heilige Kuss für Paulus „a ritual communication of the divine pneuma dwelling within Christians.”346 Phillips begründet seine Annahme damit, dass Paulus die Formulierung ἀσπάσασθε ἀλλήλους ἐν φίλήματι ἁγίῳ und μετὰ τοῦ πνεύματος ὑμῶν niemals zusammen benutzt, wodurch im Kuss die zusätzliche Bedeutung des Geistes mitschwingt. Der Kuss wird mit dieser Bedeutungsrichtung von einem alltäglichen Kuss unterschieden und bekommt ritualhaften Charakter, indem diese Unterscheidung vollzogen wird.347 Die Soziologin Catherine Bell sieht den Prozess einer Ritualisierung darin, dass bestimmte soziale Handlungen von anderen Handlungen unterschieden werden348 und genau das geschieht mit dem Heiligen Kuss. Vier Paulusbriefe sprechen vom „Heiligen Kuss“. Aber gibt es einen Bedeutungsunterschied zu dem im Petrusbrief verwendeten Terminus „Kuss der Liebe“? Die Differenz zwischen dem φίλήμα und der spezifisch christlichen Bezeichnung für Liebe, nämlich ἀγάπη, ist so gravierend, dass, betrachtet man nur den Wortsinn, beide Küsse verschiedene Bedeutungen haben.349 Der christliche Liebesbegriff meint die „[…] erwählende tatbereite Liebe Gottes und in Abhängigkeit von ihr die Liebe der Gottesgemeinde […].“350 Hofmann folgert daraus, dass die ἀγάπη kennzeichnend für die christliche Gemeinschaft ist und im Genitiv verwendet dann auch den Kuss mit diesem christlichen Kennzeichen versieht. Wenn man nun davon ausgeht, dass Grund und Ziel der Gemeinschaft die spezifisch christliche Liebe ist, so hat dies auch eine heilige Komponente, weil die Liebe im Dienste Gottes verstanden wird. „Denn das Leben der Christen, welches ein 344 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 18ff. 345 Ebd., S. 20. 346 Phillips, The Ritual Kiss, S. 8–12 zit. n. Penn, Kissing Christians, S. 20. 347 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 20. 348 Vgl. ebd., S. 17. 349 Hofmann, Philema, S. 28. 350 Vgl. ebd., S. 31. 5. Mund und Kuss im Christentum 74 heiliges Opfer für Gott sein soll (Röm 12,1; 15,16) soll sich stets im Dienst untereinander realisieren (Eph 4,12), und dieser Dienst an den Brüdern soll eben durch die Agape geschehen (Gal 5,13f; 6,10).“351 Im Folgenden werde ich also beide Begrifflichkeiten synonym gebrauchen. Indem sich der Heilige Kuss als Ritual etablierte und in den ersten fünf Jahrhunderten in Gebeten, der Eucharistie, der Taufe, Ordination, Begrüßungen, Beerdigungen, klösterlichen Gelübden, Märtyrertum und der Buße Anwendung fand, wurden dadurch die Bindungen in der christlichen Gemeinschaft gestärkt.352 Jedoch musste der Kuss zunächst deerotisiert werden, indem dessen familiäre Bedeutung betont wurde.353 Denn obwohl in den neutestamentlichen Quellen nicht gesagt wird, wie der Kuss ausgeführt wurde, ist doch anzunehmen, dass der Heilige Kuss Mund zu Mund ausgeführt worden ist. Denn Clemens von Alexandria gibt knapp drei Jahrhunderte später in seinem Werk „Paedagogus“ Anweisungen zu dessen genauer Ausführung: keusch und mit geschlossenem Mund.354 Der Kuss der Liebe half den frühen Christen, sich als Gemeinschaft von Heiden und Juden zu exkludieren. Durch die Betonung der erotischen Komponente des Kusses und der Gefahren, die der Kuss in sich birgt, gelang es den Christen ihre eigene moralische Überlegenheit zur Schau zu stellen. Durch den keuschen und geschlossenen Mund widerstand man beim Küssen allen sexuellen Versuchungen.355 Dabei muss betont werden, dass bei den frühen Christen der Kuss auch zwischen Männern und Frauen ausgetauscht wurde,356 was natürlich auch Anfeindungen und abstruse Vermutungen über die sexuelle Freizügigkeit der Christen von außen mit sich brachte. In Rom durften Begrüßungsküsse ja nur bis zum sechsten Verwandtschaftsgrad ausgetauscht werden. Da die christlichen Gemeinschaften sehr zurückgezogen lebten, um im römischen Reich nicht aufzufallen, befeuerten solche Vermutungen natürlich noch ab- 351 Hofmann, Philema, S. 33. 