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5 Lautlehre und Orthographie in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 91 - 188

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-91

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Textinterne Analyse: Die Sprachform des ‚Reynke Vosz de olde‘ Lautlehre und Orthographie Kurzvokalismus Umlaut von vormnd. a Unter dem Einfluss des Umlautfaktors i, î oder j wird der vormittelniederdeutsche Kurzvokal a in der Regel zu e umgelautet.311 Zum größten Teil hat sich dieser i-Um‐ laut bereits in der altsächsischen Periode durchgesetzt. Demnach beobachtet man den Primärumlaut (in der spätaltsächsischen Zeit auch den Rest- bzw. Sekundärumlaut312 der umlautfähigen Langvokale) bei der Pluralbildung der Substantive und bei der Steigerung der Adjektive. Die Umlautung des a wird u. a. durch die Verbindung h + Konsonant, ferner durch r + Konsonant, v. a. rw und rd, verhindert. Als weiterer Hin‐ derungsgrund für den Umlaut der Wurzelsilbe gilt ebenso das Auftreten des Umlaut‐ faktors i, î, j in der dritten Silbe.313 Am Westrand des mittelniederdeutschen Sprachareals schwankt die Umlautschrei‐ bung zwischen e und a. Bei einer weiteren Palatalisierung durch i, î oder j kommt im West- und Ostfälischen auch die i-Schreibung vor.314 Vor den Suffixen -ich / -ig-, -lik und -nisse können umgelautete wie nicht umgelautete Formen vorkommen. Vor der Teil II A 5 5.1 5.1.1 311 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 19, S. 17f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 33f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 26, S. 29; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 55; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 263-274; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 48f.; Scharnhorst, Unter‐ suchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 102, 106-109; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 68f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 41]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 155-158; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 116-120; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 373f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 97ff.; ASnA, Bd. I, Karte 1 ‚gangbar: vormnd. a vor Umlautfaktor‘ und Karte 2 ‚einträchtig: vormnd. a vor Umlautfaktor‘. 312 Sanders, Altsächsische Sprache, S. 36f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 373f., hier S. 374. 313 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 263-274, hier insbes. S. 263; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 373f., hier S. 373. 314 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 43, 52-60; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 263-274; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 63 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studi‐ en, S. 41]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 155-158, hier S. 155. 91 substantivischen Wortbildungssilbe -nisse tritt der Umlaut aufgrund der Starktonig‐ keit des Suffixes mit einer Ausnahme (vestinge) nicht ein.315 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird zur Kennzeichnung des umgelauteten vormnd. a vorwiegend die e-Graphie genutzt. Eine ziemlich starke Variation zwischen umgelau‐ teten und unumgelauteten Formen herrscht beim Indefinitpronomen ‚mancher‘ und seinen Ableitungen, wobei die umgelauteten Formen eindeutig dominieren.316 Pluralformen der Substantive:317 – Belege mit e-Schreibung: schelcken (1), Stenden (2), Stende (3), vm̃estenden (1), men‐ ner (3), schepper (1), anfenge (1), Vosswentze (1), henden (4). Steigerungsstufen der Adjektive: – Belege mit e-Schreibung: lenger (9), echtersten (1), dem sterckesten (2), lengher (1); – Belege mit a-Schreibung: am starckesten (1). Ableitungen von Substantiven und Adjektiven: – Belege mit e-Schreibung: sterckunge (1), stercke ‚Stärke‘ (3), lenge (2), Voszswentzer (1), schendent (1), schendet (2), schende (2), swetzer (1), hendele (1), gegestercket318 (1), behenden (2), vosschwentzet (1), gedrencke (1), geschendet (3), schenden (1), ge‐ krencket (1), gestercket (1), schendede (1), sterckede (1), vorlengē (1), geswetzen (1), mitswetzer (1), Vosswētzer (1), geswecket (1), behende (6), stercken (2), Vosswentzer (1), Vosswentzeren (1), schenders (2), krenckē (1), vorwermen (1); – Belege mit a-Schreibung: handelen (12), handele (6), swatzet (1), swatzen (1); – Belege mit variierender Schreibung bei Nom. prop.: Swartzenberg (3), Swertzenberch (1), Swertzenberg (1). Weitere Belege mit Primär- und Sekundärumlaut: – Belege mit e-Schreibung: gescheffte (4), thodrecht (2), helffte (1), Greuinck (12), Hen‐ ne (3), drecht (8), dreght (2), Hennen (6), eindrechtich (2), geprenges (1), geprenge (1), erger (2), Greuynck (1); – Belege mit a-Schreibung: Walscher (1). Belege mit Umlaut vor den Suffixen -ich / -ig-: – Belege mit e-Schreibung: behendicheyt (3), almechtigen (2), vnuorstendygen (4), vthwendigen (1), bestendich (1), affelige (1), Weldighen (1), Vnuorstendighe (1), ge‐ weldigen (1), eindrechtich (2), vorstendich (3), schendigen (2), wedderwertichheyt (1), andechtygen (1), vorstendyge (3), vmmestendicheyt (1), vnuorstendige (1), vnuorsten‐ digen (1), vnbestendich (1), vnbestendige (2), vnbestendigen (1), vthwendich (2), jn‐ 315 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 59; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 63 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 41]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 155-158, hier S. 155; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 373f., hier S. 374. 316 S. dazu Kap. 8.5.6.9 ‚mancher‘. 317 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 318 Bl. 26r. Hierbei handelt es sich offensichtlich um fehlerhafte Drucksetzung aufgrund von Worttren‐ nung am Zeilenende. Teil II A Textinterne Analyse 92 wendich (2), schentlyken (1), vorstendiger (1), mechtich (4), ewygbestendigen (1), wedderwerdicheit (5), eindrechtigen (1), behendicheit (2), Grothmechtige (1), bedech‐ tich (2), bestendicheit (1), jegenwerdich (1), mechtigen (5), bystendich (2), yegenwer‐ dige (1), jegenwerdicheit (1), vorfencklick (1), geweldigē (1), mechtigern (1), vnbes‐ tendyge (1), schentlyke (1), yegenwerdich (2), gemechtiget (1), vorweldygede (1), vor‐ weldyget (1), prechtich (1); – Belege mit a-Schreibung: Hastigen (4), vratzygen (1), hastygen (2), vratzige (1), vpsat‐ zigen319 (1), betrachtich (1), sakewaldygen (1), manlykesten (1), angstlick320 (2), vner‐ sadlyke321 (1), gewaltich322 (1), yegenwardich (1). Beleg mit Umlaut vor dem Suffix -inge: – Beleg mit e-Schreibung: vorweldynge (1). Belege mit Umlaut vor dem Suffix -nisse: – Belege mit e-Schreibung: gefencknisse (1), gefencknissen (1). Belege mit Umlaut vor dem Suffix -lik: – Belege mit e-Schreibung: anfencklich (1), bedreglyken (2), vorgēcklike (1), bedechtlick (1), bedreglick (1), bedregelyke (1), vorgencklyke (1); – Belege mit a-Schreibung: valschlick (3), vpsatzlich323 (1), samptlick324 (1). Belege mit Umlaut von tonlangem ā: – Belege mit e-Schreibung: schedelyke (2), vorferdyget (1), rechtferdich (3), Veder (1), erwelet (2), Rosenn bleder325 (1), Steden (1), rechtferdigen (6), Rechtferdicheit (10), Treppendreger (4), Treppēdreger (1), vnrechtferdigen (2), rechtferdiger (2), vnrechtfer‐ dicheit (2), Anschlege (1), bescheydiget (1), beschedigen (2), vnrechtferdige (2), kle‐ gers (1), klegeren (1), erwelen (2), schedelick (2), syck … schemet (1), schedelykers (1), vnbeschediget (1), vtherwelden (1), vtherwelet (1), vtherwelt (1), vns … schemen (2), anslege (3), radtslege (3), schemede syck (1), beschediget (1), most dy … schemen (1), Radtslegen (1), Rechtferdicheyt (4), kleger (5), ankleger (2), Rechtferdycheyt (1), beschedigen (2), vnrechtferdygen (2), vnschedelyker (1), erwelingen (1), raͤdtslege (1), Scheme dy (1), vnrechtferdiger (1); – Belege mit a-Schreibung: dagelykes (3), dagelykeschem (1), sadyge (1). 319 Dieses Lexem stellt wohl eine hochdeutsch-niederdeutsche Mischform dar, die wohl als eine fal‐ sche Verniederdeutschung der hochdeutschen Vorlage der Kapitelglosse zu interpretieren ist. 320 Ein möglicher Einfluss der Konsonantenhäufung zwischen dem a und dem Umlautfaktor ist nicht auszuschließen. 321 Ein möglicher Einfluss der Konsonantenhäufung zwischen dem a und dem Umlautfaktor ist nicht auszuschließen. 322 Dieses Lexem lässt sich als hochdeutsch einstufen und ist wohl auf den Einfluss der Vorlage für das Glossenzitat zurückzuführen. 323 Dieses Lexem stellt wohl eine hochdeutsch-niederdeutsche Mischform dar, die wohl auf eine fal‐ sche Verniederdeutschung der hochdeutschen Vorlage für die Kapitelglosse zurückzuführen ist. 324 Ein möglicher Einfluss der Konsonantenhäufung zwischen dem a und dem Umlautfaktor ist nicht auszuschließen. 325 Hierbei handelt es sich allerdings um einen zerdehnten Umlaut des kurzen a: blat > bleder. 5 Lautlehre und Orthographie 93 Belege mit Umlaut von tonlangem ā vor dem Suffix -nisse: – Belege mit e-Schreibung: begreffnisse (1). a > o vor ld, lt Die Verdumpfung von a > o vor den Konsonantenverbindungen ld, lt wird als eine frühe Erscheinung beschrieben, die zunächst für die altsächsischen Nebensilben und dann auch für die haupttonigen Silben charakteristisch gewesen ist. Die neuere o- Schreibung setzte sich zuerst im Nordniedersächsischen durch, für andere Regionen ist zunächst schwankender Gebrauch in der Graphie festzustellen. Mit Ausnahme des Südwestfälischen, des Elbostfälischen und des Geldrisch-Kleverländischen im nieder‐ ländischen Sprachareal haben die Dialekte auf dem größten Teil des Sprachgebiets diese Entwicklung mitgemacht. Die drei oben genannten Dialekte haben vielfach die ältere a-Schreibung beibehalten. Die intervokalische Konsonantenverbindung ld konnte sich in vielen Positionen durch Assimilation zu ll entwickeln.326 Diese progressive Angleichung führte anschließend zur Dehnung des Kurzmonophthongs o > ō, wodurch seinerseits häufig ein einfaches l entstanden ist. Das niederländische Sprachareal verhielt sich dieser Entwicklung gegenüber ablehnend, das l wurde hier vokalisiert.327 Bei den graphischen Realisierungen der aus dem Lateinischen entlehnten Wörter ‚Altar‘ und ‚Psalter‘ bleibt das nicht velarisierte a im Mittelniederdeutschen weitest‐ gehend erhalten. Die jüngere o-Schreibung alterniert mit der älteren a-Schreibung im Wort ‚Gewalt‘, wobei die Velarisierung zu o häufig unterbleibt. Nerger betont aller‐ dings, dass im Mecklenburgischen a > o vor lt selbst da verdumpft wird bzw. ist, wo lt erst durch angetretene Flexion entstanden ist oder aber auch in Fremdwörtern.328 Diese Vermutung lässt sich jedoch nicht verifizieren, weil im ‚Reynke Vosz de olde‘ weder ‚Altar‘ noch ‚Psalter‘ belegt ist. 5.1.2 326 Zur Assimilation ld > ll vgl. Kap. 5.4.11 Assimilation. 327 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, S. 12f., § 155, S. 115f.; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 34f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 14, S. 13f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 93-96; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 108-112; Jülicher, Zur Charakteristik des Elb‐ ostfälischen, S. 4-6; Katara, Die ursprünglich reduplizierenden Verba im Niederdeutschen, S. 36-40, 300-302; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 57; Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 37f.; Ahlsson, Studi‐ en zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 64; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mund‐ arten, Sp. 1766f.; Goossens, Historische Phonologie des Niederländischen, S. 44f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 63f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 41f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 160-163; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 121f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 86-88; ASnA, Bd. I, Karte 4 ‚alt: a vor ld, lt‘ und Karte 5 ‚halten (Inf., 1./3. Pl., Part. Prät.): a vor ld, lt‘. 328 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, S. 12. Teil II A Textinterne Analyse 94 Belege mit o-Schreibung: – ‚alt‘: olde (4), olden (37), oldē (3), oldt (2), older (1), oldem (1), oldern (9), Oldtfrou‐ wen (1); – ‚-falt-‘: mennichuoldigen (1), eynfoldich (1), eintfoldicheit (1), eintfoldich (1), men‐ nichfoldige (1), sorghfoldicheit (1), eintfoldigen (1), sorchfoldich (1), mennichfoldi‐ cheyt (1); – ‚-halten, -halt‘: holden (27), erholden (6), entholden (3), beholden (7), jnholdt (4), vn‐ holdt (1), erholdende (1), holdt (4), geholden (5), beholdē (2), achterholt (1), thohol‐ den (1), holt (1), holdē (1), Entholdt (1), beholdt (1), vpholden (1), geholdē (2), beholt (1); – ‚kalt‘: kolden (2), kolt (4), erkolt (1). Belege mit a-Schreibung: – ‚Gewalt, -walt‘: gewalt (16), gewaldt (2), vorwalden (1), gewalth (2), gewaldes (1), Gewaltsam (1), gewaltlich (1); – ‚-halt‘: behalt (1). Das Auftreten der a-Schreibung im Wort behalt 23v bei einer sonst durchgehend ve‐ larisierten Realisierung ist wohl als hochdeutsche Interferenz zu bewerten. Die be‐ nannte Wortform mit a-Schreibung kommt nur einmal im Text des Glossenkommen‐ tars und dort in einem Zitat von Sebastian Brant vor. Darüber hinaus ist eine graphische Besonderheit hervorzuheben und zwar eine eher ungewöhnliche o-Graphie mit e-superscriptum, das eher den Umlaut nach der Verdumpfung329 bezeichnen als zur Markierung der Vokallänge dienen soll: vorhoͤldt 2r, hoͤldt 36r. Nachstehende Buchstaben zur Längenbezeichnung kommen vor den Konsonantenverbindungen ld, lt nicht vor.330 Für ‚Eltern‘ begegnet konstant die o-Schreibung. Die präsentischen indikativischen Singularformen des präteritopräsentischen Verbs ‚sollen‘331 verharren auf der alten a-Graphie und widerlegen Nergers These zur positionellen Verdumpfung von a > o durch eingetretene Flexion wie beispielsweise in schalt.332 Es ist zusammenfassend festzuhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ hauptsäch‐ lich die o-Graphie auftritt. Die Ausnahme bildet die lexemgebundene a-Schreibung in ‚Gewalt‘ und entsprechenden Ableitungen. Wechsel von vormnd. u und o Die alternierenden Allophone u und o sind in germanischer Zeit komplementär ver‐ teilt. Nach dem sogenannten Gesetz der „Brechung“ (nach Jacob Grimm) erscheint 5.1.3 329 Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 162. 330 Vgl. Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 161. 331 Zum Verbparadigma vgl. Kap. 6.1.13 Das Präteritopräsens ‚sollen‘. 332 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, S. 12f., hier S. 12. 5 Lautlehre und Orthographie 95 das germ. u vor i, j, u der Folgesilbe und vor Nasalverbindungen, das o kommt hin‐ gegen vor a, ē, ō der Folgesilbe außer vor gedecktem Nasal vor. Diese komplementä‐ re Distribution wird im Laufe der Zeit aufgehoben. Als Hauptgründe dafür gelten die Phonemisierung der oben genannten Vokale und die Endsilbenabschwächung der volllautenden Vokale zum Schwa. Sowohl innerhalb des Niederdeutschen, als auch zwischen dem Niederdeutschen und Hochdeutschen ergeben sich daraus häufig mar‐ kante Unterschiede. So können Formen mit u und o ohne eindeutige Regeln alternie‐ ren.333 Bei der Verteilung im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt sich eine relativ konstante Schreibung mit bei ‚Wolf‘ und ‚voll‘. Die einzige Ausnahme bilden die zwei den gereimten Zitaten der Kapitelglossen entnommenen Schreibungen voll auf Bl. 4r und Bl. 127v. Diese müssen wohl durch den Text der hochdeutschen Vorlage(n) beein‐ flusst worden sein.334 – Belege mit u- ggf. uͤ-Schreibung für ‚Wolf‘ und Ableitungen: Wuluen (1), Wulue (6), Wulff (29), Wulffynne (1), Wuͤlue (Pl.) (3), Wulues (6), Wuͤlffynnen (4), Wuͤlffynne (1);335 – Belege mit u-Graphie für ‚voll‘, Ableitungen und Komposita mit Kompositionsglied vul: vullerye (5), vullenfoͤren (2), vullem (2), vulle (2), vullenbryngen (1), vullenbringen (3), vull (14), vnfullenkamen (1), vullenbracht (1), vullenbringet (1), vuller (1); – Belege mit o-Graphie für ‚voll‘: voll (2). Im Gegensatz zur oben beschriebenen Einheitlichkeit der u-Schreibung erstaunt eine relativ starke Variation in der graphischen Darstellung beim Pronomen ‚solch-‘ (alt‐ sächs. sulīk).336 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ finden sich Formen mit , und nebeneinander, wobei die uͤ-Graphie mit einem Einzelbeleg repräsentiert ist.337 – Belege mit uͤ-Graphie: suͤlcke (1); – Belege mit o-Graphie: solcker (4), solcke (27), solckes (26), solcken (6), solckem (3); 333 Grimm, Über umlaut und brechung, insbes. S. 268f., 272f.; Tümpel, Die Mundarten des alten nie‐ dersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 44f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Gramma‐ tik, § 13; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 183-184; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. I, S. 104-106; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gry‐ ses, S. 34-36; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 64 [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 42]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 169f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 124-126; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 375f.; Weddige, Mittelhochdeutsch, S. 36f.; ASnA, Bd. I, Karte 8 ‚voll: Wechsel von vormnd. u und o‘. 334 Zu Quellen der jüngeren Glosse vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. XX- XLV, hier insbes. S. XXIX-XXXIV; Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 26-43, hier insbes. S. 16f. 335 Bei Pluralformen und Formen mit Movierungssuffixen ist von einem Umlaut auszugehen. 336 Lasch zufolge „ist möglicherweise an eine ältere dialektische verschiedenheit zu denken, indem et‐ wa auf einem teil des gebietes u vor jeder l-verbindung, nicht nur in dem oben gekennzeichneten umfang, stand. Vgl. die doppelformen: olmich ulmich, stölper stülper u. a. m.“ Vgl. Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, § 183, S. 106. Das Demonstrativpronomen ‚solch-‘ wird von Lasch ne‐ ben den Doppelformen des Verbs ‚sollen‘ behandelt. Zu den Formen des Präteritopräsens ‚sollen‘ im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 6.1.13 Das Präteritopräsens ‚sollen‘. 337 Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 183 Anm. Vgl. auch Kap. 8.5.4.5 ‚solcher, -e, -es‘. Teil II A Textinterne Analyse 96 – Belege mit oͤ-Graphie: soͤlkem (1), soͤlcke (5), soͤlcken (5), soͤlkē (1), Soͤlke (4), soͤlcker (3), soͤlckem (1), soͤlckes (6). Konstante u- bzw. v-Schreibung338 zeigt sich u. a. beim Morphem ‚auf-‘339: – Belege mit u-Graphie in Präposition ‚auf‘: vp (193); vpp (9); Vppet340 (2), vpt341 (6), vppe (2); – Belege mit u-Graphie im Präfix ‚auf-‘: vpgehauen (1), vpgeworpen (1), vpgekamen (1), vpsatzlich (1), vp genomen (1), vpstuͤnde (1), vpror (1), vproͤrisch (2), vpwerpen (1), vpricht (1), atth … vp (1), vp gelesen (1), vpschrifft (1), vplegginge (1), Mercket vp (2), Stath vp (1), vpstan (1), Vpgekloͤuet (1), vphoͤrent (1), vpwerpet (1), vphelpet (1), vpsatzi‐ gen (1), vpholdest (1), stundt … vp (1), vpmercken (1), vphoͤldt (1), hoͤldt … vp (1), vpgele‐ sen (1), vpgeloͤset (1), vpghat (1), vprorer (1), vpgedan (1), ath … vp (1), vpholden (1), vpflyen (1), vpseent (1), vp stoet (1), vpgetogen (1), ginck vpwert (1), gheyt … vp (1), sprunge … vp (1), vpgewassen (1), vpgedanem (1); – Beleg mit u-Schreibung im Pronominaladverb: dar vp (3), darup (9), hyrup (1). Abschließend lässt sich feststellen, dass sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ eine äußerst geringe Variabilität in der schriftlichen Realisierung des Wechsels von vormnd. u und o findet. Es kommt fast ausschließlich die u-Schreibung vor. Das Morphem ‚auf-‘ tritt ausnahmslos mit auf. Die Variation zwischen uͤ-, o- und oͤ-Schreibungen im Lexem ‚solch-‘ mit der stark dominierenden o-Graphie mit diakritischen Zeichen oder ohne Diakritika weist wohl auf die ö-Aussprache hin. Senkung von u > o vor gedecktem Nasal Die Senkung von u zu o vor gedecktem Nasal unabhängig von der Silbengrenze er‐ scheint vorwiegend im niederdeutsch-niederländischen Übergangsgebiet sowie auch am Westrand des Mittelniederdeutschen. Insgesamt ist die durchgeführte Senkung u > o vor gedecktem Nasal als ein typisch niederländisches Merkmal zu bewerten.342 5.1.4 338 Zur vokalischen Verwendung von und je nach Position s. Kap. 5.5.2 Vokalische Verwen‐ dung von , , . 339 Laut Lasch kommen im Mittelniederdeutschen Formen wie up, uppe parallel zu op, oppe (altsächs. up, uppa) auch in sehr alten Texten vor. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 184, S. 107: „Die schriftsprachliche form ist up(pe). Die formen op oppe sind in älteren texten aller ge‐ genden zu finden, kommen aber auch noch im 15. jh. vor. Am stärksten begegnet op nahe der nie‐ derfränkischen grenze, wo in umkehrung des sonstigen verhältnisse op als die regelmässige, up als die nebenform erscheint.“ Vgl. auch Kap. 8.7.2 ‚auf‘. 340 Dieses Lexem stellt eine Inklination dar: Präposition vppe + Pronomen dat. Zu Inklinationen und Assimilationen im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 5.4.11 Assimilation und Kap. 9.4 Reflexe ge‐ sprochener Sprache. 341 Dieses Lexem stellt eine Inklination dar: Präposition vp + Pronomen dat. Zu Inklinationen und As‐ similationen im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 5.4.11 Assimilation und Kap. 9.4 Reflexe gespro‐ chener Sprache. 342 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 44; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 13; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 182; 5 Lautlehre und Orthographie 97 Es ließ sich feststellen, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ die Senkung u > o in der Regel unterbleibt. Abgesehen von zwei auffälligen Ausnahmefällen (sonder und Son‐ derliken) erscheint durchgehend die u- bzw. v-Schreibung.343 Einmal kommt die Schreibung in muͤndt 15v vor. – Belege mit bzw. im Präfix un- (insgesamt 301 Beleg)344: vntruwe (Subst., Adj.) (38), vntruwen (13), vnourstendygen (5), Vnangesehen (1), vorungelimpet (1), vnournuffti‐ gen (1), vnplicht (1), vngetemmet (1), vnwetenheit (1), vngetemden (1), vnwillyge (1), vn‐ schult (1), vngeluͤcke (9), vnschuͤldich (2), Vntucht (2), vnkuͤscheit (2), vnrecht (16), vn‐ schicht (1), vorungelimpen (1), vnuormodet (1), vnuoruert (1), vnuornufftich (2), vnwert (1), vnuorschuldes (1), vntruwenn (1), Vnuorworen (1), vnbestendige (2), vnuro (2), vnuor‐ halen (1), vnuormydentlick (1), vnuorsichticheit (1), vntruwer (1), vnuortzaget (2), vnuor‐ schamet (1), vnwerdich (2), Vnschuͤldygen (3), vnuormercket (1), vorungelympen (2), vn‐ bestendyge (1), vngestalte (2), vnuorachtet (1), vnuorstandes (1), vorungelympet (1), vnbe‐ dragen (2), vnschycht (2), vnrechtferdiger (1), vnbarmhertich (1), vnwerdt (2), vnuorworē (1), vnangeneme (1). – Belege mit bzw. in Präposition ‚unter‘, im Präfix under- und in Komposita mit dem Kompositionsglied under345: vnderrichtungen (3), vnderwysungen (2), vnderricht (1), vnderwyset (2), vnderdanen (13), vnder (20), vnderscheit (1), vnderdane (2), vnderwegē (1), henūder (1), vndergeyt (1), vnder ghan (1), vnderstunt (1), understuͤnden (1), vnder‐ lath (3), darunder (2), vnder richtet (1), vnder wegen (1), Vnderrichtunge (2), vnderrich‐ ten (1), vnderschedt (1), vndersettedes (1), understuͤnde (1), vnderdanē (1), vndergedruͤcket (1), vnderstrouwen (1), vndereinander (1), vnderwegen (1), vnder sloͤge (1), vnderslagen (1), vnderrichtet (1), vnderrichtinge (1), vnderstan (1), vndersta (1). – Belege mit in Pronomina ‚uns‘ und ‚unser‘346: vnsen (2), vnse (13), vnser (3), vns (63), vnsem (1), vnser ein (1). Weitere Belege mit konstanter u-Schreibung: – ‚Bund, Bündnis‘: vorbundt (1), vorbunth (5), vorbuntnissen (2), vorbundes (1), vor‐ buut347 (1), vorbunde (3), Vorbunt (1), vorbundtnissen (1); – ‚gesund‘: gesunde (2), gesunt (2); – ‚Grund‘: grundtlick (1), grundt (6), Anegrundt (2), grundelosz (1), grunde (2); – ‚-gunst‘: gunst (11), affgunst (2), vngunst (3), gunste (1); Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 105; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 34-36; Goossens, Historische Phonologie des Niederländischen, S. 41; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 64 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 42]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 167f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 123f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 376f.; ASnA, Bd. I, Karte 7 ‚kund/kundig: Senkung von u > o vor gedecktem Vokal‘. 343 Zur vokalischen Verwendung von und je nach Position s. Kap. 5.5.2 Vokalische Verwen‐ dung von , , . 344 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 345 Vgl. auch Kap. 8.7.12 ‚unter‘. 346 Vgl. auch Kap. 8.5.1.4 ‚uns-‘. 347 Lies: vorbunt. Teil II A Textinterne Analyse 98 – ‚Hund‘: hunde (10), hundt (4), hunden (1), yachthundt (1); – ‚hundert‘: hundert (1); – ‚Hunger‘: hungers (4), Hunger (9), hungerigen (2), hungerich (4); – ‚jetzt‘: jtzundes (13), jtzundt (2), jtzund (1), ytzundes (19), ytzundt (4); – ‚jung‘: Junge (7), junck (3), junger (4), jungen (5), Junckfrouwen (2); – ‚kund‘: kundt (3), kundtbar (2), kuntbar (1), kuntschop (2), vorkuntschoppet (1), kunth (1); – ‚Stunde‘: stundt (7), stunden (4), stunde (5); – ‚und‘348: vnd (1630), vñ (193), vnnd (157), vnnde (2), vnde (17); – ‚Wunde‘: wunden (2), vorwundt (1); – ‚Wunder, wunder-‘: wunderlick (2), wunder (4), vorwundert (1), vorwunderende (1), vorwunderden syck (1), wunderde (my) (2). – Belege mit variierender Schreibung versus in ‚ohne, außer, sondern‘: Sonder (1) und Sonderliken (1) neben sunder (56), besunder (4), affthosundern (1), sunderlyker (1), besunderge (1), besundergen (1), besunderliken (1), besunderlike (1), Besunderlick (2), sunderlikem (1), sundergen (1), besunders (1) neben Belegen mit Umlautmarkierung suͤnder (2), suͤnderlikem (1), besuͤnderliken (1), suͤnderlyken (1).349 – Belege mit variierender Schreibung versus: : – ‚Mund‘: muͤndt (1) neben mundt (10), munde (5). Es zeigt sich, dass die u-Schreibungen überwiegen.350 Für das äußerst seltene Vor‐ kommen der gesenkten Formen u > o in Sonder 14v und Sonderliken 131r lassen sich keine Voraussetzungen in der Textvorlage finden. Senkung von i, u, ü vor r + Konsonant Bereits im Frühmittelniederdeutschen erscheinen die kurzen Vokale der oberen Vo‐ kalreihe i, u, ü vor den Konsonantenverbindungen mit r in einer abgesenkten Form e, o, ö. In westfälischen Mundarten entwickelte sich die obere Vokalreihe stattdessen zu Diphthongen iä, uo, üö. Die Schreibung variiert jedoch in der Anfangsphase zwi‐ schen und : und .351 Das kurze i > e wird im Nordniederdeut‐ 5.1.5 348 Vgl. auch Kap. 8.8.1 Die kopulative Konjunktion ‚und‘. 349 Vgl. auch Kap. 5.1.9 Schreibung von ü. 350 Hierzu kommen die Formen für das Präteritum von ‚können‘ aus Kap. 6.1.15 Das Präteritopräsens ‚können‘. 351 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 14, S. 13f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 38, 43; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 61; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 113-125; Dahlberg, Zur Ur‐ kundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 39f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1774f.; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 87f.; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 64f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 42]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 170f.; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, Sp. 1224; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 126-128; Roolfs, Der 5 Lautlehre und Orthographie 99 schen und zum Teil auch im Ostfälischen um eine weitere Stufe e > a abgesenkt. In der Schrift wird vorwiegend realisiert.352 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheinen ziemlich regelmäßig die Schreibungen , , anstelle von den ursprünglichen , , , wobei die Um‐ laute nicht immer explizit gekennzeichnet werden. Eine Ausnahme bilden die unter‐ schiedlich belegten Formen: boͤrger : Buͤrger, Burger, Buͦrger. Die nicht abgesenkten Varianten , und erscheinen vorwiegend in den Kapitelglossen sowie in den Randkommentaren und könnten womöglich auf den Einfluss der hochdeutschen Vorlagentexte zurückzuführen. Ebenfalls nicht abgesenkt wird das ü in ‚Fürst‘ und seinen Derivaten. Keine der vorgefundenen Schreibungen deutet eine durchgeführte Diphthongierung an. Es gibt auch keine sicheren Hinweise auf eine durchgängig stattgefundene weiterführende Senkung e > a vor r + Konsonant.353 Belege mit ir > er: – ‚Hirte‘: Herden (2); – ‚Kirche, Kirch-‘: Kercken (2), Kerckhere (1); – ‚Kirsche‘: Kerseberen (1). Belege mit ur, ür > or, ör: – ‚Burg, Bürger‘: boͤrger (1), Boͤrgen (2); – ‚durch‘: dorch354 (42); – ‚Durst, durst-‘: doͤrstet (1), doͤrste (1), gedoͤrstet (1), doͤrsten (2); – ‚Geburt‘: gebort (8), gheborten (1); – ‚Gestrüpp, Buschwerk‘: Horst (2); – ‚kurz, kurz-‘: kortwylich (1), kort (3), korten (3), korter (2), kortes (2), korte (1); – ‚Würfel‘: Woͤrpel (1); – ‚Wurst‘: worst (4). Belege mit ur, ür: – ‚Bürger‘: Buͤrger (4), Burger (2), Buͦrger (1); – ‚durch‘: durch355 (44), duͤrch (2); – ‚Fürst, fürst-‘: Fuͤrstlyken (1), Fuͤrste (4), Fuͤrstlyker (2), Fuͤrstlich (1), Fuͤrsten (26), Fuͤrstliken (2), Fuͤrstlike (1), Fursten (8), Furste (4), Furstē (1). ‚Spieghel der leyen‘, S. 377f.; ASnA, Bd. I, Karte 9 ‚Kirche: Senkung von i vor r + Konsonant‘ und Karte 10 ‚Bürger (Sg. + Pl.): Senkung von ü vor r + Konsonant‘. 352 Vgl. Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 64 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 42]. Siehe auch Kap. 5.1.6 Senkung von e > a vor r + Konsonant. 353 Siehe dazu Kap. 5.1.6 Senkung von e > a vor r + Konsonant. 354 Als Simplex und in Komposita. Zur Präposition ‚durch‘ vgl. auch Kap. 8.7.5 ‚durch‘. 355 Als Simplex und in Komposita. Zur Präposition ‚durch‘ vgl. auch Kap. 8.7.5 ‚durch‘. Teil II A Textinterne Analyse 100 Senkung von e > a vor r + Konsonant Die Entwicklung e > a vor r + Konsonant, die seit dem 14. Jahrhundert von Norden nach Süden expandierte, ist außer für das Nordniederdeutsche auch für das Ostfäli‐ sche sowie zum Teil für das Niederländische bekannt.356 In diesen Regionen variiert in der Schrift der Gebrauch beider Graphien und . Das gedehnte er ist laut Lasch von dieser Erscheinung nicht betroffen.357 Die letztere Ausführung findet aus‐ nahmslose Bestätigung im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ wie aus den folgenden Beispielen ersichtlich: vorferdiget, pennwerdt, rechtferdich, swerdt, gerne, lichtuer‐ dichlick, wedderwerdicheit. Nerger weist darauf hin, dass im Mecklenburgischen die a-Schreibung vor r-Verbindungen außer vermehrt im Laufe des 16. Jahrhun‐ derts auftritt, in der Schrift aber gleichzeitig die er-Schreibung besteht.358 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt noch fast ausnahmslos die er-Schreibung. Seltene gereimte Bele‐ ge, z. B. wercke : Harke 33v sowie alternierende graphische Realisierungen wie bei‐ spielsweise in Malepartus versus Malepertus, lassen allerdings zumindest teilweise stark die ar-Aussprache vermuten. Die ursprüngliche e-Schreibung kann mit dem Einfluss der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Vorlage begründet werden, die ihrerseits oh‐ ne Ausnahmen die niederländische Graphie übernommen hat.359 ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ passt die Schreibung in vielen Fällen an, sodass die a-Schreibung (Malepartus) überwiegt (11mal Malepartus / Malepartusz versus 7mal Malepertus / Malepertusz im gesamten Text360). Im Verstext sind beide Schreibungen gleich frequent. In den Randglossenbeiträgen erscheint ausschließlich die a-Graphie. Belege mit : – ‚Berg‘: vorberget (3), bergewart (1), berge (Pl.) (1), vorbergen (2), Swartzenberg (1), Goldtbergen (1), Vorbergestu (1), Swertzenberg (1), amberge (1), Berge (Sg.) (1), Her‐ berge (2); – ‚Gewerbe‘: gewerue (1), geweruen (1); – ‚Herz, -herz-‘: framhertige (1), herten (14), herte (17), barmehertichlick (1), barmher‐ ticheyt (2), vnbarmhertich (1); 5.1.6 356 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 48; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 76; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 127-136; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 46-48; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 65; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1777; Wortmann, Zur Geschichte der kurzen Vokale in offener Silbe, S. 348f.; Niebaum, Zur syn‐ chronischen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 282f.; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 88; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 65 [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 43]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 171-173; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 129; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 378. 357 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 76. 358 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, S. 12. 359 ‚Reynke de vos‘, malepertus 15r, 23r, 24r; malepertusz 23r, 31r, 41r, 52r, 58v, 112v, 133r, 140r, 141r, 240v. 360 Die für ‚Reynke Vosz de olde‘ angelegte Stichprobe musste für die Analyse des Lexems ‚Malepar‐ tus‘ aufgrund von begrenzter Belegzahl ausnahmsweise auf den gesamten Text erweitert werden. 