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Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG Reihe Germanistik WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG Reihe Germanistik Band 11 Sabina Tsapaeva Das Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen ‚Reynke de vos‘- Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition Mit CD-Beilage Tectum Verlag Sabina Tsapaeva Das Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen ‚Reynke de vos‘-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts. Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Reihe: Germanistik; Bd. 11 Mit CD-Beilage © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 Zugl. Diss. Universität Rostock 2018 E-PDF: 978-3-8288-7104-5 ISSN: 1861-5945 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4211-3 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes #160947051 von Sebastian | www.fotolia.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Vorwort Die vorliegende philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition des Ros‐ tocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ (Ludwig Dietz, 1539) ist im Sommersemester 2018 von der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock als Dissertation an‐ genommen worden. Für die Drucklegung ist sie entsprechend eingerichtet worden. Einigen Personen und Institutionen, die zum Zustandekommen dieser Arbeit durch Rat, Hinweise und Kritik sowie pragmatische Hilfe beigetragen haben, möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen. Mein erster Dank gilt dabei meinem Dok‐ torvater Herrn Prof. Dr. Andreas Bieberstedt von der Niederdeutschen Abteilung des Germanistischen Instituts der Universität Rostock, der mich auf den ‚Reynke Vosz de olde‘ als mögliches Dissertationsthema aufmerksam gemacht hat und die Dissertati‐ on betreut und begutachtet hat. Des Weiteren danke ich meiner Zweitgutachterin Frau Prof. Dr. Ursula Götz von der Universität Rostock, die meine wissenschaftli‐ chen Interessen entscheidend geprägt und mich sowohl während meines Germanis‐ tikstudiums als auch während meiner Promotion mit wohlwollender Kritik unter‐ stützt und gefördert hat. Frau Prof. Dr. Ingrid Schröder von der Universität Hamburg schulde ich nicht nur wegen der kritischen Begleitung bei meinen sprachhistorischen Bemühungen im Bereich der niederdeutschen Philologie, sondern auch für wertvolle Anregungen zur effizienten Arbeitsgestaltung besonderen Dank. Darüber hinaus bin ich Herrn Prof. Dr. Franz-Josef Holznagel von der Universität Rostock sehr zu Dank verpflichtet, der mein Interesse an der deutschen Sprach- und Literaturgeschichte des Spätmittelalters nachhaltig geprägt und die Entstehung dieser Arbeit in allen Phasen interessiert begleitet hat. Danken möchte ich außerdem meinen Hamburger Kolle‐ ginnen Sarah Ihden, Katharina Dreessen und Kirsten Maack für Ihre freundliche Un‐ terstützung und zahlreiche fruchtbringende Gespräche. Herrn Prof. Dr. Jürgen Meier und Florian Busch von der Universität Hamburg danke ich für ihre Hilfe beim Kor‐ rekturlesen. Nicht zuletzt möchte ich mich bei Heike Tröger und Christiane Michae‐ lis, den Mitarbeiterinnen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock, für ihre stete Hilfsbereitschaft sowie bei Hilde Laenen und Steven Van Impe, den Bi‐ bliotheksmitarbeitern der Erfgoedbibliotheek Hendrik Conscience Antwerpen, für Ihre Unterstützung bei meinen Recherchen bedanken. Ein weiteres Dankeschön möchte ich an dieser Stelle Kristina Sevo von der Universitätsbibliothek Göteborg aussprechen, die mich bei der Recherchearbeit zum Kapitel ‚Bestand‘ tatkräftig vor Ort unterstützt hat. Die Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützte meine Forschungsarbeit in der An‐ fangsphase durch ein Promotionsstipendium im Bereich der Ausländerförderung. Die Gesellschaft der Förderer der Universität Rostock e. V. würdigte meine wissenschaft‐ V lichen Leistungen mit einem Förderpreis für ausländische Studierende. Allen genann‐ ten Personen und Institutionen gilt mein aufrichtiger Dank. Ich widme dieses Buch zum einen meiner lieben Mutter Svetlana Tsapaeva und meiner verstorbenen Tante Svetlana Petrova. Sie beide haben mir beigebracht, meine Träume zu leben, für meine Ziele zu kämpfen und niemals aufzugeben. Zum anderen widme ich dieses Buch aber auch voller Dankbarkeit Stefano Mattioli, Anja Merten, Martin Reimer und Jan Schmiedel. Sie waren insbesondere während der Abschluss‐ phase der Promotion für mich da und in jeder Hinsicht ein unerlässlicher Rückhalt. Ohne ihre enorme emotionale Unterstützung, kontinuierliche Motivation und Bestär‐ kung wäre dieses Buch nie zustande gekommen. Ein aufrichtiges Dankeschön geht natürlich auch an meine Lektorin Vivienne Jahnke für die Geduld, die sie für mein Manuskript aufgebracht hat. Hamburg, im Juni 2018 Sabina Tsapaeva Vorwort VI Inhaltsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis ...............................................................................XV Voruntersuchungen .......................................................................Teil I 19 Einleitung ...............................................................................................1 19 Problemstellung ................................................................................1.1 19 Ziele und Fragestellungen der Untersuchung ........................................1.2 22 Aufbau der Arbeit .............................................................................1.3 24 Vorüberlegungen ....................................................................................2 29 Forschungsstand zum ‚Reynke Vosz de olde‘ ........................................2.1 29 Sprachliche Verhältnisse in Mecklenburg und die allgemeine Sprachsituation in Norddeutschland der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ..................................................................................... 2.2 34 Ludwig Dietz, seine Tätigkeit und Druckprogramm ..............................2.3 36 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) ..............................3 43 Strukturelle und kodikologische Beschreibung .....................................3.1 43 Bestand .................................................................................3.1.1 43 Textaufbau ............................................................................3.1.2 45 Titelblatt ...............................................................................3.1.3 47 Kolophon ..............................................................................3.1.4 50 Beschreibstoff, Format, Kollation .............................................3.1.5 50 Typographie ..........................................................................3.1.6 52 Holzschnittillustrationen ..........................................................3.1.7 54 Groß- und Kleinschreibung ......................................................3.1.8 55 Interpunktion .........................................................................3.1.9 60 Inhaltliche Beschreibung ...................................................................3.2 62 Überlieferungsgeschichte und Rezeptionszusammenhang ......................3.3 66 Zur Verfasserfrage ............................................................................3.4 69 VII Analyse ........................................................................................Teil II 79 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung ....................4 79 Zur Arbeit mit dem „Katalog sprachlicher Merkmale zur variablenlinguistischen Erforschung des Mittelniederdeutschen“ und zum Aufbau des Untersuchungsteils ........................................................... 4.1 84 Aufbau der einzelnen Artikel ..............................................................4.2 86 Textinterne Analyse: Die Sprachform des ‚Reynke Vosz de olde‘ .....Teil II A 91 Lautlehre und Orthographie ...................................................................5 91 Kurzvokalismus ................................................................................5.1 91 Umlaut von vormnd. a ............................................................5.1.1 91 a > o vor ld, lt ........................................................................5.1.2 94 Wechsel von vormnd. u und o ..................................................5.1.3 95 Senkung von u > o vor gedecktem Nasal ...................................5.1.4 97 Senkung von i, u, ü vor r + Konsonant ......................................5.1.5 99 Senkung von e > a vor r + Konsonant .......................................5.1.6 101 Entwicklung von a > e vor r + Konsonant .................................5.1.7 102 e > ö und i > ü im Inlaut .........................................................5.1.8 103 Schreibung von ü ...................................................................5.1.9 105 o > a vor r + Konsonant (Dental d, t oder n) ..............................5.1.10 108 Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Konsonant .......................5.1.11 108 Tonlängen ........................................................................................5.2 111 Schreibung von tl. ī .................................................................5.2.1 111 Schreibung von tl. ū, ǖ ............................................................5.2.2 113 Schreibung von tl. ō, ȫ ............................................................5.2.3 114 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing ........................5.2.4 117 Langvokalismus ...............................................................................5.3 119 Längenbezeichnung für mnd. â ................................................5.3.1 120 Umlaut von â .........................................................................5.3.2 123 Mnd. ê2 und ê3 .......................................................................5.3.3 124 Diphthong ei ..........................................................................5.3.4 133 Mnd. ê4 .................................................................................5.3.5 134 Längenbezeichnung für mnd. î .................................................5.3.6 137 Mnd. ô1 und ö̂1 .......................................................................5.3.7 140 Mnd. ô2 und ö̂2 .......................................................................5.3.8 142 Mnd. û und ü̂ .........................................................................5.3.9 145 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw ..............................................5.3.10 146 Zusammenfassung zum Langvokalismus ...................................5.3.11 149 Inhaltsverzeichnis VIII Konsonantismus ...............................................................................5.4 150 Hiattilgung ............................................................................5.4.1 150 Lautwandel ft > cht .................................................................5.4.2 153 Schreibung von g ...................................................................5.4.3 154 Schreibung von j ....................................................................5.4.4 156 Schreibung von ch ..................................................................5.4.5 156 Schreibung von k ....................................................................5.4.6 158 Schreibung von ŋ ....................................................................5.4.7 162 Konsonantenverbindungen mit s ...............................................5.4.8 164 r-Metathese ...........................................................................5.4.9 166 Nd. f /v versus hd. p / b ............................................................5.4.10 167 Assimilation ..........................................................................5.4.11 169 Besonderheiten der Graphie ...............................................................5.5 171 Vokalische Verwendung von , , ..............................5.5.1 171 Vokalische Verwendung von , , ............................5.5.2 174 Konsonantische Verwendung von , , .......................5.5.3 176 Konsonantische Verwendung von , , , , , .................................................................................... 5.5.4 177 Schreibung von r ....................................................................5.5.5 180 Schreibung von s ....................................................................5.5.6 182 Affrikate ts ............................................................................5.5.7 185 Formenlehre ...........................................................................................6 189 Verbalflexion ...................................................................................6.1 189 Einheitsplural der Verben im Präsens Indikativ ...........................6.1.1 189 Plural der Präteritopräsentia im Präsens Indikativ .......................6.1.2 190 Partizip Präteritum ..................................................................6.1.3 191 2. und 3. Person Singular Präsens Indikativ der 2. Ablautreihe .....6.1.4 192 2. und 3. Person Singular Präsens Indikativ der 4. und 5. Ablautreihe ............................................................................ 6.1.5 193 Plural des Präteritum Indikativ der 4. und 5. Ablautreihe .............6.1.6 194 Das Verb ‚bringen‘ .................................................................6.1.7 195 Präteritum Indikativ der ehemals reduplizierenden Verben ...........6.1.8 196 Infinitiv und Partizip Präteritum-Formen der Verben ‚fangen‘ und ‚hängen‘ ................................................................................ 6.1.9 198 Der sogenannte „Rückumlaut“ .................................................6.1.10 198 Präsens Indikativ-Formen von hebben .......................................6.1.11 199 Besonderheiten der Verben leggen und seggen ...........................6.1.12 200 Das Präteritopräsens ‚sollen‘ ....................................................6.1.13 201 Das Präteritopräsens ‚wissen‘ ...................................................6.1.14 204 Das Präteritopräsens ‚können‘ ..................................................6.1.15 205 Das unregelmäßige Verb ‚wollen‘ .............................................6.1.16 206 Inhaltsverzeichnis IX Die unregelmäßigen Verben ‚tun‘, ‚gehen‘, ‚stehen‘ ....................6.1.17 206 Das Verbum substantivum ‚sein‘ ..............................................6.1.18 208 Pronominalflexion: Der Einheitskasus .................................................6.2 211 Morphemgebundene Varianz ..................................................................7 213 Präfixe ............................................................................................7.1 213 Das Präfix ‚ge-‘ ......................................................................7.1.1 213 Das Präfix er- ........................................................................7.1.2 214 Suffixe ............................................................................................7.2 214 Das Suffix -inge, -onge, -unge ..................................................7.2.1 214 Das Suffix -nisse, -nüsse .........................................................7.2.2 216 Zu den Lexemen mit wechselndem Suffix .................................7.2.3 217 Das Suffix -schap, -schop, -schup .............................................7.2.4 217 Das Suffix der movierten Feminina ...........................................7.2.5 218 Lexemgebundene Varianz .......................................................................8 221 Substantive ......................................................................................8.1 221 ‚Brunnen‘ ..............................................................................8.1.1 221 ‚Ehefrau‘ ...............................................................................8.1.2 221 ‚Fenster‘ ................................................................................8.1.3 222 ‚Frau‘ ...................................................................................8.1.4 222 ‚Freund‘ ................................................................................8.1.5 223 ‚Furcht‘, ‚fürchten‘ .................................................................8.1.6 223 ‚Geschrei‘, ‚Gerücht‘ ..............................................................8.1.7 224 ‚Herr‘ ...................................................................................8.1.8 224 ‚Honig‘ .................................................................................8.1.9 225 ‚Jungfrau‘ ..............................................................................8.1.10 225 ‚Knochen‘ .............................................................................8.1.11 225 ‚Licht‘ ..................................................................................8.1.12 226 ‚Mensch‘ ...............................................................................8.1.13 226 ‚Mittwoch‘ ............................................................................8.1.14 227 ‚Pfingsten‘ .............................................................................8.1.15 228 ‚Richter‘, ‚Gericht‘, ‚richten‘ ...................................................8.1.16 228 ‚Scheune‘ ..............................................................................8.1.17 229 ‚Schmerz(en)‘ ........................................................................8.1.18 229 ‚Siegel‘ .................................................................................8.1.19 230 ‚Silber‘ .................................................................................8.1.20 230 ‚Stätte‘ ..................................................................................8.1.21 230 Inhaltsverzeichnis X Verben .............................................................................................8.2 231 ‚bekennen‘ ............................................................................8.2.1 231 ‚warten‘ ................................................................................8.2.2 231 ‚zeigen‘ .................................................................................8.2.3 232 Adjektive .........................................................................................8.3 232 ‚fremd‘ .................................................................................8.3.1 232 ‚ganz‘ ...................................................................................8.3.2 232 ‚gegenwärtig‘, ‚Gegenwart‘ .....................................................8.3.3 233 ‚heilig‘ ..................................................................................8.3.4 233 ‚sanctus‘ ................................................................................8.3.5 234 ‚viele‘ ...................................................................................8.3.6 235 Zahlwörter .......................................................................................8.4 235 ‚zwei‘ ...................................................................................8.4.1 235 ‚sechs‘, ‚sechzehn‘, ‚sechste‘ ...................................................8.4.2 236 ‚sieben‘, ‚siebte‘ .....................................................................8.4.3 236 ‚zehn‘ ...................................................................................8.4.4 237 ‚zwölf‘ ..................................................................................8.4.5 237 ‚dreizehn‘, ‚dreißig‘ ................................................................8.4.6 238 ‚fünfzehn‘, ‚fünfzig‘, ‚fünfte‘ ...................................................8.4.7 238 ‚dritte‘ ..................................................................................8.4.8 239 Pronomina .......................................................................................8.5 240 Personalpronomina .................................................................8.5.1 240 ‚ich‘ ........................................................................8.5.1.1 240 ‚mir‘, ‚mich‘ .............................................................8.5.1.2 241 ‚wir‘ ........................................................................8.5.1.3 241 ‚uns-‘ .......................................................................8.5.1.4 242 ‚dir‘, ‚dich‘ ...............................................................8.5.1.5 243 ‚ihr‘ .........................................................................8.5.1.6 243 ‚euch‘ ......................................................................8.5.1.7 243 ‚er‘ ..........................................................................8.5.1.8 244 ‚ihm‘ .......................................................................8.5.1.9 244 ‚ihn‘ ........................................................................8.5.1.10 245 ‚es‘ ..........................................................................8.5.1.11 245 ‚sie‘ .........................................................................8.5.1.12 246 ‚ihr-‘ ........................................................................8.5.1.13 246 ‚ihnen‘ .....................................................................8.5.1.14 247 Possessivpronomina ................................................................8.5.2 248 ‚meine‘ ....................................................................8.5.2.1 248 ‚seine‘ .....................................................................8.5.2.2 248 Das Reflexivpronomen ‚sich‘ ...................................................8.5.3 249 Demonstrativpronomina ..........................................................8.5.4 250 ‚dieser, diese‘ ...........................................................8.5.4.1 250 Inhaltsverzeichnis XI ‚dies(es)‘ ..................................................................8.5.4.2 251 ‚der-, die-, dasjenige‘ .................................................8.5.4.3 251 ‚der-, die-, dasselbe‘ ..................................................8.5.4.4 252 ‚solcher, -e, -es‘ ........................................................8.5.4.5 253 Das als Relativpronomen verwendete Interrogativ ‚welcher‘, ‚wer‘ ..................................................................................... 8.5.5 254 Indefinitpronomina .................................................................8.5.6 255 ‚(irgend)etwas‘ .........................................................8.5.6.1 255 ‚nichts‘ ....................................................................8.5.6.2 256 ‚jemand‘ ..................................................................8.5.6.3 257 ‚niemand‘ .................................................................8.5.6.4 257 ‚(irgend)ein(er)‘ ........................................................8.5.6.5 258 ‚kein‘ .......................................................................8.5.6.6 259 ‚jeder‘ ......................................................................8.5.6.7 260 ‚man‘ .......................................................................8.5.6.8 261 ‚mancher‘ .................................................................8.5.6.9 262 ‚einige‘‚ ‚etliche‘ ......................................................8.5.6.10 262 Adverbien ........................................................................................8.6 263 Das Interrogativadverb ‚wo‘ ....................................................8.6.1 263 Das Interrogativadverb ‚wie‘ ....................................................8.6.2 263 Präpositionen ...................................................................................8.7 264 ‚ab‘ .......................................................................................8.7.1 264 ‚auf‘ .....................................................................................8.7.2 264 ‚außer, ausgenommen‘ ............................................................8.7.3 265 ‚bis‘ ......................................................................................8.7.4 265 ‚durch‘ ..................................................................................8.7.5 266 ‚gegen‘ .................................................................................8.7.6 266 ‚hinter‘ ..................................................................................8.7.7 268 ‚mit‘ .....................................................................................8.7.8 268 ‚neben‘ .................................................................................8.7.9 269 ‚ohne‘ ...................................................................................8.7.10 270 ‚um‘ .....................................................................................8.7.11 270 ‚unter‘ ...................................................................................8.7.12 271 ‚von‘ .....................................................................................8.7.13 271 ‚vor‘ .....................................................................................8.7.14 272 ‚zwischen‘ .............................................................................8.7.15 272 Konjunktionen ..................................................................................8.8 274 Die kopulative Konjunktion ‚und‘ ............................................8.8.1 274 Die adversative Konjunktion ‚aber, sondern‘ ..............................8.8.2 274 Die disjunktive Konjunktion ‚oder‘ ...........................................8.8.3 275 Die temporale Konjunktion ‚wenn, als‘ .....................................8.8.4 277 Die temporale Konjunktion ‚ehe‚ bevor‘ ....................................8.8.5 277 Inhaltsverzeichnis XII Die kausale Konjunktion ‚denn‚ weil‘ .......................................8.8.6 277 Die konditionale Konjunktion ‚ob, falls, wenn‘ ..........................8.8.7 278 Komparativisches ‚als‘ ............................................................8.8.8 279 Zusammenfassung ..................................................................................9 281 Diatopische Charakterisierung ............................................................9.1 281 Hochdeutscher Einfluss .....................................................................9.2 284 Diachronische Charakterisierung ........................................................9.3 286 Reflexe gesprochener Sprache ............................................................9.4 290 Unterschiede zwischen dem Verstext und den Glossen ...........................9.5 291 Resümee ..........................................................................................9.6 296 Textkontrastive Analyse: ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zur Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe und im Kontext der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts .............................. Teil II B 299 Kontrastiver Vergleich ............................................................................10 299 Beschreibung und Begründung des Vergleichskorpus ............................10.1 299 Methodische Vorgehensweise .............................................................10.2 303 ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Lübecker ‚Reynke de vos‘ (1498) und zum Lübecker Referenzkorpus ........................................... 10.3 304 ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Rostocker Vergleichskorpus und zum Lübecker ‚Reynke de vos‘ (1498) .......................................... 10.4 310 Zusammenfassung ............................................................................10.5 323 Fazit und Ausblick ..................................................................................11 327 Tabellenverzeichnis .................................................................................12 331 Literaturverzeichnis ...............................................................................13 333 Siglen und Abkürzungen ....................................................................13.1 333 Gedruckte Quellen und Editionen .......................................................13.2 333 Elektronische Ressourcen ..................................................................13.3 335 Lexika, Nachschlagewerke, Wörterbücher und Grammatiken .................13.4 335 Bibliographien und Kataloge ..............................................................13.5 337 Forschungsliteratur ...........................................................................13.6 337 Inhaltsverzeichnis XIII Anhang 1 Editionsgrundsätze Inhaltsverzeichnis XIV Diplomatische Teiledition des Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ (Ludwig Dietz, 1539) Anhang 2 Anhang .................................................................................. . . . . CD-Beilage Abkürzungsverzeichnis1 a. an Abb. Abbildung abgedr. abgedruckt Adj. Adjektiv adjektiv. adjektivisch Adv. Adverb äfrnhd. älteres Frühneuhochdeutsch, ältere frühneuhochdeutsche (Zeit) Akk. Akkusativ alts. altsächsisch altsächs. altsächsisch Anm. Anmerkung Aufl. Auflage Ausg. Ausgabe Bd. / Bde. Band / Bände bearb. bearbeitet begr. begründet bes. besonders bibl. bibliographisch Bl. Blatt bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa d. h. das heißt d. i. diet item Dat. Dativ ders. derselbe dgl. dergleichen dies. dieselbe Diss. Dissertation Diss. masch. maschinenschriftliche Dissertation Dr. Doktor dt. deutsch durchges. durchgesehen ebd. ebenda einschl. einschließlich erg. ergänzt erw. erweitert etc. et cetera evtl. eventuell Ex. Exemplar f. / ff. folgend(e) fem. femininum 1 Unterschiedliche Abkürzungssysteme wurden bewusst nicht vereinheitlicht, daher weist die Liste Doppelungen auf. Die Abkürzungen beziehen sich auch auf die flektierten Formen. XV flekt. flektiert Fn. Fußnote fol. Folio Gen. Genitiv germ. germanisch ggf. gegebenenfalls H. Heft Habil.-Schr. Habilitationsschrift Halbbd. Halbband hd. hochdeutsch hrsg. herausgegeben Hrsg. Herausgeber Hs./ Hss. Handschrift / Handschriften i. e. id est Imp. Imperativ Ind. Indikativ Inf. Infinitiv insbes. insbesondere it. italienisch jh. Jahrhundert Kap. Kapitel Konj. Konjunktiv Konj. Konjunktion kontr. kontrahiert lat. lateinisch Lfg. Lieferung li links m. a. W. mit anderen Worten m. E. meines Erachtens mask. maskulinum meckl. mecklenburgisch mhd. mittelhochdeutsch mnd. mittelniederdeutsch n. Chr. nach Christi Geburt N. F. Neue Folge Nachdr. Nachdruck nd. niederdeutsch Neuhochdt. Neuhochdeutsch neutr. neutrum nl. niederländisch Nom. Nominativ Nom. prop. Nomen proprium nordalbing. Nordalbingisch nordnds. nordniedersächsisch Nr. Nummer num. nummeriert ostelb. ostelbisch ostfäl. ostfälisch östl. östlich Abkürzungsverzeichnis XVI Part. Partizip Perf. Perfekt Pers. Person Pers.-Pron. Personalpronomen Pl. Plural Präp. Präposition Präs. Präsens Prät. Präteritum Prof. Professor RG Randglosse r recto re rechts relativ. relativisch Repr. Reprint s. siehe S. Seite s. d. siehe da s. o. siehe oben SB Staatsbibliothek SUB Staats- und Universitätsbibliothek Sg. Singular Sigl. Sigle Sign. Signatur sog. sogenannt Sp. Spalte spätmnd. spätmittelniederdeutsch Subst. Substantiv substantiv. substantiviert; substantivisch Teilbd. Teilband tl. tonlang u. und u. a. unter anderem, und andere u. Ä. und Ähnliches u. a. m. und andere mehr, und anderes mehr UB Universitätsbibliothek UN Notiz, unterer (rechter, mittiger oder linker) Rand URL Uniform resource locator überarb. überarbeitet Übers. Übersetzung übertr. übertragen Univ. Universität usw. und so weiter v verso V. Vers v. a. vor allem verb. verbessert vgl. vergleiche vollst. vollständig vormnd. vormittelniederdeutsch Vorw. Vorwort westfäl. westfälisch westgerm. westgermanisch westl. westlich Abkürzungsverzeichnis XVII z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil zit. zitiert zugl. zugleich г. год [= Jahr (In russischer Sprache)] Abkürzungsverzeichnis XVIII Voruntersuchungen Einleitung Problemstellung Im Fokus der nachfolgenden Untersuchung steht ein für die mediävistische For‐ schung in mancher Hinsicht bedeutsamer mittelniederdeutscher Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, der sich in den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock unter der Signatur Cf-8631 und Cf-8631.a befindet2 und den folgenden Titel trägt: Reynke Vosz de olde / nyge gedruͤcket / mit sidlikem vorstande vnd schonen figuren / er‐ luͤchtet vñ vorbetert. Jn der lauelyken Stadt Rozstock / by Ludowich Dyetz gedrucket. M.D.XXXiX.3 Dieser im Jahre 1539 in der Rostocker Offizin von Ludwig Dietz – des bedeutends‐ ten Mecklenburger Druckers des 16. Jahrhunderts – erschienene Text stellt eine be‐ bilderte Verserzählung in mittelniederdeutscher Sprache4 dar, in deren Mittelpunkt sich die bekannte Figur des Fuchses Reynke (hd. Reineke) steht. Der Druck basiert Teil I 1 1.1 2 Beide Rostocker Exemplare sind nicht ganz vollständig. Auf Anfrage der Universitätsbibliothek Ros‐ tock wurde 2010 vom Göttinger Digitalisierungszentrum der Niedersächsischen Staats- und Univer‐ sitätsbibliothek Göttingen ein Digitalisat des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes aus dem Jah‐ re 1539 erstellt und der breiten Öffentlichkeit online zur Verfügung gestellt. Dieses kann als PDF-Da‐ tei vom Server der SUB Göttingen unter dem Link URL: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?P PN633656895 heruntergeladen werden, letzter Zugriff: 28.09.2017. Sämtliche der nachfolgend zitier‐ ten Belege aus dem ‚Reynke Vosz de olde‘ beziehen sich auf das Digitalisat des vollständigen ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘-Exemplars. Weitere Exemplare finden sich u. a. in Berlin, Bremen, Leiden. Vgl. da‐ zu Kap. 3.1.1 Bestand. 3 [= Reineke Fuchs der Alte. Neu gedruckt und durch eine moralische Auslegung und schöne Abbil‐ dungen erläutert und verbessert. Gedruckt in der lobreichen Stadt Rostock von Ludwig Dietz im Jahre 1539. (Übers.: S.T.)]. Reynke Vosz de olde, Bl. 1r. Diese und die nachfolgenden neuhochdeutschen Übersetzungen stammen, soweit nicht anders vermerkt, von der Verfasserin. 4 Unter dem Mittelniederdeutschen wird eine historische Sprachstufe des Niederdeutschen verstanden, die ungefähr von 1200 n. Chr. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts n. Chr. reicht und sich zwischen der altniederdeutschen/altsächsischen und neuniederdeutschen Periode befindet. Für die Abgrenzung des Mittelniederdeutschen vom vorangehenden Altniederdeutschen und dem nachfolgenden Neunieder‐ deutschen sprechen zum einen die sprachsystemische Veränderungen, wie beispielsweise die Ab‐ schwächung der volltonigen End- und Nebensilbenvokale, zum anderen eine Veränderung des ur‐ sprünglichen Sprachareals (insbesondere durch die deutsche Ostexpansion östlich der Elbe bis in das Baltikum). Des Weiteren werden für die Ansetzung des Mittelniederdeutschen als einer distinkten Sprachgeschichtsperiode die Veränderungen der Sprachfunktionen und der Verwendungsbereiche her‐ angezogen. Schließlich sind tiefgreifende soziokulturelle und wirtschaftliche Wandelprozesse im norddeutschen Sprachraum des Hoch- und Spätmittelalters zu berücksichtigen. Die mittelniederdeut‐ 19 auf der berühmten Inkunabel ‚Reynke de vos‘ der Lübecker Mohnkopfoffizin aus dem Jahre 1498, die ihrerseits eine bearbeitende Neuausgabe und Übersetzung einer nicht erhalten gebliebenen mittelniederländischen Vorlage ist. Die Rostocker ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘-Ausgabe nimmt innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tier‐ epos aus mehrfacher Sicht eine exponierte Stellung ein: Zum einen fungiert sie re‐ zeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, die den Ausgangspunkt der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition formt, den nachfol‐ genden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes, die bis hin zu Gottsched5 und Goethe6 weiterverfolgt werden kann. Zum anderen spiegelt der Text mentalitätsgeschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Dies schlägt sich insbesondere in einer weitreichenden Überarbeitung und signifikanten Erweite‐ rung des Vorwortes und des Prosakommentars, der sogenannten jüngeren Glosse7, nieder, darüber hinaus in der Einbettung von zahlreichen Zitaten in die Kapitel‐ glossen, aber auch der Hinzufügung von Marginalglossen und einem überarbeiteten Programm der beigefügten Holzschnitte. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der sche Sprachperiode, die einen Zeitraum von ca. 450 Jahren umfasst, wird ihrerseits auf Basis innerund aussersprachlicher Kriterien in drei Phasen unterteilt: das Frühmittelniederdeutsche, das mittlere oder „klassische“ Mittelniederdeutsche der Hansezeit, das von ca. 1370 bis 1530 gesprochen und ge‐ schrieben wurde, und das Spätmittelniederdeutsche, das durch einen umfassenden Sprachwandelpro‐ zess gekennzeichnet ist, an dessem Ende das Mittelniederdeutsche in der schriftlichen Textproduktion und Kommunikation weitestgehend durch die hochdeutsche Schriftsprache ersetzt worden ist. Zum Mittelniederdeutschen, zur diachronen Dreiteilung des Niederdeutschen und zur diachronen Binnen‐ differenzierung des Mittelniederdeutschen vgl. u. a. Sanders, Sachsensprache, Hansesprache, Platt‐ deutsch; Bischoff, Mittelniederdeutsch; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache; Kapitel „XI. Ergeb‐ nisse der Sprachgeschichtsforschung zu den historischen Sprachstufen IV: Das Mittelniederdeutsche“. In: Besch / Betten / Reichmann / Sonderegger (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Ge‐ schichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2., vollst. neu bearb. und erw. Aufl. 2. Teilbd., 1409-1512: Bischoff / Peters, Reflexe gesprochener Sprache im Mittelniederdeutschen, S. 1491-1495; Cordes / Niebaum, Wortbildung des Mittelniederdeutschen, S. 1463-1469; Härd, Mor‐ phologie des Mittelniederdeutschen, S. 1431-1435; ders., Syntax des Mittelniederdeutschen, S. 1456-1463; Meier / Möhn, Die Textsorten des Mittelniederdeutschen, S. 1470-1477; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1422-1430; Peters, Soziokulturelle Voraussetzungen und Sprachraum des Mittelniederdeutschen, S. 1409-1422; ders., Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1478-1490; ders., Die Rolle der Hanse und Lübecks in der mittelniederdeutschen Sprachgeschichte, S. 1496-1505; Schröder / Möhn, Lexikolo‐ gie und Lexikographie des Mittelniederdeutschen, S. 1435-1456; Sodmann, Die Verdrängung des Mittelniederdeutschen als Schreib- und Druckersprache Norddeutschlands, S. 1505-1512. 5 Gottsched, Heinrichs von Alkmar Reineke der Fuchs. 6 Goethe, Reinecke Fuchs. 7 In der älteren Forschung war die Bezeichnung der jüngeren Glosse als sogenannte protestantische Glosse geläufig. Diese scheint recht plakativ zu sein, da sie nur einen Teilaspekt des Kommentarteils zum ‚Reynke Vosz de olde‘ aufgreift, der insgesamt eine geänderte, nicht im strengen Sinne protes‐ tantische versus katholische Sicht auf das Tierepos im Vergleich zur Vorlage anbietet und sich zudem nicht nur auf Kirchenkritik beschränkt. Dem zufolge erscheint es durchaus als sinnvoll, des Weiteren die Lübecker als ältere und die Rostocker als jüngere Glosse zu bezeichnen. Zur Begriffsdiskussion vgl. u. a. Boll, Ueber die sogenannte protestantische Glosse zum Reineke Voß; Bieling, Die Reine‐ ke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung; Brandes, Rollenhagens Froschmeuseler und protestantische Glosse zum Reinke Vos; ders., Die Jüngere Glosse zum Reinke de Vos, insbes. S. IX- X; Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. Teil I Voruntersuchungen 20 Text als ein einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen als auch für die Rostocker Druckersprache der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das Erscheinungsjahr des Textes fällt in eine sprachhistorische Umbruchssituation, in der das Hochdeutsche vom ostmitteldeutschen Sprach- und Kulturraum her stufenweise ins Norddeutsch‐ land vordringt und im Laufe des 16. Jahrhunderts das Mittelniederdeutsche sowohl als Geschäfts- und Verkehrssprache im Ostseeraum als auch als Schriftsprache über‐ haupt ablöst.8 So ist davon auszugehen, dass die Textanalyse eine exemplarische Auskunft über den Sprachstand bzw. Charakter der mittelniederdeutschen Drucker‐ sprache im südlichen Ostseeraum bzw. Mecklenburg geben kann, die wir so den an‐ deren, wenngleich zahlreichen gedruckten Zeugnissen offiziellerer Textsorten dieser Zeitperiode, nicht entnehmen können. Umso mehr verwundert es, dass diese Reynke-Ausgabe trotz ihres hohen Stellen‐ wertes bisher kaum in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist und dass der Sprachbau dieses Textes bislang keiner systematischen Analyse unterzogen wurde.9 Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass es bisher keine vollständige ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘-Edition gibt.10 Zudem konzentriert sich die (nieder-)deutsche Reyn‐ ke-Forschung traditionellerweise vorrangig auf die Lübecker Erstausgabe11, befasst 8 Zum Vordringen des Hochdeutschen in Norddeutschland allgemein und speziell in Rostock und zur Verdrängung des Mittelniederdeutschen vgl. u. a. Gabrielsson, Das Eindringen der hochdeutschen Sprache in die Schulen Niederdeutschlands im 16. und 17. Jahrhundert; Steinmann, Volksdialekt und Schriftsprache in Mecklenburg; ders., Volksdialekt und Schriftsprache in Mecklenburg (Fortset‐ zung); Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei; Sanders, Sach‐ sensprache, Hansesprache, Plattdeutsch, S. 153-171; Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache; Gernentz, Die Sprachentwick‐ lung in Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter und in der frühen Neuzeit; Sodmann, Der Un‐ tergang des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache; ders., Die Verdrängung des Mittelniederdeut‐ schen als Schreib- und Druckersprache Norddeutschlands, S. 1505-1512. 9 Es finden sich einige wenige Ausführungen zu einzelnen Aspekten des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes. Hier sind in erster Linie die Studien von Christa Prowatke zu nennen. Vgl. Prowat‐ ke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache; dies., ‚Druckt tho Rostock‘: Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Vgl. zudem Rösler, Satz – Text – Sprachhandeln. 10 Brandes liefert neben seinen Ausführungen zur Verfasserfrage und zur Quellenlage des ‚Reynke Vosz de olde‘ nur einen Abdruck der jüngeren Glosse, jedoch keine Gesamtausgabe des Rostocker Tierepos, während Gernentz sich auf einige wenige Abschnitte des Rostocker Kommentarteils be‐ schränkt und diese ausschließlich zum Vergleich mit der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe ab‐ druckt. Vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. 1-235; Gernentz, Reynke de Vos, S. 530-559. Seit 2010 laufen an der Universität Rostock unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Bieber‐ stedt Vorbereitungen für das Editionsprojekt, das eine erstmalige Herausgabe des im Jahre 1539 in Rostock gedruckten Tierepos in transkribierter, übersetzter und kommentierter Form zum Ziel hat. Vgl. hierzu Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers. 11 Als allgemeine Einführungen in den Lübecker ‚Reynke de vos‘ sind v. a. geeignet: Kokott, Reynke de Vos; Berteloot / Gaeraedts / Menke, Reynke de Vos – Lübeck 1498. Zum Sprachbau der Lübe‐ cker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe aus dem Jahre 1498 finden sich ebenfalls einige Darstellungen, die jedoch nicht so zahlreich sind. Vgl. hierzu Frode, Der Genitiv im Reynke de vos; Nybøle, Die Gra‐ phematik und Graphophonemik der 1498 in Lübeck gedruckten Inkunabel ‚Reynke de Vos‘; ders., Reynke de Vos. Ein Beitrag zur Grammatik der frühen Lübecker Druckersprache. 1 Einleitung 21 sich in Form von Überblicks- und Gesamtdarstellungen mit den einzelnen Reynke- Ausgaben und Bearbeitungen12 und beschäftigt sich mit konkreten Figuren, einzel‐ nen Szenen oder ausgewählten Aspekten des Textes13. Eine umfassende sprachhisto‐ rische Analyse der niederdeutschen Reynke-Ausgaben des 16. Jahrhunderts insge‐ samt und des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ aus dem Jahre 1539 im Speziellen steht dagegen weiterhin aus, ebenso die Verortung dieses Druckes in die Rostocker Drucktradition der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Anders als bei der intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Lübecker ‚Reynke de vos‘ be‐ schränkt sich die Erforschung der Rostocker Ausgabe weitestgehend auf die (noch nicht abgeschlossene) Verfasser- bzw. Bearbeiterfrage14 und die Ermittlung der Quel‐ len15 des Prosakommentars und der Marginalglossen. Es bestehen somit in Bezug auf die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe (Ludwig Dietz, 1539) bestehen erheb‐ liche Desiderata und weiterer Forschungsbedarf, insbesondere in sprachhistorischer Hinsicht. Hier setzt das vorliegende Dissertationsprojekt an. Ziele und Fragestellungen der Untersuchung Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist also das 1539 in Rostock erschienene niederdeutsche Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘, das hier erstmals einer systemati‐ schen Analyse unterzogen werden soll. Mit dem, was sich aus den aufgedeckten For‐ schungsdesiderata ergeben hat, ist im Umriss das Ziel dieser Untersuchung bereits angedeutet. Es gilt, diesen Text sprach- und überlieferungshistorisch zu beschreiben, einzuordnen, zu bewerten und zu verorten und seine Stellung sowohl innerhalb der mittelniederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15.-16. Jahrhunderts als auch innerhalb der Rostocker Textproduktion der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts he‐ 1.2 12 Einen detaillierten Überblick über die einzelnen Drucke des 16. Jahrhunderts bietet bspw. Dorothe Heselhaus, dabei richtet sie ihr Augenmerk vorwiegend auf die Überlieferungsgeschichte, die Glos‐ sierung der behandelten Drucke sowie die Illustrationen. Hubertus Menke legt dagegen zum einen eine ergänzende (hoch-)deutsche Übersicht der Reineke-Druckausgaben bis hin zu Goethe und zum anderen eine gesamteuropäische Übersicht zu Traditionen und Reineke-Fuchs-Ausgaben bis zum Jahre 1800 vor. Vgl. Heselhaus, Der Rostocker ‚Reyneke Voss‘ von 1510 und seine Bedeutung in‐ nerhalb der niederdeutschen Reynke-Tradition des 16. Jahrhunderts; Menke, Bibliotheca Reinardia‐ na. I; ders., Zuvor niemals also gedruckt. Das (hoch)deutsche Erfolgsbuch vom Reineke Fuchs. 13 Es folgt eine stark reduzierte Auswahl von nicht linguistischen Schwerpunktthemen: Zum Aufbau von ‚Reynke de vos‘ als Rechtsprozess vgl. bspw. Kokott, Id is recht tyd, wylle wy nu klagen. Der ‚Reynke de Vos‘ als Prozess. Zum Aspekt der Gewalt vgl. bspw. Schlusemann, Zur Bedeutung von Gewalt in der Reynaert-Epik des 15. Jahrhundert. Zum Frauenbild im ‚Reynke de vos‘ vgl. bspw. Nybøle, „Wente eyn man is van vaster complexien wan eyne vrouwe“. Zum Frauenbild im ‚Reynke de Vos‘. Zu einzelnen Figuren vgl. u. a. Goossens, Die Rede der Äffin in ‚Reynaerts Historie‘ und im ‚Reynke de Vos‘. Zu einzelnen Szenen vgl. bspw. Goossens, Der Aufzug der Vögel. 14 Ella Schafferus bietet zwar eine Übersicht und Auswertung verschiedener in der Forschungsliteratur präsenter Verfasserthesen, kann schlussfolgernd jedoch keine Einzelperson als Rostocker Bearbeiter des ‚Reynke Vosz de olde‘ nennen, hält Ludwig Dietz persönlich aber für den wahrscheinlichsten Kandidaten. Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 112-150. 15 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, insbes. S. XX-XLV; Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 13-26. Teil I Voruntersuchungen 22 rauszuarbeiten. Hierzu soll der Text zunächst eingehend linguistisch analysiert wer‐ den. Für die vorliegende Untersuchung werden die ersten zwölf Kapitel des ersten Buches16 und jeweils die ersten vier Kapitel des zweiten, dritten und vierten Buches inklusive dazugehörige Kapitelglossen und Vorreden bzw. Vorwörter herangezogen, die insgesamt über ein Drittel des Gesamttextumfangs – ca. 55000 Wortformen – ausmachen. Diese Stichprobe erhebt somit den Anspruch, repräsentativ für den Un‐ tersuchungstext zu sein.17 Diese Entscheidung ist von der Überlegung geleitet gewe‐ sen, dass auf diese Weise mögliche Unterschiede zwischen den einzelnen Büchern und den Kapitelglossen greifbar werden. In einem zweiten Schritt soll dann ein lin‐ guistischer Vergleich mit der Erstausgabe dieses mittelniederdeutschen Tierepos, dem Lübecker Frühdruck ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 vorgenommen wer‐ den. Gleichzeitig soll der Sprachstand des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes in Bezug zur Druckersprache weiterer in Rostock erschienenen Werke, u. a. auch aus der Offizin des Ludwig Dietz, gesetzt werden. Als forschungsleitende Fragen und Annahmen der vorliegenden Arbeit werden dieser Untersuchung nun folgende Fragen und Fragenkomplexe zugrunde gelegt, die in insgesamt fünf Gruppen zusammengefasst werden können: a) eine eher regionalbzw. lokalsprachlich orientierte Fragestellung, b) eine an dem Übergang vom „klassi‐ schen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen interessierte Fragestel‐ lung, c) eine der kontinuierlichen Verdrängung der niederdeutschen durch die hoch‐ deutsche Schreibsprache gewidmete Fragestellung, d) eine druckersprachlich ausge‐ richtete Fragestellung und schließlich e) eine allgemeine überlieferungshistorische Fragestellung. Offenbar wirken die beschriebenen Fragestellungen in einigen Berei‐ chen zusammen oder sie bauen aufeinander auf, auch wenn sich der aktuelle Schwer‐ punkt in die jeweilige Richtung verschiebt. Dies schlägt sich wiederum in den fol‐ genden einzelnen Fragen nieder: – Inwieweit entspricht die Sprache des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ der über‐ regionalen mittelniederdeutschen Schriftsprache lübischer Prägung? – Wieweit lassen sich im Text ostelbische Merkmale ausmachen, die nicht mit der überregionalen Form des Mittelniederdeutschen übereinstimmen? Lassen sich dem ‚Reynke Vosz de olde‘ regionale (d. h. mecklenburgische) oder sogar lokale (d. h. spezifische Rostocker) Sprachmerkmale ablesen? Können im Rostocker Text weitere Merkmale nachgewiesen werden, die aus den anderen Regionen des norddeutschen Sprachraumes eingedrungen sind? 16 An dieser Stelle möchte ich mich bei Dr. Ingrid Schröder, der Projektleiterin des interuniversitären Projekts ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘, und ihrer wissenschaft‐ lichen Mitarbeiterin Sarah Ihden (Standort Hamburg) dafür herzlich bedanken, dass sie mir Zugang zur projektinternen Teiltranskription des ersten Buches des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ ge‐ währt haben, die ich für meine Teiledition mitbenutzen durfte. 17 Zu den Stichprobenumfängen in den Geisteswissenschaften vgl. bspw. Bortz / Schuster, Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler, S. 126-128; Bortz / Döring, Forschungsmethoden und Eva‐ luation: für Human- und Sozialwissenschaftler, S. 396-402, 419-478. Für den Bereich der (histori‐ schen) Sprachwissenschaft vgl. z. B. Gries, Statistik für Sprachwissenschaftler, S. 30-32; Flei‐ scher / Schallert, Historische Syntax des Deutschen, S. 71-73; Meindl, Methodik für Linguisten, S. 131-137, 144f. 1 Einleitung 23 – Bis zu welchem Grad ist die Sprache des Rostocker Tierepos von der Sprache sei‐ ner Vorlage aus dem Jahre 1498 abhängig? In welchem Maß lassen sich Einflüsse der mittelniederländischen Vorlage zum Lübecker ‚Reynke de vos‘ in der Rosto‐ cker Bearbeitung erkennen? – Lassen sich sprachliche Unterschiede zwischen dem bearbeiteten Erzähltext und dem Text der jüngeren Glosse feststellen? Wie und in welchen Fällen machen sich die Prätexte der Rostocker Glosse bemerkbar? Welche Bearbeitungsspuren erlau‐ ben es, Rückschlüsse auf den Umgang des Glossators mit seinen Prätexten für die jüngere Glosse zu ziehen? – Wieweit ist der Sprachstand des ‚Reynke Vosz de olde‘ vom Hochdeutschen be‐ einflusst? – Lassen sich Abweichungen von der mittelniederdeutschen Schriftsprache der „klassischen“ Periode festhalten, die als spätmittelniederdeutsch eingestuft wer‐ den können? Können für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ Reflexe gespro‐ chener Sprache nachgewiesen werden? – Lassen sich im kontrastiven Vergleich mit weiteren Sprachzeugnissen aus der ers‐ ten Hälfte des 16. Jahrhunderts druckerspezifische Merkmale ausmachen? – Welche Prozesse (Variantenabbau, -ausbau, -ersatz) werden in diesem kontrasti‐ ven Vergleich zudem deutlich? Welche Bereiche sind von diesen Prozessen be‐ sonders betroffen? Die Untersuchung verfolgt somit einen mehrdimensionalen Ansatz und bedient sich Modelle und Methoden unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen (allgemeiner, ver‐ gleichender, kontrastiver Sprachwissenschaft, historischer Dialektgeographie, Variab‐ lenlinguistik, Buchwissenschaft, historischer Rezeptionsanalyse etc.). Sie ist dem Be‐ reich der Germanistischen Mediävistik und gleichzeitig der Niederdeutschen Philolo‐ gie zuzuordnen und steht in der Tradition der synchron wie diachron ausgerichteten Linguistik, der historischen Variablenlinguistik sowie der historischen Rezeptionsfor‐ schung. Der methodische Zugriff auf die Texte erfolgt in erster Linie auf Basis variab‐ lenlinguistischer Konzepte und Modelle. Grundsätzlich werden sämtliche sprachli‐ chen Ebenen außer Syntax in die Analyse einbezogen, um den Fokus auf sprachliche Entwicklungstendenzen und Funktionen von Fassungsdivergenzen im Verstext, aber auch in den Glossen und Randglossen, nicht apriorisch einzuschränken. Aufbau der Arbeit Die Untersuchung weist einen dreigliedrigen Aufbau auf und ist in Vorbetrachtungen zum Forschungsstand, zum Untersuchungsgegenstand und zu den sprachhistorischen und druckhistorischen Rahmenbedingungen (Kapitel 2 und 3) sowie in den zweistufi‐ gen Analyseteil gegliedert. Die variablenlinguistische Analyse erfolgt in zwei Schrit‐ ten, einer textinternen (Kapitel 4 bis 9) sowie einer textkomparativen (Kapitel 10) Analyse. Abgerundet wird die philologische Untersuchung durch eine diplomatische Teiledition des ‚Reynke Vosz de olde‘. 1.3 Teil I Voruntersuchungen 24 Einleitend erfolgt im Kapitel 2 die Darstellung des Forschungsstandes bezüglich des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes. Ferner werden die sprachlichen Ver‐ hältnisse in Mecklenburg und die allgemeine Sprachsituation in Norddeutschland der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts beleuchtet, um eine Ausgangsposition für die Be‐ trachtung der stattgefundenen sprachlichen Prozesse zu finden. Des Weiteren soll in diesem Teil auf die Tätigkeit des Buchdruckers und Verlegers Ludwig Dietz sowie sein Druckprogramm, aber auch auf den Buchdruck und das Buchdruckwesen in Mecklenburg insgesamt eingegangen werden, um eine nachfolgende Zuordnung des ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes im Kontext der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts zu ermöglichen. Anschließend wird im Kapitel 3 der Untersuchungstext detailliert vorgestellt. Zu‐ nächst wird in diesem Teil die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe als Druckerzeugnis aus buchgeschichtlicher Perspektive ausführlich beschrieben. Gelie‐ fert werden Angaben zu Buchformat und Kollation, bemerkenswerten Fehlsignierun‐ gen und Fehlfoliierungen, aber auch Typographie und Holzschnittillustrationen. Fer‐ ner wird in diesem Teil auf die Aspekte der Regelung der Groß- und Kleinschreibung sowie der Interpunktion eingegangen. Darüber hinaus werden bis heute erhalten ge‐ bliebene Druckexemplare des ‚Reynke Vosz de olde‘ dokumentiert. Außerdem wird in diesem Kapitel eine kurze Beschreibung des Textes aus literarhistorischer Sicht so‐ wie in Bezug auf seinen Textaufbau auf der Makro- und Mesoebene18 gegeben, und schließlich werden die Überlieferungsgeschichte des Rostocker ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ und sein Rezeptionszusammenhang im engeren Sinne sowie die Verfasserfrage beleuchtet. Der Beschreibung der Textgrundlage folgen im Kapitel 4 Hinweise zu der me‐ thodologischen Herangehensweise im Analyseteil. Die Beschreibung des Aufbaus des Untersuchungsteils insgesamt und der nachfolgenden einzelnen Artikel sowie der Präsentation des gesammelten Sprachmaterials und seiner Interpretation bietet die Überleitung zur variablenlingistischen Analyse. Diese nimmt die sprachliche Be‐ schaffenheit des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Textes aus dem Jahre 1539 auf verschiedenen linguistischen Ebenen in den Blick. Der Hauptteil der Arbeit beinhal‐ tet eine systematische sprachstrukturelle Untersuchung des ‚Reynke Vosz de olde‘- Textes auf Basis eines Variablenkatalogs, der spezifisch für die vorliegende Untersu‐ 18 Die Tektonik und Struktur des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Textes kann prinzipiell auf drei Ebenen beschrieben werden: auf der Makro-, Meso- und Mikroebene. Die logische Struktur des Werkes und sein genereller Aufbau werden dabei auf der Makroebene beschrieben, während auf der Mesoebene die Struktur der Einzelkapitel erfasst wird. Unter der Mikroebene wird hier die Struktur auf der syntaktischen Ebene bzw. Vers- und Zeilenebene verstanden. Zu Erfassungszwecken sind für die vorliegende Untersuchung an dieser Stelle die Makro- und Mesoebene relevant. Zur Unterschei‐ dung von Makro-, Meso-/Medio- und Mikroebene als semantischen und / oder strukturellen Organi‐ sationsebenen von Texten in der Lexikographie vgl. etwa Kammerer, Die Mediostruktur in Langen‐ scheidts Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache; Schlaefer, Lexikologie und Lexikographie, S. 190f. Für den Bereich der Textlinguistik vgl. v. a. van Dijk, Macrostructures; Brinker, Linguisti‐ sche Textanalyse, S. 52-55. In abweichender Bedeutung findet sich die Dichotomie von Makro- und Mikroebene in der jüngeren Textlinguistik bspw. bei Ziegler, Städtische Kommunikationspraxis im Spätmittelalter, S. 250f. Zur Begriffsdiskussion vgl. auch Bieberstedt, Textstruktur, Textstrukturva‐ riation, Textstrukturmuster, S. 32-34. 1 Einleitung 25 chung entworfen wurde. Dieser Katalog orientiert sich in weiten Teilen an der von Robert Peters entworfenen Systematik, deren Reliabilität und Erklärungswirksamkeit anhand zahlreicher Textkorpusanalysen aus den Bereichen der historischen Sprach‐ geographie und der historischen Stadtsprachenforschung19, aber auch von Untersu‐ chungen fachliterarischer Texte20 – überwiegend Handschriften – nachgewiesen wer‐ den konnte. Somit wird in der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen, aufzu‐ zeigen, dass variablenlinguistische Methoden für die Analyse auch nicht formelhaf‐ ten und nicht fachliterarischen historischen Quellenmaterials einsetzbar sind und dass sie sich auch auf gedruckte Einzeltexte anwenden lassen. Im Kapitel 5 werden Variationsphänomene auf der phonologisch-graphemati‐ schen Beschreibungsebene sowie ausgewählte rein graphische Phänomene behan‐ delt,21 wobei der Schwerpunkt den niederdeutschen Begebenheiten entsprechend auf der vokalischen Ebene liegt.22 Die Beschreibung lautlicher Variabilität im Mittelniederdeutschen beruht hierbei als Bezugspunkt auf einem überlandschaftli‐ chen vormittelniederdeutschen Overall-System.23 In den Kapiteln 6 und 7 werden ausgewählte bereits in der Forschungsliteratur beschriebene morphologische und morphemgebundene Phänomene sowie einige wenige Aspekte der Wortbildung un‐ tersucht. Für beide Kapitel ist darauf hinzuweisen, dass die dort behandelten Phäno‐ mene mehrheitlich entweder dem Bereich des Vokalismus entstammen oder auch auf mehreren Beschreibungsebenen behandelt werden könnten. Die abweichende Zuwei‐ sung dieser Phänomene kann einerseits mit ihrer problematischen Zuweisung zu einer bestimmten Ebene (d. h. phonologisch-graphematischer, flexionsmorphologi‐ scher oder lexikalischer Ebene) gerechtfertigt werden. Andererseits orientiert sich die Klassifizierung an entsprechenden Einteilungen in der vorliegenden Forschungslite‐ 19 Vgl. zum Beispiel Fedders, Variablenlinguistische Studien zur mittelniederdeutschen Urkunden‐ sprache Coesfelds; ders., Die Schreibsprache Lemgos; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks. 20 Vgl. zum Beispiel Peters, Zur Sprache der sogenannten Münsterschen Grammatik [= Peters, Mit‐ telniederdeutsche Studien, S. 217-233]; Roolfs, Untersuchungen zur Sprache des Braunschweiger St.-Annen-Büchleins; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burg‐ steinfurt; Peters, Zur Sprache der Bordesholmer Marienklage [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 235-252]; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘. 21 Eine eindeutige Zuordnung der zu untersuchenden Phänomene im Bereich der Lautlehre und der Or‐ thographie ist nicht in jedem Fall möglich. Auf solche Problemfälle wird in jeweiligen Kapiteln extra hingewiesen, die letztendliche Entscheidung bzw. Ausnahmen werden begründet. 22 Vgl. hierzu auch Bemerkung von Wolfgang Fedders. Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 149. 23 Christian Fischer weist zurecht darauf hin, dass es aufgrund der Tatsache, dass „die Beleglage nur selten erlaubt, die sprachhistorische Realität mit den dazugehörigen Bewertungssystemen ohne grö‐ ßere Lücken zu rekonstruieren“, in der auf historische Sprachstufen abzielenden Variablenlinguistik zu theoretischen Problemen mit dem Bezugssystem kommen kann. Damit begründet Fischer dann die „Annahme eines sogenannten Overall-Systems als Vorstufe der zu untersuchenden Varietät“. Un‐ ter dem Overall-System wird ein angenommenes von räumlichen, zeitlichen und anderen Differen‐ zierungen abstrahiertes und mehr oder minder intaktes System verstanden, aus dem die belegten For‐ men hergeleitet werden können. Vgl. Fischer, Variation und Korrelation im Mittelniederdeutschen, S. 152. Teil I Voruntersuchungen 26 ratur24, wodurch eine Vergleichbarkeit der Untersuchungsergebnisse erreicht und zu‐ gleich eine redundante Auflistung derselben Belege in unterschiedlichen Kapiteln meistens gemieden werden kann.25 Im Kapitel 8 erfolgt anschließend die Analyse so‐ genannter lexemgebundener Varianz, wobei es sich hierbei – ähnlich wie in den Ka‐ piteln 6 und 7 – nicht um Untersuchung lexikalischer Phänomene im engeren Sinne handelt, sondern um Besonderheiten ausgewählter Einzelwörter, deren Varianz sich z. T. auf mehrere Sprachebenen gleichzeitig erstreckt. Die Erforschung der Variablen aus dem Bereich des Kleinwortschatzes ist wegen der starken diatopischen und dia‐ chronischen Variabilität von besonderem Interesse und bildet nicht zuletzt aus diesem Grund einen Großteil dieses Kapitels. Im Kapitel 9 wird schließlich eine zusammenfassende Interpretation der in die‐ sem Hauptteil gewonnenen Einzelergebnisse gegeben. Auf Basis des analysierten Va‐ riantenbestandes erfolgt eine diatopische und diachronische Verortung des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Textes. Fremdsprachliche – insbesondere hochdeutsche – Ein‐ flüsse auf den Text, aber auch überregionale Ausgleichstendenzen sowie im Text re‐ gistrierte Reflexe gesprochener Sprache werden ebenfalls in diesem Kapitel zusam‐ menfassend beschrieben und genauso wie die diatopischen und diachronischen Un‐ tersuchungsergebnisse mit spezifischen extralinguistischen Faktoren wie beispiels‐ weise Textstruktur (Verstext versus Kapitelglossen) korreliert. Im zweiten Analyseteil (Kapitel 10) wird eine kontrastive Analyse des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ mit dem Lübecker Vorlagentext ‚Reynke de vos‘ aus dem Jah‐ re 1498 sowie zwei in Rostock in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gedruckten Vergleichstexten vorgenommen, um eine genauere Zuordnung des Rostocker ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ in die niederdeutsche ‚Reynke de Vos‘-Tradition und die Rostocker Drucktradition vornehmen zu können. Zunächst werden hier die Vergleichstexte, die der kontrastiven Analyse zugrunde gelegt werden, charakterisiert. Auch die Entschei‐ dung, aus welchen Gründen die Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe aus dem Jahre 1498, die in Rostock erschienene Bambergische Halsgerichtsordnung (1510) und die Rostocker ‚Der schapherders kalender‘-Ausgabe (1523) zur Vergleichsanalyse heran‐ gezogen wurden, wird an dieser Stelle ausführlicher begründet. Zusätzlich zu den ge‐ nannten Texten werden weitere historische Sprachdaten und relevante Untersuchun‐ gen aus dem interessierenden Zeitraum herangezogen, um einen engeren Sprachver‐ gleich zwischen potentiellen lübischen und rostockischen Kennformen und -wörtern zu ermöglichen und einen potentiellen Variantenabbau, -umbau und ggf. -ausbau in der jeweiligen Druckersprache zu ermitteln. Für Lübeck werden bereits von Robert Peters ausgewertete Daten zum letzten Drittel des 15. Jahrhunderts, dem Entste‐ hungs- und Veröffentlichungszeitraum des ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498, ein‐ 24 Vgl. zum Beispiel Fedders, Die Schreibsprache Lemgos; Lehmberg, Der Amtssprachenwechsel im 16. Jahrhundert; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks. Christian Fischer weicht in seinen Untersuchungen zur Stadtsprache von Soest von dieser Einteilung etwas ab. Vgl. hierzu Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert. 25 An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass in den Fällen, in denen Wortformen doch in mehreren Kategorien besprochen werden, werden sie unter Umständen aus Gründen der Lesefreund‐ lichkeit mehrfach aufgeführt. 1 Einleitung 27 bezogen. Diese basieren auf den Texten des Lübischen Urkundenbuches aus dem Jahre 1470 und der Ratsurteile der Jahre 1470-1500.26 Als indirektes Quellenkorpus für die Schreib- und Druckersprache der Stadt Rostock und den mecklenburgischen Dialekt der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts dienen die Untersuchungen zur Spra‐ che des in Rostock gebürtigen und tätigen Predigers Nicolaus Gryse von Jürgen Scharnhorst und die Grammatik des me[c]klenburgischen Dialektes von Karl Nerger, der vorwiegend Rostocker Schrift- und Druckzeugnisse nicht fachliterarischen In‐ halts sowie Urkunden und die Rostocker Chronik zugrunde liegen.27 Im abschließenden Teil der Arbeit befinden sich ein Fazit, das die wesentlichen Untersuchungsergebnisse rekapituliert und einordnet und einen Ausblick auf weiter‐ führende Fragestellungen und Forschungsfelder eröffnet (Kapitel 11), sowie das Ta‐ bellenverzeichnis (Kapitel 12), die Verzeichnisse der Quellen und Forschungslitera‐ tur (Kapitel 13). Der Textanhang enthält die für die Analysezwecke vorbereitete di‐ plomatische Teiledition der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe aus dem Jah‐ re 1539, inklusive einer einführenden Erläuterung der editorischen Grundsätze. 26 Vgl. Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes [= Peters, Mittelnie‐ derdeutsche Studien, S. 201-215]. 27 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses. Teil I Voruntersuchungen 28 Vorüberlegungen Forschungsstand zum ‚Reynke Vosz de olde‘ Generell lässt sich vorweg festhalten, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘- Ausgabe trotz ihres außergewöhnlichen Stellenwertes bislang keiner systematischen Untersuchung unterzogen worden ist. Überraschenderweise ist sie überhaupt kaum oder sehr beschränkt in den Fokus der Literatur- wie Sprachwissenschaft gerückt. Si‐ cherlich trägt zu dieser Abseitsstellung in der Forschung nicht zuletzt die Tatsache bei, dass es im Gegensatz zur Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe bislang keine Volledition oder kommentierte Ausgabe existiert.28 Die vorliegende Forschungsliteratur zum ‚Reynke Vosz de olde‘ ist relativ über‐ sichtlich, die jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkte der einzelnen Beiträge lassen sich insgesamt in vier Gruppen zusammenfassen. Während sich die anfänglichen Ausein‐ andersetzungen mit dem Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck auf die Verfasser‐ frage29 beschränken, rückt des Weiteren die Frage nach der Definition bzw. Bezeich‐ nung der Glosse in den Mittelpunkt der Forschung. So hebt Bieling einleitend hervor, dass „die Rostocker Fuchsglosse […] in hervorragender Weise der Ausbreitung des Protestantismus gedient [hat]“.30 Wenig überraschend bekommt die Rostocker Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ anschließend ein Attribut „protestantisch“, das zu einer schärferen Unterscheidung zwischen der sogenannten katholischen Glosse zum Lü‐ becker ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 und der Glosse zur 1539er Ausgabe bei‐ tragen soll. An einer weiteren Stelle unterstreicht jedoch Bieling selber, dass „[d]as Werk […] fast eine Chrestomatie des damaligen Wissens“31 darstelle und bietet da‐ durch eine deutlich breiter aufgestellte Auffassung der Glosse. Daran schließt sich wenige Jahre später Brandes an, der die Bezeichnung als sogenannte protestantische 2 2.1 28 Vgl. ähnliche Bemerkung bei Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatori‐ schen Lehre, S. 255; Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 21: „Since the complete 1539 edition […] is available only on photocopy and Brandes’s 1891 edition of the gloss only in a few libraries, it is not surprising that much less has been written about this work“. Menke und Richards referieren zum einzigen Separatdruck der jüngeren Glosse, die sich bei Brandes findet, vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos. Zur geplanten kommentierten Erstedi‐ tion und Übersetzung vgl. Fn. 10. Die methodologischen Überlegungen zum Editions- und Überset‐ zungsprojekt finden sich bei Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Über‐ legungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers. 29 Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung, insbes. S. 13; Bran‐ des, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. IX-XX; Hofmeister, Der Verfasser der jüngeren Glosse; Stammler, Die deutsche Hanse und die deutsche Literatur, S. 237; Schafferus, Der Verfas‐ ser der jüngeren Glosse, insbes. S. 112-148. Zur Verfasserfrage vgl. Kap. 3.4 Zur Verfasserfrage. 30 Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung, S. 3. 31 Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung, S. 11. 29 Glosse für nicht unproblematisch hält und stattdessen von der jüngeren Glosse spricht.32 Moltzer vertritt in dieser Hinsicht die Meinung Brandes’ und betont in sei‐ ner Abhandlung zur jüngeren Glosse ihren bemerkenswerten Facettenreichtum.33 Den Hauptunterschied zwischen den beiden Glossen sieht Brandes nicht in ihren reli‐ giösen Ausrichtungen, sondern vorwiegend in der Einstellung der beiden Bearbeiter dem Erzähltext gegenüber: Während der ältere glossator stets im engen zusammenhange mit dem werke bleibt, das er commentieren will, und den umfang seiner ausdeutung so bemisst, dass nirgends die wir‐ kung der dichtung beeinträchtigt wird, stützt sich sein nachfolger auf die ältere erklärung und damit auf die dichtung nur insoweit, als sie ihm die handhabe bietet, seine besonde‐ ren absichten zu verwirklichen.34 Darin erkennt Brandes zum einen den Wunsch des Rostocker Glossators, „allen stän‐ den, besonders aber den fürsten, einen spiegel“ vorzuhalten, zum anderen „sucht er der sich steigernden vorliebe seiner zeitgenossen für sprichtwörter- und reimspruch‐ sammlungen rechnung zu tragen“.35 Als besonderes Verdienst ist Hermann Brandes die detaillierte Analyse der Prätexte der Glosse anzurechnen, die später von Ella Schafferus aufgegriffen, fortgesetzt und zum Teil vervollständigt wird.36 Als indirek‐ tes Hauptziel der Untersuchung der Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ von Schaffe‐ rus kann jedoch die Überprüfung der von Brandes geäußerten These von der Verfas‐ serschaft des Ludwig Dietz37 definiert werden. Zu diesem Zweck erfolgt in ihrer Stu‐ die zur jüngeren Glosse einerseits die Analyse des Stils des Verfassers, die Aufde‐ ckung seiner Arbeitsweise mit den Prätexten und Begründung ihrer Wahl sowie an‐ dererseits die Einschätzung seiner Einstellung der Reformation und der weltlichen Macht gegenüber.38 Zudem behandelt Schafferus die Frage der Weltanschauung des jüngeren Glossators und seine Sicht auf die mittelalterliche Ordnung der menschli‐ chen Gesellschaft in Stände.39 Des Weiteren nimmt sie ausgewählte historische Er‐ eignisse, insbesondere die in Mecklenburg, genauer unter die Lupe, um die von ihr vertretene These von der Verfasserschaft von Dietz zusätzlich zu untermauern. Zu‐ letzt wirft sie die Frage auf, ob er [der jüngere Glossator] die Glosse als Selbstzweck und die Dichtung nur als Aus‐ gangspunkt und zur Anknüpfung nimmt, um bestimmte Ideen auszusprechen, oder ob er dem Werke mit den Stilmitteln seiner Zeit dient,40 und kommt dann zum Ergebnis, dass eher Letzteres der Fall ist. 32 Vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos. 33 Vgl. Moltzer, De Reinke-glosse van 1539, insbes. S. 243-244. 34 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. IX. 35 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. X. 36 Vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. XX-XLV, 239-314; Schafferus, Der Ver‐ fasser der jüngeren Glosse, S. 26-43, 151-159. 37 Vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. XIX. Die Ersterwähnung findet sich be‐ reits bei Rollenhangen. Vgl. Rollenhagen, ‚Froschmeuseler‘, Bl. B 3r-B 4v. 38 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 13-84. 39 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 84-99. 40 Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 12. Teil I Voruntersuchungen 30 Auch Richards’ vergleichend angelegte Studie41 ist den Verfassereinstellungen (attitudes) gewidmet. In ihrer Dissertation untersucht sie die Unterschiede zwischen vier Glossenkommentaren zu den volkssprachlichen Reineke-Ausgaben von 1498-1650.42 Sie versucht herauszufinden, inwieweit die Glossen die sozial- und kul‐ turgeschichtlichen Gegebenheiten der damaligen Zeit widerspiegeln.43 Als grundle‐ gende Einflussfaktoren gelten für sie dabei einerseits die vornehmlich moraldidak‐ tisch ausgerichtete Literatur, andererseits der Renaissance-Humanismus und schließ‐ lich die katholische bzw. protestantische Kirche. Neben den Verfasserintentionen44 unternimmt sie den Versuch die jeweiligen potentiellen Zielgruppen zu definieren und vergleicht eingehend zwei Glossenkommentare, um Unterschiede in der Glossie‐ rung und der Arbeitsweise der Bearbeiter zu greifen. Sie kommt zum Schluss, dass der Rostocker Glossator im Gegensatz zu seinem Lübecker Vorgänger, der in seiner Kommentierung näher am Textgeschehen bleibt und eher zu allgemeinen Vermerken neigt, sehr sorgfältig mit dem Erzähltext umgeht, was sich vor allem in der Verwen‐ dung von zahlreichen zu illustrativen Zwecken eingesetzten Prätexten äußert.45 Die Äußerungen seines Frankfurter Nachfolgers schätzt Richards dagegen als recht sub‐ jektiv ein: Since his aim is to derive from the narrative text pointers for day-to-day conduct, he is more concerned to provide maxims in his glosses, such as that a judge must not respect persons etc. He is also at pains to give illustrations taken, one imagines, from his own experience, concerning what should and should not happen.46 Bezüglich der Glosse der Rostocker Ausgabe von 1650 hält Richards fest, dass sie sich ungefähr so zur hochdeutschen Vorlage aus dem Jahre 1544 wie die Rostocker jüngere zur Lübecker älteren Glosse verhält.47 Im Hauptteil ihrer Untersuchung schaut sich Richards die Glossen im Hinblick auf die oben bereits erwähnten Einflussfaktoren genauer an. Zunächst beschreibt sie, inwieweit die Glossen als Fürstenspiegel48 fungieren, wie sie zur Obrigkeit, zum Rechtsystem und zur Rechtsausübung49 stehen, bevor sie sich mit der Reflexion von 41 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650. 42 Während Richards’ Untersuchungskorpus aus der Glosse zur präreformatorischen ‚Reynke de vos‘- Ausgabe aus Lübeck, der jüngeren Glosse zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘, der Glosse zur hochdeutschen Ausgabe aus Frankfurt von 1544 und der wiederum in Rostock im Jahre 1650 er‐ schienenen ‚Reineke Fuchs‘-Ausgabe besteht, zieht Bieling insgesamt fünf Glossen inklusive der la‐ teinischen Ausgabe von 1567 heran. Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung. 43 Vgl. hierzu zudem später Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century. 44 Zu den Verfasserintentionen vgl. ferner Tsapaeva, Zur textuellen und metatextuellen Umsetzung di‐ daktischer Intentionen im „Reynke Vosz de olde“. 45 Vgl. dazu auch Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low Ger‐ man Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century. 46 Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 114. 47 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 114. 48 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 119-145. 49 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 146-207. 2 Vorüberlegungen 31 kirchlichen Gegebenheiten50 wie Beichte, Absolution, Kirchenbann, Pilgerreisen, Heiligenverehrung etc. befasst. Des Weiteren untersucht sie, welche Beleuchtung in den Glossen die Ständegesellschaft findet und wie die rechtliche und gesellschaftli‐ che Stellung der Frauen, die Rolle der Ehe etc. reflektiert werden. Zuletzt überprüft Richards, inwiefern die Glossen als Sittenspiegel gedeutet51 werden können und wie sie zur Fuchsfigur52 stehen, und hält dann zusammenfassend fest, dass alle vier Glos‐ sen als reflektierte und höchst aufschlussreiche Indikatoren für die kulturhistorische Situation der Zeitperioden, in denen sie erschienen sind, interpretiert werden kön‐ nen.53 Als vorletzter Schwerpunkt der ‚Reynke Vosz de olde‘-Forschung ist die weitere Rezeption dieses Druckes – insbesondere im skandinavischen Raum – anzusehen. An dieser Stelle sind die Untersuchung von Munske54 zur Übersetzung der Glosse ins Dänische (1555) und Schwedische (1621) sowie die Abhandlung von Hubertus Men‐ ke55 zu den Rezeptionsdetails des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ und seinem er‐ staunlichen nachhaltigen Erfolg sowie der verhältnismäßig umfassenden Breitenwir‐ kung zu nennen, wobei im letzteren Beitrag auch ein Deutungsversuch der Glosse unternommen wird und die Sorgfalt der Druckaufbereitung mehrmals betont wird.56 Explizit mit der sprachlichen Seite beschäftigt sich außer Prowatke, die den ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck neben elf weiteren Quellen im Rahmen ihrer Untersu‐ chung zur Ausbildung der Graphie in der Druckerei des Ludwig Dietz57 betrachtet, neuerdings Andreas Bieberstedt.58 In ihrer Habilitationsschrift behandelt zudem Rös‐ ler die jüngere Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ als Vertreter der Unterhaltungslite‐ ratur unter funktionalen und strukturellen sowie syntaktischen Gesichtspunkten.59 Einen weiteren Einblick in die sprachlichen Gegebenheiten des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes bieten insbesondere die Vorarbeiten der Verfasserin, die zum Teil dieser Arbeit zugrunde liegen.60 Anhand der computergestützten graphischen Analyse versucht Prowatke zum einen die Frage zu beantworten, inwieweit die Schreibung der Dietzschen Drucke mit 50 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 208-311. 51 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 312-489. 52 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 490-516. 53 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 516-531, insbes. S. 531. Vgl. dazu früher Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung. 54 Munske, Die skandinavischen Reineke-Fuchs-Übersetzungen des 16. bis 18. Jahrhunderts. 55 Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatorischen Lehre. 56 So äußert sich Menke u. a. zu den vereinheitlichten Holzschnittillustrationen, vgl. Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatorischen Lehre, S. 261. Zu den Illustrationen vgl. auch Vedder, Die Illustrationen in den frühen Drucken des Reynke de vos. 57 Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 58 Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers. 59 Rösler, Satz – Text – Sprachhandeln. 60 Die dem Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck gewidmeten Aufsätze, die bereits in unterschiedli‐ chen Tagungsbänden in russischer Sprache erschienen sind, wurden 2015 in Form eines kleinen Sam‐ melbandes veröffentlicht. Vgl. Цапаева, Лингвистические и литературоведческие исследования животного эпоса «Рейнке лис» (Росток, 1539 г.). Teil I Voruntersuchungen 32 der überregionalen mittelniederdeutschen Schreib- und Literatursprache lübischer Prägung korreliert und ob die gedruckte Schreibung zum anderen auch lokale oder regionale sprachliche Besonderheiten aufdecken lässt. Ferner überprüft sie ihr Text‐ korpus auf die Belegformen, die entweder aus anderen mittelniederdeutschen Regio‐ nen oder aus dem hochdeutschen Sprachgebiet eingedrungen sind. In der graphischen Gestaltung der zur Analyse herangezogenen Texte sucht sie ferner Antworten auf die Fragen, wie die Rostocker Druckerei des Ludwig Dietz zu Problemen der Schrei‐ bung, wie sie für den hochdeutschen Sprachraum von Belang sind, steht und welche Faktoren sich auf die Schreibung – darunter auf die Interpunktion, den Majuskelge‐ brauch, die Dehnungkennzeichnung usw. – ausgewirkt haben.61 Einige Bemerkungen von Prowatke zur graphischen Gestaltung von ‚Reynke Vosz de olde‘ sind allerdings als korrekturbedürftig einzusehen, was mit der Tatsache in Verbindung zu setzen ist, dass sie in ihrer Studie insgesamt mit sehr kleinen Stichproben operiert. In seinem Beitrag zu den methodischen Überlegungen zur Neuübersetzung des ‚Reynke Vosz de olde‘ stellt Bieberstedt das Vorhaben vor, das von Ludwig Dietz in Rostock gedruckte Tierepos erstmals in transkribierter und sprach- wie literaturwissenschaftlich kommentierter Form herauszugeben und mit einer kommunikativ-funk‐ tional orientierten neuhochdeutschen Übersetzung zu versehen.62 Er setzt sich in ers‐ ter Linie mit den methodischen Grundlagen63 der geplanten intralingualen Überset‐ zung auseinander und legt die mit dem Übersetzten aus historischen Sprachstufen verbundenen spezifischen Problembereiche – hier hebt er beispielsweise historische Phraseologismen als eine besondere übersetzerische Herausforderung hervor – und Anforderungen64 dar. Schließlich stellt er den Untersuchungsgegenstand auch in sei‐ ner formalen und inhaltlichen Beschaffenheit vor.65 Abgesehen von den bereits erwähnten Beiträgen ist der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck selbstverständlich in verschiedenen literaturgeschichtlichen Überbli‐ cken und entsprechenden Katalogen erfasst.66 61 Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatur‐ sprache, insbes. S. 6-7. 62 Vgl. Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüber‐ setzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 361-362. 63 Vgl. Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüber‐ setzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 365-371. 64 Vgl. Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüber‐ setzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 375-385. 65 Vgl. Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüber‐ setzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 371-374. 66 Zum Beispiel bei Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 181; Wiechmann, Beiträge zur ältern Buchdruckergeschichte Meklenburgs, S. 36; Wiechmann, Meklenburgs altsächsische Literatur. I, Nr. LXXXIX; Prien, Reinke de vos, S. XXIX; BC I, Nr. 1312; von Radziewsky, Ludwig Dietz, Nr. 1395; Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 280-281. Für weitere bibliographische Nachweise siehe Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 2 Vorüberlegungen 33 Sprachliche Verhältnisse in Mecklenburg und die allgemeine Sprachsituation in Norddeutschland der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Das 16. Jahrhundert kann wohl als einer der bewegtesten und vor allem folgenreichsten Abschnitte der Sprachgeschichte Mecklenburgs, aber auch ganz Norddeutsch‐ lands bezeichnet werden.67 Noch Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts erlebt das Mittelniederdeutsche, gefördert offenbar durch die Einführung und Verbreitung des Buchdrucks in Norddeutschland, einen herausragenden Höhepunkt seiner Schriftlichkeit. Jedoch signalisiert dieser letzte Höhepunkt zugleich auch den konti‐ nuierlichen, schleichenden Kraftverlust der als Handels- und Verkehrssprache der Hanse in Norddeutschland sowie darüber hinaus im gesamten Ostseeraum gegolte‐ nen mittelniederdeutschen Schriftsprache und ihre allmähliche Ersetzung durch das Hochdeutsche, dessen sukzessive Vordringung vom ostmitteldeutschen Kulturraum ausgehend bereits seit dem Ende des 15. Jahrhunderts zu verzeichnen ist.68 Bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts beginnt sich der Niedergang der mittelniederdeutschen Schriftsprache, einhergehend mit dem wirtschaftlichen und politischen Niedergang des Hansebundes, abzuzeichnen. Einige südöstliche Areale des mittelniederdeutschen Sprachraumes gehen sogar bereits Ende des 14., Anfang des 15. Jahrhunderts zur hochdeutschen Schriftsprache über.69 2.2 67 Vgl. Steinmann, Volksdialekt und Schriftsprache in Mecklenburg; Dahl, Das Eindringen des Neu‐ hochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, bes. S. 3-4, 15-18, 180-184; Gabrielsson, Die Verdrängung der mittel‐ niederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache, S. 139-140, 146-150; Rösler, Soziale und funktionale Aspekte der Durchsetzung des Hochdeutschen; dies., Soziale und funktionale As‐ pekte der Durchsetzung des Hochdeutschen im offiziellen Schriftverkehr Mecklenburgs; Gernentz, Die Sprachentwicklung in Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter und in der frühen Neuzeit; Rösler, Aspekte einer Sprachgeschichte des Ostniederdeutschen. Zum Schreibusus und zum Varian‐ tenabbau in der Rostocker Kanzlei im 14. und 15. Jahrhundert vgl. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert; dies., Zur Charakteri‐ sierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert. 68 Die Ursachen für den relativ raschen Niedergang der mittelniederdeutschen Schriftsprache und ihrer vergleichsweise zügigen Ablösung durch das Hochdeutsche werden in der Forschung bereits seit lan‐ gem kontrovers diskutiert. Betont werden sowohl außersprachliche, sozioökonomische und histo‐ risch-politische Faktoren als auch sprachbezogene Aspekte, die unter anderem den wachsenden Ein‐ fluss des ostmitteldeutschen Sprachraumes betreffen, der die traditionelle Konkurrenzsituation zwi‐ schen dem Niederdeutschen und Hochdeutschen nachhaltig zugunsten des Hochdeutschen verändert. Vgl. hierzu Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache, S. 120-125; Sanders, Sachsensprache, Hansesprache, Plattdeutsch, S. 155-156; Sod‐ mann, Der Untergang des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache, S. 118-119 und insbes. S. 125-127; ders., Die Verdrängung des Mittelniederdeutschen als Schreib- und Druckersprache Norddeutschlands, S. 1509-1510. Speziell zu den Einflüssen, die den Niedergang des Mittelniederdeutschen in Rostock begünstigten vgl. Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei, S. 156-172. 69 Aufgrund ihrer Grenzlage zum mitteldeutschen Raum sind der elbostfälische und südliche märkischbrandenburgische Raum traditionell deutlich stärker sprachlichen Einflüssen seitens des Hochdeut‐ schen ausgesetzt als andere Regionen Norddeutschlands. Teil I Voruntersuchungen 34 Für den Bereich des Buchdruckes kann zwar eine allmähliche Zunahme der Zahl der niederdeutschen Drucke bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts verzeichnet werden, jedoch muss in Anbetracht gezogen werden, dass sich das quantitative Verhältnis von Druckerzeugnissen in niederdeutscher und hochdeutscher Sprache immer mehr zu‐ gunsten des Hochdeutschen verschiebt.70 Ein letzter Höhepunkt des niederdeutschen Buchdrucks lässt sich im Zeitalter der Reformation, deren Einführung und Ausbrei‐ tung in Norddeutschland71 einen ausschlaggebenden Faktor bei der Durchsetzung der hochdeutschen Schriftsprache darstellt, beobachten. Dies lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass die zahlreichen reformatorischen und gegenreformatorischen Schriften in den 20er und 30er Jahren des 16. Jahrhunderts mit Rücksicht auf die Sprachkom‐ petenz der Bevölkerung in niederdeutscher Sprache erscheinen.72 Die Verdrängung und anschließende Ablösung des Mittelniederdeutschen durch die hochdeutsche Schriftsprache betrifft jedoch nicht ausschließlich religiöse Litera‐ tur, es werden sämtliche Erscheinungsformen und Bereiche der zeitgenössischen Schriftproduktion erfasst.73 Am differenziertesten lässt sich der Übergang von der mittelniederdeutschen zur hochdeutschen Schriftlichkeit wohl im Bereich des Rechtsund Verwaltungsschrifttums der Kanzleien beobachten. Die städtischen, fürstlichen und geistlichen Kanzleien können als wesentliche Träger der mittelniederdeutschen Schriftsprache aufgefasst werden. Schließlich werden hier Verträge, Verordnungen, Testamente, Protokolle, Register und andere juristische Texte kontinuierlich und in Fülle produziert. Zum einen hat das den Vorteil, dass der Übergang zur hochdeut‐ schen Schriftlichkeit im städtischen Kanzleischrifttum quasi lückenlos nachvollzogen werden kann. Für das Heranziehen solcher Textzeugnisse spricht neben ihrer guten Zugänglichkeit zum anderen aber auch ihre Vergleichbarkeit aufgrund von relativ festen Textsortenkonventionen und Produktionsbedingungen sowie ihre normaler‐ weise eindeutige zeitliche und regionale Situierbarkeit. Der Verlauf der Ablösung des Mittelniederdeutschen in den Kanzleisprachen scheint von mehreren Faktoren, darunter zeitlichen, geographischen, funktionalen und textsortenbezogenen, beeinflusst zu sein. Unter dem zeitlichen Aspekt verläuft die Verdrängung der mittelniederdeutschen Sprache in drei Phasen, die eine Süd- Nord-Staffelung aufweisen.74 Beginnend im Südosten des niederdeutschen Sprach‐ raumes erfolgt die Ausbreitung der hochdeutschen Schriftsprache Richtung Ostsee‐ küste und von dort nachfolgend Richtung Nord- und Südwesten. Bereits zum Anfang des 16. Jahrhunderts lässt sich für Schwerin ein zunehmender Einfluss der hochdeut‐ 70 Vgl. insbes. Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei, S. 149-150; Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftspra‐ che, S. 136-137; König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 102 (Karte). 71 In Rostock setzt sich die neue Glaubenslehre im Jahre 1531 endgültig durch. 72 Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzen sich jedoch die ostmitteldeutsche Lutherbibel und der hochdeutsche Katechismus sowohl in der Lithurgie und kirchlichen Paxis als auch im Schulunter‐ richt durch. 73 Ausführlicher zum Sprachübergang in Rostock vgl. insbes. Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeut‐ schen in die Rostocker Ratskanzlei. 74 Vgl. insbes. Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache, S. 147-149. 2 Vorüberlegungen 35 schen Sprache abzeichnen, was sich u. a. durch die Beziehungen der fürstlichen Kanzlei in den hochdeutschen Sprachraum erklären lässt. Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts ist dieser Prozess für die sprachlich konservativen städtischen Kanzlei‐ en der Seestädte Wismar und Rostock festzustellen. Jedoch lässt sich die Durchset‐ zung des Hochdeutschen nicht nur in einer zeitlichen oder geographischen Staffelung darstellen, sondern es lassen sich ferner institutionenabhängige Unterschiede im Ver‐ lauf und Geschwindigkeit des Übergangs beobachten.75 So lässt sich in Bezug auf die institutionelle Gebundenheit feststellen, dass in Mecklenburg die Umstellung auf die hochdeutsche Sprache zunächst in der herzoglichen Familie und mit ihr in der fürstli‐ chen Kanzlei erfolgt. Im Gegensatz zu den städtischen Kanzleien solcher Handels‐ städte wie Stralsund, Rostock und Wismar, wo sich das Niederdeutsche noch länger hält, halten die Kanzleien der Residenzstädte Güstrow und Schwerin und ihnen fol‐ gend die Landstädte nicht lange am niederdeutschen Schreibusus. Zu beachten ist auch längeres Beharren auf der niederdeutschen Schriftlichkeit in den kirchlichen In‐ stitutionen, an der Universität und im schulischen Bereich. In Bezug auf die textsortenorientierte Gebundenheit kann konstatiert werden, dass sich der Schriftsprachenwechsel in den einzelnen Textsorten ebenfalls unter‐ schiedlich schnell manifestiert. So zeigen sich im Verwaltungsschrifttum der Kanz‐ leien adressatbezogene Präferenzen im Sprachgebrauch. Im auswärtigen Schriftver‐ kehr, etwa in den Briefen und Vertragsurkunden, ist in Abhängigkeit vom Sprachge‐ brauch der empfangenden Institution oder Person ein relativ frühzeitiger Übergang zum Hochdeutschen zu verzeichnen. In der institutionsinternen Kommunikation, et‐ wa in solchen stark konventionalisierten Textsorten wie Protokollen, Registern oder Stadtbüchern, bleibt das Niederdeutsche dagegen längere Zeit im Gebrauch. Insge‐ samt lässt sich festhalten, dass der Ablöseprozess des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache, der in Mecklenburg Ende des 15. Jahrhunderts einsetzt, erst um das Jahr 1600 als abgeschlossen gelten kann. Ludwig Dietz, seine Tätigkeit und Druckprogramm Vor der Erfindung des Buchdrucks76 war die Verbreitung des Wissens eher eine elitä‐ re Angelegenheit, die vornehmlich Adligen und Geistlichen vorbehalten war. In mü‐ hevoller, bald jahrelanger Handarbeit wurden gelehrte Schriften und Bücher vorran‐ gig von Mönchen und Priestern angefertigt. Jedes einzelne Buch, jede kunstvoll und 2.3 75 Zur institutionenabhängigen Ablösung des Mittelniederdeutschen zugunsten des Hochdeutschen am Beispiel des spätmittelalterlichen Mecklenburg vgl. v. a. Rösler, Soziale und funktionale Aspekte der Durchsetzung des Hochdeutschen; dies., Soziale und funktionale Aspekte der Durchsetzung des Hochdeutschen im offiziellen Schriftverkehr Mecklenburgs. Speziell zu Rostock vgl. Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei. 76 Einführend zur Erfindung und Entwicklung des Buchdrucks vgl. zum Beispiel Lorck, Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst; Nowottnick, Johannes Gutenberg und die Erfindung der Buch‐ druckerkunst; Geldner, Inkunabelkunde; Kästner, Johannes Gutenberg; Füssel, Johannes Guten‐ berg; Giesecke, Der Buchdruck in der frühen Neuzeit; Reske, Buchdruck (15./16. Jahrhundert). Teil I Voruntersuchungen 36 sorgfältig ausgearbeitete Abschrift stellte somit ein Unikat von unschätzbarem Wert dar, der jedoch nur für eine sehr begrenzte Gruppe von Belang war. Schließlich konn‐ te in der damaligen Zeit noch nicht jeder lesen und schreiben. Um 1450 brach nach der Erfindung des modernen Buchdruckverfahrens mit beweglichen Metalllettern von Johannes Gutenberg in Mainz dagegen wahrlich das neue Zeitalter ein, in dem zum einen Bücher relativ schnell, verhältnismäßig preiswert und v. a. in hoher Stück‐ zahl vervielfältigt werden konnten und zum anderen das bisherhige Bildungsmono‐ pol des Klerus und der Klöster aufgehoben wurde. Die neue revolutionäre Druck‐ technik ermöglichte nämlich eine massenhafte Verbreitung von neuen Ideen und In‐ formationen – vor allem in einer im Gegensatz zu handschriftlich angefertigten Kopi‐ en einheitlichen Form – und sorgte dafür, dass sich Bücher zu einem Medium mit bislang nicht vorstellbarer gewaltiger Macht, gar zu einer geistigen, religiösen wie politischen Waffe im Kampf um die öffentliche Meinung entwickelten. Das Wissen über die neuartige Drucktechnik verbreitete sich rasant, und so ent‐ standen in ganz Mitteleuropa – zunächst in Süddeutschland, der Schweiz und in Itali‐ en – bedeutende Druckereien.77 Der Druckoffizin in Mainz folgten in den 60er und 70er Jahren des 15. Jahrhunderts Bamberg78 (um 1457), Straßburg (um 1458), Basel (um 1464), Köln (um 1465), Eltville (1467), Augsburg79 (1468), Nürnberg80 (um 1470), Speyer (1471), Ulm (um 1472) und Erfurt (um 1473).81 Im norditalieni‐ schen Venedig begann der humanistische Gelehrte und geschäftstüchtige Verleger Aldus Manutius82 (it. Aldo Manuzio), der hier seine Offizin im Jahre 1496 eröffnete, antike – vor allem griechische – Klassiker zu drucken. Von hier aus revolutionierte er ferner erneut das europäische Buchdruckwesen, indem er quasi zeitgleich zwei neue Errungenschaften auf den Markt brachte: kleinformatige Bücher im Oktav (libri por‐ tatiles) und die erste gedruckte Kursivschrift, die er zusammen mit seinem wichtigs‐ ten Mitarbeiter Francesco da Bologna, genannt Griffo, entwickelte. Die neue Schrift 77 Zur Ausbreitung des Buchdrucks vgl. zum Beispiel Kästner, Johannes Gutenberg, S. 55-65; Ame‐ lung, Der Frühdruck im deutschen Südwesten; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer re‐ gionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 12; Reske, Buchdruck (15./16. Jahrhundert). 78 Zur Entwicklung des Buchdrucks in Bamberg liegen bereits gesonderte Studien vor, vgl. u. a. Schus‐ ter, Die Erfindung der Buchdruckerkunst und deren Verbreitung in Bamberg; Geldner, Die Buch‐ druckerkunst im alten Bamberg 1458/59 bis 1519. 79 Zum Buchdruck und Buchhandel in Augsburg vgl. zum Beispiel Gier / Janota, Augsburger Buch‐ druck und Verlagswesen; Künast, „Getruckt zu Augspurg“. Buchdruck und Buchhandel in Augs‐ burg zwischen 1468 und 1555; Hägele / Thierbach, Augsburg macht Druck. Vgl. auch den Exkurs bei Hermann, Worttrennung in Handschrift und Druck, S. 78-83. 80 Als einführende Literatur zum Buchdruck in Nürnberg empfiehlt sich Diefenbacher / Grieb, Das Nürnberger Buchgewerbe. 81 Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts gab es allein in Deutschland etwa 400 Druckereien. Vgl. u. a. den Exkurs bei Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 12. Zur Chronologie der Druckorte vgl. u. a. Teichl, Wiegendruck im Karten‐ bild; Kästner, Johannes Gutenberg, S. 56; Reske, Buchdruck (15./16. Jahrhundert). Siehe auch Ge‐ samtkatalog der Wiegendrucke und Incunabula Short Title Catalogue. 82 Zum Leben und Werk von Aldus Manutius vgl. zum Beispiel Schück, Aldus Manutius und seine Zeitgenossen in Italien und Deutschland; Лазурский, Альд и альдины; Fletcher III., New Aldine Studies; Davies, Aldus Manutius. Printer and publisher of Renaissance Venice; Nuovo, Manutius, Aldus; Infelise, Manuzio, Aldo, il Vecchio; ders., Aldo Manuzio: la construzione del mito. 2 Vorüberlegungen 37 erschien platzmäßig deutlich ökonomischer als die zuvor verwendeten Antiquaschrif‐ ten – im deutschen Sprachraum auch als die den damaligen Handschriften der Mön‐ che nachempfundenen gotischen Schriften – und wurde sofort von anderen Druckern kopiert und weiterverwendet. Auch diese beiden Erfindungen unterstützten sicherlich die bereits seit Gutenberg steigende Buchnachfrage und waren eine willkommene Er‐ gänzung im Zeitalter der ersten Medienrevolution. Auch Rostock, das zur damaligen Zeit eine nicht unbedeutende Rolle im Kauf‐ manns- und Städtebund der Hanse spielte, gewann nach Lübeck83 (1473), wo Lucas Brandis84 und später Bartholomäus Ghotan85 wirkten, als zweitältester Druckort Norddeutschlands eine herausragende Bedeutung für den gesamten nordeuropäischen Raum.86 So erschien in Rostock bei den Brüdern vom gemeinsamen Leben87 (Frater‐ 83 Vgl. Peters, Die Rolle der Hanse und Lübecks in der mittelniederdeutschen Sprachgeschichte, S. 1502. Zum Buchdruck in Lübeck vgl. zum Beispiel Gläser, Bruchstücke zur Kenntnis der Lübe‐ cker Erstdrucke von 1464 bis 1524; Menke, Druckt to Lübeck. Niederdeutsche Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts aus norddeutschen Bibliotheken; Sodmann, Buchdruck, Buchhandel und Sprachkontakt; ders., Die Druckerei mit den drei Mohnköpfen; Bruns / Lohmeier, Die Lübecker Buchdrucker im 15. und 16. Jahrhundert: Buchdruck für den Ostseeraum; Menke, „Ghedichtet unde ghesath in der Keyserliken Stadt Lubeck“: der frühe Lübecker Buchdruck. 84 Vgl. zum Beispiel Gläser, Bruchstücke zur Kenntnis der Lübecker Erstdrucke von 1464 bis 1524, H. 1, S. 131-133; Altmann, Die Leistungen der Buchdrucker mit Namen Brandis im Rahmen der Buchdruckgeschichte des 15. Jahrhunderts, S. 29-34, 41-52; Debes, Lucas Brandis; Lohmeier, Bran‐ dis, Lucas. 85 Zum Leben und Werk Ghotans auch außerhalb Lübecks vgl. zum Beispiel Gläser, Bruchstücke zur Kenntnis der Lübecker Erstdrucke von 1464 bis 1524, H. 1, S. 139-165; ebd., H. 2 und Anhang; von Brandt, Bartholomäus Ghotan in Åbo; Angermann, Bartholomäus Ghotan in Novgorod; Altmann, Bartholomäus Ghotan, Magdeburgs Erstdrucker um 1480; Häkli, Bartholomäus Ghotan, der Dru‐ cker des ersten Buches für Finnland; Seidensticker, Bartholomäus Ghotan, Druckerzeugnisse und Bibliographie; Lohmeier, Nachträge und Berichtigungen zum Verzeichnis der Drucke Bartholomäus Ghotans; Seidensticker, Ghotan, Bartholomäus. 86 Zur Geschichte des Buchdrucks in Rostock vgl. zum Beispiel Lisch, Geschichte der Buchdrucker‐ kunst in Mecklenburg bis zum Jahr 1540; Möhlmann, Kritische Bemerkungen zur Geschichte der Buchdruckerei in Mecklenburg; Wiechmann, Beiträge zur ältern Buchdruckergeschichte Meklen‐ burgs; Crull, Rostocker Universitätsbuchdrucker im 16. Jahrhundert; Hofmeister, Beiträge zur Ge‐ schichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg; Wiechmann, Mecklenburgs altniedersächsische Li‐ teratur; Hofmeister, Weitere Beiträge zur Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg; Stieda, Studien zur Geschichte des Buchdruckes und Buchhandels in Mecklenburg; Prowatke, Zur Ausbil‐ dung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache; dies., Druckt tho Rozs‐ tock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Für weiterführende Literatur vgl. u. a. Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 791-792. 87 Zur Druckerei der Michaelisbrüder vgl. u. a. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklen‐ burg, S. 1-62; Meltz, Die Drucke der Michaelisbrüder zu Rostock 1476 bis 1530; von Radziewsky, Die Brüder vom gemeinsamen Leben (Michaelisbrüder); Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, insbes. S. 12-15; Händel, Der frühe Buch‐ druck in Rostock, S. 13-16; Pettke, Neuzuordnung von Drucken der Michaelisbrüder und der Offi‐ zin Ludwig Dietz; dies., Aus dem Druckschaffen der Rostocker Brüder vom gemeinsamen Leben; Krüger, 525 Jahre Buchdruck in Rostock: die Druckerei der Brüder vom Gemeinsamen Leben; dies., Von der Klosterdruckerei zur wissenschaftlichen Bibliothek: das Michaeliskloster der Brüder vom Gemeinsamen Leben in Rostock. Für weiterführende Literatur vgl. v. a. Reske, Die Buchdru‐ cker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 792-794. Für weiterführende Litera‐ tur s. d. Teil I Voruntersuchungen 38 herren) im Jahre 1476 das erste mit einem Datum versehene Buch. Die Brüder vom gemeinsamen Leben, die nach ihrem Schutzpatron auch Michaelisbrüder genannt wurden, kamen um das Jahr 1462 von Münster in Westfalen in die Hansestadt und fanden hier eine nicht zuletzt durch das Universitätswesen und den Humanismus ge‐ prägte Atmosphäre der Büchergelehrsamkeit vor. Das Buchdruckgewerbe der fratres domus Sanctem Michaelem wurde explizit von der Universität Rostock, die 1419 als erste nordeuropäische Universität gegründet wurde, unterstützt und gefördert. Es ist zudem bekannt, dass die Rostocker Universitätsgelehrten ihre Bücher bei den Brü‐ dern binden ließen.88 Des Weiteren ist zu vermerken, dass die Druckerpresse der Fra‐ terherren, die von 1476-1532/1533 offenbar mit zweimaliger Unterbrechung (1477-1481, 1502-1519) arbeitete und durch den Einzug der Reformation in Rostock dann zum Stillstand gebracht wurde, in erster Linie kirchlichen und schulpraktischen Zwecken diente. Nachweislich bestand die Werkstatt der Brüder noch bis in das Jahr 1542 hinein, ansonsten stand nach dem 1532 vom Rat erteilten Druck- und Verviel‐ fältigungsverbot die Bücherei der fratres den Stadtbewohnern offen. Bereits seit 1505 gab es in Rostock eine zweite Druckerei, die des seit 1480 an der Universität Rostock immatrikulierten Hermann Barckhusen.89 Der in westfäli‐ schen Warburg geborene Barckhusen, der ab 1500 als Rostocker Ratsschreiber und Notar tätig war, beschäftigte in seiner Privatdruckerei mehrere Setzer und Drucker, die er die Druckarbeiten ausführen ließ. So auch nacheinander Bernhard von dem Berge und Ludwig Dietz, der die Werkstatt 1512-1559 unter seinem Namen weiter‐ führte.90 Im Jahre 1514 kam eine weitere Offizin des aus Roßla in Thüringen stam‐ menden und in Erfurt studierten Dr. Nikolaus Marschalk, genannt Thurius, der be‐ reits in Erfurt (1501-1502) und Wittenberg (1502-1504), wo er als einer der ersten Universitätsprofessoren gelehrt hatte, für den Eigenbedarf eine Druckerei betrieb.91 Auch für Marschalk trifft zu, dass er lediglich Druckherr war. In Rostock druckte Marschalk, der ein bedeutender humanistischer Gelehrter war, vorwiegend seine ei‐ genen Schriften, jedoch gehörte zu seinem Druckprogramm neben den für die Uni‐ versität bestimmten Werken auch das erste Anatomiebuch des Mundinus (it. Mondi‐ no dei Luzzi). 88 Pettke, Der frühe Buchdruck in Rostock, S. 14. 89 Zur Privatpresse des Hermann Barckhusen und seinem Druckprogramm vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg, S. 63-91; Möhlmann, Druckerei von Hermann Barckhusen; Wiechmann, Drucke von Hermann Barckhusen; Hofmeister, Weitere Beiträge zur Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg, S. 192-206; von Radziewsky, Hermann Barckhusen; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 15-16; Händel, Der frühe Buchdruck in Rostock, S. 17-19; Grewolls, Barckhusen, Hermann. Für weiter‐ führende Literatur s. insbes. Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 793. 90 Vgl. Angaben bei Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 794-795. 91 Für weiterführende Informationen und Literatur vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 92-133; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regio‐ nalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 15-16; Händel, Der frühe Buchdruck in Rostock, S. 17-19; Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 794. 2 Vorüberlegungen 39 Mit dem in oberrheinischem Speyer, wo es mit Peter Drach dem Älteren bereits 1471 die erste Druckerei gab, gebürtigen Ludwig Dietz92 gab es in Rostock also den ersten Buchdrucker und Verleger, der diesen Beruf als Hauptberuf ausübte. Als einer der insgesamt vier Rostocker Buchdrucker wurde er und seine Druckerei am histori‐ schen Hopfenmarkt an der Ecke zur Eselföterstraße ziemlich schnell bekannt. Es war Ludwig Dietz, der die „schwarze Kunst“ der Stadt zur Blüte brachte. Der als ein jun‐ ger Mann nach Rostock gekommene Dietz gilt u. a. als Drucker und Verfasser des ‚Lübischen Rechts‘ von 1509, das allerdings noch in der Offizin des Hermann Barck‐ husen erschien. Als sein erster eigener Druck darf wohl der mit dem 6. März 1510 datierte und einem Druckvermerk versehene ‚Eyn schon spegel der christene men‐ schen‘ des Dietrich Coelde gelten. Nach seinem Noviziat im Kartäuserkloster Mari‐ enehe, wo er hauptsächlich Einblattdrucke für den Klostergebrauch anfertigte, er‐ schien am 23. Mai 1515 sein erster nach dem Klosteraufenthalt datierter Druck ‚Der sele rychtestych‘. Im Jahre 1529, nachdem seine Versuche, in Lübeck Fuß zu fassen und sesshaft zu werden, endgültig scheiterten, wurde Dietz Bürger der Stadt Ros‐ tock.93 Am 1. April 1534 noch vor der hochdeutschen Gesamtausgabe im September 1534 erschien bei Dietz in seiner Lübecker Zweigstelle die erste niederdeutsche Voll‐ bibel nach Martin Luthers Übersetzung, wegen der Herausgeberschaft des bedeuten‐ den norddeutschen Reformators Johannes Bugenhagen auch Bugenhagenbibel ge‐ nannt, die mit beachtenswert sorgfältig ausgearbeiteten Illustrationen von Erhard Alt‐ dorfer ausgestattet war.94 Es kann mit Sicherheit behauptet werden, dass dieser Druck Ludwig Dietz weit über den niederdeutschen Sprachraum berühmt machte. Das nächste bedeutendste Werk, der nach seinem Lübecker Aufenthalt seine Druckpresse verließ, war die ebenfalls mit den Holzschnittillustrationen des Schweriner Hofma‐ lers Altdorfer versehene ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe aus dem Jahre 1539, deren zweite Auflage bereits zehn Jahre später erschien. Neben Erhard Altdorfer arbeiteten der Holzschneider Melchior Schwarzenberg und der Meister MP für Dietz.95 In den Jahren 1548-1550 hielt sich Dietz auf Einladung des dänischen Königs Christian III. häufig in Kopenhagen auf, wo er 1550 die erste dänische Bibelübersetzung mit den Lettern und Holzschnitten der Lübecker Ausgabe von 1534 druckte.96 Am 25. April 1558 wurde Dietz, der sich vor allem auch durch seine Leistungen auf dem Gebiet 92 Zum Leben und Werk von Ludwig Dietz vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklen‐ burg bis zum Jahre 1540, S. 134-185; Möhlmann, Druckerei des Ludwig Dietz; Wiechmann, Dru‐ cke von Ludwig Dietz; Hofmeister, Ludwig Dietz; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, insbes. S. 16-20, 23; Pettke, Neuzuordnung von Drucken der Michaelisbrüder und der Offizin Ludwig Dietz; Lohmeier, Ludwig Dietz; Händel, Dietz, Ludwig; Pettke, Ludwig Dietz – zwei Anmerkungen zu Lebensweg und Druckwerken. Für weiterführende Angaben vgl. Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 794-795, jedoch insbes. Händel, Dietz, Ludwig, S. 93. Folgende biographische An‐ gaben vorwiegend nach Händel, Dietz, Ludwig. 93 Vgl. die Angaben bei Händel, Dietz, Ludwig, S. 90-91; Pettke, Ludwig Dietz – zwei Anmerkun‐ gen zu Lebensweg und Druckwesen, S. 113-114. 94 Astrid Händel bezeichnet den Meister MP fälschlicherweise als Meister PB. S. Händel, Dietz, Lud‐ wig, S. 91. 95 Vgl. Händel, Dietz, Ludwig, S. 92. 96 Vgl. Händel, Dietz, Ludwig, S. 92. Teil I Voruntersuchungen 40 des Buchschmucks verdient machte, zum ersten Universitätsbuchdrucker auf Lebens‐ zeit ernannt. Leider konnte sich Ludwig Dietz nicht lange seiner jährlichen Besol‐ dung und Bestallung erfreuen, weil er kurz darauf am 1. September 1559 starb. Mit dem Tod von Ludwig Dietz ging die Blüte der „schwarzen Kunst“ in Rostock zu En‐ de, wo ab nun der Buchdruck hauptsächlich durch die Universität ausgeübt wurde. Das Druckprogramm von Ludwig Dietz kann zurecht als ausgesprochen umfang‐ reich und vielseitig bezeichnet werden, denn zum einen verließen seine Druckpresse zwischen 1512-1559 insgesamt über 17597 niederdeutsche Drucke, was etwa ein Siebtel der niederdeutschen Gesamtproduktion von ihren Anfängen bis zum Jahre 1560 darstellt. Zum anderen gehörten zu seinem Publikationsangebot98 neben den unterhaltenden und naturwissenschaftlich belehrenden Schriften (Sachprosa, Kalen‐ der, Almanache, Theater- und Lotterieankündigungen) auch unterhaltende und religi‐ ös unterhaltende Werke (Belletristik, Legenden, Mariendichtung, weltliche und geist‐ liche Lieder). Zudem zählten zu seinem Druckprogramm amtliche Aufrufe, Land‐ tagsschreiben, Verträge, Kirchenordnungen und weitere gesetzliche und kirchliche Bestimmungen, aber auch Schriften zu ideologischen Grundfragen zunächst beider Glaubensrichtungen und später ausschließlich Druckerzeugnisse, die zur Verbreitung reformatorischer Ideen dienten. Zuletzt sind an dieser Stelle religiös belehrende Schriften und Bibelübertragungen ins Niederdeutsche und Dänische zu erwähnen, die die Kenntnis und Sorgfalt in der Ausübung seiner Kunst besonders betonen. 97 Mit den lateinischen Drucken zusammen insgesamt über 200 Drucke. Zum Vergleich: Die Brüder vom gemeinsamen Leben kommen im gesamten Zeitraum ihrer Tätigkeit in Rostock auf lediglich 17 niederdeutsche Drucke, was sicherlich auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass sie textsortenbe‐ dingt vor allem lateinische Texte gedruckt haben. Vgl. dazu Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 19; Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 795. 98 Weitere Angaben nach Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeut‐ schen Literatursprache, S. 17, 23. Zu einem unbekannten niederdeutschen Druck von Dietz vgl. auch Jügelt, „Von denen Academischen Güttern nichts zu verendern noch zu veralieniren“. 2 Vorüberlegungen 41 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) Strukturelle und kodikologische Beschreibung Bestand Von der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Auflage aus dem Jahre 1539 sind insge‐ samt 11 bzw. 12 Exemplare erhalten und zwei vollständige Kopien bzw. Fotokopien vorhanden. Nach Feststellung Menkes handelt es sich um verschiedene Pressdrucke bzw. Titelauflagen99 des Rostocker Tierepos: – SB Berlin, Preußischer Kulturbesitz: Sign. Y f 9711;100 – SUB Bremen: Sign. r ger 561.8 rey 0/539;101 – SUB Göttingen: Sign. 8 P GERM II, 1413 Rara;102 – SUB Hamburg: Sign. Scrin A/717;103 – UB Kiel: Sign. ND T 32 rei 018;104 – UB Leiden: Sign. 1213 A 19;105 3 3.1 3.1.1 99 Aus primär zeitlichen Gründen konnte im Rahmen des vorliegenden Projektes keine Sichtung und kein eingehender Vergleich aller erhaltenen Exemplare geleistet werden. Es wurden jedoch die bei‐ den unvollständigen Rostocker Exemplare, das Digitalisat, dem das Göttinger Exemplar zugrunde liegt, und das Digitalisat des Exemplars aus Tartu miteinander verglichen. Es konnte festgestellt werden, dass sich diese vier Drucke nicht voneinander unterscheiden bis auf die Signierung an einer Stelle: Im Exemplar der UB Rostock unter der Signatur Cf-8631.a fehlt die Signierung auf Bl. 15r. Im zweiten unvollständigen Exemplar der UB Rostock und dem Exemplar der SUB Göttingen steht Bv anstatt von B7, während im Exemplar der UB Tartu das entsprechende Blatt fehlt. Trotz umfangreicher Recherche konnte zudem das in der Bibliotheca Reinardiana verzeichnete Götebor‐ ger Exemplar des Druckes nicht nachgewiesen werden. Mein herzlicher Dank gilt an dieser Stelle Frau Kristina Sevo von der Universitätsbibliothek Göteborg, die meine Vermutung, dass sich, an‐ ders als von Menke angegeben, kein Exemplar des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ aus dem Jahre 1539 in den Beständen der Universitätsbibliothek Göteborg befindet, vor Ort überprüft und bestä‐ tigt hat. Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 100 Vollständiges Exemplar. Angaben nach dem Katalog der SB Berlin. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 101 Unvollständiges Exemplar. Bl. 1-8, 17 und 50 von Friedrich Prien nach dem Hamburger Exemplar ergänzt. Angaben nach dem Katalog der SUB Bremen. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281, allerdings mit der Sign. R ger 561.8 rei o/93. 102 Vollständiges Exemplar. Angaben nach dem Katalog der SUB Göttingen. Vgl. auch Menke, Biblio‐ theca Reinardiana. I, S. 281. 103 Vollständiges Exemplar. Angaben nach dem Katalog der SUB Hamburg. Vgl. auch Menke, Biblio‐ theca Reinardiana. I, S. 281. 104 Kopie nach dem Exemplar der SUB Göttingen. 105 Vollständiges Exemplar. Angaben nach dem Katalog der UB Leiden. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 43 – UB Marburg: Sign. 085 2 2014 / 00030;106 – UB Rostock: Sign. Cf-8631107, Cf-8631.a108; – UB Tartu: Sign. R XIV 1610;109 – Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel: Sign. A: 44.9. Poet;110 – Auktionskatalog G. Bassenge 1989, Nr. 2915;111 – Erfgoedbibliotheek Hendrik Conscience Antwerpen: Sign. 768025 [C2-633d];112 – Bibliothek Otto Schäfer Schweinfurt: Sigl. Swf 2.113 106 Fotokopie (wohl) nach dem Exemplar der SUB Bremen. Bl. 1-8, 17 und 50 von Friedrich Prien nach dem Hamburger Exemplar ergänzt. Angaben nach dem Katalog der UB Marburg. 107 Unvollständiges Exemplar, es fehlen Titelblatt, Bl. 2, 8, 9, 16, 19-23, 50, 131, 146, 151, 158, 197, 228, 259, 265-272; stark beschädigt sind Bl. 144, 145, 178-179, 182, 201-206. Hinten befindet sich ein Instandsetzungsschein der Restaurierungswerkstatt der Universitätsbibliothek Greifswald vom 05.12.1984, in dem der Zustand des Druckes und die erfolgte Behandlung beschrieben sind: „Zu‐ stand: Mechanische- und Wasserschäden, allgemeine Verschmutzung, einige Blätter fehlen, Ein‐ band in Fragmenten vorhanden. Behandlung: Numeriert, auseinandergenommen, trocken gereinigt, siedende Bäder Kaliumpermanganat- und Natriumhydrogensulfitbäder, Blätter mit Karboxymethyl‐ zellulose gefestigt, fehlende Stellen ergänzt, nach Seitenzahlen sortiert, geheftet, Kapital umstochen, Einband wurde unter Verwendung der Fragmente angefertigt, Einband mit Lederbalsam behandelt.“ Vgl. auch Angaben im Katalog der UB Rostock; Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 108 Unvollständiges Exemplar, es fehlen Titelblatt und Bl. 270-272; beschädigt sind Bl. 9, 145-146, 268-269. Dieses Exemplar kennzeichnet sich u. a. durch zahlreiche Unterstreichungen und Durch‐ streichungen in brauner Tinte, Vermerke und Kommentare in brauner und dunkler Tinte sowie in Bleistift. Vgl. zudem Angaben im Katalog der UB Rostock; Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 109 Unvollständiges Exemplar, es fehlen Bl. 8, 15, 20-21, 24, 27, 29, 32-33, 41, 44, 50-51, 78, 83, 92, 144-146, 148, 172, 189, 201. Bl. 149 ist falsch zwischen Bl. 152 und Bl. 153 eingebunden. Im Jah‐ re 2013 wurde diese Ausgabe an der Universitätsbibliothek Tartu digitalisiert und OCR-konvertiert. Das Digitalisat und die OCR-Datei können unter dem folgenden Link eingesehen und im PDF-For‐ mat heruntergeladen werden: URL: [Letzter Zugriff am 21.10.2017]. Aufgrund von Divergenzen zwischen dem Katalog der UB Tartu und dem Digitalisat des Exemplars der UB Tartu Angaben nach dem gesichteten Digitalisat. Vgl. auch Menke, Biblio‐ theca Reinardiana. I, S. 281. 110 Unvollständiges Exemplar. Die fehlenden Bl. 1 = Titelblatt sowie Bl. 9, 16, 24, 28, 29, 75, 78, 102, 131, 203, 257-272 und das beschädigte Bl. 34 wurden durch Fotokopien ersetzt = 69 Bl. in Mappe. Angaben nach dem Katalog HAB Wolfenbüttel. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 111 Dieses Exemplar konnte trotz sorgfältiger Recherche aktuell nicht nachgewiesen werden. Angaben nach Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 112 Hierbei handelt es sich um ein bislang nicht erfasstes vollständiges Exemplar des Rostocker Dru‐ ckes, das im Rahmen der Recherchen zum vorliegenden Dissertationsprojekt entdeckt wurde. Für die hilfreiche Auskunft und die detaillierte Beschreibung des Antwerpener Druckexemplars danke ich an dieser Stelle den Bibliotheksmitarbeitern der Erfgoedbibliotheek Hendrik Conscience Ant‐ werpen Frau Hilde Laenen und Herrn Steven Van Impe. Nach Angaben von Steven Van Impe ist das Exemplar recht gut erhalten, beim Bl. G j war jedoch der untere Teil abgerissen und wurde wohl im 16. Jahrhundert mit einem Stück Papier ergänzt und von einem Zeitgenossen handschrift‐ lich vervollständigt. Des Weiteren fallen bei diesem Exemplar zahlreiche Unterstreichungen auf. Zudem wurden einige Holzschnittillustrationen in brauner Tinte zensiert. Auf den Vorsatzblättern finden sich einige größere Einträge, die unter anderem Provenienzvermerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert, aber auch früher enthalten. Das Buch scheint vom Sammler und Bibliographen John Landwehr neu gebunden zu sein. 113 Das Museum und die Bibliothek Otto Schäfer Schweinfurt verfügen leider über keinen eigenen OPAC- Katalog. Die Buchbestände lassen sich zwar teilweise im gemeinsamen Katalog des Bibliotheks‐ Teil I Voruntersuchungen 44 Textaufbau Das Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ ist genauso wie seine Lübecker Vor‐ lage114 in vier Bücher ungleichen Umfangs eingeteilt, wobei die Bücher jeweils in 39, 9, 14 und 13 Kapiteln unterteilt sind.115 Der Rostocker Druck scheint jedoch be‐ wusster als seine Vorlage konzipiert worden zu sein, was sich in seiner gesamten Aufmachung und der Druckeinrichtung widerspiegelt. Dem Titelblatt116 der Rostocker Ausgabe folgen zwei dem Gesamttext vorange‐ stellte Vorreden in Prosa – „Vorrede thom Leser“ und „Eyn ander vorrede thom vor‐ stande desses Bokes seer denstlick“ – sowie eine Liste der Tiernamen. Hinzu kom‐ men die Vorreden zu den jeweiligen Büchern, die mit „Argument[um] vnd [j]nholdt des Ersten [etc., S. T.] [B]okes“ eingeleitet werden. Die Einführung in das zweite Buch bildet neben dem „Argument vnd jnholdt des andern Bokes“ die „Vorrede des II. Bokes“ einschließlich einer längeren Ausführung „Van der Hauetucht“ des Eras‐ mus von Rotterdam. Jedes Kapitel verfügt über eine Überschrift, eine kleine inhaltli‐ che Zusammenfassung und einen umfangreichen Prosakommentar mit Ausnahme des ersten Kapitels des ersten Buches, dem „Jnholdt vnd gemeine bericht desses bokes“ angeschlossen wird, und des dritten Kapitels des vierten Buches, das zusammen mit dem nachfolgenden vierten Kapitel desselben Buches in Anschluss an das vierte Ka‐ pitel erläutert wird. Der letzten Glosse zum 13. und letzten Kapitel des Buches über den Fuchs Reynke folgt das Nachwort „Beslut vnd Affrede. Thom Leser“. Das Buch schließt mit einem Kolophon mit einem Druckervermerk.117 Im Anschluss an das oben Gesagte kann festgehalten werden, dass der versifi‐ zierte Erzähltext und die Kapitelglossen zu den kardinalen Textelementen gehören. Titel, Untertitel, Kapitel- und Buchüberschriften, Vorreden, Vorworte und Nachwort, einleitende Worte bzw. Kurzzusammenfassungen der Kapitel lassen sich neben den Kapitel- und Blattnummerierungen dagegen unter dem Begriff des Paratextes zusam‐ mengefassen.118 Zusätzlich zu den oben gemachten Angaben darf an dieser Stelle be‐ tont werden, dass sowohl der versifizierte Erzähltext als auch der Kommentarteil durch weitere kleinere Randglossenkommentare (Marginalien)119 unterschiedlichen Umfangs begleitet wird, die entweder kurze Zusammenfassungen oder Erläuterungen 3.1.2 verbundes Bayern und Berlin-Brandenburg sowie in anderen Datenbanken nachweisen, es finden sich dort jedoch keine Informationen zur Vollständigkeit oder Nichtvollständigkeit des Schweinfurter ‚Reynke Vosz de olde‘-Exemplars. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 114 Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 268. 115 Vgl. dazu auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 280; Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Ros‐ tock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century, S. 185; Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neu‐ übersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 371-372. 116 Vgl. Kap. 3.1.3 Titelblatt. 117 Vgl. Kap. 3.1.4 Kolophon. 118 Vgl. Genette, Paratexte. 119 Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century, S. 185; Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 372. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 45 der entsprechenden Textpassage darstellen oder den Erzähltext bzw. den Text der Glosse mit Sprichwörtern, formelhaften Redewendungen aus dem Volksmund und Autoritätensprüchen in niederdeutscher wie lateinischer Sprache sowie in Bibelver‐ weisen anderweitig vervollständigen. Die zahlreichen Randglossen und die Glossen‐ kommentare120, die als Metatexte die Texterfassung erleichtern und dessen Interpre‐ tation lenken, fungieren zwar als ein integraler Bestandteil des ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘, weisen jedoch auch eine gewisse graphische, semantische und strukturelle Ei‐ genständigkeit auf, die sich auch in der technischen Einrichtung des Textes nieder‐ schlägt.121 Als eine weitere Besonderheit der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe sind die in den Prosakommentar inkorporierten längeren Zitate sowie zur Veran‐ schaulichung des Textes eingebaute und interpretierte antike Fabeln zu nennen. Diese fungieren erklärend als Stützelement und tragen somit zum besseren Verständnis der im Erzähltext stattfindenden Ereignisse bei. Des Weiteren verleihen sie dem Text ein besonders lebhaftes Flair, mehr noch, sie bereichern ihn mit dem dem Leser aller Wahrscheinlichkeit nach bekannten Hintergrundwissen, was wiederum die allgemei‐ ne Lesbarkeit verbessert und die Textauffassung erleichtert. Die aufgebauten literari‐ schen Brücken unterstützen den didaktisch-paränetischen Erbauungscharakter der jüngeren Glosse122, deren Zielsetzung auf Bl. 1v wie folgt erläutert wird: Van Reyneken dem Vosse / syner mennichuoldigen lyst vnnd behendicheyt / eyne schone vnd nuͤtte Fabel / vull wyszheit vnd guder Exempel. Daryn vast aller menschen we= sent / handel / vntruwe / lyst / geswin= dicheit / nydt vnd hat / Figurert vñ angethoͤget werth.123 120 Ein erster Klassifizierungsversuch der Randglossenbeiträge im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird unter‐ nommen in: Цапаева, Маргинальное глоссирование в средненижненемецком животном эпосе «Рейнке лис» (Росток, 1539 г.). Попытка классификации. Zu den Funktionen der Margi‐ nalglossen und des Prosakommentars im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. auch Цапаева, Маргинальное и поглавное глоссирование в средневековой литературе: метатекст как связующее звено между читателем и автором. Vgl. zudem Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century, S. 185. 121 Vgl. Kap. 3.1.6 Typographie. 122 Vgl. dazu auch Tsapaeva, Zur textuellen und metatextuellen Umsetzung didaktischer Intentionen im „Reynke Vosz de olde“. 123 [= Eine nützliche Geschichte voller Weisheit und guter Beispiele von Reineke dem Fuchs, seiner mannigfaltigen List und Klugheit, in der das Wesen, die Handlungsweisen, die Untreue, die List, die Tücke, der Neid und der Hass nahezu aller Menschen versinnbildlicht und dargestellt werden.]. Reynke Vosz de olde, Bl. 1v. Teil I Voruntersuchungen 46 Titelblatt Auf Bl. 1r befindet sich die breite fein ausgearbeitete Titeleinfassung von Erhard Alt‐ dorfer124, die links und rechts von zwei gotischen Säulen mit Blütenkapitell einge‐ rahmt ist. Die beiden Säulen tragen einen Spitzgiebel, unter dem der Fuchs liegt. Rechts und links des Giebels ist jeweils eine Putte dargestellt. Die Putte rechts ist oh‐ ne Flügel gezeichnet, sie hält in der Hand eine Posaune und schaut weg vom Be‐ trachter. Die Putte links ist mit Flügeln, aber ohne Gegenstände dargestellt, sie hält sich mit einer Hand am Giebeldach fest und schaut nach unten zum Titel. Hinter den Säulen erkennt man jeweils eine musizierende Gestalt mit einem Musikinstrument, die beide einen Fuchsschwanz auf dem Kopf tragen. Bei der linken Gestalt handelt es sich um eine nackte männliche allegorische Figur mit einer Bassgeige, rechts findet sich eine spärlich bekleidete weibliche allegorische Figur mit einer Leier. Hinzu kommen fünf weitere männliche Figuren – Vertreter verschiedener Stände –, die un‐ terhalb des Buchmottos und des Buchtitels in einer Zeltbude abgebildet sind. Direkt in der Mitte wird ein Krämer mit einem Spitzhut auf dem Kopf beim Verkauf von Fuchsschwänzen und Spitzhüten gezeigt. Seine Kundschaft bilden von links nach rechts zwei kostbar bekleidete Edelherren, ein Kaufmann und ein einfacher Bauer. Das dem Titel vorangestellte Buchmotto innerhalb des Holzschnittrahmens spricht das Thema der Verdorbenheit der Welt an und lautet: De Warheyt my gantz fremde ys / De Truwe gar seltzen / dat ys gewisz.125 Hierbei handelt es sich nachweislich um ein fast wörtliches und zudem orthogra‐ phisch angepasstes Zitat aus der ebenfalls von Ludwig Dietz angefertigten und in Rostock erschienenen niederdeutschen ‚Dat nye schip van Narragonien‘-Ausgabe aus dem Jahre 1519126, die als einer der Prätexte für die jüngere Glosse zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ gilt.127 Unterhalb des Mottos steht der Titel des Buches, der bereits auf den Umstand hin‐ weist, dass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ eine Neuauflage des Tierepos und keine Erstausgabe im engeren Sinne darstellt: Reynke Vosz de olde / nyge gedruͤcket [Hervorhebung S. T.].128 Aufgrund der fehlenden Textzeugen kann keine konkrete Aussage über die direkte Vorlage des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes von Ludwig Dietz getroffen werden. Es kann jedoch mit Sicherheit behauptet werden, dass die erste niederdeutsche, in der Lübecker Mohnkopf-Offizin erschienene ‚Reyn‐ 3.1.3 124 Zu den Holzschnitten im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck vgl. Kap. 3.1.7 Holzschnittillus‐ trationen. Weiterführende Literatur zu Erhard Altdorfer vgl. ebd. 125 [= Die Wahrheit ist mir ganz fremd, die Treue gar selten. Das ist gewiss.] 126 ‚Dat nye schip van Narragonien‘, Bl. 31r: De waͤrheyt my gar froͤmde ys, | De truwe gar selsen, dat ys wyß. Diese Stelle findet sich im selben Wortlaut bereits in der Lübecker Vorlage aus dem Jahre 1497: De warheyt my ghar vromde is | De truwe ghar selsen. dat is wys. Vgl. ‚Dat narren schyp‘, Bl. 41r. 127 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de vos, S. XXII. 128 Der Zusatz nyge gedruͤcket könnte möglicherweise auch als Versuch einer Aufwertung des Druckes durch den Verweis auf einen bekannten Vorgänger interpretiert werden. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 47 ke de vos‘-Ausgabe aus dem Jahre 1498, die ihrerseits eine bearbeitende Neuausgabe eines niederländischen Tierepos vom Fuchs Reineke darstellt, eine bedeutende Rolle als Grundlage für den Dietzschen Druck gespielt hat. Mehr oder minder direkt be‐ zeugt sind weitere Nachdrucke des Lübecker Textes aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts,129 auf dem möglicherweise der ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck von 1539 basiert. Beim ersten wahrscheinlich nur unwesentlich veränderten Nachdruck der Lübecker Inkunabel handelt es sich um den ‚Reyneke Voss‘-Druck aus dem Jahre 1510, wohl angefertigt von Hermann Barckhusen in Rostock. Dieser verschollene Druck ist in ei‐ nem Brief desselbigen an den Herzog Heinrich von Mecklenburg bezeugt. In diesem Brief vom 24. Juli 1510 schlägt Barckhusen dem Herzog zum einen den Druck einer „dutzschen Chroniken“ vor, zum anderen legt er zwecks Auswahl der Typen ein „dutzsch halsgerichte“, also die von ihm übersetzte und bearbeitete Ausgabe der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘, sowie „eyn ander boek von schympliken reden vnd schwengken, Reyneke Voss genompt“ bei.130 Hubertus Menke vermutet, dass dieser Druck mit Typen des Steffen Arndes in Lübeck angefertigt sein konnte. Des Weiteren führt Menke aus, dass „[d]ieser Zwischendruck […] notwendigerweise anzunehmen [ist] aufgrund der gemeinsamen Abweichungen der Rostocker Drucke von 1517 und 1539 gegenüber der Lübecker Inkunabel einerseits und der Übereinstimmung der Reynke-Drucke von 1498 und 1539 gegenüber dem Druck von 1517 andererseits“.131 Aus dem Jahre 1517 ist außerdem ein weiterer ‚Uan Reyneken dem vosse‘-Druck bezeugt, der nach der nicht verifizierten Feststellung von BC I, Nr. 603 mit Typen des Steffen Arndes in Lübeck gedruckt sein muss. Sein vollständiger Titel lautet: Uan Reyneken dem vosse vnde dessulften mennichuoldyger lyst myt anghehengedem̃ sedelikem̃ synne vnde ve ler guden lere Eyn hoͤuesch kortwylich lesent132 Zwar stellt Menke in seiner Bibliotheca Reinardiana die Frage auf, ob dieser Druck im Quartformat, der insgesamt 170 ungezählte Blätter umfasst und mit 1 + 29 Holzschnit‐ ten133 versehen ist, nicht möglicherweise von Hermann Barckhusen oder womöglich bereits von Ludwig Dietz angefertigt worden sein konnte, verweist aber auf die Aus‐ 129 Nachfolgende Angaben größtenteils nach Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 273-275. 130 Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 72-74. 131 Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 273. Bibl. Nachweis: BC I, Nr. 477. Vgl. auch Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatorischen Lehre, S. 260f.; Vedder, Die Illustrationen in den frühen Drucken des Reynke de vos, S. 224; Heselhaus, Der Rostocker ‚Reyneke Voss‘ von 1510 und seine Bedeutung innerhalb der niederdeutschen Reynke-Tradition des 16. Jahrhunderts, S. 31-53. 132 Zitiert nach Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 273. Das einzige erhaltene Exemplar des Rosto‐ cker ‚Uan Reyneken dem vosse‘-Druckes von 1517 wird in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden unter der Signatur S. B. 1110 aufbewahrt. 133 Bei den Holzschnitten der ‚Uan Reyneken dem vosse‘-Ausgabe handelt es sich um freie Nachschnitte der Holzschnittserie der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe von 1498. Von den 1 + 29 Holzschnitten der Ausgabe von 1517 sind insgesamt zwei Holzschnittillustrationen neu, davon das Titelblattholz‐ schnitt und die Holzschnittillustration auf Bl. B 4r. Von 29 Holzschnitten im Buchinneren sind 9 Wie‐ derholungen. Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. Teil I Voruntersuchungen 48 kunft des Direktors der Forschungsbibliothek Gotha Dr. Helmut Claus134 und beant‐ wortet die Frage selber mit der bereits von Wiechmann135 formulierten Vermutung, dass es sich wohl um einen sonst unbekannten Wanderdrucker gehandelt haben muss. Zuletzt sei an dieser Stelle die bislang nicht direkt nachgewiesene Ausgabe aus dem Jahre 1522 erwähnt, die eine mögliche Vorlage für den ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck von 1539 sein könnte und wahrscheinlich bereits von Ludwig Dietz angefertigt wurde. Diese ist in der Vorrede zum Magdeburger Tierepos ‚Froschmeuseler‘ von Georg Rol‐ lenhagen aus dem Jahre 1595 erwähnt.136 Auch Friedrich August Hackmann erwähnt diese Ausgabe137 in seinem ‚Programma de morali apologo poetico‘ neben den beiden späteren ‚Reynke Vosz de olde‘-Drucken von 1539 und 1548 (= 1549) und äußert sich gleichzeitig zur Eleganz der verwendeten Drucktypen im Vergleich zur Lübecker ‚Reynke de vos‘-Inkunabel.138 Ich stimme Friedrich Prien in seiner Hypothese zu, dass es sich wohl um eine Verwechslung der Ausgabe und einer Verlesung der Jahresangabe MDXXII statt MDXVII handeln muss, d. h. es geht wahrscheinlich um die ‚Uan Reyneken dem vosse‘-Ausgabe von 1517.139 Der vollständige Titel der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe (1539) lautet: Reynke Vosz de olde / ny= ge gedruͤcket / mit sidlikem vorstande vnd schonen figu= ren / erluͤchtet vñ vorbetert. Anschließend an den Buchtitel erscheint der Druckervermerk, der den Druckort, den Drucker und das Jahr, in dem der Druck fertig gesetzt wurde, nennt und mit dem Kolophon140 korrespondiert: 141Jn der lauelyken Stadt Roz=142 stock / by Ludowich Dyetz gedrucket. M.D.XXXiX. 134 „[D]ie Drucktypen [sind] jedoch weder für St. Arndes und L. Dietz noch für einen anderen Drucker sicher nachgewiesen“. Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. 135 Wiechmann, Meklenburgs altsächsische Literatur. I, S. 43. 136 „[E]r (Nikolaus Baumann, Verf.) hat … den Reinicken Fuchs, …, weißlich beschrieben, vnd dem Buchdrucker zu Rostock, Ludowigen Ditzen, … verehret. Derselbig hat die Glossen auß andern Reimbuͤchern dazu gesetzt, vnnd jhm damit, im Jahr 1522. als wenns zuvor ein altes Welsch vnnd Frantzoͤsisch gemacht worden, in Druck gegeben“. Zitiert nach Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. 137 Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 3r. 138 Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 3v. Vgl. dazu auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 275. 139 Vgl. Prien, Reinke de vos, S. XXVIIf. Für weiterführende Literatur vgl. Menke, Bibliotheca Reinardi‐ ana. I, S. 275. 140 Vgl. Kap. 3.1.4 Kolophon. 141 Verzierung in Form eines Blattes. 142 Verzierung in Form eines Blattes. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 49 Kolophon Nach den Worten Vnd ein vorstendyger schal ste= des mit wyszheyt vmmeghan. Dan de mennichfoldicheyt der kunst / vorluͤchtet des mynschen vorstandt / gelick alse de Sonne / des Vuͤres143, mit denen das Nachwort „Beslut vnd Affrede. Thom Leser“ schließt, fährt der Text mit einer Ankündigung eines neuen Buches fort: Vnd jnn den ende / wyl ick / guͤnstiger Leser / dath Boͤck Plutarchi / van dem Gemeinen besten / jn Sassyscher sprake / dy tho nuͤtte / vppet baldeste / ock vorfer= dygen. Vnd ytzundt dem Allmechtigen (welckerem sy ewich loff / Eere vnd prysz) dy hyrmit beualen hebben.144 Diese Zeilen müssen wohl direkt von Ludwig Dietz als Herausgeber stammen. Sie können jedoch kaum als alleiniger Beweis dafür gelten, dass er persönlich auch den gesamten Text bearbeitet oder die jüngere Glosse verfasst hat.145 Es folgt ein beinahe halbseitiges Metallschnitt-Bücherzeichen des Ludwig Dietz, das zwei Löwen vor einer üppigen Weinrebe zeigt, die einen Wappenschild mit dem Druckerzeichen und den Nameninitialen Ld mit ihren Pfoten halten. Darunter befin‐ det sich ein Schriftband mit dem Namen des Druckers L. dIETZ. Der Rest des Kolophons folgt dem Bücherzeichen in folgender Form: Jn der lauelyken Stadt Roz= stock / by Ludowich Dyetz gedruckt. Na der gebordt Christi vnses Heren. Dusent Vyff hundert negen vnd doͤrtich Am ersten dage. Octobris.146 Bl. 272v ist leer. Beschreibstoff, Format, Kollation Die auf Papier gedruckte Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe im Hochformat hat folgende Maße: ca. 20 x 16 x 6 cm. Der Druck umfasst insgesamt 272 römisch gezählte Blätter im Quartformat (4°), von der Bogenzählung erweckt er jedoch den Eindruck eines Oktavs (8°). Die kaum zu erkennenden Stegrippen (Wasserlinien) verlaufen in einem Abstand von ca. 2,8 cm waagerecht rechtwinklig zu den eng lie‐ 3.1.4 3.1.5 143 Bl. 271v-272r. 144 Bl. 272r. 145 Schafferus schreibt diesen und noch zwei weitere in erster Person formulierte Sätze dagegen dem jüngeren Glossator zu. Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 14f. 146 Bl. 272r. Teil I Voruntersuchungen 50 genden Längsrippen, die in einem Abstand von ca. 1-2 mm voneinander liegen, und untermauern somit die Zuordnung als Quart (4°).147 Der Gesamtumfang von 272 Blättern ergibt sich aus den insgesamt 34 Lagen von jeweils 8 Blättern. Die Blatt‐ maße betragen ca. 19,1 x 15 cm. Der Satzspiegel liegt zwischen ca. 15,6 bis 16,9 x 10,2 bis 13 cm. Die Zahl der Zeilen der Vorreden beträgt zwischen 31 und 33 Zeilen, die Zahl der Zeilen des eigentlichen Textteils (Tierepos) liegt bei maximal 28 Zeilen pro Seite, die des Glossenkommentars entsprechend bis maximal 33 Zeilen pro Seite. Die Signierung der Reihenfolge der Bogen innerhalb der Lagen läuft wie folgt: A8- Z8, Aa8-Ll8. Für die Signierung werden gotische Buchstaben (Fraktur, 16. Jahrhun‐ dert) ohne Abweichung vom Normalalphabet mit 23 Buchstaben mit dem Prinzip der römischen Zahlen kombiniert, wobei der erste Durchlauf der alphabetischen Lagen‐ zählung Großbuchstaben148 und der zweite Durchlauf eine Kombination aus Großund Kleinbuchstaben149 verwendet. Die Buchstaben bzw. Buchstabenkombinationen dienen zur Kennzeichnung der Reihenfolge der Lagen, während die Anzahl der Buchstaben von j über ij, iij, iiij bis v als Ziffern die Bogen kennzeichnet. Die drei letzten Bogen einer Lage bleiben im Druck stets unsigniert. Es sind insgesamt drei Fehlsignierungen im ersten Durchlauf festzustellen: A7 ist mit Av signiert, Bij statt Biij, B7 ist mit Bv signiert.150 Die Signatur befindet sich innerhalb des Satzspiegels direkt unterhalb des laufenden Textes ca. 5 bzw. 6 cm vom rechten unteren Eck ein‐ gerückt. Zusätzlich finden sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ zahlreiche Seitenkustoden, die entweder die Anfangssilbe des ersten Wortes (z. B. stan Bl. 2v), das erste Wort (z. B. erkant Bl. 2r) oder die beiden ersten Wörter (z. B. Ock gar Bl. 10v) der Folge‐ seite wiedergeben. Die Kustoden, die einen richtigen Textanschluss ermöglichen und neben der Bogensignatur und Blattangabe zu den Ordnungshilfen beim Kollationie‐ ren gehören, finden sich in der rechten unteren Ecke insbesondere der Versoseite. Die Blätter sind stets recto ca. 3 bis 4 cm vom rechten oberen Eck eingerückt durchnum‐ meriert. Insgesamt sind drei Fehlfoliierungen festzustellen: CXV statt XCV, LXVII statt CLXVII, CCLIXX statt CCLXX.151 Ebenfalls auf der Rectoseite oben zentriert stehen die Kapitelzahlen.152 Die Kapitel des ersten Buches werden bis Kapitel 10 in Worten ausgeschrieben, ab Kapitel 10 erfolgen die Kapitelangaben mithilfe römi‐ scher Zahlen. Die Kapitel des zweiten Buches werden bereits ab Kapitel 3 mit römi‐ schen Zahlen gekennzeichnet, während im dritten Buch nur das 13. und 14. Kapitel 147 Bei einem Oktav (8°) verlaufen die Wasserlinien senkrecht. Vgl. hierzu Weismann, Die Beschrei‐ bung und Verzeichnung alter Drucke, S. 564, Tafel VI a: Die wichtigsten Bogenformate (I). 148 Die alphabetische Reihenfolge im ersten Durchlauf sieht folgendermaßen aus: A, B, C, D, E, F, G, H, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T, V, X, Y, Z. 149 Die alphabetische Reihenfolge im zweiten Durchlauf sieht folgendermaßen aus: Aa, Bb, Cc, Dd, Ee, Ff, Gg, Hh, Ji, Kk, Ll. 150 Im Exemplar der UB Rostock unter der Signatur Cf-8631.a fehlt die (Fehl-)Signierung von Bl. B7. Es handelt sich hierbei um eine Presskorrektur. 151 Das Exemplar der SUB Hamburg weicht von den von Prien gemachten Angaben zum Exemplar im Bestand der UB Bremen. Hierbei handelt es sich offensichtlich um Presskorrekturen. Vgl. hierzu Prien, Reinke de vos, S. XXIX ff.; Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 152 Auf folgenden Seiten konnten Fehlangaben bei Kapitelangaben festgestellt werden: Bl. 9r, 12r, 84r, 90r, 100r, 107r, 110r, 111r, 125r, 144r, 149r, 164r, 165r, 166r, 178r, 193r, 224r, (226r), 262r, 272r. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 51 durchgehend nicht ausgeschrieben werden und die Kapitel 4-12 teils römische Kenn‐ zeichnung, teils Wortkennzeichnung aufweisen. Die Kapitel des vierten Buches wer‐ den ab Kapitel 2 durchgehend mit Zahlen gekennzeichnet. Zwischen der Kapitelan‐ gabe und dem eigentlichen Text ist ein Durchschuss von ca. 2-3 mm zu verzeichnen. Auf der Versoseite werden oben zentriert die Angaben zum Buch gemacht; diese sind stets in Worten ausgeschrieben: Vorrede, Dat erste Bock, Dat Ander Bock, Dat Druͤdde Bock, Das veerde Bock. Die Schreibung der jeweiligen Angaben variiert be‐ züglich der Groß- bzw. Kleinschreibung und der Interpunktion, es sind insgesamt vier Druckfehler festzuhalten: Dat erste Capitel statt Dat erste Bock, Bl. 11v, Dat An‐ der Bock statt Dat erste Bock auf Bl. 14v, Dat erste Bock statt Dat Ander Bock bzw. Erasmus Roterodamus auf Bl. 127v, Dat ander Bock statt zu erwartender Angabe Erasmus Roterodamus auf Bl. 130v, Dat Drudde Bock statt Dat veerde Bock auf Bl. 224v. Zwischen der Buchangabe und dem eigentlichen Text findet sich genauso wie bei den Kapitelangaben ein kleiner Durchschuss von max. 3 mm. Typographie Der Text zeigt durchgängig den Gebrauch der schwarzen Druckfarbe. Es lassen sich weder farbige Rubrizierungen noch typographischer Farbendruck festhalten, für das Titelblatt lässt sich jedoch eine Colorierung einzelner Elemente vermuten. Leider lässt es sich nicht eindeutig feststellen, um welche Farben153 es sich handelt, da diese stark verblasst sind.154 Trotz einer recht einheitlichen Druckgestaltung und einer gu‐ ten Lesbarkeit, die auf der Hand liegen, fällt der Gebrauch verschiedener Drucktypen in mehreren Schriftgraden auf. Bei genauer Betrachtung zeigt sich eine Typenmi‐ schung auf der Letternebene sowohl für den Verstext als auch für die Kapitelglossen, Marginalien und teilweise sogar für die Überschriften.155 Als Grundschrift des Vers‐ textes finden zum einen die neuere gotische Frakturtype156 von Ludwig Dietz157 Ver‐ 3.1.6 153 Vermutlich rot. 154 Zu diesem Zweck würde sich eine eingehende, aufwendige chemisch-physikalische Analyse von verwendeten Druckfarben und Colorationen anbieten, die sicherlich auch einen wertvollen Beitrag zur Datierung der einzelnen überlieferten ‚Reynke Vosz de olde‘-Exemplare und insgesamt zum Druckvorgang in der Offizin des Ludwig Dietz liefern würde. 155 Einführend zur Entwicklung der Schriften und Buchschriften (einschließlich Buchdruck) im Mittel‐ alter und der Frühen Neuzeit vgl. Ernesti, Die Wol-eingerichtete Buchdruckerey; Weismann, Die Beschreibung und Verzeichnung alter Drucke; Mazal, Paläographie und Paläotypie; Kapr, Frak‐ tur; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch; Beck / Beck, Die Lateinische Schrift. 156 Davor hat Dietz mit den Lettern von Hermann Barckhusen gedruckt. Vgl. hierzu Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, S. 136 sowie insbes. Tab. IV, Nr. 1b. Zur Renaissance-Fraktur vgl. auch Weismann, Die Beschreibung und Verzeichnung alter Drucke, S. 559, Tafel I: Die wichtigsten Druckschriften; Beck / Beck, Die Lateinische Schrift, insbes. S. 344-345, Abb. 113. 157 Zu den von Ludwig Dietz verwendeten Drucktypen vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, S. 136, 143, 151-152, 162-163 sowie Tab. IV im Anhang; Wiechmann, Meklenburgs altniedersächsische Literatur, S. VIIf. und Anhang: Lettern von Ludwig Dietz zu Rostock. Teil I Voruntersuchungen 52 wendung, die dieser in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts besorgt haben soll, zum anderen aber auch die älteren Typen158 von Hermann Barckhusen; es lassen sich zu‐ dem charakteristische Merkmale der oberrheinischen Drucktype159, aber auch der spätgotischen Druckbastarda160 und der Schwabacher Schrift161 erkennen. Dieselbe Typenmischung162 mittleren Grades wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ anteilig auch bei den Glossenüberschriften verwendet. Für die Kapitelmottos und als Grundschrift der Kapitelglossen wird ebenfalls eine Typenmischung verwendet, allerdings in einer kleineren Ausführung. Für die Marginalien in niederdeutscher Sprache findet sowohl die neue Dietzsche Fraktur-Drucktype des kleinsten Grades als auch die alte Druck‐ typenpalette von Barckhusen und Druckbastarda Verwendung, zudem wird die im 16. Jahrhundert immer noch beliebte charaktervolle kleine Schwabacher verwendet. Marginalien in lateinischer Sprache unterscheiden sich im ersten Buch in ihrer Form nicht von den niederdeutschen Randglossen, ab dem zweiten Buch werden sie dage‐ gen mit Antiqua gedruckt. Das Druckbild zeigt hier plötzlich die Verwendung der ve‐ nezianischen Renaissance-Antiqua-Minuskel und der Renaissance-Antiqua-Majus‐ kel.163 Interessanterweise wechselt Dietz im vierten Buch erneut und entscheidet sich für die an Textura angelehnte ältere Druckrotunda164 als Type zur Kenntlichmachung lateinischer Passagen in den Randglossen.165 Für Überschriften (einschließlich Teil des Titels), Kapitelangaben und -überschriften, Buchangaben und ähnliche Auszeich‐ nungen wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ die etwas abgerundete Textura-Type verwen‐ det. Eine weitere Auszeichnungstype, die ausschließlich auf dem Titelblatt (zit.: Reynke | Vosz de olde [Hervorhebung S. T.]) vorkommt, lässt sich eindeutig als Tex‐ tura identifizieren.166 Schließlich werden größere Missallettern167 in schwarzer Farbe 158 Vgl. hierzu insbes. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, S. 136 und Tab. II, Nr. 2b. 159 Vgl. hierzu Mazal, Paläographie und Paläotypie, Abb. 96, 97, 99; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch, 183. 160 Vgl. u. a. Beck / Beck, Die Lateinische Schrift, S. 304-305, Abb. 94. 161 Einige Beispiele für die Verwendung einer ähnlichen Schwabacher Schrift finden sich bei Weis‐ mann, Die Beschreibung und Verzeichnung alter Drucke, S. 559, Tafel I: Die wichtigsten Druck‐ schriften; Mazal, Paläographie und Paläotypie, Abb. 101, 102; Kapr, Fraktur, insbes. S. 22, 148-149; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch, S. 183. 162 Es kann festgehalten werden, dass die meisten Lettern von Ludwig Dietz ursprünglich aus dem süd‐ deutschen und südwestdeutschen Raum kommen (v. a. Straßburg, Augsburg, Basel etc.). 163 Vgl. u. a. Mazal, Paläographie und Paläotypie, Abb. 122, 123, 124, 135; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch, S. 144, 155. 164 Vgl. Mazal, Paläographie und Paläotypie, Abb. 135; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch, S. 155. 165 Eine solche Typenmischung und v. a. ihre auffällige Aufteilung nach Buch legen die Vermutung na‐ he, dass es im Druckvorgang des ‚Reynke Vosz de olde‘ mehrere (möglicherweise sogar längere) Unterbrechungen gegeben haben könnte. Zudem kann in erster Annäherung angenommen werden, dass Ludwig Dietz die neuen Lettern während des Herstellungsprozesses des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ erworben und diese direkt in den Druck eingebettet hatte. Eine eingehende Analyse des Zeichenbestandes und eine genauere Aufstellung der einzelnen Typen zwecks Rekonstruktion des Dietzschen Typenbestandes kann an dieser Stelle nicht geleistet werden. 166 Vgl. Beck / Beck, Die Lateinische Schrift, S. 548-549, Abb. 212. 167 Wiechmann geht auf diese in seiner Beschreibung des ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes bemerkens‐ werterweise nicht ein, vgl. Wiechmann, Meklenburgs altniedersächsische Literatur, S. 177. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 53 für die Initialen am Kapitel-, Glossen- oder Abschnittsanfang eingesetzt, die sich so‐ wohl in ihrer Aufmachung als auch in ihrer Größe voneinander unterscheiden und abhängig von ihrer Position im Seitenlayout zu sein scheinen. Holzschnittillustrationen Auf der Bildebene weist der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck zahlreiche und mehr oder minder tiefgreifende Veränderungen gegenüber der Lübecker Vorlage auf. So werden in der Rostocker Ausgabe zum einen die 89 anonymen Holzschnittillustrationen mit 52 verschiedenen Motiven des Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druckes aus dem Jahre 1498 vollständig durch eine nach Zeichnungen des ursprünglich aus Regensburg stammenden Schweriner Hofmalers, Formschneiders und Architekten Erhard Altdor‐ fer168 neu angefertigte Holzschnittserie ersetzt, die deutlich homogener als diejenige der Lübecker Vorlage aus der Mohnkopfoffizin ausfällt und insgesamt einen signifikant hochwertigeren Eindruck macht. Die Altdorfersche Holzschnittserie bildet die erste von insgesamt zwei Untergruppen der im ‚Reynke Vosz de olde‘ verwendeten Holz‐ schnittillustrationen. Zum anderen sind es kleinere Glossenholzschnitte, die ebenfalls eine Art Zyklus bilden und in der Lübecker Textvorlage gänzlich fehlen. Zunächst fällt bei der ersten Untergruppe sofort die Titeleinfassung auf.169 Abge‐ sehen von diesem hochwertigen Ganzblattholzschnitt enthält der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck noch einen beinahe blattgroßen Holzschnitt auf Bl. 8v, der die Versammlung der Tiere beim auf dem Thron unter einem Baldachin sitzenden König, dem Löwen, abbildet, der zunächst dem „Argument und Inhalt“ des ersten Buches folgt und somit quasi das Geschehen des ersten Buches eröffnet.170 Des Weiteren sind in dieser Untergruppe die ebenfalls von Erhard Altdorfer stammenden aus‐ drucksstarken Holzschnitte zu nennen, die in der Regel zentriert, bald im Textfluss bald zwischen der Kapitelüberschrift oder Buchüberschrift und dem Erzähltext er‐ scheinen. Hierbei handelt es sich um 42 größere das Geschehen im versifizierten Er‐ zählteil aufgreifende Kapitelholzschnitte, unter denen es acht Wiederholungen gibt.171 Den Großteil dieser sorgfältig ausgearbeiteten Kapitelholzschnitte bilden so‐ 3.1.7 168 Zu Erhard Altdorfer, seinem Leben und Werk vgl. u. a. Jürgens, Erhard Altdorfer, insbes. S. 68-70 mit Abb. 81-88; Stöver, Erhard Altdorfer; Oettinger, Altdorfer-Studien; Dehnert, Der Meister der Lübecker Prachtbibel; Packpfeifer, Studien zu Erhard Altdorfer; Grewolls, Altdorfer, Erhard A. Zu den Text- und Glossenholzschnittillustrationen im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Vedder, Die Illustrationen in den frühen Drucken des Reynke de vos, hier insbes. S. 227ff. 169 Vgl. Kap. 3.1.3 Titelblatt. 170 Dieser Holzschnitt wird auf Bl. 131r in selber Form wiederverwendet. An dieser Stelle eröffnet es das Geschehen des zweiten Buches. Vgl. auch Angaben in Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 171 Die halbseitigen Holzschnitte von Erhard Altdorfer finden sich auf folgenden Blättern: Bl. 12r, 15v (= 12r), 16r, 20r, 21r, 24r, 27v, 29r (= 27v), 32r, 33v, 41v, 44r, 50r, 51v, 62r (= 51v), 66v, 69r, 75r, 78r, 83v, 92v (= 83v), 102v, 105v, 107r, 122r, 144v, 145r, 146v, 148r, 148v, 170r (= 145r), 172v (= 69r), 183r, 189r (= 148v), 197r, 198r, 201r, 203v, 228r, 239v, 248r, 267v. In Klammern sind je‐ weils die ersten Verwendungen angezeigt. Vgl. auch Angaben in Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. Teil I Voruntersuchungen 54 genannte synchrone Abbildungen einer bestimmten Textstelle bzw. Situation im Er‐ zählteil. Diese zumeist halbseitigen eingerahmten Holzschnittillustrationen stellen quasi eine Momentaufnahme dar. In einigen wenigen Fällen sind die Holzschnittil‐ lustrationen zur Unterstützung des Erzähltextes perspektivisch aufgebaut und zeigen zugleich Doppel- oder Dreifachszenen. Zur zweiten Untergruppe der Holzschnittillustrationen, wie oben einleitend ein‐ geführt, gehören 57 kleinere mehrfach wiederholte Glossenholzschnitte des unbe‐ kannten Meisters MP172, die stets über zehn Zeilen gehen. Die insgesamt 13 Motive bilden Vertreter verschiedener mittelalterlicher Stände und Berufe ab, darunter in der Reihenfolge ihres Auftauchens im Text den bäuerischen Händler173, der Gänse und Eier zum Markt trägt (2), den Krämer174, der an seinen Maßstock einen Fuchs‐ schwanz gehängt hat (2), den Kaufmann175 (10), den Geistlichen176 (9), den Edel‐ mann177 mit Monogramm MP rechts unten (9), den Wucherer178 mit einem gefüllten Geldsack (1), den fürstlichen Herren179 (6), die Nonne180 (1), den Ackerbauern181 mit einer Karsthacke (2), den Advokaten182, der kalt und heiß zugleich bläst (1) und den Landsknecht183 mit einem Gaul (1) sowie zwei allegorische Figuren, nämlich den Tod184 mit dem Grabscheit (2) und Frau Welt185 auf der Kugel (11). Groß- und Kleinschreibung Bei der Verwendung der Majuskel im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigen sich auf den ersten Blick zum Teil widersprüchliche Tendenzen.186 Aus diesem Grund bietet es sich an, sich den Majuskelgebrauch unter lexikalisch-semantischen und 3.1.8 172 Friedrich Prien liest irrtümlicherweise NB. Vgl. Prien, Reinke de vos, S. XXXII. Meister MP ist bei Nagler nicht ausgewiesen. Vgl. dazu Nagler, Die Monogrammisten. 4, S. 506-522. S. auch Röttinger, S. 130 Anm. 10. 173 Bl. 4r, 217v. 174 Bl. 4v, 211v. 175 Bl. 4v, 11v, 39r, 64v, 73v, 98v, 134v, 138r, 231v, 247v. 176 Bl. 5v, 45v, 48v, 55v, 81v, 96v, 169v, 209v, 265r. 177 Bl. 6v, 37r, 45r, 94v, 126r, 151r, 154r, 188v, 210r. 178 Bl. 6v. 179 Bl. 10r, 11r, 26v, 77v, 87r, 167r. 180 Bl. 68r. 181 Bl. 94r, 226v. 182 Bl. 177r. 183 Bl. 261v. 184 Bl. 25r, 25v. 185 Bl. 27r, 56r, 63v, 106v, 123v, 127v, 152r, 163v, 214v, 220v, 270v. 186 Ausführlicher zur Durchsetzung der Großschreibung im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Цапаева, О „боже“ и „Боже“: вводные замечания о лингвистических принципах написания прописной и строчной букв в средненижненемецком языке. Zum Majuskelgebrauch in ausgewählten Quellen aus der Offizin von Ludwig Dietz vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140-145, insbes. zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ S. 143-144; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhun‐ derts, S. 31-32. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 55 morphologischen Gesichtspunkten näher anzuschauen. Es lassen sich nämlich diver‐ se lexikalisch-semantische sowie morphologisch bedingte Gruppen bilden, die sich auf der graphematischen Ebene im Text unterschiedlich verhalten. Als erste größere Gruppe lassen sich Anthroponyme187 (u. a. Eigennamen der Tiere, die den menschlichen in ihrer Funktion entsprechen) aussondern: darunter eingliedrige Namen (Grymbart, Brun), zweigliedrige Namen einschließlich Namen mit substanti‐ vischem Attribut in Prä- oder Postposition (Hynze de Kater, de Kater Hynze) sowie einund mehrgliedrige Autoritätennamen (Doctor Sebastianus Brandt, Her Hans van Swertzenberg Ridder, Seneca). Der Befund zeigt eine eindeutige Tendenz zur Majuskel‐ schreibung von Anthroponymen (543 : 1188 bei eingliedrigen Eigennamen). Minuskel‐ schreibung eines Namens bei mehrgliedrigen Namen kommt im Untersuchungsab‐ schnitt äußerst selten vor (54 : 5 bei zweigliedrigen Eigennamen), komplette Minus‐ kelschreibung der mehrgliedrigen Anthroponyme ist im Untersuchungstext nicht be‐ legt. Alle Autoritätennamen werden ausnahmslos großgeschrieben.189 Als nächste Gruppe treten Nomina sacra190 auf, die in diesem Zusammenhang im weiteren Sinne erfasst werden. Sie schließen Nomina sacra im engeren Sinne mit ein, d. h. Nomina sacra, die in der christlichen Tradition häufig als Abbreviaturen vorlie‐ gen: Namen Gottes wie Godt, de Allmechtige, Christi, Here, HER OMNES sowie Dauid, Jerusalem, Jsrael, Hemmel, Engel. Zur selben lexikalisch-semantischen Gruppe gehören Heiligennamen, Namen der Bibelfiguren, Namen der Kirchenväter u. Ä. sowie Evangelien- und Psalmenbezeichnungen und negativ konnotierte Religi‐ onsbegriffe, aber auch abgeleitete Adjektive mit godt-/christ-Komponente. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ werden Nomina sacra im engeren Sinne mit einer Ausnahme großgeschrieben (108 : 1). Ähnlich sieht die Verteilung der Groß- und Kleinschrei‐ bung bei Heiligennamen wie Adam, Eva, Salomon, Paulus (22 : 0), Gliederungsein‐ 187 Auf die deutliche Tendenz zur Eigennamengroßschreibung weisen bereits Grammatiker aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hin. Vgl. dazu die Übersicht bei Prowatke sowie den Exkurs zur Ent‐ wicklung der Substantivgroßschreibung bei ders., Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer re‐ gionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140-141; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, S. 31. Zur Entwicklung der Großschreibung im deutschsprachigen Raum vgl. u. a. Moser, Frühneuhochdeutsche Grammatik, S. 11-15; Kaempfert, Motive der Substantiv-Großschreibung; Nerius, Deutsche Orthographie, S. 146-172; Risse, Untersu‐ chungen zum Gebrauch der Majuskel in deutschsprachigen Bibeln des 16. Jahrhunderts; Moulin, Der Majuskelgebrauch in Luthers deutschen Briefen (1517-1546); Wegera, Zur Geschichte der Adjek‐ tivgroßschreibung im Deutschen; Bergmann / Nerius, Die Entwicklung der Großschreibung im Deutschen von 1500-1700; Bergmann, Zur Herausbildung der deutschen Substantivgroßschreibung. 188 Hier und des Weiteren steht die erste der beiden Zahlen für die Majuskel, die zweite für die Minuskel am Wortanfang. 189 Der Befund von Prowatke müsste an dieser Stelle aufgrund des von ihr zur Analyse herangezogenen geringen Textvolumens relativiert werden. Der Umfang der Datenerfassung für den ‚Reynke Vosz de olde‘-Text beläuft sich nämlich auf 12 Seiten, das sind ca. 2,2% des ursprünglichen Textumfangs. Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 72. Zudem unterteilt Prowatke die Klasse der Eigennamen nicht weiter. 190 Eine Empfehlung zur Majuskelschreibung von Nomina sacra findet sich bereits im ‚Schryfftenspie‐ gel‘ (1527) und bei Kolross (1530). Vgl. dazu die Übersicht und weiterführende Literatur bei Pro‐ watke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140. Teil I Voruntersuchungen 56 heiten der Heiligen Schrift u. Ä. wie Hillyge Schrifft, Matthej. 5., Johan. 5, Esaie. 40., Credo, Vesper, Vigilie, Psal. 13., Prouer. 13. (34 : 0) und negativ konnotierten Religi‐ onsbegriffen wie Antichristes, Helle, Duuel, Luciper (27 : 4) aus. Die Adjektive mit godt-/christ-Komponente scheinen zur Großschreibung zu neigen, jedoch lässt es sich nur sehr vorsichtig behaupten, da nur eine begrenze Zahl an entsprechenden Bei‐ spielen vorliegt. Unter lexikalisch-semantischem Aspekt lassen sich die Substantive ferner folgen‐ dermaßen untergliedern: Respektbekundungen (Ohm als allgemeine Bezeichnung für einen Älteren oder Höhergestellten, Neue als allgemeine höfliche Anrede an Näherste‐ hende), Toponyme, Sprachen und von geographischen Bezeichnungen abgeleitete Personenbezeichnungen, Titel-, Standes-, Amts- und Personenbezeichnungen, sonstige Personenbezeichnungen (einschließlich weiterer Verwandtschaftsgrade und charakte‐ risierender Metaphern), Tiergattungen, sonstige Konkreta (reale Gegenstände, Kollek‐ tiva, Unika etc.), Abstrakta (Eigenschaften, Zustände, Zeitabschnitte, Gefühle etc.) und fremde Appellativa. Prinzipiell kann eine relative Stabilität des Majuskelgebrauchs bei Respektbekundungen191 (92 : 30), Toponymen192 (38 : 0) und Sprachen- und Völker‐ bezeichnungen193 (20 : 0) bestätigt werden. Die Tierbezeichnungen (370 : 39) und fremde Appellativa (64 : 19) zeigen ebenfalls vermehrten Majuskelgebrauch, wobei die Tiergattungen einen Sonderfall darstellen. Es muss natürlich berücksichtigt werden, dass die personifizierten Tiere die Protagonisten des Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ und nicht reguläre Appellativa sind. Hierbei macht sich eine Textsortenspezifik be‐ merkbar. Kleingeschrieben werden nur die Tiere, die ausschließlich als Futter für die Protagonisten fungieren und aus diesem Grund auch namenlos bleiben (vische). Zum Majuskelgebrauch in den anderen Substantivklassen kann festgehalten wer‐ den, dass die Schreibung von Personenbezeichnungen, die keine Respektbekundun‐ gen sind, aber von Konkreta und Abstrakta194 mit einer Minuskel überwiegt (178 : 512 bei Personenbezeichnungen, 530 : 871 bei Konkreta, 388 : 2893 bei Abstrakta). Diesbezüglich ist es notwendig zu vermerken, dass bedeutungstragende und inhalt‐ lich hervorgehobene abstrakte Begriffe195, die vorwiegend Moral- oder Rechtsvor‐ stellungen und christliche Verhaltensweise beschreiben, wie beispielsweise Truwe, 191 Großschreibung bei Respektbekundungen wird in den entsprechenden Grammatiken neben dem Majuskelgebrauch bei Personennamen, Nomina sacra, aber auch bei inhaltlich bedeutsamen Wörtern sowie bei Wörtern aus eigennamenähnlichen Sachgebieten als „eine im Schreibgebrauch dieser Zeit [16. Jahrhundert, S. T.] bereits praktizierte Gewohnheit“ beschrieben. Vgl. Prowatke, Zur Ausbil‐ dung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 141. 192 Prowatke zeigt in ihrem Exkurs zum Majuskelgebrauch auf, dass sich bereits im ‚Schryfftenspiegel‘ (1527) und bei Kolross (1530) Hinweise zum Gebrauch von Versalbuchstaben bei geographischen Na‐ men, Namen von Völkern sowie bei Namen von Städten, Dörfern und Gebäuden finden. Vgl. dazu die Übersicht und weiterführende Literatur bei Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140. 193 Vgl. Fn. 190 und Fn. 192. 194 Zur Trennung zwischen Konkreta und Abstrakta vgl. u. a. Ewald, Konkreta versus Abstrakta. 195 In ihrer Übersichtstabelle zum Majuskelgebrauch aus der Sicht der Grammatiker des 16. Jahrhun‐ derts weist Prowatke auf die Hervorhebung inhaltlich bedeutsamer Wörter mithilfe der Verwendung der Majuskel bereits bei Kolross (1530). Vgl. dazu Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 57 Eyd, Rechtferdicheit, Hinderlisticheit, Regement, Erbarheit, Gyricheit, Eebrekerye, im Untersuchungstext in der Regel großgeschrieben werden. Zieht man den Wortbildungsaspekt zur Analyse heran, wird eine gewisse Schwierigkeit der Großschreibungsproblematik bei Ableitungen sichtbar. Es lassen sich für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ grob drei Hauptarten von Derivaten unterscheiden: Konversionen (nominalisierte Stämme, die aus anderen Wortarten oh‐ ne Wortbildungsmorpheme übergegangen sind, z. B. substantivierte Infinitive und Adjektive), explizite Ableitungen (Suffigierungen und Präfigierungen) und implizite Ableitungen (Ablautbildungen). In allen drei Fällen, insbesonderere jedoch bei Kon‐ versionen (47: 429), ist interessanterweise eine generelle Tendenz zur Minuskel‐ schreibung zu beobachten. Es kann angenommen werden, dass in diesem Fall nicht nur der Wortbildungsaspekt als solcher, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch das syntaktische Prinzip von Einfluss sein könnte.196 Gesondert können die zitierten literarischen Werke betrachtet werden. Es handelt sich hierbei um die Buchtitel, die als Prätexte für die jüngere Glosse dienen: Memori‐ al der doget, de Olden Wysen, Frouwe Untruwen denst, (New) Krygeszruͤstinge etc. Wenn die ersten Wörter der Titel im Großen und Ganzen großgeschrieben werden, lässt sich innerhalb der mehrgliedrigen Titel eine gewisse Diskrepanz in der Großund Kleinschreibungsverteilung feststellen. Das erste Wort des Titels wird im Gegen‐ satz zu dessen restlichen Bestandteilenteilen großgeschrieben in 35 Fällen, während alle (beide) Wörter mit Versalbuchstaben nur in 10 Fällen beginnen. Der gesamte Ti‐ tel weist Minuskelgebrauch nur einmal im gesamten Untersuchungsabschnitt auf. Diese recht markante Verwendung der Majuskel könnte m. E. eine rein pragmatische Begründung haben: Im untersuchten Text kommen als Interpunktionszeichen der Punkt, die Virgel, der Doppelpunkt, das Fragezeichen, die runden Klammern und die paarigen Schrägstiche197 vor.198 Anführungszeichen gehören nicht zur Interpunkti‐ onspalette des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘. Sowohl direkte Rede, als auch lite‐ rarische Titel müssen anders markiert werden. M. E. könnte es gerade durch den be‐ schriebenen Wahlmajuskelgebrauch erreicht werden, der in diesem Fall den Werktitel aus dem Kontext hervorhebt und parallel den Lesefreundlichkeitsgrad erhöht, mit an‐ deren Worten, den Text für den Leser übersichtlicher gestaltet. Des Weiteren muss man in Betracht ziehen, dass die Majuskel im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ am Anfang des Textes bzw. Textabschnittes, in den Kapitelund Buchüberschriften, am Versanfang sowie nach dem Punkt oder ihn vertretenden Interpunktionszeichen – die letzte Anmerkung ist jedoch nicht unproblematisch199 – also überwiegend am Satz- oder Periodenanfang steht. Eine solche Regelung bzw. 196 Die Substantivierungen kennzeichnen sich insgesamt durch ihre periphere Position im Wortarten‐ system. Einerseits gehören sie bereits zur neuen Zielwortart, verfügen jedoch andererseits gleich‐ zeitig noch über unverkennbare semantische Verbindung mit der Ausgangswortart. 197 Paarige Trennstriche gehören neben der Tilde (dem Abkürzungsstrich) nicht zu den eigentlichen Satzzeichen, weil sie nicht auf der Satz- oder Satzgliedebene fungieren, sondern sich auf ein einzel‐ nes Wort beziehen. 198 Zusätzlich ist das Komma in lateinischen Zitaten zu nennen. 199 Vgl. Kap. 3.1.9 Interpunktion. Teil I Voruntersuchungen 58 Tendenz beim Majuskelgebrauch lässt sich allerdings bereits für die frühmittelalterli‐ chen Schriften festhalten.200 Es kann an dieser Stelle zusammenfassend festgehalten werden, dass sich im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ eine deutliche Tendenz zur Substantivgroßschrei‐ bung sowohl bei Nomina propria als auch bei Appellativa erkennbar macht, obwohl von einer konsequenten Unifizierung oder Systematisierung noch keine Rede sein kann. Wenn man sich einen Rückblick in die Lübecker Inkunabel erlaubt, die als hauptsächliche Vorlage für den Rostocker Druck diente, fällt sofort auf, dass der Lü‐ becker ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 die Großschreibung nur am Text- und Absatzanfang, am Zeilenanfang im gereimten Text und normalerweise nach dem Punkt sowie vereinzelt und äußerst unregelmäßig im Satzinneren bei Eigennamen und Nomina sacra im engeren Sinne kennt.201 Hervorzuheben ist schließlich die Tatsache, dass der Rostocker Bearbeiter202 nicht nur auf lexikalisch-semantische Kategorien, sondern auch auf morphosyntakti‐ sche Prinzipien zurückgegriffen haben muss. Dies ist ein signifikanter Unterschied im Vergleich zur ersten niederdeutschen ‚Reynke de vos‘-Ausgabe. Und wenn Jo‐ hann Rudolph Sattler behauptet, dass sich zu diesem Zeitpunkt der Majuskelge‐ brauch für Namen Gottes, männliche und weibliche Anthroponyme, Länder, Städte, Schlösser, Dörfer, Völker, Religionen, Ämter, Künste, Satzanfang und besonders be‐ deutungsvolle Wörter mehr oder minder eingestellt hat,203 so bestätigt die Rostocker Verteilung der Groß- und Kleinschreibung im ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck diese Behauptung und sprengt sogar ihren (engen) Rahmen und wirkt antizipierend. Diese Feststellung stimmt wiederum mit der von Prowatke, die in ihrem Exkurs zum Ma‐ juskelgebrauch die allmähliche Ausdehnung der Großschreibung wie folgt prägnant zusammenfasst: Es ist zu vermuten, daß sich die Grammatiker im Schreibgebrauch einer unübersichtli‐ chen Vielzahl von praktizierenden Möglichkeiten gegenübersahen, die ihnen eine emp‐ fehlende Auswahl erschwerte, ja undurchführbar erscheinen ließ. So gingen viele Drucker (Setzer, Korrektoren) über das von den Grammatikern Angebotene weit hinaus. Ihnen kommt im 16. Jahrhundert die eigentliche Bedeutung für die fortschreitende Großschrei‐ bung zu. 200 Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatur‐ sprache, S. 140-141. Zu dieser Entwicklungsrichtung der Großschreibung vgl. auch Moser, Früh‐ neuhochdeutsche Grammatik, S. 11-15; Nerius, Deutsche Orthographie, S. 146-172. 201 Vgl. hierzu auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 142-144. Es muss jedoch beachtet werden, dass sich der von Prowatke zur Analyse herangezogene Textumfang für die Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe auf insgesamt 6 Seiten beläuft, was ca. 1,2% des ursprünglichen Textumfangs ausmacht. 202 Es kann nur vermutet werden, wie groß der Setzer- bzw. Korrektoreinfluss auf die Textgestaltung sein könnte und inwieweit im Herstellungsprozess von der Verfasserversion abgewichen worden ist. 203 Vgl. Sattler, Teutsche Orthographey und Phraseologey. Zur Entwicklung der Großschreibung im Deutschen vgl. zum Beispiel auch Bergmann / Nerius, Die Entwicklung der Großschreibung im Deutschen von 1500-1700; Bergmann, Zur Herausbildung der deutschen Substantivgroßschrei‐ bung; Schutzeichel / Szczepaniak, Die Durchsetzung der satzinternen Großschreibung in Nord‐ deutschland. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 59 Die Offizin von DIETZ204 gehört zu jenen Werkstätten, die ein über die Großschreibung der Eigennamen und eigennamennahen Wörter hinausgehendes Angebot von Majuskeln im Satzinneren anbieten.205 Interpunktion Im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ kommen verhältnismäßig zahlreiche und v. a. unterschiedliche Interpunktionszeichen206 vor, die als eine gesonderte Ausprägung des graphischen Teilsystems aufgefasst werden können und deswegen hier in die for‐ male Beschreibung des Druckes einbezogen werden.207 Dieses in sich differenziertes Angebot an verwendeten Satzzeichen erscheint besonders bemerkenswert, wenn man die Inanspruchnahme der Satzzeichen im Untersuchungstext mit der Zeichensetzung in der Lübecker Vorlage vergleicht. Im Lübecker ‚Reynke de vos‘ fällt nämlich sofort auf, dass abgesehen vom Absatzzeichen „¶“ in der Lübecker Inkunabel der Punkt „.“ quasi als einziges Interpunktionszeichen fungiert. So erscheint die Virgel „/“ im ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 insgesamt nur einmal an der Zeilengrenze auf Bl. 287r, während sich öffnende runde Klammern „(“ ohne dazugehörende schließen‐ de Klammern bei platzmangelbedingten Übertragungen von Wörtern auf die nachfol‐ gende oder vorstehende Zeile gelegentlich auffinden lassen.208 Der Punkt wird offen‐ sichtlich zur Redegliederung und Pauseneinteilung benutzt und kann dementspre‐ chend als (Vor-)Lesehilfe interpretiert werden. Die öffnende runde Klammer wird da‐ gegen ausschließlich aus setzerischen Gründen in der passenden Zeile verwendet und 3.1.9 204 Hervorhebung im Original. 205 Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literaturspra‐ che, S. 141. 206 Zur historischen Entwicklung der Interpunktion im Deutschen vgl. Besch, Zur Entwicklung der deutschen Interpunktion seit dem späten Mittelalter; Höchli, Zur Geschichte der Interpunktion im Deutschen; Garbe, Texte zur Geschichte der deutschen Interpunktion und ihrer Reform 1462-1983, dort insbes. Bieling, Entwicklung der deutschen Interpunktion bis auf unsere Zeit. Vgl. auch Neri‐ us, Deutsche Orthographie, S. 111 ff., 178 ff. Vgl. zudem den Exkurs zur Interpunktion und weiter‐ führende Literatur bei Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 126-139; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buch‐ druck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, S. 27-31. Zur Funktion der Satzzeichen in den Grammatiken der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vgl. Garbe, Texte zur Geschichte der deut‐ schen Interpunktion und ihrer Reform 1462-1983, dort insbes. [Anonymus], Punterynge off vnder‐ scheydynge; Kolrosz, Von den puncten; Ickelsamer, Von der Ordnung vnnd taylung der rede. 207 Ausführlicher zur Interpunktion im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Цапаева, Точка, точка, запятая... К вопросу о тенденциях в пунктуационной системе средненижненемецкого языка. Vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literaturspra‐ che, S. 132; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhun‐ derts, S. 28. 208 Zum Zeicheninventar und den Interpunktionszeichen in der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe vgl. dazu auch Nybøle, Reynke de Vos, S. 86ff., hier insbes. S. 87. Prowatke stellt den Gebrauch von Punkt und runder öffnender Klammer fest, ohne die Virgel zu berücksichtigen. Dies hängt sicher‐ lich mit dem geringen Textvolumen (6 Seiten von insgesamt 242 Blättern) zusammen, den Prowat‐ ke zur graphischen Analyse heranzieht. Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer re‐ gionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 132. Teil I Voruntersuchungen 60 dient demnach zur Kenntlichmachung dieser stillschweigenden Wortverschiebung eine Zeile nach oben oder unten. Der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ hält in diesem Fall offensichtlich nicht sonderlich stark an die Textvorlage. Im Untersuchungstext kommt nämlich ein deut‐ lich differenzierteres, jedoch durchaus übersichtliches Interpunktionssystem zur An‐ wendung. Es konnten folgende auf den Satz bezogene Interpunktionszeichen ermit‐ telt werden: Punkte, Doppelpunkte, Virgeln, paarige runde Klammern (Parenthesis), Fragezeichen und Kommata, wobei die Letzteren ausschließlich in den lateinischen Zitaten in den Marginalien anzutreffen sind.209 Es lässt sich für den Text feststellen, dass das verwendete Interpunktionssystem komplex, variantenreich und vor allem nicht endgültig geregelt ist. Die Uneindeutigkeit besteht einerseits darin, dass man‐ che Interpunktionszeichen synonym zueinander gebraucht werden (Punkt, Virgel, Doppelpunkt) und man keine absolute Gesetzmäßigkeit im Majuskel-/Minuskelge‐ brauch nach dem einen oder anderen Interpunktionszeichen erkennen kann. Es lassen sich dennoch bestimmte distinktive Funktionen der einzelnen Interpunktionszeichen und die damit verbundenen Gebrauchstendenzen erkennen. So stehen der Punkt und das Fragezeichen im ‚Reynke Vosz de olde‘ fast ausschließlich am Ende des Satzes, während die Virgel und der Doppelpunkt eher zwischen zwei Teilsätzen auftreten. Dem Punkt und dem Fragezeichen folgt demnach in der Regel eine Majuskel, eine häufigere Ausnahme bilden hier aneinander gereihte rhetorische oder anders stilis‐ tisch markierte Fragen. Satzzeichen in fokussierender Funktion weisen keinen direk‐ ten Einfluss auf die Groß- und Kleinschreibung. Es kann also insgesamt festgestellt werden, dass der Einsatz der Interpunktions‐ zeichen im ‚Reynke Vosz de olde‘ recht ausgeglichen – auch wenn von einem Norm‐ bewusstsein oder Standardisierung noch keine Rede sein kann – zu sein scheint, was man von seiner Vorlage aus Lübeck beispielsweise nicht behaupten kann. Zusam‐ menfassend kann zudem festgehalten werden, dass als signifikanter Einflussfaktor auf die Zeichensetzung im Untersuchungstext neben dem primären rhythmisch-into‐ natorischen Prinzip der Redegliederung, das seinerseits eine kommunikativ-pragma‐ tische Komponente der (Vor-)Lesefreundlichkeit einschließt, auch die syntaktische Struktur des Satzes erscheint.210 209 Hinzu kommen paarige Schrägstriche und Absatzzeichen. Diese gehören jedoch nicht im engeren Sinne zu den Interpunktionszeichen, da sie sich nicht auf den Satz und seine Glieder, sondern auf einzelne Wörter bzw. einzelne (größere) Textabschnitte beziehen. Der Befund widerspricht dem von Prowatke. Sie stellt für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ keinen Gebrauch von Kommata fest. Diese Tatsache lässt sich leicht durch den zur Analyse herangezogenen begrenzten Textum‐ fang (12 Seiten von insgesamt 272 Blättern) erklären. Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 132. 210 Vgl. hierzu auch die Schlussfolgerung von Prowatke zum Gebrauch von Satzzeichen in der Drucke‐ rei von Ludwig Dietz, Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 139. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 61 Inhaltliche Beschreibung Das Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ erzählt, genauso wie seine Lübecker Vorlage, die Geschichte vom weltklugen wie listigen Übeltäter Reynke, dem Fuchs, seinen zahlreichen Verbrechen und der Dauerfehde mit seinen Widersachern, darunter insbe‐ sondere dem starken, jedoch plumpen Wolf Ysegrim, die den Handlungskern des Epos bildet.211 Die Handlung des Tierepos weist zudem eine Doppelstruktur auf, wo‐ bei bei jedem der beiden Teile jeweils von einer Gerichtsverhandlung erzählt wird212 und das erste Gerichtsverfahren gemäß den mittelalterlichen Rechtsgepflogenheiten in Form einer dreifachen Vorladung des Angeklagten Reynke stattfindet.213 Genauso entspricht die Definition der in der Tiergeschichte vorkommenden Tiere den damals vier üblichen Ständen der menschlichen Gesellschaft, wodurch die Einbettung einer mehr oder minder offensichtlichen Kritik an dieser möglich wird. So werden die so‐ zusagen ackernden Tiere wie beispielsweise Pferde, Esel und Ochsen als Bauern und somit Vertreter des ersten Standes beschrieben. Zum zweiten Stand zählen Bürger und Kaufleute, die im Tierepos durch die Tiere repräsentiert werden, die vom Ge‐ winn, u. a. von gefundenen Gütern leben, indem sie diese horten, wie zum Beispiel Eichhörnchen, Kaninchen, Hasen, Iltisse, Wiesel und dergleichen. Der dritte Stand der Geistlichen findet im ‚Reynke Vosz de olde‘ nur einen tierischen Vertreter, näm‐ lich den Dachs Grymbart. Nobel, der König aller Tiere, Brun, der Bär, Wolf Ysegrim, der Luchs und der Leopard stehen für Fürsten und Adlige als Vertreter des vierten Standes. Als Vertreter des niedrigeren Adels, der von vorne rein weniger Macht als die dem König nahestehenden Fürsten und Herzöge hat, wird in der Vorrede Reynke, der Fuchs, genannt. Die Erzählung wird dadurch eingeleitet, dass der Löwe Nobel, König der Tiere, einen Hoftag zu Pfingsten einberuft. Es erscheinen beinahe alle Tiere außer dem Fuchs Reynke, dessen Abwesenheit gleichermaßen provokant wie rechtlich gesehen unangebracht ist. Aus einer feierlichen Veranstaltung entwickelt sich recht schnell ein Gerichtsprozess gegen Reynke, der diverser Verbrechen angeklagt wird. Die Rei‐ he der Klagen wird von Wolf Isegrim eröffnet und zunächst vom Hündchen Wacker‐ los fortgesetzt, der sich jedoch selber als Verbrecher outet. Als letzter bringt der Pan‐ ther die Klage ein, Reynke habe den Landesfrieden gebrochen, indem er den Hasen Lampe beinahe umgebracht hat. Die tierische Gesellschaft fordert den König dazu auf, den Fuchs gemäß seinen Untaten zu bestrafen. Aufgrund der Abwesenheit des Fuchses übernimmt sein Freund und Verwandter, Dachs Grymbart, die Verteidi‐ 3.2 211 Eine ausführliche Beschreibung der Handlung findet sich v. a. bei Kokott, Reynke de Vos, S. 42-70. 212 Zum Tierepos ‚Reynke de vos‘ als Gerichtsprozess vgl. Kokott, ‚Id is recht tyd, wylle ey nu kla‐ gen‘. Der Reynke de Vos als Prozeß; Goossens, Von kranken Löwen und Rahmenerzählungen, Hoftagen und Strafprozessen. Zur Funktion des Rechts im ‚Reynke de vos‘ sowie zum Rechtssys‐ tem vgl. u. a. Böhlau, Rechtsgeschichtliches aus Reineke Vos; Bucher, Rechtstheoretische Ele‐ mente im mittelniederländischen Tierepos ‚Van de Vos Reynaerde‘; Widmaier, Das Recht im ‚Reinhart Fuchs‘. Die entsprechenden Bemerkungen und Feststellungen können problemlos auf die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe übertragen werden. 213 Vgl. hierzu v. a. Janz, Strukturierte Zeit: die dreimalige Ladung im ‚Reinhart Fuchs‘. Teil I Voruntersuchungen 62 gungsrede und schafft es sogar, alle Vorwürfe gegen Reynke geschickt zurückzuwei‐ sen. Wäre nicht der Auftritt des Hahns Hennynck direkt im Anschluss an die Vertei‐ digungsrede des Dachses gewesen, würde der König Nobel womöglich sogar bei der jüngst verbreiteten Meinung bleiben, dass nicht Reynke ein Problem für die Gesell‐ schaft darstellt, sondern seine verbrecherischen Gegner – und hier insbesondere der gierige Wolf Ysegrim –, die im Gegensatz zu Reynke keine friedlich gesinnten, ver‐ antwortungsbewussten und getreuen Mitglieder der beschriebenen Tiergesellschaft sind. Der Hahn Hennynck bringt zum Hoftag jedoch den Leichnam seiner Frau, der Henne Krassevoet, mit und beweist somit, dass die Ausführungen des Dachses keine Grundlage unter sich haben. Nachdem die Umstände des Todes Krassevoets geklärt sind und Reynke erneut angeklagt wird, findet die Begräbniszeremonie für die Henne statt, die vom jüngeren Glossator recht kritisch beleuchtet wird. Sobald eine Inschrift auf den Grabstein gesetzt worden ist, wird vom Reichsrat beschlossen, den Fuchs Reynke ordnungsgemäß zur Gerichtsverhandlung vorzuladen. Als erster Königsbote wird Brun, der Bär, in Reynkes Schloss Malepertus losge‐ schickt, um den Fuchs Reynke zur Anklage an den Hof zu holen. Brun, der sich dem Reynke stärkemäßig überlegen fühlt, ignoriert die Vorwarnung seitens des Königs und verhält sich dem Fuchs gegenüber recht überheblich. Er droht Reynke und for‐ dert ihn auf, ihm an den Hof zu folgen. Die hochmütige Weise, wie Brun mit ihm umgeht, ärgert Reynke sehr und er entschließt sich, Brun auf seine Art zu bestrafen. Es gelingt Reynke problemlos, die Gier des Bären mit einer abwertenden Bemerkung über Honig zu wecken und diesen im Anschluss gezielt in Lebensgefahr zu bringen. Mit Mühe und Not schafft es Brun, im letzten Moment sein Leben zu retten, er schei‐ tert jedoch bei Erfüllung seiner königlichen Aufgabe und kehrt an den Hof verwun‐ det und als Dieb gebrandmarkt – er verliert seine Krallen, das Fell der Pfoten, der Ohren und Schädel – zurück. Der König und die höfische Gesellschaft zeigen sich entsetzt, ignorieren jedoch gleichzeitig das Fehlverhalten von Brun. Nobel, der Löwe, will sich direkt rächen, muss aber ordnungsgemäß Reynke ein zweites Mal zur An‐ klage vorladen. Die Aufgabe, die Vorladung rüberzubringen, fällt dem Kater Hyntze zu, der dem skrupellosen Verbrecher Reynke zwar körperlich unterlegen ist, jedoch vom König als klug und intelligent genug eingeschätzt wird, um Reynkes List zu entrinnen. Schweren Herzens begibt sich Hyntze auf die Burg und übermittelt dem Fuchs die Nachricht des Königs. Reynke, fest entschlossen den Hof zu meiden, überlistet auch den zweiten Königsboten. Zunächst wiegt er ihn genauso wie vorher Brun in Sicher‐ heit, dann weckt er seine Gier auf Mäuse und schließlich unterstellt er Hyntze Ehren‐ losigkeit und Ängstlichkeit. Reynkes Plan geht auch in diesem Fall auf, der Kater ge‐ rät genauso wie sein Vorgänger in Lebensgefahr, es gelingt ihm doch knapp dem To‐ de zu entrinnen; ziemlich zugerichtet erscheint der Kater als lebendes Zeugnis für die Grausamkeit und Niedertracht Reynkes am Hof. Beide Untaten steigern den Zorn des Königs, der Reynkes Verbrechen an den Boten persönlich nimmt, jedoch die Verge‐ hen Bruns und Hyntzes gleichzeitig wortlos akzeptiert. Der Dachs Grymbart, bereits bekannt als wahrer Freund Reynkes, bietet sich an, Reynke die letzte rechtlich vorge‐ sehene Vorladung zu überbringen und den Fuchs an den Hof zu holen. Angesichts 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 63 der anstehenden Todesgefahr – Reynke droht aufgrund der vollbrachten Untaten eine Reichsexekution – gelingt es Grymbart seinen Verwandten dazu zu überreden, ihm an den Hof zu folgen und dort seine Klugheit und seine List einzusetzen, um dem Galgen zu entrinnen. Grymbarts überzeugende Rede bewirkt Wunder, sodass sich Reynke bereit erklärt, seinem Vetter zu folgen. Auf dem Weg zweifelt Reynke jedoch wieder plötzlich an dem Vorhaben und beichtet beim Dachs seine Sünden und Verge‐ hen, um seine Seele zu erleichtern. In seiner Beichte bekennt Reynke zunächst seinen Verrat an Brun und Hyntze, dann auch die Verfolgung der Hühner sowie weitere bisher begangene Verbrechen, unter anderem auch ein bislang noch nicht thematisiertes Vergehen gegen den König. Des Weiteren geht er auf die Dauerfehde mit dem Wolf Ysegrim ein und erwähnt zahlreiche Gründe dieser, ohne dabei die einzelnen mit dieser langjährigen Auseinan‐ dersetzung verbundenen Episoden außer Acht zu lassen. Zudem beichtet Reynke die Vergewaltigung der Wölfin Gyremoth, die in erster Linie natürlich ebenfalls gegen seinen ewigen Widersacher Ysegrim gerichtet ist. Schließlich bekommt Reynke seine Absolution von Grymbart, dem Dachs, und wird von diesem ermahnt, von nun an ein gottgefälliges und v. a. gewaltfreies Leben zu führen. Zwar sichert Reynke dem Dachs zu, mit Raub und Diebstahl, Mord und Gewalt aufzuhören, seine wahre Natur sickert jedoch kurz darauf wieder durch und lässt seine vorhin geäußerte Reue im Lichte einer neuen Gewalttat verblassen. Trotz selbstbewussten Erscheinens am Hof wird Reynke von Nobel, dem König, zum Tode verurteilt. Von seinen persönlichen Feinden Brun, Ysegrim und Hyntze wird der Übeltäter zum Galgen gebracht, sodass es für Reynke knapp wird. Aus die‐ ser prekären Lage rettet sich nun der Fuchs durch eine an Ort und Stelle erfundene Lügengeschichte von Hofverrat und Goldschatz, die er in Form einer rhetorisch bril‐ lanten Beichte präsentiert. Durch seine gelungene Erfindung schafft es Reynke zum einen die Gier des Königs zu wecken, die er auszunutzen weiß, und zum anderen sei‐ ne Widersacher Brun und Ysegrim in Ungnade zu bringen und als königliche Ratge‐ ber endgültig zu diskreditieren. Reynke wird nicht nur freigesprochen und entlassen, sondern er bekommt auch noch als eine Art materielle Entschädigung einen aus dem Rückenfell Bruns angefertigten Ränzel und aus den Vorderpfoten Ysegrims und Gy‐ remoths gemachte Reiseschuhe für seine vorgetäuschte bevorstehende Pilgerreise nach Rom. Reynkes Betrug und Hofverrat werden offenbar, nachdem er einen seiner Begleiter auf der angeblichen Pilgerfahrt, nämlich den Hofkaplan Bellyn, den Widder, mit dem Kopf des zweiten Begleiters, von seiner Familie zerrissenen und verzehrten Hasen Lampe, zurück an den Hof schickt in dem Wissen, dass im Ränzel ein wichti‐ ges Schreiben an den König sei. Daraufhin werden Brun und Ysegrim von Nobel, dem Löwen, rehabilitiert und entschädigt, indem sie den Widder Bellyn als ermittel‐ ten Komplizen Reynkes und seine ganze Familie zum Verspeisen bekommen. Der Hoftag wird auf Wunsch Nobels verlängert. Zu den bereits bekannten Ver‐ brechen Reynkes, die wieder an Geltung gewinnen, kommen zwei weitere, die vom Kaninchen und dem Krähenmann Merkenauwe dem König vorgetragen werden. Die Beweise sind augenscheinlich – das Kaninchen erscheint am Hof mit einem abgeris‐ senen Ohr, der Krähenmann bringt die Überreste seiner von Reynke ermordeten Ehe‐ Teil I Voruntersuchungen 64 frau Scharpenibbe –, die Autorität des Königs wird aufgrund der offensichtlich feh‐ lenden Rechts- und Friedenswahrung, die in seiner Verantwortung stehen, angezwei‐ felt. Nobels Zorn lässt ihn unbedingte Rache schwören, sodass er beinahe die rechtli‐ chen Konventionen seiner Gesellschaft vergisst und einen Feldzug gegen Reynke zu führen beabsichtigt, jedoch intervenieren die Königin und der Leopard noch rechtzei‐ tig und fordern eine weitere Vorladung des Fuchses. Ysegrim zeigt sich über eine sol‐ che Entwicklung der Situation entsetzt und erinnert den König an die zahlreichen Verbrechen Reynkes, seine List und Gewaltsamkeit, sodass die Argumentation der Königin nicht weiterhilft. Wieder ist es Grymbart, ein treuer Freund und wahrer Verwandter des Fuchses, der zum Schloss Malepertus eilt, um Reynke zu warnen, und bringt ihn zum Hof. Auch diesmal beichtet Reynke auf dem gemeinsamen Weg mit Grymbart seine Sün‐ den und bekommt die Absolution des Beichtvaters. Nachdem sich der Fuchs und der Dachs bezüglich der Lage beraten haben und Reynke sein Weltbild dargelegt und sei‐ ne Gesellschaftskritik geäußert hat, begegnen die beiden dem Affen Marten, der ebenfalls Reynkes Verwandter ist. Marten, der ohnehin auf dem Weg nach Rom ist, verspricht, sich Reynkes Angelegenheiten vor Ort anzunehmen, dort als sein Fürspre‐ cher aufzutreten und die Lösung vom Bann einzuleiten, was seiner Meinung nach an‐ gesichts der Bestechlichkeit der Kurie nicht schwer sein sollte. Reynke und Grymbart erscheinen am Hof, kurz nachdem Marten dem Fuchs dazu geraten hat, sich an seine weise und v. a. einflussreiche Ehefrau zu wenden und ihre Unterstützung zu holen. Erstaunlich selbstbewusst und beinahe dreist tritt Reynke vor den König und ver‐ sucht, die letztlich gegen ihn erhobenen Anklagen mithilfte von Gegenklagen und Gegenanschuldigungen zu entkräften, legt dann der Hofgesellschaft nahe, dass man auch die Kläger durchaus verhören könnte, schließlich stehen erneut Anklage gegen Anklage, Aussage gegen Aussage. Das Kaninchen und die Krähe weigern sich aus naheliegenden Gründen der körperlichen Unterlegenheit, dem Fuchs in einem offe‐ nen Kampf zu begegnen, und verlassen den Hof. Auch die Mordklage am Hasen ge‐ lingt es Reynke meisterhaft abzuwehren, indem er sich einerseits höchst überrascht bezüglich Lampes Tod zeigt und andererseits erneut die Gier des königlichen Paars durch eine fiktive Geschichte von kostbaren Kleinodien, die er angeblich an den Kö‐ nig und die Königin mit dem Widder Bellyn und dem Hasen Lampe geschickt hat, erweckt. Reynkes Meinung nach muss Bellyn den Hasen Lampe des Schatzes wegen umgebracht haben, was leider nicht überprüft werden kann, weil beide nun tot sind. Reynke geht noch einen Schritt weiter und beklagt frecherweise den Verlust dieses unschätzbaren Geschenkes. Dies geht dem König jedoch zu weit und er weigert sich, sich die Argumente Reynkes länger anzuhören. Er scheint endlich aus den Vorge‐ schichten gelernt zu haben und zieht sich in seine Gemächer zurück. Dort wird er je‐ doch von der überaus schlauen Äffin Rukenauwe, die bereits von ihrem Gatten hoch‐ gepriesen wurde, erneut auf die früheren Verdienste Reynkes aufmerksam gemacht und an die Geschichte vom Streit zwischen dem Mann und der Schlange erinnert, wo Reynke quasi die Reputation des Königs retten konnte. Der Zorn des Königs lässt da‐ durch etwas nach. Rukenauwe unterstreicht die intellektuellen Kapazitäten ihres Ver‐ wandten und betont gleichzeitig die Untauglichkeit des Bären und des Wolfs am Ho‐ 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 65 fe aufgrund ihrer übermäßigen Gier, ihrer Plumpheit und Raubtiernatur. Da dies No‐ bel nicht zu überzeugen scheint, greift die Äffin zum letzten Argument und erinnert den König ganz geschickt und beinahe drohend daran, dass Reynkes Sippschaft groß ist und seine Hinrichtung äußerst unangenehme Konsequenzen für die Position des Königs haben könnte. All das zusammen führt dazu, dass sich der Löwe Nobel schließlich doch geneigt zeigt, dem Fuchs noch einmal Gehör zu schenken. Reynke nutzt diese Situation in gewohnter Manier für sich aus und tischt dem König die Lügengeschichte von den angeblich verschwundenen Kleinodien auf. Da diese Ge‐ schichte von vorne rein eine Fiktion ist, lässt Reynke seiner Phantasie freien Lauf und beschreibt ungehemmt den angeblich verschwundenen Schatz in ausführlichsten De‐ tails, gleichzeitig bettet er diverse Geschichten in seine Erzählung ein, die zum einen die Tugenden seines Vaters hervorheben und zum anderen seine Widersacher, allen voran selbstverständlich Wolf Ysegrim, anschwärzen. Erneut gelingt es dem Fuchs, den König um den Finger zu wickeln und sich endgültig freisprechen zu lassen. Ein letztes Mal versucht Wolf Ysegrim in das Geschehen einzugreifen, indem er die Vergewaltigung seiner im Eis festgefrorenen Frau Gyremoth durch Reynke öf‐ fentlich thematisiert, wofür er von Reynke bösartig beleidigt und ausgelacht wird. Gyremoth selber kann sich danach nicht mehr zurückhalten und erzählt die Episode, wo sie von Reynke hinterlistig in einen Brunnen gelockt und dort gelassen worden ist, bis die Menschen sie nach oben geholt und fast totgeschlagen haben. Auch diese An‐ schuldigung kontert Reynke zynisch mit Hohn und Spott und scheint somit völlig re‐ habilitiert zu sein. Ysegrim kann diese Frechheit nicht dulden, sieht jedoch seine ver‐ bale Unterlegenheit ein und fordert den Fuchs deswegen zum entscheidenden Zwei‐ kampf heraus, den Nobel gestattet. Der körperlich dem Ysegrim offensichtlich unterlegene Reynke setzt erneut auf seine Intellektualität und List, wobei ihn bei den Kampfvorbereitungen seine kluge Verwandte Rukenauwe unterstützt. Auf die Empfehlung der Äffin lässt sich Reynke bis auf den buschigen Schwanz scheren und einfetten, was ihn beim ersten Angriff Ysegrims mühelos entkommen lässt. Parallel schafft es Reynke, dem Wolf ins Auge zu kratzen und diesen durch einen gezielten Urinstrahl direkt in die Wunde und Staub hinterher zu blenden. Die Irritation Ysegrims und seine Wut gegen ihn ausnutzend greift Reynke seinen Gegner an den Geschlechtsteilen und gewinnt so den Gerichts‐ kampf. Kurz entschlossen kürt Nobel, der König, den Fuchs zum Reichskanzler. Die Geschichte vom überaus schlauen wie listigen Fuchs endet damit, dass Reynke als engster Vertrauter des Königs triumphierend in sein Schloss zurückkehrt, wo er von seiner Gattin und seinen Söhnen empfangen wird. Überlieferungsgeschichte und Rezeptionszusammenhang Obgleich der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck auf der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Inkunabel aus dem Jahre 1498 oder einem ihrer Nachdrucken basiert, be‐ schränkt sich die Entstehungsgeschichte des Rostocker Tierepos nicht auf diese bei‐ den Ausgaben. Der Reynke-Stoff hat rezeptionsgeschichtlich eine jahrhundertelange 3.3 Teil I Voruntersuchungen 66 wechselvolle Entwicklung durchlaufen: Die Reineke-Fuchs-Tradition, deren Wurzeln in der Antike zu suchen sind, etwa in den Fabeln des Äsop, die später in den Fabel‐ sammlungen von Phaedrus, Babrios und Avianus aufgegriffen werden, reicht bis ins europäische Mittelalter zurück. Spätestens mit der in lateinischer Sprache verfassten Tierdichtung ‚Ecbasis cuiusdam captivi per tropologiam‘ aus dem Jahre 1045 und dem satirischen ‚Ysengrimus‘214 eines unbekannten flämischen Autors, vermutlich eines Magisters Nivardus von Gent, aus der Mitte des 12. Jahrhunderts setzt die schriftliche westeuropäische Überlieferungstradition dieses Erzählstoffes ein. Diese wird in den Volkssprachen West- und Mitteleuropas fortgeführt, wo der Stoff rezi‐ piert, bearbeitet und ausgebaut wird. Im Zuge dieser Rezeption durchlaufen die Tier‐ figuren eine fortlaufende Anthropomorphisierung, erhalten feste Eigennamen und entwickeln individuelle Charakteristika. Gleichzeitig entwickelt sich der Fuchs zur unumstrittenen Hauptfigur dieser Tierdichtung, wobei der Konflikt zwischen Fuchs und Wolf zum zentralen Thema wird. In den deutschsprachigen Raum gelangt der Reynke-Stoff quasi aus der Nachbar‐ schaft, nämlich aus dem französischen Raum, über niederländische Vermittlung. Die Überlieferung setzt mit dem (nord)französischen ‚Roman de Renart‘ ein, der seinerseits durch den mittellateinischen ‚Ysengrimus‘ inspiriert ist. Der ‚Roman de Renart‘ ist keine abgeschlossene Dichtung, kein Roman im eigentlichen Sinne des Wortes ist, son‐ dern ein aus 27 branches, d. h. einzelnen Episodengeschichten, bestehender von ver‐ schiedenen Erzählern zusammengestellter Zyklus. Im Mittelpunkt dieser zwischen 1170-1250 entstandenen Erzählsammlung steht die Fehde zwischen dem Fuchs und seinem unerbittlichen Widersacher, dem Wolf. Knapp zwei Jahrzehnte später – ent‐ standen zwischen 1179 nach französischer Vorlage der anonym überkommenen Bran‐ che I und 1272/79, dem Entstehungsjahr des lateinischen ‚Reinardus vulpes‘ von Balduinus Juvenis – wird diese französische Geschichtensammlung in Flandern im mittelniederländischen Willemschen ‚Van den Vos Reynaerde‘ – in den literaturwis‐ senschaftlichen Kreisen bekannt als ‚Reinaert I‘ – Überarbeitung finden. Hierbei han‐ delt es sich um eine ausführlichere, ca. 3400 Verse lange Dichtung, die so zu sagen den Ausgangspunkt für die spätmittelalterlichen Buchmarkt-Vorreiter bildet und ihren Siegeszug in Brügge, Antwerpen, Gouda, Delft, Westminster und Lübeck fortsetzt. Ende des 12. Jahrhunderts dichtet der Elsässer Heinrich der Glîchezære das erste deutschsprachige Tierepos, das in Handschriften bis ins 14. Jahrhundert nachgewie‐ sen werden kann und heute noch in drei Handschriftenfragmenten vorliegt. Dieses mittelhochdeutsche Tierepos weist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem altfranzösi‐ schen ‚Roman de Renart‘ auf, genauso wie das die mittelniederländische ‚Van den vos Reynaerde‘-Version es auch tut, hebt jedoch von der restlichen Reineke-Fuchs- Tradition dadurch ab, dass der Fuchs am Ende den Löwen vergiftet. Hinzu kommt die Tatsache, dass die zyklisch-episodische Struktur des ‚Roman de Renart‘ zuguns‐ ten einer linearen Handlung aufgelöst wird. Bemerkenswerterweise hat diese mittel‐ 214 In diesem lateinischen Tierepos tragen die beiden Rivalen Wolf Ysengrimus und Fuchs Reinardus erstmals die Namen, die die beiden Tiere dann auch in späteren mittelalterlichen und frühneuzeitli‐ chen Texten beibehalten werden. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 67 hochdeutsche eher belehrend intendierte ‚Reinhart Fuchs‘-Dichtung keine weitere Rezeption erfahren und spielte demnach keine Rolle bei der niederdeutschen ‚Reyn‐ ke de Vos‘-Tradition in der Zeit des Buchdrucks. Signifikant für die Weitertradierung des Reynke-Stoffes insgesamt und für die niederdeutsche ‚Reynke de Vos‘-Tradition speziell war hingegen der sogenannte ‚Reinaert II‘, unter dem man eine anonym überlieferte niederländische erweiternde und bearbeitende ‚Reynaerts Historie‘-Ausgabe über den uminterpretierten Fuchs versteht. Im um 1375 entstandenen 7800 Versen langen ‚Reinaert II‘ wird der Fuchs Reynaert von seinem tierischen Status quo entfremdet. Er tritt eindeutig als stilisierte Allegorie des Bösen und dementsprechend nicht mehr als moralisierter Typus, son‐ dern direkt als negative Didaxe auf. Etwas mehr als ein Jahrhundert trennt diese niederländische Fassung von der ers‐ ten niederdeutschen ‚Reynke de vos‘-Ausgabe, die durch gedruckte Goudaer Prosa‐ auflösung von Gerard Leeu aus dem Jahre 1479 unter dem Titel ‚Historie van rey‐ naert die vos‘ und die 112 Blätter zählende Delfter Kurzfassung von Jacob Jacobsz van de Meer aus dem Jahre 1485 vorbereitet wird und vermutlich auf der ebenfalls niederländischen Antwerpener Fassung eines gewissen und ansonsten unbekannten Hinrek van Alckmer, die nur in den sogenannten ‚Culemannschen Bruchstücken‘ in sieben heilen Blättern erhalten geblieben ist, als Vorlage beruht. Zum ersten Mal in der gesamten Reynke-Überlieferung wird im zwischen 1487 und 1490 wiederum beim Drucker Gerard Leeu erschienenen Druck eine Einteilung in vier Bücher sowie eine Untergliederung in Kapitel unternommen, jedes von denen extra mit kurzen zu‐ sammenfassenden Inhaltsangaben in Prosa, einem passenden Holzschnitt und – was für die weitere Rezeption nicht weniger wichtig ist als die Einteilung selbst – einer moralischeren Ausdeutung in Prosa versehen wird. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird der Reynke-Stoff Bestandteil der im weite‐ ren Sinne europäischen Literatur. Der eine Rezeptionsweg führt nach England, wo er beginnend mit der 1481 gedruckten Übersetzung der niederländischen Prosaversion der Goudaer Ausgabe von Gerard Leeu eine eigene Textgeschichte begründet, der zweite nach Lübeck und von dort aus über Rostock nach Süddeutschland und Skan‐ dinavien, der dritte zurück ins französische Sprachgebiet. Um rezeptionstechnisch nach Rostock zu gelangen, bietet es sich selbstverständlich an, im Osten zu bleiben, wo in Lübeck im Jahre 1498 der erste niederdeutsche ‚Reynke de vos‘ von einem un‐ bekannten Bearbeiter unter dem Signet der Mohnkopfoffizin veröffentlicht wird. Bei dieser 7791 Verse zählenden Druckausgabe, deren Kapitel in vier Bücher ungleichen Umfangs eingeteilt und von denen zwei mit Prosavorreden ausgestattet wurden, han‐ delt es sich keinesfalls um eine einfache Übertragung oder (nieder)deutsche Adapta‐ tion des Reynke-Stoffes, sondern vielmehr um ein Beispiel eines wesentlich verän‐ derten eher volksmissionarischen Umgangs mit dem Erzählstoff, der an die sozialhis‐ torischen Gegebenheiten des Rezipientenkreises angepasst wird. Dies hat die Ausga‐ be aus der Mohnkopfoffizin in einem beträchtlichen Maße den prosaischen Glossen‐ kommentaren, die den einzelnen Kapiteln angefügt wurden, zu verdanken. Mit dieser niederdeutschen Dichtung kann die mittelalterliche Stoffgestaltung des Tierepos als abgeschlossen gelten. Teil I Voruntersuchungen 68 Dem ‚Reynke de vos‘-Druck von 1498 folgen nun, wie bereits oben festgehal‐ ten215, der in einem Brief des Rostocker Druckers Hermann Barckhusen an Herzog Heinrich von Mecklenburg bezeugte, eventuell nur marginal veränderte Rostocker Nachdruck von 1510, der jedoch nicht erhalten ist, der ebenfalls Rostocker ‚Uan Reyneken dem Vosse‘-Druck aus dem Jahre 1517, der einen deutlich geringeren Um‐ fang an Blättern als die Lübecker Inkunabel aufweist, wahrscheinlich der bislang nicht nachgewiesene Rostocker Druck von 1522 und schließlich der Rostocker ‚Reynke Vosz der olde‘ mit der neuen, erheblich erweiterten jüngeren Glosse. Wie man hier sehen kann, ist es eine dunkle Geschichte, die sich um die niederdeutsche ‚Reynke de Vos‘-Tradition allgemein und die Entstehungsgeschichte des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes insbesondere erstreckt. In dieser bleiben bislang vie‐ le grundsätzliche Fragen offen, eine von denen die Frage nach dem Verfasser ist. Der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgaben folgten dann in den Jahren von 1549 bis 1610 noch elf weitere niederdeutsche Nachdrucke in Rostock, Frankfurt am Main und Hamburg, die sich sowohl im Format als auch in der Ausstattung unter‐ schieden. Die erste hochdeutsche Ausgabe im Folioformat erschien noch vor der Rostocker Ausgabe von 1549 in Frankfurt am Main im Jahre 1544 bei Cyriacus Ja‐ cob. Diese Frankfurter Ausgabe trug den Titel ‚Von Reinicken Fuchs‘ und stellte eine hochdeutsche Übertragung des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ dar. Im Jahre 1567 rückte wiederum in Frankfurt die erste lateinische Bearbeitung von Hartmann Schop‐ per, die den Titel ‚Opus poeticum de admirabili fallacia et astutia vulpeculae Reini‐ kes‘ trug und die Übertragung der hochdeutschen Ausgabe darstellte, nach. Johann Christoph Gottscheds hochdeutsche Prosabearbeitung des Reynke-Stoffes aus dem Jahre 1752 bildete schließlich die Grundlage für Goethes hexametrische Neubearbei‐ tung des ‚Reinecke Fuchs‘ in zwölf Gesängen von 1793. Zur Verfasserfrage Seit den ersten literaturwissenschaftlichen Versuchen, die in der Mohnkopfoffizin ge‐ druckte ‚Reynke de vos‘-Ausgabe von 1498 zu erfassen und ihre Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Bearbeitung von 1539 in ihrer Entstehungs- und Überlieferungsge‐ schichte zu verfolgen, stellte sich immer wieder die Frage nach der Identität des Ver‐ fassers und seinem Dichterprofil216, wobei an dieser Stelle eingeräumt werden muss, dass die Verfasserfrage als solche recht spät in den Fokus der literarischen Forschung geriet. Das primär literaturwissenschaftliche Interesse an dem Verfasser hängt sicher‐ lich mit der Tatsache zusammen, dass sowohl der Verfasser des ersten niederdeut‐ 3.4 215 Vgl. Kap. 3.1.3 Titelblatt. 216 Zum Dichterprofil überwiegend des Lübecker ‚Reynke de vos‘-Bearbeiters vgl. v. a. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“; Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterprofil; Schilling, Potenziertes Erzählen. Ausführlicher zum Rostocker Glossator, seiner Arbeitsweise und seiner Weltanschauung vgl. insbes. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, aber auch teilweise früher Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. IX-XX. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 69 schen ‚Reynke de vos‘-Druckes unbekannt ist, als auch der Verfasser der jüngeren Glosse und der Bearbeiter des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ anonym blieb.217 In diesem Kapitel sollen die Frage nach dem Verfasser der jüngeren Glosse und die ver‐ schiedenen Bearbeiter-Thesen kursorisch beleuchtet werden, wobei der Lübecker Ver‐ fasser als Bearbeiter der Textvorlage vornehmlich zum Erzählteil des ‚Reynke Vosz de olde‘ stets im Blickfeld bleiben soll. Dies geschieht mit der Begründung, dass die beiden niederdeutschen Verfasser bzw. Bearbeiter in den Wissenschaftskreisen in der Regel parallel zueinander und im Kontrast behandelt wurden, wobei der Schwer‐ punkt mal mehr auf dem Lübecker, mal mehr auf dem Rostocker Bearbeiter lag. So können die als Antwort auf die Frage nach dem Verfasser der jüngeren Glos‐ se, also dem Rostocker Bearbeiter, und nach dem Lübecker Bearbeiter geltenden Hy‐ pothesen grob in zwei Gruppen eingeteilt werden. Einerseits bemühten sich Georg Rollenhagen218, Peter Lindenberg und Bernd Frese219 in der quasi zeitgenössischen Rezeption der Rostocker Reynke-Bearbeitung des ausgehenden 16. Jahrhunderts und solche Philologen wie Friedrich August Hackmann220 in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Georg Christian Friedrich Lisch221 und Friedrich Zarncke222 in der Mit‐ te des 19. Jahrhunderts, Ella Schafferus223, Peter Honegger224, Heinz-Lothar Worm225 und Timothy Sodmann226 im 20. Jahrhundert eine bestimmte historische Person als Lübecker Bearbeiter und / oder als Verfasser der jüngeren Glosse namhaft zu machen. Dagegen beschränkten sich andererseits solche Philologen wie Alexander Bieling227, Friedrich Prien228, Ludwig Baucke229, William Foerste230, Olaf 217 Biographisierende Textinterpretationen finden durchaus auch meine Unterstützung, sie können je‐ doch m. E. kaum als alleingültiger Wertmaßstab bestehen. 218 In der Vorrede zum ‚Froschmeuseler‘, vgl. Rollenhagen, ‚Froschmeuseler‘, Bl. B 3r-B 4v. 219 Lindenberg, Chronicon Rostochiense posthumum quinque libris absolutum, S. 173. Zur Hypothe‐ se von Peters Lindenberg in ‚Chronicon Rostockiense‘ und der Äußerung eines gewissen Bernd Frese vgl. auch Zarncke, Zur Frage nach dem Verfasser des Reinke, sowie Erwähnung bei Sod‐ mann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 247f.; Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterprofil, S. 46. Vgl. Erwähnung bei Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 1v. 220 Vgl. Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 1v-B 3v; ders., Reineke de Vos mit dem Koker, Bl. )( ):( 3r ff. 221 Vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, S. 196-202. 222 Vgl. Zarncke, Zur Frage nach dem Verfasser des Reinke. 223 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. 224 Vgl. Honegger, Eulenspiegel und die sieben Todsünden, insbes. S. 35. Bereits zwei Jahre zuvor äusserst Honegger seine Vermutung bezüglich des Verfassers des Ulenspiegel-Druckes, die er dann in seinem Aufsatz später wieder aufgreift und die (potentielle) Verfasserschaft auch auf andere Lü‐ becker Erbauungstexte ausbreitet. Vgl. dazu Honegger, Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckge‐ schichte und zur Verfasserfrage. 225 Vgl. die entsprechende Monographie und den darauf veröffentlichten Aufsatz. Worm, Reynke de Vos. Ein Beitrag zur Verfasserfrage; ders., Zur Verfasserfrage des Reynke de Vos. 226 Vgl. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“. 227 Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung. 228 Vgl. Prien, Zur Vorgeschichte des Reinke Vos, S. 49; ders., Reinke de vos, S. XVI. 229 Vgl. Baucke, Das mittelniederdeutsche Narrenschiff und seine hochdeutsche Vorlage, S. 153. 230 Vgl. Foerste, Von Reinaerts Historie zum Reinke de Vos. Teil I Voruntersuchungen 70 Schwencke231, Lambertus Okken232, Lothar Schwab233, Matthias Nix234, Brigitte De‐ rendorf235 sowie zum Teil Hermann Brandes236, Ella Schafferus237 und Jan Goos‐ sens238 in ihren Studien auf Ermittlung der sozialen Zugehörigkeit des Lübecker Be‐ arbeiters und in ausgewählten Fällen des Rostocker Anonymus. Diesbezüglich sind zwei äußerst interessante Tendenzen zu vermerken: die erste‐ ren Forscher neigten dazu, einen Laien sozusagen die Lorbeeren des mittelalterlichen Bestsellererfolgs ernten zu lassen, dabei kamen der herzoglich-mecklenburgische Sek‐ retär Nicolaus Baumann, der Rostocker Drucker und Verleger Hermann Barckhusen, der in Speyer gebürtige Buchdrucker und Verleger Ludwig Dietz, der Lübecker Ver‐ leger Hans van Ghetelen, der Braunschweiger Zollschreiber Hermen Bote und der Niederländer Hinrek van Alckmer in Frage, wo sich im gemeinsamen Nenner der weiteren Ausführungen ein Vertreter des geistlichen Standes fand. Die Akzente in der Verfasserfrage haben sich bemerkenswert erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verschoben, indem versucht worden ist, den jeweiligen Bearbeiter einer gesellschaftli‐ chen Gruppe, zum Beispiel einem geistlichen Orden, zugehörig zu machen und nicht wie vorhin per Namen zu nennen. Es bietet sich an, den Spuren der einzelnen poten‐ tiellen Verfasserkandidaten in der Reihenfolge nachzugehen, in der sie in die entspre‐ chende literaturgeschichtliche Forschung eingegangen sind. Die Hypothesendiskussion soll mit Nicolaus Baumann, dem Sekretär am Hofe Herzog Magnus’ II. von Mecklenburg bzw. Sekretär der beiden Herzöge Heinrich und Albrecht von Mecklenburg, eröffnet werden. Für ihn als Reynke-Dichter haben sich im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts unabhängig von der Textüberlieferung Rollenhagen, Lindenberg und Frese geäußert,239 wobei sie sich auf die nicht nachge‐ 231 Vgl. Schwencke, Ein Kreis spätmittelalterlicher Erbauungsschriftsteller in Lübeck, S. 57. 232 Vgl. Okken, Reinke de Vos und die Herren Lübecks. 233 Vgl. Schwab, Vom Sünder zum Schelmen. Goethes Bearbeitung des Reineke Fuchs. 234 Vgl. Nix, Bettelmönch oder Weltgeistlicher? Zum Verfasser des Lübecker ‚Reynke de Vos‘. 235 Vgl. Derendorf, Die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens als Kriterium für die Ein‐ ordnung des in Lübeck gedruckten spätmittelalterlichen Erbauungsschrifttums. 236 Vgl. Brandes, Die litterarische Tätigkeit des Verfassers des Reinke. 237 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. 238 Vgl. Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterprofil. 239 Vgl. Fn. 219. In einer kaum modifizierten Form findet sich die Baumann-Hypothese später u. a. bei Morhof, Unterricht von der teutschen Sprache und Poesie, S. 182; Wangerow, Nicolaus Bau‐ mann, der Verfasser des berühmten alten deutschen Gedichts „Reineke de Vos“, ein Ostfriese; Grimm, Reinhart Fuchs, S. CLXXIII-CLXXIX; Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meck‐ lenburg bis zum Jahre 1540, insbes. Anhang: Ueber den Antheil des Nicolaus Baumann an der He‐ rausgabe des niederdeutschen Reineke Voß, S. 196-205. Hackmann bezeichnet ihn dagegen nicht als Dichter, sondern sieht in ihm den Rostocker Bearbeiter und Verfasser der jüngeren Glosse. Vgl. Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 1v-B 3v; ders., Reineke de Vos mit dem Koker, Bl. )( ):( 3r ff. Des Weiteren wird in Anlehnung an Hackmann Nicolaus Baumann für den Verfasser der jüngeren Glosse gehalten von: Gottsched, Heinrichs von Alkmar Reineke der Fuchs, insbes. S. 17-22, 40; Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwick‐ lung, S. 13. Für weiterführende Literatur vgl. insbes. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 249. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 71 wiesene Rostocker Ausgabe von 1522 bezogen werden.240 Ich schließe mich Ella Schafferus in der Feststellung an, dass Baumann weder Lübecker Bearbeiter noch Rostocker Bearbeiter oder jüngerer Glossator gewesen sein konnte.241 Im Jahre 1507 wird Baumann aus Emden (?) in der Wesergegend erstmalig als neu angestellter fürstlicher Sekretär in Mecklenburg erwähnt, bekannt ist auch, dass er die letzten sechs Jahre seines Lebens an der Universität Rostock tätig war, und es steht fest, dass er im April 1526 in der Jakobikirche in Rostock bestattet wurde.242 Er scheint auch vor 1507 in Mecklenburg gelebt zu haben, und es wäre zudem recht plausibel zu ver‐ muten, dass Baumann nicht als ganz junger Mann am herzoglichen Hofe angestellt worden ist. Dies bestätigt auch die Tatsache, dass er, bevor er an den mecklenburgi‐ schen Hof kam, nach seinem Studium als geheimer Sekretär dem Herzog von Jülich diente, dort in Ungrade fiel und deswegen fliehen musste.243 Rein zeitlich gesehen, würde es also fast dafürsprechen, dass Baumann Bearbeiter der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe gewesen sein könnte, die jüngere Glosse zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ ist jedoch offensichtlich später „zusammengestellt“ worden. Damit argu‐ mentieren nämlich Zarncke244 und Boll245, die in ihren Ausführungen zum Rostocker Glossator darauf aufmerksam machen, dass einige in der jüngeren Glosse verwende‐ ten Texte erst nach Baumanns Tod erschienen sind. Schriftstellerisch gesehen, ist Baumanns Teilhabe auch am Lübecker ‚Reynke de vos‘ eher zu bezweifeln. Zwar musste Baumann seinem Tätigkeitsfeld entsprechend wahrscheinlich manches aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übertragen können, zudem hatte er wohl sei‐ nerzeit in Köln und Heidelberg studiert, ob er aber des Niederländischen in so hohem Maße mächtig war, dass er eine niederländische Dichtung ins Niederdeutsche über‐ setzen konnte, lässt sich nicht genau sagen.246 Außerdem dürfen seine dichterischen Fähigkeiten eher in Abrede gestellt werden, denn bis heute sind nur amtliche Text‐ zeugnisse bekannt, die unter seiner Mitarbeit entstanden sind wie beispielsweise die erste mecklenburgische Polizeiordnung von 1516 oder teilweise auch die Rostocker Chronik, die doch einen der Belletristik eher ferneren Textsortenbereich repräsentie‐ 240 An dieser Stelle muss zwingend eingeräumt werden, dass die Lübecker Inkunabel von 1498 erst spä‐ ter wiederentdeckt wurde. 1522 (falsch gelesen aus 1517) galt demnach als das Erscheinungsjahr des ersten in Rostock gedruckten Reynke-Textes, die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe von 1539 wurde als Nachdruck behandelt. 241 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 7-9. 242 Vgl. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 248. Insgesamt scheinen die in der Forschung zugänglichen biographischen Angaben zu Nicolaus Baumann recht widersprüchlich zu sein. 243 Vgl. Fromm, Baumann, Nicolaus. Vgl. auch Krey, Nicolaus Baumann. 244 So erwähnt Zarncke u. a. die Fabeln Erasmus Alberus’ und Johann von Schwarzenbergs ‚Memorial der Tugend‘ und ‚Der Kummertrost‘. Vgl. Zarncke, Zur Frage nach dem Verfasser des Reinke, S. 37ff. 245 Boll widerlegt die Baumann-These, indem er auf Johann Brenz’ Kommentar zum ‚Prediger Salo‐ mo[n]‘ und Alberus’ Fabeln als Textvorlage für die jüngere Glosse hinweist. Vgl. Boll, Ueber die sogenannte protestantische Glosse zum Reinke Voß, S. 178. 246 Aufgrund seiner Herkunft aus der Wesergegend könnte man jedoch annehmen, dass Baumann in einem gewissen Umfang – zumindest passiv – die westliche Nachbarsprache beherrschen konnte. Teil I Voruntersuchungen 72 ren. Schließlich gilt es als kaum annehmbar, dass der herzogliche Sekretär es wagen würde, bitteren Tadel des Adels in die Glosse einzubauen.247 Hinrek van Alckmer (Heinrich von Alkmaar) findet sich als Dichter in den Ver‐ mutungen von Hackmann, der erster Herausgeber des wiederentdeckten Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druckes war und der sich in seinen Ausführungen auf die sich in der ersten Vorrede zum Lübecker Tierepos befindende Alckmersche Selbstnen‐ nung248 als Bearbeiter und Übersetzer stützt.249 Ich folge der inzwischen allgemein‐ gültig gewordenen und bereits seit Jacob Grimm250 gängigen Meinung, dass Hinrek van Alckmer der Bearbeiter der niederländischen Vorlage der Lübecker Inkunabel aus dem Jahre 1498 gewesen sein muss. Die nächste Hypothese in Person des Rostocker Stadtsekretärs und Buchdruckers Hermann Barckhusen wurde 1853 zunächst von Friedrich Zarncke verteidigt mit der Begründung einer eigenhändigen 1510251 im Brief bezeugten Schenkung eines nie‐ derdeutschen Reynke-Exemplars an Herzog Heinrich von Mecklenburg.252 Es ist be‐ kannt, dass Barckhusen ab 1500 Ratsschreiber und Notar in Rostock war und ab 1505 eine eigene Offizin geführt hat und dass bei ihm nacheinander Bernhard von dem Berge und Ludwig Dietz als Buchdrucker tätig waren.253 Dem letzteren hat er seine Privatdruckerei vermutlich vor 1514 zum Zeitpunkt seines Eintretens254 in das Karthäuserkloster Marienehe bei Rostock als Geistlicher oder als Laienbruder abge‐ treten.255 Zum Druckprogramm des Hermann Barckhusen gehörten unter anderem der Kommentar zum ‚Donat‘256 des Rostocker Professors Barthold Möller von 1505, 247 Vgl. hierzu auch Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, ins‐ bes. S. 203; Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 7-9, hier insbes. S. 8. 248 Vgl. ‚Reynke de vos‘, Bl. 2v: „Hir vmme dat men en moghe lesen vnde ok vor staen Jck Hinrek van alckmer. scholemester vñ tuchtlerer des eddelen dogentliken vorstē vñ heren. Hertogen van lot‐ ryngen. vmme bede wyllen mynes gnedyghen heren. hebbe dyt yeghenwerdyge boek vth walscher vñ fran|szoͤsescher sprake ghesocht vñ vmme ghesath in dudesche sprake to dem loue vñ to der ere godes“ [Hervorhebungen S. T.]. 249 Hackmann, Reineke de Vos mit dem Koker. 250 Grimm, Reinhart Fuchs, S. CLXXV-CLXXVII. 251 Vgl. hierzu auch Kap. 3.1.3 Titelblatt, Kap. 3.3 Überlieferungsgeschichte und Rezeptionszusam‐ menhang. 252 Zarncke, Zur Frage nach dem Verfasser. Diese Vermutung hat später allerdings nur Leverkus ge‐ teilt, vgl. Leverkus, Zum Reineke Vos. 253 Zum Leben und zur Buchdruckerei des Hermann Barckhusen sowie seinem Druckprogramm vgl. insbes. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg, S. 63-91, hier v. a. S. 90. Folgende biographische Angaben nach Lisch. Vgl. auch Händel, Der frühe Buchdruck in Rostock, S. 17-19. 254 Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. Für weiterführende Literatur vgl. Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatorischen Lehre, S. 261. 255 Diesbezüglich herrscht in der Forschung jedoch keine einheitliche Meinung. Vgl. hierzu Lisch, Ge‐ schichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 63-91, hier insbes. 76; Möhlmann, Kritische Bemerkungen zur Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg, S. 152-159, hier insbes. S. 158. Gegen die Übergabe der Offizin an Ludwig Dietz spricht sich Reske aus, vgl. Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 793. Für weiterführende Literaturhinweise vgl. ebd. 256 Vgl. Moller, [Commentarius in Donatum]. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 73 das ‚Lübische Recht‘257 von 1509, die ‚Bambergische (Peinliche) Halsgerichtsord‐ nung‘ (auch ‚Bambergiensis‘ genannt) von 1510, Reliquienbeschreibung, Berichte zu den Vorfällen des Judenhandels von 1510 (?) sowie ‚Mons Stellarum‘258 von 1512.259 Im engeren Sinne literarische Werke sind jedoch nicht bezeugt. Längere Zeit wurde angenommen, dass Barckhusen der Bearbeiter und Herausgeber des 1517er ‚Uan Reyneken dem Vosse‘-Zwischendruckes gewesen sein sollte, aber in letzterer Zeit wird wiederholt betont, dass diese Ausgabe weder mit den Typen des Steffen Arndes aus Lübeck – die Barckhusen theoretisch besitzen konnte –, noch mit den Typen des Hermann Barckhusen selber angefertigt wurde.260 Es soll wohl bei der Feststellung bleiben, dass es sich in diesem Falle um einen sonst unbekannten Wanderdrucker handeln sollte.261 Noch eine letzte Bemerkung könnte als Gegenargument zu Her‐ mann Barckhusen, der in erster Linie Stadtsekretär und ansonsten eben Druckherr war, als Lübecker oder Rostocker Bearbeiter angeführt werden: Die sprachlichen u. a. offensichtlichen graphematischen Besonderheiten der Schreibsprache des Hermann Barckhusen – es sind mehrere eigenhändige Schreiben überliefert – sowie der Spra‐ che der ‚Bambergischen (Peinlichen) Halsgerichtsordnung‘262, die er nachweislich selbstständig aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übertragen und herausge‐ geben hat – sprechen eindeutig gegen seine Verfasserschaft des ‚Reynke de vos‘ oder des ‚Reynke Vosz de olde‘-Textes. Die von Hermann Brandes263 anfangs verbreitete Hypothese über die Verfasser‐ schaft des Lübecker Mohnkopf-Druckers Hans van Ghetelen, der angeblich auch weitere Erbauungsschriften wie den ‚Totentanz‘ und das ‚Narrenschiff‘ verfasst bzw. bearbeitet hat, konnte sich in der Reineke-Fuchs-Forschung nicht durchsetzen.264 Ähnliches Schicksal widerfuhr der mehrfach geäußerten These über die mögliche Verfasserschaft des Braunschweiger Zolleinnehmers und Verwalters der städtischen Ziegelei, aber v. a. eines bedeutenden Chronisten seiner Stadt und selbstständigen Li‐ teraten Hermen Bote, dem erstmals Peter Honneger265 die fragmentarisch erhaltene Schwanksammlung über Till Eulenspiegel und darüber hinaus später auch einige 257 Diesen Druck hat nachweislich bereits Ludwig Dietz ausgeführt. 258 Bei Nikolaus Marschalks ‚Res a iudae=|is scelestissim|is gesta, in mo|nte Stella|rum‘ handelt es sich um die Geschichte von der zu Sternberg im Jahre 1492 verübten Hostienmisshandlung durch die Juden und der Verbrennung derselben im Jahre 1493. 259 Angaben nach Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 63-91, hier S. 77-91. 260 Vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 90f. Vgl. hier‐ zu auch Kap. 3.1.3 Titelblatt, Kap. 3.3 Überlieferungsgeschichte und Rezeptionszusammenhang. 261 Erstmalige Erwähnung bei Wiechmann, Meklenburgs altniedersächsische Literatur. I, S. 43. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. 262 Vgl. hierzu Kap. 10.1 Beschreibung und Begründung des Vergleichskorpus. 263 Vgl. hierzu Brandes, Dat Narrenschyp von Hans van Ghetelen. 264 Vgl. ausführlicher bei Gerhardt, Hans van Ghetelen; Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 251f. Zur Widerlegung der van Ghetelen-Hypothese vgl. auch Lasch, Bespre‐ chung Herman Brandes; Leitzmann, Zu Reinke de vos; Baucke, Das mittelniederdeutsche Narren‐ schiff und seine hochdeutsche Vorlage. 265 Honegger, Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckgeschichte und zur Verfasserfrage; ders., Eulen‐ spiegel und die sieben Todsünden, insbes. S. 35. Teil I Voruntersuchungen 74 weitere Lübecker Erbauungsschriften, darunter nämlich ‚Reynke de Vos‘, ‚Dat narren schyp‘ und sogar das ‚Henselyns boek‘ zuschrieb.266 Ludwig Dietz dagegen, dessen Kandidatur als Glossator erstmals von Georg Rol‐ lenhagen267 vorgeschlagen, 1891 von Hermann Brandes268 wieder aufgegriffen und schließlich 1933 von Ella Schafferus verteidigt worden ist, könnte nicht unwahr‐ scheinlich Verfasser der jüngeren Glosse zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ und Bearbeiter des Versteils gewesen sein, wofür prinzipiell seine Fähigkeiten und Fertig‐ keiten als geschickter Übersetzer, erfahrener Drucker und geschäftstüchtiger Verleger sprechen.269 So hat er bereits 1509, während er noch für Hermann Barckhusen tätig war, das ‚Lübische Recht‘ herausgegeben und, wenn man dessen Vorrede glaubt, auch selbstständig übersetzt. Des Weiteren hat er nachweislich einen Auszug aus der Preußischen Landesordnung von 1526 aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übersetzt und mit einer Einleitung versehen, genauso wie zahlreiche weitere Drucke sowie eine Übertragung Sebastian Francks ‚Van dem grewlichenn laster der trun‐ ckenheit‘ von 1542 angefertigt.270 Um den seinerzeit anerkannten und ausgezeichne‐ ten Drucker und Verleger Ludwig Dietz nach Hermann Brandes als jüngeren Glossa‐ tor und Rostocker Bearbeiter zweifelsfrei zu bezeichnen, fehlen lediglich direkte Ver‐ weise auf seine mögliche Verfasserschaft im Text des ‚Reynke Vosz de olde‘ sowie indirekte Nachweise wie beispielsweise Bücherauflistungen im Bibliothekbestand des Ludwig Dietz o. Ä.271 Ohne an dieser Stelle ausführlich über die Gründe zu refe‐ rieren, schließe ich mich Ella Schafferus in ihrer Feststellung an und bestätige, dass 266 Vgl. dazu Cordes, Alter Fuchs und weiser Schelm; Worm, Reynke de Vos. Ein Beitrag zur Verfas‐ serfrage; Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterprofil, S. 62f. Für weiterführende Literatur zur Hermann Bote-Hypothese und ihre weitergehende Auswertung vgl. insbes. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, insbes. S. 246, 252-258. 267 Rollenhagen, ‚Froschmeuseler‘, Bl. B 3r-B 4v, hier Bl. B 3v: „Hat er [Nicolaus Bawman, S. T.] aus sein selbst er=|fahrung den Reinicken Fuchß / als wenn | der im Hertzogthumb Julich also er‐ gan=|gen were / weislich beschrieben / vnd dem | Buchdrucker zu Rostock / Ludowigen | Diet‐ zen / welcher ein Oberlender vō Spey=|er vnd ein guter Reymer war verehret. | Derselbige hat die Glossen auß andern | Reymbuͤchern darzu gesetzt / vnd jhn da=|mit / im Jahr 1522. als wenns zuor ein | altes Welsch vnd Frantzoͤsisch Buch ge=|wesen / wies denn auch bald Franzoͤsisch | gemacht vñ in Druck gegebē worden.“ 268 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. IX-XX, hier S. XIX: „Nachdem wir gesehen haben, dass Rollenhagens bericht grösseres vertrauen verdient, als Zarncke annimmt, dürfen wir kein bedenken tragen, auf grund desselben Ludwig Dietz die urheberschaft der Jüngeren glosse zu‐ zusprechen. Die Glosse liegt durchaus in den grenzen der befähigung dieses mannes, dessen reger geist in seiner ausgedehnter geschäftlichen thätigkeit nur teilweise befriedigung fand und der in Rostock eine ähnliche wirksamkeit entfaltete wie Jacob Cammerlander in Strassburg.“ 269 Eine ausführliche Auswertung der Ludwig Dietz-These findet sich bei Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 127-148. Weitere Angaben nach Schafferus, vgl. ebd. 270 Eine Auflistung der von Ludwig Dietz angefertigten Drucke findet sich u. a. bei Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 134-185, insbes. S. 143-185. Vgl. auch Angaben bei Wiechmann, Meklenburgs altniedersächsische Literatur. I und II. 271 Für die Verfasserschaft von Ludwig Dietz spricht jedoch indirekt die Geographie der als Quellen für die jüngere Glosse herangezogenen Drucke sowie generell der meist hochdeutschen Vorlagen seiner Drucke, die zum Teil infolge seiner persönlichen – teilweise freundschaftlichen – Beziehun‐ gen zu anderen Druckern aus Straßburg, Augsburg, Nürnberg, Frankfurt am Main etc. zustande‐ kommen konnte. Vgl. hierzu Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 127-148, insbes. S. 142-144. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 75 man Ludwig Dietz, der nicht nur Verleger von diversen Gebrauchsschriften, Volksbü‐ chern, Reformationsschriften, zahlreichen Send-, Landtags- und Aufgebotsschreiben war, sondern auch durchaus wissenschaftliche Texte herausgegeben hat, und dem die Toleranzidee genauso wie dem jüngeren Glossator nicht fremd war, aus dem aktuel‐ len Stand der Forschung heraus sehr vorsichtig als den wahrscheinlichsten von allen oben genannten Verfasserschaftskandidaten gelten lassen kann. Als letzte per Namen genannte Anwärter auf die Verfasserschaft der jüngeren Glosse und die Bearbeitung des Versteils zum ‚Reynke Vosz de olde‘ wurden der Wiedertäufer-Bischof Obbe Philips272, Johann Frederus der Ältere273 und der bekannte Jurist Johann Oldendorp274 genannt. In ihrer Studie275 zum Verfasser der jüngeren Glosse wertet Ella Schafferus diese drei Thesen aus und kommt zum Schluss, dass die Wiedertäufer-These am wenigsten von allen wahrscheinlich ist, u. a. aufgrund der Tatsache, dass „der Glossator zwar der protestantischen Mittelpartei angehört, […] aber in den Fragen der Lehre und Weltanschauung spezifisch lutherisch denkt“, weswegen nach dem Glossator kaum in den wiedertäuferischen Kreisen zu suchen ist.276 Gegen Frederus als Verfasserschaftskandidaten sprechen nach Schafferus in erster Linie seine abweichende, mehr wissenschaftliche als rein kompilatorische Arbeitsweise sowie seine profunden Lateinkenntnisse, während der jüngere Glossator ausschließlich aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übersetzt. Zudem betont Schafferus, dass sich zwischen den Schriften Frederus’ und der Rostocker Glosse zahlreiche mentalitäts‐ spezifische, religiöse wie weltanschauliche Unterschiede finden, die sich zum einen in der Wahl der Textvorlagen und zum anderen in den Äußerungen selber widerspiegeln und somit die Frederus-These widerlegen: „[D]ie Toleranzidee, wie sie durch die Glosse geht, ist für Frederus – trotz seines milden und versöhnlichen Charakters – unmöglich, und eine Züricher Bibel können wir nicht in seinen Händen vermuten.“277 Die Einstellung zur Reformation Johann Oldendorps widerspricht zwar nicht der Ein‐ stellung des jüngeren Glossators, es findet sich jedoch eine Reihe von Gegenbeweisen, die Stammlers Hypothese in Frage stellen. So scheint es einerseits rein zeitlich gesehen für Oldendorp, der damals mit ganz anderen Sachen beschäftigt war, kaum zumutbar zu sein, dass er sich intensiv mit den Prätexten der jüngeren Glosse auseinandersetzen konnte. Andererseits stellt sich die Frage, ob Oldendorp zu der Arbeit der Glosse fähig war, oder heißt es nicht vielmehr die Glosse überschätzen, indem wir sie Oldendorp zuschreiben? Sollten wir nicht von einem Mann von der Bedeutung Oldendorps eine andere Glosse erwarten, die den Niederschlag seiner Erfahrungen der letzten Jahre deutlicher zeigte? Die Glosse selbst widerspricht der Ol‐ dendorp-These.278 272 Vgl. Krause, Die Wiedertäufer in Rostock. 273 Vgl. Hofmeister, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. 