352 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 1. 353 Vgl. ebd., S. 13. 354 Vgl. Clemens, Paedagogus, III, 81.3: „[…] δίὰ στόματος σώφρονος καί μεμυκότος […].” 355 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 13. 356 Vgl. ebd., S. 22. 5.3 Private Küsse 75 struse Gerüchte und Geschichten über die Gruppe mit dem neuen Glauben.357 War der Kuss oftmals ein Zeichen für den sozialen Rang von Geküsstem und Küssendem, so fällt auf, dass die Christen in den frühen Gemeinden mit dem Heiligen Kuss die soziale Rangordnung auflösten.358 Sklavenhaltung war in der Antike weit verbreitet und auch die frühen Christen waren mit dieser Form des Menschenhandels vertraut. Jedoch gab es auch einige Sklaven in den christlichen Gemeinschaften, die aber genauso wie alle anderen Mitglieder den Kuss teilten.359 Indem das einende Band Jesus Christus war, gab es keine Unterschiede mehr. Der Heilige Kuss war nur ein weiteres Ritual, um die Gruppengemeinschaft zu stärken und den Zusammenhalt zu fördern. Penn spricht hier von dieser Gemeinschaft als „single, unified social body.“360 Nach dem Evangelisten Matthäus hatte auch Jesus die familiären Eigenschaften dieser Gemeinschaft betont, deren gemeinsamer Glaube eine größere Verbindung zwischen den Gläubigen schafft als es die Blutsverwandtschaft jemals vermag.361 Durch den Kuss wird nicht nur der Zusammenhalt begünstigt, sondern auch die Solidarität der einzelnen Mitglieder untereinander. Denn der Kuss soll von Herzen kommen und keine Lippen unaufrichtig aufeinandergepresst werden. Wenn der Kuss ehrlicher Natur ist, so besitzt er auch Versöhnungspotenzial, weshalb er auch in späterer Zeit in Friedenskuss umbenannt wurde.362 Die Kirchenväter hatten sich bemüht, den Kuss nach allen Seiten hin liturgisch auszulegen. Auch im Alten Testament begegnet der Gruß als „nach jemandes Frieden fragen“ (1 Sam 25,6), weshalb in der kirchlichen Tradition die Erteilung des Heiligen (Begrüßungs-) kusses als „pacem dare“ bezeichnet wird.363 Über den Gebrauch des Kusses sind sich die Exegeten jedoch nicht ganz einig. Penn sieht den Heiligen Kuss bei den frühen Christen in der Funktion eines Begrü- ßungskusses, der jedoch bedeutungsschwerer ist als ein profaner Kuss 357 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 109. 358 Gal 3,28: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ 359 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 33. 360 Ebd., S. 26. 361 Vgl. Mt 12, 46–50. 362 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 44ff. 363 Vgl. Hofmann, Philema, S. 123. 5. Mund und Kuss im Christentum 76 zum Gruße, spricht ihm aber auch eine Stellung innerhalb des liturgischen Gottesdienstes zu, wohingegen Hofmann den Heiligen Kuss nur in der Liturgie positioniert. Hofmann begründet seine Annahme mit dem Postskript des Briefes, weil er die Verlesung der Paulusbriefe in den Gemeinden in einen Gottesdienst eingebettet sieht.364 Wie der Kuss zur Einigung einer Gemeinschaft führte, so brachte er auch die Exklusion anderer Gemeinschaften mit sich. Besonders problematisch war das Verhältnis zwischen Christen und Juden, es glich einer Rivalität unter Geschwistern, da man sich auf dieselbe Tradition berief.365 So denunzierte Ambrosius von Mailand die jüdische Gemeinschaft mit der unhaltbaren Behauptung, dass Juden weder Frieden noch Liebe in sich tragen würden und berief sich dabei auf