5 Lautlehre und Orthographie 101 – ‚Kirche, Kirch-‘: Kercken (2), Kerckhere (1); – ‚Malepertus‘: Malepertus(z) (7); – ‚merken, merk-‘: mercklyke (4), mercken (18), thouormercken (1), Merckenouwe (2), anmercken (1), merckē (2), Mercket (vp) (9), merckende (1), vormerckede (2), ge‐ mercket (1), mercke (18), merckede (4), vormercket (1), vormercken (3), mercklike (3), vormerckest (2), merckedestu (1), vpmercken (1), anmercket (1), vnuormercket (1), vormercket (1), anmerckende (1); – ‚sterben‘: steruet (2), sterue (1), steruen (4); – ‚verderben‘: vorderuen (5), vorderue (2), vorderuet (1), vorderuent (2); – ‚werfen‘: werpen (1), vorwerpet (2), vpwerpet (1), werpet (1). – ‚Werk‘: wercke (9), werck (4), wercken (3), werkē (1), werke (1). Belege mit : – ‚brennen‘: barnende (1), – ‚Malepertus‘: Malepartus(z) (11). Entwicklung von a > e vor r + Konsonant Die Hebung a > e vor r + Labial- / Velarkonsonant ist für den nordwestlichen Teil des Ostfälischen und zum Teil auch für das Niederländische typisch. Diese Entwick‐ lung ist selten im Nordniederdeutschen belegt. Im Westfälischen ist sie generell nicht anzutreffen.361 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt im Normalfall die Hebung a > e vor r + Konsonant nicht. Der Ausnahmebeleg sterck 231v entstammt einem Glossenzitat und ist wohl auf den Einfluss der Vorlage zurückzuführen. Belege mit konstanter a-Schreibung: – ‚Mark‘: marck (1); – ‚Markt‘: marckede (2), honnich marcket (1), honnich market (1); – ‚scharf‘: scharpsynnigen (1), scharp (3), scharpen (1), scharpe (1); – in Namen: Grymbardt (2), Grymbart (7), Marten (6), Sunte Martens (2), Martinus (1), Bartoldt (1), Scharpenybbe (1), Scharpenibben (2), Marquart (1). Belege mit variierender Schreibung: – ‚stark‘: sterck (1) neben starcken (2), starck (9), starcke (1), starcker (1); – in Namen: Armelyne (1) neben Ermelyn362 (1). 5.1.7 361 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 77; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 131-136; Goossens, Historische Phonologie des Niederländischen, S. 50; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 65 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 43]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 173f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 129f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 379; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 89. 362 Das betroffene Lexem liegt außerhalb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes. Teil II A Textinterne Analyse 102 e > ö und i > ü im Inlaut Unter bestimmten Bedingungen werden e und i in geschlossener Silbe bereits im Frühmittelniederdeutschen zu ö bzw. ü verdumpft.363 Für das Mecklenburgische listet Nerger folgende Entwicklungsoptionen auf: i > i vor l + Dental, i > e vor l + Konso‐ nant oder i > u vor lv (medial) und vor lf in einsilbigen Formen, wobei der Umlaut i > u > ü erst nach 1520 auftaucht.364 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ variiert die Schreibung für die potentielle Labialisierung i > ü zwischen den Realisierungen , , , und . Für die potenzielle Rundung e > ö stehen im ‚Reynke Vosz de olde‘ folgende Graphien zur Verfügung: , , , , . Die einzelnen Schreib‐ varianten verteilen sich wie folgt: A) e > ö zwischen zwei stimmlosen Labiallauten, jedoch herrscht in der Graphie eine Variation. Es treten Schreibungen und auf:365 – Belege mit : voͤffte (4), voͤfftigste (1); – Beleg mit : vyffte366 34r (1). B) i > ü zwischen zwei Dentallauten367, wobei die uͤ-Schreibung gegenüber dem u- Einzelbeleg eindeutig dominiert: – Belege mit : druͤdde (40), Druͤdden (18), druͤddē (1); – Beleg mit : drudde (1). C) Das e wird in der folgenden konsonantischen Umgebung zu ü gerundet: stimmloser Labialkonsonant f + Vibrant r. Besonders deutlich tritt diese Tendenz im Lexem ‚Freund‘ sowie seinen Derivaten hervor. Eine zusätzliche Beeinflus‐ sung durch den nachfolgenden Nasal ist nicht auszuschließen. Der stimmhafte La‐ bialkonsonant in Kombination mit dem Vibranten ruft allerdings keine Verdump‐ fung hervor.368 5.1.8 363 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 12, insbes. S. 11; Lasch, Mittelniederdeutsche Gram‐ matik, § 169-174; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 303-313; Nybøle, Reynke de Vos, S. 44. 364 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 14, S. 14: „Von den Verbindungen des l laßen die mit Dentalen den Bestand des i unberührt, z. B. spilden consumere, schilt scutum, bilsen hyoscyamus; die übrigen führen Brechung herbei, z. B. helpe, helpt juvo, juvat, melk lac, oder ver‐ dunkeln i zu u, wie lv und lf in sulver argentum, sulf ipse“. 365 Laut Nerger sollen nicht labialisierte Formen als mecklenburgisch gelten. Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 15, S. 14: „viftich, vichtich 50, und (?) vifteyn 15 von vîf“. Vgl. auch Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 169. Vgl. zudem Kap. 8.4.7 ‚fünfzehn‘, ‚fünfzig‘, ‚fünfte‘. 366 Die y-Schreibung ist diesem Fall wohl als Einfluss der Lübecker Vorlage zu deuten. Vgl. ‚Reynke de vos‘, Bl. 31v. 367 Nerger bewertet die labialisierten Formen drutte und druttich als Nebenformen zu dridde und drit‐ tich, die Labialisierung selber führt er auf „die gemeinsame Einwirkung der umgebenden Conso‐ nanten [...] und vielleicht [auf] den mehrfachen Zungenlaut“ zurück. Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 17, S. 16. Vgl. auch Kap. 8.4.8 ‚dritte‘. 368 Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 170. Vgl. auch Kap. 8.1.5 ‚Freund‘. Zur Variation beim Lexem ‚fremd‘ vgl. Kap. 8.3.1 ‚fremd‘. Belege s. d. 5 Lautlehre und Orthographie 103 – Belege mit : fruͤnde (12), fruͤntschop (1), fruͤntlyker (1), fruͤndtschop (5), fruͤntlikē (1), fruͤnden (4), fruͤndtlick (1), fruͤndes (2), fruͤntschoppe (1); – Belege mit : frūtschop (1), frundt (4). D) Vor der inlautenden Verbindung lv sowie vor der auslautenden Konsonanten‐ verbindung lf steht vorwiegend das auf die stattgefundene Labialisierung deuten‐ de (deutlich seltener ).369 E) Der Übergang i > ü hat in den Präsensformen des Hilfsverbs ‚sein‘ (1. Pers. Sg. Präs., Pl. Präs.) offensichtlich nicht stattgefunden:370 – Belege mit : bin (3); Sint (12); – Belege mit : byn (10); synt (114), synth (5). F) Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird wi zu wü in ‚Schwester‘ labialisiert, aber nicht in ‚zwischen‘.371 Laut Lasch ist „süster die fast ausschließlich herrschende form, die auch in älterer zeit belegt ist“, die Schreibung twüschen alterniere dagegen stets mit twischen. So findet man bereits im Vormittelniederdeutschen Formen wie gisustruonion, gisustrithi, aber twiskum, undar twisk.372 – Belege mit : suͤster (2); – Belege mit : twysschen (4); – Belege mit : twisschen (8), Twisschenn (1). G) Im Demonstrativpronomen ‚dieser‘ wird das ɪ im ‚Reynke Vosz de olde‘ gene‐ rell nicht gerundet.373 Als Hauptschreibvariante ist die nicht labialisierte gemi‐ nierte auf einen Kurzvokal deutende Schreibung desse anzunehmen. Weitere Schreibvarianten enthalten eine i-/y-Graphie und sind als Ausgleichvarianten zu bewerten.374 369 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 14, S. 14. Für Auflistung der Belege und weitere Ausführungen zur Variation beim Demonstrativum ‚der-, die-, dasselbe‘ vgl. Kap. 8.5.4.4. 370 Nach Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 171, S. 101, wäre allerdings anzunehmen, dass im Mecklenburgischen und Vorpommerschen die gerundete Aussprache üblich ist: „Vornemlich die un‐ betonte stellung im gebrauch als hilfsverb veranlasst nordnds. (ostelb.) bün < bin, wie sünt „sind“ auf weiterem gebiete. bun: Rostock 1414 (Nd. Korr. 23, 65), im Garzer stb. seit 1450 (vorher bin). Im [Redentiner, S. T.] osterspiel bun bust.“ Nerger betont dagegen, dass die ungerundeten Formen für ‚bin‘ und ‚sind‘ die mecklenburgischen Hauptformen seien, die gerundeten Varianten dagegen führt er auf den Einfluss benachbarter Dialekte zurück. Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgi‐ schen Dialektes, § 18, S. 16. Vgl. auch Kap. 6.1.18 Das Verbum substantivum ‚sein‘. 371 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 17, S. 16: „Bisweilen ist u Verdunke‐ lung eines ältern i. Dieselbe wird außer den Consonantenerbindungen lv, lf (...) hervorgerufen durch ein dem Vocale vorangehendes w in den Wörtern wuste scrivi, suster soror, tuschen inter, sul limen, vgl. mit wiste, alts. suestar, twisken, mhd. swelle.“ Mehr zur Präposition ‚zwischen‘ vgl. Kap. 8.7.15 ‚zwischen‘. 372 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 172. 373 Nerger gibt als Hauptvariante für das Mecklenburgische disse an, vermerkt jedoch, dass es durch‐ aus zu Schwankungen zwischen dusse und disse kommen kann. In der gerundeten Variante sieht Nerger allerdings den Einfluss benachbarter Dialekte. Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgi‐ schen Dialektes, § 14, S. 14. 374 Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 173. Teil II A Textinterne Analyse 104 – Belege mit : dessen (36), desser (23), Desse (71), dessem (47), desses (11);375 – Belege mit (Ausgleichsformen): dyt (60), dydt (2), Dyth (11); – Belege mit (Ausgeichsformen): dith (6), dit (1).376 Schreibung von ü377 Für das kurze ü378 konnten im ‚Reynke Vosz de olde‘ folgende Schreibungen ermit‐ telt werden: , , .379 Belege mit Umlautkennzeichnung380 durch nachge‐ schriebene Zeichen (, oder ) wurden im Text nicht gefunden. Die Belege mit Umlautkennzeichnung mithilfe des übergeschriebenen e sind gegenüber Belegen mit keiner Umlautkennzeichnung etwas stärker vertreten.381 Nimmt man die beson‐ ders frequenten Belege mit den Morphemen ‚um-‘382 und ‚selb-‘383 aus der Zählung heraus, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die durch das diakritische e markierten Umlaute kommen unabhängig von ihrer Position im Text (Verstext versus Kapitel‐ glossen versus Marginalien) doppelt so häufig wie die nicht markierten Schreibvari‐ anten vor. Auffällig zudem sind zwei Belege mit Bezeichnung des Umlauts durch osuperscriptum, welches auch ansonsten kaum zur Geltung kommt. Es ließ sich feststellen, dass es im ‚Reynke Vosz de olde‘ beinahe keine Belege mit durchgehender u-Schreibung gibt. Diese Tatsache lässt sich wiederum wohl da‐ 5.1.9 375 Vgl. auch Kap. 8.5.4.1 ‚dieser, diese‘. 376 Vgl. auch Kap. 8.5.4.2 ‚dies(es)‘. 377 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Umlautkennzeichnung des kurzen ü eher um ein graphisches als ein phonologisch-graphematisches Phänomen handelt. In der gängigen Literatur wird dieses Phä‐ nomen jedoch stets bei der Betrachtung des historischen Kurzvokalismus behandelt. Hier greift das Prinzip der Vergleichbarkeit ein. 378 Laut Nerger war der u-Umlaut dem Mecklenburgischen nicht eigen und wurde erst im 16. Jahr‐ hundert unter dem Einfluss des Hochdeutschen angepasst. Vgl. Nerger, Grammatik des meklen‐ burgischen Dialektes, § 18, S. 16 und § 162, S. 122f.: „Die Umlaute der O- und U-Laute, ö, ü, æ, œ und ᵫ, welche der altmeklenburgische Dialekt nicht besaß, sind in dem Zeitalter der Reformation aus Obersachsen und Oberdeutschland in Meklenburg eingeführt und durch die niedersächsische Buchsprache der Volkssprache mitgetheilt worden. Dies konnte um so leichter geschehen, als die Umlautung an sich ja dem Dialekte nicht etwa ein fremdartiger Vorgang scheinen durfte, sondern ihm seit seiner Entstehungszeit im Verhältnisse des a zu e, des ā zu ē, und ferner des â zu ê üblich war.“ 379 Die Formen der Personalpronomen ‚wir‘ und ‚ihr‘ werden gesondert behandelt. Vgl. dazu Kap. 8.5.1.3 ‚wir‘ bzw. Kap. 8.5.1.6 ‚ihr‘. Zur Formenvarianz beim Verbum substantivum s. Kap. 6.1.18 Das Verbum substantivum ‚sein‘. 380 Vgl. auch Kap. 5.1.4 Senkung von u > o vor gedecktem Nasal, Kap. 5.1.5 Senkung von i, u, ü vor r + Konsonant sowie Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 381 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 162, S. 122f.; ebd., § 164, S. 125f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 26, 28, 44f., 48, 50; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I, S. 282-300; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 112-124; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 168; Nybøle, Reynke de Vos, S. 47f., 107-110. 382 Die Anzahl der markierten uͤ-Schreibungen macht hier kaum ein Zehntel aller Belege mit ‚um-‘- Komponente aus. 383 Hier dominiert mit einem noch größeren Abstand die markierte Schreibweise mit e-superscriptum. 5 Lautlehre und Orthographie 105 durch erklären, dass es sich in allen Fällen um Einzelbelege mit der Graphie oh‐ ne explizite Umlautmarkierung durch übergeschriebenes e bzw. o handelt. Die Ver‐ mutung liegt nahe, dass es bei einer größeren Belegmenge mit entsprechenden Lexe‐ men mit großer Wahrscheinlichkeit zur Variation zwischen der markierten und nicht markierten Realisierung kommen würde, wie es bei anderen mehrfach vertretenen umgelauteten Wortformen der Fall ist. Es stellt sich nun allerdings die Frage, ob die‐ se Vermutung auch auf die Belege mit konstanter uͤ- Schreibung übertragbar ist. Da‐ für spricht eine relativ starke Variation zwischen markierten und nicht markierten Schreibungen, dagegen jedoch eine insgesamt doch ziemlich klare Tendenz zur Um‐ lautkennzeichnung im Untersuchungstext. – Belege mit konstanter u-Schreibung384: vppige (1), knuppel (1), luchter (1), luchteren (1), vppigen (1);385 – Belege mit konstanter uͤ-Schreibung386: erluͤchtet (1), beschuͤtten (3), beschuͤttunge (1), be‐ schuͤttet (1), beschuͤtteth (1), beschuͤttender (1), huͤlde (7), tuͤcke (2), nuͤcken (1), spruͤtten vth (1), huͤndeken (1), fruͤchtet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), huͤndyscher (1), huͤlpe (6), stuͤcke (23), ruͤggen (2), ruͤgge (1), kuͤssende (1), juͤmmer387 (8), yuͤmmer388 (4), tuͤsscheryen (1), stuͤnde 3. Pers. Sg. Konj. (1), vpstuͤnde 3. Pers. Sg. Konj. (1), sick vnderstuͤnde 3. Pers. Sg. Konj. (1), smuͤckē (1), smuͤcket (1), smuͤcke 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), kruͤmde (1), duͤchtich (2), gruͤtte (1), buͤtte (1), fruͤchte (1), vntuͤchtich (1), beschuͤttinge (2), nuͤchternheit (1), Krekelpuͤtt (1), tuͤchtigen (1), stuͤcken (1), houetwuͤmpele (1), wuͤmpel (1), meisterstuͤcke (1), gesmuͤcke (1), Tuͤsscherye (1), Twetuͤngyge (2), kuͤnsten (1); – Belege mit variierender Schreibung: nuͤmmer (11), nuͤmmermehr (1) neben nūmermehr (1), nūmer (1), nummer (2). Die meisten Formen mit Umlaut kommen parallel in gekennzeichneter und nicht ge‐ kennzeichneter Schreibung vor. Besonders häufig sind Belege für Morpheme ‚um-‘ und ‚selb-‘ zu finden.389 Weniger frequent aber deswegen nicht weniger variabel sind folgende Formen:390 – Belege mit u-Schreibung für Morphem ‚nütz-‘: nutte (Subst.) (2), vnnutte (Adj.) (1), egen nutte (5), nutte (Adj.) (1), egen nuttes (2); – Belege mit uͤ- bzw. uͦ-Schreibung für Morphem ‚nütz-‘: nuͤtte (Adj.) (10), eygen nuͤtte (1), nuͤtte (Subst.) (4), nuͤtter (Adj., Komparativ) (2), nuͤttet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), egen‐ 384 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 385 Es handelt sich jedoch um Einzelbelege. 386 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 387 Die Schreibung juͤmmer kommt vorwiegend im ersten und zweiten Buch vor. 388 Die Schreibung yuͤmmer kommt überwiegend im dritten und vierten Buch vor. 389 Vgl. hierzu insbes. Kap. 8.7.11 ‚um‘ und Kap. 8.5.4.4 ‚der-, die-, dasselbe‘. Belege s. d. 390 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Für weitere Belege für ü vgl. auch Kap. 5.1.5 Senkung i, u, ü vor r + Konsonant, Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. Teil II A Textinterne Analyse 106 nuͤttich (3), vnnuͤtte (Adj.) (4), egenuͤttygem (1), Egen nuͤtte (5), nuͤttes (Subst.) (1), nuͤtlick (1), vnnuͤtter (Adj., Positiv) (1), vnnuͦtten (1); – Belege mit u-Schreibung für ‚Glück‘ und Ableitungen391: gelucke (3), geluckseligem (1), vngelucke (1), geluckliken (1), vngeluckes (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für ‚Glück‘ und Ableitungen: vngeluͤcke (9), geluͤckselygen (1), geluͤcke (15), geluͤcklich (1), vngeluͤcklich (1), vngeluͤckseligen (1), vngeluͤcklick (1), ge‐ luͤckhafftigesten (1), geluͤckseligen (2), geluͤckseligem (1), geluͤcksamsten (1), geluͤcken (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Schuld‘: schuldich (1), ent‐ schuldyget (1), vnschuldigem (1), beschuldiget (1), vnschuldigē (1), schuldigem (1), ent‐ schuldigen (1), entschulding (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Schuld‘: vnschuͤldich (2), ent‐ schuͤldigung (1), vorschuͤldet (1), entschuͤldigen (4), entschuͤldigē (2), entschuͤldiginge (1), vnschuͤldiger (1), entschuͤldigede (1), entschuͤldyget (2), vnschuͤldigen (1), Vnschuͤldygen (1), entschuͤldeget (1), entschuͤldygen (1), vnschuͤldygen (2), vnschuͤldiger (1), vnschuͤldyge (1), Schuͤldener (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Geduld‘: erdulden (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Geduld‘: duͤlde 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), duͤlden (2), erduͤlden (2), geduͤldich (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Druck‘: gedrucket (1), vor‐ drucker (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Druck‘: gedruͤcket (1), vor‐ druͤckē (1), vordruͤcken (1), vordruͤckinge (1), druͤcket (1), vordruͤcket (4), vndergedruͤcket (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Lust‘: lustich (2), lustede (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Lust‘: luͤstede (1), luͤstich (1), luͤstiger (1), luͤstet (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Gunst‘: affgunstich (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Gunst‘: guͤnstige (1), guͤnstich (3), vnguͤnstich (1); – Belege mit u-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Grund‘: grunthlick (1), grundtlick (1); – Belege mit uͤ-Schreibung für umlautfähige Ableitungen von ‚Grund‘: gruͤndtlick (2), gruͤnthlyker (1), gegruͤndet (1), gruͤntlick (1), gruͤntlike (1), gruͤndtlyke (1); – weitere Belege mit variabler Schreibung392: henfurder (1), vurdern (1), gefurdert (2) neben vuͤrdern (1); suͤnde (9), suͤnden (1), suͤndigen (1), suͤndt (1) neben sunde (4); beruͤchtigeden (1), beruͤchtigen (1), geruͤchte (3), beruͤchtiget (3), ruͤchte (2) neben geruchte (1); kuͤmpt (15), ankuͤmpst (1) neben kūpt (3), kumpstu (2), Wedderkumpst (1), ankumpst (1); gunnen 391 Belege ausschließlich aus dem ersten Buch. 392 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 5 Lautlehre und Orthographie 107 (1), gunth (1), vorgunnen (1) neben voͤrgunnen (1), guͤnt (1), vorguͤnt (1), miszguͤnneren (1), vorguͤnth (1), guͤnne (1); duͤncken (2), duͤncket (9) neben duncket (2), duncken (1), gut‐ dunckent (1); Vorkuͤndigen (2), vorkuͤndiget (1) neben vorkundige (1); Juͤtte (2) neben Jutte (1); bekummert (1) neben bekuͤmmert (2). Es lässt sich abschließend festhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ eine Variation zwischen den markierten und nicht markierten Umlauten bei ü besteht. Bei genauer Betrachtung lässt sich feststellen, dass die durch e-superscriptum und deutlich selte‐ ner durch übergeschriebenes o gekennzeichneten umgelauteten Formen frequenter als die nicht gekennzeichneten Formen sind. Die ermittelte Verteilung konstanter u- Realisierungen, konstanter uͤ- bzw. uͦ-Schreibungen und variabler Graphien ließ sich nicht mit Lexemgebundenheit oder extralinguistischen Faktoren begründen. Man kann allerdings darauf hinweisen, dass ‚Reynke Vosz de olde‘ keine doppelten Dia‐ kritika kennt. Die Tilde (Nasalstrich) kann demnach als ein mögliches, aber nicht das einzige Hindernis für die Umlautkennzeichnung bewertet werden wie beispielsweise in kuͤmpt versus kūpt, fruͤnde versus frūde, daruͤmme versus darūme. o > a vor r + Konsonant (Dental d, t oder n) Die Schreibung für o vor r + Dental d oder t sowie vor der Konsonantenverbin‐ dung r + n erscheint ausschließlich im Westfälischen. Diese typisch westfälische Entwicklung bildet jedoch auch in der dortigen Schreibsprache eher eine Ausnahme. Deutlich häufiger begegnet die or-Schreibung. Seltener finden sich Beispiele für die Senkung o > a vor rd / rt, rn im Ostfriesisch-Oldenburgischen.393 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ konnten keine Belege für diese speziell westfälische Erscheinung ermittelt werden. Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Konsonant Die Dehnung vormittelniederdeutscher Kurzvokale vor den Konsonantenverbindun‐ gen r + Dental d oder t, vor r + n oder l sowie vor einfachem r wird als sogenannte Frühdehnung bezeichnet. Diese findet sich häufig in der Schrift in Form von Doppel‐ schreibung oder Kennzeichnung durch nach- oder übergeschriebenes oder wieder, allerdings wird die gedehnte Tonlänge in der Minderheit der Fälle mar‐ kiert.394 Das westliche Mittelniederländische erfährt eine Weiterentwicklung dieses 5.1.10 5.1.11 393 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 62 Anm. 2, 86; Peters, Katalog sprachlicher Merkma‐ le I, S. 66 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 177; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 133; Roolfs, Der ‚Spie‐ ghel der leyen‘, S. 380. 394 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 62; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 125-131; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 40-44; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1774; Peters, Mittelniederdeut‐ sche Sprache, S. 88; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 65 [= Peters, Mittelniederdeutsche Teil II A Textinterne Analyse 108 Sprachphänomens. Vor allem in Westflandern und Südholland kennt das bereits ge‐ senkte tl. ēr vor den Dentalen d und t, aber auch vor n eine weitere Senkung zu ār.395 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ treten sowohl Schreibungen mit Markierung der soge‐ nannten Frühdehnung, als auch nicht markierte Schreibvarianten auf. Vor der Konsonantenverbindung rd wird die Vokaldehnung zum größten Teil nicht extra gekennzeichnet. Eine eindeutige Ausnahme bildet hier die Schreibung des Lexems ‚Wort‘ mit e-superscriptum. Vor allem die Pluralformen erscheinen mit Deh‐ nungsbezeichnung: Belege mit Markierung der Frühdehnung: – ‚Ort‘: oͤrden (2); – ‚Wort‘: woͤrden (17), woͤrde (21), woͤrdenn (1), woͤrdt (1). Einfache a-, o- und e-Schreibungen vor der Konsonantenverbindung rd sind insge‐ samt deutlich zahlreicher vertreten: Belege ohne Markierung der Frühdehnung: – ‚antwort-‘: vorantwerdet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), antwerde ‚Antwort‘ (2), vorant‐ werde 3. Pers. Sg. Konj. (1), antwerden Inf. (1), vorantwerden Inf. (2), antwerdet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), antwerde 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (4), antworde 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (6), antwerden 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (1), voranworden Inf. (1), vorantwordet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), antworden Inf. (1); – ‚Erde‘: erden (10), erde (1); – ‚fürder‘: Vorder (4); – ‚Garten‘: garde (1); – ‚Hirte‘: Herden (2); – ‚Orden‘: orden (4); – ‚Ordnung, ordnen, ordentlich‘: ordenūge (1), ordenung (1), ordnet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), ordentlicker (1); – ‚Ort‘: orde (1); – ‚Pferd‘: Perde (1); – ‚Wort‘: worden (6), sprickworde (3), worde (15), smeheworden (1). Auch vor der Konsonantenverbindung rt ist die Bezeichnung der Vokaldehnung eher unüblich. Hier erscheinen die nicht markierten a-, o- und e-Schreibungen: Studien, S. 43]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 174-176; Weber, Die mittelniederdeut‐ sche Schreibsprache Osnabrücks, S. 130-132; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 379f., hier S. 379; ASnA, Bd. I, Karte 11 ‚Zustimmung (vulbōrt): Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Kon‐ sonant‘, Karte 12 ‚des Weiteren (vōrtmêr): Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Konsonant‘, Kar‐ te 13 ‚Beurkundung: Dehnung vormnd. Kurzvokale vor r + Konsonant‘. 395 Goossens, Historische Phonologie des Niederländischen, S. 50; Van Loey, Middelnederlandse spraakkunst. II. Klankleer, § 43, S. 35f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 379f., hier S. 379; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 65 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 43]. 5 Lautlehre und Orthographie 109 Belege ohne Markierung der Frühdehnung: – ‚Antwort‘: antwerdt (1), antwert (3); – ‚Art‘: art (7), arth (1); – ‚Bart‘: bart (2); – ‚Erde‘: erdtwoker (1), erdt (2); – ‚fort, fort-‘: vortganck (1), sprack … vort (3), Vort brachte (1), vort … varen (1), vort‐ uaren (1), ghynck vort (1), vort … sprack (1), Quam … vort (1), spleth … vort (1), bringen vort (1), greep … vort (1), ghingen … vorth (1), vort (2), gingen vort (1), ghynck … vort (1); – ‚Geburt‘: gebort (8), gheborten (1); – ‚Ort‘: ordt (2); – ‚Pforte‘: porten (2), Porte (1), port (2), kaffporten (1); – ‚Schwanz des Tieres‘: sterte (1), stert (7), sterth (1); – ‚Wort‘: wordt (Sg. und Pl.) (15), wort (Sg. und Pl.) (4), sprickwordt (3), word (Pl.) (1). Die markierten o-Belege mit übergeschriebenem vor rn stellen einen Problemfall dar, weil sie nicht eindeutig zugeordnet werden können. Die markierte Schreibung mit e-superscriptum kann sowohl als Umlautkennzeichnung, als auch als Dehnungs‐ markierung interpretiert werden, wobei die sonst fehlende Bezeichnung der Dehnung im Lexem ‚Zorn‘ m. E. wahrscheinlicher für eine Umlautmarkierung in den wohl umgelauteten Formen wie ‚zornig, erzürnt‘ u. Ä. spricht: Belege mit Markierung des Umlauts: – ‚Zorn-‘: vortoͤrnet Part. Prät. (3), vortoͤrnest (1), toͤrnde 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), syck toͤrnede 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), toͤrnigen (Adv.) (1), toͤrnigenn (Adv.) (1), toͤrnich (5), toͤrnigen (Adj.) (1), toͤrnen (juw) (2). Ansonsten begegnen vor rn ausschließlich nicht markierte Schreibungen mit einfa‐ chem und : Belege ohne Markierung der Frühdehnung: – ‚Ferne, fern‘: verne (11); – ‚gern‘: gerne (39), vngerne (2), gern (2); – ‚Korn‘: korn (1), korne (1); – ‚Zorn‘: Torne (14), torn (4), tornigen (Adj.) (1), tornich (1). In präfigierten Nominalbildungen mit ‚ur-, Ur-‘ sowie ihren Derivaten erscheint im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die gesenkte Variante u > o. Neben der eindeu‐ tig dominierenden nicht markierten Schreibvariante mit einfachem vor r + Kon‐ sonant begegnen zwei Belege mit übergeschriebener Dehnungsbezeichnung . – Belege mit Markierung der Frühdehnung: vorzuoͤrdeln (1), oͤrdel (3); – Belege ohne Markierung der Frühdehnung: vororsaket Part. Prät. (1), orsaker (1), Orsake (7), orsaken (Subst. Pl.) (8), vngeordelt (1), ordelen Inf. (1), ordele (4), vorordelen Inf. (1), ordel (3), orloff (3), orthsprunck (1), vororsaken 3. Pers. Pl. Präs. Inf. (1), geordelt Part. Prät. (1), orlaue (1), vororsaket 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1). Teil II A Textinterne Analyse 110 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Bezeichnung der Frühdehnung der vormittelniederdeutschen Kurzvokale vor r + Konsonant für ‚Reynke Vosz de olde‘ eher als unüblich einzustufen ist. Die wenigen Belege mit übergeschriebener Deh‐ nungsmarkierung stellen eine deutliche Ausnahme dar. Es lässt sich keine transpa‐ rente Begründung für die Verwendung von e-superscriptum in den Ausnahmefällen, aber auch keine für ihre Nichtverwendung in der Mehrheit der Fälle finden. Zusätz‐ lich lässt sich anmerken, dass sich im Text keine Belege mit nachgeschriebenen Buchstaben zur Dehnungsmarkierung ermitteln ließen. Tonlängen Beim Übergang vom Altsächsischen zum Mittelniederdeutschen wurden die kurzen Vokale in offener Silbe zerdehnt.396 Laut Lasch handelt es sich dabei um „einen vom akzent abhängigen vorgang, durch den ein kurzer vokal in betonter offener silbe zu‐ nächst zum kurzdiphthong wurde“.397 Es gilt also zunächst eine Diphthongierung für den gesamten niederdeutschen Sprachraum anzunehmen.398 Im Westfälischen blie‐ ben diese sogenannten Brechungsdiphthonge erhalten, im Ostfälischen und Nordnie‐ derdeutschen wurden sie hingegen monophthongiert und gedehnt. Hierbei geht es um die Monophthongierung und Dehnung der ersten Bestandteile zu den offeneren zwei‐ ten Bestandteilen der Übergangsdiphthonge hin. So haben sich kurze Vokale in offe‐ ner Silbe durch Monophthongierung zu um eine Stufe gesenkten Tonlängen ent‐ wickelt.399 Im Ostfälischen wurden die tonlangen Vokale anschließend gekürzt, im Nordniederdeutschen und Westfälischen ist es eine eher seltene Erscheinung.400 Schreibung von tl. ī Im 15. Jahrhundert erscheint in den ostfälischen und nordniederdeutschen Schreib‐ sprachen als Ergebnis der Tondehnung des Kurzmonophthongs der oberen Reihe i > 5.2 5.2.1 396 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 24-27, S. 22-24; Lasch, Mittelniederdeut‐ sche Grammatik, §§ 39ff.; dies., ‚Tonlange‘ Vocale im Mittelniederdeutschen; dies., Mittelniederdeutsche Zerdehnung; Frings, Tonlange Vocale, S. 113; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I, S. 81-87; Teuchert, Der Lautstand der kurzen Stammsilbe im Westfälischen, S. 120; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 23f., 44-46; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1770ff.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179; Beckmann, Zur Zerdehnung kurzer Vokale in offener Silbe; Temmen, Das ‚Ab‐ dinghofer Arzneibuch‘, S. 90. 397 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 39, S. 35-37, hier S. 35. 398 Wortmann, Zur Geschichte der kurzen Vokale in offener Silbe; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90. 399 Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 86f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179; Nie‐ baum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1426; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90. 400 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 67 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44]; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90. 5 Lautlehre und Orthographie 111 tl. ī in offener Silbe in der Regel die e-Schreibung, die auf einen um eine Stufe ge‐ senkten Langvokal hindeutet.401 In westfälischen Dialekten hingegen entwickelt sich aus dem asächs. Kurzvokal i in offener Silbe ein sogenannter Kürzendiphthong. Schreibsprachlich ist diese Entwicklung allerdings schwer zu erfassen, denn sowohl im späten Mittelalter als auch in der Frühen Neuzeit wird dieser Diphthong so gut wie nie digraphisch dargestellt, sondern kommt wie im gesamten niederdeutschen Sprachraum in der Schreibvariante vor. Das Frühmittelniederdeutsche bildet in diesem Fall eine Ausnahme. In dieser Entwicklungsphase begegnet in westfälischen Quellen verstärkt die i-Graphie für Kürzendiphthong ie. Die hochdeutschen Schrei‐ bungen und stehen diesem dialektal markierten Laut näher, deswegen erset‐ zen sie häufig die mnd. e-Graphie.402 e-Schreibung für tl. ī: – ‚bleiben (Part. Prät.)‘: gebleuen (3), vthgebleuen (1); – ‚Friede‘: Frede (19), vrede (1), freden (2), vnfrede (1); – ‚Himmel‘: Hemmel403 (5); – ‚ihr-‘404: eren (Dat. Pl.) (14), eren (Akk. Sg.) (7), erer (Gen. Sg.) (12), ere (Akk. Pl.) (14), erem (Dat. Sg.) (27), er (Nom. Sg.) (2), ere (Akk. Sg.) (32), ere (Dat. Sg.) (1), ere (Nom. Pl.) (8), er (Pers.-Pron., Gen. Sg.) (1), er (Pers.-Pron., Dat. Sg.) (29), erer (Gen. Pl.) (4), ere (Nom. Sg.) (9), eres (Gen. Sg.) (4), ereme (Dat. Sg.) (1), erer (Pers.-Pron., Gen. Pl.) (5), er (Akk. Sg.) (2); – ‚mit, mit-, -mit‘ (Präposition, Partikel in den Partikelverben, Präfix bei Abstrakta, Teil der Pronominaladverbien)405: mede406 (5), medelydent (1), dar … mede (10), hyr … mede (1), mede schuͤldich (1), mede nemen (1), mede brochte (1); 401 Nerger, Die Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 29-30, S. 25ff.; Tümpel, Niederdeut‐ sche Studien, S. 15-18; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 39, 140; Sarauw, Niederdeut‐ sche Forschungen. I, S. 68f.; Dahlberg, Die Mundart von Dorste I; ders., Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Rooth, Waren die alten hohen Kurzvokale i, u, ü der offenen Sil‐ be im Westfälischen jemals gesenkt?; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schrif‐ ten Nicolaus Gryses, S. 23f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 67; Wortmann, Zur Geschichte der kurzen Vokale in offener Silbe; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 86f.; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 66 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179ff.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 3f.; Beckmann, Zur Zerdehnung kurzer Vokale in offener Silbe; Niebaum, Phone‐ tik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1426; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 133-135, hier insbes. S. 133f.; Denkler, Sterbfallinventare, S. 190-192; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90f. 402 Denkler, Sterbfallinventare, S. 190-192, hier S. 190f. 403 Mit anschließender Kürzung des tl. Vokals vor -el. Vgl. dazu auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 404 Vgl. auch Kap. 8.5.1.13 ‚ihr-‘. 405 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Für weitere Belege s. Kap. 8.7.8 ‚mit‘. 406 In geschlossener Silbe erscheint im ‚Reynke Vosz de olde‘ durchgehend die kurzvokalische Varian‐ te mit: ‚mit‘: mit(h) / myt(h). Vgl. auch Kap. 8.7.8 ‚mit‘. Teil II A Textinterne Analyse 112 – ‚nieder, nieder-‘: werp ... nedder (1), nedden (2), neddern (1), dreeff ... nedder (2), nedderwert (1), nedder gedreuen (1), ghinck … nedder (1), gheyt … vp vnd nedder (1), vorneddert (1);407 – ‚schreiben (Part. Prät.)‘: vorgeschreuen (4), geschreuen (1), vor geschreuen (1); – ‚Siegel‘408: Segel (1); – ‚Spiel, spielen‘: Spelen (1), spele ‚Spiel‘ (2), spelende (1), Spel ‚Spiel‘ (1), speel ‚Spiel‘ (1), spelde (1); – ‚wider, wider-‘: wedder (12), weddersteyt (1), wedderstreuet (2), wedderpart (1), wed‐ derwertichheyt (1), weddergelt (1), wedderfaret (4), wedderuart (1), wedderuaret (1), wedderuor (1), wedderwerdicheit (5), wedderwille (1), weddergelden (1), wedder faren (1), wedderstan (1), wedderfare (1), wedderfaren (3), tho weddern (2), wedderpartes (1), wedderwille (1), weddersprake (1), wedderstreuen (1), wedderparte (1), weddersa‐ ten (2), wedderstaen (1), tho wedder (1), wedder part (1), wedder varen (1), tho wed‐ deren (2);409 – ‚wieder, wieder-‘: Wedderumme (7), Wedderuͤmme (2), wedder (50), wedder keren (1), wedderkumpst (1), wedderum (1);410 – ‚Witwe‘: Wedewen (3), wedewē (1), Wedewenn (3). Die ältere i-Schreibung tritt im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht auf. Schreibung von tl. ū, ǖ In offener Tonsilbe entwickelte sich das asächs. u zu mnd. tl. ū bzw. vor Umlautfak‐ tor zu tl. ǖ. Die variierende graphische Realisierung von diesem tl. Vokal teilte den niederdeutschen Sprachraum in zwei Realisierungsgebiete: im Nordniederdeutschen und Ostfälischen wird geschrieben, während das Westfälische insbesondere in der frühmittelniederdeutschen Periode bei der historisch älteren u-Schreibung bleibt. Diese Besonderheit der westfälischen Schreibsprache lässt sich ähnlich wie beim tl. ī durch den Umstand erklären, dass sich im Westfälischen aus dem asächs. Kurzvokal u ein Kürzendiphthong ue bzw. vor Umlautfaktor üe ergab. Ein weiterer Grund für die Beibehaltung der u-Schreibung im Westfälischen könnte der u-Gebrauch zur Darstel‐ lung der gedehnten Monophthonge im Hochdeutschen sein.411 5.2.2 407 Mit anschließender Kürzung des tl. Vokals vor -er. Vgl. dazu auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 408 Vgl. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing, Kap. 8.1.19 ‚Siegel‘. 409 Mit anschließender Kürzung des tl. Vokals vor -er. Vgl. dazu auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 410 Mit anschließender Kürzung des tl. Vokals vor -er. Vgl. dazu auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 411 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 31, S. 27f., Tümpel, Niederdeutsche Studi‐ en, S. 15-18; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 39, 140; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I, S. 68f.; Dahlberg, Die Mundart von Dorste I; ders., Zur Urkundensprache in Göttin‐ gen und Duderstadt, S. 58; Rooth, Waren die alten hohen Kurzvokale i, u, ü der offenen Silbe im Westfälischen jemals gesenkt?; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Ni‐ colaus Gryses, S. 23f.; Wortmann, Zur Geschichte der kurzen Vokale in offener Silbe; Peters, 5 Lautlehre und Orthographie 113 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sind u-Schreibungen für tl. ū und tl. ǖ. nicht vertreten, stattdessen sind a- und o-Schreibungen belegt: o-Schreibung für tl. ū: – ‚Sommer‘412: Sommer (2); a-Schreibung für tl. ū: – ‚Vogel‘: vaghel (1), vagel (4); – ‚-kommen‘: kamē Inf. (2), bekamen Inf. (1), bekamen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), geka‐ men Part. Prät. (19), kamen Part. Prät. (3), vpgekamen Part. Prät. (1), (tho) kamen Inf. (24), kamende flekt. Inf. (1), auerkamen Inf. (1), vmmekamen Inf. (1), kamet (her, in) 2. Pers. Pl. Imp. (7), Kame 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (3), wilkamenhete Part. Prät. (1), wil‐ kame Part. Prät. (1), wylkamen Part. Prät. (4), vorkamen Inf. (1), auerkamen Part. Prät. (1), kame 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), kamen 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), bekame 3. Pers. Sg. Konj. (1), tokamēder Part. Präs. (1), thokamender Part. Präs. (1), kamen 1. Pers. Pl. Präs. Ind. (3), bekamen Part. Prät. (2), kamest 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), entkamen Part. Prät. (1), affkamest 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vnfullenkamen Part. Prät. (1), willen ka‐ men Part. Prät. (1), Wylkame Part. Prät. (1), vorvorthokamen Inf. (1), vorkamen Inf. (1), kamen 3. Pers. Pl. Präs. Inf. (3), vorthokamen Inf. (1), kame 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (4), tho bekamen Inf. (1), hergekamē Part. Prät. (1), (tho) auerkamen Inf. (2), auerkamen Part. Prät.? 230v (1), yngekamen Part. Prät. (1); – ‚wohnen‘: wanet (6); o- bzw. oͤ-Schreibung für tl. ǖ: – ‚Sohn‘: sone (1), Soͤne (7); – ‚sollen‘413: schoͤlen Pl. Präs. Ind. (2), scholen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), schole 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (2), schoͤle 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (19), schoͤle 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), schoͤle 1. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), Schole 1. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), schoͤlenn 3. Pers. Pl. Präs. Konj. (1); – ‚Vögel‘: Voͤgele (5). Schreibung von tl. ō, ȫ Die Schreibung für tl. ō verbreitet sich ungefähr ab der Mitte des 15. Jhs. im nie‐ derdeutschen Sprachraum und setzt sich zunächst im Nordniederdeutschen in spät‐ 5.2.3 Mittelniederdeutsche Sprache, S. 86f.; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 66 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 179-181, hier S. 180f.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 3f.; Beckmann, Zur Zerdehnung kur‐ zer Vokale in offener Silbe; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 133-135; Denkler, Sterbfallinventare, S. 192-194; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 90-93; ASnA, Bd. I, Karte 14 ‚Sohn (Nom. Sg.): tl. ū‘. 412 Vgl. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 413 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Für weitere Belege s. Kap. 6.1.13 Das Präteritopräsens ‚sollen‘. Teil II A Textinterne Analyse 114 mittelalterlicher Zeit durch. Diese Entwicklung, die Spuren der Prägung lübischer Schreibsprache trägt, erreicht später das Ostfälische, jedoch nicht das Westfälische. Das Westfälische bleibt konsequent bei der älteren o-Schreibung. Die a-Schreibung ist deutlich früher, bereits im 13. und 14. Jahrhundert, im Wes‐ ten belegt. Sie verbreitet sich vom Geldrisch-Kleverländischen aus ins sogenannte Ostniederländische und tritt zudem im westlichen Westfälischen auf.414 Laut Goos‐ sens ist ein Zusammenhang zwischen beiden Entwicklungen wohl abzulehnen.415 Konstante o-Schreibung mit übergeschriebenem ist im ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ zweimal belegt und tritt im Text ausschließlich bei Derivaten von ‚Probst‘ auf. Zu vermerken ist, dass die beiden Formen im prosaischen Vorwort416 zum zweiten Buch erscheinen und auf den möglichen Einfluss der Textvorlage von Erasmus von Rotterdam zurückzuführen sind: konstante o-Schreibung für tl. ō: – ‚Probst-‘: Domproͤuen (1), Proͤwestyen (1). Im gesamten Untersuchungstext findet sich sonst keine Variation zwischen o- und a- Schreibung. Es kommen ausnahmslos a-Schreibungen für tl. ō vor: a-Schreibung für tl. ō: – ‚Bote‘: baden (5), bade (3); – ‚-gebot‘ (flekt.): gastebade ‚Gastmahl‘ (1); – ‚gebrochen, -brochen (Part. Prät.)‘: thobraken (2), ghebraken (3); – ‚Gott‘ (flekt.): Gades (19), Gadesfoͤrchte (1), Gade (8); – ‚Hof‘ (flekt.): Haue (83), Hauedenst (2), Hauewart (1), Haue Feste (1), Haueleͤuēde (1), Hauedener (1), Hauetucht (3), Hauedenste (1), Hauedenern (1), Hauedenstes (1); – ‚lob-‘: lauelyken (1); lauen Inf. (8), laue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), laue ‚Lob‘ (6), Lauede 3. Pers. Sg. Part. Prät. (3), (syck) lauet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (11), laue 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), laues ‚Lob‘ (1), vorlauet Part. Prät. (1), gelauet Part. Prät. (2), lauen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), Laue 2. Pers. Sg. Imp. (3), laue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚oben‘: darbauen (1), bauen (12), Dar bauen (1); – ‚-schloss- (Part. Prät.), Schloss‘: geslaten (3), Slate (1), beslaten (2). 414 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 31, S. 27f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 50f.; ders., Niederdeutsche Studien, S. 22-24; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 88ff.; Højberg Christensen, Studier over Lyæbks kancellisprog, S. 233-237; Rooth, Ein Fragment des Passionstraktats von Heinrich von St. Gallen, S. 491-493; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 220; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 52f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 65; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 81; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 66f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 181-184; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 3f.; Beckmann, Zur Zerdehnung kurzer Vokale in offener Silbe; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 125f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 136-140; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 381; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 91-93; ASnA, Bd. I, Karte 15 ‚Gott (Gen. Sg.): tl. ō‘ und Karte 16 ‚offenbar: tl. ō‘. 415 Goossens, Middelnederlandse vocaalsystemen, Kap. 4.2.7. 416 ‚Van der Hauetucht‘. 5 Lautlehre und Orthographie 115 Für das tl. ȫ ist die Schreibung im niederdeutschen Sprachareal deutlich seltener zu beobachten. Sie begegnet fast ausschließlich in der Präposition aver417 ‚über‘ so‐ wie abgeleiteten Lexemen mit der aver-Komponente.418 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist die a-Schreibung dagegen keine Seltenheit. Beson‐ ders häufig ist sie genauso wie im restlichen Sprachgebiet in der Präposition ‚über‘ vertreten sowie in den Ableitungen mit dem Präfix ‚über-‘. Sie ist ebenfalls in Lexe‐ men mit den Komponenten ‚ober-‘ und ‚oberst-‘ belegt. Deutlich seltener begegnet die oͤ-Schreibung in ‚über-‘ und bildet eine eindeutige Ausnahme. a-Schreibung für tl. ȫ: – ‚über, über-, -über‘: auersettet (1), auergeuen (3), auertredung (1), auer (68), auerfal‐ len (2), auerdadt (1), auerkamen (5), auerfallenn (1), auerylet (2), auerwunnen (3), auermodt (1), darauer (1), auerreden (1), auerredet (2), auerredede (2), auergelouen (1), auerwinnige (1), auerwint (1), auerwinnunge (1), auerall (1), auerlast (1), auer‐ treder (1), auerghat (1), auermals (2), auertheen (1), auerbleeff (1), auertuͤghen (1), auerpuchen (1), auerpuchet (2), auerfloͤdigen (1), auertreden (1), auer wynt (1), aue‐ ringe (1), auereyn (1); – ‚oberst-‘: Auersten (2), auerige (1); – ‚Obrigkeit, Herrschaft‘: Aueriheit (1), Auericheit (9), Auericheyt (1). oͤ-Schreibung für tl. ȫ: – ‚über, über-, -über‘: oͤuerdaedt (1); Variation zwischen o- und a-Schreibung zeigt sich in folgenden zwei Fällen, wobei sich beide Schreibvarianten im prosaischen Vorwort zum zweiten Buch finden: o-Schreibung für tl. ȫ: – ‚Hof-‘: hoͤueschen (1); a-Schreibung für tl. ȫ: – ‚Hof, Hof-‘: Haͤuen (Pl.) (4), haͤuescheit (1), Haͤue (Pl.) (3), Haͤueschen (1). Eine Sonderstellung im Mittelniederdeutschen nehmen zudem die Wörter ‚offen‘ und ‚offenbar‘ ein, bei denen in der Regel bereits in der frühen Phase die a-Schreibung überwiegt. ‚Reynke Vosz de olde‘ bestätigt diese Tendenz. a-Schreibung für tl. ō: – ‚offenbar‘: apenbar (Adj., Adv.) (18), apenbaer (1), apen (Adj.) (1), apenbare 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), geapenbart (1), apenbare (Adv.) (1), apenbaren Inf. (1), apenba‐ ren (Adj.) (1), apenen (Adj.) (1). 417 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 91, S. 67: „Hier handelt es sich aber um zwei wörter: aver, d. i. over < oƀar und over = ȫver < *uƀiri.“ 418 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 91; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 66f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 44f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 181-184, hier S. 183f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 381; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 91-93, hier S. 92; ASnA, Bd. I, Karte 17 ‚über (Präposition + Präverb): Umlaut von tl. ā‘. Teil II A Textinterne Analyse 116 Insgesamt lässt sich für den Untersuchungstext festhalten, dass sich abgesehen von wenigen Ausnahmen die nordniederdeutsche a-Graphie durchgesetzt hat. Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing Die Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing ist eine Erscheinung, die sich besonders häufig und konsequent im ostfälischen Sprachraum beobachten lässt. Aber auch hier hat sich diese Erscheinung erst seit dem 15. Jahrhundert in der Schreibspra‐ che vollständig durchsetzen können. Im nordniederdeutschen Sprachgebiet ist diese Entwicklung deutlich seltener anzutreffen, v. a. erfolgt die Kürzung vor -el und -er, aber nicht vor -en. In der westfälischen Region des mittelniederdeutschen Sprachare‐ als ist die Kürzung tl. Vokale in der Regel kaum zu beobachten. In der Schrift wird die Kürzung der Vokale durch Konsonantenverdopplung mar‐ kiert. Es handelt sich dabei vorwiegend um dem gekürzten Vokal folgende und un‐ mittelbar vor dem Suffix stehende Konsonanten d, t, m, n und p in unbetonter Posi‐ tion. Im ostfälischen Kerngebiet findet man jedoch bis ins 15. Jahrhundert hinein Va‐ riation zwischen Einfach- und Doppelkonsonanz. Das Fehlen der Konsonantendopp‐ lung zwischen Vokal und Suffix im westfälischen Sprachraum erklärt sich dadurch, dass in der dortigen gesprochenen Sprache an dieser Stelle Kürzendiphthonge bzw. das helle ā anzusetzen sind. Die Doppelkonsonanz müsste hier demnach als aus‐ schließlich schreibsprachliches, jedoch nicht sprechsprachliches Phänomen interpre‐ tiert werden.419 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kommen sowohl Schreibungen ohne Bezeichnung der Vokalkürzung, als auch zahlreiche Schreibungen mit Doppelkonsonanz vor. Bei vie‐ len Schreibungen handelt es sich um lexemgebundene Doppelschreibungen, bei an‐ deren wenigen eben um lexemgebundene Schreibungen mit konstanter einfacher Konsonanz, in anderen Fällen variiert die gekürzte und nicht gekürzte Schreibung. Die letztere Gruppe ist allerdings am seltensten vertreten. 5.2.4 419 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 69; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kan‐ cellisprog, S. 238-256; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 34-47, 72, 81-87; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 11; Cordes, Schriftwesen und Schriftsprache in Goslar, S. 34f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 27f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 67; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 88; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 67f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 45]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 184-187; Weber, Die mittelniederdeut‐ sche Schreibsprache Osnabrücks, S. 140f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 382; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 93f.; ASnA, Bd. I, Karte 18 ‚wieder: Kürzung tl. Vokale vor -er‘. 5 Lautlehre und Orthographie 117 Belege ohne Bezeichnung der Kürzung (konstant): – vor -el: – ‚betteln‘: bedelen (1); – ‚Siegel‘420: Segel (1); – vor -en: – ‚wissen‘: weten 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (8), weten Inf. (20), vorweten Part. Prät. (1), wetende flekt. Inf. (1), weten 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), mitweten Inf. (1), geweten Part. Prät. (1); – vor -ich / flekt. -ig-: – ‚Königin‘: Koͤniginnen (2), Koͤniginne (2); – vor -ink / flekt. -ing-: – ‚König‘: Koͤninge (29), Koͤninges (23), Koͤninck (104), Koͤnīck (1), Koͤninghe (1), Koͤningen (1), Koͤnynck (2), Koͤnynges (1), Koͤnynge (1); – ‚Königin‘: Koͤningynne (3), Koͤninginne (1), Koͤniginnen (2), Koͤnigynnen (2). Belege mit konstanter Bezeichnung der Kürzung: – vor -el: – ‚edel‘: eddeler (3), Eddel (26), Eddelen (10), Eddele (6), geeddelt (1), eddelicheit (1), eddelste (2), vneddelen (1), Vneddel (1), Eddelicheyt (1); – ‚Himmel‘421: Hemmel (5); – ‚Skapulier, Schultergewand‘: Schepeller (1); – vor -en: – ‚nieder‘422: nedden (2); – vor -er: – ‚Leder, ledern‘: leddern (1); – ‚nieder, nieder-‘423: werp ... nedder (1), neddern (1), dreeff ... nedder (2), nedder‐ wert (1), nedder gedreuen (1), ghinck … nedder (1), gheyt … vp vnd nedder (1), vorneddert (1); – ‚Sommer‘424: Sommer (2); – ‚wider, wider-‘425: wedder (12), weddersteyt (1), wedderstreuet (2), wedderpart (1), wedderwertichheyt (1), weddergelt (1), wedderfaret (4), wedderuart (1), wed‐ deruaret (1), wedderuor (1), wedderwerdicheit (5), wedderwille (1), weddergelden (1), wedder faren (1), wedderstan (1), wedderfare (1), wedderfaren (3), tho wed‐ dern (2), wedderpartes (1), wedderwille (1), weddersprake (1), wedderstreuen (1), wedderparte (1), weddersaten (2), wedderstaen (1), tho wedder (1), wedder part (1), wedder varen (1), tho wedderen (2); 420 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī, Kap. 8.1.19 ‚Siegel‘. 421 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. 422 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. 423 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. 424 Vgl. auch Kap. 5.2.2 Schreibung von tl. ū, ǖ. 425 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. Teil II A Textinterne Analyse 118 – ‚wieder, wieder-‘426: Wedderumme (7), Wedderuͤmme (2), wedder (50), wedder ke‐ ren (1), wedderkumpst (1), wedderum (1); – vor -ich / flekt. -ig-: – ‚Honig‘427: Honnich (11), Honnich schyuen (2), Honniges (6), Honnige (1), hon‐ nich marcket (1), Honnig (1), honnich market (1), honnichsemes (1); – ‚ledich, frei‘: leddich (2), erleddyget (1). Belege mit variierender Schreibung: – vor -er: – ‚besser, besser-‘ ohne Markierung der Kürzung: vorbetert (2), beters (1), beter (9), beterunge (1), beteren (4), beterdest (1); – ‚besser, besser-‘ mit Markierung der Kürzung: Better (1); – vor -ich / flekt. -ig-: – ‚König-‘ ohne Markierung der Kürzung: Koͤnicklyken (1); – ‚König‘ mit Markierung der Kürzung: Koͤnniges (1). Als üblichere Realisierung ist für den ‚Reynke Vosz de olde‘ die gekürzte Doppel‐ schreibung einzustufen. Die Kürzung tl. Vokale erscheint v. a. vor -el, -er und -ich, was für den nordniederdeutschen Raum charakteristisch ist. Die ungekürzten tonlan‐ gen Vokale sowie variierende Schreibungen kommen in ‚wissen‘, ‚König-‘ (sowie entsprechenden Ableitungen) und zum größten Teil in ‚besser, besser-‘ vor, das heißt, vorwiegend vor -en, -ich und -ink. Auch diese Formenverteilung bzw. Varianz mit deutlichem Schwerpunkt auf ungekürzten Formen ist typisch nordniederdeutsch. Langvokalismus Für die Analyse der langen Vokale in historischen Zusammenhängen sind prinzipiell zwei Aspekte von Belang.428 Einerseits ist für eine variableninguistische Untersu‐ chung die Bezeichnung der Länge von Bedeutung. Das Frühmittelniederdeutsche kennt die Längenmarkierung so gut wie nicht, ab dem 15. Jahrhundert dagegen wird 5.3 426 Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. 427 Vgl. auch Kap. 8.1.9 ‚Honig‘. 428 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 49; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 20ff.; Behrens, Niederdeutsche Praeteritalbildung, S. 151; Lasch, Aus alten niederdeutschen Stadtbüchern, S. 156; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 90f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 29ff., 83, 89ff.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 67; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1767-1770; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f.; ders. Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 68 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 46]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 146-159; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 187; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1424, 1427f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 141f.; Temmen, Das ‚Ab‐ dinghofer Arzneibuch‘, S. 94f. 5 Lautlehre und Orthographie 119 die Länge immer häufiger gekennzeichnet. Als Längenmarker erscheinen im Mittel‐ niederdeutschen nachgeschriebene Vokale , , etc., aber auch Vokaldopp‐ lung sowie übergeschriebene Vokale, überwiegend e- und o-superscriptum. Im west‐ fälischen Sprachraum ist eine Varianz zwischen dem nachgeschriebenem und dem ripuarisch beeinflussten / festzustellen. Letztere Graphien finden sich ebenso im Kleverländischen. Das hochdeutsch beeinflusste Dehnungs-h erscheint erst in spätermittelniederdeutscher Zeit als Bezeichnung der Länge. Allgemein cha‐ rakteristisch sind die Unterschiede in der Längenmarkierung je nach Silbenart. Wäh‐ rend in der offenen Silbe die Längennotation im Normallfall unterbleibt, findet sie in geschlossener Silbe deutlich häufiger statt. Andererseits interessiert im Bereich der historischen Langvokale die Verschriftli‐ chung der Diphthongierung. Bereits in der mittelniederdeutschen Periode wurden in einigen Teilen des niederdeutschen Sprachgebietes stattgefundene Diphthongierungs‐ prozesse der geschlossenen bzw. der offenen ê- und ô-Vokalreihe schriftlich umge‐ setzt. In diesen Fällen ist davon auszugehen, dass bestimmte nach- oder überge‐ schriebene Vokale nicht als Quantitätsbezeichnungen, sondern als diphthongische Schreibvarianten zu interpretieren sind. Die Verschriftlichung der Diphthongierung unterbleibt allerdings im Normallfall. Beispielsweise ist es nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob es sich beim nachgeschriebenen oder noch um eine Längen‐ notation oder bereits um die Verschriftlichung der Diphthongierung handelt, m. a. W. ob man mit einer Quantitäts- oder einer Qualitätsmarkierung zu tun hat. Längenbezeichnung für mnd. â429 Die Länge von â kann im Mittelniederdeutschen genauso wie im Falle anderer Lang‐ vokale markiert oder nicht markiert sein. Erfolgt die Längenbezeichnung, so wird die Länge des altlangen â entweder durch nachgeschriebenes oder e-superscriptum notiert. Deutlich seltener sind in dieser Funktion die Schreibvarianten , und anzutreffen.430 5.3.1 429 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Längenbezeichnung des altlangen â eher um ein graphisches als ein phonologisch-graphematisches Phänomen handelt. Zwecks Vergleichbarkeit mit anderen Langvokalen wird dieses Phänomen im Bereich des Langvokalismus behandelt. Es greifen die Prin‐ zipien der Vergleichbarkeit und der Übersichtlichkeit, i. e. Kohärenz der Darstellung ein. 430 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 35, S. 30f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 22; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 90; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 68 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 46]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Litera‐ tursprache, S. 147-149, 150f., 155, 158; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34f.; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 188f.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 59; Niebaum, Phonetik und Phono‐ logie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1423f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 142f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 382f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 95-97; ASnA, Bd. I, Karte 19 ‚Rat (geschlos‐ sene Silbe): â‘. Teil II A Textinterne Analyse 120 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lassen sich Unterschiede zwischen der Bezeichnung der Länge in der geschlossenen Silbe und der Schreibung der Längenmarkierung in der offenen Silbe finden. In geschlossener Silbe kommen folgende Schreibvarianten vor:431 Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚-bar‘: fruchtbar (1), sichtbarlyke (1), fruchtbarlich (1), Erbarheit (1), apenbar (17), kuntbar (1), eerbarlike (1), erbar (2), kundtbar (3), achtbarkeit (1), geapenbart (1), Eerbarheyt (1), Eerbarlyke (1), duͤrbar (1), vndanckbarheyt (3); – ‚böse, schlecht‘: quadt (8); – ‚da, da(r)-‘432: Daryn (16), Darneuen (1), darynne (5), darhen (14), daruan433 (42), dardurch (9), Darmit (36), daruor434 (4), darum̃e (2), Daran (19), Darumme435 (54), darby (14), darūme (8), Dartho (52), darbauen (3), dar (224), darup436 (15), Daruth437 (12), darin438 (12), dar binnen (3), darsuͤluest (7), darna (20), daraff (4), daruͤmme (4), darmith (1), dar bynnen (4), aldar (2), dar nha (2), darunder439 (4), daruann (1), Dar dorch (2), darauer (3), Dar mede (6), Dar … vã (1), dar … jnne440 (6), Daruoͤr441 (6), darbeden (1), dardoͤrch (1), daryegen (2), daren (1), Darto (1), Dar … jnn (1); – ‚fahr-‘: varliken (1), varlick (5), eruarnen (1), varlich (1), varlicheyt (4), erfarne (1), Wollfardt (1), vart (1), varlicheit (6), hoghfart (1), varth (1), erfarnen (1), wedderuart (1), wolfart (2), varlyck (1), vardt (1), hofardich (1), houardt (1); – ‚gar‘: gar (42), ghar (2); – ‚gehen‘: gan (22), beghan (1), vorthogande (1), ghan (15), um̃e gan (1), gande (1), entgan (2), ghande (1), entghan (2), Rechtgant (6), Rechtgandes (3), Rechtgande (1), vorgant (1), anghan (1), gande (1); – ‚Jahr‘: jar (4), yar (7), iar (1); – ‚Kapellan‘: Capellan (1); – ‚klar‘: klarlich (1), klar (9), klarlick (1); – ‚Kumpan‘: Kumpan (1), – ‚mal, -mal‘: vormals (2), mal (9), namals (7), mall (3), Hyrnamals (1), auermals (2), mals (1); 431 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 432 Hier sind Formen in Kontakt- und Distanzstellung unabhängig von ihrer Getrennt- oder Zusam‐ menschreibung im Text aus Platzgründen zusammengezählt, d. h. darby, dar by und dar … by sind ausnahmsweise zusammengezählt. Die Schreibweise der Ersterwähnung im Untersuchungstext ist dabei beibehalten. 433 In der Distanzstellung als dar … van. 434 In der Distanzstellung als dar … vor. 435 In der Distanzstellung als dar … vmme. 436 In der Distanzstellung als dar … vp. 437 In der Distanzstellung als dar … vth. 438 In der Distanzstellung als dar … jn. 439 In der Distanzstellung als dar … vnder. 440 In der Kontaktstellung als darinne. 441 In der Distanzstellung als dar … voͤr. 5 Lautlehre und Orthographie 121 – ‚Rat, Rat-‘: Radt (37), radtslach (1), radtslagede (1), radtfragede (1), radtslege (3), Radtslage (1), Radtslegen (1), radtslagē (1); – ‚schlagen‘: entslan (1), slan (2), slande (1); – ‚schwer‘: swar (5); – ‚stehen (Inf. und Pl. Präs. Ind.)‘: stan (20), vorstan (13), thouorstan (1), bestan (4), thouorstande (1), vnderstan (2), anstan (1), entstan (1), vpstan (1), wedderstan (1), ys tho uorstande (1); – ‚Tat, -tat‘: myszdadt (1), auerdadt (1), woldadt (1), myssedadt (3), missedadt (2), dadt (4), – ‚wahr, wahr-, Wahr-‘: Warheyt (34), warheit (15), warhafftigē (1), warhafftige (2), war (11), warhafftich (3), warhafftiger (2), warafftich (1), en war (1), vorwar (6), vorwart (1), warnemen (3), warhafftiges (1), warnemest (1), warden (1), gewar (1), bewarende (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚fahr-‘: vaͤr (1); – ‚Haar‘: haͤr (1); – ‚Kumpan‘: kumpaͤn (1); – ‚Rat‘: raͤdt (3), raͤdtslege (1); – ‚stehen‘: staͤn (1); – ‚Tat, -tat‘: woldaͤdt (4), daͤdt (2), vndaͤdt (2), myszdaͤdt (1); – ‚wahr, wahr-‘: enwaͤr (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚-bar‘: apenbaer (1); – ‚böse, schlecht‘: quaet (5), quaedt (4), quaed (2); – ‚da, (dar)-‘: daer (3); – ‚Fahr-‘: vaerd (1), vaerdt (1); – ‚gehen‘: begaet (1), vorgaet (1), gaet 2. Pers. Pl. Imp. (1), ghaen (2), Ghat hen 2. Pers. Pl. Imp. (1), gaen (2), vmme gaet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), gaet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), auer ghaen (1); – ‚Haar‘: haer (6); – ‚Jahr‘: jaer (3); – ‚Rat‘: raet (8), Raed (3), raedt (6); – ‚schlagen‘: slaen (4); – ‚schwer‘: swaer (1); – ‚stehen‘: staen (1), staet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), vorstaet 2. Pers. Pl. Imp. (1), an‐ staet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), wedderstaen (1), vorstaen (1), affthostaen (1); – ‚Tat, -tat‘: myszdaet (1), daet (2), myssedaet (1), oͤuerdaedt (1); – ‚wahr, Wahr-‘: vorwaerd (1), waer (5), waerde (1); – ‚Wahn‘: waen (2). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Gemahl‘: gemahels (1), gemahel (1). Wie man den aufgeführten Belegen entnehmen kann, konkurriert die nicht markierte einfache a-Schreibung vor allem mit der doppelten ae-Form, wobei die Realisierun‐ Teil II A Textinterne Analyse 122 gen ohne Längenbezeichnung deutlich frequenter sind. Man sieht es vor allem daran, dass die nicht markierten Schreibungen allein in den ersten sieben Kapiteln des ers‐ ten Buches genauso häufig vorkommen wie ae-Schreibungen im gesamten Untersu‐ chungsabschnitt. Noch seltener sind im Text die a-Schreibungen mit übergeschriebe‐ nem , eine nur marginale Bedeutung weisen die insgesamt zwei wohl hoch‐ deutsch beeinflussten Formen mit auf. In offener Silbe wird die Länge dagegen so gut wie nie gekennzeichnet, was der überregionalen Tendenz zur Nichtmarkierung der Vokallänge in offener Silbe ent‐ spricht. Die Variation ist in diesem Fall äußerst gering. Zumeist erscheint die einfa‐ che a-Schreibung ohne Diakritika.442 Die Realisierung des mit e-superscriptum beschränkt sich auf einen Einzelbeleg. – Belege mit in offener Silbe: fabel, framen, na, affgemalet, nha, fruchtbaren, Erfaren‐ heit, erfarung, vnderdanen, vororsaket, Fabulen, Fabelen, Schape, Rade, orsaker, namals, rade, vnrade, gemaket, nauolgende, framicheit, vormanung, swaren, framer, schaden, na‐ deͤl, vorware, spare, framen, faren, nauolgenden, Krameren, Kramer, make, vaken, slape, saken, Papen, Adels, namen, daden, vaderlandes, sake, prale, schadet, hyrna, Bare, Ape, Apynne, Hase, Hane, erfaren, laten, water, nauolgen, nalet, vader, weheklaget, Gauenfre‐ ter, affmalet, gnade, vorklaget, gnaden, quade, laken, kater, vorware, naber, klage; – Beleg mit in offener Silbe: staͤte (1). Umlaut von â Zur Kennzeichnung443 des sogenannten langen mnd. ê1, das sich durch Umlautung aus dem vormnd. â entwickelt hat, werden im ‚Reynke Vosz de olde‘ nebeneinander die e-Graphie und die a-Graphie ohne weitere Längenbezeichnung gebraucht. Eine solche Variation zwischen den beiden Schreibungen ist zwar für das gesamte mittel‐ niederdeutsche Sprachareal festzustellen, wird allerdings eher für die frühe Phase des Mittelniederdeutschen im 13.-14. Jahrhundert angenommen.444 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ findet sich die ältere nicht umgelautete a-Schreibung in ausgewählten suffigier‐ 5.3.2 442 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 443 Aus praktischen Gründen kennzeichnet man im Mittelniederdeutschen die unterschiedlichen Lang‐ vokale ê und ô je nach ihrer lautgeschichtlichen Herkunft mit hochgestellten Zahlen: ê1, ê2, ê3, ê4, ô1, ô2. Vgl. Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland. Zu ent‐ sprechenden Entwicklungen und ihren Realisierungen im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3, Kap. 5.3.5 Mnd. ê4, Kap. 5.3.7 Mnd. ô1 und ö̂1 und Kap. 5.3.8 Mnd. ô2 und ö̂2. 444 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 36-37, S. 31f.; Lübben, Mittelniederdeut‐ sche Grammatik, § 26, S. 29; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwi‐ schen 1300 und 1500, S. 52f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 55; Sarauw, Niederdeut‐ sche Forschungen. I, S. 263-274; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 50f., 109-111; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 68f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studi‐ en, S. 46f.]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Li‐ teratursprache, S. 159f.; dies., Druckt tho Rozstock, S. 35f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, 5 Lautlehre und Orthographie 123 ten Ableitungen auf -ich / -ig- und -lik / -lich und scheint lexemgebunden zu sein. Sie begegnet außerdem einmal in der Superlativform de alder swareste 188r. Nicht weni‐ ger überraschend erscheint die unumgelautete Pluralform Krameren 4r. Die jüngere e- Graphie kommt genauso häufig vor und ist ebenfalls lexemgebunden. Aufgrund einer vergleichsweise geringen Belegdichte lässt sich jedoch kaum sagen, welche Schrei‐ bung die gebräuchlichere ist. Es lassen sich auch keine signifikanten Unterschiede zwischen dem Verstext, den Kapitelglossen und den Marginalien finden. Umlaut â > ê1: – Belege mit konstanter e-Schreibung: bequeme (5), bequemlich (1), bequemen (1), be‐ quemer (1); Reden (Dat. Pl. ‚Räten‘) (5), Rede (Pl. ‚Räte‘) (17), vorrederye (2), vorre‐ der (1); Schepes (1); miszdeders (1), miszdeder (1); – Belege mit konstanter e-Schreibung: bequeem (1); – Belege mit konstanter a-Schreibung: Krameren (1), Kramer (5); – Belege mit variierender Schreibung: beswert (2), beswerung (1), besweren (3), de al‐ der swareste (1). Umlaut von â vor dem Suffix -ich / -ig-: – Belege mit konstanter e-Schreibung: gnedich (2), vngnedich (1), gnedyge (3), gnedige (8), vngnedigen (1), gnedig (fem., Akk. Sg.) 170v (1); schriftmetige (1), rechtmetigen (1), vnmetige (1), Meticheyt (1); – Belege mit variierender Schreibung: godseligem (1), geluckseligem (1), vngeluͤckseli‐ gen (1), geluͤckseligen (2), geluͤckseligem (1); salich (2), salicheit (1). Umlaut von â vor dem Suffix -lik / -lich: – Belege mit konstanter e-Schreibung: beswerlike (1), swerlick (9), beswerlick (1); – Belege mit konstanter a-Schreibung: varliken (1), varlick (4), varlich (1), varlicheyt (3), varlicheit (7), varlyck (1); klarlich (1), klarlick (1). Umlaut von â vor dem Suffix -inge: – Einzelbeleg mit a-Schreibung: vorklaringe (2). Mnd. ê2 und ê3 Das halboffene monophthongische mnd. ê2 stellt die Fortsetzung des aus dem west‐ germ. Diphthong ai entstandenen ę̄ dar. Im Hinblick auf den Öffnungsgrad des mnd. ê2 lässt sich annehmen, dass dieser Langmonophthong zwischen dem offenen langen mnd. ê1, also dem Umlaut des vormnd. â wie beispielsweise in gnedig, und dem rela‐ tiv geschlossenen mnd. ê4, also dem vormnd. ê (germ. ê2) und eo (germ. eu) wie bei‐ 5.3.3 S. 189-192; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 59; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 143-146; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 383; Denkler, Sterbfallin‐ ventare, S. 181f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 97ff.; ASnA, Bd. I, Karte 20 ‚jähr‐ lich: â vor Umlautfaktor‘ und Karte 21 ‚nächste: â vor Umlautfaktor‘. Teil II A Textinterne Analyse 124 spielsweise in beers ‚Biers‘ (Gen. Sg.), liegt. Das nicht umgelautete mnd. ê2 hat sich allerdings in vielen Bereichen des mittelniederdeutschen Sprachareals weiter in zwei Laute gespalten: einerseits in ê2a, das sich lautlich dem offenen mnd. ê1 angeschlos‐ sen hat, und andererseits ê2b, das mit geschlossenem mnd. ê4 gleichlautet. Diese Spal‐ tung bleibt im Südwestfälischen, im Münsterländischen und im südlichen Westmüns‐ terländischen im Gegensatz zum restlichen niederdeutschen Gebiet aus. Wenn ein Umlautfaktor in der Folgesilbe erscheint, wird mnd. ê2 außerdem zu ei diphthongiert. Der aus dem mnd. ê2 entstandene Diphthong wird im Mittelnieder‐ deutschen als ê3 bezeichnet.445 Hierbei handelt es sich wohl um eine sehr frühe lautli‐ che Entwicklung, denn ê3 ist nicht nur im ganzen niederdeutschen Gebiet, sondern auch im Niederländischen diphthongiert. Möglicherweise ist germ. ai vor i- und j- Umlaut nie ganz monophthongiert worden. Die fehlende Umlautung als Kennzeichen des Südwestfälischen und Westmünsterländischen, aber auch als typisches sprachli‐ ches Merkmal in den östlichen Niederlanden ist höchst wahrscheinlich auf den frän‐ kischen Einfluss zurückzuführen.446 Hinsichtlich ihrer Aussprache lassen sich stark variierende ê2 und ê3 in der schrift‐ lichen Realisierung zuweilen nur schwer voneinander unterscheiden.447 Man geht jedoch davon aus, dass mnd. ê2 geschlossen und mnd. ê3 offen war. Fedders weist darauf hin, dass sich „eine Unterscheidung nach konstanter bzw. variierender Schreibung“ als praktikabel erwies und dass Formen mit ê3 etwas häufiger mit konstanter ei- / ey- Schreibung als Wörter mit ê2 vorkommen. Roolfs betont zudem, dass im Westfälischen auftretendes nachgestelltes oder als Längenbezeichnung gedeutet werden kann, weil in diesem Sprachareal mnd. ê2 nicht diphthongiert wird.448 445 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 32-33, S. 28ff., § 36, S. 31, § 38, S. 32f.; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 57-59; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 24, S. 25-28; Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 31-37; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 116, 118-128; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I, S. 154-181; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1767-1770; Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland; Scharnhorst, Un‐ tersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 51-74; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66f.; Niebaum, Westniederdeutsch, S. 461f. und Karte 2; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f. und Karte 5 im Kartenanhang; ders., Katalog sprach‐ licher Merkmale I, S. 69 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 47]; Prowatke, Zur Ausbil‐ dung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 147-151, 155-159; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 192-197; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Be‐ ginn des Sprachenwechsels, S. 60f.; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1427f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Sprache Osnabrücks, S. 146-152; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 383-385; Denkler, Sterbfallinventare, S. 183-185; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 97-99; ASnA, Bd. I, Karte 22 ‚eigen (Ad‐ jektiv + Substantiv): ê2‘ und Karte 23 ‚Teil (geschlossene Silbe): ê2‘. 