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4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 79 - 90

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-79

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Analyse Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung Die Hauptbesonderheit der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schreib- und Dru‐ ckersprachen besteht wohl darin, dass sie im Gegensatz zu modernen standardisierten Schriftsprachen kaum normiert oder kodifiziert, weniger einheitlich und v. a. nicht allgemein verbindlich waren. Diese Behauptung gilt im selben Maße auch für das Mittelniederdeutsche, das neben einem gewissen Anteil konstanter Elemente einen bedeutsamen Anteil variabler Elemente aufweist. So kann an dieser Stelle für den mittelniederdeutschen Sprachraum festgehalten werden, dass in der Zeit zwischen 1200 n. Chr. und 1650 n. Chr. verschiedene regionale Schreibsprachen nebeneinander existiert haben, sodass das Mittelniederdeutsche vielmehr als eine Sammelbezeich‐ nung für diese nah verwandten Schreibsprachen fungiert. Die Diagliederung282 des Mittelniederdeutschen wird in der Regel nach diatopischen (räumlichen), diachroni‐ schen (zeitlichen) und ferner auch diastratischen (schichtenspezifischen) Kriterien beschrieben, wobei für die vorliegende Untersuchung vorrangig räumliche und zeitli‐ che Aspekte von Belang sind, auf die nun eingegangen werden soll. Auf Basis der Besiedlungsgeschichte lassen sich in erster Annäherung die land‐ schaftlichen Schreibsprachen des Altlandes und diejenigen des Neulandes (Kolonial‐ gebiets) unterscheiden.283 Zu den regionalen Schreibsprachen des Altlandes werden üblicherweise das Westfälische im Südwesten, das Ostfälische zwischen Weser und Elbe und das Nordniedersächsische als Teil des Nordniederdeutschen gezählt. Als Ausgleichs- oder Kolonialmundarten gelten das Ostelbische, zu dem auch das Lübi‐ sche gezählt wird, das Baltische der Ostseeprovinzen und der Hansekontore in Visby und Nowgorod sowie das Groningisch-Ostfriesische als weitere Teile des Nordnie‐ derdeutschen, dessen Geltungsbereich sich im Nord- und Ostseeraum zwischen Gro‐ ningen und Nowgorod erstreckt, und das Südmärkische einschließlich des Ostanhalti‐ nischen (Zerbstischen) im Südosten des mittelniederdeutschen Sprachraums. Teil II 4 282 Als einführende Lektüre zur Beschreibung der Diagliederung des Mittelniederdeutschen nach räum‐ lichen, zeitlichen sowie schichtenspezifischen Varianten bietet sich zum Beispiel Peters, Die Dia‐ gliederung des Mittelniederdeutschen. Für eine übersichtliche Darstellung des mittelniederdeut‐ schen Sprachraumes vgl. zum Beispiel Peters, Überlegungen zu einer Karte des mittelniederdeut‐ schen Sprachraumes, insbes. Karte auf S. 59 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 277]. 283 Zum Ostniederdeutschen vgl. insbes. Rösler, Aspekte einer Sprachgeschichte des Ostniederdeut‐ schen. 79 Für die landschaftlichen Schreibsprachen des Kolonialgebiets kann festgehalten werden, dass sie zum einen großräumiger ausfallen als diejenigen des Altlandes und zum anderen häufiger eine Variantenkombination aus den regionalen Kennzeichen des Altlandes aufweisen, was deutlich mit dem Verlauf ihrer Besiedlungsgeschichte korreliert. Auch insgesamt lässt sich sagen, dass gerade in den Übergangszonen ein Schwanken zwischen den eigenen regionalen Varianten und den Varianten aus den Nachbargebieten zu erwarten ist und augenscheinlich vorliegt. So demonstriert zum Beispiel das Ijselländische ein Nebeneinander von niederländischen und westfäli‐ schen Merkmalen, während sich das Ostwestfälische als Übergangsvarietät zwischen dem Westfälischen und Ostfälischen in einigen Merkmalen mal der einen, mal der anderen Kernlandschaft anschließt. Für das Elbostfälische am Ostrand des Ostfäli‐ schen sind teilweise mitteldeutsch beeinflusste Entwicklungen typisch, das Nordnie‐ dersächsische besitzt indes beinahe keine eigenen Kennformen und folgt vorzugswei‐ se entweder dem Ostfälischen oder dem Westfälischen. Trotz seiner Zugehörigkeit zum Nordniederdeutschen lässt das Groningisch-Ostfriesische eine deutliche Nähe zum Westfälischen und zum Niederländischen erkennen, währenddessen das Balti‐ sche in den Ostseeprovinzen aufgrund seiner Besiedlungsgeschichte unter einem noch stärkeren Einfluss des Westfälischen als das ostelbische Sprachareal steht. Für die südmärkische Schreibsprache sind dagegen niederländische sowie starke ostfäli‐ sche und elbostfälische Einflüsse festzustellen, das Ostelbische wird nicht nur durch das Westfälische aufgrund seiner Besiedlungsgeschichte beeinflusst, sondern über‐ nimmt zum Teil Formen aus dem Ostmitteldeutschen.284 Ähnlich verhält es sich im Bereich der diachronen Variation. Wenn für das Früh‐ mittelniederdeutsche eine besonders große