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4. Mund und Kuss im Judentum in:

Stephanie Bähring

Die religionswissenschaftliche Bedeutung von Mund und Kuss in den abrahamitischen Religionen und in der Antike, page 39 - 62

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4198-7, ISBN online: 978-3-8288-7108-3, https://doi.org/10.5771/9783828871083-39

Series: Religionen aktuell, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Mund und Kuss im Judentum Der Mund und seine Sprechwerkzeuge im Judentum Der Mund Der anfängliche physiologische Exkurs über Mund und Kuss hatte auch Zunge und Lippen als essentielle Bestandteile des Mundes und als Kusswerkzeuge zum Gegenstand. Das Alte Testament ist reich an Beispielen über die Verwendungsweise von Mund, Zunge und Lippen in je unterschiedlichen Kontexten. Einige der Beispiele möchte ich herausnehmen, da der Mund mit dem Kuss unweigerlich verbunden ist und aus der Untersuchung von Organ und Phänomen möglicherweise neue Deutungsrichtungen erschlossen werden können, wenn sie zueinander in Beziehung gesetzt werden. Der Mund wird im biblischen Kontext in Bezug auf Essen, also die Nahrungsaufnahme durch den Mund, gebraucht (Ez 2,8) 193 und für die Beschreibung von Sprechakten (Jes 55,11; Jer 15,19; Num 12,8). Da die hebräische Sprache eine Vorliebe für metaphorische Beschreibungen hat, wird der Mund bisweilen auch als Gefäß bzw. Behälter (Ex 4,15) oder Erdspalte (Ex 4,15) beschrieben. Sexuell konnotiert ist der Mund zudem in Psalm 78,36194 und im Hohelied 1,2195 und 7,10196. Auffällig ist der Dualismus, den die Verwendung des Terminus Mund im Alten Testament aufweist. Er wird meistens entweder nur in einen positiven Zusammenhang gebracht (Mal 2,6), wenn es um das Sprechen weiser Worte geht, oder nur in einem negativen Zusammenhang gebracht, in dem der Mund nur Frevel oder Lügen äußert (Hi 20,12). Was aus dem Mund eines 4. 4.1 4.1.1 193 Die folgenden Bibelzitate stammen alle aus Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft (Hg): Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Bibeltext in d. rev. Fassung von 1984, Berlin/ Altenburg 41990. 194 Ps 78,36: „Doch betrogen sie ihn mit ihrem Munde.“ 195 „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes.“ 196 „Lass deinen Mund sein wie guten Wein.“ 39 Menschen kommt, ist nach alttestamentlicher Vorstellung gottgewollt, da Gott den Mund nach Ex 4,11 geschaffen hat. Besonders bei Hesekiel zeigt sich die Vorstellung göttlicher Eingebung (Ez 3,27), indem Gott dem Menschen den Mund auftut. Diese Kontrolle ist umso wichtiger, als der Mensch in ständiger Gefahr lebt, durch seinen Mund zu sündigen. Daher bitten Gläubige, „Herr, behüte meinen Mund und bewahre meine Lippen.“197 Psalm 141,3 verdeutlicht, wie wichtig die Lippen beim Sprechakt sind. Im Folgenden soll die Rolle von Lippen und Zunge näher beleuchtet werden, da ihre Semantik im Kontext stärker variiert, als die des Mundes und sie oftmals pars pro toto für den ganzen Mund stehen. Lippen und Zunge Das hebräische Wort für Lippe śāfāh bezeichnet die Lippe oder die Lefze eines Tieres, es kann aber auch im übertragenen Sinn für Sprache, Rede und Sprachfähigkeit stehen. Jedoch war es im Alten Orient common sense, dass sich in der Sprechweise eines Redners seine Charakterzüge spiegeln.198 Die Lippen im Alten Testament können aus rein körperlichen Aspekten zum Subjekt der Sprachhandlung werden, wie bei Hiob, dessen Lippen hadern (Hi 13,6). Manchmal wird das aktive Subjekt aber zum passiven Objekt degradiert, das böse Worte oder Lügen unbedacht an sich vorbeischlüpfen lässt (Num 30,13). Auch wird im Gegensatz zum Neuen Testament im Alten Testament der erotische Aspekt der Lippen genannt, indem ihre rote Farbe (Hl 4,3) gepriesen wird und sie als verführerisch gelten (Hl 5,13). Zudem verkörpert der Wein, der die Lippen benetzt (Hl 7,10), den Ausdruck sinnlichen Genießens. Daneben sind die Lippen, wie schon in Punkt 2.1 erwähnt, der Spiegel für Emotionen, wie Angst, Erregung oder Freude. Da die Lippen oftmals näher bestimmt werden, aber nicht in ihren physiologischen Eigenschaften, sondern in der Art ihrer Rede, lassen sie Rückschlüsse auf den Sprecher zu. So ist ein „Mann der Lippen“ (Hi 11,2) ein Vielredner, der viel Unnützes redet, um nur ein Beispiel 4.1.2 197 Ps 141,3. 198 Vgl. Müller, Lippen, S. 1. 4. Mund und Kuss im Judentum 40 zu nennen. Im religiösen Kontext wird der Begriff der Lippe im Bereich des Lobens, Verkündigens, Gelobens und Bekennens gebraucht. Dabei ist die Macht der Lippen, welche sie durch ihre Rede erlangen, nicht zu unterschätzen. So traut Jesaja den Lippen des verheißenen Herrschers zu, die Gottlosen mit dem Hauch seiner Lippen zu töten (Jes 11,4). Nicht ganz so drastisch beschreibt Psalm 140,10 das Unheil, welches Lippen, unter denen Otterngift lagert, über einen Menschen bringen können. Neben all diesen negativen Aspekten sind Lippen auch fähig weise zu sprechen (Spr 16,23) und einen Menschen zu ernähren (Spr 18,20). Auch finden sich anthropomorphe Vorstellungen der Lippen Gottes im Alten Testament, die meistens in Kontexten verwendet werden, die seine Kommunikationsfähigkeit und Zugewandtheit mit und zu den Menschen thematisieren. Aber auch Gerichtsvorstellungen über andere Völker, erwähnen die donnernde Stimme Jahwes und seine blitzende Zunge im Zuge einer „als Unwetter dargestellten Gerichtstheophanie“ in Jesaja 30,27.199 Ein Reinigungsritus der Lippen musste vollzogen werden, bevor die göttliche Weisung von Jesaja empfangen werden durfte oder bevor es Daniel erlaubt war, zu Gott zu sprechen. Damit war die Vorstellung verbunden, dass die Lippen Ausdruck sowohl positiver als auch negativer menschlicher Emotionen waren und somit auch Sündhaftes über die Lippen kommen könnte.200 Beim Anbrechen der Parusie wird Gott den Menschen nach Zef 3,9 reine Lippen geben, damit sie ihn anrufen können.201 Die genannten Aspekte sind nicht vollständig, sondern greifen überblickshalber nur einige wichtige Aspekte auf, die in Bezug auf den Kuss relevant sind. Wie die Lippen, bezeichnet auch die Zunge, hebr. lāšôn, das Körperteil des Menschen und des Tieres. Da die Zunge, wie auch die Lippen, bei der Erzeugung von Sprechakten eine große Rolle spielt, kann auch sie symbolisch für die Sprache an sich oder die Sprachgewandtheit eines Menschen stehen. Indem die Sprache im Alten Orient als Spiegel des menschlichen Charakters galt, lässt auch die Zunge Rückschlüsse auf die Gesinnung des Einzelnen zu. Die Zunge kann loben (Ps 51,16), Rechtes sprechen (Ps 35,28), aber auch verleumden (Ps 199 Vgl. Müller, Lippen, S. 5ff. 200 Vgl. ebd., S. 5. 