446 Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland, S. 16; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 383. 447 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 123, S. 81f., hier S. 82: „Die entscheidung kann nur aus beobachtung neuerer sprachentwicklungen gefunden werden, nicht vom mnd. aus, wo die orthogra‐ phischen tendenzen der diphthonggebiete sich mit solchen der ê-gebiete kreuzten. Es ist zu beachten, dass gerade nordalbing.-Lübeckisch monophthong zeigt, andrerseits wurde auch ei für ê geschrieben.“ 448 Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 383. 5 Lautlehre und Orthographie 125 Im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ fällt auf den ersten Blick eine starke Variati‐ on in der schriftlichen Realisierung des mnd. ê2 wie des mnd. ê3 auf. Bei der Behand‐ lung der Variablen ê2 konnten folgende Schreibvarianten ermittelt werden: , , , und . Ferner erscheinen weniger häufige Schreibungen und , von denen die erste eine Hiattilgung449 vermuten lässt, wie beispielsweise in vehetucht und weheklaget, und die zweite als hochdeutsch beeinflusster Hyperkor‐ rektismus bewertet werden kann, beispielsweise in twyerley. Die Form nadehelich könnte ebenfalls als hyperkorrekte Bildung eingestuft werden. In geschlossener Silbe scheint eine digraphische Schreibung zu dominieren; vor‐ del versus deel, deels, vordeel. Eine größere Rolle spielen hier dennoch die Schrei‐ bungen und im Vergleich zur verdoppelnden ee-Realisierung und mit esuperscriptum. Allerdings kann man keinen großen quantitativen Unterschied zwi‐ schen den Längenmarkern und erkennen, die i-Schreibungen führen mit einem geringen Vorsprung. Die meisten Lexeme mit mnd. ê2 kommen in beiden Schreibvarianten vor: gemeynlick neben gemeinlick, heymliken neben Morszheim. Mehr oder minder lexemgebunden scheinen folgende Schreibungen mit zu sein: Morszheim und vleisch. Mnd. ê2: Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚hässlich‘: letlyker (3), letlyken (2), letlyke (1); – ‚Heim, heim-‘: hemlike450 (1); – ‚meinen‘: Mende (7); – ‚Oheim‘: Ohem451 (33); – ‚Teil, -teil‘: vordel (3), vngeordelt (1), ordel (3), voruoͤrdeln (1), oͤrdel (3), vordels (3), geordelt (1), vorfordelt (1); – ‚zwei‘: twen (5). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚meinen‘: meͤnde (12), meͤnth 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), meͤnt 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), meͤnden (2), gemeͤnschop (1); – ‚Teil, -teil‘: nadeͤl (1), vordeͤl (2), yegendeͤl (1), erffdeͤl (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Eid‘: Eedt (2); – ‚leidlich‘: leetlyke (1), leetlyken (1), leetlyker (1); – ‚meinen‘: Meende (3); – ‚nein‘: Neen (9); 449 Vgl. Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 450 Bei diesem Beleg handelt es sich um ein Beispiel mit Worttrennung am Zeilenende: hem-like. Der Platzmangel könnte in diesem Fall mitunter der Grund für die Nichtmarkierung der Vokallänge sein. 451 Zumeist allerdings in der Form oem. In dieser Schreibung kann das als Längenmarkierung be‐ wertet werden. Teil II A Textinterne Analyse 126 – ‚Stein, Stein-‘: Steenklippen (1), Steen (1); – ‚Teil, -teil‘: deel (12), deels (1), vordeel (3), nadeel (2), voͤrdeel (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚alleine‘: alleyn (2); – ‚bereit‘: bereydt (1), bereyt (1), bereyd (1), vnbereydt (1); – ‚Eid‘: Eydt (2), Eyd (1), eyt (1); – ‚Fleisch‘: vleysch (1); – ‚Heim, -heim-‘: heymliken (1), Morscheym (1); – ‚Kleid‘: kleyt (2); – ‚leid, Leid‘: leydt (3); – ‚leisten‘: leysten (1); – ‚meinen, -mein-‘: gemeynlick (1), Gemeyn (1); – ‚meist‘: meyste (3), meyst (2), meysten (3); – ‚Stein‘: steyns (1), steyn (2). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚bereit‘: bereit (3); – ‚Bescheid‘: bescheit (1); – ‚Fleisch‘: vleisch (3), fleisch (1); – ‚Heim, heim-‘: heimlyke (1), Morszheim (3), heimlicheit (4), heimlike (1), heimlikes (1), heimliker (1), heimliken (1), heimlick (2); – ‚meinen, -mein-‘: gemeinlick (14), meinheit (1), meindest (1), gemeint (2), gemein (1), gemeinschop (1), meinst (1); – ‚meist‘: meiste (1), meisten (3); – ‚Stein‘: stein (5); – ‚Teil, -teil‘: deil (2). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Eid‘: Ehedt 36v (1); – ‚Teil, -teil‘: nadehel 38v (1). In offener Silbe sieht die Verteilung signifikant anders aus. Am häufigsten kommt hier die einfache e-Schreibung vor: Belege mit in offener Silbe: – ‚alleine‘: allene (40), allenen (1); – ‚breit‘ (flekt.): breden (1); – ‚Eichhörnchen‘: Ekerken (1); – ‚Eid‘: Eden (1); – ‚eigen, eigen-‘: egenschop (2), egenschoppen (1), egenen (2), egentlick (4), Egen nutt (3), egennuͤttich (3), egen (22), eghen (2), Egennuth (1), Egen loff (2), egen nutte (5), egennuͤttygem (1), Egen nuͤtte (5), egentlich (1), egen nuttes (2), egene (1); 5 Lautlehre und Orthographie 127 – ‚ewig‘452: ewyger (1), ewych (1), ewygbestendigen (1), ewichlick (1), ewiges (1), ewy‐ ge (2), ewich (1); – ‚heischen, begehren‘: esschet (5), esschede (2), esschen (1), esschende (1); – ‚Kleid, -kleid-‘: klede (1), kleder (2), vorkleden (1), kledynge (2); – ‚leid, -leid-‘: geleden (1), lede (1), beledige (1), beledyget (1); – ‚-mein-‘: wolmenunge (1), menen (3), mene 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), menest (1), ge‐ menet (1), menet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚-scheid-‘: scheden (2), vnderschedt (1), beschede (1), entschedede (1), bescheden‐ heyt (1); – ‚-teil-‘: vorfoͤrdelen (1), voruoerdelet (1), vordele (4), ordelen (1), ordele (4), vororde‐ len (1), vorfordelen (1), vorfordele (1); – ‚wenig‘453: weniger (1), wenich (1); – ‚Zeichen‘: teken (2), Tekene (1); – ‚zwei, zwie-‘: twedracht (8), twe (40), Twetuͤngige (2). Deutlich seltener ist die doppelte ee-Schreibung, die außerdem lexemgebunden zu sein scheint. Die schriftliche Realisierung mit taucht in Lexemen mit Kompo‐ nenten ‚Ehe-‘ und ‚wehe-‘ auf, in denen ferner zweisilbige statt einsilbige Strukturen vermutet werden können. Sollte es sich um zweisilbige Komponenten handeln, müss‐ te man diese als Hiatpositionen454 ohne hiattilgende Konsonanten betrachten. Eine eindeutige Entscheidung kann in diesen Fällen allerdings nicht getroffen werden: Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehe, ehe-‘455: Eebrekerye (5), Eelick (1), Eeluͤde (1), Eebroͤck (1), Eebrekery (1); – ‚Eid‘: Eeden (1), Eedes (1), Eede (4); – ‚weh, weh-‘: wee (13), weemodt (1). Digraphische Schreibungen und sind häufiger auch in offener Silbe vertre‐ ten. Sie sind ungefähr gleichmäßig verteilt, ohne dass sich distinktive Unterschiede zwischen den beiden Schreibvarianten ausmachen lassen. Es fällt außerdem auf, dass die Mehrheit der hier aufgeführten Belege auch in der geschlossenen Silbe digra‐ phisch mit oder realisiert wird (s. o.): Belege mit in offener Silbe: – ‚bereit‘: bereyden (1), bereyde (1); – ‚Eiche‘: Eyke (1), Eyken (1); 452 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 308; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 264. Vgl. auch Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 116. 453 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 1556; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 983. 454 Vgl. Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 455 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 261f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 228. Teil II A Textinterne Analyse 128 – ‚eigen‘: eygen456 (3); – ‚leid, leid-‘: Leyder (1), tho leyde (1), leyde ‚Leid‘ (1); – ‚-mein-‘: gemeyne (3), wolmeynunge (1), gemeynen (4), ghemeyne (1), Meyne 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1); – ‚-scheid-‘: bescheydiget (1), entscheyden (1), bescheydenheyt (1), scheyden (6), schey‐ dede (2); – ‚Stein‘: gesteyne (1); – ‚teilen‘: deylen Inf. (1); – ‚wenig‘: weyniger (1), weynich (14), weynige (1); – ‚Zeichen‘: teycken (1), teyken (1); – ‚zwei‘: twey (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚alleine‘: alleine (4);457 – ‚bereit-‘: bereiden (2); – ‚breit-‘: vthbreidet (1), vthbreidē (1); – ‚eigen‘: eigen (1); – ‚Fleisch‘: fleisches (1); – ‚-mein-‘: meine 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), gemeinen (10), Gemeine (12), meinet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), meinūge (1), gemeinem (1), meinunge (1), meine 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), gemeinet Part. Prät. (1), gemeinenn (1), meininge (1); – ‚-scheid-‘: Scheidet 3. Pers. Präs. Ind. (1), entscheiden Inf. (3), scheiden Inf. (2), vnbe‐ scheiden (1), bescheiden (1); – ‚Stein‘: steine (1), steineken (1), steinen (1); – ‚-teil-‘: mitdeilen (2); – ‚wenig‘: weinich (13), weiniger (2), weinigeste (1), weinigen (1); – ‚Zeichen‘: teicken (3). Deutlich seltener erscheint im Text die Schreibvariante mit dem übergeschriebenen und stellt eher eine Ausnahmeerscheinung dar: Belege mit in offener Silbe: – ‚-mein-‘: gemeͤne (1), meͤnen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2). Von besonderem Interesse sind die Formen mit den Komponenten ‚weh, wehe-‘ und ‚Teil-‘, die durch die ehe-Schreibung auffallen. Es stellt sich erneut die Frage, ob die‐ se Formen noch als Längenmarkierung bewertet werden können oder ob sie bereits als Formen mit hiattilgendem458 aufgefasst werden sollten. Auch hier kann keine endgültige Entscheidung getroffen werden: 456 Die digraphische Schreibung stellt eher eine Ausnahme für diese Wortform dar. Das Lexem ‚eigen‘ sowie seine Derivate und Komposita mit der Komponente ‚eigen-‘ kommen am häufigsten mit einem einfachen vor (s. o.). 457 Die digraphische Schreibung in ‚alleine‘ ist zwar kein Einzelbeleg, stellt jedoch eher eine Sel‐ tenheitsvariante dar. Dieses Lexem erscheint am häufigsten mit einem einfachen vor (s. o.). 458 Zur Hiattilgung im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 5 Lautlehre und Orthographie 129 Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehe, ehe-‘: eheliken (1), Ehelykenn (1); – ‚-teil-‘: nadehelich (1); – ‚weh, wehe-‘: vehetucht (1), weheklaget (1), wehe (5). Nicht minder bemerkenswert sind die Realisierungen des Zahladverbs twyerley und twye, denn das zugrundeliegende Zahlwort ‚zwei‘ kommt im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich in der ursprünglichen Neutrum-Schreibung twe (s. o.) vor. Die daraus potentiell erschließbare Schreibform tweerley mit oder ohne Dehnungs-y oder -i, die im Norden des mittelniederdeutschen Sprachareals durchaus vorkommt, lässt sich im Text nicht finden. Bei twyerley handelt es sich dagegen um eine regional übergreifen‐ de Schreibvariante, die auf die Genitivform des Zahlworts ‚zwei‘ (Gen. twîger) zu‐ rückzuführen ist, die ihrerseits als Analogie zum Genitiv des Zahlworts ‚drei‘ ent‐ standen ist (Gen. drîger). Das hiattilgende wurde durch ersetzt.459 Bei twye handelt es sich einerseits um eine reimgebundene Form „Ja / nicht eyns / men twye effte drye / He floͤkede my dartho de Poppelsye“ 227r, andererseits um eine ältere Schreibvariante, die zudem auch in der Lübecker Vorlage so vorkommt: „Ja. nicht eyns. men twye efte drye He vlokede my dar to de poppelsye“460. Belege mit in offener Silbe: – ‚zwei‘: twyerley (4), twye (1). Als Untergruppe zu mnd. ê2 kann ferner ê2 vor r betrachtet werden.461 In der ge‐ schlossenen Silbe kommen folgende Schreibweisen vor: , , , und . Die drei letzteren Varianten, insbesondere jedoch die he- und ehe-Schreibun‐ gen, stellen Seltenheitsvarianten dar, die verstärkt im Glossenteil sowie in Randglos‐ senbeiträgen erscheinen und auf den möglichen hochdeutschen Einfluss zurückzu‐ führen sind. Zudem lässt sich festhalten, dass die eh- und he-Schreibungen lexem‐ gebunden sind und ausschließlich im Auktativ ‚mehr‘ und dem Adverb ‚nimmer‐ mehr‘ zu finden sind, jedoch nicht in Wörtern mit ‚erst-‘, ‚Ehr-‘ oder ‚-kehr-‘-Kom‐ ponenten. Symptomatisch sind außerdem das Fehlen der digraphischen Realisierun‐ gen und vor r und auch das sonst eher für ê4 zu erwartende Verhalten, i. e. Variantenverteilung: 459 Zu deklinierbaren Kardinalzahlen im Mittelniederdeutschen vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 396. Zu anderen Zahlarten vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 400. 460 ‚Reynke de vos‘, Bl. 211r. 461 Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 192-197, hier insbes. S. 193f. Vgl. dazu auch Lasch, Mit‐ telniederdeutsche Grammatik, § 110; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 69 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 47]. Teil II A Textinterne Analyse 130 Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘462: Erbarheit (1), erbar (2), Erbarheyt (1); – ‚erst-‘463: Erste (58), ersten (34), Vorerst (12), erst (5); – ‚Herr‘: her (23); – ‚kehren, -kehr-‘464: vorkerde (1), vorkert (8), vorkerden (1), gekert (1), vmmegekert (1); – ‚Lehre, lehr-‘465: gelert (3), vngelerden (1), gelerden (1), gelerder (1), vngelert (1); – ‚mehr‘466: mer (17). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: eer (3), eerlick (5), eerlyken (1), Eerbalike (1), vneerlick (2), eerlosen (1), eerbedungen (1), vneerlyck (1), Eerleuende (1), Eerbarheyt (1), Eerlyke (1), Eerbarly‐ ke (1); – ‚kehren, -kehr-‘: vorkeert (1); – ‚mehr‘: meer (1); – ‚sehr‘467: seer (56). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚mehr‘: mehr (42), nuͤmmer mehr (1), nuͤmmermehr (1); Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚mehr‘: mher (4); Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: ehergyricheit (1). Ähnlich sieht es in der offenen Silbe aus. Die einfache e-Schreibung dominiert ein‐ deutig, die digraphischen Schreibungen und sind nicht vertreten. Die Sel‐ tenheitsvariante ist die Realisierung mit dem Dehnungs-h. Als bemerkenswert er‐ weist sich die ziemlich frequente Schreibvariante , die in einem Konkurrenz‐ verhältnis zu doppelten ee-Schreibung steht, wobei beide Schreibungen lexem‐ gebunden sind: Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: erentfast (1), gheeret (2); – ‚Herr, -herr‘: Here (56), HEREN (78), Jaherenn (1), Kerckhere (1); 462 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 262f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 228. 463 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 296f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 256f. 464 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 645f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 482. 465 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 782; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 566. 466 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 855f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 610. 467 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 1270f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 837f. 5 Lautlehre und Orthographie 131 – ‚kehren, -kehr-‘: henkeret (1), keren (1), vorkeren (3), bekeret (1), kere (2), wedder ke‐ ren (1), vorkeret (1), keret (1), vorkerer (2), kereden (1); – ‚Lehre, lehr-‘: geleret (1); – ‚mehr, -mehr-‘: vormereden (1), mereth (1), mere (3), vormerungen (1), meret (1), vor‐ meren (7); – ‚sehr‘: sere (48). Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: eere (37), geeeret (1), eeren (21), vneeret (1); – ‚sehr‘: seere (2). Belege mit in offener Silbe: – ‚Ehre, ehr-‘: enteheret (1), ehere (1), eheret (1), vneheren (1). Mnd. ê3: Mnd. ê3 wird meistens mit digraphischer Schreibung oder wiedergegeben, sowohl in der geschlossenen als auch in der offenen Silbe, wobei die Formen mit leicht vorherrschen. Daneben kommen einzelne Wörter mit einfacher e-Schrei‐ bung vor. Der Unterschied zu mnd. ê2 ist augenfällig: Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚klein-‘468: klenode (2), klenodē (1), klenoͤde (2). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Arbeit, -arbeit‘469: arbeyt (4), dwanckarbeyt (1), arbeydt (1); – ‚geil‘470: geyl (1); – ‚klein‘: kleyn (5); – ‚leiten, -leit-‘: geleydt (1); – ‚rein‘: reyn (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Arbeit‘: arbeit (4); – ‚klein‘: klein (4). Belege mit in offener Silbe: – ‚klein, -klein-‘: vorklenung (1), klene (3). 468 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 666f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 495. 469 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 55f.; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 57. 470 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 414; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 339f. Teil II A Textinterne Analyse 132 Belege mit in offener Silbe: – ‚Arbeit, arbeit-‘: arbeyde (1), arbeydende (1); – ‚beide‘471: beyden (17), beyde (29), beyder (6), allebeyde (1); – ‚Heide‘472: heyden (1), Heyde (1), heyde (2); – ‚klein‘: Kleyne (4), kleynen (2); – ‚-leit-‘: vorleydung (1), geleyde (7), vorleyden (2), leyden (1); – ‚rein‘: reyne (3); – ‚warten‘: beyde 1. Pers. Sg. Ind. Präs. (1), beydenn (1), beyden Inf. (2), beydeden (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚Arbeit, arbeit-‘: arbeide (1), arbeiden (1); – ‚beide‘: Beide (2), beiden (2); – ‚Heiden-‘: Heidenscher (1); – ‚klein‘: kleinen (2), kleine (7), kleiner (2); – ‚-leit-‘: vorleidet Part. Prät. (2), Vorleider (1); – ‚rein‘: reine (1); – ‚warten‘: vorbeiden (1), beiden (1), vorbeidede (1). Diphthong ei Diphthong ei kann im Mittelniederdeutschen in diversen Positionen erscheinen und lässt sich etymologisch unterschiedlich erklären. In erster Linie handelt es sich beim mittelniederdeutschen Diphthong ei um eine unveränderte Übernahme des asächs. ei. Dieser kann sowohl im An-, als auch im In- und Auslaut begegnen. Ferner ist in die‐ ser Untergruppe mnd. ei in lateinischen Entlehnungen zu behandeln.473 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ findet sich in diesen Fällen üblicherweise die ey-Schreibung, in selte‐ neren Fällen ist die Schreibung belegt. Insgesamt ist die Schreibung recht kon‐ stant. Belege mit : – ‚Ei‘474: Eyer (3); – ‚Krähe‘475: Kreye (9), Kreynne (1), Kreyen (10); – ‚-lei‘: allerley (3), watterley (1), mennigerley (3), dryerley (4), twyerley (4), allerleye (1), mennigerleye (2), nenerleye (1), nigerley (1), Watterley (1); 5.3.4 471 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 114; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 104. 472 Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, S. 522; Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 400f. 473 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44, S. 36f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 124; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gry‐ ses, S. 96f.; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Li‐ teratursprache, S. 146, 148-151, 161-162; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 385f., hier S. 386. 474 Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 475 Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 5 Lautlehre und Orthographie 133 – ‚Mai‘476: meygen (1); – ‚Meister, meister-‘: meysterynne (1), meyster (2), meysterlick (2), meysterlyke (1); – ‚Meyer, Meyer-‘477: Meyer (1), meyersche (1), Meye (1); – ‚Schrei‘: voͤgelgeschrey (1); Belege mit : – ‚Meister, meister-‘: meisterinne (1), Meister (4), gemeistert (1), meisterlick (4), meis‐ terlyke (1), meisteren (1), meisterstuͤcke (1), scholemeister (1). Außerdem begegnet der mittelniederdeutsche Diphthong ei vor Dentalen: ei < egi.478 Belege mit : – ‚schlägt‘: sleyth (1), affsleyt (1);479 Belege mit : – ‚schlägt‘: sleit (1), sleit ... aff (1), sleit ... dartho (1).480 Schließlich erscheint der Diphthong ei auch in Namen: – Belege mit : Reynke (124), Reyneken (7), Reyneke (10), Reynart (1), Reynardyn (2), Reynken (58), Reyneke (1), Reynnken (1), Reynkens (6), reynkē (2), Reynekens (2), Reyncke (1); – Belege mit : Reinke (46), Reineke (3), Reinken (25), Reincken (3), Reinkē (3), Rein‐ kens (5), Reinekens (1), Reinkenn (1). Für ‚Reynke Vosz de olde‘ lässt sich insgesamt eine diphthongische Realisierung des mnd. ei festhalten. Es liegt eine marginale graphische Variation zwischen ey- und ei- Schreibung vor, wobei die ei-Schreibung insgesamt seltener vertreten ist. Mnd. ê4 Mittelniederdeutsches geschlossenes ê4 ist ein aus dem westgerm. eo < germ. Diph‐ thong eu, vgl. asächs. iu, io, eu, und altem westgerm. ē481 entstandener Monoph‐ thong.482 Fast überall im mittelniederdeutschen Sprachareal wird dieser Laut als realisiert. Im Süd- und Ostwestfälischen, Ostfälischen und Münsterländischen wird 5.3.5 476 Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 477 Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 478 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 126. 479 Lasch macht allerdings darauf aufmerksam, dass „[g]elegentlich ... formen sleit seit als zweisilbig zu fassen sein [werden], wie dôit dôen, angleichungen an die übrigen verben“. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 119, S. 80f. 480 Vgl. Fn. 479. 481 Insbesondere in Wörtern, die aus dem Romanischen entlehnt worden sind. Vgl. Denkler, Sterb‐ fallinventare, S. 185f., hier S. 185. 482 Das Hochdeutsche zeigt hier langes î. Vgl. Denkler, Sterbfallinventare, S. 185f., hier S. 185. Teil II A Textinterne Analyse 134 das mnd. ê4 später zu ai diphthongiert.483 Ferner erscheinen in weiten Teilen des mit‐ telniederdeutschen Sprachraums, so im Südmärkischen, Ostelbischen und Elbostfäli‐ schen neben dem teilweise auch Schreibungen mit und , wobei das Süd‐ märkische diese abweichenden Graphien durchgehend verwendet und auf einen Di‐ phthong īe schließen lässt. Währenddessen schreibt das Ostelbische neben bzw. , wobei die Letzteren eher im 14. Jahrhundert häufiger anzutreffen sind. Im Elbostfälischen erscheint zum einen die ie-Realisierung für vormnd. eo und ist als monophthongisches î zu interpretieren, zum anderen wird – sowie unter mittel‐ deutschem Einfluss – für vormnd. ê verwendet.484 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt folgende Schreibungen zur Realisierung des mnd. ê4: , und , wobei die Schreibung eine Seltenheitsvariante darstellt. Trotz der Tatsache, dass im Ostelbischen durchaus Variation zwischen i- und e-Reali‐ sierungen möglich wäre, kommt im ‚Reynke Vosz de olde‘ die y- oder i-Schreibung nicht vor, sodass Variation ausschließlich zwischen den einzelnen e-Realisierungen vorliegt. In der geschlossenen Silbe findet sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ hauptsächlich für mnd. ê4, deutlich seltener taucht die einfache e-Schreibung auf. Bemerkens‐ wert ist dabei, dass beide Formen parallel zueinander sowohl in Reimposition, als auch im Prosateil erscheinen. Für ê4 in ‚lieb, lieb-‘ ist außerdem eͤ-Schreibung belegt. Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Brief‘: Breff (2); – ‚Dieb‘: deff (2); 483 Vgl. Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 69f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 47f.]; Niebaum, Geschichte und Gliederung der sprachlichen Systeme in Westfalen, S. 29 und Karte 2; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 198f., hier S. 198; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 386-388, hier S. 386; Denkler, Sterbfallinventare, S. 185f., hier S. 186; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 99-101, hier S. 99. 484 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 36, S. 31, § 39, S. 33; Tümpel, Die Mund‐ arten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 59, 64f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 24, S. 25-28; Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 24-31; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 110-117; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 181-196; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 2f.; Rooth, Saxonica, S. 50-107, 192-231; Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland; Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 74-76, 84-86; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1768-1770; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66f.; Niebaum, Westniederdeutsch, S. 462 und Karte 2; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f.; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 69f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 47f.]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 147-151, 155-159; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 198-199; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 60f.; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1427f.; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1478; Weber, Die mittelnie‐ derdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 152-155; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 386-388; Denkler, Sterbfallinventare, S. 185f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 99-101; ASnA, Bd. I, Karte 24 ‚Brief (geschlossene Silbe): ê4‘, Karte 25 ‚Brief (offene Silbe): ê4‘, Karte 26 ‚Pries‐ ter: ê4‘, Karte 27 ‚lieb (offene Silbe): ê4‘, Karte 28 ‚sehen (3. Pl.): ê4‘. 5 Lautlehre und Orthographie 135 – ‚Dienst, dienst-‘: denstlick (4), denste (2), denstegen (1), denst (6), Hauedenst (2), vor‐ denst (1), ogendenste (2), Hauedenste (1), Hauedenstes (1), denstē (1), densten (1), vordenste (1), Heren denst (1), denst maget (1); – ‚lieb, lieb-‘: leff (7), leffhebbung (1), lefflick (2), leflick (1); – ‚Tier‘: Derte (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚lieb, lieb-‘: leͤfflyker (1), leͤffkosen (2), leͤff (6). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Bier‘: beers (1); – ‚Brief‘: breeff (1); – ‚Dieb‘: deeff (5); – ‚geschehen‘: gescheē (1), gescheen (1); – ‚lieb‘: leeff (6); – ‚Spieß‘: Speet (1); – ‚tief‘: deep (4); – ‚Tier‘: deerte (17), deerten (6), Deer (1); – ‚vier, vier-‘: veer (19), veerde (32), veerkant (1), veerden (7), Veerdenn (1); – ‚ziehen‘: afftheen (2), theen (3), vththeen (1), auertheen (1). Für die offene Silbe konnte festgestellt werden, dass die einfache e-Schreibung deut‐ lich dominiert und dass die Vokallänge seltener durch die Doppelschreibung markiert wird: Belege mit in offener Silbe: – ‚Dieb‘: deue (9), deuen (1), deuerye (1); – ‚-dienen, Diener-‘: ogendenern (2), Ogendener (1), Ogendeners (1), denerinn (1), de‐ ner (5), denen (7), denet (4), Hoffdener (1), vordenen (3), Ogēndener (1), vordenet (3), Hauedener (1), Hauedenern (1), denern (1); – ‚geschehen‘: geschene485 (1); – ‚-gießen‘: vorgeten (1); – ‚lieb‘: leue (10), leuer (5), leuesten (1); – ‚Liebe‘: Frouwen leue (1), leue (11); – ‚tief‘: deper ‚tiefer‘ (1), depe (4), depen (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚geschehen‘: geschee (2); – ‚knieen‘: kneede (1); – ‚Tier‘ (flekt.): deeren (2). Es ließ sich feststellen, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ eine geringe Variation zwi‐ schen e-, ee- und eͤ-Graphie vorliegt. Durchaus mögliche Schreibvarianten mit und sind im Text nicht belegt. Zusammenfassend kann man festhalten, dass es 485 Hierbei handelt es sich allerdings um eine zusammengezogene Form, Bl. 3r. Teil II A Textinterne Analyse 136 sich bei der schriftlichen Realisierung des mnd. ê4 um eine für das 16. Jahrhundert normalniederdeutsche e-Schreibung mit einer Längenmarkierung vorwiegend in der geschlossenen Silbe handelt. Längenbezeichnung für mnd. î486 Laut bisherigem Forschungsstand ist die graphische Unterscheidung zwischen dem kurzen i und altem langem î insgesamt kaum festzustellen. Das alte lange î kann in der Schrift zwischen , , und variieren, hinzu kommen die markier‐ ten Schreibungen mit dem nachgestellten , die allerdings eher als Ausnahme gel‐ ten.487 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird die Länge des alten î prinzipiell selten zusätzlich angezeigt, unabhängig davon, ob sich der lange i-Laut in offener oder geschlossener Silbe befindet. Als markierte Formen sind im Text die Schreibungen , und vertreten; mit jeweils 3 und 2 Belegen sowie einem Einzelbeleg für bilden sie jedoch offensichtlich eine Ausnahme. In anderen Positionen bleibt die Länge des î unmarkiert. Üblicherweise wird das alte î durch einfaches schriftlich realisiert, etwas seltener erscheint einfaches . Belege mit Längenmarkierung: – Belege mit : Dyetz (1), schyer (1), wyet (1); – Belege mit im Suffix ‚-ieren‘: spolierde (1), Excipiert (1); – Belege mit : wijt (1). 5.3.6 486 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Längenbezeichnung des mnd. î eher um ein graphisches als ein phonologisch-graphematisches Phänomen handelt. Zwecks Vergleichbarkeit mit anderen Lang‐ vokalen wird dieses Phänomen im Bereich des Langvokalismus behandelt. Es greifen die Prinzipi‐ en der Vergleichbarkeit und der Übersichtlichkeit ein. 487 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 41, S. 34; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 22.2; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gry‐ ses, S. 78, 87f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 70 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 48]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 147-153, 155-158; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34f.; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 200f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 45; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Gra‐ phetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1423; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 155; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 388; Denkler, Sterbfall‐ inventare, S. 175-178; ASnA, Bd. I, Karte 29 ‚Zeit (geschlossene Silbe): î‘ und Karte 30 ‚Zeit (offe‐ ne Silbe): î‘. 5 Lautlehre und Orthographie 137 Belege ohne Längenmarkierung:488 Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Fleiß‘: flith (1), flit (1); – ‚Krieg‘: krigh (1); – ‚leiden‘: lidt 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚Schein‘: schin (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚bei, bei-‘: bifallen (1); – ‚dein‘: Dine (1); – ‚Fleiß, fleiß-‘: flite (3), flitigen (2), flitich (7), beflitige (1), beflitiget (2); – ‚leiden‘: lidende (1), liden (1); – ‚meiden‘: vormiden (1); – ‚mein‘: mine (1), minem (2); – ‚reich‘: riken (1); – ‚schreib-‘: beschriuunge (1), beschriuinge (1); – ‚sein‘ (Possessivpron.): Sine (3), sinē (1); – ‚Titel‘: Titel (1); – ‚Weile, -weile‘: dewile (3);489 – ‚Zweifel, zweifel-‘: twiuelhafftige (1), twiuel (1), twiuelhafftich (1), vortwiuelen (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚dein‘: dyn (9); – ‚hier‘490: hyr (201); – ‚Krieg‘: krygh (2); – ‚Leib‘: lyff (24); – ‚leiden‘: lydt 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), Lydt 2. Pers. Sg. Imp. (1); – ‚meiden‘: mydt 2. Pers. Sg. Imp. (1); – ‚mein‘: myn (63); – ‚Neid‘: nydt (17); – ‚Schein‘: schyn (8), schynbare (1), schynbaren (1); – ‚schier‘: schyr (2); – ‚schweigen‘: swygh (1), swych (1); – ‚sein‘ (Verb): syn (87); – ‚sein‘ (Possessivpron.): syn (105); – ‚Weib (Frau, Ehefrau)‘: wyff (24), wyf (1); – ‚weise, weis-‘: wyszheit (16), wyszheyt (9), werldtwysz (1), wysz (27), vnwysz (1); – ‚Zeit, zeit-‘: tydt (38), tydtlanck (1), tydth (1), tydtlike (1), vntydt (2), maeltyd (1), tydt‐ liken (1), alletydt (1), tydtlyke (1), maltydt (1). 