274 Vgl. Stammler, Geschichte der niederdeutschen Literatur, S. 57. Davor bereits angedeutet von Hof‐ meister, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. 275 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 112-127. 276 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 112-114, hier S. 113. 277 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 114-120, hier S. 120. 278 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 120-127, hier S. 124. Teil I Voruntersuchungen 76 Schließlich sind es die auffälligen stilistischen und syntaktischen Unterschiede zwi‐ schen den zahlreich überlieferten Schriften Oldendorps, die sich durch aktive Ver‐ wendung von hypotaktischen Konstruktionen mit konzessiven, konditionalen und kausalen Nebensätzen, durch die Bildhaftigkeit des Ausdrucks und Prägnanz der Darstellung, aber auch durch einen dynamischen Stil kennzeichnen, und der klaren und recht einfachen Sprache der jüngeren Glosse, die das Gefühl einer weniger sub‐ jektiven, persönlichen Darstellung verleihen, die den letzten Gegenbeweis liefern.279 Wenn man von den Einzelpersonen-Verfasserschaftsgesuchen absieht und sich des zweiten seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschenden Ansatzes280 bedient, so muss man wohl doch festhalten, dass sowohl der Lübecker Bearbeiter als auch der Rostocker Verfasser bzw. Glossator zumindest theologisch gebildet sein, wenn nicht gar direkt oder indirekt einem geistlichen Stand angehören sollten.281 Berücksichtigt man die Vielfalt und Breite der Prosaauslegungen zu den Kapiteln sowie die Rand‐ glossen der 1539er ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe, kommt man zum Schluss, dass wohl kein absoluter Laie die Problematik so akribisch auszulegen im Stande gewesen sein konnte. Somit bleibt die Verfasserfrage für die beiden wichtigsten niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Ausgaben weiterhin offen. Um den Verfasser als Mitglied einer so‐ zialen Gruppe exakter zu bestimmen, bedarf es noch weiterer Recherchen und Unter‐ suchungen, u. a. um feine Unterschiede in diversen in Frage kommenden geistlichen Orden in Lübeck, Rostock und Umgebung zu erkennen und diese dem Rezipienten‐ kreis gegenüberzustellen oder die These über die Verfasserschaft einer einzelnen Per‐ sönlichkeit endgültig zu widerlegen oder zu bestätigen. 279 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 120-127. 280 Vgl. u. a. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung; Brandes, Die literarische Tätigkeit des Verfassers des Reinke; Baucke, Das mittelniederdeutsche Narrenschiff und seine hochdeutsche Vorlage, insbes. S. 153; Foerste, Von Reinaerts Historie zum Reinke de Vos; Schwencke, Ein Kreis spätmittelalterlicher Erbauungsschriftsteller in Lübeck; Okken, Rein‐ ke de Vos und die Herren Lübecks; Schwab, Vom Sünder zum Schelmen. Für weiterführende Lite‐ ratur und ausführlichere Auswertung der einzelnen Thesen vgl. auch Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 250f.; Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterpro‐ fil, S. 63-66. 281 Dieser Aspekt wird hier nicht ausführlich beleuchtet primär aufgrund der Tatsache, dass sich die meisten Forscher mit der sozialen Zuordnung und dem Dichterprofil des Lübecker Bearbeiters und nicht des jüngeren Glossators beschäftigt haben. Als Ausnahme ist an dieser Stelle eine bereits mehrfach zitierte Studie von Schafferus zu nennen, vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 13-99. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 77 Analyse Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung Die Hauptbesonderheit der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schreib- und Dru‐ ckersprachen besteht wohl darin, dass sie im Gegensatz zu modernen standardisierten Schriftsprachen kaum normiert oder kodifiziert, weniger einheitlich und v. a. nicht allgemein verbindlich waren. Diese Behauptung gilt im selben Maße auch für das Mittelniederdeutsche, das neben einem gewissen Anteil konstanter Elemente einen bedeutsamen Anteil variabler Elemente aufweist. So kann an dieser Stelle für den mittelniederdeutschen Sprachraum festgehalten werden, dass in der Zeit zwischen 1200 n. Chr. und 1650 n. Chr. verschiedene regionale Schreibsprachen nebeneinander existiert haben, sodass das Mittelniederdeutsche vielmehr als eine Sammelbezeich‐ nung für diese nah verwandten Schreibsprachen fungiert. Die Diagliederung282 des Mittelniederdeutschen wird in der Regel nach diatopischen (räumlichen), diachroni‐ schen (zeitlichen) und ferner auch diastratischen (schichtenspezifischen) Kriterien beschrieben, wobei für die vorliegende Untersuchung vorrangig räumliche und zeitli‐ che Aspekte von Belang sind, auf die nun eingegangen werden soll. Auf Basis der Besiedlungsgeschichte lassen sich in erster Annäherung die land‐ schaftlichen Schreibsprachen des Altlandes und diejenigen des Neulandes (Kolonial‐ gebiets) unterscheiden.283 Zu den regionalen Schreibsprachen des Altlandes werden üblicherweise das Westfälische im Südwesten, das Ostfälische zwischen Weser und Elbe und das Nordniedersächsische als Teil des Nordniederdeutschen gezählt. Als Ausgleichs- oder Kolonialmundarten gelten das Ostelbische, zu dem auch das Lübi‐ sche gezählt wird, das Baltische der Ostseeprovinzen und der Hansekontore in Visby und Nowgorod sowie das Groningisch-Ostfriesische als weitere Teile des Nordnie‐ derdeutschen, dessen Geltungsbereich sich im Nord- und Ostseeraum zwischen Gro‐ ningen und Nowgorod erstreckt, und das Südmärkische einschließlich des Ostanhalti‐ nischen (Zerbstischen) im Südosten des mittelniederdeutschen Sprachraums. Teil II 4 282 Als einführende Lektüre zur Beschreibung der Diagliederung des Mittelniederdeutschen nach räum‐ lichen, zeitlichen sowie schichtenspezifischen Varianten bietet sich zum Beispiel Peters, Die Dia‐ gliederung des Mittelniederdeutschen. Für eine übersichtliche Darstellung des mittelniederdeut‐ schen Sprachraumes vgl. zum Beispiel Peters, Überlegungen zu einer Karte des mittelniederdeut‐ schen Sprachraumes, insbes. Karte auf S. 59 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 277]. 283 Zum Ostniederdeutschen vgl. insbes. Rösler, Aspekte einer Sprachgeschichte des Ostniederdeut‐ schen. 79 Für die landschaftlichen Schreibsprachen des Kolonialgebiets kann festgehalten werden, dass sie zum einen großräumiger ausfallen als diejenigen des Altlandes und zum anderen häufiger eine Variantenkombination aus den regionalen Kennzeichen des Altlandes aufweisen, was deutlich mit dem Verlauf ihrer Besiedlungsgeschichte korreliert. Auch insgesamt lässt sich sagen, dass gerade in den Übergangszonen ein Schwanken zwischen den eigenen regionalen Varianten und den Varianten aus den Nachbargebieten zu erwarten ist und augenscheinlich vorliegt. So demonstriert zum Beispiel das Ijselländische ein Nebeneinander von niederländischen und westfäli‐ schen Merkmalen, während sich das Ostwestfälische als Übergangsvarietät zwischen dem Westfälischen und Ostfälischen in einigen Merkmalen mal der einen, mal der anderen Kernlandschaft anschließt. Für das Elbostfälische am Ostrand des Ostfäli‐ schen sind teilweise mitteldeutsch beeinflusste Entwicklungen typisch, das Nordnie‐ dersächsische besitzt indes beinahe keine eigenen Kennformen und folgt vorzugswei‐ se entweder dem Ostfälischen oder dem Westfälischen. Trotz seiner Zugehörigkeit zum Nordniederdeutschen lässt das Groningisch-Ostfriesische eine deutliche Nähe zum Westfälischen und zum Niederländischen erkennen, währenddessen das Balti‐ sche in den Ostseeprovinzen aufgrund seiner Besiedlungsgeschichte unter einem noch stärkeren Einfluss des Westfälischen als das ostelbische Sprachareal steht. Für die südmärkische Schreibsprache sind dagegen niederländische sowie starke ostfäli‐ sche und elbostfälische Einflüsse festzustellen, das Ostelbische wird nicht nur durch das Westfälische aufgrund seiner Besiedlungsgeschichte beeinflusst, sondern über‐ nimmt zum Teil Formen aus dem Ostmitteldeutschen.284 Ähnlich verhält es sich im Bereich der diachronen Variation. Wenn für das Früh‐ mittelniederdeutsche eine besonders große Variantenvielfalt zu verzeichnen war, die zudem durch den Einfluss zunächst der ostfälischen Strömung nach Norden in der ers‐ ten Hälfte des 13. Jahrhunderts und später der westlichen (westfälischen) Strömung nach Nordwesten Ende des 13. Jahrhunderts verstärkt wurde, so hat sich die mittel‐ niederdeutsche Schreibsprachenlandschaft mit ihren landschaftlichen Schreibtraditio‐ nen um 1370 endgültig herausgebildet. In dieser Zeit lassen sich erste Tendenzen zu einem Konsolidierungsprozess beobachten, es findet Ausgleich auf regionaler Ebene statt. Konkurrierende phonographematische und lexikalische Schreibvarianten wer‐ den weiter zunehmend zugunsten einer regionalen Hauptvariante eliminiert. Eine sig‐ nifikante Rolle spielen zudem zahlreiche Sprachkontakte, insbesondere mit den skan‐ dinavischen, slawischen und anderen westeuropäischen Sprachen, denen das Mittel‐ niederdeutsche hauptsächlich aufgrund von ökonomischem Aufschwung und dem wachsenden überregionalen Handel im Ostseeraum ausgesetzt wird. In der „klassischen“ mittelniederdeutschen Periode sind ein verstärkter Gebrauch von Vollformen anstatt von Assimilationen und Kontraktionen und ein deutlicher Va‐ riantenabbau gegenüber der frühmittelniederdeutschen Entwicklungsphase festzustel‐ len, die diesen Zeitraum konturieren. Gleichzeitig zum endgültigen Aufstieg des han‐ sischen Handelsbundes zur führenden ökonomischen und politischen Macht im Balti‐ 284 Zur letzteren Bemerkung vgl. u. a. Hampel, Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibu‐ sus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 269. Teil II Analyse 80 kum sowie den ausgebauten Handelsbeziehungen zum westeuropäischen, skandina‐ vischen, baltischen, russischen und z. T. auch süddeutschen Raum entwickelt sich das „klassische“ Mittelniederdeutsche zu einer Art lingua franca, die im gesamten Ost‐ seeraum verstanden wird und als Handels- und Verkehrssprache fungiert. Auch für den schriftlichen Bereich sind im 15. und 16. Jahrhundert ausgeprägte sprachliche Ausgleichstendenzen zu verzeichnen, die vorwiegend im Norden des niederdeut‐ schen Sprachraumes zur Geltung kommen und zur Herausbildung überregionaler Schreibsprachen beitragen. Diese lassen bereits im 15. Jahrhundert erste Ansätze zu einer gesamtsprachlichen Vereinheitlichung erkennen, wobei von einer nordnieder‐ deutschen Einheitssprache auf lübischer Basis doch kaum gesprochen werden kann. Schließlich muss in Betracht gezogen werden, dass zu dieser Zeit im Süden des niederdeutschen Sprachraumes, v. a. im Westfälischen und Südmärkischen, einige Sonderentwicklungen und regionale sprachliche Eigenheiten zustandekommen sowie insgesamt eine beträchtliche sprachliche Variation vorherrscht, die u. a. auch durch den sprachlichen Einfluss seitens des Ostmitteldeutschen und anderer Sprachregio‐ nen bedingt ist. Nicht zuletzt ist die Rolle des Buchdrucks, der sich in Norddeutsch‐ land in den 1470er Jahren etabliert, für die oben beschriebene Tendenz zur Verein‐ heitlichung zu nennen. Es muss jedoch gleichzeitig eingeräumt werden, dass nach dem Erreichen des letzten Höhepunkts der mittelniederdeutschen Schriftlichkeit, die historisch im Zeitalter der Reformation zu verorten ist, es gerade der Buchdruck ist, der einen schleichenden Niedergang und eine schrittweise erfolgende Ersetzung des Niederdeutschen durch das Hochdeutsche signalisiert. Zwischen den Jahren 1530 und 1650 klingt die mittelniederdeutsche Sprache und Literatur weitgehend aus. Diese Spätphase des Mittelniederdeutschen ist durch um‐ fangreiche Sprachwandelvorgänge und einen Sprachwechselprozess gekennzeichnet, an dessen Ende das bis dahin gebräuchliche Mittelniederdeutsche als Sprache der schriftlichen Kommunikation und Textproduktion durch die neu entstehende hoch‐ deutsche Schriftsprache ostmitteldeutsch-ostoberdeutscher Prägung im Wesentlichen abgelöst worden ist.285 An dieser Stelle muss jedoch festgehalten werden, dass sich erste Anzeichen für eine Verdrängung des Mittelniederdeutschen durch das Hoch‐ 285 Zur Verdrängung des Mittelniederdeutschen durch das Hochdeutsche allgemein und zum Schreib‐ sprachenwechsel speziell in Mecklenburg vgl. u. a. Gabrielsson, Das Eindringen der hochdeut‐ schen Sprache in die Schulen Niederdeutschlands; Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei; Rösler, Die Durchsetzung des Hochdeutschen im Schriftverkehr Meck‐ lenburgs; Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache; Sodmann, Der Untergang des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache; Bichel, Die Überlagerung des Niederdeutschen durch das Hochdeutsche; Maas, Sprachliche Verhältnisse in den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten Norddeutschlands; Rösler, Soziale und funktionale Aspekte der Durchsetzung des Hochdeutschen; Peters, Bemerkungen zum mittelnie‐ derdeutsch-neuhochdeutschen Schreibsprachenwechsel [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 463-468]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 115-146]; Fischer, Schreibsprachenwechsel in Soest im 16. und 17. Jahrhundert; ders., Die Soester Stadtsprache zwischen 1500 und 1800; ders., Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert; Hampel, Zur schreibsprachlichen Situation an der Universität Rostock zwi‐ schen 1419 und 1600; Sodmann, Die Verdrängung des Mittelniederdeutschen als Schreib- und Druckersprache. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 81 deutsche bereits Jahrzehnte vorher finden lassen. Auch für den mündlichen Bereich ist einerseits eine funktionale Einschränkung und soziale Stigmatisierung der niederdeutschen Mundarten und andererseits eine zunehmende Konkurrenz durch das Hochdeutsche als Prestigevarietät festzustellen. Seine Funktion als lingua franca im Ostseeraum hat das Mittelniederdeutsche, u. a. durch die Schwächung des norddeut‐ schen Handels- und Kulturraumes und schließlich durch den endgültigen politischen und ökonomischen Niedergang der Hanse sowie zunehmende Erstarkung der territo‐ rialen Herrschaften in Norddeutschland und ihre divergierenden Interessen bedingt, bereits im 16. Jahrhundert eingebüßt. Für diese Zeitperiode, die zunächst durch die schreibsprachliche und später sprechsprachliche Umstellung geprägt war, ist ein er‐ neuter, zum Teil sprachkontaktbedingter Variantenausbau festzustellen. Durch den ansteigenden Einfluss des Hochdeutschen gewinnen zum einen die mittelniederdeut‐ schen Varianten an Kraft, die dem Hochdeutschen ähneln. Zum anderen kommen in den spätmittelniederdeutschen Texten wieder verstärkt sprechsprachennähere Varian‐ ten (u. a. auch Kontraktionen und assimilierte Formen, die als typisches Merkmal des Frühmittelniederdeutschen erwähnt waren) vor, die wohl als Konsequenz aus diesem sprachhistorisch gesehen relativ zügigen Sprachwechselprozess angesehen werden können, der schließlich in einer Reduzierung des Niederdeutschen als einer eigenstän‐ digen Sprache neben dem Hochdeutschen auf die Funktion eines überwiegend münd‐ lich realisierten Dialektes innerhalb des deutschen Dialektkontinuums und unter dem Dach der hochdeutschen Standardsprache mündet. Nicht zu unterschätzen ist für den Niedergang des Mittelniederdeutschen als Schrift- und Literatursprache sowie für seine Verdrängung durch das Hochdeutsche letztendlich der Zusammenhang mit überregionalen und gesamtsprachlichen Ausgleichprozessen, die ihren Ausgang im ostmitteldeutschen Sprachraum fanden und später zu der Herausbildung einer ge‐ samtdeutschen Einheits- und Gemeinsprache geführt haben. Das komplexe Zusam‐ menspiel der oben beschriebenen linguistischen wie extralinguistischen Einflussfakto‐ ren konnte schließlich verhindern, dass sich im norddeutschen Sprachraum eine viel‐ versprechende Entwicklung fortfährt, die noch im 15. Jahrhundert Tendenzen zu einer überregionalen bis hin zu einer gesamtsprachlichen Vereinheitlichung der niederdeutschen Schriftlichkeit aufzeigt. Zur diastratischen Variation sei an dieser Stelle nur vermerkt, dass sich spätestens zum Ende der mittelniederdeutschen Sprachperiode ein Bewusstsein für stilistische Unterschiede entwickelt haben muss. Das daraus resultierende Variantenreichtum der regionalen Schreibsprachen und der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtsprachen lässt sich optimal mit va‐ riablenlinguistischen Methoden untersuchen und diatopisch, diachronisch und bis‐ weilen auch diastratisch zuordnen. Zahlreiche Hinweise zu entsprechenden Zuord‐ nungen von variablen Sprachelementen finden sich u. a. in der einschlägigen Gram‐ matik der mittelniederdeutschen Sprache von Agathe Lasch.286 Weiterführende Infor‐ mationen zu Sprachwandelprozessen und sprachlicher Variation im Mittelniederdeut‐ schen, zum Teil auch unter Berücksichtigung lexikalischer Variation neben den gram‐ 286 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik. Teil II Analyse 82 matikalischen Aspekten, die sich für die variablenlinguistischen Untersuchungsme‐ thoden zu eigen machen lassen, lassen sich den vielfältigen sprachlichen Untersu‐ chungen zum Mittelniederdeutschen und einigen weiteren gängigen niederdeutschen grammatischen Darstellungen entnehmen.287 Auf Basis dieser und weiterer ausge‐ werteter Arbeiten wurde von Robert Peters ein „Katalog sprachlicher Merkmale zur variablenlinguistischen Erforschung des Mittelniederdeutschen“288 zusammengestellt und durch eigene Untersuchungen ergänzt. Wie es in der Einleitung zum Katalog steht, ist er „als Hilfsmittel für die mnd. historische Sprachgeographie wie für die historische Stadtsprachenforschung gedacht“289 und soll zur variablenlinguistischen Erforschung mittelniederdeutscher Schreib- und Druckersprachen zunutze gemacht werden. Robert Peters weist des Weiteren darauf hin, dass der Katalog keinen An‐ spruch auf Vollständigkeit der diatopischen und diachronischen mittelniederdeut‐ schen Schreibsprachenvariablen erhebt oder erheben kann und lediglich als Gerüst verstanden werden soll. Mit anderen Worten, je nach Problemareal und Textkorpus soll der Variablenkatalog den speziellen Anforderungen angepasst und ggf. vervoll‐ ständigt werden.290 Dieser Aufforderung Peters’ wird in der vorliegenden Untersu‐ chung insbesondere im Bereich des Kleinwortschatzes Folge geleistet, wofür weitere Arbeiten zu Präpositionen und Konjunktionen, aber auch zu Adverbien und Pronomi‐ na ausgewertet und herangezogen wurden.291 Diese Anpassung und partielle Erweite‐ rung des Variablenkatalogs von Peters lässt sich zudem dadurch rechtfertigen, dass die Variablenliste schwerpunktmäßig zwecks Erforschung von historischen Stadt‐ sprachen ausgearbeitet wurde und sich folglich hauptsächlich mit dem Wortschatz der städtischen Urkunden, Stadtbücher, Briefe, Rechnungen u. a. amtssprachlicher Textsorten mit Öffentlichkeitscharakter292 beschäftigt, die in der Regel in Hand‐ schriftenform vorliegen, der Fokus der aktuellen Untersuchung liegt jedoch auf 287 Vgl. hierzu insbesondere Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik; Tümpel, Niederdeutsche Studien; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I; ders., Niederdeutsche Forschungen. II; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts; ders., Norddeutsche Stadtrechte. I; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten; ders., Der wortgeographische Aufbau des Westfäli‐ schen; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns; Besch, Sprachlandschaften und Sprachausgleich im 15. Jahrhun‐ dert, Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte; de Smet, Woord‐ geografie van het 16e eeuwse Duits; Peters, Variation und Tradition [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 3-37]; ders., Mittelniederdeutsche Sprache; Eickmans, Gerard van der Schueren: Teuthonista; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen. 288 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I-III [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 39-114]. 289 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 61 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 39]. 290 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 62 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 40]. 291 Peters, Variation und Tradition [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 3-37]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen [= Peters, Mit‐ telniederdeutsche Studien, S. 115-146]. 292 Zu den historischen Textsorten und -formen vgl. zum Beispiel Meier / Möhn, Literatur: Formen und Funktionen, S. 385-391; Schmidt-Wiegand, Prolegomena zu einer Texttypologie des Mittel‐ niederdeutschen; S. 261-283; Fischer, Die Stadtsprache von Soest, S. 71f.; Meier / Möhn, Die Textsorten des Mittelniederdeutschen. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 83 einem nicht formelhaften und nicht fachliterarischen Einzeltext und gleichzeitig einem Druck. Dennoch soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Va‐ riablenkatalog aus Gründen der Vergleichbarkeit der konkreten Befunde anderer va‐ riablenlinguistischen Untersuchungen zu städtischen Schreibsprachen und einzelnen Texten zum großen Teil übernommen wird. Auch wenn sämtliche im Merkmalkata‐ log aufgelistete Variablen und Varianten, die ihrerseits nie vollständig sein können, im Rahmen einer Dissertation, die einerseits auch außersprachliche Aspekte aufgreift und andererseits in einem vertretbaren Zeitrahmen geleistet werden muss, nicht be‐ handelt werden können, wird in der vorliegenden Arbeit ein Versuch unternommen, möglichst viele Untersuchungsbereiche mithilfe der variablenlinguistischen Methode abzudecken.293 Zur Arbeit mit dem „Katalog sprachlicher Merkmale zur variablenlinguistischen Erforschung des Mittelniederdeutschen“ und zum Aufbau des Untersuchungsteils In Anlehnung an Peters wird in der vorliegenden Untersuchung unter einer Variablen ein solches sprachliches Element verstanden, das mindestens zwei verschiedene Rea‐ lisierungen aufweist und demnach mindestens zwei Zuordnungen zulässt. Diese Re‐ alisationsformen können räumlich oder zeitlich oder auch funktional gekennzeichnet sein. Die einzelnen Realisierungen einer Variablen werden als Varianten einer Vari‐ able bezeichnet.294 Das heißt wiederum, dass die zur Diskussion stehenden einzelnen Realisierungen trotz ihrer Variation bzw. Variabilität zusammengehören.295 In Anbetracht der Tatsache, dass die Befunde der folgenden variablenlinguisti‐ schen Untersuchung des ‚Reynke Vosz de olde‘ auch mit weiteren linguistischen Be‐ funden verglichen werden sollten, folgt sie in ihrer Systematik derjenigen von Peters. Sie entspricht zugleich im Großen und Ganzen der klassischen Einteilung der mittel‐ niederdeutschen Grammatik, sodass eine leichte Auffindung von zu untersuchenden Phänomenen oder bereits erzielten Ergebnissen ermöglicht wird. Zudem können aus demselben Grund detaillierte erläuternde Ausführungen zur Gliederung ausgelassen werden, ohne dass es zur Desorientierung des Lesers führt. Einhergehend mit der Petersschen Systematik werden nun alle Bereiche der mittelniederdeutschen Sprache 4.1 293 Schließlich weist bereits Peters darauf hin, dass die Ergebnisse der variablenlinguistischen Methode umso genauer sind, je umfangreicher die Liste der zu untersuchenden Variablen ist. Vgl. u. a. Peters, Regionale Schreibsprachen oder normierte Hansesprache?, S. 182. 294 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 61 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 39]. Ähnlich früher Mattheier, Sprachwandel und Sprachvariation, S. 770. In der Stochastik versteht man unter einer Variablen ebenfalls „ein Symbol für die Menge der Ausprägungen eines Merk‐ mals“, vgl. Bortz / Döring, Forschungsmethoden und Evaluation, S. 2. Mit anderen Worten ist eine Variable nicht nur in der Sprachwissenschaft, sondern auch in der Statistik „ein Merkmal, das – im Unterschied zu einer Konstanten – in mindestens zwei Abstufungen vorkommen kann“. Vgl. Bortz / Schuster, Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler, S. 7. 295 Vgl. auch Fischer, Variation und Korrelation im Mittelniederdeutschen, S. 151. Teil II Analyse 84 – die Namen ausgenommen296 – berücksichtigt. So umfasst das Kapitel 5 den Be‐ reich der phonologisch-graphematischen Variation, deren Beschreibung von einem überregionalen vormittelniederdeutschen Overall-System ausgeht, und behandelt zu‐ dem ausgewählte rein graphische Phänomene wie beispielsweise die vokalische und konsonantische Verwendung von , , für i, î und von , , für u, û und ü, ü̂ sowie Wiedergabe von g und γ, j, ch, k, ŋ oder auch r- und s-Schreibungen usw.297 Der Fokus wird, so wie oben bereits ausführlicher erläutert und begründet, auf die systematische Untersuchung des Vokalismus gelegt.298 Bei den in den Kapi‐ teln 6 und 7 untersuchten morphologischen und morphemgebundenen Phänomenen sowie ausgewählten Phänomenen aus der Wortbildung handelt es sich um solche, die bereits in den einschlägigen mittelniederdeutschen Grammatikdarstellungen und wei‐ teren grundlegenden Abhandlungen zur mittelniederdeutschen Sprachwissenschaft als räumlich und / oder zeitlich variabel beschrieben worden sind. So wie oben be‐ reits einmal angedeutet, betrifft die Variation in diesen Kapiteln zumeist den Vokalis‐ mus und nicht die Phänomene aus der Morphologie oder der Wortbildung im engeren Sinne, das spezifische Vorkommen der beschriebenen Phänomene erlaubt und recht‐ fertigt jedoch diese abweichende Zuordnung und macht einen gezielten Zugriff auf die entsprechenden Untersuchungsaspekte möglich, so wie es wiederum in der gän‐ gigen Forschungsliteratur299 gehandhabt wird. Auf die Beschreibung der syntaktischen Variation im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird aus mehreren Gründen verzichtet. Zum einen beruht die Entscheidung auf den Gege‐ benheiten des Untersuchungsmaterials, der wie oben beschrieben, aus seiner Produk‐ tionsgeschichte heraus ein sprachliches Konglomerat darstellt und demnach eine um‐ fassende textspezifische Problematik unter der sprachanalytischen Aufgabenstellung verbirgt. Der versifizierte Erzähltext basiert auf einer Lübecker Vorlage und stellt ihre leicht modifizierte Neuausgabe dar, die jedoch den Reim nicht auflöst und dem‐ nach kaum Rückschlüsse über die Wortfolge generell oder über die Stellung des Ge‐ nitivs und die Stellung von Partizip und flektiertem Hilfsverb im Nebensatz speziell ermöglichen kann. Des Weiteren bediente sich der Rostocker Glossator unterschied‐ lichster anderer Textquellen, die zum integralen Bestandteil des Prosakommentars und der Marginalglossen geworden sind. Da es nicht in jedem Einzelfall nachvollzo‐ gen werden kann, in welchen Fällen der Rostocker Bearbeiter mit einem Prätext ge‐ 296 An dieser Stelle muss eingeräumt werden, dass es sich hier um Namenvariation handelt, die im Rah‐ men der vorliegenden Dissertation nicht untersucht wird. Die Namen werden jedoch als Belege für Untersuchungen des Vokalismus und des Konsonantismus durchaus herangezogen. 297 Die einzelnen freistehenden Graphien werden auf die in der Linguistik üblichen Weise in einfachen spitzen Klammern präsentiert, z. B. die Schreibung . In der Präposition werden die Klammern jedoch ausgelassen, z. B. die s-Schreibung. Einzelne Laute bzw. Phoneme erscheinen dagegen kur‐ siv gedruckt ohne Klammerung, z. B. das nicht velarisierte a, die Konsonantenverbindung ld. 298 Vgl. Fn. 22. 299 Vgl. zum Beispiel Fedders, Die Schreibsprache Lemgos; Lehmberg, Der Amtssprachenwechsel im 16. Jahrhundert; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks. Christian Fischer weicht in seinen Untersuchungen zur Stadtsprache von Soest von dieser Einteilung etwas ab. Vgl. hierzu Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert. Vgl. auch Fischer, Schreibsprachenwechsel in Soest im 16. und 17. Jahrhundert. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 85 arbeitet hat, und wenn doch, ob er bereits mit einer niederdeutschen Übersetzung zu tun hatte und inwiefern er sich dieser dann satzbaumäßig anschloss, und wann er die Rolle eines Übersetzers übernommen hat und eventuell die Satzstruktur verändert hat, können weder die „Eigenleistung“ des Glossators bewertet noch fundierte Aus‐ sagen über die syntaktischen Eigenheiten des Prosakommentars, der auch noch versi‐ fizierte Passagen enthält, getroffen werden.300 Zum anderen kann eine systematische Analyse der syntaktischen Phänomene im Rahmen dieser Arbeit aufgrund der Tatsa‐ che nicht geleistet werden, dass die syntaktische Variabilität im Mittelniederdeut‐ schen immer noch unzureichend erforscht und in der Forschungsliteratur unbefriedi‐ gend beleuchtet ist. Die Analyse sogenannter lexemgebundener Varianz folgt der Untersuchung der grammatischen Probleme (Kapitel 8). Die damit verbundene Schwierigkeit der Zuord‐ nung entgegen der traditionellen linguistischen Einteilung wurde bereits in der Ein‐ leitung thematisiert: Es werden in diesem Teil nicht nur lexikalische Phänomene im engeren Sinne – das heißt Probleme der Synonymik und Heteronymik – behandelt, sondern es werden Besonderheiten ausgewählter sogenannter „Einzelwörter“ unter‐ sucht, deren Variation zum Teil nicht systemhaft ist oder sich eben auf einige Einzel‐ fälle beschränkt. Zusätzlich kommt diese von der traditionellen Einteilung abwei‐ chende Zuordnung der zu untersuchenden Phänomene dadurch zustande, weil die Va‐ riation bei den meisten Variablen in diesem Teil durch das Wirken mehrerer lautli‐ cher Regeln bedingt ist und eine übersichtliche Zuweisung nur zu einem Punkt in der Lautlehre nicht geleistet werden könnte. Um das Auffinden von sprachlichen Phäno‐ menen nicht unnötig zu erschweren und die Arbeit durch das wiederholte Auflisten der Belege zusätzlich auszuweiten, werden nun die jeweiligen Varianten, die sonst unter Vokalismus und Konsonantismus sowie gleichzeitig unter lexikalischen Ge‐ sichtspunkten behandelt werden sollten, gebündelt im Bereich der lexemgebundenen Varianz dargestellt. Zunächst werden die Variablen, die die Variation im Bereich der Substantive beschreiben, behandelt; ihnen folgen Variablen aus dem Bereich der Ver‐ ben und Adjektive. Anschließend wird die Variation im Bereich der Zahlwörter, Pro‐ nomina und Adverbien einhergehend beleuchtet. Zuletzt wird auf die Variation im Bereich der Präpositionen und Konjunktionen eingegangen, die genauso wie die an‐ deren Lexeme aus dem Bereich des Kleinwortschatzes aufgrund ihres hohen Grades an diatopischer wie diachronischer Variabilität als sehr aufschlussreich erscheinen und deshalb besonders intensiv behandelt werden sollen. Aufbau der einzelnen Artikel Die einzelnen Artikel zur variablenlinguistischen Analyse des ‚Reynke Vosz de olde‘ aus dem Jahre 1539 werden wie folgt aufgebaut: Zunächst folgt eine Zusammenfas‐ sung zum Stand der bisherigen Forschung zur jeweiligen Variable, wobei in besonde‐ 4.2 300 Zu ausgewählten syntaktischen Aspekten der jüngeren Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. die Ergebnisse der Studie von Rösler. Rösler, Satz – Text – Sprachhandeln. Teil II Analyse 86 rer Weise der Katalog sprachlicher Merkmale von Robert Peters301 sowie seine wei‐ teren Arbeiten zur Variablenlinguistik insbesondere im Bereich der Erforschung des Kleinwortschatzes302 berücksichtigt wird. Die entsprechenden Angaben werden durch die Ergebnisse weiterführender Untersuchungen und einschlägiger niederdeut‐ scher Grammatiken und relevanter Abhandlungen insbesondere zum Mecklenburgi‐ schen ergänzt und vervollständigt.303 Darauffolgend erscheinen die vorgefundenen Belege, die, soweit nicht anders vermerkt, einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Mit anderen Worten: es wer‐ den bei orthographisch unterschiedlichen Formen sämtliche orthographische Varian‐ ten, flektierte Formen sowie Ableitungen aufgelistet.304 Eine Ausnahme bilden in dieser Hinsicht insbesondere die s- und r-Schreibvarianten, die die meisten Variablen nicht unmittelbar betreffen. Daher wird auf die Wiedergabe der verschiedenen s-Gra‐ phien (Rund-s vs. Schaft-s) verzichtet, soweit sie nicht Gegenstand der eigentlichen Untersuchung sind, es wird jedoch durchgehend zwischen den s- und z-Graphien un‐ terschieden, u. a. gerade weil die z-Graphie im ‚Reynke Vosz de olde‘ so rar ist. Eine weitere Vereinheitlichung betrifft die Ligatur <ß>, die durchgehend als aufge‐ löst wird. Auch alle weiteren Ligaturen werden einheitlich aufgelöst dargestellt. Die doppelte ss-Schreibung sowie Konsonantenhäufungen wie ssch etc. werden original‐ getreu als solche wiedergegeben. Genauso wie bei den orthographisch unterschiedli‐ chen s-Graphien werden die rein graphischen r-Varianten (gerades Häkchen-r und gekrümmtes Ligatur-r) vereinheitlicht, außer in den Fällen, wo die graphische Varia‐ tion der r-Graphien unmittelbar Gegenstand der Untersuchung ist. Das große und werden originalgetreu einheitlich durch ein wiedergegeben. Die Gra‐ pheme und genauso wie , und werden nach ihrem Lautwert nicht angeglichen oder normalisiert, das heißt, und , , und kön‐ nen je nach Position im Wort zur Kennzeichnung des Konsonanten oder des Vokals stehen. In diesem Sinne folgt die Zitation der Belege ohne weitere Abweichungen der für die Analyse angefertigten Teiledition des ‚Reynke Vosz de olde‘.305 301 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I-III [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 39-114]. 302 Peters, Variation und Tradition [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 3-37]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 115-146]. 303 Vgl. zum Beispiel Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes; Lübben, Mittelnieder‐ deutsche Grammatik; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I-II; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘. 304 Die Belegzusammenstellungen mögen dadurch auf den ersten Blick etwas unübersichtlich erschei‐ nen. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass rein orthographische Varianten im ‚Reynke Vosz de olde‘ recht selten auftreten, wird diese Aussage relativiert. Diese Darstellungsweise hat zudem den Vor‐ teil, dass auf die Trennung von Leitform und Nebenform(en) grundsätzlich verzichtet werden kann. Das hat wiederum einen weiteren Vorteil zur Folge, nämlich dass die jeweiligen Formenvarianten nicht rekonstruiert werden müssen, sondern gleich originalgetreu wiedergegeben werden. Mit ande‐ ren Worten, falls nicht explizit anders vermerkt, werden beispielsweise g- und gh-Graphien als gleichwertig behandelt und in einer nicht normalisierten oder zusammenfassenden Form wiederge‐ geben. Die nicht systemhafte Variation wird dadurch nicht apriori ausgeschlossen. 305 Zu den weiteren Editionsprinzipien s. Anhang. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 87 Zusammengezählt werden allerdings groß- und kleingeschriebene Belege, sofern die Unterschiede in der Groß- und Kleinschreibung für die zu untersuchende Variable nicht relevant sind, dabei wird stets die Ersterwähnung im Untersuchungstext in ihrer Originalschreibung (durch Majuskel oder Minuskel eingeleitet) angegeben. Ferner sei an dieser Stelle vermerkt, dass es sich bei einer Reihe der angeführten Belege um Formen mit paarigen Trennstrichen am Zeilenende handelt. Da in den folgenden Ka‐ piteln zur variablenlinguistischen Analyse nur die Schreibung bzw. Realisierung ein‐ zelner Variablen interessiert, wird des Weiteren auf eine markierte Worttrennung durch Trennstrich verzichtet.306 Identisch wird bei Belegen mit Worttrennung ohne explizite Trennungsmarkierung durch die paarigen Trennstriche verfahren. Mit ande‐ ren Worten: Die Besonderheiten der Silbengrenzen zählen nicht zum Gegenstand der Untersuchung und werden ausgeklammert. Genauso wie im Textanhang werden die Abbreviaturen nicht aufgelöst, was wie‐ derum heißt, dass abgekürzte und nicht abgekürzte Formen getrennt gezählt werden. Falls eine eindeutige Auflösung der Abkürzungen nicht möglich ist, wie es beispiels‐ weise der Fall bei Ca. oder Cap. für Capittel, Cappittel oder Capitel aufgrund der va‐ riierenden Schreibung im Text ist, bleiben die Abbreviaturen bei der variablenlingu‐ istischen Untersuchung unberücksichtigt, da sie sonst die Auswertung und Darstel‐ lung der Ergebnisse verfälschen würden. Bei einer Variation, bei der mehrere Lexeme betroffen sind, werden die Belege bzw. Einzelbelege in der Regel in der Reihenfolge angeordnet, in der sie im Untersu‐ chungstext de facto erscheinen, das heißt, fortlaufend und nicht alphabetisch. Eine Ausnahme bilden hier die Fälle, in denen mehrere Belege gebündelt dargestellt wer‐ den. Diese Lexeme stehen zwecks Lesefreundlichkeit in ihrer alphabetischen Reihen‐ folge. Die anschließende Auflistung der Formenvarianten erfolgt weiterhin in fortlau‐ fender Reihenfolge ohne Sortierung nach Flexionsendung, Ableitungstyp o. Ä. Be‐ steht die Notwendigkeit, hochdeutsche Entsprechungen aufzuführen, zum Beispiel ausdrücklich bei Homonymie oder Homographie, werden diese in halben Anfüh‐ rungszeichen ‚…‘ angegeben, damit mögliche Missverständnisse gemieden und die jeweiligen Formen klar voneinander getrennt werden können. Bei der oben beschrie‐ benen Variation, bei der besonders viele Lexeme betroffen sind und die Belege ge‐ bündelt und alphabetisch sortiert aufgelistet werden, dient die vorangestellte hoch‐ deutsche Entsprechung in halben Anführungszeichen einer eindeutigeren und über‐ sichtlicheren Strukturierung im besonderen Maße der variantenreichen Belege. Direkt danach wird sowohl bei Mehrfach- als auch bei Einzelbelegen die Vor‐ kommensfrequenz der jeweiligen Belege in runden Klammern (…) mitgeteilt. Auf den Belegstellennachweis wird ausschließlich aus Platzgründen und den daraus re‐ sultierenden Gründen der Lesefreundlichkeit verzichtet, da insbesondere bei hochfre‐ quenten Varianten andernfalls eine unnötige Aufblähung des Textes nicht zu verhin‐ dern wäre. Zwecks einheitlicher Zitation wird auch bei Einzelbelegen auf die Mittei‐ lung der Belegstellen in der Regel verzichtet. Diese platzsparende Entscheidung ist einerseits aufgrund der Tatsache unproblematisch, dass die Untersuchung in der Zita‐ 306 Hier weicht die linguistische Untersuchung von der Teiledition ab. Teil II Analyse 88 tion voll und ganz der dafür angefertigten Teiledition folgt, und andererseits, weil der Schwerpunkt der Analyse auf einem einzelnen Untersuchungstext und nicht auf einem großen Textkorpus liegt.307 In Ausnahmefällen werden die genauen Belegstel‐ len in der Fußnote genannt und die entsprechende Auffälligkeit der Verteilung oder andere Besonderheit kommentiert. Anschließend wird der Befund für die jeweilige Variable erläutert und interpre‐ tiert. Auf die Angabe der Prozentverhältnisse und Diagramme bzw. Graphiken wird im Interpretationsabschnitt verzichtet, da sie entweder aufgrund der starken Variation oder wegen der suboptimalen Beleglage nicht unbedingt zur Übersichtlichkeit der Er‐ gebnisdarstellung beitragen würden oder v. a. im letzten Fall die Ergebnispräsentati‐ on sogar verzerren könnten. Aufgrund der Tatsache, dass die variablenlinguistische Untersuchung des Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ mitunter als eine Vorar‐ beit zu weiteren Untersuchungen zum Sprachstand der Drucke von Ludwig Dietz so‐ wie insgesamt der Rostocker Druck(er)sprache der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufgefasst werden kann, werden auch negative Ergebnisse erfasst und mit aufgeführt sowie in Einzelfällen – beispielsweise bei fehlender Variation – auch nur Beschrei‐ bungen gegeben. Das heißt, die Analyse der sprachlichen Gegebenheiten des ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ kann zusätzlich zum primären Interesse auch als Bestandaufnahme hinsichtlich der in Frage kommenden Variation verstanden werden. Auf Besonderhei‐ ten v. a. bei Einzelwörtern wird hingewiesen. Offensichtliche Druckfehler und Be‐ sonderheiten, die auf die Abhängigkeit von der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Vorlage oder die (hochdeutschen) Prätexte der Glosse zurückzuführen sind, werden soweit möglich mit einbezogen und thematisiert. Angesichts der Tatsache, dass bislang keine expliziten Untersuchungen und Grammatiken zur Rostocker Mundart vorliegen, erscheint eine Rückkopplung an die heutigen Mundartverhältnisse als recht problematisch. Eine umfangreiche Darstel‐ lung der modernen Mundartverhältnisse auf der Grundlage von direkten oder indirek‐ ten dialektologischen Quellen kann im Rahmen dieser Arbeit leider nicht geleistet werden. Aus diesem Grund werden zum Vergleich vorliegende Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften des Rostocker Predigers Nicolaus Gryse von Jürgen Scharnhorst308 und die ihrerzeit preisgekrönte Grammatik des meklenburgischen Dialektes von Karl Nerger309 herangezogen, wobei sich insbesondere die letzte Quel‐ le mit dem Mecklenburgischen allgemein befasst und nicht speziell den Rostocker Sprachverhältnissen gewidmet ist.310 307 Wie es beispielsweise bei Wolfgang Fedders der Fall ist, der in seinen Untersuchungen vorwiegend mit städtischen Urkundentexten arbeitet und die jeweiligen Belegstellen durch eine Sigle angibt. Vgl. dazu Fedders, Die Schreibsprache Lemgos. 308 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses. 309 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes. 310 Ergänzend werden die Ergebnisse der variablenlinguistischen Studie von Anja Hampel zur Rosto‐ cker Kanzleisprache im 14. und 15. Jahrhundert herangezogen. Vgl. Hampel, Studien zur mittel‐ niederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert; dies., Zur Charakterisie‐ rung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 89 Textinterne Analyse: Die Sprachform des ‚Reynke Vosz de olde‘ Lautlehre und Orthographie Kurzvokalismus Umlaut von vormnd. a Unter dem Einfluss des Umlautfaktors i, î oder j wird der vormittelniederdeutsche Kurzvokal a in der Regel zu e umgelautet.311 Zum größten Teil hat sich dieser i-Um‐ laut bereits in der altsächsischen Periode durchgesetzt. Demnach beobachtet man den Primärumlaut (in der spätaltsächsischen Zeit auch den Rest- bzw. Sekundärumlaut312 der umlautfähigen Langvokale) bei der Pluralbildung der Substantive und bei der Steigerung der Adjektive. Die Umlautung des a wird u. a. durch die Verbindung h + Konsonant, ferner durch r + Konsonant, v. a. rw und rd, verhindert. Als weiterer Hin‐ derungsgrund für den Umlaut der Wurzelsilbe gilt ebenso das Auftreten des Umlaut‐ faktors i, î, j in der dritten Silbe.313 Am Westrand des mittelniederdeutschen Sprachareals schwankt die Umlautschrei‐ bung zwischen e und a. Bei einer weiteren Palatalisierung durch i, î oder j kommt im West- und Ostfälischen auch die i-Schreibung vor.314 Vor den Suffixen -ich / -ig-, -lik und -nisse können umgelautete wie nicht umgelautete Formen vorkommen. Vor der Teil II A 5 5.1 5.1.1 311 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 19, S. 17f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 33f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 26, S. 29; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 55; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 263-274; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 48f.; Scharnhorst, Unter‐ suchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 102, 106-109; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 68f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 41]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 155-158; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 116-120; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 373f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 97ff.; ASnA, Bd. I, Karte 1 ‚gangbar: vormnd. a vor Umlautfaktor‘ und Karte 2 ‚einträchtig: vormnd. a vor Umlautfaktor‘. 312 Sanders, Altsächsische Sprache, S. 36f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 373f., hier S. 374. 313 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 263-274, hier insbes. S. 263; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 373f., hier S. 373. 314 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 43, 52-60; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 263-274; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 63 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studi‐ en, S. 41]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 155-158, hier S. 155. 91 substantivischen Wortbildungssilbe -nisse tritt der Umlaut aufgrund der Starktonig‐ keit des Suffixes mit einer Ausnahme (vestinge) nicht ein.315 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird zur Kennzeichnung des umgelauteten vormnd. a vorwiegend die e-Graphie genutzt. Eine ziemlich starke Variation zwischen umgelau‐ teten und unumgelauteten Formen herrscht beim Indefinitpronomen ‚mancher‘ und seinen Ableitungen, wobei die umgelauteten Formen eindeutig dominieren.316 Pluralformen der Substantive:317 – Belege mit e-Schreibung: schelcken (1), Stenden (2), Stende (3), vm̃estenden (1), men‐ ner (3), schepper (1), anfenge (1), Vosswentze (1), henden (4). Steigerungsstufen der Adjektive: – Belege mit e-Schreibung: lenger (9), echtersten (1), dem sterckesten (2), lengher (1); – Belege mit a-Schreibung: am starckesten (1). Ableitungen von Substantiven und Adjektiven: – Belege mit e-Schreibung: sterckunge (1), stercke ‚Stärke‘ (3), lenge (2), Voszswentzer (1), schendent (1), schendet (2), schende (2), swetzer (1), hendele (1), gegestercket318 (1), behenden (2), vosschwentzet (1), gedrencke (1), geschendet (3), schenden (1), ge‐ krencket (1), gestercket (1), schendede (1), sterckede (1), vorlengē (1), geswetzen (1), mitswetzer (1), Vosswētzer (1), geswecket (1), behende (6), stercken (2), Vosswentzer (1), Vosswentzeren (1), schenders (2), krenckē (1), vorwermen (1); – Belege mit a-Schreibung: handelen (12), handele (6), swatzet (1), swatzen (1); – Belege mit variierender Schreibung bei Nom. prop.: Swartzenberg (3), Swertzenberch (1), Swertzenberg (1). Weitere Belege mit Primär- und Sekundärumlaut: – Belege mit e-Schreibung: gescheffte (4), thodrecht (2), helffte (1), Greuinck (12), Hen‐ ne (3), drecht (8), dreght (2), Hennen (6), eindrechtich (2), geprenges (1), geprenge (1), erger (2), Greuynck (1); – Belege mit a-Schreibung: Walscher (1). Belege mit Umlaut vor den Suffixen -ich / -ig-: – Belege mit e-Schreibung: behendicheyt (3), almechtigen (2), vnuorstendygen (4), vthwendigen (1), bestendich (1), affelige (1), Weldighen (1), Vnuorstendighe (1), ge‐ weldigen (1), eindrechtich (2), vorstendich (3), schendigen (2), wedderwertichheyt (1), andechtygen (1), vorstendyge (3), vmmestendicheyt (1), vnuorstendige (1), vnuorsten‐ digen (1), vnbestendich (1), vnbestendige (2), vnbestendigen (1), vthwendich (2), jn‐ 315 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 59; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 63 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 41]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 155-158, hier S. 155; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 373f., hier S. 374. 316 S. dazu Kap. 8.5.6.9 ‚mancher‘. 317 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 318 Bl. 26r. Hierbei handelt es sich offensichtlich um fehlerhafte Drucksetzung aufgrund von Worttren‐ nung am Zeilenende. Teil II A Textinterne Analyse 92 wendich (2), schentlyken (1), vorstendiger (1), mechtich (4), ewygbestendigen (1), wedderwerdicheit (5), eindrechtigen (1), behendicheit (2), Grothmechtige (1), bedech‐ tich (2), bestendicheit (1), jegenwerdich (1), mechtigen (5), bystendich (2), yegenwer‐ dige (1), jegenwerdicheit (1), vorfencklick (1), geweldigē (1), mechtigern (1), vnbes‐ tendyge (1), schentlyke (1), yegenwerdich (2), gemechtiget (1), vorweldygede (1), vor‐ weldyget (1), prechtich (1); – Belege mit a-Schreibung: Hastigen (4), vratzygen (1), hastygen (2), vratzige (1), vpsat‐ zigen319 (1), betrachtich (1), sakewaldygen (1), manlykesten (1), angstlick320 (2), vner‐ sadlyke321 (1), gewaltich322 (1), yegenwardich (1). Beleg mit Umlaut vor dem Suffix -inge: – Beleg mit e-Schreibung: vorweldynge (1). Belege mit Umlaut vor dem Suffix -nisse: – Belege mit e-Schreibung: gefencknisse (1), gefencknissen (1). Belege mit Umlaut vor dem Suffix -lik: – Belege mit e-Schreibung: anfencklich (1), bedreglyken (2), vorgēcklike (1), bedechtlick (1), bedreglick (1), bedregelyke (1), vorgencklyke (1); – Belege mit a-Schreibung: valschlick (3), vpsatzlich323 (1), samptlick324 (1). Belege mit Umlaut von tonlangem ā: – Belege mit e-Schreibung: schedelyke (2), vorferdyget (1), rechtferdich (3), Veder (1), erwelet (2), Rosenn bleder325 (1), Steden (1), rechtferdigen (6), Rechtferdicheit (10), Treppendreger (4), Treppēdreger (1), vnrechtferdigen (2), rechtferdiger (2), vnrechtfer‐ dicheit (2), Anschlege (1), bescheydiget (1), beschedigen (2), vnrechtferdige (2), kle‐ gers (1), klegeren (1), erwelen (2), schedelick (2), syck … schemet (1), schedelykers (1), vnbeschediget (1), vtherwelden (1), vtherwelet (1), vtherwelt (1), vns … schemen (2), anslege (3), radtslege (3), schemede syck (1), beschediget (1), most dy … schemen (1), Radtslegen (1), Rechtferdicheyt (4), kleger (5), ankleger (2), Rechtferdycheyt (1), beschedigen (2), vnrechtferdygen (2), vnschedelyker (1), erwelingen (1), raͤdtslege (1), Scheme dy (1), vnrechtferdiger (1); – Belege mit a-Schreibung: dagelykes (3), dagelykeschem (1), sadyge (1). 319 Dieses Lexem stellt wohl eine hochdeutsch-niederdeutsche Mischform dar, die wohl als eine fal‐ sche Verniederdeutschung der hochdeutschen Vorlage der Kapitelglosse zu interpretieren ist. 320 Ein möglicher Einfluss der Konsonantenhäufung zwischen dem a und dem Umlautfaktor ist nicht auszuschließen. 321 Ein möglicher Einfluss der Konsonantenhäufung zwischen dem a und dem Umlautfaktor ist nicht auszuschließen. 322 Dieses Lexem lässt sich als hochdeutsch einstufen und ist wohl auf den Einfluss der Vorlage für das Glossenzitat zurückzuführen. 323 Dieses Lexem stellt wohl eine hochdeutsch-niederdeutsche Mischform dar, die wohl auf eine fal‐ sche Verniederdeutschung der hochdeutschen Vorlage für die Kapitelglosse zurückzuführen ist. 324 Ein möglicher Einfluss der Konsonantenhäufung zwischen dem a und dem Umlautfaktor ist nicht auszuschließen. 325 Hierbei handelt es sich allerdings um einen zerdehnten Umlaut des kurzen a: blat > bleder. 5 Lautlehre und Orthographie 93 Belege mit Umlaut von tonlangem ā vor dem Suffix -nisse: – Belege mit e-Schreibung: begreffnisse (1). a > o vor ld, lt Die Verdumpfung von a > o vor den Konsonantenverbindungen ld, lt wird als eine frühe Erscheinung beschrieben, die zunächst für die altsächsischen Nebensilben und dann auch für die haupttonigen Silben charakteristisch gewesen ist. Die neuere o- Schreibung setzte sich zuerst im Nordniedersächsischen durch, für andere Regionen ist zunächst schwankender Gebrauch in der Graphie festzustellen. Mit Ausnahme des Südwestfälischen, des Elbostfälischen und des Geldrisch-Kleverländischen im nieder‐ ländischen Sprachareal haben die Dialekte auf dem größten Teil des Sprachgebiets diese Entwicklung mitgemacht. Die drei oben genannten Dialekte haben vielfach die ältere a-Schreibung beibehalten. Die intervokalische Konsonantenverbindung ld konnte sich in vielen Positionen durch Assimilation zu ll entwickeln.326 Diese progressive Angleichung führte anschließend zur Dehnung des Kurzmonophthongs o > ō, wodurch seinerseits häufig ein einfaches l entstanden ist. Das niederländische Sprachareal verhielt sich dieser Entwicklung gegenüber ablehnend, das l wurde hier vokalisiert.327 Bei den graphischen Realisierungen der aus dem Lateinischen entlehnten Wörter ‚Altar‘ und ‚Psalter‘ bleibt das nicht velarisierte a im Mittelniederdeutschen weitest‐ gehend erhalten. Die jüngere o-Schreibung alterniert mit der älteren a-Schreibung im Wort ‚Gewalt‘, wobei die Velarisierung zu o häufig unterbleibt. Nerger betont aller‐ dings, dass im Mecklenburgischen a > o vor lt selbst da verdumpft wird bzw. ist, wo lt erst durch angetretene Flexion entstanden ist oder aber auch in Fremdwörtern.328 Diese Vermutung lässt sich jedoch nicht verifizieren, weil im ‚Reynke Vosz de olde‘ weder ‚Altar‘ noch ‚Psalter‘ belegt ist. 5.1.2 326 Zur Assimilation ld > ll vgl. Kap. 5.4.11 Assimilation. 327 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, S. 12f., § 155, S. 115f.; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 34f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 14, S. 13f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 93-96; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 108-112; Jülicher, Zur Charakteristik des Elb‐ ostfälischen, S. 4-6; Katara, Die ursprünglich reduplizierenden Verba im Niederdeutschen, S. 36-40, 300-302; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 57; Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 37f.; Ahlsson, Studi‐ en zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 64; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mund‐ arten, Sp. 1766f.; Goossens, Historische Phonologie des Niederländischen, S. 44f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 63f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 41f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 160-163; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 121f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 86-88; ASnA, Bd. I, Karte 4 ‚alt: a vor ld, lt‘ und Karte 5 ‚halten (Inf., 1./3. Pl., Part. Prät.): a vor ld, lt‘. 328 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, S. 12. Teil II A Textinterne Analyse 94 Belege mit o-Schreibung: – ‚alt‘: olde (4), olden (37), oldē (3), oldt (2), older (1), oldem (1), oldern (9), Oldtfrou‐ wen (1); – ‚-falt-‘: mennichuoldigen (1), eynfoldich (1), eintfoldicheit (1), eintfoldich (1), men‐ nichfoldige (1), sorghfoldicheit (1), eintfoldigen (1), sorchfoldich (1), mennichfoldi‐ cheyt (1); – ‚-halten, -halt‘: holden (27), erholden (6), entholden (3), beholden (7), jnholdt (4), vn‐ holdt (1), erholdende (1), holdt (4), geholden (5), beholdē (2), achterholt (1), thohol‐ den (1), holt (1), holdē (1), Entholdt (1), beholdt (1), vpholden (1), geholdē (2), beholt (1); – ‚kalt‘: kolden (2), kolt (4), erkolt (1). Belege mit a-Schreibung: – ‚Gewalt, -walt‘: gewalt (16), gewaldt (2), vorwalden (1), gewalth (2), gewaldes (1), Gewaltsam (1), gewaltlich (1); – ‚-halt‘: behalt (1). Das Auftreten der a-Schreibung im Wort behalt 23v bei einer sonst durchgehend ve‐ larisierten Realisierung ist wohl als hochdeutsche Interferenz zu bewerten. Die be‐ nannte Wortform mit a-Schreibung kommt nur einmal im Text des Glossenkommen‐ tars und dort in einem Zitat von Sebastian Brant vor. Darüber hinaus ist eine graphische Besonderheit hervorzuheben und zwar eine eher ungewöhnliche o-Graphie mit e-superscriptum, das eher den Umlaut nach der Verdumpfung329 bezeichnen als zur Markierung der Vokallänge dienen soll: vorhoͤldt 2r, hoͤldt 36r. Nachstehende Buchstaben zur Längenbezeichnung kommen vor den Konsonantenverbindungen ld, lt nicht vor.330 Für ‚Eltern‘ begegnet konstant die o-Schreibung. Die präsentischen indikativischen Singularformen des präteritopräsentischen Verbs ‚sollen‘331 verharren auf der alten a-Graphie und widerlegen Nergers These zur positionellen Verdumpfung von a > o durch eingetretene Flexion wie beispielsweise in schalt.332 Es ist zusammenfassend festzuhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ hauptsäch‐ lich die o-Graphie auftritt. Die Ausnahme bildet die lexemgebundene a-Schreibung in ‚Gewalt‘ und entsprechenden Ableitungen. Wechsel von vormnd. u und o Die alternierenden Allophone u und o sind in germanischer Zeit komplementär ver‐ teilt. Nach dem sogenannten Gesetz der „Brechung“ (nach Jacob Grimm) erscheint 5.1.3 329 Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 162. 330 Vgl. Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 161. 331 Zum Verbparadigma vgl. Kap. 6.1.13 Das Präteritopräsens ‚sollen‘. 332 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, S. 12f., hier S. 12. 5 Lautlehre und Orthographie 95 das germ. u vor i, j, u der Folgesilbe und vor Nasalverbindungen, das o kommt hin‐ gegen vor a, ē, ō der Folgesilbe außer vor gedecktem Nasal vor. Diese komplementä‐ re Distribution wird im Laufe der Zeit aufgehoben. Als Hauptgründe dafür gelten die Phonemisierung der oben genannten Vokale und die Endsilbenabschwächung der volllautenden Vokale zum Schwa. Sowohl innerhalb des Niederdeutschen, als auch zwischen dem Niederdeutschen und Hochdeutschen ergeben sich daraus häufig mar‐ kante Unterschiede. So können Formen mit u und o ohne eindeutige Regeln alternie‐ ren.333 Bei der Verteilung im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt sich eine relativ konstante Schreibung mit bei ‚Wolf‘ und ‚voll‘. Die einzige Ausnahme bilden die zwei den gereimten Zitaten der Kapitelglossen entnommenen Schreibungen voll auf Bl. 4r und Bl. 127v. Diese müssen wohl durch den Text der hochdeutschen Vorlage(n) beein‐ flusst worden sein.334 – Belege mit u- ggf. uͤ-Schreibung für ‚Wolf‘ und Ableitungen: Wuluen (1), Wulue (6), Wulff (29), Wulffynne (1), Wuͤlue (Pl.) (3), Wulues (6), Wuͤlffynnen (4), Wuͤlffynne (1);335 – Belege mit u-Graphie für ‚voll‘, Ableitungen und Komposita mit Kompositionsglied vul: vullerye (5), vullenfoͤren (2), vullem (2), vulle (2), vullenbryngen (1), vullenbringen (3), vull (14), vnfullenkamen (1), vullenbracht (1), vullenbringet (1), vuller (1); – Belege mit o-Graphie für ‚voll‘: voll (2). Im Gegensatz zur oben beschriebenen Einheitlichkeit der u-Schreibung erstaunt eine relativ starke Variation in der graphischen Darstellung beim Pronomen ‚solch-‘ (alt‐ sächs. sulīk).336 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ finden sich Formen mit , und nebeneinander, wobei die uͤ-Graphie mit einem Einzelbeleg repräsentiert ist.337 – Belege mit uͤ-Graphie: suͤlcke (1); – Belege mit o-Graphie: solcker (4), solcke (27), solckes (26), solcken (6), solckem (3); 333 Grimm, Über umlaut und brechung, insbes. S. 268f., 272f.; Tümpel, Die Mundarten des alten nie‐ dersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 44f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Gramma‐ tik, § 13; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 183-184; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. I, S. 104-106; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gry‐ ses, S. 34-36; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 64 [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 42]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 169f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 124-126; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 375f.; Weddige, Mittelhochdeutsch, S. 36f.; ASnA, Bd. I, Karte 8 ‚voll: Wechsel von vormnd. u und o‘. 334 Zu Quellen der jüngeren Glosse vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. XX- XLV, hier insbes. S. XXIX-XXXIV; Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 26-43, hier insbes. S. 16f. 335 Bei Pluralformen und Formen mit Movierungssuffixen ist von einem Umlaut auszugehen. 336 Lasch zufolge „ist möglicherweise an eine ältere dialektische verschiedenheit zu denken, indem et‐ wa auf einem teil des gebietes u vor jeder l-verbindung, nicht nur in dem oben gekennzeichneten umfang, stand. Vgl. die doppelformen: olmich ulmich, stölper stülper u. a. m.“ Vgl. Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, § 183, S. 106. Das Demonstrativpronomen ‚solch-‘ wird von Lasch ne‐ ben den Doppelformen des Verbs ‚sollen‘ behandelt. Zu den Formen des Präteritopräsens ‚sollen‘ im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 6.1.13 Das Präteritopräsens ‚sollen‘. 337 Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 183 Anm. Vgl. auch Kap. 8.5.4.5 ‚solcher, -e, -es‘. Teil II A Textinterne Analyse 96 – Belege mit oͤ-Graphie: soͤlkem (1), soͤlcke (5), soͤlcken (5), soͤlkē (1), Soͤlke (4), soͤlcker (3), soͤlckem (1), soͤlckes (6). Konstante u- bzw. v-Schreibung338 zeigt sich u. a. beim Morphem ‚auf-‘339: – Belege mit u-Graphie in Präposition ‚auf‘: vp (193); vpp (9); Vppet340 (2), vpt341 (6), vppe (2); – Belege mit u-Graphie im Präfix ‚auf-‘: vpgehauen (1), vpgeworpen (1), vpgekamen (1), vpsatzlich (1), vp genomen (1), vpstuͤnde (1), vpror (1), vproͤrisch (2), vpwerpen (1), vpricht (1), atth … vp (1), vp gelesen (1), vpschrifft (1), vplegginge (1), Mercket vp (2), Stath vp (1), vpstan (1), Vpgekloͤuet (1), vphoͤrent (1), vpwerpet (1), vphelpet (1), vpsatzi‐ gen (1), vpholdest (1), stundt … vp (1), vpmercken (1), vphoͤldt (1), hoͤldt … vp (1), vpgele‐ sen (1), vpgeloͤset (1), vpghat (1), vprorer (1), vpgedan (1), ath … vp (1), vpholden (1), vpflyen (1), vpseent (1), vp stoet (1), vpgetogen (1), ginck vpwert (1), gheyt … vp (1), sprunge … vp (1), vpgewassen (1), vpgedanem (1); – Beleg mit u-Schreibung im Pronominaladverb: dar vp (3), darup (9), hyrup (1). Abschließend lässt sich feststellen, dass sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ eine äußerst geringe Variabilität in der schriftlichen Realisierung des Wechsels von vormnd. u und o findet. Es kommt fast ausschließlich die u-Schreibung vor. Das Morphem ‚auf-‘ tritt ausnahmslos mit auf. Die Variation zwischen uͤ-, o- und oͤ-Schreibungen im Lexem ‚solch-‘ mit der stark dominierenden o-Graphie mit diakritischen Zeichen oder ohne Diakritika weist wohl auf die ö-Aussprache hin. Senkung von u > o vor gedecktem Nasal Die Senkung von u zu o vor gedecktem Nasal unabhängig von der Silbengrenze er‐ scheint vorwiegend im niederdeutsch-niederländischen Übergangsgebiet sowie auch am Westrand des Mittelniederdeutschen. Insgesamt ist die durchgeführte Senkung u > o vor gedecktem Nasal als ein typisch niederländisches Merkmal zu bewerten.342 5.1.4 338 Zur vokalischen Verwendung von und je nach Position s. Kap. 5.5.2 Vokalische Verwen‐ dung von , , . 339 Laut Lasch kommen im Mittelniederdeutschen Formen wie up, uppe parallel zu op, oppe (altsächs. up, uppa) auch in sehr alten Texten vor. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 184, S. 107: „Die schriftsprachliche form ist up(pe). Die formen op oppe sind in älteren texten aller ge‐ genden zu finden, kommen aber auch noch im 15. jh. vor. Am stärksten begegnet op nahe der nie‐ derfränkischen grenze, wo in umkehrung des sonstigen verhältnisse op als die regelmässige, up als die nebenform erscheint.“ Vgl. auch Kap. 8.7.2 ‚auf‘. 340 Dieses Lexem stellt eine Inklination dar: Präposition vppe + Pronomen dat. Zu Inklinationen und Assimilationen im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 5.4.11 Assimilation und Kap. 9.4 Reflexe ge‐ sprochener Sprache. 341 Dieses Lexem stellt eine Inklination dar: Präposition vp + Pronomen dat. Zu Inklinationen und As‐ similationen im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 5.4.11 Assimilation und Kap. 9.4 Reflexe gespro‐ chener Sprache. 342 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 44; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 13; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 182; 5 Lautlehre und Orthographie 97 Es ließ sich feststellen, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ die Senkung u > o in der Regel unterbleibt. Abgesehen von zwei auffälligen Ausnahmefällen (sonder und Son‐ derliken) erscheint durchgehend die u- bzw. v-Schreibung.343 Einmal kommt die Schreibung in muͤndt 15v vor. – Belege mit bzw. im Präfix un- (insgesamt 301 Beleg)344: vntruwe (Subst., Adj.) (38), vntruwen (13), vnourstendygen (5), Vnangesehen (1), vorungelimpet (1), vnournuffti‐ gen (1), vnplicht (1), vngetemmet (1), vnwetenheit (1), vngetemden (1), vnwillyge (1), vn‐ schult (1), vngeluͤcke (9), vnschuͤldich (2), Vntucht (2), vnkuͤscheit (2), vnrecht (16), vn‐ schicht (1), vorungelimpen (1), vnuormodet (1), vnuoruert (1), vnuornufftich (2), vnwert (1), vnuorschuldes (1), vntruwenn (1), Vnuorworen (1), vnbestendige (2), vnuro (2), vnuor‐ halen (1), vnuormydentlick (1), vnuorsichticheit (1), vntruwer (1), vnuortzaget (2), vnuor‐ schamet (1), vnwerdich (2), Vnschuͤldygen (3), vnuormercket (1), vorungelympen (2), vn‐ bestendyge (1), vngestalte (2), vnuorachtet (1), vnuorstandes (1), vorungelympet (1), vnbe‐ dragen (2), vnschycht (2), vnrechtferdiger (1), vnbarmhertich (1), vnwerdt (2), vnuorworē (1), vnangeneme (1). – Belege mit bzw. in Präposition ‚unter‘, im Präfix under- und in Komposita mit dem Kompositionsglied under345: vnderrichtungen (3), vnderwysungen (2), vnderricht (1), vnderwyset (2), vnderdanen (13), vnder (20), vnderscheit (1), vnderdane (2), vnderwegē (1), henūder (1), vndergeyt (1), vnder ghan (1), vnderstunt (1), understuͤnden (1), vnder‐ lath (3), darunder (2), vnder richtet (1), vnder wegen (1), Vnderrichtunge (2), vnderrich‐ ten (1), vnderschedt (1), vndersettedes (1), understuͤnde (1), vnderdanē (1), vndergedruͤcket (1), vnderstrouwen (1), vndereinander (1), vnderwegen (1), vnder sloͤge (1), vnderslagen (1), vnderrichtet (1), vnderrichtinge (1), vnderstan (1), vndersta (1). – Belege mit in Pronomina ‚uns‘ und ‚unser‘346: vnsen (2), vnse (13), vnser (3), vns (63), vnsem (1), vnser ein (1). Weitere Belege mit konstanter u-Schreibung: – ‚Bund, Bündnis‘: vorbundt (1), vorbunth (5), vorbuntnissen (2), vorbundes (1), vor‐ buut347 (1), vorbunde (3), Vorbunt (1), vorbundtnissen (1); – ‚gesund‘: gesunde (2), gesunt (2); – ‚Grund‘: grundtlick (1), grundt (6), Anegrundt (2), grundelosz (1), grunde (2); – ‚-gunst‘: gunst (11), affgunst (2), vngunst (3), gunste (1); Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 105; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 34-36; Goossens, Historische Phonologie des Niederländischen, S. 41; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 64 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 42]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 167f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 123f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 376f.; ASnA, Bd. I, Karte 7 ‚kund/kundig: Senkung von u > o vor gedecktem Vokal‘. 343 Zur vokalischen Verwendung von und je nach Position s. Kap. 5.5.2 Vokalische Verwen‐ dung von , , . 344 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 345 Vgl. auch Kap. 8.7.12 ‚unter‘. 346 Vgl. auch Kap. 8.5.1.4 ‚uns-‘. 347 Lies: vorbunt. Teil II A Textinterne Analyse 98 – ‚Hund‘: hunde (10), hundt (4), hunden (1), yachthundt (1); – ‚hundert‘: hundert (1); – ‚Hunger‘: hungers (4), Hunger (9), hungerigen (2), hungerich (4); – ‚jetzt‘: jtzundes (13), jtzundt (2), jtzund (1), ytzundes (19), ytzundt (4); – ‚jung‘: Junge (7), junck (3), junger (4), jungen (5), Junckfrouwen (2); – ‚kund‘: kundt (3), kundtbar (2), kuntbar (1), kuntschop (2), vorkuntschoppet (1), kunth (1); – ‚Stunde‘: stundt (7), stunden (4), stunde (5); – ‚und‘348: vnd (1630), vñ (193), vnnd (157), vnnde (2), vnde (17); – ‚Wunde‘: wunden (2), vorwundt (1); – ‚Wunder, wunder-‘: wunderlick (2), wunder (4), vorwundert (1), vorwunderende (1), vorwunderden syck (1), wunderde (my) (2). – Belege mit variierender Schreibung versus in ‚ohne, außer, sondern‘: Sonder (1) und Sonderliken (1) neben sunder (56), besunder (4), affthosundern (1), sunderlyker (1), besunderge (1), besundergen (1), besunderliken (1), besunderlike (1), Besunderlick (2), sunderlikem (1), sundergen (1), besunders (1) neben Belegen mit Umlautmarkierung suͤnder (2), suͤnderlikem (1), besuͤnderliken (1), suͤnderlyken (1).349 – Belege mit variierender Schreibung versus: : – ‚Mund‘: muͤndt (1) neben mundt (10), munde (5). Es zeigt sich, dass die u-Schreibungen überwiegen.350 Für das äußerst seltene Vor‐ kommen der gesenkten Formen u > o in Sonder 14v und Sonderliken 131r lassen sich keine Voraussetzungen in der Textvorlage finden. Senkung von i, u, ü vor r + Konsonant Bereits im Frühmittelniederdeutschen erscheinen die kurzen Vokale der oberen Vo‐ kalreihe i, u, ü vor den Konsonantenverbindungen mit r in einer abgesenkten Form e, o, ö. In westfälischen Mundarten entwickelte sich die obere Vokalreihe stattdessen zu Diphthongen iä, uo, üö. Die Schreibung variiert jedoch in der Anfangsphase zwi‐ schen und : und .351 Das kurze i > e wird im Nordniederdeut‐ 5.1.5 348 Vgl. auch Kap. 8.8.1 Die kopulative Konjunktion ‚und‘. 349 Vgl. auch Kap. 5.1.9 Schreibung von ü. 350 Hierzu kommen die Formen für das Präteritum von ‚können‘ aus Kap. 6.1.15 Das Präteritopräsens ‚können‘. 351 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 14, S. 13f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 38, 43; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 61; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 113-125; Dahlberg, Zur Ur‐ kundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 39f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1774f.; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 87f.; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 64f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 42]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 170f.; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, Sp. 1224; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 126-128; Roolfs, Der 5 Lautlehre und Orthographie 99 schen und zum Teil auch im Ostfälischen um eine weitere Stufe e > a abgesenkt. In der Schrift wird vorwiegend realisiert.352 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheinen ziemlich regelmäßig die Schreibungen , , anstelle von den ursprünglichen , , , wobei die Um‐ laute nicht immer explizit gekennzeichnet werden. Eine Ausnahme bilden die unter‐ schiedlich belegten Formen: boͤrger : Buͤrger, Burger, Buͦrger. Die nicht abgesenkten Varianten , und erscheinen vorwiegend in den Kapitelglossen sowie in den Randkommentaren und könnten womöglich auf den Einfluss der hochdeutschen Vorlagentexte zurückzuführen. Ebenfalls nicht abgesenkt wird das ü in ‚Fürst‘ und seinen Derivaten. Keine der vorgefundenen Schreibungen deutet eine durchgeführte Diphthongierung an. Es gibt auch keine sicheren Hinweise auf eine durchgängig stattgefundene weiterführende Senkung e > a vor r + Konsonant.353 Belege mit ir > er: – ‚Hirte‘: Herden (2); – ‚Kirche, Kirch-‘: Kercken (2), Kerckhere (1); – ‚Kirsche‘: Kerseberen (1). Belege mit ur, ür > or, ör: – ‚Burg, Bürger‘: boͤrger (1), Boͤrgen (2); – ‚durch‘: dorch354 (42); – ‚Durst, durst-‘: doͤrstet (1), doͤrste (1), gedoͤrstet (1), doͤrsten (2); – ‚Geburt‘: gebort (8), gheborten (1); – ‚Gestrüpp, Buschwerk‘: Horst (2); – ‚kurz, kurz-‘: kortwylich (1), kort (3), korten (3), korter (2), kortes (2), korte (1); – ‚Würfel‘: Woͤrpel (1); – ‚Wurst‘: worst (4). Belege mit ur, ür: – ‚Bürger‘: Buͤrger (4), Burger (2), Buͦrger (1); – ‚durch‘: durch355 (44), duͤrch (2); – ‚Fürst, fürst-‘: Fuͤrstlyken (1), Fuͤrste (4), Fuͤrstlyker (2), Fuͤrstlich (1), Fuͤrsten (26), Fuͤrstliken (2), Fuͤrstlike (1), Fursten (8), Furste (4), Furstē (1). ‚Spieghel der leyen‘, S. 377f.; ASnA, Bd. I, Karte 9 ‚Kirche: Senkung von i vor r + Konsonant‘ und Karte 10 ‚Bürger (Sg. + Pl.): Senkung von ü vor r + Konsonant‘. 352 Vgl. Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 64 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 42]. Siehe auch Kap. 5.1.6 Senkung von e > a vor r + Konsonant. 353 Siehe dazu Kap. 5.1.6 Senkung von e > a vor r + Konsonant. 354 Als Simplex und in Komposita. Zur Präposition ‚durch‘ vgl. auch Kap. 8.7.5 ‚durch‘. 355 Als Simplex und in Komposita. Zur Präposition ‚durch‘ vgl. auch Kap. 8.7.5 ‚durch‘. Teil II A Textinterne Analyse 100 Senkung von e > a vor r + Konsonant Die Entwicklung e > a vor r + Konsonant, die seit dem 14. Jahrhundert von Norden nach Süden expandierte, ist außer für das Nordniederdeutsche auch für das Ostfäli‐ sche sowie zum Teil für das Niederländische bekannt.356 In diesen Regionen variiert in der Schrift der Gebrauch beider Graphien und . Das gedehnte er ist laut Lasch von dieser Erscheinung nicht betroffen.357 Die letztere Ausführung findet aus‐ nahmslose Bestätigung im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ wie aus den folgenden Beispielen ersichtlich: vorferdiget, pennwerdt, rechtferdich, swerdt, gerne, lichtuer‐ dichlick, wedderwerdicheit. Nerger weist darauf hin, dass im Mecklenburgischen die a-Schreibung vor r-Verbindungen außer vermehrt im Laufe des 16. Jahrhun‐ derts auftritt, in der Schrift aber gleichzeitig die er-Schreibung besteht.358 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt noch fast ausnahmslos die er-Schreibung. Seltene gereimte Bele‐ ge, z. B. wercke : Harke 33v sowie alternierende graphische Realisierungen wie bei‐ spielsweise in Malepartus versus Malepertus, lassen allerdings zumindest teilweise stark die ar-Aussprache vermuten. Die ursprüngliche e-Schreibung kann mit dem Einfluss der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Vorlage begründet werden, die ihrerseits oh‐ ne Ausnahmen die niederländische Graphie übernommen hat.359 ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ passt die Schreibung in vielen Fällen an, sodass die a-Schreibung (Malepartus) überwiegt (11mal Malepartus / Malepartusz versus 7mal Malepertus / Malepertusz im gesamten Text360). Im Verstext sind beide Schreibungen gleich frequent. In den Randglossenbeiträgen erscheint ausschließlich die a-Graphie. Belege mit : – ‚Berg‘: vorberget (3), bergewart (1), berge (Pl.) (1), vorbergen (2), Swartzenberg (1), Goldtbergen (1), Vorbergestu (1), Swertzenberg (1), amberge (1), Berge (Sg.) (1), Her‐ berge (2); – ‚Gewerbe‘: gewerue (1), geweruen (1); – ‚Herz, -herz-‘: framhertige (1), herten (14), herte (17), barmehertichlick (1), barmher‐ ticheyt (2), vnbarmhertich (1); 5.1.6 356 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 48; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 76; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 127-136; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 46-48; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 65; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1777; Wortmann, Zur Geschichte der kurzen Vokale in offener Silbe, S. 348f.; Niebaum, Zur syn‐ chronischen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 282f.; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 88; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 65 [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 43]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 171-173; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 129; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 378. 357 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 76. 358 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, S. 12. 359 ‚Reynke de vos‘, malepertus 15r, 23r, 24r; malepertusz 23r, 31r, 41r, 52r, 58v, 112v, 133r, 140r, 141r, 240v. 360 Die für ‚Reynke Vosz de olde‘ angelegte Stichprobe musste für die Analyse des Lexems ‚Malepar‐ tus‘ aufgrund von begrenzter Belegzahl ausnahmsweise auf den gesamten Text erweitert werden. 5 Lautlehre und Orthographie 101 – ‚Kirche, Kirch-‘: Kercken (2), Kerckhere (1); – ‚Malepertus‘: Malepertus(z) (7); – ‚merken, merk-‘: mercklyke (4), mercken (18), thouormercken (1), Merckenouwe (2), anmercken (1), merckē (2), Mercket (vp) (9), merckende (1), vormerckede (2), ge‐ mercket (1), mercke (18), merckede (4), vormercket (1), vormercken (3), mercklike (3), vormerckest (2), merckedestu (1), vpmercken (1), anmercket (1), vnuormercket (1), vormercket (1), anmerckende (1); – ‚sterben‘: steruet (2), sterue (1), steruen (4); – ‚verderben‘: vorderuen (5), vorderue (2), vorderuet (1), vorderuent (2); – ‚werfen‘: werpen (1), vorwerpet (2), vpwerpet (1), werpet (1). – ‚Werk‘: wercke (9), werck (4), wercken (3), werkē (1), werke (1). Belege mit : – ‚brennen‘: barnende (1), – ‚Malepertus‘: Malepartus(z) (11). Entwicklung von a > e vor r + Konsonant Die Hebung a > e vor r + Labial- / Velarkonsonant ist für den nordwestlichen Teil des Ostfälischen und zum Teil auch für das Niederländische typisch. Diese Entwick‐ lung ist selten im Nordniederdeutschen belegt. Im Westfälischen ist sie generell nicht anzutreffen.361 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt im Normalfall die Hebung a > e vor r + Konsonant nicht. Der Ausnahmebeleg sterck 231v entstammt einem Glossenzitat und ist wohl auf den Einfluss der Vorlage zurückzuführen. Belege mit konstanter a-Schreibung: – ‚Mark‘: marck (1); – ‚Markt‘: marckede (2), honnich marcket (1), honnich market (1); – ‚scharf‘: scharpsynnigen (1), scharp (3), scharpen (1), scharpe (1); – in Namen: Grymbardt (2), Grymbart (7), Marten (6), Sunte Martens (2), Martinus (1), Bartoldt (1), Scharpenybbe (1), Scharpenibben (2), Marquart (1). Belege mit variierender Schreibung: – ‚stark‘: sterck (1) neben starcken (2), starck (9), starcke (1), starcker (1); – in Namen: Armelyne (1) neben Ermelyn362 (1). 5.1.7 361 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 77; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 131-136; Goossens, Historische Phonologie des Niederländischen, S. 50; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 65 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 43]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 173f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 129f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 379; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 89. 362 Das betroffene Lexem liegt außerhalb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes. Teil II A Textinterne Analyse 102 e > ö und i > ü im Inlaut Unter bestimmten Bedingungen werden e und i in geschlossener Silbe bereits im Frühmittelniederdeutschen zu ö bzw. ü verdumpft.363 Für das Mecklenburgische listet Nerger folgende Entwicklungsoptionen auf: i > i vor l + Dental, i > e vor l + Konso‐ nant oder i > u vor lv (medial) und vor lf in einsilbigen Formen, wobei der Umlaut i > u > ü erst nach 1520 auftaucht.364 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ variiert die Schreibung für die potentielle Labialisierung i > ü zwischen den Realisierungen , , , und . Für die potenzielle Rundung e > ö stehen im ‚Reynke Vosz de olde‘ folgende Graphien zur Verfügung: , , , , . Die einzelnen Schreib‐ varianten verteilen sich wie folgt: A) e > ö zwischen zwei stimmlosen Labiallauten, jedoch herrscht in der Graphie eine Variation. Es treten Schreibungen und auf:365 – Belege mit : voͤffte (4), voͤfftigste (1); – Beleg mit : vyffte366 34r (1). B) i > ü zwischen zwei Dentallauten367, wobei die uͤ-Schreibung gegenüber dem u- Einzelbeleg eindeutig dominiert: – Belege mit : druͤdde (40), Druͤdden (18), druͤddē (1); – Beleg mit : drudde (1). C) Das e wird in der folgenden konsonantischen Umgebung zu ü gerundet: stimmloser Labialkonsonant f + Vibrant r. Besonders deutlich tritt diese Tendenz im Lexem ‚Freund‘ sowie seinen Derivaten hervor. Eine zusätzliche Beeinflus‐ sung durch den nachfolgenden Nasal ist nicht auszuschließen. Der stimmhafte La‐ bialkonsonant in Kombination mit dem Vibranten ruft allerdings keine Verdump‐ fung hervor.368 5.1.8 363 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 12, insbes. S. 11; Lasch, Mittelniederdeutsche Gram‐ matik, § 169-174; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 303-313; Nybøle, Reynke de Vos, S. 44. 364 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 14, S. 14: „Von den Verbindungen des l laßen die mit Dentalen den Bestand des i unberührt, z. B. spilden consumere, schilt scutum, bilsen hyoscyamus; die übrigen führen Brechung herbei, z. B. helpe, helpt juvo, juvat, melk lac, oder ver‐ dunkeln i zu u, wie lv und lf in sulver argentum, sulf ipse“. 365 Laut Nerger sollen nicht labialisierte Formen als mecklenburgisch gelten. Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 15, S. 14: „viftich, vichtich 50, und (?) vifteyn 15 von vîf“. Vgl. auch Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 169. Vgl. zudem Kap. 8.4.7 ‚fünfzehn‘, ‚fünfzig‘, ‚fünfte‘. 366 Die y-Schreibung ist diesem Fall wohl als Einfluss der Lübecker Vorlage zu deuten. Vgl. ‚Reynke de vos‘, Bl. 31v. 367 Nerger bewertet die labialisierten Formen drutte und druttich als Nebenformen zu dridde und drit‐ tich, die Labialisierung selber führt er auf „die gemeinsame Einwirkung der umgebenden Conso‐ nanten [...] und vielleicht [auf] den mehrfachen Zungenlaut“ zurück. Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 17, S. 16. Vgl. auch Kap. 8.4.8 ‚dritte‘. 368 Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 170. Vgl. auch Kap. 8.1.5 ‚Freund‘. Zur Variation beim Lexem ‚fremd‘ vgl. Kap. 8.3.1 ‚fremd‘. Belege s. d. 5 Lautlehre und Orthographie 103 – Belege mit : fruͤnde (12), fruͤntschop (1), fruͤntlyker (1), fruͤndtschop (5), fruͤntlikē (1), fruͤnden (4), fruͤndtlick (1), fruͤndes (2), fruͤntschoppe (1); – Belege mit : frūtschop (1), frundt (4). D) Vor der inlautenden Verbindung lv sowie vor der auslautenden Konsonanten‐ verbindung lf steht vorwiegend das auf die stattgefundene Labialisierung deuten‐ de (deutlich seltener ).369 E) Der Übergang i > ü hat in den Präsensformen des Hilfsverbs ‚sein‘ (1. Pers. Sg. Präs., Pl. Präs.) offensichtlich nicht stattgefunden:370 – Belege mit : bin (3); Sint (12); – Belege mit : byn (10); synt (114), synth (5). F) Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird wi zu wü in ‚Schwester‘ labialisiert, aber nicht in ‚zwischen‘.371 Laut Lasch ist „süster die fast ausschließlich herrschende form, die auch in älterer zeit belegt ist“, die Schreibung twüschen alterniere dagegen stets mit twischen. So findet man bereits im Vormittelniederdeutschen Formen wie gisustruonion, gisustrithi, aber twiskum, undar twisk.372 – Belege mit : suͤster (2); – Belege mit : twysschen (4); – Belege mit : twisschen (8), Twisschenn (1). G) Im Demonstrativpronomen ‚dieser‘ wird das ɪ im ‚Reynke Vosz de olde‘ gene‐ rell nicht gerundet.373 Als Hauptschreibvariante ist die nicht labialisierte gemi‐ nierte auf einen Kurzvokal deutende Schreibung desse anzunehmen. Weitere Schreibvarianten enthalten eine i-/y-Graphie und sind als Ausgleichvarianten zu bewerten.374 369 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 14, S. 14. Für Auflistung der Belege und weitere Ausführungen zur Variation beim Demonstrativum ‚der-, die-, dasselbe‘ vgl. Kap. 8.5.4.4. 370 Nach Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 171, S. 101, wäre allerdings anzunehmen, dass im Mecklenburgischen und Vorpommerschen die gerundete Aussprache üblich ist: „Vornemlich die un‐ betonte stellung im gebrauch als hilfsverb veranlasst nordnds. (ostelb.) bün < bin, wie sünt „sind“ auf weiterem gebiete. bun: Rostock 1414 (Nd. Korr. 23, 65), im Garzer stb. seit 1450 (vorher bin). Im [Redentiner, S. T.] osterspiel bun bust.“ Nerger betont dagegen, dass die ungerundeten Formen für ‚bin‘ und ‚sind‘ die mecklenburgischen Hauptformen seien, die gerundeten Varianten dagegen führt er auf den Einfluss benachbarter Dialekte zurück. Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgi‐ schen Dialektes, § 18, S. 16. Vgl. auch Kap. 6.1.18 Das Verbum substantivum ‚sein‘. 371 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 17, S. 16: „Bisweilen ist u Verdunke‐ lung eines ältern i. Dieselbe wird außer den Consonantenerbindungen lv, lf (...) hervorgerufen durch ein dem Vocale vorangehendes w in den Wörtern wuste scrivi, suster soror, tuschen inter, sul limen, vgl. mit wiste, alts. suestar, twisken, mhd. swelle.“ Mehr zur Präposition ‚zwischen‘ vgl. Kap. 8.7.15 ‚zwischen‘. 372 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 172. 373 Nerger gibt als Hauptvariante für das Mecklenburgische disse an, vermerkt jedoch, dass es durch‐ aus zu Schwankungen zwischen dusse und disse kommen kann. In der gerundeten Variante sieht Nerger allerdings den Einfluss benachbarter Dialekte. Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgi‐ schen Dialektes, § 14, S. 14. 374 Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 173. Teil II A Textinterne Analyse 104 – Belege mit : dessen (36), desser (23), Desse (71), dessem (47), desses (11);375 – Belege mit (Ausgleichsformen): dyt (60), dydt (2), Dyth (11); – Belege mit (Ausgeichsformen): dith (6), dit (1).376 Schreibung von ü377 Für das kurze ü378 konnten im ‚Reynke Vosz de olde‘ folgende Schreibungen ermit‐ telt werden: , , .379 Belege mit Umlautkennzeichnung380 durch nachge‐ schriebene Zeichen (, oder ) wurden im Text nicht gefunden. Die Belege mit Umlautkennzeichnung mithilfe des übergeschriebenen e sind gegenüber Belegen mit keiner Umlautkennzeichnung etwas stärker vertreten.381 Nimmt man die beson‐ ders frequenten Belege mit den Morphemen ‚um-‘382 und ‚selb-‘383 aus der Zählung heraus, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die durch das diakritische e markierten Umlaute kommen unabhängig von ihrer Position im Text (Verstext versus Kapitel‐ glossen versus Marginalien) doppelt so häufig wie die nicht markierten Schreibvari‐ anten vor. Auffällig zudem sind zwei Belege mit Bezeichnung des Umlauts durch osuperscriptum, welches auch ansonsten kaum zur Geltung kommt. Es ließ sich feststellen, dass es im ‚Reynke Vosz de olde‘ beinahe keine Belege mit durchgehender u-Schreibung gibt. Diese Tatsache lässt sich wiederum wohl da‐ 5.1.9 375 Vgl. auch Kap. 8.5.4.1 ‚dieser, diese‘. 376 Vgl. auch Kap. 8.5.4.2 ‚dies(es)‘. 377 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Umlautkennzeichnung des kurzen ü eher um ein graphisches als ein phonologisch-graphematisches Phänomen handelt. In der gängigen Literatur wird dieses Phä‐ nomen jedoch stets bei der Betrachtung des historischen Kurzvokalismus behandelt. Hier greift das Prinzip der Vergleichbarkeit ein. 378 Laut Nerger war der u-Umlaut dem Mecklenburgischen nicht eigen und wurde erst im 16. Jahr‐ hundert unter dem Einfluss des Hochdeutschen angepasst. Vgl. Nerger, Grammatik des meklen‐ burgischen Dialektes, § 18, S. 16 und § 162, S. 122f.: „Die Umlaute der O- und U-Laute, ö, ü, æ, œ und ᵫ, welche der altmeklenburgische Dialekt nicht besaß, sind in dem Zeitalter der Reformation aus Obersachsen und Oberdeutschland in Meklenburg eingeführt und durch die niedersächsische Buchsprache der Volkssprache mitgetheilt worden. Dies konnte um so leichter geschehen, als die Umlautung an sich ja dem Dialekte nicht etwa ein fremdartiger Vorgang scheinen durfte, sondern ihm seit seiner Entstehungszeit im Verhältnisse des a zu e, des ā zu ē, und ferner des â zu ê üblich war.“ 379 Die Formen der Personalpronomen ‚wir‘ und ‚ihr‘ werden gesondert behandelt. Vgl. dazu Kap. 8.5.1.3 ‚wir‘ bzw. Kap. 8.5.1.6 ‚ihr‘. Zur Formenvarianz beim Verbum substantivum s. Kap. 6.1.18 Das Verbum substantivum ‚sein‘. 380 Vgl. auch Kap. 5.1.4 Senkung von u > o vor gedecktem Nasal, Kap. 5.1.5 Senkung von i, u, ü vor r + Konsonant sowie Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 381 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 162, S. 122f.; ebd., § 164, S. 125f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 26, 28, 44f., 48, 50; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I, S. 282-300; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 112-124; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 168; Nybøle, Reynke de Vos, S. 47f., 107-110. 382 Die Anzahl der markierten uͤ-Schreibungen macht hier kaum ein Zehntel aller Belege mit ‚um-‘- Komponente aus. 383 Hier dominiert mit einem noch größeren Abstand die markierte Schreibweise mit e-superscriptum. 5 Lautlehre und Orthographie 105 durch erklären, dass es sich in allen Fällen um Einzelbelege mit der Graphie oh‐ ne explizite Umlautmarkierung durch übergeschriebenes e bzw. o handelt. Die Ver‐ mutung liegt nahe, dass es bei einer größeren Belegmenge mit entsprechenden Lexe‐ men mit großer Wahrscheinlichkeit zur Variation zwischen der markierten und nicht markierten Realisierung kommen würde, wie es bei anderen mehrfach vertretenen umgelauteten Wortformen der Fall ist. Es stellt sich nun allerdings die Frage, ob die‐ se Vermutung auch auf die Belege mit konstanter uͤ- Schreibung übertragbar ist. Da‐ für spricht eine relativ starke Variation zwischen markierten und nicht markierten Schreibungen, dagegen jedoch eine insgesamt doch ziemlich klare Tendenz zur Um‐ lautkennzeichnung im Untersuchungstext. – Belege mit konstanter u-Schreibung384: vppige (1), knuppel (1), luchter (1), luchteren (1), vppigen (1);385 – Belege mit konstanter uͤ-Schreibung386: erluͤchtet (1), beschuͤtten (3), beschuͤttunge (1), be‐ schuͤttet (1), beschuͤtteth (1), beschuͤttender (1), huͤlde (7), tuͤcke (2), nuͤcken (1), spruͤtten vth (1), huͤndeken (1), fruͤchtet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), huͤndyscher (1), huͤlpe (6), stuͤcke (23), ruͤggen (2), ruͤgge (1), kuͤssende (1), juͤmmer387 (8), yuͤmmer388 (4), tuͤsscheryen (1), stuͤnde 3. Pers. Sg. Konj. (1), vpstuͤnde 3. Pers. Sg. Konj. (1), sick vnderstuͤnde 3. Pers. Sg. Konj. (1), smuͤckē (1), smuͤcket (1), smuͤcke 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), kruͤmde (1), duͤchtich (2), gruͤtte (1), buͤtte (1), fruͤchte (1), vntuͤchtich (1), beschuͤttinge (2), nuͤchternheit (1), Krekelpuͤtt (1), tuͤchtigen (1), stuͤcken (1), houetwuͤmpele (1), wuͤmpel (1), meisterstuͤcke (1), gesmuͤcke (1), Tuͤsscherye (1), Twetuͤngyge (2), kuͤnsten (1); – Belege mit variierender Schreibung: nuͤmmer (11), nuͤmmermehr (1) neben nūmermehr (1), nūmer (1), nummer (2). Die meisten Formen mit Umlaut kommen parallel in gekennzeichneter und nicht ge‐ kennzeichneter Schreibung vor. Besonders häufig sind Belege für Morpheme ‚um-‘ und ‚selb-‘ zu finden.389 Weniger frequent aber deswegen nicht weniger variabel sind folgende Formen:390 – Belege mit u-Schreibung für Morphem ‚nütz-‘: nutte (Subst.) (2), vnnutte (Adj.) (1), egen nutte (5), nutte (Adj.) (1), egen nuttes (2); – Belege mit uͤ- bzw. uͦ-Schreibung für Morphem ‚nütz-‘: nuͤtte (Adj.) (10), eygen nuͤtte (1), nuͤtte (Subst.) (4), nuͤtter (Adj., Komparativ) (2), nuͤttet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), egen‐ 384 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 385 Es handelt sich jedoch um Einzelbelege. 386 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 387 Die Schreibung juͤmmer kommt vorwiegend im ersten und zweiten Buch vor. 388 Die Schreibung yuͤmmer kommt überwiegend im dritten und vierten Buch vor. 389 Vgl. hierzu insbes. Kap. 8.7.11 ‚um‘ und Kap. 8.5.4.4 ‚der-, die-, dasselbe‘. Belege s. d. 390 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Für weitere Belege für ü vgl. auch Kap. 5.1.5 Senkung i, u, ü vor r + Konsonant, Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. Teil II A Textinterne Analyse 106 nuͤttich (3), vnnuͤtte (Adj.) (4), egenuͤttygem (1), Egen nuͤtte (5), nuͤttes (Subst.) (1), nuͤtlick (1), vnnuͤtter (Adj., Positiv) (1), vnnuͦtten (1); – Belege mit u-Schreibung für ‚Glück‘ und Ableitungen391: gelucke (3), geluckseligem (1), vngelucke (1), geluckliken (1), vngeluckes (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für ‚Glück‘ und Ableitungen: vngeluͤcke (9), geluͤckselygen (1), geluͤcke (15), geluͤcklich (1), vngeluͤcklich (1), vngeluͤckseligen (1), vngeluͤcklick (1), ge‐ luͤckhafftigesten (1), geluͤckseligen (2), geluͤckseligem (1), geluͤcksamsten (1), geluͤcken (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Schuld‘: schuldich (1), ent‐ schuldyget (1), vnschuldigem (1), beschuldiget (1), vnschuldigē (1), schuldigem (1), ent‐ schuldigen (1), entschulding (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Schuld‘: vnschuͤldich (2), ent‐ schuͤldigung (1), vorschuͤldet (1), entschuͤldigen (4), entschuͤldigē (2), entschuͤldiginge (1), vnschuͤldiger (1), entschuͤldigede (1), entschuͤldyget (2), vnschuͤldigen (1), Vnschuͤldygen (1), entschuͤldeget (1), entschuͤldygen (1), vnschuͤldygen (2), vnschuͤldiger (1), vnschuͤldyge (1), Schuͤldener (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Geduld‘: erdulden (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Geduld‘: duͤlde 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), duͤlden (2), erduͤlden (2), geduͤldich (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Druck‘: gedrucket (1), vor‐ drucker (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Druck‘: gedruͤcket (1), vor‐ druͤckē (1), vordruͤcken (1), vordruͤckinge (1), druͤcket (1), vordruͤcket (4), vndergedruͤcket (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Lust‘: lustich (2), lustede (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Lust‘: luͤstede (1), luͤstich (1), luͤstiger (1), luͤstet (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Gunst‘: affgunstich (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Gunst‘: guͤnstige (1), guͤnstich (3), vnguͤnstich (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Grund‘: grunthlick (1), grundtlick (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Grund‘: gruͤndtlick (2), gruͤnthlyker (1), gegruͤndet (1), gruͤntlick (1), gruͤntlike (1), gruͤndtlyke (1); – weitere Belege mit variabler Schreibung392: henfurder (1), vurdern (1), gefurdert (2) neben vuͤrdern (1); suͤnde (9), suͤnden (1), suͤndigen (1), suͤndt (1) neben sunde (4); beruͤchtigeden (1), beruͤchtigen (1), geruͤchte (3), beruͤchtiget (3), ruͤchte (2) neben geruchte (1); kuͤmpt (15), ankuͤmpst (1) neben kūpt (3), kumpstu (2), Wedderkumpst (1), ankumpst (1); gunnen 391 Belege ausschließlich aus dem ersten Buch. 392 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 5 Lautlehre und Orthographie 107 (1), gunth (1), vorgunnen (1) neben voͤrgunnen (1), guͤnt (1), vorguͤnt (1), miszguͤnneren (1), vorguͤnth (1), guͤnne (1); duͤncken (2), duͤncket (9) neben duncket (2), duncken (1), gut‐ dunckent (1); Vorkuͤndigen (2), vorkuͤndiget (1) neben vorkundige (1); Juͤtte (2) neben Jutte (1); bekummert (1) neben bekuͤmmert (2). Es lässt sich abschließend festhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ eine Variation zwischen den markierten und nicht markierten Umlauten bei ü besteht. Bei genauer Betrachtung lässt sich feststellen, dass die durch e-superscriptum und deutlich selte‐ ner durch übergeschriebenes o gekennzeichneten umgelauteten Formen frequenter als die nicht gekennzeichneten Formen sind. Die ermittelte Verteilung konstanter u- Realisierungen, konstanter uͤ- bzw. uͦ-Schreibungen und variabler Graphien ließ sich nicht mit Lexemgebundenheit oder extralinguistischen Faktoren begründen. Man kann allerdings darauf hinweisen, dass ‚Reynke Vosz de olde‘ keine doppelten Dia‐ kritika kennt. Die Tilde (Nasalstrich) kann demnach als ein mögliches, aber nicht das einzige Hindernis für die Umlautkennzeichnung bewertet werden wie beispielsweise in kuͤmpt versus kūpt, fruͤnde versus frūde, daruͤmme versus darūme. o > a vor r + Konsonant (Dental d, t oder n) Die Schreibung für o vor r + Dental d oder t sowie vor der Konsonantenverbin‐ dung r + n erscheint ausschließlich im Westfälischen. Diese typisch westfälische Entwicklung bildet jedoch auch in der dortigen Schreibsprache eher eine Ausnahme. Deutlich häufiger begegnet die or-Schreibung. Seltener finden sich Beispiele für die Senkung o > a vor rd / rt, rn im Ostfriesisch-Oldenburgischen.393 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ konnten keine Belege für diese speziell westfälische Erscheinung ermittelt werden. Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Konsonant Die Dehnung vormittelniederdeutscher Kurzvokale vor den Konsonantenverbindun‐ gen r + Dental d oder t, vor r + n oder l sowie vor einfachem r wird als sogenannte Frühdehnung bezeichnet. Diese findet sich häufig in der Schrift in Form von Doppel‐ schreibung oder Kennzeichnung durch nach- oder übergeschriebenes oder wieder, allerdings wird die gedehnte Tonlänge in der Minderheit der Fälle mar‐ kiert.394 Das westliche Mittelniederländische erfährt eine Weiterentwicklung dieses 5.1.10 5.1.11 393 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 62 Anm. 2, 86; Peters, Katalog sprachlicher Merkma‐ le I, S. 66 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 177; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 133; Roolfs, Der ‚Spie‐ ghel der leyen‘, S. 380. 394 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 62; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 125-131; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 40-44; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1774; Peters, Mittelniederdeut‐ sche Sprache, S. 88; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 65 [= Peters, Mittelniederdeutsche Teil II A Textinterne Analyse 108 Sprachphänomens. Vor allem in Westflandern und Südholland kennt das bereits ge‐ senkte tl. ēr vor den Dentalen d und t, aber auch vor n eine weitere Senkung zu ār.395 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ treten sowohl Schreibungen mit Markierung der soge‐ nannten Frühdehnung, als auch nicht markierte Schreibvarianten auf. Vor der Konsonantenverbindung rd wird die Vokaldehnung zum größten Teil nicht extra gekennzeichnet. Eine eindeutige Ausnahme bildet hier die Schreibung des Lexems ‚Wort‘ mit e-superscriptum. Vor allem die Pluralformen erscheinen mit Deh‐ nungsbezeichnung: Belege mit Markierung der Frühdehnung: – ‚Ort‘: oͤrden (2); – ‚Wort‘: woͤrden (17), woͤrde (21), woͤrdenn (1), woͤrdt (1). Einfache a-, o- und e-Schreibungen vor der Konsonantenverbindung rd sind insge‐ samt deutlich zahlreicher vertreten: Belege ohne Markierung der Frühdehnung: – ‚antwort-‘: vorantwerdet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), antwerde ‚Antwort‘ (2), vorant‐ werde 3. Pers. Sg. Konj. (1), antwerden Inf. (1), vorantwerden Inf. (2), antwerdet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), antwerde 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (4), antworde 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (6), antwerden 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (1), voranworden Inf. (1), vorantwordet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), antworden Inf. (1); – ‚Erde‘: erden (10), erde (1); – ‚fürder‘: Vorder (4); – ‚Garten‘: garde (1); – ‚Hirte‘: Herden (2); – ‚Orden‘: orden (4); – ‚Ordnung, ordnen, ordentlich‘: ordenūge (1), ordenung (1), ordnet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), ordentlicker (1); – ‚Ort‘: orde (1); – ‚Pferd‘: Perde (1); – ‚Wort‘: worden (6), sprickworde (3), worde (15), smeheworden (1). Auch vor der Konsonantenverbindung rt ist die Bezeichnung der Vokaldehnung eher unüblich. Hier erscheinen die nicht markierten a-, o- und e-Schreibungen: Studien, S. 43]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 174-176; Weber, Die mittelniederdeut‐ sche Schreibsprache Osnabrücks, S. 130-132; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 379f., hier S. 379; ASnA, Bd. I, Karte 11 ‚Zustimmung (vulbōrt): Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Kon‐ sonant‘, Karte 12 ‚des Weiteren (vōrtmêr): Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Konsonant‘, Kar‐ te 13 ‚Beurkundung: Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Konsonant‘. 395 Goossens, Historische Phonologie des Niederländischen, S. 50; Van Loey, Middelnederlandse spraakkunst. II. Klankleer, § 43, S. 35f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 379f., hier S. 379; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 65 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 43]. 5 Lautlehre und Orthographie 109 Belege ohne Markierung der Frühdehnung: – ‚Antwort‘: antwerdt (1), antwert (3); – ‚Art‘: art (7), arth (1); – ‚Bart‘: bart (2); – ‚Erde‘: erdtwoker (1), erdt (2); – ‚fort, fort-‘: vortganck (1), sprack … vort (3), Vort brachte (1), vort … varen (1), vort‐ uaren (1), ghynck vort (1), vort … sprack (1), Quam … vort (1), spleth … vort (1), bringen vort (1), greep … vort (1), ghingen … vorth (1), vort (2), gingen vort (1), ghynck … vort (1); – ‚Geburt‘: gebort (8), gheborten (1); – ‚Ort‘: ordt (2); – ‚Pforte‘: porten (2), Porte (1), port (2), kaffporten (1); – ‚Schwanz des Tieres‘: sterte (1), stert (7), sterth (1); – ‚Wort‘: wordt (Sg. und Pl.) (15), wort (Sg. und Pl.) (4), sprickwordt (3), word (Pl.) (1). Die markierten o-Belege mit übergeschriebenem vor rn stellen einen Problemfall dar, weil sie nicht eindeutig zugeordnet werden können. Die markierte Schreibung mit e-superscriptum kann sowohl als Umlautkennzeichnung, als auch als Dehnungs‐ markierung interpretiert werden, wobei die sonst fehlende Bezeichnung der Dehnung im Lexem ‚Zorn‘ m. E. wahrscheinlicher für eine Umlautmarkierung in den wohl umgelauteten Formen wie ‚zornig, erzürnt‘ u. Ä. spricht: Belege mit Markierung des Umlauts: – ‚Zorn-‘: vortoͤrnet Part. Prät. (3), vortoͤrnest (1), toͤrnde 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), syck toͤrnede 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), toͤrnigen (Adv.) (1), toͤrnigenn (Adv.) (1), toͤrnich (5), toͤrnigen (Adj.) (1), toͤrnen (juw) (2). Ansonsten begegnen vor rn ausschließlich nicht markierte Schreibungen mit einfa‐ chem und : Belege ohne Markierung der Frühdehnung: – ‚Ferne, fern‘: verne (11); – ‚gern‘: gerne (39), vngerne (2), gern (2); – ‚Korn‘: korn (1), korne (1); – ‚Zorn‘: Torne (14), torn (4), tornigen (Adj.) (1), tornich (1). In präfigierten Nominalbildungen mit ‚ur-, Ur-‘ sowie ihren Derivaten erscheint im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die gesenkte Variante u > o. Neben der eindeu‐ tig dominierenden nicht markierten Schreibvariante mit einfachem vor r + Kon‐ sonant begegnen zwei Belege mit übergeschriebener Dehnungsbezeichnung . – Belege mit Markierung der Frühdehnung: vorzuoͤrdeln (1), oͤrdel (3); – Belege ohne Markierung der Frühdehnung: vororsaket Part. Prät. (1), orsaker (1), Orsake (7), orsaken (Subst. Pl.) (8), vngeordelt (1), ordelen Inf. (1), ordele (4), vorordelen Inf. (1), ordel (3), orloff (3), orthsprunck (1), vororsaken 3. Pers. Pl. Präs. Inf. (1), geordelt Part. Prät. (1), orlaue (1), vororsaket 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1). Teil II A Textinterne Analyse 110 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Bezeichnung der Frühdehnung der vormittelniederdeutschen Kurzvokale vor r + Konsonant für ‚Reynke Vosz de olde‘ eher als unüblich einzustufen ist. Die wenigen Belege mit übergeschriebener Deh‐ nungsmarkierung stellen eine deutliche Ausnahme dar. Es lässt sich keine transpa‐ rente Begründung für die Verwendung von e-superscriptum in den Ausnahmefällen, aber auch keine für ihre Nichtverwendung in der Mehrheit der Fälle finden. Zusätz‐ lich lässt sich anmerken, dass sich im Text keine Belege mit nachgeschriebenen Buchstaben zur Dehnungsmarkierung ermitteln ließen. Tonlängen Beim Übergang vom Altsächsischen zum Mittelniederdeutschen wurden die kurzen Vokale in offener Silbe zerdehnt.396 Laut Lasch handelt es sich dabei um „einen vom akzent abhängigen vorgang, durch den ein kurzer vokal in betonter offener silbe zu‐ nächst zum kurzdiphthong wurde“.397 Es gilt also zunächst eine Diphthongierung für den gesamten niederdeutschen Sprachraum anzunehmen.398 Im Westfälischen blie‐ ben diese sogenannten Brechungsdiphthonge erhalten, im Ostfälischen und Nordnie‐ derdeutschen wurden sie hingegen monophthongiert und gedehnt. Hierbei geht es um die Monophthongierung und Dehnung der ersten Bestandteile zu den offeneren zwei‐ ten Bestandteilen der Übergangsdiphthonge hin. So haben sich kurze Vokale in offe‐ ner Silbe durch Monophthongierung zu um eine Stufe gesenkten Tonlängen ent‐ wickelt.399 Im Ostfälischen wurden die tonlangen Vokale anschließend gekürzt, im Nordniederdeutschen und Westfälischen ist es eine eher seltene Erscheinung.400 Schreibung von tl. ī Im 15. Jahrhundert erscheint in den ostfälischen und nordniederdeutschen Schreib‐ sprachen als Ergebnis der Tondehnung des Kurzmonophthongs der oberen Reihe i > 5.2 5.2.1 396 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 24-27, S. 22-24; Lasch, Mittelniederdeut‐ sche Grammatik, §§ 39ff.; dies., ‚Tonlange‘ Vocale im Mittelniederdeutschen; dies., Mittelniederdeutsche Zerdehnung; Frings, Tonlange Vocale, S. 113; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I, S. 81-87; Teuchert, Der Lautstand der kurzen Stammsilbe im Westfälischen, S. 120; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 23f., 44-46; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1770ff.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179; Beckmann, Zur Zerdehnung kurzer Vokale in offener Silbe; Temmen, Das ‚Ab‐ dinghofer Arzneibuch‘, S. 90. 397 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 39, S. 35-37, hier S. 35. 398 Wortmann, Zur Geschichte der kurzen Vokale in offener Silbe; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90. 399 Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 86f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179; Nie‐ baum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1426; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90. 400 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 67 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44]; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90. 5 Lautlehre und Orthographie 111 tl. ī in offener Silbe in der Regel die e-Schreibung, die auf einen um eine Stufe ge‐ senkten Langvokal hindeutet.401 In westfälischen Dialekten hingegen entwickelt sich aus dem asächs. Kurzvokal i in offener Silbe ein sogenannter Kürzendiphthong. Schreibsprachlich ist diese Entwicklung allerdings schwer zu erfassen, denn sowohl im späten Mittelalter als auch in der Frühen Neuzeit wird dieser Diphthong so gut wie nie digraphisch dargestellt, sondern kommt wie im gesamten niederdeutschen Sprachraum in der Schreibvariante vor. Das Frühmittelniederdeutsche bildet in diesem Fall eine Ausnahme. In dieser Entwicklungsphase begegnet in westfälischen Quellen verstärkt die i-Graphie für Kürzendiphthong ie. Die hochdeutschen Schrei‐ bungen und stehen diesem dialektal markierten Laut näher, deswegen erset‐ zen sie häufig die mnd. e-Graphie.402 e-Schreibung für tl. ī: – ‚bleiben (Part. Prät.)‘: gebleuen (3), vthgebleuen (1); – ‚Friede‘: Frede (19), vrede (1), freden (2), vnfrede (1); – ‚Himmel‘: Hemmel403 (5); – ‚ihr-‘404: eren (Dat. Pl.) (14), eren (Akk. Sg.) (7), erer (Gen. Sg.) (12), ere (Akk. Pl.) (14), erem (Dat. Sg.) (27), er (Nom. Sg.) (2), ere (Akk. Sg.) (32), ere (Dat. Sg.) (1), ere (Nom. Pl.) (8), er (Pers.-Pron., Gen. Sg.) (1), er (Pers.-Pron., Dat. Sg.) (29), erer (Gen. Pl.) (4), ere (Nom. Sg.) (9), eres (Gen. Sg.) (4), ereme (Dat. Sg.) (1), erer (Pers.-Pron., Gen. Pl.) (5), er (Akk. Sg.) (2); – ‚mit, mit-, -mit‘ (Präposition, Partikel in den Partikelverben, Präfix bei Abstrakta, Teil der Pronominaladverbien)405: mede406 (5), medelydent (1), dar … mede (10), hyr … mede (1), mede schuͤldich (1), mede nemen (1), mede brochte (1); 401 Nerger, Die Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 29-30, S. 25ff.; Tümpel, Niederdeut‐ sche Studien, S. 15-18; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 39, 140; Sarauw, Niederdeut‐ sche Forschungen. I, S. 68f.; Dahlberg, Die Mundart von Dorste I; ders., Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Rooth, Waren die alten hohen Kurzvokale i, u, ü der offenen Sil‐ be im Westfälischen jemals gesenkt?; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schrif‐ ten Nicolaus Gryses, S. 23f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 67; Wortmann, Zur Geschichte der kurzen Vokale in offener Silbe; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 86f.; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 66 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179ff.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 3f.; Beckmann, Zur Zerdehnung kurzer Vokale in offener Silbe; Niebaum, Phone‐ tik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1426; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 133-135, hier insbes. S. 133f.; Denkler, Sterbfallinventare, S. 190-192; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90f. 402 Denkler, Sterbfallinventare, S. 190-192, hier S. 190f. 403 Mit anschließender Kürzung des tl. Vokals vor -el. Vgl. dazu auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 404 Vgl. auch Kap. 8.5.1.13 ‚ihr-‘. 405 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Für weitere Belege s. Kap. 8.7.8 ‚mit‘. 406 In geschlossener Silbe erscheint im ‚Reynke Vosz de olde‘ durchgehend die kurzvokalische Varian‐ te mit: ‚mit‘: mit(h) / myt(h). Vgl. auch Kap. 8.7.8 ‚mit‘. Teil II A Textinterne Analyse 112 – ‚nieder, nieder-‘: werp ... nedder (1), nedden (2), neddern (1), dreeff ... nedder (2), nedderwert (1), nedder gedreuen (1), ghinck … nedder (1), gheyt … vp vnd nedder (1), vorneddert (1);407 – ‚schreiben (Part. Prät.)‘: vorgeschreuen (4), geschreuen (1), vor geschreuen (1); – ‚Siegel‘408: Segel (1); – ‚Spiel, spielen‘: Spelen (1), spele ‚Spiel‘ (2), spelende (1), Spel ‚Spiel‘ (1), speel ‚Spiel‘ (1), spelde (1); – ‚wider, wider-‘: wedder (12), weddersteyt (1), wedderstreuet (2), wedderpart (1), wed‐ derwertichheyt (1), weddergelt (1), wedderfaret (4), wedderuart (1), wedderuaret (1), wedderuor (1), wedderwerdicheit (5), wedderwille (1), weddergelden (1), wedder faren (1), wedderstan (1), wedderfare (1), wedderfaren (3), tho weddern (2), wedderpartes (1), wedderwille (1), weddersprake (1), wedderstreuen (1), wedderparte (1), weddersa‐ ten (2), wedderstaen (1), tho wedder (1), wedder part (1), wedder varen (1), tho wed‐ deren (2);409 – ‚wieder, wieder-‘: Wedderumme (7), Wedderuͤmme (2), wedder (50), wedder keren (1), wedderkumpst (1), wedderum (1);410 – ‚Witwe‘: Wedewen (3), wedewē (1), Wedewenn (3). Die ältere i-Schreibung tritt im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht auf. Schreibung von tl. ū, ǖ In offener Tonsilbe entwickelte sich das asächs. u zu mnd. tl. ū bzw. vor Umlautfak‐ tor zu tl. ǖ. Die variierende graphische Realisierung von diesem tl. Vokal teilte den niederdeutschen Sprachraum in zwei Realisierungsgebiete: im Nordniederdeutschen und Ostfälischen wird geschrieben, während das Westfälische insbesondere in der frühmittelniederdeutschen Periode bei der historisch älteren u-Schreibung bleibt. Diese Besonderheit der westfälischen Schreibsprache lässt sich ähnlich wie beim tl. ī durch den Umstand erklären, dass sich im Westfälischen aus dem asächs. Kurzvokal u ein Kürzendiphthong ue bzw. vor Umlautfaktor üe ergab. Ein weiterer Grund für die Beibehaltung der u-Schreibung im Westfälischen könnte der u-Gebrauch zur Darstel‐ lung der gedehnten Monophthonge im Hochdeutschen sein.411 5.2.2 407 Mit anschließender Kürzung des tl. Vokals vor -er. Vgl. dazu auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 408 Vgl. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing, Kap. 8.1.19 ‚Siegel‘. 409 Mit anschließender Kürzung des tl. Vokals vor -er. Vgl. dazu auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 410 Mit anschließender Kürzung des tl. Vokals vor -er. Vgl. dazu auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 411 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 31, S. 27f., Tümpel, Niederdeutsche Studi‐ en, S. 15-18; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 39, 140; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I, S. 68f.; Dahlberg, Die Mundart von Dorste I; ders., Zur Urkundensprache in Göttin‐ gen und Duderstadt, S. 58; Rooth, Waren die alten hohen Kurzvokale i, u, ü der offenen Silbe im Westfälischen jemals gesenkt?; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Ni‐ colaus Gryses, S. 23f.; Wortmann, Zur Geschichte der kurzen Vokale in offener Silbe; Peters, 5 Lautlehre und Orthographie 113 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sind u-Schreibungen für tl. ū und tl. ǖ. nicht vertreten, stattdessen sind a- und o-Schreibungen belegt: o-Schreibung für tl. ū: – ‚Sommer‘412: Sommer (2); a-Schreibung für tl. ū: – ‚Vogel‘: vaghel (1), vagel (4); – ‚-kommen‘: kamē Inf. (2), bekamen Inf. (1), bekamen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), geka‐ men Part. Prät. (19), kamen Part. Prät. (3), vpgekamen Part. Prät. (1), (tho) kamen Inf. (24), kamende flekt. Inf. (1), auerkamen Inf. (1), vmmekamen Inf. (1), kamet (her, in) 2. Pers. Pl. Imp. (7), Kame 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (3), wilkamenhete Part. Prät. (1), wil‐ kame Part. Prät. (1), wylkamen Part. Prät. (4), vorkamen Inf. (1), auerkamen Part. Prät. (1), kame 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), kamen 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), bekame 3. Pers. Sg. Konj. (1), tokamēder Part. Präs. (1), thokamender Part. Präs. (1), kamen 1. Pers. Pl. Präs. Ind. (3), bekamen Part. Prät. (2), kamest 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), entkamen Part. Prät. (1), affkamest 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vnfullenkamen Part. Prät. (1), willen ka‐ men Part. Prät. (1), Wylkame Part. Prät. (1), vorvorthokamen Inf. (1), vorkamen Inf. (1), kamen 3. Pers. Pl. Präs. Inf. (3), vorthokamen Inf. (1), kame 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (4), tho bekamen Inf. (1), hergekamē Part. Prät. (1), (tho) auerkamen Inf. (2), auerkamen Part. Prät.? 230v (1), yngekamen Part. Prät. (1); – ‚wohnen‘: wanet (6); o- bzw. oͤ-Schreibung für tl. ǖ: – ‚Sohn‘: sone (1), Soͤne (7); – ‚sollen‘413: schoͤlen Pl. Präs. Ind. (2), scholen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), schole 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (2), schoͤle 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (19), schoͤle 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), schoͤle 1. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), Schole 1. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), schoͤlenn 3. Pers. Pl. Präs. Konj. (1); – ‚Vögel‘: Voͤgele (5). Schreibung von tl. ō, ȫ Die Schreibung für tl. ō verbreitet sich ungefähr ab der Mitte des 15. Jhs. im nie‐ derdeutschen Sprachraum und setzt sich zunächst im Nordniederdeutschen in spät‐ 5.2.3 Mittelniederdeutsche Sprache, S. 86f.; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 66 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179-181, hier S. 180f.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 3f.; Beckmann, Zur Zerdehnung kur‐ zer Vokale in offener Silbe; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 133-135; Denkler, Sterbfallinventare, S. 192-194; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90-93; ASnA, Bd. I, Karte 14 ‚Sohn (Nom. Sg.): tl. ū‘. 412 Vgl. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 413 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Für weitere Belege s. Kap. 6.1.13 Das Präteritopräsens ‚sollen‘. Teil II A Textinterne Analyse 114 mittelalterlicher Zeit durch. Diese Entwicklung, die Spuren der Prägung lübischer Schreibsprache trägt, erreicht später das Ostfälische, jedoch nicht das Westfälische. Das Westfälische bleibt konsequent bei der älteren o-Schreibung. Die a-Schreibung ist deutlich früher, bereits im 13. und 14. Jahrhundert, im Wes‐ ten belegt. Sie verbreitet sich vom Geldrisch-Kleverländischen aus ins sogenannte Ostniederländische und tritt zudem im westlichen Westfälischen auf.414 Laut Goos‐ sens ist ein Zusammenhang zwischen beiden Entwicklungen wohl abzulehnen.415 Konstante o-Schreibung mit übergeschriebenem ist im ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ zweimal belegt und tritt im Text ausschließlich bei Derivaten von ‚Probst‘ auf. Zu vermerken ist, dass die beiden Formen im prosaischen Vorwort416 zum zweiten Buch erscheinen und auf den möglichen Einfluss der Textvorlage von Erasmus von Rotterdam zurückzuführen sind: konstante o-Schreibung für tl. ō: – ‚Probst-‘: Domproͤuen (1), Proͤwestyen (1). Im gesamten Untersuchungstext findet sich sonst keine Variation zwischen o- und a- Schreibung. Es kommen ausnahmslos a-Schreibungen für tl. ō vor: a-Schreibung für tl. ō: – ‚Bote‘: baden (5), bade (3); – ‚-gebot‘ (flekt.): gastebade ‚Gastmahl‘ (1); – ‚gebrochen, -brochen (Part. Prät.)