201 Vgl. ebd,, S. 6. 4.1 Der Mund und seine Sprechwerkzeuge im Judentum 41 15,3). Wie die Lippen, wird die Zunge auch zum selbstredenden Subjekt: „Siehe, ich tue meinen Mund auf, und meine Zunge redet in meinem Munde.“202 Bis heute gibt es auch das Sprichwort „seine Zunge hüten“ (Spr 21,23), das eine Eigenständigkeit der Zunge impliziert, die oftmals anfängt zu reden, bevor die Gedanken überhaupt geordnet und kontextadäquat geantwortet werden kann. Dass die Zunge zudem eng mit Emotionen und inneren Vorgängen verbunden ist, zeigt auch das Sprichwort „das Herz auf der Zunge“ tragen. Das apokryphe Buch Jesus Sirach verwendet darin den Spruch: „Die Narren tragen ihr Herz auf der Zunge; aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen“ (Sir 21,28). Zudem ist die Zunge der Hauptsitz der Lüge. Die Idiome „mit glatter Zunge sprechen“ (Spr 6,24), „mit betrügerischer Zunge sprechen“ (Ps 52,6) spielen beide auf den schlechten Charakter des Menschen und keine einmalige Fehlhandlung an. Ähnliches verdeutlicht auch der Ausdruck „mit gespaltener Zunge“ sprechen, der auf den alttestamentlichen Sündenfall anspielt, seitdem die Schlange mit ihrer gespaltenen Zunge der Inbegriff von Hinterlist und Tücke ist. Die Ambivalenz der Zunge zeigt sich auch darin, dass sie sowohl den Tod als Waffe (Jes 54,17), geschliffenes Messer (Ps 52,4) oder Pfeil (Jer 9,2–7) bringen kann203, als auch Leben, indem ihre Rede zuweilen heilende Wirkung entfalten kann.204 Gott selbst ist nach Jes 30,27 auch Besitzer einer Todeszunge, da sie in Jesaja eine Wirkung wie verzehrendes Feuer besitzt. Begrifflichkeiten Das hebräische Wort für „küssen“ ist in vokalisierter lateinischer Schriftsprache nāšaq. Die Etymologie der Wurzel nšq ist nicht klar. Barth leitet sie aus dem Arabischen mit der Bedeutung „an etwas riechen, den Odem einschlürfen“ ab, jedoch gibt es ein viel weiteres Bedeutungsspektrum, so dass nšq auch „sich rüsten“ oder „sich wappnen“ heißen kann, welches auf das arabische nasaqa zurückgeführt 4.2 202 Hi 33,2. 203 Vgl. Müller, Zunge, S. 3. 204 Vgl. ebd. 4. Mund und Kuss im Judentum 42 wird, welches „aufreihen, aneinander fügen“ bedeutet.205 Im Alten Testament ist die Wurzel nšq insgesamt 32 Mal belegt. Es wird in Kontexten intensiver Liebesbeziehungen, verwandtschaftlicher Verbundenheit und als Zeichen unterwürfiger Ehrerbietung gebraucht. „Das Verb kommt in den folgenden Stämmen mit diesen Bedeutungen vor: qal „küssen“; s. berühren (Gen 41,40); pi „viel und lange küssen“ (Ps 2,12); hiph „aneinander stoßen“ (vielleicht „sich hörbar berühren“)“206 Wie auch im Griechischen haben im Hebräischen das Verb „küssen“ und das Substantiv „Mund“ keinen gemeinsamen Stamm. Pæh ist das hebräische Wort für Mund als Sprechorgan,207 wird aber auch explizit als Kusswerkzeug in 1 Kön 19,18 erwähnt. Jedoch wird zwischen dem Mund als Sprechorgan und dem Mund als Esswerkzeug unterschieden. Denn „Hunger“, „Schlund“ und „Begierde“, alles Nominative, die mit dem Essen in Verbindung stehen, liegen in der jüdischen Vorstellung anatomisch etwas weiter hinten im Mund, eher schon im Übergang zur Kehle. Das hebräische Äquivalent ist für diese Begrifflichkeiten næpæš. Das Femininum næpæš ist ein ursprüngliches Nomen, das nicht von einer Verbalwurzel abgeleitet werden kann. Im Zusammenhang mit dem Hauchkuss, ist eine nähere Betrachtung von næpæš aufgrund ihrer Bedeutungsvielfalt sinnvoll und ergiebig.208 Die Grundbedeutungen sind „Schlund“, „Rachen“ und „Kehle“, die das Wort in seinen Grundfunktionen als Sättigungs- und Atmungsorgan beschreiben. Zwischen Speiseröhre und Luftröhre wird nicht unterschieden. Im Essenskontext gibt es auch die Übersetzungsmöglichkeit mit „Gier, Begierde und Verlangen“, wenn man an das schnelle Verschlingen denkt. Auch bezeichnet es den Hunger. Die Begierde kann aber auch auf den erotischen Bereich übertragen werden.209 Næpæš kann auch die Bedeutung „Atem“ annehmen. Auf diese Bedeutung werde ich im Zusammenhang mit Gen 2,7 noch genauer zu sprechen kommen. Eng damit verbunden ist die Übertragung von næpæš mit der Bedeutung Seele. Wolff merkt hierzu an: „Ein kleiner Schritt führt von næpæš als spezifischem Organ und Akt des Begeh- 205 Vgl. Beyse, Art. nāšaq, Sp. 677. 206 Ebd. 207 Vgl. Lopez, Art. pæh, Sp. 522. 208 Vgl. Seebass, næpæš, Sp. 532. 209 Vgl. ebd., Sp. 538f. 4.2 Begrifflichkeiten 43 rens zu der erweiterten Bedeutung, bei der næpæš Sitz und Akt auch anderer seelischer Empfindungen und Gemütszustände wird.“210 Aber so wie næpæš nicht einfach Leben heißt, „so bezeichnet næpæš nicht die Seele als Nuance u.a., sondern die Seelenkraft, das Sprudeln von Personalität, die alle tristesse bannende Energie.“211 Daneben hat næpæš noch weitere Bedeutungen und Färbungen, die in diesem Zusammenhang aber keine Erwähnungen finden brauchen. Ein weiterer Begriff, der im Zusammenhang mit der Hauchseele erwähnt werden muss, ist der Begriff rûah. , dessen Grundbedeutung Wind, Atem, Geist, Energie, Lebenskraft ist und somit dem Wort næpæš recht ähnlich scheint. Rûah. „[…] ist in der Hebräischen Bibel ganz zentral, er wird sowohl in anthropologischer Hinsicht (auf den Menschen bezogen) wie auch theologisch (von Gott) gebraucht, um eine Kraft auszudrücken, die begrifflich schwer zu fassen ist. Mit dem deutschen Wort „Geist“ ist nur ein kleiner Teil der biblischen Vorkommen gedeckt.“212 Jedoch ist rûah. der Begriff, an dem christliche Theologen den Heiligen Geist ansetzen. Er enthält viel stärker noch als næpæš ein lebensschöpfendes Prinzip im Sinne einer Neuschöpfung und geht über das rein „vitalistische Lebensprinzip“ hinaus.213 Besonders in Verbindung mit der Hauchseele, auch bezogen auf das islamische Verständnis, haben diese Begrifflichkeiten Bedeutung für diese Arbeit. Formelle Küsse Küsse im religiösen Bereich 214 Der Kuss ist in der menschlichen Biologie und durch Sozialisation ein Gestus oder eine Handlung, die auch den Menschen der Alten Welt zu eigen war. Sowohl im religiösen als auch im privaten Bereich wurde 4.3 4.3.1 210 Seebass, næpæš, Sp. 543. 211 Ebd., Sp. 544. 212 Schüngel-Straumann, Art. Geist (AT), S. 1. 