den Verrat an Jesus durch den Judaskuss als auch auf die Bibelstelle Lk 7,45, wo ein Pharisäer, der Jesus in sein Haus einlädt, Jesus neben der Fußwaschung auch den Kuss verweigert. Folglich seien die Juden fähig nur eine Art von Kuss zu geben: den Kuss des Verräters.366 Die ursprüngliche Intention sich von anderen Gruppen abzuheben, hatte zur Folge, dass mit der Zeit auch innerhalb der christlichen Gruppe differenziert und unterschieden wurde. In den ersten beiden Jahrhunderten war der Kuss zwischen Mann und Frau üblich, jedoch gibt es Quellen aus dem 3. Jahrhundert, wie einige Apokryphen, die den geschlechtsübergreifenden Kuss einschränken, bzw. ihn vermeiden, wegen der subtilen erotischen Komponente. In der „Traditio Apostolocia“, die Hippolyt von Rom (170–235 n. Chr.) zugeschrieben wird, steht explizit, dass sich jeweils nur Personen des gleichen Geschlechts mit dem Heiligen Kuss grüßen sollen.367 In einem Dokument aus dem fünften Jahrhundert ist noch einmal die Rede von geschlechtsübergreifenden Küssen innerhalb einer asketischen Gemeinde, bevor sich ein Deckmantel des Schweigens über den Heiligen Kuss in Bezug auf die Geschlechtertrennung legt.368 Penn hat festgestellt, dass spätere Schriften den Kuss zwischen Mann und Frau nicht mehr erwähnen. Gründe, die für eine Geschlechtertrennung aus historischer Sicht sprechen, 364 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 2f; 45 und vgl. Hofmann, Philema, S. 24f. 365 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 60. 366 Vgl. ebd., S. 61. 367 Vgl. ebd., S. 23. 368 Vgl. ebd., S. 21. 5.3 Private Küsse 77 sind zum einen das Aufkommen des Asketizismus, in dessen Programm ein Kuss keinen Platz mehr hatte, zum anderen die Institutionalisierung der Kirche und die Rolle der Gemeinschaften unter den Augen der Öffentlichkeit, die mit Argusaugen über die Frauen wachte.369 Penn schreibt in diesem Zusammenhang: „Although women have had more freedom in domestic spaces, once in public, they were fully part of an honor/ shame system that prioritized women’s modesty and often their segregation.“370 Neben der Trennung von Männern und Frauen innerhalb der christlichen Gemeinschaft wurde zudem spätestens ab dem 5. Jahrhundert zwischen Konfession, also Getauften und Ungetauften Gemeindemitgliedern, und Ordination unterschieden. Der Kuss zwischen Laien und Klerikern wurde verboten, genauso wie der Kuss zwischen Getauften und Ungetauften.371 Die Verbote sind eng verbunden mit der damaligen Vorstellung von rein und unrein. Die Vorstellung von einem Mund, der durch einen Kuss Unreinheit übertragen könnte, existierte sowohl im griechisch-römischen Kulturkreis als auch in der jüdischen Vorstellungswelt.372 So ist laut Penn in der „Traditio Apostolica“ überliefert, dass die Katechumenen den Heiligen Kuss noch nicht teilen durften, da aufgrund der fehlenden Taufe, ihr Kuss noch nicht „rein“ sei.373 Paulinus von Nola, Bischof und Schriftsteller aus dem 4. Jahrhundert, geht sogar so weit zu sagen, dass der Kuss katholischer Christen keusch, reinigend und rein sei, wohingegen der Kuss von Häretikern von Schändung, Gift und Unzüchtigkeit geprägt sei.374 Und er vergleicht zudem den Heiligen Kuss zwischen der Kirche als Braut und Jesus Christus als Bräutigam375, was wohl auch Origines tat, für den der Friedenskuss „ein Abbild des Kusses zwischen Gott (Christus) und seiner Kirche“ war.376 In diesem Vergleich findet sich die Anspielung auf die allegorische Auslegung des Hoheliedes wieder. Mit der Unterscheidung von Reinheit und Unreinheit eines Kusses schreibt man 369 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 85. 370 Ebd., S. 84. 