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10 Kontrastiver Vergleich in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 299 - 326

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-299

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Textkontrastive Analyse: ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zur Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe und im Kontext der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts Kontrastiver Vergleich Beschreibung und Begründung des Vergleichskorpus Im zweiten Analyseteil soll der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck kontrastiv mit einer Auswahl an Referenztexten sprachlich verglichen werden, wobei zwei Per‐ spektiven, eine diachron-diatopische sowie eine synchrone, eingenommen werden. Zum einen soll ein Vergleich mit der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Erstausgabe stattfin‐ den, um die sprachlichen Korrespondenzen und Unterschiede beider Texte erfassen zu können. Um eine Zuordnung des Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ in den Kontext der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts zu ermögli‐ chen, ist zudem eine Heranziehung weiterer Drucke aus dem interessierenden Zeit‐ raum sowohl von Ludwig Dietz als auch von anderen Rostocker Druckern notwendig. Um dies zu erreichen wurde ein Referenzkorpus erstellt, das einer variablenlinguisti‐ schen Analyse unterzogen wird. Da sich die Glossentexte der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe und der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe stark unterscheiden, wird zur vergleichenden Analyse nur der Erzähltext des ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 herangezogen.878 Zwecks Vergleichbarkeit der Ergebnisse bietet es sich an, denselben Schnitt wie bei der Analyse des ‚Reynke Vosz de olde‘ zu nehmen, d. h. es werden die ersten 12 Kapitel des ersten Buches und jeweils die ersten vier Kapitel der drei weiteren Bücher untersucht.879 Teil II B 10 10.1 878 An dieser Stelle möchte ich mich bei Dr. Robert Peters, dem Projektleiter des interuniversitären Pro‐ jekts ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘, und seiner wissenschaftli‐ chen Mitarbeiterin Verena Kleymann (Standort Münster) herzlich dafür bedanken, dass sie mir Zugang zur projektinternen Transkription des ‚Reynke de vos‘ gewährt haben, sodass ich in einem übersichtli‐ chen Zeitraum eine passende Transkription für die vorliegende Analyse anfertigen konnte. 879 Auch wenn in diesem Fall die Zahl der Wörter dabei etwas unter 20000 liegt, können auf dieser Grundlage sicherlich valide Ergebnisse erzielt werden. An dieser Stelle muss eingeräumt werden, dass 299 Damit nachvollzogen werden kann, wie sich die Sprache des Lübecker ‚Reynke de vos‘ in die zeitgenössische Lübecker Schriftlichkeit880 einordnet, werden weitere relevante Textsorten und Einzeltexte aus dem hier interessierenden Zeitraum herangezogen. Dabei wird nicht auf lübische Texte des entsprechenden Zeitraumes direkt zurückge‐ griffen, sondern es werden die Ergebnisse vorliegender variablenlinguistischer Unter‐ suchungen zur Schreibsprache Lübecks ausgewertet und mit dem eigenen Datenmate‐ rial in Beziehung gesetzt. Als Grundlage hierfür dienen zum einen die Untersuchungs‐ ergebnisse zur Schreibsprache Lübecks von Robert Peters anhand von Texten des Lübischen Urkundenbuches aus dem Jahre 1470 und der Ratsurteile aus dem Zeitraum von 1470-1500.881 Zum anderen erfolgt der Zugriff auf die Schreibsprache der Stadt Lübeck auf Basis der aktuell im Rahmen des Projekts ‚Atlas spätmittelalterlicher Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete‘ (ASnA) publizierten Ergebnisse.882 Letzteres erwies sich als notwendig, da nicht alle für den Vergleich erforderlichen Variablen allein durch Rückgriff auf das Datenmaterial des Lübischen Urkundenbuches und der Ratsurteile erfasst werden konnten. Für den Vergleich werden hierbei die Kennformen den ASnA-Daten der Zeitspanne von 1491-1500 entnommen.883 Um den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ in den Kontext der Rostocker Druck‐ tradition der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sprachlich einordnen zu können, wer‐ den zwei weitere zeitgenössische Drucke zur Analyse herangezogen und variablen‐ linguistisch untersucht. Einerseits wird der Sprachstand des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes zum Sprachstand der in Rostock in der Offizin des Hermann in der Dialekt- und Regionalsprachenforschung ein Umfang von 2500 Wörtern als übliche Stichpro‐ bengröße gilt, die u. a. auch für variablenlinguistische Untersuchungen von sprachlichen Äußerungen herangezogen wird. Vgl. hierzu Elmentaler, Varietätendynamik in Norddeutschland, S. 73, 75; Elmentaler / Gessinger / Lanwer [u. a.], Sprachvariation in Norddeutschland (SiN), S. 397; Elmentaler / Rosenberg, Norddeutscher Sprachatlas (NOSA), S. 73f. Bei einer variablenlinguisti‐ schen Untersuchung des Wortschatzes erweist sich jedoch diese Stichprobenmenge als nicht ausrei‐ chend, sodass eine Erweiterung auf 20000 Wortformen, die als gängige Tokenmenge in der Korpuslinguistik gilt, erfolgen muss. Zu den Grundlagen der Ermittlung von Stichprobenumfängen in den Geisteswissenschaften vgl. Bortz / Schuster, Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler, S. 126-128; Bortz / Döring, Forschungsmethoden und Evaluation: für Human- und Sozialwissen‐ schaftler, S. 396-402, 419-478. Zur Ermittlung von Stichprobenumfängen, Datenmenge und Text‐ menge in der (historischen) Sprachwissenschaft vgl. Gries, Statistik für Sprachwissenschaftler, S. 30-32; Fleischer / Schallert, Historische Syntax des Deutschen, S. 71-73; Meindl, Methodik für Linguisten, S. 131-137, 144f. 880 Bereits Nybøle macht in seiner Untersuchung des Lübecker Frühdruckes darauf aufmerksam, dass ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 einige Ostfalismen und andere Eigentümlichkeiten aufweist und sich einige niederländische Elemente und hochdeutsche Fremdelemente zeigen. Auf den sprachlichen Einfluss anderer Regionen wird dabei nicht ferner eingegangen. Vgl. Nybøle, Reynke de Vos, S. 12, 58. 881 Vgl. Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes [= Peters, Mittelnieder‐ deutsche Studien, S. 201-215]. 882 Vgl. ASnA. 883 Vgl. ASnA, Bd. I. Teil II B Textkontrastive Analyse 300 Barckhusen angefertigten Übersetzung der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘884 in Bezug gesetzt. Dieser erstmalig im Jahre 1507 am Bamberger Hof als Strafpro‐ zess- und Strafgesetzbuch für das Hochstift Bamberg erschienene Text wird 1510 in niederdeutscher Sprache von Barckhusen nachgedruckt.885 Hierbei handelt es sich zwar um einen Druck, der in einer anderen Offizin angefertigt wurde, es ist jedoch bekannt, dass Ludwig Dietz in dieser Zeit bereits bei Barckhusen tätig gewesen war. Somit ist nicht auszuschließen, dass Dietz auch an der Anfertigung dieser Ausgabe als Drucker oder Korrektor beteiligt war. Ferner liegt die Vermutung nahe, dass Her‐ mann Barckhusen als Druckherr Ludwig Dietz als Drucker und späteren Verleger di‐ rekt oder indirekt etwa hinsichtlich der Drucksetzung