488 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 489 Alle Belege aus dem ersten Buch. 490 Inklusive Pronominaladverbien mit der Komponente ‚hier-‘ unabhängig von ihrer Getrennt- oder Zusammenschreibung. Teil II A Textinterne Analyse 138 Belege mit in offener Silbe: – ‚bei, bei-‘: by491 (185), bysyden (1), bywylen (2), wanet … by (1), byname (1), byslape (1), byslapen (1), bystendich (1), vorby gan (1), bystuͤnden (1); – ‚Beil‘: byle (1), Bylen (1); – ‚beißen‘: byten (4), bytē (1), bytende (1); – ‚dein‘: dyne (16), dynē (1), dynen (8), dyner (4), dynem (8), dynes (3); – ‚Fleiß, fleiß-‘: flytich (2), flyte (4), flytych (1), Beflytige (1); – ‚Gier, gier-‘: Gyricheyt (7), gyremoth (1), gyricheit (10), gyrige (3), gyrigen (6), gyrich (3), Gyremodt (3), gyrygen (1), ehergyricheit (1), wrakegyrige (1), gyrigē (1), gyrich‐ lyck (1); – ‚Krieg, Krieg-‘: kryge (4), krygischen (1), Krygeszruͤstinge (1); – ‚kriegen‘: krygen (5); – ‚Leib‘: lyue (10), entlyuen (1), lyues (4); – ‚Leid, leid-‘: lyden (15), medelydent (substantiv. Inf.) (1), lydendes (1), lyden (substan‐ tiv. Inf.) (1), lydet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚-meid-‘: vormyde (1), vormyden (6), vnuormydentlick (1), Mydet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚mein‘: mynem (14), myne (28), myner (15), mynes (2), mynen (22); – ‚nie‘: ny (4), Nywerlde (1); – ‚Pfeife‘: Pypen (1); – ‚Preis, preis-‘: pryset (3), pryse (3), gepryset (4), prysen (4), prysede (1); – ‚reich, reich-‘: ryke (20), rykedome (4), ryker (2), Rykedom (9), rykes (1), Ryke ‚Reich‘ (6), Rykedoms (2), ryken (1), Rykedage (1); – ‚reif‘: rype (1); – ‚Scheibe‘: schyuen (2); – ‚Schein, -schein-‘: erschynen Inf. (2), schyne (4), schynen (2), schynet (1), erschynen Part. Prät. (1); – ‚schreib-‘: schryuen (1), vorschryuing(e) (2), beschryuunge (1), geschryuinge (1); – ‚schweig-:‘ vor swygen (2), swygen (7), swyget (1), swygende (1), vorswygē (1); – ‚sein‘ (Possessivpron.): syner (69), synem (66), synen (65), synes (17), synē (3); – ‚Speise, speise-‘: spyse (21), vthspyset (1); – ‚treiben‘: dryue (2), Dryuen (1), bedryuen (1), dryuet (1); – ‚Weib (Frau, Ehefrau)‘: wyues (1), wyue (13), wyuer (3); – ‚-weichen‘: wyke (2), affwyken (1), wyken (8); – ‚Weile, -weile‘: bywylen (1), Dewyle (20), wyle (2), wylen (1); – ‚weise, Weise, -weis-‘: vnderwyset (1), wysesten (1), wysen ‚weise‘ (8), wyser (1), be‐ wysen (8), wyse ‚Weise‘ (9), wyse ‚weise‘ (4), wysen (substantiv. Adj.) (34), bewyset (2), wysede ‚zeigte‘ (4), wyser (6), vnwysen (2), vthwyset (1), vorwyset (1), wysen ‚zei‐ gen‘ (2), gewyset ‚gezeigt‘ (2), wysen (Subst.) (1), wyser (substantiv. Adj.) (1), be‐ wysede (2), wyse ‚zeige‘ (2), wysem (1), Vnderwyse (1), vnderwyset (1); 491 Inklusive Pronominaladverbien mit der Komponente ‚-bei‘ unabhängig von ihrer Getrennt- oder Zu‐ sammenschreibung. 5 Lautlehre und Orthographie 139 – ‚Zeit, zeit-‘: tyden (5), tydinge ‚Nachricht‘ (8), tyde ‚kanonische Hore‘ (1), tydenn (1), somtydes ‚zuweilen, bisweilen, manchmal‘ (1), entyden (1), tydē (1); – ‚Zweifel, zweifeln‘: twyuel (1), twyuelen (1). Mnd. ô1 und ö̂1 Das mnd. ô1 (vor dem Umlautfaktor ö̂1) hat sich aus dem asächs. alten geschlossenen ō entwickelt. Die Realisierungen von ô1 und ö̂1 werden hier im Rahmen eines Kapi‐ tels behandelt, was zum Teil einen mehr lexemorientierten und weniger variablenori‐ entierten Zugang erfordert, weil die beiden Laute u. a. durch die Pluralbildung sehr eng miteinander verflochten sind. In vielen Fällen kann man nicht eindeutig sagen, ob ein Umlautfall oder eine Längenmarkierung vorliegt. Die Länge des geschlossenen mnd. ô1 kann explizit durch nachgeschriebenes sowie nachgestellte , , aber auch Vokaldoppelung oder auch durch überge‐ schriebene Buchstaben , , etc. markiert werden. Die letzteren Varianten sind generell eher selten anzutreffen. Im Südwestfälischen und Ostfälischen erfolgte eine Diphthongierung von ô1 zu au bzw. vor Umlautfaktor zu oi. Als Reflexe gesprochener Sprache können in diesem Sprachgebiet dementsprechend die Graphien und vorkommen. Im ost‐ westfälischen Sprachgebiet bleibt mnd. ô1 dagegen zunächst ein Monophthong, eine weitere Diphthongierung findet hier deutlich später statt. Im Münsterländischen und Westmünsterländischen, die ebenfalls zu westfälischen Dialekten gehören, werden mnd. ô1 und ö̂1 nicht diphthongiert. Neben der allgemein gebräuchlichsten o-Schreibung für ô1 und ö̂1 erscheint fer‐ ner im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum die u-Schreibung, jedoch ver‐ stärkt in den früheren Texten. Im 14. Jahrhundert ist die u-Schreibung für das Elb‐ ostfälische und Ostelbische als gebräuchlich und für das Südmärkische als charakte‐ ristisch anzusehen.492 5.3.7 492 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 42, S. 34f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 60; ders., Niederdeutsche Studien, S. 37-45; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 157-164, 202, 205; Hølberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 166-181; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 196-215; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 2f.; Seelmann, Die mittelniederdeutschen langen o; Rooth, Saxonica, S. 214-220, 229f.; Dahlberg, Zur Urkunden‐ sprache in Göttingen und Duderstadt, S. 59; Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Laute in Niederdeutschland; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 76-78, 86, 112-124; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 36f.; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f. und Karte 5 im Kartenanhang; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 70f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 48]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 147-151, 155f., 159-160; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34-36; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 201-205; Lehmberg, Zur Göttinger Schreib‐ sprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 61; Peters, Zur Schreibung von mnd. ô1 in Soest; Taubken, Die Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Gra‐ phetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1427f.; Peters, Die Diagliederung des Mittel‐ Teil II A Textinterne Analyse 140 Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Behuf‘: behoff (2); – ‚Buch‘: Bock (91), Bockstaunen (2); – ‚genug‘: genoch (10), genochsam (4), genochsame (1); – ‚tun‘: donde (9), don (31), donn (1), dont (substantiv. Inf.) (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚gut, Gut‘: gudt (65), Landtgudt (1), gut (1), gud (8)493, gutdunckent (1), gudtwillige (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Buch‘: Boͤck (1); – ‚tun‘: doͤn (1), doͤnde (1), doͤnt (substantiv. Inf.) (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚tun‘: doen (3)494. Belege mit in offener Silbe: – ‚Bruder, Brüder‘: broder (2); – ‚Buch‘ (flekt.): Bokes (10), Boke (13); – ‚Schule, Schüler‘: scholemeister (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚gut‘ (flekt.): guder (3), guden (40), gude (41), gudes (9), gudem (3), gudē (2), Duͤnckelgude (1), duͤnckelguden (1), gudern (1), gudenn (1), guter (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚Brüder, brüder-‘: Stalbroͤderen (1), broͤder (1), broͤderlyke (2), Broͤderlick (1); – ‚genug‘ (flekt.): genoͤgen (3), Genoͤghe (1), genoͤget (2); – ‚Schule, Schüler‘: Schoͤler (Sg.) (1), Schoͤlers (Pl.) (1). Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Verteilung der Realisierungsvarian‐ ten für mnd. ô1 und ö̂1 im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht auffällig ist. Es dominiert ein‐ deutig die einfache o-Schreibung sowohl in geschlossener als auch in offener Silbe. In geschlossener Silbe werden die Laute ô1 und ö̂1 außerdem mit oder wie‐ dergegeben, wobei diese markierten Schreibungen mit maximal drei Belegen vertre‐ ten und demnach eher von marginaler Bedeutung sind. Das Wort ‚gut‘ in seiner flek‐ tierten und unflektierten Form sowie alle seine Ableitungen, auch in der Substanti‐ vierung und in den Komposita, erscheint ausnahmslos in der u-Schreibung. Diese scheinbare Besonderheit widerspricht jedoch nicht der allgemein niederdeutschen niederdeutschen, S. 1478; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 155-159; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 389f.; Denkler, Sterbfallinventare, S. 186-188; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 101-104; ASnA, Bd. I, Karte 32 ‚Bruder: ô1‘, Karte 33 ‚tun (Infinitiv): ô1‘, Karte 34 ‚tun (1. Sg.): ô1‘, Karte 35 ‚gut: ô1‘, Karte 36 ‚Brüder: ö̂1‘. 493 Belege überwiegend aus dem ersten Buch (6). 494 Belege im ersten (2) und vierten Buch (1). 5 Lautlehre und Orthographie 141 Tendenz zur u-Realisierung im gesamten norddeutschen Sprachraum.495 In der offe‐ nen Silbe begegnet die Schreibung neben der Mehrheitsvariante . Es ist al‐ lerdings zu vermerken, dass sie deutlich häufiger vor dem Umlautfaktor im Plural oder bei entsprechenden Adjektiven erscheint, sodass nicht genau entschieden wer‐ den kann, ob es sich beim übergeschriebenen um eine Längenmarkierung oder eine Umlautkennzeichnung handelt. So sprechen eindeutig für eine Umlautmarkie‐ rung die Schreibungen Stalbroͤderen, broͤder (Pl.), broͤderlyke, Broͤderlyke, Broͤderlick, die in der Singularform ausschließlich die einfache o-Schreibung aufweisen (broder). Auch als Umlautmarkierung können die Schreibungen Schoͤler und Schoͤlers bewertet werden, die im Gegensatz zur einfachen o-Schreibung bei scholemeister stehen. Eher als interessant erweist sich die Variation zwischen den Realisierungen und bei ‚genug‘ und seinen Ableitungen (genoch, genochsam, genochsame versus Ge‐ noͤghe), für die Verbalisierung (genoͤgen, genoͤget) ist allerdings eine markierte Um‐ lautrealisierung stark zu vermuten. Mnd. ô2 und ö̂2 Das offene mnd. ô2 (vor dem Umlautfaktor ö̂2) hat sich als Fortsetzung des asächs. monophthongierten halboffenen Vokals ǭ entwickelt, der seinerseits auf den west‐ germ. Diphthong au zurückgeht. Im münsterländischen und ostwestfälischen Sprach‐ raum wurden mnd. ô2 und ö̂2 diphthongiert. Später haben die beiden Laute auch im Südwestfälischen eine Diphthongierung erfahren. In diesen Sprachräumen kommen neben der für das gesamtniederdeutsche Areal üblichen o-Schreibung vereinzelt auch die Schreibungen mit oder vor. Diese sind als Reflexe gesprochener Spra‐ che zu interpretieren. Außerhalb dieses westfälischen Diphthongierungsgebietes er‐ scheint die ou-Graphie ferner in den Lexemen ‚auch‘, ‚Augen‘ und ‚verkauft‘. Für das Westfälische ist zudem die a-Graphie für mnd. ô2 und ö̂2 nachweislich belegt.496 5.3.8 495 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 162; Dahlberg, Die Mundart von Dorste, S. 128 und Karte 2; ders., Göttingen-Grubenhagensche Studien, S. 59 (mnd. Belege); Bischoff, Elbostfälische Studien, S. 121f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 70f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 48]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 202-205; Roolfs, Der ‚Spieghel der ley‐ en‘, S. 389f. 496 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 42, S. 34f.; Tümpel, Die Mundarten des al‐ ten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 60; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 157-159, 165f.; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 196-215; Seelmann, Die mittelniederdeutschen langen o, S. 1-26; Wortmann, Zur Geschichte der langen ê- und ô-Lau‐ te in Niederdeutschland; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 86f., 112-124; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66; Nie‐ baum, Westniederdeutsch, S. 462 und Karte 2; ders., Geschichte und Gliederung der sprachlichen Systeme in Westfalen, S. 29 und Karte 2; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 84f. und Karte 5; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 49]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literaturspra‐ che, S. 147-151, 155f., 159-160; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34-36; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 205-207; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 4-6; Lehmberg, Zur Göt‐ tinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 61; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1427f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Teil II A Textinterne Analyse 142 Die Realisierungen von ô2 und ö̂2 werden genauso wie mnd. ô1 und ö̂1 als eine Variable behandelt.497 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt sich eine Variation zwischen den Realisierungen , und in geschlossener Silbe und zwischen den Schreibungen und in offener Silbe, wobei die einfache o-Schreibung in beiden Positionen präva‐ liert. Die typisch westfälische Variante für mnd. ô2 ist im Text nicht vertreten. Ebenfalls fehlen im ‚Reynke Vosz de olde‘ durchaus mögliche Reflexe gesprochener Sprache in Form von au- und ou-Schreibungen, die zwar im gesamten niederdeut‐ schen Gebiet auftreten können, aber wohl etwas untypischer für Drucke als für Hand‐ schriften sind. Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚auch‘: ock (280), ok (1); – ‚Kauf, Kauf-, kaufen‘: Kopluͤde (6), Kopluͤden (1), Kopman (1); – ‚Not, Not-‘: noth (17), nothdwanck (2), nothrode (1); – tot, Tod‘: dodt ‚Tod‘ (16), dodt ‚tot‘ (14), doth ‚tot‘ (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Baum‘: boͤm (2); – ‚tot, Tod, tödlich‘: doͤdlick (1), doͤdtliken (1), doͤdtlyke (1). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Baum‘: boem (8); – ‚Not‘: noet (1), noeth (1); Belege mit in offener Silbe: – ‚Auge, Auge-‘: ogendenern (2), Ogendener (1), Ogendeners (1), ogen (8), ogendenste (2), ogedenern (1), oge (1); – ‚Baum‘ (flekt.): bome (Sg.) (2); – ‚Kauf, Kauf-, kaufen‘: vorkope (1), kope 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorkop ‚Verkauf‘ (1), vorkopen (1), kope ‚Kauf‘ (2); – ‚Not‘ (flekt.): node (4); – ‚tot, Tod‘ (flekt.): doden ‚tot‘ (10), dode ‚tot‘ (5), dodē ‚tot‘ (1), dodes ‚Tod‘ (1), dode ‚Tod‘ (2), – ‚zusammen, gemeinsam‘: tho hope (2). Belege mit in offener Silbe: – ‚Auge, Auge-‘: oͤgeler (1); – ‚Baum‘ (flekt.): boͤmen (Pl.) (2); – ‚Kauf, Kauf-, kaufen‘: Koͤper (1), vorkoͤpen (1), jnkoͤpen (1); – ‚tot, Tod‘ (flekt.), ‚töten‘: doͤden ‚tot‘ (1), doͤden ‚töten‘ (1), doͤdē ‚töten‘ (1). Schreibsprache Osnabrücks, S. 159-161; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 390; Denkler, Sterbfallinventare, S. 188-190; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 104-105; ASnA, Bd. I, Karte 37 ‚auch: ô2‘, Karte 38 ‚Kauf (geschlossene Silbe): ô2‘, Karte 39 ‚Kauf (offene Silbe): ô2‘. 497 Vgl. Kap. 5.3.7 Mnd. ô1 und ö̂1. 5 Lautlehre und Orthographie 143 Die Realisierung mit übergeschriebenem in geschlossener Silbe kann teilweise durch den nachfolgenden Umlautfaktor erklärt werden, so wie in ‚tödlich‘ (doͤdlick, doͤdtliken, doͤdtlyke) gegenüber der sonst durchgehend verwendeten einfachen o- Schreibung in ‚tot, Tod‘ (dodt und doth). In offener Silbe ist die einfache o-Schrei‐ bung mit insgesamt 19 Belegen bei ‚tot, Tod‘ (flekt.) vertreten und kann als üblich angenommen werden. Eine Markierung wird zumeist durch den Umlautfaktor verur‐ sacht und kann deswegen kaum als Dehnungsmarker interpretiert werden, so wie bei den Verbformen doͤden und doͤdē. Ohne plausible Erklärung bleibt nur die markierte Realisierung des Adjektivs in der Positivstufe doͤden 139r in offener Silbe in der flek‐ tierten Position. Die markierte Variante boͤm, die im Untersuchungsabschnitt zweimal vorkommt, variiert mit der ebenfalls markierten viermal so stark vertretenen Schreibung mit (8 Belege). Die Pluralform wird zweimal als boͤmen realisiert, es kommen je‐ doch zwei flektierte Singularformen mit einfacher o-Schreibung hinzu. Beim Wort ‚Baum‘ kann man also eine angedeutete Tendenz zur Dehnungskennzeichnung fest‐ halten. Die Dehnungsbezeichnung in geschlossener Silbe ist ferner für ‚Not‘ be‐ legt, allerdings stellt sie mit zwei Realisierungen eher eine Nebenvariante dar. Als Hauptvariante gilt auch hier die nicht markierte einfache o-Schreibung. Sie kommt zehnmal so häufig vor. In der offenen Silbe wird ‚Not‘ (flekt.) ausschließlich mit realisiert. In den Komposita mit der ‚Kauf-‘-Komponente sowie den Ableitungen von ‚Kauf‘ dominiert eindeutig die o-Schreibung, sowohl in geschlossener als auch in of‐ fener Silbe. Eine Markierung erscheint entweder in der Umlautstellung Koͤper oder als eine Nebenvariante zur unmarkierten Hauptrealisierung für mnd. ô2: vorkoͤpen, jnkoͤpen. Das mnd. ô2 in ‚Auge‘, seinen Ableitungen und in den Komposita wird fast durchgehend mit einfachem realisiert. Die einzige Ausnahme bildet dabei die Umlautform oͤgeler 173v. Ebenfalls mit ohne weitere Schreibvarianten erschei‐ nen die Adverbien ‚auch‘ und ‚zusammen‘. Wie man vergleichend erkennen kann, unterscheidet sich die Realisierung der mittelniederdeutschen Laute ô2 und ö̂2 im ‚Reynke Vosz de olde‘ kaum von der Rea‐ lisierung von mittelniederdeutschen Langvokalen ô1 und ö̂1. Als Mehrheitsschrei‐ bung gilt in beiden Fällen die einfache o-Schreibung. Die seltenen nachgeschriebe‐ nen und die etwas frequenteren übergeschriebenen Vokale kommen als Notierung der Länge neben den Umlautkennzeichnungen vor und sind von diesen nicht immer scharf zu trennen. Es handelt sich dabei stets um nachgeschriebenes bzw. überge‐ schriebenes . Die Graphien und als Längenmarker sind im Untersu‐ chungstext nicht vertreten. Ebenso sind Doppelschreibungen, mundartliche diphthon‐ gische Realisierungen und a-Schreibung nicht belegt. Teil II A Textinterne Analyse 144 Mnd. û und ü̂ Das asächs. û wird im Mittelniederdeutschen durch drei Laute repräsentiert: durch er‐ haltenes û, umgelautetes ü̂ und gekürztes u vor Konsonantenverbindungen. Mnd. ü̂ kann außerdem auf den asächs. Diphthong iu, germ. eu vor i, j, u zurückgeführt wer‐ den. Laut derzeitigem Forschungsstand findet sich die Längenmarkierung bei mnd. û und ü̂ insgesamt seltener als bei anderen Langmonophthongen. Für die frühmittelnie‐ derdeutsche Periode kann zudem die Koexistenz von diphthongischen Schreibvarian‐ ten wie und und monophthongischen Graphien wie einfachem , und mit entsprechenden übergeschriebenen Buchstaben als Realisierungen des mnd. ü̂ < asächs. iu festgehalten werden. Ab dem 16. Jahrhundert ist verstärkt mit dem hochdeutschen Einfluss, der sich in der Ersetzung von für mnd. û durch und und <äu> für mnd. ü̂ niederschlägt, zu rechnen.498 Mnd. û Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚aus, -aus‘: aueruth (1); – ‚Haus, Haus-‘: hus (3), husz (17), huszgeradt (1); – ‚laut‘: ludt (1); – ‚Maus, Maus-, -maus‘: Stadtmusz (1), Dorpmusz (1), Musz (3); – ‚-raus‘: heruth (8), daruth (5), Woruth (7). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚aus, aus-‘: vth und vth- (155). Belege mit in geschlossener Silbe: – ‚Lärm‘: lued (1). Belege mit in offener Silbe: – ‚Haus‘ (flekt.): huse (8), husze (1); – ‚laut‘ (flekt.), ‚lauten‘: lude (3), ludet (1); – ‚Maus, Maus-‘ (flekt.): musen ‚Mäuse fangen‘ (1). 5.3.9 498 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 43, S. 35f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 46, 180; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 78-83, 88f., 112-124; Wortmann, As. iu > ö: in den östlichen Niederlanden und im westlichen Westfalen; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 70 [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 48]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeut‐ schen Literatursprache, S. 147-151, 155f., 159-160; dies., Druckt tho Rozstock, S. 34-36; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 207f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 47; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 61; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 161f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 388f.; Denkler, Sterbfallinven‐ tare, S. 179f.; ASnA, Bd. I, Karte 31 ‚Haus (geschlossene Silbe): û‘. 5 Lautlehre und Orthographie 145 Mnd. ü̂ Belege mit in offener Silbe: – ‚Menschen‘: luden (1); Belege mit in offener Silbe: – ‚Haus-, Häuser‘: huͤser (1), Richtehuͤse (1), huͤsen (1), huͤszer (1), behuͤsynge (1); – ‚Menschen, Menschen-‘: luͤde (26), Kopluͤde (6), Kopluͤden (1), Geluͤde (1), Amptluͤde (1), Luͤdefreter (1), luͤden (7), Houetluͤde (1), Hoͤuetluͤde (2); – ‚Mäuse‘: muͤsze (2), Muͤse (4). Die Längenmarkierung für mnd. û ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ äußerst selten. Nur ein einziger Beleg zeigt ein nachgestelltes als Längenmarker: lued 32v. Ansons‐ ten erscheint sowohl in geschlossener als auch in offener Silbe einfaches oder je nach Position im Wort.499 In der Umlautposition für mnd. ü̂ erscheint nur ein‐ mal die einfache u-Schreibung, in allen anderen Fällen ist die Schreibung mit überge‐ schriebenem belegt. Alle Realisierungen mit können deswegen eindeutig als markierte Schreibungen für den Umlaut und nicht als Dehnungsmarker interpretiert werden. Man kann also zusammenfassend festhalten, dass die Längenbezeichnung bei mnd. û und ü̂ im ‚Reynke Vosz de olde‘ wesentlich seltener als bei anderen Lang‐ vokalen angezeigt wird, so wie es im gesamten niederdeutschen Sprachareal eben‐ falls der Fall ist. Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw Der asächs. Diphthong au vor w und im Auslaut wurde aus dem germ. Diphthong au ererbt. Der germ. Diphthong eu blieb im Altsächsischen vor w + a, ē, ō erhalten. Im Mittelniederdeutschen wird auw üblicherweise als oder seltener als graphisch realisiert. Im Ostfälischen zeigt sich außerdem auw-Schreibung.500 5.3.10 499 Zur vokalischen Verwendung von , , s. Kap. 5.5.2 Vokalische Verwendung von , , . 500 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44, S. 36f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 192, 197; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 196-215; Dahlberg, Zur Ur‐ kundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 59f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1775f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 97f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 49]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 148-150, 161f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 208-211, hier S. 208; Nybøle, Reynke de Vos, S. 48f.; Lehmberg, Zur Göttinger Schreibsprache bei Beginn des Sprachenwechsels, S. 61f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 162-164, hier insbes. S. 162; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391; ASnA, Bd. I, Karte 40 ‚Treue: vormnd. euw‘. Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. Teil II A Textinterne Analyse 146 Das asächs. euw entwickelte sich im Mittelniederdeutschen zu ûw und wird in der Schrift meistens mit oder wiedergegeben, wobei die letztere Varian‐ te eher in den westniederdeutschen Sprachraum zu verorten ist.501 Die vormittelniederdeutsche Lautverbindung ôw kann im Mittelniederdeutschen entweder als oder später diphthongiert als vorkommen.502 Erscheint das alte lange û in der Hiatposition, wird diese durch eingeschobenes w getilgt. Als Schreibvarianten sind hier gemeinniederdeutsch die uw-Graphie sowie im westfälischen und ostfriesisch-oldenburgischen Sprachraum die Schreibung zu erwarten. In nordniederdeutschen und ostfälischen Quellen ist hierfür die alte Schreibung und belegt. Für das Lexem ‚Frau‘ gilt die Schreibung vro‐ we / frowe als literatursprachlich, die ouw-Schreibung in vrouwe / frouwe kann dage‐ gen auf den Einfluss der hochdeutschen Literatursprache zurückgeführt werden.503 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt sich ausschließlich die ouw-Schreibung für vormnd. auw, so wie es überwiegend auch im gesamten niederdeutschen Sprachraum Fall ist. Vormnd. auw: Belege mit : – ‚hauen‘: affgehouwen (1), gehouwen (3), Houwe (1), houwen (1); – ‚neu‘: nouwe (8), noͤuwesten (1), nouwer (1), nouwen (1); – ‚schauen‘: schouwen (2). 501 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44, S. 36f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 196; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1775; Ahlsson, Stu‐ dien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 66; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 49]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 148-150, 161f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 208-211, hier S. 208f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 48f.; Weber, Die mittelniederdeut‐ sche Schreibsprache Osnabrücks, S. 162-164, hier insbes. S. 163; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391. Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 502 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 198; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 59f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 98; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 65f.; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 148-150, 161f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 208-211, hier S. 209; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 162-164, hier insbes. 163f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391. Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 503 Jellinghaus, Westfälische Grammatik, §§ 163, 169; Jostes, Schriftsprache und Volksdialekte, S. 89f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 197; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 231, 249-256; Cordes, Ostfälische Chroniken des ausgehenden Mittelalters, S. 45; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 65; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 97f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittel‐ niederdeutsch, S. 66; Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 285f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 49] ; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Litera‐ tursprache, S. 148-150, 161f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 48f.; Fedders, Die Schreibsprache Lem‐ gos, S. 208-211, hier S. 209f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 162-164, hier insbes. S. 163; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391. Vgl. auch Kap. 5.4.1 Hiattilgung. 5 Lautlehre und Orthographie 147 Für das vormnd. euw dagegen erscheinen im Untersuchungstext drei Schreibvarian‐ ten: die mittelniederdeutsche Mehrheitsvariante , die sonst nur im Westen ver‐ breitete Realisierung und die auf einen markierten Umlaut hindeutende Schreibung . Bis auf sechs Ausnahmen ist im Text die allgemein niederdeutsche uw-Schreibung belegt. Vormnd. euw + a, ē, ō: Belege mit : – ‚Reue‘: ruwe (5); – ‚Treue, treu, trauen/vertrauen‘: Truwe (31), vntruwe (36), vntruwen (12), truwer (1), truwelick (3), truwen (7), vntruwenn (1), vntruwer (1), truwest (1); Belege mit : – ‚Treue, treu, trauen/vertrauen‘: getruͤwe (1), getruͤwelick (1); Belege mit : – ‚Reue‘: rouwe (2), rouwsame (1), vnrouwsam (1); – ‚streuen‘: vnderstrouwen (1). Für die vormnd. Lautverbindung ôw finden sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine Be‐ lege. Für mnd. ûw in der Hiatstellung kommen im Untersuchungsabschnitt sowohl die alte für das Nordniederdeutsche und Ostfälische typische Schreibung , als auch die neue diphthongierte und in westfälischen, ostfriesisch-oldenburgischen Quellen belegte Variante vor. Es scheint eine Tendenz zur alten Schreibung zu geben, wenn man die Variation beim Wort ‚Frau‘ als Sonderfall betrachtet. Eine besonders starke Varianz betrifft die Realisierungen des Wortes ‚Frau‘, das in drei verschiedenen Schreibungen vorkommt: in der alten, der neuen und der litera‐ tursprachlichen Schreibung . Die alte Schreibvariante spielt dabei eher eine marginale Rolle (2 Belege), die literatursprachliche Variante ist ziemlich gut belegt (11 Belege), während die neue diphthongierte Realisierung mit 53 Belegen eindeutig dominiert. Es ist allerdings zu vermerken, dass die schriftsprachliche ouw-Realisie‐ rung in diesem Fall auf den Einfluss der hochdeutschen Literatursprache zurückzu‐ führen ist. Das heißt, hier soll statt mnd. ûw mhd. ouw angesetzt werden. Mnd. ûw in der Hiatstellung: Belege mit : – ‚Frau, Ehefrau‘: frowen (6), frowe (4), vrowe (1); Belege mit : – ‚Bau, Bau-, bauen‘: ackerbuwende (1), buwet (3), buwe (1), gebuwet (1); – ‚Frau, Ehefrau‘: Fruwen (2); – ‚grauen‘: gruwen (1), gruwsame (1), gruwelyken (3); Teil II A Textinterne Analyse 148 Belege mit : – ‚Frau, Ehefrau, -frau‘: Frouwe (25), Frouwen (23), vrouwe (1), Frouwes (1), Oldtfrou‐ wen (1), Junckfrouwen (2); – ‚verdauen‘: vordouwen (1). Zusammenfassung zum Langvokalismus Die Bezeichnung der Länge von Vokalen erfolgt im ‚Reynke Vosz de olde‘ in ge‐ schlossener Silbe signifikant häufiger als in offener Silbe, wo sie zwar auch vor‐ kommt, aber eher eine Ausnahme darstellt. Man kann jedoch nicht von einer konse‐ quenten Durchführung dieser Regel sprechen.504 Durchaus bemerkenswert sind auch Unterschiede bei der Längenbezeichnung zwischen den einzelnen Vokalen. So konkurriert in geschlossener Silbe für altlanges â die eindeutig dominierende einfache a-Schreibung mit der Schreibung mit nachgestelltem , ausnahmsweise treten im Text auch die Variante mit e-superscriptum sowie mit nachgestelltem . In offener Silbe erfolgt abgesehen von einer Ausnahme mit e-superscriptum (Beleg‐ nachweis im Kap. 5.3.1) keine Längenbezeichnung, was der allgemein nordnieder‐ deutschen Tendenz zu Nichtmarkierung der Länge in offener Silbe entspricht. Eben‐ falls äußerst selten erscheinen Längenbezeichnungen in geschlossener Silbe vor r, was darin begründet sein mag, dass die Dehnung vormittelniederdeutscher Vokale vor r + Konsonant selten in der Graphie transparent wird.505 Bei einer vergleichsweise geringer Belegdichte für ê1 lässt sich festhalten, dass einerseits eine Variation zwischen a- und e-Realisierungen vorliegt und andererseits keine weitere Längenbezeichnung erfolgt, was diesen Langvokal von anderen unter‐ scheidet. Auch für das lange î erscheint üblicherweise keine zusätzliche Längenmar‐ kierung durch nach- oder übergestellte Zeichen – am häufigsten ist einfache y-Schrei‐ bung anzutreffen –, dennoch finden sich einige wenige Ausnahmen mit nachgestell‐ tem oder , die jedoch entweder auf den Einfluss der Lübecker Textvorlage zurückzuführen sind oder in Fremdwörtern vorkommen (Belegnachweise in Kap. 5.3.2, 5.3.6). Für ‚Reynke Vosz de olde‘ kann schließlich festgehalten werden, dass zur Be‐ zeichnung der Länge nachgeschriebene , , , , sowie übergeschrie‐ bene und Verwendung finden. Nachgeschriebenes tritt dabei zur Be‐ zeichnung der vokalischen Quantität bei â, ê2, ê4 ( kann hier gleichzeitig als Vo‐ kaldoppelschreibung zur Kennzeichnung der Länge gewertet werden506), ô1, ô2 und û, wobei es bei langem û nur einmal erscheint. Nachgeschriebene und tre‐ ten bei ê2 und insbesondere bei ê3 auf, wobei es nicht immer eindeutig festgestellt 5.3.11 504 Vgl. Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1424; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 211; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 164. 505 Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Fedders und Weber. Vgl. hierzu Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 211 und Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 164. 506 Die Vokaldoppelschreibung ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ ansonsten nicht belegt. 5 Lautlehre und Orthographie 149 werden kann, ob es sich um Längen- oder Diphthongbezeichnung handelt. In einigen Fällen, v. a. bei ê2, kann von einem monophthongischen Charakter trotz ey- oder ei- Schreibung ausgegangen werden (Belegnachweise im Kap. 5.3.3). Das ziemlich häu‐ fige Erscheinen von nachgeschriebenem bei ê2 könnte außerdem durch die Lübe‐ cker Textvorlage bedingt sein. Übergeschriebene und sind als eindeutige Längenmarker im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht unbedingt frequent. Sie erscheinen zwar bei â, ê2, ê4, ô1, ô2 und û, sind jedoch eher als Ausnahmen aufzufassen. E- und o-superscriptum zur Umlaut‐ kennzeichnung sind im Text dagegen recht häufig, auch wenn bei ö̂1 und ö̂2 die einfa‐ che o-Schreibung auch bei umgelauteten Formen und nicht nur bei ô1 und ô2 über‐ wiegt. Bei ü̂ dagegen erscheint die Umlautmarkierung durch übergeschriebenes regelhaft. Insgesamt lässt sich erwähnen, dass o-superscriptum eine äußerst seltene Erscheinung im Text darstellt und e-superscriptum außer bei ü̂ eher sparsam verwen‐ det wird. Das Dehnungs-h, das als Übernahme aus dem Hochdeutschen interpretiert wer‐ den kann, ist im Untersuchungstext kaum belegt. Es lassen sich wenige Belege für â und ê2 vor r finden, die ein aufweisen (Belegnachweise im Kap. 5.3.1 und 5.3.3). Konsonantismus Hiattilgung Unter Hiat versteht man einen akustisch wahrnehmbaren Zusammenstoß von zwei aufeinander folgenden Vokalen ggf. Diphthongen an der Silben- oder Morphem‐ grenze. Der Prozess der Tilgung der Hiatstellungen mittels der eingeschobenen Kon‐ sonanten und oder setzt im Mittelniederdeutschen – v. a. im Südwest‐ fälischen und Ostwestfälischen – bereits im 14. Jahrhundert ein. Nach ehemaligem î und ei erscheint überwiegend , nach û und ü̂ dagegen – außer dem Südwest‐ fälischen, wo auch in dieser Position g-Hiattilger belegt ist –, die entsprechenden lan‐ gen Vokale in der ehemals prähiatischen Position werden dabei gekürzt. In der Schrift kann für das Mittelniederdeutsche eine Variation zum einen zwischen den Formen mit und ohne hiattilgende Konsonanten und zum anderen mit oder ohne Markierung der Vokalkürzung festgestellt werden.507 5.4 5.4.1 507 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 61, S. 48f.; Jostes, Schriftsprache und Volksdialekte, S. 89f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 347; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 222-225; Dahlberg, Mnd. hû(w) ‚Heu‘ und andere Wörter im Lichte der Hiater‐ scheinungen; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 69; Wortmann, Zur Lautentwicklung im Hiat in den westfälischen Mundarten; Foerste, De Nederlandse Expansie in Westfalen, Karte 13, S. 33; ders., Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1775-1778; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 148-152; Wortmann, Die Osnabrücker Mundart, S. 25-32; Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 344-352, 384f.; Bischoff, Über gesprochenes Mittelnieder‐ deutsch, S. 34f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 72 [= Peters, Mittelniederdeutsche Teil II A Textinterne Analyse 150 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sind einige Lexeme mit hiattilgenden Konsonanten be‐ legt. Ausgewählte Lexeme weisen variierende Schreibung mit und ohne Markierung der Hiattilgung auf. Dies gilt sowohl für eingeschobenes und wie . Durchgehend ohne Hiattilger erscheinen feminine Abstrakta auf -îe und -îen. Neben Tilgungen nach den benannten Vokalen sind ebenfalls solche Formen, die als Analogiebildungen bewertet werden können, vertreten. In diesen Fällen handelt es sich nicht um getilgte Hiatstellungen nach ehemaligem î und ei oder û und ü̂ , son‐dern um Stellungen, wo prinzipiell zwei Vokale aufeinandertreffen, wobei der erste Vokal unter Umständen auch kurz sein kann. Ausschließlich mit hiattilgendem begegnen: – ‚geschehen‘: geschege (1); – ‚Mai‘508: meygen (1). Durchgehend ohne eingeschobenes oder erscheinen feminine Abstrakta bzw. Entlehnungen und Fremdwörter sowie Namen auf -îe und -îen: – Belege mit : Cōscientie (1), Conscientien (1), Lectie (1), lectien (2), Vigilie (1), Cere‐ monien (1), Historien (1), Scicilien (1), Liuie (1), Philosophie (1), Processie (1), complexi‐ en (1), fallacien (1), lamentacien (1), Politie (1), Sicilien (1), Historie (1), Theologie (1); – Belege mit : smeychlerye (1), vorrederye (4), horerye (1), Gebrekerye (1), vullerye (5), tyrānye (2), fynantzerye (2), Boͤuerye (2), fynancerye (1), huͤchlerye (1), Eebrekerye (5), tuͤsscheryen (1), Rotterye (1), bedregerye (3), partye (2), Woͤstenye (1), thoͤuerye (1), wyckerye (1), Toͤuerye (1), Touerye (1), partyen (1), Proͤwestyen (1), Decanyen (1), Abba‐ dyen (1), Herschopye (1), Smeichlerye (2), deuerye (1), freterye (1), Arstedye (1), Poppel‐ sye (1), Tuͤsscherye (1), Roͤuerye (1). Ausnahmslos ohne Hiattilgendes bzw. sind folgende Lexeme belegt: – ‚gedeihen, Gedeihen‘: gedye (1), gedyet (1), gedyent (3), gedyen (1); – ‚dreier-‘: dryerley (4); – ‚Eier‘509: Eyer (3); – ‚Haufen, Pöbel‘: Proye510 (1); – ‚Heu‘: Hoye511 (1); – ‚Krähe‘512: Kreye (9), Krye513 (1), Kreyen (10); – ‚Meier‘514: Meyer (1), meyersche (1), Meye (1); – ‚Mühe, mühe-‘: moͤyesam (1), moͤye (7); – ‚neu‘: nye 2r (4), nyen (3), nyes (1); Studien, S. 49f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 212-214; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 6-8; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 166-168; ASnA, Bd. I, Karte 41 ‚neue: Hiat‘. 