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3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 43 - 78

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-43

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) Strukturelle und kodikologische Beschreibung Bestand Von der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Auflage aus dem Jahre 1539 sind insge‐ samt 11 bzw. 12 Exemplare erhalten und zwei vollständige Kopien bzw. Fotokopien vorhanden. Nach Feststellung Menkes handelt es sich um verschiedene Pressdrucke bzw. Titelauflagen99 des Rostocker Tierepos: – SB Berlin, Preußischer Kulturbesitz: Sign. Y f 9711;100 – SUB Bremen: Sign. r ger 561.8 rey 0/539;101 – SUB Göttingen: Sign. 8 P GERM II, 1413 Rara;102 – SUB Hamburg: Sign. Scrin A/717;103 – UB Kiel: Sign. ND T 32 rei 018;104 – UB Leiden: Sign. 1213 A 19;105 3 3.1 3.1.1 99 Aus primär zeitlichen Gründen konnte im Rahmen des vorliegenden Projektes keine Sichtung und kein eingehender Vergleich aller erhaltenen Exemplare geleistet werden. Es wurden jedoch die bei‐ den unvollständigen Rostocker Exemplare, das Digitalisat, dem das Göttinger Exemplar zugrunde liegt, und das Digitalisat des Exemplars aus Tartu miteinander verglichen. Es konnte festgestellt werden, dass sich diese vier Drucke nicht voneinander unterscheiden bis auf die Signierung an einer Stelle: Im Exemplar der UB Rostock unter der Signatur Cf-8631.a fehlt die Signierung auf Bl. 15r. Im zweiten unvollständigen Exemplar der UB Rostock und dem Exemplar der SUB Göttingen steht Bv anstatt von B7, während im Exemplar der UB Tartu das entsprechende Blatt fehlt. Trotz umfangreicher Recherche konnte zudem das in der Bibliotheca Reinardiana verzeichnete Götebor‐ ger Exemplar des Druckes nicht nachgewiesen werden. Mein herzlicher Dank gilt an dieser Stelle Frau Kristina Sevo von der Universitätsbibliothek Göteborg, die meine Vermutung, dass sich, an‐ ders als von Menke angegeben, kein Exemplar des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ aus dem Jahre 1539 in den Beständen der Universitätsbibliothek Göteborg befindet, vor Ort überprüft und bestä‐ tigt hat. Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 100 Vollständiges Exemplar. Angaben nach dem Katalog der SB Berlin. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 101 Unvollständiges Exemplar. Bl. 1-8, 17 und 50 von Friedrich Prien nach dem Hamburger Exemplar ergänzt. Angaben nach dem Katalog der SUB Bremen. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281, allerdings mit der Sign. R ger 561.8 rei o/93. 102 Vollständiges Exemplar. Angaben nach dem Katalog der SUB Göttingen. Vgl. auch Menke, Biblio‐ theca Reinardiana. I, S. 281. 103 Vollständiges Exemplar. Angaben nach dem Katalog der SUB Hamburg. Vgl. auch Menke, Biblio‐ theca Reinardiana. I, S. 281. 104 Kopie nach dem Exemplar der SUB Göttingen. 105 Vollständiges Exemplar. Angaben nach dem Katalog der UB Leiden. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 43 – UB Marburg: Sign. 085 2 2014 / 00030;106 – UB Rostock: Sign. Cf-8631107, Cf-8631.a108; – UB Tartu: Sign. R XIV 1610;109 – Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel: Sign. A: 44.9. Poet;110 – Auktionskatalog G. Bassenge 1989, Nr. 2915;111 – Erfgoedbibliotheek Hendrik Conscience Antwerpen: Sign. 768025 [C2-633d];112 – Bibliothek Otto Schäfer Schweinfurt: Sigl. Swf 2.113 106 Fotokopie (wohl) nach dem Exemplar der SUB Bremen. Bl. 1-8, 17 und 50 von Friedrich Prien nach dem Hamburger Exemplar ergänzt. Angaben nach dem Katalog der UB Marburg. 107 Unvollständiges Exemplar, es fehlen Titelblatt, Bl. 2, 8, 9, 16, 19-23, 50, 131, 146, 151, 158, 197, 228, 259, 265-272; stark beschädigt sind Bl. 144, 145, 178-179, 182, 201-206. Hinten befindet sich ein Instandsetzungsschein der Restaurierungswerkstatt der Universitätsbibliothek Greifswald vom 05.12.1984, in dem der Zustand des Druckes und die erfolgte Behandlung beschrieben sind: „Zu‐ stand: Mechanische- und Wasserschäden, allgemeine Verschmutzung, einige Blätter fehlen, Ein‐ band in Fragmenten vorhanden. Behandlung: Numeriert, auseinandergenommen, trocken gereinigt, siedende Bäder Kaliumpermanganat- und Natriumhydrogensulfitbäder, Blätter mit Karboxymethyl‐ zellulose gefestigt, fehlende Stellen ergänzt, nach Seitenzahlen sortiert, geheftet, Kapital umstochen, Einband wurde unter Verwendung der Fragmente angefertigt, Einband mit Lederbalsam behandelt.“ Vgl. auch Angaben im Katalog der UB Rostock; Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 108 Unvollständiges Exemplar, es fehlen Titelblatt und Bl. 270-272; beschädigt sind Bl. 9, 145-146, 268-269. Dieses Exemplar kennzeichnet sich u. a. durch zahlreiche Unterstreichungen und Durch‐ streichungen in brauner Tinte, Vermerke und Kommentare in brauner und dunkler Tinte sowie in Bleistift. Vgl. zudem Angaben im Katalog der UB Rostock; Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 109 Unvollständiges Exemplar, es fehlen Bl. 8, 15, 20-21, 24, 27, 29, 32-33, 41, 44, 50-51, 78, 83, 92, 144-146, 148, 172, 189, 201. Bl. 149 ist falsch zwischen Bl. 152 und Bl. 153 eingebunden. Im Jah‐ re 2013 wurde diese Ausgabe an der Universitätsbibliothek Tartu digitalisiert und OCR-konvertiert. Das Digitalisat und die OCR-Datei können unter dem folgenden Link eingesehen und im PDF-For‐ mat heruntergeladen werden: URL: [Letzter Zugriff am 21.10.2017]. Aufgrund von Divergenzen zwischen dem Katalog der UB Tartu und dem Digitalisat des Exemplars der UB Tartu Angaben nach dem gesichteten Digitalisat. Vgl. auch Menke, Biblio‐ theca Reinardiana. I, S. 281. 110 Unvollständiges Exemplar. Die fehlenden Bl. 1 = Titelblatt sowie Bl. 9, 16, 24, 28, 29, 75, 78, 102, 131, 203, 257-272 und das beschädigte Bl. 34 wurden durch Fotokopien ersetzt = 69 Bl. in Mappe. Angaben nach dem Katalog HAB Wolfenbüttel. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 111 Dieses Exemplar konnte trotz sorgfältiger Recherche aktuell nicht nachgewiesen werden. Angaben nach Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 112 Hierbei handelt es sich um ein bislang nicht erfasstes vollständiges Exemplar des Rostocker Dru‐ ckes, das im Rahmen der Recherchen zum vorliegenden Dissertationsprojekt entdeckt wurde. Für die hilfreiche Auskunft und die detaillierte Beschreibung des Antwerpener Druckexemplars danke ich an dieser Stelle den Bibliotheksmitarbeitern der Erfgoedbibliotheek Hendrik Conscience Ant‐ werpen Frau Hilde Laenen und Herrn Steven Van Impe. Nach Angaben von Steven Van Impe ist das Exemplar recht gut erhalten, beim Bl. G j war jedoch der untere Teil abgerissen und wurde wohl im 16. Jahrhundert mit einem Stück Papier ergänzt und von einem Zeitgenossen handschrift‐ lich vervollständigt. Des Weiteren fallen bei diesem Exemplar zahlreiche Unterstreichungen auf. Zudem wurden einige Holzschnittillustrationen in brauner Tinte zensiert. Auf den Vorsatzblättern finden sich einige größere Einträge, die unter anderem Provenienzvermerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert, aber auch früher enthalten. Das Buch scheint vom Sammler und Bibliographen John Landwehr neu gebunden zu sein. 113 Das Museum und die Bibliothek Otto Schäfer Schweinfurt verfügen leider über keinen eigenen OPAC- Katalog. Die Buchbestände lassen sich zwar teilweise im gemeinsamen Katalog des Bibliotheks‐ Teil I Voruntersuchungen 44 Textaufbau Das Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ ist genauso wie seine Lübecker Vor‐ lage114 in vier Bücher ungleichen Umfangs eingeteilt, wobei die Bücher jeweils in 39, 9, 14 und 13 Kapiteln unterteilt sind.115 Der Rostocker Druck scheint jedoch be‐ wusster als seine Vorlage konzipiert worden zu sein, was sich in seiner gesamten Aufmachung und der Druckeinrichtung widerspiegelt. Dem Titelblatt116 der Rostocker Ausgabe folgen zwei dem Gesamttext vorange‐ stellte Vorreden in Prosa – „Vorrede thom Leser“ und „Eyn ander vorrede thom vor‐ stande desses Bokes seer denstlick“ – sowie eine Liste der Tiernamen. Hinzu kom‐ men die Vorreden zu den jeweiligen Büchern, die mit „Argument[um] vnd [j]nholdt des Ersten [etc., S. T.] [B]okes“ eingeleitet werden. Die Einführung in das zweite Buch bildet neben dem „Argument vnd jnholdt des andern Bokes“ die „Vorrede des II. Bokes“ einschließlich einer längeren Ausführung „Van der Hauetucht“ des Eras‐ mus von Rotterdam. Jedes Kapitel verfügt über eine Überschrift, eine kleine inhaltli‐ che Zusammenfassung und einen umfangreichen Prosakommentar mit Ausnahme des ersten Kapitels des ersten Buches, dem „Jnholdt vnd gemeine bericht desses bokes“ angeschlossen wird, und des dritten Kapitels des vierten Buches, das zusammen mit dem nachfolgenden vierten Kapitel desselben Buches in Anschluss an das vierte Ka‐ pitel erläutert wird. Der letzten Glosse zum 13. und letzten Kapitel des Buches über den Fuchs Reynke folgt das Nachwort „Beslut vnd Affrede. Thom Leser“. Das Buch schließt mit einem Kolophon mit einem Druckervermerk.117 Im Anschluss an das oben Gesagte kann festgehalten werden, dass der versifi‐ zierte Erzähltext und die Kapitelglossen zu den kardinalen Textelementen gehören. Titel, Untertitel, Kapitel- und Buchüberschriften, Vorreden, Vorworte und Nachwort, einleitende Worte bzw. Kurzzusammenfassungen der Kapitel lassen sich neben den Kapitel- und Blattnummerierungen dagegen unter dem Begriff des Paratextes zusam‐ mengefassen.118 Zusätzlich zu den oben gemachten Angaben darf an dieser Stelle be‐ tont werden, dass sowohl der versifizierte Erzähltext als auch der Kommentarteil durch weitere kleinere Randglossenkommentare (Marginalien)119 unterschiedlichen Umfangs begleitet wird, die entweder kurze Zusammenfassungen oder Erläuterungen 3.1.2 verbundes Bayern und Berlin-Brandenburg sowie in anderen Datenbanken nachweisen, es finden sich dort jedoch keine Informationen zur Vollständigkeit oder Nichtvollständigkeit des Schweinfurter ‚Reynke Vosz de olde‘-Exemplars. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 114 Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 268. 115 Vgl. dazu auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 280; Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Ros‐ tock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century, S. 185; Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neu‐ übersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 371-372. 116 Vgl. Kap. 3.1.3 Titelblatt. 117 Vgl. Kap. 3.1.4 Kolophon. 118 Vgl. Genette, Paratexte. 119 Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century, S. 185; Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 372. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 45 der entsprechenden Textpassage darstellen oder den Erzähltext bzw. den Text der Glosse mit Sprichwörtern, formelhaften Redewendungen aus dem Volksmund und Autoritätensprüchen in niederdeutscher wie lateinischer Sprache sowie in Bibelver‐ weisen anderweitig vervollständigen. Die zahlreichen Randglossen und die Glossen‐ kommentare120, die als Metatexte die Texterfassung erleichtern und dessen Interpre‐ tation lenken, fungieren zwar als ein integraler Bestandteil des ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘, weisen jedoch auch eine gewisse graphische, semantische und strukturelle Ei‐ genständigkeit auf, die sich auch in der technischen Einrichtung des Textes nieder‐ schlägt.121 Als eine weitere Besonderheit der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe sind die in den Prosakommentar inkorporierten längeren Zitate sowie zur Veran‐ schaulichung des Textes eingebaute und interpretierte antike Fabeln zu nennen. Diese fungieren erklärend als Stützelement und tragen somit zum besseren Verständnis der im Erzähltext stattfindenden Ereignisse bei. Des Weiteren verleihen sie dem Text ein besonders lebhaftes Flair, mehr noch, sie bereichern ihn mit dem dem Leser aller Wahrscheinlichkeit nach bekannten Hintergrundwissen, was wiederum die allgemei‐ ne Lesbarkeit verbessert und die Textauffassung erleichtert. Die aufgebauten literari‐ schen Brücken unterstützen den didaktisch-paränetischen Erbauungscharakter der jüngeren Glosse122, deren Zielsetzung auf Bl. 1v wie folgt erläutert wird: Van Reyneken dem Vosse / syner mennichuoldigen lyst vnnd behendicheyt / eyne schone vnd nuͤtte Fabel / vull wyszheit vnd guder Exempel. Daryn vast aller menschen we= sent / handel / vntruwe / lyst / geswin= dicheit / nydt vnd hat / Figurert vñ angethoͤget werth.123 120 Ein erster Klassifizierungsversuch der Randglossenbeiträge im ‚Reynke Vosz de olde‘ wird unter‐ nommen in: Цапаева, Маргинальное глоссирование в средненижненемецком животном эпосе «Рейнке лис» (Росток, 1539 г.). Попытка классификации. Zu den Funktionen der Margi‐ nalglossen und des Prosakommentars im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. auch Цапаева, Маргинальное и поглавное глоссирование в средневековой литературе: метатекст как связующее звено между читателем и автором. Vgl. zudem Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century, S. 185. 121 Vgl. Kap. 3.1.6 Typographie. 122 Vgl. dazu auch Tsapaeva, Zur textuellen und metatextuellen Umsetzung didaktischer Intentionen im „Reynke Vosz de olde“. 123 [= Eine nützliche Geschichte voller Weisheit und guter Beispiele von Reineke dem Fuchs, seiner mannigfaltigen List und Klugheit, in der das Wesen, die Handlungsweisen, die Untreue, die List, die Tücke, der Neid und der Hass nahezu aller Menschen versinnbildlicht und dargestellt werden.]. Reynke Vosz de olde, Bl. 1v. Teil I Voruntersuchungen 46 Titelblatt Auf Bl. 1r befindet sich die breite fein ausgearbeitete Titeleinfassung von Erhard Alt‐ dorfer124, die links und rechts von zwei gotischen Säulen mit Blütenkapitell einge‐ rahmt ist. Die beiden Säulen tragen einen Spitzgiebel, unter dem der Fuchs liegt. Rechts und links des Giebels ist jeweils eine Putte dargestellt. Die Putte rechts ist oh‐ ne Flügel gezeichnet, sie hält in der Hand eine Posaune und schaut weg vom Be‐ trachter. Die Putte links ist mit Flügeln, aber ohne Gegenstände dargestellt, sie hält sich mit einer Hand am Giebeldach fest und schaut nach unten zum Titel. Hinter den Säulen erkennt man jeweils eine musizierende Gestalt mit einem Musikinstrument, die beide einen Fuchsschwanz auf dem Kopf tragen. Bei der linken Gestalt handelt es sich um eine nackte männliche allegorische Figur mit einer Bassgeige, rechts findet sich eine spärlich bekleidete weibliche allegorische Figur mit einer Leier. Hinzu kommen fünf weitere männliche Figuren – Vertreter verschiedener Stände –, die un‐ terhalb des Buchmottos und des Buchtitels in einer Zeltbude abgebildet sind. Direkt in der Mitte wird ein Krämer mit einem Spitzhut auf dem Kopf beim Verkauf von Fuchsschwänzen und Spitzhüten gezeigt. Seine Kundschaft bilden von links nach rechts zwei kostbar bekleidete Edelherren, ein Kaufmann und ein einfacher Bauer. Das dem Titel vorangestellte Buchmotto innerhalb des Holzschnittrahmens spricht das Thema der Verdorbenheit der Welt an und lautet: De Warheyt my gantz fremde ys / De Truwe gar seltzen / dat ys gewisz.125 Hierbei handelt es sich nachweislich um ein fast wörtliches und zudem orthogra‐ phisch angepasstes Zitat aus der ebenfalls von Ludwig Dietz angefertigten und in Rostock erschienenen niederdeutschen ‚Dat nye schip van Narragonien‘-Ausgabe aus dem Jahre 1519126, die als einer der Prätexte für die jüngere Glosse zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ gilt.127 Unterhalb des Mottos steht der Titel des Buches, der bereits auf den Umstand hin‐ weist, dass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ eine Neuauflage des Tierepos und keine Erstausgabe im engeren Sinne darstellt: Reynke Vosz de olde / nyge gedruͤcket [Hervorhebung S. T.].128 Aufgrund der fehlenden Textzeugen kann keine konkrete Aussage über die direkte Vorlage des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes von Ludwig Dietz getroffen werden. Es kann jedoch mit Sicherheit behauptet werden, dass die erste niederdeutsche, in der Lübecker Mohnkopf-Offizin erschienene ‚Reyn‐ 3.1.3 124 Zu den Holzschnitten im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck vgl. Kap. 3.1.7 Holzschnittillus‐ trationen. Weiterführende Literatur zu Erhard Altdorfer vgl. ebd. 125 [= Die Wahrheit ist mir ganz fremd, die Treue gar selten. Das ist gewiss.] 