beeinflusst hat, sodass eine sprachliche Nähe zwischen der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ und dem Ros‐ tocker ‚Reynke Vosz de olde‘ erwartbar ist. Ein weiteres Argument für die Heranzie‐ hung der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ ist, dass es sich um einen der bedeu‐ tendsten Drucke handelt, die bei Barckhusen erschienen sind, genauso wie die Rosto‐ cker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe neben der Bibel einen der wichtigsten bei Dietz gedruckten Texte darstellt. Die ‚Bambergische Halsgerichtsordnung‘ kann zurecht als die einflussreichste Straf- und Strafprozessordnung der damaligen Zeit gelten. Zu‐ dem ist bekannt, dass Barckhusen diesen Text selbstständig aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche übertragen und dabei das Original wortgetreu wiedergegeben hat. Ähnlich ist in diesem Sinne das Verhältnis des Erzähltextes der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe zur Lübecker Vorlage, die vom Rostocker Bearbeiter sprach‐ lich angepasst worden ist. Andererseits wird der ebenfalls in der Offizin des Ludwig Dietz angefertigte ‚Der schapherders Kalender‘-Druck aus dem Jahre 1523 herangezogen.886 Hierbei handelt es sich um eine bearbeitende Neuausgabe eines Lübecker Druckes aus dem Jahre 884 Für die Rostocker Ausgabe der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ liegt bereits eine Teiledition (Art. 125-207, 229-241) aus dem Jahre 1902 vor. Vgl. Kohler, Die Carolina und ihre Vorgängerin‐ nen, S. 167-209. Für die vorliegende Untersuchung wurde als Transkriptionsgrundlage für die Ros‐ tocker Bearbeitung der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ jedoch die für das ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘ (Standort Hamburg) angefertigte, den modernen editorischen Richtlinien entsprechende Transkription benutzt. Der zur Untersuchung herangezoge‐ ne Textabschnitt Bl. 5r-31v (von insgesamt 50 Bl.) ohne Register umfasst etwas über 20000 Wort‐ formen, was eine deutlich über eine Stichprobengröße hinausgehende Basis für eine repräsentative variablenlinguistische Analyse bietet. Für die Möglichkeit der Mitbenutzung der projektinternen Transkription danke ich an dieser Stelle Dr. Ingrid Schröder, der Projektleiterin des Projekts ‚Refe‐ renzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘, und Sarah Ihden, der wissenschaftli‐ chen Mitarbeiterin am Standort Hamburg. Zum Strichprobenumfang vgl. Fn. 17 und Fn. 879. 885 Einführend zur ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘, ihrem Inhalt, ihrer Entstehung und Rezep‐ tion vgl. Deutsch, Barmbergische Halsgerichtsordnung. Für weiterführende Literatur s. d. Zur Ros‐ tocker Ausgabe der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ vgl. Lisch, Geschichte der Buchdru‐ ckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 84; Wiechmann, Mecklenburgs altniedersächsi‐ sche Literatur, S. 27-29. Für weiterführende Literatur s. d. 886 Als Textgrundlage für die variablenlinguistische Analyse der Dietzschen ‚Der schapherders Kalen‐ der‘-Ausgabe fand die für das ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘ (Standort Hamburg) angefertigte Texttranskription Verwendung. Der zur Untersuchung herangezo‐ gene Textabschnitt Bl. 27r-66r (von insgesamt 103 gezählten Blättern) umfasst weit über 20000 Wortformen, was eine deutlich über einen Stichprobenumfang hinausgehende Basis für eine textre‐ präsentative variablenlinguistische Untersuchung bietet. Mein herzlicher Dank für die Möglichkeit 10 Kontrastiver Vergleich 301 1519, der seinerseits auf einem aus dem oberdeutschen Sprachraum stammenden Originaldruck basiert. 