508 Vgl. auch Kap. 5.3.4 Diphthong ei. 509 Vgl. auch Kap. 5.3.4 Diphthong ei. 510 Wohl ein Beispiel für Analogiebildung, s. o. 511 Wohl ein Beispiel für Analogiebildung, s. o. 512 Vgl. auch Kap. 5.3.4 Diphthong ei. 513 Es lässt sich vermuten, dass es sich hier um einen Druckfehler handelt: Krye statt Kreye. 514 Vgl. auch Kap. 5.3.4 Diphthong ei. 5 Lautlehre und Orthographie 151 – ‚schreien‘: schrien (1); – ‚zweierlei‘: twyerley (4).515 Variation zwischen den Formen mit und ohne Hiattiltung mittels ist für die Le‐ xeme ‚frei‘ und ‚neu‘ zu verzeichnen: Belege mit : – ‚frei‘: frygen (1);516 – ‚neu‘: nyge (2). Belege ohne : – ‚frei‘: fryer (1), vryem (1), frye (2); – ‚neu‘: nye (5), nyen (3), nyes (1). In folgenden Formen wird ausnahmslos die Hiattilgung durch bevorzugt: Belege mit hiattilgendem 517: – ‚bauen‘: ackerbuwende (1), buwet (3), buwe (1), gebuwet (1). Hinsichtlich der Hiattilgungsmöglichkeiten sind ferner Formen mit eingeschobenem von Interesse. Die meisten Belege mit kommen in den Kapitelglossen (alle außer nadehel 38v und frohe 42v) oder in Zitaten, die Teil der Kapitelglossen sind, vor. Alle belegten Formen mit hiattilgendem sind wohl auf den hochdeutschen Einfluss in der Schreibung zurückzuführen. Da aber nicht für alle Textpassagen eine (hochdeutsche) Textvorlage ausgemacht werden kann, könnte das in der Hiatposition auftretende ein Indiz dafür sein, dass es sich beim Rostocker Bearbeiter womög‐ lich um eine ursprünglich nicht aus Norddeutschland stammende Person handelt. Solche hochdeutsch beeinflussten Schreibungen sind:518 Belege mit hiattilgendem : – ‚Ehre, ehr-‘: enteheret syck (1); – ‚früh‘: frohe (1); – ‚Lehen‘: Lehenen (1), Lehene (3); – ‚schmähen, Schmähung, Schmä-‘: gesmehet (1), smehung (1), smeheworden (1); – ‚Teil, -teil‘: nadehelich (1), nadehel (1); – ‚weh, wehe-‘: vehetucht (1), weheklaget (1), wehe (5). Bei drei der genannten Formen handelt es sich bemerkenswerterweise um Lexeme mit eingeschobenem , das prinzipiell auch als Längenmarkierung gedeutet wer‐ den könnte: -eh- in gesmehet 2v, smehung 3r und -oh- in frohe 42v. Auch bei den restlichen Belegen ist diese Erklärung potentiell möglich, in diesem Fall müssten je‐ doch gleichzeitig drei bzw. der Vokal selbst plus zwei nachstehende Zeichen als Kennzeichnung für einen langen Vokal angenommen werden: -ehe- in Lehenen 5v, 515 Alle Belege für ‚zweierlei‘ stammen aus dem ersten Buch. 516 Bemerkenswert ist das durchgehende Beibehalten des in der Nicht-Hiatposition, i. e. im Aus‐ laut wie beispielsweise in: Frygdanck 6r; Fryghdanck 19v; frygh 36v; fryg 127r. 517 Vgl. ferner Kap. 5.3.10 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw. Die Formen des Personalpronomens ‚ihr‘ werden gesondert behandelt. Vgl. dazu Kap. 8.5.1.7 ‚euch‘. 518 Vgl. diesbezüglich auch Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. Teil II A Textinterne Analyse 152 Lehene 8r, weheklaget 10v, enteheret 14v, nadehelich 19r, smeheworden 23v, nadehel 38v. Eine endgültige Entscheidung kann in diesen Fällen nicht getroffen werden.519 Ohne Hiattilgung erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ außerdem folgende For‐ men, die in anderen mittelniederdeutschen Spracharealen durchaus hiattilgungsfähig sind. Es lässt sich jedoch annehmen, dass im Untersuchungstext das doppelte durchaus als Längenmarkierung und nicht als zwei aufeinanderfolgende Vokale ge‐ deutet werden kann: – Belege ohne eingeschobene Konsonanten mit potentieller Hiattilung: Eelick (1), Eeluͤde (1), Eebrekerye (4), Eebroͤck (1), Eebrekery (1).520 Abschließend lässt sich festhalten, dass die Hiattligung im ‚Reynke Vosz de olde‘ kei‐ nen systemhaften Charakter aufweist. Es lässt sich jedoch erkennen, dass nach ehema‐ ligem î und ei gelegentlich ein erscheint. In der Mehrheit der Fälle erfolgt be‐ merkenswerterweise jedoch keine Markierung der Hiattilgung. Das in der Hiatpositi‐ on eingeschobene kennt dagegen keine Varianz und kommt ausnahmslos nach ehemaligem û und ü̂ vor, wobei die Belege nicht allzu zahlreich sind. Zudem lässt sich für den Text festhalten, dass sich keine Formen mit dem potentiell möglichen hiattilgenden aus hiattilgendem 521 – finden ließen. Weder g- noch w-Hiat kommt in der doppelten Konsonanz vor, was gegen die Vokalkürzung spricht. Lautwandel ft > cht ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt in ausgewählten Fällen die Lautentwicklung von ft zu cht, die sowohl der niederländische Dialektraum (außer in der Küstenregion), als auch niederdeutsche und mittelfränkische Mundarten kennen. Vollständig wurde die‐ ser Lautwandel ausschließlich im Niederländischen vollzogen. Im Bereich des Mit‐ telniederdeutschen ist besonders stark das Westfälische betroffen, wobei diese mar‐ kante Entwicklung offensichtlich auf die Sprachkontaktsituation im Grenzgebiet zu‐ rückzuführen ist. In nördlichen und östlichen Gebieten wie u. a. Mecklenburg hat sich dieser Lautwandelprozess nicht so stark durchsetzen können.522 5.4.2 519 Vgl. hierzu auch Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. 520 Bei den Belegen mit der Komponente ‚Ehe-‘ handelt es sich um die Formen mit mnd. ê2. Vgl. dazu Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. 521 Laut Lasch finden sich im östlichen Nordniedersächsischen schon früh vereinzelte Belege für w > g nach langem Vokal, wobei diese Entwicklung als eine späte betrachtet wird. Spätere Belege sind auch im Mecklenburgischen keine Seltenheit, Lasch sieht sie jedoch als „sekundär[en] [Ü]ber‐ gangslaut“. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 347. 522 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 296; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 365-367; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 61; Korlén, Nord‐ deutsche Stadtrechte. I, S. 95f.; Schützeichel, Der Lautwandel von ft zu cht am Mittelrhein, S. 253-275; Frings, Übergang von ft zu cht; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 159-161; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 30f.; ders., Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 23-27; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 73 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 50]; Fedders, Die 5 Lautlehre und Orthographie 153 Mit nahezu konstanter cht-Schreibung erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ sol‐ che Wörter, die allgemein üblich und im ganzen mittelniederdeutschen Sprachgebiet verbreitet sind. Belege mit : – ‚hinter, hinten, hinter-‘: Achterredent (1), achterredende (1), achter (6), achterholt (1), echtersten (1), achterhode (1);523 – ‚link-‘: luchter (1), luchteren (1), lucht (1);524 – ‚sanft, sanft-‘: sachtmoͤdich (2), sachtmoͤdiger (1), sachtmoͤdigen (1), sachtmode (1), sachtmoͤdyge (1), sachte (1). In anderen Fällen, wo im Westen der Lautwandel ft > cht möglich wäre, erscheint im ‚Reynke Vosz de olde‘ wenig überraschend genauso wie im übrigen ostmittelnieder‐ deutschen Sprachgebiet durchgehend die ft-Schreibung im Wortinneren. – Belege mit : gescheffte (4); geloͤffte (2); effte (67), efte (2); vnuornufftigen (1), vor‐ nufftich (1), vornufftigen (1), vornufft (5), vnuornufftich (1), vornufftiger (3). Keine Variation ist ebenfalls bei Suffix ‚-haftich‘ zu verzeichnen. Hier tritt konstant die fft-Schreibung auf. – Belege mit : warafftich, schamhafftich, schalckhafftich, boͤszhafftige, dorhafftich, angsthafftiger, volgehafftich, twiuelhafftige, geluͤckhafftigesten, czaghafftich.525 Wie man an den Belegen und der Belegmenge sieht, hat sich die aus dem Westen aus‐ gehende Lautentwicklung von ft zu cht im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht durchgesetzt. Die markanten verschobenen cht-Schreibungen betreffen nur ausgewählte Wörter und sind lexemgebunden sowie bereits allgemeingültig. Schreibung von g526 Eine starke Variation zwischen den einzelnen Realisierungen von velarem Plosiv g und velarem Spiranten γ ist insbesondere in der frühen Entwicklungsphase des Mit‐ telniederdeutschen zu beobachten. Diese Variantenvielfalt kann durch den unter‐ schiedlichen Ursprung dieser Konsonanten erklärt werden bzw. durch deren unter‐ schiedliche Entwicklung. 5.4.3 Schreibsprache Lemgos, S. 216-218; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 170; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 392; ASnA, Bd. I, Karte 42 ‚-haft: ft > χt‘. 523 Belege verteilt im ersten (9) und dritten Buch (2). 524 Belege ausschließlich aus dem ersten Buch. 525 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 526 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung des g eher um ein graphisches als ein phonolo‐ gisch-graphematisches Phänomen handelt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konsonantismus behandelt. In diesem Fall greift das Prinzip der Ver‐ gleichbarkeit ein. Teil II A Textinterne Analyse 154 Aus dem asächs. stimmhaften g entwickelten sich zum Mittelniederdeutschen hin drei Laute: vor velaren Vokalen und Konsonanten sowie vor palatalen Vokalen ent‐ stand der stimmhafte Spirant γ wie in ‚gehen‘, ‚groß‘, ‚glauben, Glaube‘, regiment ‚Herrschaft etc.‘; im Auslaut erschien der stimmlose Spirant χ527 wie in ‚doch‘, ‚ge‐ nug‘, ‚mag‘, ‚Tag‘ etc.; der stimmhafte Plosiv g blieb in ‚sagen‘, ‚legen‘ u. Ä.528 Fer‐ ner blieb der asächs. stimmhafte velare Spirant γ im Mittelniederdeutschen erhal‐ ten.529 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ variieren folgende Schreibungen: und für stimmhaftes γ, wobei die g-Schreibung insgesamt überwiegt, und und für stimmhaftes g, wobei die gh-Schreibung eher eine Ausnahme bildet. Realisierungen von stimmhaftem γ vor velaren Vokalen und Konsonanten sowie vor pala‐ talen Vokalen: Belege mit : – ‚gehen‘: gan (24), geit(h) (10), geyt (2), gaet (6), gaen; – ‚gestern‘: gystern (2), gisteren (2), ehrgystern (1), gysteren (1); – ‚groß‘: grote (49), groter (17), groten (28), grotem (19), grot (7); – ‚glauben, Glaube‘: geloue (13), gelouen (11), gelouelosen (1), gelouens (1), gelouē (1), gelouenn (1); – ‚Gericht‘: gerichte (5); – ‚Klage, -klagen‘: klagen (Verb) (16), weheklaget (1), geklaget (1), vorklaget (2), klage ‚Klage‘ (31), klagede (6), klaget (12), klageth (1), klage (5), beklage (1), be‐ klaget (1), beklageden (1), klagende (1), klageden (1), beklage dy (1), beklagen (3), klagē (2), beklagede (4), beklagen (1), klagen ‚Klagen‘ (1), vorklageth (1), bekla‐ gende (1), klagende (1); – ‚Lage‘: lage (6); – ‚liegen‘: lagen 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (1); – regiment: regimente (5); – ‚Weg‘: wege (12), wegen (5); – ‚ziehen‘: vpgetogen (1). Belege mit : – ‚gehen‘: gheyt (12), ghan (18), ghat (3), ghaen (3), gheit (3), ghaet (2); – ‚Gericht‘: gherychte (1); – ‚klagen‘: klaghe (2), beklaghen (1), klaghen (1); – ‚Tag‘: daghe (1), daghen (1); – ‚Weg‘: weghe (1). 527 Siehe dazu Kap. 5.4.5 Schreibung von ch. 528 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 168f.; Pro‐ watke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 178-180, 184, 187; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 222; Nybøle: Reynke de Vos, S. 51f., 141f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 392-394; Denkler, Sterbfallinventare, S. 161. 529 Rauch, The Old Saxon Language, S. 125. 5 Lautlehre und Orthographie 155 Realisierungen von erhaltenem stimmhaften g: Belege mit : – ‚legen‘: entleggen (2), leggen (2); – ‚Rücken‘: ruͤggen (2), ruͤgge (1); – ‚sagen‘: seggen Inf. (10), segge 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (8), segget (Inklination) 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), seggen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (3), segget 2. Pers. Pl. Imp. (5), thosegge 2. Pers. Sg. Imp. (1), seggen 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), segge 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1), seggē Ind. (1); Belege mit : – ‚sagen‘: seghen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2), seghe 3. Pers. Sg. Präs. Konj. (1). Schreibung von j530 Als regionalübergreifend übliche Realisierung für den stimmhaften palatalen Spiran‐ ten j < asächs. j531 gilt die j-Schreibung. Daneben kennt das Mittelniederdeutsche die Schreibvarianten und .532 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird der stimmhafte Spi‐ rant j durch , und repräsentiert, wobei die j-Schreibung am frequentesten ist, die y-Schreibung eine Nebenvariante darstellt und die Schreibung mit reine Ausnahme ist. Schreibung von ch533 In der Regel werden die stimmlosen Spiranten ç und χ schreibsprachlich als realisiert. Deutlich seltener begegnen g- oder gh-Schreibungen.534 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ werden zur Bezeichnung des stimmlosen ç die Buch‐ stabenkombinationen und deutlich seltener verwendet. Für den stimmlo‐ 5.4.4 5.4.5 530 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung des j um ein rein graphisches Phänomen han‐ delt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konso‐ nantismus behandelt. In diesem Fall greifen die Prinzipien der Vergleichbarkeit und der Kohärenz der Darstellung ein. Zur konsonantischen Verwendung von , , siehe Kap. 5.5.3. Zur kon‐ sonantischen Verwendung von , in ‚-jenige‘ s. Kap. 8.5.4.4 ‚der-, die-, dasjenige‘. Für Bele‐ ge s. d. 531 Rauch, The Old Saxon Language, S. 126. 532 Nybøle: Reynke de Vos, S. 51, 142; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 393. 533 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung von ch eher um ein graphisches als ein phonolo‐ gisch-graphematisches Phänomen handelt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konsonantismus behandelt. In diesem Fall greifen die Prinzipien der Vergleichbarkeit und der Kohärenz der Darstellung ein. 534 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 167; Prowat‐ ke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 178-180, 182, 184; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 222; Nybøle: Reynke de Vos, S. 51, 142; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 392. Teil II A Textinterne Analyse 156 sen Spiranten χ wird im Untersuchungstext fast durchgehend benutzt, während die gh-Schreibung eine deutliche Ausnahme darstellt. Belege mit für ç: – ‚kriegen‘: kricht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), krech 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (7), krycht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (6); – ‚legen‘: gelecht Part. Prät. (5), angelecht Part. Prät. (1), lecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), belecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), angelecht Part. Prät. (Adj.) (1); – ‚Richter‘, ‚Gericht‘, ‚richt-‘: gerichte (5), Richter (13), richten (6), richtē (1), Richtern (1), gerichtet (1), richt (1), gherychte (1), Richtehuͤse (2), richtede (1), Richtere (2); – ‚sagen‘: secht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (32), besecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), besecht Part. Prät. (2), gesecht Part. Prät. (14), vorgesechte Part. Prät. (Adj.) (1), thosecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), sechstu 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), affgesecht Part. Prät. (1), thogesechten Part. Prät. (Adj.) (1), vthgesechten Part. Prät. (Adj.) (1), thogesechte Part. Prät. (Adj.) (1), thogesecht Part. Prät. (1), Thogesechtē Part. Prät. (Adj.) (1); – ‚schweigen‘: Swych 2. Pers. Sg. Imp. (1); – ‚tragen‘: thodrecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), drecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (8), vor‐ drecht 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1). Belege mit für ç: – ‚kriegen, bekommen‘: kregh (1); – ‚-sagen‘: beseght 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚-schweigen‘: vorswight 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1); – ‚tragen‘: dreght 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2); – ‚weg, Weg‘: wegh (11); – ‚Wicht, Wesen‘: wycht (7), wychte (1), Boͤsewichten (1). Belege mit für χ: – ‚dennoch‘: dennoch (31); – ‚doch‘: doch (104); – ‚jedoch‘: Jodoch (19); – ‚genug‘: genoch (1); – ‚liegen‘: lach 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (19); – ‚mögen‘: mach 1. und 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (41); – ‚noch‘: noch (121); – ‚Schlag, -schlag‘: radtslach (1), slach (6), anslach (1); – ‚sehen‘: sach 1. und 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (34); – ‚Tag‘: dach (16); – ‚ziehen‘: toch 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1). Belege mit für χ: – ‚liegen‘: lagh (1); – ‚sehen‘: sagh 1. und 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (7); – ‚Tag‘: dagh (3); – ‚ziehen‘: togh 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1). 5 Lautlehre und Orthographie 157 Schreibung von k535 Das asächs. k bleibt im Mittelniederdeutschen als stimmloser Plosiv k erhalten. Als Hauptschreibvarianten erscheinen einfaches und , ab und zu kommt auch einfaches vor Liquiden vor. In mittelniederdeutschen Entlehnungen aus dem Griechischen und Lateinischen, v. a. in Lexemen aus dem kirchlichen Bereich, ist im gesamten Sprachraum außerdem die einfache c-Schreibung sowie die Schreibung zu verzeichnen. Vor stimmlosen Konsonanten wird das alte k spirantisiert.536 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist für stimmloses k folgende Schreibungen auf: , , und sowie die Schreibung für die Konsonantenkombination kw. Es lassen sich je nach Position im Wort und Wortherkunft Unterschiede zwischen den Verteilungen einzelner Schreibvarianten festhalten. Insgesamt lässt sich jedoch eine ziemlich gefestigte, gar recht einheitliche Schreibkonvention feststellen, insbesonde‐ re was die Verschriftlichung des k im Wortanlaut und -auslaut angeht. Im Anlaut und an der Morphemgrenze wird das stimmlose k in der Regel mit ein‐ fachem wiedergegeben, äußerst selten erscheint zu diesem Zweck einfaches : Belege mit : – ‚Kaninchen‘: Kanynken (11), Kanyn (3); Kaninken (2); – ‚Karre‘: karen (4); – ‚Kind, kind-‘: kynder (14), kyndern (3), kynderen (1), kyndtheyt (1), kyndtlyken (1), kyndt (1), kinderen (1), kinder (4), kindtliken (1); – ‚Kauf, Kauf-, kaufen‘: Kopluͤde (6), Kopluͤden (1), Kopman (1), vorkope (1), kope 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorkop ‚Verkauf‘ (1), vorkopen (1), kope ‚Kauf‘ (2); – ‚Kirch, Kirch-‘: Kercken (2), Kerckhere (1); – ‚-kommen‘: kamē (2), bekamen (2), gekamen (19), kamen (7), Kumpt (22), Kuͤmpt (16), vpgekamen (1), (tho) kamen (24), kamende (1), auerkamen (1), vmmekamen (1), kamet (her, in) (7), Kame (8), wilkamenhete (1), wilkame (1), wylkamen (4), vorkamen (1), auerkamen (1), vthkumpt (1), bekame (1), tokamēder (1), thokamender (1), beka‐ men (2), kamest (1), entkamen (1), affkamest (1), vnfullenkamen (1), willen kamen (1), Wylkame (1), vorvorthokamen (1), vorkamen (1), vorthokamen (1), herkumpt (1), tho bekamen (1), hergekamē (1), (tho) auerkamen (3), yngekamen (1); – ‚können‘: kan (72), konden (4), konde (34), kunde (2), koͤne (1), koͤnen (17), kanst (2), kanstu (2), koͤndent (1); 5.4.6 535 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung von k um ein rein graphisches Phänomen han‐ delt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konso‐ nantismus behandelt. In diesem Fall greifen die Prinzipien der Vergleichbarkeit und der Kohärenz der Darstellung ein. 536 Hølberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 288-292; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 39f.; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 65f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 174f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 73 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 50f.]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 178, 182f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 223; Nybøle: Reynke de Vos, S. 51, 141; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 393; Denkler, Sterbfallinventare, S. 143-149. Teil II A Textinterne Analyse 158 – ‚Korn‘: korn (1), korne (1); – ‚Kunst, kunst-‘: kunstryke (1), kunst (13); – ‚kurz, kurz-‘: kortwylich (1), kort (3), korten (3), korter (2), kortes (2). Belege mit : – ‚Kaninchen‘: Canynken (1); – in Eigennamen: Cantert (1). Im Anlaut vor Liquiden und an der Morphemgrenze kommt üblicherweise einfache k- Schreibung vor, die Realisierung mit einfachem bildet hingegen eine Ausnahme: Belege mit : – ‚ausrufen, verkünden‘: vth kreyeren (1); – ‚-klagen, Klage‘: klagen (17), weheklaget (1), geklaget (1), vorklaget (2), klage ‚Kla‐ ge‘ (32), klaget (12), klageth (1), klage (5), klagede (6), beklage (2), klegers (1), klege‐ ren (1), beklaget (1), beklageden (3), klagende (2), klageden (1), beklagen (4), bekla‐ gede (4), kleger (5), ankleger (1), vorklageth (2), beklagende (1), klagē (2), klacht ‚Klage‘ (2); – ‚klar, klar-‘: klarlich (1), klar (9), klarlick (1), Vorklaringe (2); – ‚Kleid, kleid-‘: klede (1), kleder (2), vorkleden (1), kledynge (2), kleyt (2); – ‚klein, klein-‘: vorklenung (1), Kleyne (7), kleyn (5), klene (3), klein (4), kleynen (2), kleinen (2), kleine (7), kleiner (2), klenode (2), klenodē (1), klenoͤde (2); – ‚Kleinkaufmann, Einzelhändler‘: Krameren (1), Kramer (5); – ‚Krähe‘: Kreye (9), Krye537 (1), Kreynne (1), Kreyen (10); – ‚krank, kränk-‘: krancke (1), kranck (11), kranckem (1), gekrencket (2), krencket (2), kranckheit (1), krenckē (1); – ‚kriegen, bekommen‘: gekregen (4), kregen (1), krech (7), kregh (1), krege (2); – ‚krumm, krumm-‘: krumholt (1), krummen (2), krum (6); – in Eigennamen: Krasseuot (2), Krasseuotes (1), Kreyant (1). Belege mit : – in Eigennamen: Cratzeuoth (1). In Fremdwörtern und Entlehnungen, die auf das Lateinische oder Griechische zu‐ rückgehen, sowie in Wörtern in lateinischer Sprache ist die Schreibung entweder mit oder mit zu verzeichnen, wobei die letztere eher lexemgebunden zu sein scheint: Belege mit : – ‚Advokat, Sachwalter‘: Aduocat (3), Aduocaten (11), Aduocatē (1); – ‚Doktor‘: Doctor (5), Doctorn (2); – ‚Kapitel‘: capitel (1), capittel (26), Cap. (8), Capit. (52), capittels (1); – ‚Kreatur‘: creaturen (1), creatur (3); 537 Es lässt sich vermuten, dass es sich hier um einen Druckfehler handelt: Krye statt Kreye. Vgl. Fn. 513. 5 Lautlehre und Orthographie 159 – ‚Lesung‘: Lectie (1), lectien (2); – weitere Latinismen und Wörter in lateinischer Sprache: Condition (1), creāt (1), Con‐ scientien (1), Credo (1), articulen (1), conspireren (1), lucri (1), confabulerer (1), com‐ plexien (1), Scribente (1), lectus (1), Cantzeler (1); – Gräzismen und Namen griechischer Herkunft: Camel (1), Agatocles (1). Belege mit : – ‚Christ, christ-‘: Christi (1), vnchristlick (1), Christen menschen (1), Christen (4), Christlyken (1), Christenheyt (1), Christlick (1); – ‚Chor‘: Chor (1). Im Inlaut liegen für stimmloses k die Schreibungen mit einfachem und vor, wobei vor kurzen Vokalen etwas häufiger die ck-Schreibung erscheint: Belege mit : – ‚Buch‘: Bokes (11), Boke (14); – ‚brechen, brech-‘: Eebrekerye (4), breken (5), gebraken (5), thobraken (2), thobreken (1), entbreken (1), breket (1), gebrakē (1), Eebrekery (1), gebreke (4); – ‚machen‘: makeden (2), gemaket (9), make (5), maket (15), maken (1), gemake (2); – ‚merken‘: Merke (1); – ‚reich, Reich, reich-‘: kunstrike (1), rykedome (4), ryke (25), doͤgentryke (1), ryker (2), Rykedom (8), riken (1), rykes (1), ryken (1), rykedoms (1), Rykedage (1); – ‚sicher‘: sekerste (1), seker (8), sekeren (2), sekersten (1), sekerheyt (1); – ‚solch-‘: soͤlke (1), soͤlken (1), soͤlkem (1), soͤlke (3); – ‚sprechen, -sprech-, Sprache‘: sprake ‚Sprache‘ (3), spreken (43), vthspreken (1), spra‐ ken (1), vorspreken (1), gespraken (5), bespreken (3), thosprake (1), sprekende (3), be‐ spraken (1), vorspraken (1), aff spreken (1), weddersprake (1), anspreken (1), Vorspra‐ ken (11), Vorsprakē (1), spreke (5); – ‚Ursache‘, ‚verursach-‘: vororsaket (2), orsaker (1), Orsake (7), orsaken (8), vororsa‐ ken (1); – ‚welch-‘: welker (2), welke (1); – ‚Werk‘: werkē (1), werke (1); – ‚Zeichen‘: teken (2), teyken (1), Tekene (1). – Belege mit : – ‚drücken, -drück-‘: vordruckē (1), vordrucker (1), druͤcket (1), vordruͤcket (4), vnderge‐ druͤcket (1); – ‚Glück, -glück‘: vngeluͤcke (9), geluͤckselygen (1), gelucke (3), geluͤcke (15), vngelucke (1), geluͤcklich (1), vngeluͤcklich (1), vngeluͤckseligen (1), vngeluͤcklick (1), vngeluckes (1), geluͤckhafftigesten (1), geluͤckseligen (2), geluͤckseligem (1), geluͤcksamsten (1), ge‐ luͤcken (1); – ‚mercken, merk-‘: mercklyke (4), mercken (18), thouormercken (1), Merckenouwe (2), anmercken (1), merckē (2), Mercket (vp) (9), merckende (1), vormerckede (2), ge‐ mercket (1), mercke (18), merckede (4), vormercket (1), vormercken (3), mercklike (3), vormerckest (2), merckedestu (1), vpmercken (1), anmercket (1), vnuormercket (1), vormercket (1), anmerckende (1); Teil II A Textinterne Analyse 160 – ‚schmecken‘: smecket (1), smecken (1), smeckede (1); – ‚solch-‘: solcker (4), suͤlcke (1), solcke (28), Solckes (28), solcken (7), Soͤlcken (5), soͤlcke (5), soͤlckes (6), soͤlckē (1), solckem (1), soͤlcker (3), soͤlckem (1), solckem (2), solcks (1); – ‚sprechen‘: spreckt (57); – ‚stark‘: sterckunge (1), stercke (5), starcke (1), gestercket (2), stercken (1), sterckede (1), starcken (3), stercket (1), starcker (1), starckesten (1), sterckesten (2); – ‚Strick‘: stricke (2), strycke (3), strycken (1); – ‚Stück‘: stuͤcke (23), stucke (1), stuͤcken (1), meisterstuͤcke (1); – ‚welch-‘: welcker (42), welcke (2), Welckeres (5), welckeren (4), welckerer (5), Welckes (2), welckere (1); – ‚Werk‘: wercke (9), wercken (3); – ‚Zeichen‘: teicken (3). Im Auslaut variieren die Realisierungen von stimmlosem k in Adverbendungen zwi‐ schen und , wobei die ck-Schreibung um das Mehrfache überwiegt, im In‐ laut ist die Schreibung in der Regel , nur einmal erscheint die ck-Realisierung: – Belege mit im Inlaut: vorretliken (1), dagelykes (3), schentlyken (1), Geluckliken (1), besunderliken (1), Sonderliken (1), ernstliken (1), heimliken (1), besuͤnderliken (1), suͤnderlyken (1), gruwelyken (1); – Belege mit im Inlaut: lichtlicke (1); – Belege mit im Auslaut: ernstlick (3), vornemlick (7), egentlick (3), gemeinlick (10), valschlick (4), lichtlick (7), meysterlick (2), yamerlick (1), entlick (8), swerlick (9), klarlick (1), rechtlick (1), vormetentlick (2), fruͤndtlick (5), lefflick (2), fruͤntlick (1), meisterlick (4), meysterlyck (1), gyrichlyck (1), entlyck (1); – Belege mit im Auslaut: klarlich (1), fruchtbarlich (1), kortwylich (1), anfencklich (1), getruwelich (1), geluͤcklich (1), vngeluͤcklich (1), egentlich (1), adelich (2), vnadelich (1), vntellich (1), gewaltlich (1). In Adjektivendungen wird stimmloses k inlautend in der Regel mit einfachem wiedergegeben, die ck-Realisierung kommt zweimal vor. Im Auslaut varriert die Schreibung zwischen und , wobei die ck-Realisierung bei Weitem über‐ wiegt: – Belege mit im Inlaut: varliken (1), sydtliken (1), natuͤrliken (1), gebrecklyken (1), adelyken (2), heymliken (1), ytzliken (1), bedreglyken (2), letlyker (3), eheliken (1), tho‐ uerlyken (1), tydtliken (1), kindtliken (1), vnbillyken (1), bedrechlyker (3), redelyken (1), Koͤnincklykem (1), koͤstlyke (4); – Belege mit im Inlaut: ytzlicker (1), ordentlicker (1); – Belege mit im Auslaut: denstlick (3), varlick (5), gemeinlick (2), (vn)moͤgelick (6), schedelick (2), varlyck (1), gebruͤcklick (2), jammerlick (1), vorderlick (2), angstlick (2), eyslick (2); – Belege mit im Auslaut: froͤlich (1), vpsatzlich (1), nadehelich (1), hinderlistich (1), bequemlich (1), modtwillich (1), salich (2), vmmefellich (1), hillich (2). 5 Lautlehre und Orthographie 161 Im Wortauslaut und an der Morphemgrenze variieren die ck- und k-Schreibung, wo‐ bei die letztere als Minderheitenvariante gewertet werden kann: Belege mit : – ‚auch‘: ok (1); – ‚sich‘: syk (2); – ‚solch-‘: soͤlkeynen (1). Belege mit : – ‚auch‘: ock (280); – ‚brechen, brech-‘: brack (4), gebrack (1); – ‚Buch, Buch-‘: Bock (94), Boͤck (1), Bockstauen (2); – ‚Glück, Glück-‘: geluckseligem (1), geluckliken (1); – ‚ich‘: ick (365), Jck (17), yck (2); – ‚reich, Reich, Reich-‘: ryck (5), rick (1), Franckrick (1), ryckdom (2); – ‚sich‘: syck (275), sick (17); – ‚solch-‘: solck (1), soͤlck (3); – ‚sprech-, sprich-‘: sprickworde (3), sprickt (2), sprack (156), ansprack (1), sprickwordt (3); – ‚stark‘: starck (9), sterck (1); – ‚Strick‘: strick (3), stryck (2); – ‚Werk‘: werck (4). Für Konsonantenverbindung kw ist regelmäßig die qu-Realisierung belegt: – Belege mit : bequeme (5), quaden (10), Marquart (2), quemen (18), quadt (8), ent‐ quam (5), quade (16), quam (61), quyt (1), quidt (1), bequemlich (1), Lordenquacks (1), quader (3), quaedt (4), bequemen (1), quades (2), bequemer (1), quadem (1). Schreibung von ŋ538 Bei der Wiedergabe der Nasalverbindungen ŋ(g) und ŋk herrscht vor allem im frühen Mittelniederdeutschen eine starke Variation. Neben treten auch die Schreibun‐ gen , , , , seltener auf.539 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ konnten für die Nasalverbindungen ŋ(g) und ŋk je nach Stellung im Wort Schreibvarianten ermittelt werden, wobei zu vermerken ist, dass der Umgang mit diesen recht einheitlich zu sein scheint. 5.4.7 538 Es ist mir bewusst, dass es sich bei der Schreibung von ŋ eher um ein graphisches als ein phonolo‐ gisch-graphematisches Phänomen handelt. In der gängigen Literatur wird dieses Phänomen jedoch stets bei der Betrachtung des Konsonantismus behandelt. In diesem Fall greifen die Prinzipien der Vergleichbarkeit und der Kohärenz der Darstellung ein. 539 Hølberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 304-318; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 38f.; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 64f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 73 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 50f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 223; Nybøle: Reynke de Vos, S. 49, 143; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 393f. Teil II A Textinterne Analyse 162 Im Inlaut erscheint üblicherweise die Realisierung für ŋ(g), es finden sich jedoch einige Ausnahmen mit dem nachgestellten : – Belege mit : vnderrichtungen (2), vnderwysungen (2), entfangen (6), oͤuinge (3), ster‐ ckunge (1), dinge (9), wolmenunge (1), bryngen (6), brynge (7), handelunge (1), ordenun‐ gen (1), Koͤninge (29), Junge (7), strenge (1), bringen (12), neringe (1), gefangen (8), Koͤninges (23), miszhandelungen (1), anbringent (2), gehangen (2), vorschryuinge (1), voͤdinge (1), junger (4), tydinge (8), Brynget (3), strengen (1), vordruͤckinge (1), slange (32), bringet (13), jungen (5), meldunge (1), beweruinge (1), vullenbringen (2), dingen (7), bryngen (2), hangen (4), auerwinnunge (1), vullenbringen (2), ruͤstinge (1), vorbringen (2), Vnderrichtunge (2), eerbedungen (1), vorachtunge (1), beschuͤttinge (1), dinges (2), vthruͤstunge (1), Krygeszruͤstinge (1), entschuͤldiginge (1), myszhandelinge (1), Regeringe (1), vthduͤdinge (3), voͤdinge (1), erwelingen (1), behangen (3), kledynge (2), vthbedynge (1), anfechtinge (1), duͤdinge (1), Vortoͤgeringe (1), Vorklaringe (2), vorwaringe (1), nee‐ ringe (1), voruolginge (1), vnderrichtinge (2); – Belege mit : afflenunghe (1), Koͤninghe (1), vullenbrynghen (1), dinghe (1), anhen‐ gher (1), lengher (1). Für ŋk erscheint üblicherweise die nck-Schreibung sowohl im In- als auch im Aus‐ laut. Mehr oder minder in Ausnahmefällen, wie das der Fall bei femininen Abstrakta auf -ing(e) bzw. -ung(e) ist, ist die Schreibung belegt. Die Schreibung kommt ebenfalls einmal in der assimilierten Form bryngstu 182r vor. In beiden letz‐ ten genannten Fällen scheint ‚Reynke Vosz de olde‘ mehr dem morphologischen als dem phonetisch-phonologischen orthographischen Prinzip zu folgen: – Belege mit : dinck (1), erdencken (3), Frygdanck (9), manck (17), Greuinck (12), geschencke (5), junck (3), sanck (3), Koͤninck (104), lancksam540 (1), lanck (9), ganck (3), vthganck (2), danck (8), Koͤnynck (2), gefencknisse541 (1), springen (1), gedencken (4), Drunckenheit (2), kranckheit (1), vorfencklick542 (1), Junckfrouwen543 (2), anfanck (3); – Belege mit : erfarung (1), vorleydung (1), warnung (2), vormanung (1), beterung (1), vorachtung (1), vorklenung (1), smehung (1), auertredung (1), vorplichtung (1), regerung (1), ordenung (1), forderung (1), beswerung (1), vorschryuing (1), entschuͤldigung (1), leff‐ hebbung (1), antoͤgung (1), entschulding (1), anthoͤgung (1), achtung (1), bryngstu544 (1). 