Variantenvielfalt zu verzeichnen war, die zudem durch den Einfluss zunächst der ostfälischen Strömung nach Norden in der ers‐ ten Hälfte des 13. Jahrhunderts und später der westlichen (westfälischen) Strömung nach Nordwesten Ende des 13. Jahrhunderts verstärkt wurde, so hat sich die mittel‐ niederdeutsche Schreibsprachenlandschaft mit ihren landschaftlichen Schreibtraditio‐ nen um 1370 endgültig herausgebildet. In dieser Zeit lassen sich erste Tendenzen zu einem Konsolidierungsprozess beobachten, es findet Ausgleich auf regionaler Ebene statt. Konkurrierende phonographematische und lexikalische Schreibvarianten wer‐ den weiter zunehmend zugunsten einer regionalen Hauptvariante eliminiert. Eine sig‐ nifikante Rolle spielen zudem zahlreiche Sprachkontakte, insbesondere mit den skan‐ dinavischen, slawischen und anderen westeuropäischen Sprachen, denen das Mittel‐ niederdeutsche hauptsächlich aufgrund von ökonomischem Aufschwung und dem wachsenden überregionalen Handel im Ostseeraum ausgesetzt wird. In der „klassischen“ mittelniederdeutschen Periode sind ein verstärkter Gebrauch von Vollformen anstatt von Assimilationen und Kontraktionen und ein deutlicher Va‐ riantenabbau gegenüber der frühmittelniederdeutschen Entwicklungsphase festzustel‐ len, die diesen Zeitraum konturieren. Gleichzeitig zum endgültigen Aufstieg des han‐ sischen Handelsbundes zur führenden ökonomischen und politischen Macht im Balti‐ 284 Zur letzteren Bemerkung vgl. u. a. Hampel, Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibu‐ sus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 269. Teil II Analyse 80 kum sowie den ausgebauten Handelsbeziehungen zum westeuropäischen, skandina‐ vischen, baltischen, russischen und z. T. auch süddeutschen Raum entwickelt sich das „klassische“ Mittelniederdeutsche zu einer Art lingua franca, die im gesamten Ost‐ seeraum verstanden wird und als Handels- und Verkehrssprache fungiert. Auch für den schriftlichen Bereich sind im 15. und 16. Jahrhundert ausgeprägte sprachliche Ausgleichstendenzen zu verzeichnen, die vorwiegend im Norden des niederdeut‐ schen Sprachraumes zur Geltung kommen und zur Herausbildung überregionaler Schreibsprachen beitragen. Diese lassen bereits im 15. Jahrhundert erste Ansätze zu einer gesamtsprachlichen Vereinheitlichung erkennen, wobei von einer nordnieder‐ deutschen Einheitssprache auf lübischer Basis doch kaum gesprochen werden kann. Schließlich muss in Betracht gezogen werden, dass zu dieser Zeit im Süden des niederdeutschen Sprachraumes, v. a. im Westfälischen und Südmärkischen, einige Sonderentwicklungen und regionale sprachliche Eigenheiten zustandekommen sowie insgesamt eine beträchtliche sprachliche Variation vorherrscht, die u. a. auch durch den sprachlichen Einfluss seitens des Ostmitteldeutschen und anderer Sprachregio‐ nen bedingt ist. Nicht zuletzt ist die Rolle des Buchdrucks, der sich in Norddeutsch‐ land in den 1470er Jahren etabliert, für die oben beschriebene Tendenz zur Verein‐ heitlichung zu nennen. Es muss jedoch gleichzeitig eingeräumt werden, dass nach dem Erreichen des letzten Höhepunkts der mittelniederdeutschen Schriftlichkeit, die historisch im Zeitalter der Reformation zu verorten ist, es gerade der Buchdruck ist, der einen schleichenden Niedergang und eine schrittweise erfolgende Ersetzung des Niederdeutschen durch das Hochdeutsche signalisiert. Zwischen den Jahren 1530 und 1650 klingt die mittelniederdeutsche Sprache und Literatur weitgehend aus. Diese Spätphase des Mittelniederdeutschen ist durch um‐ fangreiche Sprachwandelvorgänge und einen Sprachwechselprozess gekennzeichnet, an dessen Ende das bis dahin gebräuchliche Mittelniederdeutsche als Sprache der schriftlichen Kommunikation und Textproduktion durch die neu entstehende hoch‐ deutsche Schriftsprache ostmitteldeutsch-ostoberdeutscher Prägung im Wesentlichen abgelöst worden ist.285 An dieser Stelle muss jedoch festgehalten werden, dass sich erste Anzeichen für eine Verdrängung des Mittelniederdeutschen durch das Hoch‐ 285 Zur Verdrängung des Mittelniederdeutschen durch das Hochdeutsche allgemein und zum Schreib‐ sprachenwechsel speziell in Mecklenburg vgl. u. a. Gabrielsson, Das Eindringen der hochdeut‐ schen Sprache in die Schulen Niederdeutschlands; Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei; Rösler, Die Durchsetzung des Hochdeutschen im Schriftverkehr Meck‐ lenburgs; Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache; Sodmann, Der Untergang des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache; Bichel, Die Überlagerung des Niederdeutschen durch das Hochdeutsche; Maas, Sprachliche Verhältnisse in den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten Norddeutschlands; Rösler, Soziale und funktionale Aspekte der Durchsetzung des Hochdeutschen; Peters, Bemerkungen zum mittelnie‐ derdeutsch-neuhochdeutschen Schreibsprachenwechsel [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 463-468]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 115-146]; Fischer, Schreibsprachenwechsel in Soest im 16. und 17. Jahrhundert; ders., Die Soester Stadtsprache zwischen 1500 und 1800; ders., Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert; Hampel, Zur schreibsprachlichen Situation an der Universität Rostock zwi‐ schen 1419 und 1600; Sodmann, Die Verdrängung des Mittelniederdeutschen als Schreib- und Druckersprache. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 81 deutsche bereits Jahrzehnte vorher finden lassen. Auch für den mündlichen Bereich ist einerseits eine funktionale Einschränkung und soziale Stigmatisierung der niederdeutschen Mundarten und andererseits eine zunehmende Konkurrenz durch das Hochdeutsche als Prestigevarietät festzustellen. Seine Funktion als lingua franca im Ostseeraum hat das Mittelniederdeutsche, u. a. durch die Schwächung des norddeut‐ schen Handels- und Kulturraumes und schließlich durch den endgültigen politischen und ökonomischen Niedergang der Hanse sowie zunehmende Erstarkung der territo‐ rialen Herrschaften in Norddeutschland und ihre divergierenden Interessen bedingt, bereits im 16. Jahrhundert eingebüßt. Für diese Zeitperiode, die zunächst durch die schreibsprachliche und später sprechsprachliche Umstellung geprägt war, ist ein er‐ neuter, zum Teil sprachkontaktbedingter Variantenausbau festzustellen. Durch den ansteigenden Einfluss des Hochdeutschen gewinnen zum einen die mittelniederdeut‐ schen Varianten an Kraft, die dem Hochdeutschen ähneln. Zum anderen kommen in den spätmittelniederdeutschen Texten wieder verstärkt sprechsprachennähere Varian‐ ten (u. a. auch Kontraktionen und assimilierte Formen, die als typisches Merkmal des Frühmittelniederdeutschen erwähnt waren) vor, die wohl als Konsequenz aus diesem sprachhistorisch gesehen relativ zügigen Sprachwechselprozess angesehen werden können, der schließlich in einer Reduzierung des Niederdeutschen als einer eigenstän‐ digen Sprache neben dem Hochdeutschen auf die Funktion eines überwiegend münd‐ lich realisierten Dialektes innerhalb des deutschen Dialektkontinuums und unter dem Dach der hochdeutschen Standardsprache mündet. Nicht zu unterschätzen ist für den Niedergang des Mittelniederdeutschen als Schrift- und Literatursprache sowie für seine Verdrängung durch das Hochdeutsche letztendlich der Zusammenhang mit überregionalen und gesamtsprachlichen Ausgleichprozessen, die ihren Ausgang im ostmitteldeutschen Sprachraum fanden und später zu der Herausbildung einer ge‐ samtdeutschen Einheits- und Gemeinsprache geführt haben. Das komplexe Zusam‐ menspiel der oben beschriebenen linguistischen wie extralinguistischen Einflussfakto‐ ren konnte schließlich verhindern, dass sich im norddeutschen Sprachraum eine viel‐ versprechende Entwicklung fortfährt, die noch im 15. Jahrhundert Tendenzen zu einer überregionalen bis hin zu einer gesamtsprachlichen Vereinheitlichung der niederdeutschen Schriftlichkeit aufzeigt. Zur diastratischen Variation sei an dieser Stelle nur vermerkt, dass sich spätestens zum Ende der mittelniederdeutschen Sprachperiode ein Bewusstsein für stilistische Unterschiede entwickelt haben muss. Das daraus resultierende Variantenreichtum der regionalen Schreibsprachen und der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtsprachen lässt sich optimal mit va‐ riablenlinguistischen Methoden untersuchen und diatopisch, diachronisch und bis‐ weilen auch diastratisch zuordnen. Zahlreiche Hinweise zu entsprechenden Zuord‐ nungen von variablen Sprachelementen finden sich u. a. in der einschlägigen Gram‐ matik der mittelniederdeutschen Sprache von Agathe Lasch.286 Weiterführende Infor‐ mationen zu Sprachwandelprozessen und sprachlicher Variation im Mittelniederdeut‐ schen, zum Teil auch unter Berücksichtigung lexikalischer Variation neben den gram‐ 286 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik. Teil II Analyse 82 matikalischen Aspekten, die sich für die variablenlinguistischen Untersuchungsme‐ thoden zu eigen machen lassen, lassen sich den vielfältigen sprachlichen Untersu‐ chungen zum Mittelniederdeutschen und einigen weiteren gängigen niederdeutschen grammatischen Darstellungen entnehmen.287 Auf Basis dieser und weiterer ausge‐ werteter Arbeiten wurde von Robert Peters ein „Katalog sprachlicher Merkmale zur variablenlinguistischen Erforschung des Mittelniederdeutschen“288 zusammengestellt und durch eigene Untersuchungen ergänzt. Wie es in der Einleitung zum Katalog steht, ist er „als Hilfsmittel für die mnd. historische Sprachgeographie wie für die historische Stadtsprachenforschung gedacht“289 und soll zur variablenlinguistischen Erforschung mittelniederdeutscher Schreib- und Druckersprachen