‘: thobraken (2), ghebraken (3); – ‚Gott‘ (flekt.): Gades (19), Gadesfoͤrchte (1), Gade (8); – ‚Hof‘ (flekt.): Haue (83), Hauedenst (2), Hauewart (1), Haue Feste (1), Haueleͤuēde (1), Hauedener (1), Hauetucht (3), Hauedenste (1), Hauedenern (1), Hauedenstes (1); – ‚lob-‘: lauelyken (1); lauen Inf. (8), laue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), laue ‚Lob‘ (6), Lauede 3. Pers. Sg. Part. Prät. (3), (syck) lauet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (11), laue 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), laues ‚Lob‘ (1), vorlauet Part. Prät. (1), gelauet Part. Prät. (2), lauen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), Laue 2. Pers. Sg. Imp. (3), laue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚oben‘: darbauen (1), bauen (12), Dar bauen (1); – ‚-schloss- (Part. Prät.), Schloss‘: geslaten (3), Slate (1), beslaten (2). 414 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 31, S. 27f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 50f.; ders., Niederdeutsche Studien, S. 22-24; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 88ff.; Højberg Christensen, Studier over Lyæbks kancellisprog, S. 233-237; Rooth, Ein Fragment des Passionstraktats von Heinrich von St. Gallen, S. 491-493; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 220; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 52f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 65; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 81; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 66f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 181-184; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 3f.; Beckmann, Zur Zerdehnung kurzer Vokale in offener Silbe; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 125f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 136-140; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 381; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 91-93; ASnA, Bd. I, Karte 15 ‚Gott (Gen. Sg.): tl. ō‘ und Karte 16 ‚offenbar: tl. ō‘. 415 Goossens, Middelnederlandse vocaalsystemen, Kap. 4.2.7. 416 ‚Van der Hauetucht‘. 5 Lautlehre und Orthographie 115 Für das tl. ȫ ist die Schreibung im niederdeutschen Sprachareal deutlich seltener zu beobachten. Sie begegnet fast ausschließlich in der Präposition aver417 ‚über‘ so‐ wie abgeleiteten Lexemen mit der aver-Komponente.418 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist die a-Schreibung dagegen keine Seltenheit. Beson‐ ders häufig ist sie genauso wie im restlichen Sprachgebiet in der Präposition ‚über‘ vertreten sowie in den Ableitungen mit dem Präfix ‚über-‘. Sie ist ebenfalls in Lexe‐ men mit den Komponenten ‚ober-‘ und ‚oberst-‘ belegt. Deutlich seltener begegnet die oͤ-Schreibung in ‚über-‘ und bildet eine eindeutige Ausnahme. a-Schreibung für tl. ȫ: – ‚über, über-, -über‘: auersettet (1), auergeuen (3), auertredung (1), auer (68), auerfal‐ len (2), auerdadt (1), auerkamen (5), auerfallenn (1), auerylet (2), auerwunnen (3), auermodt (1), darauer (1), auerreden (1), auerredet (2), auerredede (2), auergelouen (1), auerwinnige (1), auerwint (1), auerwinnunge (1), auerall (1), auerlast (1), auer‐ treder (1), auerghat (1), auermals (2), auertheen (1), auerbleeff (1), auertuͤghen (1), auerpuchen (1), auerpuchet (2), auerfloͤdigen (1), auertreden (1), auer wynt (1), aue‐ ringe (1), auereyn (1); – ‚oberst-‘: Auersten (2), auerige (1); – ‚Obrigkeit, Herrschaft‘: Aueriheit (1), Auericheit (9), Auericheyt (1). oͤ-Schreibung für tl. ȫ: – ‚über, über-, -über‘: oͤuerdaedt (1); Variation zwischen o- und a-Schreibung zeigt sich in folgenden zwei Fällen, wobei sich beide Schreibvarianten im prosaischen Vorwort zum zweiten Buch finden: o-Schreibung für tl. ȫ: – ‚Hof-‘: hoͤueschen (1); a-Schreibung für tl. ȫ: – ‚Hof, Hof-‘: Haͤuen (Pl.) (4), haͤuescheit (1), Haͤue (Pl.) (3), Haͤueschen (1). Eine Sonderstellung im Mittelniederdeutschen nehmen zudem die Wörter ‚offen‘ und ‚offenbar‘ ein, bei denen in der Regel bereits in der frühen Phase die a-Schreibung überwiegt. ‚Reynke Vosz de olde‘ bestätigt diese Tendenz. a-Schreibung für tl. ō: – ‚offenbar‘: apenbar (Adj., Adv.) (18), apenbaer (1), apen (Adj.) (1), apenbare 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), geapenbart (1), apenbare (Adv.) (1), apenbaren Inf. (1), apenba‐ ren (Adj.) (1), apenen (Adj.) (1). 417 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 91, S. 67: „Hier handelt es sich aber um zwei wörter: aver, d. i. over < oƀar und over = ȫver < *uƀiri.“ 418 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 91; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 66f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 181-184, hier S. 183f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 381; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 91-93, hier S. 92; ASnA, Bd. I, Karte 17 ‚über (Präposition + Präverb): Umlaut von tl. ā‘. Teil II A Textinterne Analyse 116 Insgesamt lässt sich für den Untersuchungstext festhalten, dass sich abgesehen von wenigen Ausnahmen die nordniederdeutsche a-Graphie durchgesetzt hat. Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing Die Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing ist eine Erscheinung, die sich besonders häufig und konsequent im ostfälischen Sprachraum beobachten lässt. Aber auch hier hat sich diese Erscheinung erst seit dem 15. Jahrhundert in der Schreibspra‐ che vollständig durchsetzen können. Im nordniederdeutschen Sprachgebiet ist diese Entwicklung deutlich seltener anzutreffen, v. a. erfolgt die Kürzung vor -el und -er, aber nicht vor -en. In der westfälischen Region des mittelniederdeutschen Sprachare‐ als ist die Kürzung tl. Vokale in der Regel kaum zu beobachten. In der Schrift wird die Kürzung der Vokale durch Konsonantenverdopplung mar‐ kiert. Es handelt sich dabei vorwiegend um dem gekürzten Vokal folgende und un‐ mittelbar vor dem Suffix stehende Konsonanten d, t, m, n und p in unbetonter Posi‐ tion. Im ostfälischen Kerngebiet findet man jedoch bis ins 15. Jahrhundert hinein Va‐ riation zwischen Einfach- und Doppelkonsonanz. Das Fehlen der Konsonantendopp‐ lung zwischen Vokal und Suffix im westfälischen Sprachraum erklärt sich dadurch, dass in der dortigen gesprochenen Sprache an dieser Stelle Kürzendiphthonge bzw. das helle ā anzusetzen sind. Die Doppelkonsonanz müsste hier demnach als aus‐ schließlich schreibsprachliches, jedoch nicht sprechsprachliches Phänomen interpre‐ tiert werden.419 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kommen sowohl Schreibungen ohne Bezeichnung der Vokalkürzung, als auch zahlreiche Schreibungen mit Doppelkonsonanz vor. Bei vie‐ len Schreibungen handelt es sich um lexemgebundene Doppelschreibungen, bei an‐ deren wenigen eben um lexemgebundene Schreibungen mit konstanter einfacher Konsonanz, in anderen Fällen variiert die gekürzte und nicht gekürzte Schreibung. Die letztere Gruppe ist allerdings am seltensten vertreten. 5.2.4 419 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 69; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kan‐ cellisprog, S. 238-256; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 34-47, 72, 81-87; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 11; Cordes, Schriftwesen und Schriftsprache in Goslar, S. 34f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 27f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 67; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 88; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 67f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 45]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 184-187; Weber, Die mittelniederdeut‐ sche Schreibsprache Osnabrücks, S. 140f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 382; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 93f.; ASnA, Bd. I, Karte 18 ‚wieder: Kürzung tl. Vokale vor -er‘. 5 Lautlehre und Orthographie 117 Belege ohne Bezeichnung der Kürzung (konstant): – vor -el: – ‚betteln‘: bedelen (1); – ‚Siegel‘420: Segel (1); – vor -en: – ‚wissen‘: weten 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (8), weten Inf. (20), vorweten Part. Prät. (1), wetende flekt. Inf. (1), weten 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), mitweten Inf. (1), geweten Part. Prät. (1); – vor -ich / flekt. -ig-: – ‚Königin‘: Koͤniginnen (2), Koͤniginne (2); – vor -ink / flekt. -ing-: – ‚König‘: Koͤninge (29), Koͤninges (23), Koͤninck (104), Koͤnīck (1), Koͤninghe (1), Koͤningen (1), Koͤnynck (2), Koͤnynges (1), Koͤnynge (1); – ‚Königin‘: Koͤningynne (3), Koͤninginne (1), Koͤniginnen (2), Koͤnigynnen (2). Belege mit konstanter Bezeichnung der Kürzung: – vor -el: – ‚edel‘: eddeler (3), Eddel (26), Eddelen (10), Eddele (6), geeddelt (1), eddelicheit (1), eddelste (2), vneddelen (1), Vneddel (1), Eddelicheyt (1); – ‚Himmel‘421: Hemmel (5); – ‚Skapulier, Schultergewand‘: Schepeller (1); – vor -en: – ‚nieder‘422: nedden (2); – vor -er: – ‚Leder, ledern‘: leddern (1); – ‚nieder, nieder-‘423: werp ... nedder (1), neddern (1), dreeff ... nedder (2), nedder‐ wert (1), nedder gedreuen (1), ghinck … nedder (1), gheyt … vp vnd nedder (1), vorneddert (1); – ‚Sommer‘424: Sommer (2); – ‚wider, wider-‘425: wedder (12), weddersteyt (1), wedderstreuet (2), wedderpart (1), wedderwertichheyt (1), weddergelt (1), wedderfaret (4), wedderuart (1), wed‐ deruaret (1), wedderuor (1), wedderwerdicheit (5), wedderwille (1), weddergelden (1), wedder faren (1), wedderstan (1), wedderfare (1), wedderfaren (3), tho wed‐ dern (2), wedderpartes (1), wedderwille (1), weddersprake (1), wedderstreuen (1), wedderparte (1), weddersaten (2), wedderstaen (1), tho wedder (1), wedder part (1), wedder varen (1), tho wedderen (2); 420 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī, Kap. 8.1.19 ‚Siegel‘. 421 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. 422 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. 423 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. 424 Vgl. auch Kap. 5.2.2 Schreibung von tl. ū, ǖ. 425 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. Teil II A Textinterne Analyse 118 – ‚wieder, wieder-‘426: Wedderumme (7), Wedderuͤmme (2), wedder (50), wedder ke‐ ren (1), wedderkumpst (1), wedderum (1); – vor -ich / flekt. -ig-: – ‚Honig‘427: Honnich (11), Honnich schyuen (2), Honniges (6), Honnige (1), hon‐ nich marcket (1), Honnig (1), honnich market (1), honnichsemes (1); – ‚ledich, frei‘: leddich (2), erleddyget (1). Belege mit variierender Schreibung: – vor -er: – ‚besser, besser-‘ ohne Markierung der Kürzung: vorbetert (2), beters (1), beter (9), beterunge (1), beteren (4), beterdest (1); – ‚besser, besser-‘ mit Markierung der Kürzung: Better (1); – vor -ich / flekt. -ig-: – ‚König-‘ ohne Markierung der Kürzung: Koͤnicklyken (1); – ‚König‘ mit Markierung der Kürzung: Koͤnniges (1). Als üblichere Realisierung ist für den ‚Reynke Vosz de olde‘ die gekürzte Doppel‐ schreibung einzustufen. Die Kürzung tl. Vokale erscheint v. a. vor -el, -er und -ich, was für den nordniederdeutschen Raum charakteristisch ist. Die ungekürzten tonlan‐ gen Vokale sowie variierende Schreibungen kommen in ‚wissen‘, ‚König-‘ (sowie entsprechenden Ableitungen) und zum größten Teil in ‚besser, besser-‘ vor, das heißt, vorwiegend vor -en, -ich und -ink. Auch diese Formenverteilung bzw. Varianz mit deutlichem Schwerpunkt auf ungekürzten Formen ist typisch nordniederdeutsch. Langvokalismus Für die Analyse der langen Vokale in historischen Zusammenhängen sind prinzipiell zwei Aspekte von Belang.428 Einerseits ist für eine variableninguistische Untersu‐ chung die Bezeichnung der Länge von Bedeutung. Das Frühmittelniederdeutsche kennt die Längenmarkierung so gut wie nicht, ab dem 15. Jahrhundert dagegen wird 5.3 426 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. 427 Vgl. auch Kap. 8.1.9 ‚Honig‘. 428 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 49; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 20ff.; Behrens, Niederdeutsche Praeteritalbildung, S. 151; Lasch, Aus alten niederdeutschen Stadtbüchern, S. 156; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 90f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 29ff., 83, 89ff.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 67; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1767-1770; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f.; ders. Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 68 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 46]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 146-159; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 187; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1424, 1427f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 141f.; Temmen, Das ‚Ab‐ dinghofer Arzneibuch‘, S. 94f. 5 Lautlehre und Orthographie 119 die Länge immer häufiger gekennzeichnet. Als Längenmarker erscheinen im Mittel‐ niederdeutschen nachgeschriebene Vokale , , etc., aber auch Vokaldopp‐ lung sowie übergeschriebene Vokale, überwiegend e- und o-superscriptum. Im west‐ fälischen Sprachraum ist eine Varianz zwischen dem nachgeschriebenem und dem ripuarisch beeinflussten / festzustellen. Letztere Graphien finden sich ebenso im Kleverländischen. Das hochdeutsch beeinflusste Dehnungs-h erscheint erst in spätermittelniederdeutscher Zeit als Bezeichnung der Länge. Allgemein cha‐ rakteristisch sind die Unterschiede in der Längenmarkierung je nach Silbenart. Wäh‐ rend in der offenen Silbe die Längennotation im Normallfall unterbleibt, findet sie in geschlossener Silbe deutlich häufiger statt. Andererseits interessiert im Bereich der historischen Langvokale die Verschriftli‐ chung der Diphthongierung. Bereits in der mittelniederdeutschen Periode wurden in einigen Teilen des niederdeutschen Sprachgebietes stattgefundene Diphthongierungs‐ prozesse der geschlossenen bzw. der offenen ê- und ô-Vokalreihe schriftlich umge‐ setzt. In diesen Fällen ist davon auszugehen, dass bestimmte nach- oder überge‐ schriebene Vokale nicht als Quantitätsbezeichnungen, sondern als diphthongische Schreibvarianten zu interpretieren sind. Die Verschriftlichung der Diphthongierung unterbleibt allerdings im Normallfall. Beispielsweise ist es nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob es sich beim nachgeschriebenen oder noch um eine Längen‐ notation oder bereits um die Verschriftlichung der Diphthongierung handelt, m. a. W. ob man mit einer Quantitäts- oder einer Qualitätsmarkierung zu tun hat. Längenbezeichnung für mnd. â429 Die Länge von â kann im Mittelniederdeutschen genauso wie im Falle anderer Lang‐ vokale markiert oder nicht markiert sein. Erfolgt die Längenbezeichnung, so wird die Länge des altlangen â entweder durch nachgeschriebenes oder e-superscriptum notiert. Deutlich seltener sind in dieser Funktion die Schreibvarianten , und anzutreffen.430 5.3.1 429 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Längenbezeichnung des altlangen â eher um ein graphisches als ein phonologisch-graphematisches Phänomen handelt. Zwecks Vergleichbarkeit mit anderen Langvokalen wird dieses Phänomen im Bereich des Langvokalismus behandelt. Es greifen die Prin‐ zipien der Vergleichbarkeit und der Übersichtlichkeit, i. e. Kohärenz der Darstellung ein. 430 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 35, S. 30f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 22; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 90; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 68 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 46]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Litera‐ tursprache, S. 147-149, 150f., 155, 158; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34f.; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 188f.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 59; Niebaum, Phonetik und Phono‐ logie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1423f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 142f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 382f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 95-97; ASnA, Bd. I, Karte 19 ‚Rat (geschlos‐ sene Silbe): â‘. Teil II A Textinterne Analyse 120 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lassen sich Unterschiede zwischen der Bezeichnung der Länge in der geschlossenen Silbe und der Schreibung der Längenmarkierung in der offenen Silbe finden. In geschlossener Silbe kommen folgende Schreibvarianten vor:431 Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚-bar‘: fruchtbar (1), sichtbarlyke (1), fruchtbarlich (1), Erbarheit (1), apenbar (17), kuntbar (1), eerbarlike (1), erbar (2), kundtbar (3), achtbarkeit (1), geapenbart (1), Eerbarheyt (1), Eerbarlyke (1), duͤrbar (1), vndanckbarheyt (3); – ‚böse, schlecht‘: quadt (8); – ‚da, da(r)-‘432: Daryn (16), Darneuen (1), darynne (5), darhen (14), daruan433 (42), dardurch (9), Darmit (36), daruor434 (4), darum̃e (2), Daran (19), Darumme435 (54), darby (14), darūme (8), Dartho (52), darbauen (3), dar (224), darup436 (15), Daruth437 (12), darin438 (12), dar binnen (3), darsuͤluest (7), darna (20), daraff (4), daruͤmme (4), darmith (1), dar bynnen (4), aldar (2), dar nha (2), darunder439 (4), daruann (1), Dar dorch (2), darauer (3), Dar mede (6), Dar … vã (1), dar … jnne440 (6), Daruoͤr441 (6), darbeden (1), dardoͤrch (1), daryegen (2), daren (1), Darto (1), Dar … jnn (1); – ‚fahr-‘: varliken (1), varlick (5), eruarnen (1), varlich (1), varlicheyt (4), erfarne (1), Wollfardt (1), vart (1), varlicheit (6), hoghfart (1), varth (1), erfarnen (1), wedderuart (1), wolfart (2), varlyck (1), vardt (1), hofardich (1), houardt (1); – ‚gar‘: gar (42), ghar (2); – ‚gehen‘: gan (22), beghan (1), vorthogande (1), ghan (15), um̃e gan (1), gande (1), entgan (2), ghande (1), entghan (2), Rechtgant (6), Rechtgandes (3), Rechtgande (1), vorgant (1), anghan (1), gande (1); – ‚Jahr‘: jar (4), yar (7), iar (1); – ‚Kapellan‘: Capellan (1); – ‚klar‘: klarlich (1), klar (9), klarlick (1); – ‚Kumpan‘: Kumpan (1), – ‚mal, -mal‘: vormals (2), mal (9), namals (7), mall (3), Hyrnamals (1), auermals (2), mals (1); 431 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 432 Hier sind Formen in Kontakt- und Distanzstellung unabhängig von ihrer Getrennt- oder Zusam‐ menschreibung im Text aus Platzgründen zusammengezählt, d. h. darby, dar by und dar … by sind ausnahmsweise zusammengezählt. Die Schreibweise der Ersterwähnung im Untersuchungstext ist dabei beibehalten. 433 In der Distanzstellung als dar … van. 434 In der Distanzstellung als dar … vor. 435 In der Distanzstellung als dar … vmme. 436 In der Distanzstellung als dar … vp. 437 In der Distanzstellung als dar … vth. 438 In der Distanzstellung als dar … jn. 439 In der Distanzstellung als dar … vnder. 440 In der Kontaktstellung als darinne. 441 In der Distanzstellung als dar … voͤr. 5 Lautlehre und Orthographie 121 – ‚Rat, Rat-‘: Radt (37), radtslach (1), radtslagede (1), radtfragede (1), radtslege (3), Radtslage (1), Radtslegen (1), radtslagē (1); – ‚schlagen‘: entslan (1), slan (2), slande (1); – ‚schwer‘: swar (5); – ‚stehen (Inf. und Pl. Präs. Ind.)‘: stan (20), vorstan (13), thouorstan (1), bestan (4), thouorstande (1), vnderstan (2), anstan (1), entstan (1), vpstan (1), wedderstan (1), ys tho uorstande (1); – ‚Tat, -tat‘: myszdadt (1), auerdadt (1), woldadt (1), myssedadt (3), missedadt (2), dadt (4), – ‚wahr, wahr-, Wahr-‘: Warheyt (34), warheit (15), warhafftigē (1), warhafftige (2), war (11), warhafftich (3), warhafftiger (2), warafftich (1), en war (1), vorwar (6), vorwart (1), warnemen (3), warhafftiges (1), warnemest (1), warden (1), gewar (1), bewarende (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚fahr-‘: vaͤr (1); – ‚Haar‘: haͤr (1); – ‚Kumpan‘: kumpaͤn (1); – ‚Rat‘: raͤdt (3), raͤdtslege (1); – ‚stehen‘: staͤn (1); – ‚Tat, -tat‘: woldaͤdt (4), daͤdt (2), vndaͤdt (2), myszdaͤdt (1); – ‚wahr, wahr-‘: enwaͤr (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚-bar‘: apenbaer (1); – ‚böse, schlecht‘: quaet (5), quaedt (4), quaed (2); – ‚da, (dar)-‘: daer (3); – ‚Fahr-‘: vaerd (1), vaerdt (1); – ‚gehen‘: begaet (1), vorgaet (1), gaet 2. Pers. Pl. Imp. (1), ghaen (2), Ghat hen 2. Pers. Pl. Imp. (1), gaen (2), vmme gaet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), gaet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), auer ghaen (1); – ‚Haar‘: haer (6); – ‚Jahr‘: jaer (3); – ‚Rat‘: raet (8), Raed (3), raedt (6); – ‚schlagen‘: slaen (4); – ‚schwer‘: swaer (1); – ‚stehen‘: staen (1), staet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), vorstaet 2. Pers. Pl. Imp. (1), an‐ staet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), wedderstaen (1), vorstaen (1), affthostaen (1); – ‚Tat, -tat‘: myszdaet (1), daet (2), myssedaet (1), oͤuerdaedt (1); – ‚wahr, Wahr-‘: vorwaerd (1), waer (5), waerde (1); – ‚Wahn‘: waen (2). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Gemahl‘: gemahels (1), gemahel (1). Wie man den aufgeführten Belegen entnehmen kann, konkurriert die nicht markierte einfache a-Schreibung vor allem mit der doppelten ae-Form, wobei die Realisierun‐ Teil II A Textinterne Analyse 122 gen ohne Längenbezeichnung deutlich frequenter sind. Man sieht es vor allem daran, dass die nicht markierten Schreibungen allein in den ersten sieben Kapiteln des ers‐ ten Buches genauso häufig vorkommen wie ae-Schreibungen im gesamten Untersu‐ chungsabschnitt. Noch seltener sind im Text die a-Schreibungen mit übergeschriebe‐ nem , eine nur marginale Bedeutung weisen die insgesamt zwei wohl hoch‐ deutsch beeinflussten Formen mit auf. In offener Silbe wird die Länge dagegen so gut wie nie gekennzeichnet, was der überregionalen Tendenz zur Nichtmarkierung der Vokallänge in offener Silbe ent‐ spricht. Die Variation ist in diesem Fall äußerst gering. Zumeist erscheint die einfa‐ che a-Schreibung ohne Diakritika.442 Die Realisierung des mit e-superscriptum beschränkt sich auf einen Einzelbeleg. – Belege mit in offener Silbe: fabel, framen, na, affgemalet, nha, fruchtbaren, Erfaren‐ heit, erfarung, vnderdanen, vororsaket, Fabulen, Fabelen, Schape, Rade, orsaker, namals, rade, vnrade, gemaket, nauolgende, framicheit, vormanung, swaren, framer, schaden, na‐ deͤl, vorware, spare, framen, faren, nauolgenden, Krameren, Kramer, make, vaken, slape, saken, Papen, Adels, namen, daden, vaderlandes, sake, prale, schadet, hyrna, Bare, Ape, Apynne, Hase, Hane, erfaren, laten, water, nauolgen, nalet, vader, weheklaget, Gauenfre‐ ter, affmalet, gnade, vorklaget, gnaden, quade, laken, kater, vorware, naber, klage; – Beleg mit in offener Silbe: staͤte (1). Umlaut von â Zur Kennzeichnung443 des sogenannten langen mnd. ê1, das sich durch Umlautung aus dem vormnd. â entwickelt hat, werden im ‚Reynke Vosz de olde‘ nebeneinander die e-Graphie und die a-Graphie ohne weitere Längenbezeichnung gebraucht. Eine solche Variation zwischen den beiden Schreibungen ist zwar für das gesamte mittel‐ niederdeutsche Sprachareal festzustellen, wird allerdings eher für die frühe Phase des Mittelniederdeutschen im 13.-14. Jahrhundert angenommen.444 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ findet sich die ältere nicht umgelautete a-Schreibung in ausgewählten suffigier‐ 5.3.2 442 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 443 Aus praktischen Gründen kennzeichnet man im Mittelniederdeutschen die unterschiedlichen Lang‐ vokale ê und ô je nach ihrer lautgeschichtlichen Herkunft mit hochgestellten Zahlen: ê1, ê2, ê3, ê4, ô1, ô2. Vgl. Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland. Zu ent‐ sprechenden Entwicklungen und ihren Realisierungen im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3, Kap. 5.3.5 Mnd. ê4, Kap. 5.3.7 Mnd. ô1 und ö̂1 und Kap. 5.3.8 Mnd. ô2 und ö̂2. 444 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 36-37, S. 31f.; Lübben, Mittelniederdeut‐ sche Grammatik, § 26, S. 29; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwi‐ schen 1300 und 1500, S. 52f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 55; Sarauw, Niederdeut‐ sche Forschungen. I, S. 263-274; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 50f., 109-111; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 68f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studi‐ en, S. 46f.]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Li‐ teratursprache, S. 159f.; dies., Druckt tho Rozstock, S. 35f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, 5 Lautlehre und Orthographie 123 ten Ableitungen auf -ich / -ig- und -lik / -lich und scheint lexemgebunden zu sein. Sie begegnet außerdem einmal in der Superlativform de alder swareste 188r. Nicht weni‐ ger überraschend erscheint die unumgelautete Pluralform Krameren 4r. Die jüngere e- Graphie kommt genauso häufig vor und ist ebenfalls lexemgebunden. Aufgrund einer vergleichsweise geringen Belegdichte lässt sich jedoch kaum sagen, welche Schrei‐ bung die gebräuchlichere ist. Es lassen sich auch keine signifikanten Unterschiede zwischen dem Verstext, den Kapitelglossen und den Marginalien finden. Umlaut â > ê1: – Belege mit konstanter e-Schreibung: bequeme (5), bequemlich (1), bequemen (1), be‐ quemer (1); Reden (Dat. Pl. ‚Räten‘) (5), Rede (Pl. ‚Räte‘) (17), vorrederye (2), vorre‐ der (1); Schepes (1); miszdeders (1), miszdeder (1); – Belege mit konstanter e-Schreibung: bequeem (1); – Belege mit konstanter a-Schreibung: Krameren (1), Kramer (5); – Belege mit variierender Schreibung: beswert (2), beswerung (1), besweren (3), de al‐ der swareste (1). Umlaut von â vor dem Suffix -ich / -ig-: – Belege mit konstanter e-Schreibung: gnedich (2), vngnedich (1), gnedyge (3), gnedige (8), vngnedigen (1), gnedig (fem., Akk. Sg.) 170v (1); schriftmetige (1), rechtmetigen (1), vnmetige (1), Meticheyt (1); – Belege mit variierender Schreibung: godseligem (1), geluckseligem (1), vngeluͤckseli‐ gen (1), geluͤckseligen (2), geluͤckseligem (1); salich (2), salicheit (1). Umlaut von â vor dem Suffix -lik / -lich: – Belege mit konstanter e-Schreibung: beswerlike (1), swerlick (9), beswerlick (1); – Belege mit konstanter a-Schreibung: varliken (1), varlick (4), varlich (1), varlicheyt (3), varlicheit (7), varlyck (1); klarlich (1), klarlick (1). Umlaut von â vor dem Suffix -inge: – Einzelbeleg mit a-Schreibung: vorklaringe (2). Mnd. ê2 und ê3 Das halboffene monophthongische mnd. ê2 stellt die Fortsetzung des aus dem west‐ germ. Diphthong ai entstandenen ę̄ dar. Im Hinblick auf den Öffnungsgrad des mnd. ê2 lässt sich annehmen, dass dieser Langmonophthong zwischen dem offenen langen mnd. ê1, also dem Umlaut des vormnd. â wie beispielsweise in gnedig, und dem rela‐ tiv geschlossenen mnd. ê4, also dem vormnd. ê (germ. ê2) und eo (germ. eu) wie bei‐ 5.3.3 S. 189-192; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 59; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 143-146; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 383; Denkler, Sterbfallin‐ ventare, S. 181f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 97ff.; ASnA, Bd. I, Karte 20 ‚jähr‐ lich: â vor Umlautfaktor‘ und Karte 21 ‚nächste: â vor Umlautfaktor‘. Teil II A Textinterne Analyse 124 spielsweise in beers ‚Biers‘ (Gen. Sg.), liegt. Das nicht umgelautete mnd. ê2 hat sich allerdings in vielen Bereichen des mittelniederdeutschen Sprachareals weiter in zwei Laute gespalten: einerseits in ê2a, das sich lautlich dem offenen mnd. ê1 angeschlos‐ sen hat, und andererseits ê2b, das mit geschlossenem mnd. ê4 gleichlautet. Diese Spal‐ tung bleibt im Südwestfälischen, im Münsterländischen und im südlichen Westmüns‐ terländischen im Gegensatz zum restlichen niederdeutschen Gebiet aus. Wenn ein Umlautfaktor in der Folgesilbe erscheint, wird mnd. ê2 außerdem zu ei diphthongiert. Der aus dem mnd. ê2 entstandene Diphthong wird im Mittelnieder‐ deutschen als ê3 bezeichnet.445 Hierbei handelt es sich wohl um eine sehr frühe lautli‐ che Entwicklung, denn ê3 ist nicht nur im ganzen niederdeutschen Gebiet, sondern auch im Niederländischen diphthongiert. Möglicherweise ist germ. ai vor i- und j- Umlaut nie ganz monophthongiert worden. Die fehlende Umlautung als Kennzeichen des Südwestfälischen und Westmünsterländischen, aber auch als typisches sprachli‐ ches Merkmal in den östlichen Niederlanden ist höchst wahrscheinlich auf den frän‐ kischen Einfluss zurückzuführen.446 Hinsichtlich ihrer Aussprache lassen sich stark variierende ê2 und ê3 in der schrift‐ lichen Realisierung zuweilen nur schwer voneinander unterscheiden.447 Man geht jedoch davon aus, dass mnd. ê2 geschlossen und mnd. ê3 offen war. Fedders weist darauf hin, dass sich „eine Unterscheidung nach konstanter bzw. variierender Schreibung“ als praktikabel erwies und dass Formen mit ê3 etwas häufiger mit konstanter ei- / ey- Schreibung als Wörter mit ê2 vorkommen. Roolfs betont zudem, dass im Westfälischen auftretendes nachgestelltes oder als Längenbezeichnung gedeutet werden kann, weil in diesem Sprachareal mnd. ê2 nicht diphthongiert wird.448 445 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 32-33, S. 28ff., § 36, S. 31, § 38, S. 32f.; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 57-59; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 24, S. 25-28; Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 31-37; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 116, 118-128; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I, S. 154-181; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1767-1770; Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland; Scharnhorst, Un‐ tersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 51-74; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66f.; Niebaum, Westniederdeutsch, S. 461f. und Karte 2; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f. und Karte 5 im Kartenanhang; ders., Katalog sprach‐ licher Merkmale I, S. 69 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 47]; Prowatke, Zur Ausbil‐ dung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 147-151, 155-159; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 192-197; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Be‐ ginn des Sprachenwechsels, S. 60f.; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1427f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Sprache Osnabrücks, S. 146-152; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 383-385; Denkler, Sterbfallinventare, S. 183-185; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 97-99; ASnA, Bd. I, Karte 22 ‚eigen (Ad‐ jektiv + Substantiv): ê2‘ und Karte 23 ‚Teil (geschlossene Silbe): ê2‘. 446 Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland, S. 16; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 383. 447 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 123, S. 81f., hier S. 82: „Die entscheidung kann nur aus beobachtung neuerer sprachentwicklungen gefunden werden, nicht vom mnd. aus, wo die orthogra‐ phischen tendenzen der diphthonggebiete sich mit solchen der ê-gebiete kreuzten. Es ist zu beachten, dass gerade nordalbing.-Lübeckisch monophthong zeigt, andrerseits wurde auch ei für ê geschrieben.“ 448 Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 383. 5 Lautlehre und Orthographie 125 Im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ fällt auf den ersten Blick eine starke Variati‐ on in der schriftlichen Realisierung des mnd. ê2 wie des mnd. ê3 auf. Bei der Behand‐ lung der Variablen ê2 konnten folgende Schreibvarianten ermittelt werden: , , , und . Ferner erscheinen weniger häufige Schreibungen und , von denen die erste eine Hiattilgung449 vermuten lässt, wie beispielsweise in vehetucht und weheklaget, und die zweite als hochdeutsch beeinflusster Hyperkor‐ rektismus bewertet werden kann, beispielsweise in twyerley. Die Form nadehelich könnte ebenfalls als hyperkorrekte Bildung eingestuft werden. In geschlossener Silbe scheint eine digraphische Schreibung zu dominieren; vor‐ del versus deel, deels, vordeel. Eine größere Rolle spielen hier dennoch die Schrei‐ bungen und im Vergleich zur verdoppelnden ee-Realisierung und mit esuperscriptum. Allerdings kann man keinen großen quantitativen Unterschied zwi‐ schen den Längenmarkern und erkennen, die i-Schreibungen führen mit einem geringen Vorsprung. Die meisten Lexeme mit mnd. ê2 kommen in beiden Schreibvarianten vor: gemeynlick neben gemeinlick, heymliken neben Morszheim. Mehr oder minder lexemgebunden scheinen folgende Schreibungen mit zu sein: Morszheim und vleisch. Mnd. ê2: Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚hässlich‘: letlyker (3), letlyken (2), letlyke (1); – ‚Heim, heim-‘: hemlike450 (1); – ‚meinen‘: Mende (7); – ‚Oheim‘: Ohem451 (33); – ‚Teil, -teil‘: vordel (3), vngeordelt (1), ordel (3), voruoͤrdeln (1), oͤrdel (3), vordels (3), geordelt (1), vorfordelt (1); – ‚zwei‘: twen (5). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚meinen‘: meͤnde (12), meͤnth 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), meͤnt 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), meͤnden (2), gemeͤnschop (1); – ‚Teil, -teil‘: nadeͤl (1), vordeͤl (2), yegendeͤl (1), erffdeͤl (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Eid‘: Eedt (2); – ‚leidlich‘: leetlyke (1), leetlyken (1), leetlyker (1); – ‚meinen‘: Meende (3); – ‚nein‘: Neen (9); 449 Vgl. Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 450 Bei diesem Beleg handelt es sich um ein Beispiel mit Worttrennung am Zeilenende: hem-like. Der Platzmangel könnte in diesem Fall mitunter der Grund für die Nichtmarkierung der Vokallänge sein. 451 Zumeist allerdings in der Form oem. In dieser Schreibung kann das als Längenmarkierung be‐ wertet werden. Teil II A Textinterne Analyse 126 – ‚Stein, Stein-‘: Steenklippen (1), Steen (1); – ‚Teil, -teil‘: deel (12), deels (1), vordeel (3), nadeel (2), voͤrdeel (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚alleine‘: alleyn (2); – ‚bereit‘: bereydt (1), bereyt (1), bereyd (1), vnbereydt (1); – ‚Eid‘: Eydt (2), Eyd (1), eyt (1); – ‚Fleisch‘: vleysch (1); – ‚Heim, -heim-‘: heymliken (1), Morscheym (1); – ‚Kleid‘: kleyt (2); – ‚leid, Leid‘: leydt (3); – ‚leisten‘: leysten (1); – ‚meinen, -mein-‘: gemeynlick (1), Gemeyn (1); – ‚meist‘: meyste (3), meyst (2), meysten (3); – ‚Stein‘: steyns (1), steyn (2). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚bereit‘: bereit (3); – ‚Bescheid‘: bescheit (1); – ‚Fleisch‘: vleisch (3), fleisch (1); – ‚Heim, heim-‘: heimlyke (1), Morszheim (3), heimlicheit (4), heimlike (1), heimlikes (1), heimliker (1), heimliken (1), heimlick (2); – ‚meinen, -mein-‘: gemeinlick (14), meinheit (1), meindest (1), gemeint (2), gemein (1), gemeinschop (1), meinst (1); – ‚meist‘: meiste (1), meisten (3); – ‚Stein‘: stein (5); – ‚Teil, -teil‘: deil (2). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Eid‘: Ehedt 36v (1); – ‚Teil, -teil‘: nadehel 38v (1). In offener Silbe sieht die Verteilung signifikant anders aus. Am häufigsten kommt hier die einfache e-Schreibung vor: Belege mit in offener Silbe: – ‚alleine‘: allene (40), allenen (1); – ‚breit‘ (flekt.): breden (1); – ‚Eichhörnchen‘: Ekerken (1); – ‚Eid‘: Eden (1); – ‚eigen, eigen-‘: egenschop (2), egenschoppen (1), egenen (2), egentlick (4), Egen nutt (3), egennuͤttich (3), egen (22), eghen (2), Egennuth (1), Egen loff (2), egen nutte (5), egennuͤttygem (1), Egen nuͤtte (5), egentlich (1), egen nuttes (2), egene (1); 5 Lautlehre und Orthographie 127 – ‚ewig‘452: ewyger (1), ewych (1), ewygbestendigen (1), ewichlick (1), ewiges (1), ewy‐ ge (2), ewich (1); – ‚heischen, begehren‘: esschet (5), esschede (2), esschen (1), esschende (1); – ‚Kleid, -kleid-‘: klede (1), kleder (2), vorkleden (1), kledynge (2); – ‚leid, -leid-‘: geleden (1), lede (1), beledige (1), beledyget (1); – ‚-mein-‘: wolmenunge (1), menen (3), mene 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), menest (1), ge‐ menet (1), menet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚-scheid-‘: scheden (2), vnderschedt (1), beschede (1), entschedede (1), bescheden‐ heyt (1); – ‚-teil-‘: vorfoͤrdelen (1), voruoerdelet (1), vordele (4), ordelen (1), ordele (4), vororde‐ len (1), vorfordelen (1), vorfordele (1); – ‚wenig‘453: weniger (1), wenich (1); – ‚Zeichen‘: teken (2), Tekene (1); – ‚zwei, zwie-‘: twedracht (8), twe (40), Twetuͤngige (2). Deutlich seltener ist die doppelte ee-Schreibung, die außerdem lexemgebunden zu sein scheint. Die schriftliche Realisierung mit taucht in Lexemen mit Kompo‐ nenten ‚Ehe-‘ und ‚wehe-‘ auf, in denen ferner zweisilbige statt einsilbige Strukturen vermutet werden können. Sollte es sich um zweisilbige Komponenten handeln, müss‐ te man diese als Hiatpositionen454 ohne hiattilgende Konsonanten betrachten. Eine eindeutige Entscheidung kann in diesen Fällen allerdings nicht getroffen werden: Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehe, ehe-‘455: Eebrekerye (5), Eelick (1), Eeluͤde (1), Eebroͤck (1), Eebrekery (1); – ‚Eid‘: Eeden (1), Eedes (1), Eede (4); – ‚weh, weh-‘: wee (13), weemodt (1). Digraphische Schreibungen und sind häufiger auch in offener Silbe vertre‐ ten. Sie sind ungefähr gleichmäßig verteilt, ohne dass sich distinktive Unterschiede zwischen den beiden Schreibvarianten ausmachen lassen. Es fällt außerdem auf, dass die Mehrheit der hier aufgeführten Belege auch in der geschlossenen Silbe digra‐ phisch mit oder realisiert wird (s. o.): Belege mit in offener Silbe: – ‚bereit‘: bereyden (1), bereyde (1); – ‚Eiche‘: Eyke (1), Eyken (1); 452 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 308; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 264. Vgl. auch Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 116. 453 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 1556; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 983. 454 Vgl. Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 455 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 261f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 228. Teil II A Textinterne Analyse 128 – ‚eigen‘: eygen456 (3); – ‚leid, leid-‘: Leyder (1), tho leyde (1), leyde ‚Leid‘ (1); – ‚-mein-‘: gemeyne (3), wolmeynunge (1), gemeynen (4), ghemeyne (1), Meyne 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1); – ‚-scheid-‘: bescheydiget (1), entscheyden (1), bescheydenheyt (1), scheyden (6), schey‐ dede (2); – ‚Stein‘: gesteyne (1); – ‚teilen‘: deylen Inf. (1); – ‚wenig‘: weyniger (1), weynich (14), weynige (1); – ‚Zeichen‘: teycken (1), teyken (1); – ‚zwei‘: twey (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚alleine‘: alleine (4);457 – ‚bereit-‘: bereiden (2); – ‚breit-‘: vthbreidet (1), vthbreidē (1); – ‚eigen‘: eigen (1); – ‚Fleisch‘: fleisches (1); – ‚-mein-‘: meine 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), gemeinen (10), Gemeine (12), meinet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), meinūge (1), gemeinem (1), meinunge (1), meine 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), gemeinet Part. Prät. (1), gemeinenn (1), meininge (1); – ‚-scheid-‘: Scheidet 3. Pers. Präs. Ind. (1), entscheiden Inf. (3), scheiden Inf. (2), vnbe‐ scheiden (1), bescheiden (1); – ‚Stein‘: steine (1), steineken (1), steinen (1); – ‚-teil-‘: mitdeilen (2); – ‚wenig‘: weinich (13), weiniger (2), weinigeste (1), weinigen (1); – ‚Zeichen‘: teicken (3). Deutlich seltener erscheint im Text die Schreibvariante mit dem übergeschriebenen und stellt eher eine Ausnahmeerscheinung dar: Belege mit in offener Silbe: – ‚-mein-‘: gemeͤne (1), meͤnen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2). Von besonderem Interesse sind die Formen mit den Komponenten ‚weh, wehe-‘ und ‚Teil-‘, die durch die ehe-Schreibung auffallen. Es stellt sich erneut die Frage, ob die‐ se Formen noch als Längenmarkierung bewertet werden können oder ob sie bereits als Formen mit hiattilgendem458 aufgefasst werden sollten. Auch hier kann keine endgültige Entscheidung getroffen werden: 456 Die digraphische Schreibung stellt eher eine Ausnahme für diese Wortform dar. Das Lexem ‚eigen‘ sowie seine Derivate und Komposita mit der Komponente ‚eigen-‘ kommen am häufigsten mit einem einfachen vor (s. o.). 457 Die digraphische Schreibung in ‚alleine‘ ist zwar kein Einzelbeleg, stellt jedoch eher eine Sel‐ tenheitsvariante dar. Dieses Lexem erscheint am häufigsten mit einem einfachen vor (s. o.). 458 Zur Hiattilgung im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 5 Lautlehre und Orthographie 129 Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehe, ehe-‘: eheliken (1), Ehelykenn (1); – ‚-teil-‘: nadehelich (1); – ‚weh, wehe-‘: vehetucht (1), weheklaget (1), wehe (5). Nicht minder bemerkenswert sind die Realisierungen des Zahladverbs twyerley und twye, denn das zugrundeliegende Zahlwort ‚zwei‘ kommt im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich in der ursprünglichen Neutrum-Schreibung twe (s. o.) vor. Die daraus potentiell erschließbare Schreibform tweerley mit oder ohne Dehnungs-y oder -i, die im Norden des mittelniederdeutschen Sprachareals durchaus vorkommt, lässt sich im Text nicht finden. Bei twyerley handelt es sich dagegen um eine regional übergreifen‐ de Schreibvariante, die auf die Genitivform des Zahlworts ‚zwei‘ (Gen. twîger) zu‐ rückzuführen ist, die ihrerseits als Analogie zum Genitiv des Zahlworts ‚drei‘ ent‐ standen ist (Gen. drîger). Das hiattilgende wurde durch ersetzt.459 Bei twye handelt es sich einerseits um eine reimgebundene Form „Ja / nicht eyns / men twye effte drye / He floͤkede my dartho de Poppelsye“ 227r, andererseits um eine ältere Schreibvariante, die zudem auch in der Lübecker Vorlage so vorkommt: „Ja. nicht eyns. men twye efte drye He vlokede my dar to de poppelsye“460. Belege mit in offener Silbe: – ‚zwei‘: twyerley (4), twye (1). Als Untergruppe zu mnd. ê2 kann ferner ê2 vor r betrachtet werden.461 In der ge‐ schlossenen Silbe kommen folgende Schreibweisen vor: , , , und . Die drei letzteren Varianten, insbesondere jedoch die he- und ehe-Schreibun‐ gen, stellen Seltenheitsvarianten dar, die verstärkt im Glossenteil sowie in Randglos‐ senbeiträgen erscheinen und auf den möglichen hochdeutschen Einfluss zurückzu‐ führen sind. Zudem lässt sich festhalten, dass die eh- und he-Schreibungen lexem‐ gebunden sind und ausschließlich im Auktativ ‚mehr‘ und dem Adverb ‚nimmer‐ mehr‘ zu finden sind, jedoch nicht in Wörtern mit ‚erst-‘, ‚Ehr-‘ oder ‚-kehr-‘-Kom‐ ponenten. Symptomatisch sind außerdem das Fehlen der digraphischen Realisierun‐ gen und vor r und auch das sonst eher für ê4 zu erwartende Verhalten, i. e. Variantenverteilung: 459 Zu deklinierbaren Kardinalzahlen im Mittelniederdeutschen vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 396. Zu anderen Zahlarten vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 400. 460 ‚Reynke de vos‘, Bl. 211r. 461 Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 192-197, hier insbes. S. 193f. Vgl. dazu auch Lasch, Mit‐ telniederdeutsche Grammatik, § 110; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 69 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 47]. Teil II A Textinterne Analyse 130 Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘462: Erbarheit (1), erbar (2), Erbarheyt (1); – ‚erst-‘463: Erste (58), ersten (34), Vorerst (12), erst (5); – ‚Herr‘: her (23); – ‚kehren, -kehr-‘464: vorkerde (1), vorkert (8), vorkerden (1), gekert (1), vmmegekert (1); – ‚Lehre, lehr-‘465: gelert (3), vngelerden (1), gelerden (1), gelerder (1), vngelert (1); – ‚mehr‘466: mer (17). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: eer (3), eerlick (5), eerlyken (1), Eerbalike (1), vneerlick (2), eerlosen (1), eerbedungen (1), vneerlyck (1), Eerleuende (1), Eerbarheyt (1), Eerlyke (1), Eerbarly‐ ke (1); – ‚kehren, -kehr-‘: vorkeert (1); – ‚mehr‘: meer (1); – ‚sehr‘467: seer (56). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚mehr‘: mehr (42), nuͤmmer mehr (1), nuͤmmermehr (1); Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚mehr‘: mher (4); Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: ehergyricheit (1). Ähnlich sieht es in der offenen Silbe aus. Die einfache e-Schreibung dominiert ein‐ deutig, die digraphischen Schreibungen und sind nicht vertreten. Die Sel‐ tenheitsvariante ist die Realisierung mit dem Dehnungs-h. Als bemerkenswert er‐ weist sich die ziemlich frequente Schreibvariante , die in einem Konkurrenz‐ verhältnis zu doppelten ee-Schreibung steht, wobei beide Schreibungen lexem‐ gebunden sind: Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: erentfast (1), gheeret (2); – ‚Herr, -herr‘: Here (56), HEREN (78), Jaherenn (1), Kerckhere (1); 462 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 262f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 228. 463 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 296f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 256f. 464 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 645f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 482. 465 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 782; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 566. 466 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 855f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 610. 467 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 1270f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 837f. 5 Lautlehre und Orthographie 131 – ‚kehren, -kehr-‘: henkeret (1), keren (1), vorkeren (3), bekeret (1), kere (2), wedder ke‐ ren (1), vorkeret (1), keret (1), vorkerer (2), kereden (1); – ‚Lehre, lehr-‘: geleret (1); – ‚mehr, -mehr-‘: vormereden (1), mereth (1), mere (3), vormerungen (1), meret (1), vor‐ meren (7); – ‚sehr‘: sere (48). Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: eere (37), geeeret (1), eeren (21), vneeret (1); – ‚sehr‘: seere (2). Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: enteheret (1), ehere (1), eheret (1), vneheren (1). Mnd. ê3: Mnd. ê3 wird meistens mit digraphischer Schreibung oder wiedergegeben, sowohl in der geschlossenen als auch in der offenen Silbe, wobei die Formen mit leicht vorherrschen. Daneben kommen einzelne Wörter mit einfacher e-Schrei‐ bung vor. Der Unterschied zu mnd. ê2 ist augenfällig: Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚klein-‘468: klenode (2), klenodē (1), klenoͤde (2). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Arbeit, -arbeit‘469: arbeyt (4), dwanckarbeyt (1), arbeydt (1); – ‚geil‘470: geyl (1); – ‚klein‘: kleyn (5); – ‚leiten, -leit-‘: geleydt (1); – ‚rein‘: reyn (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Arbeit‘: arbeit (4); – ‚klein‘: klein (4). Belege mit in offener Silbe: – ‚klein, -klein-‘: vorklenung (1), klene (3). 468 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 666f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 495. 469 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 55f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 57. 470 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 414; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 339f. Teil II A Textinterne Analyse 132 Belege mit in offener Silbe: – ‚Arbeit, arbeit-‘: arbeyde (1), arbeydende (1); – ‚beide‘471: beyden (17), beyde (29), beyder (6), allebeyde (1); – ‚Heide‘472: heyden (1), Heyde (1), heyde (2); – ‚klein‘: Kleyne (4), kleynen (2); – ‚-leit-‘: vorleydung (1), geleyde (7), vorleyden (2), leyden (1); – ‚rein‘: reyne (3); – ‚warten‘: beyde 1. Pers. Sg. Ind. Präs. (1), beydenn (1), beyden Inf. (2), beydeden (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚Arbeit, arbeit-‘: arbeide (1), arbeiden (1); – ‚beide‘: Beide (2), beiden (2); – ‚Heiden-‘: Heidenscher (1); – ‚klein‘: kleinen (2), kleine (7), kleiner (2); – ‚-leit-‘: vorleidet Part. Prät. (2), Vorleider (1); – ‚rein‘: reine (1); – ‚warten‘: vorbeiden (1), beiden (1), vorbeidede (1). Diphthong ei Diphthong ei kann im Mittelniederdeutschen in diversen Positionen erscheinen und lässt sich etymologisch unterschiedlich erklären. In erster Linie handelt es sich beim mittelniederdeutschen Diphthong ei um eine unveränderte Übernahme des asächs. ei. Dieser kann sowohl im An-, als auch im In- und Auslaut begegnen. Ferner ist in die‐ ser Untergruppe mnd. ei in lateinischen Entlehnungen zu behandeln.473 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ findet sich in diesen Fällen üblicherweise die ey-Schreibung, in selte‐ neren Fällen ist die Schreibung belegt. Insgesamt ist die Schreibung recht kon‐ stant. Belege mit : – ‚Ei‘474: Eyer (3); – ‚Krähe‘475: Kreye (9), Kreynne (1), Kreyen (10); – ‚-lei‘: allerley (3), watterley (1), mennigerley (3), dryerley (4), twyerley (4), allerleye (1), mennigerleye (2), nenerleye (1), nigerley (1), Watterley (1); 5.3.4 471 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 114; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 104. 472 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 522; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 400f. 473 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44, S. 36f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 124; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gry‐ ses, S. 96f.; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Li‐ teratursprache, S. 146, 148-151, 161-162; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 385f., hier S. 386. 474 Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 475 Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 5 Lautlehre und Orthographie 133 – ‚Mai‘476: meygen (1); – ‚Meister, meister-‘: meysterynne (1), meyster (2), meysterlick (2), meysterlyke (1); – ‚Meyer, Meyer-‘477: Meyer (1), meyersche (1), Meye (1); – ‚Schrei‘: voͤgelgeschrey (1); Belege mit : – ‚Meister, meister-‘: meisterinne (1), Meister (4), gemeistert (1), meisterlick (4), meis‐ terlyke (1), meisteren (1), meisterstuͤcke (1), scholemeister (1). Außerdem begegnet der mittelniederdeutsche Diphthong ei vor Dentalen: ei < egi.478 Belege mit : – ‚schlägt‘: sleyth (1), affsleyt (1);479 Belege mit : – ‚schlägt‘: sleit (1), sleit ... aff (1), sleit ... dartho (1).480 Schließlich erscheint der Diphthong ei auch in Namen: – Belege mit : Reynke (124), Reyneken (7), Reyneke (10), Reynart (1), Reynardyn (2), Reynken (58), Reyneke (1), Reynnken (1), Reynkens (6), reynkē (2), Reynekens (2), Reyncke (1); – Belege mit : Reinke (46), Reineke (3), Reinken (25), Reincken (3), Reinkē (3), Rein‐ kens (5), Reinekens (1), Reinkenn (1). Für ‚Reynke Vosz de olde‘ lässt sich insgesamt eine diphthongische Realisierung des mnd. ei festhalten. Es liegt eine marginale graphische Variation zwischen ey- und ei- Schreibung vor, wobei die ei-Schreibung insgesamt seltener vertreten ist. Mnd. ê4 Mittelniederdeutsches geschlossenes ê4 ist ein aus dem westgerm. eo < germ. Diph‐ thong eu, vgl. asächs. iu, io, eu, und altem westgerm. ē481 entstandener Monoph‐ thong.482 Fast überall im mittelniederdeutschen Sprachareal wird dieser Laut als realisiert. Im Süd- und Ostwestfälischen, Ostfälischen und Münsterländischen wird 5.3.5 476 Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 477 Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 478 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 126. 479 Lasch macht allerdings darauf aufmerksam, dass „[g]elegentlich ... formen sleit seit als zweisilbig zu fassen sein [werden], wie dôit dôen, angleichungen an die übrigen verben“. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 119, S. 80f. 480 Vgl. Fn. 479. 481 Insbesondere in Wörtern, die aus dem Romanischen entlehnt worden sind. Vgl. Denkler, Sterb‐ fallinventare, S. 185f., hier S. 185. 482 Das Hochdeutsche zeigt hier langes î. Vgl. Denkler, Sterbfallinventare, S. 185f., hier S. 185. Teil II A Textinterne Analyse 134 das mnd. ê4 später zu ai diphthongiert.483 Ferner erscheinen in weiten Teilen des mit‐ telniederdeutschen Sprachraums, so im Südmärkischen, Ostelbischen und Elbostfäli‐ schen neben dem teilweise auch Schreibungen mit und , wobei das Süd‐ märkische diese abweichenden Graphien durchgehend verwendet und auf einen Di‐ phthong īe schließen lässt. Währenddessen schreibt das Ostelbische neben bzw. , wobei die Letzteren eher im 14. Jahrhundert häufiger anzutreffen sind. Im Elbostfälischen erscheint zum einen die ie-Realisierung für vormnd. eo und ist als monophthongisches î zu interpretieren, zum anderen wird – sowie unter mittel‐ deutschem Einfluss – für vormnd. ê verwendet.484 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt folgende Schreibungen zur Realisierung des mnd. ê4: , und , wobei die Schreibung eine Seltenheitsvariante darstellt. Trotz der Tatsache, dass im Ostelbischen durchaus Variation zwischen i- und e-Reali‐ sierungen möglich wäre, kommt im ‚Reynke Vosz de olde‘ die y- oder i-Schreibung nicht vor, sodass Variation ausschließlich zwischen den einzelnen e-Realisierungen vorliegt. In der geschlossenen Silbe findet sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ hauptsächlich für mnd. ê4, deutlich seltener taucht die einfache e-Schreibung auf. Bemerkens‐ wert ist dabei, dass beide Formen parallel zueinander sowohl in Reimposition, als auch im Prosateil erscheinen. Für ê4 in ‚lieb, lieb-‘ ist außerdem eͤ-Schreibung belegt. Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Brief‘: Breff (2); – ‚Dieb‘: deff (2); 483 Vgl. Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 69f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 47f.]; Niebaum, Geschichte und Gliederung der sprachlichen Systeme in Westfalen, S. 29 und Karte 2; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 198f., hier S. 198; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 386-388, hier S. 386; Denkler, Sterbfallinventare, S. 185f., hier S. 186; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 99-101, hier S. 99. 484 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 36, S. 31, § 39, S. 33; Tümpel, Die Mund‐ arten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 59, 64f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 24, S. 25-28; Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 24-31; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 110-117; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 181-196; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 2f.; Rooth, Saxonica, S. 50-107, 192-231; Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland; Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 74-76, 84-86; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1768-1770; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66f.; Niebaum, Westniederdeutsch, S. 462 und Karte 2; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f.; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 69f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 47f.]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 147-151, 155-159; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 198-199; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 60f.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1427f.; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1478; Weber, Die mittelnie‐ derdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 152-155; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 386-388; Denkler, Sterbfallinventare, S. 185f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 99-101; ASnA, Bd. I, Karte 24 ‚Brief (geschlossene Silbe): ê4‘, Karte 25 ‚Brief (offene Silbe): ê4‘, Karte 26 ‚Pries‐ ter: ê4‘, Karte 27 ‚lieb (offene Silbe): ê4‘, Karte 28 ‚sehen (3. Pl.): ê4‘. 5 Lautlehre und Orthographie 135 – ‚Dienst, dienst-‘: denstlick (4), denste (2), denstegen (1), denst (6), Hauedenst (2), vor‐ denst (1), ogendenste (2), Hauedenste (1), Hauedenstes (1), denstē (1), densten (1), vordenste (1), Heren denst (1), denst maget (1); – ‚lieb, lieb-‘: leff (7), leffhebbung (1), lefflick (2), leflick (1); – ‚Tier‘: Derte (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚lieb, lieb-‘: leͤfflyker (1), leͤffkosen (2), leͤff (6). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Bier‘: beers (1); – ‚Brief‘: breeff (1); – ‚Dieb‘: deeff (5); – ‚geschehen‘: gescheē (1), gescheen (1); – ‚lieb‘: leeff (6); – ‚Spieß‘: Speet (1); – ‚tief‘: deep (4); – ‚Tier‘: deerte (17), deerten (6), Deer (1); – ‚vier, vier-‘: veer (19), veerde (32), veerkant (1), veerden (7), Veerdenn (1); – ‚ziehen‘: afftheen (2), theen (3), vththeen (1), auertheen (1). Für die offene Silbe konnte festgestellt werden, dass die einfache e-Schreibung deut‐ lich dominiert und dass die Vokallänge seltener durch die Doppelschreibung markiert wird: Belege mit in offener Silbe: – ‚Dieb‘: deue (9), deuen (1), deuerye (1); – ‚-dienen, Diener-‘: ogendenern (2), Ogendener (1), Ogendeners (1), denerinn (1), de‐ ner (5), denen (7), denet (4), Hoffdener (1), vordenen (3), Ogēndener (1), vordenet (3), Hauedener (1), Hauedenern (1), denern (1); – ‚geschehen‘: geschene485 (1); – ‚-gießen‘: vorgeten (1); – ‚lieb‘: leue (10), leuer (5), leuesten (1); – ‚Liebe‘: Frouwen leue (1), leue (11); – ‚tief‘: deper ‚tiefer‘ (1), depe (4), depen (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚geschehen‘: geschee (2); – ‚knieen‘: kneede (1); – ‚Tier‘ (flekt.): deeren (2). Es ließ sich feststellen, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ eine geringe Variation zwi‐ schen e-, ee- und eͤ-Graphie vorliegt. Durchaus mögliche Schreibvarianten mit und sind im Text nicht belegt. Zusammenfassend kann man festhalten, dass es 485 Hierbei handelt es sich allerdings um eine zusammengezogene Form, Bl. 3r. Teil II A Textinterne Analyse 136 sich bei der schriftlichen Realisierung des mnd. ê4 um eine für das 16. Jahrhundert normalniederdeutsche e-Schreibung mit einer Längenmarkierung vorwiegend in der geschlossenen Silbe handelt. Längenbezeichnung für mnd. î486 Laut bisherigem Forschungsstand ist die graphische Unterscheidung zwischen dem kurzen i und altem langem î insgesamt kaum festzustellen. Das alte lange î kann in der Schrift zwischen , , und variieren, hinzu kommen die markier‐ ten Schreibungen mit dem nachgestellten , die allerdings eher als Ausnahme gel‐ ten.487 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird die Länge des alten î prinzipiell selten zusätzlich angezeigt, unabhängig davon, ob sich der lange i-Laut in offener oder geschlossener Silbe befindet. Als markierte Formen sind im Text die Schreibungen , und vertreten; mit jeweils 3 und 2 Belegen sowie einem Einzelbeleg für bilden sie jedoch offensichtlich eine Ausnahme. In anderen Positionen bleibt die Länge des î unmarkiert. Üblicherweise wird das alte î durch einfaches schriftlich realisiert, etwas seltener erscheint einfaches . Belege mit Längenmarkierung: – Belege mit : Dyetz (1), schyer (1), wyet (1); – Belege mit im Suffix ‚-ieren‘: spolierde (1), Excipiert (1); – Belege mit : wijt (1). 5.3.6 486 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Längenbezeichnung des mnd. î eher um ein graphisches als ein phonologisch-graphematisches Phänomen handelt. Zwecks Vergleichbarkeit mit anderen Lang‐ vokalen wird dieses Phänomen im Bereich des Langvokalismus behandelt. Es greifen die Prinzipi‐ en der Vergleichbarkeit und der Übersichtlichkeit ein. 487 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 41, S. 34; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 22.2; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gry‐ ses, S. 78, 87f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 70 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 48]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 147-153, 155-158; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34f.; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 200f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 45; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Gra‐ phetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1423; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 155; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 388; Denkler, Sterbfall‐ inventare, S. 175-178; ASnA, Bd. I, Karte 29 ‚Zeit (geschlossene Silbe): î‘ und Karte 30 ‚Zeit (offe‐ ne Silbe): î‘. 5 Lautlehre und Orthographie 137 Belege ohne Längenmarkierung:488 Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Fleiß‘: flith (1), flit (1); – ‚Krieg‘: krigh (1); – ‚leiden‘: lidt 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚Schein‘: schin (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚bei, bei-‘: bifallen (1); – ‚dein‘: Dine (1); – ‚Fleiß, fleiß-‘: flite (3), flitigen (2), flitich (7), beflitige (1), beflitiget (2); – ‚leiden‘: lidende (1), liden (1); – ‚meiden‘: vormiden (1); – ‚mein‘: mine (1), minem (2); – ‚reich‘: riken (1); – ‚schreib-‘: beschriuunge (1), beschriuinge (1); – ‚sein‘ (Possessivpron.): Sine (3), sinē (1); – ‚Titel‘: Titel (1); – ‚Weile, -weile‘: dewile (3);489 – ‚Zweifel, zweifel-‘: twiuelhafftige (1), twiuel (1), twiuelhafftich (1), vortwiuelen (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚dein‘: dyn (9); – ‚hier‘490: hyr (201); – ‚Krieg‘: krygh (2); – ‚Leib‘: lyff (24); – ‚leiden‘: lydt 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), Lydt 2. Pers. Sg. Imp. (1); – ‚meiden‘: mydt 2. Pers. Sg. Imp. (1); – ‚mein‘: myn (63); – ‚Neid‘: nydt (17); – ‚Schein‘: schyn (8), schynbare (1), schynbaren (1); – ‚schier‘: schyr (2); – ‚schweigen‘: swygh (1), swych (1); – ‚sein‘ (Verb): syn (87); – ‚sein‘ (Possessivpron.): syn (105); – ‚Weib (Frau, Ehefrau)‘: wyff (24), wyf (1); – ‚weise, weis-‘: wyszheit (16), wyszheyt (9), werldtwysz (1), wysz (27), vnwysz (1); – ‚Zeit, zeit-‘: tydt (38), tydtlanck (1), tydth (1), tydtlike (1), vntydt (2), maeltyd (1), tydt‐ liken (1), alletydt (1), tydtlyke (1), maltydt (1). 488 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 489 Alle Belege aus dem ersten Buch. 490 Inklusive Pronominaladverbien mit der Komponente ‚hier-‘ unabhängig von ihrer Getrennt- oder Zusammenschreibung. Teil II A Textinterne Analyse 138 Belege mit in offener Silbe: – ‚bei, bei-‘: by491 (185), bysyden (1), bywylen (2), wanet … by (1), byname (1), byslape (1), byslapen (1), bystendich (1), vorby gan (1), bystuͤnden (1); – ‚Beil‘: byle (1), Bylen (1); – ‚beißen‘: byten (4), bytē (1), bytende (1); – ‚dein‘: dyne (16), dynē (1), dynen (8), dyner (4), dynem (8), dynes (3); – ‚Fleiß, fleiß-‘: flytich (2), flyte (4), flytych (1), Beflytige (1); – ‚Gier, gier-‘: Gyricheyt (7), gyremoth (1), gyricheit (10), gyrige (3), gyrigen (6), gyrich (3), Gyremodt (3), gyrygen (1), ehergyricheit (1), wrakegyrige (1), gyrigē (1), gyrich‐ lyck (1); – ‚Krieg, Krieg-‘: kryge (4), krygischen (1), Krygeszruͤstinge (1); – ‚kriegen‘: krygen (5); – ‚Leib‘: lyue (10), entlyuen (1), lyues (4); – ‚Leid, leid-‘: lyden (15), medelydent (substantiv. Inf.) (1), lydendes (1), lyden (substan‐ tiv. Inf.) (1), lydet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚-meid-‘: vormyde (1), vormyden (6), vnuormydentlick (1), Mydet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚mein‘: mynem (14), myne (28), myner (15), mynes (2), mynen (22); – ‚nie‘: ny (4), Nywerlde (1); – ‚Pfeife‘: Pypen (1); – ‚Preis, preis-‘: pryset (3), pryse (3), gepryset (4), prysen (4), prysede (1); – ‚reich, reich-‘: ryke (20), rykedome (4), ryker (2), Rykedom (9), rykes (1), Ryke ‚Reich‘ (6), Rykedoms (2), ryken (1), Rykedage (1); – ‚reif‘: rype (1); – ‚Scheibe‘: schyuen (2); – ‚Schein, -schein-‘: erschynen Inf. (2), schyne (4), schynen (2), schynet (1), erschynen Part. Prät. (1); – ‚schreib-‘: schryuen (1), vorschryuing(e) (2), beschryuunge (1), geschryuinge (1); – ‚schweig-:‘ vor swygen (2), swygen (7), swyget (1), swygende (1), vorswygē (1); – ‚sein‘ (Possessivpron.): syner (69), synem (66), synen (65), synes (17), synē (3); – ‚Speise, speise-‘: spyse (21), vthspyset (1); – ‚treiben‘: dryue (2), Dryuen (1), bedryuen (1), dryuet (1); – ‚Weib (Frau, Ehefrau)‘: wyues (1), wyue (13), wyuer (3); – ‚-weichen‘: wyke (2), affwyken (1), wyken (8); – ‚Weile, -weile‘: bywylen (1), Dewyle (20), wyle (2), wylen (1); – ‚weise, Weise, -weis-‘: vnderwyset (1), wysesten (1), wysen ‚weise‘ (8), wyser (1), be‐ wysen (8), wyse ‚Weise‘ (9), wyse ‚weise‘ (4), wysen (substantiv. Adj.) (34), bewyset (2), wysede ‚zeigte‘ (4), wyser (6), vnwysen (2), vthwyset (1), vorwyset (1), wysen ‚zei‐ gen‘ (2), gewyset ‚gezeigt‘ (2), wysen (Subst.) (1), wyser (substantiv. Adj.) (1), be‐ wysede (2), wyse ‚zeige‘ (2), wysem (1), Vnderwyse (1), vnderwyset (1); 491 Inklusive Pronominaladverbien mit der Komponente ‚-bei‘ unabhängig von ihrer Getrennt- oder Zu‐ sammenschreibung. 5 Lautlehre und Orthographie 139 – ‚Zeit, zeit-‘: tyden (5), tydinge ‚Nachricht‘ (8), tyde ‚kanonische Hore‘ (1), tydenn (1), somtydes ‚zuweilen, bisweilen, manchmal‘ (1), entyden (1), tydē (1); – ‚Zweifel, zweifeln‘: twyuel (1), twyuelen (1). Mnd. ô1 und ö̂1 Das mnd. ô1 (vor dem Umlautfaktor ö̂1) hat sich aus dem asächs. alten geschlossenen ō entwickelt. Die Realisierungen von ô1 und ö̂1 werden hier im Rahmen eines Kapi‐ tels behandelt, was zum Teil einen mehr lexemorientierten und weniger variablenori‐ entierten Zugang erfordert, weil die beiden Laute u. a. durch die Pluralbildung sehr eng miteinander verflochten sind. In vielen Fällen kann man nicht eindeutig sagen, ob ein Umlautfall oder eine Längenmarkierung vorliegt. Die Länge des geschlossenen mnd. ô1 kann explizit durch nachgeschriebenes sowie nachgestellte , , aber auch Vokaldoppelung oder auch durch überge‐ schriebene Buchstaben , , etc. markiert werden. Die letzteren Varianten sind generell eher selten anzutreffen. Im Südwestfälischen und Ostfälischen erfolgte eine Diphthongierung von ô1 zu au bzw. vor Umlautfaktor zu oi. Als Reflexe gesprochener Sprache können in diesem Sprachgebiet dementsprechend die Graphien und vorkommen. Im ost‐ westfälischen Sprachgebiet bleibt mnd. ô1 dagegen zunächst ein Monophthong, eine weitere Diphthongierung findet hier deutlich später statt. Im Münsterländischen und Westmünsterländischen, die ebenfalls zu westfälischen Dialekten gehören, werden mnd. ô1 und ö̂1 nicht diphthongiert. Neben der allgemein gebräuchlichsten o-Schreibung für ô1 und ö̂1 erscheint fer‐ ner im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum die u-Schreibung, jedoch ver‐ stärkt in den früheren Texten. Im 14. Jahrhundert ist die u-Schreibung für das Elb‐ ostfälische und Ostelbische als gebräuchlich und für das Südmärkische als charakte‐ ristisch anzusehen.492 5.3.7 492 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 42, S. 34f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 60; ders., Niederdeutsche Studien, S. 37-45; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 157-164, 202, 205; Hølberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 166-181; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 196-215; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 2f.; Seelmann, Die mittelniederdeutschen langen o; Rooth, Saxonica, S. 214-220, 229f.; Dahlberg, Zur Urkunden‐ sprache in Göttingen und Duderstadt, S. 59; Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 76-78, 86, 112-124; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 36f.; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f. und Karte 5 im Kartenanhang; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 70f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 48]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 147-151, 155f., 159-160; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34-36; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 201-205; Lehmberg, Zur Göttinger Schreib‐ sprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 61; Peters, Zur Schreibung von mnd. ô1 in Soest; Taubken, Die Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Gra‐ phetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1427f.; Peters, Die Diagliederung des Mittel‐ Teil II A Textinterne Analyse 140 Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Behuf‘: behoff (2); – ‚Buch‘: Bock (91), Bockstaunen (2); – ‚genug‘: genoch (10), genochsam (4), genochsame (1); – ‚tun‘: donde (9), don (31), donn (1), dont (substantiv. Inf.) (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚gut, Gut‘: gudt (65), Landtgudt (1), gut (1), gud (8)493, gutdunckent (1), gudtwillige (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Buch‘: Boͤck (1); – ‚tun‘: doͤn (1), doͤnde (1), doͤnt (substantiv. Inf.) (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚tun‘: doen (3)494. Belege mit in offener Silbe: – ‚Bruder, Brüder‘: broder (2); – ‚Buch‘ (flekt.): Bokes (10), Boke (13); – ‚Schule, Schüler‘: scholemeister (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚gut‘ (flekt.): guder (3), guden (40), gude (41), gudes (9), gudem (3), gudē (2), Duͤnckelgude (1), duͤnckelguden (1), gudern (1), gudenn (1), guter (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚Brüder, brüder-‘: Stalbroͤderen (1), broͤder (1), broͤderlyke (2), Broͤderlick (1); – ‚genug‘ (flekt.): genoͤgen (3), Genoͤghe (1), genoͤget (2); – ‚Schule, Schüler‘: Schoͤler (Sg.) (1), Schoͤlers (Pl.) (1). Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Verteilung der Realisierungsvarian‐ ten für mnd. ô1 und ö̂1 im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht auffällig ist. Es dominiert ein‐ deutig die einfache o-Schreibung sowohl in geschlossener als auch in offener Silbe. In geschlossener Silbe werden die Laute ô1 und ö̂1 außerdem mit oder wie‐ dergegeben, wobei diese markierten Schreibungen mit maximal drei Belegen vertre‐ ten und demnach eher von marginaler Bedeutung sind. Das Wort ‚gut‘ in seiner flek‐ tierten und unflektierten Form sowie alle seine Ableitungen, auch in der Substanti‐ vierung und in den Komposita, erscheint ausnahmslos in der u-Schreibung. Diese scheinbare Besonderheit widerspricht jedoch nicht der allgemein niederdeutschen niederdeutschen, S. 1478; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 155-159; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 389f.; Denkler, Sterbfallinventare, S. 186-188; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 101-104; ASnA, Bd. I, Karte 32 ‚Bruder: ô1‘, Karte 33 ‚tun (Infinitiv): ô1‘, Karte 34 ‚tun (1. Sg.): ô1‘, Karte 35 ‚gut: ô1‘, Karte 36 ‚Brüder: ö̂1‘. 493 Belege überwiegend aus dem ersten Buch (6). 494 Belege im ersten (2) und vierten Buch (1). 5 Lautlehre und Orthographie 141 Tendenz zur u-Realisierung im gesamten norddeutschen Sprachraum.495 In der offe‐ nen Silbe begegnet die Schreibung neben der Mehrheitsvariante . Es ist al‐ lerdings zu vermerken, dass sie deutlich häufiger vor dem Umlautfaktor im Plural oder bei entsprechenden Adjektiven erscheint, sodass nicht genau entschieden wer‐ den kann, ob es sich beim übergeschriebenen um eine Längenmarkierung oder eine Umlautkennzeichnung handelt. So sprechen eindeutig für eine Umlautmarkie‐ rung die Schreibungen Stalbroͤderen, broͤder (Pl.), broͤderlyke, Broͤderlyke, Broͤderlick, die in der Singularform ausschließlich die einfache o-Schreibung aufweisen (broder). Auch als Umlautmarkierung können die Schreibungen Schoͤler und Schoͤlers bewertet werden, die im Gegensatz zur einfachen o-Schreibung bei scholemeister stehen. Eher als interessant erweist sich die Variation zwischen den Realisierungen und bei ‚genug‘ und seinen Ableitungen (genoch, genochsam, genochsame versus Ge‐ noͤghe), für die Verbalisierung (genoͤgen, genoͤget) ist allerdings eine markierte Um‐ lautrealisierung stark zu vermuten. Mnd. ô2 und ö̂2 Das offene mnd. ô2 (vor dem Umlautfaktor ö̂2) hat sich als Fortsetzung des asächs. monophthongierten halboffenen Vokals ǭ entwickelt, der seinerseits auf den west‐ germ. Diphthong au zurückgeht. Im münsterländischen und ostwestfälischen Sprach‐ raum wurden mnd. ô2 und ö̂2 diphthongiert. Später haben die beiden Laute auch im Südwestfälischen eine Diphthongierung erfahren. In diesen Sprachräumen kommen neben der für das gesamtniederdeutsche Areal üblichen o-Schreibung vereinzelt auch die Schreibungen mit oder vor. Diese sind als Reflexe gesprochener Spra‐ che zu interpretieren. Außerhalb dieses westfälischen Diphthongierungsgebietes er‐ scheint die ou-Graphie ferner in den Lexemen ‚auch‘, ‚Augen‘ und ‚verkauft‘. Für das Westfälische ist zudem die a-Graphie für mnd. ô2 und ö̂2 nachweislich belegt.496 5.3.8 495 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 162; Dahlberg, Die Mundart von Dorste, S. 128 und Karte 2; ders., Göttingen-Grubenhagensche Studien, S. 59 (mnd. Belege); Bischoff, Elbostfälische Studien, S. 121f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 70f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 48]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 202-205; Roolfs, Der ‚Spieghel der ley‐ en‘, S. 389f. 496 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 42, S. 34f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 60; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 157-159, 165f.; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 196-215; Seelmann, Die mittelniederdeutschen langen o, S. 1-26; Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Lau‐ te in Niederdeutschland; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 86f., 112-124; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66; Nie‐ baum, Westniederdeutsch, S. 462 und Karte 2; ders., Geschichte und Gliederung der sprachlichen Systeme in Westfalen, S. 29 und Karte 2; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f. und Karte 5; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 49]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literaturspra‐ che, S. 147-151, 155f., 159-160; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34-36; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 205-207; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Lehmberg, Zur Göt‐ tinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 61; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1427f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Teil II A Textinterne Analyse 142 Die Realisierungen von ô2 und ö̂2 werden genauso wie mnd. ô1 und ö̂1 als eine Variable behandelt.497 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt sich eine Variation zwischen den Realisierungen , und in geschlossener Silbe und zwischen den Schreibungen und in offener Silbe, wobei die einfache o-Schreibung in beiden Positionen präva‐ liert. Die typisch westfälische Variante für mnd. ô2 ist im Text nicht vertreten. Ebenfalls fehlen im ‚Reynke Vosz de olde‘ durchaus mögliche Reflexe gesprochener Sprache in Form von au- und ou-Schreibungen, die zwar im gesamten niederdeut‐ schen Gebiet auftreten können, aber wohl etwas untypischer für Drucke als für Hand‐ schriften sind. Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚auch‘: ock (280), ok (1); – ‚Kauf, Kauf-, kaufen‘: Kopluͤde (6), Kopluͤden (1), Kopman (1); – ‚Not, Not-‘: noth (17), nothdwanck (2), nothrode (1); – tot, Tod‘: dodt ‚Tod‘ (16), dodt ‚tot‘ (14), doth ‚tot‘ (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Baum‘: boͤm (2); – ‚tot, Tod, tödlich‘: doͤdlick (1), doͤdtliken (1), doͤdtlyke (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Baum‘: boem (8); – ‚Not‘: noet (1), noeth (1); Belege mit in offener Silbe: – ‚Auge, Auge-‘: ogendenern (2), Ogendener (1), Ogendeners (1), ogen (8), ogendenste (2), ogedenern (1), oge (1); – ‚Baum‘ (flekt.): bome (Sg.) (2); – ‚Kauf, Kauf-, kaufen‘: vorkope (1), kope 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorkop ‚Verkauf‘ (1), vorkopen (1), kope ‚Kauf‘ (2); – ‚Not‘ (flekt.): node (4); – ‚tot, Tod‘ (flekt.): doden ‚tot‘ (10), dode ‚tot‘ (5), dodē ‚tot‘ (1), dodes ‚Tod‘ (1), dode ‚Tod‘ (2), – ‚zusammen, gemeinsam‘: tho hope (2). Belege mit in offener Silbe: – ‚Auge, Auge-‘: oͤgeler (1); – ‚Baum‘ (flekt.): boͤmen (Pl.) (2); – ‚Kauf, Kauf-, kaufen‘: Koͤper (1), vorkoͤpen (1), jnkoͤpen (1); – ‚tot, Tod‘ (flekt.), ‚töten‘: doͤden ‚tot‘ (1), doͤden ‚töten‘ (1), doͤdē ‚töten‘ (1). Schreibsprache Osnabrücks, S. 159-161; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 390; Denkler, Sterbfallinventare, S. 188-190; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 104-105; ASnA, Bd. I, Karte 37 ‚auch: ô2‘, Karte 38 ‚Kauf (geschlossene Silbe): ô2‘, Karte 39 ‚Kauf (offene Silbe): ô2‘. 497 Vgl. Kap. 5.3.7 Mnd. ô1 und ö̂1. 5 Lautlehre und Orthographie 143 Die Realisierung mit übergeschriebenem in geschlossener Silbe kann teilweise durch den nachfolgenden Umlautfaktor erklärt werden, so wie in ‚tödlich‘ (doͤdlick, doͤdtliken, doͤdtlyke) gegenüber der sonst durchgehend verwendeten einfachen o- Schreibung in ‚tot, Tod‘ (dodt und doth). In offener Silbe ist die einfache o-Schrei‐ bung mit insgesamt 19 Belegen bei ‚tot, Tod‘ (flekt.) vertreten und kann als üblich angenommen werden. Eine Markierung wird zumeist durch den Umlautfaktor verur‐ sacht und kann deswegen kaum als Dehnungsmarker interpretiert werden, so wie bei den Verbformen doͤden und doͤdē. Ohne plausible Erklärung bleibt nur die markierte Realisierung des Adjektivs in der Positivstufe doͤden 139r in offener Silbe in der flek‐ tierten Position. Die markierte Variante boͤm, die im Untersuchungsabschnitt zweimal vorkommt, variiert mit der ebenfalls markierten viermal so stark vertretenen Schreibung mit (8 Belege). Die Pluralform wird zweimal als boͤmen realisiert, es kommen je‐ doch zwei flektierte Singularformen mit einfacher o-Schreibung hinzu. Beim Wort ‚Baum‘ kann man also eine angedeutete Tendenz zur Dehnungskennzeichnung fest‐ halten. Die Dehnungsbezeichnung in geschlossener Silbe ist ferner für ‚Not‘ be‐ legt, allerdings stellt sie mit zwei Realisierungen eher eine Nebenvariante dar. Als Hauptvariante gilt auch hier die nicht markierte einfache o-Schreibung. Sie kommt zehnmal so häufig vor. In der offenen Silbe wird ‚Not‘ (flekt.) ausschließlich mit realisiert. In den Komposita mit der ‚Kauf-‘-Komponente sowie den Ableitungen von ‚Kauf‘ dominiert eindeutig die o-Schreibung, sowohl in geschlossener als auch in of‐ fener Silbe. Eine Markierung erscheint entweder in der Umlautstellung Koͤper oder als eine Nebenvariante zur unmarkierten Hauptrealisierung für mnd. ô2: vorkoͤpen, jnkoͤpen. Das mnd. ô2 in ‚Auge‘, seinen Ableitungen und in den Komposita wird fast durchgehend mit einfachem realisiert. Die einzige Ausnahme bildet dabei die Umlautform oͤgeler 173v. Ebenfalls mit ohne weitere Schreibvarianten erschei‐ nen die Adverbien ‚auch‘ und ‚zusammen‘. Wie man vergleichend erkennen kann, unterscheidet sich die Realisierung der mittelniederdeutschen Laute ô2 und ö̂2 im ‚Reynke Vosz de olde‘ kaum von der Rea‐ lisierung von mittelniederdeutschen Langvokalen ô1 und ö̂1. Als Mehrheitsschrei‐ bung gilt in beiden Fällen die einfache o-Schreibung. Die seltenen nachgeschriebe‐ nen und die etwas frequenteren übergeschriebenen Vokale kommen als Notierung der Länge neben den Umlautkennzeichnungen vor und sind von diesen nicht immer scharf zu trennen. Es handelt sich dabei stets um nachgeschriebenes bzw. überge‐ schriebenes . Die Graphien und als Längenmarker sind im Untersu‐ chungstext nicht vertreten. Ebenso sind Doppelschreibungen, mundartliche diphthon‐ gische Realisierungen und a-Schreibung nicht belegt. Teil II A Textinterne Analyse 144 Mnd. û und ü̂ Das asächs. û wird im Mittelniederdeutschen durch drei Laute repräsentiert: durch er‐ haltenes û, umgelautetes ü̂ und gekürztes u vor Konsonantenverbindungen. Mnd. ü̂ kann außerdem auf den asächs. Diphthong iu, germ. eu vor i, j, u zurückgeführt wer‐ den. Laut derzeitigem Forschungsstand findet sich die Längenmarkierung bei mnd. û und ü̂ insgesamt seltener als bei anderen Langmonophthongen. Für die frühmittelnie‐ derdeutsche Periode kann zudem die Koexistenz von diphthongischen Schreibvarian‐ ten wie und und monophthongischen Graphien wie einfachem , und mit entsprechenden übergeschriebenen Buchstaben als Realisierungen des mnd. ü̂ < asächs. iu festgehalten werden. Ab dem 16. Jahrhundert ist verstärkt mit dem hochdeutschen Einfluss, der sich in der Ersetzung von für mnd. û durch und und <äu> für mnd. ü̂ niederschlägt, zu rechnen.498 Mnd. û Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚aus, -aus‘: aueruth (1); – ‚Haus, Haus-‘: hus (3), husz (17), huszgeradt (1); – ‚laut‘: ludt (1); – ‚Maus, Maus-, -maus‘: Stadtmusz (1), Dorpmusz (1), Musz (3); – ‚-raus‘: heruth (8), daruth (5), Woruth (7). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚aus, aus-‘: vth und vth- (155). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Lärm‘: lued (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚Haus‘ (flekt.): huse (8), husze (1); – ‚laut‘ (flekt.), ‚lauten‘: lude (3), ludet (1); – ‚Maus, Maus-‘ (flekt.): musen ‚Mäuse fangen‘ (1). 5.3.9 498 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 43, S. 35f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 46, 180; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 78-83, 88f., 112-124; Wortmann, As. iu > ö: in den östlichen Niederlanden und im westlichen Westfalen; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 70 [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 48]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeut‐ schen Literatursprache, S. 147-151, 155f., 159-160; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34-36; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 207f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 47; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 61; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 161f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 388f.; Denkler, Sterbfallinven‐ tare, S. 179f.; ASnA, Bd. I, Karte 31 ‚Haus (geschlossene Silbe): û‘. 5 Lautlehre und Orthographie 145 Mnd. ü̂ Belege mit in offener Silbe: – ‚Menschen‘: luden (1); Belege mit in offener Silbe: – ‚Haus-, Häuser‘: huͤser (1), Richtehuͤse (1), huͤsen (1), huͤszer (1), behuͤsynge (1); – ‚Menschen, Menschen-‘: luͤde (26), Kopluͤde (6), Kopluͤden (1), Geluͤde (1), Amptluͤde (1), Luͤdefreter (1), luͤden (7), Houetluͤde (1), Hoͤuetluͤde (2); – ‚Mäuse‘: muͤsze (2), Muͤse (4). Die Längenmarkierung für mnd. û ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ äußerst selten. Nur ein einziger Beleg zeigt ein nachgestelltes als Längenmarker: lued 32v. Ansons‐ ten erscheint sowohl in geschlossener als auch in offener Silbe einfaches oder je nach Position im Wort.499 In der Umlautposition für mnd. ü̂ erscheint nur ein‐ mal die einfache u-Schreibung, in allen anderen Fällen ist die Schreibung mit überge‐ schriebenem belegt. Alle Realisierungen mit können deswegen eindeutig als markierte Schreibungen für den Umlaut und nicht als Dehnungsmarker interpretiert werden. Man kann also zusammenfassend festhalten, dass die Längenbezeichnung bei mnd. û und ü̂ im ‚Reynke Vosz de olde‘ wesentlich seltener als bei anderen Lang‐ vokalen angezeigt wird, so wie es im gesamten niederdeutschen Sprachareal eben‐ falls der Fall ist. Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw Der asächs. Diphthong au vor w und im Auslaut wurde aus dem germ. Diphthong au ererbt. Der germ. Diphthong eu blieb im Altsächsischen vor w + a, ē, ō erhalten. Im Mittelniederdeutschen wird auw üblicherweise als oder seltener als graphisch realisiert. Im Ostfälischen zeigt sich außerdem auw-Schreibung.500 5.3.10 499 Zur vokalischen Verwendung von , , s. Kap. 5.5.2 Vokalische Verwendung von , , . 500 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44, S. 36f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 192, 197; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 196-215; Dahlberg, Zur Ur‐ kundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 59f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1775f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 97f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 49]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 148-150, 161f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 208-211, hier S. 208; Nybøle, Reynke de Vos, S. 48f.; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 61f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 162-164, hier insbes. S. 162; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391; ASnA, Bd. I, Karte 40 ‚Treue: vormnd. euw‘. Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. Teil II A Textinterne Analyse 146 Das asächs. euw entwickelte sich im Mittelniederdeutschen zu ûw und wird in der Schrift meistens mit oder wiedergegeben, wobei die letztere Varian‐ te eher in den westniederdeutschen Sprachraum zu verorten ist.501 Die vormittelniederdeutsche Lautverbindung ôw kann im Mittelniederdeutschen entweder als oder später diphthongiert als vorkommen.502 Erscheint das alte lange û in der Hiatposition, wird diese durch eingeschobenes w getilgt. Als Schreibvarianten sind hier gemeinniederdeutsch die uw-Graphie sowie im westfälischen und ostfriesisch-oldenburgischen Sprachraum die Schreibung zu erwarten. In nordniederdeutschen und ostfälischen Quellen ist hierfür die alte Schreibung und belegt. Für das Lexem ‚Frau‘ gilt die Schreibung vro‐ we / frowe als literatursprachlich, die ouw-Schreibung in vrouwe / frouwe kann dage‐ gen auf den Einfluss der hochdeutschen Literatursprache zurückgeführt werden.503 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt sich ausschließlich die ouw-Schreibung für vormnd. auw, so wie es überwiegend auch im gesamten niederdeutschen Sprachraum Fall ist. Vormnd. auw: Belege mit : – ‚hauen‘: affgehouwen (1), gehouwen (3), Houwe (1), houwen (1); – ‚neu‘: nouwe (8), noͤuwesten (1), nouwer (1), nouwen (1); – ‚schauen‘: schouwen (2). 501 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44, S. 36f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 196; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1775; Ahlsson, Stu‐ dien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 49]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 148-150, 161f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 208-211, hier S. 208f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 48f.; Weber, Die mittelniederdeut‐ sche Schreibsprache Osnabrücks, S. 162-164, hier insbes. S. 163; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391. Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 502 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 198; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 59f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 98; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 65f.; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 148-150, 161f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 208-211, hier S. 209; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 162-164, hier insbes. 163f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391. Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 503 Jellinghaus, Westfälische Grammatik, §§ 163, 169; Jostes, Schriftsprache und Volksdialekte, S. 89f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 197; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 231, 249-256; Cordes, Ostfälische Chroniken des ausgehenden Mittelalters, S. 45; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 65; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 97f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittel‐ niederdeutsch, S. 66; Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 285f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 49] ; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Litera‐ tursprache, S. 148-150, 161f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 48f.; Fedders, Die Schreibsprache Lem‐ gos, S. 208-211, hier S. 209f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 162-164, hier insbes. S. 163; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391. Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 5 Lautlehre und Orthographie 147 Für das vormnd. euw dagegen erscheinen im Untersuchungstext drei Schreibvarian‐ ten: die mittelniederdeutsche Mehrheitsvariante , die sonst nur im Westen ver‐ breitete Realisierung und die auf einen markierten Umlaut hindeutende Schreibung . Bis auf sechs Ausnahmen ist im Text die allgemein niederdeutsche uw-Schreibung belegt. Vormnd. euw + a, ē, ō: Belege mit : – ‚Reue‘: ruwe (5); – ‚Treue, treu, trauen/vertrauen‘: Truwe (31), vntruwe (36), vntruwen (12), truwer (1), truwelick (3), truwen (7), vntruwenn (1), vntruwer (1), truwest (1); Belege mit : – ‚Treue, treu, trauen/vertrauen‘: getruͤwe (1), getruͤwelick (1); Belege mit : – ‚Reue‘: rouwe (2), rouwsame (1), vnrouwsam (1); – ‚streuen‘: vnderstrouwen (1). Für die vormnd. Lautverbindung ôw finden sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine Be‐ lege. Für mnd. ûw in der Hiatstellung kommen im Untersuchungsabschnitt sowohl die alte für das Nordniederdeutsche und Ostfälische typische Schreibung , als auch die neue diphthongierte und in westfälischen, ostfriesisch-oldenburgischen Quellen belegte Variante vor. Es scheint eine Tendenz zur alten Schreibung zu geben, wenn man die Variation beim Wort ‚Frau‘ als Sonderfall betrachtet. Eine besonders starke Varianz betrifft die Realisierungen des Wortes ‚Frau‘, das in drei verschiedenen Schreibungen vorkommt: in der alten, der neuen und der litera‐ tursprachlichen Schreibung . Die alte Schreibvariante spielt dabei eher eine marginale Rolle (2 Belege), die literatursprachliche Variante ist ziemlich gut belegt (11 Belege), während die neue diphthongierte Realisierung mit 53 Belegen eindeutig dominiert. Es ist allerdings zu vermerken, dass die schriftsprachliche ouw-Realisie‐ rung in diesem Fall auf den Einfluss der hochdeutschen Literatursprache zurückzu‐ führen ist. Das heißt, hier soll statt mnd. ûw mhd. ouw angesetzt werden. Mnd. ûw in der Hiatstellung: Belege mit : – ‚Frau, Ehefrau‘: frowen (6), frowe (4), vrowe (1); Belege mit : – ‚Bau, Bau-, bauen‘: ackerbuwende (1), buwet (3), buwe (1), gebuwet (1); – ‚Frau, Ehefrau‘: Fruwen (2); – ‚grauen‘: gruwen (1), gruwsame (1), gruwelyken (3); Teil II A Textinterne Analyse 148 Belege mit : – ‚Frau, Ehefrau, -frau‘: Frouwe (25), Frouwen (23), vrouwe (1), Frouwes (1), Oldtfrou‐ wen (1), Junckfrouwen (2); – ‚verdauen‘: vordouwen (1). Zusammenfassung zum Langvokalismus Die Bezeichnung der Länge von Vokalen erfolgt im ‚Reynke Vosz de olde‘ in ge‐ schlossener Silbe signifikant häufiger als in offener Silbe, wo sie zwar auch vor‐ kommt, aber eher eine Ausnahme darstellt. Man kann jedoch nicht von einer konse‐ quenten Durchführung dieser Regel sprechen.504 Durchaus bemerkenswert sind auch Unterschiede bei der Längenbezeichnung zwischen den einzelnen Vokalen. So konkurriert in geschlossener Silbe für altlanges â die eindeutig dominierende einfache a-Schreibung mit der Schreibung mit nachgestelltem , ausnahmsweise treten im Text auch die Variante mit e-superscriptum sowie mit nachgestelltem . In offener Silbe erfolgt abgesehen von einer Ausnahme mit e-superscriptum (Beleg‐ nachweis im Kap. 5.3.1) keine Längenbezeichnung, was der allgemein nordnieder‐ deutschen Tendenz zu Nichtmarkierung der Länge in offener Silbe entspricht. Eben‐ falls äußerst selten erscheinen Längenbezeichnungen in geschlossener Silbe vor r, was darin begründet sein mag, dass die Dehnung vormittelniederdeutscher Vokale vor r + Konsonant selten in der Graphie transparent wird.505 Bei einer vergleichsweise geringer Belegdichte für ê1 lässt sich festhalten, dass einerseits eine Variation zwischen a- und e-Realisierungen vorliegt und andererseits keine weitere Längenbezeichnung erfolgt, was diesen Langvokal von anderen unter‐ scheidet. Auch für das lange î erscheint üblicherweise keine zusätzliche Längenmar‐ kierung durch nach- oder übergestellte Zeichen – am häufigsten ist einfache y-Schrei‐ bung anzutreffen –, dennoch finden sich einige wenige Ausnahmen mit nachgestell‐ tem oder , die jedoch entweder auf den Einfluss der Lübecker Textvorlage zurückzuführen sind oder in Fremdwörtern vorkommen (Belegnachweise in Kap. 5.3.2, 5.3.6). Für ‚Reynke Vosz de olde‘ kann schließlich festgehalten werden, dass zur Be‐ zeichnung der Länge nachgeschriebene , , , , sowie übergeschrie‐ bene und Verwendung finden. Nachgeschriebenes tritt dabei zur Be‐ zeichnung der vokalischen Quantität bei â, ê2, ê4 ( kann hier gleichzeitig als Vo‐ kaldoppelschreibung zur Kennzeichnung der Länge gewertet werden506), ô1, ô2 und û, wobei es bei langem û nur einmal erscheint. Nachgeschriebene und tre‐ ten bei ê2 und insbesondere bei ê3 auf, wobei es nicht immer eindeutig festgestellt 5.3.11 504 Vgl. Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1424; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 211; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 164. 505 Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Fedders und Weber. Vgl. hierzu Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 211 und Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 164. 506 Die Vokaldoppelschreibung ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ ansonsten nicht belegt. 5 Lautlehre und Orthographie 149 werden kann, ob es sich um Längen- oder Diphthongbezeichnung handelt. In einigen Fällen, v. a. bei ê2, kann von einem monophthongischen Charakter trotz ey- oder ei- Schreibung ausgegangen werden (Belegnachweise im Kap. 5.3.3). Das ziemlich häu‐ fige Erscheinen von nachgeschriebenem bei ê2 könnte außerdem durch die Lübe‐ cker Textvorlage bedingt sein. Übergeschriebene und sind als eindeutige Längenmarker im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht unbedingt frequent. Sie erscheinen zwar bei â, ê2, ê4, ô1, ô2 und û, sind jedoch eher als Ausnahmen aufzufassen. E- und o-superscriptum zur Umlaut‐ kennzeichnung sind im Text dagegen recht häufig, auch wenn bei ö̂1 und ö̂2 die einfa‐ che o-Schreibung auch bei umgelauteten Formen und nicht nur bei ô1 und ô2 über‐ wiegt. Bei ü̂ dagegen erscheint die Umlautmarkierung durch übergeschriebenes regelhaft. Insgesamt lässt sich erwähnen, dass o-superscriptum eine äußerst seltene Erscheinung im Text darstellt und e-superscriptum außer bei ü̂ eher sparsam verwen‐ det wird. Das Dehnungs-h, das als Übernahme aus dem Hochdeutschen interpretiert wer‐ den kann, ist im Untersuchungstext kaum belegt. Es lassen sich wenige Belege für â und ê2 vor r finden, die ein aufweisen (Belegnachweise im Kap. 5.3.1 und 5.3.3). Konsonantismus Hiattilgung Unter Hiat versteht man einen akustisch wahrnehmbaren Zusammenstoß von zwei aufeinander folgenden Vokalen ggf. Diphthongen an der Silben- oder Morphem‐ grenze. Der Prozess der Tilgung der Hiatstellungen mittels der eingeschobenen Kon‐ sonanten und oder setzt im Mittelniederdeutschen – v. a. im Südwest‐ fälischen und Ostwestfälischen – bereits im 14. Jahrhundert ein. Nach ehemaligem î und ei erscheint überwiegend , nach û und ü̂ dagegen – außer dem Südwest‐ fälischen, wo auch in dieser Position g-Hiattilger belegt ist –, die entsprechenden lan‐ gen Vokale in der ehemals prähiatischen Position werden dabei gekürzt. In der Schrift kann für das Mittelniederdeutsche eine Variation zum einen zwischen den Formen mit und ohne hiattilgende Konsonanten und zum anderen mit oder ohne Markierung der Vokalkürzung festgestellt werden.507 5.4 5.4.1 507 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 61, S. 48f.; Jostes, Schriftsprache und Volksdialekte, S. 89f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 347; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 222-225; Dahlberg, Mnd. hû(w) ‚Heu‘ und andere Wörter im Lichte der Hiater‐ scheinungen; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 69; Wortmann, Zur Lautentwicklung im Hiat in den westfälischen Mundarten; Foerste, De Nederlandse Expansie in Westfalen, Karte 13, S. 33; ders., Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1775-1778; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 148-152; Wortmann, Die Osnabrücker Mundart, S. 25-32; Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 344-352, 384f.; Bischoff, Über gesprochenes Mittelnieder‐ deutsch, S. 34f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 72 [= Peters, Mittelniederdeutsche Teil II A Textinterne Analyse 150 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sind einige Lexeme mit hiattilgenden Konsonanten be‐ legt. Ausgewählte Lexeme weisen variierende Schreibung mit und ohne Markierung der Hiattilgung auf. Dies gilt sowohl für eingeschobenes und wie . Durchgehend ohne Hiattilger erscheinen feminine Abstrakta auf -îe und -îen. Neben Tilgungen nach den benannten Vokalen sind ebenfalls solche Formen, die als Analogiebildungen bewertet werden können, vertreten. In diesen Fällen handelt es sich nicht um getilgte Hiatstellungen nach ehemaligem î und ei oder û und ü̂ , son‐dern um Stellungen, wo prinzipiell zwei Vokale aufeinandertreffen, wobei der erste Vokal unter Umständen auch kurz sein kann. Ausschließlich mit hiattilgendem begegnen: – ‚geschehen‘: geschege (1); – ‚Mai‘508: meygen (1). Durchgehend ohne eingeschobenes oder erscheinen feminine Abstrakta bzw. Entlehnungen und Fremdwörter sowie Namen auf -îe und -îen: – Belege mit : Cōscientie (1), Conscientien (1), Lectie (1), lectien (2), Vigilie (1), Cere‐ monien (1), Historien (1), Scicilien (1), Liuie (1), Philosophie (1), Processie (1), complexi‐ en (1), fallacien (1), lamentacien (1), Politie (1), Sicilien (1), Historie (1), Theologie (1); – Belege mit : smeychlerye (1), vorrederye (4), horerye (1), Gebrekerye (1), vullerye (5), tyrānye (2), fynantzerye (2), Boͤuerye (2), fynancerye (1), huͤchlerye (1), Eebrekerye (5), tuͤsscheryen (1), Rotterye (1), bedregerye (3), partye (2), Woͤstenye (1), thoͤuerye (1), wyckerye (1), Toͤuerye (1), Touerye (1), partyen (1), Proͤwestyen (1), Decanyen (1), Abba‐ dyen (1), Herschopye (1), Smeichlerye (2), deuerye (1), freterye (1), Arstedye (1), Poppel‐ sye (1), Tuͤsscherye (1), Roͤuerye (1). Ausnahmslos ohne Hiattilgendes bzw. sind folgende Lexeme belegt: – ‚gedeihen, Gedeihen‘: gedye (1), gedyet (1), gedyent (3), gedyen (1); – ‚dreier-‘: dryerley (4); – ‚Eier‘509: Eyer (3); – ‚Haufen, Pöbel‘: Proye510 (1); – ‚Heu‘: Hoye511 (1); – ‚Krähe‘512: Kreye (9), Krye513 (1), Kreyen (10); – ‚Meier‘514: Meyer (1), meyersche (1), Meye (1); – ‚Mühe, mühe-‘: moͤyesam (1), moͤye (7); – ‚neu‘: nye 2r (4), nyen (3), nyes (1); Studien, S. 49f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 212-214; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 6-8; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 166-168; ASnA, Bd. I, Karte 41 ‚neue: Hiat‘. 508 Vgl. auch Kap. 5.3.4 Diphthong ei. 509 Vgl. auch Kap. 5.3.4 Diphthong ei. 510 Wohl ein Beispiel für Analogiebildung, s. o. 511 Wohl ein Beispiel für Analogiebildung, s. o. 512 Vgl. auch Kap. 5.3.4 Diphthong ei. 513 Es lässt sich vermuten, dass es sich hier um einen Druckfehler handelt: Krye statt Kreye. 514 Vgl. auch Kap. 5.3.4 Diphthong ei. 5 Lautlehre und Orthographie 151 – ‚schreien‘: schrien (1); – ‚zweierlei‘: twyerley (4).515 Variation zwischen den Formen mit und ohne Hiattiltung mittels ist für die Le‐ xeme ‚frei‘ und ‚neu‘ zu verzeichnen: Belege mit : – ‚frei‘: frygen (1);516 – ‚neu‘: nyge (2). Belege ohne : – ‚frei‘: fryer (1), vryem (1), frye (2); – ‚neu‘: nye (5), nyen (3), nyes (1). In folgenden Formen wird ausnahmslos die Hiattilgung durch bevorzugt: Belege mit hiattilgendem 517: – ‚bauen‘: ackerbuwende (1), buwet (3), buwe (1), gebuwet (1). Hinsichtlich der Hiattilgungsmöglichkeiten sind ferner Formen mit eingeschobenem von Interesse. Die meisten Belege mit kommen in den Kapitelglossen (alle außer nadehel 38v und frohe 42v) oder in Zitaten, die Teil der Kapitelglossen sind, vor. Alle belegten Formen mit hiattilgendem sind wohl auf den hochdeutschen Einfluss in der Schreibung zurückzuführen. Da aber nicht für alle Textpassagen eine (hochdeutsche) Textvorlage ausgemacht werden kann, könnte das in der Hiatposition auftretende ein Indiz dafür sein, dass es sich beim Rostocker Bearbeiter womög‐ lich um eine ursprünglich nicht aus Norddeutschland stammende Person handelt. Solche hochdeutsch beeinflussten Schreibungen sind:518 Belege mit hiattilgendem : – ‚Ehre, ehr-‘: enteheret syck (1); – ‚früh‘: frohe (1); – ‚Lehen‘: Lehenen (1), Lehene (3); – ‚schmähen, Schmähung, Schmä-‘: gesmehet (1), smehung (1), smeheworden (1); – ‚Teil, -teil‘: nadehelich (1), nadehel (1); – ‚weh, wehe-‘: vehetucht (1), weheklaget (1), wehe (5). Bei drei der genannten Formen handelt es sich bemerkenswerterweise um Lexeme mit eingeschobenem , das prinzipiell auch als Längenmarkierung gedeutet wer‐ den könnte: -eh- in gesmehet 2v, smehung 3r und -oh- in frohe 42v. Auch bei den restlichen Belegen ist diese Erklärung potentiell möglich, in diesem Fall müssten je‐ doch gleichzeitig drei bzw. der Vokal selbst plus zwei nachstehende Zeichen als Kennzeichnung für einen langen Vokal angenommen werden: -ehe- in Lehenen 5v, 515 Alle Belege für ‚zweierlei‘ stammen aus dem ersten Buch. 516 Bemerkenswert ist das durchgehende Beibehalten des in der Nicht-Hiatposition, i. e. im Aus‐ laut wie beispielsweise in: Frygdanck 6r; Fryghdanck 19v; frygh 36v; fryg 127r. 517 Vgl. ferner Kap. 5.3.10 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw. Die Formen des Personalpronomens ‚ihr‘ werden gesondert behandelt. Vgl. dazu Kap. 8.5.1.7 ‚euch‘. 518 Vgl. diesbezüglich auch Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. Teil II A Textinterne Analyse 152 Lehene 8r, weheklaget 10v, enteheret 14v, nadehelich 19r, smeheworden 23v, nadehel 38v. Eine endgültige Entscheidung kann in diesen Fällen nicht getroffen werden.519 Ohne Hiattilgung erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ außerdem folgende For‐ men, die in anderen mittelniederdeutschen Spracharealen durchaus hiattilgungsfähig sind. Es lässt sich jedoch annehmen, dass im Untersuchungstext das doppelte durchaus als Längenmarkierung und nicht als zwei aufeinanderfolgende Vokale ge‐ deutet werden kann: – Belege ohne eingeschobene Konsonanten mit potentieller Hiattilung: Eelick (1), Eeluͤde (1), Eebrekerye (4), Eebroͤck (1), Eebrekery (1).520 Abschließend lässt sich festhalten, dass die Hiattligung im ‚Reynke Vosz de olde‘ kei‐ nen systemhaften Charakter aufweist. Es lässt sich jedoch erkennen, dass nach ehema‐ ligem î und ei gelegentlich ein erscheint. In der Mehrheit der Fälle erfolgt be‐ merkenswerterweise jedoch keine Markierung der Hiattilgung. Das in der Hiatpositi‐ on eingeschobene kennt dagegen keine Varianz und kommt ausnahmslos nach ehemaligem û und ü̂ vor, wobei die Belege nicht allzu zahlreich sind. Zudem lässt sich für den Text festhalten, dass sich keine Formen mit dem potentiell möglichen hiattilgenden aus hiattilgendem 521 – finden ließen. Weder g- noch w-Hiat kommt in der doppelten Konsonanz vor, was gegen die Vokalkürzung spricht. Lautwandel ft > cht ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt in ausgewählten Fällen die Lautentwicklung von ft zu cht, die sowohl der niederländische Dialektraum (außer in der Küstenregion), als auch niederdeutsche und mittelfränkische Mundarten kennen. Vollständig wurde die‐ ser Lautwandel ausschließlich im Niederländischen vollzogen. Im Bereich des Mit‐ telniederdeutschen ist besonders stark das Westfälische betroffen, wobei diese mar‐ kante Entwicklung offensichtlich auf die Sprachkontaktsituation im Grenzgebiet zu‐ rückzuführen ist. In nördlichen und östlichen Gebieten wie u. a. Mecklenburg hat sich dieser Lautwandelprozess nicht so stark durchsetzen können.522 5.4.2 519 Vgl. hierzu auch Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. 520 Bei den Belegen mit der Komponente ‚Ehe-‘ handelt es sich um die Formen mit mnd. ê2. Vgl. dazu Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. 521 Laut Lasch finden sich im östlichen Nordniedersächsischen schon früh vereinzelte Belege für w > g nach langem Vokal, wobei diese Entwicklung als eine späte betrachtet wird. Spätere Belege sind auch im Mecklenburgischen keine Seltenheit, Lasch sieht sie jedoch als „sekundär[en] [Ü]ber‐ gangslaut“. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 347. 522 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 296; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 365-367; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 61; Korlén, Nord‐ deutsche Stadtrechte. I, S. 95f.; Schützeichel, Der Lautwandel von ft zu cht am Mittelrhein, S. 253-275; Frings, Übergang von ft zu cht; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 159-161; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 30f.; ders., Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 23-27; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 73 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 50]; Fedders, Die 5 Lautlehre und Orthographie 153 Mit nahezu konstanter cht-Schreibung erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ sol‐ che Wörter, die allgemein üblich und im ganzen mittelniederdeutschen Sprachgebiet verbreitet sind. Belege mit : – ‚hinter, hinten, hinter-‘: Achterredent (1), achterredende (1), achter (6), achterholt (1), echtersten (1), achterhode (1);523 – ‚link-‘: luchter (1), luchteren (1), lucht (1);524 – ‚sanft, sanft-‘: sachtmoͤdich (2), sachtmoͤdiger (1), sachtmoͤdigen (1), sachtmode (1), sachtmoͤdyge (1), sachte (1). In anderen Fällen, wo im Westen der Lautwandel ft > cht möglich wäre, erscheint im ‚Reynke Vosz de olde‘ wenig überraschend genauso wie im übrigen ostmittelnieder‐ deutschen Sprachgebiet durchgehend die ft-Schreibung im Wortinneren. – Belege mit : gescheffte (4); geloͤffte (2); effte (67), efte (2); vnuornufftigen (1), vor‐ nufftich (1), vornufftigen (1), vornufft (5), vnuornufftich (1), vornufftiger (3). Keine Variation ist ebenfalls bei Suffix ‚-haftich‘ zu verzeichnen. Hier tritt konstant die fft-Schreibung auf. – Belege mit : warafftich, schamhafftich, schalckhafftich, boͤszhafftige, dorhafftich, angsthafftiger, volgehafftich, twiuelhafftige, geluͤckhafftigesten, czaghafftich.525 Wie man an den Belegen und der Belegmenge sieht, hat sich die aus dem Westen aus‐ gehende Lautentwicklung von ft zu cht im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht durchgesetzt. Die markanten verschobenen cht-Schreibungen betreffen nur ausgewählte Wörter und sind lexemgebunden sowie bereits allgemeingültig. Schreibung von g526 Eine starke Variation zwischen den einzelnen Realisierungen von velarem Plosiv g und velarem Spiranten γ ist insbesondere in der frühen Entwicklungsphase des Mit‐ telniederdeutschen zu beobachten. Diese Variantenvielfalt kann durch den unter‐ schiedlichen Ursprung dieser Konsonanten erklärt werden bzw. durch deren unter‐ schiedliche Entwicklung. 5.4.3 Schreibsprache Lemgos, S. 216-218; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 170; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 392; ASnA, Bd. I, Karte 42 ‚-haft: ft > χt‘. 523 Belege verteilt im ersten (9) und dritten Buch (2). 524 Belege ausschließlich aus dem ersten Buch. 525 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 526 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung des g eher um ein graphisches als ein phonolo‐ gisch-graphematisches Phänomen handelt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konsonantismus behandelt. In diesem Fall greift das Prinzip der Ver‐ gleichbarkeit ein. Teil II A Textinterne Analyse 154 Aus dem asächs. stimmhaften g entwickelten sich zum Mittelniederdeutschen hin drei Laute: vor velaren Vokalen und Konsonanten sowie vor palatalen Vokalen ent‐ stand der stimmhafte Spirant γ wie in ‚gehen‘, ‚groß‘, ‚glauben, Glaube‘, regiment ‚Herrschaft etc.‘; im Auslaut erschien der stimmlose Spirant χ527 wie in ‚doch‘, ‚ge‐ nug‘, ‚mag‘, ‚Tag‘ etc.; der stimmhafte Plosiv g blieb in ‚sagen‘, ‚legen‘ u. Ä.528 Fer‐ ner blieb der asächs. stimmhafte velare Spirant γ im Mittelniederdeutschen erhal‐ ten.529 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ variieren folgende Schreibungen: und für stimmhaftes γ, wobei die g-Schreibung insgesamt überwiegt, und und für stimmhaftes g, wobei die gh-Schreibung eher eine Ausnahme bildet. Realisierungen von stimmhaftem γ vor velaren Vokalen und Konsonanten sowie vor pala‐ talen Vokalen: Belege mit : – ‚gehen‘: gan (24), geit(h) (10), geyt (2), gaet (6), gaen; – ‚gestern‘: gystern (2), gisteren (2), ehrgystern (1), gysteren (1); – ‚groß‘: grote (49), groter (17), groten (28), grotem (19), grot (7); – ‚glauben, Glaube‘: geloue (13), gelouen (11), gelouelosen (1), gelouens (1), gelouē (1), gelouenn (1); – ‚Gericht‘: gerichte (5); – ‚Klage, -klagen‘: klagen (Verb) (16), weheklaget (1), geklaget (1), vorklaget (2), klage ‚Klage‘ (31), klagede (6), klaget (12), klageth (1), klage (5), beklage (1), be‐ klaget (1), beklageden (1), klagende (1), klageden (1), beklage dy (1), beklagen (3), klagē (2), beklagede (4), beklagen (1), klagen ‚Klagen‘ (1), vorklageth (1), bekla‐ gende (1), klagende (1); – ‚Lage‘: lage (6); – ‚liegen‘: lagen 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (1); – regiment: regimente (5); – ‚Weg‘: wege (12), wegen (5); – ‚ziehen‘: vpgetogen (1). Belege mit : – ‚gehen‘: gheyt (12), ghan (18), ghat (3), ghaen (3), gheit (3), ghaet (2); – ‚Gericht‘: gherychte (1); – ‚klagen‘: klaghe (2), beklaghen (1), klaghen (1); – ‚Tag‘: daghe (1), daghen (1); – ‚Weg‘: weghe (1). 527 Siehe dazu Kap. 5.4.5 Schreibung von ch. 528 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 168f.; Pro‐ watke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 178-180, 184, 187; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 222; Nybøle: Reynke de Vos, S. 51f., 141f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 392-394; Denkler, Sterbfallinventare, S. 161. 529 Rauch, The Old Saxon Language, S. 125. 5 Lautlehre und Orthographie 155 Realisierungen von erhaltenem stimmhaften g: Belege mit : – ‚legen‘: entleggen (2), leggen (2); – ‚Rücken‘: ruͤggen (2), ruͤgge (1); – ‚sagen‘: seggen Inf. (10), segge 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (8), segget (Inklination) 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), seggen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (3), segget 2. Pers. Pl. Imp. (5), thosegge 2. Pers. Sg. Imp. (1), seggen 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), segge 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), seggē Ind. (1); Belege mit : – ‚sagen‘: seghen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), seghe 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1). Schreibung von j530 Als regionalübergreifend übliche Realisierung für den stimmhaften palatalen Spiran‐ ten j < asächs. j531 gilt die j-Schreibung. Daneben kennt das Mittelniederdeutsche die Schreibvarianten und .532 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird der stimmhafte Spi‐ rant j durch , und repräsentiert, wobei die j-Schreibung am frequentesten ist, die y-Schreibung eine Nebenvariante darstellt und die Schreibung mit reine Ausnahme ist. Schreibung von ch533 In der Regel werden die stimmlosen Spiranten ç und χ schreibsprachlich als realisiert. Deutlich seltener begegnen g- oder gh-Schreibungen.534 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ werden zur Bezeichnung des stimmlosen ç die Buch‐ stabenkombinationen und deutlich seltener verwendet. Für den stimmlo‐ 5.4.4 5.4.5 530 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung des j um ein rein graphisches Phänomen han‐ delt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konso‐ nantismus behandelt. In diesem Fall greifen die Prinzipien der Vergleichbarkeit und der Kohärenz der Darstellung ein. Zur konsonantischen Verwendung von , , siehe Kap. 5.5.3. Zur kon‐ sonantischen Verwendung von , in ‚-jenige‘ s. Kap. 8.5.4.4 ‚der-, die-, dasjenige‘. Für Bele‐ ge s. d. 531 Rauch, The Old Saxon Language, S. 126. 532 Nybøle: Reynke de Vos, S. 51, 142; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 393. 533 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung von ch eher um ein graphisches als ein phonolo‐ gisch-graphematisches Phänomen handelt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konsonantismus behandelt. In diesem Fall greifen die Prinzipien der Vergleichbarkeit und der Kohärenz der Darstellung ein. 534 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 167; Prowat‐ ke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 178-180, 182, 184; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 222; Nybøle: Reynke de Vos, S. 51, 142; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 392. Teil II A Textinterne Analyse 156 sen Spiranten χ wird im Untersuchungstext fast durchgehend benutzt, während die gh-Schreibung eine deutliche Ausnahme darstellt. Belege mit für ç: – ‚kriegen‘: kricht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), krech 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (7), krycht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (6); – ‚legen‘: gelecht Part. Prät. (5), angelecht Part. Prät. (1), lecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), belecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), angelecht Part. Prät. (Adj.) (1); – ‚Richter‘, ‚Gericht‘, ‚richt-‘: gerichte (5), Richter (13), richten (6), richtē (1), Richtern (1), gerichtet (1), richt (1), gherychte (1), Richtehuͤse (2), richtede (1), Richtere (2); – ‚sagen‘: secht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (32), besecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), besecht Part. Prät. (2), gesecht Part. Prät. (14), vorgesechte Part. Prät. (Adj.) (1), thosecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), sechstu 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), affgesecht Part. Prät. (1), thogesechten Part. Prät. (Adj.) (1), vthgesechten Part. Prät. (Adj.) (1), thogesechte Part. Prät. (Adj.) (1), thogesecht Part. Prät. (1), Thogesechtē Part. Prät. (Adj.) (1); – ‚schweigen‘: Swych 2. Pers. Sg. Imp. (1); – ‚tragen‘: thodrecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), drecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (8), vor‐ drecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1). Belege mit für ç: – ‚kriegen, bekommen‘: kregh (1); – ‚-sagen‘: beseght 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚-schweigen‘: vorswight 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚tragen‘: dreght 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2); – ‚weg, Weg‘: wegh (11); – ‚Wicht, Wesen‘: wycht (7), wychte (1), Boͤsewichten (1). Belege mit für χ: – ‚dennoch‘: dennoch (31); – ‚doch‘: doch (104); – ‚jedoch‘: Jodoch (19); – ‚genug‘: genoch (1); – ‚liegen‘: lach 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (19); – ‚mögen‘: mach 1. und 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (41); – ‚noch‘: noch (121); – ‚Schlag, -schlag‘: radtslach (1), slach (6), anslach (1); – ‚sehen‘: sach 1. und 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (34); – ‚Tag‘: dach (16); – ‚ziehen‘: toch 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1). Belege mit für χ: – ‚liegen‘: lagh (1); – ‚sehen‘: sagh 1. und 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (7); – ‚Tag‘: dagh (3); – ‚ziehen‘: togh 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1). 