213 Vgl. ebd., S. 19ff. 214 Als Quellengrundlage für die Texte aus Talmud und Midrasch diente die Website www.sefaria.org. 4. Mund und Kuss im Judentum 44 geküsst, wobei das Verhältnis zu den Göttern bzw. Gott ein Spiegelbild der sozialen Verhältnisse der Menschen untereinander war. Im Kuss suchte man die intime Nähe zur Gottheit. Da die Israeliten ein nicht ganz so kussfreudiges Volk wie die Römer oder Griechen waren, wird hier nicht für jede einzelne Kussart ein neues Kapitel eröffnet werden. Stattdessen wird der Neubeginn der jeweiligen Kussform durch Absätze deutlich gemacht. Die Kusshand war nicht nur in Rom und Griechenland verbreitet, sondern auch im Alten Orient. Sie wurde jedoch, wie man aus dem Buch Hiob erfährt, von den Israeliten abgelehnt und als Götzenverehrung empfunden.215 Sylva Harst nimmt an, dass die Ablehnung ihren Grund in der Unsichtbarkeit von Jahwe hat und dass der Kusshand dadurch ihr konkretes Ziel der Verehrung fehlte.216 Jahwe ist nicht alle Zeit unsichtbar. Im Tempel offenbarte er sich und seine Heiligkeit. Er wurde von den Israeliten als greifbares und sinnliches Gegenüber verstanden, dem man wie einem profanen Herrscher huldigte.217 So ruft Psalm 2,11 zur Verehrung Jahwes mit einem Fußkuss auf: „Dienet dem Herrn in Furcht und küsst seine Füße mit Zittern.“ Jedoch ist Zenger der Meinung, dass es sich bei dem „Herrn“ um den von Jahwe eingesetzten Messias handelt, um den König David, der gewählt wurde, um „[…] seine universale Gottesherrschaft durch ein vom Zion her amtierendes Königtum durchzusetzen.“218 Denn wie sollte der Fußkuss bei einem körperlosen Jahwe ausgeführt werden? Man hätte den Tempelboden küssen müssen, um eine Proskynese anzudeuten. In dem Kontext des gesamten Psalms, indem auch Jahwe zu Wort kommt, indem er von seinem Sohn spricht, den er heute gezeugt habe,219 ist es doch wahrscheinlicher, dass es sich bei dem „Herrn“ in Vers 11 um den Messias handelt. Lippenküsse finden sich im religiösen Kontext im Alten Testament nicht. Nur in der allegorischen Auslegung des Hoheliedes (Hl 1,2), wenn Jahwe Israel küsst, könnte man mit viel Fantasie von einem Lippenkuss des personifizierten Israels mit Jahwe sprechen. Der Mangel 215 Vgl. Hi 31,27–26. 216 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 106. 217 Vgl. ebd., S. 128f. 218 Zenger, Psalm 2, S. 50. 219 Vgl. Ps 2,7. 4.3 Formelle Küsse 45 an Lippenküssen von Mensch zu Gott, lässt sich damit erklären, dass die Israeliten einen bildlosen Glauben hatten, der sich nach dem Gebot richtete: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen!“220 Jedoch stellte man sich Gott in gewisser Weise anthropomorph vor, da ihm auch ein Mund zugeschrieben wurde, wenn es bei Jesaja 11,4 heißt, dass Gott den Gottlosen mit dem Hauch seiner Lippen töten wird. Zum anderen finden sich im Alten Testament nur wenige Beschreibungen von Küssen unter den Menschen. Sexualität war zwar von Gott gegeben, aber hauptsächlich um der Vermehrung und der Erhaltung der Schöpfung willen.221 Die Spiritualität, die sich in der göttlichen Gegenwart bei sexuellem Verlangen oder sexuellen Handlungen wie bei den Römern und Griechen ausdrückte, fehlte in der Vorstellung der Israeliten und in der Umwelt des Alten Orients völlig. Wenn schon der Kuss von Mensch zu Mensch kaum Beachtung findet, warum und wie sollte es dann möglich sein, einen unsichtbaren Gott zu küssen? Jedoch gibt es, wie schon erwähnt, in der jüdischen Vorstellungswelt den göttlichen Kuss. Dieser Kuss kann Leben schenken und dieses auch wieder nehmen. In der jahwistischen Erzählung wird der Mensch durch die næpæš Gottes lebendig. So steht in Gen 2,7: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ Dieser Kuss wird sehr wahrscheinlich ein Nasenkuss gewesen sein, bedenkt man die altägyptischen Vorstellungen von der Belebung der Welt, wie in Kapitel 3.4.2.1 beschrieben wurde. Dagegen spräche allerdings die Vorstellung des Todeskusses durch Jahwe, auf den ich später noch eingehen werde. Diesen Kuss stellten sich die Juden nämlich als Lippenkuss vor. So würde das belebende Element von Jahwe auf zwei verschiedenen Wegen dem Menschen gegeben und genommen werden. Gustav Stählin sieht in der Handlung Jahwes die Übertragung der Hauchseele auf den Menschen.222 Ernst Haag sieht wiederum in diesem Akt die Gleichstellung von göttlichem Mundhauch und Gotteswort. Beides ist so mächtig, dass es Leben schaffen kann.223 Jedoch 220 Ex 20,4. 221 Vgl. Gen 9,7. 222 Vgl. Stählin, φιλέω, S. 124. 223 Vgl. Haag, Der Mensch, S. 18. 4. Mund und Kuss im Judentum 46 muss bei der Interpretation der Übertragung des göttlichen Odems berücksichtigt werden, dass der Jahwist die Seele, wie wir sie heute kennen und auch bei den Griechen als Sitz „äußerlich-irdischen Lebens“ gedacht wurde, so nicht kannte.224 Der wesentliche Unterschied zwischen antiken bzw. dem heutigen Denken und dem hebräischen Denken liegt darin, dass im alten Israel die Seele bzw. der Lebensodem Gottes als Leihgabe angesehen wurde, bis Gott diese dem Menschen wieder entzog. Johannes Leipoldt schreibt hierzu: „Im alten Israel wird der Mensch als Wesen gesehen, das aus Fleisch und Blut besteht und durch den Lebensodem Gottes, Seele genannt, belebt und von Gott angesprochen wird; dieses Menschenwesen […] lebt so lange, wie ihm Gott seinen Lebensodem beläßt; zieht er ihn ab, so vergeht der Mensch; er lebt ganz aus der Abhängigkeit von der Gabe des Lebens durch Gott her. Erwägungen über den höheren Wert der Seele gegenüber dem Leib, wie sie die Griechen angestellt haben, kennt man im alten Israel nicht.“225 Der Entzug des Lebensodems durch Gott wird nach späterer Interpretation an zwei Stellen im Alten Testament beschrieben. So geschah der Kusstod laut dem Midrasch Debarim sowohl bei Mose, als auch bei Mirjam.226 In seiner Todesstunde „[…] küsste ihn der Heilige, geb. sei er! und nahm ihm seine Seele mit dem Kusse seines Mundes.“227 Mirjams Tod wird in Num 20,1b erwähnt. Dort heißt es: „Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben.“ Das „dort“, das genauso gut auf die in Num 20,1a vorher genannte Stadt Kadesch bezogen werden könnte, interpretieren die Mischnatrakte Baba Batra228 und Moed Qatan229 als ein „dort“ am Munde Gottes. Auch Aaron ist nach Baba Batra 17a durch den Gotteskuss gestorben, sowie seine Schwester Mirjam. Da dieser Todeskuss für die Geschwister aber ein Lippenkuss ist, wurde dieser in der Heiligen Schrift in Bezug auf Mirjam nicht erwähnt, so die Erklärung des Rabbiners Elazar zu Num 20,1, da es un- 224 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 51. 225 Leipoldt, Umwelt, S. 229f. 226 Die Abkürzungen der rabbinischen Texte richten sich nach Stemberger, Günter: Einleitung in Talmud und Midrasch, München 72011 und können im Abkürzungsverzeichnis nachgelesen werden. 