540 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 541 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 542 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 543 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 544 In diesem Fall lässt sich eine Verhärtung von (g) > k an der Morphemgrenze ansetzen. 5 Lautlehre und Orthographie 163 Konsonantenverbindungen mit s sl, sm, sn, sw > schl, schm, schn, schw im Anlaut Die Schreibung der anlautenden Konsonantenverbindungen von s mit den Lauten l, m, n, w kennt im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine starke Varianz. Für den Text ist die ältere schreibsprachliche Verwendung des s vor l, m, n, w im Anlaut und am Anfang eines Grundmorphems typisch. Beide schl- / schw-Ausnahmen Voszschwentzer 2v (versus Vosswetzer 132 r) und Anschlege 19r können wohl als charakteristisches Merkmal für die späte Phase des Mittelniederdeutschen aufgefasst werden und mög‐ licherweise auf den hochdeutschen Einfluss zurückzuführen sein. Der letztere machte sich im mittelniederdeutschen Schreibsprachenareal seit der Mitte des 15. Jahrhun‐ derts vereinzelt bemerkbar. Besonders häufig war der orthographische Ersatz des durch seit dem 16. Jahrhundert, und dort insbesondere in der zweiten Hälfte, anzutreffen.545 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist wider Erwartung praktisch keine sch- + Konsonant-Schreibung auf. Die beiden sch-Belege entstammen dem Prosakom‐ mentar und können eventuell als hochdeutsche Interferenzen bewertet werden.546 – Belege mit : slape, slicht, slaen, geslechte, geslachtet, Sloth, Sloͤyer, slimmen, sluken, Slange; – Belege mit : gesmehet, Smeychlern, smachte, smer, smerten, smecken; – Belege mit : snell, snappede, snauel, gesneden, snapde; – Belege mit : geswindicheit, swaren, swerent, Swartzenberch, sweuen, swaken, Swyn, swege, swencken, geswaren.547 sp> šp, st > št im Anlaut Die anlautenden Konsonantenverbindungen sp, st werden im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausnahmslos durch , wiedergegeben. Ob diese konsonantischen Verbindun‐ gen systematischen phonologischen Veränderungen sp > šp, st > št bereits zur Mitte des 16. Jahrhunderts unterzogen worden sind, kann nur auf Basis der vorgefundenen schreibsprachlichen s-Realisierungen nicht bestimmt werden.548 5.4.8 545 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 35, S. 48-50, hier S. 49-50; Lasch, Mittelniederdeut‐ sche Grammatik, § 333; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 415-418; Scharnhorst, Un‐ tersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 161-163; Peters, Katalog sprach‐ licher Merkmale I, S. 74 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 52]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 219-222; Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 8-10; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 132f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 173f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 107. Zur Schreibung von s-Verbindungen bei Dietz vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 172, 174-176. 546 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 547 In einem Beleg kommt statt sw- eine ſzw-Schreibung vor, die einen Ausnahmecharakter hat: ſzwerenn 12v. Zur Variation der s-Schreibungen allgemein vgl. Kap. 5.5.5 Schreibung von s. 548 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 333 Anm. 2. Teil II A Textinterne Analyse 164 – Belege mit : sprake, Spegel, Spytzhoͤde, spare, sprickworde, entspraten, spyse, spruͤtten, spyll, bespot, sprengen, spleth; – Belege mit : Standt, vnvorstendygen, stellen, Stadtmusz, sterckunge, gestalth, stin‐ ckende, stedes, straffen, gestyfftet, stamme, stoltheit, bestan, stricke, steruet, strenge, stum‐ me, stert. sk> š im Anlaut, Inlaut und im Auslaut Der Wechsel sk > š setzte auf einem bedeutenden Teil des mittelniederdeutschen Sprachgebietes viel früher als im Fall der Konsonantenverbindungen mit s ein, ver‐ breitete sich allerdings nicht in allen Dialektregionen gleichmäßig. Die ersten Belege für den orthographischen Ersatz von zunächst , dann durch finden sich bereits in der vormittelniederdeutschen Zeit, verstärkt erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. In der frühmittelniederdeutschen Sprachperiode überwiegte noch die sc- Schreibung. Die sch-Schreibung drang zum „klassischen“ Mittelniederdeutschen durch und wurde in der späten Phase wieder gehäuft durch sc- und sk-Schreibung er‐ setzt, wobei die sc-Realisierung für den Anlaut als für den Inlaut typischer war.549 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird für den aus dem sk entwickelten š ohne Ausnah‐ men die sch-Graphie verwendet, inlautend wie in schalck 4v, scholen 5r, aber auch am Grundmorphemanfang, medial wie im Suffix -schop sowie in zusammengezoge‐ nen Formen mit Stamm auf š + Suffix -hê(i)t wie in vnkuͤscheit 5r, valscheit 8r. Die Schreibvariante ssch ist inlautend auch möglich, allerdings scheint sie lexem‐ gebunden zu sein: Bisschoppes 5r, esschet 5v, twysschen 13v, vyssche 16v, Dyssche 174r. Im Wortauslaut findet sich durchgehend die sch-Schreibung wie beispielsweise in valsch 4r, vleysch 184r.550 – Belege mit sch-Graphie im Anlaut: sch-Formen von ‚sollen‘551, schonen, schelcken, thuchtscholle, schaden, schande, schilt, beschermen, Scharpenybbe, schyuen, schepper, beschuͤttinge, scheldens; – Belege mit (s)sch-Graphie im Inlaut: menschen, egenschoppen, Kopenschop, vnderscheit, vnkuͤscheit, Bisschoppes, esschet, valscheit, twysschen, geselschop, fruͤndtschoppe, Dys‐ sche, vyssche; – Belege mit sch-Graphie im Auslaut: valsch, narresch, smeichlerisch552, kyuesch. Gemäß Erwartung taucht initiales š + r ausschließlich in der schr-Schreibung auf. 549 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 35, S. 48-50, hier. S. 49; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 334; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gry‐ ses, S. 175f.; Hølberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 319-324; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 61; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 175f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 74 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 52]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 219-222; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 107f. 550 Aufgrund fehlender Variation folgen Belege in Auswahl. 551 Zu den Varianten mit anlautendem vgl. Kap. 6.1.13 Das Präteritopräsens ‚sollen‘. 552 Die Schreibung smeichlerisch Bl. 128v ist wohl dem Einfluss der hochdeutschen Literatursprache zuzuschreiben. 5 Lautlehre und Orthographie 165 – Belege mit schr-Graphie im Anlaut: schryfften, beschryfft, schrien, vorgeschreuen, vor‐ schrack, geschreuen, Schryfft. Die Formen des präteritopräsentischen Verbs ‚sollen‘ werden graphisch durchgehend mit realisiert. Auch insgesamt lässt sich für diese Variable feststellen, dass die orthographische Verwendung von Konsonantenverbindungen mit s konsequent der Schreibung des „klassischen“ Mittelniederdeutschen entspricht. r-Metathese Erste nachgewiesene Belege für die r-Metathese neben kurzem Vokal tauchen bereits in der vor- und frühmittelniederdeutschen Zeit auf, wobei es sich bei ausgewählten Lexemen um mehr oder minder beständige Umstellungen des r-Lautes und bei ande‐ ren eher um unregelmäßige und sporadische Umstellungen handelt.553 Lasch geht da‐ von aus, dass es zur r-Metathese in solchen Positionen kam, wo das r mit seiner neu‐ en lautlichen Umgebung „eine festere gruppe bildete“.554 Sie zählt folgende Kon‐ sonantenverbindungen auf: „tr, vr vor dem vokal, rd, rt, rst, rs(ch), rn, also r + den‐ tal, jedoch nicht rnd“.555 In diesem Zusammenhang verwundert zunächst die Tatsache, dass ‚Reynke Vosz de olde‘ beinahe keine r-Metathese kennt. Eine Ausnahme bildet die lexemgebunde‐ ne Metathese im Adjektiv ‚frisch‘: versche 29v und 44r. In allen weiteren Lexemen, wo eine r-Umstellung erwartbar bzw. zumindest möglich wäre, erscheint die her‐ kömmliche Buchstabenfolge. – Belege ohne r-Metathese: Godtforchtigen (1), forcht (1), druͤdde (39), forchte ‚Furcht‘ (4), druͤdden (18), forchtlose (1), foͤrchtet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), Gadesfoͤrchte (1), frost (1), foͤrchten Inf. (8), foͤrchte ‚Furcht‘ (6), Antichristes (1), Godtfoͤrchtich (1), forchten (1), foͤrchten 3. Pers. Pl. Ind. (1), foͤrchtsam (2), forchte 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), foͤrchte dy 2. Pers. Sg. Imp. (1), forchtet 3. Pers. Sg. Präs. Sg. (1), forchtede 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1); – Belege mit r-Metathese: versche (4). Eine mögliche Erklärung für diese Besonderheit liefert Lübben.556 Laut Lübben reimt sich ra mit ar z. B. in trat : wart, was als Beweis dafür dienen kann, dass beide Schreibungen sich durch den gleichen Lautwert kennzeichnen.557 Diese Annahme könnte die Varianz in der r-(Um-)Stellung im Wort erklären. Ferner führt Lübben aus, dass einige weitere positionsbedingte r-Metamorphosen (i. e. „Ausstossung“ und „Verschmelzung“) „im Mittelniederdeutschen nur noch in beschränktem Masse statt‐ 5.4.9 553 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 32, S. 41f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 231; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 107f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 152-154; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Gra‐ phetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, Sp. 1429. 554 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 231, S. 133f., hier S. 134. 555 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 231, S. 133f., hier S. 134. 556 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 32. 557 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 32, S. 41f., hier S. 41. Teil II A Textinterne Analyse 166 gefunden [haben], während sie im neueren Niederdeutschen, besonders in den westli‐ chen Gegenden, allgemeine Regel geworden [sind]“.558 Eine solche Begründung er‐ scheint im Zusammenhang als recht plausibel, weil es sich beim ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ um einen Vertreter des Ostelbischen, also Ostmittelniederdeutschen handelt, als ausreichende Erklärung für die so gut wie nicht stattgefundene r-Metathese kann sie jedoch kaum gelten bleiben. Nd. f /v versus hd. p / b Der germ. stimmhafte Frikativ ƀ hat in den niederdeutschen und hochdeutschen Dia‐ lekten unterschiedliche Entwicklung erfahren. Im Hochdeutschen wurde der germ. Reibelaut ƀ unabhängig von seiner Stellung im Wort zum stimmhaften Plosiv b abge‐ schwächt. Germ. ƀ ergab im Niederdeutschen je nach Position entweder einen stimm‐ losen bilabilalen oder labiodentalen Frikativ f im Auslaut oder einen stimmhaften Frikativ v im Inlaut.559 Im ,Reynke Vosz de olde‘ liegt der Anteil der niederdeutscher Graphien bei 100%. Es sind keinerlei Divergenzen in den Kapitelglossen oder in den Randglossen zu beobachten, wie es beispielsweise bei einigen anderen Variablen der Fall ist. Mit anderen Worten heißt das, dass es bei dieser Variable kein hochdeutscher Einfluss seitens der jeweiligen Textvorlagen o. a. festgestellt werden konnte. Konstante niederdeutsche Schreibung im In- und Auslaut:560 – ‚ab, ab-, -ab‘: affgemalet (1), afftheen (1), affthosundern (1), affwyken (1), affgedrun‐ gen (1), affmalet (1), Affgoͤde (1), daraff (3), affgunst (2), affgunstich (1), afflenunghe (1), afflenunge (1), aff wesen (1), nimpt aff (1), affwesen (1), aff gebeden (1), sleit … aff (1), aff lathen (1), affgeyaget (1), affgehouwen (1), affgesneden (1), roͤmet aff (1), affrichten (1), affbidden (1), heraff (1), aff spreken (1), affwesende (2), affsleyt (1), aff‐ wesen (1), affthostaen (1), affwenden (1), affgesecht (1), affgedrungen (1), nympt … aff (1), affthognagen (1), affgnagen (1); – ‚bleiben‘: blyfft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (5), gebleuen Part. Prät. (7), blifft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (5), bliue 2. Pers. Sg. Imp. (1), bliuen Inf. (5), bleuen Part. Prät. (1), bleff 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (3), vthbleue 3. Pers. Sg. Konj. (1), bleuen 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (3), bliue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), nablifft (1), auerbleef 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), bleue 3. Pers. Sg. Konj. (1), bleeff 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), bliuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), bleef 1. Pers. Sg. Prät. Ind. (2); – ‚daneben‘: Darneuen (1); – ‚deshalb‘: Derhaluen (29); – ‚Dieb‘: deeff (5), deff (2); – ‚eben‘: euen (2); 5.4.10 558 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 32, S. 41f., hier S. 42. 559 Gallée, Altsächsische Grammatik, §§ 223-227; Denkler, Sterbfallinventare, S. 162-164. 560 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 5 Lautlehre und Orthographie 167 – ‚Farbe‘: varwe (2); – ‚Gabe, -gab-‘: begauet Part. Prät. (1), gaue ‚Gabe‘ (3), gauen ‚Gabe‘ (6), Gauenfreter (1), begauen Inf. (1); – ‚geben, -geben‘: begeuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), geuen Inf. (19), gegeuen Part. Prät. (14), gaff (13), auergeuen Part. Prät. (2), geue 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), syck … be‐ gheue 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorgheuen Inf. (1), angheuent substantiv. Inf. (1), an‐ gegeuen Part. Prät. (2), syck begeuen Inf. (1), begeuen Part. Prät. (1), (syck) gheuen Inf. (3), hengheuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), geue 2. Pers. Sg. Imp. (3), geuen 2. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), hengeuen Inf. (1), geuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (5), gheue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), angeuent substantiv. Inf. (1), gheuet 2. Pers. Pl. Imp. (2), auergeuen Inf. (1), geuest 2. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), geue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), vorgeuet561 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorgaff (1), begeuen Part. Prät. (1), geuendes substantiv. Inf. (1), geue 3. Pers. Sg. Konj. (1); – ‚Grab‘: graff (5); – ‚grob‘: groͤueste (1), groff (7), groue (1), groffheyt (2); – ‚halb, halb-‘: halff (7), halue (2); – ‚-halben‘ (Suffix in Zusammensetzungen): allenthaluē (1), allenthaluen (8); – ‚halber‘ (Präp.): haluen (10); – ‚heben, -heben‘: heue an 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vththoheuen Inf. (1), tho heuen an Inf. (1), erheuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), erheuen Inf. (1), vorheuen Ind. (1), erheuet syck 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), anheuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), heuen Inf. (1); – ‚Laub‘: loff (1); – ‚leben, Leben, leben-‘: leuent ‚Leben‘ (7), leuendygen (1), leͤuent ‚Leben‘ (12), leͤuen‐ de ‚Leben‘ (3), leͤuen 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (5), leuet ‚Leben‘ (1), leuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), leͤuen Inf. (7), Leͤue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), leuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), leuen Inf. (1), leuendich (3), Haueleͤuēde (1), leͤuendes (2), leͤuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), leͤuede 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), leͤue 3. Pers. Sg. Konj. (1), leͤueden 3. Pers. Pl. Konj. (1), Eerleuende (1), leͤuenth ‚Leben‘ (1); – ‚Leib, Leben‘: lyff (24); – ‚lieb, Liebe, Lieb-, -lieb(e), lieben‘: leͤfflyker (1), Frowen leue (1), leff (7), leue ‚Liebe‘ (13), leeff (6), leuer (5), leuen (1), leue (9), leͤffkosen substantiv. Inf. 24r (2), leffheb‐ bung (1), leͤff (6), leuen Inf. (2), lefflick (2), leuesten (1); – ‚loben, Lob (Ruf), -lob, lob-‘: loff (3), Egen loff (2), loffwerdigen (1); – ‚oben‘: bouen (2); – ‚rauben, Raub‘: rouet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), gerouedem (1), berouede 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), berouet Part. Prät. (3), berouet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vnberouet Part. Prät. (1), Roͤuer (3), berouen Inf. (2), rouen substantiv. Inf. (1), rouen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), rouent substantiv. Inf. (1), beroueth Part. Prät. (1), Roͤuerye (1); – ‚Scheibe‘: schyuen (2); – ‚schreiben, Schreib-‘: beschriuunge (1), schryfft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), vorge‐ schreuen Part. Prät. (5), beschriuinge (1), schryuen Inf. (1), vorschryuinge (1), vor‐ schryuing (1), geschreuen Part. Prät. (5), schrifft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), schryff 2. 561 Kontr. aus vorgeue dat. Teil II A Textinterne Analyse 168 Pers. Sg. Imp. (1), beschryuunge (1), beschrifft 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (3), geschryuinge (1), beschreuen Part. Prät. (2), schriuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), beschreuē (1); – ‚selb, selb-‘: suͤluigen (2), suͤluest (36), Desuͤluigen (3), suͤluige (3), suluige (2), desuͤluen (9), darsuͤluest (4), desuͤlue (3), suͤlue (14), suͤluen (34), dersuͤluen (7), den‐ suͤluigen (4), suͤluigē (1), Darsuͤluest (1), Datsuͤlue (1), suluest (5), suluen (3), desului‐ ge (1), dessuͤluigen (2), desuͤluige (1), sulue (1), desuluigen (1), dersuͤluigen (3), des‐ suͤluen (1), desuͤlue (6), suͤlffte (2), densuͤluen (3), dytsuͤlue (1), datsuͤlue (7), suͤlff (1), Demsuͤluen (1), desuͤluē (1); – ‚Silber‘: suluer (1), Suͤluer (1); – ‚Stab‘: staff (3); – ‚sterben‘: steruet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), starff 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (1), sterue 3. Pers. Sg. Konj. (1), steruen Inf. (2), steruen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (2); – ‚Taube‘: Duuen (4); – ‚tief‘: deper (1), depe (4), deep (4), depen (1); – ‚treiben, -treiben‘: dryue 1. Pers. Sg. Präs. Ind. (2), Dryuen 3. Pers. Pl. Präs. Ind. (1), vordreuen Part. Prät. (1), durchdreuen Part. Prät. (1), bedryuen Inf., Dreuen 3. Pers. Pl. Prät. Ind. (2), dreeff 3. Per. Sg. Prät. Ind. (2), ghedreuen yn Part. Prät. (1), bedreeff 3. Pers. Sg. Prät. Ind. (3), dryuet 3. Pers. Sg. Präs. Ind. (1), gedreuen Part. Prät. (1); – ‚übel, Übel‘: oͤuel (3); – ‚über, über-‘: auersettet (1), auergeuen (3), auertredung (1), auer (68), auerfallen (2), auerdadt (1), auerkamen (5), auerfallenn (1), auerylet (2), auerwunnen (3), auermodt (1), darauer (1), auerreden (1), auerredet (2), auerredede (2), auergelouen (1), auer‐ winnige (1), auerwint (1), auerwinnunge (1), oͤuerdaedt (1), auerall (1), auerlast (1), auertreder (1), auerghat (1), auermals (2), auertheen (1), auerbleeff (1), oͤuerst (2), auertuͤghen (1), auerpuchen (1), auerpuchet (2), auerfloͤdigen (1), auertreden (1), auer wynt (1), oͤuer (1), aueringe (1), auereyn (1); – ‚Urlaub (Erlaubnis)‘: orloff (3); – ‚vergebens‘: vorgeues (2); – ‚Weib (Frau)‘: wyff (24), wyue (13), wyf (1), wyuer (3); – ‚Zauberei, zauber-‘: Toͤurye (1), Touerye (1), thouerlyken (1). Assimilation Die progressive Assimilation des inlautenden d nach Liquid oder Nasal in den inter‐ vokalischen Konsonantenverbindungen ld und nd zu ll bzw. nn wird bereits in der frühmittelniederdeutschen Periode registriert und gilt ein spezielles Sprachmerkmal des Mittelniederdeutschen in Abgrenzung zum Altsächsischen. Wie Lasch allerdings hervorhebt, „[v]ereinzelte fälle aus namen sind schon innerhalb der vorangehenden periode nachgewiesen“.562 Die Assimilation ld > ll, nd > nn wird vorwiegend als Merkmal der gesprochenen Sprache aufgefasst und ist laut Lasch „niemals schrift‐ 5.4.11 562 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 323, S. 167f., hier S. 167. 5 Lautlehre und Orthographie 169 sprachlich“.563 Nichtsdestotrotz begegnet die ll- bzw. nn-Schreibung in der Schrift, jedoch vor allem in ältester und jüngster Phase, sowie abhängig von der Textsorte und dem Medium.564 ld > ll Ohne Ausnahmen wird die Assimilation ld > ll im ‚Reynke Vosz de olde‘ in der Schrift nicht bezeichnet. Einige Belege liefert bereits Kap. 5.1.2 a > o vor ld, lt, z. B. für olde, kolde, holden. Es finden sich zahlreiche weitere Belege mit ld-Schreibung. nd > nn Die assimilierte nn-Schreibung tritt im ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zur nd- Schreibung äußerst selten auf. Die wenigen nn-Belege, die durch konstante assimi‐ lierte Schreibung gekennzeichnet sind, sind lexemgebunden. Es handelt sich hierbei eher um Sonderfälle. – Belege mit 565: vorstande, behendicheyt, handel, vnderrichtungen, vnderwysungen, vnderricht, andern, besunder, vnderdanen, gewendet, senden, erfunden, hynderlistich, wandel, handelen, lande, nemande, suͤnde, schande, handelunge, affthosundern, kynder, schenden, kunde, hoffgesynde, wynde, vthwendigen, bestendich, eynander, schendent, wunde, schendet, Hoffgesyndes, jemande, hundert, wunder, minder, vorstandes, vorswun‐ den, schenders; – Belege mit : schinnen ‚schinden‘, wennen ‚abwenden‘, auerwunnen ‚überwunden‘, auerwinninge, auerwinnungen. Auffällig ist die Schreibung annder 13v (1), wobei die angesprochene Konsonanten‐ häufung wohl auf einen Druckfehler zurückzuführen ist und kein Übergangsphäno‐ men von nd zu nn darstellt. 563 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 323, S. 167f., hier S. 167. 564 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 29, S. 36-37, hier. S. 37; ebd. § 31, S. 38-41, hier S. 41; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 73; ders., Niederdeutsche Studien, S. 56-60; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 323f.; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 398-405; Scharnhorst, Untersuchungen zum Laut‐ stand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 170f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mund‐ arten, Sp. 1779f.; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 29f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 72 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 50]; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-169, 188f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 215f.; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphe‐ tik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, Sp. 1429; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 168f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 391f. 565 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Teil II A Textinterne Analyse 170 Besonderheiten der Graphie Vokalische Verwendung von , , 566 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist eine ziemlich starke Variation hinsichtlich der graphi‐ schen Realisierung der hohen geschlossenen ungerundeten Vorderzungenvokale567 in nicht prävokalischer Position festzustellen. Diese können in der Schrift je nach Posi‐ tion im Wort durch folgende Zeichen wiedergegeben werden: , , . Als Ma‐ juskel kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die J-Graphie, wie beispielsweise aus den folgenden Belegen ersichtlich: Jn, Js, Jck, Jdt, Jm, Jlcke, Jsegrym568, Jse‐ grim569, Jnth, Jnt, Jse. Im Wortanlaut sind alle drei Schreibungen , , ver‐ treten. Das Lexem ‚ich‘ ist hochfrequent und taucht ohne Ausnahmen in der Schrei‐ bung ick auf, bei anderen Lexemen ist das initiale kaum belegt. Das anlautende kommt in Präpositionen sowie Verschmelzungen Präposition + Artikel, aber auch in Partikelverben mit der Partikel ‚ein-‘ und einigen Pronomina vor. Die y-Schrei‐ bung im Wortanlaut wird parallel zur j-Schreibung gebraucht und übertrifft diese bei weitem. Im Wortinneren sind ebenfalls alle drei Schreibungen vertreten. Die Schrei‐ bungen und sind dabei die Hauptvarianten und die j-Schreibung kann als fa‐ kultative Variante aufgefasst werden. Es gilt außerdem zwischen den Positionen me‐ dial an der Morphemgrenze, medial und medial in Suffixen zu unterscheiden. Inlau‐ tend an der Morphemgrenze sind die Schreibungen und äußerst selten be‐ legt, die j-Schreibung ist nicht vertreten. Mit vergleichsweise großem Abstand domi‐ niert bei den Suffixen die i-Schreibung. Hier herrscht ein deutliches Schwanken zwi‐ schen den Varianten und , wobei keine lexemgebundene Präferenz zugunsten einer Variante festgestellt werden kann. Die j-Schreibung kommt nur einmal vor: ernstljken 135v. In der Wortwurzel sind die Schreibungen und recht gleich‐ mäßig verteilt, sodass eine Tendenz nicht erkennbar wird. Im Wortauslaut erscheinen die hohen ungerundeten Vorderzungenvokale ziemlich selten und lediglich in der 5.5 5.5.1 566 Bis in das 17. Jahrhundert hinein wurden die Zeichen , , vokalisch wie konsonantisch gebraucht. Dieses Merkmal ist kein speziell mittelniederdeutsches Phänomen, sondern gilt als cha‐ rakteristisch für den gesamten deutschsprachigen Raum. Polenz bemerkt diesbezüglich: „Vor al‐ lem durch Schottel und Bödiker konnten die Grapheme und bzw. und konsequent auf vokalischen bzw. konsonantischen Wert festgelegt (nicht mehr [vnd ‚und‘, jhr ‚ihr‘]), die Di‐ phthongsschreibung mit statt zurückgedrängt [...] werden“. Siehe dazu Polenz, Deut‐ sche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. I, S. 178. Vgl. Moser, Frühneuhoch‐ deutsche Grammatik. I/1, § 12-13, S. 23f; Nerius, Deutsche Orthographie, S. 230ff., insbes. S. 233. An entsprechender Stelle führt Schottel aus: „Die Letteren u und i / so offt sie ein Wort anfangen / und einen selblautenden nach sich haben / werden sie also geschrieben / v / j / und nehmen also an sich eine mitlautende Wirkung“. Siehe dazu Schottel, Deutsche Sprachkunst, S. 183. Zu den Gra‐ phien , , vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 163, 165f. 567 Zur konsonantischen Verwendung von , , für j, vgl. Kap. 5.5.3 Konsonantische Verwen‐ dung von , , . 568 Hinzu kommen weitere flektierte Belege im Nicht-Nominativ: Jsegryms, Jsegrymes, Jsegryme, JSegrymme. 569 Hinzu kommen weitere Belege im Genitiv: Jsegrims. 5 Lautlehre und Orthographie 171 Präposition ‚bei‘, in den Personalpronomina, Genitivformen ausgewählter fremdspra‐ chiger Personennamen sowie in lateinischen Ausdrücken und dem Lexem ‚frei‘. – Belege mit initial: ick, idt, in570, is, im; – Belege mit medial an der Morphemgrenze: hyrinne, darinne; – Belege mit medial571: gewisz, nicht, Darmit, stinckende, gewinnen, Dauid, listige, miszgedan, sick572, bringen, bliuen, miszguͤnneren, kinder, Willigertrud, bitterheit, gewin‐ net, miszbruke, miszdeit, gewiszlick, miszdeder, slimmen, miszdoet, bitterem, miszlich, miszbrukest; – Belege mit medial in Suffixen: – ‚-haftig‘: boͤszhafftigen, warhafftigē, warhafftige, dorhafftich, angsthafftiger, warhaff‐ tich, warhafftiger, boͤszhafftiger, volgehafftich, stanhaffticheit, boͤszhafftige, twiuelhaff‐ tige, warhafftiges, geluckhafftigesten, schalckhafftigen, czaghafftich, loͤgenhafftigen, dorhafftiger, schalckhafftiger, Schamhafftich, Schalckhafftich; – ‚-ich/-ig‘573: mennichuoldigen, behendicheyt, almechtigen, mennigerley, hillige, wil‐ lich, mennich, billich, vnbillich, modtwillich, hilligen, hilligedoͤmte, hilligedom, vor‐ nufftiger, billick; – ‚-in‘574: meisterinne, Koͤniginnen, Koͤninginne, Koͤninginnen, Koͤniginne, Apinnen;575 – ‚-ing‘576: oͤuinge, beschriuinge, neringe, vorschryuinge, voͤdinge, tydinge, vordruͤckin‐ ge, beweruinge, antoͤginge, wickinge, ruͤstinge, vorsammelinge, geschryuinge, be‐ schuͤttinge, vthruͤstinge, vorlatinge, Krygeszruͤstinge, entschuͤldinge, vortellinge, mysz‐ handelinge, Regeringe, vthduͤdinge, voͤdinge, erwelingen, meldinge, achfechtinge, duͤdinge, meininge, Vortoͤgeringe, Vorklaringe, segeninge, vorwaringe, besyttingen, voruolginge, vnderrichtinge; – ‚-isch‘: Latynisch, hatisch, vproͤrisch, krygischen, smeichlerisch, smeichlerischen, ky‐ uischē, vproͤrisch, Esopische; – ‚-lich‘ (Adj.)577: denstlick, Gelick, schymplick, grunthlick, schedelick; – ‚-lich‘ (Adv. und flekt. Adj.): varliken, sydtliken, natuͤrliken, kortwylich, ytzlicker, heymliken, Dergeliken, ytzliken, lichtlicke, vorretliken, eheliken, geluckliken, besunder‐ liken, Geystliken, Wertliken, kindtliken, czyrliken, doͤdtliken, gewantliken, Sonderliken, Fuͤrstliken, ernstliken, heimliken, tydtliken, geboͤrliken, ordentlicker, besuͤnderliken, re‐ deliken; 570 Inklusive Pronominaladverbien in der Distanzstellung und Partikeln als Bestandteil von Partikelver‐ ben in der Distanzstellung. 571 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 572 Belege aus dem ersten und zweiten Buch (Verhältnis 12 : 5). 573 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 574 Movierungssuffix. 575 Keine Belege im vierten Buch. 576 In hochdeutschen Äquivalenten ‚-ing‘ und ‚-ung‘. 577 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Insgesamt konnten im Untersuchungstext 269 Belege mit i-Schreibung bei Adjektiven auf ‚-lich‘ ermittelt werden. Teil II A Textinterne Analyse 172 – ‚-nis‘578: gelicknisse, vorbundtnissen, vorbuntnissen, bedroͤffnisse, droͤffnisse, Duͤster‐ nisse, begreffnisse, gefencknisse, vorsuͤmenisse, gefencknissen; – Belege mit final: Christi, tibi579, Audi580; – Belege mit initial: js, jnth, jdt, jnholt, jnt, jnn581, jnne, jndechtich, jndrengest, jnnemen; – Beleg mit medial im Suffix: ernstljken (1); – Belege mit initial: ys, ytzundes, yder, ytzigen, ynt, ydt, ytzlicker, ydermennichlick, ym, ysset; – Beleg mit medial an der Morphemgrenze: Daryn, darynne; – Belege mit medial: nyge, Dyetz, syner, wyszheit, lyst, hyr, Rydder, syn, Blyfft, Vyseua‐ se, vyende, fryg, bynnen, krygen, tydt, wysen, syck, vlyte, Kynder, myth; – Belege mit medial in Suffixen: – ‚-ich / -ig‘: voryge, rechtferdygen, Vnschuͤldygen; – ‚-in‘582: meysterynne, Wulffynne, Voͤszynne, Apynne, Kreynne, doͤrynnen, Koͤningynne, Apynnen, Koͤningynnen, dorynne, Wuͤlffynnen, Wuͤlffynne, Meerapynnen; – ‚-ing‘583: kledynge, vorweldynge, behuͤsynge; – ‚-lich‘ (Adj.): varlyck, vordoͤmlyck, meysterlyck, loͤflyck, vneerlyck, gyrichlyck, ent‐ lyck;584 – ‚-lich‘ (Adv. und flekt. Adj.): lauelyken, sydtlyke, ytzlyker, leͤfflyker, genoͤchlyker, sichtbarlyke, Goͤdtlyker, heimlyke, Koͤnincklyken, Fuͤrstlyken, Fuͤrstlyker, dagelyker, tydlyke, schedelyke, mercklyke, gebrecklyken, dergelyken, gelyke, Geystlyken, merckly‐ ker, sunderlyker, adelyken, eerlyken, gelyken, gruͤnthlyker, werltlyke, werltlykē, desz‐ gelyke, fruͤntlyker, bedreglyken, gentzlyken, dagelykes, mercklyke, staͤtlyke, ytzlyke, re‐ delyke, jtzlyken, letlyker, sorchlyke, leetlyke, schentlyken, vorderlyken, goͤtlyken, tho‐ uerlyken, jammerlyke, meisterlyke, koͤnlyken, jamerlyker, bedrechlyken, loͤflyke, billy‐ ker, vnbillyken, Christlyken, broͤderlyke, vnschedelyker, bedrechlyker, redelyker, re‐ delyken, Adelyken, manlykesten, Eerlyke, Eerbarlyke, Adelyke, Koͤnincklykem, suͤnder‐ lyken, kostlyke, vntemelykeste, dagelykeschem, natuͤrlyke, koͤstlyke, Eelyken, kyndtlyken, Ehelykenn, schentlyke, billyken, natuͤrlyken, leetlyken, Tuchtlyke, lasterlyker, lasterlyke, vnersadtlyke, geboͤrlyker, temelyken, doͤdtlyke, tydtlyke, bedregelyken, gruwelyken, vorgencklyke, letlyken, gruͤndtlyke, leetlyker, letlyke, schedelyke, Goͤdtlyken; – Belege mit final: my, by, wy, sy, fry, dy, gy. 578 Die meisten Belege mit Suffix ‚-nis‘ kommen im ersten Buch vor. Im zweiten und dritten begegnet jeweils ein Beleg (Verhältnis 13 : 1 : 1). 579 Lat. Beleg. 580 Lat. Beleg. 581 Inklusive Pronominaladverbien in der Distanzstellung und Partikeln als Bestandteil von Partikelver‐ ben in der Distanzstellung. 582 Movierungssuffix. 583 In hochdeutschen Äquivalenten ‚-ing‘ und ‚-ung‘. 584 Keine Belege im zweiten Buch. 5 Lautlehre und Orthographie 173 Eine weitere Perspektive bietet die Analyse der Schreibvarianten im Hinblick auf die Verteilung der Realisierungen bei der Wiedergabe des kurzen i und des langen î.585 Bei genauer Betrachtung ergibt sich, dass das kurze i etwas häufiger als realisiert wird im Vergleich zu . Der Langvokal wird dagegen normalerweise mit wie‐ dergegeben. Das bleibt als Marginalvariante, die auch insgesamt selten vor‐ kommt.586 – Belege mit für i: Capitel, mennich, billicheit, nicht, Hinderlist, mith, vppige, Jsegrim, vnsinnich, gisteren, Twisschen, vpschrifft, beweruinge, gerichte, vnbesmittet, singet, vindt, vorwilliget, stilre, Scharpenibben, gifft, errich, darin, ernstlick, minschen, strick; – Belege mit für î: beschriuinge, flite, minem, flitich, twiuelhafftich, bliuet; – Belege mit für i: jn, js, jnnemen; – Belege mit für î: jdern (1), jderman (1), jder (1); – Belege mit für i: hynderlyst, blyndt, dyngen, wynters, vyssche, Jsegrym, twyst, ys, vyn‐ geren, Hyntze, drysten, blyfft, ehrgystern, kyn, gewyn, synn; – Belege mit für î: my, syn, schyne, hyr, schryuen, lyff, wyff, lyue, vthspyset, gy, by, partye, beschryuunge, pryse, spyse, flyte, vyue, Ryke, vryem, bewysen, Pelegrymen, ketyue, vormyden, kyuen, myn, pyn, deuerye, Dyke, yderman, bouerye, Gyremodt, vyl, maltydt. Zusätzlich soll auf die Tatsache hingewiesen werden, dass Abkürzungen des i und des darauffolgenden Konsonanten im ‚Reynke Vosz de olde‘ äußerst selten vorkom‐ men. Es findet sich nämlich nur ein Kontraktionsbeleg mit einer Tilde über dem , wobei die Tilde587 hier für einen Nasal steht: Koͤnīck 23v. Belege mit einer Tilde über dem oder fehlen völlig.588 Vokalische Verwendung von , , Ähnlich wie die Zeichen , , verhalten sich die , , , die sowohl Vokal- als auch Konsonantenzeichen sein können, allerdings mit einer eindeutigeren 5.5.2 585 Mehr dazu vgl. Kap. 5.3.6 Längenbezeichnung für mnd. î. 586 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 587 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 19, S. 22, benutzt die Bezeichnung ‚Nasalstrich‘. Dies ist allerdings nicht ganz richtig, weil die waagerechte Wellenlinie nicht ausschließlich zur Kenn‐ zeichnung eines suspendierten ggf. kontrahierten Nasals steht, sondern in ausgewählten Lexemen als generelles Abkürzungssymbol verwendet wird, wie beispielsweise in vñ für vnde, und somit wortgebunden ist. Nybøle, Reynke de Vos, S. 99-104, spricht dagegen allgemein von ‚waagerech‐ ten Kürzeln‘, die zum Teil auch ‚Nasalkürzel‘ sind. M. E. eignet sich für das in ‚Reynke Vosz de olde‘ verwendete Überzeichen am besten die neutrale Bezeichnung ‚Tilde‘. 