5 Lautlehre und Orthographie 157 Schreibung von k535 Das asächs. k bleibt im Mittelniederdeutschen als stimmloser Plosiv k erhalten. Als Hauptschreibvarianten erscheinen einfaches und , ab und zu kommt auch einfaches vor Liquiden vor. In mittelniederdeutschen Entlehnungen aus dem Griechischen und Lateinischen, v. a. in Lexemen aus dem kirchlichen Bereich, ist im gesamten Sprachraum außerdem die einfache c-Schreibung sowie die Schreibung zu verzeichnen. Vor stimmlosen Konsonanten wird das alte k spirantisiert.536 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist für stimmloses k folgende Schreibungen auf: , , und sowie die Schreibung für die Konsonantenkombination kw. Es lassen sich je nach Position im Wort und Wortherkunft Unterschiede zwischen den Verteilungen einzelner Schreibvarianten festhalten. Insgesamt lässt sich jedoch eine ziemlich gefestigte, gar recht einheitliche Schreibkonvention feststellen, insbesonde‐ re was die Verschriftlichung des k im Wortanlaut und -auslaut angeht. Im Anlaut und an der Morphemgrenze wird das stimmlose k in der Regel mit ein‐ fachem wiedergegeben, äußerst selten erscheint zu diesem Zweck einfaches : Belege mit : – ‚Kaninchen‘: Kanynken (11), Kanyn (3); Kaninken (2); – ‚Karre‘: karen (4); – ‚Kind, kind-‘: kynder (14), kyndern (3), kynderen (1), kyndtheyt (1), kyndtlyken (1), kyndt (1), kinderen (1), kinder (4), kindtliken (1); – ‚Kauf, Kauf-, kaufen‘: Kopluͤde (6), Kopluͤden (1), Kopman (1), vorkope (1), kope 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorkop ‚Verkauf‘ (1), vorkopen (1), kope ‚Kauf‘ (2); – ‚Kirch, Kirch-‘: Kercken (2), Kerckhere (1); – ‚-kommen‘: kamē (2), bekamen (2), gekamen (19), kamen (7), Kumpt (22), Kuͤmpt (16), vpgekamen (1), (tho) kamen (24), kamende (1), auerkamen (1), vmmekamen (1), kamet (her, in) (7), Kame (8), wilkamenhete (1), wilkame (1), wylkamen (4), vorkamen (1), auerkamen (1), vthkumpt (1), bekame (1), tokamēder (1), thokamender (1), beka‐ men (2), kamest (1), entkamen (1), affkamest (1), vnfullenkamen (1), willen kamen (1), Wylkame (1), vorvorthokamen (1), vorkamen (1), vorthokamen (1), herkumpt (1), tho bekamen (1), hergekamē (1), (tho) auerkamen (3), yngekamen (1); – ‚können‘: kan (72), konden (4), konde (34), kunde (2), koͤne (1), koͤnen (17), kanst (2), kanstu (2), koͤndent (1); 5.4.6 535 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung von k um ein rein graphisches Phänomen han‐ delt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konso‐ nantismus behandelt. In diesem Fall greifen die Prinzipien der Vergleichbarkeit und der Kohärenz der Darstellung ein. 536 Hølberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 288-292; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 39f.; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 65f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 174f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 73 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 50f.]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 178, 182f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 223; Nybøle: Reynke de Vos, S. 51, 141; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 393; Denkler, Sterbfallinventare, S. 143-149. Teil II A Textinterne Analyse 158 – ‚Korn‘: korn (1), korne (1); – ‚Kunst, kunst-‘: kunstryke (1), kunst (13); – ‚kurz, kurz-‘: kortwylich (1), kort (3), korten (3), korter (2), kortes (2). Belege mit : – ‚Kaninchen‘: Canynken (1); – in Eigennamen: Cantert (1). Im Anlaut vor Liquiden und an der Morphemgrenze kommt üblicherweise einfache k- Schreibung vor, die Realisierung mit einfachem bildet hingegen eine Ausnahme: Belege mit : – ‚ausrufen, verkünden‘: vth kreyeren (1); – ‚-klagen, Klage‘: klagen (17), weheklaget (1), geklaget (1), vorklaget (2), klage ‚Kla‐ ge‘ (32), klaget (12), klageth (1), klage (5), klagede (6), beklage (2), klegers (1), klege‐ ren (1), beklaget (1), beklageden (3), klagende (2), klageden (1), beklagen (4), bekla‐ gede (4), kleger (5), ankleger (1), vorklageth (2), beklagende (1), klagē (2), klacht ‚Klage‘ (2); – ‚klar, klar-‘: klarlich (1), klar (9), klarlick (1), Vorklaringe (2); – ‚Kleid, kleid-‘: klede (1), kleder (2), vorkleden (1), kledynge (2), kleyt (2); – ‚klein, klein-‘: vorklenung (1), Kleyne (7), kleyn (5), klene (3), klein (4), kleynen (2), kleinen (2), kleine (7), kleiner (2), klenode (2), klenodē (1), klenoͤde (2); – ‚Kleinkaufmann, Einzelhändler‘: Krameren (1), Kramer (5); – ‚Krähe‘: Kreye (9), Krye537 (1), Kreynne (1), Kreyen (10); – ‚krank, kränk-‘: krancke (1), kranck (11), kranckem (1), gekrencket (2), krencket (2), kranckheit (1), krenckē (1); – ‚kriegen, bekommen‘: gekregen (4), kregen (1), krech (7), kregh (1), krege (2); – ‚krumm, krumm-‘: krumholt (1), krummen (2), krum (6); – in Eigennamen: Krasseuot (2), Krasseuotes (1), Kreyant (1). Belege mit : – in Eigennamen: Cratzeuoth (1). In Fremdwörtern und Entlehnungen, die auf das Lateinische oder Griechische zu‐ rückgehen, sowie in Wörtern in lateinischer Sprache ist die Schreibung entweder mit oder mit zu verzeichnen, wobei die letztere eher lexemgebunden zu sein scheint: Belege mit : – ‚Advokat, Sachwalter‘: Aduocat (3), Aduocaten (11), Aduocatē (1); – ‚Doktor‘: Doctor (5), Doctorn (2); – ‚Kapitel‘: capitel (1), capittel (26), Cap. (8), Capit. (52), capittels (1); – ‚Kreatur‘: creaturen (1), creatur (3); 537 Es lässt sich vermuten, dass es sich hier um einen Druckfehler handelt: Krye statt Kreye. Vgl. Fn. 513. 5 Lautlehre und Orthographie 159 – ‚Lesung‘: Lectie (1), lectien (2); – weitere Latinismen und Wörter in lateinischer Sprache: Condition (1), creāt (1), Con‐ scientien (1), Credo (1), articulen (1), conspireren (1), lucri (1), confabulerer (1), com‐ plexien (1), Scribente (1), lectus (1), Cantzeler (1); – Gräzismen und Namen griechischer Herkunft: Camel (1), Agatocles (1). Belege mit : – ‚Christ, christ-‘: Christi (1), vnchristlick (1), Christen menschen (1), Christen (4), Christlyken (1), Christenheyt (1), Christlick (1); – ‚Chor‘: Chor (1). Im Inlaut liegen für stimmloses k die Schreibungen mit einfachem und vor, wobei vor kurzen Vokalen etwas häufiger die ck-Schreibung erscheint: Belege mit : – ‚Buch‘: Bokes (11), Boke (14); – ‚brechen, brech-‘: Eebrekerye (4), breken (5), gebraken (5), thobraken (2), thobreken (1), entbreken (1), breket (1), gebrakē (1), Eebrekery (1), gebreke (4); – ‚machen‘: makeden (2), gemaket (9), make (5), maket (15), maken (1), gemake (2); – ‚merken‘: Merke (1); – ‚reich, Reich, reich-‘: kunstrike (1), rykedome (4), ryke (25), doͤgentryke (1), ryker (2), Rykedom (8), riken (1), rykes (1), ryken (1), rykedoms (1), Rykedage (1); – ‚sicher‘: sekerste (1), seker (8), sekeren (2), sekersten (1), sekerheyt (1); – ‚solch-‘: soͤlke (1), soͤlken (1), soͤlkem (1), soͤlke (3); – ‚sprechen, -sprech-, Sprache‘: sprake ‚Sprache‘ (3), spreken (43), vthspreken (1), spra‐ ken (1), vorspreken (1), gespraken (5), bespreken (3), thosprake (1), sprekende (3), be‐ spraken (1), vorspraken (1), aff spreken (1), weddersprake (1), anspreken (1), Vorspra‐ ken (11), Vorsprakē (1), spreke (5); – ‚Ursache‘, ‚verursach-‘: vororsaket (2), orsaker (1), Orsake (7), orsaken (8), vororsa‐ ken (1); – ‚welch-‘: welker (2), welke (1); – ‚Werk‘: werkē (1), werke (1); – ‚Zeichen‘: teken (2), teyken (1), Tekene (1). – Belege mit : – ‚drücken, -drück-‘: vordruckē (1), vordrucker (1), druͤcket (1), vordruͤcket (4), vnderge‐ druͤcket (1); – ‚Glück, -glück‘: vngeluͤcke (9), geluͤckselygen (1), gelucke (3), geluͤcke (15), vngelucke (1), geluͤcklich (1), vngeluͤcklich (1), vngeluͤckseligen (1), vngeluͤcklick (1), vngeluckes (1), geluͤckhafftigesten (1), geluͤckseligen (2), geluͤckseligem (1), geluͤcksamsten (1), ge‐ luͤcken (1); – ‚mercken, merk-‘: mercklyke (4), mercken (18), thouormercken (1), Merckenouwe (2), anmercken (1), merckē (2), Mercket (vp) (9), merckende (1), vormerckede (2), ge‐ mercket (1), mercke (18), merckede (4), vormercket (1), vormercken (3), mercklike (3), vormerckest (2), merckedestu (1), vpmercken (1), anmercket (1), vnuormercket (1), vormercket (1), anmerckende (1); Teil II A Textinterne Analyse 160 – ‚schmecken‘: smecket (1), smecken (1), smeckede (1); – ‚solch-‘: solcker (4), suͤlcke (1), solcke (28), Solckes (28), solcken (7), Soͤlcken (5), soͤlcke (5), soͤlckes (6), soͤlckē (1), solckem (1), soͤlcker (3), soͤlckem (1), solckem (2), solcks (1); – ‚sprechen‘: spreckt (57); – ‚stark‘: sterckunge (1), stercke (5), starcke (1), gestercket (2), stercken (1), sterckede (1), starcken (3), stercket (1), starcker (1), starckesten (1), sterckesten (2); – ‚Strick‘: stricke (2), strycke (3), strycken (1); – ‚Stück‘: stuͤcke (23), stucke (1), stuͤcken (1), meisterstuͤcke (1); – ‚welch-‘: welcker (42), welcke (2), Welckeres (5), welckeren (4), welckerer (5), Welckes (2), welckere (1); – ‚Werk‘: wercke (9), wercken (3); – ‚Zeichen‘: teicken (3). Im Auslaut variieren die Realisierungen von stimmlosem k in Adverbendungen zwi‐ schen und , wobei die ck-Schreibung um das Mehrfache überwiegt, im In‐ laut ist die Schreibung in der Regel , nur einmal erscheint die ck-Realisierung: – Belege mit im Inlaut: vorretliken (1), dagelykes (3), schentlyken (1), Geluckliken (1), besunderliken (1), Sonderliken (1), ernstliken (1), heimliken (1), besuͤnderliken (1), suͤnderlyken (1), gruwelyken (1); – Belege mit im Inlaut: lichtlicke (1); – Belege mit im Auslaut: ernstlick (3), vornemlick (7), egentlick (3), gemeinlick (10), valschlick (4), lichtlick (7), meysterlick (2), yamerlick (1), entlick (8), swerlick (9), klarlick (1), rechtlick (1), vormetentlick (2), fruͤndtlick (5), lefflick (2), fruͤntlick (1), meisterlick (4), meysterlyck (1), gyrichlyck (1), entlyck (1); – Belege mit im Auslaut: klarlich (1), fruchtbarlich (1), kortwylich (1), anfencklich (1), getruwelich (1), geluͤcklich (1), vngeluͤcklich (1), egentlich (1), adelich (2), vnadelich (1), vntellich (1), gewaltlich (1). In Adjektivendungen wird stimmloses k inlautend in der Regel mit einfachem wiedergegeben, die ck-Realisierung kommt zweimal vor. Im Auslaut varriert die Schreibung zwischen und , wobei die ck-Realisierung bei Weitem über‐ wiegt: – Belege mit im Inlaut: varliken (1), sydtliken (1), natuͤrliken (1), gebrecklyken (1), adelyken (2), heymliken (1), ytzliken (1), bedreglyken (2), letlyker (3), eheliken (1), tho‐ uerlyken (1), tydtliken (1), kindtliken (1), vnbillyken (1), bedrechlyker (3), redelyken (1), Koͤnincklykem (1), koͤstlyke (4); – Belege mit im Inlaut: ytzlicker (1), ordentlicker (1); – Belege mit im Auslaut: denstlick (3), varlick (5), gemeinlick (2), (vn)moͤgelick (6), schedelick (2), varlyck (1), gebruͤcklick (2), jammerlick (1), vorderlick (2), angstlick (2), eyslick (2); – Belege mit im Auslaut: froͤlich (1), vpsatzlich (1), nadehelich (1), hinderlistich (1), bequemlich (1), modtwillich (1), salich (2), vmmefellich (1), hillich (2). 5 Lautlehre und Orthographie 161 Im Wortauslaut und an der Morphemgrenze variieren die ck- und k-Schreibung, wo‐ bei die letztere als Minderheitenvariante gewertet werden kann: Belege mit : – ‚auch‘: ok (1); – ‚sich‘: syk (2); – ‚solch-‘: soͤlkeynen (1). Belege mit : – ‚auch‘: ock (280); – ‚brechen, brech-‘: brack (4), gebrack (1); – ‚Buch, Buch-‘: Bock (94), Boͤck (1), Bockstauen (2); – ‚Glück, Glück-‘: geluckseligem (1), geluckliken (1); – ‚ich‘: ick (365), Jck (17), yck (2); – ‚reich, Reich, Reich-‘: ryck (5), rick (1), Franckrick (1), ryckdom (2); – ‚sich‘: syck (275), sick (17); – ‚solch-‘: solck (1), soͤlck (3); – ‚sprech-, sprich-‘: sprickworde (3), sprickt (2), sprack (156), ansprack (1), sprickwordt (3); – ‚stark‘: starck (9), sterck (1); – ‚Strick‘: strick (3), stryck (2); – ‚Werk‘: werck (4). Für Konsonantenverbindung kw ist regelmäßig die qu-Realisierung belegt: – Belege mit : bequeme (5), quaden (10), Marquart (2), quemen (18), quadt (8), ent‐ quam (5), quade (16), quam (61), quyt (1), quidt (1), bequemlich (1), Lordenquacks (1), quader (3), quaedt (4), bequemen (1), quades (2), bequemer (1), quadem (1). Schreibung von ŋ538 Bei der Wiedergabe der Nasalverbindungen ŋ(g) und ŋk herrscht vor allem im frühen Mittelniederdeutschen eine starke Variation. Neben treten auch die Schreibun‐ gen , , , , seltener auf.539 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ konnten für die Nasalverbindungen ŋ(g) und ŋk je nach Stellung im Wort Schreibvarianten ermittelt werden, wobei zu vermerken ist, dass der Umgang mit diesen recht einheitlich zu sein scheint. 5.4.7 538 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung von ŋ eher um ein graphisches als ein phonolo‐ gisch-graphematisches Phänomen handelt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konsonantismus behandelt. In diesem Fall greifen die Prinzipien der Vergleichbarkeit und der Kohärenz der Darstellung ein. 539 Hølberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 304-318; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 38f.; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 64f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 73 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 50f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 223; Nybøle: Reynke de Vos, S. 49, 143; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 393f. Teil II A Textinterne Analyse 162 Im Inlaut erscheint üblicherweise die Realisierung für ŋ(g), es finden sich jedoch einige Ausnahmen mit dem nachgestellten : – Belege mit : vnderrichtungen (2), vnderwysungen (2), entfangen (6), oͤuinge (3), ster‐ ckunge (1), dinge (9), wolmenunge (1), bryngen (6), brynge (7), handelunge (1), ordenun‐ gen (1), Koͤninge (29), Junge (7), strenge (1), bringen (12), neringe (1), gefangen (8), Koͤninges (23), miszhandelungen (1), anbringent (2), gehangen (2), vorschryuinge (1), voͤdinge (1), junger (4), tydinge (8), Brynget (3), strengen (1), vordruͤckinge (1), slange (32), bringet (13), jungen (5), meldunge (1), beweruinge (1), vullenbringen (2), dingen (7), bryngen (2), hangen (4), auerwinnunge (1), vullenbringen (2), ruͤstinge (1), vorbringen (2), Vnderrichtunge (2), eerbedungen (1), vorachtunge (1), beschuͤttinge (1), dinges (2), vthruͤstunge (1), Krygeszruͤstinge (1), entschuͤldiginge (1), myszhandelinge (1), Regeringe (1), vthduͤdinge (3), voͤdinge (1), erwelingen (1), behangen (3), kledynge (2), vthbedynge (1), anfechtinge (1), duͤdinge (1), Vortoͤgeringe (1), Vorklaringe (2), vorwaringe (1), nee‐ ringe (1), voruolginge (1), vnderrichtinge (2); – Belege mit : afflenunghe (1), Koͤninghe (1), vullenbrynghen (1), dinghe (1), anhen‐ gher (1), lengher (1). Für ŋk erscheint üblicherweise die nck-Schreibung sowohl im In- als auch im Aus‐ laut. Mehr oder minder in Ausnahmefällen, wie das der Fall bei femininen Abstrakta auf -ing(e) bzw. -ung(e) ist, ist die Schreibung belegt. Die Schreibung kommt ebenfalls einmal in der assimilierten Form bryngstu 182r vor. In beiden letz‐ ten genannten Fällen scheint ‚Reynke Vosz de olde‘ mehr dem morphologischen als dem phonetisch-phonologischen orthographischen Prinzip zu folgen: – Belege mit : dinck (1), erdencken (3), Frygdanck (9), manck (17), Greuinck (12), geschencke (5), junck (3), sanck (3), Koͤninck (104), lancksam540 (1), lanck (9), ganck (3), vthganck (2), danck (8), Koͤnynck (2), gefencknisse541 (1), springen (1), gedencken (4), Drunckenheit (2), kranckheit (1), vorfencklick542 (1), Junckfrouwen543 (2), anfanck (3); – Belege mit : erfarung (1), vorleydung (1), warnung (2), vormanung (1), beterung (1), vorachtung (1), vorklenung (1), smehung (1), auertredung (1), vorplichtung (1), regerung (1), ordenung (1), forderung (1), beswerung (1), vorschryuing (1), entschuͤldigung (1), leff‐ hebbung (1), antoͤgung (1), entschulding (1), anthoͤgung (1), achtung (1), bryngstu544 (1). 540 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 541 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 542 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 543 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 544 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 5 Lautlehre und Orthographie 163 Konsonantenverbindungen mit s sl, sm, sn, sw > schl, schm, schn, schw im Anlaut Die Schreibung der anlautenden Konsonantenverbindungen von s mit den Lauten l, m, n, w kennt im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine starke Varianz. Für den Text ist die ältere schreibsprachliche Verwendung des s vor l, m, n, w im Anlaut und am Anfang eines Grundmorphems typisch. Beide schl- / schw-Ausnahmen Voszschwentzer 2v (versus Vosswetzer 132 r) und Anschlege 19r können wohl als charakteristisches Merkmal für die späte Phase des Mittelniederdeutschen aufgefasst werden und mög‐ licherweise auf den hochdeutschen Einfluss zurückzuführen sein. Der letztere machte sich im mittelniederdeutschen Schreibsprachenareal seit der Mitte des 15. Jahrhun‐ derts vereinzelt bemerkbar. Besonders häufig war der orthographische Ersatz des durch seit dem 16. Jahrhundert, und dort insbesondere in der zweiten Hälfte, anzutreffen.545 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist wider Erwartung praktisch keine sch- + Konsonant-Schreibung auf. Die beiden sch-Belege entstammen dem Prosakom‐ mentar und können eventuell als hochdeutsche Interferenzen bewertet werden.546 – Belege mit : slape, slicht, slaen, geslechte, geslachtet, Sloth, Sloͤyer, slimmen, sluken, Slange; – Belege mit : gesmehet, Smeychlern, smachte, smer, smerten, smecken; – Belege mit : snell, snappede, snauel, gesneden, snapde; – Belege mit : geswindicheit, swaren, swerent, Swartzenberch, sweuen, swaken, Swyn, swege, swencken, geswaren.547 sp> šp, st > št im Anlaut Die anlautenden Konsonantenverbindungen sp, st werden im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausnahmslos durch , wiedergegeben. Ob diese konsonantischen Verbindun‐ gen systematischen phonologischen Veränderungen sp > šp, st > št bereits zur Mitte des 16. Jahrhunderts unterzogen worden sind, kann nur auf Basis der vorgefundenen schreibsprachlichen s-Realisierungen nicht bestimmt werden.548 5.4.8 545 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 35, S. 48-50, hier S. 49-50; Lasch, Mittelniederdeut‐ sche Grammatik, § 333; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 415-418; Scharnhorst, Un‐ tersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 161-163; Peters, Katalog sprach‐ licher Merkmale I, S. 74 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 52]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 219-222; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 8-10; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 132f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 173f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 107. Zur Schreibung von s-Verbindungen bei Dietz vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 172, 174-176. 546 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 547 In einem Beleg kommt statt sw- eine ſzw-Schreibung vor, die einen Ausnahmecharakter hat: ſzwerenn 12v. Zur Variation der s-Schreibungen allgemein vgl. Kap. 5.5.5 Schreibung von s. 548 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 333 Anm. 2. Teil II A Textinterne Analyse 164 – Belege mit : sprake, Spegel, Spytzhoͤde, spare, sprickworde, entspraten, spyse, spruͤtten, spyll, bespot, sprengen, spleth; – Belege mit : Standt, vnvorstendygen, stellen, Stadtmusz, sterckunge, gestalth, stin‐ ckende, stedes, straffen, gestyfftet, stamme, stoltheit, bestan, stricke, steruet, strenge, stum‐ me, stert. sk> š im Anlaut, Inlaut und im Auslaut Der Wechsel sk > š setzte auf einem bedeutenden Teil des mittelniederdeutschen Sprachgebietes viel früher als im Fall der Konsonantenverbindungen mit s ein, ver‐ breitete sich allerdings nicht in allen Dialektregionen gleichmäßig. Die ersten Belege für den orthographischen Ersatz von zunächst , dann durch finden sich bereits in der vormittelniederdeutschen Zeit, verstärkt erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. In der frühmittelniederdeutschen Sprachperiode überwiegte noch die sc- Schreibung. Die sch-Schreibung drang zum „klassischen“ Mittelniederdeutschen durch und wurde in der späten Phase wieder gehäuft durch sc- und sk-Schreibung er‐ setzt, wobei die sc-Realisierung für den Anlaut als für den Inlaut typischer war.549 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird für den aus dem sk entwickelten š ohne Ausnah‐ men die sch-Graphie verwendet, inlautend wie in schalck 4v, scholen 5r, aber auch am Grundmorphemanfang, medial wie im Suffix -schop sowie in zusammengezoge‐ nen Formen mit Stamm auf š + Suffix -hê(i)t wie in vnkuͤscheit 5r, valscheit 8r. Die Schreibvariante ssch ist inlautend auch möglich, allerdings scheint sie lexem‐ gebunden zu sein: Bisschoppes 5r, esschet 5v, twysschen 13v, vyssche 16v, Dyssche 174r. Im Wortauslaut findet sich durchgehend die sch-Schreibung wie beispielsweise in valsch 4r, vleysch 184r.550 – Belege mit sch-Graphie im Anlaut: sch-Formen von ‚sollen‘551, schonen, schelcken, thuchtscholle, schaden, schande, schilt, beschermen, Scharpenybbe, schyuen, schepper, beschuͤttinge, scheldens; – Belege mit (s)sch-Graphie im Inlaut: menschen, egenschoppen, Kopenschop, vnderscheit, vnkuͤscheit, Bisschoppes, esschet, valscheit, twysschen, geselschop, fruͤndtschoppe, Dys‐ sche, vyssche; – Belege mit sch-Graphie im Auslaut: valsch, narresch, smeichlerisch552, kyuesch. Gemäß Erwartung taucht initiales š + r ausschließlich in der schr-Schreibung auf. 549 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 35, S. 48-50, hier. S. 49; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 334; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gry‐ ses, S. 175f.; Hølberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 319-324; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 61; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 175f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 74 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 52]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 219-222; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 107f. 550 Aufgrund fehlender Variation folgen Belege in Auswahl. 551 Zu den Varianten mit anlautendem vgl. Kap. 6.1.13 Das Präteritopräsens ‚sollen‘. 552 Die Schreibung smeichlerisch Bl. 128v ist wohl dem Einfluss der hochdeutschen Literatursprache zuzuschreiben. 5 Lautlehre und Orthographie 165 – Belege mit schr-Graphie im Anlaut: schryfften, beschryfft, schrien, vorgeschreuen, vor‐ schrack, geschreuen, Schryfft. Die Formen des präteritopräsentischen Verbs ‚sollen‘ werden graphisch durchgehend mit realisiert. Auch insgesamt lässt sich für diese Variable feststellen, dass die orthographische Verwendung von Konsonantenverbindungen mit s konsequent der Schreibung des „klassischen“ Mittelniederdeutschen entspricht. r-Metathese Erste nachgewiesene Belege für die r-Metathese neben kurzem Vokal tauchen bereits in der vor- und frühmittelniederdeutschen Zeit auf, wobei es sich bei ausgewählten Lexemen um mehr oder minder beständige Umstellungen des r-Lautes und bei ande‐ ren eher um unregelmäßige und sporadische Umstellungen handelt.553 Lasch geht da‐ von aus, dass es zur r-Metathese in solchen Positionen kam, wo das r mit seiner neu‐ en lautlichen Umgebung „eine festere gruppe bildete“.554 Sie zählt folgende Kon‐ sonantenverbindungen auf: „tr, vr vor dem vokal, rd, rt, rst, rs(ch), rn, also r + den‐ tal, jedoch nicht rnd“.555 In diesem Zusammenhang verwundert zunächst die Tatsache, dass ‚Reynke Vosz de olde‘ beinahe keine r-Metathese kennt. Eine Ausnahme bildet die lexemgebunde‐ ne Metathese im Adjektiv ‚frisch‘: versche 29v und 44r. In allen weiteren Lexemen, wo eine r-Umstellung erwartbar bzw. zumindest möglich wäre, erscheint die her‐ kömmliche Buchstabenfolge. – Belege ohne r-Metathese: Godtforchtigen (1), forcht (1), druͤdde (39), forchte ‚Furcht‘ (4), druͤdden (18), forchtlose (1), foͤrchtet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), Gadesfoͤrchte (1), frost (1), foͤrchten Inf. (8), foͤrchte ‚Furcht‘ (6), Antichristes (1), Godtfoͤrchtich (1), forchten (1), foͤrchten 3. Pers. Pl. Ind. (1), foͤrchtsam (2), forchte 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), foͤrchte dy 2. Pers. Sg. Imp. (1), forchtet 3. Pers. Sg. Präs. Sg. (1), forchtede 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1); – Belege mit r-Metathese: versche (4). Eine mögliche Erklärung für diese Besonderheit liefert Lübben.556 Laut Lübben reimt sich ra mit ar z. B. in trat : wart, was als Beweis dafür dienen kann, dass beide Schreibungen sich durch den gleichen Lautwert kennzeichnen.557 Diese Annahme könnte die Varianz in der r-(Um-)Stellung im Wort erklären. Ferner führt Lübben aus, dass einige weitere positionsbedingte r-Metamorphosen (i. e. „Ausstossung“ und „Verschmelzung“) „im Mittelniederdeutschen nur noch in beschränktem Masse statt‐ 5.4.9 553 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 32, S. 41f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 231; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 107f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 152-154; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Gra‐ phetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, Sp. 1429. 554 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 231, S. 133f., hier S. 134. 555 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 231, S. 133f., hier S. 134. 556 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 32. 557 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 32, S. 41f., hier S. 41. Teil II A Textinterne Analyse 166 gefunden [haben], während sie im neueren Niederdeutschen, besonders in den westli‐ chen Gegenden, allgemeine Regel geworden [sind]“.558 Eine solche Begründung er‐ scheint im Zusammenhang als recht plausibel, weil es sich beim ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ um einen Vertreter des Ostelbischen, also Ostmittelniederdeutschen handelt, als ausreichende Erklärung für die so gut wie nicht stattgefundene r-Metathese kann sie jedoch kaum gelten bleiben. Nd. f /v versus hd. p / b Der germ. stimmhafte Frikativ ƀ hat in den niederdeutschen und hochdeutschen Dia‐ lekten unterschiedliche Entwicklung erfahren. Im Hochdeutschen wurde der germ. Reibelaut ƀ unabhängig von seiner Stellung im Wort zum stimmhaften Plosiv b abge‐ schwächt. Germ. ƀ ergab im Niederdeutschen je nach Position entweder einen stimm‐ losen bilabilalen oder labiodentalen Frikativ f im Auslaut oder einen stimmhaften Frikativ v im Inlaut.559 Im ,Reynke Vosz de olde‘ liegt der Anteil der niederdeutscher Graphien bei 100%. Es sind keinerlei Divergenzen in den Kapitelglossen oder in den Randglossen zu beobachten, wie es beispielsweise bei einigen anderen Variablen der Fall ist. Mit anderen Worten heißt das, dass es bei dieser Variable kein hochdeutscher Einfluss seitens der jeweiligen Textvorlagen o. a. festgestellt werden konnte. Konstante niederdeutsche Schreibung im In- und Auslaut:560 – ‚ab, ab-, -ab‘: affgemalet (1), afftheen (1), affthosundern (1), affwyken (1), affgedrun‐ gen (1), affmalet (1), Affgoͤde (1), daraff (3), affgunst (2), affgunstich (1), afflenunghe (1), afflenunge (1), aff wesen (1), nimpt aff (1), affwesen (1), aff gebeden (1), sleit … aff (1), aff lathen (1), affgeyaget (1), affgehouwen (1), affgesneden (1), roͤmet aff (1), affrichten (1), affbidden (1), heraff (1), aff spreken (1), affwesende (2), affsleyt (1), aff‐ wesen (1), affthostaen (1), affwenden (1), affgesecht (1), affgedrungen (1), nympt … aff (1), affthognagen (1), affgnagen (1); – ‚bleiben‘: blyfft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (5), gebleuen Part. Prät. (7), blifft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (5), bliue 2. Pers. Sg. Imp. (1), bliuen Inf. (5), bleuen Part. Prät. (1), bleff 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (3), vthbleue 3. Pers. Sg. Konj. (1), bleuen 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (3), bliue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), nablifft (1), auerbleef 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), bleue 3. Pers. Sg. Konj. (1), bleeff 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), bliuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), bleef 1. Pers. Sg. Prät. Ind. (2); – ‚daneben‘: Darneuen (1); – ‚deshalb‘: Derhaluen (29); – ‚Dieb‘: deeff (5), deff (2); – ‚eben‘: euen (2); 5.4.10 558 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 32, S. 41f., hier S. 42. 559 Gallée, Altsächsische Grammatik, §§ 223-227; Denkler, Sterbfallinventare, S. 162-164. 560 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 5 Lautlehre und Orthographie 167 – ‚Farbe‘: varwe (2); – ‚Gabe, -gab-‘: begauet Part. Prät. (1), gaue ‚Gabe‘ (3), gauen ‚Gabe‘ (6), Gauenfreter (1), begauen Inf. (1); – ‚geben, -geben‘: begeuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), geuen Inf. (19), gegeuen Part. Prät. (14), gaff (13), auergeuen Part. Prät. (2), geue 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), syck … be‐ gheue 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorgheuen Inf. (1), angheuent substantiv. Inf. (1), an‐ gegeuen Part. Prät. (2), syck begeuen Inf. (1), begeuen Part. Prät. (1), (syck) gheuen Inf. (3), hengheuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), geue 2. Pers. Sg. Imp. (3), geuen 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), hengeuen Inf. (1), geuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (5), gheue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), angeuent substantiv. Inf. (1), gheuet 2. Pers. Pl. Imp. (2), auergeuen Inf. (1), geuest 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), geue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), vorgeuet561 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorgaff (1), begeuen Part. Prät. (1), geuendes substantiv. Inf. (1), geue 3. Pers. Sg. Konj. (1); – ‚Grab‘: graff (5); – ‚grob‘: groͤueste (1), groff (7), groue (1), groffheyt (2); – ‚halb, halb-‘: halff (7), halue (2); – ‚-halben‘ (Suffix in Zusammensetzungen): allenthaluē (1), allenthaluen (8); – ‚halber‘ (Präp.): haluen (10); – ‚heben, -heben‘: heue an 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vththoheuen Inf. (1), tho heuen an Inf. (1), erheuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), erheuen Inf. (1), vorheuen Ind. (1), erheuet syck 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), anheuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), heuen Inf. (1); – ‚Laub‘: loff (1); – ‚leben, Leben, leben-‘: leuent ‚Leben‘ (7), leuendygen (1), leͤuent ‚Leben‘ (12), leͤuen‐ de ‚Leben‘ (3), leͤuen 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (5), leuet ‚Leben‘ (1), leuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), leͤuen Inf. (7), Leͤue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), leuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), leuen Inf. (1), leuendich (3), Haueleͤuēde (1), leͤuendes (2), leͤuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), leͤuede 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), leͤue 3. Pers. Sg. Konj. (1), leͤueden 3. Pers. Pl. Konj. (1), Eerleuende (1), leͤuenth ‚Leben‘ (1); – ‚Leib, Leben‘: lyff (24); – ‚lieb, Liebe, Lieb-, -lieb(e), lieben‘: leͤfflyker (1), Frowen leue (1), leff (7), leue ‚Liebe‘ (13), leeff (6), leuer (5), leuen (1), leue (9), leͤffkosen substantiv. Inf. 24r (2), leffheb‐ bung (1), leͤff (6), leuen Inf. (2), lefflick (2), leuesten (1); – ‚loben, Lob (Ruf), -lob, lob-‘: loff (3), Egen loff (2), loffwerdigen (1); – ‚oben‘: bouen (2); – ‚rauben, Raub‘: rouet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), gerouedem (1), berouede 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), berouet Part. Prät. (3), berouet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vnberouet Part. Prät. (1), Roͤuer (3), berouen Inf. (2), rouen substantiv. Inf. (1), rouen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), rouent substantiv. Inf. (1), beroueth Part. Prät. (1), Roͤuerye (1); – ‚Scheibe‘: schyuen (2); – ‚schreiben, Schreib-‘: beschriuunge (1), schryfft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorge‐ schreuen Part. Prät. (5), beschriuinge (1), schryuen Inf. (1), vorschryuinge (1), vor‐ schryuing (1), geschreuen Part. Prät. (5), schrifft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), schryff 2. 561 Kontr. aus vorgeue dat. Teil II A Textinterne Analyse 168 Pers. Sg. Imp. (1), beschryuunge (1), beschrifft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), geschryuinge (1), beschreuen Part. Prät. (2), schriuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), beschreuē (1); – ‚selb, selb-‘: suͤluigen (2), suͤluest (36), Desuͤluigen (3), suͤluige (3), suluige (2), desuͤluen (9), darsuͤluest (4), desuͤlue (3), suͤlue (14), suͤluen (34), dersuͤluen (7), den‐ suͤluigen (4), suͤluigē (1), Darsuͤluest (1), Datsuͤlue (1), suluest (5), suluen (3), desului‐ ge (1), dessuͤluigen (2), desuͤluige (1), sulue (1), desuluigen (1), dersuͤluigen (3), des‐ suͤluen (1), desuͤlue (6), suͤlffte (2), densuͤluen (3), dytsuͤlue (1), datsuͤlue (7), suͤlff (1), Demsuͤluen (1), desuͤluē (1); – ‚Silber‘: suluer (1), Suͤluer (1); – ‚Stab‘: staff (3); – ‚sterben‘: steruet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), starff 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), sterue 3. Pers. Sg. Konj. (1), steruen Inf. (2), steruen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2); – ‚Taube‘: Duuen (4); – ‚tief‘: deper (1), depe (4), deep (4), depen (1); – ‚treiben, -treiben‘: dryue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), Dryuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), vordreuen Part. Prät. (1), durchdreuen Part. Prät. (1), bedryuen Inf., Dreuen 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (2), dreeff 3. Per. Sg. Prät. Ind. (2), ghedreuen yn Part. Prät. (1), bedreeff 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (3), dryuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), gedreuen Part. Prät. (1); – ‚übel, Übel‘: oͤuel (3); – ‚über, über-‘: auersettet (1), auergeuen (3), auertredung (1), auer (68), auerfallen (2), auerdadt (1), auerkamen (5), auerfallenn (1), auerylet (2), auerwunnen (3), auermodt (1), darauer (1), auerreden (1), auerredet (2), auerredede (2), auergelouen (1), auer‐ winnige (1), auerwint (1), auerwinnunge (1), oͤuerdaedt (1), auerall (1), auerlast (1), auertreder (1), auerghat (1), auermals (2), auertheen (1), auerbleeff (1), oͤuerst (2), auertuͤghen (1), auerpuchen (1), auerpuchet (2), auerfloͤdigen (1), auertreden (1), auer wynt (1), oͤuer (1), aueringe (1), auereyn (1); – ‚Urlaub (Erlaubnis)‘: orloff (3); – ‚vergebens‘: vorgeues (2); – ‚Weib (Frau)‘: wyff (24), wyue (13), wyf (1), wyuer (3); – ‚Zauberei, zauber-‘: Toͤurye (1), Touerye (1), thouerlyken (1). Assimilation Die progressive Assimilation des inlautenden d nach Liquid oder Nasal in den inter‐ vokalischen Konsonantenverbindungen ld und nd zu ll bzw. nn wird bereits in der frühmittelniederdeutschen Periode registriert und gilt ein spezielles Sprachmerkmal des Mittelniederdeutschen in Abgrenzung zum Altsächsischen. Wie Lasch allerdings hervorhebt, „[v]ereinzelte fälle aus namen sind schon innerhalb der vorangehenden periode nachgewiesen“.562 Die Assimilation ld > ll, nd > nn wird vorwiegend als Merkmal der gesprochenen Sprache aufgefasst und ist laut Lasch „niemals schrift‐ 5.4.11 562 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 323, S. 167f., hier S. 167. 5 Lautlehre und Orthographie 169 sprachlich“.563 Nichtsdestotrotz begegnet die ll- bzw. nn-Schreibung in der Schrift, jedoch vor allem in ältester und jüngster Phase, sowie abhängig von der Textsorte und dem Medium.564 ld > ll Ohne Ausnahmen wird die Assimilation ld > ll im ‚Reynke Vosz de olde‘ in der Schrift nicht bezeichnet. Einige Belege liefert bereits Kap. 5.1.2 a > o vor ld, lt, z. B. für olde, kolde, holden. Es finden sich zahlreiche weitere Belege mit ld-Schreibung. nd > nn Die assimilierte nn-Schreibung tritt im ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zur nd- Schreibung äußerst selten auf. Die wenigen nn-Belege, die durch konstante assimi‐ lierte Schreibung gekennzeichnet sind, sind lexemgebunden. Es handelt sich hierbei eher um Sonderfälle. – Belege mit 565: vorstande, behendicheyt, handel, vnderrichtungen, vnderwysungen, vnderricht, andern, besunder, vnderdanen, gewendet, senden, erfunden, hynderlistich, wandel, handelen, lande, nemande, suͤnde, schande, handelunge, affthosundern, kynder, schenden, kunde, hoffgesynde, wynde, vthwendigen, bestendich, eynander, schendent, wunde, schendet, Hoffgesyndes, jemande, hundert, wunder, minder, vorstandes, vorswun‐ den, schenders; – Belege mit : schinnen ‚schinden‘, wennen ‚abwenden‘, auerwunnen ‚überwunden‘, auerwinninge, auerwinnungen. Auffällig ist die Schreibung annder 13v (1), wobei die angesprochene Konsonanten‐ häufung wohl auf einen Druckfehler zurückzuführen ist und kein Übergangsphäno‐ men von nd zu nn darstellt. 563 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 323, S. 167f., hier S. 167. 564 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 29, S. 36-37, hier. S. 37; ebd. § 31, S. 38-41, hier S. 41; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 73; ders., Niederdeutsche Studien, S. 56-60; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 323f.; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 398-405; Scharnhorst, Untersuchungen zum Laut‐ stand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 170f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mund‐ arten, Sp. 1779f.; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 29f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 72 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 50]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 188f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 215f.; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphe‐ tik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, Sp. 1429; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 168f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391f. 565 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Teil II A Textinterne Analyse 170 Besonderheiten der Graphie Vokalische Verwendung von , , 566 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist eine ziemlich starke Variation hinsichtlich der graphi‐ schen Realisierung der hohen geschlossenen ungerundeten Vorderzungenvokale567 in nicht prävokalischer Position festzustellen. Diese können in der Schrift je nach Posi‐ tion im Wort durch folgende Zeichen wiedergegeben werden: , , . Als Ma‐ juskel kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die J-Graphie, wie beispielsweise aus den folgenden Belegen ersichtlich: Jn, Js, Jck, Jdt, Jm, Jlcke, Jsegrym568, Jse‐ grim569, Jnth, Jnt, Jse. Im Wortanlaut sind alle drei Schreibungen , , ver‐ treten. Das Lexem ‚ich‘ ist hochfrequent und taucht ohne Ausnahmen in der Schrei‐ bung ick auf, bei anderen Lexemen ist das initiale kaum belegt. Das anlautende kommt in Präpositionen sowie Verschmelzungen Präposition + Artikel, aber auch in Partikelverben mit der Partikel ‚ein-‘ und einigen Pronomina vor. Die y-Schrei‐ bung im Wortanlaut wird parallel zur j-Schreibung gebraucht und übertrifft diese bei weitem. Im Wortinneren sind ebenfalls alle drei Schreibungen vertreten. Die Schrei‐ bungen und sind dabei die Hauptvarianten und die j-Schreibung kann als fa‐ kultative Variante aufgefasst werden. Es gilt außerdem zwischen den Positionen me‐ dial an der Morphemgrenze, medial und medial in Suffixen zu unterscheiden. Inlau‐ tend an der Morphemgrenze sind die Schreibungen und äußerst selten be‐ legt, die j-Schreibung ist nicht vertreten. Mit vergleichsweise großem Abstand domi‐ niert bei den Suffixen die i-Schreibung. Hier herrscht ein deutliches Schwanken zwi‐ schen den Varianten und , wobei keine lexemgebundene Präferenz zugunsten einer Variante festgestellt werden kann. Die j-Schreibung kommt nur einmal vor: ernstljken 135v. In der Wortwurzel sind die Schreibungen und recht gleich‐ mäßig verteilt, sodass eine Tendenz nicht erkennbar wird. Im Wortauslaut erscheinen die hohen ungerundeten Vorderzungenvokale ziemlich selten und lediglich in der 5.5 5.5.1 566 Bis in das 17. Jahrhundert hinein wurden die Zeichen , , vokalisch wie konsonantisch gebraucht. Dieses Merkmal ist kein speziell mittelniederdeutsches Phänomen, sondern gilt als cha‐ rakteristisch für den gesamten deutschsprachigen Raum. Polenz bemerkt diesbezüglich: „Vor al‐ lem durch Schottel und Bödiker konnten die Grapheme und bzw. und konsequent auf vokalischen bzw. konsonantischen Wert festgelegt (nicht mehr [vnd ‚und‘, jhr ‚ihr‘]), die Di‐ phthongsschreibung mit statt zurückgedrängt [...] werden“. Siehe dazu Polenz, Deut‐ sche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. I, S. 178. Vgl. Moser, Frühneuhoch‐ deutsche Grammatik. I/1, § 12-13, S. 23f; Nerius, Deutsche Orthographie, S. 230ff., insbes. S. 233. An entsprechender Stelle führt Schottel aus: „Die Letteren u und i / so offt sie ein Wort anfangen / und einen selblautenden nach sich haben / werden sie also geschrieben / v / j / und nehmen also an sich eine mitlautende Wirkung“. Siehe dazu Schottel, Deutsche Sprachkunst, S. 183. Zu den Gra‐ phien , , vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 163, 165f. 567 Zur konsonantischen Verwendung von , , für j, vgl. Kap. 5.5.3 Konsonantische Verwen‐ dung von , , . 568 Hinzu kommen weitere flektierte Belege im Nicht-Nominativ: Jsegryms, Jsegrymes, Jsegryme, JSegrymme. 569 Hinzu kommen weitere Belege im Genitiv: Jsegrims. 5 Lautlehre und Orthographie 171 Präposition ‚bei‘, in den Personalpronomina, Genitivformen ausgewählter fremdspra‐ chiger Personennamen sowie in lateinischen Ausdrücken und dem Lexem ‚frei‘. – Belege mit initial: ick, idt, in570, is, im; – Belege mit medial an der Morphemgrenze: hyrinne, darinne; – Belege mit medial571: gewisz, nicht, Darmit, stinckende, gewinnen, Dauid, listige, miszgedan, sick572, bringen, bliuen, miszguͤnneren, kinder, Willigertrud, bitterheit, gewin‐ net, miszbruke, miszdeit, gewiszlick, miszdeder, slimmen, miszdoet, bitterem, miszlich, miszbrukest; – Belege mit medial in Suffixen: – ‚-haftig‘: boͤszhafftigen, warhafftigē, warhafftige, dorhafftich, angsthafftiger, warhaff‐ tich, warhafftiger, boͤszhafftiger, volgehafftich, stanhaffticheit, boͤszhafftige, twiuelhaff‐ tige, warhafftiges, geluckhafftigesten, schalckhafftigen, czaghafftich, loͤgenhafftigen, dorhafftiger, schalckhafftiger, Schamhafftich, Schalckhafftich; – ‚-ich/-ig‘573: mennichuoldigen, behendicheyt, almechtigen, mennigerley, hillige, wil‐ lich, mennich, billich, vnbillich, modtwillich, hilligen, hilligedoͤmte, hilligedom, vor‐ nufftiger, billick; – ‚-in‘574: meisterinne, Koͤniginnen, Koͤninginne, Koͤninginnen, Koͤniginne, Apinnen;575 – ‚-ing‘576: oͤuinge, beschriuinge, neringe, vorschryuinge, voͤdinge, tydinge, vordruͤckin‐ ge, beweruinge, antoͤginge, wickinge, ruͤstinge, vorsammelinge, geschryuinge, be‐ schuͤttinge, vthruͤstinge, vorlatinge, Krygeszruͤstinge, entschuͤldinge, vortellinge, mysz‐ handelinge, Regeringe, vthduͤdinge, voͤdinge, erwelingen, meldinge, achfechtinge, duͤdinge, meininge, Vortoͤgeringe, Vorklaringe, segeninge, vorwaringe, besyttingen, voruolginge, vnderrichtinge; – ‚-isch‘: Latynisch, hatisch, vproͤrisch, krygischen, smeichlerisch, smeichlerischen, ky‐ uischē, vproͤrisch, Esopische; – ‚-lich‘ (Adj.)577: denstlick, Gelick, schymplick, grunthlick, schedelick; – ‚-lich‘ (Adv. und flekt. Adj.): varliken, sydtliken, natuͤrliken, kortwylich, ytzlicker, heymliken, Dergeliken, ytzliken, lichtlicke, vorretliken, eheliken, geluckliken, besunder‐ liken, Geystliken, Wertliken, kindtliken, czyrliken, doͤdtliken, gewantliken, Sonderliken, Fuͤrstliken, ernstliken, heimliken, tydtliken, geboͤrliken, ordentlicker, besuͤnderliken, re‐ deliken; 570 Inklusive Pronominaladverbien in der Distanzstellung und Partikeln als Bestandteil von Partikelver‐ ben in der Distanzstellung. 571 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 572 Belege aus dem ersten und zweiten Buch (Verhältnis 12 : 5). 573 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 574 Movierungssuffix. 575 Keine Belege im vierten Buch. 576 In hochdeutschen Äquivalenten ‚-ing‘ und ‚-ung‘. 577 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Insgesamt konnten im Untersuchungstext 269 Belege mit i-Schreibung bei Adjektiven auf ‚-lich‘ ermittelt werden. Teil II A Textinterne Analyse 172 – ‚-nis‘578: gelicknisse, vorbundtnissen, vorbuntnissen, bedroͤffnisse, droͤffnisse, Duͤster‐ nisse, begreffnisse, gefencknisse, vorsuͤmenisse, gefencknissen; – Belege mit final: Christi, tibi579, Audi580; – Belege mit initial: js, jnth, jdt, jnholt, jnt, jnn581, jnne, jndechtich, jndrengest, jnnemen; – Beleg mit medial im Suffix: ernstljken (1); – Belege mit initial: ys, ytzundes, yder, ytzigen, ynt, ydt, ytzlicker, ydermennichlick, ym, ysset; – Beleg mit medial an der Morphemgrenze: Daryn, darynne; – Belege mit medial: nyge, Dyetz, syner, wyszheit, lyst, hyr, Rydder, syn, Blyfft, Vyseua‐ se, vyende, fryg, bynnen, krygen, tydt, wysen, syck, vlyte, Kynder, myth; – Belege mit medial in Suffixen: – ‚-ich / -ig‘: voryge, rechtferdygen, Vnschuͤldygen; – ‚-in‘582: meysterynne, Wulffynne, Voͤszynne, Apynne, Kreynne, doͤrynnen, Koͤningynne, Apynnen, Koͤningynnen, dorynne, Wuͤlffynnen, Wuͤlffynne, Meerapynnen; – ‚-ing‘583: kledynge, vorweldynge, behuͤsynge; – ‚-lich‘ (Adj.): varlyck, vordoͤmlyck, meysterlyck, loͤflyck, vneerlyck, gyrichlyck, ent‐ lyck;584 – ‚-lich‘ (Adv. und flekt. Adj.): lauelyken, sydtlyke, ytzlyker, leͤfflyker, genoͤchlyker, sichtbarlyke, Goͤdtlyker, heimlyke, Koͤnincklyken, Fuͤrstlyken, Fuͤrstlyker, dagelyker, tydlyke, schedelyke, mercklyke, gebrecklyken, dergelyken, gelyke, Geystlyken, merckly‐ ker, sunderlyker, adelyken, eerlyken, gelyken, gruͤnthlyker, werltlyke, werltlykē, desz‐ gelyke, fruͤntlyker, bedreglyken, gentzlyken, dagelykes, mercklyke, staͤtlyke, ytzlyke, re‐ delyke, jtzlyken, letlyker, sorchlyke, leetlyke, schentlyken, vorderlyken, goͤtlyken, tho‐ uerlyken, jammerlyke, meisterlyke, koͤnlyken, jamerlyker, bedrechlyken, loͤflyke, billy‐ ker, vnbillyken, Christlyken, broͤderlyke, vnschedelyker, bedrechlyker, redelyker, re‐ delyken, Adelyken, manlykesten, Eerlyke, Eerbarlyke, Adelyke, Koͤnincklykem, suͤnder‐ lyken, kostlyke, vntemelykeste, dagelykeschem, natuͤrlyke, koͤstlyke, Eelyken, kyndtlyken, Ehelykenn, schentlyke, billyken, natuͤrlyken, leetlyken, Tuchtlyke, lasterlyker, lasterlyke, vnersadtlyke, geboͤrlyker, temelyken, doͤdtlyke, tydtlyke, bedregelyken, gruwelyken, vorgencklyke, letlyken, gruͤndtlyke, leetlyker, letlyke, schedelyke, Goͤdtlyken; – Belege mit final: my, by, wy, sy, fry, dy, gy. 578 Die meisten Belege mit Suffix ‚-nis‘ kommen im ersten Buch vor. Im zweiten und dritten begegnet jeweils ein Beleg (Verhältnis 13 : 1 : 1). 579 Lat. Beleg. 580 Lat. Beleg. 581 Inklusive Pronominaladverbien in der Distanzstellung und Partikeln als Bestandteil von Partikelver‐ ben in der Distanzstellung. 582 Movierungssuffix. 583 In hochdeutschen Äquivalenten ‚-ing‘ und ‚-ung‘. 584 Keine Belege im zweiten Buch. 5 Lautlehre und Orthographie 173 Eine weitere Perspektive bietet die Analyse der Schreibvarianten im Hinblick auf die Verteilung der Realisierungen bei der Wiedergabe des kurzen i und des langen î.585 Bei genauer Betrachtung ergibt sich, dass das kurze i etwas häufiger als realisiert wird im Vergleich zu . Der Langvokal wird dagegen normalerweise mit wie‐ dergegeben. Das bleibt als Marginalvariante, die auch insgesamt selten vor‐ kommt.586 – Belege mit für i: Capitel, mennich, billicheit, nicht, Hinderlist, mith, vppige, Jsegrim, vnsinnich, gisteren, Twisschen, vpschrifft, beweruinge, gerichte, vnbesmittet, singet, vindt, vorwilliget, stilre, Scharpenibben, gifft, errich, darin, ernstlick, minschen, strick; – Belege mit für î: beschriuinge, flite, minem, flitich, twiuelhafftich, bliuet; – Belege mit für i: jn, js, jnnemen; – Belege mit für î: jdern (1), jderman (1), jder (1); – Belege mit für i: hynderlyst, blyndt, dyngen, wynters, vyssche, Jsegrym, twyst, ys, vyn‐ geren, Hyntze, drysten, blyfft, ehrgystern, kyn, gewyn, synn; – Belege mit für î: my, syn, schyne, hyr, schryuen, lyff, wyff, lyue, vthspyset, gy, by, partye, beschryuunge, pryse, spyse, flyte, vyue, Ryke, vryem, bewysen, Pelegrymen, ketyue, vormyden, kyuen, myn, pyn, deuerye, Dyke, yderman, bouerye, Gyremodt, vyl, maltydt. Zusätzlich soll auf die Tatsache hingewiesen werden, dass Abkürzungen des i und des darauffolgenden Konsonanten im ‚Reynke Vosz de olde‘ äußerst selten vorkom‐ men. Es findet sich nämlich nur ein Kontraktionsbeleg mit einer Tilde über dem , wobei die Tilde587 hier für einen Nasal steht: Koͤnīck 23v. Belege mit einer Tilde über dem oder fehlen völlig.588 Vokalische Verwendung von , , Ähnlich wie die Zeichen , , verhalten sich die , , , die sowohl Vokal- als auch Konsonantenzeichen sein können, allerdings mit einer eindeutigeren 5.5.2 585 Mehr dazu vgl. Kap. 5.3.6 Längenbezeichnung für mnd. î. 586 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 587 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 19, S. 22, benutzt die Bezeichnung ‚Nasalstrich‘. Dies ist allerdings nicht ganz richtig, weil die waagerechte Wellenlinie nicht ausschließlich zur Kenn‐ zeichnung eines suspendierten ggf. kontrahierten Nasals steht, sondern in ausgewählten Lexemen als generelles Abkürzungssymbol verwendet wird, wie beispielsweise in vñ für vnde, und somit wortgebunden ist. Nybøle, Reynke de Vos, S. 99-104, spricht dagegen allgemein von ‚waagerech‐ ten Kürzeln‘, die zum Teil auch ‚Nasalkürzel‘ sind. M. E. eignet sich für das in ‚Reynke Vosz de olde‘ verwendete Überzeichen am besten die neutrale Bezeichnung ‚Tilde‘. 588 Laut Nybøle, Reynke de Vos, S. 103, kann die fehlende Tilde über dem wohl „auf das als Vor‐ bild dienende Abkürzungssystem in lateinischen Quellen“ zurückgeführt werden. Vgl. auch Grun, Schlüssel zu alten und neuen Abkürzungen, S. 25-28. Teil II A Textinterne Analyse 174 Verteilung der vokalischen Varianten.589 Als graphische Realisierung der gerundeten (fast) geschlossenen Hinterzungenvokale u, û und der (fast) geschlossenen (fast) vor‐ deren gerundeten Vokale ü, ü̂ unabhängig von der Vokalquantität dominiert die u- Schreibung590 medial präkonsonantisch, u. a. an der Morphemgrenze, d. h. in der in‐ direkten Initialposition, und final postkonsonantisch, wobei die Belegmenge mit dem im direkten Wortauslaut gering ist. In präkonsonantischer Stellung im Wortan‐ laut erscheint ausnahmslos das . Über den Lautwert der auslautenden w-Graphie kann man nicht eindeutig entscheiden, da das final postvokalisch nach dem vorkommt und prinzipiell Konsonantenwert haben kann.591 Im Majuskelgebrauch kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die V-Schreibung, was naheliegend ist, da das in direkter anlautender Position nicht verwendet wird. – Belege mit medial: gebruck, beschuͤtten, tuchtschole, vnuornufftigen, warnung, Pau‐ lus, dulle, Wulff, Fursten, durchdreuen, wunden, vorbunth, Muren, vul, truren, entschuͤldi‐ gung, Darsuͤluest, Bruen, wuste, Jutte, euentuͤre, Buer, gutdunckent, nuͤmmer, sunder, kuͤmpt, vorschuuen, bekuͤmmert, Junckfrouwen; – Belege mit medial an der Morphemgrenze: vorunglimpet, Wedderumme, Worumme, darumme, darup, Hyrumme; – Belege mit final: nu, du; – Belege mit initial: vnnd, vnse, vpp, vmmeslage, vth, vnsinnich, vmme, vnenicheit, vn‐ christlick, vmmeslengenden, vp, vngeuogh, vnbedragen, vntucht; – Belege mit final: juw, yw, yuw. Außerdem kann darauf hingewiesen werden, dass die Tilde in suspendierten wie kon‐ trahierten Abkürzungen ausschließlich über dem 592 erscheint, wobei alle Abkür‐ zungen mühelos entweder als n oder als m je nach Umgebung aufgelöst werden kön‐ nen. Daraus lässt sich folgern, dass die Tilde über dem in allen Fällen als Nasal‐ strich fungiert. Die Verteilung der abgekürzten Formen im Text ist ziemlich offen‐ sichtlich. Der Großteil kommt in den Marginalglossen vor, seltener tauchen die Ab‐ kürzungen in Kapitelglossen auf. Im Verstext finden sich keine Abkürzungen mit Til‐ 589 Zu ähnlichen Tendenzen im Frühneuhochdeutschen vgl. Moser, Frühneuhochdeutsche Grammatik. I/1, § 14, S. 24f.: „u und v sind ebenfalls gleichzeitig Vokal- und Konsonantenzeichen. Auch hier wird [...] eine Trennung nach der Stellung durchgeführt. Schon die äfrnhd. Hss. und Drucke gebrau‐ chen in der Regel v im Anlaut für Vokal (vns, vnder, vmb, vnd, vn- usw.) und Konsonanten [...], u aber im Inlaut nicht nur für den Vokal, sondern auch für den Konsonanten (freuel, zweiuel, einer, die höue, puluer usw.)“. Siehe dazu auch Meichssner, Handbüchlin, Bl. VIIr: „Item das gantz v gehoͤrt vornen zuͦ angang der woͤrter / Aber das offen u in das mittel vnd zuͦ end“. Zu den Graphien , , vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 163-166. 590 Z. T. mit e-superscriptum als Umlautmarker, Längenbezeichnung oder fakultativ ohne distink‐ tive Funktion. 591 Vgl. Kap. 5.5.4 Konsonantische Verwendung von , , , , , . 592 Diesen stehen die Kontraktionen, wie beispielsweise in vm̃e 3v, vm̃estenden 23r und vmm̃e 24v ge‐ genüber, die ihrerseits als Ersatz für mit Tilde gewertet werden können. Diese Ersatzerschei‐ nung kann m. E. ebenfalls mit der lateinischen Abkürzungstradition in Verbindung gebracht wer‐ den. 5 Lautlehre und Orthographie 175 de. Solche Abkürzungsverteilung lässt sich durch den Platzmangel und Zeilenumbrü‐ che vor allem in den Randglossenbeiträgen begründen. – Beleg mit <ū> für Vollform entstanden durch Suspension: violentū593; – Belege mit <ū> für Vollform entstanden durch Kontraktion: warūme, darūme, herūme, Sūma Sūmarum, kūpt, stūme, nūmermehr, nūmer; – Belege mit <ū> für Vollform entstanden durch Kontraktion: ordenūge, jtzūdes, meinūge, gewūnē, vormanūge, frūtschop, drūcken, vordrūgē, myszhandelūge, vorgūt, vorwūde. Konsonantische Verwendung von , , 594 Die Schreibungen und für den stimmhaften palatalen Approximanten j kom‐ men im ‚Reynke Vosz de olde‘ in der prävokalischen Position vor Vokalen der hinte‐ ren Reihe und ihren Umlauten vor wie beispielsweise in juͤmmer, yar, juwen, Jo‐ doch.595 Seltener stehen und vor wie beispielsweise in yemande, Jeger, Jerusalem. Die i-Schreibung ist im konsonantischen Gebrauch nicht vertreten; das einzige anlautende ist im lateinischen Zitat in einer Randglosse belegt.596 In ers‐ ter Linie stehen die Zeichen und in prävokalischer Initialposition, dabei überwiegt eindeutig die j-Schreibung. Die y-Schreibung erscheint vorwiegend in Zi‐ taten in den Kapitelglossen, wobei ein möglicher Einfluss der (z. T. hochdeutschen) Vorlagentexte nicht auszuschließen ist. Dieser lässt sich leider nicht in jedem Einzel‐ fall nachvollziehen, sodass eine verallgemeinernde Aussage diesbezüglich nicht legi‐ tim wäre. Fremdsprachige Lexeme weisen ausnahmslos j-Schreibung auf. Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass das j-Zeichen aufgrund der Häufigkeit als Graphem zur Kennzeichnung des stimmhaften j gelten und das als seine graphi‐ sche Variante aufgefasst werden kann.597 – Beleg mit initial: iurgia; – Belege mit initial: Juwe, ja, Junge, Johan., jemande, jamer, juͤmmer, jaer, juw, Jeger, jure598, Jaherenn, jagen, Juͤtte, Jo, juwen, jungen, Jodoch, jammerlick, Jerusalem, Julius, Jacob, Justitia, Juristen, Junckfrouwen, juwer; 5.5.3 593 Lat. Beleg. 594 Zur konsonantischen Verwendung von , in ‚der-, die-, dasjenige‘ siehe Kap. 8.5.4.4. Vgl. zudem Kap. 5.4.4 Schreibung von j. 595 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 348; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 347-350, hier S. 347-348; Nybøle: Reynke de Vos, S. 131f. Ähnliche Phänomene sind auch für andere deutsche Varietäten charakteristisch. Zum konsonantischen Gebrauch von , , im Frühneuhochdeutschen vgl. u. a. Moser, Frühneuhochdeutsche Grammatik. I/1, § 18, S. 29 ff. Zu den Graphien , , vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 163, 165f. 596 Lat. Semper habet lites alternaq(ue) iurgia lectus. etc. 182r. 597 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 598 Im lat. Ausdruck Defensio est de jure naturali 26r. Teil II A Textinterne Analyse 176 – Belege mit initial: yemande, yamerlick, yar, yo, yuͤmmer, yuͤwerle, yamers; – Beleg mit medial an der Morphemgrenze: affgeyaget. Konsonantische Verwendung von , , , , , Stimmloser bzw. stimmhafter labialer Spirant f bzw. v kann im ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ je nach Position im Wort mit folgenden Zeichen wiedergegeben werden: , und , , und .599 Dabei steht für den stimmlosen Konsonanten f anlautend gewöhnlich das . In anlautenden Konsonantenverbindungen mit dem Laterallaut l und dem Vibranten r kommt verstärkt die f-Schreibung vor. Als lexem‐ gebunden ist die f-Schreibung für ‚Fürst‘ zu bewerten. In Fremdwörtern sowie latei‐ nischen und griechischen Personennamen ist auch die digraphische Schreibung vertreten, anlautend wie inlautend. Besonders selten ist die anlautende w-Schreibung. Die entsprechenden Belege wreueler 10r und wroͤgeth 15r sollen daher als Ausnahme betrachtet werden.600 In sonstigen Fremdwörtern kommt im Anlaut die f-Schreibung vor. Im Anlaut des zweiten Kompositionsgliedes oder der Stammsilbe in präfigierten Wörtern ist die u-Schreibung die üblichere. Diese tritt sowohl anstelle des , als auch des vor wie beispielsweise in mennichuoldigen, Woruan, daruan. Vereinzelt wird die f-Schreibung nach dem Präfix beibehalten wie beispielsweise in vorfolgen. Inlautend vor (s)t und direkt auslautend kommt ausschließlich die Doppel-f-Schrei‐ bung vor, nach kurzem wie langem Vokal, so beispielsweise in hefft, deeff, leeff. Das entspricht zumeist dem stimmhaften v im An- und Inlaut oder steht für den vormnd. Halbvokal w, wobei es inlautend ausschließlich in Konsonantenverbin‐ dungen sw601, dw, tw auftaucht. Ansonsten steht inlautend in intervokalischer Posi‐ tion das . Nach q kommt ausnahmslos das vor. Die w-Schreibung ist außer‐ dem für vormnd. auw, euw, ôw und mnd. ûw602 im In- und Auslaut charakteristisch und findet sich u. a. im Hiat.603 – Belege mit medial: lauelyken, Darneuen, Wulue, greuinck, bleuen, Auerst, weruen, kyuen, Aduocat, geue, teuen; – Belege mit medial an der Morphemgrenze: vnuro, Daruoͤr, geuoͤget, vnuorschamet, beuele, nauolgen, voruolginge; 5.5.4 599 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38-39, S. 52-55; Lasch, Mittelniederdeutsche Gram‐ matik, § 287-295; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 343-347; ebd. S. 360-367; Nybøle: Reynke de Vos, S. 126f.; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, Sp. 1424f. Zu den Graphien , , vgl. auch Prowatke, Zur Aus‐ bildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 163-166. 600 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 360-367, hier S. 361: „Dass die ungeschickte mnd. Or‐ thographie für v- manchmal w- setzt u. dgl., verdient kaum Erwähnung“. 601 Für mehr Beispiele siehe Kap. 5.4.8 Konsonantenverbindungen mit s. 602 Siehe dazu Kap. 5.3.10 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw. 603 Siehe dazu Kap. 5.4.1 Hiattilgung. Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 5 Lautlehre und Orthographie 177 – Belege mit medial in q + u: bequeme, Marquart, quesyt604, quyt, quidt, Lordenquacks, quade; – Belege mit initial: Fuͤrste, figuren, forderung, fynancerye, foͤrchten, fanget, Falckē; – Belege mit initial in fl, fr: fremde, frembt, Frygdanck, framen, frye, frucht, Frouwe, flittich; – Belege mit medial an der Wort- oder Morphemgrenze (neben u): eintfoldich, rechtfer‐ dygen, anfallen, entfan, gefunden, entfangen; – Belege mit initial: Vosz, vorstande, vorbetert, Van, vormodende, vangen, Velichte, van, vele, vaken, valsch; – Belege mit initial in vl, vr (neben f): vro, vryg, vrohe, vleysch; – Belege mit initial: Warheyt, wesent, wreueler, Wulff, wroͤgeth, wordt, wildt, Wor, wra‐ ke, wo, wycht, werlt, wolgeschickeden, wedder, wat, wil; – Belege mit medial: Ludowich, Antwerde, neͤwerle, – Belege mit medial an der Morphemgrenze: gewisz, vthwendigen, gewunnen, motwil‐ liger, gewroͤgeth, henwenden, vorweldynge, yegenwardich, vorwar; – Belege mit medial in sw: sweuen, swerdt, besweren, swerlick, Swertzenberg; – Belege mit medial in dw, tw: dwas, twischen, twen, twe, dwanck, twyntich, Twetuͤngyge; – Belege mit medial nach Diphthongen, Langvokalen und in Hiatposition: Truwe, juwe, vordouwen, kouwen, schuwe, Frouwe, ruwe, juwem, gruwelyken; – Belege mit final: juw, yuw; – Belege mit medial: effte, hefft, blifft, straffe, heffst, beschrifft, affen605, schaffen; – Belege mit medial an der Morphemgrenze: hoffgesinde, affmalet, Hoffdener, loͤfflike, droͤffnisse, affwesen; – Belege mit final: Hoff, daraff, wyff, Breff, staff, gaff, werff, halff, lyff, darff, groff, Ketyff, orloff; – Belege mit initial: Philippus, Philosophie; – Belege mit medial: Achitophels, Philosophie. Es lassen sich folgende Gesetzmäßigkeiten zur Verteilung des stimmlosen f und stimmhaften v festhalten:606 A) Stimmloses f steht direkt oder indirekt initial prävokalisch: – Belege mit : Fuͤrstendom, Fursten, faren, forderung, lichtferdicheit, vnrechtferdigen, foͤrchten, auerfallen, gefurdert, wolfart, erfaret, Feste, vorfolgen, Vmmefange, Falckē; – Belege mit : vormals, vorbetert, Vorwādeln, vormach, vorware, vorweruet, vyue, vormenget, vurdern, vindt, vangen, vormercken, vormeldet, vornamen, vardt, vinger, volgende; – Belege mit : mennichuoldigen, Woruan, Krasseuotes, wedderuor, gheuaren, beuoren, daruan, Rechteszuorstendygen. 604 Im lat. Zitat male quesyt male perdyt Bl. 18r. 605 Es fällt eine h-lose Schreibung affen auf. Überdies weist das Lexem einen mittelniederländischen Einfluss auf, der auf die Vorlage des Lübecker ‚Reynke de vos‘ zurückzuführen ist. 606 Vgl. Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 343-347, S. 360-367; Nybøle: Reynke de Vos, S. 126f. Die folgende Belegeauflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Teil II A Textinterne Analyse 178 B) Stimmloses f ist anlautend in vielen Lehnwörtern und Personennamen zu fin‐ den: – Belege mit : figuren, Fabel, fynantzerye, Fulius, Factionen; – Belege mit : Philippus, Philippides, Philosophie. C) Stimmloses f taucht im direkten sowie seltener indirekten Wortanlaut in den Konsonantenverbindungen f + Lateral l oder Vibrant r auf: – Belege mit : Frede, fruͤnde, fluͤt, radtfragede, frygh, froͤude, froͤmde, flaͤgel, fraem, freden, fruͤndtlick, framicheit, fragede; – Belege mit : vrouwe, vro, vloͤkede, vryem, vruntlick, vrohe, vleysch; – Belege mit : vnuro; – Belege mit : wreueler, wroͤgeth, wredest. D) Stimmloses f erscheint in intervokalischer Umgebung nach einem kurzen Vo‐ kal, u. a. in Lehnwörtern: – Belege mit : Benefitia; – Belege mit : Schuffelen, affecte; – Belege mit : Philosophie. E) Stimmloses f findet man selten in geminierter Position im Inlaut: – Belege mit : schaffet, straffet. F) Stimmloses f begegnet in unbetonter Silbe im Silbenanlaut, u. a. in Lehnwör‐ tern und fremdsprachigen Personennamen: – Belege mit : wreueler, Rusteuyll, twiuel; – Beleg mit : Achitophels. G) Stimmloses f steht inlautend vor (s)t: – Belege mit : hefft, vornufft, geluͤckhafftigesten, geloͤffte, efft, heffst, gifft, nablifft, dorhafftiger. H) Stimmloses f ist postvokalisch, aber auch nach l, r im direkten Wortauslaut (z. T. Auslautverhärtung) oder im Auslaut des ersten Kompositionsgliedes sowie im Silbenauslaut in suffigierten Derivaten und Präfixen belegt: – Belege mit : Vyff, Wulff, Ludolff, kaffporten, lyff, dreeff, anderwerff, vorderff, lefflick, affgemercket, affwesent, afftheen, Wyff, aff, gaff; – Belege mit : juw, yuw. I) w kommt ohne konsonantische Begleitung prävokalisch im betonten direkten oder indirekten Wortanlaut vor: – Belege mit : warnung, ware, Wedderumme, gewinnen, wurden, Welckeres, wyn, vthwendigen, wille, wynter, werck, auerwint, vorwynnen, wege, warhafftiges, vorwer‐ pet, etwes, wyttich, vorwyten, wasset. 5 Lautlehre und Orthographie 179 J) Vormnd. Halbvokal w erscheint initial in der Konsonantenverbindung w + Vi‐ brant: – Belege mit : wreken, wrake, gewraken, wreket. K) w findet sich anlautend postkonsonantisch nach initialem d, t, s, q: – Belege mit : swerent, twyerley, Swyn, dwas, vorswegen, mitswetzer, swacken, twi‐ schen, dwanck; – Belege mit q + : bequeme, quam, quidt, quemen, Lordenquacks, quade, quades, quaedt. L) Stimmhaftes v tritt inlautend intervokalisch nach einem langen Vokal sowie in Fremdwörtern: – Belege mit : Proͤwestyen; – Belege mit : Haue, Auericheit, beschriuinge, wyues, Lauet, vorbreuet, Ryuer, be‐ droueder, euentur, groue, houet, Liuia, Neuen, schyuen, vnberouet, diuinationes, Dom‐ proͤuen, entlyuen, rouet, Duuen. M) Vormnd. w erscheint inlautend intervokalisch nach einem langen Vokal, Diph‐ thong und / oder in der Hiatposition: – Belege mit : vntruwe, frowen, Louwen, nouwe, ruwe, buwet, ewich, juwen, Mer‐ ckenouwe, klowede, mouwen, naruwe, schuwe. N) Stimmhaftes v begegnet inlautend prävokalisch nach dem Laterallaut l und dem Vibranten r: – Belege mit : Wulue, suͤluest, halue, desuluigen, vorderuen, geweruen. Insgesamt ist festzuhalten, dass bei der Schreibung der Laute f, v im ‚Reynke Vosz de olde‘ eine erstaunlich große Variantenvielfalt mit mehr oder minder fakultativen Op‐ positionen vorliegt. Daraus lässt sich schließen, dass es dem Bearbeiter in diesem Fall an einer gefestigten Schreibkonvention gemangelt hat. Die w-Schreibung scheint eine besondere Stellung einzunehmen. Das tritt durchaus für v medial intervoka‐ lisch auf, aber nie für vormnd. w nach Diphthong oder in Hiatstellung. Die ph- Schreibung für das stimmlose f scheint ausschließlich für Lehnwörter und fremdspra‐ chige Personennamen reserviert zu sein. Die Verteilung der an- und inlautenden Vari‐ anten , und ist lediglich fakultativ. Die finale ff-Schreibung ist haupt‐ sächlich auf die Auslautverhärtung zurückzuführen. Schreibung von r Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begrenzt sich die Variantenvielfalt bei der Wiedergabe des Vibranten r auf insgesamt zwei Graphemvarianten. Es variieren das übliche gerade 5.5.5 Teil II A Textinterne Analyse 180 Häkchen-r und das gekrümmte (runde) 607, das aus der früheren Majuskelligatur falsch abgelöst und selbstständig wurde608, je nach ihrer Position im Wort. Häkchen-r Das gerade Häkchen-r kommt normalerweise in direkter initialer Position vor, kann aber auch in medialer und finaler Position erscheinen, sowohl alleinstehend, als auch in Konsonantenverbindungen, beim morphematisch bedingten Aufeinandertreffen von zwei r-Konsonanten, aber nicht in geminierter Stellung.609 Im Wortinneren und Wortauslaut folgt das Häkchen-r im Normalfall folgenden Konsonanten- und Vokal‐ buchstaben: a, aͤ, c, e, f, i, k, n, t, u, uͤ, seltener auch nach g, v und w. Ausnahmsweise findet man das Häkchen-r auch medial und final nach o: vor 27v, Cornelius 178r, wobei es sich beim letzten Beispiel um einen Eigennamen lateinischer Herkunft han‐ delt, der sich wie alle anderen lateinischen Wörter im Text durch eine von der Textty‐ pe sowie Auszeichnungstype abweichende Type unterscheidet.610 – Belege mit Häkchen-r initial: regeren, regimente, reyne, roͤken, richten, ropen, ruͤckeden, rade, rededen, redelyken; – Belege mit Häkchen-r medial: fremde, Truwe, figurert, varliken, creaturen, natuͤrliken, erem, frygen, Kreyne, froͤlich, Heren, geuaren, gisteren, swerlick, Tyrāne, part, honre, ver‐ ne, krege, vrede, wrachte; – Belege mit Häkchen-r + Häkchen-r medial: vnderrichtungen, vnderricht;611 – Belege mit Häkchen-r final: fruchtbar, ytzlyker, Walscher, Frantzosysscher, besunder, apenbar, edder, stolter, syner, logener, veer, enwaͤr, eventur, seer, Ryuer, vnder, sunder, dar, Dener, hoͤger, welcker, Ridder. 607 Bei der Textwiedergabe in allen Kapiteln außer Kap. 5.5.5 Schreibung von r wird diese graphische Variation des Originaltypeninventars aufgehoben und auf das Häkchen-r reduziert. Dies manifes‐ tiert sich dadurch, dass die beiden r-Grapheme zur Realisierung von Allophonen dienen, rein gra‐ phisch bedingt sind, keine weitere distinktive Funktion haben und somit rein druckästhetisch sind. Im Kap. 5.5.5 werden beide Grapheme zur Verdeutlichung der Besonderheiten der Graphemwahl abhängig von ihrer Position im Wort getrennt wiedergegeben. 608 Kirchner: Germanistische Handschriftenpraxis, S. 20; Svenson: Nordisk paleografi, S. 37, Fn. 8; Nybøle: Reynke de Vos, S. 98; Foerster / Frenz: Abriss der lateinischen Paläographie, S. 245; ebd. S. 237, Fn. 47; Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten, S. 44. Zur Verwendung von zwei r-Zeichen bei Dietz vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 176-177, 188. 609 Organische Gemination wäre in ‚Irrtum, Verwirrung‘ zu erwarten. ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt in diesem Fall jedoch nur einfache Konsonanz: erdoͤm 177r. Das betroffene Lexem liegt jedoch außer‐ halb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes. 610 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 611 Weitere Belege liegen außerhalb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes, beispielsweise auerredet 57v. 5 Lautlehre und Orthographie 181 Ligatur-r Das gekrümmte erscheint in medialer oder finaler Position.612 Beim Aufeinan‐ dertreffen von zwei r-Buchstaben an der Morphemgrenze taucht das gekrümmte nur in Verbindung mit dem nachstehenden geraden auf.613 Das runde wird fast ausnahmslos nach den Konsonantenzeichen b, d, g, h, p, v, w und ihren Konso‐ nantenverbindungen verwendet, nach Klein- wie nach Großbuchstaben. Nach den folgenden Vokalzeichen findet man vorwiegend auch das gekrümmte Ligatur-r: o, oͤ, y. Diese Beobachtung stimmt mit den Ausführungen Foersters / Frenz’ und Schnei‐ ders614 überein. So heißt es bei Foerster / Frenz, dass „[das] rund[e] r nach den nach rechts bindungsfähigen Buchstaben“ verwendet wird, d. h. nach o, b, d, p, sowie teil‐ weise nach h, v, w, y, x und con.615 – Belege mit gekrümmtem medial: vorstande, gedrucket, gebruck, Torne, Hyrmit, Horatij, sprickworde, Dryuen, orsake, Vorder, vrede, bringet, gebruk, vramen, droͤffnisse, wreken, brodt, predictiones, practiceren, Processie, dranck, dryster, bedregen, vorhindern, schryfft, sprack, gepryset; – Belege mit gekrümmtem + Häkchen-r medial: Vorrede, vorradent, vorrederye;616 – Belege mit gekrümmtem final: daruor, thor, Hyr. Insgesamt konnte festgestellt werden, dass die Distribution der r-Grapheme im Un‐ tersuchungstext regelmäßig und offensichtlich rein graphisch bedingt ist und die Schwankungen im positionsbedingten Graphemgebrauch marginal sind. Schreibung von s Im ‚Reynke Vosz de olde‘ stehen folgende Grapheme und Graphemverbindungen zur Kennzeichnung des stimmlosen bzw. stimmhaften alveolaren Spiranten s (s, z) zur Verfügung617: kleines (kurzes) rundes , langes <ſ> mit einem unter die Zeile ver‐ längerten Schaft, die ‚geschwänzte‘ Form des <ʒ> mit einem Bogen unter der Zei‐ 5.5.6 612 Direkt initial steht das runde nur in rc, wobei es sich hier um Abkürzung für ‚et cetera‘ mit tironischem Et, d. h. um eine dem gekrümmten ähnliche Glyphe, handelt. Vgl. dazu Mentz: Beiträge zu den Tironischen Noten im Mittelalter, S. 7. 613 Die Konsonantenkombination taucht ebenfalls einmal in organischer geminierter Stellung auf, je‐ doch außerhalb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes: Gomorra 66v. 614 Vgl. Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten, S. 44: „Das runde r aus der or-Ligatur wird in der 2. Jahrhunderthälfte zunehmend auch nach anderen Bögen wie b, d, p und im späteren 13. Jahrhundert auch nach anderen Buchstaben wie v und a geschrieben“. 615 Foerster / Frenz: Abriss der lateinischen Paläographie, S. 237. 616 Weitere Belege liegen außerhalb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes, beispielsweise vorrichten 40r, vorreth 111v. 617 Bei der Textwiedergabe in Kap. 5.5.6 wird die graphische Variation zur Verdeutlichung der Beson‐ derheiten der Graphemwahl originalgetreu wiedergegeben. Zur Vereinheitlichung der s-Schreibung sowie zur Begründung der Reduktion im Weiteren siehe Zusammenfassung zu Kap. 5.5.6. Teil II A Textinterne Analyse 182 le618, Eszett-Ligatur <ſʒ>619, <ʒſ>, Doppel-ſ sowie großes rundes .620 Es kommt eine relativ deutliche positionsbedingte komplementäre Graphemverteilung zum Vor‐ schein, die jedoch Ausnahmen kennt. Das kleine runde erscheint fast ausschließlich im direkten Wortauslaut. Sel‐ ten kommt das runde auch im Wortinneren vor, allerdings nur in Komposita an der Wort- bzw. Morphemgrenze. Das lange <ſ> steht sowohl am Wortanfang, als auch im Wortinneren, wobei es im Wortinneren zwischen zwei Positionen zu unter‐ scheiden gilt. Einerseits ist es das Schaft-ſ, das aus dem Anlaut durch Präfigierung oder Kompositabildung in den Wortinlaut gerückt ist, andererseits das eigentliche <ſ> im Inlaut. Das Doppel-ſ kommt ausschließlich im Wortinneren vor und alterniert u. a. mit dem finalen <ſz>, wie beispielsweise in Voſſe (medial) versus Voſz (final). Zwei kleine runde folgen im ‚Reynke Vosz de olde‘ nie aufeinander. Die ſz-Liga‐ tur gehört überwiegend in den In- und Auslaut, äußerst selten findet man die Eszett- Ligatur auch im Anlaut. Ebenfalls selten tauchen andere Schreibvarianten wie media‐ le Graphemkombination in Rozſtock 1r und das mediale in loze 43v und seltzam 232r auf.621 Morphematisch betrachtet stellt die finale ſz-Ligatur immer einen Teil der Wurzel dar, während das auslautende sowohl dem Suffix, als auch der Flexion gehören kann oder aber auch ein Teil der Wurzel ist, beispielsweise graſz : was 9r. Die media‐ le Eszett-Ligatur alterniert mit dem langen Doppel-ſ, vor allem im Präfix ‚miss-‘. Eine lexemgebundene ſz–Schreibung ist für wyſz 17v und wyſzheit 1v festzustel‐ len.622 – Belege mit initial: Syne, Saedt, So, Segele, Suwe, Sunder, Seeth, Sassen, Sommer, Synt; – Beleg mit medial an der Morphemgrenze: Gadesfoͤrchte; – Belege mit final: wandages, ys, ſtedes, danckes, Malepartus, Achitophels, dagelykes, ylendes, vordels, gudes, alles, Regimentes, handels, Gades, Eutrapeles, anders; 618 Im Weiteren wird das <ʒ> durch z wiedergegeben, allein, in Ligaturen oder Graphemverbindungen. 619 Die Eszett-Ligatur <ſʒ> wird durch die Graphemkombination Schaft-ſ + z wiedergegeben und nicht durch den Ligaturbuchstaben ß mit monographematischer Geltung aufgelöst. 620 Zu den Besonderheiten der Konsonantenverbindungen mit s vgl. Kap. 5.4.8 Konsonantenverbin‐ dungen mit s. 621 Die prävokalische anlautende und intervokalische z-Schreibung für den stimmlosen, v. a. aber stimmhaften Spiranten s gilt als Kennzeichen des Frühmittelniederdeutschen und soll typisch für westliche Sprachlandschaften sein, kommt jedoch laut Lasch, Peters u. a. auch in den späteren Phasen vor. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 330; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 163-165; Peters, Katalog sprachlicher Merk‐ male I, S. 74 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 51]; Fedders, Die Schreibsprache Lem‐ gos, S. 218-219; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 172f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 394; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 130ff.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 105-107; ASnA, Bd. I, Karte 43 ‚Sohn: Anlaut‘. Zur s-Schreibung bei Dietz vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-171, 174-176. 622 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 5 Lautlehre und Orthographie 183 – Belege mit <ſ> initial: ſo, ſyn, ſe, ſake, ſegge, ſunder, ſelden, ſach, ſuͤlff, ſeer, ſyth, ſorge, ſolcke, ſee, ſubtyle; – Belege mit <ſ> medial an der Morphemgrenze: geſettet, beſeten, hoffgeſinde, angeſichte, ynſeten, vorſeet; – Belege mit <ſ> medial: lyſt, vnſe, Jſrael, Jeruſalem, Eſaias, orſake, loſe, Horſt, Wyſen, Chriſten, alſe, geweſen, loͤſede, Juriſten, beſte, Deſto; – Belege mit medial (neben ſ medial): boͤze, alzo, loze, seltzam; – Belege mit <ſſ> medial: deſſe, myſſedadt, yſſet, Saſſen, braſſen; – Belege mit <ſz> initial (neben ſ initial): ſzo, ſzyner, ſzyne, ſze; – Belege mit <ſz> medial an der Morphemgrenze (neben s medial, ſ medial und ſſ medial): deſzgelyke, Morſzheim, myſzdaet, myſzlich, wyſzheit, myſzehandelinge, boeſzheit; – Belege mit <ſz> final: Wackerloͤſz, loſz, wyſz, suſz, Voſz, froſz, befroeſz, loeſz, huſz, groſz, grundeloſz; – Beleg mit medial (neben ſ medial): Rozſtock. Die Analyse zur Distribution von stimmlosem s und stimmhaftem z zeigt, dass die Verteilung folgenden Regeln unterliegt:623 A) Stimmloses s steht in anlautenden Konsonantenverbindungen mit Ausnahme von bereits zur š-Aussprache übergegangenen Verbindungen.624 B) Stimmloses s findet sich inlautend in stimmlosen Konsonantenverbindungen und in geminierter Stellung: – Belege mit <ſ>: lyſt, vaſt, denſtlick, Areſtotelis, luſtich, meyſterynne, guͤnſtige, groͤueſte, ernſtlick, Fuͤrſte, ſuͤlueſt, Demoſtenes, erſten, Veſten, Arſtedye; – Belege mit <ſſ>: Voſſe, deſſer, gelickniſſe, deſſe, yſſet, Saſſen, braſſen; – Beleg mit : Rozſtock. C) Stimmloses s taucht im Wortauslaut sowie im ursprünglichen Silbenauslaut auf: – Belege mit : ys, vormals, ytzundes, des, Regements, auers, Philippus, Demoſtenes, nichtes, rykedoms, yammers, Eraſmus Alberus, ſpotters; – Belege mit <ſz>: gewiſz, Voſz, wyſzheit, graſz, deſzgelyke, laſz, Malepertuſz, huſz, groſz, grundeloſz, Muſz. D) Stimmhaftes z findet man anlautend prävokalisch:625 – Belege mit <ſ>: ſeltzen, ſidlikem, ſyner, ſolcker, ſoͤken, ſede, ſege, ſyck, ſichtbarlyke, ſyn, ſynt, ſampt, ſo, ſunder, ſuͤluest, ſe, ſomtides, ſorge; – Belege mit <ſz>: ſzo, ſzyner, ſzyne, ſze, ſzoͤne. 623 Vgl. auch Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 367-373. Die folgende Auflistung hat ledig‐ lich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 624 Zu den Besonderheiten der Konsonantenverbindungen mit s vgl. Kap. 5.4.8 Konsonantenverbin‐ dungen mit s. 625 Als Majuskel findet sich anlautend ausschließlich das große runde S: Sampt, Solckes, Soen, Syne, Summa Summarum. Teil II A Textinterne Analyse 184 E) Stimmhaftes z tritt inlautend postkonsonantisch prävokalisch an der Wort- bzw. Morphemgrenze auf, wenn es durch Präfigierung, Suffigierung o. Ä. vorwiegend aus der Anlautposition in den Inlaut gerückt ist: – Belege mit <ſ>: godſeligem, vororſaket, Orſake; – Belege mit : doͤgetzame, ſeltzam. F) Stimmhaftes z kommt im Inlaut intervokalisch vor, u. a. an der Morphemgren‐ ze, wenn es durch Präfigierung aus der Anlautposition in den Inlaut verschoben wurde: – Belege mit <ſ>: byſyden, Leſer, Frantzoſyſſcher, vnderwyſungen, geſehen, Vnan‐ geſehen, beſunder, weſent, wyſen, erloͤſet; – Belege mit z: orloze, boͤze, loze. G) Stimmhaftes z erscheint inlautend prävokalisch nach den Nasalkonsonanten n, m, dem Laterallaut l oder nach dem Vibranten r:626 – Belege mit <ſ>: alſe, vnſe, Athenienſern, alſus, alſo, vnſem; – Belege mit : alzo, loze. Es ließ sich zeigen, dass die Verteilung der s-Grapheme und -Graphemverbindungen einerseits einem graphischen Prinzip unterliegt und positionsbedingt ist und dass die graphischen Varianten andererseits komplementär verteilt sind. Die Eszett-Ligatur sowie beide anderen Schreibvarianten mit marginaler Bedeutung (, ) können wohl als Verzierung aufgefasst werden. Affrikate ts Aufgrund der Tatsache, dass das Mittelniederdeutsche die althochdeutsche Lautver‐ schiebung nicht mitgemacht hat, ist in norddeutschen Texten generell keine dentale Affrikate ts zu erwarten. Unter fremdsprachigem Einfluss jedoch kann dentales ts auch in mittelniederdeutschen Texten erscheinen.627 Die stimmlose alveolare Affrikate ts wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ mit folgen‐ den Graphen und -kombinationen in der Schrift realisiert: , , , und . Anlautend findet man häufiger die Schreibungen und , inlautend sind die Schreibungen und stark vertreten, wobei die letztere morphemgebunden ist. Im direkten Wortauslaut findet man ausschließlich die tz-Schreibung, wie aus den folgenden Beispielen ersichtlich: – Belege mit initial: Ceremonien (1), Cesar (3), Cicero (1); – Belege mit medial: Placebo (3), nocet (1), Luciper (1); 5.5.7 626 In ‚Reynke Vosz de olde‘ findet man zwar keine Belege mit Konsonantenverbindungen -mſ- und -rſ- im Inlaut, jedoch wären Formen wie beispielsweise verſe oder amſel durchaus möglich. 627 Mehr zur Affrikate ts im Mittelniederdeutschen und ihrer schriftlichen Realisierung vgl. Lübben 1882, 59f.; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 374-379; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 165f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 128. 5 Lautlehre und Orthographie 185 – Belege mit medial: pelze (1); – Belege mit initial: Czegenbock (1), Czeg (1), czyrliken (1), czaghafftich (1); – Belege mit medial: gantze (10), Frantzosysscher (1), ytzundes (18), ytzigen (6), Vosz‐ schwentzer (1), Finantzer (1), ytzundt (4), Swartzenberch (3), Jtzundes (3), glantze (1), fy‐ nantzerye (2), Hyntze (23), Cratzeuoth (1), Voszswentzer (1), Switzer (1), jtzigen (2), jtzun‐ des (11), Frantzoͤsz (1), jtzūdes (3), jtzund (1), swetzer (1), swantze (1), seltzen (1), katzē (1), kratzē (1), vosschwentzet (1), vratzygen (1), vortzaget (1), vortzage (1), gantzen (6), Hyntzē (1), Hyntzen (4), vratzige (1), gereitzet (1), Swartzenberg (1), vpsatzigen (1), Vos‐ swentze (1), jtzundt (1), dantzede (1), dantzen (1), dantzēnt (1), dantzeden (1), Vosswētzer (1), trotzigem (1), swatzet (1), ytzigē (1), jtzundt (1), ytzigen (4), swatzen (1), reytzen (1), Swertzenberch (1), Rentzel (3), swetzige (1), ytzigē (1), Swertzenberg (1), Vosswentzer (1), Cantzeler (1), Vosswetzeren (1), ytzundt (3), trotzich (1), seltzener (1); – Belege mit medial an der Morphemgrenze: ytzlyker (1), Spytzhoͤde (3), Spytzhoͤe (1), ytzlicker (1), vpsatzlich (1), jtzliker (1), jtzliken (1), ytzlick (10), gentzlyken (1), jtzlick (7), ytzlyke (1), jtzlyken (1), vortzaget (2), vortzagen (3), vortzagen (2), vnuortzaget (2), vort‐ zage (1), spytzhoͤden (1), Spytzhoed (1), ytzliker (1); – Belege mit final: Dyetz (1), gantz (65), dantz (2), Lantz (1), Hoffdantz (1); – Belege mit medial: predictiones (1), Factionen (1), Legation (2), perturbation (1). Die stimmlose alveolare Verbindung ts lässt sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ in allen Stellungen (anlautend, inlautend, auslautend) finden. Es lassen sich dabei folgende Gesetzmäßigkeiten beim Auftreten der ts-Affrikate feststellen:628 A) ts steht initial prävokalisch: – Belege mit : Ceremonien, Cesar; – Belege mit : Czegenbock, czaghafftich. B) ts ist medial nach Nasal zu finden: – Belege mit : Frantzosysscher, Hyntze, swantze, seltzen, dantzede; – Beleg mit : pelze. C) ts erscheint medial prävokalisch: – Belege mit : nocet, Luciper; – Beleg mit : jtzigen. D) ts kommt medial an der Morphemgrenze vor: – Belege mit : Spytzhoͤde, vpsatzlich, vortzaget. E) ts steht medial in Suffixen: – Belege mit : predictiones, Factionen, Legation, Benefitia, perturbation, Justitia. 628 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Teil II A Textinterne Analyse 186 F) ts tritt final nach Nasal auf: – Belege mit : gantz, dantz, Lantz, Hoffdantz. G) Selten erscheint die Affrikate ts auch final postvokalisch: – Beleg mit : Dyetz. Insgesamt fällt auf, dass beinahe alle betroffenen Lexeme mit ts fremden, also (spät)lateinischen oder hochdeutschen Ursprungs sind oder zumindest in der Schrei‐ bung hochdeutsch interferiert sind:629 – hd. Lehnwörter: gantz, Czegenbock, Czeg, pelze, vortzage, mitswetzer, trotzigem, czag‐ hafftich; – lat. Lehnwörter: fynancerye, Conscientien, Placebo, Lectien, predictiones, Excipiert, Cant‐ zeler. Im Übrigen handelt es sich wohl um Sandhierscheinungen630 bei Zusammenrückun‐ gen von ursprünglichen Dentallauten d / t + s wie beispielsweise in seltzen, Hyntze. 629 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 630 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 374f. 5 Lautlehre und Orthographie 187 Formenlehre Verbalflexion Einheitsplural der Verben im Präsens Indikativ Die einheitliche Endung im Plural Präsens Indikativ der Verben gilt als charakteristi‐ sches Kennzeichen des Niederdeutschen. Es besteht eine Variation zwischen den En‐ dungen auf -et und -en. Überwiegend auf -et endet der sogenannte Einheitsplural in den frühen Texten des niederdeutschen Stammlandes. Im Kolonisationsgebiet wird dagegen die einheitliche Endung -en bevorzugt. Diese Form setzt sich allmählich als dominante Variante im gesamten niederdeutschen Sprachraum durch und erscheint im 15. Jahrhundert im ganzen Norden. Die Endung -et wird jedoch niemals ganz ver‐ drängt. Das Westfälische bildet auch in diesem Fall eine Ausnahme und wird von dieser vom Norden ausgehenden Entwicklung nicht erfasst, die Endung -en dringt hier von Südwesten her ein. Insbesondere in der frühmittelniederdeutschen Phase gilt als typisches Merkmal des Westfälischen darüber hinaus die Endung auf -ent in der 3. Person Plural Präsens Indikativ.631 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird der Plural der Verben im Präsens Indikativ durch‐ gehend mit -en gebildet. Es lassen sich keine Ausnahmen mit der -et-Schreibung fin‐ den. 6 6.1 6.1.1 631 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 89-93; Jostes, Schriftsprache und Volksdialekte, S. 88; Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 106-110, 113-120; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 341 Anm. 3; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 217, 419, 439 Anm. 1; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 233-237; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 145ff., 204ff.; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 21-24; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 70f.; Frings, Geschichte der deutschen Sprache, Karte 47, S. 137; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 9f., 15-20; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 77f.; Bischoff, Mittelalterliche Überlieferung und Sprach- und Siedlungsgeschichte im Ostniederdeutschen, S. 291; Niebaum, Zur synchroni‐ schen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 282; Peters, Mittelniederdeutsche Spra‐ che, S. 82, 101; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 75 [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 52f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 224f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1434f.; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1478, 1481f., 1484, 1486; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 174-176; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 396; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 109-111; ASnA, Bd. I, Karte 45 ‚Verbaler Einheitsplural: bekennen, geloben, haben, tun, wollen (1. Pl. Ind. Präs.)‘, Karte 46 ‚Verbaler Einheitsplural: haben, stehen, wollen (3. Pl. Ind. Präs.)‘, Karte 47 ‚Ver‐ baler Einheitsplural: sehen, hören (3. Pl. Ind. Präs.)‘. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-At‐ las Deutsche Sprache, S. 158 (Karte). 189 Plural der Präteritopräsentia im Präsens Indikativ Die indikativischen Formen der Präteritopräsentien kennzeichnen sich ebenfalls durch die einheitliche Pluralendung, jedoch lautet die regionsübergreifende Mehr‐ heitsvariante bereits in der frühmittelniederdeutschen Periode -en. Die -en-Endung ist damit zu erklären, dass die Präteritopräsentien historisch gesehen Präteritalformen starker Verben darstellen. Wie Agathe Lasch bemerkt, schließen sich „[d]ie praeteri‐ to-praesentia, denen ursprünglich -en zukommt, [...] früh an die übrigen verben an und zeigen im 14. jh. schon oft -et wie diese.“632 Mit anderen Worten, handelt es sich bei den indikativischen Pluralendungen der Präteritopräsentien auf -et um Analogie‐ bildungen nach dem bekannten Muster der anderen finiten Verbformen. Die geogra‐ phische Verteilung sieht demnach folgendermaßen aus: die -et-Endung findet sich si‐ gnifikant häufiger in westfälischen, ostfälischen und nordniedersächsischen, aber nicht ostfriesischen Texten. Im niederdeutschen Neuland sind -et-Formen eher eine Seltenheit. Diese können entweder auf den westniederdeutschen Einfluss zurückge‐ führt werden oder aber auch als niederländisch633 oder hochdeutsch634 induzierte Formen bewertet werden, was insbesondere für die späte Phase des Mittelniederdeut‐ schen zutrifft.635 Für ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ein fast durchgehender -en-Gebrauch festzustellen. Varianz bietet ausschließlich das Präteritopräsens ‚sollen‘, wobei auch hier die Pluralendung -en augenscheinlich dominiert. – Belege für ‚gönnen‘: gunnen 3. Pers. Pl. (1); – Belege für ‚können, kennen‘: koͤne 1. Pers. Pl. (Inversion) (1), koͤnen 2. Pers. Pl. (2), koͤnen 3. Pers. Pl. (9), koͤnen 1. Pers. Pl. (1), koͤnen 1. Pers. Pl. (Inversion) (1); – Belege für ‚können, mögen‘: moͤgen 3. Pers. Pl. (11), moͤghe 2. Pers. Pl. (Inversion) (1), moͤgen 1. Pers. Pl. (4), moͤge 2. Pers. Pl. (Inversion) (6), moͤgen 2. Pers. Pl. (4), moͤgē 2. Pers. Pl. (1), moͤge 1. Pers. Pl. (Inversion) (1); – Belege für ‚müssen‘: moͤthent 3. Pers. Pl. (kontr.) (1), moͤthen 3. Pers. Pl. (4), moͤten 3. Pers. Pl. (1), moͤte 2. Pers. Pl. (Inversion) (1), moͤthe 1. Pers. Pl. (Inversion) (1), moͤtē 1. Pers. Pl. (1), moͤten 1. Pers. Pl. (1), moͤthen 1. Pers. Pl. (1), mothen 3. Pers. Pl. (1), moͤthe 2. Pers. Pl. (Inversion) (1); – Belege für ‚sollen‘: scholen 3. Pers. Pl. (1), schoͤle 2. Pers. Pl. (Inversion) (1), schoͤlen 3. Pers. Pl. (2), schoͤle 1. Pers. Pl. (Inversion) (1), Schole 1. Pers. Pl. (Inversion) (1), scholt 2. Pers. Pl. (1), schoͤlt 2. Pers. Pl. (1); – Belege für ‚wissen‘: weten 3. Pers. Pl. (8), wete 2. Pers. Pl. (Inversion) (2), weten 2. Pers. Pl. (2), weth 1. Pers. Sg. (1). 6.1.2 632 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 419, S. 226f., hier S. 227. 633 Van Loey, Schönfelds historische grammatica, § 142, S. 168-170. 634 Schmidt, Geschichte der deutschen Sprache, S. 241, 243. 635 Jostes, Schriftsprache und Volksdialekte, S. 89; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 419; Pe‐ ters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 75 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 53]; Fed‐ ders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 225f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1434f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 396f. Teil II A Textinterne Analyse 190 Partizip Präteritum Im Frühmittelniederdeutschen schwankt die Bildung des Partizip Präteritum zwi‐ schen der Bildung mit und ohne Präfix ge-/ghe-. In der Regel erscheinen Formen oh‐ ne Vorsilbe, wobei dies besonders konsequent im nordniederdeutschen Sprachareal geschieht. Im Laufe des 15. Jahrhunderts gelingt es den präfigierten Formen des Par‐ tizip Präteritum sich schreibsprachlich im gesamten niederdeutschen Sprachraum durchzusetzen. Im „klassischen“ Mittelniederdeutschen kommen demzufolge am häufigsten Präfigierung mit ge-/ghe- vor, als Minderheitsvariante gilt Vorsilbe e-.636 Gesondert zu betrachten sind die Verteilungsmuster der Verben ‚bringen‘, ‚finden‘, ‚kommen‘, ‚treffen‘ und ‚werden‘, da bei ihnen die Schreibung mit oder ohne ge-/ ghe- womöglich anders ausfällt als bei den anderen Verben. Dies liegt darin begrün‐ det, dass diese Verben bereits im Mittelhochdeutschen regelhaft ohne Präfix ge-/ghegebildet werden, wo ansonsten kein Präfixschwund beim Partizip Präteritum vorliegt. Möglicherweise liegt das an dem verbindenden Element der Perfektivität. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ scheint die Bildung des Partizip Präteritum mit Präfix ge- der Normalfall zu sein. Sowohl starke als auch schwache Verben erscheinen mit Präfix ge- (276 bzw. 267) bzw. ghe- (4 bzw. 3). Dies betrifft im gleichen Maße Ver‐ ben mit einer Partikel (40 bzw. 48) wie nicht präfigierte (240 bzw. 222). Äußerst sel‐ ten findet man nicht präfigierte Partizipien des Präteritums (3). Diese scheinen lexemgebunden oder auf die lateinischen Entlehnungen beschränkt zu sein, wobei auch hier eine Ausnahme existiert: Der Latinismus geregert erscheint mit perfekti‐ vem Präfix. – lexemgebundener Beleg für das Part. Prät. ohne ge-: bunden (1); – aus dem Lateinischen entlehnte Belege für das Part. Prät. ohne ge-: Figurert (1), studert (1); – aus dem Lateinischen entlehnter Beleg für das Part. Prät. mit ge-: geregert (1). Für die Verben ‚bringen‘, ‚finden‘, ‚kommen‘ und ‚werden‘ sieht die Verteilung637 folgendermaßen aus: Für die Verben ‚bringen‘ und ‚finden‘ erscheinen ausschließlich präfigierte Formen, während ‚kommen‘ und ‚werden‘ sowohl präfixlose als auch prä‐ figierte Partizipien des Präteritums aufweisen, wobei die letzteren im Untersu‐ chungstext eindeutig überwiegen. – Belege für das Part. Prät. von ‚bringen‘ mit ge-: gebracht (15), vorgebracht (1), Ghebracht (1), angebrachte (1), anghebrachte (2), vmmegebracht (1); – Belege für das Part. Prät. von ‚finden‘ mit ge-: gefunden (2); 6.1.3 636 Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 151 Anm. 6; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 221.VI; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 151-156; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 64; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 78f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 75f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 53]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 226-228; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 177-179; Roolfs, Der ‚Spieghel der ley‐ en‘, S. 397f.; ASnA, Bd. I, Karte 48 ‚geben (Part. Prät.)‘ und Karte 49 ‚kommen (Part. Prät)‘. 637 Es konnten keine Belege für das Verb ‚treffen‘ ermittelt werden. 6 Formenlehre 191 – Belege für das Part. Prät. von ‚kommen‘ ohne ge-: kamen (2), komen (1); – Belege für das Part. Prät. von ‚kommen‘ mit ge-: gekamen (19), vpgekamen (1), herge‐ kamē (1), gekomen (2), yngekamen (1); – Belege für das Part. Prät. von ‚werden‘ ohne ge-: worden (2), worden638 (2); – Belege für das Part. Prät. von ‚werden‘ mit ge-: gheworden (1), geworden (5). 2. und 3. Person Singular Präsens Indikativ der 2. Ablautreihe In der 2. Ablautreihe gibt es Variation zwischen den Realisierungen der indikativi‐ schen Präsensformen der 2. und 3. Person Singular. Die Variation kommt zum Teil durch die stattgefundenen Ausgleichsprozesse, aber auch durch den potentiellen mit‐ telniederländischen Einfluss zustande. In der Regel zeigen die Verben der 2. Ablaut‐ reihe bei den Präsensformen der 2. und 3. Person Singular den Vokal ü̂. Da in der vormittelniederdeutschen Zeit eo und iu im Präsens Indikativ der 2. Ablautreihe al‐ ternieren, kommt es im Mittelniederdeutschen zur Analogiebildung durch den Ein‐ fluss der 1. Person Singular, die Pluralformen und den Infinitiv. So wechseln in der 2. und 3. Person Singular mnd. ü̂ < westgerm. iu und ê4 < westgerm. eo. Unter mittel‐ niederländischem Einfluss erscheint v. a. im Westen des niederdeutschen Sprach‐ raums auch i-Laut, sodass i-, y- und ie-Schreibungen möglich sind. Ferner kommen und anstelle des ê-Lauts im Südmärkischen und Elbostfälischen vor.639 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sind ausschließlich die Formen mit und be‐ legt, wobei die letzteren überwiegen, sodass man daraus schließen kann, dass der Ausgleich des Stammvokals zu ê nicht durchgeführt wurde: – Belege für das Verb ‚-bieten‘: gebuͤt 3. Pers. Sg. (1), erbuͤth (syck) 3. Pers. Sg. (2), gebuͤth 3. Pers. Sg. (1), Vorbuͤtstu 2. Pers. Sg. (1); – Belege für das Verb ‚lügen‘: luͤcht 3. Pers. Sg. (2), lucht 3. Pers. Sg. (1), belucht 3. Pers. Sg. (1); – Belege für das Verb ‚-trügen‘: bedruͤcht 3. Pers. Sg. (6). Einige Verben, die zur 5. Ablautreihe gehören, schließen sich in den Formen den Ver‐ ben der 2. Ablautreihe an. Agathe Lasche begründet das damit, dass diese Verben (sên, (ge)schên, jên) im Infinitiv mit den Verben der 2. Ablautreihe übereinstimmen und deswegen auch die weiteren präsentischen Formen dieser annehmen.640 6.1.4 638 Als Teil eines dreigliedrigen Prädikats (Passiv oder Zustandspassiv): synt … rechtferdich erholden worden Bl. 26v; sint … angelopen vnd gestott worden Bl. 130r. 639 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 57; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementar‐ buch, §§ 319-322; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 426; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 143-145; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 76 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 53]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 228; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 179; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 398f. 640 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 426 Anm. 2; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 399. Teil II A Textinterne Analyse 192 – Belege für das Verb ‚geschehen‘: geschuͤt 3. Pers. Sg. (6), Geschuͤth 3. Pers. Sg. (5); – Belege für das Verb ‚-sehen‘: suth syk 3. Pers. Sg. (1), suͤth 3. Pers. Sg. (6), ansuͤth 3. Pers. Sg. (1), suͤt 3. Pers. Sg. (2). 2. und 3. Person Singular Präsens Indikativ der 4. und 5. Ablautreihe Die Verben der 4. und 5. Ablautreihe weisen Variation bei den indikativischen Prä‐ sensformen der 2. und 3. Person Singular auf, abhängig davon, welche lautliche Ver‐ änderung zuerst stattgefunden hat. Der ursprüngliche Kurzvokal wird beibehalten, wenn die Synkopierung des Endsilbenvokals älter als die Tondehnung ist und eine geschlossene Silbe vorliegt. Tritt die Tondehnung bzw. Tondehnung vor der Synko‐ pierung ein, wird der vormittelniederdeutsche Vokal gedehnt und gegebenenfalls ge‐ senkt. In diesem Fall kommt es zu tonlangen Vokalen ē und ō in der 2. und 3. Person Singular. Eine darauffolgende Konsonantenverbindung kann eine Vokalkürzung in geschlossener Silbe hervorrufen. Die beiden letzteren Formenvarianten weisen vor allem auf den Westrand des mittelniederdeutschen Sprachareals und auf das Südmär‐ kische hin.641 Die 2. Person Singular ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ kaum belegt, es finden sich jedoch zahlreiche Belege für die 3. Person Singular. Dabei lässt sich ein Nebeneinan‐ der von kurzvokalischen und tongedehnten Formen beobachten. Für die Verben ‚kommen‘ und ‚nehmen‘ lässt sich zudem anmerken, dass hier die synkopierten For‐ men mit eingeschobenem epenthetischem p zwischen m und Dental eindeutig domi‐ nieren. Insgesamt lässt sich eine Tendenz zur Synkopierung mit anschließender Kür‐ zung sowohl für die 4. als auch für die 5. Ablautreihe festhalten. Belege für die 4. Ablautreihe: Belege mit Kurzvokal und epenthetischem p: – ‚-kommen‘: Kumpt 3. Pers. Sg. (20), kumpt … vth 3. Pers. Sg. (1), vthkumpt 3. Pers. Sg. (1), kumpstu 2. Pers. Sg. (2), herkumpt (1); – ‚-nehmen‘: nimpt aff 3. Pers. Sg. (1), nympt 3. Pers. Sg. (6), nimpt 3. Pers. Sg. (2), annimpt 3. Pers. Sg. (1), vornimpst 2. Pers. Sg. (1), thonimpst 2. Pers. Sg. (1), an‐ nympt 3. Pers. Sg. (1), nympstu 2. Pers. Sg. (3), nympt … aff 3. Pers. Sg. (1), nympt … tho 3. Pers. Sg. (1); 6.1.5 641 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 53ff.; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementar‐ buch, §§ 326f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 428f.; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 168-174; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 76 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 54]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 229; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 179-181; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 399f. 6 Formenlehre 193 Belege mit Kurzvokal: – ‚brechen‘: bricket 3. Pers. Sg. (1); – ‚-nehmen‘: nymmet syck … an 3. Pers. Sg. (1); – ‚sprechen‘: sprickt 3. Pers. Sg. (2); Belege mit Tondehnung: – ‚brechen‘: breket 3. Pers. Sg. (1); – ‚gebären‘: gebert 3. Pers. Sg. (2); – ‚-nehmen‘: warnemest 2. Pers. Sg. (1); – ‚rächen‘: wreket 3. Pers. Sg. (1); – ‚stehlen‘: stelt 3. Pers. Sg. (2); Belege mit nach vorheriger Tondehnung und Senkung erfolgter neuer Kürzung: – ‚sprechen‘: spreckt 3. Pers. Sg. (56). Belege für die 5. Ablautreihe: Belege mit Kurzvokal: – ‚-geben‘: angyfft 3. Pers. Sg. (1), begyfft (syck) 3. Pers. Sg. (3), gifft 3. Pers. Sg. (7), vorgyfft 3. Pers. Sg. (1), gyfft 3. Pers. Sg. (6), auer gyffst 2. Pers. Sg. (1); – ‚pflegen‘: plecht 3. Pers. Sg. (4); Belege mit Tondehnung: – ‚essen‘: eth 3. Pers. Sg. (1); – ‚geben‘: geuest 2. Pers. Sg. (2); – ‚lesen‘: lest 3. Pers. Sg. (4); – ‚pflegen‘: plegest 2. Pers. Sg. (1); – ‚vergessen‘: vorget 3. Pers. Sg. (2). Plural des Präteritum Indikativ der 4. und 5. Ablautreihe Die 4. und 5. Ablautreihe der starken Verben kennt im indikativischen Präteritum Plu‐ ral den langen Vokal ê. Dieser ist durch Ersetzung des ursprünglichen langen Stamm‐ vokals â durch den umgelauteten Vokal mnd. ê1 aus dem Optativ entstanden. Diese Ersetzung erfolgte ungefähr bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, das Westfälische und Elbostfälische haben an diesem Wechsel jedoch nicht teilgenommen. Als typisch gilt für die Letzteren die Beibehaltung der Schreibung bis ins 16. Jahrhundert hin‐ ein.642 6.1.6 642 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 120-123; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 422; dies., Das starke Präteritum im Mittelniederdeutschen; Behrens, Niederdeutsche Praeteritalbildung; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 156f.; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 22f.; Hol, Een tegen‐ stelling noord: zuid in de praeterita en participia van de sterke weerkwoorden; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 225-227; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 59; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 53-55; ders., Norddeut‐ sche Stadtrechte. II, S. 74; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutschen, S. 78; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1787f.; Peters, Mittelniederdeutsche Teil II A Textinterne Analyse 194 Im Untersuchungstext finden sich insgesamt sieben Belege für das Verb ‚spre‐ chen‘. Andere Verben sind im Präteritum Plural nicht vertreten, sodass eine genauere Aussage nicht möglich erscheint. Es lässt sich jedoch festhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ wenig überraschend die e-Schreibung für ‚sprechen‘ im Präteritum Plural anzutreffen ist. Belege für die 4. Ablautreihe: – ‚sprechen‘: spreken (7). Das Verb ‚bringen‘ Das mittelniederdeutsche Verb brengen ist auf asächs. brengian und das mnd. brin‐ gen entsprechend auf asächs. bringan historisch gesehen zurückzuführen. Die erste Variante begegnet vor allem im Westfälischen sowie in einem Teil des Ostfälischen und ist in das niederländisch-westfälisch-mitteldeutsche brengen-Verbreitungsgebiet zu verorten. Die auf das asächs. bringan zurückgehende Variante bringen ist dagegen im nordniederdeutschen und ostfälischen Areal zu finden und kommt außerdem im Oberdeutschen vor. Ansonsten gibt es die bringen-Realisierung im Holländischen und Brabantischen als Nebenform zur dominierenden brengen-Variante. Bei der Bildung der Präterital- und Partizipialformen herrscht Varianz zwischen aund o-Schreibungen. Für das Mittelniederländische ist diese Varianz bereits unter‐ sucht worden643, für das Mittelniederdeutsche fehlen bislang einschlägige Ergebnisse zur Erforschung der räumlichen wie zeitlichen Formenverteilung.644 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist bringen als Normalform anzusehen, lediglich die Schreibung für kurzes i variiert zwischen und . Im Präteritum variieren die aund o-Formen stark, wobei die Schreibung mit leicht überwiegt. Als führende Partizipialform gilt die a-Schreibung, während die o-Schreibung im Partizip Präteri‐ tum nur einmal belegt ist. 6.1.7 Sprache, S. 101; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 76f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 54]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 181-184; Härd, Morphologie des Niederdeutschen, S. 1434; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 181f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 400. 643 Goossens, Historische en moderne taalgeografie, S. 31-33 (mit Karte); van Loey, Middelneder‐ landse spraakkunst. II. Klankleer, § 15, S. 21f.; Berteloot, Bijdrage tot een klankatlas van het der‐ tiende-eeuwse Middelnederlands, S. 56, Karte Nr. 27; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 230f. 644 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 431; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 95f., 302; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 66; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 79; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeut‐ schen Schriftsprache, S. 29; Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfä‐ lischen, S. 284; König, dtv-Atlas Deutschen Sprache, S. 94 (Karte); Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 77 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 54f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 230f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 400f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 111f.; ASnA, Bd. I, Karte 51 ‚bringen (Inf., 1.+3. Pl. Ind. Präs.)‘. 6 Formenlehre 195 – Inf. und Ableitungen: bryngen (6), bringen (12), anbringent (substantiv. Inf.) (2), jnbrin‐ gen (1), anbryngent (substantiv. Inf.) (1), anbryngeren (Subst.) (1), vullenbrynghen (1), vullenbringen (2), bringē (1), vorthobringen (1), vorbringer (Subst.) (1), vorbringent (sub‐ stantiv. Inf.) (1), heruor thobringen (1), ynbringen (1); – Formen des Präs.: brynge 1. Pers. Sg. Ind. (1), Brynget (syck) 3. Pers. Sg. Ind. (2), bringe 1. Pers. Sg. Ind. (5), bringet 3. Pers. Sg. Ind. (12), bryngen 3. Pers. Pl. Ind. (2), vullenbringen 3. Pers. Pl. Ind. (2), Bringet 2. Pers. Pl. Imp. (1), vorbringen 3. Pers. Pl. Ind. (2), bringe 3. Pers. Sg. Konj. (1), vullenbringet 3. Pers. Sg. Ind. (1), bryngstu 2. Pers. Sg. Ind. (1), Brynget 2. Pers. Pl. Imp. (1); – Formen des Prät. mit o-Schreibung: brochte 3. Pers. Sg. Ind. (7), broͤchte 3. Pers. Sg. Konj. (2), vorbroͤchte 3. Pers. Konj. (2), broͤchten 3. Pers. Pl. Konj. (1), brochte 1. Pers. Pl. Ind. (1); – Formen des Prät. mit a-Schreibung: brachte 3. Pers. Sg. Ind. (18); – Formen des Part. Prät. mit a-Schreibung: vorbrocht (1); – Formen des Part. Prät. mit o-Schreibung: gebracht (15), vorgebracht (1), Ghebracht (1), angebrachte (1), vullenbracht (1), anghebrachte (2), vullenbracht (1), vmmegebracht (1). Präteritum Indikativ der ehemals reduplizierenden Verben Die ehemals reduplizierenden Verben mit Stammvokalen, die auf germ. ê1 und germ. ai oder auf germ. ô und au zurückgehen, weisen im Präteritum mnd. ê4 < germ. ê2 oder eo auf. Als westliches Charakteristikum gilt die i-Realisierung statt ê4 bei den Präterita der ehemals reduplizierenden Verben. Die Schreibvarianten mit langem î sind außerdem dem Südmärkischen eigen.645 Ferner sind Formen mit langem î zu un‐ terstreichen, die bei Präteritalformen mit ursprünglichem kurzem Vokal e oder i vor Nasalverbindungen auftreten. Diese Eigentümlichkeit kommt im Mittelniederdeut‐ schen äußerst selten vor und ist wohl auf den ostniederländischen Einfluss zurückzu‐ führen.646 Zudem begegnen die Präteritalformen mit ie-Schreibung vor Nasalverbin‐ dungen im Geldrischen.647 Bei den Verben mit Stammvokal auf germ. ê1, ai sowie germ. ô und au verhält sich ‚Reynke Vosz de olde‘ sehr einheitlich. Es kommt ausschließlich e-Schreibung vor, teilweise mit Bezeichnung der Vokallänge durch nachgestelltes oder überge‐ schriebenes , das Dehnungs-h ist dagegen nicht belegt. 6.1.8 645 Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 336 Anm. 2, § 336 Anm., § 337 Anm., § 338 Anm.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 114 Anm. 1, 433-435; Peters, Katalog sprach‐ licher Merkmale I, S. 77 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 55]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 232; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 183f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 401. 646 Van Loey, Middelnederlandse spraakkunst. I. Vormleer, § 62, S. 83-86; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 401. 647 Tille, Zur Sprache der Urkunden des Herzogtums Geldern, § 222, S. 165f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 401. Teil II A Textinterne Analyse 196 Präterita mit Stammvokal auf germ. ê1: – ‚-lassen‘: leth 3. Pers. Sg. (11), leͤth 3. Pers. Sg. (5), leten 2. Pers. Pl. (1), vorleten 3. Pers. Pl. (1), leten 3. Pers. Pl. (1), leeth 3. Pers. Sg. (3), vorlet 3. Pers. Sg. (1), lethe 2. Pers. Pl. (Inversion) (1). Präterita mit Stammvokal auf germ. ai: – ‚heißen‘: hete 3. Pers. Sg. (3), wilkamenhete 3. Pers. Sg. (1), heth 3. Pers. Sg. (5), heͤth 3. Pers. Sg. (3), heeth 3. Pers. Sg. (1), heet 3. Pers. Sg. (1). Präterita mit Stammvokal auf germ. ô und au: – ‚-laufen‘: leep 3. Pers. Sg. (9), lepen 3. Pers. Pl. (3), wech leep 3. Pers. Sg. (1), leep tho 3. Pers. Sg. (1), lepen 1. Pers. Pl. (1), lepe 1. Pers. Pl. (Inversion) (1), lepen 2. Pers. Pl. (1), leep … vth 3. Pers. Sg. (1); – ‚-rufen‘: repen 3. Pers. Pl. (4), reͤp 3. Pers. Sg. (1), reep 3. Pers. Sg. (9), reͤp … an 3. Pers. Sg. (1), reep 1. Pers. Sg. (1). Bei den Verben mit a vor Doppelkonsonanz bzw. a mit Ersatzdehnung liegt im ‚Reynke Vosz de olde‘ Varianz vor, allerdings nicht für alle Verben. So erscheint das Verb ‚gehen‘ konstant mit i- bzw. y-Schreibung vor Nasalverbindung und für das Verb ‚hängen‘ ist einmal e-Schreibung belegt, während ‚fallen‘ und ‚fangen‘ zwi‐ schen i und e im Präteritum Indikativ variieren. Die Realisierungen für die präterita‐ len Formen des Verbs ‚halten‘ beschränken sich auf die einfache e-Schreibung und die Schreibung mit übergeschriebenem zur Bezeichnung der Dehnung. Präterita auf e oder i vor Nasalverbindungen: – ‚-fallen‘: Vellen 3. Pers. Pl. (1), entfyll 3. Pers. Sg. (1), vell 3. Pers. Sg. (1); – ‚-fangen‘: venck 3. Pers. Sg. (1), vynck 3. Pers. Sg. (1), entfynck 3. Pers. Sg. (2), ent‐ fenck 1. Pers. Sg. (1); – ‚gehen‘: anghinck 3. Pers. Sg. (1), ghingen 3. Pers. Pl. (2), gynck 3. Pers. Sg. (4), ginck 3. Pers. Sg. (8), gingen … hen 3. Pers. Pl. (1), ghinck 3. Pers. Sg. (7), ghinck 1. Pers. Sg. (2), ginck … wech 3. Pers. Sg. (2), hen gyngen 3. Pers. Pl. (1), (heruth) ginck 3. Pers. Sg. (2), ghynck 3. Pers. Sg. (4), ghyngen 3. Pers. Pl. (1), entghynck 3. Pers. Sg. (1), ghynck (vort[h]) 3. Pers. Sg. (2), vthghinck 1. Pers. Sg. (1), vthginck 3. Pers. Sg. (1), ginck hen wech 3. Pers. Sg. (1), gynck … tho 3. Pers. Sg. (1), ghingen … vorth 3. Pers. Pl. (1), wech ghingen 3. Pers. Pl. (1), gyngen 3. Pers. Pl. (1), gingen vort 3. Pers. Pl. (1), gynck … an 3. Pers. Sg. (1), ginck … an 3. Pers. Sg. (2), gynge 2. Pers. Pl. (Inversion) (1), ginck tho 3. Pers. Sg. (1), ghinck … tho 1. Pers. Sg. (1), entghyngen 1. Pers. Pl. (1), ghinck … tho 3. Pers. Sg. (1), ginck … nedder 3. Pers. Sg. (1), ginck vp‐ wert 3. Pers. Sg. (1), ghyngen 1. Pers. Pl. (1), ghynck 1. Pers. Sg. (1), ghinck … vth 1. Pers. Sg. (1); – ‚-halten‘: Heldt 3. Pers. Sg. (5), heͤldt 3. Pers. Sg. (4), helden 3. Pers. Pl. (1), helt 1. Pers. Sg. (2), heͤlt 3. Pers. Sg. (1), entheͤlt (syck) 3. Pers. Sg. (2); – ‚hängen‘: henck 3. Pers. Sg. (1). 6 Formenlehre 197 Infinitiv und Partizip Präteritum-Formen der Verben ‚fangen‘ und ‚hängen‘ Die ehemals reduplizierenden Verben ‚fangen‘ und ‚hängen‘ stellen sich im Mittel‐ niederdeutschen wie folgt dar: Im Infinitiv können sowohl Kurzformen, als auch ana‐ log zum Partizip Präteritum gebildeten Langformen auftreten. Seltener belegt sind Ergebnisse des umgekehrten Prozesses, wenn Formen des Partizip Präteritum nach dem Infinitiv gebildet werden.648 Die Verteilung der Kurz- und Langformen für den Infinitiv und der Formen des Partizip Präteritum für die ehemals reduplizierenden Verben ‚-fangen‘ und ‚-hängen‘ sieht im ‚Reynke Vosz de olde‘ relativ gleichmäßig aus. Für den Infinitiv sind sowohl für ‚-fangen‘ als auch für ‚-hängen‘ ausschließlich Langformen anzutreffen. Als Parti‐ zip Präteritum von ‚hängen‘ sind ebenfalls nur Langformenfestzustellen. Für das Par‐ tizip Präteritum von ‚-fangen‘ kommen hingegen beide Varianten vor. Die Kurzform erscheint allerdings nur zweimal in der Reimposition, die Langformen dagegen sind auch außerhalb derselben belegt. Belege für ‚-fangen‘: – Langformen für Inf.: entfangen (2), entfangē (1); – Kurzformen für Part. Prät.: entfan (2); – Langformen für Part. Prät.: entfangen (4), gefangen (8), gefangenn (1), befangen (1), gefangen (1); Belege für ‚hängen‘: – Langformen für Inf.: hangen (4); – Langformen für Part. Prät.: gehangen (2), behangen (3). Der sogenannte „Rückumlaut“ Das Mittelniederdeutsche besitzt eine Reihe von Verben, die traditionell als Verben mit dem sogenannten „Rückumlaut“ bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um Verben mit gemischter Konjugation, die sowohl einen für starke Verben typischen Vo‐ kalwechsel, als auch das für das schwache Präteritum charakteristische Dentalsuffix aufweisen. Beim Vokalwechsel handelt es sich allerdings um keinen Ablaut wie bei unregelmäßigen Verben. Die Verben mit dem sogenannten „Rückumlaut“ gehen historisch betrachtet auf die asächs. jan-Verben zurück. Die Präteritumformen und die Formen des Partizip Präteritum können im Mittelniederdeutschen mit dem alten a erscheinen, falls der 6.1.9 6.1.10 648 Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 334 Anm. 2; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 226, 434 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 186; Peters, Kata‐ log sprachlicher Merkmale I, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 55]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 232; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 183f., hier insbes. S. 184. Teil II A Textinterne Analyse 198 Umlautfaktor synkopiert wurde, bevor der Umlaut stattgefunden hat. Es treten jedoch auch Präteritumformen mit e-Umlaut auf, falls die Synkopierung des Umlautfaktors nach dem Umlaut eingesetzt ist oder falls keine Synkopierung durchgeführt wurde. Die Bezeichnung „Rückumlaut“ bezieht sich auf das erhaltene a, obwohl hier nie‐ mals ein Umlaut eingetreten ist. Im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum variieren Präteritumformen mit a und e, wobei die a-Schreibung besonders häufig im westfälischen Areal vor‐ kommt.649 Im Ostniederländischen ist ebenfalls verstärkt die ursprüngliche a-Reali‐ sierung verbreitet.650 Die Formenverteilung im ‚Reynke Vosz de olde‘ sieht folgendermaßen aus: Bei den Präteritum und Partizip Präteritum-Formen variiert die Realisierung mehr oder minder je nach Verb. So findet sich Varianz zwischen den e- und a-Formen für das Verb ‚-kennen‘, wobei die letzteren doppelt so häufig im Text vorkommen. Für das Verb ‚senden‘ finden sich nur zwei a-Belege. Hier lässt sich aufgrund geringer Be‐ leglage kaum eine genauere Schlussfolgerung ziehen. Für das Verb ‚-setzen‘ sind ausschließlich die a-Realisierungen für Präteritum und Partizip Präteritum belegt. Belege mit a-Schreibung: – ‚-kennen‘: erkant (6), bekannt (4), erkande (syck) (2), vnerkanden (1), bekandt (2); – ‚senden‘: gesandt (2); Belege mit e-Schreibung: – ‚-kennen‘: kende (3), kenden (1), erkent (1), bekent (1), Erkende syck (1), enckent (1); – ‚-setzen‘: auersettet (1), gesettet (5), vndersettedes (1), settede (syck) (3), vorgesettet (2). Präsens Indikativ-Formen von hebben 3. Person Singular Präsens Indikativ Beim Verb hebben variieren die Schreibungen für die indikativische Präsensform der 3. Person Singular. Die übliche Form hevet mit dem langen Vokal ist dabei als ältere anzusetzen, sie wird allerdings bereits in Texten des „klassischen“ Mittelniederdeut‐ schen von der synkopierten Form heft abgelöst. Neben der regionsübergreifenden Form heft begegnet am westlichen Rand des mittelniederdeutschen Sprachgebietes die gedehnte Variante heeft, für die ein Langvokal vermutet werden kann sowie eine 6.1.11 649 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, S. 82; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementar‐ buch, § 344; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 437; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. II, S. 190-192; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 55f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 232; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1434; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 185; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 402; ASnA, Bd. I, Karte 52 ‚gesetzt: sog. Rückum‐ laut‘. 