887 Für die Einbeziehung des aufwendig aufbereiteten ‚Der schapherders Kalender‘-Druckes in die Analyse spricht, dass es sich genauso wie beim Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ um eine bearbeitende Ausgabe handelt, die Benutzung mehrerer Vorlagen bzw. Prätexte aufweist.888 So basiert der Teilabschnitt zur Physiognomie, der eine Erweiterung der Lübecker Vorlage darstellt, auf einem süddeutschen Originaldruck aus Augsburg oder Straßburg, genauso wie die Prätexte der jüngeren Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ ursprünglich aus dem hochdeut‐ schen Raum kommen. Als eine weitere Parallele zwischen den beiden Drucken von Ludwig Dietz ist ein insgesamt sehr sorgfältiger Eindruck, den sie als Druckerzeug‐ nisse erwecken, hervorzuheben. Zudem ist die künstlerische Leistung in der Druck‐ aufbereitung zu nennen, die nicht zuletzt den aufwendigen Holzschnittillustrationen zu verdanken ist. Dieser Text stammt aus der Zeitperiode, wo Ludwig Dietz bereits unabhängig von Hermann Barckhusen gearbeitet hat. Es lässt sich vermuten, dass die beiden Dietzschen Drucke eine größere Ähnlichkeit in ihrer sprachlichen Beschaffen‐ heit aufweisen sollten als beispielsweise der ‚Reynke Vosz de olde‘ und die anderen zur Analyse herangezogenen Drucke. Es gilt ferner zu überprüfen, ob von 1523 bis 1539 ein diatopisch oder diachronisch bedingter Variantenabbau, Variantenausbau oder Variantenwechsel stattfindet und wie dieser sprachhistorisch zu bewerten ist. Aus Zeitgründen musste auf eine systematische Erfassung von weiteren Quellen‐ texten für die Schreibsprache Rostocks verzichtet werden. Zur Herausarbeitung der mecklenburgischen Sprachverhältnisse und zur Kontextualisierung der Rostocker Vergleichstexte aus den Offizinen von Hermann Barckhusen und Ludwig Dietz er‐ folgt daher eine Heranziehung der für den interessierenden Zeitraum, der ersten Hälf‐ te des 16. Jahrhunderts, relevanten bisherigen Forschungsergebnisse. Zum einen wer‐ den die Informationen zum Sprachstand in Mecklenburg der Untersuchung von Jür‐ gen Scharnhorst zum Lautstand der Schriften des Rostocker Predigers Nicolaus Gry‐ se entnommen. Scharnhorst beschäftigt sich primär mit der Frage, inwieweit dieser noch dem des „klassischen“ Mittelniederdeutschen entspricht.889 An dieser Stelle muss eingeräumt werden, dass diese Studie zwar den Schriften aus einem späteren Zeitraum als dem direkten Untersuchungszeitraum gewidmet ist, nämlich Mitte des 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts, jedoch kommt Scharnhorst zu dem Schluss, dass der Lautstand der untersuchten Sprachdenkmäler noch insgesamt der mittelniederdeutschen Schriftsprache und nicht des Spätmittelniederdeutschen ent‐ spricht. Zudem bietet Scharnhorsts Untersuchung einige weitere Beobachtungen zum der Mitbenutzung der Transkription gilt an dieser Stelle Dr. Ingrid Schröder, der Projektleiterin des Projekts ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘, und Sarah Ihden, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Standort Hamburg. Zum Strichprobenumfang vgl. Fn. 17 und 879. 887 Einführend zum ‚Der schapherders Kalender‘-Druck vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 165-166; Scheller, Bücherkunde der Sassisch-Niederdeut‐ schen Sprache, S. 161; Reich, Das große plattdeutsche Bilderbuch, S. 161-172; Wiechmann, Mecklenburgs altniedersächsische Literatur, S. 67-75. 888 So könnten die sprachlichen Be- und Überarbeitungstendenzen beider Texte Parallelen aufweisen. 