227 DevR 1,11.g. 228 Vgl. bBB 17a. 229 Vgl. bMQ 28a. 4.3 Formelle Küsse 47 schicklich gewesen wäre.230 Das talmudische Zeitalter scheint von Prüderie und der verzweifelten Abwehr von jeglicher Art Erotik bestimmt zu sein. Eine weitere Stelle im Midrasch Bereshit, die belegt, wie unpassend ein Kuss in der Öffentlichkeit ist, bezieht sich auf die Aussage in Gen 29,11: „Und [Jakob] küsste Rahel und weinte laut.“ Der Midrasch fragt nach dem Grund für Jakobs Tränen. Die Antwort: Jakob weinte, weil er sah, dass Männer tuschelten und ihn aufgrund des Kusses bezichtigten, unkeusches Wesen einzuführen.231 Aber nicht nur Juden mit einer besonderen Stellung zu und vor Gott, wie es für Gelehrte gilt, werden durch den Hauchkuss erlöst werden, sondern laut dem Midrasch Schir Ha-Schirim auch „die Seelen aller übrigen Gerechten.“232 Das Hiobbuch kennt den Hauchkuss auch. Gottes Odem ist dabei imstande, alles Fleisch verscheiden zu lassen, sobald er den Lebensatem aus den Menschen herauszieht.233 Dies kann aber auch im Zorn geschehen: „Durch Gottes Odem verderben sie, vom Hauch seines Zornes schwinden sie hin (Hi 4,9). Jedoch soll nach Meinung der Rabbinen der Kusstod der leichteste der 903 Todesarten sein.234 Neben der Fähigkeit, den Tod durch das Einatmen des menschlichen Hauches zu bringen, hat Jahwe auch die Macht, Totengebeine wieder lebendig werden zu lassen. In einer Vision sieht Ezechiel die Toten durch den göttlichen Hauch wieder auferstehen, nachdem sie mit Sehnen und Fleisch von Gott überzogen wurden (Ez 37,5). Als einzigem Menschen ist es nach der Überlieferung der Heiligen Schrift dem Propheten Elias gelungen, unter der Schirmherrschaft Jahwes eine Totenerweckung durch einen Hauchkuss durchzuführen. 2 Kön 4,32 beschreibt die Szene folgendermaßen: „und [er] stieg aufs Bett und legte sich auf das Kind und legte seinen Mund auf des Kindes Mund […].“ Das Motiv der Übertragung von Seelenkräften durch den Kuss ist auch bei dem mit der Salbung verbundenen Kuss im Akt der Königsweihe wirksam. Das folgende Kapitel wird diesen Aspekt näher betrachten. 230 Vgl. bMQ 28a. 231 BerR 70. 232 ShirR 1. 233 Vgl. Hi 34,14–15. 234 Vgl. Stählin, φιλέω, S. 124. 4. Mund und Kuss im Judentum 48 Im religiösen Bereich finden sich bei den Israeliten kultische Küsse, die sich aber alle an Götzen richten. So berichtet Hos 13,2 von Küssen für Kälber und 1 Kön 19,18 von Verehrungsküssen für Baal. Küsse, die sich auf religiöse Gegenstände beziehen, fanden erst spät Eingang ins Judentum. Ursprünglich stammte das Küssen kultischer Gegenstände aus dem Orient, und kam, so Immanuel Löw, „auf dem Umwege über das kaiserliche Rom und die beiden Tochterreligionen wieder zu den Juden zurück.“235 Da es für das Küssen religiöser Objekte kaum Vorschriften in der rabbinischen Literatur gibt, ist der Kuss sehr allgemein geworden und „als Ausdruck der Liebe zur religiösen Übung“ bezeichnet worden. Es werden geküsst: „die Mezuza am Türpfosten beim Betreten und Verlassen des Raumes, die Türpfosten beim Betreten und Verlassen des Raumes, die Türpfosten der Synagoge bei Ein- und Austritt, Tefillin und Talit beim An- und Ablegen […],“236 die Schaufäden bei gewissen Gebeten, der Vorhang der heiligen Lade beim Öffnen und die Torarolle beim Aus- und Einheben. Wenn man die Tora als Besucher einer Andacht nicht erreichen konnte, so küsste man die Hand, mit der man die Tora aus der Ferne gegrüßt hatte. Auch das Gebetbuch wurde geküsst.237 Diese Aufzählung verdeutlicht, dass es keinen heiligen Gegenstand gab, der im Zusammenhang mit einer zeremoniellen Andacht gebraucht wurde und dabei nicht geküsst wurde. Es lässt sich feststellen, dass diese Tradition des Idolkusses sich seit dem 17. Jahrhundert langsam etablierte. Jedoch unterlag auch diese Tradition laufenden Veränderungen vor allem durch die Synagogenordnungen.238 Küsse im politischen Rahmen Da das Königtum nach der Einführung von Saul zunehmend kritisiert wurde, ist das Verhältnis der gläubigen Israeliten zum Königtum kein durchweg positives, da sich, wie an der Sozialkritik der Propheten abzulesen ist, die Könige an der Bevölkerung maßlos bereicherten (Jer 4.3.2 235 Löw, Der Kuß, S. 659. 236 Ebd., S. 660. 237 Vgl. ebd., S. 660ff. 238 Vgl. ebd., S. 661. 4.3 Formelle Küsse 49 22) und Götzen anbeteten (Hos 8). Zudem steht der monotheistische Glaube der Juden einer gottgleichen Verehrung ihrer Herrscher, welche diese für sich einforderten, im Wege. Deshalb geht man auch davon aus, dass die fußfällige Verehrung zunächst ohne Kuss erfolgte (1 Sam 25,23–24; 2 Kön 4,37).239 Im Buch Ester wird deutlich, dass der Fußkuss nur für Gott oder den Messias bestimmt ist. In der „Einheits- übersetzung“ der Bibel wird das Buch Ester nach dem Vorbild der Septuaginta in der Langfassung übersetzt. In Est 4,17d–e verspricht Mordechai Jahwe, sich vor niemandem niederzuwerfen oder dessen Füße zu küssen, es sei denn für die Rettung Israels. „Aber im Zug der weiteren Entwicklung wird der Fußkuss auch bei den Juden als Zeichen dankbarer Verehrung geübt bKet 63a; bSanh 27b; jPea 1,1 (15d 28).“240 Bei Jesaja (Jes 49,23) und im Psalm 72,9 kommt der Ausdruck „Staub lecken“ vor. Von Salomon steht geschrieben: „Vor ihm sollen sich neigen die Söhne der Wüste, und seine Feinde sollen Staub lecken.“241 Jesaja bezieht sich dabei auf Israel, vor dem sich die Feinde verbeugen sollen und Psalm 72,9 jedoch auf den ersehnten göttlichen Messias, dessen Feinde auch Staub lecken sollen. Die Verehrungskontexte sind hier verschieden, einmal handelt es sich um Israel und ein anderes Mal um den Messias. Ob der Ausdruck „Staub lecken“ einen Fußkuss oder nur als Metapher für die Proskynese verwendet wurde, ist nicht eindeutig festzustellen, zumal man davon ausgeht, dass die fußfällige Verehrung zunächst durch einen Kuss geschah. Die Rabbiner nahmen eine besondere Stellung im jüdischen Volk ein, weshalb ihnen aufgrund ihrer Gelehrsamkeit auch eine besondere Ehre seitens der gewöhnlichen Juden entgegengebracht wurde. Ihre Dankbarkeit drückten einige Leute gegenüber den Rabbinen aus dem Volk durch Knie- und Fußküsse aus.242 Ob der Lippenkuss im Herrscherkult bei den Israeliten verbreitet war, ist in der Forschung umstritten. Den einzigen Hinweis auf einen Lippenkuss gibt das erste Buch Samuels. In der biblischen Geschichte von der Salbung Sauls durch Samuel zum ersten israelitischen König steht: „Da nahm Samuel den Krug mit Öl und goss es auf sein Haupt 239 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 215. 240 Stählin, φιλέω, S. 125. 241 Vgl. Ps 72,9. 242 Vgl. yPea 1,15 d. 4. Mund und Kuss im Judentum 50 und küsste ihn […].