126 ‚Dat nye schip van Narragonien‘, Bl. 31r: De waͤrheyt my gar froͤmde ys, | De truwe gar selsen, dat ys wyß. Diese Stelle findet sich im selben Wortlaut bereits in der Lübecker Vorlage aus dem Jahre 1497: De warheyt my ghar vromde is | De truwe ghar selsen. dat is wys. Vgl. ‚Dat narren schyp‘, Bl. 41r. 127 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de vos, S. XXII. 128 Der Zusatz nyge gedruͤcket könnte möglicherweise auch als Versuch einer Aufwertung des Druckes durch den Verweis auf einen bekannten Vorgänger interpretiert werden. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 47 ke de vos‘-Ausgabe aus dem Jahre 1498, die ihrerseits eine bearbeitende Neuausgabe eines niederländischen Tierepos vom Fuchs Reineke darstellt, eine bedeutende Rolle als Grundlage für den Dietzschen Druck gespielt hat. Mehr oder minder direkt be‐ zeugt sind weitere Nachdrucke des Lübecker Textes aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts,129 auf dem möglicherweise der ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck von 1539 basiert. Beim ersten wahrscheinlich nur unwesentlich veränderten Nachdruck der Lübecker Inkunabel handelt es sich um den ‚Reyneke Voss‘-Druck aus dem Jahre 1510, wohl angefertigt von Hermann Barckhusen in Rostock. Dieser verschollene Druck ist in ei‐ nem Brief desselbigen an den Herzog Heinrich von Mecklenburg bezeugt. In diesem Brief vom 24. Juli 1510 schlägt Barckhusen dem Herzog zum einen den Druck einer „dutzschen Chroniken“ vor, zum anderen legt er zwecks Auswahl der Typen ein „dutzsch halsgerichte“, also die von ihm übersetzte und bearbeitete Ausgabe der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘, sowie „eyn ander boek von schympliken reden vnd schwengken, Reyneke Voss genompt“ bei.130 Hubertus Menke vermutet, dass dieser Druck mit Typen des Steffen Arndes in Lübeck angefertigt sein konnte. Des Weiteren führt Menke aus, dass „[d]ieser Zwischendruck […] notwendigerweise anzunehmen [ist] aufgrund der gemeinsamen Abweichungen der Rostocker Drucke von 1517 und 1539 gegenüber der Lübecker Inkunabel einerseits und der Übereinstimmung der Reynke-Drucke von 1498 und 1539 gegenüber dem Druck von 1517 andererseits“.131 Aus dem Jahre 1517 ist außerdem ein weiterer ‚Uan Reyneken dem vosse‘-Druck bezeugt, der nach der nicht verifizierten Feststellung von BC I, Nr. 603 mit Typen des Steffen Arndes in Lübeck gedruckt sein muss. Sein vollständiger Titel lautet: Uan Reyneken dem vosse vnde dessulften mennichuoldyger lyst myt anghehengedem̃ sedelikem̃ synne vnde ve ler guden lere Eyn hoͤuesch kortwylich lesent132 Zwar stellt Menke in seiner Bibliotheca Reinardiana die Frage auf, ob dieser Druck im Quartformat, der insgesamt 170 ungezählte Blätter umfasst und mit 1 + 29 Holzschnit‐ ten133 versehen ist, nicht möglicherweise von Hermann Barckhusen oder womöglich bereits von Ludwig Dietz angefertigt worden sein konnte, verweist aber auf die Aus‐ 129 Nachfolgende Angaben größtenteils nach Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 273-275. 130 Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 72-74. 131 Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 273. Bibl. Nachweis: BC I, Nr. 477. Vgl. auch Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatorischen Lehre, S. 260f.; Vedder, Die Illustrationen in den frühen Drucken des Reynke de vos, S. 224; Heselhaus, Der Rostocker ‚Reyneke Voss‘ von 1510 und seine Bedeutung innerhalb der niederdeutschen Reynke-Tradition des 16. Jahrhunderts, S. 31-53. 132 Zitiert nach Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 273. Das einzige erhaltene Exemplar des Rosto‐ cker ‚Uan Reyneken dem vosse‘-Druckes von 1517 wird in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden unter der Signatur S. B. 1110 aufbewahrt. 133 Bei den Holzschnitten der ‚Uan Reyneken dem vosse‘-Ausgabe handelt es sich um freie Nachschnitte der Holzschnittserie der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe von 1498. Von den 1 + 29 Holzschnitten der Ausgabe von 1517 sind insgesamt zwei Holzschnittillustrationen neu, davon das Titelblattholz‐ schnitt und die Holzschnittillustration auf Bl. B 4r. Von 29 Holzschnitten im Buchinneren sind 9 Wie‐ derholungen. Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. Teil I Voruntersuchungen 48 kunft des Direktors der Forschungsbibliothek Gotha Dr. Helmut Claus134 und beant‐ wortet die Frage selber mit der bereits von Wiechmann135 formulierten Vermutung, dass es sich wohl um einen sonst unbekannten Wanderdrucker gehandelt haben muss. Zuletzt sei an dieser Stelle die bislang nicht direkt nachgewiesene Ausgabe aus dem Jahre 1522 erwähnt, die eine mögliche Vorlage für den ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck von 1539 sein könnte und wahrscheinlich bereits von Ludwig Dietz angefertigt wurde. Diese ist in der Vorrede zum Magdeburger Tierepos ‚Froschmeuseler‘ von Georg Rol‐ lenhagen aus dem Jahre 1595 erwähnt.136 Auch Friedrich August Hackmann erwähnt diese Ausgabe137 in seinem ‚Programma de morali apologo poetico‘ neben den beiden späteren ‚Reynke Vosz de olde‘-Drucken von 1539 und 1548 (= 1549) und äußert sich gleichzeitig zur Eleganz der verwendeten Drucktypen im Vergleich zur Lübecker ‚Reynke de vos‘-Inkunabel.138 Ich stimme Friedrich Prien in seiner Hypothese zu, dass es sich wohl um eine Verwechslung der Ausgabe und einer Verlesung der Jahresangabe MDXXII statt MDXVII handeln muss, d. h. es geht wahrscheinlich um die ‚Uan Reyneken dem vosse‘-Ausgabe von 1517.139 Der vollständige Titel der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe (1539) lautet: Reynke Vosz de olde / ny= ge gedruͤcket / mit sidlikem vorstande vnd schonen figu= ren / erluͤchtet vñ vorbetert. Anschließend an den Buchtitel erscheint der Druckervermerk, der den Druckort, den Drucker und das Jahr, in dem der Druck fertig gesetzt wurde, nennt und mit dem Kolophon140 korrespondiert: 141Jn der lauelyken Stadt Roz=142 stock / by Ludowich Dyetz gedrucket. M.D.XXXiX. 134 „[D]ie Drucktypen [sind] jedoch weder für St. Arndes und L. Dietz noch für einen anderen Drucker sicher nachgewiesen“. Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. 135 Wiechmann, Meklenburgs altsächsische Literatur. I, S. 43. 136 „[E]r (Nikolaus Baumann, Verf.) hat … den Reinicken Fuchs, …, weißlich beschrieben, vnd dem Buchdrucker zu Rostock, Ludowigen Ditzen, … verehret. Derselbig hat die Glossen auß andern Reimbuͤchern dazu gesetzt, vnnd jhm damit, im Jahr 1522. als wenns zuvor ein altes Welsch vnnd Frantzoͤsisch gemacht worden, in Druck gegeben“. Zitiert nach Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. 137 Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 3r. 138 Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 3v. Vgl. dazu auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 275. 139 Vgl. Prien, Reinke de vos, S. XXVIIf. Für weiterführende Literatur vgl. Menke, Bibliotheca Reinardi‐ ana. I, S. 275. 140 Vgl. Kap. 3.1.4 Kolophon. 141 Verzierung in Form eines Blattes. 142 Verzierung in Form eines Blattes. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 49 Kolophon Nach den Worten Vnd ein vorstendyger schal ste= des mit wyszheyt vmmeghan. Dan de mennichfoldicheyt der kunst / vorluͤchtet des mynschen vorstandt / gelick alse de Sonne / des Vuͤres143, mit denen das Nachwort „Beslut vnd Affrede. Thom Leser“ schließt, fährt der Text mit einer Ankündigung eines neuen Buches fort: Vnd jnn den ende / wyl ick / guͤnstiger Leser / dath Boͤck Plutarchi / van dem Gemeinen besten / jn Sassyscher sprake / dy tho nuͤtte / vppet baldeste / ock vorfer= dygen. Vnd ytzundt dem Allmechtigen (welckerem sy ewich loff / Eere vnd prysz) dy hyrmit beualen hebben.144 Diese Zeilen müssen wohl direkt von Ludwig Dietz als Herausgeber stammen. Sie können jedoch kaum als alleiniger Beweis dafür gelten, dass er persönlich auch den gesamten Text bearbeitet oder die jüngere Glosse verfasst hat.145 Es folgt ein beinahe halbseitiges Metallschnitt-Bücherzeichen des Ludwig Dietz, das zwei Löwen vor einer üppigen Weinrebe zeigt, die einen Wappenschild mit dem Druckerzeichen und den Nameninitialen Ld mit ihren Pfoten halten. Darunter befin‐ det sich ein Schriftband mit dem Namen des Druckers L. dIETZ. Der Rest des Kolophons folgt dem Bücherzeichen in folgender Form: Jn der lauelyken Stadt Roz= stock / by Ludowich Dyetz gedruckt. Na der gebordt Christi vnses Heren. Dusent Vyff hundert negen vnd doͤrtich Am ersten dage. Octobris.146 Bl. 272v ist leer. Beschreibstoff, Format, Kollation Die auf Papier gedruckte Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe im Hochformat hat folgende Maße: ca. 20 x 16 x 6 cm. Der Druck umfasst insgesamt 272 römisch gezählte Blätter im Quartformat (4°), von der Bogenzählung erweckt er jedoch den Eindruck eines Oktavs (8°). Die kaum zu erkennenden Stegrippen (Wasserlinien) verlaufen in einem Abstand von ca. 2,8 cm waagerecht rechtwinklig zu den eng lie‐ 3.1.4 3.1.5 143 Bl. 271v-272r. 144 Bl. 272r. 145 Schafferus schreibt diesen und noch zwei weitere in erster Person formulierte Sätze dagegen dem jüngeren Glossator zu. Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 14f. 146 Bl. 272r. Teil I Voruntersuchungen 50 genden Längsrippen, die in einem Abstand von ca. 1-2 mm voneinander liegen, und untermauern somit die Zuordnung als Quart (4°).147 Der Gesamtumfang von 272 Blättern ergibt sich aus den insgesamt 34 Lagen von jeweils 8 Blättern. Die Blatt‐ maße betragen ca. 19,1 x 15 cm. Der Satzspiegel liegt zwischen ca. 15,6 bis 16,9 x 10,2 bis 13 cm. Die Zahl der Zeilen der Vorreden beträgt zwischen 31 und 33 Zeilen, die Zahl der Zeilen des eigentlichen Textteils (Tierepos) liegt bei maximal 28 Zeilen pro Seite, die des Glossenkommentars entsprechend bis maximal 33 Zeilen pro Seite. Die Signierung der Reihenfolge der Bogen innerhalb der Lagen läuft wie folgt: A8- Z8, Aa8-Ll8. Für die Signierung werden gotische Buchstaben (Fraktur, 16. Jahrhun‐ dert) ohne Abweichung vom Normalalphabet mit 23 Buchstaben mit dem Prinzip der römischen Zahlen kombiniert, wobei der erste Durchlauf der alphabetischen Lagen‐ zählung Großbuchstaben148 und der zweite Durchlauf eine Kombination aus Großund Kleinbuchstaben149 verwendet. Die Buchstaben bzw. Buchstabenkombinationen dienen zur Kennzeichnung der Reihenfolge der Lagen, während die Anzahl der Buchstaben von j über ij, iij, iiij bis v als Ziffern die Bogen kennzeichnet. Die drei letzten Bogen einer Lage bleiben im Druck stets unsigniert. Es sind insgesamt drei Fehlsignierungen im ersten Durchlauf festzustellen: A7 ist mit Av signiert, Bij statt Biij, B7 ist mit Bv signiert.150 Die Signatur befindet sich innerhalb des Satzspiegels direkt unterhalb des laufenden Textes ca. 5 bzw. 6 cm vom rechten unteren Eck ein‐ gerückt. Zusätzlich finden sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ zahlreiche Seitenkustoden, die entweder die Anfangssilbe des ersten Wortes (z. B. stan Bl. 2v), das erste Wort (z. B. erkant Bl. 2r) oder die beiden ersten Wörter (z. B. Ock gar Bl. 10v) der Folge‐ seite wiedergeben. Die Kustoden, die einen richtigen Textanschluss ermöglichen und neben der Bogensignatur und Blattangabe zu den Ordnungshilfen beim Kollationie‐ ren gehören, finden sich in der rechten unteren Ecke insbesondere der Versoseite. Die Blätter sind stets recto ca. 3 bis 4 cm vom rechten oberen Eck eingerückt durchnum‐ meriert. Insgesamt sind drei Fehlfoliierungen festzustellen: CXV statt XCV, LXVII statt CLXVII, CCLIXX statt CCLXX.151 Ebenfalls auf der Rectoseite oben zentriert stehen die Kapitelzahlen.152 Die Kapitel des ersten Buches werden bis Kapitel 10 in Worten ausgeschrieben, ab Kapitel 10 erfolgen die Kapitelangaben mithilfe römi‐ scher Zahlen. Die Kapitel des zweiten Buches werden bereits ab Kapitel 3 mit römi‐ schen Zahlen gekennzeichnet, während im dritten Buch nur das 13. und 14. Kapitel 147 Bei einem Oktav (8°) verlaufen die Wasserlinien senkrecht. Vgl. hierzu Weismann, Die Beschrei‐ bung und Verzeichnung alter Drucke, S. 564, Tafel VI a: Die wichtigsten Bogenformate (I). 148 Die alphabetische Reihenfolge im ersten Durchlauf sieht folgendermaßen aus: A, B, C, D, E, F, G, H, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T, V, X, Y, Z. 149 Die alphabetische Reihenfolge im zweiten Durchlauf sieht folgendermaßen aus: Aa, Bb, Cc, Dd, Ee, Ff, Gg, Hh, Ji, Kk, Ll. 150 Im Exemplar der UB Rostock unter der Signatur Cf-8631.a fehlt die (Fehl-)Signierung von Bl. B7. Es handelt sich hierbei um eine Presskorrektur. 151 Das Exemplar der SUB Hamburg weicht von den von Prien gemachten Angaben zum Exemplar im Bestand der UB Bremen. Hierbei handelt es sich offensichtlich um Presskorrekturen. Vgl. hierzu Prien, Reinke de vos, S. XXIX ff.; Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 152 Auf folgenden Seiten konnten Fehlangaben bei Kapitelangaben festgestellt werden: Bl. 9r, 12r, 84r, 90r, 100r, 107r, 110r, 111r, 125r, 144r, 149r, 164r, 165r, 166r, 178r, 193r, 224r, (226r), 262r, 272r. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 51 durchgehend nicht ausgeschrieben werden und die Kapitel 4-12 teils römische Kenn‐ zeichnung, teils Wortkennzeichnung aufweisen. Die Kapitel des vierten Buches wer‐ den ab Kapitel 2 durchgehend mit Zahlen gekennzeichnet. Zwischen der Kapitelan‐ gabe und dem eigentlichen Text ist ein Durchschuss von ca. 2-3 mm zu verzeichnen. Auf der Versoseite werden oben zentriert die Angaben zum Buch gemacht; diese sind stets in Worten ausgeschrieben: Vorrede, Dat erste Bock, Dat Ander Bock, Dat Druͤdde Bock, Das veerde Bock. Die Schreibung der jeweiligen Angaben variiert be‐ züglich der Groß- bzw. Kleinschreibung und der Interpunktion, es sind insgesamt vier Druckfehler festzuhalten: Dat erste Capitel statt Dat erste Bock, Bl. 11v, Dat An‐ der Bock statt Dat erste Bock auf Bl. 14v, Dat erste Bock statt Dat Ander Bock bzw. Erasmus Roterodamus auf Bl. 127v, Dat ander Bock statt zu erwartender Angabe Erasmus Roterodamus auf Bl. 130v, Dat Drudde Bock statt Dat veerde Bock auf Bl. 224v. Zwischen der Buchangabe und dem eigentlichen Text findet sich genauso wie bei den Kapitelangaben ein kleiner Durchschuss von max. 3 mm. Typographie Der Text zeigt durchgängig den Gebrauch der schwarzen Druckfarbe. Es lassen sich weder farbige Rubrizierungen noch typographischer Farbendruck festhalten, für das Titelblatt lässt sich jedoch eine Colorierung einzelner Elemente vermuten. Leider lässt es sich nicht eindeutig feststellen, um welche Farben153 es sich handelt, da diese stark verblasst sind.154 Trotz einer recht einheitlichen Druckgestaltung und einer gu‐ ten Lesbarkeit, die auf der Hand liegen, fällt der Gebrauch verschiedener Drucktypen in mehreren Schriftgraden auf. Bei genauer Betrachtung zeigt sich eine Typenmi‐ schung auf der Letternebene sowohl für den Verstext als auch für die Kapitelglossen, Marginalien und teilweise sogar für die Überschriften.155 Als Grundschrift des Vers‐ textes finden zum einen die neuere gotische Frakturtype156 von Ludwig Dietz157 Ver‐ 3.1.6 153 Vermutlich rot. 154 Zu diesem Zweck würde sich eine eingehende, aufwendige chemisch-physikalische Analyse von verwendeten Druckfarben und Colorationen anbieten, die sicherlich auch einen wertvollen Beitrag zur Datierung der einzelnen überlieferten ‚Reynke Vosz de olde‘-Exemplare und insgesamt zum Druckvorgang in der Offizin des Ludwig Dietz liefern würde. 