588 Laut Nybøle, Reynke de Vos, S. 103, kann die fehlende Tilde über dem wohl „auf das als Vor‐ bild dienende Abkürzungssystem in lateinischen Quellen“ zurückgeführt werden. Vgl. auch Grun, Schlüssel zu alten und neuen Abkürzungen, S. 25-28. Teil II A Textinterne Analyse 174 Verteilung der vokalischen Varianten.589 Als graphische Realisierung der gerundeten (fast) geschlossenen Hinterzungenvokale u, û und der (fast) geschlossenen (fast) vor‐ deren gerundeten Vokale ü, ü̂ unabhängig von der Vokalquantität dominiert die u- Schreibung590 medial präkonsonantisch, u. a. an der Morphemgrenze, d. h. in der in‐ direkten Initialposition, und final postkonsonantisch, wobei die Belegmenge mit dem im direkten Wortauslaut gering ist. In präkonsonantischer Stellung im Wortan‐ laut erscheint ausnahmslos das . Über den Lautwert der auslautenden w-Graphie kann man nicht eindeutig entscheiden, da das final postvokalisch nach dem vorkommt und prinzipiell Konsonantenwert haben kann.591 Im Majuskelgebrauch kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die V-Schreibung, was naheliegend ist, da das in direkter anlautender Position nicht verwendet wird. – Belege mit medial: gebruck, beschuͤtten, tuchtschole, vnuornufftigen, warnung, Pau‐ lus, dulle, Wulff, Fursten, durchdreuen, wunden, vorbunth, Muren, vul, truren, entschuͤldi‐ gung, Darsuͤluest, Bruen, wuste, Jutte, euentuͤre, Buer, gutdunckent, nuͤmmer, sunder, kuͤmpt, vorschuuen, bekuͤmmert, Junckfrouwen; – Belege mit medial an der Morphemgrenze: vorunglimpet, Wedderumme, Worumme, darumme, darup, Hyrumme; – Belege mit final: nu, du; – Belege mit initial: vnnd, vnse, vpp, vmmeslage, vth, vnsinnich, vmme, vnenicheit, vn‐ christlick, vmmeslengenden, vp, vngeuogh, vnbedragen, vntucht; – Belege mit final: juw, yw, yuw. Außerdem kann darauf hingewiesen werden, dass die Tilde in suspendierten wie kon‐ trahierten Abkürzungen ausschließlich über dem 592 erscheint, wobei alle Abkür‐ zungen mühelos entweder als n oder als m je nach Umgebung aufgelöst werden kön‐ nen. Daraus lässt sich folgern, dass die Tilde über dem in allen Fällen als Nasal‐ strich fungiert. Die Verteilung der abgekürzten Formen im Text ist ziemlich offen‐ sichtlich. Der Großteil kommt in den Marginalglossen vor, seltener tauchen die Ab‐ kürzungen in Kapitelglossen auf. Im Verstext finden sich keine Abkürzungen mit Til‐ 589 Zu ähnlichen Tendenzen im Frühneuhochdeutschen vgl. Moser, Frühneuhochdeutsche Grammatik. I/1, § 14, S. 24f.: „u und v sind ebenfalls gleichzeitig Vokal- und Konsonantenzeichen. Auch hier wird [...] eine Trennung nach der Stellung durchgeführt. Schon die äfrnhd. Hss. und Drucke gebrau‐ chen in der Regel v im Anlaut für Vokal (vns, vnder, vmb, vnd, vn- usw.) und Konsonanten [...], u aber im Inlaut nicht nur für den Vokal, sondern auch für den Konsonanten (freuel, zweiuel, einer, die höue, puluer usw.)“. Siehe dazu auch Meichssner, Handbüchlin, Bl. VIIr: „Item das gantz v gehoͤrt vornen zuͦ angang der woͤrter / Aber das offen u in das mittel vnd zuͦ end“. Zu den Graphien , , vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 163-166. 590 Z. T. mit e-superscriptum als Umlautmarker, Längenbezeichnung oder fakultativ ohne distink‐ tive Funktion. 591 Vgl. Kap. 5.5.4 Konsonantische Verwendung von , , , , , . 592 Diesen stehen die Kontraktionen, wie beispielsweise in vm̃e 3v, vm̃estenden 23r und vmm̃e 24v ge‐ genüber, die ihrerseits als Ersatz für mit Tilde gewertet werden können. Diese Ersatzerschei‐ nung kann m. E. ebenfalls mit der lateinischen Abkürzungstradition in Verbindung gebracht wer‐ den. 5 Lautlehre und Orthographie 175 de. Solche Abkürzungsverteilung lässt sich durch den Platzmangel und Zeilenumbrü‐ che vor allem in den Randglossenbeiträgen begründen. – Beleg mit <ū> für Vollform entstanden durch Suspension: violentū593; – Belege mit <ū> für Vollform entstanden durch Kontraktion: warūme, darūme, herūme, Sūma Sūmarum, kūpt, stūme, nūmermehr, nūmer; – Belege mit <ū> für Vollform entstanden durch Kontraktion: ordenūge, jtzūdes, meinūge, gewūnē, vormanūge, frūtschop, drūcken, vordrūgē, myszhandelūge, vorgūt, vorwūde. Konsonantische Verwendung von , , 594 Die Schreibungen und für den stimmhaften palatalen Approximanten j kom‐ men im ‚Reynke Vosz de olde‘ in der prävokalischen Position vor Vokalen der hinte‐ ren Reihe und ihren Umlauten vor wie beispielsweise in juͤmmer, yar, juwen, Jo‐ doch.595 Seltener stehen und vor wie beispielsweise in yemande, Jeger, Jerusalem. Die i-Schreibung ist im konsonantischen Gebrauch nicht vertreten; das einzige anlautende ist im lateinischen Zitat in einer Randglosse belegt.596 In ers‐ ter Linie stehen die Zeichen und in prävokalischer Initialposition, dabei überwiegt eindeutig die j-Schreibung. Die y-Schreibung erscheint vorwiegend in Zi‐ taten in den Kapitelglossen, wobei ein möglicher Einfluss der (z. T. hochdeutschen) Vorlagentexte nicht auszuschließen ist. Dieser lässt sich leider nicht in jedem Einzel‐ fall nachvollziehen, sodass eine verallgemeinernde Aussage diesbezüglich nicht legi‐ tim wäre. Fremdsprachige Lexeme weisen ausnahmslos j-Schreibung auf. Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass das j-Zeichen aufgrund der Häufigkeit als Graphem zur Kennzeichnung des stimmhaften j gelten und das als seine graphi‐ sche Variante aufgefasst werden kann.597 – Beleg mit initial: iurgia; – Belege mit initial: Juwe, ja, Junge, Johan., jemande, jamer, juͤmmer, jaer, juw, Jeger, jure598, Jaherenn, jagen, Juͤtte, Jo, juwen, jungen, Jodoch, jammerlick, Jerusalem, Julius, Jacob, Justitia, Juristen, Junckfrouwen, juwer; 5.5.3 593 Lat. Beleg. 594 Zur konsonantischen Verwendung von , in ‚der-, die-, dasjenige‘ siehe Kap. 8.5.4.4. Vgl. zudem Kap. 5.4.4 Schreibung von j. 595 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 348; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 347-350, hier S. 347-348; Nybøle: Reynke de Vos, S. 131f. Ähnliche Phänomene sind auch für andere deutsche Varietäten charakteristisch. Zum konsonantischen Gebrauch von , , im Frühneuhochdeutschen vgl. u. a. Moser, Frühneuhochdeutsche Grammatik. I/1, § 18, S. 29 ff. Zu den Graphien , , vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 163, 165f. 596 Lat. Semper habet lites alternaq(ue) iurgia lectus. etc. 182r. 597 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 598 Im lat. Ausdruck Defensio est de jure naturali 26r. Teil II A Textinterne Analyse 176 – Belege mit initial: yemande, yamerlick, yar, yo, yuͤmmer, yuͤwerle, yamers; – Beleg mit medial an der Morphemgrenze: affgeyaget. Konsonantische Verwendung von , , , , , Stimmloser bzw. stimmhafter labialer Spirant f bzw. v kann im ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ je nach Position im Wort mit folgenden Zeichen wiedergegeben werden: , und , , und .599 Dabei steht für den stimmlosen Konsonanten f anlautend gewöhnlich das . In anlautenden Konsonantenverbindungen mit dem Laterallaut l und dem Vibranten r kommt verstärkt die f-Schreibung vor. Als lexem‐ gebunden ist die f-Schreibung für ‚Fürst‘ zu bewerten. In Fremdwörtern sowie latei‐ nischen und griechischen Personennamen ist auch die digraphische Schreibung vertreten, anlautend wie inlautend. Besonders selten ist die anlautende w-Schreibung. Die entsprechenden Belege wreueler 10r und wroͤgeth 15r sollen daher als Ausnahme betrachtet werden.600 In sonstigen Fremdwörtern kommt im Anlaut die f-Schreibung vor. Im Anlaut des zweiten Kompositionsgliedes oder der Stammsilbe in präfigierten Wörtern ist die u-Schreibung die üblichere. Diese tritt sowohl anstelle des , als auch des vor wie beispielsweise in mennichuoldigen, Woruan, daruan. Vereinzelt wird die f-Schreibung nach dem Präfix beibehalten wie beispielsweise in vorfolgen. Inlautend vor (s)t und direkt auslautend kommt ausschließlich die Doppel-f-Schrei‐ bung vor, nach kurzem wie langem Vokal, so beispielsweise in hefft, deeff, leeff. Das entspricht zumeist dem stimmhaften v im An- und Inlaut oder steht für den vormnd. Halbvokal w, wobei es inlautend ausschließlich in Konsonantenverbin‐ dungen sw601, dw, tw auftaucht. Ansonsten steht inlautend in intervokalischer Posi‐ tion das . Nach q kommt ausnahmslos das vor. Die w-Schreibung ist außer‐ dem für vormnd. auw, euw, ôw und mnd. ûw602 im In- und Auslaut charakteristisch und findet sich u. a. im Hiat.603 – Belege mit medial: lauelyken, Darneuen, Wulue, greuinck, bleuen, Auerst, weruen, kyuen, Aduocat, geue, teuen; – Belege mit medial an der Morphemgrenze: vnuro, Daruoͤr, geuoͤget, vnuorschamet, beuele, nauolgen, voruolginge; 5.5.4 599 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38-39, S. 52-55; Lasch, Mittelniederdeutsche Gram‐ matik, § 287-295; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 343-347; ebd. S. 360-367; Nybøle: Reynke de Vos, S. 126f.; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, Sp. 1424f. Zu den Graphien , , vgl. auch Prowatke, Zur Aus‐ bildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 163-166. 600 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 360-367, hier S. 361: „Dass die ungeschickte mnd. Or‐ thographie für v- manchmal w- setzt u. dgl., verdient kaum Erwähnung“. 601 Für mehr Beispiele siehe Kap. 5.4.8 Konsonantenverbindungen mit s. 602 Siehe dazu Kap. 5.3.10 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw. 603 Siehe dazu Kap. 5.4.1 Hiattilgung. Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 5 Lautlehre und Orthographie 177 – Belege mit medial in q + u: bequeme, Marquart, quesyt604, quyt, quidt, Lordenquacks, quade; – Belege mit initial: Fuͤrste, figuren, forderung, fynancerye, foͤrchten, fanget, Falckē; – Belege mit initial in fl, fr: fremde, frembt, Frygdanck, framen, frye, frucht, Frouwe, flittich; – Belege mit medial an der Wort- oder Morphemgrenze (neben u): eintfoldich, rechtfer‐ dygen, anfallen, entfan, gefunden, entfangen; – Belege mit initial: Vosz, vorstande, vorbetert, Van, vormodende, vangen, Velichte, van, vele, vaken, valsch; – Belege mit initial in vl, vr (neben f): vro, vryg, vrohe, vleysch; – Belege mit initial: Warheyt, wesent, wreueler, Wulff, wroͤgeth, wordt, wildt, Wor, wra‐ ke, wo, wycht, werlt, wolgeschickeden, wedder, wat, wil; – Belege mit medial: Ludowich, Antwerde, neͤwerle, – Belege mit medial an der Morphemgrenze: gewisz, vthwendigen, gewunnen, motwil‐ liger, gewroͤgeth, henwenden, vorweldynge, yegenwardich, vorwar; – Belege mit medial in sw: sweuen, swerdt, besweren, swerlick, Swertzenberg; – Belege mit medial in dw, tw: dwas, twischen, twen, twe, dwanck, twyntich, Twetuͤngyge; – Belege mit medial nach Diphthongen, Langvokalen und in Hiatposition: Truwe, juwe, vordouwen, kouwen, schuwe, Frouwe, ruwe, juwem, gruwelyken; – Belege mit final: juw, yuw; – Belege mit medial: effte, hefft, blifft, straffe, heffst, beschrifft, affen605, schaffen; – Belege mit medial an der Morphemgrenze: hoffgesinde, affmalet, Hoffdener, loͤfflike, droͤffnisse, affwesen; – Belege mit final: Hoff, daraff, wyff, Breff, staff, gaff, werff, halff, lyff, darff, groff, Ketyff, orloff; – Belege mit initial: Philippus, Philosophie; – Belege mit medial: Achitophels, Philosophie. Es lassen sich folgende Gesetzmäßigkeiten zur Verteilung des stimmlosen f und stimmhaften v festhalten:606 A) Stimmloses f steht direkt oder indirekt initial prävokalisch: – Belege mit : Fuͤrstendom, Fursten, faren, forderung, lichtferdicheit, vnrechtferdigen, foͤrchten, auerfallen, gefurdert, wolfart, erfaret, Feste, vorfolgen, Vmmefange, Falckē; – Belege mit : vormals, vorbetert, Vorwādeln, vormach, vorware, vorweruet, vyue, vormenget, vurdern, vindt, vangen, vormercken, vormeldet, vornamen, vardt, vinger, volgende; – Belege mit : mennichuoldigen, Woruan, Krasseuotes, wedderuor, gheuaren, beuoren, daruan, Rechteszuorstendygen. 604 Im lat. Zitat male quesyt male perdyt Bl. 18r. 605 Es fällt eine h-lose Schreibung affen auf. Überdies weist das Lexem einen mittelniederländischen Einfluss auf, der auf die Vorlage des Lübecker ‚Reynke de vos‘ zurückzuführen ist. 606 Vgl. Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 343-347, S. 360-367; Nybøle: Reynke de Vos, S. 126f. Die folgende Belegeauflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Teil II A Textinterne Analyse 178 B) Stimmloses f ist anlautend in vielen Lehnwörtern und Personennamen zu fin‐ den: – Belege mit : figuren, Fabel, fynantzerye, Fulius, Factionen; – Belege mit : Philippus, Philippides, Philosophie. C) Stimmloses f taucht im direkten sowie seltener indirekten Wortanlaut in den Konsonantenverbindungen f + Lateral l oder Vibrant r auf: – Belege mit : Frede, fruͤnde, fluͤt, radtfragede, frygh, froͤude, froͤmde, flaͤgel, fraem, freden, fruͤndtlick, framicheit, fragede; – Belege mit : vrouwe, vro, vloͤkede, vryem, vruntlick, vrohe, vleysch; – Belege mit : vnuro; – Belege mit : wreueler, wroͤgeth, wredest. D) Stimmloses f erscheint in intervokalischer Umgebung nach einem kurzen Vo‐ kal, u. a. in Lehnwörtern: – Belege mit : Benefitia; – Belege mit : Schuffelen, affecte; – Belege mit : Philosophie. E) Stimmloses f findet man selten in geminierter Position im Inlaut: – Belege mit : schaffet, straffet. F) Stimmloses f begegnet in unbetonter Silbe im Silbenanlaut, u. a. in Lehnwör‐ tern und fremdsprachigen Personennamen: – Belege mit : wreueler, Rusteuyll, twiuel; – Beleg mit : Achitophels. G) Stimmloses f steht inlautend vor (s)t: – Belege mit : hefft, vornufft, geluͤckhafftigesten, geloͤffte, efft, heffst, gifft, nablifft, dorhafftiger. H) Stimmloses f ist postvokalisch, aber auch nach l, r im direkten Wortauslaut (z. T. Auslautverhärtung) oder im Auslaut des ersten Kompositionsgliedes sowie im Silbenauslaut in suffigierten Derivaten und Präfixen belegt: – Belege mit : Vyff, Wulff, Ludolff, kaffporten, lyff, dreeff, anderwerff, vorderff, lefflick, affgemercket, affwesent, afftheen, Wyff, aff, gaff; – Belege mit : juw, yuw. I) w kommt ohne konsonantische Begleitung prävokalisch im betonten direkten oder indirekten Wortanlaut vor: – Belege mit : warnung, ware, Wedderumme, gewinnen, wurden, Welckeres, wyn, vthwendigen, wille, wynter, werck, auerwint, vorwynnen, wege, warhafftiges, vorwer‐ pet, etwes, wyttich, vorwyten, wasset. 5 Lautlehre und Orthographie 179 J) Vormnd. Halbvokal w erscheint initial in der Konsonantenverbindung w + Vi‐ brant: – Belege mit : wreken, wrake, gewraken, wreket. K) w findet sich anlautend postkonsonantisch nach initialem d, t, s, q: – Belege mit : swerent, twyerley, Swyn, dwas, vorswegen, mitswetzer, swacken, twi‐ schen, dwanck; – Belege mit q + : bequeme, quam, quidt, quemen, Lordenquacks, quade, quades, quaedt. L) Stimmhaftes v tritt inlautend intervokalisch nach einem langen Vokal sowie in Fremdwörtern: – Belege mit : Proͤwestyen; – Belege mit : Haue, Auericheit, beschriuinge, wyues, Lauet, vorbreuet, Ryuer, be‐ droueder, euentur, groue, houet, Liuia, Neuen, schyuen, vnberouet, diuinationes, Dom‐ proͤuen, entlyuen, rouet, Duuen. M) Vormnd. w erscheint inlautend intervokalisch nach einem langen Vokal, Diph‐ thong und / oder in der Hiatposition: – Belege mit : vntruwe, frowen, Louwen, nouwe, ruwe, buwet, ewich, juwen, Mer‐ ckenouwe, klowede, mouwen, naruwe, schuwe. N) Stimmhaftes v begegnet inlautend prävokalisch nach dem Laterallaut l und dem Vibranten r: – Belege mit : Wulue, suͤluest, halue, desuluigen, vorderuen, geweruen. Insgesamt ist festzuhalten, dass bei der Schreibung der Laute f, v im ‚Reynke Vosz de olde‘ eine erstaunlich große Variantenvielfalt mit mehr oder minder fakultativen Op‐ positionen vorliegt. Daraus lässt sich schließen, dass es dem Bearbeiter in diesem Fall an einer gefestigten Schreibkonvention gemangelt hat. Die w-Schreibung scheint eine besondere Stellung einzunehmen. Das tritt durchaus für v medial intervoka‐ lisch auf, aber nie für vormnd. w nach Diphthong oder in Hiatstellung. Die ph- Schreibung für das stimmlose f scheint ausschließlich für Lehnwörter und fremdspra‐ chige Personennamen reserviert zu sein. Die Verteilung der an- und inlautenden Vari‐ anten , und ist lediglich fakultativ. Die finale ff-Schreibung ist haupt‐ sächlich auf die Auslautverhärtung zurückzuführen. Schreibung von r Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begrenzt sich die Variantenvielfalt bei der Wiedergabe des Vibranten r auf insgesamt zwei Graphemvarianten. Es variieren das übliche gerade 5.5.5 Teil II A Textinterne Analyse 180 Häkchen-r und das gekrümmte (runde) 607, das aus der früheren Majuskelligatur falsch abgelöst und selbstständig wurde608, je nach ihrer Position im Wort. Häkchen-r Das gerade Häkchen-r kommt normalerweise in direkter initialer Position vor, kann aber auch in medialer und finaler Position erscheinen, sowohl alleinstehend, als auch in Konsonantenverbindungen, beim morphematisch bedingten Aufeinandertreffen von zwei r-Konsonanten, aber nicht in geminierter Stellung.609 Im Wortinneren und Wortauslaut folgt das Häkchen-r im Normalfall folgenden Konsonanten- und Vokal‐ buchstaben: a, aͤ, c, e, f, i, k, n, t, u, uͤ, seltener auch nach g, v und w. Ausnahmsweise findet man das Häkchen-r auch medial und final nach o: vor 27v, Cornelius 178r, wobei es sich beim letzten Beispiel um einen Eigennamen lateinischer Herkunft han‐ delt, der sich wie alle anderen lateinischen Wörter im Text durch eine von der Textty‐ pe sowie Auszeichnungstype abweichende Type unterscheidet.610 – Belege mit Häkchen-r initial: regeren, regimente, reyne, roͤken, richten, ropen, ruͤckeden, rade, rededen, redelyken; – Belege mit Häkchen-r medial: fremde, Truwe, figurert, varliken, creaturen, natuͤrliken, erem, frygen, Kreyne, froͤlich, Heren, geuaren, gisteren, swerlick, Tyrāne, part, honre, ver‐ ne, krege, vrede, wrachte; – Belege mit Häkchen-r + Häkchen-r medial: vnderrichtungen, vnderricht;611 – Belege mit Häkchen-r final: fruchtbar, ytzlyker, Walscher, Frantzosysscher, besunder, apenbar, edder, stolter, syner, logener, veer, enwaͤr, eventur, seer, Ryuer, vnder, sunder, dar, Dener, hoͤger, welcker, Ridder. 607 Bei der Textwiedergabe in allen Kapiteln außer Kap. 5.5.5 Schreibung von r wird diese graphische Variation des Originaltypeninventars aufgehoben und auf das Häkchen-r reduziert. Dies manifes‐ tiert sich dadurch, dass die beiden r-Grapheme zur Realisierung von Allophonen dienen, rein gra‐ phisch bedingt sind, keine weitere distinktive Funktion haben und somit rein druckästhetisch sind. Im Kap. 5.5.5 werden beide Grapheme zur Verdeutlichung der Besonderheiten der Graphemwahl abhängig von ihrer Position im Wort getrennt wiedergegeben. 608 Kirchner: Germanistische Handschriftenpraxis, S. 20; Svenson: Nordisk paleografi, S. 37, Fn. 8; Nybøle: Reynke de Vos, S. 98; Foerster / Frenz: Abriss der lateinischen Paläographie, S. 245; ebd. S. 237, Fn. 47; Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten, S. 44. Zur Verwendung von zwei r-Zeichen bei Dietz vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 176-177, 188. 609 Organische Gemination wäre in ‚Irrtum, Verwirrung‘ zu erwarten. ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt in diesem Fall jedoch nur einfache Konsonanz: erdoͤm 177r. Das betroffene Lexem liegt jedoch außer‐ halb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes. 610 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 611 Weitere Belege liegen außerhalb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes, beispielsweise auerredet 57v. 5 Lautlehre und Orthographie 181 Ligatur-r Das gekrümmte erscheint in medialer oder finaler Position.612 Beim Aufeinan‐ dertreffen von zwei r-Buchstaben an der Morphemgrenze taucht das gekrümmte nur in Verbindung mit dem nachstehenden geraden auf.613 Das runde wird fast ausnahmslos nach den Konsonantenzeichen b, d, g, h, p, v, w und ihren Konso‐ nantenverbindungen verwendet, nach Klein- wie nach Großbuchstaben. Nach den folgenden Vokalzeichen findet man vorwiegend auch das gekrümmte Ligatur-r: o, oͤ, y. Diese Beobachtung stimmt mit den Ausführungen Foersters / Frenz’ und Schnei‐ ders614 überein. So heißt es bei Foerster / Frenz, dass „[das] rund[e] r nach den nach rechts bindungsfähigen Buchstaben“ verwendet wird, d. h. nach o, b, d, p, sowie teil‐ weise nach h, v, w, y, x und con.615 – Belege mit gekrümmtem medial: vorstande, gedrucket, gebruck, Torne, Hyrmit, Horatij, sprickworde, Dryuen, orsake, Vorder, vrede, bringet, gebruk, vramen, droͤffnisse, wreken, brodt, predictiones, practiceren, Processie, dranck, dryster, bedregen, vorhindern, schryfft, sprack, gepryset; – Belege mit gekrümmtem + Häkchen-r medial: Vorrede, vorradent, vorrederye;616 – Belege mit gekrümmtem final: daruor, thor, Hyr. Insgesamt konnte festgestellt werden, dass die Distribution der r-Grapheme im Un‐ tersuchungstext regelmäßig und offensichtlich rein graphisch bedingt ist und die Schwankungen im positionsbedingten Graphemgebrauch marginal sind. Schreibung von s Im ‚Reynke Vosz de olde‘ stehen folgende Grapheme und Graphemverbindungen zur Kennzeichnung des stimmlosen bzw. stimmhaften alveolaren Spiranten s (s, z) zur Verfügung617: kleines (kurzes) rundes , langes <ſ> mit einem unter die Zeile ver‐ längerten Schaft, die ‚geschwänzte‘ Form des <ʒ> mit einem Bogen unter der Zei‐ 5.5.6 612 Direkt initial steht das runde nur in rc, wobei es sich hier um Abkürzung für ‚et cetera‘ mit tironischem Et, d. h. um eine dem gekrümmten ähnliche Glyphe, handelt. Vgl. dazu Mentz: Beiträge zu den Tironischen Noten im Mittelalter, S. 7. 613 Die Konsonantenkombination taucht ebenfalls einmal in organischer geminierter Stellung auf, je‐ doch außerhalb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes: Gomorra 66v. 614 Vgl. Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten, S. 44: „Das runde r aus der or-Ligatur wird in der 2. Jahrhunderthälfte zunehmend auch nach anderen Bögen wie b, d, p und im späteren 13. Jahrhundert auch nach anderen Buchstaben wie v und a geschrieben“. 615 Foerster / Frenz: Abriss der lateinischen Paläographie, S. 237. 616 Weitere Belege liegen außerhalb des zur Analyse herangezogenen Textabschnittes, beispielsweise vorrichten 40r, vorreth 111v. 617 Bei der Textwiedergabe in Kap. 5.5.6 wird die graphische Variation zur Verdeutlichung der Beson‐ derheiten der Graphemwahl originalgetreu wiedergegeben. Zur Vereinheitlichung der s-Schreibung sowie zur Begründung der Reduktion im Weiteren siehe Zusammenfassung zu Kap. 5.5.6. Teil II A Textinterne Analyse 182 le618, Eszett-Ligatur <ſʒ>619, <ʒſ>, Doppel-ſ sowie großes rundes .620 Es kommt eine relativ deutliche positionsbedingte komplementäre Graphemverteilung zum Vor‐ schein, die jedoch Ausnahmen kennt. Das kleine runde erscheint fast ausschließlich im direkten Wortauslaut. Sel‐ ten kommt das runde auch im Wortinneren vor, allerdings nur in Komposita an der Wort- bzw. Morphemgrenze. Das lange <ſ> steht sowohl am Wortanfang, als auch im Wortinneren, wobei es im Wortinneren zwischen zwei Positionen zu unter‐ scheiden gilt. Einerseits ist es das Schaft-ſ, das aus dem Anlaut durch Präfigierung oder Kompositabildung in den Wortinlaut gerückt ist, andererseits das eigentliche <ſ> im Inlaut. Das Doppel-ſ kommt ausschließlich im Wortinneren vor und alterniert u. a. mit dem finalen <ſz>, wie beispielsweise in Voſſe (medial) versus Voſz (final). Zwei kleine runde folgen im ‚Reynke Vosz de olde‘ nie aufeinander. Die ſz-Liga‐ tur gehört überwiegend in den In- und Auslaut, äußerst selten findet man die Eszett- Ligatur auch im Anlaut. Ebenfalls selten tauchen andere Schreibvarianten wie media‐ le Graphemkombination in Rozſtock 1r und das mediale in loze 43v und seltzam 232r auf.621 Morphematisch betrachtet stellt die finale ſz-Ligatur immer einen Teil der Wurzel dar, während das auslautende sowohl dem Suffix, als auch der Flexion gehören kann oder aber auch ein Teil der Wurzel ist, beispielsweise graſz : was 9r. Die media‐ le Eszett-Ligatur alterniert mit dem langen Doppel-ſ, vor allem im Präfix ‚miss-‘. Eine lexemgebundene ſz–Schreibung ist für wyſz 17v und wyſzheit 1v festzustel‐ len.622 – Belege mit initial: Syne, Saedt, So, Segele, Suwe, Sunder, Seeth, Sassen, Sommer, Synt; – Beleg mit medial an der Morphemgrenze: Gadesfoͤrchte; – Belege mit final: wandages, ys, ſtedes, danckes, Malepartus, Achitophels, dagelykes, ylendes, vordels, gudes, alles, Regimentes, handels, Gades, Eutrapeles, anders; 618 Im Weiteren wird das <ʒ> durch z wiedergegeben, allein, in Ligaturen oder Graphemverbindungen. 619 Die Eszett-Ligatur <ſʒ> wird durch die Graphemkombination Schaft-ſ + z wiedergegeben und nicht durch den Ligaturbuchstaben ß mit monographematischer Geltung aufgelöst. 620 Zu den Besonderheiten der Konsonantenverbindungen mit s vgl. Kap. 5.4.8 Konsonantenverbin‐ dungen mit s. 621 Die prävokalische anlautende und intervokalische z-Schreibung für den stimmlosen, v. a. aber stimmhaften Spiranten s gilt als Kennzeichen des Frühmittelniederdeutschen und soll typisch für westliche Sprachlandschaften sein, kommt jedoch laut Lasch, Peters u. a. auch in den späteren Phasen vor. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 330; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 163-165; Peters, Katalog sprachlicher Merk‐ male I, S. 74 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 51]; Fedders, Die Schreibsprache Lem‐ gos, S. 218-219; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 172f.; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 394; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 130ff.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 105-107; ASnA, Bd. I, Karte 43 ‚Sohn: Anlaut‘. Zur s-Schreibung bei Dietz vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 167-171, 174-176. 622 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 5 Lautlehre und Orthographie 183 – Belege mit <ſ> initial: ſo, ſyn, ſe, ſake, ſegge, ſunder, ſelden, ſach, ſuͤlff, ſeer, ſyth, ſorge, ſolcke, ſee, ſubtyle; – Belege mit <ſ> medial an der Morphemgrenze: geſettet, beſeten, hoffgeſinde, angeſichte, ynſeten, vorſeet; – Belege mit <ſ> medial: lyſt, vnſe, Jſrael, Jeruſalem, Eſaias, orſake, loſe, Horſt, Wyſen, Chriſten, alſe, geweſen, loͤſede, Juriſten, beſte, Deſto; – Belege mit medial (neben ſ medial): boͤze, alzo, loze, seltzam; – Belege mit <ſſ> medial: deſſe, myſſedadt, yſſet, Saſſen, braſſen; – Belege mit <ſz> initial (neben ſ initial): ſzo, ſzyner, ſzyne, ſze; – Belege mit <ſz> medial an der Morphemgrenze (neben s medial, ſ medial und ſſ medial): deſzgelyke, Morſzheim, myſzdaet, myſzlich, wyſzheit, myſzehandelinge, boeſzheit; – Belege mit <ſz> final: Wackerloͤſz, loſz, wyſz, suſz, Voſz, froſz, befroeſz, loeſz, huſz, groſz, grundeloſz; – Beleg mit medial (neben ſ medial): Rozſtock. Die Analyse zur Distribution von stimmlosem s und stimmhaftem z zeigt, dass die Verteilung folgenden Regeln unterliegt:623 A) Stimmloses s steht in anlautenden Konsonantenverbindungen mit Ausnahme von bereits zur š-Aussprache übergegangenen Verbindungen.624 B) Stimmloses s findet sich inlautend in stimmlosen Konsonantenverbindungen und in geminierter Stellung: – Belege mit <ſ>: lyſt, vaſt, denſtlick, Areſtotelis, luſtich, meyſterynne, guͤnſtige, groͤueſte, ernſtlick, Fuͤrſte, ſuͤlueſt, Demoſtenes, erſten, Veſten, Arſtedye; – Belege mit <ſſ>: Voſſe, deſſer, gelickniſſe, deſſe, yſſet, Saſſen, braſſen; – Beleg mit : Rozſtock. C) Stimmloses s taucht im Wortauslaut sowie im ursprünglichen Silbenauslaut auf: – Belege mit : ys, vormals, ytzundes, des, Regements, auers, Philippus, Demoſtenes, nichtes, rykedoms, yammers, Eraſmus Alberus, ſpotters; – Belege mit <ſz>: gewiſz, Voſz, wyſzheit, graſz, deſzgelyke, laſz, Malepertuſz, huſz, groſz, grundeloſz, Muſz. D) Stimmhaftes z findet man anlautend prävokalisch:625 – Belege mit <ſ>: ſeltzen, ſidlikem, ſyner, ſolcker, ſoͤken, ſede, ſege, ſyck, ſichtbarlyke, ſyn, ſynt, ſampt, ſo, ſunder, ſuͤluest, ſe, ſomtides, ſorge; – Belege mit <ſz>: ſzo, ſzyner, ſzyne, ſze, ſzoͤne. 623 Vgl. auch Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 367-373. Die folgende Auflistung hat ledig‐ lich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 624 Zu den Besonderheiten der Konsonantenverbindungen mit s vgl. Kap. 5.4.8 Konsonantenverbin‐ dungen mit s. 625 Als Majuskel findet sich anlautend ausschließlich das große runde S: Sampt, Solckes, Soen, Syne, Summa Summarum. Teil II A Textinterne Analyse 184 E) Stimmhaftes z tritt inlautend postkonsonantisch prävokalisch an der Wort- bzw. Morphemgrenze auf, wenn es durch Präfigierung, Suffigierung o. Ä. vorwiegend aus der Anlautposition in den Inlaut gerückt ist: – Belege mit <ſ>: godſeligem, vororſaket, Orſake; – Belege mit : doͤgetzame, ſeltzam. F) Stimmhaftes z kommt im Inlaut intervokalisch vor, u. a. an der Morphemgren‐ ze, wenn es durch Präfigierung aus der Anlautposition in den Inlaut verschoben wurde: – Belege mit <ſ>: byſyden, Leſer, Frantzoſyſſcher, vnderwyſungen, geſehen, Vnan‐ geſehen, beſunder, weſent, wyſen, erloͤſet; – Belege mit z: orloze, boͤze, loze. G) Stimmhaftes z erscheint inlautend prävokalisch nach den Nasalkonsonanten n, m, dem Laterallaut l oder nach dem Vibranten r:626 – Belege mit <ſ>: alſe, vnſe, Athenienſern, alſus, alſo, vnſem; – Belege mit : alzo, loze. Es ließ sich zeigen, dass die Verteilung der s-Grapheme und -Graphemverbindungen einerseits einem graphischen Prinzip unterliegt und positionsbedingt ist und dass die graphischen Varianten andererseits komplementär verteilt sind. Die Eszett-Ligatur sowie beide anderen Schreibvarianten mit marginaler Bedeutung (, ) können wohl als Verzierung aufgefasst werden. Affrikate ts Aufgrund der Tatsache, dass das Mittelniederdeutsche die althochdeutsche Lautver‐ schiebung nicht mitgemacht hat, ist in norddeutschen Texten generell keine dentale Affrikate ts zu erwarten. Unter fremdsprachigem Einfluss jedoch kann dentales ts auch in mittelniederdeutschen Texten erscheinen.627 Die stimmlose alveolare Affrikate ts wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ mit folgen‐ den Graphen und -kombinationen in der Schrift realisiert: , , , und . Anlautend findet man häufiger die Schreibungen und , inlautend sind die Schreibungen und stark vertreten, wobei die letztere morphemgebunden ist. Im direkten Wortauslaut findet man ausschließlich die tz-Schreibung, wie aus den folgenden Beispielen ersichtlich: – Belege mit initial: Ceremonien (1), Cesar (3), Cicero (1); – Belege mit medial: Placebo (3), nocet (1), Luciper (1); 5.5.7 626 In ‚Reynke Vosz de olde‘ findet man zwar keine Belege mit Konsonantenverbindungen -mſ- und -rſ- im Inlaut, jedoch wären Formen wie beispielsweise verſe oder amſel durchaus möglich. 627 Mehr zur Affrikate ts im Mittelniederdeutschen und ihrer schriftlichen Realisierung vgl. Lübben 1882, 59f.; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 374-379; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 165f.; Nybøle, Reynke de Vos, S. 128. 5 Lautlehre und Orthographie 185 – Belege mit medial: pelze (1); – Belege mit initial: Czegenbock (1), Czeg (1), czyrliken (1), czaghafftich (1); – Belege mit medial: gantze (10), Frantzosysscher (1), ytzundes (18), ytzigen (6), Vosz‐ schwentzer (1), Finantzer (1), ytzundt (4), Swartzenberch (3), Jtzundes (3), glantze (1), fy‐ nantzerye (2), Hyntze (23), Cratzeuoth (1), Voszswentzer (1), Switzer (1), jtzigen (2), jtzun‐ des (11), Frantzoͤsz (1), jtzūdes (3), jtzund (1), swetzer (1), swantze (1), seltzen (1), katzē (1), kratzē (1), vosschwentzet (1), vratzygen (1), vortzaget (1), vortzage (1), gantzen (6), Hyntzē (1), Hyntzen (4), vratzige (1), gereitzet (1), Swartzenberg (1), vpsatzigen (1), Vos‐ swentze (1), jtzundt (1), dantzede (1), dantzen (1), dantzēnt (1), dantzeden (1), Vosswētzer (1), trotzigem (1), swatzet (1), ytzigē (1), jtzundt (1), ytzigen (4), swatzen (1), reytzen (1), Swertzenberch (1), Rentzel (3), swetzige (1), ytzigē (1), Swertzenberg (1), Vosswentzer (1), Cantzeler (1), Vosswetzeren (1), ytzundt (3), trotzich (1), seltzener (1); – Belege mit medial an der Morphemgrenze: ytzlyker (1), Spytzhoͤde (3), Spytzhoͤe (1), ytzlicker (1), vpsatzlich (1), jtzliker (1), jtzliken (1), ytzlick (10), gentzlyken (1), jtzlick (7), ytzlyke (1), jtzlyken (1), vortzaget (2), vortzagen (3), vortzagen (2), vnuortzaget (2), vort‐ zage (1), spytzhoͤden (1), Spytzhoed (1), ytzliker (1); – Belege mit final: Dyetz (1), gantz (65), dantz (2), Lantz (1), Hoffdantz (1); – Belege mit medial: predictiones (1), Factionen (1), Legation (2), perturbation (1). Die stimmlose alveolare Verbindung ts lässt sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ in allen Stellungen (anlautend, inlautend, auslautend) finden. Es lassen sich dabei folgende Gesetzmäßigkeiten beim Auftreten der ts-Affrikate feststellen:628 A) ts steht initial prävokalisch: – Belege mit : Ceremonien, Cesar; – Belege mit : Czegenbock, czaghafftich. B) ts ist medial nach Nasal zu finden: – Belege mit : Frantzosysscher, Hyntze, swantze, seltzen, dantzede; – Beleg mit : pelze. C) ts erscheint medial prävokalisch: – Belege mit : nocet, Luciper; – Beleg mit : jtzigen. D) ts kommt medial an der Morphemgrenze vor: – Belege mit : Spytzhoͤde, vpsatzlich, vortzaget. E) ts steht medial in Suffixen: – Belege mit : predictiones, Factionen, Legation, Benefitia, perturbation, Justitia. 628 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. Teil II A Textinterne Analyse 186 F) ts tritt final nach Nasal auf: – Belege mit : gantz, dantz, Lantz, Hoffdantz. G) Selten erscheint die Affrikate ts auch final postvokalisch: – Beleg mit : Dyetz. Insgesamt fällt auf, dass beinahe alle betroffenen Lexeme mit ts fremden, also (spät)lateinischen oder hochdeutschen Ursprungs sind oder zumindest in der Schrei‐ bung hochdeutsch interferiert sind:629 – hd. Lehnwörter: gantz, Czegenbock, Czeg, pelze, vortzage, mitswetzer, trotzigem, czag‐ hafftich; – lat. Lehnwörter: fynancerye, Conscientien, Placebo, Lectien, predictiones, Excipiert, Cant‐ zeler. Im Übrigen handelt es sich wohl um Sandhierscheinungen630 bei Zusammenrückun‐ gen von ursprünglichen Dentallauten d / t + s wie beispielsweise in seltzen, Hyntze. 629 Die folgende Auflistung hat lediglich beispielhaften Charakter und erhebt keinen Anspruch auf Voll‐ ständigkeit. 630 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 374f. 5 Lautlehre und Orthographie 187

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Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.