“243 Manche Forscher sehen in dem Kuss den Ausdruck der Bestätigung über die Rechtmäßigkeit der Verleihung der Königswürde. Der Religionswissenschaftler Friedrich Heiler und der Theologe Gustav Stählin sehen in dem Kuss mehr als einen rituellen Akt während der Krönung. Heiler sieht in diesem Kuss einen Seelenaustausch, indem Samuel seinen Geiststoff, sein „Mana“, auf Saul überträgt.244 Und Stählin sieht die Bedeutung dieses Kusses ähnlich wie Heiler, nennt den Geiststoff jedoch nicht Mana sondern Charisma: „Angesichts der sonstigen antiken Vorstellungen erscheint es wahrscheinlich, dass Salben und Küssen als Doppelakt der Übertragung des Charisma von einem Charismatiker auf den andern gewertet werden müssen.“245 Charisma bezeichnet im Alten Testament die „Begabung mit dem Geist Gottes“, wodurch die Träger dieser Gabe außergewöhnliche Fähigkeiten besaßen, wie beispielsweise Propheten oder Heerführer.246 In der vorköniglichen Zeit war die Geistbegabung, im Hebräischen rûah. genannt, an kein Amt gebunden und wirkte auch nicht lebenslang, sondern nur in von Jahwe bestimmten Situationen.247 Bei der Salbung Sauls durch Samuel soll es nach alttestamentlicher Vorstellung, wie schon Heiler und Stählin erwähnt haben, zu einer Geistausgießung gekommen sein. „Manchmal ist die Salbung auch mit der Verleihung des Geistes JHWHs verbunden […]. Das zeigt, dass der eigentlich Handelnde Gott ist, auch wenn die Salbung selbst von einem Propheten vollzogen wird.“248 Natürlich kann der Kuss auch in dem persönlichen Verhältnis von Samuel zu Saul gesehen werden. Die Jewish Encyclopedia geht davon aus, dass es sich hierbei um einen Wangen- oder Handkuss ohne das Zutun von rûah. handelte.249 Einen Lippenkuss hingegen ohne Geist- übertragung zu denken, ist nach Angabe der Jewish Encyclopedia eher unwahrscheinlich: „Among Orientals, who keep the sexes strictly separated, kissing on the mouth is not practised, except as an expression 243 1 Sam 10,1. 244 Vgl. Heiler, Erscheinungsformen, S. 231. 245 Stählin, φιλέω, S. 124. 246 Vgl. Schmidt, Charisma (AT), S. 1f. 247 Vgl. Schüngel-Straumann, Geist (AT), S. 10. 248 Riede, Salbung (AT), S. 3. 249 Vgl. Jacobs, Kiss, S. 515. 4.3 Formelle Küsse 51 of strong affection […].”250 Stattdessen waren der Wangenkuss oder eine Begrüßung Wange an Wange gängige Praxis im Alten Orient.251 Unter Verwandten scheint es jedoch üblich gewesen zu sein, dass sich Männer und Frauen nach Geschlechtern getrennt, auf den Mund geküsst haben, doch dazu später. Private Küsse Küsse in Familie und Freundschaften Geküsst wurde zwischen Geschwistern, wie bei Esau und Jakob (Gen 33,4), Josef und seinen wiedergefundenen Brüdern (Gen 45,15), Aaron und Moses (Ex 4,27) und natürlich unter Verwandten. Da küsst Jakob Rahel (Gen 29,11), es küssen sich Laban und sein Neffe Jakob (Gen 29,13), Mose und sein Schwiegervater Jitro (Ex 18,7), und Noemi küsst ihre Schwiegertöchter Rut und Orpa (Rut 1,9). Eltern oder Großeltern küssen natürlich auch ihre Kinder bzw. Enkel wie Abraham, der seinen Enkel Jakob mit einem Kuss zum Stammvater der Israeliten einsetzt, oder Rebekka, die ihren Sohn segnet und ihn dabei küsst. Vor allem das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist ein „sittlich reines“. Wie der Kuss aber genau ausgeführt wurde, ob als Lippen-, Wangenoder Stirnkuss, lässt sich nicht eindeutig sagen. Feststeht, dass sich Eltern und Kinder auch auf den Mund geküsst haben. Das zeigt Eisenstein in einer Sammlung kleiner Midrashim, genannt „Ozar Midrashim“. Beschrieben wird der Kuss zwischen Josef und seinem im Sterben liegenden Vater, wobei Josef spricht: „39 Jahre habe ich den Mund meines Vaters nicht geküßt und jetzt soll ich ihn ungeküßt lassen? (M. Kalla III f 53a Romm. B. r. 78, 9. Ozar Midr. 585 a. Schibbole hal 18)“.252 Abschiedsküsse gab es nicht nur zwischen Vater und Sohn und Mutter und Tochter, denn 1 Kön 19,19f. berichtet vom Abschiedskuss des Elisa, den er seiner Mutter geben möchte. Auch war es wohl nicht unüblich, dass sich männliche Verwandte auf den Mund geküsst ha- 4.4 4.4.1 250 Jacobs, Kiss, S. 515. 251 Vgl. ebd. 252 Löw, Der Kuß, S. 655. 4. Mund und Kuss im Judentum 52 ben, so heißt es im Midrasch, dass Laban seinen Neffen Jakob küsste, um zu testen, ob er Perlen im Mund habe.253 Auch der Freundschaftskuss zwischen Samuel und Jonathan könnte ein Lippenkuss gewesen sein, da von einem wirklichen Kusswechsel die Rede ist, denn es heißt „sie küssten einer den anderen.“254 Wenn in der Bibel von Küssen berichtet wird, so handelt es sich meistens um Begrüßungs- oder Abschiedsküsse. Derer gab es viele und man kann davon ausgehen, dass bei den Israeliten viel zur Begrü- ßung und zum Abschied geküsst wurde. Da derlei Küsse meist sehr emotional sind, spiegeln sie die Gefühlsstimmung der sich Küssenden wider, wobei es dabei schon zu dem ein oder anderen Lippenkuss gekommen sein mag. Ferner wurde bevorzugt auf Stirn oder Wangen geküsst. Mit den Abschiedsküssen war auch häufig ein Segen verbunden, der zudem auch oft bei der Bestimmung eines Erbes oder Nachfolgers gespendet wurde. Der Segen wurde aus dem religiösen Bereich als „glücksbringende Wunschformel“ in den privaten Bereich übernommen.255 Jedoch scheint man im talmudischen Zeitalter den Begrüßungskuss als Lippenkuss nicht so gern gesehen zu haben, denn R. Akiba lehrte, dass er die Meder in drei Dingen liebe: „das Fleisch zerschneiden sie auf dem Tische […], der Kuß bei ihnen geschieht nur auf die Hand (nicht auf den Mund), und wenn sie sich beraten, so geschieht‘s immer auf dem Felde […].“256 Die Schriftgelehrten kennen nur drei bzw. vier Arten des Kusses, die nicht tadelnswert sind. „Ihnen galten nur die Küsse der Weihe, des Wiedersehens und des Lebewohls (und der Verwandtschaft).“257 Dagegen ist der Kuss auf den Kopf anerkannt und verbreitet besonders in Midrasch und Sohar, da er Anerkennung und Lob bedeutet. Auch wird von einem Handkuss im Buch der Jubiläen berichtet (Jubil. 31,7), als Jakob die Hand seines Vaters ergreift und diese unter einer Verbeugung küsst. Unterwerfung und Verehrung kommen in diesem Kuss auch im Judentum zum Ausdruck.258 253 Vgl. Wünsche, Der Kuß, S. 9. 254 Vgl. ebd., S. 11. 255 Vgl. Harst, Der Kuss, S. 366. 256 Der erste Abschnitt, S. 49. 257 Löw, Der Kuß, S. 643. 258 Vgl. ebd., S. 654. 