zunutze gemacht werden. Robert Peters weist des Weiteren darauf hin, dass der Katalog keinen An‐ spruch auf Vollständigkeit der diatopischen und diachronischen mittelniederdeut‐ schen Schreibsprachenvariablen erhebt oder erheben kann und lediglich als Gerüst verstanden werden soll. Mit anderen Worten, je nach Problemareal und Textkorpus soll der Variablenkatalog den speziellen Anforderungen angepasst und ggf. vervoll‐ ständigt werden.290 Dieser Aufforderung Peters’ wird in der vorliegenden Untersu‐ chung insbesondere im Bereich des Kleinwortschatzes Folge geleistet, wofür weitere Arbeiten zu Präpositionen und Konjunktionen, aber auch zu Adverbien und Pronomi‐ na ausgewertet und herangezogen wurden.291 Diese Anpassung und partielle Erweite‐ rung des Variablenkatalogs von Peters lässt sich zudem dadurch rechtfertigen, dass die Variablenliste schwerpunktmäßig zwecks Erforschung von historischen Stadt‐ sprachen ausgearbeitet wurde und sich folglich hauptsächlich mit dem Wortschatz der städtischen Urkunden, Stadtbücher, Briefe, Rechnungen u. a. amtssprachlicher Textsorten mit Öffentlichkeitscharakter292 beschäftigt, die in der Regel in Hand‐ schriftenform vorliegen, der Fokus der aktuellen Untersuchung liegt jedoch auf 287 Vgl. hierzu insbesondere Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik; Tümpel, Niederdeutsche Studien; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I; ders., Niederdeutsche Forschungen. II; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts; ders., Norddeutsche Stadtrechte. I; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten; ders., Der wortgeographische Aufbau des Westfäli‐ schen; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns; Besch, Sprachlandschaften und Sprachausgleich im 15. Jahrhun‐ dert, Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte; de Smet, Woord‐ geografie van het 16e eeuwse Duits; Peters, Variation und Tradition [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 3-37]; ders., Mittelniederdeutsche Sprache; Eickmans, Gerard van der Schueren: Teuthonista; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen. 288 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I-III [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 39-114]. 289 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 61 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 39]. 290 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 62 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 40]. 291 Peters, Variation und Tradition [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 3-37]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen [= Peters, Mit‐ telniederdeutsche Studien, S. 115-146]. 292 Zu den historischen Textsorten und -formen vgl. zum Beispiel Meier / Möhn, Literatur: Formen und Funktionen, S. 385-391; Schmidt-Wiegand, Prolegomena zu einer Texttypologie des Mittel‐ niederdeutschen; S. 261-283; Fischer, Die Stadtsprache von Soest, S. 71f.; Meier / Möhn, Die Textsorten des Mittelniederdeutschen. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 83 einem nicht formelhaften und nicht fachliterarischen Einzeltext und gleichzeitig einem Druck. Dennoch soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Va‐ riablenkatalog aus Gründen der Vergleichbarkeit der konkreten Befunde anderer va‐ riablenlinguistischen Untersuchungen zu städtischen Schreibsprachen und einzelnen Texten zum großen Teil übernommen wird. Auch wenn sämtliche im Merkmalkata‐ log aufgelistete Variablen und Varianten, die ihrerseits nie vollständig sein können, im Rahmen einer Dissertation, die einerseits auch außersprachliche Aspekte aufgreift und andererseits in einem vertretbaren Zeitrahmen geleistet werden muss, nicht be‐ handelt werden können, wird in der vorliegenden Arbeit ein Versuch unternommen, möglichst viele Untersuchungsbereiche mithilfe der variablenlinguistischen Methode abzudecken.293 Zur Arbeit mit dem „Katalog sprachlicher Merkmale zur variablenlinguistischen Erforschung des Mittelniederdeutschen“ und zum Aufbau des Untersuchungsteils In Anlehnung an Peters wird in der vorliegenden Untersuchung unter einer Variablen ein solches sprachliches Element verstanden, das mindestens zwei verschiedene Rea‐ lisierungen aufweist und demnach mindestens zwei Zuordnungen zulässt. Diese Re‐ alisationsformen können räumlich oder zeitlich oder auch funktional gekennzeichnet sein. Die einzelnen Realisierungen einer Variablen werden als Varianten einer Vari‐ able bezeichnet.294 Das heißt wiederum, dass die zur Diskussion stehenden einzelnen Realisierungen trotz ihrer Variation bzw. Variabilität zusammengehören.295 In Anbetracht der Tatsache, dass die Befunde der folgenden variablenlinguisti‐ schen Untersuchung des ‚Reynke Vosz de olde‘ auch mit weiteren linguistischen Be‐ funden verglichen werden