155 Einführend zur Entwicklung der Schriften und Buchschriften (einschließlich Buchdruck) im Mittel‐ alter und der Frühen Neuzeit vgl. Ernesti, Die Wol-eingerichtete Buchdruckerey; Weismann, Die Beschreibung und Verzeichnung alter Drucke; Mazal, Paläographie und Paläotypie; Kapr, Frak‐ tur; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch; Beck / Beck, Die Lateinische Schrift. 156 Davor hat Dietz mit den Lettern von Hermann Barckhusen gedruckt. Vgl. hierzu Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, S. 136 sowie insbes. Tab. IV, Nr. 1b. Zur Renaissance-Fraktur vgl. auch Weismann, Die Beschreibung und Verzeichnung alter Drucke, S. 559, Tafel I: Die wichtigsten Druckschriften; Beck / Beck, Die Lateinische Schrift, insbes. S. 344-345, Abb. 113. 157 Zu den von Ludwig Dietz verwendeten Drucktypen vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, S. 136, 143, 151-152, 162-163 sowie Tab. IV im Anhang; Wiechmann, Meklenburgs altniedersächsische Literatur, S. VIIf. und Anhang: Lettern von Ludwig Dietz zu Rostock. Teil I Voruntersuchungen 52 wendung, die dieser in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts besorgt haben soll, zum anderen aber auch die älteren Typen158 von Hermann Barckhusen; es lassen sich zu‐ dem charakteristische Merkmale der oberrheinischen Drucktype159, aber auch der spätgotischen Druckbastarda160 und der Schwabacher Schrift161 erkennen. Dieselbe Typenmischung162 mittleren Grades wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ anteilig auch bei den Glossenüberschriften verwendet. Für die Kapitelmottos und als Grundschrift der Kapitelglossen wird ebenfalls eine Typenmischung verwendet, allerdings in einer kleineren Ausführung. Für die Marginalien in niederdeutscher Sprache findet sowohl die neue Dietzsche Fraktur-Drucktype des kleinsten Grades als auch die alte Druck‐ typenpalette von Barckhusen und Druckbastarda Verwendung, zudem wird die im 16. Jahrhundert immer noch beliebte charaktervolle kleine Schwabacher verwendet. Marginalien in lateinischer Sprache unterscheiden sich im ersten Buch in ihrer Form nicht von den niederdeutschen Randglossen, ab dem zweiten Buch werden sie dage‐ gen mit Antiqua gedruckt. Das Druckbild zeigt hier plötzlich die Verwendung der ve‐ nezianischen Renaissance-Antiqua-Minuskel und der Renaissance-Antiqua-Majus‐ kel.163 Interessanterweise wechselt Dietz im vierten Buch erneut und entscheidet sich für die an Textura angelehnte ältere Druckrotunda164 als Type zur Kenntlichmachung lateinischer Passagen in den Randglossen.165 Für Überschriften (einschließlich Teil des Titels), Kapitelangaben und -überschriften, Buchangaben und ähnliche Auszeich‐ nungen wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ die etwas abgerundete Textura-Type verwen‐ det. Eine weitere Auszeichnungstype, die ausschließlich auf dem Titelblatt (zit.: Reynke | Vosz de olde [Hervorhebung S. T.]) vorkommt, lässt sich eindeutig als Tex‐ tura identifizieren.166 Schließlich werden größere Missallettern167 in schwarzer Farbe 158 Vgl. hierzu insbes. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, S. 136 und Tab. II, Nr. 2b. 159 Vgl. hierzu Mazal, Paläographie und Paläotypie, Abb. 96, 97, 99; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch, 183. 160 Vgl. u. a. Beck / Beck, Die Lateinische Schrift, S. 304-305, Abb. 94. 161 Einige Beispiele für die Verwendung einer ähnlichen Schwabacher Schrift finden sich bei Weis‐ mann, Die Beschreibung und Verzeichnung alter Drucke, S. 559, Tafel I: Die wichtigsten Druck‐ schriften; Mazal, Paläographie und Paläotypie, Abb. 101, 102; Kapr, Fraktur, insbes. S. 22, 148-149; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch, S. 183. 162 Es kann festgehalten werden, dass die meisten Lettern von Ludwig Dietz ursprünglich aus dem süd‐ deutschen und südwestdeutschen Raum kommen (v. a. Straßburg, Augsburg, Basel etc.). 163 Vgl. u. a. Mazal, Paläographie und Paläotypie, Abb. 122, 123, 124, 135; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch, S. 144, 155. 164 Vgl. Mazal, Paläographie und Paläotypie, Abb. 135; Janzin / Güntner, Das Buch vom Buch, S. 155. 165 Eine solche Typenmischung und v. a. ihre auffällige Aufteilung nach Buch legen die Vermutung na‐ he, dass es im Druckvorgang des ‚Reynke Vosz de olde‘ mehrere (möglicherweise sogar längere) Unterbrechungen gegeben haben könnte. Zudem kann in erster Annäherung angenommen werden, dass Ludwig Dietz die neuen Lettern während des Herstellungsprozesses des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ erworben und diese direkt in den Druck eingebettet hatte. Eine eingehende Analyse des Zeichenbestandes und eine genauere Aufstellung der einzelnen Typen zwecks Rekonstruktion des Dietzschen Typenbestandes kann an dieser Stelle nicht geleistet werden. 166 Vgl. Beck / Beck, Die Lateinische Schrift, S. 548-549, Abb. 212. 167 Wiechmann geht auf diese in seiner Beschreibung des ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes bemerkens‐ werterweise nicht ein, vgl. Wiechmann, Meklenburgs altniedersächsische Literatur, S. 177. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 53 für die Initialen am Kapitel-, Glossen- oder Abschnittsanfang eingesetzt, die sich so‐ wohl in ihrer Aufmachung als auch in ihrer Größe voneinander unterscheiden und abhängig von ihrer Position im Seitenlayout zu sein scheinen. Holzschnittillustrationen Auf der Bildebene weist der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck zahlreiche und mehr oder minder tiefgreifende Veränderungen gegenüber der Lübecker Vorlage auf. So werden in der Rostocker Ausgabe zum einen die 89 anonymen Holzschnittillustrationen mit 52 verschiedenen Motiven des Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druckes aus dem Jahre 1498 vollständig durch eine nach Zeichnungen des ursprünglich aus Regensburg stammenden Schweriner Hofmalers, Formschneiders und Architekten Erhard Altdor‐ fer168 neu angefertigte Holzschnittserie ersetzt, die deutlich homogener als diejenige der Lübecker Vorlage aus der Mohnkopfoffizin ausfällt und insgesamt einen signifikant hochwertigeren Eindruck macht. Die Altdorfersche Holzschnittserie bildet die erste von insgesamt zwei Untergruppen der im ‚Reynke Vosz de olde‘ verwendeten Holz‐ schnittillustrationen. Zum anderen sind es kleinere Glossenholzschnitte, die ebenfalls eine Art Zyklus bilden und in der Lübecker Textvorlage gänzlich fehlen. Zunächst fällt bei der ersten Untergruppe sofort die Titeleinfassung auf.169 Abge‐ sehen von diesem hochwertigen Ganzblattholzschnitt enthält der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck noch einen beinahe blattgroßen Holzschnitt auf Bl. 8v, der die Versammlung der Tiere beim auf dem Thron unter einem Baldachin sitzenden König, dem Löwen, abbildet, der zunächst dem „Argument und Inhalt“ des ersten Buches folgt und somit quasi das Geschehen des ersten Buches eröffnet.170 Des Weiteren sind in dieser Untergruppe die ebenfalls von Erhard Altdorfer stammenden aus‐ drucksstarken Holzschnitte zu nennen, die in der Regel zentriert, bald im Textfluss bald zwischen der Kapitelüberschrift oder Buchüberschrift und dem Erzähltext er‐ scheinen. Hierbei handelt es sich um 42 größere das Geschehen im versifizierten Er‐ zählteil aufgreifende Kapitelholzschnitte, unter denen es acht Wiederholungen gibt.171 Den Großteil dieser sorgfältig ausgearbeiteten Kapitelholzschnitte bilden so‐ 3.1.7 168 Zu Erhard Altdorfer, seinem Leben und Werk vgl. u. a. Jürgens, Erhard Altdorfer, insbes. S. 68-70 mit Abb. 81-88; Stöver, Erhard Altdorfer; Oettinger, Altdorfer-Studien; Dehnert, Der Meister der Lübecker Prachtbibel; Packpfeifer, Studien zu Erhard Altdorfer; Grewolls, Altdorfer, Erhard A. Zu den Text- und Glossenholzschnittillustrationen im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Vedder, Die Illustrationen in den frühen Drucken des Reynke de vos, hier insbes. S. 227ff. 169 Vgl. Kap. 3.1.3 Titelblatt. 170 Dieser Holzschnitt wird auf Bl. 131r in selber Form wiederverwendet. An dieser Stelle eröffnet es das Geschehen des zweiten Buches. Vgl. auch Angaben in Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 171 Die halbseitigen Holzschnitte von Erhard Altdorfer finden sich auf folgenden Blättern: Bl. 12r, 15v (= 12r), 16r, 20r, 21r, 24r, 27v, 29r (= 27v), 32r, 33v, 41v, 44r, 50r, 51v, 62r (= 51v), 66v, 69r, 75r, 78r, 83v, 92v (= 83v), 102v, 105v, 107r, 122r, 144v, 145r, 146v, 148r, 148v, 170r (= 145r), 172v (= 69r), 183r, 189r (= 148v), 197r, 198r, 201r, 203v, 228r, 239v, 248r, 267v. In Klammern sind je‐ weils die ersten Verwendungen angezeigt. Vgl. auch Angaben in Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. Teil I Voruntersuchungen 54 genannte synchrone Abbildungen einer bestimmten Textstelle bzw. Situation im Er‐ zählteil. Diese zumeist halbseitigen eingerahmten Holzschnittillustrationen stellen quasi eine Momentaufnahme dar. In einigen wenigen Fällen sind die Holzschnittil‐ lustrationen zur Unterstützung des Erzähltextes perspektivisch aufgebaut und zeigen zugleich Doppel- oder Dreifachszenen. Zur zweiten Untergruppe der Holzschnittillustrationen, wie oben einleitend ein‐ geführt, gehören 57 kleinere mehrfach wiederholte Glossenholzschnitte des unbe‐ kannten Meisters MP172, die stets über zehn Zeilen gehen. Die insgesamt 13 Motive bilden Vertreter verschiedener mittelalterlicher Stände und Berufe ab, darunter in der Reihenfolge ihres Auftauchens im Text den bäuerischen Händler173, der Gänse und Eier zum Markt trägt (2), den Krämer174, der an seinen Maßstock einen Fuchs‐ schwanz gehängt hat (2), den Kaufmann175 (10), den Geistlichen176 (9), den Edel‐ mann177 mit Monogramm MP rechts unten (9), den Wucherer178 mit einem gefüllten Geldsack (1), den fürstlichen Herren179 (6), die Nonne180 (1), den Ackerbauern181 mit einer Karsthacke (2), den Advokaten182, der kalt und heiß zugleich bläst (1) und den Landsknecht183 mit einem Gaul (1) sowie zwei allegorische Figuren, nämlich den Tod184 mit dem Grabscheit (2) und Frau Welt185 auf der Kugel (11). Groß- und Kleinschreibung Bei der Verwendung der Majuskel im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigen sich auf den ersten Blick zum Teil widersprüchliche Tendenzen.186 Aus diesem Grund bietet es sich an, sich den Majuskelgebrauch unter lexikalisch-semantischen und 3.1.8 172 Friedrich Prien liest irrtümlicherweise NB. Vgl. Prien, Reinke de vos, S. XXXII. Meister MP ist bei Nagler nicht ausgewiesen. Vgl. dazu Nagler, Die Monogrammisten. 4, S. 506-522. S. auch Röttinger, S. 130 Anm. 10. 173 Bl. 4r, 217v. 174 Bl. 4v, 211v. 175 Bl. 4v, 11v, 39r, 64v, 73v, 98v, 134v, 138r, 231v, 247v. 176 Bl. 5v, 45v, 48v, 55v, 81v, 96v, 169v, 209v, 265r. 177 Bl. 6v, 37r, 45r, 94v, 126r, 151r, 154r, 188v, 210r. 178 Bl. 6v. 179 Bl. 10r, 11r, 26v, 77v, 87r, 167r. 180 Bl. 68r. 181 Bl. 94r, 226v. 182 Bl. 177r. 183 Bl. 261v. 184 Bl. 25r, 25v. 185 Bl. 27r, 56r, 63v, 106v, 123v, 127v, 152r, 163v, 214v, 220v, 270v. 186 Ausführlicher zur Durchsetzung der Großschreibung im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Цапаева, О „боже“ и „Боже“: вводные замечания о лингвистических принципах написания прописной и строчной букв в средненижненемецком языке. Zum Majuskelgebrauch in ausgewählten Quellen aus der Offizin von Ludwig Dietz vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140-145, insbes. zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ S. 143-144; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhun‐ derts, S. 31-32. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 55 morphologischen Gesichtspunkten näher anzuschauen. Es lassen sich nämlich diver‐ se lexikalisch-semantische sowie morphologisch bedingte Gruppen bilden, die sich auf der graphematischen Ebene im Text unterschiedlich verhalten. Als erste größere Gruppe lassen sich Anthroponyme187 (u. a. Eigennamen der Tiere, die den menschlichen in ihrer Funktion entsprechen) aussondern: darunter eingliedrige Namen (Grymbart, Brun), zweigliedrige Namen einschließlich Namen mit substanti‐ vischem Attribut in Prä- oder Postposition (Hynze de Kater, de Kater Hynze) sowie einund mehrgliedrige Autoritätennamen (Doctor Sebastianus Brandt, Her Hans van Swertzenberg Ridder, Seneca). Der Befund zeigt eine eindeutige Tendenz zur Majuskel‐ schreibung von Anthroponymen (543 : 1188 bei eingliedrigen Eigennamen). Minuskel‐ schreibung eines Namens bei mehrgliedrigen Namen kommt im Untersuchungsab‐ schnitt äußerst selten vor (54 : 5 bei zweigliedrigen Eigennamen), komplette Minus‐ kelschreibung der mehrgliedrigen Anthroponyme ist im Untersuchungstext nicht be‐ legt. Alle Autoritätennamen werden ausnahmslos großgeschrieben.189 Als nächste Gruppe treten Nomina sacra190 auf, die in diesem Zusammenhang im weiteren Sinne erfasst werden. Sie schließen Nomina sacra im engeren Sinne mit ein, d. h. Nomina sacra, die in der christlichen Tradition häufig als Abbreviaturen vorlie‐ gen: Namen Gottes wie Godt, de Allmechtige, Christi, Here, HER OMNES sowie Dauid, Jerusalem, Jsrael, Hemmel, Engel. Zur selben lexikalisch-semantischen Gruppe gehören Heiligennamen, Namen der Bibelfiguren, Namen der Kirchenväter u. Ä. sowie Evangelien- und Psalmenbezeichnungen und negativ konnotierte Religi‐ onsbegriffe, aber auch abgeleitete Adjektive mit godt-/christ-Komponente. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ werden Nomina sacra im engeren Sinne mit einer Ausnahme großgeschrieben (108 : 1). Ähnlich sieht die Verteilung der Groß- und Kleinschrei‐ bung bei Heiligennamen wie Adam, Eva, Salomon, Paulus (22 : 0), Gliederungsein‐ 187 Auf die deutliche Tendenz zur Eigennamengroßschreibung weisen bereits Grammatiker aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hin. Vgl. dazu die Übersicht bei Prowatke sowie den Exkurs zur Ent‐ wicklung der Substantivgroßschreibung bei ders., Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer re‐ gionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140-141; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, S. 31. Zur Entwicklung der Großschreibung im deutschsprachigen Raum vgl. u. a. Moser, Frühneuhochdeutsche Grammatik, S. 11-15; Kaempfert, Motive der Substantiv-Großschreibung; Nerius, Deutsche Orthographie, S. 146-172; Risse, Untersu‐ chungen zum Gebrauch der Majuskel in deutschsprachigen Bibeln des 16. Jahrhunderts; Moulin, Der Majuskelgebrauch in Luthers deutschen Briefen (1517-1546); Wegera, Zur Geschichte der Adjek‐ tivgroßschreibung im Deutschen; Bergmann / Nerius, Die Entwicklung der Großschreibung im Deutschen von 1500-1700; Bergmann, Zur Herausbildung der deutschen Substantivgroßschreibung. 