4.4 Private Küsse 53 Unter den Rabbinen strittige Küsse gibt es zwei. Einmal den Kuss zwischen Jakob und Rahel, als sich beide nach langer Zeit wiedersehen (Gen 29,11) und den Kuss zwischen den Brüdern Esau und Jakob (Gen 33,4), auf den ich im Kapitel 4.4 noch näher eingehen werde. Der Streit um den Kuss zwischen Jakob und Rahel entbrannte deshalb, weil Jakob seine Cousine küsste ohne sich vorher als ihr Verwandter vorzustellen, weshalb es als öffentlicher Kuss zwischen Mann und Frau gewertet wurde. Erst nachdem er Rahel geküsst hat, stellt sich Jakob als ihr Vetter vor. In Gen 29,18 steht geschrieben, dass er sich in Rahel verliebte. All dies deutet meiner Meinung nach daraufhin, dass es Liebe auf den ersten Blick war, als Jakob Rahel sah und sich von seinen Emotionen trotz aller jüdischen Vorschriften leiten ließ. Strittig ist nun, ob Jakob, weil er sich bewusst war, dass er Rahels Vetter ist, wusste, was er tat und er es als Kuss unter Verwandten ansah ohne in diesem emotionalen Moment darüber nachzudenken, Rahel über den Verwandtschaftsgrad zu informieren, oder ob es als unkeusches Verhalten seitens Jakobs zu werten ist, da er leidenschaftliche Gefühle für Rahel empfand. Diese Stelle wird, wie schon beschrieben, als sehr strittig empfunden und das anschließende Weinen Jakobs (Gen 29,11) als Gewissensbisse interpretiert. Küsse unter nahen Verwandten waren zwischen Mann und Frau erlaubt, wurden jedoch viel seltener beschrieben, als Küsse zwischen verwandten Männern.259 Im talmudischen Zeitalter war der Lippenkuss auch unter Verwandten Männern und Frauen nicht so gern gesehen, wie den Worten des Rabbi Akiba zu entnehmen war, der hingegen den Handkuss zur Begrüßung schätzte.260 Küsse zwischen sich Fernstehenden Sich Fernstehende küssen sich auch, jedoch nur Personen des gleichen Geschlechts. Meistens handelt es sich dabei um männliche Protagonisten im Alten Testament. Geküsst wird aus verschiedenen Gründen. Drei Beweggründe möchte ich etwas näher erläutern. Der Talmud be- 4.4.2 259 Vgl. Große Konkordanz, S. 889f. 260 Vgl. Wünsche, Der Kuß, S. 28. 4. Mund und Kuss im Judentum 54 richtet über Menschen, die aus Dankbarkeit küssen, da sie Hilfe erfahren haben. Konkret bedankt sich beispielsweise ein wegen Mordes Angeklagter bei Rabbi Papi, der ihn verteidigt hatte unschuldig zu sein, indem er dem Rabbi die Füße küsst.261 Des Weiteren gibt es den Kuss der Ehrfurcht, den man zwischen Mose und seinem Schwiegervater Jitro findet. Harst interpretiert diesen Kuss als Kuss der Ehrfurcht, da sich Ehrfurcht aufgrund von Jitros Alter gebührt und zudem wegen des Verwandtschaftsgrades. Mose verneigt sich vor seinem Schwiegervater und küsst ihn. Möglicherweise handelt es sich hier um einen Handkuss, da die Ausführung der in Jubil. 31,7 sehr ähnlich ist. Rabbinen wurden zudem im talmudischen Zeitalter durch Handoder Fußkuss verehrt.262 Die Verehrung fand jedoch zwischen den Rabbinen untereinander oder zwischen Rabbinen und Schülern statt, wie im Midrasch Schir Ha-Schirim geschrieben steht: „Wenn du dich mit den Worten der Tora beschäftigst, daß deine Lippen (beim Forschen) fest aneinander gedrückt sind, dann werden dich schließlich alle in Verehrung auf deinen Mund küssen.“263 Dabei kam es auch, wie diese Stelle zeigt, zu regelmäßigen Mundküssen, die genauso wie Hand- oder Fußkuss, Lob und Ehrerbietung ausdrücken sollten.264 Einen weiteren Kuss zwischen sich fernstehenden Personen, die aber in keinem politischen Machtverhältnis zueinander stehen, kennt die Geschichte über Absalom im zweiten Samuelbuch. Darin wird berichtet, dass Absalom seinen Vater David vom Thron stürzen wollte, indem er versuchte die Herzen der Israeliten zu gewinnen. Zudem warnte er die Bittenden vor den tauben Ohren des Königshauses bezüglich ihrer Anliegen.265 Dafür stellte er sich an den Weg, den alle Bittsteller nahmen, um vor König David zu treten und gab ihnen freundliche Küsse: „Und wenn jemand ihm nahte und vor ihm niederfallen wollte, so streckte er seine Hand aus und ergriff ihn und küsste ihn.“266 Ähnlich dem Kuss des Schmeichlers ist der Kuss des Verrats, der aber von zwei Brüdern berichtet, weshalb er in die Kategorie der Fern- 261 Vgl. bSan 27b. 262 Vgl. Strack, Kommentar, S. 995f. 263 SchirR 83a. 264 Vgl. Strack, Kommentar, S. 995f. 265 Vgl. 2 Sam 15,3. 266 2 Sam 15,5. 4.4 Private Küsse 55 stehenden nicht eingeordnet werden kann und deshalb im Kapitel 4.4 behandelt wird. Der Kuss in erotischen und sexuellen Beziehungen Der erotischste Kuss des Alten Testaments findet sich im Hohelied. Dort heißt es: „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes, denn deine Liebe ist lieblicher als Wein.“267 Weder ist im Kontext des Hoheliedes von der ehelichen Liebe die Rede oder von anderen konventionellen oder traditionellen Erwartungen an Frau oder Mann. Das Lied ist allein um der Liebe willen geschrieben. Die Liebe wird hier „als genuin menschlicher, gemeinsamer Vollzug menschlicher Lebensmöglichkeit“ beschrieben.268 Das Hohelied hat sich aus der mündlichen Tradition verschiedener Volkslieder entwickelt. Heute nimmt man an, dass die wörtliche Bedeutung auch die ursprüngliche ist, aber aufgrund seines anstößigen Inhalts wurde das Hohelied allegorisch ausgedeutet, sowohl im Judentum als auch später im Christentum.269 Da das Hohelied eine spezifische Ausprägung israelitischer Liebesdichtung ist und einige Gemeinsamkeiten mit anderen alttestamentlichen Stellen aufweist, wurde es in den Schriftenkanon aufgenommen. Eine große Rolle spielte dabei die Ähnlichkeit zu Stellen wie dem Weinberglied (Jes 5,1–7) oder die Erzählung von Nabots Weinberg (1 Kön 21).270 Hier wird die Beziehung Gottes zu Israel nach dem Muster eines Liebespaares dargestellt, was die allegorische Ausdeutung des Hoheliedes begünstigte. Im Hohelied verlangt eine Frau oder ein junges Mädchen explizit nach den Lippenküssen ihres Geliebten und fordert ihn zum Beischlaf auf. Die weibliche sexuelle Emanzipation scheint in der Zeit der Entstehung des Hoheliedes kein revolutionäres Verhalten gewesen zu sein, angesichts des Volksliedcharakters. Die Einstellung der Israeliten zur Sexualität wurde über die Zeit dennoch immer restriktiver. Da Küsse eng mit dem Sexualverhalten und -empfinden zusammenhängen, soll 4.4.3 267 Hl 1,2. 268 Bühlmann, Das Hohelied, S. 11. 269 Vgl. Bühlmann, Das Hohelied, S. 13ff. 270 Vgl. Zakovitch, Das Hohelied, S. 54. 