371 Vgl. ebd., S. 90, 122. 372 Vgl. ebd., S. 94. 373 Vgl. ebd., S. 99. 374 Vgl Penn, Kissing Christians, S. 102. 375 Vgl. ebd. 376 Thraede, Art. Friedenskuss, Sp. 514. 5. Mund und Kuss im Christentum 78 dem Kuss auch bestimmte Wirkungen auf den Menschen zu. Wie schon kurz erwähnt, ergab sich für den Heiligen Kuss die Vorstellung eines Seelenaustausches oder der Verbindung zweier Seelen, deren Voraussetzung zwei reine sich Küssende waren. Auch die Vorstellung von bestimmten Wirkungen von Atem und Speichel, manchmal in Verbindung mit einem Kuss, setzt sich im Neuen Testament fort. Jesus heilt in Mk 7,33 einen Taubstummen durch seinen Speichel und in Mk 8,23 einen Blinden, den er wieder sehend macht, nachdem er ihm seine Finger auf die Augen gelegt hat, an denen sein Speichel klebte. Ausspucken war überdies ein beliebtes Mittel sich vor Krankheiten zu schützen (Gal 4,14) oder seine Missachtung kundzutun. So berichtet Tertullian, dass Christen vor Götzenaltäre ausspukten und diese anbliesen, um ihre Abscheu zu zeigen.377 Auch soll Christus mit dem Hauch seines Mundes „den Bösen“, möglicherweise ist damit der Antichrist gemeint, bei seiner Wiederkunft vernichten (2 Thess 2,8), womit es wieder eine alttestamentliche Parallele gibt, wo Gott durch seinen Hauchkuss den Tod bringen kann. Hippolyt empfiehlt in einer Gebetsanleitung: „Wenn du aber deine Hand anbläsest und dich versiegelst mit dem Speichel, den du aus deinem Munde bringen sollst, wirst du ganz rein bis zu deinen Füßen.“378 Auch beim Küssen findet ein Austausch von Atem und Speichel statt, wodurch sich die Kräfte mischen und es zum Austausch der Hauchseelen kommt. Der Erste Korintherbrief beschreibt den Körper der Christen als Tempel Gottes, in dem der Geist Gottes wohnt. Dieser wird dann auch beim Kuss ausgetauscht. „Da Paulus sonst nirgends Pneuma und Psyche als Organe etwa des „geistigen“ und triebhafen Innenlebens unterscheidet und außerdem das Pneuma Gottes 1 Kor 3,16 mit ψυχή und σῶμα hinsichtlich kaum auf einer Stufe stehen dürfte […]“, ist anzunehmen, dass Paulus sich dem liturgischen Sprachgebrauch anschließt.379 Das Ritual des Anblasens war auch in Spätantike bei der Taufe weitverbreitet, so soll der Bischof dem Täufling die Hand aufgelegt haben und unter Anblasen die Geister beschworen haben zu entflie- 377 Vgl. Hofmann, Philema, S. 52. 378 Till, Die Kirchenordnung, S. 39 zit. n. Harst, Der Kuss, S. 264. 379 Hofmann, Philema, S. 32. 5.3 Private Küsse 79 hen.380 Allgemein ist die Taufe in Bezug auf den Kuss ein sehr bedeutungsvolles Ritual, da durch den Kuss der Geist Gottes dem Täufling eingeflößt wird. Johannes Chrysostomus sieht den Taufkuss als „Sinnbild der Aufnahme in die Gottesfreundschaft und in die Gottesgemeinde“ an.381 Dass die Aufnahme in eine neue Gemeinschaft mit einem Kuss erfolgt, war auch ein Brauch, um Sklaven freizulassen, wie schon in Punkt 3.2.3 erläutert wurde. Zudem kommt der Kuss als rituelles Aufnahmesymbol auch in der Priester- und der Mönchsweihe vor.382 Der Heilige Kuss hat aufgrund seiner Bedeutungshoheit auch eine Geschichte der Wandlung hinter sich. Nach dem ersten Petrusbrief gibt es nach Penn mindestens fünfzig Jahre lang keine antike Quelle, die den Kuss erwähnt.383 Erst im zweiten Jahrhundert in der Apologie des Märtyrers Justin, wird er im liturgischen Kontext als der Eucharistie vorangehend erwähnt und als Zeichen der körperlichen Selbstkontrolle bezeichnet.384 Daraus lässt sich folgern, dass der Kuss bis zum späten zweiten Jahrhundert geschlechterübergreifend ausgetauscht wurde. Im dritten Jahrhundert wird der Kuss nur noch in liturgischen Kontexten erwähnt. Zur selben Zeit