188 Hier und des Weiteren steht die erste der beiden Zahlen für die Majuskel, die zweite für die Minuskel am Wortanfang. 189 Der Befund von Prowatke müsste an dieser Stelle aufgrund des von ihr zur Analyse herangezogenen geringen Textvolumens relativiert werden. Der Umfang der Datenerfassung für den ‚Reynke Vosz de olde‘-Text beläuft sich nämlich auf 12 Seiten, das sind ca. 2,2% des ursprünglichen Textumfangs. Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 72. Zudem unterteilt Prowatke die Klasse der Eigennamen nicht weiter. 190 Eine Empfehlung zur Majuskelschreibung von Nomina sacra findet sich bereits im ‚Schryfftenspie‐ gel‘ (1527) und bei Kolross (1530). Vgl. dazu die Übersicht und weiterführende Literatur bei Pro‐ watke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140. Teil I Voruntersuchungen 56 heiten der Heiligen Schrift u. Ä. wie Hillyge Schrifft, Matthej. 5., Johan. 5, Esaie. 40., Credo, Vesper, Vigilie, Psal. 13., Prouer. 13. (34 : 0) und negativ konnotierten Religi‐ onsbegriffen wie Antichristes, Helle, Duuel, Luciper (27 : 4) aus. Die Adjektive mit godt-/christ-Komponente scheinen zur Großschreibung zu neigen, jedoch lässt es sich nur sehr vorsichtig behaupten, da nur eine begrenze Zahl an entsprechenden Bei‐ spielen vorliegt. Unter lexikalisch-semantischem Aspekt lassen sich die Substantive ferner folgen‐ dermaßen untergliedern: Respektbekundungen (Ohm als allgemeine Bezeichnung für einen Älteren oder Höhergestellten, Neue als allgemeine höfliche Anrede an Näherste‐ hende), Toponyme, Sprachen und von geographischen Bezeichnungen abgeleitete Personenbezeichnungen, Titel-, Standes-, Amts- und Personenbezeichnungen, sonstige Personenbezeichnungen (einschließlich weiterer Verwandtschaftsgrade und charakte‐ risierender Metaphern), Tiergattungen, sonstige Konkreta (reale Gegenstände, Kollek‐ tiva, Unika etc.), Abstrakta (Eigenschaften, Zustände, Zeitabschnitte, Gefühle etc.) und fremde Appellativa. Prinzipiell kann eine relative Stabilität des Majuskelgebrauchs bei Respektbekundungen191 (92 : 30), Toponymen192 (38 : 0) und Sprachen- und Völker‐ bezeichnungen193 (20 : 0) bestätigt werden. Die Tierbezeichnungen (370 : 39) und fremde Appellativa (64 : 19) zeigen ebenfalls vermehrten Majuskelgebrauch, wobei die Tiergattungen einen Sonderfall darstellen. Es muss natürlich berücksichtigt werden, dass die personifizierten Tiere die Protagonisten des Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ und nicht reguläre Appellativa sind. Hierbei macht sich eine Textsortenspezifik be‐ merkbar. Kleingeschrieben werden nur die Tiere, die ausschließlich als Futter für die Protagonisten fungieren und aus diesem Grund auch namenlos bleiben (vische). Zum Majuskelgebrauch in den anderen Substantivklassen kann festgehalten wer‐ den, dass die Schreibung von Personenbezeichnungen, die keine Respektbekundun‐ gen sind, aber von Konkreta und Abstrakta194 mit einer Minuskel überwiegt (178 : 512 bei Personenbezeichnungen, 530 : 871 bei Konkreta, 388 : 2893 bei Abstrakta). Diesbezüglich ist es notwendig zu vermerken, dass bedeutungstragende und inhalt‐ lich hervorgehobene abstrakte Begriffe195, die vorwiegend Moral- oder Rechtsvor‐ stellungen und christliche Verhaltensweise beschreiben, wie beispielsweise Truwe, 191 Großschreibung bei Respektbekundungen wird in den entsprechenden Grammatiken neben dem Majuskelgebrauch bei Personennamen, Nomina sacra, aber auch bei inhaltlich bedeutsamen Wörtern sowie bei Wörtern aus eigennamenähnlichen Sachgebieten als „eine im Schreibgebrauch dieser Zeit [16. Jahrhundert, S. T.] bereits praktizierte Gewohnheit“ beschrieben. Vgl. Prowatke, Zur Ausbil‐ dung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 141. 192 Prowatke zeigt in ihrem Exkurs zum Majuskelgebrauch auf, dass sich bereits im ‚Schryfftenspiegel‘ (1527) und bei Kolross (1530) Hinweise zum Gebrauch von Versalbuchstaben bei geographischen Na‐ men, Namen von Völkern sowie bei Namen von Städten, Dörfern und Gebäuden finden. Vgl. dazu die Übersicht und weiterführende Literatur bei Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140. 193 Vgl. Fn. 190 und Fn. 192. 194 Zur Trennung zwischen Konkreta und Abstrakta vgl. u. a. Ewald, Konkreta versus Abstrakta. 195 In ihrer Übersichtstabelle zum Majuskelgebrauch aus der Sicht der Grammatiker des 16. Jahrhun‐ derts weist Prowatke auf die Hervorhebung inhaltlich bedeutsamer Wörter mithilfe der Verwendung der Majuskel bereits bei Kolross (1530). Vgl. dazu Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 140. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 57 Eyd, Rechtferdicheit, Hinderlisticheit, Regement, Erbarheit, Gyricheit, Eebrekerye, im Untersuchungstext in der Regel großgeschrieben werden. Zieht man den Wortbildungsaspekt zur Analyse heran, wird eine gewisse Schwierigkeit der Großschreibungsproblematik bei Ableitungen sichtbar. Es lassen sich für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ grob drei Hauptarten von Derivaten unterscheiden: Konversionen (nominalisierte Stämme, die aus anderen Wortarten oh‐ ne Wortbildungsmorpheme übergegangen sind, z. B. substantivierte Infinitive und Adjektive), explizite Ableitungen (Suffigierungen und Präfigierungen) und implizite Ableitungen (Ablautbildungen). In allen drei Fällen, insbesonderere jedoch bei Kon‐ versionen (47: 429), ist interessanterweise eine generelle Tendenz zur Minuskel‐ schreibung zu beobachten. Es kann angenommen werden, dass in diesem Fall nicht nur der Wortbildungsaspekt als solcher, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch das syntaktische Prinzip von Einfluss sein könnte.196 Gesondert können die zitierten literarischen Werke betrachtet werden. Es handelt sich hierbei um die Buchtitel, die als Prätexte für die jüngere Glosse dienen: Memori‐ al der doget, de Olden Wysen, Frouwe Untruwen denst, (New) Krygeszruͤstinge etc. Wenn die ersten Wörter der Titel im Großen und Ganzen großgeschrieben werden, lässt sich innerhalb der mehrgliedrigen Titel eine gewisse Diskrepanz in der Großund Kleinschreibungsverteilung feststellen. Das erste Wort des Titels wird im Gegen‐ satz zu dessen restlichen Bestandteilenteilen großgeschrieben in 35 Fällen, während alle (beide) Wörter mit Versalbuchstaben nur in 10 Fällen beginnen. Der gesamte Ti‐ tel weist Minuskelgebrauch nur einmal im gesamten Untersuchungsabschnitt auf. Diese recht markante Verwendung der Majuskel könnte m. E. eine rein pragmatische Begründung haben: Im untersuchten Text kommen als Interpunktionszeichen der Punkt, die Virgel, der Doppelpunkt, das Fragezeichen, die runden Klammern und die paarigen Schrägstiche197 vor.198 Anführungszeichen gehören nicht zur Interpunkti‐ onspalette des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘. Sowohl direkte Rede, als auch lite‐ rarische Titel müssen anders markiert werden. M. E. könnte es gerade durch den be‐ schriebenen Wahlmajuskelgebrauch erreicht werden, der in diesem Fall den Werktitel aus dem Kontext hervorhebt und parallel den Lesefreundlichkeitsgrad erhöht, mit an‐ deren Worten, den Text für den Leser übersichtlicher gestaltet. Des Weiteren muss man in Betracht ziehen, dass die Majuskel im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ am Anfang des Textes bzw. Textabschnittes, in den Kapitelund Buchüberschriften, am Versanfang sowie nach dem Punkt oder ihn vertretenden Interpunktionszeichen – die letzte Anmerkung ist jedoch nicht unproblematisch199 – also überwiegend am Satz- oder Periodenanfang steht. Eine solche Regelung bzw. 196 Die Substantivierungen kennzeichnen sich insgesamt durch ihre periphere Position im Wortarten‐ system. Einerseits gehören sie bereits zur neuen Zielwortart, verfügen jedoch andererseits gleich‐ zeitig noch über unverkennbare semantische Verbindung mit der Ausgangswortart. 197 Paarige Trennstriche gehören neben der Tilde (dem Abkürzungsstrich) nicht zu den eigentlichen Satzzeichen, weil sie nicht auf der Satz- oder Satzgliedebene fungieren, sondern sich auf ein einzel‐ nes Wort beziehen. 198 Zusätzlich ist das Komma in lateinischen Zitaten zu nennen. 199 Vgl. Kap. 3.1.9 Interpunktion. Teil I Voruntersuchungen 58 Tendenz beim Majuskelgebrauch lässt sich allerdings bereits für die frühmittelalterli‐ chen Schriften festhalten.200 Es kann an dieser Stelle zusammenfassend festgehalten werden, dass sich im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ eine deutliche Tendenz zur Substantivgroßschrei‐ bung sowohl bei Nomina propria als auch bei Appellativa erkennbar macht, obwohl von einer konsequenten Unifizierung oder Systematisierung noch keine Rede sein kann. Wenn man sich einen Rückblick in die Lübecker Inkunabel erlaubt, die als hauptsächliche Vorlage für den Rostocker Druck diente, fällt sofort auf, dass der Lü‐ becker ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 die Großschreibung nur am Text- und Absatzanfang, am Zeilenanfang im gereimten Text und normalerweise nach dem Punkt sowie vereinzelt und äußerst unregelmäßig im Satzinneren bei Eigennamen und Nomina sacra im engeren Sinne kennt.201 Hervorzuheben ist schließlich die Tatsache, dass der Rostocker Bearbeiter202 nicht nur auf lexikalisch-semantische Kategorien, sondern auch auf morphosyntakti‐ sche Prinzipien zurückgegriffen haben muss. Dies ist ein signifikanter Unterschied im Vergleich zur ersten niederdeutschen ‚Reynke de vos‘-Ausgabe. Und wenn Jo‐ hann Rudolph Sattler behauptet, dass sich zu diesem Zeitpunkt der Majuskelge‐ brauch für Namen Gottes, männliche und weibliche Anthroponyme, Länder, Städte, Schlösser, Dörfer, Völker, Religionen, Ämter, Künste, Satzanfang und besonders be‐ deutungsvolle Wörter mehr oder minder eingestellt hat,203 so bestätigt die Rostocker Verteilung der Groß- und Kleinschreibung im ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck diese Behauptung und sprengt sogar ihren (engen) Rahmen und wirkt antizipierend. Diese Feststellung stimmt wiederum mit der von Prowatke, die in ihrem Exkurs zum Ma‐ juskelgebrauch die allmähliche Ausdehnung der Großschreibung wie folgt prägnant zusammenfasst: Es ist zu vermuten, daß sich die Grammatiker im Schreibgebrauch einer unübersichtli‐ chen Vielzahl von praktizierenden Möglichkeiten gegenübersahen, die ihnen eine emp‐ fehlende Auswahl erschwerte, ja undurchführbar erscheinen ließ. So gingen viele Drucker (Setzer, Korrektoren) über das von den Grammatikern Angebotene weit hinaus. Ihnen kommt im 16. Jahrhundert die eigentliche Bedeutung für die fortschreitende Großschrei‐ bung zu. 200 Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatur‐ sprache, S. 140-141. Zu dieser Entwicklungsrichtung der Großschreibung vgl. auch Moser, Früh‐ neuhochdeutsche Grammatik, S. 11-15; Nerius, Deutsche Orthographie, S. 146-172. 201 Vgl. hierzu auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 142-144. Es muss jedoch beachtet werden, dass sich der von Prowatke zur Analyse herangezogene Textumfang für die Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe auf insgesamt 6 Seiten beläuft, was ca. 1,2% des ursprünglichen Textumfangs ausmacht. 202 Es kann nur vermutet werden, wie groß der Setzer- bzw. Korrektoreinfluss auf die Textgestaltung sein könnte und inwieweit im Herstellungsprozess von der Verfasserversion abgewichen worden ist. 203 Vgl. Sattler, Teutsche Orthographey und Phraseologey. Zur Entwicklung der Großschreibung im Deutschen vgl. zum Beispiel auch Bergmann / Nerius, Die Entwicklung der Großschreibung im Deutschen von 1500-1700; Bergmann, Zur Herausbildung der deutschen Substantivgroßschrei‐ bung; Schutzeichel / Szczepaniak, Die Durchsetzung der satzinternen Großschreibung in Nord‐ deutschland. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 59 Die Offizin von DIETZ204 gehört zu jenen Werkstätten, die ein über die Großschreibung der Eigennamen und eigennamennahen Wörter hinausgehendes Angebot von Majuskeln im Satzinneren anbieten.205 Interpunktion Im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ kommen verhältnismäßig zahlreiche und v. a. unterschiedliche Interpunktionszeichen206 vor, die als eine gesonderte Ausprägung des graphischen Teilsystems aufgefasst werden können und deswegen hier in die for‐ male Beschreibung des Druckes einbezogen werden.207 Dieses in sich differenziertes Angebot an verwendeten Satzzeichen erscheint besonders bemerkenswert, wenn man die Inanspruchnahme der Satzzeichen im Untersuchungstext mit der Zeichensetzung in der Lübecker Vorlage vergleicht. Im Lübecker ‚Reynke de vos‘ fällt nämlich sofort auf, dass abgesehen vom Absatzzeichen „¶“ in der Lübecker Inkunabel der Punkt „.“ quasi als einziges Interpunktionszeichen fungiert. So erscheint die Virgel „/“ im ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 insgesamt nur einmal an der Zeilengrenze auf Bl. 287r, während sich öffnende runde Klammern „(“ ohne dazugehörende schließen‐ de Klammern bei platzmangelbedingten Übertragungen von Wörtern auf die nachfol‐ gende oder vorstehende Zeile gelegentlich auffinden lassen.208 Der Punkt wird offen‐ sichtlich zur Redegliederung und Pauseneinteilung benutzt und kann dementspre‐ chend als (Vor-)Lesehilfe interpretiert werden. Die öffnende runde Klammer wird da‐ gegen ausschließlich aus setzerischen Gründen in der passenden Zeile verwendet und 3.1.9 204 Hervorhebung im Original. 205 Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literaturspra‐ che, S. 141. 206 Zur historischen Entwicklung der Interpunktion im Deutschen vgl. Besch, Zur Entwicklung der deutschen Interpunktion seit dem späten Mittelalter; Höchli, Zur Geschichte der Interpunktion im Deutschen; Garbe, Texte zur Geschichte der deutschen Interpunktion und ihrer Reform 1462-1983, dort insbes. Bieling, Entwicklung der deutschen Interpunktion bis auf unsere Zeit. Vgl. auch Neri‐ us, Deutsche Orthographie, S. 111 ff., 178 ff. Vgl. zudem den Exkurs zur Interpunktion und weiter‐ führende Literatur bei Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 126-139; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buch‐ druck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, S. 27-31. Zur Funktion der Satzzeichen in den Grammatiken der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vgl. Garbe, Texte zur Geschichte der deut‐ schen Interpunktion und ihrer Reform 1462-1983, dort insbes. [Anonymus], Punterynge off vnder‐ scheydynge; Kolrosz, Von den puncten; Ickelsamer, Von der Ordnung vnnd taylung der rede. 207 Ausführlicher zur Interpunktion im ‚Reynke Vosz de olde‘ vgl. Цапаева, Точка, точка, запятая... К вопросу о тенденциях в пунктуационной системе средненижненемецкого языка. Vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literaturspra‐ che, S. 132; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhun‐ derts, S. 28. 