sollten, folgt sie in ihrer Systematik derjenigen von Peters. Sie entspricht zugleich im Großen und Ganzen der klassischen Einteilung der mittel‐ niederdeutschen Grammatik, sodass eine leichte Auffindung von zu untersuchenden Phänomenen oder bereits erzielten Ergebnissen ermöglicht wird. Zudem können aus demselben Grund detaillierte erläuternde Ausführungen zur Gliederung ausgelassen werden, ohne dass es zur Desorientierung des Lesers führt. Einhergehend mit der Petersschen Systematik werden nun alle Bereiche der mittelniederdeutschen Sprache 4.1 293 Schließlich weist bereits Peters darauf hin, dass die Ergebnisse der variablenlinguistischen Methode umso genauer sind, je umfangreicher die Liste der zu untersuchenden Variablen ist. Vgl. u. a. Peters, Regionale Schreibsprachen oder normierte Hansesprache?, S. 182. 294 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 61 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 39]. Ähnlich früher Mattheier, Sprachwandel und Sprachvariation, S. 770. In der Stochastik versteht man unter einer Variablen ebenfalls „ein Symbol für die Menge der Ausprägungen eines Merk‐ mals“, vgl. Bortz / Döring, Forschungsmethoden und Evaluation, S. 2. Mit anderen Worten ist eine Variable nicht nur in der Sprachwissenschaft, sondern auch in der Statistik „ein Merkmal, das – im Unterschied zu einer Konstanten – in mindestens zwei Abstufungen vorkommen kann“. Vgl. Bortz / Schuster, Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler, S. 7. 295 Vgl. auch Fischer, Variation und Korrelation im Mittelniederdeutschen, S. 151. Teil II Analyse 84 – die Namen ausgenommen296 – berücksichtigt. So umfasst das Kapitel 5 den Be‐ reich der phonologisch-graphematischen Variation, deren Beschreibung von einem überregionalen vormittelniederdeutschen Overall-System ausgeht, und behandelt zu‐ dem ausgewählte rein graphische Phänomene wie beispielsweise die vokalische und konsonantische Verwendung von , , für i, î und von , , für u, û und ü, ü̂ sowie Wiedergabe von g und γ, j, ch, k, ŋ oder auch r- und s-Schreibungen usw.297 Der Fokus wird, so wie oben bereits ausführlicher erläutert und begründet, auf die systematische Untersuchung des Vokalismus gelegt.298 Bei den in den Kapi‐ teln 6 und 7 untersuchten morphologischen und morphemgebundenen Phänomenen sowie ausgewählten Phänomenen aus der Wortbildung handelt es sich um solche, die bereits in den einschlägigen mittelniederdeutschen Grammatikdarstellungen und wei‐ teren grundlegenden Abhandlungen zur mittelniederdeutschen Sprachwissenschaft als räumlich und / oder zeitlich variabel beschrieben worden sind. So wie oben be‐ reits einmal angedeutet, betrifft die Variation in diesen Kapiteln zumeist den Vokalis‐ mus und nicht die Phänomene aus der Morphologie oder der Wortbildung im engeren Sinne, das spezifische Vorkommen der beschriebenen Phänomene erlaubt und recht‐ fertigt jedoch diese abweichende Zuordnung und macht einen gezielten Zugriff auf die entsprechenden Untersuchungsaspekte möglich, so wie es wiederum in der gän‐ gigen Forschungsliteratur299 gehandhabt wird. Auf die Beschreibung der syntaktischen Variation im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird aus mehreren Gründen verzichtet. Zum einen beruht die Entscheidung auf den Gege‐ benheiten des Untersuchungsmaterials, der wie oben beschrieben, aus seiner Produk‐ tionsgeschichte heraus ein sprachliches Konglomerat darstellt und demnach eine um‐ fassende textspezifische Problematik unter der sprachanalytischen Aufgabenstellung verbirgt. Der versifizierte Erzähltext basiert auf einer Lübecker Vorlage und stellt ihre leicht modifizierte Neuausgabe dar, die jedoch den Reim nicht auflöst und dem‐ nach kaum Rückschlüsse über die Wortfolge generell oder über die Stellung des Ge‐ nitivs und die Stellung von Partizip und flektiertem Hilfsverb im Nebensatz speziell ermöglichen kann. Des Weiteren bediente sich der Rostocker Glossator unterschied‐ lichster anderer Textquellen, die zum integralen Bestandteil des Prosakommentars und der Marginalglossen geworden sind. Da es nicht in jedem Einzelfall nachvollzo‐ gen werden kann, in welchen Fällen der Rostocker Bearbeiter mit einem Prätext ge‐ 296 An dieser Stelle muss eingeräumt werden, dass es sich hier um Namenvariation handelt, die im Rah‐ men der vorliegenden Dissertation nicht untersucht wird. Die Namen werden jedoch als Belege für Untersuchungen des Vokalismus und des Konsonantismus durchaus herangezogen. 297 Die einzelnen freistehenden Graphien werden auf die in der Linguistik üblichen Weise in einfachen spitzen Klammern präsentiert, z. B. die Schreibung . In der Präposition werden die Klammern jedoch ausgelassen, z. B. die s-Schreibung. Einzelne Laute bzw. Phoneme erscheinen dagegen kur‐ siv gedruckt ohne Klammerung, z. B. das nicht velarisierte a, die Konsonantenverbindung ld. 298 Vgl. Fn. 22. 