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11 Fazit und Ausblick in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 327 - 332

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-327

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Fazit und Ausblick Das Ziel dieser Arbeit bestand darin, den bei Ludwig Dietz in Rostock erschienenen ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus dem Jahre 1539 erstmalig sprach- und überliefe‐ rungshistorisch zu beschreiben, einzuordnen, zu bewerten und zu verorten und seine Stellung sowohl innerhalb der mittelniederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15.-16. Jahrhunderts als auch innerhalb der Rostocker Drucktradition der ersten Hälf‐ te des 16. Jahrhunderts zu definieren. Nachdem der Untersuchungstext formal, struk‐ turell und inhaltlich beschrieben worden ist, wurde er einer eingehenden linguisti‐ schen Analyse unterzogen. Dabei wurden abgesehen von der Syntax alle zentralen Sprachbereiche zur Analyse des Sprachstands des Tierepos herangezogen. Des Wei‐ teren erfolgte ein variablenlinguistischer Vergleich mit der niederdeutschen Erstaus‐ gabe des Tierepos aus dem Jahre 1498. Zugleich wurde der Sprachstand des Rosto‐ cker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes in Bezug zur Druckersprache weiterer in Ros‐ tock erschienenen Werke, darunter der von Hermann Barckhusen übersetzten und herausgegebenen ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ aus dem Jahre 1510 und der Dietzschen ‚Der schapherders Kalender‘-Ausgabe aus dem Jahre 1523, gesetzt. Die vorliegende Untersuchung hat gezeigt, dass das Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ insgesamt noch relativ fest in der Tradition der „klassischen“ mittelnie‐ derdeutschen Schriftsprache lübischer Prägung steht. Neben den eindeutig dominie‐ renden überregional gültigen Merkmalen ließen sich jedoch auch solche feststellen, die als typisch mecklenburgisch angesehen werden können. Im engeren Sinne lokale oder dialektale Merkmale, genauso wie anderweitige Einflüsse ließen sich im Unter‐ suchungstext nicht ermitteln. Es konnte festgehalten werden, dass es sich bei den ver‐ gleichsweise selten zu konstatierenden Reflexen gesprochener Sprache, darunter Ver‐ schmelzungen von Präposition und bestimmtem Artikel, Verschmelzungen von Per‐ sonalpronomen und enklitischem Personalpronomen ‚es‘ oder Verb und enklitischem Personalpronomen ‚es‘ sowie Kontraktionsformen von Modalverb oder Auxiliarverb, seltener Vollverb und Pronomen ‚du‘ ausnahmslos um Formen handelte, die sowohl in handschriftlichen als auch in gedruckten niederdeutschen Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit immer wieder reproduziert wurden und somit als fester Be‐ standteil der Schriftsprache angesehen werden können. Dagegen wurden keine Bei‐ spiele für reine Sprechsprachphänomene wie die Bezeichnung der Assimilation ld, nd, rd > ll, nn, r(r) oder andere neumecklenburgische Lauterscheinungen gefunden. Beim Vergleich der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe mit dem Lübe‐ cker ‚Reynke de vos‘-Druck aus dem Jahre 1498 hat sich zum einen eine klare Ab‐ hängigkeit des Untersuchungstextes von seiner Vorlage gezeigt, zum anderen ließen sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Ausgaben erkennen. So ist es recht offensichtlich, dass der Rostocker Bearbeiter im Erzähltext weitestgehend dem Wort‐ 11 327 laut der Lübecker Vorlage folgt, obwohl an diversen Stellen bestimmte Modifikatio‐ nen auffallen, die aus sprachgeographischen, sprachhistorischen oder rein stilisti‐ schen Gründen erfolgten. An einigen anderen Stellen waren es dagegen unveränderte reimbedingte Formen, die die auffällige Formenvarianz im sonst sehr einheitlichen ‚Reynke Vosz de olde‘ erklären konnten. Insgesamt wurde eine Vereinheitlichungs‐ tendenz sichtbar, die sich einerseits darin äußerte, dass Spracherscheinungen, die aus den anderen niederdeutschen Mundarten in den Lübecker ‚Reynke de vos‘ gedrungen sind, in der Rostocker Bearbeitung stets angeglichen wurden. Andererseits fielen zahlreiche Veränderungen im Bereich der Graphie auf, darunter eine Systematisie‐ rung von Groß- und Kleinschreibung, von Getrennt- und Zusammenschreibung so‐ wie von Interpunktion. Schließlich ist an dieser Stelle der Hauptunterschied zwischen den beiden niederdeutschen Ausgaben über den Fuchs Reineke zu erwähnen, der in den Glossen zum Erzähltext besteht. Ein systematischer Vergleich des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ und seiner Lübecker Vorlage wäre sicherlich eine eigene Un‐ tersuchung wert. Wie die