verbietet, wie schon erwähnt, die „Traditio Apostolica“ den Austausch des Heiligen Kusses zwischen Mann und Frau, genauso wie die Apostolischen Konstitutionen, welche zudem den Kuss zwischen Laien und Klerikern unterbinden.385 Im achten Buch der Apostolischen Konstitutionen findet sich eine ausführliche Liturgie zur Bischofsweihe, aus der ersichtlich ist, dass der zu Ordinierende von allen anderen Bischöfen mit dem Kuss des Herrn in ihren Kreis aufgenommen wurde.386 Hofmann fand heraus, dass der Heilige Kuss nicht nur in der römisch-katholischen Liturgie verbreitet war, sondern auch in Syrien, Ägypten und in Kleinasien bzw. Byzanz.387 Der Heilige Kuss als Zeichen des Friedens und der Versöhnung wurde anstatt als Philema hagion schon von Tertullian als signa- 380 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 264. 381 Hofmann, Philema, S. 129. 382 Vgl. ebd. 383 Vgl. Penn, Kissing Christians, S. 21. 384 Vgl. ebd., S. 22. 385 Vgl. ebd., S. 23. 386 Vgl. Hofmann, Philema, S. 96. 387 Vgl. ebd., S. 106. 5. Mund und Kuss im Christentum 80 culum orationis (Tert. de orat. c. 14)388 und von Augustin signum pacis (Augustin. Serm. de divers. 83.) genannt,389 wodurch in den folgenden Jahrhunderten stets die Versöhnung mit Gott, der Christen untereinander und die Mitteilung des Friedens Gottes im Mittelpunkt standen. Im frühen Mittelalter trat dann aber an die Stelle des echten osculum pacis, der Gebrauch eines Kusstäfelchens. Der Priester küsste zuerst den Altar, als Zeichen des Kusses zwischen Jesus und der Kirche, küsste anschließend die Paxtafel und gab diese an die Gottesdienstbesucher weiter, welche das Kusstäfelchen der Reihe nach küssten.390 Der Glaube an den Kräfteaustausch beim Friedenskuss, verband sich überdies auch mit dem Märtyrer- und Reliquienkult. Durch das Küssen Heiliger Gegenstände, glaubte man, dass ein Austausch der den Objekten innewohnenden Kraft mit der eigenen Seele stattfand. Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Heilige Kuss mit dem Gedanken eines Austauschs von Kräften und seelischen Eigenschaften belegt wurde, sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Das Christentum hat durch die Bezeichnung des Kusses als „heilig“, den ursprünglich profanen Begrüßungskuss für sich umgedeutet und die in der Antike weit verbreitete Annahme des potenziellen pneumatischen Charakters eines Kusses für sich auf Gott bzw. Jesus hin umgedeutet.391 Der heilige Kuss der Christen hat im Heiligen Geist seinen Ursprung und durch den Kuss soll von Gott zu den Menschen und den Menschen untereinander die göttliche Agape vermittelt werden, „jene geistgewirkte Liebe, die ganz und gar durch Gottes Heilstat bestimmt ist und allein von dorther ihr Gepräge erhält.“392 Hofmann nimmt an, dass der Heilige Kuss von Anfang an seinen festen Platz bei gottesdienstlichen Gemeindeversammlungen der Christen hatte, 393 jedoch ist dies nur eine Vermutung und durch die Postskripte der Briefe nicht bezeugt. Fest steht aber, dass der Heilige Kuss sehr früh, also spätestens im zweiten Jahrhundert fester Bestandteil in der Liturgie war. Sobald 388 Vgl. Schmidt, Liturgik, S. 450. 389 Augustin. Serm. de divers. 83: „Pax vobiscum! Et osculantur Christiani in osculo, quod es signum pacis, si, quod ostendunt labia, fiat in conscientia.” Zit. n. Augusti, Denkwürdigkeiten, S. 338. 390 Vgl. Arens, Cîteaux, S. 120. 391 Vgl. Hofmann, Philema, S. 90. 392 Ebd., S. 91. 393 Vgl. ebd., S. 146. 