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8. Schlusswort in:

Stephanie Bähring

Die religionswissenschaftliche Bedeutung von Mund und Kuss in den abrahamitischen Religionen und in der Antike, page 109 - 110

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4198-7, ISBN online: 978-3-8288-7108-3, https://doi.org/10.5771/9783828871083-109

Series: Religionen aktuell, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Schlusswort Das Bedürfnis des Menschen aufgrund von Gefühlsregungen zu küssen, ist besonders seiner Sozialisation zu verdanken, die den Kuss als Kanal für heftige Emotionen, sei es Freude, Liebe oder Erleichterung geprägt hat. Das Grundbedürfnis nach Intimität und Beziehung wird im Kuss offenbar und zeigt sich auch in seiner metaphorischen Verwendung für Liebe, Treue, Verehrung, Achtung, Freundschaft oder Begierde. Der Wunsch des Menschen zu küssen ist weder in der westlichen, noch arabisch geprägten Welt weniger geworden, stattdessen scheint das Bedürfnis vor allem nach dem technischen Wissen über das Küssen größer geworden zu sein. Die Populärwissenschaft über die Liebe boomt und das Gefühl einer Kommerzialisierung der intimsten Privatsphäre der Menschen bestätigt sich doch immer wieder in Werbung, Filmen und Klatsch und Tratsch. Dennoch scheint der Kuss immer noch einen sehr hohen Stellenwert in traditionellen Liebeskonzepten einzunehmen, wenngleich er doch freizügiger verschenkt wird. Die sexuelle Revolution und der Feminismus haben vor der islamisch geprägten Welt nicht Halt gemacht und führen dort zu einem größeren Selbstbewusstsein der Frauen, wenn auch nicht überall. Überspitzt formuliert Otto Best den westlichen Lebensstil mit seinen Kussgewohnheiten: „Küsse auf der ganzen Linie also: Formalisiert und ritualisiert in der Öffentlichkeit, praktiziert als Anything goes in der Intimität des Privaten. Längst sind Begriffe wie „normal“, gerechtfertigt als Orientierungshilfen, obsolet geworden.“484 Grenzen liegen im Ermessen des Einzelnen, seiner Rollenvorstellung und seiner Sozialisierung. Das Gefühl des Anything goes, wie es Best beschreibt, erinnert an das fröhlich frivole Treiben, wie es für Rom beschrieben wurde. Doch muss auch in den Blick genommen werden, dass die engen religiösen Vorstellung nicht überall an Bedeutung verloren haben. In traditionellen jüdischen, christlichen und 8. 484 Best, Der Kuss, S. 394. 109 muslimischen Kreisen, gelten religiöse Vorschriften als verbindlich und zeichnen sich durch die unmittelbare Gottesbeziehung aus. Und auch der Sachkuss hat nicht weniger an Bedeutung verloren. Noch immer werden aus verschiedenen Beweggründen Gegenstände geküsst und diese zum Subjekt in Beziehung gesetzt. Da der Kuss, sei es als Objektkuss oder als ein Zeichen freundlicher Begegnung, elterlicher Zuneigung, respektvoller Hochachtung und zärtlicher Liebesleidenschaft in fast allen Kulturen allgemein anerkannt ist, ist er ein Ritual, das hoffentlich noch lange Bestand hat und die Menschen immer wieder erfreut, beruhigt, verwirrt, erregt und zu kontroversen Diskussionen ermuntert. Denn Küssen ist schön. 8. Schlusswort 110

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Zusammenfassung

Religiosität und Intimität verbinden sich im Kuss. Ein Kuss ist mehr als der in der heutigen Vorstellungswelt allgemein angenommene erotische Kuss zwischen zwei Mündern. Er ist Ausdruck von Persönlichkeit, Stellvertreter für Sprache und Identitätsmerkmal. Der Kuss ist eine „Beziehungstat“ und kann sowohl im Profanen als auch im Religiösen beziehungsstiftend wirken. Durch seine verschiedenen Erscheinungsformen und Durchführungsmodalitäten hat er sowohl in der Antike bei den alten Römern und Griechen, als auch in den abrahamitischen Religionen bei Juden, Christen und Muslimen stets zu Kontroversen über seine moralische Integrität angeregt. Der Kuss hat demzufolge eine Geschichte wechselseitiger Transformation zwischen dem biologischen, sozial-gesellschaftlichen und religiösen Bereich hinter sich. Er ist ein bedeutsames und facettenreiches Zeichen in jedweder Hinsicht; eine Geste, die auch heute noch zwischen den Menschen und in der Gott-Mensch-Beziehung gleichermaßen ihren festen Platz hat. Der Lesende reist bei der Lektüre dieses Buches in die Vergangenheit und lernt verschiedene Kussformen, deren Entstehung, Entwicklung und Anwendungsbereiche in der jeweiligen Religionskultur kennen.