Untersuchung dargelegt hat, weist ‚Reynke Vosz de olde‘ einige sprach‐ liche Diskrepanzen zwischen dem bearbeiteten Erzähltext und dem Text der jüngeren Glosse auf. Vor allem in der jüngeren Glosse hat das Hochdeutsche einige Spuren hin‐ terlassen, die sowohl einzelne Lexeme betreffen als auch im Bereich der Graphie nachweisbar sind. Inwieweit sich in diesen Fällen die Prätexte der jüngeren Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ bemerkbar gemacht haben und wann der hochdeutsche Einfluss auf andere Faktoren zurückgeführt werden sollte, konnte leider nicht in je‐ dem Einzelfall nachvollzogen werden. Eine systematische Erfassung von Prätexten der Glosse und eine vollständige und übersichtliche Dokumentation der einzelnen vorgenommenen Modifikationen wären dringend erwünscht. Diese würden sicherlich weitere Aufschlüsse über die Bearbeitungstendenzen und Arbeitsweise des jüngeren Glossators bringen und könnten die Grundlage für eine vergleichende Untersuchung der einzelnen Modifikationen im Verstext und im Kommentarteil bilden. Neben dem Einsickern hochdeutscher Sprachelemente ließen sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ einige Sprachzüge feststellen, die unter Umständen bereits als spätmit‐ telniederdeutsch eingestuft werden können. Im kontrastiven Vergleich mit weiteren in Rostock gedruckten Sprachzeugnissen aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde deutlich, dass sich ‚Reynke Vosz de olde‘ ziemlich gut in das Gesamtbild der Rostocker Drucktradition des 16. Jahrhunderts einfügt. Es fiel aber auch gleichzeitig auf, dass die ‚Bambergische Halsgerichtsordnung‘ und ‚Der schapherders Kalender‘ in vielen Fällen noch stärker in der älteren Tradition verhaftet sind. Viele Neuerun‐ gen hat ‚Reynke Vosz de olde‘ eher mit den Schriften Nicolaus Gryses gemeinsam, die wiederum als Spätzeugnisse der mittelniederdeutschen Literatur gelten können. Mit anderen Worten, stellt ‚Reynke Vosz de olde‘ erwiesenermaßen ein einzigartiges sprachliches Zeugnis für den Übergang vom „klassischen“ zum späten Mittelniederdeutschen dar, der in gewissen Bereichen offenbar später angesetzt hat, als man das den früheren Drucken aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts ent‐ nehmen kann. Zudem wurden beim Vergleich Prozesse des Variantenabbaus, -aus‐ baus und des Variantenersatzes sichtbar, die von dreierlei Faktoren beeinflusst zu sein Teil II B Textkontrastive Analyse 328 scheinen. So konnten für den ‚Reynke Vosz de olde‘ Variantenabbau und Varianten‐ ersatz vor allem dann festgestellt werden, wenn sich der Rostocker Bearbeiter für mittelniederdeutsche Normalformen oder jüngere mecklenburgische Varianten ent‐ schieden hat, während für die beiden früheren Vergleichsdrucke noch ältere mecklen‐ burgische Formen, direkter Einfluss der jeweiligen Textvorlagen oder gar außer‐ mecklenburgische Kennformen verzeichnet werden konnten. Eine Tendenz zum Vari‐ antenausbau wurde für die jüngere Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ vor allem in solchen Fällen konstatiert, wenn entweder hochdeutscher Einfluss z. B. seitens der Prätexte auf die Variantenwahl vorlag oder wenn sich andere angehende Sprachent‐ wicklungen bemerkbar machten. Die einzelnen Ergebnisse können hier nicht wieder‐ holt werden. An dieser Stelle sei vermerkt, dass sich eine vergleichende Analyse an‐ hand eines größeren differenzierteren Textkorpus mit einer konsequenten Trennung der Texte nach zeitlichen, funktional-kommunikativen und überlieferungsgeschichtli‐ chen Gesichtspunkten auf jeden Fall lohnen würde, um eine gleichberechtigte kon‐ trastive Analyse durchzuführen und für mögliche Einflussfaktoren wie beispielsweise Textsortenunterschiede, Benutzung von Vorlagen und Prätexten oder druckerspezifi‐ sche Merkmale signifikante Zusammenhänge mit der sprachlichen Beschaffenheit der Texte auszumachen. Man wird aus den hier vorgebrachten Thesen und Beobachtungen sicherlich einen forschungspraktischen Mehrwert für weiterführende Studien erkennen, jedoch kann ein umfassender Zugriff auf den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck erst dann wirklich geleistet werden, wenn eine vollständige und den aktuellen For‐ schungsanforderungen genügende Edition vorliegt. 11 Fazit und Ausblick 329 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: ‚Reynke de vos‘ (1498) im Vergleich zum Lübecker Referenzkorpus 307 Tabelle 2: ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Rostocker Vergleichskorpus 316 12 331

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Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.