299 Vgl. zum Beispiel Fedders, Die Schreibsprache Lemgos; Lehmberg, Der Amtssprachenwechsel im 16. Jahrhundert; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks. Christian Fischer weicht in seinen Untersuchungen zur Stadtsprache von Soest von dieser Einteilung etwas ab. Vgl. hierzu Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert. Vgl. auch Fischer, Schreibsprachenwechsel in Soest im 16. und 17. Jahrhundert. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 85 arbeitet hat, und wenn doch, ob er bereits mit einer niederdeutschen Übersetzung zu tun hatte und inwiefern er sich dieser dann satzbaumäßig anschloss, und wann er die Rolle eines Übersetzers übernommen hat und eventuell die Satzstruktur verändert hat, können weder die „Eigenleistung“ des Glossators bewertet noch fundierte Aus‐ sagen über die syntaktischen Eigenheiten des Prosakommentars, der auch noch versi‐ fizierte Passagen enthält, getroffen werden.300 Zum anderen kann eine systematische Analyse der syntaktischen Phänomene im Rahmen dieser Arbeit aufgrund der Tatsa‐ che nicht geleistet werden, dass die syntaktische Variabilität im Mittelniederdeut‐ schen immer noch unzureichend erforscht und in der Forschungsliteratur unbefriedi‐ gend beleuchtet ist. Die Analyse sogenannter lexemgebundener Varianz folgt der Untersuchung der grammatischen Probleme (Kapitel 8). Die damit verbundene Schwierigkeit der Zuord‐ nung entgegen der traditionellen linguistischen Einteilung wurde bereits in der Ein‐ leitung thematisiert: Es werden in diesem Teil nicht nur lexikalische Phänomene im engeren Sinne – das heißt Probleme der Synonymik und Heteronymik – behandelt, sondern es werden Besonderheiten ausgewählter sogenannter „Einzelwörter“ unter‐ sucht, deren Variation zum Teil nicht systemhaft ist oder sich eben auf einige Einzel‐ fälle beschränkt. Zusätzlich kommt diese von der traditionellen Einteilung abwei‐ chende Zuordnung der zu untersuchenden Phänomene dadurch zustande, weil die Va‐ riation bei den meisten Variablen in diesem Teil durch das Wirken mehrerer lautli‐ cher Regeln bedingt ist und eine übersichtliche Zuweisung nur zu einem Punkt in der Lautlehre nicht geleistet werden könnte. Um das Auffinden von sprachlichen Phäno‐ menen nicht unnötig zu erschweren und die Arbeit durch das wiederholte Auflisten der Belege zusätzlich auszuweiten, werden nun die jeweiligen Varianten, die sonst unter Vokalismus und Konsonantismus sowie gleichzeitig unter lexikalischen Ge‐ sichtspunkten behandelt werden sollten, gebündelt im Bereich der lexemgebundenen Varianz dargestellt. Zunächst werden die Variablen, die die Variation im Bereich der Substantive beschreiben, behandelt; ihnen folgen Variablen aus dem Bereich der Ver‐ ben und Adjektive. Anschließend wird die Variation im Bereich der Zahlwörter, Pro‐ nomina und Adverbien einhergehend beleuchtet. Zuletzt wird auf die Variation im Bereich der Präpositionen und Konjunktionen eingegangen, die genauso wie die an‐ deren Lexeme aus dem Bereich des Kleinwortschatzes aufgrund ihres hohen Grades an diatopischer wie diachronischer Variabilität als sehr aufschlussreich erscheinen und deshalb besonders intensiv behandelt werden sollen. Aufbau der einzelnen Artikel Die einzelnen Artikel zur variablenlinguistischen Analyse des ‚Reynke Vosz de olde‘ aus dem Jahre 1539 werden wie folgt aufgebaut: Zunächst folgt eine Zusammenfas‐ sung zum Stand der bisherigen Forschung zur jeweiligen Variable, wobei in besonde‐ 4.2 300 Zu ausgewählten syntaktischen Aspekten der jüngeren Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. die Ergebnisse der Studie von Rösler. Rösler, Satz – Text – Sprachhandeln. Teil II Analyse 86 rer Weise der Katalog sprachlicher Merkmale von Robert Peters301 sowie seine wei‐ teren Arbeiten zur Variablenlinguistik insbesondere im Bereich der Erforschung des Kleinwortschatzes302 berücksichtigt wird. Die entsprechenden Angaben werden durch die Ergebnisse weiterführender Untersuchungen und einschlägiger niederdeut‐ scher Grammatiken und relevanter Abhandlungen insbesondere zum Mecklenburgi‐ schen ergänzt und vervollständigt.303 Darauffolgend erscheinen die vorgefundenen Belege, die, soweit nicht anders vermerkt, einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Mit anderen Worten: es wer‐ den bei orthographisch unterschiedlichen Formen sämtliche orthographische Varian‐ ten, flektierte Formen sowie Ableitungen aufgelistet.304 Eine Ausnahme bilden in dieser Hinsicht insbesondere die s- und r-Schreibvarianten, die die meisten Variablen nicht unmittelbar betreffen. Daher wird auf die Wiedergabe der verschiedenen s-Gra‐ phien (Rund-s vs. Schaft-s) verzichtet, soweit sie nicht Gegenstand der eigentlichen Untersuchung sind, es wird jedoch durchgehend zwischen den s- und z-Graphien un‐ terschieden, u. a. gerade