650 Van Loey, Middelnederlandse spraakkunst. I. Vormleer, § 54, S. 64-67; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 402. 6 Formenlehre 199 Rückführung auf mittelniederländischen Einfluss.651 Das Westfälische bzw. Südwest‐ fälische kennt außerdem Formen mit a-Schreibung. Die ältere langvokalische Form hevet wurde im Elbostfälischen bereits im 14. Jahrhundert durch eine synkopierte Form het ersetzt. Die Form der 3. Person Singular Präsens Indikativ het gilt auch als Kennform des Südmärkischen.652 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kommt für die 3. Person Singular Präsens Indikativ ausschließlich die jüngere kurzvokalische Normalform in der Schreibung hefft (130) vor. Plural Präsens Indikativ Bei den indikativischen Präsensformen des schwachen Verbs hebben zeigt sich Vari‐ anz auch in der Pluralbildung. Es erscheinen die Hauptvarianten westl. hebbet und östl. hebben sowie die synkopierte Pluralform heb(b)t. Im Südwestfälischen begegnet zudem die Variante havet.653 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kommt als Realisierung für den Einheitsplural des schwachen Verbs ‚haben‘ ausschließlich die ostmittelniederdeutsche Hautvariante auf -en vor: hebben (44). Besonderheiten der Verben leggen und seggen Für die Infinitiv- und indikativischen Präsensformen der Verben leggen und seggen ist im Mittelniederdeutschen eine Varianz zwischen einfacher g- bzw. gh-Schreibung und doppelter gg- bzw. ggh-Schreibung festzustellen. Die überregional am häufigsten auftretenden indikativischen Präteritumformen lauten lêde ‚legte‘ und sêde ‚sagte‘; diese kennzeichnen sich durch stattgefundene Synkopierung -ege > ê. Im westfäli‐ schen Sprachraum begegnen dafür Formen lachte und sachte. Die Formen des Parti‐ zip Präteritum erscheinen üblicherweise mit dem kurzen e: gelecht, gesecht. Das 6.1.12 651 Kloeke, Een oud sjibboleth, S. 48f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 402f. 652 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 89-93; ders., Niederdeutsche Studien, S. 106-110; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 217, 439 Anm. 1; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 204-206; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 23f.; Kloeke, Expansions- und Reliktgebiete, S. 111-128; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 56]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 234f.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 14; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 185f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 402f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 112f.; ASnA, Bd. I, Karte 53 ‚haben (3. Sg. Ind. Präs.)‘. 653 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 89-93; ders., Niederdeutsche Studien, S. 106-110; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 217, 439 Anm. 1; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 204-206; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 56]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 235; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 396; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 109ff. Teil II A Textinterne Analyse 200 Westfälische kennt an dieser Stelle im Normalfall genauso wie im Präteritum die a- Realisierung gelacht und gesacht.654 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sieht die Verteilung folgendermaßen aus: Infinitiv und Präsens Indikativ – ‚legen, -legen‘: entleggen Inf. (2), leggen Inf. (2), lecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), be‐ lecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚sagen, -sagen‘: secht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (32), besecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), seggen Inf. (10), segge 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (8), beseght 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), segget (Inklination) 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), seggen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (3), segget 2. Pers. Pl. Imp. (5), seghen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), thosecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), thosegge 2. Pers. Sg. Imp. (1), seggen 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), seghe 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), sechstu 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), segge 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), seggē Ind. (1). Präteritum – ‚legt-‘: lede 3. Pers. Prät. Ind. (6); – ‚sagt-‘: sede 3. Pers. Sg. Konj. (1), sede 3. Pers. Sg. Ind. (9), sede 1. Pers. Sg. Ind. (5), sede 1. Pers. Sg. Konj. (1), seden 3. Pers. Pl. Ind. (2). Partizip Präteritum – ‚gelegt‘: gelecht (5), angelecht (1), angelecht (Adj.) (1); – ‚gesagt, -gesagt, -sagt‘: besecht (2), gesecht (14), vorgesechte (Adj.) (1), affgesecht (1), thogesechten (Adj.) (1), vthgesechten (Adj.) (1), thogesechte (Adj.) (1), thogesecht (1), Thogesechtē (Adj.) (1). Es lässt sich also festhalten, dass im vorliegenden Text ausschließlich die mittelnie‐ derdeutschen Normalformen für die Verben ‚legen‘ und ‚sagen‘ vorkommen. Im Prä‐ sens und Infinitiv überwiegen eindeutig die gg-Schreibungen mit Doppelkonsonanz, die gh-Variante erscheint zweimal beim Verb ‚sagen‘. Die Beleglage lässt keinerlei westfälischen Einfluss auf den Text feststellen. Das Präteritopräsens ‚sollen‘ Das Präteritopräsens ‚sollen‘ der 4. Ablautreihe weist gleichzeitig mehrere Variablen mit jeweils unterschiedlicher diatopischer Verteilung auf.655 6.1.13 654 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, S. 82; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 126, 439 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 204-206; Seelmann, Mnd. sagen und segen; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 79 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 56]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 235f. 655 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 61b; Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 110-113; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 352; Lasch, Mittelniederdeutsche Gramma‐ tik, §§ 10, 256, 443; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 400-403, 410; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 209f.; Jülicher, Zur Charakteristik des Elb‐ ostfälischen, S. 24f.; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 71f.; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 93; ders., Norddeutsche Stadtrechte. 6 Formenlehre 201 Die Schreibung im Anlaut unterscheidet sich je nach Region. Die s- oder z- Schreibung kommt üblicherweise in Westfalen vor, wo sie durch identische nieder‐ ländische, ripuarische und hochdeutsche (mitteldeutsche) Realisierungen gestützt wird. Im Frühmittelniederdeutschen begegnet diese Form auch in anderen Spracharealen des Mittelniederdeutschen. Ansonsten erscheint im gesamten Gebiet in der Frühzeit anlautend die Kombination , die später überregional durch ersetzt wird. Eine besonders starke Formendiskrepanz ist für das Übergangs‐ gebiet Ostwestfalen zu verzeichnen, wo sowohl das westfälische , als auch das für Ostfalen typische bzw. später im Anlaut erscheint. Im Elb‐ ostfälischen und Südmärkischen tritt in der Regel die s-Schreibung auf. In der balti‐ schen Region und in Danzig variieren die Varianten mit , und . Diese Variation zwischen den drei Schreibungen ist auf den Einfluss westfälischer Siedler des 12. Jahrhunderts zurückzuführen. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ findet sich keine Schreibvariation im Anlaut. Alle 286 Belege weisen konstant den jüngeren überregional verbreiteten sch-Anlaut auf.656 Als zweite Variable lässt sich der Stammvokal untersuchen, dessen Schreibung in den indikativischen Formen des Präsens Plural zwischen für ö und für ü variiert. Am Westrand des mittelniederdeutschen Schreibsprachenareals und in Ostfa‐ len erscheint überwiegend die u-Schreibung. Sonst kommt in den anderen mittelnie‐ derdeutschen Schreibsprachen im Stamm die Schreibung mit , so auch im Meck‐ lenburgischen, wie Nerger feststellt.657 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist nur zwei Schreibvarianten des Stammvokals im Präsens Plural auf, die beide auf ein ö hindeuten und der überregionalen Tendenz zur Schreibung von für ö entsprechen. Auffällig ist nur ein Beleg für die 2. Person Plural Präsens Indikativ schoͤlt 234r, allerdings aus der Sicht der Bildung des Ein‐ heitsplurals und nicht aufgrund des Stammvokals. Er scheint von der Lübecker Text‐ vorlage beeinflusst worden zu sein, die an dieser Stelle schult 217r aufweist: – Belege mit o-Schreibung: scholen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), Schole 1. Pers. Pl. Präs. Ind. (Inversion) (1), scholt 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1); – Belege mit oͤ-Schreibung: schoͤle 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (Inversion) (1), schoͤlen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), schoͤle 1. Pers. Pl. Präs. Ind. (Inversion) (1), schoͤlt 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1). II, S. 74; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 22-25; Ahls‐ son, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 79f.; Niebaum, Synchronische und histo‐ rische Phonologie des Westfälischen, S. 284f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 80 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 57f.]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibspra‐ che, S. 152 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 301]; Fedders, Die Schreibsprache Lem‐ gos, S. 237-241; Peters, Bemerkungen zur Sprachgeschichte Münsters; Taubken, Zur Lautgeogra‐ phie des Westfälischen, S. 8-10; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1480ff.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 188-190; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 403; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 113-117; ASnA, Bd. I, Karte 54 ‚sollen (3. Sg. Ind. Präs.)‘, Karte 55 ‚sollen (3. Pl. Ind. Präs.): An-/Inlaut‘, Karte 56 ‚sollen (3. Pl. Ind. Präs.): Endung‘, Karte 57 ‚sollen (1.+3. Pl. Ind. Präs.): liquidlos‘. 656 Zu Konsonantenverbindungen mit s vgl. Kap. 5.4.8. 657 Nerger, Grammatik des meklenbugrischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 83f. Teil II A Textinterne Analyse 202 Auch die präsentischen Konjunktiv-Formen deuten auf ein ö hin, sie fallen zum größ‐ ten Teil mit den entsprechenden Indikativ-Formen zusammen: schoͤlen 3. Pers. Pl. Präs. Konj. (15), schoͤlē 3. Pers. Pl. Präs. Konj. (2), schoͤlen 2. Pers. Pl. Präs. Konj. (4), schoͤlent 1. Pers. Pl. Präs. Konj. (1), schoͤlenn 3. Pers. Pl. Präs. Konj. (1). Die prä‐ sentische Konjunktiv-Form der 3. Person Singular variiert dagegen zwischen dem markierten und nicht markierten Umlaut, wobei die Formen mit Umlautkennzeich‐ nung im Untersuchungstext eindeutig dominieren: schole (2) versus schoͤle (19). Die Präteritumformen des Verbs ‚sollen‘ im ‚Reynke Vosz de olde‘ entsprechen ebenfalls den für das mecklenburgische Sprachareal typischen Formen658, wobei die ältere u-Schreibung im Text nicht vorkommt: – Prät. Ind.: scholde 3. Pers. Sg. (11), scholden 3. Pers. Pl. (3), scholden 2. Pers. Pl. (2), scholde 1. Pers. Sg. (1); – Prät. Konj.: scholde 3. Pers. Sg. (24), scholden 3. Pers. Pl. (3), scholdet659 3. Pers. Sg. (2), schoͤlde 3. Pers. Sg. (1), scholde 1. Pers. Sg. (6), scholdestu 2. Pers. Sg. (1), scholt660 2. Pers. Pl. (1), scholdest 2. Pers. Sg. (1). Zuletzt ist eine Variation zwischen der inlautenden einfachen l- und doppelter ll- Schreibung bei den indikativischen Plural Präsens-Formen des Verbs ‚sollen‘ festzu‐ stellen. Für die älteren Texte ist im gesamten mittelniederdeutschen Gebiet die einfa‐ che l-Schreibung als Normalform anzusehen. Diese wird in jüngerer Zeit durch die geminierte ll-Realisierung in weiten Teilen des mittelniederdeutschen Schreibspra‐ chenareals, außer in westfälischer Schreibtradition, verdrängt. In der Frühzeit zeigt das Mittelniederdeutsche außerdem gelegentlich Verbformen mit Liquidschwund: scon, scun, schun, sun etc.661 Belege für diese Variable sind im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine Seltenheit. Es las‐ sen sich allerdings ausschließlich Belege mit älterer einfacher l-Schreibung finden, die auf eine beibehaltene Tonlänge hindeuten.662 Eine Variation zwischen der einfa‐ chen l-Schreibung und der geminierten ll-Realisierung lässt sich stattdessen für die 1. 658 Nerger, Grammatik des meklenbugrischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 83f. 659 Kontrahiert aus scholde dat. 660 Diese Form scheint reimbedingt zu sein. 661 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 61b; Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 110-113; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 352; Lasch, Mittelniederdeutsche Gramma‐ tik, §§ 10, 256, 443; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 400-403, 410; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 209f.; Jülicher, Zur Charakteristik des Elb‐ ostfälischen, S. 24f.; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 71f.; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 93; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 74; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 22-25; Nie‐ baum, Synchronische und historische Phonologie des Westfälischen, S. 284f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 80 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 56f.]; ders., Zur Entste‐ hung der lübischen Schreibsprache, S. 152 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 301]; Fed‐ ders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 237-241; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeut‐ schen, S. 1480ff.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 403; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 113-117. 662 Belege s. oben. Vgl. auch Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 83. 6 Formenlehre 203 und 3. Person Singular Präsens Indikativ feststellen, wobei die einfache l-Schreibung eindeutig dominiert: schal 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (5) versus schall 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1) und schal 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (135) versus schall 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (14). Die doppelte ll-Schreibung kann in diesem Fall wohl als zusätzlicher Hinweis auf eine Vokalkürze interpretiert werden. Ferner kann festgehalten werden, dass bei der 2. Person Singular Präsens im Ost‐ fälischen die Schreibung du schast anzutreffen ist, während sich in den Texten des gesamten Sprachraumes die üblichen Formen du schalt, schalst und scholt finden. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigen sich ausschließlich die regionalübergreifenden Formen schalt (8) und die klitisierte Variante schaltu (16). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ‚Reynke Vosz de olde‘ im Großen und Ganzen den überregionalen Tendenzen folgt und keine für ältere Texte typischen Formvarianten aufweist. Es überwiegen eindeutig Formen mit o-Schreibung im Plu‐ ral, die auch im Mecklenburgischen zu erwarten sind. Abgesehen von einer durch die Lübecker Vorlage beeinflussten Form in der 2. Person Plural Präsens Indikativ und einer reimbedingten Ausnahme für die 2. Person Plural Präteritum Konjunktiv schei‐ nen sich die Formen des Präteritopräsens ‚sollen‘ relativ regelmäßig zu verhalten. Das Präteritopräsens ‚wissen‘ Das Präteritopräsens ‚wissen‘ weist im Ostfälischen Doppelkonsonanz vor gekürzten tonlangen Vokalen vor Suffix -en auf663: wetten ‚wissen‘. Für die indikativische Prä‐ teritumform der 3. Person Singular gilt als mittelniederdeutsche Normalform die Form wiste. Daneben erscheinen folgende Varianten: wuste, weste, woste.664 Als mecklenburgisches Kennzeichen gelten die Formen wêt für 1. und 3. Person Singular Präsens Indikativ, wêst für 2. Person Singular Präsens Indikativ sowie die ungekürzte pluralische Form wēten im Präsens Indikativ. Im Präteritum Indikativ sind für die 1. und 3. Person Singular wiste und wuste und für das Partizip Präteritum die Varianten wist und wust zu erwarten.665 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ treten für das Präteritopräsens ‚wissen‘ im Präsens aus‐ schließlich ungekürzte Formen auf. Im Präteritum erscheinen für das Mecklenburgi‐ sche charakteristische Formen mit u als Stammvokal, daraus lässt sich anhand des Formenbestands keine Variation zwischen wiste und wuste feststellen. Der Einzelbe‐ leg für das Partizip Präteritum erscheint in der tonlangen Variante geweten 234v an‐ statt meckl. wist oder wust. Dieser Umstand lässt sich dadurch erklären, dass die Ros‐ tocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe hier dem Text der Lübecker Vorlage folgt.666 6.1.14 663 Zur Kürzung tl. Vokale vor -en vgl. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 664 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 441; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 206f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 79 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 56f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 236. 665 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 83f. 666 Vgl. ‚Reynke de vos‘, Bl. 216v. Teil II A Textinterne Analyse 204 – Inf.: weten (23), wetende (1); – Präs.-Formen: weth 3. Pers. Sg. Ind. (13), weten 3. Pers. Pl. Ind. (8), wete 3. Pers. Sg. Konj. (1), wete 2. Pers. Pl. Ind. (Inversion) (2), weten 2. Pers. Pl. Ind. (2), weth 1. Pers. Sg. Ind. (1); – Prät.: wuste 3. Pers. Sg. Ind. (7), wust667 3. Pers. Sg. Ind. (1), wuste 1. Pers. Sg. Ind. (1), wuͤste 3. Pers. Sg. Konj. (5); – Part. Prät.: geweten (1). Das Präteritopräsens ‚können‘ Beim Präteritopräsens ‚können‘ variieren die Schreibungen und bei den in‐ dikativischen Präteritumformen und bei den Formen des Partizip Präteritum. Als westfälische Kennform gilt die o-Schreibung.668 Als mecklenburgische Formen wer‐ den für die 1. und 3. Person Singular Präsens Indikativ kan und für die 2. Person Sin‐ gular Präsens Indikativ kanst beschrieben. Als mecklenburgische Normalformen für den Plural Präsens Indikativ gelten künnen und kȫnen, wobei kȫnen die jüngere ist. In der 1. und 3. Person Singular Präteritum Indikativ ist in mecklenburgischen Quel‐ len konde zu erwarten. Die Hauptformen für das Partizip Präteritum lauten im Meck‐ lenburgischen kunt und kont.669 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lassen sich folgende Formen für das Präteritopräsens ‚können‘ finden: – Inf.: koͤnen (4); – Präs.-Formen: kan 3. Pers. Sg. Ind. (64), kan 1. Pers. Sg. Ind. (8), koͤne 1. Pers. Pl. Ind. (Inversion) (1), koͤnen 2. Pers. Pl. Ind. (2), koͤnen 3. Pers. Pl. Ind. (9), koͤnen 1. Pers. Pl. Ind. (1), kanst 2. Pers. Sg. Ind. (2), kanstu 2. Pers. Sg. Ind. (2), koͤnen 1. Pers. Pl. Ind. (In‐ version) (1); – Prät.-Formen: konden 3. Pers. Pl. Ind. (4), konde 3. Pers. Sg. Konj. (5), kunde 3. Pers. Sg. Konj. (1), konde 1. Pers. Sg. Konj. (4), konde 3. Pers. Sg. Ind. (20), konde 1. Pers. Sg. Ind. (3), kunde 3. Pers. Sg. Ind. (1), koͤndent 2. Pers. Pl. Konj. (1), konde 2. Pers. Pl. Ind. (In‐ version) (1), konde 1. Pers. Pl. Konj. (Inversion) (1). Es lässt sich festhalten, dass ‚Reynke Vosz de olde‘ im Präsens ausschließlich die jüngere mecklenburgische Normalform schreibt. Im Präteritum variieren zwar die Schreibungen und , die o-Schreibung dominiert allerdings eindeutig über den Einzelbeleg mit . 6.1.15 667 Diese Form scheint reimbedingt zu sein. 668 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 182f., 442; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 207; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 79 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 57]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 236f. 669 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 83f. 6 Formenlehre 205 Das unregelmäßige Verb ‚wollen‘ In der 1. und 3. Person Singular Präsens Indikativ sowie im Plural Präsens Indikativ und im Infinitiv begegnet im westfälischen und ostfälischen Sprachraum für das un‐ regelmäßige Verb ‚wollen‘ neben der i- auch die e-Schreibung.670 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sind ausschließlich die überregional vertretenen Schreibformen mit i-Stammvokal belegt, es variiert lediglich die Realisierung mit oder . Die für die westfälische und ostfälische Sprechsprache typischen Vari‐ anten mit kommen im Untersuchungstext nicht vor. – Inf. mit i-Schreibung: willen (3); – 1. und 3. Pers. Sg. Präs. Ind. mit i-Schreibung: wil 1. Pers. Sg. (1), will 3. Pers. Sg. (2), wil 3. Pers. Sg. (27), wilt (kontr. < wil it) 3. Pers. Sg. (1); – Pl. Präs. Ind. mit i-Schreibung: willen 3. Pers. Pl. (11), wille 1. Pers. Pl. (Inversion) (5), willen 1. Pers. Pl. (2), wille 2. Pers. Pl. (Inversion) (3); – Inf. mit y-Schreibung: wyllen (1); – 1. und 3. Pers. Sg. Präs. Ind. mit y-Schreibung: wyl 1. Pers. Sg. (19), wyl 3. Pers. Sg. (48), wyll 3. Pers. Sg. (7), wylt (kontr. < wyl it) 1. Pers. Sg. (1); – Pl. Präs. Ind. mit y-Schreibung: wyllen 3. Pers. Pl. (5), Wylle 2. Pers. Pl. (Inversion) (4), wylle 1. Pers. Pl. (Inversion) (1), wyllen 2. Pers. Pl. (1). Die unregelmäßigen Verben ‚tun‘, ‚gehen‘, ‚stehen‘ ‚tun‘ Im Nordniederdeutschen und Ostfälischen lautet die Form der 3. Person Singular Prä‐ sens Indikativ des unregelmäßigen Verbs ‚tun‘ deit. Das Westfälische kennt stattdes‐ sen die erhaltene Form dö̂t.671 6.1.16 6.1.17 670 Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 359; Lasch, Mittelniederdeutsche Gramma‐ tik, § 447; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 216-218; Dahlberg, Studien über den Wortschatz Südhannovers, S. 96; ders., Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 72; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 75; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelnieder‐ deutsch, S. 80; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1789; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 80f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 58]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 241f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 190f.; ASnA, Bd. I, Karte 45 ‚Verbaler Einheitsplural: bekennen, geloben, haben, tun, wollen (1. Pl. Ind. Präs.)‘, Karte 46 ‚Verbaler Einheitsplural: haben, stehen, wollen (3. Pl. Ind. Präs.)‘, Karte 58 ‚wollen (3. Sg. Ind. Präs.)‘. 671 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 82f.; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, §§ 120, 448.1 und Anm. 1; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 212f.; Seelmann, Die mittelniederdeutschen langen o, S. 19; Dahlberg, Die Mundart von Dors‐ te II, S. 185; Åsdahl Holmberg, Der Harffer Sachsenspiegel, S. 73-78, Karte S. 75; Foerste, Ge‐ schichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1789; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 81 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 58]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 242f.; Teil II A Textinterne Analyse 206 Die im ‚Reynke Vosz de olde‘ frequentere Graphie für die 3. Person Singular Präsens Indikativ des Verbs ‚tun‘ ist deyt (20) bzw. deit (12), deith (2) und präfigiert miszdeit (1). Seltener und überwiegend in den Kapitelglossen, dort häufiger in den Autoritätensprüchen, sowie ferner auch in den Randglossenbeiträgen kommt die er‐ haltene und eher für das Westfälische typische, jedoch auch im Mecklenburgi‐ schen672 zuweilen vorkommende Variante doet (7) und präfigiert miszdoet (1). ‚gehen‘, ‚stehen‘ Als mittelniederdeutsche Normalformen für die 3. Person Singular Präsens Indikativ der unregelmäßigen Verben ‚gehen‘ und ‚stehen‘ gelten die Realisierungen mit ei: geit, steit. Neben diesen Formen begegnet im westfälischen Schreibsprachenareal ebenfalls die langvokalische Varianten mit â und ê2.673 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ liegt eine starke Variation zwischen den überregional vertretenen und auch für das Mecklenburgische üblicheren ei-Realisierungen und den erhaltenen langvokalischen Varianten mit â, wobei die Letzteren fast ausschließlich in den Kapitelglossen und Randglossenbeiträgen enthalten sind. Belege für ‚gehen‘: – Belege mit ei-Schreibung: geit (7), geith (1), vmme geit (2), vmmegheit (1), vthgheit (1), gheit (1); – Belege mit ey-Schreibung: vndergeyt (1), geyt (1), gheyt (8), gheyt … tho (3), gheyt … vp / nedder (1); – Belege mit ae-Schreibung: begaet (1), vorgaet ‚vergeht‘ (1), vmme gaet (1), gaet (3), ghaet (2); Belege für ‚stehen‘: – Belege mit ei-Schreibung: steit (11), entsteit (1); – Belege mit ey-Schreibung: steyt (4), weddersteyt (1), ensteyt (1), besteyt (1), steyt … an (1), steyt … by (1), entsteyt (1); – Belege mit ae-Schreibung: staet (2), anstaet (1); – Belege mit a-Schreibung: bystath (1), stath (1); – Beleg mit e-Schreibung: bestet (1). Als üblichere Graphie für die 3. Person Singular Präsens Indikativ von ‚gehen‘ und ‚stehen‘ kann im ‚Reynke Vosz de olde‘ die Schreibung und gelten. Die Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 191; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 117ff.; ASnA, Bd. I, Karte 59 ‚tun (3. Sg. Ind. Präs.)‘. 672 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 83. 673 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 82f.; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 356f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 120, 448.2.3; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 214ff.; Katara, Reduplizierende Verba im Niederdeutschen, S. 157ff.; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 72; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 80; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 81 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 58f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 242f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 191; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 117ff.; ASnA, Bd. I, Karte 60 ‚stehen (3. Sg. Ind. Präs.)‘. 6 Formenlehre 207 ei- / ey-Schreibung kommt für ‚gehen‘ dreimal so häufig wie die ae-Schreibung vor. Bei ‚stehen‘ sind die ae-Schreibungen siebenmal so selten wie die ei- / ey-Schrei‐ bung. Bei den beiden Verben sind die ei-Varianten ungefähr gleich häufig anzutreffen wie die mit ey-Schreibung. Die präteritalen Formen des Verbs ‚stehen‘ zeigen im Mittelniederdeutschen üb‐ licherweise den Stammvokal u. Neben dieser überregional verbreiteten Variante er‐ scheinen v. a. im Westfälischen die Formen mit o. Nerger weist darauf hin, dass das Präteritum zu ‚stehen‘ im Mecklenburgischen nach der 4. Ablautreihe gebildet wurde und demnach in der Form stand resultierte.674 Im Frühmittelniederdeutschen sind au‐ ßerdem langvokalische Varianten mit Nasalschwund belegt: stôd, stôden.675 Für die Formen des Präteritum des unregelmäßigen Verbs ‚stehen‘ finden sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ sowohl zahlreiche überregional belegte u-Schreibungen als auch ältere o(e)-Varianten mit gleichzeitigem Nasalschwund, wobei die Letzteren mit insgesamt 5 Belegen eher Minderheitsvarianten im Text darstellen. Zunächst über‐ rascht der uͤ-Gebrauch im Präteritum Indikativ, dieser scheint jedoch eine Ausnahme darzustellen und zum größten Teil reimbedingt zu sein. Die Annahme von Nerger be‐ züglich der a-Schreibungen findet im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine Unterstützung. – Belege mit u-Schreibung: stunt 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (3), vnderstunt … syck 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), entstunt 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), stundt 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (12), stundt … vp 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), stunde 3. Pers. Sg. Prät. Konj. (2), stunden 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (2); – Belege mit uͤ-Schreibung: stuͤnde 3. Pers. Sg. Prät. Konj. (1), vpstuͤnde 3. Pers. Sg. Prät. Konj. (1), vnderstuͤnden 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (1), vnderstuͤnde 3. Pers. Sg. Prät. Konj. (1), stuͤndē 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (1), stuͤnden 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (3), bystuͤnden 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (1); – Belege mit o-Schreibung: stod 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1); – Belege mit oe-Schreibung: stoet 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), vp stoet 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), anstoet 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), stoedt 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1). Das Verbum substantivum ‚sein‘ Das Verbum substantivum ‚sein‘ weist gleichzeitig mehrere Variablen auf.676 6.1.18 674 Vgl. dazu Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 83. 675 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 448.3; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 215f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 81 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 58f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 242f. 676 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 90; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, S. 83f.; Tümpel, Niederdeutsche Studien, 105f.; Colli‐ ander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 355; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 449; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 243-247; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 192-194. Teil II A Textinterne Analyse 208 Infinitiv Für die Infinitivform erscheinen zwei Ausprägungen: das im Mittelniederdeutschen üblichere überregional verbreitete wēsen und die südlich beeinflusste Variante sîn.677 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnen beide Varianten. Mit doppelt so vielen Bele‐ gen überwiegt allerdings eindeutig die hochdeutsch gestützte Variante sîn: syn (48). Die mittelniederdeutsche Normalform wēsen erscheint vorwiegend im Verstext und weniger in den Kapitel- und Marginalglossen: wesen (21) und aff wesen (1). 1. Person Singular Präsens Indikativ Für die 1. Person Singular Präsens Indikativ treten im Mittelniederdeutschen neben der am weitesten verbreiteten Variante bin auch sin in Westfalen, bün im nordnieder‐ deutschen Sprachareal und ben im westlichen Schreibsprachenraum auf.678 Im Meck‐ lenburgischen können beide Formen bin und bün auftreten.679 Als übliche Schreibvariante kann für ‚Reynke Vosz de olde‘ die mittelniederdeut‐ sche Normalform byn gelten, wobei im Text insgesamt zwei Schreibvarianten vor‐ kommen: byn (21) und bin (3). 3. Person Singular Präsens Indikativ Für die 3. Person Singular Präsens treten im Mittelniederdeutschen zahlreiche Varian‐ ten mit diatopischer Verteilung auf. Überregional vertreten ist die Variante is. In West- und Ostfalen kommt es vor. Als hochdeutsch beeinflusste Variante gilt mnd. ist.680 Als Hauptform im ‚Reynke Vosz de olde‘ gilt die überregional auftretende Form ys (479). Daneben kommt einmal die Schreibung is (1) vor und dreimal die hoch‐ deutsch gestützte Variante yst (3). Das Erscheinen der letzteren Variante kann jedoch auch anders als durch den hochdeutschen Einfluss erklärt werden: In allen drei Fällen handelt es sich nämlich um reimbedingte t-Auslautpositionen: lyst : yst Bl. 42r, byst : yst Bl. 178v, yst : fryst Bl. 31v. 677 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 82; Foerste, Ge‐ schichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1788; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 81 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 59]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 243-247, hier S. 244; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1435; ASnA, Bd. I, Karte 61 ‚sein (Infinitiv)‘. 678 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 82; Sarauw, Nieder‐ deutsche Forschungen. II, S. 210f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1788; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 82 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 59]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 243-247, hier S. 244; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1435. 679 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 82; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 134. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 680 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 211; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 82 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 59]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 243-247, hier S. 244f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1435. 6 Formenlehre 209 Präsens Plural Als übliche Formen für Präsens Plural gelten die Varianten sint und sin. Neben die‐ sen im mittelniederdeutschen Schreibsprachenraum allgemein verbreiteten Formen kommen weitere zahlreiche regionale Varianten vor.681 Im Mecklenburgischen sind die allgemein gültigen Normalformen zu erwarten.682 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnen beide mittelniederdeutschen Hauptformen, wobei synt eindeutig und bei allen Personen dominiert. – sint: sint 3. Pers. Pl. (12); – synt: synt 3. Pers. Pl. (99), synt 1. Pers. Pl. (3), synt 2. Pers. Pl. (11); – synth: synth 3. Pers. Pl. (6); – syn: syn 3. Pers. Pl. (34), syn 2. Pers. Pl. (5). Präteritum Plural Bei den Formen des Präteritum Plural wechselt die a- und e-Schreibung. Der ur‐ sprüngliche Langvokal â wird zu ê1 umgelautet. Dieser Wechsel ist durch die Anglei‐ chung an die entsprechende Optativform mit langem ê zu erklären. Die a-Variante gilt als ältere Form und kommt eher im Frühmittelniederdeutschen vor, bis sie im ge‐ samten mittelniederdeutschen Sprachgebiet durch das umgelautete ê1 verdrängt wird. Ansonsten ist die a-Schreibung im westfälischen Sprachareal verbreitet. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ hat sich der Wandel von â zu ê1 vollständig vollzogen: weren Pl. Prät. Ind. (43). Partizip Präteritum Bei den Formen des Partizip Präteritum herrscht im Mittelniederdeutschen eine Vari‐ ation zwischen den stark und schwach gebildeten Formen. Einerseits kann die übli‐ chere Form gewēsen, andererseits die schwach gebildete mitteldeutsch induzierte Form gewēset erscheinen. Beide Formen sind auch im Mecklenburgischen zu erwar‐ ten.683 Im Westmittelniederdeutschen sowie im Südmärkischen ist ferner die synko‐ pierte Variante gewēst belegt.684 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ findet sich eine Variation zwischen der mittelniederdeutschen Hauptform gewesen (9), gewesē (1) und der synkopierten Vari‐ ante gewest (5). Gewēset erscheint im Text nicht. Einige Belege für die synkopierte 681 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 211; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 82 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 59]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 243-247, hier S. 245f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1435; ASnA, Bd. I, Karte 62 ‚sein (3. Pl. Ind. Präs.)‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 682 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 82; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 134. 683 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112, S. 82-85, hier S. 82. 684 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 212; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1788f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 82 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 59]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 243-247, hier S. 246f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1435; ASnA, Bd. I, Karte 63 ‚sein (Part. Prät.)‘. Teil II A Textinterne Analyse 210 Form gewēst scheinen reimbedingt zu sein, andere wiederum können wohl mit dem Einfluss der Lübecker Vorlage erklärt werden, die an entsprechenden Stellen ghewest aufweist. Pronominalflexion: Der Einheitskasus Als charakteristisches Merkmal des Niederdeutschen erscheint der Einheitskasus für den Dativ und Akkusativ der 1. und 2. Person Singular des Personalpronomens.685 Der Ausgleich zwischen den Dativ- und Akkusativformen erfolgt im niederdeutschen Sprachgebiet nicht einheitlich und zeigt diatopische Unterschiede. So weisen das Nordniederdeutsche, Westfälische und Südmärkische den Einheitskasus auf dativi‐ scher Grundlage auf: hier sind die Formen mî, dî belegt. Im Ostfälischen hingegen werden die Akkusativformen auf den Dativgebrauch ausgeweitet: hier begegnen in obliquen Kasus die Formen mik / mek und dik / dek. Mî und dî existieren in dieser Dialektregion dennoch als Nebenformen und kommen wieder verstärkt ab dem 15. Jahrhundert vor, was wohl auf den Einfluss der lübischen Schriftsprache zurückzu‐ führen ist. Für das Sauerländische ist das Beibehalten der Differenzierung zwischen Dativ mî, dî und Akkusativ mik, dik zu vermerken.686 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt keine Kasusdifferenzierung. Der syntaktische Unter‐ schied zwischen den Dativ- und Akkusativformen wird sowohl im Verstext als auch in den Kapitel- und Marginalglossen ausnahmslos zum Dativ ausgeglichen. 6.2 685 Das Gleiche gilt für die entsprechenden Formen der 1. Person Plural sowie 2. Person Plural. 686 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 86f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 76a; Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 77-83, 95-102; Lasch, Mittelniederdeut‐ sche Grammatik, §§ 401, 403 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104-109; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 68; Bischoff, Über die Grundla‐ gen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 21; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittel‐ niederdeutsch, S. 69f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1783f.; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 37f., 42f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 83 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 60]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 92f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82f.]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 152, 157 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 301, 306]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 248f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 195f.; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1480f.; Temmen, Das ‚Abding‐ hofer Arzneibuch‘, S. 119-121. 6 Formenlehre 211 Morphemgebundene Varianz Präfixe Das Präfix ‚ge-‘ Für das Hochdeutsche sind Substantive, die das Präfix ‚ge-‘ aufweisen, eine typische Erscheinung. Im Mittelniederdeutschen kommen im gesamten Schreibsprachenraum sowohl präfigierte, als auch präfixlose Varianten vor.687 So zeigt auch ‚Reynke Vosz de olde‘ Verwendung von präfigierten und präfixlo‐ sen Varianten, wobei die Formen mit ge- im Text eindeutig dominieren. Variation ist v. a. bei den Lexemen ‚Gebot‘, ‚Gedanke‘, ‚Geschmack‘, ‚Gerücht‘, ‚Geschlecht‘ und ‚Gesang‘ zu verzeichnen. Insgesamt kann festgestellt werden, dass der Gebrauch der jeweiligen Variante lexem- und teilweise positionsabhängig ist, eine weitere Ab‐ hängigkeit kann jedoch nicht erkannt werden. – Belege mit ge-: geswindicheit (1), gebruck (15), gelicknisse (1), gescheffte (5), gedynge (1), gewalt (16), gestalt (3), gestalth (2), gesellen (11), gewerue (1), gebruke (5), geweruen (1), gerichte (4), Gemeine (2), Gesetten (3), gewaldt (2), gebort (7), gedancken (1), gelen‐ de (1), vngeluͤcke (9), gesange (1), geschencke (5), Geschencken (2), Hoffgesindes (1), geslechte (12), geleyde (7), geloue (13), vngefal (1), vordegedingen (1), geslecht (7), ge‐ loͤffte (3), genoͤchtes (1), gelouen (11), gewalth (2), gesetten (1), geprenge (1), geprenges (1), gebruk (1), geluͤcke (16), vngemack (2), vngeual (1), gedinge (1), gerichte ‚Speisen‘ (1), gedrencke (1), gemoͤthe (4), gelouelosen (substantiv. Adj.) (1), geselschop (12), ge‐ moͤte (5), geroͤchte (1), gehoͤr (2), geruchte (1), gebeth (1), gelucke (3), gesette (3), gedult (4), vngelucke (1), gemahels (1), gemahel (1), genoten (1), gemoͤd (1), geschrey (1), vnge‐ luckes (1), gemote (1), gefencknisse (1), geschryuinge (1), gewinne (1), Hoffgesinde (1), gestaldt (5), geberden (1), geschrye (1), gewissen (1), geswetzen (1), gelimpe (1), gerochte (1), vngeuoech (1), geruͤchte (2), gesichte (1), gebodt (1), vngeluͤck (1), gemake (2), ge‐ moͤtes (1), vngeselle (1), Vngeual (1), gelouens (1), Geduldt (1), gewaldes (1), gewyn (1), vordegedyngen (1), geloͤfften (1), geschicklicheyt (4), geweldygen (substantiv. Adj.) (1), gemack (1), gesmides (1), gebruͤke (1), gesteyne (1), gesyndes (1), gesmyde (1), vngestalt (1), vngestalte (2), gelaet (1), gefencknissen (1), geloͤffte (1), vngemake (3), vngeuogh (1), gelouē (1), gelouenn (1), gefalle (4), gebaden (1), gebade (1), gedancken (1), gelate (1), 7 7.1 7.1.1 687 Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 151 Anm. 6; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 221.VI; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 83f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 61]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 249f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 196f.; ASnA, Bd. I, Karte 67 ‚Präfix ge-: Ge‐ burt‘. 213 gesmuͤcke (1), gewandt (1), vngerechtichyt (1), Geboth (1), geneeth (1), gelaeth (1), gesyn‐ de (1), gebrack (1), gemeͤnschop (1), gemeinschop (1), gebreke (4), vngefall (1); – Belege mit ghe-: rotghesellen (1), ghebruke (1), gherede (1), gheborten (1), vngheschicht (1), gherychte (1); – Belege ohne ge-: sanck (2), louen (1), slechte (3), bodt (1), rechticheit688 (1), slecht (1), ruͤchte (2), smake (2), slechten (1), dancken (1), rochte (1), dancken (2). Das Präfix er- Primär im Westfälischen, aber ferner auch im gesamten mittelniederdeutschen Schreibsprachenraum erscheint für das üblichere Präfix er- die Variante ir-.689 ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ kennt ohne Ausnahme ausschließlich die übliche gesamtmittelnie‐ derdeutsche Variante er-. Suffixe Das Suffix -inge, -onge, -unge Zwischen -inge und -unge ist ein enger sprachhistorischer Zusammenhang festzustel‐ len, wobei Lasch und Sarauw das Verhältnis der beiden Varianten unterschiedlich deuten. Während Lasch das Suffix -unge als die abgelautete Variante von -inge be‐ schreibt, deutet Sarauw das Suffix -unge bzw. -unga als die ursprünglichere Form.690 Neben -inge und -unge treten des Weiteren auch gekürzte Varianten -inc, -unc sowie die abgeschwächte Nebenvariante -enge. Hucko stellt fest, dass in der altsächsischen Zeit die Variante -unge als Hauptform fungiert, während die Form -inge nur gele‐ gentlich vorkommt.691 Später ändert sich das Verhältnis der beiden Hauptformen, so‐ dass im gesamten mittelniederdeutschen Schreibsprachenraum üblicherweise das No‐ minalsuffix zur Bildung von Verbalabstrakta -inge begegnet. Das ursprünglichere Nominalsuffix -unge wird im niederdeutschen Sprachareal also durch -inge weitest‐ gehend verdrängt. Das benachbarte und eng mit dem Niederdeutschen verwandte Hochdeutsche zeigt dagegen das Suffix -unge als Normalform, die sich auch auf die benachbarten Gebiete auswirkt. Neben der üblichen -inge-Suffigierung erscheint im Südwestfalen ebenfalls das ältere Suffix -unge, sodass es zur Varianz kommt. Im westlichen Raum des mittelniederdeutschen Schreibsprachengebietes, vor allem im Ripuarischen und in Gebieten mit ripuarischem Einfluss, begegnet die Variante -onge, 7.1.2 7.2 7.2.1 688 Im Text fehlt das Leerzeichen zwischen rechticheit und don: rechticheitdon Bl. 24r. 689 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 221.IV; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 250f. 690 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 50, 54.4; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 48, 262; Möhn / Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 38. 691 Hucko, Bildung der Substantiva durch Ableitung und Zusammensetzung im Altsächsischen, S. 97; Möhn / Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 38. Teil II A Textinterne Analyse 214 die phonologisch durch die Senkung u > o vor gedecktem Nasallaut entstanden ist. Als typisch ostfälisch ist die Variante -ige anzusehen, die sich durch den frühen Aus‐ fall des Nasals ŋ kennzeichnet.692 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt sich eine ausgeprägte Variation zwischen den beiden Hauptvarianten -inge und -unge sowie ihren apokopierten Nebenformen -ing und -ung. Besonders bemerkenswert ist, dass ausschließlich die Variante -inge im Verstext vorkommt. Ansonsten scheint die Verteilung der Varianten sehr gleichmäßig zu sein: In den Kapitelglossen sind die -inge-Varianten -inge, -ynge und -ing insge‐ samt 38mal vertreten, die -unge-Varianten -unge und -ung kommen zusammen 39mal vor. In den Randglossen erscheinen die -inge- und -unge-Varianten jeweils dreimal, in den Kapitel- und Kapitelglossenüberschriften jeweils zweimal. Eine solche Beleg‐ lage für -unge-Suffigierungen darf vielleicht als Hinweis darauf gelten, dass für die Kapitelglossen im ‚Reynke Vosz de olde‘ eher von einem hochdeutschen Einfluss v. a. seitens der zahlreichen Textvorlagen als von einer Reliktbildung der frühmittel‐ niederdeutschen Zeit oder von einem westfälischen oder elbostfälischen Einfluss aus‐ zugehen ist. Ferner ist zu bemerken, dass zahlreiche Belege für die Apokopierung des Suffixes -unge (24) zu -ung (20) keinerlei positionsbedingt zu sein scheinen, son‐ dern auf eine ziemlich starke Entwicklung der Apokope in der Rostocker Sprache der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hinzudeuten. Diese Annahme korreliert sowohl mit der Beobachtung von Nerger, der bereits für das beginnende 16. Jahrhundert eine stärkere Apokopierung im Mecklenburgischen verzeichnet, als auch mit den Ergeb‐ nissen von Foerste und Scharnhorst, die das Mecklenburgische gar als Zentrum der Apokopierung im niederdeutschen Sprachraum ansehen.693 Die besonders im Ostfäli‐ schen verbreiteten Suffixvarianten -onge und -ige kommen im Text nicht vor. – Belege mit -inge: oͤuinge (3), beschriuinge (1), neringe (1), vorschryuinge (1), voͤdinge (1), tydinge (8), vordruͤckinge (1), beweruinge (1), wickinge (1), antoͤginge (1), ruͤstinge (1), geschryuinge (1), beschuͤttinge (1), vorlatinge (1), Krygeszruͤstinge (1), entschuͤldiginge (1), vortellinge (1), myszhandelinge (1), Regeringe (1), vthduͤdinge (3), voͤdinge (1), erwe‐ lingen (1), meldinge (1), anfechtinge (1), duͤdinge (1), meininge (1), Vortoͤgeringe (1), Vor‐ 692 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 221.IV; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 359; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 266; Grunewald, Die mittelniederdeutschen Abstraktsuffixe, insb. S. 55-107; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 228f.; ders., Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 94f.; Dahlberg, Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 80f.; Munske, Das Suffix *-inga/-unga in den germanischen Sprachen; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 103; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 84 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 61]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 251f.; Möhn/ Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 37f.; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 134; Cordes / Niebaum, Wortbil‐ dung des Mittelniederdeutschen, 1465; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks, S. 197-199; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 121f. 693 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 21, 160, S. 19f., 120f.; Foerste, Ge‐ schichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1790f., Karte 3; Teuchert, Beiträge zur Geschichte der mecklenburgischen Mundart, § 19, S. 228; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, § 50, S. 143-146. 7 Morphemgebundene Varianz 215 klaringe (2), segeninge (1), vorwaringe (1), neeringe (1), besyttinge (1), voruolginge (1), vnderrichtinge (2); – Belege mit -ing: vorschryuing (1), entschulding (1); – Belege mit -ynge: kledynge (2), vthbedynge (1), vorweldynge (1), behuͤsynge (1); – Belege mit -unge: vnderrichtungen (2), vnderwysungen (2), thonegungen (1), beschriuun‐ ge (1), sterckunge (1), wolmenunge (1), handelunge (1), ordenungen (1), beschuͤttunge (1), miszhandelungen (1), afflenunge (1), beterunge (1), vormerungen (1), meldunge (1), be‐ schryuunge (1), auerwinnunge (1), Vnderrichtunge (2), meinunge (1), samlungen (1), eer‐ bedungen (1), vorachtunge (1), vthruͤstunge (1); – Belege mit -ung: erfarung (1), vorleydung (1), warnung (2), vormanung (1), beterung (1), vorachtung (1), vorklenung (1), smehung (1), auertredung (1), vorplichtung (1), regerung (1), ordenung (1), forderung (1), beswerung (1), entschuͤldigung (1), leffhebbung (1), an‐ toͤgung (1), anthoͤgung (1), achtung (1). Das Suffix -nisse, -nüsse Das Westfälische kennt als Abstraktasuffix vorwiegend das Suffix -nisse. Neben dem Westfälischen kommen Abstraktabildungen auf -nisse vor allem im Ostniederländi‐ schen vor. Vermutlich handelt es sich bei den westmittelniederdeutschen Abstrakta‐ bildungen mit dem Suffix -nisse um Übernahmen aus dem Niederländischen. Diese Vermutung wird von der Tatsache unterstützt, dass Abstrakta auf -nisse besonders häufig in der religiösen Literatur der ‚devotio moderna‘, einer besonders einflussrei‐ chen Frömmigkeitsbewebung im späten Mittelalter, erscheinen.694 Im Südwestfäli‐ schen wird das Abstraktasuffix gerundet als -nüsse realisiert, daneben ist die Suffix‐ variante -nüsse in ostfälischen Texten belegt. Im Nordniederdeutschen sind dagegen in der Regel Abstrakta auf -inge anzutreffen. Im Gegensatz zur Suffixform -inge er‐ scheinen beim Suffix -nisse neben von Verben abgeleiteten Substantiven auch deno‐ minative Ableitungen.695 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnet eine übersichtliche Anzahl von suffigierten Abstrakta auf -nisse. Wie oben für den nordniederdeutschen Sprachraum beschrie‐ 7.2.2 694 Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 83f., 103; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 122. 695 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 213; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 50f.; Grunewald, Die mittelniederdeutschen Abstraktsuffixe, insb. S. 34f.; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 227f.; ders., Zum Problem der sog. westfäli‐ schen Strömung, S. 94f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1790; Dahl‐ berg, Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 103; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 84 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 61]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 253f.; Cordes / Niebaum, Wortbildung des Mittelniederdeutschen, 1465; Möhn/Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 42f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 199f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 122f. Teil II A Textinterne Analyse 216 ben, sind die Belege für Abstrakta auf -inge696 auch im Untersuchungstext deutlich zahlreicher. Es kommen sowohl deverbative als auch denominative Ableitungen auf -nisse vor, wobei die von Verben abgeleitete Abstrakta im Untersuchungsmaterial do‐ minieren (13 : 2).697 Als einzige Schreibvariante ist -nisse belegt: – Belege mit -nisse: gelicknisse (1), vorbuntnissen (2), vorbundtnissen (1), bedroͤffnisse (1), droͤffnisse (5), Duͤsternisse (1), begreffnisse (1), gefencknisse (1), vorsuͤmenisse (1), ge‐ fencknissen (1). Zu den Lexemen mit wechselndem Suffix Im Mittelniederdeutschen können deverbative Abstrakrabildungen sowohl mithilfe des Ableitungssuffixes -inge bzw. -unge / -onge als auch mithilfe von -nisse / -nüsse entstehen. Im Westfälischen werden Verbalabstrakta vorwiegend durch das Suffix -nisse gebildet.698 Laut Cordes spielt hier neben dem rein diatopischen Unterschied ebenfalls der semantische Aspekt eine gewisse Rolle: „Es scheint, daß mit -inge mehr der tatsächliche Vorgang gemeint ist, während -nisse das Ergebnis, den Ab‐ schluß mit einbezieht (z. B. bildinge ‚Bildung‘ versus bildenisse ‚(Ab)bild‘, sēkerin‐ ge ‚Sicherung‘ versus sēkernisse ‚Sicherheit‘)“.699 Weber widerspricht dieser Annah‐ me 1987, indem er für das frühmittelniederdeutsche Korpus nachweisen kann, dass „eine Bedeutungsdifferenzierung der Suffixabstrakta nach den Suffixen -inge bzw. -nisse für bestimmte Lexeme möglich ist, [dass] diese aber nicht für alle Lexeme gel‐ ten kann“.700 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kann kein Nebeneinander von Verbalabstrakta auf -in‐ ge bzw. -nisse mit gleichen Grundmorphemen festgestellt werden. Das Suffix -schap, -schop, -schup Aus dem asächs. Ableitungssuffix -scepi hat sich durch die Abschwächung und Apo‐ kopierung der unbetonten Endsilbe das mittelniederdeutsche -schep gebildet, das noch in den Texten der Frühzeit vorkommt. Durch den Einfluss der benachbarten 7.2.3 7.2.4 696 Vgl. hierzu Kap. 7.2.1 Das Suffix -inge, -onge, -unge. 697 Bei den Lexemen bedroͤffnisse und droͤffnisse handelt es sich m. E. auf deverbative Abstrakta, die ihrerseits von Adjektiven abgeleitet wurden. 698 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 213; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 50f.; Grunewald, Die mittelniederdeutschen Abstraktsuffixe, insbes. S. 61; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 227f.; ders., Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 94f.; Dahlberg, Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1790; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 255; Cordes / Niebaum, Wortbil‐ dung des Mittelniederdeutschen, 1464f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks, S. 201. 699 Cordes / Niebaum, Wortbildung des Mittelniederdeutschen, 1465. 700 Weber, Zur frühmittelniederdeutschen Urkundensprache Osnabrücks, S. 154. Vgl. zu dieser Diffe‐ renzierung in Lemgo Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 255. 7 Morphemgebundene Varianz 217 Sprachen wurde dieses Suffix im Mittelniederdeutschen allmählich durch nl. und hd. -schap bzw. -schaft ersetzt. Als Normalform in den mittelniederdeutschen Schreib‐ sprachen gilt das ältere -schap, das später durch die Variante -schop mehr oder min‐ der abgelöst worden ist. Neben diesen Varianten begegnet außerdem die Suffixform -schup. Sowohl die regionale als auch die zeitliche Verteilung der vokaldifferierten Varianten bedarf genauerer Klärung.701 Abstrakta mit Suffix ‚-schaft‘ sind im ‚Reynke Vosz de olde‘ reichlich belegt, v. a. im Kapitelglossenteil und den Marginalien. Ferner kommen im Text eine verbale Ableitung (beispielsweise vorkuntschoppet) und eine doppelt suffigierte feminine Abstraktabildung (beispielsweise Herschopye) vor, die auf entsprechende Abstrakta auf ‚-schaft‘ zurückgehen. Der Untersuchungstext kennt ausschließlich die mittelnie‐ derdeutsche Normalform in ihrer späteren Schreibung -schop. Es lässt sich keinerlei hochdeutscher oder anderweitiger Einfluss ermitteln: – Belege mit -schop: egenschop (2), egenschoppen (1), rekenschop (1), Kopenschop (1), fruͤntschop (1), baͤdeschop (1), vyentschop (2), fruͤndtschop (6), boͤdeschop (2), geselschop (12), frūtschop (1), baͤdesschop (1), kuntschop (2), Herschop (1), fruͤndtschoppe (1), vy‐ endtschop (1), gemeͤnschop (1), gemeinschop (1); – Belege mit -schop in abgeleiteten Formen: vorkuntschoppet (1), Herschopye (1). Das Suffix der movierten Feminina Als typisches Ableitungssuffix der movierten Feminina im Mittelniederdeutschen gilt das Suffix -sche. Neben dieser im gesamten mittelniederdeutschen Schreibsprachen‐ areal vorkommenden Suffixform erscheint im südlichen Elbostfälischen das speziell für diese Region charakteristische Suffix -inne.702 7.2.5 701 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 13, 127, S. 12f., hier S. 12, 96f., hier S. 97; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 35f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 14, 213; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. II, S. 55f.; Grunewald, Die mittelniederdeutschen Abstraktsuffixe; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 230; Dahlberg, Mittelniederdeutsche Suffix‐ abstrakta; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 82; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 104; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 84 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 62]; Ahlsson, Mnd. -schap (-schop, -schup); Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 254f.; Cordes / Niebaum, Wortbildung des Mittelniederdeutschen, 1466; Möhn/Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 44; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 200f.; ASnA, Bd. I, Karte 69 ‚Suffix -schaft: Bruder-, Freund-, Gewähr-, Herrschaft‘. 702 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 213, 377 Anm. 2; Bischoff, Zur Sprache des Sachsen‐ spiegels von Eike von Repgow, S. 18-20; ders., Elbostfälische Studien, 107-109, Abb. 16, S. 108; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 255f.; Möhn / Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 38, 45. Teil II A Textinterne Analyse 218 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kommen beide Ableitungssuffixe vor: – Belege mit -sche: koͤkesche (1), nabersche (1); – Belege mit -inne / -ynne: meysterynne (1), meisterinne (1), Wulffynne (1), Voͤszynne (1), Apynne (9), Kreynne (1), doͤrynnen (1), Koͤniginnen (2), Koͤniginne (3), Koͤnigynne (1), Koͤninginnen (2), Apinnen (1), Koͤningynne (2), Apynnen (6), Koͤningynnen (2), dorynne (1), Wuͤlfynnen (4), Wuͤlfynne (1), Meerapynne (1). Für die eher beschaulichen movierten Lexeme kann man vorsichtig festhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ prinzipiell die mittelniederdeutsche Normalform -sche ge‐ braucht wird. Eine dagegen auf den ersten Blick eher erstaunliche Vielzahl an -inne- Movierungen rührt daher, dass es sich bei diesen Formen um autonom movierte Le‐ xeme handelt, die zum einen aus dem Lateinischen entlehnt wurden (meisterinne, Koͤnigynne etc.) und üblicherweise mit Suffix -inne moviert werden, zum anderen keine im engeren Sinne Berufsbezeichnungen, sondern charakterisierende Personen‐ bezeichnungen darstellen (dorynne) und schließlich Tierbezeichnungen sind, die im‐ mer mit Suffix -inne gebildet werden (Wulffynne, Voͤszynne, Apynne etc.). 7 Morphemgebundene Varianz 219 Lexemgebundene Varianz Substantive ‚Brunnen‘ Als Bezeichnung für den ‚gemauerten Brunnen‘ wird im Westfälischen in der Regel die Variante put bzw. putte verwendet.703 Das Ostfälische benutzt überwiegend die Form born. Als nordniederdeutsche Normalform gilt die Variante sod.704 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheint überwiegend die sonst für das Ostfälische ty‐ pische Variante born: Borne (6), Born (1), Bornesz (1). Die westfälisch anklingende Variante put/putte kommt einmal als Teil eines Toponyms und einmal als Simplex im Verstext vor: Krekelpuͤtt 137r (1), Puͤtte 228v (1). In beiden Fällen gehen die Belege auf die Lübecker Vorlage zurück. Die nordniederdeutsche Normalform sod ist im Untersuchungstext als Simplex ebenfalls nur einmal belegt, nämlich in einer Kapi‐ telglosse: Soedt 231v. ‚Ehefrau‘ Für die Bezeichnung der Ehefrau können im Mittelniederdeutschen einerseits die äl‐ tere Form wîf erscheinen und andererseits auch die modernen Typen vro‐ we / vrûwe.705 Auch diese Formen können durch Adjektive erweitert wie êlĩke oder echte werden.706 8 8.1 8.1.1 8.1.2 703 Schmitt weist darauf hin, dass die Form ‚putte‘ „heute auf das westliche Westfalen und den rhei‐ nisch-niederländischen Raum beschränkt“ ist. Sie führt weiter aus, dass „sein [von putte m.] Ver‐ breitungsgebiet früher weiter ostwärts reichte, aber dem eigentlichen Ostfälischen ist das aus dem Galloromanischen entlehnte Maskulinum offenbar immer fremd geblieben“. Vgl. Schmitt, Der große Seelentrost, S. 134*. Vgl. dazu auch Foerste, Der wortgeographische Aufbau des Westfäli‐ schen, S. 16f. und Karte 5. 704 Frings, Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache, Karte 20, S. 110; Foerste, Der wortgeographische Aufbau des Westfälischen, S. 16-18 und Karte 5; Wortmann, Die Mundart, S. 165-171 und Abb. 105; Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialek‐ te, Bd. 2, Karte 8, S. 22f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 85 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 75]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 261f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 223. 705 Zur graphischen Variation in vrowe/vrûwe vgl. Kap. 5.3.10 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw. 706 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 197, 222; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 231f., 249-256; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 32f.; Bischoff, wif, vrowe und ihres‐ gleichen im mittelalterlichen Elbostfälischen; de Smet, ‚Ehefrau‘ in den altdeutschen Originalur‐ kunden bis zum Jahre 1300; ders., Zum Wortschatz der höfischen Dichtersprache. Die ‚Ehefrau‘, S. 31; König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 112f.; Åsdahl Holmberg, Zur Benennung von Ehe‐ 221 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ liegt eine Variation zwischen der älteren und den jün‐ geren Varianten vor, wobei der Großteil von denen durch Possessivpronomen oder Namen des entsprechenden Ehemannes erweitert ist: – Belege für wîf: wyff (20), wyues (1), wiuē (1), wyf (1), wyue (7); – Belege für vrouwe: frouwen (6), frowen (3), Frouwe (10), Frowe (1), Fruwen (1), frou‐ wenn (1). ‚Fenster‘ Als mittelniederdeutsche Normalform für das Wort ‚Fenster‘ gilt venster. Zum Teil tritt vor Nasalverbindung auch die Hebung e zu i in vinster vor.707 Die Formenvarianz zur Realisierung von ‚Fenster‘ kann im Untersuchungstext leider nicht bewertet werden, weil es sich um einen Einzelbeleg handelt. Dieser ent‐ spricht jedoch der mittelniederdeutschen Normalform ohne Vokalhebung: venster (1). ‚Frau‘ Für die Bezeichnung der Frau erscheint im Mittelniederdeutschen überwiegend die Hauptvariante vrowe / vrûwe.708 Daneben ist im Elbostfälischen seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Variante hûsvrowe gängig, die auf den oberdeutschen Ein‐ fluss zurückzuführen ist, wo dieses Kompositum bereits vor 1300 als nachgewiesen gilt. Ferner kann das Kompositum hûsvrowe im Elbostfälischen durch das Adjektiv echte erweitert werden. Gelegentlich kann das mnd. vrowe vor Vornamen in der Form vor auftreten.709 8.1.3 8.1.4 frauen und anderen Frauen im Mittelniederdeutschen; Erben, ‚Ehefrauen‘ in der Sprache Martin Luthers; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 68f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 273-275; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 212-217; ASnA, Bd. I, Karte 79 ‚Ehefrau‘, Karte 80 ‚Ehefrau (ohne Attribute)‘, Karte 81 ‚Ehefrau (Attribute)‘. 707 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 87, 138 I; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 93f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 32; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 86 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 75]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 264; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 223. 708 Ausführlicher zur graphischen Variation in vrowe / vrûwe vgl. Kap. 5.3.10 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw. 709 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 197, 222; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 231f., 249-256; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 32f.; Bischoff, wif, vrowe und ihres‐ gleichen im mittelalterlichen Elbostfälischen; König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 112f.; Åsdahl Holmberg, Zur Benennung von Ehefrauen und anderen Frauen im Mittelniederdeutschen; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 68]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 273-275; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibspra‐ che Osnabrücks, S. 212-217; ASnA, Bd. I, Karte 78 ‚Frau‘. Teil II A Textinterne Analyse 222 Zur Bezeichnung einer Frau als solcher sowie als Ehrentitel vor den Vornamen kommt im ‚Reynke Vosz de olde‘ das Lexem vrouwe in folgenden Schreibvarianten vor: Frouwe (16), frowen (2), frowe (3), frouwen (16), Fruwen (1), Frouwes (1). Als Bestandteil eines Kompositums erscheint ‚-frau‘ in folgenden Schreibvarianten: Fro‐ wen leue (1), Oldtfrouwen (1). Daneben wird wîf in der Bedeutung ‚Frau, Weib‘ ge‐ braucht: wyff (4), wyue (5), wyue ruwe (1), wyuer (3). ‚Freund‘ Für das Lexem ‚Freund‘ (auch in Bedeutung ‚Verwandter‘) und entsprechende Ablei‐ tungen ‚Freundschaft‘, ‚freundlich‘ etc. sind im Mittelniederdeutschen verschiedene lautliche Formen festzustellen. Die mittelniederdeutsche Normalform ist vrünt. Als typisch westfälische Varianten sind vrent und gerundet vrönt anzusehen. Als nieder‐ ländisches Kennzeichen gilt die Variante vrint bzw. vrient. Diese ist auch am West‐ rand des niederdeutschen Sprachraumes anzutreffen sowie häufiger in der Früh‐ zeit.710 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheint ohne Ausnahmen die allgemein verbreitete Variante mit . Zum Teil kommen für die Substantive und Adjektive Schreibun‐ gen mit Diakritika, v. a. mit übergeschriebenem vor.711 ‚Furcht‘, ‚fürchten‘ Die ostfälische Variante vrocht(e) mit der Senkung u zu o vor cht weicht von der mit‐ telniederdeutschen Normalform vrucht(e) ab. Auch in der verbalen Ableitung ‚fürch‐ ten‘ ist auf dem gesamten Gebiet vrüchten verbreitet. Im Ostfälischen ist auch hier die Senkung vrüchten > vröchten zu verzeichnen.712 8.1.5 8.1.6 710 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 8, 10 Anm. 2, 12, 15, 68.3, 101, 170, 180, 187, 386.2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 234f.; ders. Niederdeutsche Forschungen. II, S. 247; Rooth, Ein Fragment des Passionstraktats von Heinrich von St. Gallen, S. 495-497; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 224; ders., Zum Problem der sog. westfäli‐ schen Strömung, S. 91f.; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 27-29; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 69; Peters, Katalog sprach‐ licher Merkmale II, S. 80 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 70]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 275f.; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 217; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 404f.; ASnA, Bd. I, Karte 82 ‚Freund (Sg., Pl.), Freundschaft‘. 711 Vgl. Belege im Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 712 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 153; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 108; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 86 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 75f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 264; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 223. 8 Lexemgebundene Varianz 223 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt folgenden konstanten Befund in Bezug auf ‚Furcht‘, ‚fürchten‘ und ‚furcht-, fürcht-‘: – Belege für ‚Furcht‘: Gadesfoͤrchte (1), foͤrchte (7); – Belege für ‚fürchten‘: foͤrchtet (1), foͤrchten (9), foͤrchte dy (1); – Belege für ‚furcht-, fürcht-‘: Godtfoͤrchtich (1), foͤrchtsam (2). Dieser Befund ist in zweierlei Hinsicht interessant. Einerseits findet im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausnahmsweise eine im Vokalismus von der mittelniederdeutschen Norm ab‐ weichende Form Verwendung: es scheint in diesem Fall einen ostfälischen Einfluss gegeben zu haben. Andererseits unterbleibt in allen Belegen die für das Mecklenbur‐ gische, aber auch insgesamt für das Mittelniederdeutsche zu erwartende r-Metathese. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um einen hochdeutschen Einfluss han‐ deln dürfte. Ob dieser von einem Hochdeutsch mächtigen Bearbeiter des ‚Reynke Vosz de olde‘ zeugt, lässt sich nicht eindeutig ermitteln. Abschließend kann man fest‐ halten, dass die o. g. Varianten ohne r-Metathese mit dem Vokalwechsel u > o so‐ wohl im Verstext als auch in den Glossen gleichermaßen verbreitet sind. ‚Geschrei‘, ‚Gerücht‘ Für ‚Geschrei‘, ‚Gerücht‘ konkurrieren im Mittelniederdeutschen die Varianten (ge)rüchte und (ge)röchte miteinander. Im Westfälischen und Ostfälischen soll die Variante (ge)röchte zuhause sein und die Form (ge)rüchte im Nordniedersächsi‐ schen.713 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheinen neben der nordniedersächsischen Leitform auch westfälisch-ostfälische Realisierungen, wobei festzuhalten ist, dass die ü-Vari‐ anten gleichmäßig verteilt im Verstext und Kapitelglossen vorkommen, während die ö-Formen ausschließlich im Verstext belegt sind. Zudem ist eine Varianz der Schrei‐ bung mit und ohne Präfix ge- festzustellen. – Belege für (ge)rüchte: ruͤchte (2), geruchte (1), geruͤchte (2); – Belege für (ge)röchte: geroͤchte (1), rochte (1). ‚Herr‘ Als übliche Bezeichnung des Herren gilt im Mittelniederdeutschen die Form hêre mit Vereinfachung des Konsonanten nach langem Vokal.714 Die doppelte rr-Schreibung 8.1.7 8.1.8 713 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 153 Anm. 1, 296; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. I, S. 234; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 86 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 76]. 714 Zu ê2 vor r vgl. Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. Teil II A Textinterne Analyse 224 erscheint gerade bei diesem Lexem äußerst selten, gewöhnlich ist sie in frühen Tex‐ ten belegt.715 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnet ausschließlich die mittelniederdeutsche Nor‐ malform hêre mit einfacher Konsonanz: Here (56), HEREN (1), Heren (82), Herē (2). Die Schreibung ist sowohl im Simplex als auch in entsprechenden Komposita mit dem Grundwort ‚-herr‘ konstant: Jaherenn (1), Kerckhere (1). ‚Honig‘ Im ganzen mittelniederdeutschen Sprachgebiet ist die Form honich verbreitet. Aus‐ schließlich auf den westfälischen Sprachraum ist die Form hanich beschränkt.716 Der Untersuchungstext bietet ausschließlich das allgemein verbreitete honich mit markierter Kürzung des tl. Vokals:717 – Belege für ‚Honig‘: Honnich (11), Honnich schyuen (2), Honniges (6), Honnige (1), hon‐ nich marcket (1), Honnig (1), honnich market (1), honnichsemes (1). ‚Jungfrau‘ Als allgemein gültige Normalform für ‚Jungfrau‘ gilt im Mittelniederdeutschen der Typ junkvrouwe. Im Westfälischen dominieren stattdessen die Varianten junfer und juffer.718 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt ausschließlich die überregional verbreitete Form junkvrouwe in der Schreibung Junckfrouwen (2). ‚Knochen‘ Für das Lexem ‚Knochen‘ besteht im Mittelniederdeutschen einerseits eine diachroni‐ sche, andererseits eine diatopische Variation. Die ältere mittelniederdeutsche Form bên begegnet auch in anderen verwandten west- und nordgermanischen Sprachen. In der jüngeren Zeit wird diese alte Form nach dem Typ ‚Bein‘ im gesamten Sprachge‐ biet zunehmend verdrängt. An ihre Stelle kann entweder die aus dem nordniedersäch‐ 8.1.9 8.1.10 8.1.11 715 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 242.2; Rooth, Ein Fragment des Passionstraktats von Heinrich von St. Gallen, S. 498f.; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 32f.; LBCM II, S. 281f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 68]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 276. 716 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 87; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale, S. 84 [= Pe‐ ters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 74]. 717 Vgl. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 718 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 338; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 68]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 276f.; ASnA, Bd. I, Karte 76 ‚Jungfrau‘ und Karte 77 ‚Jungfrau (Grundwort)‘. 8 Lexemgebundene Varianz 225 sisch-ostfälischen Gebiet stammende Form knoke oder die aus dem ostniederlän‐ disch-niederrheinischen Raum stammende Variante butte kommen.719 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt eine Variation zwischen der älteren Form bên und der jüngeren Konkurrenzform knoke. Die Verteilung der Varianten sieht ziemlich gleichmäßig aus, sodass man aus der Beleglage nicht schließen kann, welche Form tatsächlich dominiert. – Belege für den Typ bên: been (3); – Belege für den Typ knoke: knake (1), knaken (3). ‚Licht‘ Für das Substantiv ‚Licht‘ überwiegt im Nordniederdeutschen und Elbostfälischen die Form licht. Charakteristisch für das Westfälische ist die Variante lecht. Als ostfä‐ lisches Kennzeichen gilt das Nebeneinander von lucht und lecht.720 Für das Substantiv ‚Licht‘ konnte im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die nordniedersächsisch-elbostfälische Hauptform licht nachgewiesen werden. Der Be‐ fund ist in diesem Sinne wenig überraschend: – Belege für ‚Licht‘: licht (5). ‚Mensch‘ Als mittelniederdeutsche Normalform gilt die Variante minsche. Im Westfälischen und Südmärkischen ist hingegen überwiegend die Form mensche belegt. Durch den westfälisch-südmärkischen Einfluss kommt bereits im frühen Ostfälischen die Vari‐ ante mensche neben der dominierenden allgemein mittelniederdeutschen Hauptform minsche vor. Später wird die frühere Hauptform durch die aus den Nachbargebieten übernommene Variante mensche endgültig verdrängt.721 8.1.12 8.1.13 719 Ising, Ausgleichsvorgänge bei der Herausbildung des schriftsprachlichen deutschen Wortschatzes, S. 7 und Karte S. 14; Eickmans, Gerard van der Schueren: Teuthonista, S. 234-237; Peters, Kata‐ log sprachlicher Merkmale II, S. 80 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 70]. 720 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 101.2b; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 105, 234; Dahlberg, Studien über den Wortschatz Südhannovers, S. 61; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 68; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 86 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 76]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 266; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 224; ASnA, Bd. I, Karte 83 ‚Licht‘. 721 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 139; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 94f.; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 221; Dahlberg, Zur Urkunden‐ sprache in Göttingen und Duderstadt, S. 67; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strö‐ mung, S. 96; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 67; Scharnhorst, Un‐ tersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 32; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 67]; Fedders, Schreibsprache Lem‐ gos, S. 267; Weber, Die mittelniederdeutsche Sprache Osnabrücks, S. 211f. Teil II A Textinterne Analyse 226 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sieht die Variantenverteilung folgendermaßen aus: – Belege für minsche: minschen Dat. Sg. (1), minschē Pl. (1), minschen Pl. (2), minschē blodt (1); – Belege für mynsche: mynschē Pl. (3), mynschen Pl. (10), mynschlick (1), mynsche Nom. Sg. (9), mynschen Dat. Sg. (2), mynschen Gen. Sg. (3), mynschenn Gen. Sg. (1); – Belege für mensche: menschen Pl. (18), menschen Akk. Sg. (1), menschlike (2), menschen Dat. Sg. (2), menschē Pl. (1), mensche Nom. Sg. (8), menschen blodes (1), Chrysten men‐ schen Dat. Sg. (1). Die Verteilung der lautlichen Formen des Lexems ‚Mensch‘ und seiner Ableitungen ist in mancher Hinsicht auffällig. Einerseits besteht eine Variation zwischen der frühe‐ ren mittelniederdeutschen Hauptform minsche / mynsche und der spätmittelnieder‐ deutschen durch das benachbarte Hochdeutsche zusätzlich gestützten Form mensche, wobei die Variantenverteilung im Untersuchungsabschnitt außergewöhnlich gleich‐ mäßig ausfällt: 34 Belege für minsch- / mynsch- und 34 Belege für mensch-. Anderer‐ seits ist festzuhalten, dass im Verstext keine Belege für das untersuchte Lexem und entsprechende Ableitungen vorliegen, d. h. alle Belege sind in den Kapitelglossen und den Randglossenbeiträgen verteilt. Bemerkenswert erscheint außerdem die Tat‐ sache, dass die hochdeutsch gestützte Variante mensch- fast ausschließlich im ersten Buch erscheint. Einige wenige Belege sind im Vorwort zum zweiten Buch zu finden. Die Variante minsch- ist abgesehen von einem Einzelbeleg aus dem vierten Buch ausschließlich im dritten Buch anzutreffen. Die Variante mynsch- ist dagegen sowohl im dritten als auch im vierten Buch zahlreich belegt. Der Umstand, dass die spätmit‐ telniederdeutsche Variante mensch- ausschließlich im ersten Buch vorkommt und im dritten und vierten Buch noch die ältere mittelniederdeutsche Normalform anzutref‐ fen ist, lässt vermuten, dass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Nebeneinan‐ der der beiden Formen bestand, bevor die spätere Form mensch- die ursprünglichere Variante minsch- komplett abgelöst hat. Es ist stark anzunehmen, dass es sich bei die‐ ser Entwicklung um eine Auswirkung des hochdeutschen und weniger des westfä‐ lisch-südmärkischen Einflusses handelt. ‚Mittwoch‘ Für die Bezeichnung von ‚Mittwoch‘ finden sich im Mittelniederdeutschen zwei Hauptvarianten. Im Westfälischen ist am häufigsten die Variante gôdens- bzw. gûdensdach. Diese steht in einem angelsächsisch-niederländischen Zusammenhang. Die nordniederdeutsche und ostfälische Mehrheitsvariante mid(de)wēken steht hinge‐ gen in südlichen und östlichen Zusammenhängen.722 8.1.14 722 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 10, 23 Anm. 3; Frings / Nießen, Zur Geographie und Geschichte von ‚Ostern, Samstag, Mittwoch‘; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strö‐ mung, S. 97; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 83; Foerste, De Neder‐ landse Expansie in Westfalen, Karte 4, S. 23; ders., Der wortgeographische Aufbau des Westfäli‐ 8 Lexemgebundene Varianz 227 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ‚Mittwoch‘ einmal in der nordniederdeutsch-ostfä‐ lischen Form Middeweken dach 174r belegt, was nicht verwundert, denn diese Vari‐ ante ist sowohl durch die Lübecker Vorlage als auch durch den Reim gestützt. Die im angelsächsisch-niederländischen Zusammenhang stehende Form gôdens- bzw. gûdensdach kommt im Untersuchungstext nicht vor. ‚Pfingsten‘ Laut Lasch ist für ‚Pfingsten‘ die Entwicklung te pincoston > pinkesten > pinxten zu kennzeichnen. Für das Südmärkische ist die aus dem Niederländischen übernomme‐ ne Variante pixster(e)n als typisch anzusehen.723 Die von Lasch beschriebene Entwicklung zum allgemein niederdeutschen pinx‐ ten wird durch den Text des ‚Reynke Vosz de olde‘ bestätigt. Es handelt sich hierbei allerdings um einen Einzelbeleg für ‚Pfingstsonntag‘ Pinxte dach 9r (1), der seiner‐ seits in einer ziemlich reimbedingten Position steht und außerdem durch die Lübe‐ cker ‚Reynde de vos‘-Vorlage gestützt ist. Dort heißt es an selber Stelle pynxte dach.724 ‚Richter‘, ‚Gericht‘, ‚richten‘ Im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum sind die Formen (ge)richt725 und richter hochfrequent. Ausschließlich Stader und Bremer Texte weisen zusätzlich die Varianten mit gesenktem Vokal (ge)recht, rechter auf.726 Im Kontext der anderen Variablen erstaunt es kaum, dass die Schreibung für ‚Richter, Gericht, richt-‘ im ‚Reynke Vosz de olde‘ konstant ist und der allgemein verbreiteten Form -richt- entspricht: – Belege für ‚Richter‘: Richter (13), Richtern (1), Richtere (2); – Belege für ‚Gericht‘: gerichte (5), gherychte (1); – Belege für ‚richt-‘: richten (6), richtē (1), gerichtet (1), richt (1), Richtehuͤse (2), richtede (1). 8.1.15 8.1.16 schen, S. 19-21 und Karte 6; Pijnenburg, Dinsdag - Woensdag; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1252; Eickmans, Gerard van der Schueren: Teuthonista, S. 220-223; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 76f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 66]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 271; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 209; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 124f.; ASnA, Bd. I, Karte 71 ‚Mittwoch‘. 723 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 138.I; Frings, Grundlegung einer Geschichte der deut‐ schen Sprache, Karte 13, S. 103; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 77 [= Peters, Mit‐ telniederdeutsche Studien, S. 67]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 271; Weber, Die mittelniederdeutsche Sprache Osnabrücks, S. 210f.; ASnA, Bd. I, Karte 74 ‚Pfingsten‘. 724 ‚Reynke de vos‘, Bl. 7r. 725 Zum Gebrauch von Präfix ‚ge-‘ vgl. Kap. 7.1.1 Das Präfix ‚ge-‘. 726 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 99; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 87 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 76]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 265. Teil II A Textinterne Analyse 228 ‚Scheune‘ Im Mittelniederdeutschen konkurrieren zwei Varianten für das Substantiv ‚Scheune‘. Auf dem niederdeutschen Gebiet westlich der Weser ist die Form schü̂re verbreitet. Zum ‚Scheuer‘-Gebiet gehören außerdem auch das Niederländische, das Westmittel‐ deutsche und das Westoberdeutsche. Im Raum östlich der Weser und im östlichen Mitteldeutschen gilt die Form schü̂ne als Normalform.727 ‚Reynke Vosz de olde‘ bietet das erwartete ostmittelniederdeutsche schü̂ne: – Belege für ‚Scheune‘: schuͤne (2). ‚Schmerz(en)‘ Die diatopische Verteilung der Varianten für das Lexem ‚Schmerz(en)‘ ist noch weit‐ gehend unerforscht. Es steht jedoch fest, dass die Variante sêr vor allem in den frü‐ hen Texten verbreitet ist. Im gesamten Gebiet sind Varianten drö̂fnisse, bedrö̂fnisse und drö̂fheit verzeichnet. Daneben sind die Formen smerte(n) / smarte(n) und wêdage belegt. Ising verortet die Formen rü̂we/rouwe und pîne hauptsächlich in den Nord‐ westen.728 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ finden sind Belege für beinahe alle potentiell mögli‐ chen Typen für ‚Schmerz(en)‘. Die Belegzahl für die einzelnen Typen ist jedoch so gering, dass man daraus kaum Schlüsse ziehen, außer dass der Typ pîne insgesamt etwas häufiger vorkommt als die anderen Formen. Es lässt sich also eine starke Vari‐ anz für den Untersuchungstext festhalten. – Belege für den Typ smert: smerte (1), smerten (1); – Belege für den Typ wêdage: wedagen (1); – Belege für den Typ drö̂fnisse / bedrö̂fnisse: bedroͤfnisse (1), droͤfnisse (5); – Belege für den Typ rü̂we / rouwe: ruwe (5); – Belege für den Typ pîne: pynen (3), pyn (4), pyne (1). 8.1.17 8.1.18 727 Ising, Ausgleichsvorgänge bei der Herausbildung des schriftsprachlichen deutschen Wortschatzes, Karte S. 15; ders., Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte, Bd. 2, Karte 10; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 84 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 74]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 264; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 222. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 236 (Karte). 728 Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte, Bd. 1, S. 65, Bd. 2, Karte 2; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 81 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 70]. 8 Lexemgebundene Varianz 229 ‚Siegel‘ In Westfalen begegnet zumeist die Form ingesēgel, daneben erscheint eine seltenere Variante insegel. In den nichtwestfälischen Schreibsprachen herrscht die Form sēgel.729 Der Untersuchungstext weist die Form sēgel auf, jedoch handelt es sich hierbei um einen Einzelbeleg, sodass eine statistische Auswertung nicht möglich ist: – Beleg für ‚Siegel‘: Segel (1). ‚Silber‘ Als ältere Realisierungsform für ‚Silber‘ wird die Variante silver beschrieben. Man geht davon aus, dass der ziemlich frühe Ablösungsprozess von silver durch labiali‐ siertes sülver vom Nordniederdeutschen ausgegangen ist. Neben silver und sülver treten ferner die Nebenformen selver und sölver auf.730 Für ‚Silber‘ tritt im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die labialisierte Varian‐ te sülver auf, jedoch kann aufgrund der niedrigen Belegzahl keine genauere Aussage bezüglich der Varianz treffen. – Belege für ‚Silber‘: suluer (1), Suͤluer (1). ‚Stätte‘ Im Mittelniederdeutschen überwiegen für ‚Stätte‘ die Formen stēde und stedde. Eine Weiterentwicklung des Umlauts von a über e zu i in der Realisierung stidde gilt als ostfälisches Kennzeichen.731 Im Untersuchungstext findet sich ausschließlich die mittelniederdeutsche Normal‐ form ohne Markierung der Vokalkürzung Verwendung: 8.1.19 8.1.20 8.1.21 729 Cordes, Studien zu den ältesten ostfälischen Urkunden, S. 126f.; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 87 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 77]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 267f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 224f.; ASnA, Bd. I, Karte 85 ‚Siegel‘. Zur Schreibung von tl. ī vgl. Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. S. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. Zur variablen Schreibung des s vgl. Kap. 5.5.6 Schreibung von s. 730 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 169.Id; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 93; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 64; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 87 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 77]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 268f.; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; ASnA, Bd. I, Karte 86 ‚Silber, silbern‘. 731 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 140; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 87 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 77]. Teil II A Textinterne Analyse 230 – Belege für ‚Stätte‘: stede (9), Steden (1). Verben ‚bekennen‘ In den westfälischen Schreibsprachen tritt für das Verb ‚bekennen‘ neben der mittel‐ niederdeutschen Normalform bekennen auch die Variante en(t)kennen auf. Parallel kann vor Nasalverbindung die Hebung von e zu i erscheinen, was in den Nebenfor‐ men bekinnen und en(t)kinnen resultiert.732 Der Befund für ‚bekennen‘ im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist wenig aussagekräftig aufgrund der allzu spärlichen Beleglage. Es lassen sich erwartungsgemäß keine west‐ fälischen -kinn-Formen oder präfigierten Formen mit en(t)- verzeichnen. – Belege für ‚bekennen‘: bekent (1), bekandt (1). ‚warten‘ Als allgemein kontinentalwestgermanische Form für ‚warten‘ (lat. exspectare) gilt beiden. Diese kommt in den spätmittelalterlichen Schriftdialekten sowohl im nieder‐ ländischen und niederdeutschen als auch im hochdeutschen Sprachgebiet vor. Auf den niederländisch-niederdeutschen Sprachraum sind dagegen die Formen wachten und tö̂ven beschränkt. Als hochdeutsche Form wird harren beschrieben.733 Im Untersuchungstext sind zwei Formen nachweisbar: die kontinentalwestger‐ manische Form beiden und zweimal die eher westliche, jedoch immer noch als nie‐ derdeutsch geltende Form tö̂ven, wobei die beiden tö̂ven-Belege durch die Lübecker Vorlage gestützt werden und zudem reimbedingt sind (toͤuen : louen 43v, toͤuen : bo‐ uen 229r). – Belege für beiden: beyde (1), beiden (1), beyden (2), beydeden (1); – Belege für tö̂ven: toͤuen (2). 8.2 8.2.1 8.2.2 732 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 12 Anm. 3; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 96; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 83; Peters, Katalog sprachli‐ cher Merkmale II, S. 75f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 65]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 260f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 206-208; ASnA, Bd. I, Karte 70 ‚bekennen (1. Pl. Ind. Präs.)‘. 733 Foerste, Der wortgeographische Aufbau des Westfälischen, S. 89f.; Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte, Bd. 2, Karte 24; Peters, Katalog sprachlicher Merk‐ male II, S. 76 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 66]. Vgl. a. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 178f. 8 Lexemgebundene Varianz 231 ‚zeigen‘ Für ‚zeigen‘ konkurrieren im mittelniederdeutschen Sprachraum die Hauptformen wîsen und tö̂gen. Die letztere erscheint im Südmärkischen als teigen. Am Westrand ist zudem die aus dem Mittelniederländischen stammende Variante tônen belegt.734 Für den Untersuchungstext ist eine sehr konstante Verwendung der mittelniederdeutschen Hauptform wîsen festzuhalten. Es besteht keine Formenvarianz. – Belege für wîsen: wysede (4), wiset (1), gewyset (2), wyse (2), wysen (1). Adjektive ‚fremd‘ Im Mittelniederdeutschen kommen für das Adjektiv ‚fremd‘ die Variante mit dem Umlauts-e und ihre labialisierte Ableitung vor: vremde und vrömde. Als mittelnieder‐ deutsche Normalform wird vrömde beschrieben.735 Im Untersuchungstext findet sich ein Nebeneinander des allgemein verbreiteten vrömde und ihrer nicht labialisierten Variante vremde. Aufgrund der Formenvarianz und der relativ niedrigen Belegzahlen lässt sich keine genauere Aussage bezüglich der Variantenverteilung treffen. – Belege für vremde: fremde (2), fremdelinge (1), frembt (1); – Belege für vrömde: froͤmde (1), Froͤmder (1), froͤmden (1). ‚ganz‘ Zur Bezeichnung des Adjektivs ‚ganz‘ gibt es im Mittelniederdeutschen drei etymolo‐ gisch unterschiedliche Realisationsformen: das allgemein niederdeutsche hêil, das aus dem Hochdeutschen entlehnte gans (ganz, gantz) und das westfälische ālinc / ālinge.736 Die Variantenverteilung im ‚Reynke Vosz de olde‘ sieht sehr eindeutig aus. Wäh‐ rend die allgemein niederdeutsche Variante hêil eher eine Randerscheinung darstellt 8.2.3 8.3 8.3.1 8.3.2 734 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12 Anm. 3, 17.1; Eickmans, Gerhard van der Schue‐ ren: Teuthonista, S. 274f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 76 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 66]. 735 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 169, 390; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 303; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 88 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 78]. 736 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12 Anm. 3, 330.II; Mitzka, Niederdeutsch ganz; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 88 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 78]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 279f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 225-227; ASnA, Bd. I, Karte 91 ‚ganz (ohne Belege in Paarformeln)‘ und Karte 92 ‚ganz (Paarformeln)‘. Teil II A Textinterne Analyse 232 und die westfälische Kennform ālinc gar nicht belegt ist, ist die aufgrund ihres Aus‐ lauts als hochdeutsches Lehnwort einzustufende Variante gans sehr zahlreich belegt. – Belege für gans: gantz (60), gantze (10), gentzlyken (1), gantzen (5); – Beleg für hêil: heͤll (1). ‚gegenwärtig‘, ‚Gegenwart‘ In mittelniederdeutschen Texten finden sich unterschiedliche Schreibungen für das Adjektiv ‚gegenwärtig‘ und das entsprechende Substantiv ‚Gegenwart‘. Dabei müs‐ sen in beiden Fällen zwei Variablen betrachtet werden: einerseits das Grundmorphem ‚gegen‘, das als Präposition mit mehreren Varianten belegt ist737, und andererseits das Morphem ‚-wärtig‘ für das Adjektiv bzw. ‚-wart‘ für das Substantiv. Das adjekti‐ vische Morphem ‚-wärtig‘ besitzt im Mittelniederdeutschen zahlreiche Realisie‐ rungsvarianten: -wōrdich, -wārdich, -wērdich sowie möglicherweise auch die gerun‐ dete Variante wȫrdich < wērdich, wobei dir Formen mit o überwiegend im Westfäli‐ schen und Ostfälischen vorkommen. Als mittelniederdeutsche Normalform des Ad‐ jektivs wird jegenwōrdich beschrieben. Die mittelniederdeutsche Normalform im subjektivischen Gebrauch lautet jegenwōrdichêit. Zu untersuchen ist zudem, ob Un‐ terschiede in der räumlichen Verteilung der Varianten bei adjektivischem und sub‐ stantivischem Gebrauch vorliegen.738 Der Befund für ‚Reynke Vosz de olde‘ sieht folgendermaßen aus: Für das Grund‐ morphem kommt ausschließlich die weit verbreitete unmarkierte Form jēgen- vor, das Basismorphem ‚-wart‘ bzw. ‚-wärtig‘ wird mit den Varianten -wardich und -wer‐ dich vorgefunden, wobei die letztere eindeutig dominiert. – Belege für ‚gegenwärtig‘: jegenwerdich (1), yegenwerdige (1), yegenwerdich (2), yegen‐ wardich (1); – Belege für ‚Gegenwart‘: yegenwerdicheit (1), jegenwerdicheit (1). ‚heilig‘ Für das Adjektiv ‚heilig‘ besitzt das Mittelniederdeutsche eine Reihe von phoneti‐ schen Varianten, wobei sich besonders häufig die i-Schreibung findet. Die lautge‐ schichtlich älteste Form lautet allerdings hêlige. Daneben tritt die nach der Synkopie‐ rung des i mit folgender Vokalkürzung vor Doppelkonsonanz entstandene Form hel‐ 8.3.3 8.3.4 737 Vgl. dazu Kap. 8.7.6 ‚gegen‘. 738 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 37, 58.3 und Anm. 3; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 231; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; ders., Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta, S. 15f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelnieder‐ deutsch, S. 75; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 88 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 78]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 280f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 229f.; ASnA, Bd. I, Karte 93 ‚gegenwärtig (gegen-)‘. 8 Lexemgebundene Varianz 233 ge auf. Des Weiteren weist das Mittelniederdeutsche die Variante hilge mit einer He‐ bung e > i vor l-Verbindung auf. Nach Einführung des Svarabhaktivokals im Suffix und der daraus resultierenden Verdopplung des l erscheint ferner die Form hilli‐ ge / hillich. Vermutlich als Entlehnung aus dem Hochdeutschen ist die Variante heilig mit ei-Schreibung anzusehen. Es ist jedoch zu beachten, dass im Westfälischen eine Längenbezeichnung des ê durch nachgeschriebenes i oder y durchaus verbreitet ist.739 Der Befund im ‚Reynke Vosz de olde‘ bestätigt die oben beschriebenen Entwick‐ lungstendenzen. Die Variante hillich hat sich offensichtlich zum 16. Jahrhundert durchgesetzt. Es bleibt nur festzuhalten, dass keine hochdeutsch induzierten Formen im Untersuchungstext vorgefunden wurden. – Belege für hillich (flekt. hillige): hillygen (1), hillige (2), hillicheit (1), hilligen (2), hillich (2), hilligedoͤmte (1), hilligedom (1), hillyge (4), hillycheyt (1). ‚sanctus‘ Für das Adjektiv ‚heilig‘ vor Heiligennamen wurde im frühen Mittelniederdeutschen in der Regel das aus dem Lateinischen entlehnte sante gebraucht, bei dessen Über‐ nahme sich der velare Nasal an den Folgedental angepasst hat und das interkonso‐ nantische k als Folge eingebüßt wurde. Durch den häufigen Gebrauch der lateini‐ schen Genitivform sancti entwickelte sich die umgelautete mittelniederdeutsche Form sente. Diese ist besonders häufig im Geldrisch-Kleverländischen anzutreffen. Labialisierte Form sönte ist dagegen kaum verbreitet. Dafür ist die Variante sinte mit Hebung e > i vor gedecktem Nasal bereits früh parallel zur Form mit e-Schreibung belegt. Die labialisierte Realisierung sünte gewinnt überregionale Gültigkeit und wird zur Kennform der mittelniederdeutschen Schriftsprache.740 Der Untersuchungstext kennt ausschließlich die labialisierte Variante sünte ohne explizite Umlautkennzeichnung. Eine genauere Auswertung ist jedoch aufgrund einer niedrigen Beleglage nicht möglich. 8.3.5 739 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 58; ders., Niederdeutsche Studien, S. 32-35; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 68, 101, 123 Anm. 2, 137, 217.I, 220, 254; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 160, 166, 238, 241; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 66f.; Peters, Katalog sprachli‐ cher Merkmale II, S. 89 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 78f.]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 281f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 230-232; ASnA, Bd. I, Karte 95 ‚heilig‘. 740 Weddigen, Beytrag zu einem Westphaͤlischen Idiotikon, S. 42; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 34f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Gram‐ matik, §§ 52, 139, 171, 338; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 381; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 68f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 89 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 79]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 282f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 232f.; ASnA, Bd. I, Karte 96 ‚sanctus‘. Teil II A Textinterne Analyse 234 – Belege für ‚sanctus‘: Sunte (2). ‚viele‘ Die mittelniederdeutsche Mehrheitsvariante für das Adjektiv ‚viele‘ lautet vēle. Da‐ neben begegnet vorwiegend am Westrand des mittelniederdeutschen Sprachraumes die labialisierte Form vȫle. Das Westfälische kennt außerdem die entsprechenden Va‐ rianten mit doppelter l-Schreibung velle und völle.741 Die hochdeutsch induzierte Va‐ riante vi(e)le erscheint vor allem am Südrand des Mittelniederdeutschen.742 Die Schreibung für ‚viele‘ ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ konstant, es erscheint ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform: – Belege für ‚viele‘: velen (12), vele (166), veler (2), velem (1). Zahlwörter ‚zwei‘ Als mittelniederdeutsche Normalformen für ‚zwei‘ gelten twe und twey. Daneben be‐ gegnen in älteren Texten auch fem. Formen tû, tô < twû, twô. Diese finden sich vor‐ wiegend in elbostfälischen Quellen.743 Für ‚zwei‘ tritt in ‚Reynke Vosz de olde‘ durchgehend die mittelniederdeutsche Normalform twê auf. Als Hauptschreibung kann twe gelten, die Schreibvariante twey ist nur einmal belegt. Die aus früheren Quellen bekannte und vorwiegend für das Elbostfälische zu erwartende Variante tû bzw. tô kommt im Untersuchungstext nicht vor. – Belege für ‚zwei, zwei-‘: twen (5), twe (40), twey (1), Twetuͤngyge (2). Etwas überraschend erscheint einmalig die Variante twye. Diese dürfte reimbedingt sein (: drye, Poppelsye 227r). 8.3.6 8.4 8.4.1 741 Vgl. dazu Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 35-45 und Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 742 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 175; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 89 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 79]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 283. 743 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Tümpel, Nie‐ derdeutsche Studien, S. 103f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 299 Anm. 2, 396.b; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 79]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 283f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 233. 8 Lexemgebundene Varianz 235 ‚sechs‘, ‚sechzehn‘, ‚sechste‘ Neben der üblichen Form ses für ‚sechs‘ erscheinen im Mittelniederdeutschen ge‐ dehnte Formen sees und seis sowie die gerundete Variante sös, die v. a. im Nordnie‐ derdeutschen belegt ist. Die langvokalische Variante könnte als Analogiebildung nach seuen oder auch aus der zweisilbigen Form sesse entstanden sein. Im Mecklen‐ burgischen sind vor allem die Varianten ses und sös belegt. Die gerundete Variante soste kommt auch für die Ordinalzahl ‚sechste‘ vor.744 Im Untersuchungstext tritt für ‚sechs‘ und ‚sechste‘ konstant die gerundete Form auf. – Belege für ‚sechs‘: Soͤs (2); – Belege für ‚sechste‘: Soͤste (4), soͤsten (2); – Belege für ‚sechzehn‘: Soͤstyn (1). ‚sieben‘, ‚siebte‘ Für ‚sieben‘ erscheint im Mittelniederdeutschen gewöhnlich die Form sēven. Dane‐ ben begegnet die gerundete Variante sȫven. Beide Varianten treten im Mecklenburgi‐ schen auf. Für ‚siebzig‘ ist am Westrand auch die Variante tseventich belegt.745 Im Untersuchungstexten wurden folgende Formen vorgefunden: – Belege für ‚sieben‘: Soͤuen (2); – Belege für ‚siebte‘: Soͤuende (4). Somit kommt im ‚Reynke Vosz de olde‘ konstant die gerundete Form – auch für das Ordinalzahlwort – vor. Dieses Ergebnis ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, denn die Belegzahl ist ziemlich übersichtlich. 8.4.2 8.4.3 744 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Tümpel, Nie‐ derdeutsche Studien, S. 103f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 41, 175, 397; Højberg Christensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 382-393; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. II, S. 98; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 79f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 284; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 233f.; ASnA, Bd. I, Karte 97 ‚sechs‘. 745 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Tümpel, Nie‐ derdeutsche Studien, S. 39; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 175, 397; Højberg Chris‐ tensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 382-393; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 98; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 77; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 80]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 284f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 235; ASnA, Bd. I, Karte 98 ‚sieben‘. Teil II A Textinterne Analyse 236 ‚zehn‘ Die im Mittelniederdeutschen verbreitetste Form für ‚zehn‘ lautet tein/teyn. Selten begegnen die Varianten tên und tîn. Im Nordalbingischen und Ostelbischen ist fol‐ gende Entwicklung zu beobachten: te-in > tegen, teyen > teing, teng. Im Mecklenbur‐ gischen erscheinen alle drei frequentesten Varianten: tegen, teyen und tein. In Kom‐ posita ist ferner eine Abschwächung zu -ten, -tin belegt.746 Die Beleglage für ‚zehn‘ und ‚-zehn‘ ist im Untersuchungstext recht übersichtlich. Für das Simplex weist ‚Reynke Vosz de olde‘ ausnahmslos die Form teyn auf: – Belege für ‚zehn‘: Teyne (1), teyn (3); In Komposita auf ‚-zehn‘ tritt ausschließlich die abgeschwächte Varianten -tin auf: – Belege für ‚-zehn‘: Soͤstyn (1). ‚zwölf‘ Als ältere mittelniederdeutsche Normalform für das Zahlwort ‚zwölf‘ kann twelf gel‐ ten. Diese Variante bleibt in Westfalen auch weiter beibehalten. Hauptsächlich im Nordniederdeutschen und Ostfälischen wird das Umlauts-e in twelf zu twölf gerun‐ det. Twölf kommt hier vereinzelt bereits im 14. Jahrhundert vor und wird im 15. Jahr‐ hundert zur verbreitetsten Variante. Am Westrand des niederdeutschen Sprachraumes kann unter niederländischem Einfluss gelegentlich die Form twalf auftreten. Das häu‐ fige Vorkommen der a-Graphien im Ostfälischen ist jedoch mit dem zu beobachten‐ den Wechsel von a- und e-Schreibung für e zu erklären. Ferner sind ebenfalls For‐ men mit Svarabhakti-Vokal oder dem erhaltenen alten Nebensilbenvokal anzutreffen: twalef, twelef und twölef.747 Im Untersuchungsabschnitt konnten keine Belege für ‚zwölf‘ ermittelt werden.748 8.4.4 8.4.5 746 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, §§ 118 Anm. 2, 345, 397; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 247f., 423; Rooth, Saxonica, S. 165-174; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 80]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 285; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 235f.; ASnA, Bd. I, Karte 99 ‚zehn‘. 747 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, §§ 78, 169b, 397; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 303; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 98; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 77; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 80]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 285f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 236f.; ASnA, Bd. I, Karte 100 ‚zwölf‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 748 Auf Bl. 93r ist jedoch einmal twelff belegt, das der niederländisch beeinflussten Variante twalff in der Lübecker Vorlage entspricht. Vgl. ‚Reynke de vos‘, Bl. 95r. Daneben erscheint in der Lübecker Vorlage auch die nordniederdeutsche Normalform twelff Bl. 127v. 8 Lexemgebundene Varianz 237 ‚dreizehn‘, ‚dreißig‘ Die mittelniederdeutsche Variantenvielfalt für ‚dreizehn‘ und ‚dreißig‘ ist einerseits mit dem im Altsächsischen bestehenden Nebeneinander von thriutein und thrûtein für ‚dreizehn‘ und thrîtich für ‚dreißig‘ zu erklären. Die sich daraus entwickelten mittelniederdeutschen Formen drüttein ‚dreizehn‘ und drittich bzw. dertich mit r- Metathese und Senkung von i zu e vor r + Konsonant für ‚dreißig‘ durchlaufen im Mittelniederdeutschen zum Teil unterschiedliche Weiterentwicklungen. So kann eine Senkung von e zu a wie in der Form dartich oder auch eine Rundung wie in dörtich stattfinden. Die Varianten drüttich (nach drüttein) bzw. drittein, dertein, dörtein (nach drittich, dertich, dörtich) sind wohl auf gegenseitige Beieinflussungen der For‐ men zurückzuführen. Ferner erscheinen die nach drê gebildeten Formen drettich und drettein. Als vorwiegend westlich sind die Varianten mit r-Metathese anzusehen. Als mecklenburgische Varianten gelten die Formen drüttein für ‚dreizehn‘ und dertich für ‚dreißig‘.749 Für ‚Reynke Vosz de olde‘ kann leider keine Aussage getroffen werden aufgrund von fehlenden Belegen im Untersuchungsabschnitt. ‚fünfzehn‘, ‚fünfzig‘, ‚fünfte‘ Vor der Konsonantenverbindung ft wurde der ursprüngliche lange Stammvokal î häu‐ fig gekürzt wie in fîfte > fifte. Der nach der Kürzung entstandene Kurzvokal i konnte zunächst um eine Stufe gesenkt werden wie in fefte und anschließend zu ö gerundet werden wie in der Form föfte. Als geläufigste Varianten im 15. Jahrhundert werden die gesenkte Form fefte und ihre gerundete Variante föfte beschrieben. Die Formen mit dem Wechsel ft > cht wie in fechtich sind dagegen äußerst selten anzutreffen. Als typisch mecklenburgische Varianten für ‚fünfzehn‘ und ‚fünfzig‘ sind jeweils feftein und feftich und fichtich anzusehen.750 8.4.6 8.4.7 749 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, §§ 137, 230, 292; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 173, 396c, 398; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 311-313; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 99; Dahlberg, Göttingen-Grubenhagensche Studien, S. 61; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts; ders., Zum Problem der sog. westfälischen Strö‐ mung, S. 94; ders., Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 46; Scharnhorst, Untersuchungen zum Laut‐ stand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelnieder‐ deutsch, S. 76f.; ders., Die Urkundensprache Hamelns, S. 76f.; Peters, Katalog sprachlicher Merk‐ male II, S. 91 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 80f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lem‐ gos, S. 286f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 236f.; ASnA, Bd. I, Karte 101 ‚dreizehn‘ und Karte 102 ‚dreißig‘. Zur r-Metathese vgl. Goossens, r-Metathese vor Dental im Westen der kontinentalen Germania. 750 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, §§ 136-1; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 68, 135, 169, 296 Anm. 3, 398; Højberg Christensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 382-393; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 99; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittel‐ Teil II A Textinterne Analyse 238 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist keine Belege für ‚fünfzehn‘ auf. Für ‚fünfzigste‘ er‐ scheint einmal die gerundete Form voͤfftigste. Für ‚fünfte‘ findet sich zum einen ein kurzvokalischer Beleg ohne weitere Senkung oder Rundung des Stammvokals vyffte, der wohl auf den Einfluss der Lübecker Vorlage zurückzuführen ist, des Weiteren ist die gerundete Variante voͤffte (4) belegt.751 ‚dritte‘ Im Nordniederdeutschen und Ostfälischen begegnet für die Ordinalzahl ‚dritte‘ am häufigsten die Form dridde und die darauf zurückgehende gerundete Variante drüdde. Durch die r-Metathese entstandene Form derde wird in der Regel als typisch westfä‐ lisch beschrieben, erscheint jedoch auch im ostelbischen Raum sowie im Baltikum. Diese Variantenverteilung ist wohl durch die Ostsiedlung im 14. Jahrhundert zu er‐ klären. Durch die Senkung von e > a kann auch die Form darde auftreten. Die Run‐ dung kann zur Variante dörde führen. Als weiteres ostfälisches Kennzeichen gilt die Form dredde, die direkt aus der Kardinalzahl drê entstanden ist. Für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts ist für Lübeck als Hauptform die gerundete Form dorde zu ver‐ zeichnen.752 8.4.8 niederdeutsch, S. 77; ders., Die Urkundensprache Hamelns, S. 77; Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 283; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 91 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 81]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 287; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 238; ASnA, Bd. I, Karte 104 ‚fünfzig‘. Zur modernen Variantenverteilung vgl. Dahlberg, Zu den ostfälischen Zahlwörtern, S. 10. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 751 Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 752 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 143, S. 106f.; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 41; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 399.I; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 311-313; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 100; Rooth, Ein Fragment des Passionstraktats von Heinrich von St. Gallen, S. 482f., 493-495; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 223; Dahl‐ berg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 69f.; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 94; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Ni‐ colaus Gryses, S. 133; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 25-27; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 76f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkma‐ le II, S. 92 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 81]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 287f.; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 239f.; Tem‐ men, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 138f.; ASnA, Bd. I, Karte 106 ‚dritte‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 8 Lexemgebundene Varianz 239 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt eine konstante Verwendung von gerundeter nordnie‐ derdeutscher Variante drüdde < dridde: – Belege für ‚dritte‘: druͤdde (40), druͤdden (18), drudde (1), druͤddē (1). Pronomina Personalpronomina ‚ich‘ Das Personalpronomen der 1. Person Singular Nominativ kennt im Mittelniederdeut‐ schen verschiedene Realisierungen, die einerseits diachron differieren und anderer‐ seits diatopische Besonderheiten aufweisen.753 Als mittelniederdeutsche Mehrheits‐ form mit weitestem Gebrauchsradius gilt die Variante ik. Daneben erscheint im Süd‐ westfälischen, Ostwestfälischen und Ostfälischen die Variante ek. Diese Erschei‐ nungsform ist insbesondere in der Frühzeit gut belegt, zum 15. Jahrhundert hin wird die Variante ek jedoch durch die im übrigen mittelniederdeutschen Sprachgebiet übli‐ che Variante ik weitestgehend verdrängt. Ferner ist die graphische Variation zwischen der frühmittelniederdeutschen ch- und c-Schreibung gegenüber der häufigeren k- und ck-Realisierung in der späteren Überlieferungsphase zu beachten.754 Im Untersuchungstext sind folgende Formen belegt: ick (365), Jck (15), jck (2), yck (2). Man kann den Belegen entnehmen, dass die Wiedergabe des k im Text nicht variiert und ausschließlich die jüngere Graphie gebraucht wird, während die Wieder‐ gabe des kurzen i zwischen , , und wechselt. Allerdings ist eine eindeu‐ tige Dominanz der i-Schreibung zu vermerken. Zudem lässt sich festhalten, dass es sich bei allen vorgefundenen Formen um mittelniederdeutsche Normalform ik han‐ delt. Es lässt sich weder hochdeutscher noch anderweitiger regionaler Einfluss fest‐ stellen. 8.5 8.5.1 8.5.1.1 753 Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 5, Abb. 1. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 92 (Karte). 754 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Tümpel, Niederdeutsche Stu‐ dien, S. 71-77; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 337, 403 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1783; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 69; Bischoff, Über gesprochenes Mittelnieder‐ deutsch, S. 37f.; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 100; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundensprache Attendorns, S. 131; Peters, Katalog sprachlicher Merkma‐ le II, S. 92 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 288ff.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 137 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ders., Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1480f.; Temmen, Abdinghofer Azneibuch, S. 140-143; ASnA, Bd. I, Karte 107 ‚ich‘. Teil II A Textinterne Analyse 240 ‚mir‘, ‚mich‘755 Für den Einheitskasus der 1. Person Singular des Personalpronomens tritt im Nord‐ niederdeutschen, Westfälischen und Südmärkischen als Hauptform mî auf. In den ostfälischen Texten begegnet neben den frequenteren akkusativbasierten Varianten mik und mek durchaus auch die dativbasierte Form mê, zuweilen auch mî. Beeinflusst durch die lübische Schriftsprache findet hier ein späterer Ausgleich zugunsten der da‐ tivischen Form mî statt. Im Mecklenburgischen ist die nordniederdeutsche Normal‐ form mî zu erwarten.756 Diese Annahme wird durch den Untersuchungstext bestätigt, indem sich fast aus‐ schließlich dativische mî-Belege finden lassen: my (218) und mick 179r (1). Der Ein‐ zelbeleg für das akkusativische mik begegnet dabei in einer Randglosse, in der Frei‐ dank zitiert wird. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich in diesem konkreten Fall um eine durch die Textvorlage beeinflusste Form handelt. Zudem lässt sich dieser Ein‐ zelbeleg dadurch erklären, dass mick in dem benannten Autoritätenspruch in der Reimposition zu syck steht. ‚wir‘ Neben der sonst im Mittelniederdeutschen gültigen Variante wî erscheint vielerorts die Nebenform wê. Beide Varianten kommen im Westfälischen vor, das Ostfälische hingegen bevorzugt zunächst wê. Erst im 15. Jahrhundert erfolgt ein Übergang zu wî, wobei die y-Graphie überwiegt. Im Mecklenburgischen dominiert die Form wî, dane‐ ben erscheinen selten auch wê und wie.757 Im Untersuchungstext kommt ausschließlich die für das Mecklenburgische er‐ wartete Hauptform wy (57) vor. Es lässt sich keinerlei graphische Variation feststel‐ len, die Wiedergabe des langen î erfolgt ausschließlich durch . 8.5.1.2 8.5.1.3 755 Zum Einheitskasus für den Dativ und Akkusativ vgl. Kap. 6.2 Pronominalflexion: Der Einheitska‐ sus. 756 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 2, 4; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104-109; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 69f.; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 37f., 42f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 92 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 137 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 108 ‚mir‘ und Karte 109 ‚mich‘. 757 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Tümpel, Niederdeutsche Stu‐ dien, S. 86-91; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 5; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 93 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 137 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 240; ASnA, Bd. I, Karte 110 ‚wir‘. 8 Lexemgebundene Varianz 241 ‚uns-‘ Die obliquen Formen des Personalpronomens der 1. Person Plural und die entspre‐ chenden gleichlautenden Formen des Possessivpronomens lauten ursprünglich ûs-. In der frühmittelniederdeutschen Phase werden im Nordniedersächsischen und Ostfäli‐ schen die Formen dementsprechend als ûs- auch schriftlich realisiert. Bereits seit dem 13. Jahrhundert kommen in der westfälischen Schreibsprache die uns-Varianten vor, wobei die ûs-Varianten im mundartlichen Gebrauch durchaus erscheinen. In den nordniedersächsischen und ostfälischen Texten des 14. Jahrhunderts sind u. a. alte Akkusativformen unsik, ü̂sik, üsek und ösek belegt. Man geht davon aus, dass in Lü‐ beck zunächst überwiegend ûs- gesprochen sein muss. Eine solche Annahme wird dadurch gerechtfertigt, dass die ersten Lübecker Einwohner aus nordniedersächsi‐ schem, westfälischem und ostfälischem Sprachraum kamen. In der frühen Lübecker Überlieferung begegnen sowohl die ûs- als auch die uns-Formen. Im 14. Jahrhundert sind die nasallosen Varianten frequenter, danach überwiegen in Lübeck eher die aus dem Westfälischen stammenden und durch das mittelniederländische ons gestützten uns-Varianten. Von Lübeck aus dringt uns- in das nordniedersächsische und ostfäli‐ sche Altland zurück und wird dadurch zur überregionalen Hauptvariante. Auch das Mecklenburgische und Südmärkische schreiben in der Regel uns-. In einer ganzen Reihe von mecklenburgischen Urkunden und im Redentiner Osterspiel finden sich jedoch bis in das 15. Jahrhundert hinein die alten n-losen Formen. Fast ausschließlich am westlichen Rand des mittelniederdeutschen Sprachraumes erscheint ons-, gestützt durch die mittelniederländische Normalform im Grenzgebiet.758 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lassen sich ausschließlich nasalhaltige uns-Varianten ermitteln, an keiner Stelle lässt sich eine Verdumpfung von u zu o feststellen, die auf einen westlichen Einfluss hinweisen könnte. Somit kann festgehalten werden, dass im Untersuchungstext lediglich regionskonforme Schreibungen vorkommen: vnse (13), vns (63), vnsen (2), vnser (4), vnsem (1). 8.5.1.4 758 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107, § 146, S. 108; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 69f.; ders., Niederdeutsche Studien, S. 95-102; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 6, 7; Højberg Christensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 337-342; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 59f.; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 105; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 95; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 20f.; ders., Zu mnd. ûs und uns; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 157; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 70; Goos‐ sens, Sprache, S. 65; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 137 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1432; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1479, 1481; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 93 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82f.]; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 240; ASnA, Bd. I, Karte 111 ‚uns‘ und Karte 117 ‚unser‘. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 160 (Kar‐ te). Vgl. auch Kap. 5.1.4 Senkung von u > o vor gedecktem Nasal. Teil II A Textinterne Analyse 242 ‚dir‘, ‚dich‘759 Das Nordniederdeutsche, Südmärkische und Westfälische bilden den Einheitskasus der 2. Person Singular des Personalpronomens auf der dativischen Grundlage und sind Teil des dî-Gebiets. Dî stellt ebenfalls die Form der sogenannten „lübischen Norm“ dar, die im 15. Jahrhundert die im Ostfälischen ursprünglich verbreitete akku‐ sativbasierte Variante dek und ihre Nebenform dik verdrängt. Als mecklenburgisch gilt der Ausgleich auf der dativischen Grundlage dî.760 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt ausschließlich die dativbasierte Variante: dy (101). Die akkusativische Form dek und ihre Nebenform dik erscheint erwartungsgemäß nicht. ‚ihr‘ Für den Nominativ der 2. Person des Personalpronomens lautet die mittelniederdeut‐ sche Hauptform gî. Im Westfälischen ist die j-lose Form i anzutreffen.761 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnet ausschließlich die nicht markierte mittelnie‐ derdeutsche Hauptform gy (147) mit konsonantischem Anlaut. Es erfolgt keine wei‐ tere Differenzierung der Wiedergabe des langen î. Genauso wie bei ‚wir‘ erscheint in dieser Position ausnahmslos das . ‚euch‘ Als verbreitetste ‚euch‘-Formen der 2. Person Plural (Dativ, Akkusativ) des Personal‐ pronomens gelten im Mittelniederdeutschen jû, jûw. Diese Formen entsprechen auch der sogenannten „lübischen Norm“ und kommen u. a. auch im Mecklenburgischen vor. Im westlichen Westfälischen erscheint hingegen die j-lose Form û. Als südwest‐ fälische Kennform gilt ûch. Die ostelbische Nebenform lautet juch. In der ostfäli‐ schen Schreibsprache sind die an gî angelehnten Akkusativformen jük und gik sowie die an mek angelehnte Form gek > jök belegt.762 8.5.1.5 8.5.1.6 8.5.1.7 759 Zum Einheitskasus für den Dativ und Akkusativ vgl. Kap. 6.2 Pronominalflexion: Der Einheitska‐ sus. 760 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104-109; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 37f., 42f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 93 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 83]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 160 (Karte). 761 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 9; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 83]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]. 762 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 11; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 105f.; Bischoff, Über ge‐ sprochenes Mittelniederdeutsch, S. 42f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 83f.]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ 8 Lexemgebundene Varianz 243 Der Befund im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt eine ziemlich konstante Verwendung der gemeinmittelniederdeutschen und regionskonformen Variante juw (119). Dane‐ ben erscheint einmal die ebenfalls für Mecklenburg zu erwartende graphische Neben‐ variante yuw (1) sowie der Einzelbeleg für ju (1). Des Weiteren sind zwei graphische u-lose Varianten zu nennen: jw (5), yw (1). Es lassen sich im Text keine Belege für die weitere ostelbische Nebenvariante juch konstatieren. ‚er‘ Die mittelniederdeutsche Normalform für die 3. Person Singular maskulinum Nomi‐ nativ lautet hê. Manchmal erscheinen die Schreibungen mit nachgeschriebenem Buchstaben als Dehnungsbezeichnung wie hey. Das Elbostfälische und das Zerbsti‐ sche kennen außerdem die Variante hî. Im niederdeutsch-mitteldeutschen Grenzge‐ biet tritt auch die aus dem Hochdeutschen entlehnte Form er auf.763 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ finden sich zahlreiche Belege für die regionskonforme und gleichzeitig allgemein mittelniederdeutsche Normalform he (592). Es kommen keine Entlehnungen oder durch fremde Einflüsse bedingte Nebenvarianten vor. ‚ihm‘ Für die 3. Person Singular maskulinum und neutrum Dativ gilt als gebräuchlichste Variante im gesamten mittelniederdeutschen Schreibsprachenraum die Form eme. V. a. in frühen Texten kommt für das anaphorische Pronomen ebenfalls die Variante ime vor. Im Ostfälischen ist die gerundete Form öme häufig anzutreffen764 und die Variante hem findet sich im Ostniederländischen und Ostfriesischen. Im Auslaut kann zudem eme zu em > en werden.765 8.5.1.8 8.5.1.9 schen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273. Zur mo‐ dernen Variantenverteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 156f. 763 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., hier S. 107; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 5c; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 290; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 241; ASnA, Bd. I, Karte 112 ‚er‘. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 164 (Karte). 764 Nerger weist darauf hin, dass im ‚Narrenschyp‘ von 1519 sowie in einer kleinen Anzahl von Mecklenburger Urkunden „neben den mit e anlautenden Formen […] andere mit o oder oͤ anlauten‐ den Formen“ anzutreffen sind. Vgl. dazu Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., hier S. 108. 765 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., hier S. 107; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, § 404 Anm. 3; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 290f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 113 ‚ihm‘. Teil II A Textinterne Analyse 244 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheint äußerst selten die ältere allgemein mittelnie‐ derdeutsche Variante eme (3). Gerundete Formen oder Varianten mit konsonanti‐ schem Anlaut fehlen im Untersuchungstext. Dagegen ist die spätere gekürzte Form em (184) sehr gut belegt, wodurch die allgemeine Tendenz zur Apokopierung im Mecklenburgischen zusätzlich untermauert wird wird.766 ‚ihn‘ Für die 3. Person Singular maskulinum Akkusativ des geschlechtlichen Pronomens wird ene als mittelniederdeutsche Hauptform beschrieben. Als ostfälisches Kennzei‐ chen gilt die gerundete Form öne. Bisweilen kürzt sich die die Hauptform ene zu en.767 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ variiert die Realisierung der akkusativischen Form des geschlechtlichen Pronomens ‚ihn‘. Als dominierende Hauptform gilt eindeutig die apokopierte Variante en (56), die im Zusammenhang mit anderen Variablen wenig er‐ staunt und der ausgeprägten mecklenburgischen Tendenz zur Apokopierung ent‐ spricht. Die ungekürzte mittelniederdeutsche Hauptvariante erscheint im Untersu‐ chungstext dagegen nur halb so häufig: ene (23). Daneben kommt im akkusativi‐ schen Gebrauch die sonst für den Dativ belegte Variante em vor und bietet eine pro‐ funde Beleglage: em (19). ‚es‘ Die mittelniederdeutsche Hauptform für die 3. Person Singular neutrum Nominativ und Akkusativ ist it. Et gilt als Nebenform und steht üblicherweise in enklitischer Stellung. Eine Senkung von i zu e ist außerdem für das Westfälische und Ostfälische charakteristisch. Neben et tritt im Ostfälischen zudem die gerundete Form öt auf. Während die Formen mit s-Schreibung eher Seltenheitsvarianten darstellen und wohl auf die Sprachkontakte mit dem Hochdeutschen zurückzuführen sind, kommt die d- Schreibung im Auslaut ziemlich häufig vor, vermutlich durch das lateinische Prono‐ men id irregeleitet, allerdings zumeist in frühmittelniederdeutschen Texten.768 8.5.1.10 8.5.1.11 766 Vgl. dazu auch Kap. 7.2.1 Das Suffix -inge, -onge, -unge. 767 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., hier S. 107; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, § 404; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112; Peters, Kata‐ log sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 291f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 114 ‚ihn‘. 768 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 40; ders., Niederdeutsche Studien, S. 86-91; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 300 Anm. 4; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 109, 305, 404 Anm. 5; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 71; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 95 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 292f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 241. 8 Lexemgebundene Varianz 245 Im Untersuchungstext ist ausschließlich die überregional verbreitete hochdeutsch nicht beeinflusste Hauptform it in moderneren Schreibvarianten belegt: ydt (167), Jdt (18), jdt (3), idt (2). Die älteren Graphien auf -d lassen sich im Text nicht ermitteln genauso wie westfälische oder ostfälische Nebenformen. Es ergibt sich dadurch ein ziemlich einheitliches Bild, auch wenn die Wiedergabe des anlautenden kurzen i dif‐ feriert. Die Wahl der bestimmten Graphie im Anlaut lässt sich nicht durch extralingu‐ istische oder intralinguistische Einflussfaktoren erklären. ‚sie‘ Die mittelniederdeutsche Normalform sê für die 3. Person Singular femininum No‐ minativ und Akkusativ und die 3. Person Plural Nominativ und Akkusativ zeigt die Nebenform mit Dehnungsbezeichnung sey. Neben der überregional verbreiteten Form des geschlechtlichen Pronomens sê steht sî hauptsächlich in elbostfälischen Texten, wobei die letztere Variante auch als südmärkisches Kennzeichen gilt. Aus‐ schließlich in älteren Texten zeigt sich die zu erwartende Form sü̂ < asächs. siu für die 3. Person Singular femininum Nominativ, die in den späteren Phasen durch die akkusativische Form sê < asächs. sia verdrängt wird.769 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist für ‚sie‘ ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform ohne Dehnungskennzeichnung zu konstatieren: se (367). Die ältere ge‐ rundete Form sü̂ und die elbostfälische Nebenform sî erscheinen im Untersuchungs‐ text nicht. ‚ihr-‘ Die ‚ihr-‘-Formen der 3. Person Singular femininum Genitiv und Dativ des ge‐ schlechtlichen Personalpronomens sowie der 3. Person Plural und die gleichlauten‐ den Formen des Possessivpronomens lauten im Frühmittelniederdeutschen noch ire-. Als mittelniederdeutsche Normalform gilt später ere-. In ostfälischen Texten wird erezu öre- gerundet, während im Ostniederländischen und Ostfriesischen die Formen mit h-Anlaut auftreten. Ferner sind Schreibvarianten mit Doppelkonsonanz belegt. Seltener kann im Mecklenburgischen für 3. Person Singular femininum Genitiv und Genitiv Plural neben der apokopierten Variante er auch die verlängerte Form erer erscheinen.770 8.5.1.12 8.5.1.13 769 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., insbes. S. 107; Lasch, Mit‐ telniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 5e; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 95 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84f.]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]. 770 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., insbes. S. 107, § 146, S. 108; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 404 Anm. 3, 6, § 405 Anm. 1; Peters, Katalog sprachli‐ cher Merkmale II, S. 95 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; ders., Von der Verhoch‐ deutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 118 ‚ihr-‘. Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. Teil II A Textinterne Analyse 246 Im Untersuchungstext erscheinen ausschließlich für das Mecklenburgische typi‐ sche Formen, die teilweise eine überregionale Bedeutung aufweisen. So ist für die ‚ihr-‘-Formen der 3. Person Singular femininum Genitiv und Dativ des geschlechtli‐ chen Personalpronomens erwartungsgemäß die apokopierte mecklenburgische Hauptvariante er (32) belegt. Die mecklenburgische verlängerte Form erer und die lange mittelniederdeutsche Form mit überregionaler Geltung ere kommen im ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ dagegen nicht vor. Als Realisierung der mit der 3. Person Plural gleichlautenden Formen des Possessivpronomens ‚ihr-‘ sind im Untersuchungstext ausschließlich mittelniederdeutsche Normalformen belegt: eren (20), erer (21), ere (76), erem (27), erē (1), ereme (1), er (5), wobei auch hier die Neigung zur e-Apoko‐ pierung u. a. bei erem versus ereme sichtbar wird. Belege für die 3. Person Plural Ge‐ nitiv oder Dativ liegen allerdings nicht vor. Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass sich an keiner Stelle im Untersuchungstext regional anders verorteter sprachli‐ cher Einfluss, sei es ein ostfälischer, ostfriesischer oder ostniederländischer, feststel‐ len lässt. ‚ihnen‘ Als mittelniederdeutsche Normalformen für die 3. Person Plural Dativ gelten em und en. Die auf -m endenden Formen sind im Nordniedersächsischen vertreten, im West‐ fälischen und Ostfälischen sind hingegen die Formen auf -n stärker belegt. Als ostfä‐ lisches Merkmal gilt außerdem die Rundung von en zu ön, hier sind ebenfalls die er‐ weiterten Formen ene und öne vertreten. Bis in das 15. Jahrhundert hinein wird jüm als nordniedersächsische Kennform beschrieben. Durch den Ausgleichsprozess wird jüm später durch die überregional verbreitete Form em weitestgehend verdrängt. Das Mecklenburgische kennt en als Hauptform für die 3. Person Plural Dativ. En kann je‐ doch ähnlich die die Genitivformen durch die entsprechende Kasusendung erweitert werden: en > ennen. Äußerst selten ist hier ene für Dativ Plural anzutreffen. Im nie‐ derdeutsch-niederländischen Grenzgebiet begegnen zudem Formen mit h-Anlaut.771 Der Untersuchungstext bestätigt die Annahme, dass im Mecklenburgischen en als Hauptform zu erwarten ist. So erscheint für die 3. Person Plural Dativ die Reali‐ sierung en sehr häufig (65 Belege) und bildet die Hauptvariante des Textes. Die in Mecklenburg seltene, aber dennoch durchaus vertretene Variante ene für Dativ Plural ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ nur einmal belegt: ene 187r (1). Es lassen sich keine gerundeten Nebenformen aus dem ostfälischen Sprachraum konstatieren, genauso wenig wie die ältere nordniedersächsische Form jüm oder die westlichen Nebenfor‐ men mit konsonantischem Anlaut. 8.5.1.14 771 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f.; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 95 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 115 ‚ihnen‘. 8 Lexemgebundene Varianz 247 Possessivpronomina ‚meine‘ Am häufigsten erscheint das Possessivpronomen der 1. Person Singular Dativ masku‐ linum und neutrum in der längeren Form mînem. Daneben existieren die kontrahierte Variante mîme und die lange Form mîneme. Neben der überregional verbreiteten Form mîner für den Genitiv und Dativ Singular femininum sowie für den Genitiv Plural begegnet die Variante mînre. Als westfälisches Kennzeichen wird die kontra‐ hierte Variante mîr angesehen.772 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kommende folgende Possessivpronomina der 1. Per‐ son vor: – Sg. fem.: mynem Dat. (1), myne Akk. (7), myner Dat. (8), myne Nom. (8), mine Akk. (1), myn Postposition (5), myn Nom. (3), myn Akk. (1), – Sg. neut.: myn Akk. (12), myn Nom. (16), myn Postposition (1), mynes Gen. (1), minem Dat. (2), mynem Dat. (7); – Sg. mask.: myn Postposition (2), mynem Dat. (4), mynes Gen. (1), myn Nom. (16), mynen Akk. (7), myneme (1), myn Akk. (1); – Pl.: myner Gen. (3), mynen Dat. (16), myne Akk. (10), myn Postposition (1), myn Akk. (1), myne Nom. (5). Im Dativ Singular maskulinum und neutrum erscheint im ‚Reynke Vosz de olde‘ die mittelniederdeutsche Normalform in den Schreibvarianten minem (2) und mynem (11), nur einmal ist die lange Realisierung myneme 33v für Dativ Singular maskuli‐ num festzustellen. Kontrahierte Schreibungen bleiben im Untersuchungstext aus. Für Dativ Singular femininum sowie für den Genitiv Plural ist ebenso ausschließlich die überregional verbreitete Schreibform mîner anzutreffen. Für den Genitiv Singular fe‐ mininum finden sich im Untersuchungstext keine Belege. Zudem bleibt anzumerken, dass in Postposition im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausnahmslos die unflektierte Form myn (9) vorkommt. ‚seine‘ Das Possessivpronomen 3. Person Singular kann im Dativ maskulinum und neutrum als sînen, sîneme oder als verkürztes sîme realisiert werden. Für den Genitiv und Da‐ 8.5.2 8.5.2.1 8.5.2.2 772 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 146, S. 108; Colliander, Mittelnieder‐ deutsches Elementarbuch, § 301 Anm. 2; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 402, 405; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 114-117; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 300. Teil II A Textinterne Analyse 248 tiv femininum und den Genitiv Plural begegnen analog zu ‚meiner‘ die längeren Va‐ rianten sîner und sînre sowie kontrahiertes sîr.773 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt ausschließlich überregional verbreitete längere For‐ men für das Possessivpronomen der 3. Person. Weder im Versepos noch im Glossen‐ teil lassen sich kontrahierte oder regional beeinflusste Formen finden. Selten sind reimbedingt veränderte Formen anzutreffen sowie vereinzelt Druckfehler: – Sg. fem.: syner Dat. (25), syner Gen. (16), syne Akk. (55), syne Nom. (11), sine Akk. (1), syn Nom. (2)774, sine Nom. (1), syne Dat. (1)775, synem Dat. (1)776; – Sg. neut.: synem Dat. (32), syn Akk. (58), syn Postposition (1), syn Nom. (26), synes Gen. (7), synē Dat. (1), synen Dat. (1)777, synem Akk. (1)778; – Sg. mask.: synen Akk. (31), synem Dat. (34), synē Akk. (2), syn Nom. (13), syn Akk. (2)779, synes Gen. (11), syne Dat. (1)780, syner Nom. (1)781, syne Nom. (1)782, synen Dat. (1)783; – Pl.: synen Dat. (33), syne Nom. (11), syner Gen. (21), syne Akk. (18), synen Gen. (1), synē Dat. (1), sine Nom. (1). Das Reflexivpronomen ‚sich‘ Als mittelniederdeutsche Hauptform für das Reflexivum der 3. Person Dativ und Ak‐ kusativ gilt die Variante sik. Im Ostfälischen kommt die Variante mit e-Schreibung vor: sek.784 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ausnahmslos die mittelniederdeutsche Hauptform sik in drei Schreibvarianten belegt: syck (275), sick (17), syk (2). 8.5.3 773 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 146, S. 108; Colliander, Mittelnieder‐ deutsches Elementarbuch, § 301 Anm. 2; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 402, 405; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 114-117; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 300f. 774 Bl. 35r und 37r. Beide Formen scheinen reimbedingt zu sein. 775 Bl. 127r. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 776 Bl. 232v. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 777 Bl. 180r. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 778 Bl. 227v. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 779 Bl. 27v. Diese Form scheint reimbedingt zu sein. 780 Bl. 133r. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 781 Bl. 133v. Diese Form scheint reimbedingt zu sein. 782 Bl. 173r. Diese Form scheint reimbedingt zu sein. 783 Bl. 184r. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 784 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 2; Frings, Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache, Karte 51, S. 141; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 301f.; König, dtv- Atlas Deutsche Sprache, S. 155 (Karte). 8 Lexemgebundene Varianz 249 Demonstrativpronomina ‚dieser, diese‘ Als frühe Mehrheitsvariante des Demonstrativpronomens ‚diese‘ gilt in den oldenbur‐ gischen und den nordwestfälischen Schreibsprachen die ursprüngliche zerdehnte Form dēse mit einfacher s-Schreibung. Dēse kann sich im Nordwesten, gestützt durch das Niederländische, jedoch nur bis ins 14. Jahrhundert halten und erscheint ausschließlich nur in älteren Texten. Die Form dēse ist darüber hinaus unter ripuari‐ schem Einfluss in Südwestfalen anzutreffen. Ferner ist in dieser Region die hoch‐ deutsch induzierte Variante dies(s)e vertreten. Die frühe Form dīse mit tl. Vokal könnte nach Peters’ Vermutung unter Umständen als Abwandlung von dese entstan‐ den und von dit beeinflusst worden sein.785 Die beiden späteren Formen mit doppel‐ ter ss-Schreibung, desse und disse, haben sich wohl aus den synkopierten Dativen der beiden ursprünglichen Formen dēse (desme, desre) und dīse (disme, disre) ent‐ wickelt. Die Form desse verbreitet sich im 14. und 15. Jahrhundert vor allem im nördlichen Westfälischen und im Nordniederdeutschen und wird zur dortigen Leit‐ form. Daneben ist im Nordniederdeutschen die Variante disse belegt, sie stellt in die‐ sem Sprachgebiet jedoch nur eine Nebenvariante dar. Im Ostfälischen hingegen er‐ scheint sie als Leitvariante im 14. Jahrhundert. Parallel zu den neuen Varianten mit -ss- begegnen die gerundeten Varianten dösse und düsse, wobei dösse kaum im desse- Gebiet auftritt und düsse überwiegend im Ostfälischen des 15. Jahrhunderts belegt ist und dort die Leitform disse ablöst. Als „klassische“ mittelniederdeutsche Form mit weitestem Gebrauchsradius und die schriftsprachliche Variante gilt die Realisierung desse. Seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wird die gemein mittelniederdeutsche Variante desse durch ostfälische Leitformen disse und düsse verdrängt. Die nicht ge‐ rundete Variante disse ist dabei überwiegend im Nordniederdeutschen der spätmittel‐ niederdeutschen Zeit vertreten. In Westfalen setzt sich eher die gerundete Realisati‐ onsform düsse durch.786 8.5.4 8.5.4.1 785 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 86]. 786 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 45f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, S. 110; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementar‐ buch, § 304; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 173, 227, 407; Højberg Christen‐ sen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 355-359; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 119; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 68; Scharnhorst, Un‐ tersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 34; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1786; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 71f.; Peters, Variation und Tradition, S. 152 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 6f.]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 86]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 215; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 302-306; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 139 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 120]; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 138f.; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 173f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1433; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1479-1482; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanz‐ Teil II A Textinterne Analyse 250 Im Untersuchungstext ist ausschließlich die gemein niederdeutsche nicht labiali‐ sierte kurzvokalische Variante desse belegt. Die Kürzung des tl. Vokals wird in allen Fällen durch die Gemination angezeigt. – Belege mit : dessen (36), desser (23), Desse (71), dessem (47), desses (11). ‚dies(es)‘ Als mittelniederdeutsche Normalschreibung des neutralen Demonstrativums ‚dies(es)‘ gilt dit. Die gerundete Form düt begegnet im Ostfälischen und stellt die dortige Mehrheitsvariante dar. Selten erscheint die Analogiebildung desset ebenso wie die erweiterten Formen des Demonstrativpronomens ditte und dütte.787 Im Untersuchungstext kommt ausschließlich die mittelniederdeutsche Normal‐ form in vier verschiedenen Schreibvarianten vor: Dith (6), dit (1), dyt (60), dyth (11). Es lässt sich kein ostfälischer Einfluss feststellen. ‚der-, die-, dasjenige‘ Das Demonstrativum ‚der-, die-, dasjenige‘ weist im Mittelniederdeutschen eine viel‐ fache Variation auf. Zum einen kann der auf j zurückgehende Anlaut als j oder g rea‐ lisiert werden, sodass eine Variation zwischen den Typen de jēne und de g(h)ēne möglich ist. Zum anderen kann eine Rundung des Stammvokals von tl. ē > ȫ stattfin‐ den, die jeweils in folgenden Typen mündet: de jēne / de jȫne und de g(h)ēne / de g(h)ȫne. Eine weitere Ressource für die Variabilität liefert die mögliche Kürzung des tl. ē und ihre Markierung durch Doppelkonsonanz: de jēne / de jenne und de g(h)ēne / de g(h)enne. Auch beim daraus entstandenen Kurzvokal kann eine Rundung erfolgen, die zu den Typen wie de jönne neben de jenne und de g(h)önne neben de g(h)enne führt. Als Kennzeichen der westfälischen Schriftsprache gilt die Kombinati‐ on aus dem g-Anlaut und dem tl. ē im Stamm. Das Geldrisch-Kleverländische schreibt die gerundete Variante de g(h)ȫne. Im Nordniedersächsischen erscheint zu‐ meist neben der gekürzten und gerundeten Form mit dem j-Anlaut de jönne die ähnli‐ che Variante mit dem g-Anlaut de g(h)önne. Das Mecklenburgische zeigt die Formen de ghene und de yenne. Als mittelniederdeutsche Normalform des 15. Jahrhunderts wird die gekürzte nicht gerundete Variante de jenne beschrieben.788 8.5.4.2 8.5.4.3 leischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 145-147; ASnA, Bd. I, Karte 119 ‚diese(r)‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 787 Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 304 Anm. 3; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 173, 407 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 119; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 72; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 97 [= Peters, Mit‐ telniederdeutsche Studien, S. 86]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 215; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 306f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeut‐ schen, S. 1433; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 147f. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 788 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 147, S. 108f., hier S. 109; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 58, 67; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 163 Anm. 1, § 305; Lasch, Mittelniederdeutsche Gramma‐ 8 Lexemgebundene Varianz 251 Für das Demonstrativum ‚der-, die-, dasjenige‘ begegnen im ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ ausschließlich gekürzte Formen ohne Rundung mit dem j- bzw. y-Anlaut, wobei beide Formen ziemlich gleichmäßig verteilt sind. – Belege für de jenne: de jēnen (1), der jennen (2), den jennen (1), de jennen (2), de jenne (1); – Belege für de yenne: de yennen (1), der yennen (3), de yenne (1). ‚der-, die-, dasselbe‘ Vor l-Verbindung konnte das zweite e in de selve zu i gehoben werden. Diese Entwick‐ lung scheint vom Nordniedersächsischen auszugehen. Des Weiteren konnte das zweite e auch zu ö, genauso wie das i seinerseits zu ü gerundet werden. Im Westfälischen sind hauptsächlich die mittelvokalischen Varianten de selve und de sölve belegt. Auch im frühen Ostfälischen und Nordniedersächsischen erscheint die Form de selve, die im 14. Jahrhundert durch die gerundete Form de sülve weitestgehend verdrängt wird. In ostwestfälischen Texten herrscht ein Nebeneinander von de selve und gerundetem de sülve. Im 15. Jahrhundert wird die ungerundete Form de selve als westfälische Haupt‐ form beschrieben, das Nordniedersächsische und Ostfälische zeigen hingegen gerun‐ detes de sülve. Als spätmittelniederdeutsche Entwicklungen gelten die Formen de selvige neben gerundetem de sülvige und de selfte neben de sülfte.789 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sind ausschließlich gerundete Realisierungen für das Demonstrativum ‚der-, die-, dasselbe‘ belegt, wobei der Umlaut zumeist markiert ist. Es zeigt sich zudem Variation zwischen der nordniederdeutschen Hauptform der „klassischen“ mittelniederdeutschen Zeit de sülve und den beiden spätmittelnieder‐ deutschen Varianten de sülvige und de sülfte, die letztere von denen allerdings nur einmal belegt ist und somit eine deutliche Ausnahme bildet. Bemerkenswert ist die 8.5.4.4 tik, §§ 15.2, 175, 342, 408; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 119f.; Peters, Variation und Tradition, S. 152f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 7]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 97 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 86f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 307f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 139 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 120]; ASnA, Bd. I, Karte 120 ‚der-, die-, dasjenige‘. 789 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150, S. 110; Colliander, Mittelniederdeut‐ sches Elementarbuch, § 306; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 137, 169d, 408; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 377-379; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 93, 304f.; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 119; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 221f.; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 69; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 51; ders., Norddeutsche Stadtrech‐ te. I, S. 96; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133f.; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 68; Peters, Variation und Tradition, S. 153 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 7f.]; ders., Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1479-1482; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, 97f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 87]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 308-310; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 139 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 120f.]; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274; ASnA, Bd. I, Karte 121 ‚der-, die-, dasselbe‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut und Kap. 5.1.9 Schreibung von ü. Teil II A Textinterne Analyse 252 Tatsache, dass die mittelniederdeutsche Normalform de sülve dreimal so häufig im Untersuchungstext vorkommt wie die spätmittelniederdeutsche Kennform de sülvige. Zuletzt kann festgehalten werden, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ die Getrennt- und Zusammenschreibung für de sülve und de sülvige variiert. Es konnte ermittelt wer‐ den, dass in beiden Fällen die zusammengeschriebenen Formen leicht dominieren, auch wenn die getrennt geschriebenen Formen ebenfalls ziemlich gut belegt sind: de sülve (31) versus desülve (40) und de sülvige (9) versus desülvige (14). – Belege für de sülve: desuͤluen (9), desuͤlue (8), de suͤlue (5), den suͤluen (5), thor suͤluen (2), Dersuͤluen (1), der suͤluen (3), datsuͤlue (1), dem suͤluen (4), thom suͤluen (1), Dat suͤlue (2), dat sulue (1), dessuͤluen (1), dersuͤluen (6), De suͤluen (4), desuͤluē (2), densuͤluen (3), dyt‐ suͤlue (1), datsuͤlue (7), Dyth suͤlue (2), de suͤlff (1), Demsuͤluen (1), Dat suͤlue (2); – Belege für de sülvige: der suͤluigen (1), Desuͤluigen (3), de suͤluighe (1), de suluige (2), de suͤluigen (1), densuͤluigen (4), de suͤluige (2), den suͤluigē (1), dessuͤluigen (2), desuͤluige (1), dat suluige (1), desuluigen (1), dersuͤluigen (3); – Belege für de sülfte: Dyt suͤlffte (2). ‚solcher, -e, -es‘ Beim Demonstrativum ‚solcher, -e, -es‘ besteht im Mittelniederdeutschen vielfache diatopische und diachronische Variation, die bislang nur ungenügend erforscht ist. Als beide Haupttypen gelten alsô-, sô-, aldüs-, düs-, alsüs-, süs-, -dân, -g(h)edân, -dânich und sölk, sülk neben alsölk, alsülk. Ferner sind Formen mit einem Vokal zwi‐ schen l und k wie söllik und süllik belegt, daneben können auch Formen mit l- Schwund erscheinen: sök, sük. Es kann jedoch vermerkt werden, dass die Variante alsôdân wohl frequenter im 14. Jahrhundert als in späterer Zeit ist. Im 15. Jahrhun‐ dert gilt als eine der Hauptformen die gerundete Variante sülk, die im 16. Jahrhundert weitestgehend durch sölk verdrängt wird.790 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ variieren die beiden Haupttypen sôdân und sölk / sülk. Hauptsächlich wird im Text das moderne sölk verwendet, während älteres sôdân nur einige Belege zählt. Die mittelniederdeutsche Hauptform des 15. Jahrhunderts sülk erscheint im Untersuchungstext insgesamt nur einmal. – Belege für sôdân: sodanem (1), Sodane (3), Sodaner (substantiv.) (1), Sodan (1), Sodaner (1), sodanes (1); – Belege für sölk: solcker (4), solcke (23), Solckes (substantiv.) (28), solcken (7), solcke (substantiv.) (5), soͤlke (substantiv.) (1), soͤlken (substantiv.) (1), Soͤlcken (4), soͤlkem (1), 8.5.4.5 790 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150, S. 110; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 183, 220, 256, 408; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 122f.; Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 118f.; Peters, Variati‐ on und Tradition, S. 153f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 8f.]; ders., Katalog sprachli‐ cher Merkmale II, S. 98 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 87f.]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 311; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 140 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 121]; ASnA, Bd. I, Karte 122 ‚solcher, solche, solches‘. Vgl. auch Kap. 5.1.3 Wechsel von vormnd. u und o. 8 Lexemgebundene Varianz 253 solck (1), soͤlcke (3), Soͤlcken (substantiv.) (1), soͤlckes (substantiv.) 24v (6), soͤlckē (1), sol‐ ckem (substantiv.) (1), soͤlcker (3), soͤlck (3), soͤlckem (1), soͤlke (3), solckem (2), solcks (1), soͤlcke (substantiv.) (2); – Beleg für sölkên: soͤlkeynen (1); – Beleg für sülk: suͤlcke (1). Das als Relativpronomen verwendete Interrogativ ‚welcher‘, ‚wer‘ Die Variante wê, die im Südmärkischen eine Nebenvariante wi(e) aufweist, wird im Mittelniederdeutschen ausschließlich substantivisch gebraucht. Für das Mecklenbur‐ gische scheinen beide Formen typisch zu sein. Das zunächst adjektivisch und später auch substantivisch verwendete Interrogativ welk weist folgende Nebenvarianten auf: wel(l)ik, wil(l)ik, wilk und wolk. Als ältere Variante wird welik beschrieben, welk gilt als jüngere Variante. Im späten Mecklenburgischen ist die verlängerte Variante wel‐ kere belegt. Einige Texte zeigen ebenfalls Varianten mit l-Schwund (wek), solche mit k-Schwund (nach Lasch): wel sowie in Zusammensetzungen welkēr, welkȫr und welkên (nach Foerste) und infolge falscher Silbentrennung daraus entstandene Form wol. Die Variante wel kommt häufiger im Ostniederländischen und Westfälischen vor, die Form wol hingegen ist vornehmlich nordniedersächsisch und erscheint zu‐ weilen auch im Mecklenburgischen. Das Interrogativum welk sowie seine zahlrei‐ chen Nebenvarianten werden ebenfalls als Relativum verwendet.791 Im substantivischen Gebrauch kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ zum einen die mittel‐ niederdeutsche Normalform wê, zum anderen die nordniedersächsisch-mecklenburgi‐ sche Form wol, wobei die letztere im Untersuchungstext eindeutig dominiert. In ad‐ jektivischer Verwendung kommen das Interrogativ welk und seine spätere verlängerte Form welkere, die als späte mecklenburgische Kennform beschrieben wird, vor. Hier ist die Beleglage ziemlich übersichtlich, sodass eine eindeutige zeitliche Zuordnung nicht möglich ist. Zudem ist das Interrogativ welk neben der verlängerten mecklenburgischen Variante welker in substantivischer Verwendung belegt, wobei auch hier die Belegsi‐ tuation keine genauere Aussage bezüglich der zeitlichen Verteilung der Varianten erlaubt. Es kann nur festgehalten werden, dass substantivisches welker insgesamt viermal im Text vorkommt, während welk nur einmal belegt ist. Das als Relativum 8.5.5 791 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 148, S. 109f.; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 38f.; Colliander, Mittelniederdeut‐ sches Elementarbuch, § 308-3 und Anm. 7; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 177, 256, 410; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 124; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1786f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 134; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 101; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1433; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 98f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 88]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 311f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 140 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 121]; ASnA, Bd. I, Karte 123 ‚wer‘. Teil II A Textinterne Analyse 254 verwendetete Interrogativ welk tritt im ‚Reynke Vosz de olde‘ neben der verlängerten Nebenform welcker auf. Hier ist eindeutig zu konstatieren, dass die welker-Belege im Untersuchungstext stark überwiegen. Somit lässt sich zusammenfassend festhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ zwar eine Variation zwischen welk und welker besteht, insgesamt jedoch Belege für jüngeres welker zahlreicher sind. – Beleg für substantiv. wê: we (1); – Belege für substantiv. wol: Wol (70), woll (4); – Belege für adjektiv. welk: welcker (6), welke (1); – Belege für adjektiv. welker(e): welcker (3); – Beleg für substantiv. welk: welcke (1); – Belege für substantiv. welker(e): Welcker (4); – Belege für relativ. welk: welcke (1), Welckes (2); – Belege für relativ. welker(e): welcker (29), Welckeres (5), welckeren (4), welker (2), wel‐ ckerer (5), welckere (1). Indefinitpronomina Das Mittelniederdeutsche besitzt eine Reihe von Indefinitpronomina, die sich durch eine starke Variabilität kennzeichnen und verschiedene diatopische und diachroni‐ sche Verteilungsmuster aufweisen. Doch ist dieser Bereich zumeist nicht ausreichend erforscht, wodurch sich die Analyse der vorgefundenen Formen etwas problemati‐ scher als bei den anderen Variablen gestaltet. Der spezifische Anspruch, diese For‐ schungslücke für sämtliche Formen hier zu schließen, würde weiter über den Rah‐ men dieser Arbeit hinausgehen, deswegen werden im Folgenden keine weiterführen‐ den etymologischen Erklärungen gemacht, sondern der Fokus wird auf die vorge‐ fundenen Varianten gelegt. Diese werden gemäß dem aktuellen Forschungsstand be‐ leuchtet.792 ‚(irgend)etwas‘ Beim Indefinitpronomen ‚(irgend)etwas‘ besteht eine Formenvariation zwischen den auf das asächs. eowicht zurückgehenden Varianten icht, gicht, jocht und der durch den ch-Ausfall enstandenen Variante ît. Letztere kommt vorwiegend am westlichen Rand des mittelniederdeutschen Sprachraumes vor. Ferner begegnet durch die Voran‐ stellung des Genitivs entstandene Form ichtesicht. Das genitivische ichtes wird zu‐ weilen auch als Nominativ verwendet. Als weitere Realisierungen des indefiniten Pronomens sind der Typ wat und die mit ichtes- zusammengesetzten Nebenvarianten ichteswat, gichteswat bekannt. Die Varianten et(te)-, it(te)-, et(te)s-, it(te)swat und 8.5.6 8.5.6.1 792 Vgl. die angegebene Sekundärliteratur in den jeweiligen Kapiteln. 8 Lexemgebundene Varianz 255 die genitivischen Formen etwes, etteswes sind aufgrund ihrer Vorsilben auf den Kon‐ takt mit dem Hochdeutschen zurückzuführen.793 Für ‚(irgend)etwas‘ erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ zwei Varianten: wat(h) und die hochdeutsch beeinflusste Form etwes. Es lässt sich zudem festhalten, dass die Beleglage für diese Variable im Untersuchungstext insgesamt nicht optimal ist: etwes kommt im Text nur zweimal vor und ist allem Anschein nach auf den Einfluss des hochdeutschen Prätextes zurückführen. Wat(h) ist zwar häufiger vertreten, man kann dieser Variante jedoch wenig in Bezug auf die diatopische oder diachronische Zuord‐ nung abgewinnen. – Belege für wat(h): wat (13), wath (3); – Belege für etwes: etwes (2). ‚nichts‘ Die mittelniederdeutsche Hauptform lautet nicht < asächs. neowiht. Aufgrund der Tat‐ sache, dass bereits in frühen Texten vereinzelt Schreibungen mit t-Ausfall vorkommen, kann man davon ausgehen, dass die gesprochene Form t-los war. Am Westrand des niederdeutschen Sprachraumes erscheinen die ostniederländisch beeinflussten Formen nît und nêt. In der Bedeutung ‚durchaus nicht‘ erscheint das Pronomen vorangestellt im Genitiv in der Form nichtesnicht. In spätmittelniederdeutscher Zeit wird der Genitiv durchaus als Simplex verwendet. Die spätmittelniederdeutsche schriftsprachliche Rea‐ lisierung nich ist als Reflex gesprochener Sprache zu werten.794 In der Bedeutung ‚nichts‘ erscheinen im Untersuchungstext zwei Varianten: die mittelniederdeutsche Hauptform nicht und die spätmittelniederdeutsche genitivische Variante nicht(e)s, wobei die letztere dominiert. Für ‚durchaus nicht‘ findet sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ ein Einzelbeleg ebenfalls in der spätmittelniederdeutschen Schreibung nichtes, während für das Kompositum nichtesnicht keine Belege ermittelt werden konnten. – Belege für ‚nichts‘: nichtes (21), nicht (9), nichts (1); – Belege für ‚durchaus nicht‘: nichts (1). 8.5.6.2 793 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150, S. 110; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 411.I; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 126, 133; Peters, Variation und Tradition, S. 156 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 12]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 99 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 88f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 313; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 141 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 122]. 794 Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 60-63; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 300, 310, 357, 411; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 133; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 73; Peters, Variation und Tradition, S. 157 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 12]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 99 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 89]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 141 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 122]. Teil II A Textinterne Analyse 256 ‚jemand‘ Das Positivum des Indefinitpronomens ‚jemand‘ lässt sich im Mittelniederdeutschen weitaus seltener belegen als das Negativum ‚niemand‘. Dahlberg begründet das da‐ mit, dass „es sich [beim Negativum, S. T.] um Ausdrücke handelt, deren natürliches Milieu vor allem Statuten oder statutenähnliche Urkunden sind, Texte, die […] ihrem allgemeinen Charakter nach mehr Verbote als Aufforderungen enthalten“.795 Zu den wichtigsten Realisierungsvarianten des Indefinitpronomens ‚jemand‘ zählen die über‐ regional gültige Form jeman und ihre gerundete Variante jümman, denen im Auslaut häufig ein Dental (-t, flekt. -d-) angefügt wird. Die gerundete Form jümman(t) gilt als westfälisches und nordniedersächsisches Kennzeichen, im Südwestfälischen ist hinge‐ gen die j-lose Form ümmant häufiger belegt. Typisch für den ostfälischen Schreib‐ raum ist die Form jemet, die durch den n-Ausfall in der unbetonten Silbe zustande gekommen ist: jemand > jement > jemet. Am Westrand des niederdeutschen Sprach‐ raumes sowie im südwestlichen Westfälischen, südlichen Ostfälischen, Elb‐ ostfälischen und im Südmärkischen begegnen die Varianten yman(t) und iman(t). Zu‐ weilen kommt êman vor, die in Anlehnung an das Negativum nêman(t) entstanden ist. Mecklenburgisch sind iemand und jumment.796 Im Untersuchungstext findet eine konstante Verwendung der nicht gerundeten überregional verbreiteten Variante jemant statt. Lediglich der Anlaut variiert zwi‐ schen j- und y-Schreibung. – Belege für ‚jemand‘: yemande (1), jemande (2), jemandt (1), jemant (1), yemandt (5), ye‐ mant (1), yemāt (1). ‚niemand‘ Die mittelniederdeutsche Normalform für das Negativum ‚niemand‘ lautet nêman(t) mit Anfügung des -t im Auslaut < nêman < asächs. neoman. Dieser auch in Lübeck ver‐ breitete Typ wird zusätzlich durch die gängige Verbindung nên man in seinem Gebrauch gestützt. Am Westrand des niederdeutschen Sprachraumes sowie im Elbostfälischen und Südmärkischen begegnet häufiger die Variante nîman, die durchaus auch im Ostelbischen des 14. Jahrhunderts zu erwarten ist. Auch diese Form wird durch die mögliche Assimilation der Verbindung nîn man zusätzlich gestützt. Die ausschließlich für den ostfälischen Schreibsprachenraum typische Variante nêmet ist auf den n- Schwund in der unbetonten Silbe -mant zurückzuführen. So erscheint laut Dahlberg 8.5.6.3 8.5.6.4 795 Dahlberg, Niederdeutsch jemet ‚jemand‘ und nemet ‚niemand‘ in dialektgeographischer Bedeu‐ tung, S. 76. 796 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik nebst Chrestomatie und Glossar, S. 115, 212; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 133, 176, 207, 274, 308, 411; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 125-135; Dahlberg, Niederdeutsch jemet ‚jemand‘ und nemet ‚niemand‘ in dia‐ lektgeographischer Bedeutung; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 72f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 100 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 89f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 315f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 141f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 122]; ASnA, Bd. I, Karte 124 ‚jemand‘. 8 Lexemgebundene Varianz 257 nêmet in Braunschweig, Hildesheim, Göslar und Göttingen.797 Im Nordniedersächsi‐ schen und Westfälischen sind ebenfalls gerundete Varianten nümmant, nümmandes, nümmes belegt. Als Mecklenburgisch gelten nêmen, nümment, flekt. nêmande.798 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist das negative Indefinitpronomen zahlreich belegt. Es dominiert die nicht labialisierte Form nêmant, flekt. nêmande. Zweimal erscheint die n-lose Form nêmat, flekt. nêmade. Es ist zu vermuten, dass es sich hierbei nicht um einen Ostfalismus, sondern allem Anschein nach um einen fehlenden Nasalstrich handelt. – Belege für ‚niemand‘: nemande (22), nemandt (23), nemant (6), nemandes (1), nemāde (1), nemadt (1), nemaden (1). ‚(irgend)ein(er)‘ Für das Indefinitpronomen ‚irgendein‘ liegen im Mittelniederdeutschen zahlreiche Formenvarianten vor. Zum einen erscheint neben ên die flektierte Form êner. Aus‐ schließlich in frühmittelniederdeutscher Zeit sind jên mit entsprechenden Schreibva‐ rianten ien, yen, jen und gen sowie die präfigierte Variante jegên belegt. Zum anderen kann für ‚irgendein‘ jênich erscheinen. Anlautend können für jênich folgende Schrei‐ bungen auftreten: ge-, ie-, je-, ye-, i-, y- oder die Variante mit vokalischem e-Anlaut. Die Variante înich scheint in Anlehnung an îman(t), îder gebildet worden zu sein. Die gerundete Form iö̂nich ist ausschließlich in Halle belegt. Ferner sind Varianten mit durch Verdoppelung des n markierter Kürzung des Langvokals vor -ich vorhan‐ den: ennich, iennich, yennich, jennich, gennich, innich, ynnich.799 Des Weiteren ent‐ wickelte sich aus den einzelnen Pronomina man und jênich die zusammengesetzte Form jênichman. In westfälischen Texten begegnen Varianten sum und som mit wei‐ teren Ableitungen. Diese finden sich in spätmittelniederdeutscher Zeit auch im über‐ regionalen Gebrauch. Das als Relativpronomen verwendete Interrogativ wê wird so‐ wohl als Simplex als auch in Verbindung mit icht ebenfalls für ‚irgendein‘ gebraucht. Im adjektivischen Gebrauch ist außerdem welk für ‚irgendwelch‘ bekannt. Die Ver‐ bindung mit icht ergibt ichteswelk, gichteswelk, etwelk und itwelk. Schließlich sind die Varianten et(te)lik und it(te)lik zu erwähnen.800 8.5.6.5 797 Dahlberg, Niederdeutsch jemet ‚jemand‘ und nemet ‚niemand‘ in dialektgeographischer Bedeutung. 798 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150, S. 110; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 207.1.2.3, 273f., 308; Højberg Christensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 368-372; Dahlberg, Niederdeutsch jemet ‚jemand‘ und nemet ‚niemand‘ in dialektgeographischer Bedeutung; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 73; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 101 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 90f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 317f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 141f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 122]; ASnA, Bd. I, Karte 125 ‚niemand‘. 799 Lasch nimmt an, dass die kurzvokalischen Varianten auf die Übertragung aus den flektierten For‐ men wie iengerhande und nicht auf die Vokalkürzung vor -ich zurückzuführen sind. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 341. 800 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 69 Anm. 2, 133.4, 175, 341, 411; Sarauw, Nieder‐ deutsche Forschungen. II, S. 126-130; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 102f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 91f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 313f.; Teil II A Textinterne Analyse 258 Der Untersuchungstext zeigt Varianz zwischen den folgenden Varianten zur Be‐ zeichnung des unbestimmten Pronomens ‚irgendein‘: ên, flekt. êner, jennich mit mar‐ kierter Vokalkürzung vor -ich und Adj. welk. Am häufigsten ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ der Typ ên neben seiner flektierten Form êner belegt. Deutlich seltener er‐ scheint im Text dagegen die Variante jennich. Das adjektivisch gebrauchte welk mit der Semantik ‚irgendwelch‘ kommt nur einmal vor. – Belege für ên / êner: eyner (15), eyn (5), einem (5), einer (22), einen (3), eynen (1), eynem (4); – Belege für jennich: jennich (2), jennigen (2), yenniger (1), yennich (1); – Beleg für Adj. welk: welke (1). ‚kein‘ Im Mittelniederdeutschen sind für das Indefinitpronomen ‚kein‘ zwei Hauptvarianten bekannt: nên und nîn, die sich aus der Zusammensetzung der Verneinungspartikel nî bzw. nê mit dem unbestimmten Artikel entwickelt haben. In den meisten Teilen des Nordniedersächsischen (etwa in Bremen und Hamburg), in Ostfalen sowie in Teilen des südöstlichen Westfalens herrscht die kontrahierte Variante nên. Die zweite kon‐ trahierte Variante nîn wird als westfälische Kennform beschrieben und begegnet schwerpunktmäßig im Nordwestfälischen. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt im Raum Dortmund – Münster – Osnabrück. Daneben erscheint die Variante nîn in Ol‐ denburg. Erst im 15. Jahrhundert wechselt Oldenburg von nîn zu nên beeinflusst durch den Sprachgebrauch in der Hanse. Im Groningisch-Ostfriesischen liegt eine vierfache Variation vor. In diesem Sprachareal variiert die Realisierung zwischen dem präfixlosen und eher für die Frühzeit typischen gên, gîn (Mischform aus gên und nîn) und den kontrahierten Formen nên und nîn. Lübeck schreibt zunächst überwie‐ gend nên (insbesondere im 14. Jahrhundert). Die Variante nîn kommt daneben als Minderheitenvariante vor (vor allem im 15. Jahrhundert), genauso wie im übrigen Ostelbischen. Das hd. kein dringt ins Niederdeutsche erst in spätmittelniederdeut‐ scher Zeit ein, wobei insbesondere das Südmärkische von diesem Prozess betroffen ist. Auch die an das hochdeutsche Sprachgebiet direkt angrenzenden Teile des Elb‐ ostfälischen, etwa Halle und Zerbst, lassen sich früher beeinflussen. Davon zeugen die hier früher als im übrigen Gebiet belegten Formen enkein und kein. Ansonsten bleibt die mittelniederdeutsche Norm bis zum Ende des 16. Jahrhunderts stabil.801 8.5.6.6 Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 142 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 123]; ASnA, Bd. I, Karte 126 ‚irgendein‘. Zu den Formen et(te)lik und it(te)lik vgl. auch Kap. 8.5.6.10 ‚einige‘, ‚etliche‘. 801 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 59; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 10, 17.1, 341, 411; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 360-367; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 196; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 196; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 17; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 93f.; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 71; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 73; Peters, Variation und Tradition, S. 155 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 10f.]; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkunden‐ sprache Attendorns, S. 132; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 103f. [= Peters, 8 Lexemgebundene Varianz 259 Im Untersuchungstext konnte Varianz zwischen der nordniederdeutschen Haupt‐ variante nên und der im Spätmittelniederdeutschen vorkommenden hochdeutsch in‐ duzierten Form kein ermittelt werden, wobei die letztere eher eine Ausnahme bildet. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass die wenigen vorgefundenen kein-Belege ohne Ausnahme aus den Kapitelglossen stammen, sodass es sich um hochdeutschen Ein‐ fluss der Prätexte für die jüngere Glosse oder des Bearbeiters handeln muss. – Belege für nên: nener (3), nenen (15), nen (30), neyn (1), neen (9), nenem (5), neͤn (2); – Beleg für ‚keinerlei‘: nenerleye (1); – Belege für kein: keiner (4), keine (1). ‚jeder‘ Für das Indefinitpronomen ‚jeder‘ gibt es im Mittelniederdeutschen zahlreiche Vari‐ anten. Als überregional am häufigsten vertretene Variante gilt îder, die auf die Grundform ieweder zurückgeht und als ieweder in den ältesten Quellen belegt ist. Insbesondere im Nordniederdeutschen und in der lübischen Schriftsprache ist jewelik verbreitet, jedoch kommt diese Variante auch in anderen Sprachregionen vor. Als speziell ostfälische Variante wird jö̂wel(i)k beschrieben, in der frühen Phase ist hier ioiewelik vertreten. Der Typ jü̂wel(i)k tritt insbesondere im Südwestfälischen auf, er‐ scheint jedoch ferner auch im Nordwestfälischen und im Ostfälischen. Assimiliertes malk < mallik < manlik gilt im Kleverländischen, ist aber auch in Westfalen und Ost‐ falen durchaus belegt. Im Ostelbischen und Südmärkischen ist îslik zu erwarten. Der hochdeutsch induzierte Typ it(te)lik – mit s-Einschub its(e)lik – ist durchaus im ge‐ samten Sprachraum bekannt; er erscheint im Normalfall in Begleitung des unbe‐ stimmten Artikels ên. Im westlichen Westfälischen und im groningisch-oldenburgi‐ schen Sprachareal, aber vor allem in den Texten, die niederländischen Einfluss auf‐ weisen, findet sich die synkopierte Form elk < ellik < ên + lik. Zudem sind zusam‐ mengesetzte Formen mit man belegt: iederman, al(le)man. Zum 16. Jahrhundert hin fndet ein Variantenabbau statt, sodass als spätmittelniederdeutsche Hauptform îder gelten kann. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert dringt nach und nach die 8.5.6.7 Mittelniederdeutsche Studien, S. 92f.]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 152 und 156 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 301 und 306]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 216; Fedders, Zur ravensbergisch-lippischen Schreibsprachland‐ schaft, S. 62; ders., Die Schreibsprache Lemgos, S. 316f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 142f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 123]; Fischer, Die Stadt‐ sprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 176.; Pilkmann-Pohl, Mittelniederdeutsch in Minden, Nr. 10; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1479-1482, 1484; Ham‐ pel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 152f.; ASnA, Bd. I, Karte 127 ‚kein (geschlos‐ sene Silbe)‘ und Karte 128 ‚kein (offene Silbe). Teil II A Textinterne Analyse 260 hochdeutsch gestützte Form jēder durch, bis sie die anderen Varianten mehr oder minder verdrängt.802 Der Untersuchungstext kennt folgende Typen zur Bezeichnung des Indefinitums ‚jeder‘: îder, îderman, jēder, jēderman und îslik. Am häufigsten erscheint ganz ein‐ deutig der allgemein niederdeutsche Typ îder und seine zusammengesetzte Variante mit -man. Typisch ostelbisches îslik und hochdeutsch gestütztes jēder mit der daraus abgeleiteten Zusammensetzung jēderman kommen jeweils einmal vor und bilden eine Ausnahme. – Belege für îder: ydern (6), yder (18), yderen (1), jder (1), jdern (1); – Belege für îderman: ydermanne (1), yderman (9), Jdermanne (1), jderman (1), ydermans (2); – Beleg für jēder: jeder (1); – Beleg für jēderman: jederman (1); – Beleg für îslik: Jslick (1). ‚man‘ Das Indefinitpronomen ‚man‘ hat im Mittelniederdeutschen folgende Entwicklung durchgemacht: zunächst wurde man zu men abgeschwächt, des Weiteren hat men eine Abschwächung zu me durch n-Ausfall erfahren, bis me schließlich auf -m redu‐ ziert worden ist. Die Abschwächung zu men und dann zu me war zuerst in enkliti‐ scher Stellung verzeichnet. Neben dem für das unbetonte e ist in frühmittelnie‐ derdeutschen Texten ebenfalls die Schreibung mit belegt. Als mittelniederdeut‐ sche Normalform wird die Form men beschrieben.803 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist für das Indefinitum ‚man‘ fast ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform belegt: men (190) neben menn (8). Zudem er‐ scheint zweimal die abgeschwächte Form me mit n-Ausfall. 8.5.6.8 802 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 411; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 131; Jaatinen, Das Pronomen ‚jeder‘ im Mittelniederdeutschen, S. 315, 317f., 320, 370-375; LBCM II,1, Sp. 409, 465; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 72; Peters, Variation und Traditi‐ on, S. 154f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 9f.]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, 104f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 93-95]; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundensprache Attendorns, S. 132; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 314f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 143 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 123f.]; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahr‐ hundert, S. 177f.; Pilkmann-Pohl, Mittelniederdeutsch in Minden, Nr. 10; Temmen, Das ‚Abding‐ hofer Arzneibuch‘, S. 150-152; ASnA, Bd. I, Karte 130 ‚jeder (pronominal)‘, Karte 131 ‚jeder (Ar‐ tikelwort)‘, Karte 132 ‚jeder (je-, jo-, juwel(i)k)‘. 803 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 82, 139.IV, 216, 274; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 131f.; Peters, Variation und Tradition, S. 156 [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 11f.]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 105f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 95]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 143 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 124]. 8 Lexemgebundene Varianz 261 ‚mancher‘ Für das Indefinitpronomen ‚mancher‘ erscheinen im Mittelniederdeutschen die nicht umgelautete Form manich und ihre Umlautvariante menich. Vor dem Suffix -ich konnte der tonlange Vokal gekürzt werden. Selten ist die gerundete Variante mönnich neben mennich anzutreffen. Als Realisierungsformen für ‚mancherlei‘ kommen manigerhande und maniger‐ ley(e) sowie ihre umgelauteten Varianten und Formen mit gekürztem Vokal vor.804 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist Varianz zwischen den umgelauteten und nicht um‐ gelauteten Varianten für ‚mancher‘ und ‚mancherlei‘ zu verzeichnen, wobei umge‐ lautete Formen deutlich überwiegen. Dabei wird ein deutliches Verteilungsmuster sichtbar: Die mannich-Formen tauchen ausschließlich im Verstext auf. Es lässt sich daher vorsichtig vermuten, dass bei diesen Fällen ohne gekennzeichneten Umlaut ein Einfluss der Lübecker Vorlage vorliegt, da in der letzteren die a-Graphie stark über‐ wiegt und die e-Schreibung äußerst selten vorkommt. Ferner ist festzustellen, dass bei allen Belegen ohne Ausnahme Markierung der Vokalkürzung erfolgt, und näm‐ lich entweder durch doppelte Konsonanz oder durch Nasalstrich und Konsonanten. Gerundete Realisierungen sind im Untersuchungstext nicht anzutreffen. – Belege für mennich: mennigen (11), mennich (20), menniger (1), mēniger (1), mēnich (2), mennygem (1), mennige (1), mēnigen (2), mēnigem (1); – Belege für mannich: mannigem (2), mannyghen (2), mannygem (1), mannich (3), manni‐ gen (1); – Belege für mennigerhande: menniger hande (1); – Belege für mannigerhande: mannigerhande (1); – Belege für mannigerley(e): mennigerley (3), mennigerleye (1). ‚einige‘‚ ‚etliche‘ Für das Indefinitpronomen ‚einige, etliche‘ werden im Mittelniederdeutschen fol‐ gende Typen verwendet: it(te)like, it(te)welke, sowie die Variante mit dem s-Ein‐ schub it(tes)welke. Des Weiteren ist et(te)lik zu erwähnen. Ferner besitzt die Plural‐ form von manich die Bedeutung ‚einige‘, ‚etliche‘. Ebenfalls im Plural ist das Indefi‐ nitpronomen sum mit den Ableitungen sümich, sumelik gebräuchlich.805 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt eine stabile Verwendung des Typs etlik für ‚einige, etliche‘. – Belege für etlik: etliken (3), etlicke (1), etlike (9), Etlyke (14), etlyken (1), etlycke (2). 8.5.6.9 8.5.6.10 804 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 69; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 106 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 95]. 805 Peters, Variation und Tradition, S. 156 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 11]; ders., Ka‐ talog sprachlicher Merkmale II, S. 106 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 95]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 318; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 143 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 124]. Teil II A Textinterne Analyse 262 Adverbien Das Interrogativadverb ‚wo‘ Für das Interrogativadverb ‚wo‘ gibt es im mittelniederdeutschen Sprachraum drei Hauptvarianten: wâr, wôr und wûr. Im Anschluss an den Westen erscheint die auf das altsächsische hwâr zurückgehende Realisierung wâr schwerpunktmäßig in West‐ falen. Das auf w folgende â wurde im Nordniederdeutschen zu ô velarisiert. Als ost‐ fälische Kennform gilt die Variante wûr mit einer weiteren Hebung von ô zu û.806 Der Untersuchungstext kennt ohne Ausnahmen die nordniederdeutsche Realisie‐ rung wor (19). Das Interrogativadverb ‚wie‘ Für das Interrogativadverb ‚wie‘ existieren im Mittelniederdeutschen drei Hauptrea‐ lisierungen, die sich recht deutlich regional verteilen. So weisen Teile des Ostfälischen, Westfälischen und Elbostfälischen die Variante wû auf, während das Nordniederdeut‐ sche zu wô tendiert. Die Variante wô bildet ebenfalls die Nebenvariante im Ostfälischen und Westfälischen. Bisweilen tritt auch wâ auf. Als westlich beeinflusste Variante gilt hô. Als mittelniederdeutsche Normalform wird wô beschrieben. Als hochdeutsche Varianten bzw. hochdeutsch induzierte Varianten sind wie und we zu nennen, wobei der letzteren eine niederdeutsche Hyperkorrektur entsprechen dürfte.807 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lässt sich fast ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform wô in der Schreibvariante wo (170) ermitteln. Als abweichender Einzel‐ beleg erscheint die hochdeutsch induzierte Variante we 139v (1), die wohl auf eine hyperkorrekte Lautung mit ê4 schließen lässt. 8.6 8.6.1 8.6.2 806 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 394; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 302; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 140; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 54f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 87; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale III, S. 1 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 97]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 318f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 144 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 124]; Pilkmann-Pohl, Mittelniederdeutsch in Minden. Nr. 10; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 262; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 154; ASnA, Bd. I, Karte 133 ‚wo‘. 807 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 163, 299 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. I, S. 201, 212; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 141; Frings, Zur Grundlegung einer Ge‐ schichte der deutschen Sprache, S. 409-413; ders., Grundlegung einer Geschichte der deutschen Spra‐ che, Karte 50, S. 140; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 73f.; Peters, Variation und Tradition, S. 160 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 18]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale III, S. 1f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 97f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 321; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 144 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 124f.]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks, S. 263; ASnA, Bd. I, Karte 134 ‚wie‘. 8 Lexemgebundene Varianz 263 Präpositionen ‚ab‘ Die verbreitetste mittelniederdeutsche Variante für die Präposition ‚ab, herunter, von – weg‘ lautet af. Daneben kann am Westrand des mittelniederdeutschen Schreibspra‐ chenareals die Variante of erscheinen, deren Auftreten durch den mittelniederländi‐ schen Einfluss in der Grenzregion zu erklären ist.808 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ tritt ohne Ausnahme die überregional gültige Variante aff mit einer charakteristischen Vokalkürzemarkierung auf. Diese für den gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum übliche Variante begegnet im Untersuchungstext allerdings kein einziges Mal in der Präposition ‚ab‘ als Simplex, sondern erscheint entweder als Partikel bei den Partikelverben (33) und ihren Ableitungen (7) oder als Präfix bei präfigierten Substantiven (2) und ihren Ableitungen (1) oder als Teil der Pronominaladverbien (4): – Belege für ‚ab-‘, ‚herab-‘ als Teil von Partikelverben und ihren Ableitungen: affgemalet (1), afftheen (2), affthosundern (1), affwyken (1), affgedrungen (1), affellige (1), affmalet (1), afflenunghe (1), afflenunge (1), aff wesen (Inf.) (1), affwesen (substantiv. Inf.) (2), nimpt aff (1), aff gebeten (1), sleit … aff (1), aff laten (1), affgeyaget (1), affgehouwen (1), affgesneden (1), roͤmet aff (1), affrichten (1), affbidden (1), affgemercket (1), affgewaschen (1), affkamest (1), affwesent (substantiv. Inf.) (1), affwesen (Inf.) (1), spleth … aff (1), leth … heraff (1), aff spreken (1), affwesende (substantiv. Inf., flekt.) (2), affsleyt (1), aff‐ thostaen (1), affwenden (1), affgesecht (1), affgedrungen (1), nympt … aff (1), affthogna‐ gen (1), affgnagen (1); – Belege für ‚ab‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitungen: Affgoͤde (1), affgunst (2), affgunstich (1); – Belege für ‚ab‘ als Teil von Pronominaladverbien: dar aff / daraff (3), hyr aff (1). Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass im Untersuchungstext die allgemein gültige mittelniederdeutsche Variante af in der Realisierung aff vertreten ist. Es las‐ sen sich keine regionsfremden Formen finden. ‚auf‘ Für die Präposition ‚auf‘ treten in den mittelniederdeutschen Schreibsprachen vor al‐ lem Varianten up und uppe auf. Für das einsilbige up kommt die Nebenvariante op vor, für das zweisilbige uppe ebenfalls die o-Nebenvariante oppe. Die o-Varianten sind vornehmlich am Westrand des mittelniederdeutschen Sprachraums nahe der nie‐ derfränkischen Grenze, in südwestfälischen Texten sowie im nordniedersächsischen 8.7 8.7.1 8.7.2 808 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38.3 und Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. II, S. 231; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 327; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 150 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 129]. Teil II A Textinterne Analyse 264 Sprachgebiet um Hamburg anzutreffen. In der Frühzeit sind o-Realisationsformen durchaus auch im u-Gebiet belegt.809 Für ‚Reynke Vosz de olde‘ ist keine Variation zwischen den o- und u-Formen zu verzeichnen. Es kommen ausschließlich u-Belege vor. Die Schreibung wechselt un‐ bedeutend zwischen vp und vppe, wobei es sich bei vppe um eine Seltenheitsvariante handelt (Verhältnis 144 : 3).810 ‚außer, ausgenommen‘ Die Realisationsform behalven für die Präposition ‚außer, ausgenommen‘ sowie zum Teil in der Bedeutung ‚ohne‘ erscheint im gesamten mittelniederdeutschen Sprachge‐ biet. Die Nebenvariante behalver ist im östlichen Westfalen und westlichen Ostfalen anzutreffen. Ferner begegnet die Nebenform behalver im ostelbischen Sprachareal sowie im Baltikum.811 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt keine der beiden Varianten. ‚bis‘ Als mittelniederdeutsche Normalform für die Präposition ‚bis‘ kann man die Schreib‐ variante wente bezeichnen. Die Varianten mit a- oder i-Schreibung, wante oder winte, gelten im Westfälischen als die häufigsten Nebenformen. Außerdem sind hier einsil‐ bige Formen bet und bit belegt, die auf den westmitteldeutschen Einfluss zurückzu‐ führen sind. Ferner begegnen in westfälischen, vor allem nordwestfälischen Quellen die Nebenformen hent(e) und tot. Die erstere von beiden erscheint auch im ostfrie‐ sisch-oldenburgischen Sprachareal, die letztere ist mittelniederländisch beeinflusst. Auch die Variante hent / hente lässt sich durch die unmittelbare Nähe des Ostnieder‐ ländischen erklären. Im Ostfälischen des 14. Jahrhunderts ist die kontaminierte Reali‐ 8.7.3 8.7.4 809 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 42; ders., Die Bielefelder Urkundensprache, S. 81; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 184; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 65; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 32; Peters, Variation und Tradition, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studi‐ en, S. 18]; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 17-20; Peters, Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 158f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 307]; Fed‐ ders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 216; Peters, Sprachgeschichte, S. 628; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 328f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 150 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 129]; Taubken, Zur Lautgeo‐ graphie des Westfälischen, S. 8 und 9 Abb. 10; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 167ff.; König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 165 (Karte); Pilkmann-Pohl, Mit‐ telniederdeutsch in Minden, Nr. 10; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 155ff.; ASnA, Bd. I, Karte 143 ‚auf‘. 810 Ausgewählte Belege finden sich im Kap. 5.1.3 Wechsel von vormnd. u und o. S. d. 811 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Åsdahl Holmberg, Mittelniederdeutsch behal‐ ven, behalver; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 329; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 150 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130]. 8 Lexemgebundene Varianz 265 sationsform bente (< bet + wente) anzutreffen. Die spätmittelniederdeutsche Normal‐ form ist bet, die später durch den hochdeutschen Typ bis immer weiter verdrängt wurde.812 ‚Reynke Vosz de olde‘ bietet insgesamt nur acht Belege für die Präposition ‚bis‘. Beide Varianten entsprechen der spätmittelniederdeutschen Normalform: bet (2) und beth (6). Die graphische Variation ist weniger signifikant. ‚durch‘ Als Realisierungsformen für die Präposition ‚durch‘ konkurrieren in den mittelnieder‐ deutschen Schreibsprachen die Varianten dörch und dȫr. Im Westfälischen begegnet vornehmlich die Form dȫr. Unter hochdeutschem Einfluss wird die westfälische Vari‐ ante dȫr allerdings allmählich verdrängt, sodass die Variante mit ch-Graphie auch dort zur Hauptvariante wird.813 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnen ungefähr gleich häufig die allgemein mittel‐ niederdeutsche Form dorch (36) und die hochdeutsch beeinflusste Form durch (44) neben duͤrch (2), wobei die letztere ausschließlich in den Kapitelglossen und dazu ge‐ hörigen Marginalien anzutreffen ist. Die Realisierung dorch ist dagegen sowohl im Verstext, als auch in den Glossen zu finden. Es lassen sich keine alten westfälischen Varianten erkennen. ‚gegen‘ Von den beiden im Mittelniederdeutschen für die Präposition ‚gegen‘ nebeneinander vorkommenden Varianten jēgen und tēgen, die aus der Verbindung tô gēgen entstan‐ 8.7.5 8.7.6 812 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 80, 139, 284a; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. I, S. 347; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Frings und Schieb, bis; Schieb, BIS; Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 167-172; Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte. II, Karte 29, S. 64f.; Peters, Variation und Tradition, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 18]; Eickmans, Gerhard van der Schueren: Teuthonista, S. 241-244; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 329f.; Peters, Von der Verhoch‐ deutschung des Niederdeutschen, S. 150 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130]; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274; ASnA, Bd. I, Karte 144 ‚bis (Präposition + Konjunktion)‘. 813 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 156; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 300; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 62; Ahlsson, Die Urkunden‐ sprache Hamelns, S. 75; Peters, Variation und Tradition, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 19]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 217; Fedders, As‐ pekte einer variablenlinguistischen Untersuchung zur ravensbergisch-lippischen Schreibsprachland‐ schaft, S. 60; ders., Die Schreibsprache Lemgos, S. 330f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 151 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130]; Pilkmann-Pohl, Mittel‐ niederdeutsch in Minden, Nr. 10; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 157; ASnA, Bd. I, Karte 145 ‚durch (Präposition + Präverb)‘. Vgl. auch Kap. 5.1.5 Senkung von i, u, ü vor r + Konso‐ nant. Teil II A Textinterne Analyse 266 den sind, kommt die letztere Hauptvariante überwiegend im Westen des niederdeut‐ schen Sprachraumes vor. In der Schreibsprache Münsters konnte sie sich gar durch‐ setzen.814 Die Variante tēgen ist allerdings auch in nordniederdeutschen und ostfäli‐ schen Texten belegt, sodass eine eindeutige diatopische Abgrenzung und Zuordnung der einzelnen Realisationsformen eher schwierig sind. Anzumerken ist eine Beson‐ derheit der ostfälischen Variante, die sich durch ein inlautendes i kennzeichnet und tīgen lautet. Das Westfälische und zum Teil Elbostfälische kennen außerdem die mit‐ teldeutsch induzierte Variante kēgen. Im Spätmittelniederdeutschen begegnet zudem die hochdeutsch beeinflusste Variante gēgen.815 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ besteht eine ausschließlich graphische Variation zwi‐ schen den Formen jegen und yegen, die für das Simplex jēgen stehen. Es finden sich keine westlich gestützten Schreibformen, die auf tēgen oder ostfäl. tīgen deuten könnten, genauso wie Belege für mitteldeutsch induzierte Variante kēgen oder früh‐ mittelniederdeutsche wie später hochdeutsch beeinflusste Variante gēgen gänzlich fehlen. – Belege für jēgen mit : jegen (7); – Belege für jēgen mit : yegen (11), yeghen (2). In Komposita mit der ‚gegen‘-Komponente wie ‚Gegenwart‘, ‚gegenwärtig‘, ‚Gegen‐ teil‘, ‚Gegenrede‘ und den Ableitungen von ‚gegen‘ wie in ‚begegnen‘ erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ ebenfalls ausschließlich Schreibformen, die auf die Hauptvari‐ ante jēgen hinweisen: – Belege mit : jegenrede (1), jegenwerdich (1), jegenwerdicheit (1); – Belege mit : beyegenth (1), beyegent (2), yegenwerdicheit (1), yegenwerdige (1), ye‐ genwerdich (2), yegenwardich (1), yegendeͤl (1), daryegen (2). Man kann abschließend festhalten, dass es im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine diatopische oder diachronische Differenzierung der Verwendung von ‚gegen‘ als Simplex und als Grundmorphem in Komposita oder Ableitungen gibt. In beiden Fällen wird die über‐ regional verbreitete mittelniederdeutsche Hauptform jēgen benutzt. Die Variation zwi‐ schen den Realisierungen jegen und yegen für jēgen ist rein graphischer Natur, wobei die Variante yegen sowohl als Simplex als auch als Teil der Kompositionsbildungen und Ableitungen im Untersuchungsmaterial überwiegt. Es lassen sich keine signifikanten 814 Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 151 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130f.]. 815 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 188, 229, 335, 348; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 231; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; ders., Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta, S. 15f.; Peters, Variation und Tradition, S. 161f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 19]; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundenspra‐ che Attendorns, S. 134; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 331f.; Peters, Von der Verhoch‐ deutschung des Niederdeutschen, S. 151 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130f.]; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 170f.; Pilkmann-Pohl, Mittel‐ niederdeutsch in Minden, Nr. 10; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 158f.; ASnA, Bd. I, Karte 146 ‚gegen‘. 8 Lexemgebundene Varianz 267 Unterschiede in der Verteilung der beiden verwendeten Varianten zwischen dem Verstext und den Kapitelglossen und Randglossenbeiträgen ausmachen. ‚hinter‘ Neben der mittelniederdeutschen Normalform achter begegnet im gesamten nord‐ deutschen Gebiet die umgelautete Form echter. Im Elbostfälischen erscheint außer‐ dem die hochdeutsch induzierte Form hinder und das Sauerländische kennt ferner die Form hinger.816 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnet für die Präposition ‚hinter‘ ausschließlich die hochdeutsch beeinflusste Variante. Die wenigen Belege finden sich im Text der Kapi‐ telglossen und in gereimten Zitaten in den Kapitelglossen: – Belege für ‚hinter‘: hinder (2), hynder (1). Als Präfix bzw. Partikel sind im ‚Reynke Vosz de olde‘ sowohl achter- als auch hin‐ der- belegt. Allerdings scheint hinder- lexemgebunden zu sein, es begegnet nur im Substantiv ‚Hinterlistigkeit, Hinterhältigkeit‘, den entsprechenden Ableitungen und dem Adverb ‚heimtückisch, hinter dem Rücken‘. Die mittelniederdeutsche Normal‐ form achter- ist ziemlich zahlreich in anderen Kombinationen belegt. – Belege für achter- ‚hinter‘ als Teil von Partikelverben und ihren Ableitungen: Achterre‐ dent (1), achterredende (1), achter blyuen (1), achter stan (1), achter bleue (1); – Belege für achter- ‚hinter‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitungen: achterholt (1), achterhode (1); – Belege für hinder- ‚hinter‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitungen: hynderlistich (2), hynderlist (3), Hinderlist (3), hinderlyst (1), hinderlistich (1), hinderlisti‐ gen (3), hynderlyst (1), hynderlystiger (1), hynder ruͤgge (1). ‚mit‘ In den meisten mittelniederdeutschen Schreibsprachen erscheint die Präposition ‚mit‘ in der Form mit. Daneben kann vor allem im Westfälischen die Variante met auftre‐ ten. Als überregionale Mehrheitsvariante für das aus der Präposition gebildete Ad‐ verb gilt die Variante mēde mit Tondehnung in offener Silbe. Im Ostfälischen kann 8.7.7 8.7.8 816 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38.3; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 63; Bischoff, Elbostfälische Studien, S. 112; Peters, Variation und Tradition, S. 162 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 19f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 332f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 151 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 131]; ASnA, Bd. I, Karte 147 ‚hinter‘. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 152 (Karte). Teil II A Textinterne Analyse 268 für das Adverb aber auch bisweilen die gekürzte Form midde in Erscheinung tre‐ ten.817 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt eine Variation zwischen kurzvokalischen und ton‐ langen Schreibvarianten sowohl für die Präposition ‚mit‘, als auch für das entspre‐ chende Pronominaladverb. In beiden Fällen sind kurzvokalische Realisierungen mit auslautendem t als frequentere anzusehen. Als Teil von Partikelverben und entspre‐ chenden Ableitungen erscheint jedoch die Tonlänge etwas häufiger. Insgesamt wer‐ den durchgehend überregionale Schreibungen verwendet, westfälische oder ostfäli‐ sche Nebenformen kommen im Text nicht vor. – kurzvokalische Belege für ‚mit‘: mit (280), mith (119), Myt (4), myth (2); – tl. Belege für ‚mit‘: mede (5); – kurzvokalische Belege für ‚mit‘ als Teil von Partikelverben und ihren Ableitungen: mitdei‐ len (3), mitweten (1); – tl. Belege für ‚mit‘ als Teil von Partikelverben und ihren Ableitungen: medelydent (1), me‐ de nemen (1), mede brochte (1), hoͤret mede (1), dachte mede (1), mede tho ethen (1); – kurzvokalische Belege für ‚mit‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitun‐ gen: mitswetzer (1); – tl. Belege für ‚mit‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitungen: mede schuͤldich (1); – kurzvokalische Belege für ‚mit‘ als Teil von Pronominaladverbien: Hyrmit (3), Darmit (37), darmith (2), Wormith (3), wormit (1), woͤrmith (2); – tl. Belege für ‚mit‘ als Teil von Pronominaladverbien: dar … mede (10), hyr mede (1). ‚neben‘ In mittelniederdeutschen Schreibsprachen begegnen für die Präposition ‚neben‘ ver‐ schiedene Realisierungen. Zu diesen gehören sowohl präfigierte Formen mit Tondeh‐ nung wie benēven / bonēven und benēvens(t) / bonēvens(t) als auch präfixlose Varian‐ ten wie nēven und nēvens(t) und schließlich gekürzte Formen wie beneffen und nef‐ fen.818 8.7.9 817 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 39; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 107; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 324f.; Peters, Variation und Tradition, S. 162 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 20]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 333; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 152 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 131]; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arz‐ neibuch‘, S. 159f.; ASnA, Bd. I, Karte 148 ‚mit (Präposition)‘. 818 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 69, 223; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 324f.; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231f.; Peters, Variation und Tradition, S. 163 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 21]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 333; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 152 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 131]. 8 Lexemgebundene Varianz 269 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lassen sich keine Belege für die Präposition ‚neben‘ finden, jedoch ist ein Einzelbeleg für das Pronominaladverb ‚daneben‘ vorhanden: Darneuen (1). Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich um einen Beleg mit tonlanger Schreibung. Aufgrund von mangelnder Variation und weiteren Belegen lassen sich keine weiteren Aussagen treffen. ‚ohne‘ Zur Realisierung der Präposition ‚ohne‘ erscheinen im Mittelniederdeutschen neben‐ einander die Form sünder / sunder und die Variante âne. Im westfälischen Sprachare‐ al überwiegt die Wiedergabe der Präposition durch sunder, daneben begegnet die as‐ similierte Form sünner. Ebenfalls als westlich wird die Nebenform sonder beschrie‐ ben. Das Ostfälische bevorzugt die Variante âne. Im Nordniedersächsischen erschei‐ nen beide Realisierungen, wobei die Form sünder als frequenter anzusehen ist. In der spätmittelniederdeutschen Phase setzt sich die Form âne allmählich durch und ver‐ drängt sünder / sunder im gesamten Gebiet. Die Schreibvariante sonder ist eher in frühmittelniederdeutscher Zeit anzutreffen.819 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist zwar beide Formen auf, die spätmittelniederdeut‐ sche Variante âne hat sich aber weitestgehend durchgesetzt. Für den Typ sün‐ der / sunder findet sich nur ein Einzelbeleg in einer Randglosse (43v), die Variante âne ist mit 44 Belegen jedoch zahlreich vertreten. ‚um‘ Im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum wird für die Präposition ‚um‘ die Form ümme gebraucht. V. a. im Spätmittelniederdeutschen kommt es durch den Aus‐ fall des -e im Auslaut zur kürzeren Form üm.820 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist die spätmittelniederdeutsche Variante üm mit e- Apokope einmal als Teil der Partikel ‚herum-‘ belegt: tuͤmelde herum 35r (1). Dage‐ gen finden sind zahlreiche Belege für die Form ümme. Diese erscheinen sowohl un‐ mittelbar als Präposition oder als Teil der Zirkumposition ‚um … willen‘ als auch als 8.7.10 8.7.11 819 Weddigen, Beytrag zu einem Westphaͤlischen Idiotikon, S. 42; Lasch, Mittelniederdeutsche Gram‐ matik, §§ 10 Anm. 2, 45, 58, 275; Åsdahl Holmberg, Einschränkende Konjunktionen im Niederdeutschen, S. 36-38; Peters, Variation und Tradition, S. 163 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 21]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 159 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 307]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 217; Fedders, Zur ravensbergisch-lippischen Schreibsprachenlandschaft, S. 61f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 333-335; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 153 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 132]; Pilkmann-Pohl, Mittelniederdeutsch in Minden, Nr. 10; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 173; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 160f.; ASnA, Bd. I, Karte 149 ‚ohne‘. 820 Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 153 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 132]. Vgl. auch Kap. 5.1.9 Schreibung von ü. Teil II A Textinterne Analyse 270 Teil von Pronominaladverbien oder auch als Präfix oder Partikel bei Verben und als Präfix bei deverbativen Substantiven. Festzuhalten ist außerdem, dass die Umlaut‐ kennzeichnung im Großteil der Fälle unterbleibt. Zudem treten einige Formen mit Nasalstrich auf. Die Verteilung der Belege für ‚um‘ in diversen Positionen sieht fol‐ gendermaßen aus: – Belege für ‚um‘, ‚um-‘ ohne Umlautkennzeichnung: vmmeslage (1), vmme (70)821, vmmer (2), vmmegeit (1), vmmekamen (1), vmmestendicheyt (2), vmmestendicheit (1), vmmefel‐ lich (1), vmme geit (1), vmme gaet (1), vmmefangende (1), Vmmefange (1), vmmegheit (1), vmmeflegenden (1), vmmeher (1), vmmegekert (1), vmmegebracht (1), vmmehange (1); – Belege für ‚um‘, ‚um-‘ mit Nasalstrich: vm̃e (5)822, vm̃estenden (1), vm̃er (1), vmm̃e (3)823, vmm̃e gan (1), vmm̃e gestelt (1); – Belege für ‚darum‘ ohne Umlautkennzeichnung: Darumme (54)824; – Belege für ‚darum‘ mit Umlautkennzeichnung: daruͤmme (4); – Belege für ‚hierum‘ ohne Umlautkennzeichnung: Hyrumme (6);825 – Belege für ‚wiederum‘ ohne Umlautkennzeichnung: Wedderumme (7); – Belege für ‚wiederum‘ mit Umlautkennzeichnung: Wedderuͤmme (2); – Belege für Pronominaladverbien mit Nasalstrich: darūme (8), herūme (1). ‚unter‘ Die mittelniederdeutsche Normalform für die Präposition ‚unter‘ lautet under. Als Reflex gesprochener Sprache ist außerdem vielerorts die assimilierte Form unner in der geschriebenen Sprache belegt.826 Im Untersuchungstext ist für die Präposition ‚unter‘ wie für das Präfix ‚unter-‘ ausnahmslos die schriftsprachliche nicht assimilierte Form vnder anzutreffen.827 ‚von‘ Die mittelniederdeutsche Normalform für die Präposition ‚von‘ lautet van. Wohl durch den Einfluss des Hochdeutschen kommt es im Ostfälischen und im Branden‐ burgischen gelegentlich auch zur Schreibung von. Agathe Lasch geht allerdings da‐ von aus, dass es sich beim ostfälischen von um eine heimische Besonderheit handelt, 8.7.12 8.7.13 821 Inklusive Belege für die Zirkumposition ‚um … willen‘. 822 Kommt ausschließlich im ersten Buch vor. 823 Kommt ausschließlich im ersten Buch vor. 824 In der Distanzstellung als dar … vmme. 825 In der Distanzstellung als hyr … vmme. 826 Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 153 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 132]. 827 Für Belege s. Kap. 5.1.4 Senkung u > o vor gedecktem Nasal. 8 Lexemgebundene Varianz 271 denn beide Formen von und van kommen bereits in den älteren Texten nebeneinander vor. Erst in der Blütezeit übernimmt hier die sonst im gesamten mittelniederdeut‐ schen Sprachgebiet frequenteste Variante van die Führung.828 Beim brandenburgi‐ schen von sind sich die Forscher jedoch ziemlich einig, dass diese Form hochdeutsch induziert sein muss.829 Der Text des ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt keine Variation in Bezug auf diese Va‐ riable. Es kommt ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform sowohl zum Ausdruck der Präposition als auch des Präfixes oder auch als Teil der Pronominalad‐ verbien ‚davon‘, ‚wovon‘ und ‚hiervon‘ vor: van bzw. van-/-uan (349) und vā (7). ‚vor‘ Für die Präposition ‚vor‘, die auch als Präfix Verwendung findet, begegnet im Mittel‐ niederdeutschen neben der Mehrheitsvariante vö̂r auch die Variante vü̂r. Die letztere erscheint nach Feststellung Agathe Laschs besonders häufig bei den Lexemen vurbe‐ nomd und vurgenant.830 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt ausschließlich die mittelniederdeutsche Mehrheits‐ variante vö̂r mit und ohne Markierung des Umlauts: anlautend vor bzw. inlautend uor- (315) und voͤr (21). ‚zwischen‘ Zur Bezeichnung der Präposition ‚zwischen‘ schreibt das Westfälische fast aus‐ schließlich tüschen, während im Ostfälischen und Nordniedersächsischen die Varian‐ te twischen vorherrscht. D. h. so wie in Ostfalen und weiter im Norden tüschen zu‐ nächst eine seltene Ausnahme darstellt, ist twischen das für das Westfälische. In Bre‐ men, Lüneburg und Hamburg bildet die Variante tüschen nämlich eine seltene Aus‐ nahme. Erst im 16. Jahrhundert scheint die südlich beeinflusste w-lose Form tüschen im Oldenburgischen angekommen zu sein und sich dort einigermaßen verbreitet zu haben. Für Lübeck ist ein Nebeneinander von tüschen und twischen anzusetzen, der 8.7.14 8.7.15 828 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38; Peters, Variation und Tradition, S. 163 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 21f.]. 829 Tümpel, Die Bielefelder Urkundensprache, S. 81; ders., Niederdeutsche Studien, S. 11-14; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 62; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 65; Bischoff, Elbostfälische Studien, S. 109-112, Karte 17, S. 111; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 75f.; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundensprache Attendorns, S. 134; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 336; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 154 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 133]; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 161. 830 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 156, 185, 221.V, 321, 394; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I., S. 322; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Fedders, Die Schreibspra‐ che Lemgos, S. 336f. Teil II A Textinterne Analyse 272 wohl auf den Einfluss der sogenannten westfälischen Strömung zurückzuführen ist. Auch in den mecklenburgisch-pommerschen Quellen findet sich ein buntes Nebenei‐ nander von tw- und tü-Formen, wobei die w-losen Varianten hier fast durchgehend überwiegen. Dies könnte darin begründet sein, dass die Form tüschen eine Art Re‐ likterscheinung westfälischer Siedlersprache in Mecklenburg und Pommern darstellt oder einen niederländischen Einfluss erfahren hat. Eine hundertprozentige Erklärung für das starke Vorkommen der w-losen Formen lässt sich in diesem Fall nicht ermit‐ teln. Es kann festgestellt werden, dass auch ansonsten das Nordniederdeutsche beide Varianten nebeneinander benutzt. Karl Bischoff weist bereits 1961 in seinem Aufsatz zur Präposition ‚zwischen‘ auf eine ziemlich deutliche diatopische Verteilung der beiden Hauptausprägungen hin und zieht die Grenze zwischen der westlichen Form twischen und östlichen w-losen Form tüschen die Weser entlang. In der ostwestfäli‐ schen Übergangszone ist jedoch die Variante twuschen registriert, die die Merkmale beider Hauptvarianten in sich trägt und eine labialisierte Mischform darstellt.831 Einen weiteren Übergang von twüschen zu twöschen im westlichen Sprachraum er‐ wähnt Agathe Lasch für jüngere Quellen, bezeichnet ihn aber als selten. Im Ripuari‐ schen soll ferner auch die Variante tösche vorkommen.832 Für das Spätmittelnieder‐ deutsche ist ein Ausgleichsprozess zugunsten der aus dem Westfälischen ausgehen‐ den Form tüschen anzusetzen. Die mecklenburgischen Texte kennen jedoch aus‐ schließlich twischen in der spätmittelniederdeutschen Zeit. Die Forschung geht davon aus, dass es sich hierbei um ein Kennzeichen der Schriftlichkeit handelt, während in der gesprochenen Sprache weiterhin beide Varianten twischen und tüschen Verwen‐ dung fanden.833 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ausschließlich die mecklenburgische schriftsprach‐ liche Ausgleichsform twischen anzutreffen: twysschen (4), twisschen (8), Twisschenn (1). Als Synonym erscheint die Form manck (17). 831 Bischoff, Zu niederdeutsch twisken, twischen: tüsken, tüschen. 832 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 174. 833 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 172, 174; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 232; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 65; Korlén, Norddeut‐ sche Stadtrechte. II, S. 57; Bischoff, Zu niederdeutsch twisken, twischen: tüsken, tüschen; Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 135; Ahlsson, Die Ur‐ kundensprache Hamelns, S. 76; Peters, Variation und Tradition, S. 163f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 22f.]; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkunden‐ sprache Attendorns, S. 134; Peters, Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 156f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 305f.]; Fedders, Zur ravensbergisch-lippischen Schreib‐ sprachlandschaft, S. 61; ders., Die Schreibsprache Lemgos, S. 337f.; Peters, Von der Verhochdeut‐ schung des Niederdeutschen, S. 154 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 133]; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 171; Hampel, Studien zur mittelniederdeut‐ schen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 162f.; ASnA, Bd. I, Karte 151 ‚zwischen‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 8 Lexemgebundene Varianz 273 Konjunktionen Die kopulative Konjunktion ‚und‘ Die eingliedrige kopulative Konjunktion ‚und‘ kommt im Mittelniederdeutschen am häufigsten in der Form unde vor. Vor der Durchsetzung der mittelniederdeutschen Normalform begegnet im westfälischen Schreibsprachenraum ebenfalls die Variante ande, die allerdings in der Mitte des 14. Jahrhunderts durch die Hauptform verdrängt wird. In der niederdeutsch-niederländischen Grenzregion erfolgte dagegen eine Um‐ lautung von ande zu ende. Im Ripuarischen entwickelte sich aus dem am Westrand des mittelniederdeutschen Sprachareals vorkommenden ende die Form inde, die sich durch stattgefundene Vokalhebung e > i kennzeichnet. Ab dem 15. Jahrhundert er‐ scheint die ripuarische inde-Variante außerdem im benachbarten Südwestfälischen. Durch e-Apokopierung entwickelt sich in spätmittelniederdeutscher Phase die übli‐ chere Form der Konjunktion ‚und‘ von unde zu und.834 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnen drei Schreibvarianten der Konjunktion ‚und‘: die „klassische“ mittelniederdeutsche Normalform in der Schreibung vnde (17) mit der Schreibvariante vnnde (2), die apokopierte spätmittelniederdeutsche Mehrheitsvariante vnd (1630) mit der Schreibvariante vnnd (157) und die durch die Tilde abgekürzte Form vñ (193). Es finden sich keinerlei Spuren des westlichen Ein‐ flusses. Die adversative Konjunktion ‚aber, sondern‘ Für die adversative Konjunktion ‚aber‘ begegnen im nordniederdeutsch-westfäli‐ schen Sprachareal vor allem die synonymischen Varianten mêr und men. Neben den genannten Varianten erscheinen im Westfälischen ferner die Formen den und dan. Als Normalform für den ostfälischen Sprachraum gilt hingegen die Variante sunder. Wenn man die sprachgeographische Verteilung der beiden ersten Synonyme unter die Lupe nimmt, stellt sich heraus, dass die Form men überwiegend im Raum Münster- Oldenburg heimisch ist und die Variante mêr vor allem in den Raum Bremen-Ham‐ burg sowie in Südwestfalen einzuordnen ist. In der Frühzeit ist die Vorstufe von men, 8.8 8.8.1 8.8.2 834 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 35; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 60, 139, 212, 216.IV; Rooth, Eine westfälische Psalmenübersetzung, S. IX-XIII; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 232; Angermann, Untersuchungen über das Urkundenwesen der Grafen von Ravensberg, S. 116; Bischoff, Über Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 29; Ahlsson, Die Urkundensprache Ha‐ melns, S. 76; Peters, Variation und Tradition, S. 165 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 23]; Goebel/Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundensprache Attendorns, S. 134, Abb. 9; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 338; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 155 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 133]; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 161f.; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthand‐ schrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 142; dies., Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 168f.; ASnA, Bd. I, Karte 152 ‚und‘. Vgl. auch Kap. 5.1.4 Senkung von u > o vor gedecktem Nasal. Teil II A Textinterne Analyse 274 mēven, belegt. Bis in das 15. Jahrhundert hinein treten die beiden konkurrierenden Formen men und mêr sowohl in der Bedeutung ‚aber‘ als auch in der Bedeutung ‚sondern‘ vor. Erst ab dem 16. Jahrhundert kann man von einer scharfen Trennung der beiden Bedeutungen ausgehen. Die spätmittelniederdeutsche Normalform für die Konjunktion ‚aber‘ lautet āverst / ȫverst. Für ‚sondern‘ schreibt man in der spätmit‐ telniederdeutschen Zeit hingegen üblicherweise sondern. Seltener kommen die Vari‐ anten sundern bzw. sündern vor.835 Von den oben beschriebenen Varianten erscheinen im Untersuchungstext die Va‐ rianten men, sunder und āvers(t) / ȫverst, wobei v. a. men und āverst miteinander konkurrieren. Die t-lose Nebenvariante āvers ist ebenfalls ziemlich gut belegt, sun‐ der836 und ȫverst stellen eher Randerscheinungen dar: – Belege für men: men (62); – Belege für sunder: sunder (4); – Belege für āvers: auers (26); – Belege für āverst: auerst (64); – Belege für ȫverst: ouerst (2). Die disjunktive Konjunktion ‚oder‘ Für die eingliedrige disjunktive Konjunktion ‚oder‘ existieren im Mittelniederdeut‐ schen zahlreiche synonyme Entsprechungen. Als die am häufigsten belegten Typen sind Varianten eder / edder, ofte und efte zu nennen. Da für bestimmte regionale Schreibsprachen ein gleichzeitiges Nebeneinandervorkommen von mehreren Varian‐ ten der Konjunktion ‚oder‘ zu verzeichnen ist, scheint eine strikte diatopische For‐ menunterscheidung kaum möglich zu sein.837 Im westfälischen Schreibsprachenraum sind die Variantenpaare eder + ofte in Nordwestfalen und eder + efte in Süd- und Ostwestfalen vertreten. Die gebräuchlichsten geschriebenen Varianten im ostfäli‐ schen Sprachareal sind ifte und ichte. Neben diesen typisch ostfälischen Kennformen begegnen hier die süd- und ostwestfälischen Synonyme eder / edder und efte. Als fre‐ 8.8.3 835 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 232f.; Åsdahl Holmberg, Einschränkende Konjunk‐ tionen im Niederdeutschen, S. 19-30, insbes. S. 21ff., 38; Peters, Variation und Tradition, S. 168 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 28]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 158 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 306]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 338f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 156f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 135]; ders., Zur Stellung Hamburgs in der mittelniederdeutschen Schreibsprachenlandschaft, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 157]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 279-281; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 163f.; ASnA, Bd. I, Karte 153 ‚aber‘, Karte 154 ‚sondern‘, Karte 155 ‚aber : sondern‘. 836 Es muss allerdings vermerkt werden, dass sunder in der Kombination ‚nicht nur / alleine … son‐ dern (auch)‘ u. ä. im Untersuchungstext zahlreich belegt ist; an dieser Stelle sind diese Belege nicht in die Zählung mit reingenommen worden, um das Ergebnis für ‚aber‘ nicht zu verfälschen. 837 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 223; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 165-168, hier insbes. S. 165. 8 Lexemgebundene Varianz 275 quenteste Form für das Ostfälische und das Ostelbische gilt die Variante eder.838 Im nordniederdeutschen Schreibsprachenraum sind vornehmlich die Formen eder / edder, efte und ofte anzutreffen. In Texten der frühmittelniederdeutschen Überlieferungs‐ phase ist ferner die Variante oder belegt. Diese taucht später wieder im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum auf, wobei dieses Vorkommen auf den hochdeut‐ schen Einfluss zurückzuführen ist. Für das Elbostfälische gilt oder allgemein als Hauptform, was mit der Nähe des mitteldeutschen Sprachraums zu erklären ist. Die drei Formen der disjunktiven Konjunktion ‚oder‘ ave, ove und eve werden dagegen ausschließlich in frühen Texten gebraucht.839 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ treten insgesamt drei Schreibvarianten (davon zwei Hauptvarianten) auf: die für den ostelbischen Sprachraum als frequenteste zu be‐ zeichnende Form effte (58), ihre schriftsprachliche Entsprechung ohne explizite Vo‐ kalkürzekennzeichnung efte (2) und die auch sonst am häufigsten im nordniederdeut‐ schen Sprachareal anzutreffende Schreibvariante edder (82) mit Markierung der Vo‐ kalkürzung. Es lassen sich also weder frühmittelniederdeutsche Formen noch hoch‐ deutsch beeinflusste spätmittelniederdeutsche Schreibvarianten auffinden, genauso wenig wie regional anderweitig zu verortende schriftsprachliche Realisierungen oder sprechsprachliche Varianten. Die beiden im Text belegten Hauptformen edder und effte erscheinen als übliche Kombination für die untersuchte Region und den Unter‐ suchungszeitraum. Es ist ebenfalls als typisch anzusehen, dass beide Hauptformen im Textmaterial ohne signifikante Unterschiede in ihrer Semantik oder Gebrauch neben‐ einander verwendet werden. Die Minderheitsvariante efte, die dennoch als übliche Variante für den Untersuchungsraum anzusehen ist, erscheint auf zwei aufeinander‐ folgenden Seiten (34v und 35r) – einmal im Verstext und einmal im Randglossenbei‐ trag – und ist wohl als Druckfehler aufzufassen. Es scheint eher unwahrscheinlich zu sein, dass es sich in diesen beiden Fällen um eine bewusste Entscheidung gegen die doppelkonsonantische Mehrheitsvariante handelt. Es fällt ferner auf, dass die beiden Hauptvarianten edder und effte gleichzeitig auch die überregional verständlichen und arealübergreifend verbreiteten Formen darstellen, was mit den Ergebnissen anderer Variablen korreliert. 838 Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 339; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 165-168, hier insbes. S. 165f. 839 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 47f.; ders., Niederdeutsche Studien, S. 18-22; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 223; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 232; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 14; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 62; Bischoff, Elbostfälische Studien, S. 125f.; Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes; Peters, Variation und Tradition, S. 165-168, [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 24-28]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 339-343; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 158 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 136]; ders., Die Diagliederung des Mittelniederdeut‐ schen, S. 1480ff.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 281-286; Tem‐ men, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 165-168; ASnA, Bd. I, Karte 156 ‚oder‘. Teil II A Textinterne Analyse 276 Die temporale Konjunktion ‚wenn, als‘840 Die im Mittelniederdeutschen verbreitetsten Formen für die Konjunktion ‚wenn, als‘ sind wan und wannêr. In den früheren Texten begegnet außerdem der Typ dô. Ferner begegnet die wan-Variante mit e-Schreibung. Diese gilt als spätmittelniederdeutsche Normalform. Daneben erscheint die Form alsô.841 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ konnte neben der älteren Form dô und der in der spät‐ mittelniederdeutschen Phase überregional verbreitetsten Variante wen / wan die Form alse ermittelt werden, wobei bei der letzteren Form die Komponente ‚Einmaligkeit‘ deutlich mehr hervorsticht als bei den erstgenannten Varianten. – Belege für dô: Do (22); – Belege für wen: wen (14); – Belege für wan: wan (1); – Belege für alse: Alse (12). Die temporale Konjunktion ‚ehe‚ bevor‘ Für die temporale Konjunktion ‚ehe, bevor‘ stehen die mittelniederdeutsche Form êr und die mecklenburgische Variante ihr gegenüber.842 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ausschließlich die allgemein mittelniederdeutsche Normalform belegt, lediglich die Schreibung variiert zwischen der markierten und nicht markierten Vokallänge. – Belege für ‚bevor, ehe‘: er (2), ehr (7). Die kausale Konjunktion ‚denn‚ weil‘ Als Hauptform für die kausale Konjunktion ‚denn, weil‘ gilt im Mittelniederdeut‐ schen die Form wente. Im Frühmittelniederdeutschen ist eher die Form want(e) die Leitvariante. Im 15. Jahrhundert gilt diese hingegen als westfälisches Kennzeichen. Des Weiteren ist in westfälischen Quellen die Form winte belegt.843 8.8.4 8.8.5 8.8.6 840 Sobald eine konditionale Komponente vorliegt, werden die Belege im Kap. 8.8.7 Die konditionale Konjunktion ‚ob, falls, wenn‘ behandelt. 841 Peters, Variation und Tradition, S. 169 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 28]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 159 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 137]. 842 Wossidlo / Teuchert, Mecklenburgisches Wörterbuch, Bd. III, 944ff.; Peters, Variation und Tra‐ dition, S. 169 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 29]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 159 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 137]. 843 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 36; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 139; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 344; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 159f. [= Peters, 8 Lexemgebundene Varianz 277 Für die kausale Konjunktion ‚denn, weil‘ tritt im Untersuchungstext zum einen die mittelniederdeutsche Normalform wente auf, zum anderen zeigt ‚Reynke Vosz de olde‘ auch weitere Varianten, von denen dan(n) besonders häufig vorkommt. Als weitere Typen sind noch dô und denn zu nennen. – Belege für wente: Wenthe (4), Wente (104); – Belege für dan(n): dan (116), dann (19); – Belege für dô: do (29); – Belege für denn: denn (1). Die konditionale Konjunktion ‚ob, falls, wenn‘ Als ursprüngliche Bezeichnungen für die konditionale Konjunktion mit den Bedeu‐ tungen ‚ob‘, ‚falls‘, ‚wenn‘ werden die Typen of und ef beschrieben. Aufgrund der lautlichen Ähnlichkeit kommt es zu einer Annäherung dieser Formen an die mittel‐ niederdeutschen Realisierungen der Konjunktion ‚oder‘, nämlich ofte und efte. Diese Formenannäherung resultiert in den Kompromissbildungen oft und eft zur Bezeich‐ nung von modalem ‚ob, wenn, als ob‘. Als ostfälische und ostelbische Kennformen gelten ferner ift / icht zur Bezeichnung von ‚ob, wenn‘. So ist für das Mecklenburgi‐ sche zunächst ein Nebeneinander der Realisierungen oft, eft und ift zu verzeichnen, während in den Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts die Form eft zu dominieren scheint, wobei andere Varianten noch gelegentlich vorkommen. Unter hochdeut‐ schem Einfluss erscheinen in den spätmittelniederdeutschen Quellen Mecklenburgs des Weiteren auch die Variante als wen für modales ‚als wenn‘ und off ‚ob‘. Das mo‐ derne Mecklenburgische hat das of gegen wat und hd. ob ersetzt.844 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt folgende Varianten für konditionales ‚ob, falls, wenn‘ und modales ,als wenn, als ob‘: effte, yfft, alse wenn, alse effte, wenn, wen und wan. Von den aufgefundenen Belegen dominiert eindeutig die Realisierung wen, ver‐ gleichsweise häufig kommen die Varianten effte und wenn vor. Der Anteil der ande‐ ren Varianten ist gering. Typisch mecklenburgische Formen sind im Text nicht wirk‐ lich belegt (außer einmal yfft 230v in der Kapitelglosse), an ihrer Stelle erscheinen überregional verbreitete Varianten sowie zum Teil hochdeutsch interferierte Formen. – Belege für wen: wen (59); – Belege für wenn: wenn (17); 8.8.7 Mittelniederdeutsche Studien, S. 137f.]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks, S. 286f.; ASnA, Bd. I, Karte 157 ‚weil‘. 