208 Zum Zeicheninventar und den Interpunktionszeichen in der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe vgl. dazu auch Nybøle, Reynke de Vos, S. 86ff., hier insbes. S. 87. Prowatke stellt den Gebrauch von Punkt und runder öffnender Klammer fest, ohne die Virgel zu berücksichtigen. Dies hängt sicher‐ lich mit dem geringen Textvolumen (6 Seiten von insgesamt 242 Blättern) zusammen, den Prowat‐ ke zur graphischen Analyse heranzieht. Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer re‐ gionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 132. Teil I Voruntersuchungen 60 dient demnach zur Kenntlichmachung dieser stillschweigenden Wortverschiebung eine Zeile nach oben oder unten. Der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ hält in diesem Fall offensichtlich nicht sonderlich stark an die Textvorlage. Im Untersuchungstext kommt nämlich ein deut‐ lich differenzierteres, jedoch durchaus übersichtliches Interpunktionssystem zur An‐ wendung. Es konnten folgende auf den Satz bezogene Interpunktionszeichen ermit‐ telt werden: Punkte, Doppelpunkte, Virgeln, paarige runde Klammern (Parenthesis), Fragezeichen und Kommata, wobei die Letzteren ausschließlich in den lateinischen Zitaten in den Marginalien anzutreffen sind.209 Es lässt sich für den Text feststellen, dass das verwendete Interpunktionssystem komplex, variantenreich und vor allem nicht endgültig geregelt ist. Die Uneindeutigkeit besteht einerseits darin, dass man‐ che Interpunktionszeichen synonym zueinander gebraucht werden (Punkt, Virgel, Doppelpunkt) und man keine absolute Gesetzmäßigkeit im Majuskel-/Minuskelge‐ brauch nach dem einen oder anderen Interpunktionszeichen erkennen kann. Es lassen sich dennoch bestimmte distinktive Funktionen der einzelnen Interpunktionszeichen und die damit verbundenen Gebrauchstendenzen erkennen. So stehen der Punkt und das Fragezeichen im ‚Reynke Vosz de olde‘ fast ausschließlich am Ende des Satzes, während die Virgel und der Doppelpunkt eher zwischen zwei Teilsätzen auftreten. Dem Punkt und dem Fragezeichen folgt demnach in der Regel eine Majuskel, eine häufigere Ausnahme bilden hier aneinander gereihte rhetorische oder anders stilis‐ tisch markierte Fragen. Satzzeichen in fokussierender Funktion weisen keinen direk‐ ten Einfluss auf die Groß- und Kleinschreibung. Es kann also insgesamt festgestellt werden, dass der Einsatz der Interpunktions‐ zeichen im ‚Reynke Vosz de olde‘ recht ausgeglichen – auch wenn von einem Norm‐ bewusstsein oder Standardisierung noch keine Rede sein kann – zu sein scheint, was man von seiner Vorlage aus Lübeck beispielsweise nicht behaupten kann. Zusam‐ menfassend kann zudem festgehalten werden, dass als signifikanter Einflussfaktor auf die Zeichensetzung im Untersuchungstext neben dem primären rhythmisch-into‐ natorischen Prinzip der Redegliederung, das seinerseits eine kommunikativ-pragma‐ tische Komponente der (Vor-)Lesefreundlichkeit einschließt, auch die syntaktische Struktur des Satzes erscheint.210 209 Hinzu kommen paarige Schrägstriche und Absatzzeichen. Diese gehören jedoch nicht im engeren Sinne zu den Interpunktionszeichen, da sie sich nicht auf den Satz und seine Glieder, sondern auf einzelne Wörter bzw. einzelne (größere) Textabschnitte beziehen. Der Befund widerspricht dem von Prowatke. Sie stellt für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ keinen Gebrauch von Kommata fest. Diese Tatsache lässt sich leicht durch den zur Analyse herangezogenen begrenzten Textum‐ fang (12 Seiten von insgesamt 272 Blättern) erklären. Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 132. 210 Vgl. hierzu auch die Schlussfolgerung von Prowatke zum Gebrauch von Satzzeichen in der Drucke‐ rei von Ludwig Dietz, Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 139. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 61 Inhaltliche Beschreibung Das Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ erzählt, genauso wie seine Lübecker Vorlage, die Geschichte vom weltklugen wie listigen Übeltäter Reynke, dem Fuchs, seinen zahlreichen Verbrechen und der Dauerfehde mit seinen Widersachern, darunter insbe‐ sondere dem starken, jedoch plumpen Wolf Ysegrim, die den Handlungskern des Epos bildet.211 Die Handlung des Tierepos weist zudem eine Doppelstruktur auf, wo‐ bei bei jedem der beiden Teile jeweils von einer Gerichtsverhandlung erzählt wird212 und das erste Gerichtsverfahren gemäß den mittelalterlichen Rechtsgepflogenheiten in Form einer dreifachen Vorladung des Angeklagten Reynke stattfindet.213 Genauso entspricht die Definition der in der Tiergeschichte vorkommenden Tiere den damals vier üblichen Ständen der menschlichen Gesellschaft, wodurch die Einbettung einer mehr oder minder offensichtlichen Kritik an dieser möglich wird. So werden die so‐ zusagen ackernden Tiere wie beispielsweise Pferde, Esel und Ochsen als Bauern und somit Vertreter des ersten Standes beschrieben. Zum zweiten Stand zählen Bürger und Kaufleute, die im Tierepos durch die Tiere repräsentiert werden, die vom Ge‐ winn, u. a. von gefundenen Gütern leben, indem sie diese horten, wie zum Beispiel Eichhörnchen, Kaninchen, Hasen, Iltisse, Wiesel und dergleichen. Der dritte Stand der Geistlichen findet im ‚Reynke Vosz de olde‘ nur einen tierischen Vertreter, näm‐ lich den Dachs Grymbart. Nobel, der König aller Tiere, Brun, der Bär, Wolf Ysegrim, der Luchs und der Leopard stehen für Fürsten und Adlige als Vertreter des vierten Standes. Als Vertreter des niedrigeren Adels, der von vorne rein weniger Macht als die dem König nahestehenden Fürsten und Herzöge hat, wird in der Vorrede Reynke, der Fuchs, genannt. Die Erzählung wird dadurch eingeleitet, dass der Löwe Nobel, König der Tiere, einen Hoftag zu Pfingsten einberuft. Es erscheinen beinahe alle Tiere außer dem Fuchs Reynke, dessen Abwesenheit gleichermaßen provokant wie rechtlich gesehen unangebracht ist. Aus einer feierlichen Veranstaltung entwickelt sich recht schnell ein Gerichtsprozess gegen Reynke, der diverser Verbrechen angeklagt wird. Die Rei‐ he der Klagen wird von Wolf Isegrim eröffnet und zunächst vom Hündchen Wacker‐ los fortgesetzt, der sich jedoch selber als Verbrecher outet. Als letzter bringt der Pan‐ ther die Klage ein, Reynke habe den Landesfrieden gebrochen, indem er den Hasen Lampe beinahe umgebracht hat. Die tierische Gesellschaft fordert den König dazu auf, den Fuchs gemäß seinen Untaten zu bestrafen. Aufgrund der Abwesenheit des Fuchses übernimmt sein Freund und Verwandter, Dachs Grymbart, die Verteidi‐ 3.2 211 Eine ausführliche Beschreibung der Handlung findet sich v. a. bei Kokott, Reynke de Vos, S. 42-70. 212 Zum Tierepos ‚Reynke de vos‘ als Gerichtsprozess vgl. Kokott, ‚Id is recht tyd, wylle ey nu kla‐ gen‘. Der Reynke de Vos als Prozeß; Goossens, Von kranken Löwen und Rahmenerzählungen, Hoftagen und Strafprozessen. Zur Funktion des Rechts im ‚Reynke de vos‘ sowie zum Rechtssys‐ tem vgl. u. a. Böhlau, Rechtsgeschichtliches aus Reineke Vos; Bucher, Rechtstheoretische Ele‐ mente im mittelniederländischen Tierepos ‚Van de Vos Reynaerde‘; Widmaier, Das Recht im ‚Reinhart Fuchs‘. Die entsprechenden Bemerkungen und Feststellungen können problemlos auf die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe übertragen werden. 213 Vgl. hierzu v. a. Janz, Strukturierte Zeit: die dreimalige Ladung im ‚Reinhart Fuchs‘. Teil I Voruntersuchungen 62 gungsrede und schafft es sogar, alle Vorwürfe gegen Reynke geschickt zurückzuwei‐ sen. Wäre nicht der Auftritt des Hahns Hennynck direkt im Anschluss an die Vertei‐ digungsrede des Dachses gewesen, würde der König Nobel womöglich sogar bei der jüngst verbreiteten Meinung bleiben, dass nicht Reynke ein Problem für die Gesell‐ schaft darstellt, sondern seine verbrecherischen Gegner – und hier insbesondere der gierige Wolf Ysegrim –, die im Gegensatz zu Reynke keine friedlich gesinnten, ver‐ antwortungsbewussten und getreuen Mitglieder der beschriebenen Tiergesellschaft sind. Der Hahn Hennynck bringt zum Hoftag jedoch den Leichnam seiner Frau, der Henne Krassevoet, mit und beweist somit, dass die Ausführungen des Dachses keine Grundlage unter sich haben. Nachdem die Umstände des Todes Krassevoets geklärt sind und Reynke erneut angeklagt wird, findet die Begräbniszeremonie für die Henne statt, die vom jüngeren Glossator recht kritisch beleuchtet wird. Sobald eine Inschrift auf den Grabstein gesetzt worden ist, wird vom Reichsrat beschlossen, den Fuchs Reynke ordnungsgemäß zur Gerichtsverhandlung vorzuladen. Als erster Königsbote wird Brun, der Bär, in Reynkes Schloss Malepertus losge‐ schickt, um den Fuchs Reynke zur Anklage an den Hof zu holen. Brun, der sich dem Reynke stärkemäßig überlegen fühlt, ignoriert die Vorwarnung seitens des Königs und verhält sich dem Fuchs gegenüber recht überheblich. Er droht Reynke und for‐ dert ihn auf, ihm an den Hof zu folgen. Die hochmütige Weise, wie Brun mit ihm umgeht, ärgert Reynke sehr und er entschließt sich, Brun auf seine Art zu bestrafen. Es gelingt Reynke problemlos, die Gier des Bären mit einer abwertenden Bemerkung über Honig zu wecken und diesen im Anschluss gezielt in Lebensgefahr zu bringen. Mit Mühe und Not schafft es Brun, im letzten Moment sein Leben zu retten, er schei‐ tert jedoch bei Erfüllung seiner königlichen Aufgabe und kehrt an den Hof verwun‐ det und als Dieb gebrandmarkt – er verliert seine Krallen, das Fell der Pfoten, der Ohren und Schädel – zurück. Der König und die höfische Gesellschaft zeigen sich entsetzt, ignorieren jedoch gleichzeitig das Fehlverhalten von Brun. Nobel, der Löwe, will sich direkt rächen, muss aber ordnungsgemäß Reynke ein zweites Mal zur An‐ klage vorladen. Die Aufgabe, die Vorladung rüberzubringen, fällt dem Kater Hyntze zu, der dem skrupellosen Verbrecher Reynke zwar körperlich unterlegen ist, jedoch vom König als klug und intelligent genug eingeschätzt wird, um Reynkes List zu entrinnen. Schweren Herzens begibt sich Hyntze auf die Burg und übermittelt dem Fuchs die Nachricht des Königs. Reynke, fest entschlossen den Hof zu meiden, überlistet auch den zweiten Königsboten. Zunächst wiegt er ihn genauso wie vorher Brun in Sicher‐ heit, dann weckt er seine Gier auf Mäuse und schließlich unterstellt er Hyntze Ehren‐ losigkeit und Ängstlichkeit. Reynkes Plan geht auch in diesem Fall auf, der Kater ge‐ rät genauso wie sein Vorgänger in Lebensgefahr, es gelingt ihm doch knapp dem To‐ de zu entrinnen; ziemlich zugerichtet erscheint der Kater als lebendes Zeugnis für die Grausamkeit und Niedertracht Reynkes am Hof. Beide Untaten steigern den Zorn des Königs, der Reynkes Verbrechen an den Boten persönlich nimmt, jedoch die Verge‐ hen Bruns und Hyntzes gleichzeitig wortlos akzeptiert. Der Dachs Grymbart, bereits bekannt als wahrer Freund Reynkes, bietet sich an, Reynke die letzte rechtlich vorge‐ sehene Vorladung zu überbringen und den Fuchs an den Hof zu holen. Angesichts 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 63 der anstehenden Todesgefahr – Reynke droht aufgrund der vollbrachten Untaten eine Reichsexekution – gelingt es Grymbart seinen Verwandten dazu zu überreden, ihm an den Hof zu folgen und dort seine Klugheit und seine List einzusetzen, um dem Galgen zu entrinnen. Grymbarts überzeugende Rede bewirkt Wunder, sodass sich Reynke bereit erklärt, seinem Vetter zu folgen. Auf dem Weg zweifelt Reynke jedoch wieder plötzlich an dem Vorhaben und beichtet beim Dachs seine Sünden und Verge‐ hen, um seine Seele zu erleichtern. In seiner Beichte bekennt Reynke zunächst seinen Verrat an Brun und Hyntze, dann auch die Verfolgung der Hühner sowie weitere bisher begangene Verbrechen, unter anderem auch ein bislang noch nicht thematisiertes Vergehen gegen den König. Des Weiteren geht er auf die Dauerfehde mit dem Wolf Ysegrim ein und erwähnt zahlreiche Gründe dieser, ohne dabei die einzelnen mit dieser langjährigen Auseinan‐ dersetzung verbundenen Episoden außer Acht zu lassen. Zudem beichtet Reynke die Vergewaltigung der Wölfin Gyremoth, die in erster Linie natürlich ebenfalls gegen seinen ewigen Widersacher Ysegrim gerichtet ist. Schließlich bekommt Reynke seine Absolution von Grymbart, dem Dachs, und wird von diesem ermahnt, von nun an ein gottgefälliges und v. a. gewaltfreies Leben zu führen. Zwar sichert Reynke dem Dachs zu, mit Raub und Diebstahl, Mord und Gewalt aufzuhören, seine wahre Natur sickert jedoch kurz darauf wieder durch und lässt seine vorhin geäußerte Reue im Lichte einer neuen Gewalttat verblassen. Trotz selbstbewussten Erscheinens am Hof wird Reynke von Nobel, dem König, zum Tode verurteilt. Von seinen persönlichen Feinden Brun, Ysegrim und Hyntze wird der Übeltäter zum Galgen gebracht, sodass es für Reynke knapp wird. Aus die‐ ser prekären Lage rettet sich nun der Fuchs durch eine an Ort und Stelle erfundene Lügengeschichte von Hofverrat und Goldschatz, die er in Form einer rhetorisch bril‐ lanten Beichte präsentiert. Durch seine gelungene Erfindung schafft es Reynke zum einen die Gier des Königs zu wecken, die er auszunutzen weiß, und zum anderen sei‐ ne Widersacher Brun und Ysegrim in Ungnade zu bringen und als königliche Ratge‐ ber endgültig zu diskreditieren. Reynke wird nicht nur freigesprochen und entlassen, sondern er bekommt auch noch als eine Art materielle Entschädigung einen aus dem Rückenfell Bruns angefertigten Ränzel und aus den Vorderpfoten Ysegrims und Gy‐ remoths gemachte Reiseschuhe für seine vorgetäuschte bevorstehende Pilgerreise nach Rom. Reynkes Betrug und Hofverrat werden offenbar, nachdem er einen seiner Begleiter auf der angeblichen Pilgerfahrt, nämlich den Hofkaplan Bellyn, den Widder, mit dem Kopf des zweiten Begleiters, von seiner Familie zerrissenen und verzehrten Hasen Lampe, zurück an den Hof schickt in dem Wissen, dass im Ränzel ein wichti‐ ges Schreiben an den König sei. Daraufhin werden Brun und Ysegrim von Nobel, dem Löwen, rehabilitiert und entschädigt, indem sie den Widder Bellyn als ermittel‐ ten Komplizen Reynkes und seine ganze Familie zum Verspeisen bekommen. Der Hoftag wird auf Wunsch Nobels verlängert. Zu den bereits bekannten Ver‐ brechen Reynkes, die wieder an Geltung gewinnen, kommen zwei weitere, die vom Kaninchen und dem Krähenmann Merkenauwe dem König vorgetragen werden. Die Beweise sind augenscheinlich – das Kaninchen erscheint am Hof mit einem abgeris‐ senen Ohr, der Krähenmann bringt die Überreste seiner von Reynke ermordeten Ehe‐ Teil I Voruntersuchungen 64 frau Scharpenibbe –, die Autorität des Königs wird aufgrund der offensichtlich feh‐ lenden Rechts- und Friedenswahrung, die in seiner Verantwortung stehen, angezwei‐ felt. Nobels Zorn lässt ihn unbedingte Rache schwören, sodass er beinahe die rechtli‐ chen Konventionen seiner Gesellschaft vergisst und einen Feldzug gegen Reynke zu führen beabsichtigt, jedoch intervenieren die Königin und der Leopard noch rechtzei‐ tig und fordern eine weitere Vorladung des Fuchses. Ysegrim zeigt sich über eine sol‐ che Entwicklung der Situation entsetzt und erinnert den König an die zahlreichen Verbrechen Reynkes, seine List und Gewaltsamkeit, sodass die Argumentation der Königin nicht weiterhilft. Wieder ist es Grymbart, ein treuer Freund und wahrer Verwandter des Fuchses, der zum Schloss Malepertus eilt, um Reynke zu warnen, und bringt ihn zum