weil die z-Graphie im ‚Reynke Vosz de olde‘ so rar ist. Eine weitere Vereinheitlichung betrifft die Ligatur <ß>, die durchgehend als aufge‐ löst wird. Auch alle weiteren Ligaturen werden einheitlich aufgelöst dargestellt. Die doppelte ss-Schreibung sowie Konsonantenhäufungen wie ssch etc. werden original‐ getreu als solche wiedergegeben. Genauso wie bei den orthographisch unterschiedli‐ chen s-Graphien werden die rein graphischen r-Varianten (gerades Häkchen-r und gekrümmtes Ligatur-r) vereinheitlicht, außer in den Fällen, wo die graphische Varia‐ tion der r-Graphien unmittelbar Gegenstand der Untersuchung ist. Das große und werden originalgetreu einheitlich durch ein wiedergegeben. Die Gra‐ pheme und genauso wie , und werden nach ihrem Lautwert nicht angeglichen oder normalisiert, das heißt, und , , und kön‐ nen je nach Position im Wort zur Kennzeichnung des Konsonanten oder des Vokals stehen. In diesem Sinne folgt die Zitation der Belege ohne weitere Abweichungen der für die Analyse angefertigten Teiledition des ‚Reynke Vosz de olde‘.305 301 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I-III [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 39-114]. 302 Peters, Variation und Tradition [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 3-37]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 115-146]. 303 Vgl. zum Beispiel Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes; Lübben, Mittelnieder‐ deutsche Grammatik; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. I-II; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘. 304 Die Belegzusammenstellungen mögen dadurch auf den ersten Blick etwas unübersichtlich erschei‐ nen. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass rein orthographische Varianten im ‚Reynke Vosz de olde‘ recht selten auftreten, wird diese Aussage relativiert. Diese Darstellungsweise hat zudem den Vor‐ teil, dass auf die Trennung von Leitform und Nebenform(en) grundsätzlich verzichtet werden kann. Das hat wiederum einen weiteren Vorteil zur Folge, nämlich dass die jeweiligen Formenvarianten nicht rekonstruiert werden müssen, sondern gleich originalgetreu wiedergegeben werden. Mit ande‐ ren Worten, falls nicht explizit anders vermerkt, werden beispielsweise g- und gh-Graphien als gleichwertig behandelt und in einer nicht normalisierten oder zusammenfassenden Form wiederge‐ geben. Die nicht systemhafte Variation wird dadurch nicht apriori ausgeschlossen. 305 Zu den weiteren Editionsprinzipien s. Anhang. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 87 Zusammengezählt werden allerdings groß- und kleingeschriebene Belege, sofern die Unterschiede in der Groß- und Kleinschreibung für die zu untersuchende Variable nicht relevant sind, dabei wird stets die Ersterwähnung im Untersuchungstext in ihrer Originalschreibung (durch Majuskel oder Minuskel eingeleitet) angegeben. Ferner sei an dieser Stelle vermerkt, dass es sich bei einer Reihe der angeführten Belege um Formen mit paarigen Trennstrichen am Zeilenende handelt. Da in den folgenden Ka‐ piteln zur variablenlinguistischen Analyse nur die Schreibung bzw. Realisierung ein‐ zelner Variablen interessiert, wird des Weiteren auf eine markierte Worttrennung durch Trennstrich verzichtet.306 Identisch wird bei Belegen mit Worttrennung ohne explizite Trennungsmarkierung durch die paarigen Trennstriche verfahren. Mit ande‐ ren Worten: Die Besonderheiten der Silbengrenzen zählen nicht zum Gegenstand der Untersuchung und werden ausgeklammert. Genauso wie im Textanhang werden die Abbreviaturen nicht aufgelöst, was wie‐ derum heißt, dass abgekürzte und nicht abgekürzte Formen getrennt gezählt werden. Falls eine eindeutige Auflösung der Abkürzungen nicht möglich ist, wie es beispiels‐ weise der Fall bei Ca. oder Cap. für Capittel, Cappittel oder Capitel aufgrund der va‐ riierenden Schreibung im Text ist, bleiben die Abbreviaturen bei der variablenlingu‐ istischen Untersuchung unberücksichtigt, da sie sonst die Auswertung und Darstel‐ lung der Ergebnisse verfälschen würden. Bei einer Variation, bei der mehrere Lexeme betroffen sind, werden die Belege bzw. Einzelbelege in der Regel in der Reihenfolge angeordnet, in der sie im Untersu‐ chungstext de facto erscheinen, das heißt, fortlaufend und nicht alphabetisch. Eine Ausnahme bilden hier die Fälle, in denen mehrere Belege gebündelt dargestellt wer‐ den. Diese Lexeme stehen zwecks Lesefreundlichkeit in ihrer alphabetischen Reihen‐ folge. Die anschließende Auflistung der Formenvarianten erfolgt weiterhin in fortlau‐ fender Reihenfolge ohne Sortierung nach Flexionsendung, Ableitungstyp o. Ä. Be‐ steht die Notwendigkeit, hochdeutsche Entsprechungen aufzuführen, zum Beispiel ausdrücklich bei Homonymie oder Homographie, werden diese in halben Anfüh‐ rungszeichen ‚…‘ angegeben, damit