4. Mund und Kuss im Judentum 56 ein kurzer Einblick in die Geschichte jüdischer Sexualität gegeben werden, um die jeweiligen Kusspraktiken besser verstehen zu können. Im antiken Judentum herrschte die Grundanschauung vor, dass das Ziel des Geschlechtsverkehrs zunächst der Fortpflanzung um der Erhaltung der Schöpfung und des Stammes willen (Gen 9,7) dient. Das Anliegen dabei Lust zu empfinden, spielt eine nebensächliche Rolle, ist aber im Gegensatz zum Christentum Bestandteil des Beischlafs ohne als sündhaft zu gelten.271 Auch das Aufsuchen von Prostituierten wird im frühen Israel nicht negativ gewertet. Im Gegensatz zur vorstaatlichen Zeit wird das Gewerbe der Prostitution ab der Königzeit von der frühen Religion als geächtet angesehen.272 Sichere Belege für die Existenz der Kultprostitution, wie bei den Römern oder Griechen, gibt es auch im Hinblick auf den Jerusalemer Tempel, das Nationalheiligtum Judas, nicht.273 Hinweise auf sinnliche Erotik finden sich im Hohelied, den Sprüchen Salomos (Spr 2,16; 5,1–5.15–20; 6,24; 7,5; 9,13–18), im zweiten Samuelbuch in der Geschichte von David und Batseba (2 Sam 11,1–27) und natürlich subtil in den Klagen der Propheten (Hos 2,4) über das ehebrecherische Verhalten der Gesellschaft. „Mit zunehmender Theokratisierung des j. Lebens geraten auch die sexuellen Sinnesfreuden offiziell in den Hintergrund, und der Talmud sowie die spätere rabbinische Literatur beschränken den erlaubten Geschlechtsverkehr auf das Gebiet der ehelichen Fortpflanzung.“274 Die Frau wird im Alten Testament, wie den Sprüchen Salomos zu entnehmen ist, als leibhaftige Verführung angesehen.275 Die Restriktion öffentlicher Zuneigung soll die Erotik ins Private verbannen, damit sie zum einen die sexuellen Triebe der Menschen nicht anstachelt und zum anderen bei niemandem Anstoß erregen kann. Baskin sieht die Bibel dabei vor allem als soziale Kontrollinstanz in Bezug auf Sexualität: „The Bible treats sexuality essentially as a question of social control: who with whom and in what circumstances.“276 Zudem begünstigte die Auslegung der Heiligen Schrift durch die Rabbiner eine liberalere Einstellung nicht. 271 Vgl. Theilhaber, Sexualhygiene, Sp. 384. 272 Vgl. Jost, Hure, S. 2. 273 Vgl. ebd., S. 3. 274 Theilhaber, Sexualhygiene, Sp. 384. 275 Vgl. Baskin, Women, S. 2795. 276 Ebd. 4.4 Private Küsse 57 Denn das Judentum ist eine patriarchalisch geprägte Religion, welche sich aus Gen 2,4ff also solche rechtfertigt. Die Auslegung des Alten Testaments zugunsten einer freieren weiblichen Sexualität führt heute in die feministische Richtung. So kann nach Westheimer die Geschichte von Rut, die sich dem Grundbesitzer Boas zu Füßen legt, um mit ihm zu schlafen, damit er sie anschließend heiratet, als ein Versuch gesehen werden, Frauen zu ermutigen, auch außerhalb der Ehe mit dem Sex anzufangen. Die Religion durch und durch vom Patriarchat bestimmt wurde, hatten Frauen in früherer Zeit vor allem in kultischen Angelegenheiten weniger Mitspracherecht und ihr Selbstbestimmungsrecht wurde durch die väterliche oder brüderliche Autorität beschnitten.277 Die sich im Mittelalter entwickelnde mystische Tradition des Judentums, die Kabbala, beschäftigte sich im Zuge der Verdrängung der Erotik durch die Traditionalisten umso mehr mit erotischen Themen und schrieb ihre Empfehlungen dazu auch im kabbalistischen Schriftwerk, dem Zohar, nieder.278 Jedoch heißt es nicht, wenn man Traditionalist ist, dass Sexualität im Leben eine untergeordnete Rolle spielt. Der Rabbi Jacob Emden empfiehlt in seiner Schrift, dem Sidur Jaawez, das Küssen und Umarmen vor und während des Geschlechtsverkehrs.279 Zudem ist nach talmudischer Vorstellung ein Mann erst ein Mensch, wenn er eine Frau hat und das Gebot der Schöpfungserhaltung einhält.280 Nach Ruth Westheimer ist das durchgehende Motiv in der jüdischen Tradition, dass Gott allgegenwärtig ist und in allen Beziehungen eine Rolle spielt, weshalb auch der Geschlechtsverkehr etwas Himmlisches an sich hat.281 Jedoch muss dabei betont werden, dass es sich hierbei um ehelichen Geschlechtsverkehr handelt. Homosexualität hingegen war unter Juden verpönt. Die Meinungen sind dazu – außer bei orthodoxen Juden, da Lev 20,13 den Geschlechtsverkehr unter Männern als Gräuel verurteilt – heute etwas liberaler,.282 Deshalb findet sich weder im Alten Testament, noch in der rabbini- 277 Vgl. Baskin, Women, S. 2793ff. 278 Vgl. Theilhaber, Sexualhygiene, Sp. 384f. 279 Vgl. Westheimer, Himmlische Lust, S. 87. 280 Vgl. bYev 63a. 281 Vgl. Westheimer, Himmlische Lust, S. 87. 282 Vgl. Morgenstern, Judentum, S. 64ff. 4. Mund und Kuss im Judentum 58 schen Literatur ein erotischer Kuss unter Männern. Neben den genannten Gründen gab es auch kultische Gründe für die Ablehnung eines Kusses zwischen den beiden Geschlechtern, da zum Beispiel Frauen während ihrer Menstruation und nach der Geburt ihres Kindes als unrein und unberührbar galten.283 Diese Haltung schlägt sich teilweise in der Geschlechtertrennung bei Begrüßungsküssen, wie beschrieben, nieder. Der schönste Kuss in der jüdischen Literatur findet sich in einem Roman aus dem 6. Jahrhundert. Es handelt sich um die Geschichte des Stammvaters Joseph, der sich in seine spätere Frau, die Ägypterin Asenath verliebt. Nach anfänglicher Zurückweisung eines Kusses der Asenath, da beide nicht verheiratet sind und es sich deshalb nicht gebührt einander zu küssen284, wird der Kuss zwischen beiden umso schöner beschrieben, nachdem der Erzengel Michael Aseneth dem Joseph zur Frau gegeben hat (Riessler, AJS 35,19.10–11): Dann streckte Joseph seine Arme aus, umarmte Asenath und Asenath den Joseph, und beide küssen sich gar lang. Und beide lebten wiederum in ihrem Geiste auf. Und Joseph küßte Asenath und er verlieh ihr Lebensgeist. Dann gab er ihr zum zweiten auch der Weisheit Geist. Zum dritten küßte er sie zärtlich und schenkte ihr den Geist der Wahrheit. Mit dem Kuss dieser beiden Liebenden geht die Übertragung der Hauchseele einher. Der belebende Aspekt, des Odems, wie in Punkt 3.4.2.1 angesprochen, kommt hier in der Beschreibung des Auflebens des Geistes zum Ausdruck. Da es sich hierbei um einen Text aus dem 6. Jahrhundert handelt, könnte man annehmen, dass der Autor die antiken Vorstellungen der Hauchseele kannte und diese Form der πνεῦμα-Interpretation in seine jüdische Vorstellungswelt übertrug. Jedoch kann mit dem Aufleben des Geistes, wie in Punkt 2.2 über das Phänomen des Küssens erwähnt wurde, durch die vermehrte Aus- 283 Vgl. Baskin, Women, S. 2793f. 284 Vgl. Riessler, AJS 35, 8.5–7. 