844 Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 104, 119ff.; Scharnhorst, Untersu‐ chungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 161; Wossidlo/Teuchert, Mecklen‐ burgisches Wörterbuch, Bd. 2, S. 665, Bd. V, S. 158; Lauremberg, Scherzgedichte, S. 6, V. 32, 46; Peters, Variation und Tradition, S. 170 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 30]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 160 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 138]; ASnA, Bd. I, Karte 158 ‚falls‘ und Karte 159 ‚falls (Auslaut: -f(t)(e)/-cht(e))‘. Teil II A Textinterne Analyse 278 – Belege für wan: wan (3); – Beleg für alse wenn ‚als wenn, als ob‘: alse wenn (1); – Belege für effte: effte (12); – Beleg für alse effte ‚als wenn, als ob‘: alse effte (1); – Beleg für yffte: yfft (1). Komparativisches ‚als‘ Für die komparativische Konjunktion ‚als‘ weisen das Westfälische und das frühe Nordniederdeutsche die Form dan / den auf. Im Ostfälischen begegnet hingegen die Variante wan / wen. Zu diesem Gegensatz kam es dadurch, weil die ostfälische Form wan in der Bedeutung ‚außer‘ auch die Bedeutung ‚als‘ erhielt und die westfälische Variante dan für ‚als‘ auch die Bedeutung ‚außer‘ bekommen hat. Die ostfälische Va‐ riante wan / wen soll sich dann allmählich weiter in Richtung Norden ausgebreitet ha‐ ben, sodass die Variante wen für ‚als‘ nach Komparativ und Negationen auch im ost‐ elbischen Gebiet am häufigsten vorkommt. Diese Verdrängung ist seit dem 14. Jahr‐ hundert zu verzeichnen. Auch in der Lübecker Schreibsprache wird die ursprünglich dominierende Form dan allmählich von wan abgelöst, bis die letztere Form zum fre‐ quentesten Typ wird. Im Mecklenburgischen ist die Variante den(n) für komparativi‐ sches ‚als‘ noch im 16. Jahrhundert zahlreich belegt. Daneben erscheint in diesem Sprachgebiet vor allem in der spätmittelniederdeutschen Zeit auch die Form alse bzw. gekürzt als, die die älteren mittelniederdeutschen Varianten wan / wen und dan / den schließlich verdrängt und immer mehr mit der vergleichenden Konjunktion ‚wie‘ in ihrem Gebrauch zusammenfällt.845 Für den Untersuchungstext ist eine starke Varianz zwischen den einzelnen Reali‐ sierungen des komparativischen ‚als‘ zu verzeichnen, wobei dan bemerkenswerter‐ weise noch stark vertreten ist und die Form alse dominiert: – Belege für alse: alse (30); – Belege für als: als (2); – Belege für dan: dan (14); – Belege für den: den (1); 8.8.8 845 Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 176-178; Åsdahl Holmberg, Ein‐ schränkende Konjunktionen im Niederdeutschen, S. 30-36; Peters, Variation und Tradition, S. 169f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 29f.]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 158 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 306]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 217; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 139]; Fedders, Aspekte einer variablen‐ linguistischen Untersuchung zur ravensbergisch-lippischen Schreibsprachenlandschaft, S. 60; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 165; Pilkmann-Pohl, Mittel‐ niederdeutsch in Minden, Nr. 10; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1480f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 344; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 164f.; ASnA, Bd. I, Karte 161 ‚als (beim Komparativ)‘. 8 Lexemgebundene Varianz 279 – Belege für denn: denn (4); – Belege für wan: wan (3); – Belege für wen: wen (4); – Belege für wenn: wenn (2). Teil II A Textinterne Analyse 280 Zusammenfassung Abschließend bleibt nun, die Ergebnisse der einzelnen variablenlinguistischen Unter‐ suchungen zusammenzufassen, damit sich ein möglichst überschaubares Gesamtbild der sprachlichen Beschaffenheit von ‚Reynke Vosz de olde‘ ergibt. Um eine unnötige Wiederholung sämtlicher Einzelergebnisse zu meiden, werden hier die wichtigsten Ergebnisse nach diatopischen und diachronischen Aspekten geordnet. Darüber hinaus sollen weitere Einflussfaktoren, die bei der sprachlichen Gestaltung des Textes eine gewisse Rolle gespielt haben können – wie beispielsweise die Lübecker Textvorlage für den Verstext und die zahlreichen Prätexte der Glosse sowie der Randglossenbei‐ träge – thematisiert und eingeordnet werden. Dies soll ermöglichen, nicht nur die im Text vorgefundene Variation zu konstatieren, sondern auch und v. a. die Sprache des ‚Reynke Vosz de olde‘ sprachhistorisch zu verorten. Diatopische Charakterisierung Es konnte gezeigt werden, dass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ aufgrund seiner Produktions- und Überlieferungsgeschichte für unterschiedlichen diatopischen Ein‐ flüssen unterliegt. Wie an einem früheren Punkt angemerkt, stellt der Untersu‐ chungstext eine Art sprachliches Konglomerat dar. Zum einen fungiert der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ als ein konkretes mittelniederdeutsches Textzeugnis, das in ei‐ ner für die Rezipienten verständlichen Sprachvarietät verfasst sein sollte, wobei zu klären war, inwiefern der Text mecklenburgische oder ostelbische Züge trägt und in‐ wieweit nordniederdeutsche oder eben überregionale Merkmale auftreten. Zum an‐ deren basiert der Erzählteil des Untersuchungstextes auf einer Lübecker Vorlage, die ihrerseits niederländische Wurzeln und Antwerpener Sprachmerkmale aufweist. Des Weiteren bediente sich der Bearbeiter des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ beim Ver‐ fassen des neuen Prosakommentars und der Randglossenbeiträge unterschiedlicher hochdeutscher, niederdeutscher und lateinischer Textquellen, die schließlich integra‐ ler Bestandteil der jüngeren Glosse geworden sind. Zudem bleibt in Betracht zu zie‐ hen, dass die Person des Bearbeiters, der Setzer und der Korrektoren nicht eindeutig bestimmt werden kann, sodass regional anderweitig zu verortende Einflüsse nicht apriori auszuschließen sind. Mithilfe der einschlägigen Literatur zum Mecklenburgi‐ schen, ferner des Katalogs sprachlicher Merkmale zur variablenlinguistischen Erfor‐ schung des Mittelniederdeutschen von Robert Peters sowie weiterer bisheriger Er‐ kenntnisse über die diatopische Verteilung von Realisierungsvarianten im Mittelnie‐ derdeutschen konnte die Sprache des ‚Reynke Vosz de olde‘ näher bestimmt und be‐ schrieben werden. 9 9.1 281 Es wurde festgestellt, dass der Sprachstand des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ weitgehend mit dem der „klassischen“ mittelniederdeutschen Schriftsprache überein‐ stimmt. Die Frage nach der sprachlichen Schichtung des Druckes kann somit dahin‐ gehend beantwortet werden, dass der Text relativ fest in der Tradition der mittelnie‐ derdeutschen Schriftsprache lübischer Prägung steht. Es konnte eine Reihe sprachli‐ cher Merkmale festgestellt werden, die im gesamten mittelniederdeutschen Raum als fester Schreibusus fungieren, darunter z. B. die Verdumpfung a > o vor ld, lt. Wenig überraschend handelt es sich gleichzeitig in vielen Fällen um Merkmale, die sich aus dem Norden in Richtung Süden ausgebreitet haben. Des Weiteren konnten Merkmale aufgefunden werden, die zwar keine gesamtniederdeutsche Geltung aufweisen, weil beispielsweise im Westfälischen oder Ostfälischen andere Varianten dominieren oder als Nebenvarianten vorliegen, jedoch als Hauptvarianten im gesamten nordnieder‐ sächsischen Gebiet auftreten. An dieser Stelle kann angemerkt werden, dass im Un‐ tersuchungstext keine direkten Westfalismen, Ostfalismen oder Niederlandismen festgestellt werden konnten, mit der Ausnahme der wenigen ursprünglich westfäli‐ schen Formen, die bedingt durch die Siedlungsgeschichte im Neuland des niederdeutschen Sprachraumes im Mecklenburgischen durchaus akzeptabel sind. Sowohl in der Lautung als auch im Formenbestand bleibt ‚Reynke Vosz de olde‘ im Kontext der Tradition der mittelniederdeutschen Schriftsprache, die generell auch den Sprachstand in Mecklenburg repräsentiert, jedoch werden in ausgewählten Bereichen einige mecklenburgische Spezifika sichtbar. Diese könnten meines Erachtens daher rühren, dass in diesen wenigen Fällen das Mecklenburgische vom Nordniedersächsi‐ schen abweicht oder die Gewichtung der betreffenden Varianten im Variantenspektrum regional unterschiedlich ausfällt. So scheint ‚Reynke Vosz de olde‘ insbesondere im Bereich des Langvokalismus ein guter Vertreter des Mecklenburgischen des 16. Jahr‐ hunderts zu sein. Auch die Labialisierung der Vokale, die prinzipiell dem Nordnieder‐ sächsischen nicht fremd ist, scheint im Untersuchungstext besonders konsequent durchgesführt zu sein, was den mecklenburgischen Sprachverhältnissen zu entsprechen scheint. Hervorzuheben ist an dieser Stelle überdies ein verhältnismäßig geregelter Gebrauch der Umlautkennzeichnung, die allerdings als orthographische Weiterent‐ wicklung gegenüber dem „klassischen“ Mittelniederdeutschen aufgefasst werden kann. Abgesehen von den Fällen, wo die übergeschriebenen oder nachgestellten Vokale durchaus als Längenmarkierung interpretiert werden könnten, gibt ‚Reynke Vosz de olde‘ eine relativ sichere Auskunft über den Umlaut, was laut den vorliegenden Forschungsergebnissen eher für spätmittelniederdeutsche Quellen typisch ist.846 Dieser Aspekt wird im zusammenfassenden Kapitel zur diachronischen Zuordnung des Un‐ tersuchungstextes erneut aufgegriffen und noch ausführlicher erörtert. Ferner wählt der Rostocker Bearbeiter des ‚Reynke Vosz de olde‘ durchgehend regionskonforme Varianten im Bereich der Zahlwörter. Zum Teil entsprechen sie dem nordniedersächsischen Stand, zum Teil handelt es sich aber um mecklenburgische Mehrheitsvarianten, die beispielsweise in Lübeck diesen Status nicht aufweisen. Hier ist insgesamt eine Vereinheitlichungstendenz, wenn nicht gar Normierungstendenz 846 Vgl. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 179. Teil II A Textinterne Analyse 282 der Vorlage gegenüber festzustellen. Einerseits liegt für alle Zahlwörter im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine Variation vor, d. h. die Variantenwahl und der Variantengebrauch sind bemerkenswert konstant. Andererseits ist auf die Modifikationen gegenüber der Vorlage hinzuweisen, die sich im Variantenersatz äußern, was wiederum sowohl di‐ atopisch als auch diachronisch begründet werden kann. Die Unterschiede in der Vari‐ antenwahl und ihrer Verteilung zwischen dem Lübecker ‚Reynke de vos‘ und dem Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ werden später in einem gesonderten Punkt zusam‐ mengestellt und mit dem Befund zu den Sprachverhältnissen in Lübeck und Mecklen‐ burg in Bezug gesetzt. Kaum Variation besteht ebenfalls im Bereich der Verbalflexion. Zu beachten ist auch hier die größere Abhängigkeit der Variantenwahl von den mecklenburgischen Sprachverhältnissen. In den Fällen, wo mecklenburgische Formen mit denen der mit‐ telniederdeutschen Sprache lübischer Prägung übereinstimmen oder zumindest durch diese gestützt werden, werden diese gebraucht ohne Rückgriff auf weitere möglichen mecklenburgischen Nebenvarianten, beispielsweise bei den Partizip Präteritum-For‐ men der Verben leggen und seggen oder beim Präteritopräsens ‚sollen‘. Liegen Un‐ terschiede im regionalen Gebrauch oder der Variantenverteilung vor, kommen entwe‐ der Abweichungen von der allgemein schriftsprachlichen Norm zugunsten des Meck‐ lenburgischen oder ein Nebeneinander der Formen zustande. Als zusätzlicher Ein‐ flussfaktor fungiert auch hier die zeitliche Komponente, die eng mit dem Vordringen der hochdeutschen Sprache in Mecklenburg und dem Übergang zum Spätmittelnie‐ derdeutschen verbunden ist. In solchen Fällen sowie wenn Abhängigkeit der Textstel‐ le vom Text der Vorlage und ihrer Sprache, beispielsweise aufgrund von Reimbin‐ dung, sichtbar wird, liegt häufiger Variation vor, z. B. beim Partizip Präteritum des Verbs ‚fangen‘, des präteritopräsentischen Verbs ‚wissen‘, bei den unregelmäßigen Verben ‚tun‘, ‚gehen‘, ‚stehen‘ und dem Verbum substantivum ‚sein‘. Die beiden letzteren Bemerkungen betreffen gleichermaßen auch den Bereich der sogenannten Einzelwörter, wie es insbesondere bei den Substantiven ‚Knochen‘, ‚Brunnen‘ und dem Verb ‚warten‘ deutlich wird. Auch wenn ‚Reynke Vosz de olde‘ ein verhältnismäßig einheitliches Bild bezüg‐ lich Variation und eingeschränkter Variantenvielfalt auf vokalischer und konsonanti‐ scher Ebene sowie in Bereichen der Wortbildung und Morphologie liefert, weisen die aus dem Bereich des Kleinwortschatzes stammenden Variablen einen signifikant hö‐ heren Grad an diatopischer und diachronischer Variabilität. Im besonderen Maße be‐ trifft diese Aussage die Demonstrativ- und Indefinitpronomina sowie die Konjunktio‐ nen, bei denen eine höhere Variantenvielfalt aufgrund des hochdeutschen Einflusses der Prätexte der jüngeren Glosse oder der diachronischen Entwicklungen, die sich durch einen Variantenausbau durch spätmittelniederdeutsche und zum Teil literatur‐ sprachlich gestützte Formen kenntlich machen, festzustellen ist. Bei den Personalpro‐ nomina, Adverbien und Präpositionen liegt dagegen häufig keine Variation vor oder sie lässt sich stets durch den direkten Einfluss der Vorlage oder des Prätextes erklären. Auf den hochdeutschen Einfluss und die jeweiligen diachronischen Entwicklungs‐ prozesse wird nun gesondert eingegangen. 9 Zusammenfassung 283 Hochdeutscher Einfluss In einer Reihe von Fällen macht sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ hochdeutscher Ein‐ fluss bemerkbar. So bleibt beispielsweise in aus dem Hochdeutschen entlehnten Wör‐ tern wie ‚Gewalt‘ und ihren Derivaten die Verdumpfung a > o vor ld, lt aus. Des Weiteren ist einmal die a-Schreibung in behalt 23v bei einer sonst durchgehend ge‐ rundeten Realisierung belegt und kann mindestens als hochdeutsch interferiert gelten. Diese nicht velarisierte Wortform erscheint in einem Zitat von Sebastian Brant und deutet so auf einen hochdeutschen Prätext hin. Ein hochdeutscher Prätext als Grund lässt sich ebenfalls für den voll-Gebrauch neben sonst nd. vull vermuten. Diese einzi‐ ge Ausnahme erscheint erwartungsgemäß in einer Kapitelglosse. Ferner schlägt sich hochdeutscher Einfluss in der umlautlosen Form gedrucket auf dem Titelblatt nieder, was recht überraschend wirkt, denn ansonsten hat ‚Reynke Vosz de olde‘ quasi eine durchgehende Umlautmarkierung beim kurzen wie langen ü. Vereinzelt begegnen im Untersuchungstext markierte Schreibungen für mnd. î, die wohl als hochdeutsch be‐ einflusst gelten können: Dyetz, schyer, wyet und wijt. Durch die hochdeutsche Litera‐ tursprache beeinflusst ist zudem die Schreibung vrouwe / frouwe. Diese Entwicklung ist weniger überraschend und v. a. nicht singulär: Belege hierfür finden sich überall im norddeutschen Sprachraum. Überdies kommt neben der normalniederdeutschen Form mynsche bzw. minsche die spätmittelniederdeutsche durch das benachbarte Hochdeutsche zusätzlich gestützte Form mensche. Die Variantenverteilung zwischen mynsche / minsche und mensche fällt im ‚Reynke Vosz de olde‘ erstaunlich gleichmä‐ ßig aus. Zudem ist an dieser Stelle anzumerken, dass alle Belege für ‚Mensch‘ und seine Ableitungen ausschließlich in den Kapitelglossen und den Randglossenbeiträ‐ gen verteilt sind. Außerdem ist festzuhalten, dass die hochdeutsch gestützte Variante mensch- fast ausschließlich im ersten Buch belegt ist. Marginal vertreten sind mensch- Formen auch im Vorwort zum zweiten Buch. Im dritten Buch und einmal im vierten Buch ist die Variante minsch- zu finden. Die Variante mynsch- ist dagegen sowohl im dritten als auch im vierten Buch zahlreich anzutreffen. Die Vermutung liegt nahe, dass der mensch-Gebrauch im ‚Reynke Vosz de olde‘ eher auf den hochdeutschen Einfluss und kaum auf den westfälisch-südmärkischen zurückzuführen ist, der seiner‐ seits gar nicht durch andere Variablen gestützt ist. Hochdeutsche Interferenz ist außerdem bei der Hiattilgung zu verzeichnen, wo‐ bei hochdeutsche Formen neben den niederdeutschen belegt sind. Auch die r-Meta‐ these scheint im Untersuchungstext einen Einfluss seitens des Hochdeutschen erfah‐ ren zu haben, denn im Normalfall erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ Formen ohne r-Umstellung. Allerdings ist zu bedenken, dass dieses Phänomen möglicherweise einfach keinen Eingang in die Schriftlichkeit gefunden hat und ausschließlich sprech‐ sprachlich realisiert wurde. Dies lässt sich jedoch anhand der Untersuchungsgrundla‐ ge leider nicht nachprüfen. Zwar eher ausnahmsweise, aber dennoch signifikant und daher erwähnenswert, erscheinen hochdeutsch beeinflusste schriftliche Realisierungen von stimmlosem k in Adverb- und Adjektivendungen als neben gewöhnlichem . Ebenfalls als orthographischer Einfluss des Hochdeutschen ist die Verwendung von anlautendem 9.2 Teil II A Textinterne Analyse 284 in Konsonantenverbindungen schl < sl und schw < sw anzusehen. Regulär weist ‚Reynke Vosz de olde‘ keine Schreibung sch- + Konsonant auf. Die beiden Ausnahmebelege Voszschwentzer 2v (versus Vosswetzer 132 r) und Anschlege 19r sind dem Prosakommentar entnommen und können wohl als hochdeutsche orthogra‐ phische Interferenzen interpretiert werden. Ansonsten ist für den Untersuchungstext stark anzunehmen, dass die š-Aussprache in Mecklenburg der 1. Hälfte des 16. Jahr‐ hunderts noch nicht eingedrungen ist. Darüber hinaus begegnet im ‚Reynke Vosz de olde‘ die Affrikate ts, die teils in den lateinischen Entlehnungen zu finden ist, teils aber in den aus dem Hochdeutschen entlehnten Wörtern auftaucht wie beispielsweise in gantz, Czegenbock, Czeg, pelze, vortzage, mitswetzer, trotzigem, czaghafftich. Als durchaus hochdeutsch beeinflusst darf auch die verstärkte Verwendung von Präfix ge- bei Abstrakta und bei der Bildung des Partizip Präteritum gelten. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ scheint sich die Bildung des Partizip Präteritum mit Präfix gequasi durchgesetzt zu haben. So erscheinen nämlich starke wie schwache Verben im Normalfall mit Präfix ge-. Dabei macht es keinen Unterschied aus, ob es sich um Verben mit einer Partikel oder um nicht präfigierte Verben handelt. Eine deutliche Ausnahme bilden nicht präfigierte Partizipien des Präteritums, die allerdings nur ins‐ gesamt dreimal belegt sind. Es lässt sich jedoch anmerken, dass diese lexem‐ gebunden zu sein scheinen oder Lexeme lateinischer Herkunft betreffen. Interessan‐ terweise wird das Partizip Präteritum des Latinismus regeren dagegen mit perfekti‐ vem Präfix gebildet: geregert. Nicht minder auffällig ist der Befund für die Verben ‚bringen‘, ‚finden‘, ‚kommen‘ und ‚werden‘, die im Mittelniederdeutschen üblicher‐ weise seltener präfigiert erscheinen. Im Untersuchungstext sind dagegen ausschließ‐ lich präfigierte Formen für die Verben ‚bringen‘ und ‚finden‘ belegt. Die Verben ‚kommen‘ und ‚werden‘ weisen sowohl präfixlose als auch präfigierte Partizipien des Präteritums auf, wobei die letzteren eindeutig dominieren. Hochdeutsch beeinflusst muss auch die dreimal registrierte Form yst für die 3. Person Singular Präsens des Verbum substantivum ‚sein‘. Die Hauptform lautet allerdings ys, was der überregio‐ nalen Tendenz entspricht, einmal ist daneben ihre graphische Variante is belegt. Die Verwendung der auf den ersten Blick hochdeutsch gestützten Variante kann aller‐ dings auch durch Reimbedingtheit erklärt werden. Alle drei yst-Belege stehen näm‐ lich in der Reimposition zu Wörtern mit einem t-Auslaut: lyst, byst, fryst. In diesem Sinne ist der eventuell hochdeutsche Einfluss nur als orthographischer anzusehen. Die Verwendung von etwes neben nd. wat(h) für ‚(irgend)etwas‘ lässt eindeutiger auf den hochdeutschen Einfluss schließen, jedoch handelt es sich nur um zwei Bele‐ ge, die dies betrifft. Die als spätmittelniederdeutsch eingestufte Variante kein (neben nd. nen) für das Indefinitum ‚kein‘ muss ebenfalls durch den hochdeutschen Einfluss ihren Weg in den Untersuchungstext gefunden haben. Das Vorkommen dieser Varian‐ te ausschließlich im Prosakommentar unterstützt die geäußerte These und kann mög‐ licherweise durch die hochdeutschen Prätexte der jüngeren Glosse erklärt werden. Auch das Indefinitpronomen ‚jeder‘ weist eine Formenvarianz auf, bei der zwei hoch‐ deutsch beeinflusste bzw. gestützte Varianten jēder und jēderman auffallen. Dabei ist die hochdeutsch gestützte Variante jēder und ihre zusammengesetzte Ableitung erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verstärkt zu erwarten. Beide Formen bil‐ 9 Zusammenfassung 285 den im Untersuchungstext eindeutig eine Ausnahme und sind als Spuren der hoch‐ deutschen Prätexte der Glosse aufzufassen. Ganz eindeutig auf den hochdeutschen Einfluss ist die Schreibung durch neben nd. dorch für ‚durch‘ zurückzuführen. Diese ist im Untersuchungstext so stark vertreten, dass sie belegmäßig sogar die niederdeutsche Normalform übertrifft (44 : 36). Allerdings ist auch für diese Variable festzuhalten, dass die hochdeutsch induzierten Formen nicht im Verstext, sondern im Gegensatz zu nd. dorch ausnahmslos im Prosakommentar und den Marginalglossen erscheinen. Dagegen lässt sich eine Lexemgebundenheit bei der hochdeutsch indu‐ zierten Präposition hinder / hynder als häufiger Bestandteil von Abstrakta und ihren Ableitungen feststellen. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass sich alle hinder- bzw. hynder-Abstrakta im Mittelniederdeutschen Handwörterbuch finden lassen und dort nicht als Fremdwörter ausgezeichnet sind, können sie wohl als sehr frühe Entlehnun‐ gen gelten bleiben. Schließlich macht sich der hochdeutsche Einfluss im Bereich der Konjunktionen bemerkbar, wo bei ‚denn, weil‘ und ‚ob, falls‘ neben den mittelniederdeutschen Normalformen und regionalkonformen Varianten auch hoch‐ deutsch induzierte Formen auftreten. Auch wenn die vorstehende Auflistung der festgestellten hochdeutsch beinfluss‐ ten Erscheinungen recht umfangreich erscheint, muss dennoch beachtet werden, dass es sich in der Mehrheit der Fälle eher um Ausnahmen und Nebenvarianten handelt. Es lässt sich außerdem festhalten, dass die meisten hochdeutschen Interferenzen, sei‐ en sie auf der lautlichen Ebene, morphem- oder wortbezogen, im Untersuchungstext zumeist in den Kapitelglossen und Marginalien und nicht im Verstext auftreten. Es darf also als recht gesichert gelten, dass die hochdeutschen Erscheinungen im ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ dem Einfluss der zahlreichen Prätexte der jüngeren Glosse zuzuspre‐ chen oder aber auf den sprachlichen Einfluss des Rostocker Glossators zurückzufüh‐ ren sind. Die daraus resultierende Vermutung liegt also nahe, dass in den Fällen, wo der hochdeutsche Einfluss des Prätextes sichtbar wird, dem Bearbeiter bzw. dem Glossator wohl keine niederdeutsche Übersetzung des hochdeutschen Originals zur Verfügung gestanden haben muss. Diachronische Charakterisierung Aufgrund der Tatsache, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe auf einem mittelniederdeutschen Frühdruck aus dem Jahre 1498 beruht und insgesamt eine Fortsetzung der mittelalterlichen ‚Reynke de Vos‘-Tradition bildet, stellte sich die gerechtfertigte Frage, inwieweit der Lautstand und Formenbestand dieses Rosto‐ cker Druckes aus dem Jahre 1539 dem der „klassischen“ mittelniederdeutschen Pha‐ se entspricht und welche spätmittelniederdeutschen Erscheinungen oder Übergangs‐ phänomene sich im Text bemerkbar machen, die durchaus auch für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zu erwarten sind. Diese Frage kann, basierend auf den Erkennt‐ nissen der einzelnen variablenlinguistischen Untersuchungen, dahingehend beant‐ wortet werden, dass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ grundsätzlich noch ziem‐ lich in der „klassischen“ mittelniederdeutschen Tradition steht. Anhand einiger Va‐ 9.3 Teil II A Textinterne Analyse 286 riablen konnte jedoch gezeigt werden, dass im Untersuchungstext generell auch Rea‐ lisierungen vorkommen, die als spätmittelniederdeutsche Erscheinungen gewertet werden können. Besonders auffällig ist zunächst ein relativ sicherer Umgang mit der Umlaut‐ kennzeichnung, v. a. beim langen ü̂. Für das kurze ü ließ sich jedoch eine Variation zwischen den markierten und nicht markierten Umlauten feststellen. Bei genauer Be‐ trachtung konnte ermittelt werden, dass die durch e-superscriptum und deutlich selte‐ ner durch übergeschriebenes o gekennzeichneten umgelauteten Formen frequenter als die nicht gekennzeichneten Formen sind. Die Variantenverteilung konstanter u- Realisierungen, konstanter uͤ- bzw. uͦ-Schreibungen und variabler Graphien ließ je‐ doch keine Schlüsse auf Lexemgebundenheit oder extralinguistische Faktoren ziehen. Wenn also beim kurzen ü die nicht markierten Schreibungen durchaus noch stark vertreten sind, muss für ü̂ festgestellt werden, dass sich die Neuerung (Umlautkenn‐ zeichnung) quasi bereits durchgesetzt hat. In der Umlautposition für mnd. ü̂ tritt näm‐ lich nur einmal die einfache u-Schreibung auf, in den Restfällen erscheint die Schrei‐ bung mit übergeschriebenem . Diese Bemerkung ist zusätzlich deswegen von Be‐ lang, weil alle Realisierungen mit eindeutig als markierte Schreibungen für den Umlaut und nicht als Dehnungsmarker gelten können. Eine weitere Neuerung aus dem Bereich des Vokalismus scheint sich ebenfalls bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durchgesetzt zu haben. Es handelt sich hierbei um die regelhafte Be‐ zeichnung des tl. ō durch , die ihrerseits der mecklenburgischen Aussprache die‐ ser Zeitperiode entspricht.847 Als eine wichtige Entwicklung gegenüber der „klassischen“ mittelniederdeutschen Periode ist das verstärkte Erscheinen der Apokopierung des auslautenden -e festzu‐ halten. Zwar kann für ‚Reynke Vosz de olde‘ die Apokopierung noch nicht als absolut konsequent bezeichnet werden, aber der Prozess scheint im Mecklenburgischen tat‐ sächlich recht fortgeschritten zu sein. Am weitesten scheint die Apokopierung im Un‐ tersuchungstext die femininen Abstrakta auf -inge / -unge betroffen zu haben sowie sich bei den obliquen Kasus der geschlechtlichen Personalpronomina niedergeschlagen zu haben. Ferner ist e-Abfall teilweise bei den Konjunktionen ‚als‘ und ‚und‘ festzustellen, wobei auch in diesem Fall Varianz zwischen den Formen mit bewahrtem und Apokope zu verzeichnen ist. Dabei bevorzugt ‚Reynke Vosz de olde‘ immer noch die nicht apokopierten Formen, auch wenn die Verteilungsdivergenzen zwischen den Realisierungen in den einzelnen Variablen unterschiedlich stark sind. Ebenfalls auffällig ist der verstärkte Gebrauch des Präfixes ge- sowohl bei der Bildung des Partizip Präteritum bei schwachen wie bei starken Verben als auch bei deverbativen Abstrakta. Hier weicht ‚Reynke Vosz de olde‘ eher von der „klassi‐ schen“ mittelniederdeutschen Realisierung ab. Zum anderen lässt sich bei diesen Va‐ riablen aber auch hochdeutscher Einfluss auf den Text erkennen (s. d.). Eindeutig durchgesetzt hat sich dagegen die jüngere kurzvokalische Form für die 3. Person Sin‐ gular Präsens Indikativ des Verbs ‚haben‘. Die „klassische“ mittelniederdeutsche Va‐ riante scheint vollständig verdrängt worden zu sein und ist im Untersuchungstext 847 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 180. 9 Zusammenfassung 287 demnach nicht belegt. Auch beim Präteritopräsens ‚sollen‘ bevorzugt ‚Reynke Vosz de olde‘ jüngere Varianten gegenüber solchen aus der „klassischen“ Periode. Ähnlich verhält sich auch das Präteritopräsens ‚können‘. Im Präsens wird nämlich ausschließ‐ lich die jüngere mecklenburgische Normalform geschrieben. Im Präteritum jedoch variieren die Schreibungen und , wobei die letztere eindeutig dominiert. Eher als spätmittelniederdeutsche Formen können die im ‚Reynke Vosz de olde‘ vertretenen Realisierungen frouwe für ‚Frau‘ und ‚Ehefrau‘ gelten, wobei in beiden Fällen noch eine Variation zwischen den älteren und den jüngeren Varianten vorliegt. Für ‚Jungfrau‘ wird im Untersuchungstext ausschließlich die allgemein gültige jün‐ gere Normalform junkvrouwe in der Schreibung Junckfrouwen (2) verwendet. Auch für das Lexem ‚Knochen‘ kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ eine Variation zwischen der älteren Mehrheitsvariante bên und ihrer jüngeren Konkurrenzform knoke. Die Varian‐ tenverteilung ergibt ein recht gleichmäßiges Bild, sodass keine Schlussfolgerung über die Dominanz einer der beiden Realisierungsformen möglich ist. Dafür lässt sich für den Untersuchungstext eindeutig festhalten, dass für das Adjektiv ‚heilig‘ die jüngere Variante hillich mit der Verdopplung des l nach Einführung des Svarabhak‐ tivokals im Suffix die alleinige Realisierung ist. Dieser Befund bestätigt die oben for‐ mulierte Annahme (vgl. Kap. 8.3.4 ‚heilig‘), dass sich die jüngere Variante hillich zum 16. Jahrhundert hin durchgesetzt haben muss. Interessanterweise bleibt hoch‐ deutscher Einfluss in diesem Fall ganz aus, obwohl sich alle Belege für hillich und die entsprechenden Ableitungen im Prosakommentar befinden und Spuren von Prä‐ texten der Glosse hier durchaus möglich wären. Am weitesten fortgeschritten scheinen die spätmittelniederdeutschen Entwick‐ lungstendenzen im Bereich der Pronomina zu sein. So kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ eine ausgeprägte Formenvarianz zwischen den älteren und jüngeren Varianten v. a. bei den obliquen Kasus der geschlechtlichen Pronomina (Singular wie Plural), bei den Demonstrativpronomina ‚der-, die-, dasselbe‘, ‚solcher, -e, -es‘, ‚welcher, wer‘ sowie beim Indefinitpronomen ‚nichts‘. Während die jüngeren apokopierten Formen em für ‚ihm‘ und en für ‚ihn‘ im Untersuchungstext dominieren, die Varianten mit dem bewahrten -e dennoch präsent sind, hat sich beim geschlechtlosen Personalpro‐ nomen ‚es‘ die neuere Schreibung bereits endgültig durchgesetzt. Die Verteilung der einzelnen Varianten bei den Demonstrativpronomina unterscheidet sich je nach Va‐ riable. So begegnet für das Demonstrativum ‚der-, die-, dasselbe‘ dreimal so häufig die nordniederdeutsche Hauptform der „klassischen“ mittelniederdeutschen Periode de sülve, während die spätmittelniederdeutschen Formen de sülvige und de sülfte ins‐ gesamt seltener vorkommen und die letztere Variante im Untersuchungsabschnitt nur einmal belegt ist. In allen drei Fällen sind ausschließlich gerundete Realisierungen vertreten mit sehr häufiger Umlautmarkierung. Dagegen überwiegt eindeutig der An‐ teil der spätmittelniederdeutschen Formen beim Demonstrativum ‚solcher, -e, -es‘. Der ältere Haupttyp sôdân bildet mit einer übersichtlichen Anzahl der Belege eine Ausnahme, während das moderne sölk im Untersuchungstext fast durchgehende Ver‐ wendung findet. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Hauptform des 15. Jahr‐ hunderts sülk im Untersuchungstext insgesamt nur einmal belegt ist. Ebenfalls inte‐ ressant aus der diachronischen Perspektive ist die Variantenverteilung beim als Rela‐ Teil II A Textinterne Analyse 288 tivum verwendeten Interrogativum ‚welcher, wer‘. Der substantivische Gebrauch ist weniger auffällig: zum einen erscheint die mittelniederdeutsche Normalform wê, zum anderen die nordniedersächsisch-mecklenburgische Form wol, wobei die letztere ein‐ deutig dominiert. Im adjektivischen Gebrauch ist neben dem Interrogativum welk auch seine spätere verlängerte Form welkere belegt. Aufgrund einer übersichtlichen Beleglage scheint eine eindeutige zeitliche Zuordnung nicht möglich zu sein. Ferner kommt das Interrogativpronomen welk neben der verlängerten späteren mecklenbur‐ gischen Variante welker in substantivischer Verwendung vor. Eine genauere Tendenz lässt sich leider auch in diesem Fall aufgrund einer begrenzten Belegzahl nicht aus‐ machen: substantivisches welker ist insgesamt viermal belegt, welk kommt nur ein‐ mal vor. Das als Relativum verwendete Interrogativpronomen welk begegnet im Un‐ tersuchungstext parallel zur verlängerten Nebenform welcker. Hier konnte eindeutig die Dominanz der welker-Belege festgestellt werden. Es kann also eine ausgeprägte Formenvarianz zwischen welk und welker festgehalten werden, wobei insgesamt doch Belege für jüngere Form welker überwiegen. Auch für das negative Indefinit‐ pronomen ‚nichts‘ konnte ein Nebeneinander von mittelniederdeutscher Normalform nicht und der spätmittelniederdeutschen genitivischen Realisierung nicht(e)s nachge‐ wiesen werden, bei dem die jüngere Form dominiert. Für ‚durchaus nicht‘ erschien einmal die spätmittelniederdeutsche Variante nichtes, das Kompositum nichtesnicht dagegen war nicht vertreten. Bei den meisten Konjunktionen, jedoch interessanterweise nicht bei Präpositio‐ nen, ließen sich häufiger spätmittelniederdeutsche Varianten neben den Formen aus der „klassischen“ Periode finden. So sind im Untersuchungstext drei Schreibvarian‐ ten der kopulativen Konjunktion ‚und‘ vertreten: die „klassische“ mittelniederdeut‐ sche Normalform in der Schreibung vnde, die apokopierte spätmittelniederdeutsche Mehrheitsvariante vnd und die durch die Tilde abgekürzte Form vñ, wobei die spät‐ mittelniederdeutsche gekürzte Variante vnd um das Mehrfache überwiegt. Auch bei der adversativen Konjunktion ‚aber, sondern‘ war eine diachronische Formenvarianz festzustellen, bei der ein Nebeneinander von men, sunder und spätmittelniederdeut‐ sche Varianten āvers(t) und ȫverst konstatiert werden konnte. Als Hauptvarianten konnten men und āverst ausgemacht werden, wobei auch die t-lose Nebenvariante āvers im Text gut vertreten war. Dagegen konnten die Varianten sunder und ȫverst als Ausnahmen beschrieben werden. Genauso wie bei den anderen Variablen konnten in diesem Fall keine frühmittelniederdeutschen Erscheinungen ermittelt werden. Eine erstaunlich starke Variation konnte für die Konjunktionen ‚wenn, als‘ und komparati‐ visches ‚als‘ erkannt werden. So hat ‚Reynke Vosz de olde‘ zum einen die ältere Form dô neben der spätmittelniederdeutschen überregionalen Mehrheitsvariante wen / wan für ‚wenn, als‘ behalten, wovon zahlreiche Belege zeugen, zum anderen aber die Variante alse zusätzlich mit dem Aspekt der Einmaligkeit versehen, was bei den anderen Varianten nicht der Fall ist. Auch für das komparativische ‚als‘ war recht aktiver Gebrauch eher der älteren Form dan überraschend. Dennoch konnte ein Ne‐ beneinander von „klassischen“ mittelniederdeutschen und spätmittelniederdeutschen Varianten festgestellt werden bei einer erwartungsgemäßen Dominanz der jüngeren Form alse. 9 Zusammenfassung 289 Zusammenfassend kann man sagen, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ v. a. bei den Pronomina und den Konjunktionen ältere und jüngere Formen noch miteinander kon‐ kurrieren, während insbesondere die Bildung des Partizip Präteritum mit ge- sowie weitere Entwicklungen im Bereich der Konjugation im Wesentlichen den spätmittel‐ niederdeutschen Stand erreicht haben. Als wichtigste Neuerung ist dennoch der rela‐ tiv sichere Umgang mit der Umlautkennzeichnung zu nennen. Reflexe gesprochener Sprache Zwar sind Reflexe gesprochener Sprache eher in frühmittelniederdeutscher Zeit zu erwarten, da diese Sprachstufe insgesamt als sprechsprachen- oder mundartnah848 gilt, sowie eher für Handschriften und nicht für Drucke anzunehmen, es finden sich jedoch im ‚Reynke Vosz de olde‘ durchaus sprechsprachliche Spuren, die allerdings vergleichsweise selten zu konstatieren sind. Von diesen Phänomenen sind im Untersu‐ chungstext zum einen relativ zahlreiche Kontraktionen zu finden, die eher der Sprechals Schriftsprache zuzuordnen sind, wie beispielsweise Verschmelzungen von Präpo‐ sition und bestimmtem Artikel jnt(h) ‚in das‘, thor ‚zu der‘, thom ‚zu dem‘, seltener auch thon ‚zu den‘ (Pl.) und vppet ‚auf das‘, deutlich seltener auch Verschmelzungen von Personalpronomen und enklitischem Personalpronomen ‚es‘ ickt ‚ich es‘ oder Verb und enklitischem Personalpronomen ‚es‘ wilt ‚will es‘. Vergleichsweise häufig sind Kontraktionsformen von Modalverb oder Auxiliarverb und Pronomen ‚du‘ an‐ zutreffen, wobei auch sonstige Verschmelzungen von Vollverb und Personalprono‐ men der 2. Person Singular im Nominativ vorkommen. Dabei ist festzustellen, dass unabhängig von Verbtyp (Vollverb, Hilfsverb, Modalverb), Zeitform (Präsens, Präte‐ ritum), Modus (Indikativ, Konjunktiv) oder Lautkontext (Verbformen mit auslauten‐ dem Kurzvokal, Langvokal, Diphthong, Schwa mit oder ohne Konsonant) bei den Kontraktionsformen die beiden Plosive zu einem stimmlosen Plosiv zusammenfallen und der volle Vokal stets erhalten bleibt und nicht zu einem Schwa abgeschwächt wird:849 scholdestu ‚solltest du‘, machstu ‚magst du‘, mostu ‚musst du‘, kanstu ‚kannst du‘, willstu ‚würdest du wollen‘, heffstu ‚hast du‘, heddestu ‚hättest du‘, wer‐ stu ‚wirst du‘, deystu/deistu ‚tust du‘, merckedestu ‚merktest du‘, makestu ‚machst du‘, kumpstu ‚kommst du‘, Meinstu ‚meinst du‘, Bystu ‚bist du‘, segestu/sechstu ‚sagst du‘, bryngstu ‚bringst du‘, Beueͤlstu ‚befiehlst du‘, Vorbergestu ‚verbirgst du‘, Vorbuͤtstu ‚verbietest du‘, nympst ‚nimmst du‘, Entloͤpstu ‚läufst du weg‘. Deutlich seltener geht das -s- an der Kontaktstelle zwischen Endung und Personalpronomen verloren wie beispielsweise in wiltu ‚willst du‘ und schaltu ‚sollst du‘. Bei den Ver‐ ben ‚kommen‘ und ‚nehmen‘ ist zudem anzumerken, dass die synkopierten Formen mit Wiedergabe des epenthetischen p zwischen m und Dental sehr frequent sind. Im 9.4 848 Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch; Fedders, die Schreibsprache Lemgos, S. 363; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 293. 849 Zur modernen Verteilung der einzelnen Typen bei der Kontraktion von Verb und Personalpronomen ‚du‘ vgl. Elmentaler / Rosenberg, Norddeutscher Sprachatlas (NOSA). Bd. 1: Regiolektale Sprachlagen, S. 369-381. Teil II A Textinterne Analyse 290 Gegensatz zu diesen sprechsprachlichen Erscheinungen werden die Assimilationen ld, lt > ll und nd > nn im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht bezeichnet. Unterschiede zwischen dem Verstext und den Glossen Aufgrund ihrer unterschiedlichen Entstehungsgeschichte lassen der bearbeitete Verstext und die einen Konglomeratcharakter aufweisende jüngere Glosse samt Margina‐ lien potentielle sprachliche Unterschiede vermuten. Schließlich folgt der Rostocker Bearbeiter im Erzähltext weitestgehend der Lübecker Vorlage, wenn auch an zahlrei‐ chen Stellen geringe Modifikationen auffallen, wie u. a. Bieberstedt (2015) hervor‐ hebt: Die Hinzufügungen, Auslassungen, Umstellungen, Ersetzungen von Einzelwörtern und seltener Wortgruppen erfolgen aus stilistischen, sprachgeographischen oder sprachhistori‐ schen Gründen. Wörter werden eingefügt, getilgt oder ausgetauscht, um die Metrik zu verbessern, regional ungebräuchliche Wörter durch die entsprechende Regionalvariante ersetzt, veraltete durch die entsprechende aktuelle Variante. Hinzu kommen zahlreiche Veränderungen im graphematischen Bereich wie eine Systematisierung von Groß- und Kleinschreibung […], von Interpunktion und von Getrennt- und Zusammenschreibung.850 Diese kleineren Modifikationen können eher als ein Adaptations-, d. h. Anglei‐ chungsversuch, und gewissermaßen Modernisierungsversuch und nicht als Überset‐ zungsresultat im engeren Sinne, d. h. Ergebnis einer systematischen Umbildung, auf‐ gefasst werden, was sicherlich auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass es sich bereits bei der Vorlage um einen Text in mittelniederdeutscher Sprache handelt. Zu‐ dem muss beachtet werden, dass schon die Vorlage in Reimpaaren gestaltet ist und dies eine gewisse Einschränkung für den Bearbeiter mit sich bringt. Eine eingehende Untersuchung der einzelnen Modifikationen sowie eine systematische Analyse der jeweiligen Einflussfaktoren und Änderungsmotivationen, die verallgemeinernde Aussagen erlauben würden, steht bislang noch aus. Sicherlich könnte eine detaillierte vergleichende Darstellung beider Versionen zum einen Aufschluss darüber geben, wie die diachronischen und diatopischen Variantenabbau- und -ausbauprozesse851 im südlichen Ostseeraum in der Übergangsphase vom „klassischen“ zum späten Mittel‐ niederdeutschen verlaufen sind, zum anderen aber auch mehr zur Verfahrensweise 9.5 850 Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüberset‐ zung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 373. Vgl. hierzu früher Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century, S. 184. Vgl. auch Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 15: „Here the text of the poem remains to all intents and purposes the same, apart from some dialectal variations and some filling out of the lines“. 851 Vgl. diesbezüglich neuerdings auch Bemerkung von Bieberstedt. Siehe Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeut‐ schen Klassikers, S. 373. 9 Zusammenfassung 291 des Rostocker Bearbeiters852 verraten, was freilich in vollem Umfang im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden kann. Im Gegensatz zum Verstext bediente sich der Rostocker Bearbeiter bei der Ab‐ fassung bzw. Zusammenstellung der Glosse unterschiedlichster Textquellen, was der kompilatorischen Arbeitsweise der Renaissancezeit853 durchaus entspricht. Viele die‐ ser Prätexte, die nicht als bloßes Anhängsel, sondern als ein natürlicher, integraler Bestandteil der Kapitelglossen und der Marginalien einzustufen sind, kommen ur‐ sprünglich aus dem hochdeutschen Sprachraum.854 Es kann leider nicht in jedem Ein‐ zelfall geklärt werden, wann der jüngere Glossator bereits eine niederdeutsche Über‐ setzung parat hatte und inwiefern er sich dieser anschloss und in welchen Fällen er die Rolle eines Übersetzers im eigentlichen Sinne des Wortes übernommen hat, um einen passenden, zitierfähigen und v. a. allgemein verständlichen Reimspruch oder Zitat zu haben.855 Es lässt sich zunächst vermuten, dass der Rostocker Bearbeiter mit den Textvorlagen zum Kommentarteil zumindest ähnlich wie mit der Vorlage zum Erzähltext umgegangen ist, allerdings mit der Einschränkung, dass der sprachliche Abstand zu den übernommenen Sprüchen und Zitaten als größer einzuschätzen ist und sich die kompilatorische Arbeitsweise von der reinen Adaptation unterscheidet. Die Ergebnisse der Studie von Ella Schafferus ergeben jedoch ein von dieser Annah‐ me ziemlich abweichendes Bild. So ist es durchaus bemerkenswert, dass der Glossator in den meisten Fällen so‐ wohl den Verfasser als auch den entsprechenden Werktitel, dessen er sich bedient hat, nennt.856 In vielen Fällen jedoch, wo der Rostocker Bearbeiter offensichtlich eine Übersetzung heranzieht, nennt er den eigentlichen Verfasser und nicht den Überset‐ zer des jeweiligen Textes, selbst dann nicht, wenn er bekannt ist.857 Es stellt sich nun doch die Frage, in welcher Weise der Glossator diese Prätexte benutzt und v. a. wie er sie zu seinen Zwecken modifiziert. Hier können zum einen sehr enge neben freien Übersetzungen hochdeutscher Vorlagen, zum anderen aber auch nicht wortgetreue 852 Zur Arbeitsweise des jüngeren Glossators vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, insbes. S. 26-43. Leider äußert sich Schafferus nicht ausführlich zu seiner Arbeits‐ weise als Bearbeiter des Erzähltextes und konzentriert sich voll und ganz auf die Glosse und die Arbeit mit den Prätexten der Glosse. 853 Vgl. Müller, Deutsche Dichtung von der Renaissance bis zum Ausgang des Barock, insbes. S. 81. 854 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 15: „Sie [die Vorlagen der Glossen, S. T.] scheiden sich sprachlich in eine niederdeutsche und hochdeutsche Gruppe. Die niederdeutsche ist auffallend klein […]“. 855 Als eine solide Stütze erweisen sich in dieser Hinsicht zwar die Studien zur jüngeren Glosse und ihren Quellen von Brandes und Schafferus, jedoch sind die dort aufgeführten Informationen nicht vollständig – es konnten nicht alle Prätexte ermittelt werden – und demnach nicht ausreichend, um eine genauere Aussage bezüglich sprachwissenschaftlicher Veränderungen und Übersetzungsleis‐ tung zu treffen. Zu den Problemfällen vgl. insbes. Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 19, 23, 25. 856 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 17. In den Marginalien fehlen häufiger die Verfasserangaben, was sich sicherlich leicht durch den Platzmangel erklären lässt. Vgl. Schaffe‐ rus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 38-39. 857 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 18. Teil II A Textinterne Analyse 292 Übernahmen aus den niederdeutschen Prätexten festgehalten werden.858 Schafferus kommt in ihrer Untersuchung der Arbeitsweise des Glossators zum Schluss, dass die‐ ser seine Prätexte nicht wirklich zitiert, sondern „die Gedanken anderer übernimmt, weil sie ihm den Sinn der Dichtung zu treffen scheinen, oder weil er sie als Fragen von allgemeinem Interesse ansieht und sie sich lose an den dichterischen Text knüp‐ fen lassen“.859 Sie fährt fort und hält fest, dass „[er] sie in der Form der Vorlage [übernimmt], wenn diese sich dem Ganzen einfügt, und sie seinem Stilbewusstsein entgegenkommt, andernfalls ändert er, oft nur die Form, in seltenen Fällen den Sinn […]“.860 An einer Stelle verbindet der Bearbeiter beispielsweise zwei Sprüche Agricolas miteinander und verändert gleichzeitig geschickt die einleitenden Sätze, um die Fuge zwischen den Zitaten zu verwischen.861 In anderen Fällen bedient sich der Bearbeiter sogar mehrerer Prätexte gleichzeitig, indem er z. B. in der Wortwahl der einen Vorla‐ ge und im Satzbau wiederum der anderen Vorlage folgt, wie es u. a. bei einigen Kon‐ taminationen von Bibelzitaten der Fall ist.862 An zahlreichen anderen Stellen wird eine weitere Eigentümlichkeit seines Schreibstils sichtbar, nämlich die der Wortstel‐ lung: Der Glossator tendiert hier eindeutig zur Endstellung der flektierten Verbfor‐ men im Spannsatz, wodurch die Sätze, die in der jeweiligen Vorlage noch ziemlich diffus und unübersichtlich waren, an Geschlossenheit und Organisation gewinnen.863 Insgesamt lässt sich für die jüngere Glosse „[d]ie Flüssigkeit des Stils, ein gewisses Gleiten der Sprache“ feststellen, die u. a. „durch einen klaren architektonischen Satz‐ bau“ erreicht werden.864 Besonders deutlich wird dieses Bestreben, so Schafferus, in den Abschnitten, die auf Sebastian Franks Schriften zurückzuführen sind.865 Ver‐ gleicht man den dynamischen, jedoch recht zerhakten Stil Franks mit dem des Rosto‐ cker Glossators, so wirkt letzterer deutlich strukturierter und konzentrierter, aber zu‐ gleich auch eher schlicht und zurückgehalten.866 Darin kann man wohl das Bestreben des Glossators zu einer insgesamt klaren Ausdrucksweise erkennen, die auch andere Abweichungen vom Text der Vorlage erklären würde.867 In dieser Hinsicht scheint der Eingriff des Bearbeiters des ‚Reynke Vosz de olde‘ in die Wortwahl und die Er‐ 858 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31. Bereits Brandes macht darauf aufmerk‐ sam, dass das Verhalten des Glossators seinen Quellen gegenüber eher schwankend ist: „Sklavische treue und äusserste willkür wechseln mit einander ab. Einen unterschied macht er in dieser bezie‐ hung weder zwischen den hochdeutschen und niederdeutschen noch zwischen den poetischen und prosaischen darstellungen, aus denen er schöpft. Es ist auch nur im allgemeinen richtig, dass er we‐ niger zu auslassungen, umstellungen, zusammenziehungen von sätzen und ähnlichen starken mit‐ teln greift, wenn er seinen gewährsmann oder das werk, dem er folgt, nennt, als wenn er seine vor‐ lage nicht bezeichnet“. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. XXI. 859 Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31. 860 Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31. 861 Vgl. das Beispiel bei Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31-32. 862 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 28, 49-55. 863 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32. 864 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32. 865 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32. 866 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32. 867 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 33. 9 Zusammenfassung 293 setzung besonders derber oder allzu starker Ausdrücke durch neutralere bemerkens‐ wert zu sein. Teilweise lässt der Rostocker Glossator solche Ausdrücke sogar kom‐ plett aus, dafür macht er an anderen Stellen wiederum Zusätze erklärender, verstär‐ kender oder rein schmückender Natur.868 Als Pendant zu solchen verdeutlichenden Zusätzen und hinzugefügten Erklärungen kann man längere Kürzungen und Abstri‐ che von Beispielen und Bildern an anderen Textstellen gelten lassen, wobei auf die Neutralisierung und Tilgung besonders starker Ausdrücke bereits oben hingewiesen wurde.869 Wie man nun erkennen kann, gibt es recht diverse Gründe, warum der Glossator den Prätext nicht nur sprachlich im engeren Sinne verändert, d. h. übersetzt oder adaptiert, sondern auch im stilistischen, syntaktischen etc. Sinne eingreift, diver‐ se Texte in einem Satz oder Gedankenablauf kontaminiert und dadurch die Lesart verändert.870 Die Frage der Benutzung der Originalquellen oder ihrer jeweiligen Übersetzun‐ gen wird zudem dadurch erschwert, dass die ursprünglichen sprachlichen Besonder‐ heiten, seien es auch nur die (ortho)graphischen bei den niederdeutschen Originalen oder Unterschiede in der Wortwahl, Wortfolge, Satzbau etc. bei den hochdeutschen Prätexten, stets an die insgesamt sehr einheitliche Sprache des ‚Reynke Vosz de olde‘- Druckes angeglichen werden. Dennoch fallen beim Vergleich einige wenige Unter‐ schiede in der sprachlichen – teilweise jedoch nur (ortho)graphischen – Gestaltung des Verstextes, der jüngeren Glosse und der Randglossenbeiträge auf. Auf rein gra‐ phischer Ebene ist für die in den Kapitelglossen verwendeten größeren Zitaten ver‐ stärkter Gebrauch der y-Schreibung gegenüber der sonst im Text vorherrschenden j- Realisierung für den stimmhaften palatalen Approximanten j zu verzeichnen. Für die Randglossen ist zudem eine besonders intensive Verwendung des Nasalstrichs (Tilde) zu vermerken, die sicherlich auch mit dem Platzmangel zusammenhängt. Bei einigen Zitaten in den Kapitelglossen scheint die hochdeutsche Vorlage durchzudringen, so wie es beispielsweise der Fall bei behalt (statt beholt) auf Bl. 23v oder voll (statt vull) auf Bl. 127v ist. Einmalig kommt ebenfalls in einem Glossenzitat die Realisierung sterck Bl. 231v mit der Entwicklung a > e vor r + Konsonant vor, die ansonsten so‐ wohl im Verstext als auch in den Glossen unterbleibt. Des Weiteren ist eine markante Variantenverteilung für die Bezeichnung des Schlosses von Reynke zu nennen: Wenn im Verstext beide Realisierungen (Malepartus neben Malepertus) vorkommen, be‐ schränkt sich der Gebrauch in der Glosse auf Malepartus. Auffallend häufig begeg‐ nen die -he- und -ehe-Schreibungen bei der Untergruppe von ê2 vor r in den Kapitel‐ glossen und Marginalien. Auch sonstige Formen mit eingeschobenem treten fast 868 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32-34, insbes. S. 34: „Der Wunsch, zu ver‐ deutlichen, zu unterstreichen, zu schmücken, verbunden mit der ausgesprochenen Bevorzugung der Vollformen und dem Streben nach grammatischer Vollständigkeit, wird besonders auffällig gegen‐ über den Reimvorlagen; auch der gesamte dichterische Text des Reinke wird in der gleichen Weise überarbeitet“. 869 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 35-36. 870 Es liegen selbstverständlich auch extralinguistische, d. h. weltanschauliche und religiöse Gründe für Veränderungen vor, auf die an dieser Stelle nicht ausführlich eingegangen werden kann. Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31 und insbes. S. 60-99. Teil II A Textinterne Analyse 294 ausschließlich in den Kapitelglossen und den eingebetteten Zitaten auf (Kap. 5.4.1 Hiattilgung). Keine Senkung u > o und ü > ö vor r findet vorwiegend in den Kapitelund Randglossen statt, auch wenn sich Beispiele dafür zum Teil im Erzähltext finden. Als Suffixabstrakta sind im Verstext ausschließlich die -inge-Formen vertreten, die als Normalform gelten, während in den Kapitelglossen und den Marginalien da‐ neben auch die -unge-Varianten nachgewiesen sind. Diese als jüngere einzustufende und durchaus als hochdeutsch induziert zu beschreibende Erscheinung überrascht vor allem durch die äußerst gleichmäßige Verteilung der -inge- und -unge-Varianten (Kap. 7.2.1 Das Suffix -inge, -onge, -unge). In der 3. Person Singular Präsens Indika‐ tiv des unregelmäßigen Verbs ‚tun‘ erscheint überwiegend in den Kapitelglossen und den dort eingebetteten Zitaten die oe-Schreibung, die dem dominierenden ey-/ei-Ge‐ brauch im Gesamttext und somit auch im Verstext gegenübersteht (Kap. 6.1.17 Die unregelmäßigen Verben ‚tun‘, ‚gehen‘, ‚stehen‘). Fast ausschließlich in den Kapitelund Randglossen begegnet die erhaltene langvokalische ae-Realisierung für die 3. Person Singular Präsens Indikativ des unregelmäßigen Verbs ‚gehen‘, die im Text mit der überregional vertretenen und auch der für das Mecklenburgische zu erwartenden ei-/ey-Schreibung variiert (Kap. 6.1.17 Die unregelmäßigen Verben ‚tun‘, ‚gehen‘, ‚stehen‘). Hervorzuheben sei ferner die Verteilung der Infinitivformen des Verbs ‚sein‘, bei der die mittelniederdeutsche Normalform wēsen deutlich seltener in den Glossen als im Erzähltext vorkommt und die hochdeutsch gestützte Variante sîn als insgesamt dominierende zu bezeichnen ist (Kap. 6.1.18 Das Verbum substantivum ‚sein‘). Für das Lexem ‚Geschrei, Gerücht‘ sind im Versteil des ‚Reynke Vosz de olde‘ neben der nordniedersächsischen Leitform (ge)röchte auch westfälisch-ostfälische Realisierungen überliefert, während in den Kapitelglossen keine ö-Formen zu ver‐ zeichnen sind. Dafür ist sowohl für den Erzähltext als auch für die Kapitelglossen eine Varianz mit und ohne Präfix ge- festzuhalten (Kap. 8.1.7 ‚Geschrei‘, ‚Gerücht‘). Als Einfluss des Freidank-Prätextes ist die einmalige ausnahmsweise in der Rand‐ glosse vorkommende mick-Realisierung für den Akkusativ des Personalpronomens der 1. Person Singular zu interpretieren. Ebenfalls in einer Randglosse erscheint der Einzelbeleg für den Typ sunder / sünder für die Präposition ‚ohne‘, der sonst weder im Erzähltext noch in den Glossenkommentaren zu finden ist. Für die hochdeutsch beeinflusste und sehr zahlreich vertretene Realisierung durch finden sich keine Bele‐ ge im Versteil, während die allgemein mittelniederdeutsche Variante dorch im ge‐ samten Teil verteilt ist. Die Präposition ‚hinter‘ wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ aus‐ schließlich in der hochdeutsch induzierten Variante hinder / hynder realisiert, wobei zu vermerken sei, dass alle Belege in den Kapitelglossen und den integrierten ge‐ reimten Zitaten vorkommen. Bei der sonst sehr gleichmäßigen Verteilung der einzel‐ nen überregionalen und hochdeutsch gestützten Varianten für die Konjunktion ‚oder‘ fällt der einmalige Gebrauch der für den Text als markiert aufzufassenden mecklen‐ burgischen Form yfft, die sich in einer Kapitelglosse findet. Für das Indefinitprono‐ men ‚kein‘ wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ normalerweise mnd. nen / neyn geschrie‐ ben, aber der hochdeutsch beeinflusste Typ kein ist im Text der Glossenkommentare, jedoch bemerkenswerterweise nicht in Zitaten, auch vertreten. 9 Zusammenfassung 295 Möchte man die Ergebnisse dieses Vergleiches kurz zusammenfassen, so kann man sagen, dass die bereits von Schafferus unterstrichene Sorgfalt871, mit der der Rostocker Bearbeiter an seine Textvorlagen herangegangen ist, hier nochmals bestä‐ tigt werden konnte. Die Gründlichkeit der sprachlichen und (ortho)graphischen An‐ passung der einzelnen adaptierten und übersetzten Textpassagen sowie die allgemei‐ ne bemerkenswerte Einheitlichkeit des Textes stellen eine besondere Leistung des Bearbeiters dar und können kaum genug betont und hervorgehoben werden. Resümee Die Variablenanalyse des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ hat gezeigt, dass sich sei‐ ne Sprache als Nordniederdeutsch lübischer Prägung mit mecklenburgischem Ein‐ fluss sowie mit gelegentlichen Einflüssen der hochdeutschen Prätexte der jüngeren Glosse beschreiben lässt. Der Sprachstand des Tierepos entspricht im Wesentlichen noch der mittelniederdeutschen Schriftsprache mit überregionaler Geltung, was sich in einem verhältnismäßig eingeschränkten Variantenbestand niederschlägt, jedoch lassen sich bereits einige Entwicklungen registrieren, die für den Übergang zum Spätmittelniederdeutschen charakteristisch sind, darunter beispielsweise der Varian‐ tenausbau im Bereich der Kleinwörter. Bemerkenswerterweise liegt beinahe keine Variation im Bereich der Präpositionen (außer ‚durch‘ und gewissermaßen ‚bis‘), Ad‐ verbien und Personalpronomina vor, während die Demonstrativ- und Indefinitprono‐ mina sowie insbesondere Konjunktionen für fremdsprachliche, nämlich hochdeut‐ sche Einflüsse und spätmittelalterliche Entwicklungstendenzen durchlässiger zu sein scheinen. Eine solche Prädestinierung im Bereich der Konjunktionen kann wohl kaum dadurch erklärt werden, dass die Konjunktionen dem Bearbeiter des ‚Reynke Vosz de olde‘ schlicht und ergreifend als unwichtig erschienen, sodass er sich keine Mühe gemacht hat, diese anzupassen.872 Dagegen spricht vor allem seine sonst sehr akribische Arbeitsweise. Zusätzlich ist zu vermerken, dass die Konnektoren naturge‐ mäß eine textstrukturierende Funktion erfüllen und die Kohäsion sichern sowie Satz‐ teile, Hauptsätze und Nebensätze miteinander verbinden, was schon rein funktionell gesehen signifikanter für Sinnzusammenhänge und Textverständnis als beispielswei‐ se beim Präpositionsgebrauch ist. Es lässt sich eher vermuten, dass die Kleinwörter insgesamt und speziell die Konjunktionen aus den folgenden Gründen sozusagen „anfälliger“ für hochdeutsche Interferenzen waren: Einerseits kennzeichnen sich Kleinwörter generell durch eine große Frequenz im Auftreten, die so für andere Wortarten nicht vorliegt. Eine besonders stark erhöhte Okkurrenz wie bei Personal‐ pronomina oder Präpositionen scheint allerdings zumindest im ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ ein Hinderungsfaktor für einen Variantenausbau oder Variantenersatz zu sein. Andererseits kann angenommen werden, dass Pronomina, Adverbien, Präpositionen 9.6 871 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 36. 872 Vgl. Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 13; Peters, Variation und Traditi‐ on, S. 148 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 36]. Teil II A Textinterne Analyse 296 und Konjunktionen aufgrund ihres relativ geringen Wortumfangs keine besonders ho‐ he Gedächtnisbelastung darstellen, sodass eine Übernahme von Fremdelementen und die gleichzeitige Erweiterung des vorliegenden Variantenspektrums als nicht störend wahrgenommen wird.873 Schließlich könnte das Aufnehmen der hochdeutschen „Ein‐ dringlinge“ gerade im Bereich des Kleinwortschatzes darauf zurückzuführen sein, dass es sich um eine Art neue Modeerscheinung handelt.874 Mit dem letzteren Argu‐ ment des Bestrebens, sich der neuen Mode anzupassen, erklärt Gabrielsson beispiels‐ weise auch den verstärkten durch das Hochdeutsche gestützten Gebrauch der Adjek‐ tive und Adverbien auf -lich, der durchaus ebenfalls für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ charakteristisch ist.875 Bei der Betrachtung der Ergebnisse der variablenlinguistischen Untersuchung ist es ferner klar geworden, dass sich der Rostocker Bearbeiter sehr viel Mühe sowohl bei der Adaptation des auf einer Lübecker Vorlage basierenden Erzählteils als auch bei der Kompilierung und Angleichung der einzelnen Prätexte für die jüngere Glosse gemacht hat. Eine gewisse Rolle scheint dabei die sprachliche Nähe der niederdeut‐ schen Erzähltextvorlage und der größtenteils hochdeutschen Prätexte zu spielen, die einem offenbar sprachgewandten Bearbeiter verhältnismäßig viel Freiraum in Bezug auf die Übersetzung gelassen haben. Der Bearbeiter, dem offenbar nicht nur ein sehr gutes Sprachgefühl und lückenloses Textverständnis, sondern auch ein sehr bewuss‐ ter und reflektierter Umgang mit Textquellen, der sich wiederum in zahlreichen äs‐ thetischen, stilistischen und syntaktischen Modifikationen gegenüber den Vorlagen äußert, zugeschrieben werden kann, scheint ein sehr sorgfältig ausgearbeitetes Text‐ konzept gehabt zu haben. Diese bedeutend höhere Qualität der Textaufbereitung fällt insbesondere im Vergleich mit der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe auf. Die sprachliche Einheitlichheit des ‚Reynke Vosz de olde‘ hängt sicherlich auch mit seinem Erscheinungsort zusammen. Die Zugehörigkeit des Untersuchungstextes zum Druckprogramm des Ludwig Dietz, auch wenn dieser möglicherweise nicht der eigentliche Verfasser bzw. Bearbeiter des Rostocker Tierepos gewesen ist, legt nahe, dass im Text vorwiegend Varianten mit maximal großem Geltungsradius sowie „tren‐ dige“ hochdeutsch induzierte Formen im Interesse einer Allgemeinverständlichkeit und zwecks möglichst weiter Verbreitung des Buches Gebrauch finden. Vorlagenspe‐ zifische sowie autorenspezifische Einflüsse – letztere betreffen insbesondere die sti‐ listischen Eigentümlichkeiten der hochdeutschen Prätexte der Kapitelglossen – wer‐ den dabei weitestgehend zurückgedrängt, auch wenn einige Spuren dennoch auffind‐ bar bleiben, um ein möglichst harmonisches, ansprechendes Bild zu ergeben.876 Im 873 Vgl. ähnlich Maas, Die sprachlichen Verhältnisse in Osnabrück zu Beginn des 17. Jahrhunderts, S. 119. 874 Vgl. hierzu u. a. Bemerkung Gabrielssons zum Verlauf der ersten Phase und zu den möglichen Gründen der Ablösung des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache. Gabrielsson, Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache, S. 127-128. 875 Vgl. Gabrielsson, Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftspra‐ che, S. 127-128. 876 Vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Lite‐ ratursprache, S. 195-196. 9 Zusammenfassung 297 Lichte dessen, dass Dietz neben den unterhaltenden, naturwissenschaftlich und religi‐ ös belehrenden Schriften auch zahlreiche Amtsschreiben, amtliche Aufrufe, Verträge, Gesetze und Verordnungen, mit anderen Worten sprachlich ausgewogene und traditi‐ onsbewusste Schriften aus dem öffentlichen Verkehr, gedruckt hat, lässt sich eine weitgehende Orientierung seiner Druckwerkstatt an den Vorstellungen von einer gu‐ ten, d. h. einheitlichen Druckpraxis vermuten.877 Die fundierte Klärung der Frage nach dem Verhältnis Vorlage – Bearbeiter – Setzer – Korrektor muss leider aufgrund der fehlenden Informationen zu den Mitarbeitern der Offizin des Ludwig Dietz aus‐ bleiben. 877 Vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Lite‐ ratursprache, S. 157. Teil II A Textinterne Analyse 298 Textkontrastive Analyse: ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zur Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe und im Kontext der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts Kontrastiver Vergleich Beschreibung und Begründung des Vergleichskorpus Im zweiten Analyseteil soll der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck kontrastiv mit einer Auswahl an Referenztexten sprachlich verglichen werden, wobei zwei Per‐ spektiven, eine diachron-diatopische sowie eine synchrone, eingenommen werden. Zum einen soll ein Vergleich mit der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Erstausgabe stattfin‐ den, um die sprachlichen Korrespondenzen und Unterschiede beider Texte erfassen zu können. Um eine Zuordnung des Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ in den Kontext der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts zu ermögli‐ chen, ist zudem eine Heranziehung weiterer Drucke aus dem interessierenden Zeit‐ raum sowohl von Ludwig Dietz als auch von anderen Rostocker Druckern notwendig. Um dies zu erreichen wurde ein Referenzkorpus erstellt, das einer variablenlinguisti‐ schen Analyse unterzogen wird. Da sich die Glossentexte der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe und der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe stark unterscheiden, wird zur vergleichenden Analyse nur der Erzähltext des ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 herangezogen.878 Zwecks Vergleichbarkeit der Ergebnisse bietet es sich an, denselben Schnitt wie bei der Analyse des ‚Reynke Vosz de olde‘ zu nehmen, d. h. es werden die ersten 12 Kapitel des ersten Buches und jeweils die ersten vier Kapitel der drei weiteren Bücher untersucht.879 Teil II B 10 10.1 878 An dieser Stelle möchte ich mich bei Dr. Robert Peters, dem Projektleiter des interuniversitären Pro‐ jekts ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘, und seiner wissenschaftli‐ chen Mitarbeiterin Verena Kleymann (Standort Münster) herzlich dafür bedanken, dass sie mir Zugang zur projektinternen Transkription des ‚Reynke de vos‘ gewährt haben, sodass ich in einem übersichtli‐ chen Zeitraum eine passende Transkription für die vorliegende Analyse anfertigen konnte. 879 Auch wenn in diesem Fall die Zahl der Wörter dabei etwas unter 20000 liegt, können auf dieser Grundlage sicherlich valide Ergebnisse erzielt werden. An dieser Stelle muss eingeräumt werden, dass 299 Damit nachvollzogen werden kann, wie sich die Sprache des Lübecker ‚Reynke de vos‘ in die zeitgenössische Lübecker Schriftlichkeit880 einordnet, werden weitere relevante Textsorten und Einzeltexte aus dem hier interessierenden Zeitraum herangezogen. Dabei wird nicht auf lübische Texte des entsprechenden Zeitraumes direkt zurückge‐ griffen, sondern es werden die Ergebnisse vorliegender variablenlinguistischer Unter‐ suchungen zur Schreibsprache Lübecks ausgewertet und mit dem eigenen Datenmate‐ rial in Beziehung gesetzt. Als Grundlage hierfür dienen zum einen die Untersuchungs‐ ergebnisse zur Schreibsprache Lübecks von Robert Peters anhand von Texten des Lübischen Urkundenbuches aus dem Jahre 1470 und der Ratsurteile aus dem Zeitraum von 1470-1500.881 Zum anderen erfolgt der Zugriff auf die Schreibsprache der Stadt Lübeck auf Basis der aktuell im Rahmen des Projekts ‚Atlas spätmittelalterlicher Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete‘ (ASnA) publizierten Ergebnisse.882 Letzteres erwies sich als notwendig, da nicht alle für den Vergleich erforderlichen Variablen allein durch Rückgriff auf das Datenmaterial des Lübischen Urkundenbuches und der Ratsurteile erfasst werden konnten. Für den Vergleich werden hierbei die Kennformen den ASnA-Daten der Zeitspanne von 1491-1500 entnommen.883 Um den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ in den Kontext der Rostocker Druck‐ tradition der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sprachlich einordnen zu können, wer‐ den zwei weitere zeitgenössische Drucke zur Analyse herangezogen und variablen‐ linguistisch untersucht. Einerseits wird der Sprachstand des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes zum Sprachstand der in Rostock in der Offizin des Hermann in der Dialekt- und Regionalsprachenforschung ein Umfang von 2500 Wörtern als übliche Stichpro‐ bengröße gilt, die u. a. auch für variablenlinguistische Untersuchungen von sprachlichen Äußerungen herangezogen wird. Vgl. hierzu Elmentaler, Varietätendynamik in Norddeutschland, S. 73, 75; Elmentaler / Gessinger / Lanwer [u. a.], Sprachvariation in Norddeutschland (SiN), S. 397; Elmentaler / Rosenberg, Norddeutscher Sprachatlas (NOSA), S. 73f. Bei einer variablenlinguisti‐ schen Untersuchung des Wortschatzes erweist sich jedoch diese Stichprobenmenge als nicht ausrei‐ chend, sodass eine Erweiterung auf 20000 Wortformen, die als gängige Tokenmenge in der Korpuslinguistik gilt, erfolgen muss. Zu den Grundlagen der Ermittlung von Stichprobenumfängen in den Geisteswissenschaften vgl. Bortz / Schuster, Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler, S. 126-128; Bortz / Döring, Forschungsmethoden und Evaluation: für Human- und Sozialwissen‐ schaftler, S. 396-402, 419-478. Zur Ermittlung von Stichprobenumfängen, Datenmenge und Text‐ menge in der (historischen) Sprachwissenschaft vgl. Gries, Statistik für Sprachwissenschaftler, S. 30-32; Fleischer / Schallert, Historische Syntax des Deutschen, S. 71-73; Meindl, Methodik für Linguisten, S. 131-137, 144f. 880 Bereits Nybøle macht in seiner Untersuchung des Lübecker Frühdruckes darauf aufmerksam, dass ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 einige Ostfalismen und andere Eigentümlichkeiten aufweist und sich einige niederländische Elemente und hochdeutsche Fremdelemente zeigen. Auf den sprachlichen Einfluss anderer Regionen wird dabei nicht ferner eingegangen. Vgl. Nybøle, Reynke de Vos, S. 12, 58. 881 Vgl. Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes [= Peters, Mittelnieder‐ deutsche Studien, S. 201-215]. 882 Vgl. ASnA. 883 Vgl. ASnA, Bd. I. Teil II B Textkontrastive Analyse 300 Barckhusen angefertigten Übersetzung der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘884 in Bezug gesetzt. Dieser erstmalig im Jahre 1507 am Bamberger Hof als Strafpro‐ zess- und Strafgesetzbuch für das Hochstift Bamberg erschienene Text wird 1510 in niederdeutscher Sprache von Barckhusen nachgedruckt.885 Hierbei handelt es sich zwar um einen Druck, der in einer anderen Offizin angefertigt wurde, es ist jedoch bekannt, dass Ludwig Dietz in dieser Zeit bereits bei Barckhusen tätig gewesen war. Somit ist nicht auszuschließen, dass Dietz auch an der Anfertigung dieser Ausgabe als Drucker oder Korrektor beteiligt war. Ferner liegt die Vermutung nahe, dass Her‐ mann Barckhusen als Druckherr Ludwig Dietz als Drucker und späteren Verleger di‐ rekt oder indirekt etwa hinsichtlich der Drucksetzung beeinflusst hat, sodass eine sprachliche Nähe zwischen der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ und dem Ros‐ tocker ‚Reynke Vosz de olde‘ erwartbar ist. Ein weiteres Argument für die Heranzie‐ hung der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ ist, dass es sich um einen der bedeu‐ tendsten Drucke handelt, die bei Barckhusen erschienen sind, genauso wie die Rosto‐ cker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe neben der Bibel einen der wichtigsten bei Dietz gedruckten Texte darstellt. Die ‚Bambergische Halsgerichtsordnung‘ kann zurecht als die einflussreichste Straf- und Strafprozessordnung der damaligen Zeit gelten. Zu‐ dem ist bekannt, dass Barckhusen diesen Text selbstständig aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übertragen und dabei das Original wortgetreu wiedergegeben hat. Ähnlich ist in diesem Sinne das Verhältnis des Erzähltextes der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe zur Lübecker Vorlage, die vom Rostocker Bearbeiter sprach‐ lich angepasst worden ist. Andererseits wird der ebenfalls in der Offizin des Ludwig Dietz angefertigte ‚Der schapherders Kalender‘-Druck aus dem Jahre 1523 herangezogen.886 Hierbei handelt es sich um eine bearbeitende Neuausgabe eines Lübecker Druckes aus dem Jahre 884 Für die Rostocker Ausgabe der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ liegt bereits eine Teiledition (Art. 125-207, 229-241) aus dem Jahre 1902 vor. Vgl. Kohler, Die Carolina und ihre Vorgängerin‐ nen, S. 167-209. Für die vorliegende Untersuchung wurde als Transkriptionsgrundlage für die Ros‐ tocker Bearbeitung der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ jedoch die für das ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘ (Standort Hamburg) angefertigte, den modernen editorischen Richtlinien entsprechende Transkription benutzt. Der zur Untersuchung herangezoge‐ ne Textabschnitt Bl. 5r-31v (von insgesamt 50 Bl.) ohne Register umfasst etwas über 20000 Wort‐ formen, was eine deutlich über eine Stichprobengröße hinausgehende Basis für eine repräsentative variablenlinguistische Analyse bietet. Für die Möglichkeit der Mitbenutzung der projektinternen Transkription danke ich an dieser Stelle Dr. Ingrid Schröder, der Projektleiterin des Projekts ‚Refe‐ renzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘, und Sarah Ihden, der wissenschaftli‐ chen Mitarbeiterin am Standort Hamburg. Zum Strichprobenumfang vgl. Fn. 17 und Fn. 879. 885 Einführend zur ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘, ihrem Inhalt, ihrer Entstehung und Rezep‐ tion vgl. Deutsch, Barmbergische Halsgerichtsordnung. Für weiterführende Literatur s. d. Zur Ros‐ tocker Ausgabe der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ vgl. Lisch, Geschichte der Buchdru‐ ckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 84; Wiechmann, Mecklenburgs altniedersächsi‐ sche Literatur, S. 27-29. Für weiterführende Literatur s. d. 886 Als Textgrundlage für die variablenlinguistische Analyse der Dietzschen ‚Der schapherders Kalen‐ der‘-Ausgabe fand die für das ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘ (Standort Hamburg) angefertigte Texttranskription Verwendung. Der zur Untersuchung herangezo‐ gene Textabschnitt Bl. 27r-66r (von insgesamt 103 gezählten Blättern) umfasst weit über 20000 Wortformen, was eine deutlich über einen Stichprobenumfang hinausgehende Basis für eine textre‐ präsentative variablenlinguistische Untersuchung bietet. Mein herzlicher Dank für die Möglichkeit 10 Kontrastiver Vergleich 301 1519, der seinerseits auf einem aus dem oberdeutschen Sprachraum stammenden Originaldruck basiert. 887 Für die Einbeziehung des aufwendig aufbereiteten ‚Der schapherders Kalender‘-Druckes in die Analyse spricht, dass es sich genauso wie beim Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ um eine bearbeitende Ausgabe handelt, die Benutzung mehrerer Vorlagen bzw. Prätexte aufweist.888 So basiert der Teilabschnitt zur Physiognomie, der eine Erweiterung der Lübecker Vorlage darstellt, auf einem süddeutschen Originaldruck aus Augsburg oder Straßburg, genauso wie die Prätexte der jüngeren Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ ursprünglich aus dem hochdeut‐ schen Raum kommen. Als eine weitere Parallele zwischen den beiden Drucken von Ludwig Dietz ist ein insgesamt sehr sorgfältiger Eindruck, den sie als Druckerzeug‐ nisse erwecken, hervorzuheben. Zudem ist die künstlerische Leistung in der Druck‐ aufbereitung zu nennen, die nicht zuletzt den aufwendigen Holzschnittillustrationen zu verdanken ist. Dieser Text stammt aus der Zeitperiode, wo Ludwig Dietz bereits unabhängig von Hermann Barckhusen gearbeitet hat. Es lässt sich vermuten, dass die beiden Dietzschen Drucke eine größere Ähnlichkeit in ihrer sprachlichen Beschaffen‐ heit aufweisen sollten als beispielsweise der ‚Reynke Vosz de olde‘ und die anderen zur Analyse herangezogenen Drucke. Es gilt ferner zu überprüfen, ob von 1523 bis 1539 ein diatopisch oder diachronisch bedingter Variantenabbau, Variantenausbau oder Variantenwechsel stattfindet und wie dieser sprachhistorisch zu bewerten ist. Aus Zeitgründen musste auf eine systematische Erfassung von weiteren Quellen‐ texten für die Schreibsprache Rostocks verzichtet werden. Zur Herausarbeitung der mecklenburgischen Sprachverhältnisse und zur Kontextualisierung der Rostocker Vergleichstexte aus den Offizinen von Hermann Barckhusen und Ludwig Dietz er‐ folgt daher eine Heranziehung der für den interessierenden Zeitraum, der ersten Hälf‐ te des 16. Jahrhunderts, relevanten bisherigen Forschungsergebnisse. Zum einen wer‐ den die Informationen zum Sprachstand in Mecklenburg der Untersuchung von Jür‐ gen Scharnhorst zum Lautstand der Schriften des Rostocker Predigers Nicolaus Gry‐ se entnommen. Scharnhorst beschäftigt sich primär mit der Frage, inwieweit dieser noch dem des „klassischen“ Mittelniederdeutschen entspricht.889 An dieser Stelle muss eingeräumt werden, dass diese Studie zwar den Schriften aus einem späteren Zeitraum als dem direkten Untersuchungszeitraum gewidmet ist, nämlich Mitte des 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts, jedoch kommt Scharnhorst zu dem Schluss, dass der Lautstand der untersuchten Sprachdenkmäler noch insgesamt der mittelniederdeutschen Schriftsprache und nicht des Spätmittelniederdeutschen ent‐ spricht. Zudem bietet Scharnhorsts Untersuchung einige weitere Beobachtungen zum der Mitbenutzung der Transkription gilt an dieser Stelle Dr. Ingrid Schröder, der Projektleiterin des Projekts ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘, und Sarah Ihden, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Standort Hamburg. Zum Strichprobenumfang vgl. Fn. 17 und 879. 887 Einführend zum ‚Der schapherders Kalender‘-Druck vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 165-166; Scheller, Bücherkunde der Sassisch-Niederdeut‐ schen Sprache, S. 161; Reich, Das große plattdeutsche Bilderbuch, S. 161-172; Wiechmann, Mecklenburgs altniedersächsische Literatur, S. 67-75. 888 So könnten die sprachlichen Be- und Überarbeitungstendenzen beider Texte Parallelen aufweisen. 889 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses. Teil II B Textkontrastive Analyse 302 Lautstand der mecklenburgischen Mundart des 16. Jahrhunderts, die für die vorlie‐ gende kontrastive Analyse nützlich gemacht werden können. Zum anderen werden die Informationen aus der Grammatik des mecklenburgi‐ schen Dialektes von Karl Nerger ausgewertet, die ihrerseits überwiegend auf meck‐ lenburgischen und speziell Rostocker Schrift- und Druckzeugnissen nicht fachlitera‐ rischen Inhalts, Urkunden und der Rostocker Chronik basiert.890 Für den Fall, wenn bei Nerger und Scharnhorst entsprechende Angaben fehlen, wird versucht diese aus anderen Sekundärquellen zu gewinnen.891 Methodische Vorgehensweise Die kontrastive Analyse ist analog zum ersten Untersuchungsteil als variablenlinguis‐ tische Untersuchung angelegt, verwendet aber ein weniger umfangreiches Variablen‐ set. Für die Analyse wurden solche sprachlichen Merkmale aus dem Gesamtkatalog ausgewählt, von denen erwartet werden kann, dass sie in den Lübecker und Rosto‐ cker Texten eine diatopische und/oder diachronische Variabilität aufweisen. Unter‐ schiede in der Variantenausprägung sind für den Bereich der Laut- und Formenlehre erwartbar, hauptsächlich jedoch für den als besonders variabel geltenden Bereich des Kleinwortschatzes zu vermuten. Insgesamt wurden 28 ausgewählte Variablen in die Analyse einbezogen. Die Vorgehensweise bei der Analyse ist dreistufig und gestaltet sich wie folgt: In einem ersten Schritt erfolgt zunächst die variablenlinguistische Analyse des Lübe‐ cker Vergleichskorpus. Hierbei stehen drei Gesichtspunkte im Vordergrund. Zum einen werden anhand des Datenmaterials Entwicklungstendenzen und Variantenver‐ teilungen innerhalb der lübischen Schriftsprache der zweiten Hälfte des 15. Jahrhun‐ derts generell sichtbar gemacht. Zum anderen soll der Lübecker ‚Reynke de vos‘ va‐ riablenlinguistisch in diese Schriftlichkeit verortet werden. Damit soll drittens eine Ausgangsbasis für den variablenlinguistischen Vergleich der Lübecker und der Ros‐ tocker Fassung des Tierepos geschaffen werden, sodass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ sowohl zum Lübecker Erstdruck aus dem Jahre 1498 als auch insgesamt zum lübischen Schriftusus in Bezug gesetzt werden kann. In einem zweiten Schritt soll analog dazu das Rostocker Vergleichskorpus varia‐ blenlinguistisch analysiert werden. Auch hier stehen zwei Gesichtspunkte im Vorder‐ grund. Erstens soll die Sprachgestalt des Rostocker Tierepos exemplarisch mit der zeitgenössischen Rostocker Drucksprache sowie insgesamt den schriftsprachlichen Verhältnissen in Mecklenburg im 16. Jahrhundert in Bezug gesetzt werden. Zweitens 10.2 890 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes. 891 An dieser Stelle ist der Beitrag zum Kleinwortschatz im ‚Nomenclator latinosaxonicus‘ des Nathan Chytraeus von Robert Peters zu erwähnen, dem weitere hilfreiche Informationen zum Sprachstand in Rostock im ausgehenden 16. Jahrhundert sowie zu einigen Sprachentwicklungen im Zeitraum davor entnommen werden können. Vgl. Peters, Variation und Tradition [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 3-37]. 10 Kontrastiver Vergleich 303 soll anhand eines variablenlinguistischen Vergleichs die sprachliche Stellung dieses Textes im Druckschaffen von Ludwig Dietz beleuchtet werden. In einem dritten Schritt sollen die Ergebnisse beider Analysen zusammengeführt werden, um das sprachliche Verhältnis des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ zum Lü‐ becker Erstdruck zu bestimmen. Diese Ergebnisse werden jedoch nicht in einem ge‐ sonderten Punkt behandelt, sondern unmittelbar anschließend an die Ergebnisse der vergleichenden Analyse des ‚Reynke de vos‘ mit dem Lübecker Referenzkorpus dar‐ gelegt oder in die vergleichende Analyse des ‚Reynke Vosz de olde‘ mit dem Rosto‐ cker Vergleichskorpus inkorporiert, um so eine Inkontextsetzung in beide Richtungen gleichzeitig zu ermöglichen. ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Lübecker ‚Reynke de vos‘ (1498) und zum Lübecker Referenzkorpus Die Durchsicht der Forschungsliteratur zur Lübecker Schreibsprache bzw. zu einzel‐ nen Lübecker Textzeugen sowie die Analyse des Lübecker ‚Reynke de vos‘ von 1498 ergab folgende Befunde, die in der nachfolgenden Tabelle veranschaulicht wer‐ den. Anhand der Tabelle sind die untersuchten Variablen und die jeweiligen Varian‐ tenrealisierungen innerhalb des Lübecker Vergleichskorpus892 ersichtlich, aus der man Schlüsse einerseits zu sprachlichen Besonderheiten des Lübecker ‚Reynke de vos‘ als Vorlage für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck und andererseits zu den sprachlichen Verhältnissen und v. a. Entwicklungsprozessen (darunter Varianten‐ abbau, Variantenausbau, Variantenwechsel) im lübischen Ostelbischen ziehen kann. Die dominierenden Varianten werden dabei unterstrichen, während die deutlichen Minderheitsvarianten in runde Klammern gesetzt werden. Bei Einzelbelegen bzw. bei schwach frequenten Belegen gibt die nebenstehende Ziffer die Häufigkeit eines Be‐ legs an. Eine festgestellte zeitliche Entwicklung wird durch einen Pfeil angezeigt. Merkmal Lübeck 1470 Lüb. Ratsurteile 1470-1500 ASnA 1491-1500 Reynke de vos, Lübeck 1498 Senkung von e > a vor r + Konsonant er/(ar) werk/(wark) er/(ar) keine Angaben er Schreibung von tl. ō o/a boven/baven o → a godes/gades893 apen-/(open-)894 o loue gode -boue hone -broken 10.3 892 Angaben zu Lübeck 1470 und Lübecker Ratsurteilen 1470-1500 nach Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Hermann Botes, S. 300-301 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 206-207]. 893 ASnA, Bd. I, Karte 15 ‚Gott‘ (Gen. Sg.). 894 ASnA, Bd. I, Karte 16 ‚offenbar‘. Teil II B Textkontrastive Analyse 304 Merkmal Lübeck 1470 Lüb. Ratsurteile 1470-1500 ASnA 1491-1500 Reynke de vos, Lübeck 1498 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich wedder weten leddich wedder weten leddich wedder/(weder)895 edder/(eder)896 neden/benedden/ nedden897 eddel/(edel) nedder, nedden wedder edder honnich wetten/(weten) beter ê2 keine Angaben keine Angaben egen/(eigen)898 deel/deyl/(del)899 ey/e/(ee)900 ee/ey/e901 e/ee902 ê3 keine Angaben keine Angaben keine Angaben ey/e/(ee)903 ey/(e)904 ê4 keine Angaben keine Angaben bref905 breve906 prester907 leve908 seen/(sehen)909 e/(ee)910 ee/e911 ô1, ö̂1 keine Angaben keine Angaben broder912 brodere913 don/(doen)914 gude/(gode)915 o916 oe/o917 895 ASnA, Bd. I, Karte 18 ‚wieder‘. 896 ASnA, Bd. I, Karte 156 ‚oder‘. 897 ASnA, Bd. I, Karte 135 ‚unten‘. 898 ASnA, Bd. I, Karte 22 ‚eigen‘ (Adj., Subst.). 899 ASnA, Bd. I, Karte 23 ‚Teil‘. 900 In offener Silbe. 901 In geschlossener Silbe. 902 Untergruppe ê2 → ê4. Vgl. Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. 903 In offener Silbe. 904 In geschlossener Silbe. 905 ASnA, Bd. I, Karte 24 ‚Brief‘ (geschlossene Silbe). 906 ASnA, Bd. I, Karte 25 ‚Brief‘ (offene Silbe). 907 ASnA, Bd. I, Karte 26 ‚Priester‘. 908 ASnA, Bd. I, Karte 27 ‚lieb‘ (offene Silbe). 909 ASnA, Bd. I, Karte 28 ‚sehen‘ (3. Pers. Pl. Präs. Ind.). 910 In offener Silbe. 911 Diese Variantenverteilung gilt für geschlossene Silbe, wenn man alle Belege für ‚viert-‘, die im Un‐ tersuchungstext sehr zahlreich sind, herausnimmt. Zusammen mit den ‚viert-‘-Belegen sieht die Verteilung genau umgekehrt aus. 912 ASnA, Bd. I, Karte 32 ‚Bruder‘ (Sg.). 913 ASnA, Bd. I, Karte 36 ‚Brüder‘ (Pl.). 914 ASnA, Bd. I, Karte 33 ‚tun‘ (Inf.). 915 ASnA, Bd. I, Karte 35 ‚gut‘. 916 In offener Silbe. 917 In geschlossener Silbe. 10 Kontrastiver Vergleich 305 Merkmal Lübeck 1470 Lüb. Ratsurteile 1470-1500 ASnA 1491-1500 Reynke de vos, Lübeck 1498 ô2, ö̂2 keine Angaben keine Angaben ok918 kop919 o920 oe/o/ oͤ 1921 mnd. ou ou gehouwen ou keine Angaben auw/ouw/(aw, ow, uw) ‚-schaft‘ -schop/-schup/ (-schap) -schop/-schup -sc(h)up/sc(h)op922 -schop ‚gelegt‘ ‚gesagt‘ gelacht/gelecht gesecht gelecht gesecht keine Angaben ghelacht 1 ghesecht besecht affsecht ‚gewesen‘ gewest/(gewesen) gewest → gewesen gewesen/ (gewest)923 ghewest 4 / (ghewesen 1) ‚dritte‘ derde/dorde derde → dorde derde/dorde/ drudde drydde ‚sechs‘ sos/(ses) sos sos/ses924 ses ‚sieben‘ soven soven soven/(seven)925 souen ‚zwölf‘ twelf twelf twelf926 twelf 1 / twalff 1 ‚ihm‘ em/eme eme eme/(em, on etc.)927 em/eme ‚dieser, diese‘ desse desse desse/(dusse)928 desse/(dese 1)929 ‚solcher, -e, -es‘ sodan-/sulk- sodan-/sulk so(ge)dan/(also- (ge)dan, sulk)930 sodan-/(solk- 1) ‚kein‘ nyn/nen nyn → nen nen/neyn931 nen932 nen/(neen- 1, neyn- 1)933 ‚niemand‘ nymant/nemant nymant → nemant ne(y)mant934 nemant nemande935 918 ASnA, Bd. I, Karte 37 ‚auch‘. 919 ASnA, Bd. I, Karte 38 ‚Kauf‘ (geschlossene Silbe). 920 In offener Silbe. 921 Diese Variantenverteilung gilt für geschlossene Silbe, wenn man alle Belege für ‚auch‘, die im ‚Reynke de vos‘ sehr zahlreich vorkommen, rausnimmt. Zusammen mit den ‚auch‘-Belegen sieht die Verteilung umgekehrt aus: o/oe/oͤ 1. 922 ASnA, Bd. I, Karte 69 ‚Suffix -schaft‘. 923 ASnA, Bd. I, Karte 63 ‚sein‘ (Part. Prät.). 924 ASnA, Bd. I, Karte 97 ‚sechs‘. 925 ASnA, Bd. I, Karte 98 ‚sieben‘. 926 ASnA, Bd. I, Karte 100 ‚zwölf‘. 927 ASnA, Bd. I, Karte 113 ‚ihm‘. 928 ASnA, Bd. I, Karte 119 ‚diese(r)‘. 929 Reimbedingte Position dese : nese. 930 ASnA, Bd. I, Karte 122 ‚solcher, solche, solches‘. 931 ASnA, Bd. I, Karte 127 ‚kein‘ (geschlossene Silbe). 932 ASnA, Bd. I, Karte 128 ‚kein‘ (offene Silbe). 933 In offener Silbe. 934 ASnA, Bd. I, Karte 125 ‚niemand‘. 935 Flektiert. Teil II B Textkontrastive Analyse 306 Merkmal Lübeck 1470 Lüb. Ratsurteile 1470-1500 ASnA 1491-1500 Reynke de vos, Lübeck 1498 ‚bis‘ bet/(wente) bet/(wente) wente/bet936 wente937 ‚gegen‘ jegen/tegen jegen/tegen → tegen iegen938 jegen, yegen/ (teg(h)en 2) ‚ohne‘ sunder/(ane) sunder/(ane) sunder/(ane)939 ane/(sunder 2) ‚zwischen‘ twisschen/ (tusschen) twisschen → tusschen tusschen/ (twisken)940 twysschen ‚oder‘ edder/ofte/(efte) edder/(ofte, efte) edder/oft(e)/(eft[e], eder)941 efte/edder komp. ‚als‘ dan/denne/(den, wenne, wen) dan/(denne, den, wan, wen) wen(ne)/wan(ne)/ dan(ne)/ (den[ne])942 dan/wan ‚ob, falls, wenn‘ oft(e) oft of/oft(e)/(ift[e], icht[e], ef, eft[e])943 oft/(ofte, eft, ift, efte)944 efte 2 ‚Reynke de vos‘ (1498) im Vergleich zum Lübecker Referenzkorpus Der Variantenvergleich ergibt folgendes Bild: Generell wird ersichtlich, dass nur wenige Sprachausgleichs- und Variantenreduktionsprozesse, die in Lübeck im Zeit‐ raum von 1470-1500 in Bewegung waren, Ende des 15. Jahrhunderts als endgültig abgeschlossen gelten können. Dies zeigt besonders der Blick auf die ASnA-Daten so‐ wie z. T. die Variantenausprägung im Lübecker ‚Reynke de vos‘, wie der vorletzten bzw. letzten Spalte entnommen werden kann. Ein Beispiel für eine solche diachrone Variantenreduktion bietet die Senkung von e > a vor r + Konsonant, wo die anfängli‐ che Varianz dergestalt aufgelöst wurde, dass im Lübecker ‚Reynke de vos‘ aus‐ nahmslos die er-Schreibung Gebrauch findet. Bemerkenswerterweise weist der Ros‐ tocker Nachdruck einige wenige ar-Belege auf, worauf an einer späteren Stelle beim Vergleich mit dem Rostocker Korpus eingegangen wird. Auch für die Pronomina ‚kein‘ und ‚niemand‘ kann festgehalten werden, dass die Entwicklung von nyn → nen respektive nymant → nemant am Ende des betrachteten Zeitraums bereits statt‐ gefunden und abgeschlossen zu sein scheint. Ferner ist die markante ausschließliche Verwendung der Variante wente für die Präposition ‚bis‘ im ‚Reynke de vos‘ anzu‐ merken, die insofern auffällt, weil in der städtischen Überlieferung eindeutig der Typ Tabelle 1: 936 ASnA, Bd. I, Karte 144 ‚bis‘ (Präp., Konj.). 937 Um diese Variable erfassen zu können, wurde ausnahmsweise der gesamte Erzähltext des ‚Reynke de vos‘ herangezogen. Dies rührt daher, dass alle 4 Belege für wente ‚bis‘ außerhalb des eigentli‐ chen Untersuchungsabschnittes vorkommen. 938 ASnA, Bd. I, Karte 93 ‚gegenwärtig‘ und Karte 146 ‚gegen‘. 939 ASnA, Bd. I, Karte 149 ‚ohne‘. 940 ASnA, Bd. I, Karte 151 ‚zwischen‘. 941 ASnA, Bd. I, Karte 156 ‚oder‘. 942 ASnA, Bd. I, Karte 161 ‚als‘ (beim Komparativ). 943 ASnA, Bd. I, Karte 158 ‚falls‘. 944 ASnA, Bd. I, Karte 159 ‚falls‘ (Auslaut: -f[t][e]/-cht[e]). 10 Kontrastiver Vergleich 307 bet dominiert und erst im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts der Gebrauch von wente anzusteigen scheint, wie man den ASnA-Daten entnehmen kann. Somit muss es sich hierbei um eine recht rezente Entwicklung handeln, die sich dann wohl im ge‐ samten ostelbischen Raum weiterverbreitet, wie es den Rostocker Drucken aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts im zweiten Teil des vorliegenden Vergleichs zu entnehmen ist. Des Weiteren ist das Augenmerk auf die Kennformen zu lenken, die im ‚Reynke de vos‘-Frühdruck eher der Variantenverteilung am Anfang des untersuchten Zeit‐ raums (1470er Jahre) entsprechen, jedoch nicht den ASnA-Daten. Darunter ist zu‐ nächst das Suffix ‚-schaft‘ zu nennen, das im Lübecker ‚Reynke de vos‘ entgegen der festgestellten Entwicklungstendenz zur Ersetzung der Leitvariante und gleichzeiti‐ gem Variantenabbau -schop /-schup / (-schap) → -schup / -schop ausschließlich in der Variante -schop realisiert wird. Ferner sind die Partizip Präteritum-Formen ‚ge‐ legt‘ und ‚gewesen‘ hervorzuheben, die mit dem Lübecker Sprachstand von 1470 übereinstimmen. Zudem verharrt die Dativform des männlichen Personalpronomens auf der älteren Variantenverteilung em / eme. Überdies wird im ‚Reynke de vos‘ die spätere Form tusschen für die Präposition ‚zwischen‘ vermieden, während die ältere Mehrheitsvariante im Text ausnahmslose Verwendung findet. Schließlich ist festzu‐ stellen, dass für die komparativische Konjunktion ‚als‘ immer noch eine Variation vorliegt und die Variantenverteilung eher dem älteren Sprachstand entspricht: dan / wan. Besonders hervorzuheben wäre an dieser Stelle noch die Verteilung der Realisierungsvarianten für die Präposition ‚gegen‘. Während im Lübischen Urkun‐ denbuch aus dem Jahre 1470 jegen und tegen noch nebeneinander gebraucht werden, ist für den Zeitraum 1470-1500 eine Entwicklung jegen / tegen → tegen festzuhalten. Bemerkenswerterweise ist laut ASnA-Ergebnissen im letzten Jahrzehnt des 15. Jahr‐ hunderts jedoch iegen als einzige gebrauchte Variante aufzufassen. Im Lübecker ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 werden dagegen beide Typen verwendet, wobei tegen die Seltenheitsvariante darstellt. An dieser Stelle kann angemerkt werden, dass in der Rostocker bearbeitenden Ausgabe tegen stets durch die regionskonforme Vari‐ ante yegen bzw. jegen ersetzt wird. Den in den ersten drei Spalten der Tabelle beschriebenen Tendenzen und Vertei‐ lungsmustern entspricht weitgehend die Realisierung der folgenden Variablen: Parti‐ zip Präteritum von seggen wird im ‚Reynke de vos‘ ausschließlich als ‚-(ge)secht‘ realisiert; für die Zahlwörter ‚sieben‘ und ‚zwölf‘ werden erwartungsgemäß souen und twelf gebraucht, wobei für ‚zwölf‘ einmal die wohl als niederländisch einzustu‐ fende Variante twalf Verwendung findet. Hier ist jedoch einschränkend festzustellen, dass die Form twalf nicht zwingend niederländischen Ursprungs sein muss, sondern auch unter ostfälischem Einfluss stehen kann, wo twalf als Nebenvariante neben der Mehrheitsvariante twolf zu finden ist. Der ostfälische Einfluss macht sich nämlich auch bei der Realisierung des Zahlwortes ‚sechs‘ bemerkbar, das entgegen den lübi‐ schen Verhältnissen im ‚Reynke de vos‘ als ses realisiert wird.945 In der Dietzschen 945 Vgl. hierzu Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes, S. 300 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 206]. Teil II B Textkontrastive Analyse 308 Ausgabe des ‚Reynke Vosz de olde‘ erfolgt eine regionskonforme Ersetzung des oh‐ nehin als ostfälisch eingestuften ses durch soͤs mit einer eindeutigen Umlautkenn‐ zeichnung. Die Variantenverteilung für die Pronomina ‚solcher, -e, -es‘ und ‚dieser, diese‘ entspricht nicht vollständig den beschriebenen Entwicklungstendenzen des letzten Drittels des 15. Jahrhunderts, die Mehrheitsvarianten stimmen jedoch mit den Forschungsergebnissen für die Stadtsprache Lübecks überein. Auf die Reimbindung für die Seltenheitsvariante dese für ‚dieser, diese‘ wurde bereits oben hingewiesen. Die Interpretation und genauere Zuordnung der Realisierungen für die Konjunktion ‚ob, falls, wenn‘ gestaltet sich problematisch, weil für den Lübecker ‚Reynke de vos‘- Text nur insgesamt zwei Belege für efte vorliegen, die für Lübeck 1470-1500 nicht verzeichnet sind, jedoch in den ASnA-Daten als Nebenform vorkommen. Ostfäli‐ scher Einfluss ist auch an dieser Stelle nicht komplett auszuschließen.946 Als ostfä‐ lisch kann mit Sicherheit die durchgehend verwendete Realisierung drydde für ‚drit‐ te‘ statt lübisch derde, dorde, drudde eingestuft werden. Ebenfalls als Kennzeichen ostfälischer Schreibsprache erscheint die konsequente Verwendung der o-Graphie für tl. ō statt zu erwartendem lübischem . Im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘- Nachdruck wird stattdessen stets die Schreibung gebraucht. Ähnlich auffällig ist die Variantenvielfalt für die Diphthongkennzeichnung für mnd. ou, die in der lübi‐ schen Schreibsprache im gesamten Untersuchungszeitraum konstant als erfolgt. Dagegen wird im ‚Reynke de vos‘ etwas häufiger die ostfälisch induzierte auw- Schreibung, daneben die zu erwartende Variante sowie seltener , und gebraucht. Eine besonders starke Variation in der Schreibung ist dabei für das Substantiv ‚Frau‘ zu verzeichnen. Die Schwankung bei der Kennzeichnung der Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich im Lübecker ‚Reynke de vos‘ ist insgesamt als sehr stark zu beschreiben, wobei die Verteilung der gekürzten und nicht gekürzten Varianten teilweise mit den Forschungsergebnissen für die Stadtsprache Lübecks kor‐ reliert. Abweichend von der generellen Entwicklungstendenz zeigt sich die Varian‐ tenverteilung für die Präposition ‚ohne‘ und die Konjunktion ‚oder‘ im Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druck. Die in der Forschung als Nebenformen beschriebenen Vari‐ anten stellen im ‚Reynke de vos‘ die Mehrheitsvarianten dar, und umgekehrt, die als lübische Mehrheitsvarianten beschriebenen Formen kommen im benannten Druck selten bis äußerst selten vor. Da der Bereich des Kleinwortschatzes insgesamt einen sehr hohen Grad an Variabilität aufweist und die im ‚Reynke de vos‘ von 1498 fest‐ gestellten Varianten für ‚ohne‘ und ‚oder‘ prinzipiell auch in der lübischen Stadtspra‐ che auftauchen, können die Ergebnisse für diese beiden Variablen vorsichtig relati‐ viert werden. Zudem erscheint es in diesem Augenblick nicht möglich, die ange‐ sprochene Besonderheit anhand der vorliegenden Forschungsergebnisse diatopisch oder diachronisch anderweitig zu verorten. Es lässt sich für den Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druck zusammenfassend festhalten, dass sein Sprachstand in einigen Merkmalen vom Variantenbestand der lübischen 946 Vgl. hierzu Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes, S. 301 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 207]. 10 Kontrastiver Vergleich 309 Schreibsprache abweicht.947 Der Text weist auffällig viele markante ostfälische Merk‐ male auf. Ich stimme an dieser Stelle Robert Peters in seiner Feststellung zu, dass der Bearbeiter des ‚Reynke de vos‘ möglicherweise ein Ostfale gewesen ist.948 Dennoch ist zu betonen, dass sich die Sprachform des Lübecker ‚Reynke de vos‘ weitgehend ho‐ mogen, d. h. variantenarm darstellt, was mit dem Produktionsprozess zusammenhängen mag, dass es sich eben um einen gedruckten Text im Gegensatz zu den (sukzessive erfolgten und von mehreren Schreibern vorgenommenen) handschriftlichen Eintra‐ gungen des Lübischen Urkundenbuches und der Ratsurteile handelt. ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Rostocker Vergleichskorpus und zum Lübecker ‚Reynke de vos‘ (1498) Tabelle 2 soll die Unterschiede zwischen dem Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘- Druck aus dem Jahre 1539, den beiden weiteren Rostocker Vergleichstexten aus den Jahren 1510 und 1523 sowie den Forschungsergebnissen zum Sprachstand in Ros‐ tock und Mecklenburg veranschaulichen. Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses Senkung von e > a vor r + Konsonant er er/(ar 2) er/(ar) er → ar parle barnende harte start barch949 er950 Schreibung von tl. ō o/(a) a/(o) bauen/bouen gespraken bade gade gebroken a/(oͤ 1) bade bauen Gade Haue laue o → a bevalen salen vorlaren namen gades951 a952 10.4 947 Auf die Nichtübereinstimmung der Mohnkopf-Drucke mit der zeitgenössischen städtischen Über‐ lieferung Lübecks weist bereits Peters in seinem Beitrag zur Sprache von Herman Bote hin. Vgl. Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes, S. 307 [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 213]. 948 Diese Feststellung gilt ferner auch für die anderen Mohnkopf-Drucke, insbesondere jedoch für die Lübecker ‚Narrenschyp‘-Ausgabe. Vgl. Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreib‐ sprache Botes, S. 306-307 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 213f.]. 949 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, 19, 159. 950 Zu vermuten ist jedoch ar-Aussprache. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 46f. 951 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 25, 28, 31. 952 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 23. Teil II B Textkontrastive Analyse 310 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich wedder edder nedder weten beter leddich open eddel/(edel 1) hemmel neder/nedder beneden/ (benedden 1) wedder/ (weder 1) beter weten edder ledder somer eddel hemmel nedden, nedder wedder honnich leddich weten beter/(better) eten weten seten953 scheppen bedden redden settinge leddich954 vadder/vader fedder wedder biddent ledder hemmel eddel schottel nedden leddich honnich955 sader schepel reden ketel956 ê2 ey/e/(ee, ei)957 e/ee/ey958 e/ey/ee959 e/ee/ey/(ei)960 e961 e/ee962 e963 ey, ei/ee/eͤ/(e)964 e/(ee)965 ee/(e, eͤ)966 ei/e967 e/ee968 ê3 ey969 ey/e970 e/(ey, ee)971 ey, ei /(e)972 keine Angaben ei/e973 953 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 29. 954 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 20. 955 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 27ff. 956 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 24. 957 In offener Silbe. 958 In geschlossener Silbe. 959 In offener Silbe. 960 In geschlossener Silbe. 961 In offener Silbe bei ê2 → ê4. 962 In geschlossener Silbe bei ê2 → ê4. 963 In offener Silbe. 964 In geschlossener Silbe. 965 In offener Silbe bei ê2 → ê4. 966 In geschlossener Silbe bei ê2 → ê4. 967 Außer vor r oder w. Dort . Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 38. 968 Laut Scharnhorst unterschieden sich ê1, ê2 und ê4 wohl kaum in der Längenbezeichnung. Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 51, 84. Zur Entwick‐ lung von ê2 in den mecklenburgisch-schwerinischen Landmundarten vgl. insbes. die Bemerkung ebd., S. 73. 969 Geringe Beleglage. Keine Belege in der offenen Silbe, nur wenige Belege für die geschlossene Sil‐ be. 970 In offener Silbe. 971 In geschlossener Silbe. Es ist eine geringe Beleglage festzustellen. 972 In offener wie geschlossener Silbe. 973 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 58. 10 Kontrastiver Vergleich 311 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ê4 e974 ee/e975 e/(ee)976 ee/e977 e/(ee)978 ee/(e, eͤ)979 e980 e/ee/(ehe)981 ô1, ö̂1 oe 1 / oͤ 1982 oe/o/ oͤ983 o/(oͤ, oe)984 o/(oe, oͤ)985 keine Angaben o986 oe/oh/(oͤ)987 ô2, ö̂2 o/( oͤ 2)988 o/ oͤ / (oe 2)989 o990 o/(oe)991 o/(oͤ)992 o/(oe)993 keine Angaben994 o995 mnd. ou ouw/(ow) ouw/ow/(uw, auw) ouw ou/(au)996 ouw/ow howen peltzmouwen houwen mouwe anschouwen kouwen997 ‚-schaft‘ -schop -schop -schop -schap → -schop(pe)998 -schop999 974 In offener Silbe. 975 In geschlossener Silbe. 976 In offener Silbe. 977 In geschlossener Silbe. 978 In offener Silbe. 979 In geschlossener Silbe. 980 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 39. 981 Scharnhorst weist darauf hin, dass die ehe-Realisierung auf hochdeutschen Einfluss zurückzuführen ist. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 85. Zu den Frühzeugnissen für die Diphthongierung im Mecklenburgischen vgl. des Weiteren ebd., S. 75. 982 In offener Silbe. Geringe Beleglage. 983 In geschlossener Silbe. 984 In offener Silbe. 985 In offener wie geschlossener Silbe. 986 In offener Silbe keine Bezeichnung. 987 In geschlossener Silbe. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 86 und § 45. 988 In offener Silbe. 989 In geschlossener Silbe. 990 In offener Silbe. 991 In geschlossener Silbe. 992 In offener Silbe. 993 In geschlossener Silbe. 994 Keine scharfe Trennung von ô1, ö̂1 und ô2, ö̂2. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialek‐ tes, § 42. 995 In offener Silbe. 996 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44. Die au-Realisierung kommt aus‐ schließlich in der Rostocker Narrenschiff-Ausgabe und ist wohl auf den Einfluss der Lübecker Vor‐ lage zurückzuführen. 997 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 98f. 998 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, 127. 999 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 128. Teil II B Textkontrastive Analyse 312 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ‚gelegt‘ ‚gesagt‘ gelecht gesecht gesecht 31000 gelecht gesecht gesecht/ gesegget1001 gelecht1002 gelecht1003 ‚gewesen‘ g(h)ewest/ g(h)eweset gewest 1 gewesen/ gewest1004 wesen/ geweset1005 keine Angaben ‚dritte‘ drudden 2 derde druͤdde/ (drudde) dridde/ drudde1006 keine Angaben1007 ‚sechs‘ sos(z) 3 ses(z) soͤs ses/sos1008 sossen1009 soͤsse/soͤß ‚sieben‘ souen soͤuen/(souen) soͤuen seven → soven1010 soͤuen1011 ‚zwölf‘ keine Belege twelff 1 twelff 11012 twelf/twolf1013 twelve/ twolve1014 twolff1015/ twoͤlff1016/ twelff1017 ‚ihm‘ eme em/eme em/(eme 3) eme/em → em1018 keine Angaben 1000 Keine Belege für das Partizip Präteritum ‚gelegt‘. 1001 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 21. 1002 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 110. 1003 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 139. Die Par‐ tizip Präteritum-Form ‚gesagt‘ ist für die Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nico‐ laus Gryses nicht belegt. 1004 Diese Form scheint reimbedingt zu sein und zusätzlich unter dem Einfluss der Lübecker Vorlage zu stehen. 1005 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112. 1006 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 15, 17, 143. 1007 Für die Rostocker Kanzlei hält Hampel fest, dass dort bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahr‐ hunderts ausschließlich die gerundeten Realisierungsmöglichkeiten drutte, druͦtte und drʉtte Ver‐ wendung fanden, während noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lediglich die Variante dritte zu verzeichnen war. Für das 15. Jahrhundert konnten in der Studien textkorpusbedingt leider keine Belege ausgemacht werden. Vgl. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleispra‐ che in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273. 1008 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 23, 142. 1009 Flektiert. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142. 1010 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 31 Anm. 1, § 142. 1011 Auch soͤuenmal. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133. 1012 Bedingt durch die Lübecker Vorlage. Keine Belege im Untersuchungsabschnitt. 1013 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 19, 142. 1014 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142. 1015 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 104. 1016 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132. 1017 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132. 1018 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, 243. 10 Kontrastiver Vergleich 313 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ‚dieser, diese‘ dusse desse/dusse/ (dese 11019) desse dese/desse/ disse/dusse1020 zunächst desse/ disse, später e → i1021 ‚solcher, -e, -es‘ sulk/(suͦlk 1) sodan/sulk/ sol(c)k solk/soͤlk/ sodan (suͤlk 1) sulk1022 sol(c)k/suͤlck/ soͤlcker/ suͤlcker1023 ‚kein‘ neyn1024 nen 11025 nen/neyn/ (nein 1)1026 neen1027 nen1028 nen/neen/ keine1029/ neͤn 2/ neyn 11030 keine Angaben1031 nene/neine1032 nein/neen/ (kein)1033 ‚niemand‘ nemant nemande1034 nemant nemande1035 neman(d)t nemande1036 nemen/ numment1037 nemende1038 keine Angaben 1019 Die Realisierung desen scheint reimbedingt zu sein (desen : lesen). 1020 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 147. 1021 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 34. Als Kennzeichen der mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock seit dem 14. Jahrhundert be‐ zeichnet Hampel die Variante desse. Vgl. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleispra‐ che in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178-179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273. 1022 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150. 1023 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 118f., 158. 1024 In offener Silbe. 1025 Geringe Beleglage in geschlossener Silbe. 1026 In offener Silbe. 1027 In geschlossener Silbe. 1028 In offener Silbe. 1029 Die Variante kein- ist ausschließlich in den Marginalien anzutreffen. 1030 In geschlossener Silbe. 1031 Für das 14. und 15. Jahrhundert stellt Hampel ein Nebeneinander von nen und nyn in der Rosto‐ cker Kanzleisprache fest, wobei die Hauptform nicht auszumachen ist, weil sich die Varianten in einem Verhältnis von etwa 1:1 gegenüberstehen. Vgl. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274. 1032 In offener Silbe. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 72. 1033 In geschlossener Silbe. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 63, 72. Peters kommt zum Schluss, dass sich die hochdeutsch induzierte Form kein erst Mitte des 17. Jahrhunderts durchsetzen konnte, während sie noch Ende des 16. Jahrhunderts eine Nebenform neben dem vorherrschenden Typ nên darstellte. Vgl. Peters, Variation und Tradition, S. 155 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 11]. 1034 Flektiert. 1035 Geringe Beleglage für die flektierte Form. 1036 Flektiert. 1037 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150. 1038 Flektiert. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150. Teil II B Textkontrastive Analyse 314 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ‚bis‘ bet bet(h)/went(he) bet(h) keine Angaben1039 beth1040 ‚gegen‘ jegen/ (gegen 1) yeg(h)en/ teg(h)en jegen, yegen keine Angaben jegen/gegen1041 ‚ohne‘ ane/ (sunder 1) sunder/ane ane/ (sunder)1042 keine Angaben keine Angaben1043 ‚zwischen‘ tuͤsschen tusken/ twisschen/ (tusschen 1, twischen 1, twyschen 1, twysschen 1) twisschen, twysschen tuschen1044 twischen1045 ‚oder‘ edder/(ofte, offte, offt) effte/offte/offt/ (edder/oft/ efte/ofte/off) edder/effte/ (efte) ofte/efte1046 edder/efte/ oder1047 komp. ‚als‘ dan/dann wen/dan alse/(als)/ dan/(den, denn, wan, wen, wenn) keine Angaben keine Angaben1048 1039 Für das 14. und 15. Jahrhundert wird die Form wente als übliche Variante der Rostocker Kanzlei angesehen, die Form bet ist in diesem Zeitraum nicht anzutreffen. Vgl. Hampel, Studien zur mit‐ telniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Cha‐ rakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274. 1040 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. XI. 1041 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 169. Vgl. auch Peters, Variation und Tradition, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 19]: „Spätmnd. ist […] jēgen vorherrschend; daneben wird, aus dem Hd. übernommen oder von ihm gestützt, gēgen häufiger, ohne jedoch jēgen bis heute völlig verdrängen zu können.“ 1042 In einer Randglosse. 1043 Peters verzeichnet in seinem Beitrag zum Kleinwortschatz des in Rostock im Jahre 1582 gedruck‐ ten ‚Nomenclator latinosaxonicus‘ des Nathan Chytraeus, eines lateinisch-niederdeutschen Wör‐ terbuchs, eine Durchsetzung des Typs âne im Spätmittelniederdeutschen in Mecklenburg. Er be‐ tont jedoch, dass für die „klassische“ mittelniederdeutsche Periode noch ein Nebeneinander der beiden Typen âne und sunder festzustellen ist. Peters, Variation und Tradition, S. 163 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 21]. 1044 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 17. Die von Hampel beschriebene Ent‐ wicklung im Formengebrauch sieht folgendermaßen aus: In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts benutzt die Rostocker Kanzlei die als nordniedersächsisch geltende Form twischen, während in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts eine Konkurrenz von twischen / twyschen und westfäl. tuͦschen sichtbar wird. Am Ende des 15. Jahrhunderts setzt sich in der Rostocker Kanzleisprache tuschen durch. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274. 1045 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 135. 1046 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 23. 1047 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 25, 161. 1048 Laut Peters verdrängt „[d]er Typ als(e) […] also in spätmnd. Zeit die mnd. Varianten wan / wen, dan / den immer mehr“. Im 16. Jahrhundert scheint in Mecklenburg der Typ den(n) noch durchaus im Gebrauch zu sein. Vgl. Peters, Variation und Tradition, S. 169f. [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 30]. 10 Kontrastiver Vergleich 315 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ‚ob, falls, wenn‘ offt1049/ (jfft)/alse offte1050 offte 1 / alse effte 11051 wen/wenn/ effte/(alse wenn, alse effte, yfft) keine Angaben efft1052 ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Rostocker Vergleichskorpus Auf den ersten Blick wird eine hohe Übereinstimmung der Kennformen zwi‐ schen allen drei herangezogenen Rostocker Drucken und den Forschungsergebnissen für den Sprachstand in Mecklenburg erkennbar. Bei genauerer Betrachtung werden jedoch einige bemerkenswerte Unterschiede und Entwicklungstendenzen sichtbar, die nun im Einzelnen thematisiert werden sollen. So darf zunächst auf die von Nerger in seiner Grammatik angesprochenen diachronischen Entwicklungen eingegangen werden, die anhand des Vergleichskorpus und des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ verifiziert werden können. Zum einen bestätigt sich Nergers Beobachtung hinsicht‐ lich der Ersetzung der früheren Mehrheitsvariante sēven für das Zahlwort ‚sieben‘ durch die labialisierte Variante sȫven. Letztere ist bereits bei Barckhusen anzutreffen, wird dann ausnahmslos in beiden Dietzschen Drucken verwendet und erscheint schließlich in den Schriften der Rostocker Predigers Nicolaus Gryse. Beachtung ver‐ dient ein sowohl für diese Variable als auch insgesamt verstärkter Gebrauch von Dia‐ kritika im ‚Reynke Vosz de olde‘ zwecks Umlautmarkierung oder Längenbezeich‐ nung gegenüber seiner Vorlage. Zum anderen darf der Verdrängungsprozess des an‐ fänglichen Suffixes -schap durch -schop(pe) ebenso als abgeschlossen gelten. In al‐ len behandelten Texten wird das Abstraktasuffix konsequent in der Form -schop ver‐ wendet. Dagegen ist für die Entwicklung o → a bei der schriftlichen Realisierung von tl. ō festzustellen, dass sie erst später endgültig abgeschlossen wurde. Für die übersetzte ‚Bambergiensis‘ von 1510 kann nämlich noch ein Nebeneinander von ound a-Schreibungen festgestellt werden, wobei die o-Realisierung eindeutig über‐ wiegt. Bereits im Texts des Kalenders von 1523 jedoch wird deutlich, dass sich die Verhältnisse verändert haben und dass die graphische Realisierung des tl. ō als nicht mehr dominiert, sondern im Gegenteil zur Seltenheitsvariante geworden ist. Auch der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ bleibt bei diesem Stand, während bei Gryse durchgehend die a-Schreibung für tl. ō verwendet wird. Dagegen scheint der bei Nerger beschriebene Prozess der Senkung von e > a vor r + Konsonant sich noch nicht wirklich in der Schrift niedergeschlagen zu haben. Der Text der ‚Bambergi‐ schen Halsgerichtsordnung‘ weist eine ausnahmslose Verwendung der er-Schreibung Tabelle 2: 1049 In der Bedeutung ‚falls‘. 1050 In der Bedeutung ‚als ob‘. 1051 Geringe Beleglage. 1052 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 161. Als mecklenburgische Varianten der „klassischen“ Periode bezeichnet Peters oft, eft und ift. Zum Spät‐ mittelniederdeutschen hin scheint sich der Typ eft im Mecklenburgischen durchgesetzt zu haben. Vgl. Peters, Variation und Tradition, S. 170 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 30]. Teil II B Textkontrastive Analyse 316 auf, während in beiden Dietzschen Drucken die ar-Schreibung zwar auftaucht, sich jedoch in einer eindeutigen Minderheit befindet. Für die Schriften Nicolaus Gryses stellt Scharnhorst eine durchgehende er-Realisierung fest, hebt aber gleichzeitig her‐ vor, dass es sich dabei um eine rein schriftliche Erscheinung handelt und dass eine ar- Aussprache anzunehmen ist. Jürgen Scharnhorst spricht in diesem Zusammenhang von einer „historischen, von der Sprachentwicklung überholten Schreibweise“.1053 Beeindruckend einheitlich ist die Tendenz zur Kennzeichnung bzw. in gewissen Fällen zur Nichtkennzeichnung der Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en und -ich. Er‐ wähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Variation zwischen den markierten und nicht markierten Varianten eddel / (edel), beneden / (benedden) und wedder / (we‐ der) im ‚Der schapherders Kalender‘-Druck, die möglicherweise durch den Einfluss der Lübecker Vorlage zu erklären ist. Eine ähnliche Schwankung ist nämlich für das Lübecker Vergleichskorpus im gesamten Zeitraum, aber v. a. für den Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druck aus der Mohnkopf-Offizin festzustellen. In der Kennzeich‐ nung der langen ê- und ô-Vokale werden ebenfalls Vereinheitlichungstendenzen sichtbar, sodass sich für alle Rostocker Vergleichstexte ein sehr einheitliches Bild er‐ gibt, das den in der Forschung beschriebenen mecklenburgischen Sprachverhältnis‐ sen entspricht. Zum mittelniederdeutschen Diphthong ou ist festzuhalten, dass sich die bei Nerger vermerkte Variation zwischen der dominierenden ou-Realisierung und der au-Variante mit marginaler Bedeutung in dieser Form nur in der ‚Der schapher‐ ders Kalender‘-Ausgabe wiederfindet, während die anderen Texte eine eindeutige Tendenz zur ouw-Realisierung demonstrieren und als (marginale) Nebenvari‐ ante aufweisen. Zudem ist in diesem Zusammenhang einschränkend anzumerken, dass Nerger die au-Realisierung für die Rostocker Narrenschiff-Neuausgabe aus dem Jahre 1519 feststellt, die, und hier schließe ich mich Scharnhorst an, „nur bedingt als Widerspiegelung meckl[enburgischer] Lautverhältnisse angesehen werden kann“.1054 Die Entwicklung ou(w) > au(w) kann also für den Rostocker Vergleichskorpus nicht bestätigt werden