889 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses. Teil II B Textkontrastive Analyse 302 Lautstand der mecklenburgischen Mundart des 16. Jahrhunderts, die für die vorlie‐ gende kontrastive Analyse nützlich gemacht werden können. Zum anderen werden die Informationen aus der Grammatik des mecklenburgi‐ schen Dialektes von Karl Nerger ausgewertet, die ihrerseits überwiegend auf meck‐ lenburgischen und speziell Rostocker Schrift- und Druckzeugnissen nicht fachlitera‐ rischen Inhalts, Urkunden und der Rostocker Chronik basiert.890 Für den Fall, wenn bei Nerger und Scharnhorst entsprechende Angaben fehlen, wird versucht diese aus anderen Sekundärquellen zu gewinnen.891 Methodische Vorgehensweise Die kontrastive Analyse ist analog zum ersten Untersuchungsteil als variablenlinguis‐ tische Untersuchung angelegt, verwendet aber ein weniger umfangreiches Variablen‐ set. Für die Analyse wurden solche sprachlichen Merkmale aus dem Gesamtkatalog ausgewählt, von denen erwartet werden kann, dass sie in den Lübecker und Rosto‐ cker Texten eine diatopische und/oder diachronische Variabilität aufweisen. Unter‐ schiede in der Variantenausprägung sind für den Bereich der Laut- und Formenlehre erwartbar, hauptsächlich jedoch für den als besonders variabel geltenden Bereich des Kleinwortschatzes zu vermuten. Insgesamt wurden 28 ausgewählte Variablen in die Analyse einbezogen. Die Vorgehensweise bei der Analyse ist dreistufig und gestaltet sich wie folgt: In einem ersten Schritt erfolgt zunächst die variablenlinguistische Analyse des Lübe‐ cker Vergleichskorpus. Hierbei stehen drei Gesichtspunkte im Vordergrund. Zum einen werden anhand des Datenmaterials Entwicklungstendenzen und Variantenver‐ teilungen innerhalb der lübischen Schriftsprache der zweiten Hälfte des 15. Jahrhun‐ derts generell sichtbar gemacht. Zum anderen soll der Lübecker ‚Reynke de vos‘ va‐ riablenlinguistisch in diese Schriftlichkeit verortet werden. Damit soll drittens eine Ausgangsbasis für den variablenlinguistischen Vergleich der Lübecker und der Ros‐ tocker Fassung des Tierepos geschaffen werden, sodass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ sowohl zum Lübecker Erstdruck aus dem Jahre 1498 als auch insgesamt zum lübischen Schriftusus in Bezug gesetzt werden kann. In einem zweiten Schritt soll analog dazu das Rostocker Vergleichskorpus varia‐ blenlinguistisch analysiert werden. Auch hier stehen zwei Gesichtspunkte im Vorder‐ grund. Erstens soll die Sprachgestalt des Rostocker Tierepos exemplarisch mit der zeitgenössischen Rostocker Drucksprache sowie insgesamt den schriftsprachlichen Verhältnissen in Mecklenburg im 16. Jahrhundert in Bezug gesetzt werden. Zweitens 10.2 890 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes. 891 An dieser Stelle ist der Beitrag zum Kleinwortschatz im ‚Nomenclator latinosaxonicus‘ des Nathan Chytraeus von Robert Peters zu erwähnen, dem weitere hilfreiche Informationen zum Sprachstand in Rostock im ausgehenden 16. Jahrhundert sowie zu einigen Sprachentwicklungen im Zeitraum davor entnommen werden können. Vgl. Peters, Variation und Tradition [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 3-37]. 10 Kontrastiver Vergleich 303 soll anhand eines variablenlinguistischen Vergleichs die sprachliche Stellung dieses Textes im Druckschaffen von Ludwig Dietz beleuchtet werden. In einem dritten Schritt sollen die Ergebnisse beider Analysen zusammengeführt werden, um das sprachliche Verhältnis des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ zum Lü‐ becker Erstdruck zu bestimmen. Diese Ergebnisse werden jedoch nicht in einem ge‐ sonderten Punkt behandelt, sondern unmittelbar anschließend an die Ergebnisse der vergleichenden Analyse des ‚Reynke de vos‘ mit dem Lübecker Referenzkorpus dar‐ gelegt oder in die vergleichende Analyse des ‚Reynke Vosz de olde‘ mit dem Rosto‐ cker Vergleichskorpus inkorporiert, um so eine Inkontextsetzung in beide Richtungen gleichzeitig zu ermöglichen. ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Lübecker ‚Reynke de vos‘ (1498) und zum Lübecker Referenzkorpus Die Durchsicht der Forschungsliteratur zur Lübecker Schreibsprache bzw. zu einzel‐ nen Lübecker Textzeugen sowie die Analyse des Lübecker ‚Reynke de vos‘ von 1498 ergab folgende Befunde, die in der nachfolgenden Tabelle veranschaulicht wer‐ den. Anhand der Tabelle sind die untersuchten Variablen und die jeweiligen Varian‐ tenrealisierungen innerhalb des Lübecker Vergleichskorpus892 ersichtlich, aus der man Schlüsse einerseits zu sprachlichen Besonderheiten des Lübecker ‚Reynke de vos‘ als Vorlage für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck und andererseits zu den sprachlichen Verhältnissen und v. a. Entwicklungsprozessen (darunter Varianten‐ abbau, Variantenausbau, Variantenwechsel) im lübischen Ostelbischen ziehen kann. Die dominierenden Varianten werden dabei unterstrichen, während die deutlichen Minderheitsvarianten in runde Klammern gesetzt werden. Bei Einzelbelegen bzw. bei schwach frequenten Belegen gibt die nebenstehende Ziffer die Häufigkeit eines Be‐ legs an. Eine festgestellte zeitliche Entwicklung wird durch einen Pfeil angezeigt. Merkmal Lübeck 1470 Lüb. Ratsurteile 1470-1500 ASnA 1491-1500 Reynke de vos, Lübeck 1498 Senkung von e > a vor r + Konsonant er/(ar) werk/(wark) er/(ar) keine Angaben er Schreibung von tl. ō o/a boven/baven o → a godes/gades893 apen-/(open-)894 o loue gode -boue hone -broken 10.3 892 Angaben zu Lübeck 1470 und Lübecker Ratsurteilen 1470-1500 nach Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Hermann Botes, S. 300-301 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 206-207]. 893 ASnA, Bd. I, Karte 15 ‚Gott‘ (Gen. Sg.). 894 ASnA, Bd. I, Karte 16 ‚offenbar‘. Teil II B Textkontrastive Analyse 304 Merkmal Lübeck 1470 Lüb. Ratsurteile 1470-1500 ASnA 1491-1500 Reynke de vos, Lübeck 1498 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich wedder weten leddich wedder weten leddich wedder/(weder)895 edder/(eder)896 neden/benedden/ nedden897 eddel/(edel) nedder, nedden wedder edder honnich wetten/(weten) beter ê2 keine Angaben keine Angaben egen/(eigen)898 deel/deyl/(del)899 ey/e/(ee)900 ee/ey/e901 e/ee902 ê3 keine Angaben keine Angaben keine Angaben ey/e/(ee)903 ey/(e)904 ê4 keine Angaben keine Angaben bref905 breve906 prester907 leve908 seen/(sehen)909 e/(ee)910 ee/e911 ô1, ö̂1 keine Angaben keine Angaben broder912 brodere913 don/(doen)914 gude/(gode)915 o916 oe/o917 895 ASnA, Bd. I, Karte 18 ‚wieder‘. 896 ASnA, Bd. I, Karte 156 ‚oder‘. 897 ASnA, Bd. I, Karte 135 ‚unten‘. 898 ASnA, Bd. I, Karte 22 ‚eigen‘ (Adj., Subst.). 899 ASnA, Bd. I, Karte 23 ‚Teil‘. 900 In offener Silbe. 901 In geschlossener Silbe. 902 Untergruppe ê2 → ê4. Vgl. Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. 903 In offener Silbe. 904 In geschlossener Silbe. 905 ASnA, Bd. I, Karte 24 ‚Brief‘ (geschlossene Silbe). 906 ASnA, Bd. I, Karte 25 ‚Brief‘ (offene Silbe). 907 ASnA, Bd. I, Karte 26 ‚Priester‘. 908 ASnA, Bd. I, Karte 27 ‚lieb‘ (offene Silbe). 909 ASnA, Bd. I, Karte 28 ‚sehen‘ (3. Pers. Pl. Präs. Ind.). 910 In offener Silbe. 