mögliche Missverständnisse gemieden und die jeweiligen Formen klar voneinander getrennt werden können. Bei der oben beschrie‐ benen Variation, bei der besonders viele Lexeme betroffen sind und die Belege ge‐ bündelt und alphabetisch sortiert aufgelistet werden, dient die vorangestellte hoch‐ deutsche Entsprechung in halben Anführungszeichen einer eindeutigeren und über‐ sichtlicheren Strukturierung im besonderen Maße der variantenreichen Belege. Direkt danach wird sowohl bei Mehrfach- als auch bei Einzelbelegen die Vor‐ kommensfrequenz der jeweiligen Belege in runden Klammern (…) mitgeteilt. Auf den Belegstellennachweis wird ausschließlich aus Platzgründen und den daraus re‐ sultierenden Gründen der Lesefreundlichkeit verzichtet, da insbesondere bei hochfre‐ quenten Varianten andernfalls eine unnötige Aufblähung des Textes nicht zu verhin‐ dern wäre. Zwecks einheitlicher Zitation wird auch bei Einzelbelegen auf die Mittei‐ lung der Belegstellen in der Regel verzichtet. Diese platzsparende Entscheidung ist einerseits aufgrund der Tatsache unproblematisch, dass die Untersuchung in der Zita‐ 306 Hier weicht die linguistische Untersuchung von der Teiledition ab. Teil II Analyse 88 tion voll und ganz der dafür angefertigten Teiledition folgt, und andererseits, weil der Schwerpunkt der Analyse auf einem einzelnen Untersuchungstext und nicht auf einem großen Textkorpus liegt.307 In Ausnahmefällen werden die genauen Belegstel‐ len in der Fußnote genannt und die entsprechende Auffälligkeit der Verteilung oder andere Besonderheit kommentiert. Anschließend wird der Befund für die jeweilige Variable erläutert und interpre‐ tiert. Auf die Angabe der Prozentverhältnisse und Diagramme bzw. Graphiken wird im Interpretationsabschnitt verzichtet, da sie entweder aufgrund der starken Variation oder wegen der suboptimalen Beleglage nicht unbedingt zur Übersichtlichkeit der Er‐ gebnisdarstellung beitragen würden oder v. a. im letzten Fall die Ergebnispräsentati‐ on sogar verzerren könnten. Aufgrund der Tatsache, dass die variablenlinguistische Untersuchung des Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ mitunter als eine Vorar‐ beit zu weiteren Untersuchungen zum Sprachstand der Drucke von Ludwig Dietz so‐ wie insgesamt der Rostocker Druck(er)sprache der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufgefasst werden kann, werden auch negative Ergebnisse erfasst und mit aufgeführt sowie in Einzelfällen – beispielsweise bei fehlender Variation – auch nur Beschrei‐ bungen gegeben. Das heißt, die Analyse der sprachlichen Gegebenheiten des ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ kann zusätzlich zum primären Interesse auch als Bestandaufnahme hinsichtlich der in Frage kommenden Variation verstanden werden. Auf Besonderhei‐ ten v. a. bei Einzelwörtern wird hingewiesen. Offensichtliche Druckfehler und Be‐ sonderheiten, die auf die Abhängigkeit von der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Vorlage oder die (hochdeutschen) Prätexte der Glosse zurückzuführen sind, werden soweit möglich mit einbezogen und thematisiert. Angesichts der Tatsache, dass bislang keine expliziten Untersuchungen und Grammatiken zur Rostocker Mundart vorliegen, erscheint eine Rückkopplung an die heutigen Mundartverhältnisse als recht problematisch. Eine umfangreiche Darstel‐ lung der modernen Mundartverhältnisse auf der Grundlage von direkten oder indirek‐ ten dialektologischen Quellen kann im Rahmen dieser Arbeit leider nicht geleistet werden. Aus diesem Grund werden zum Vergleich vorliegende Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften des Rostocker Predigers Nicolaus Gryse von Jürgen Scharnhorst308 und die ihrerzeit preisgekrönte Grammatik des meklenburgischen Dialektes von Karl Nerger309 herangezogen, wobei sich insbesondere die letzte Quel‐ le mit dem Mecklenburgischen allgemein befasst und nicht speziell den Rostocker Sprachverhältnissen gewidmet ist.310 307 Wie es beispielsweise bei Wolfgang Fedders der Fall ist, der in seinen Untersuchungen vorwiegend mit städtischen Urkundentexten arbeitet und die jeweiligen Belegstellen durch eine Sigle angibt. Vgl. dazu Fedders, Die Schreibsprache Lemgos. 308 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses. 309 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes. 310 Ergänzend werden die Ergebnisse der variablenlinguistischen Studie von Anja Hampel zur Rosto‐ cker Kanzleisprache im 14. und 15. Jahrhundert herangezogen. Vgl. Hampel, Studien zur mittel‐ niederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert; dies., Zur Charakterisie‐ rung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert. 4 Vorbemerkungen zur variablenlinguistischen Untersuchung 89

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References

Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.