Hof. Auch diesmal beichtet Reynke auf dem gemeinsamen Weg mit Grymbart seine Sün‐ den und bekommt die Absolution des Beichtvaters. Nachdem sich der Fuchs und der Dachs bezüglich der Lage beraten haben und Reynke sein Weltbild dargelegt und sei‐ ne Gesellschaftskritik geäußert hat, begegnen die beiden dem Affen Marten, der ebenfalls Reynkes Verwandter ist. Marten, der ohnehin auf dem Weg nach Rom ist, verspricht, sich Reynkes Angelegenheiten vor Ort anzunehmen, dort als sein Fürspre‐ cher aufzutreten und die Lösung vom Bann einzuleiten, was seiner Meinung nach an‐ gesichts der Bestechlichkeit der Kurie nicht schwer sein sollte. Reynke und Grymbart erscheinen am Hof, kurz nachdem Marten dem Fuchs dazu geraten hat, sich an seine weise und v. a. einflussreiche Ehefrau zu wenden und ihre Unterstützung zu holen. Erstaunlich selbstbewusst und beinahe dreist tritt Reynke vor den König und ver‐ sucht, die letztlich gegen ihn erhobenen Anklagen mithilfte von Gegenklagen und Gegenanschuldigungen zu entkräften, legt dann der Hofgesellschaft nahe, dass man auch die Kläger durchaus verhören könnte, schließlich stehen erneut Anklage gegen Anklage, Aussage gegen Aussage. Das Kaninchen und die Krähe weigern sich aus naheliegenden Gründen der körperlichen Unterlegenheit, dem Fuchs in einem offe‐ nen Kampf zu begegnen, und verlassen den Hof. Auch die Mordklage am Hasen ge‐ lingt es Reynke meisterhaft abzuwehren, indem er sich einerseits höchst überrascht bezüglich Lampes Tod zeigt und andererseits erneut die Gier des königlichen Paars durch eine fiktive Geschichte von kostbaren Kleinodien, die er angeblich an den Kö‐ nig und die Königin mit dem Widder Bellyn und dem Hasen Lampe geschickt hat, erweckt. Reynkes Meinung nach muss Bellyn den Hasen Lampe des Schatzes wegen umgebracht haben, was leider nicht überprüft werden kann, weil beide nun tot sind. Reynke geht noch einen Schritt weiter und beklagt frecherweise den Verlust dieses unschätzbaren Geschenkes. Dies geht dem König jedoch zu weit und er weigert sich, sich die Argumente Reynkes länger anzuhören. Er scheint endlich aus den Vorge‐ schichten gelernt zu haben und zieht sich in seine Gemächer zurück. Dort wird er je‐ doch von der überaus schlauen Äffin Rukenauwe, die bereits von ihrem Gatten hoch‐ gepriesen wurde, erneut auf die früheren Verdienste Reynkes aufmerksam gemacht und an die Geschichte vom Streit zwischen dem Mann und der Schlange erinnert, wo Reynke quasi die Reputation des Königs retten konnte. Der Zorn des Königs lässt da‐ durch etwas nach. Rukenauwe unterstreicht die intellektuellen Kapazitäten ihres Ver‐ wandten und betont gleichzeitig die Untauglichkeit des Bären und des Wolfs am Ho‐ 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 65 fe aufgrund ihrer übermäßigen Gier, ihrer Plumpheit und Raubtiernatur. Da dies No‐ bel nicht zu überzeugen scheint, greift die Äffin zum letzten Argument und erinnert den König ganz geschickt und beinahe drohend daran, dass Reynkes Sippschaft groß ist und seine Hinrichtung äußerst unangenehme Konsequenzen für die Position des Königs haben könnte. All das zusammen führt dazu, dass sich der Löwe Nobel schließlich doch geneigt zeigt, dem Fuchs noch einmal Gehör zu schenken. Reynke nutzt diese Situation in gewohnter Manier für sich aus und tischt dem König die Lügengeschichte von den angeblich verschwundenen Kleinodien auf. Da diese Ge‐ schichte von vorne rein eine Fiktion ist, lässt Reynke seiner Phantasie freien Lauf und beschreibt ungehemmt den angeblich verschwundenen Schatz in ausführlichsten De‐ tails, gleichzeitig bettet er diverse Geschichten in seine Erzählung ein, die zum einen die Tugenden seines Vaters hervorheben und zum anderen seine Widersacher, allen voran selbstverständlich Wolf Ysegrim, anschwärzen. Erneut gelingt es dem Fuchs, den König um den Finger zu wickeln und sich endgültig freisprechen zu lassen. Ein letztes Mal versucht Wolf Ysegrim in das Geschehen einzugreifen, indem er die Vergewaltigung seiner im Eis festgefrorenen Frau Gyremoth durch Reynke öf‐ fentlich thematisiert, wofür er von Reynke bösartig beleidigt und ausgelacht wird. Gyremoth selber kann sich danach nicht mehr zurückhalten und erzählt die Episode, wo sie von Reynke hinterlistig in einen Brunnen gelockt und dort gelassen worden ist, bis die Menschen sie nach oben geholt und fast totgeschlagen haben. Auch diese An‐ schuldigung kontert Reynke zynisch mit Hohn und Spott und scheint somit völlig re‐ habilitiert zu sein. Ysegrim kann diese Frechheit nicht dulden, sieht jedoch seine ver‐ bale Unterlegenheit ein und fordert den Fuchs deswegen zum entscheidenden Zwei‐ kampf heraus, den Nobel gestattet. Der körperlich dem Ysegrim offensichtlich unterlegene Reynke setzt erneut auf seine Intellektualität und List, wobei ihn bei den Kampfvorbereitungen seine kluge Verwandte Rukenauwe unterstützt. Auf die Empfehlung der Äffin lässt sich Reynke bis auf den buschigen Schwanz scheren und einfetten, was ihn beim ersten Angriff Ysegrims mühelos entkommen lässt. Parallel schafft es Reynke, dem Wolf ins Auge zu kratzen und diesen durch einen gezielten Urinstrahl direkt in die Wunde und Staub hinterher zu blenden. Die Irritation Ysegrims und seine Wut gegen ihn ausnutzend greift Reynke seinen Gegner an den Geschlechtsteilen und gewinnt so den Gerichts‐ kampf. Kurz entschlossen kürt Nobel, der König, den Fuchs zum Reichskanzler. Die Geschichte vom überaus schlauen wie listigen Fuchs endet damit, dass Reynke als engster Vertrauter des Königs triumphierend in sein Schloss zurückkehrt, wo er von seiner Gattin und seinen Söhnen empfangen wird. Überlieferungsgeschichte und Rezeptionszusammenhang Obgleich der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck auf der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Inkunabel aus dem Jahre 1498 oder einem ihrer Nachdrucken basiert, be‐ schränkt sich die Entstehungsgeschichte des Rostocker Tierepos nicht auf diese bei‐ den Ausgaben. Der Reynke-Stoff hat rezeptionsgeschichtlich eine jahrhundertelange 3.3 Teil I Voruntersuchungen 66 wechselvolle Entwicklung durchlaufen: Die Reineke-Fuchs-Tradition, deren Wurzeln in der Antike zu suchen sind, etwa in den Fabeln des Äsop, die später in den Fabel‐ sammlungen von Phaedrus, Babrios und Avianus aufgegriffen werden, reicht bis ins europäische Mittelalter zurück. Spätestens mit der in lateinischer Sprache verfassten Tierdichtung ‚Ecbasis cuiusdam captivi per tropologiam‘ aus dem Jahre 1045 und dem satirischen ‚Ysengrimus‘214 eines unbekannten flämischen Autors, vermutlich eines Magisters Nivardus von Gent, aus der Mitte des 12. Jahrhunderts setzt die schriftliche westeuropäische Überlieferungstradition dieses Erzählstoffes ein. Diese wird in den Volkssprachen West- und Mitteleuropas fortgeführt, wo der Stoff rezi‐ piert, bearbeitet und ausgebaut wird. Im Zuge dieser Rezeption durchlaufen die Tier‐ figuren eine fortlaufende Anthropomorphisierung, erhalten feste Eigennamen und entwickeln individuelle Charakteristika. Gleichzeitig entwickelt sich der Fuchs zur unumstrittenen Hauptfigur dieser Tierdichtung, wobei der Konflikt zwischen Fuchs und Wolf zum zentralen Thema wird. In den deutschsprachigen Raum gelangt der Reynke-Stoff quasi aus der Nachbar‐ schaft, nämlich aus dem französischen Raum, über niederländische Vermittlung. Die Überlieferung setzt mit dem (nord)französischen ‚Roman de Renart‘ ein, der seinerseits durch den mittellateinischen ‚Ysengrimus‘ inspiriert ist. Der ‚Roman de Renart‘ ist keine abgeschlossene Dichtung, kein Roman im eigentlichen Sinne des Wortes ist, son‐ dern ein aus 27 branches, d. h. einzelnen Episodengeschichten, bestehender von ver‐ schiedenen Erzählern zusammengestellter Zyklus. Im Mittelpunkt dieser zwischen 1170-1250 entstandenen Erzählsammlung steht die Fehde zwischen dem Fuchs und seinem unerbittlichen Widersacher, dem Wolf. Knapp zwei Jahrzehnte später – ent‐ standen zwischen 1179 nach französischer Vorlage der anonym überkommenen Bran‐ che I und 1272/79, dem Entstehungsjahr des lateinischen ‚Reinardus vulpes‘ von Balduinus Juvenis – wird diese französische Geschichtensammlung in Flandern im mittelniederländischen Willemschen ‚Van den Vos Reynaerde‘ – in den literaturwis‐ senschaftlichen Kreisen bekannt als ‚Reinaert I‘ – Überarbeitung finden. Hierbei han‐ delt es sich um eine ausführlichere, ca. 3400 Verse lange Dichtung, die so zu sagen den Ausgangspunkt für die spätmittelalterlichen Buchmarkt-Vorreiter bildet und ihren Siegeszug in Brügge, Antwerpen, Gouda, Delft, Westminster und Lübeck fortsetzt. Ende des 12. Jahrhunderts dichtet der Elsässer Heinrich der Glîchezære das erste deutschsprachige Tierepos, das in Handschriften bis ins 14. Jahrhundert nachgewie‐ sen werden kann und heute noch in drei Handschriftenfragmenten vorliegt. Dieses mittelhochdeutsche Tierepos weist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem altfranzösi‐ schen ‚Roman de Renart‘ auf, genauso wie das die mittelniederländische ‚Van den vos Reynaerde‘-Version es auch tut, hebt jedoch von der restlichen Reineke-Fuchs- Tradition dadurch ab, dass der Fuchs am Ende den Löwen vergiftet. Hinzu kommt die Tatsache, dass die zyklisch-episodische Struktur des ‚Roman de Renart‘ zuguns‐ ten einer linearen Handlung aufgelöst wird. Bemerkenswerterweise hat diese mittel‐ 214 In diesem lateinischen Tierepos tragen die beiden Rivalen Wolf Ysengrimus und Fuchs Reinardus erstmals die Namen, die die beiden Tiere dann auch in späteren mittelalterlichen und frühneuzeitli‐ chen Texten beibehalten werden. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 67 hochdeutsche eher belehrend intendierte ‚Reinhart Fuchs‘-Dichtung keine weitere Rezeption erfahren und spielte demnach keine Rolle bei der niederdeutschen ‚Reyn‐ ke de Vos‘-Tradition in der Zeit des Buchdrucks. Signifikant für die Weitertradierung des Reynke-Stoffes insgesamt und für die niederdeutsche ‚Reynke de Vos‘-Tradition speziell war hingegen der sogenannte ‚Reinaert II‘, unter dem man eine anonym überlieferte niederländische erweiternde und bearbeitende ‚Reynaerts Historie‘-Ausgabe über den uminterpretierten Fuchs versteht. Im um 1375 entstandenen 7800 Versen langen ‚Reinaert II‘ wird der Fuchs Reynaert von seinem tierischen Status quo entfremdet. Er tritt eindeutig als stilisierte Allegorie des Bösen und dementsprechend nicht mehr als moralisierter Typus, son‐ dern direkt als negative Didaxe auf. Etwas mehr als ein Jahrhundert trennt diese niederländische Fassung von der ers‐ ten niederdeutschen ‚Reynke de vos‘-Ausgabe, die durch gedruckte Goudaer Prosa‐ auflösung von Gerard Leeu aus dem Jahre 1479 unter dem Titel ‚Historie van rey‐ naert die vos‘ und die 112 Blätter zählende Delfter Kurzfassung von Jacob Jacobsz van de Meer aus dem Jahre 1485 vorbereitet wird und vermutlich auf der ebenfalls niederländischen Antwerpener Fassung eines gewissen und ansonsten unbekannten Hinrek van Alckmer, die nur in den sogenannten ‚Culemannschen Bruchstücken‘ in sieben heilen Blättern erhalten geblieben ist, als Vorlage beruht. Zum ersten Mal in der gesamten Reynke-Überlieferung wird im zwischen 1487 und 1490 wiederum beim Drucker Gerard Leeu erschienenen Druck eine Einteilung in vier Bücher sowie eine Untergliederung in Kapitel unternommen, jedes von denen extra mit kurzen zu‐ sammenfassenden Inhaltsangaben in Prosa, einem passenden Holzschnitt und – was für die weitere Rezeption nicht weniger wichtig ist als die Einteilung selbst – einer moralischeren Ausdeutung in Prosa versehen wird. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird der Reynke-Stoff Bestandteil der im weite‐ ren Sinne europäischen Literatur. Der eine Rezeptionsweg führt nach England, wo er beginnend mit der 1481 gedruckten Übersetzung der niederländischen Prosaversion der Goudaer Ausgabe von Gerard Leeu eine eigene Textgeschichte begründet, der zweite nach Lübeck und von dort aus über Rostock nach Süddeutschland und Skan‐ dinavien, der dritte zurück ins französische Sprachgebiet. Um rezeptionstechnisch nach Rostock zu gelangen, bietet es sich selbstverständlich an, im Osten zu bleiben, wo in Lübeck im Jahre 1498 der erste niederdeutsche ‚Reynke de vos‘ von einem un‐ bekannten Bearbeiter unter dem Signet der Mohnkopfoffizin veröffentlicht wird. Bei dieser 7791 Verse zählenden Druckausgabe, deren Kapitel in vier Bücher ungleichen Umfangs eingeteilt und von denen zwei mit Prosavorreden ausgestattet wurden, han‐ delt es sich keinesfalls um eine einfache Übertragung oder (nieder)deutsche Adapta‐ tion des Reynke-Stoffes, sondern vielmehr um ein Beispiel eines wesentlich verän‐ derten eher volksmissionarischen Umgangs mit dem Erzählstoff, der an die sozialhis‐ torischen Gegebenheiten des Rezipientenkreises angepasst wird. Dies hat die Ausga‐ be aus der Mohnkopfoffizin in einem beträchtlichen Maße den prosaischen Glossen‐ kommentaren, die den einzelnen Kapiteln angefügt wurden, zu verdanken. Mit dieser niederdeutschen Dichtung kann die mittelalterliche Stoffgestaltung des Tierepos als abgeschlossen gelten. Teil I Voruntersuchungen 68 Dem ‚Reynke de vos‘-Druck von 1498 folgen nun, wie bereits oben festgehal‐ ten215, der in einem Brief des Rostocker Druckers Hermann Barckhusen an Herzog Heinrich von Mecklenburg bezeugte, eventuell nur marginal veränderte Rostocker Nachdruck von 1510, der jedoch nicht erhalten ist, der ebenfalls Rostocker ‚Uan Reyneken dem Vosse‘-Druck aus dem Jahre 1517, der einen deutlich geringeren Um‐ fang an Blättern als die Lübecker Inkunabel aufweist, wahrscheinlich der bislang nicht nachgewiesene Rostocker Druck von 1522 und schließlich der Rostocker ‚Reynke Vosz der olde‘ mit der neuen, erheblich erweiterten jüngeren Glosse. Wie man hier sehen kann, ist es eine dunkle Geschichte, die sich um die niederdeutsche ‚Reynke de Vos‘-Tradition allgemein und die Entstehungsgeschichte des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes insbesondere erstreckt. In dieser bleiben bislang vie‐ le grundsätzliche Fragen offen, eine von denen die Frage nach dem Verfasser ist. Der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgaben folgten dann in den Jahren von 1549 bis 1610 noch elf weitere niederdeutsche Nachdrucke in Rostock, Frankfurt am Main und Hamburg, die sich sowohl im Format als auch in der Ausstattung unter‐ schieden. Die erste hochdeutsche Ausgabe im Folioformat erschien noch vor der Rostocker Ausgabe von 1549 in Frankfurt am Main im Jahre 1544 bei Cyriacus Ja‐ cob. Diese Frankfurter Ausgabe trug den Titel ‚Von Reinicken Fuchs‘ und stellte eine hochdeutsche Übertragung des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ dar. Im Jahre 1567 rückte wiederum in Frankfurt die erste lateinische Bearbeitung von Hartmann Schop‐ per, die den Titel ‚Opus poeticum de admirabili fallacia et astutia vulpeculae Reini‐ kes‘ trug und die Übertragung der hochdeutschen Ausgabe darstellte, nach. Johann Christoph Gottscheds hochdeutsche Prosabearbeitung des Reynke-Stoffes aus dem Jahre 1752 bildete schließlich die Grundlage für Goethes hexametrische Neubearbei‐ tung des ‚Reinecke Fuchs‘ in zwölf Gesängen von 1793. Zur Verfasserfrage Seit den ersten literaturwissenschaftlichen Versuchen, die in der Mohnkopfoffizin ge‐ druckte ‚Reynke de vos‘-Ausgabe von 1498 zu erfassen und ihre Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Bearbeitung von 1539 in ihrer Entstehungs- und Überlieferungsge‐ schichte zu verfolgen, stellte sich immer wieder die Frage nach der Identität des Ver‐ fassers und seinem Dichterprofil216, wobei an dieser Stelle eingeräumt werden muss, dass die Verfasserfrage als solche recht spät in den Fokus der literarischen Forschung geriet. Das primär literaturwissenschaftliche Interesse an dem Verfasser hängt sicher‐ lich mit der Tatsache zusammen, dass sowohl der Verfasser des ersten niederdeut‐ 3.4 215 Vgl. Kap. 3.1.3 Titelblatt. 