5.3 Private Küsse 81 sich die Gemeinschaft stärker als „pax“ verstand, wurde die Bezeichnung osculum pacis für den Bruderkuss innerhalb und auch außerhalb von Gottesdiensten gebraucht. Der Aspekt der Gemeinschaft der Gläubigen als In-group wurde im Laufe der Zeit so essentiell, dass pax auch allein Kuss bedeuten konnte.394 Jedoch konnte ich keine Hinweise darauf finden, dass sich der Bruderkuss als reines Begrüßungsritual auch im Mittelalter fortsetzte, nachweisbar ist der Kuss nur bis ins 4. Jahrhundert.395 Der Judaskuss Von den vier Evangelisten berichten nur Matthäus (Mt 26,49), Markus (Mk 14,45) und Lukas (Lk 22,47) von dem Verrat Jesu durch den Kuss des Judas Iskariot. Johannes erwähnt den Kuss nicht (Joh 18,5). Bei Lukas wird für das Verb küssen φιλεῖν verwendet, Matthäus und Markus verwenden aber beide die verstärkte Variante, also mit Inbrunst küssen, nämlich καταφιλεῖν. Zudem haben Matthäus und Markus fast denselben Wortlaut an den Kussstellen. Die Art und Weise Jesus zu verraten und dabei bei Jesus, der es aber vorher wusste, wer ihn verraten würde, und bei seinen Jüngern keinen Verdacht im Moment des Verrats zu erregen, liegt in der jüdischen Tradition des Huldigungskusses gegenüber Rabbinen begründet. Der Plan des Verrats war perfide und schlau, der Kuss als verräterisches Zeichen mit den Hohepriestern und deren Soldatenschar abgesprochen. Indem Judas Jesus mit „Rabbi“ anredet (Mt 26,49; Mk 14,45), fand man an der Begrüßung durch einen Kuss nichts ungewöhnlich, da Rabbinen gern mit einem huldigenden Begrüßungskuss begrüßt wurden. Der Verrat durch Jesus bekommt also einen umso bittereren Beigeschmack, wenn man sich bewusst wird, dass für die Handlung des Küssens nicht nur φιλεῖν verwendet wurde, sondern sogar καταφιλεῖν. Der Verrat wurde also gemäß der Überlieferung in den Schriften wohl überlegt und überzeugt vom eigenen Tun durchgeführt. Aus dieser Erzählung ist ersichtlich, dass ein Kuss auch mit unreinem Herzen ausgeführt werden kann und der jüdische Verräter, sei er fiktiv oder historisch, Grund genug für die 5.3.2.3 394 Vgl. Thraede, Art. Friedenskuss, S. 506. 395 Vgl. ebd., S. 511. 5. Mund und Kuss im Christentum 82 frühen Christen war, sich von den Juden abwenden zu wollen, indem man den Kuss stattdessen zum Symbol der (Gottes-)liebe deklarierte und den Gläubigen beim Kuss reine Herzen und Gedanken unterstellte. Wenn man so weit gehen möchte, könnte man den Kuss des Judas auch als Todeskuss interpretieren, da er Jesus schließlich durch die Auslieferung an die Römer das Leben kostete. 5.3 Private Küsse 83

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References

Zusammenfassung

Religiosität und Intimität verbinden sich im Kuss. Ein Kuss ist mehr als der in der heutigen Vorstellungswelt allgemein angenommene erotische Kuss zwischen zwei Mündern. Er ist Ausdruck von Persönlichkeit, Stellvertreter für Sprache und Identitätsmerkmal. Der Kuss ist eine „Beziehungstat“ und kann sowohl im Profanen als auch im Religiösen beziehungsstiftend wirken. Durch seine verschiedenen Erscheinungsformen und Durchführungsmodalitäten hat er sowohl in der Antike bei den alten Römern und Griechen, als auch in den abrahamitischen Religionen bei Juden, Christen und Muslimen stets zu Kontroversen über seine moralische Integrität angeregt. Der Kuss hat demzufolge eine Geschichte wechselseitiger Transformation zwischen dem biologischen, sozial-gesellschaftlichen und religiösen Bereich hinter sich. Er ist ein bedeutsames und facettenreiches Zeichen in jedweder Hinsicht; eine Geste, die auch heute noch zwischen den Menschen und in der Gott-Mensch-Beziehung gleichermaßen ihren festen Platz hat. Der Lesende reist bei der Lektüre dieses Buches in die Vergangenheit und lernt verschiedene Kussformen, deren Entstehung, Entwicklung und Anwendungsbereiche in der jeweiligen Religionskultur kennen.