4.4 Private Küsse 59 schüttung von Glückshormonen, auch einfach eine körperliche Erregung oder ein allgemeines Aufgewühltsein gemeint sein. Weitere Küsse Küsse, die sich aufgrund ihrer Besonderheiten nicht in die vorhandenen Kategorien einordnen lassen, aber trotzdem nennenswert sind und Relevanz für diese Arbeit besitzen, werden, wie schon im Kapitel über die Antike, unter einer extra Rubrik aufgeführt. Im Alten Testament finden sich neben allen anderen Küssen der Scheinkuss, der Kuss des Verrats, versöhnende Küsse, der Gotteskuss und Küsse zwischen personifizierten Abstrakta. Der Scheinkuss, ähnlich wie der Schmeichelkuss aus zwielichtigen und unaufrichtigen Gründen gegeben, findet sich im zweiten Samuelbuch, als Joab seinen Cousin Amasa tötet. Indem er ihm einen Begrüßungskuss vorgaukeln will, zieht er an Amasas Bart, was scheinbar keine seltene Geste unter Männern war,285 um sich zum Kuss aneinander zu ziehen, und gibt ihm anstatt eines Kusses einen Stich mit dem Schwert.286 Der Kuss des Verrats findet sich in der bekannten Geschichte von den Brüdern Jakob und Esau und deren Vater Isaak.287 Der zweitgeborene Jakob versucht mit Hilfe seiner Mutter Rebekka das Erstgeburtsrecht von seinem Vater Isaak zu erschleichen, indem er sich unter anderem die Festttagskleider seines Bruders überzieht, damit er genauso riecht wie dieser. Denn Isaak ist blind und nur durch seinen Geruchs- oder Tastsinn, kann er beide Brüder voneinander unterscheiden. Als der sterbende Isaak seinen erstgeborenen Sohn segnen will, küsst er stattdessen Jakob, weil er ihn für Esau hält. Mit dem Kuss ist der Segen und damit die Übertragung des Erstgeburtsrechts vollbracht und auch nicht wieder rückgängig zu machen.288 Jedoch finden sich auch versöhnende Küsse im Alten Testament. Der Wiedersehenskuss bei der Begrüßung zwischen dem betrogenen Esau und seinem Bruder Jakob in Gen 33,4 ist bei den Rabbinen um- 4.5 285 Vgl. Wünsche, Der Kuß, S. 2. 286 Vgl. 2 Sam 20,10–18. 287 Vgl. Gen 27, 20–27. 288 Vgl. Gen 27,16–18. 4. Mund und Kuss im Judentum 60 stritten. Manche sehen in ihm einen Feindeskuss, weil ihrer Meinung nach alles Handeln Esaus dem Hass entspringt, während ihn andere als Kuss der Versöhnung interpretieren.289 Mit einem weiteren Versöhnungskuss endet das Wiedersehen zwischen Josef und seinen Brüdern, die ihn als Jungen misshandelt und in einen Brunnen geworfen haben.290 Als Josef seinen Brüdern offenbart, dass er der zweitwichtigste Mann neben dem Pharao in Ägypten ist, sind die Brüder zunächst sprachlos. Josef ist sehr gerührt und küsst seine Brüder, wodurch sie ihre Sprache wiederfinden.291 Es lässt sich nur feststellen, dass durch den Kuss etwas in den Brüdern bewirkt wurde. Ob es nun der Speichel war, wenn es sich um einen Lippenkuss handelte oder der Hauch beim Küssen, der den Brüdern die Zunge löste, lässt sich in diesem Fall leider nicht feststellen. Aufschluss darüber könnte eventuell das Neue Testament mit der Bibelstelle Mk 7,31–37 geben, wo Jesus einen Taubstummen mit seinem Speichel heilt (siehe Kapitel 5.3.2.2). Das Judentum kennt neben den aufgeführten Küssen auch den Gotteskuss, der neben seiner belebenden und tödlichen Wirkung auch eine Auszeichnung sein kann. Dieser Kuss kann sich dabei, wie schon bekannt, auf einzelne Personen beziehen oder auf ein ganzes Volk, nämlich Israel. Löw schreibt hierzu, dass Israel seine Chance auf einen Gotteskuss verspielt hat: „Hätte Israel nach der Zerstörung des zweiten Heiligtums reuig Buße getan, so hätte Gott es umarmt und geküßt und für alle Ewigkeit in seinen Schoß versetzt (Elija r. 83 Friedm.).“292 Auch beauftragt Gott seine Engel, an seiner statt, Küsse der Anerkennung zu verteilen. Die Freunde Chananja, Mischael und Azarja bekommen jeweils einen Kuss von den Engeln wie der Talmud schreibt, da sie als Juden im Exil des babylonischen Königshofes trotz des Einflusses der heidnischen Kultur Jahwe treu geblieben sind.293 Engel gelten im Judentum als Boten Gottes, die dem Willen Gottes aber gänzlich unterstehen. Ihre Botschaftertätigkeit nehmen sie auch in Bezug auf die Offenbarung Gottes vor dem Volk Israel war. In Verbindung 289 Vgl. Löw, Der Kuß, S. 654. 290 Vgl. Gen 37,23f. 291 Vgl. Gen 45,15. 292 Löw, Der Kuß, S. 669. 293 Vgl. SchirR 7,10. 4.5 Weitere Küsse 61 mit Hl 1,2 wird der Vers „Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes“ von Rabbi Jochanan als Engelskuss interpretiert, den ein Israelit bekam, wenn er die Herrschaft Gottes anerkannte.294 Die Beteiligung der Engel an der Offenbarung, in dem Maße, wie sie sich Rabbi Jochanan vorstellte, ist unter den Rabbinen jedoch strittig.295 Besonders das Alte Testament kennt überdies Küsse, die von personifizierten Abstrakta ausgehen. So heißt es beispielsweise in Sir 29,5: „Dankbarkeit küsst des Spenders Hand“ oder in Ps 85,11: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ Die rabbinische Literatur hält noch einige Küsse mehr bereit, deren Behandlung in der vorliegenden Arbeit jedoch den Rahmen sprengen würde, weshalb ich darauf verzichte auf diese näher einzugehen. Im Folgenden soll nun ein Blick in die Kusswelt des Christentums geworfen werden, welches aus der jüdischen Tradition heraus vor mehr als 2000 Jahren im römisch beherrschten Palästina entstand. 294 Vgl. SchirR 1,2 § 230 zit. n. Schäfer, Rivalität, S. 44.: „[…] R. Jochanan sagt: Ein Engel brachte jedes einzelne Wort heraus vom Heiligen, er sei gepriesen, und ging herum damit zu dem einzelnen von Israel und fragte ihn: Nimmst du dieses Wort an? So und so Rechtssätze enthält es, so und so viele Strafen [etc] […]. Wenn der Israelit mit Ja antwortete, fragte [der Engel]: Erkennst du die Gottheit des Heiligen, er sei gepriesen an? Und wenn er dies bejahte, küßte er ihn sogleich auf seinen Mund.“ 295 Vgl. Schäfer, Rivalität, S. 45. 4. Mund und Kuss im Judentum 62

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Religiosität und Intimität verbinden sich im Kuss. Ein Kuss ist mehr als der in der heutigen Vorstellungswelt allgemein angenommene erotische Kuss zwischen zwei Mündern. Er ist Ausdruck von Persönlichkeit, Stellvertreter für Sprache und Identitätsmerkmal. Der Kuss ist eine „Beziehungstat“ und kann sowohl im Profanen als auch im Religiösen beziehungsstiftend wirken. Durch seine verschiedenen Erscheinungsformen und Durchführungsmodalitäten hat er sowohl in der Antike bei den alten Römern und Griechen, als auch in den abrahamitischen Religionen bei Juden, Christen und Muslimen stets zu Kontroversen über seine moralische Integrität angeregt. Der Kuss hat demzufolge eine Geschichte wechselseitiger Transformation zwischen dem biologischen, sozial-gesellschaftlichen und religiösen Bereich hinter sich. Er ist ein bedeutsames und facettenreiches Zeichen in jedweder Hinsicht; eine Geste, die auch heute noch zwischen den Menschen und in der Gott-Mensch-Beziehung gleichermaßen ihren festen Platz hat. Der Lesende reist bei der Lektüre dieses Buches in die Vergangenheit und lernt verschiedene Kussformen, deren Entstehung, Entwicklung und Anwendungsbereiche in der jeweiligen Religionskultur kennen.