216 Zum Dichterprofil überwiegend des Lübecker ‚Reynke de vos‘-Bearbeiters vgl. v. a. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“; Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterprofil; Schilling, Potenziertes Erzählen. Ausführlicher zum Rostocker Glossator, seiner Arbeitsweise und seiner Weltanschauung vgl. insbes. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, aber auch teilweise früher Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. IX-XX. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 69 schen ‚Reynke de vos‘-Druckes unbekannt ist, als auch der Verfasser der jüngeren Glosse und der Bearbeiter des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ anonym blieb.217 In diesem Kapitel sollen die Frage nach dem Verfasser der jüngeren Glosse und die ver‐ schiedenen Bearbeiter-Thesen kursorisch beleuchtet werden, wobei der Lübecker Ver‐ fasser als Bearbeiter der Textvorlage vornehmlich zum Erzählteil des ‚Reynke Vosz de olde‘ stets im Blickfeld bleiben soll. Dies geschieht mit der Begründung, dass die beiden niederdeutschen Verfasser bzw. Bearbeiter in den Wissenschaftskreisen in der Regel parallel zueinander und im Kontrast behandelt wurden, wobei der Schwer‐ punkt mal mehr auf dem Lübecker, mal mehr auf dem Rostocker Bearbeiter lag. So können die als Antwort auf die Frage nach dem Verfasser der jüngeren Glos‐ se, also dem Rostocker Bearbeiter, und nach dem Lübecker Bearbeiter geltenden Hy‐ pothesen grob in zwei Gruppen eingeteilt werden. Einerseits bemühten sich Georg Rollenhagen218, Peter Lindenberg und Bernd Frese219 in der quasi zeitgenössischen Rezeption der Rostocker Reynke-Bearbeitung des ausgehenden 16. Jahrhunderts und solche Philologen wie Friedrich August Hackmann220 in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Georg Christian Friedrich Lisch221 und Friedrich Zarncke222 in der Mit‐ te des 19. Jahrhunderts, Ella Schafferus223, Peter Honegger224, Heinz-Lothar Worm225 und Timothy Sodmann226 im 20. Jahrhundert eine bestimmte historische Person als Lübecker Bearbeiter und / oder als Verfasser der jüngeren Glosse namhaft zu machen. Dagegen beschränkten sich andererseits solche Philologen wie Alexander Bieling227, Friedrich Prien228, Ludwig Baucke229, William Foerste230, Olaf 217 Biographisierende Textinterpretationen finden durchaus auch meine Unterstützung, sie können je‐ doch m. E. kaum als alleingültiger Wertmaßstab bestehen. 218 In der Vorrede zum ‚Froschmeuseler‘, vgl. Rollenhagen, ‚Froschmeuseler‘, Bl. B 3r-B 4v. 219 Lindenberg, Chronicon Rostochiense posthumum quinque libris absolutum, S. 173. Zur Hypothe‐ se von Peters Lindenberg in ‚Chronicon Rostockiense‘ und der Äußerung eines gewissen Bernd Frese vgl. auch Zarncke, Zur Frage nach dem Verfasser des Reinke, sowie Erwähnung bei Sod‐ mann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 247f.; Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterprofil, S. 46. Vgl. Erwähnung bei Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 1v. 220 Vgl. Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 1v-B 3v; ders., Reineke de Vos mit dem Koker, Bl. )( ):( 3r ff. 221 Vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, S. 196-202. 222 Vgl. Zarncke, Zur Frage nach dem Verfasser des Reinke. 223 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. 224 Vgl. Honegger, Eulenspiegel und die sieben Todsünden, insbes. S. 35. Bereits zwei Jahre zuvor äusserst Honegger seine Vermutung bezüglich des Verfassers des Ulenspiegel-Druckes, die er dann in seinem Aufsatz später wieder aufgreift und die (potentielle) Verfasserschaft auch auf andere Lü‐ becker Erbauungstexte ausbreitet. Vgl. dazu Honegger, Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckge‐ schichte und zur Verfasserfrage. 225 Vgl. die entsprechende Monographie und den darauf veröffentlichten Aufsatz. Worm, Reynke de Vos. Ein Beitrag zur Verfasserfrage; ders., Zur Verfasserfrage des Reynke de Vos. 226 Vgl. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“. 227 Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung. 228 Vgl. Prien, Zur Vorgeschichte des Reinke Vos, S. 49; ders., Reinke de vos, S. XVI. 229 Vgl. Baucke, Das mittelniederdeutsche Narrenschiff und seine hochdeutsche Vorlage, S. 153. 230 Vgl. Foerste, Von Reinaerts Historie zum Reinke de Vos. Teil I Voruntersuchungen 70 Schwencke231, Lambertus Okken232, Lothar Schwab233, Matthias Nix234, Brigitte De‐ rendorf235 sowie zum Teil Hermann Brandes236, Ella Schafferus237 und Jan Goos‐ sens238 in ihren Studien auf Ermittlung der sozialen Zugehörigkeit des Lübecker Be‐ arbeiters und in ausgewählten Fällen des Rostocker Anonymus. Diesbezüglich sind zwei äußerst interessante Tendenzen zu vermerken: die erste‐ ren Forscher neigten dazu, einen Laien sozusagen die Lorbeeren des mittelalterlichen Bestsellererfolgs ernten zu lassen, dabei kamen der herzoglich-mecklenburgische Sek‐ retär Nicolaus Baumann, der Rostocker Drucker und Verleger Hermann Barckhusen, der in Speyer gebürtige Buchdrucker und Verleger Ludwig Dietz, der Lübecker Ver‐ leger Hans van Ghetelen, der Braunschweiger Zollschreiber Hermen Bote und der Niederländer Hinrek van Alckmer in Frage, wo sich im gemeinsamen Nenner der weiteren Ausführungen ein Vertreter des geistlichen Standes fand. Die Akzente in der Verfasserfrage haben sich bemerkenswert erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verschoben, indem versucht worden ist, den jeweiligen Bearbeiter einer gesellschaftli‐ chen Gruppe, zum Beispiel einem geistlichen Orden, zugehörig zu machen und nicht wie vorhin per Namen zu nennen. Es bietet sich an, den Spuren der einzelnen poten‐ tiellen Verfasserkandidaten in der Reihenfolge nachzugehen, in der sie in die entspre‐ chende literaturgeschichtliche Forschung eingegangen sind. Die Hypothesendiskussion soll mit Nicolaus Baumann, dem Sekretär am Hofe Herzog Magnus’ II. von Mecklenburg bzw. Sekretär der beiden Herzöge Heinrich und Albrecht von Mecklenburg, eröffnet werden. Für ihn als Reynke-Dichter haben sich im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts unabhängig von der Textüberlieferung Rollenhagen, Lindenberg und Frese geäußert,239 wobei sie sich auf die nicht nachge‐ 231 Vgl. Schwencke, Ein Kreis spätmittelalterlicher Erbauungsschriftsteller in Lübeck, S. 57. 232 Vgl. Okken, Reinke de Vos und die Herren Lübecks. 233 Vgl. Schwab, Vom Sünder zum Schelmen. Goethes Bearbeitung des Reineke Fuchs. 234 Vgl. Nix, Bettelmönch oder Weltgeistlicher? Zum Verfasser des Lübecker ‚Reynke de Vos‘. 235 Vgl. Derendorf, Die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens als Kriterium für die Ein‐ ordnung des in Lübeck gedruckten spätmittelalterlichen Erbauungsschrifttums. 236 Vgl. Brandes, Die litterarische Tätigkeit des Verfassers des Reinke. 237 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. 238 Vgl. Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterprofil. 239 Vgl. Fn. 219. In einer kaum modifizierten Form findet sich die Baumann-Hypothese später u. a. bei Morhof, Unterricht von der teutschen Sprache und Poesie, S. 182; Wangerow, Nicolaus Bau‐ mann, der Verfasser des berühmten alten deutschen Gedichts „Reineke de Vos“, ein Ostfriese; Grimm, Reinhart Fuchs, S. CLXXIII-CLXXIX; Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meck‐ lenburg bis zum Jahre 1540, insbes. Anhang: Ueber den Antheil des Nicolaus Baumann an der He‐ rausgabe des niederdeutschen Reineke Voß, S. 196-205. Hackmann bezeichnet ihn dagegen nicht als Dichter, sondern sieht in ihm den Rostocker Bearbeiter und Verfasser der jüngeren Glosse. Vgl. Hackmann, Programma de morali apologo poetico, Bl. B 1v-B 3v; ders., Reineke de Vos mit dem Koker, Bl. )( ):( 3r ff. Des Weiteren wird in Anlehnung an Hackmann Nicolaus Baumann für den Verfasser der jüngeren Glosse gehalten von: Gottsched, Heinrichs von Alkmar Reineke der Fuchs, insbes. S. 17-22, 40; Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwick‐ lung, S. 13. Für weiterführende Literatur vgl. insbes. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 249. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 71 wiesene Rostocker Ausgabe von 1522 bezogen werden.240 Ich schließe mich Ella Schafferus in der Feststellung an, dass Baumann weder Lübecker Bearbeiter noch Rostocker Bearbeiter oder jüngerer Glossator gewesen sein konnte.241 Im Jahre 1507 wird Baumann aus Emden (?) in der Wesergegend erstmalig als neu angestellter fürstlicher Sekretär in Mecklenburg erwähnt, bekannt ist auch, dass er die letzten sechs Jahre seines Lebens an der Universität Rostock tätig war, und es steht fest, dass er im April 1526 in der Jakobikirche in Rostock bestattet wurde.242 Er scheint auch vor 1507 in Mecklenburg gelebt zu haben, und es wäre zudem recht plausibel zu ver‐ muten, dass Baumann nicht als ganz junger Mann am herzoglichen Hofe angestellt worden ist. Dies bestätigt auch die Tatsache, dass er, bevor er an den mecklenburgi‐ schen Hof kam, nach seinem Studium als geheimer Sekretär dem Herzog von Jülich diente, dort in Ungrade fiel und deswegen fliehen musste.243 Rein zeitlich gesehen, würde es also fast dafürsprechen, dass Baumann Bearbeiter der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe gewesen sein könnte, die jüngere Glosse zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ ist jedoch offensichtlich später „zusammengestellt“ worden. Damit argu‐ mentieren nämlich Zarncke244 und Boll245, die in ihren Ausführungen zum Rostocker Glossator darauf aufmerksam machen, dass einige in der jüngeren Glosse verwende‐ ten Texte erst nach Baumanns Tod erschienen sind. Schriftstellerisch gesehen, ist Baumanns Teilhabe auch am Lübecker ‚Reynke de vos‘ eher zu bezweifeln. Zwar musste Baumann seinem Tätigkeitsfeld entsprechend wahrscheinlich manches aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übertragen können, zudem hatte er wohl sei‐ nerzeit in Köln und Heidelberg studiert, ob er aber des Niederländischen in so hohem Maße mächtig war, dass er eine niederländische Dichtung ins Niederdeutsche über‐ setzen konnte, lässt sich nicht genau sagen.246 Außerdem dürfen seine dichterischen Fähigkeiten eher in Abrede gestellt werden, denn bis heute sind nur amtliche Text‐ zeugnisse bekannt, die unter seiner Mitarbeit entstanden sind wie beispielsweise die erste mecklenburgische Polizeiordnung von 1516 oder teilweise auch die Rostocker Chronik, die doch einen der Belletristik eher ferneren Textsortenbereich repräsentie‐ 240 An dieser Stelle muss zwingend eingeräumt werden, dass die Lübecker Inkunabel von 1498 erst spä‐ ter wiederentdeckt wurde. 1522 (falsch gelesen aus 1517) galt demnach als das Erscheinungsjahr des ersten in Rostock gedruckten Reynke-Textes, die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe von 1539 wurde als Nachdruck behandelt. 241 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 7-9. 242 Vgl. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 248. Insgesamt scheinen die in der Forschung zugänglichen biographischen Angaben zu Nicolaus Baumann recht widersprüchlich zu sein. 243 Vgl. Fromm, Baumann, Nicolaus. Vgl. auch Krey, Nicolaus Baumann. 244 So erwähnt Zarncke u. a. die Fabeln Erasmus Alberus’ und Johann von Schwarzenbergs ‚Memorial der Tugend‘ und ‚Der Kummertrost‘. Vgl. Zarncke, Zur Frage nach dem Verfasser des Reinke, S. 37ff. 245 Boll widerlegt die Baumann-These, indem er auf Johann Brenz’ Kommentar zum ‚Prediger Salo‐ mo[n]‘ und Alberus’ Fabeln als Textvorlage für die jüngere Glosse hinweist. Vgl. Boll, Ueber die sogenannte protestantische Glosse zum Reinke Voß, S. 178. 246 Aufgrund seiner Herkunft aus der Wesergegend könnte man jedoch annehmen, dass Baumann in einem gewissen Umfang – zumindest passiv – die westliche Nachbarsprache beherrschen konnte. Teil I Voruntersuchungen 72 ren. Schließlich gilt es als kaum annehmbar, dass der herzogliche Sekretär es wagen würde, bitteren Tadel des Adels in die Glosse einzubauen.247 Hinrek van Alckmer (Heinrich von Alkmaar) findet sich als Dichter in den Ver‐ mutungen von Hackmann, der erster Herausgeber des wiederentdeckten Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druckes war und der sich in seinen Ausführungen auf die sich in der ersten Vorrede zum Lübecker Tierepos befindende Alckmersche Selbstnen‐ nung248 als Bearbeiter und Übersetzer stützt.249 Ich folge der inzwischen allgemein‐ gültig gewordenen und bereits seit Jacob Grimm250 gängigen Meinung, dass Hinrek van Alckmer der Bearbeiter der niederländischen Vorlage der Lübecker Inkunabel aus dem Jahre 1498 gewesen sein muss. Die nächste Hypothese in Person des Rostocker Stadtsekretärs und Buchdruckers Hermann Barckhusen wurde 1853 zunächst von Friedrich Zarncke verteidigt mit der Begründung einer eigenhändigen 1510251 im Brief bezeugten Schenkung eines nie‐ derdeutschen Reynke-Exemplars an Herzog Heinrich von Mecklenburg.252 Es ist be‐ kannt, dass Barckhusen ab 1500 Ratsschreiber und Notar in Rostock war und ab 1505 eine eigene Offizin geführt hat und dass bei ihm nacheinander Bernhard von dem Berge und Ludwig Dietz als Buchdrucker tätig waren.253 Dem letzteren hat er seine Privatdruckerei vermutlich vor 1514 zum Zeitpunkt seines Eintretens254 in das Karthäuserkloster Marienehe bei Rostock als Geistlicher oder als Laienbruder abge‐ treten.255 Zum Druckprogramm des Hermann Barckhusen gehörten unter anderem der Kommentar zum ‚Donat‘256 des Rostocker Professors Barthold Möller von 1505, 247 Vgl. hierzu auch Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, ins‐ bes. S. 203; Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 7-9, hier insbes. S. 8. 248 Vgl. ‚Reynke de vos‘, Bl. 2v: „Hir vmme dat men en moghe lesen vnde ok vor staen Jck Hinrek van alckmer. scholemester vñ tuchtlerer des eddelen dogentliken vorstē vñ heren. Hertogen van lot‐ ryngen. vmme bede wyllen mynes gnedyghen heren. hebbe dyt yeghenwerdyge boek vth walscher vñ fran|szoͤsescher sprake ghesocht vñ vmme ghesath in dudesche sprake to dem loue vñ to der ere godes“ [Hervorhebungen S. T.]. 249 Hackmann, Reineke de Vos mit dem Koker. 250 Grimm, Reinhart Fuchs, S. CLXXV-CLXXVII. 251 Vgl. hierzu auch Kap. 3.1.3 Titelblatt, Kap. 3.3 Überlieferungsgeschichte und Rezeptionszusam‐ menhang. 252 Zarncke, Zur Frage nach dem Verfasser. Diese Vermutung hat später allerdings nur Leverkus ge‐ teilt, vgl. Leverkus, Zum Reineke Vos. 253 Zum Leben und zur Buchdruckerei des Hermann Barckhusen sowie seinem Druckprogramm vgl. insbes. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg, S. 63-91, hier v. a. S. 90. Folgende biographische Angaben nach Lisch. Vgl. auch Händel, Der frühe Buchdruck in Rostock, S. 17-19. 254 Vgl. Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. Für weiterführende Literatur vgl. Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatorischen Lehre, S. 261. 255 Diesbezüglich herrscht in der Forschung jedoch keine einheitliche Meinung. Vgl. hierzu Lisch, Ge‐ schichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 63-91, hier insbes. 76; Möhlmann, Kritische Bemerkungen zur Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg, S. 152-159, hier insbes. S. 158. Gegen die Übergabe der Offizin an Ludwig Dietz spricht sich Reske aus, vgl. Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 793. Für weiterführende Literaturhinweise vgl. ebd. 256 Vgl. Moller, [Commentarius in Donatum]. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 73 das ‚Lübische Recht‘257 von 1509, die ‚Bambergische (Peinliche) Halsgerichtsord‐ nung‘ (auch ‚Bambergiensis‘ genannt) von 1510, Reliquienbeschreibung, Berichte zu den Vorfällen des Judenhandels von 1510 (?) sowie ‚Mons Stellarum‘258 von 1512.259 Im engeren Sinne literarische Werke sind jedoch nicht bezeugt. Längere Zeit wurde angenommen, dass Barckhusen der Bearbeiter und Herausgeber des 1517er ‚Uan Reyneken dem Vosse‘-Zwischendruckes gewesen sein sollte, aber in letzterer Zeit wird wiederholt betont, dass diese Ausgabe weder mit den Typen des Steffen Arndes aus Lübeck – die Barckhusen theoretisch besitzen konnte –, noch mit den Typen des Hermann Barckhusen selber angefertigt wurde.260 Es soll wohl bei der Feststellung bleiben, dass es sich in diesem Falle um einen sonst unbekannten Wanderdrucker handeln sollte.261 Noch eine letzte Bemerkung könnte als Gegenargument zu Her‐ mann Barckhusen, der in erster Linie Stadtsekretär und ansonsten eben Druckherr war, als Lübecker oder Rostocker Bearbeiter angeführt werden: Die sprachlichen u. a. offensichtlichen graphematischen Besonderheiten der Schreibsprache des Hermann Barckhusen – es sind mehrere eigenhändige Schreiben überliefert – sowie der Spra‐ che der ‚Bambergischen (Peinlichen) Halsgerichtsordnung‘262, die er nachweislich selbstständig aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übertragen und herausge‐ geben hat – sprechen eindeutig gegen seine Verfasserschaft des ‚Reynke de vos‘ oder des ‚Reynke Vosz de olde‘-Textes. Die von Hermann Brandes263 anfangs verbreitete Hypothese über die Verfasser‐ schaft des Lübecker Mohnkopf-Druckers Hans van Ghetelen, der angeblich auch weitere Erbauungsschriften wie den ‚Totentanz‘ und das ‚Narrenschiff‘ verfasst bzw. bearbeitet hat, konnte sich in der Reineke-Fuchs-Forschung nicht durchsetzen.264 Ähnliches Schicksal widerfuhr der mehrfach geäußerten These über die mögliche Verfasserschaft des Braunschweiger Zolleinnehmers und Verwalters der städtischen Ziegelei, aber v. a. eines bedeutenden Chronisten seiner Stadt und selbstständigen Li‐ teraten Hermen Bote, dem erstmals Peter Honneger265 die fragmentarisch erhaltene Schwanksammlung über Till Eulenspiegel und darüber hinaus später auch einige 257 Diesen Druck hat nachweislich bereits Ludwig Dietz ausgeführt. 258 Bei Nikolaus Marschalks ‚Res a iudae=|is scelestissim|is gesta, in mo|nte Stella|rum‘ handelt es sich um die Geschichte von der zu Sternberg im Jahre 1492 verübten Hostienmisshandlung durch die Juden und der Verbrennung derselben im Jahre 1493. 259 Angaben nach Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 63-91, hier S. 77-91. 260 Vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 90f. Vgl. hier‐ zu auch Kap. 3.1.3 Titelblatt, Kap. 3.3 Überlieferungsgeschichte und Rezeptionszusammenhang. 261 Erstmalige Erwähnung bei Wiechmann, Meklenburgs altniedersächsische Literatur. I, S. 43. Vgl. auch Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 274. 262 Vgl. hierzu Kap. 10.1 Beschreibung und Begründung des Vergleichskorpus. 263 Vgl. hierzu Brandes, Dat Narrenschyp von Hans van Ghetelen. 264 Vgl. ausführlicher bei Gerhardt, Hans van Ghetelen; Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 251f. Zur Widerlegung der van Ghetelen-Hypothese vgl. auch Lasch, Bespre‐ chung Herman Brandes; Leitzmann, Zu Reinke de vos; Baucke, Das mittelniederdeutsche Narren‐ schiff und seine hochdeutsche Vorlage. 265 Honegger, Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckgeschichte und zur Verfasserfrage; ders., Eulen‐ spiegel und die sieben Todsünden, insbes. S. 35. Teil I Voruntersuchungen 74 weitere Lübecker Erbauungsschriften, darunter nämlich ‚Reynke de Vos‘, ‚Dat narren schyp‘ und sogar das ‚Henselyns boek‘ zuschrieb.266 Ludwig Dietz dagegen, dessen Kandidatur als Glossator erstmals von Georg Rol‐ lenhagen267 vorgeschlagen, 1891 von Hermann Brandes268 wieder aufgegriffen und schließlich 1933 von Ella Schafferus verteidigt worden ist, könnte nicht unwahr‐ scheinlich Verfasser der jüngeren Glosse zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ und Bearbeiter des Versteils gewesen sein, wofür prinzipiell seine Fähigkeiten und Fertig‐ keiten als geschickter Übersetzer, erfahrener Drucker und geschäftstüchtiger Verleger sprechen.269 So hat er bereits 1509, während er noch für Hermann Barckhusen tätig war, das ‚Lübische Recht‘ herausgegeben und, wenn man dessen Vorrede glaubt, auch selbstständig übersetzt. Des Weiteren hat er nachweislich einen Auszug aus der Preußischen Landesordnung von 1526 aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übersetzt und mit einer Einleitung versehen, genauso wie zahlreiche weitere Drucke sowie eine Übertragung Sebastian Francks ‚Van dem grewlichenn laster der trun‐ ckenheit‘ von 1542 angefertigt.270 Um den seinerzeit anerkannten und ausgezeichne‐ ten Drucker und Verleger Ludwig Dietz nach Hermann Brandes als jüngeren Glossa‐ tor und Rostocker Bearbeiter zweifelsfrei zu bezeichnen, fehlen lediglich direkte Ver‐ weise auf seine mögliche Verfasserschaft im Text des ‚Reynke Vosz de olde‘ sowie indirekte Nachweise wie beispielsweise Bücherauflistungen im Bibliothekbestand des Ludwig Dietz o. Ä.271 Ohne an dieser Stelle ausführlich über die Gründe zu refe‐ rieren, schließe ich mich Ella Schafferus in ihrer Feststellung an und bestätige, dass 266 Vgl. dazu Cordes, Alter Fuchs und weiser Schelm; Worm, Reynke de Vos. Ein Beitrag zur Verfas‐ serfrage; Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterprofil, S. 62f. Für weiterführende Literatur zur Hermann Bote-Hypothese und ihre weitergehende Auswertung vgl. insbes. Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, insbes. S. 246, 252-258. 267 Rollenhagen, ‚Froschmeuseler‘, Bl. B 3r-B 4v, hier Bl. B 3v: „Hat er [Nicolaus Bawman, S. T.] aus sein selbst er=|fahrung den Reinicken Fuchß / als wenn | der im Hertzogthumb Julich also er‐ gan=|gen were / weislich beschrieben / vnd dem | Buchdrucker zu Rostock / Ludowigen | Diet‐ zen / welcher ein Oberlender vō Spey=|er vnd ein guter Reymer war verehret. | Derselbige hat die Glossen auß andern | Reymbuͤchern darzu gesetzt / vnd jhn da=|mit / im Jahr 1522. als wenns zuor ein | altes Welsch vnd Frantzoͤsisch Buch ge=|wesen / wies denn auch bald Franzoͤsisch | gemacht vñ in Druck gegebē worden.“ 268 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. IX-XX, hier S. XIX: „Nachdem wir gesehen haben, dass Rollenhagens bericht grösseres vertrauen verdient, als Zarncke annimmt, dürfen wir kein bedenken tragen, auf grund desselben Ludwig Dietz die urheberschaft der Jüngeren glosse zu‐ zusprechen. Die Glosse liegt durchaus in den grenzen der befähigung dieses mannes, dessen reger geist in seiner ausgedehnter geschäftlichen thätigkeit nur teilweise befriedigung fand und der in Rostock eine ähnliche wirksamkeit entfaltete wie Jacob Cammerlander in Strassburg.“ 269 Eine ausführliche Auswertung der Ludwig Dietz-These findet sich bei Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 127-148. Weitere Angaben nach Schafferus, vgl. ebd. 270 Eine Auflistung der von Ludwig Dietz angefertigten Drucke findet sich u. a. bei Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 134-185, insbes. S. 143-185. Vgl. auch Angaben bei Wiechmann, Meklenburgs altniedersächsische Literatur. I und II. 271 Für die Verfasserschaft von Ludwig Dietz spricht jedoch indirekt die Geographie der als Quellen für die jüngere Glosse herangezogenen Drucke sowie generell der meist hochdeutschen Vorlagen seiner Drucke, die zum Teil infolge seiner persönlichen – teilweise freundschaftlichen – Beziehun‐ gen zu anderen Druckern aus Straßburg, Augsburg, Nürnberg, Frankfurt am Main etc. zustande‐ kommen konnte. Vgl. hierzu Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 127-148, insbes. S. 142-144. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 75 man Ludwig Dietz, der nicht nur Verleger von diversen Gebrauchsschriften, Volksbü‐ chern, Reformationsschriften, zahlreichen Send-, Landtags- und Aufgebotsschreiben war, sondern auch durchaus wissenschaftliche Texte herausgegeben hat, und dem die Toleranzidee genauso wie dem jüngeren Glossator nicht fremd war, aus dem aktuel‐ len Stand der Forschung heraus sehr vorsichtig als den wahrscheinlichsten von allen oben genannten Verfasserschaftskandidaten gelten lassen kann. Als letzte per Namen genannte Anwärter auf die Verfasserschaft der jüngeren Glosse und die Bearbeitung des Versteils zum ‚Reynke Vosz de olde‘ wurden der Wiedertäufer-Bischof Obbe Philips272, Johann Frederus der Ältere273 und der bekannte Jurist Johann Oldendorp274 genannt. In ihrer Studie275 zum Verfasser der jüngeren Glosse wertet Ella Schafferus diese drei Thesen aus und kommt zum Schluss, dass die Wiedertäufer-These am wenigsten von allen wahrscheinlich ist, u. a. aufgrund der Tatsache, dass „der Glossator zwar der protestantischen Mittelpartei angehört, […] aber in den Fragen der Lehre und Weltanschauung spezifisch lutherisch denkt“, weswegen nach dem Glossator kaum in den wiedertäuferischen Kreisen zu suchen ist.276 Gegen Frederus als Verfasserschaftskandidaten sprechen nach Schafferus in erster Linie seine abweichende, mehr wissenschaftliche als rein kompilatorische Arbeitsweise sowie seine profunden Lateinkenntnisse, während der jüngere Glossator ausschließlich aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übersetzt. Zudem betont Schafferus, dass sich zwischen den Schriften Frederus’ und der Rostocker Glosse zahlreiche mentalitäts‐ spezifische, religiöse wie weltanschauliche Unterschiede finden, die sich zum einen in der Wahl der Textvorlagen und zum anderen in den Äußerungen selber widerspiegeln und somit die Frederus-These widerlegen: „[D]ie Toleranzidee, wie sie durch die Glosse geht, ist für Frederus – trotz seines milden und versöhnlichen Charakters – unmöglich, und eine Züricher Bibel können wir nicht in seinen Händen vermuten.“277 Die Einstellung zur Reformation Johann Oldendorps widerspricht zwar nicht der Ein‐ stellung des jüngeren Glossators, es findet sich jedoch eine Reihe von Gegenbeweisen, die Stammlers Hypothese in Frage stellen. So scheint es einerseits rein zeitlich gesehen für Oldendorp, der damals mit ganz anderen Sachen beschäftigt war, kaum zumutbar zu sein, dass er sich intensiv mit den Prätexten der jüngeren Glosse auseinandersetzen konnte. Andererseits stellt sich die Frage, ob Oldendorp zu der Arbeit der Glosse fähig war, oder heißt es nicht vielmehr die Glosse überschätzen, indem wir sie Oldendorp zuschreiben? Sollten wir nicht von einem Mann von der Bedeutung Oldendorps eine andere Glosse erwarten, die den Niederschlag seiner Erfahrungen der letzten Jahre deutlicher zeigte? Die Glosse selbst widerspricht der Ol‐ dendorp-These.278 272 Vgl. Krause, Die Wiedertäufer in Rostock. 273 Vgl. Hofmeister, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. 274 Vgl. Stammler, Geschichte der niederdeutschen Literatur, S. 57. Davor bereits angedeutet von Hof‐ meister, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. 275 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 112-127. 276 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 112-114, hier S. 113. 277 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 114-120, hier S. 120. 278 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 120-127, hier S. 124. Teil I Voruntersuchungen 76 Schließlich sind es die auffälligen stilistischen und syntaktischen Unterschiede zwi‐ schen den zahlreich überlieferten Schriften Oldendorps, die sich durch aktive Ver‐ wendung von hypotaktischen Konstruktionen mit konzessiven, konditionalen und kausalen Nebensätzen, durch die Bildhaftigkeit des Ausdrucks und Prägnanz der Darstellung, aber auch durch einen dynamischen Stil kennzeichnen, und der klaren und recht einfachen Sprache der jüngeren Glosse, die das Gefühl einer weniger sub‐ jektiven, persönlichen Darstellung verleihen, die den letzten Gegenbeweis liefern.279 Wenn man von den Einzelpersonen-Verfasserschaftsgesuchen absieht und sich des zweiten seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschenden Ansatzes280 bedient, so muss man wohl doch festhalten, dass sowohl der Lübecker Bearbeiter als auch der Rostocker Verfasser bzw. Glossator zumindest theologisch gebildet sein, wenn nicht gar direkt oder indirekt einem geistlichen Stand angehören sollten.281 Berücksichtigt man die Vielfalt und Breite der Prosaauslegungen zu den Kapiteln sowie die Rand‐ glossen der 1539er ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe, kommt man zum Schluss, dass wohl kein absoluter Laie die Problematik so akribisch auszulegen im Stande gewesen sein konnte. Somit bleibt die Verfasserfrage für die beiden wichtigsten niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Ausgaben weiterhin offen. Um den Verfasser als Mitglied einer so‐ zialen Gruppe exakter zu bestimmen, bedarf es noch weiterer Recherchen und Unter‐ suchungen, u. a. um feine Unterschiede in diversen in Frage kommenden geistlichen Orden in Lübeck, Rostock und Umgebung zu erkennen und diese dem Rezipienten‐ kreis gegenüberzustellen oder die These über die Verfasserschaft einer einzelnen Per‐ sönlichkeit endgültig zu widerlegen oder zu bestätigen. 279 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 120-127. 280 Vgl. u. a. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung; Brandes, Die literarische Tätigkeit des Verfassers des Reinke; Baucke, Das mittelniederdeutsche Narrenschiff und seine hochdeutsche Vorlage, insbes. S. 153; Foerste, Von Reinaerts Historie zum Reinke de Vos; Schwencke, Ein Kreis spätmittelalterlicher Erbauungsschriftsteller in Lübeck; Okken, Rein‐ ke de Vos und die Herren Lübecks; Schwab, Vom Sünder zum Schelmen. Für weiterführende Lite‐ ratur und ausführlichere Auswertung der einzelnen Thesen vgl. auch Sodmann, Reynke de vos. Ein Buch und seine „Verfasser“, S. 250f.; Goossens, Der Verfasser des Reynke de Vos. Ein Dichterpro‐ fil, S. 63-66. 281 Dieser Aspekt wird hier nicht ausführlich beleuchtet primär aufgrund der Tatsache, dass sich die meisten Forscher mit der sozialen Zuordnung und dem Dichterprofil des Lübecker Bearbeiters und nicht des jüngeren Glossators beschäftigt haben. Als Ausnahme ist an dieser Stelle eine bereits mehrfach zitierte Studie von Schafferus zu nennen, vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 13-99. 3 Textgrundlage: ‚Reynke Vosz de olde‘ (Rostock, 1539) 77

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References

Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.