911 Diese Variantenverteilung gilt für geschlossene Silbe, wenn man alle Belege für ‚viert-‘, die im Un‐ tersuchungstext sehr zahlreich sind, herausnimmt. Zusammen mit den ‚viert-‘-Belegen sieht die Verteilung genau umgekehrt aus. 912 ASnA, Bd. I, Karte 32 ‚Bruder‘ (Sg.). 913 ASnA, Bd. I, Karte 36 ‚Brüder‘ (Pl.). 914 ASnA, Bd. I, Karte 33 ‚tun‘ (Inf.). 915 ASnA, Bd. I, Karte 35 ‚gut‘. 916 In offener Silbe. 917 In geschlossener Silbe. 10 Kontrastiver Vergleich 305 Merkmal Lübeck 1470 Lüb. Ratsurteile 1470-1500 ASnA 1491-1500 Reynke de vos, Lübeck 1498 ô2, ö̂2 keine Angaben keine Angaben ok918 kop919 o920 oe/o/ oͤ 1921 mnd. ou ou gehouwen ou keine Angaben auw/ouw/(aw, ow, uw) ‚-schaft‘ -schop/-schup/ (-schap) -schop/-schup -sc(h)up/sc(h)op922 -schop ‚gelegt‘ ‚gesagt‘ gelacht/gelecht gesecht gelecht gesecht keine Angaben ghelacht 1 ghesecht besecht affsecht ‚gewesen‘ gewest/(gewesen) gewest → gewesen gewesen/ (gewest)923 ghewest 4 / (ghewesen 1) ‚dritte‘ derde/dorde derde → dorde derde/dorde/ drudde drydde ‚sechs‘ sos/(ses) sos sos/ses924 ses ‚sieben‘ soven soven soven/(seven)925 souen ‚zwölf‘ twelf twelf twelf926 twelf 1 / twalff 1 ‚ihm‘ em/eme eme eme/(em, on etc.)927 em/eme ‚dieser, diese‘ desse desse desse/(dusse)928 desse/(dese 1)929 ‚solcher, -e, -es‘ sodan-/sulk- sodan-/sulk so(ge)dan/(also- (ge)dan, sulk)930 sodan-/(solk- 1) ‚kein‘ nyn/nen nyn → nen nen/neyn931 nen932 nen/(neen- 1, neyn- 1)933 ‚niemand‘ nymant/nemant nymant → nemant ne(y)mant934 nemant nemande935 918 ASnA, Bd. I, Karte 37 ‚auch‘. 919 ASnA, Bd. I, Karte 38 ‚Kauf‘ (geschlossene Silbe). 920 In offener Silbe. 921 Diese Variantenverteilung gilt für geschlossene Silbe, wenn man alle Belege für ‚auch‘, die im ‚Reynke de vos‘ sehr zahlreich vorkommen, rausnimmt. Zusammen mit den ‚auch‘-Belegen sieht die Verteilung umgekehrt aus: o/oe/oͤ 1. 922 ASnA, Bd. I, Karte 69 ‚Suffix -schaft‘. 923 ASnA, Bd. I, Karte 63 ‚sein‘ (Part. Prät.). 924 ASnA, Bd. I, Karte 97 ‚sechs‘. 925 ASnA, Bd. I, Karte 98 ‚sieben‘. 926 ASnA, Bd. I, Karte 100 ‚zwölf‘. 927 ASnA, Bd. I, Karte 113 ‚ihm‘. 928 ASnA, Bd. I, Karte 119 ‚diese(r)‘. 929 Reimbedingte Position dese : nese. 930 ASnA, Bd. I, Karte 122 ‚solcher, solche, solches‘. 931 ASnA, Bd. I, Karte 127 ‚kein‘ (geschlossene Silbe). 932 ASnA, Bd. I, Karte 128 ‚kein‘ (offene Silbe). 933 In offener Silbe. 934 ASnA, Bd. I, Karte 125 ‚niemand‘. 935 Flektiert. Teil II B Textkontrastive Analyse 306 Merkmal Lübeck 1470 Lüb. Ratsurteile 1470-1500 ASnA 1491-1500 Reynke de vos, Lübeck 1498 ‚bis‘ bet/(wente) bet/(wente) wente/bet936 wente937 ‚gegen‘ jegen/tegen jegen/tegen → tegen iegen938 jegen, yegen/ (teg(h)en 2) ‚ohne‘ sunder/(ane) sunder/(ane) sunder/(ane)939 ane/(sunder 2) ‚zwischen‘ twisschen/ (tusschen) twisschen → tusschen tusschen/ (twisken)940 twysschen ‚oder‘ edder/ofte/(efte) edder/(ofte, efte) edder/oft(e)/(eft[e], eder)941 efte/edder komp. ‚als‘ dan/denne/(den, wenne, wen) dan/(denne, den, wan, wen) wen(ne)/wan(ne)/ dan(ne)/ (den[ne])942 dan/wan ‚ob, falls, wenn‘ oft(e) oft of/oft(e)/(ift[e], icht[e], ef, eft[e])943 oft/(ofte, eft, ift, efte)944 efte 2 ‚Reynke de vos‘ (1498) im Vergleich zum Lübecker Referenzkorpus Der Variantenvergleich ergibt folgendes Bild: Generell wird ersichtlich, dass nur wenige Sprachausgleichs- und Variantenreduktionsprozesse, die in Lübeck im Zeit‐ raum von 1470-1500 in Bewegung waren, Ende des 15. Jahrhunderts als endgültig abgeschlossen gelten können. Dies zeigt besonders der Blick auf die ASnA-Daten so‐ wie z. T. die Variantenausprägung im Lübecker ‚Reynke de vos‘, wie der vorletzten bzw. letzten Spalte entnommen werden kann. Ein Beispiel für eine solche diachrone Variantenreduktion bietet die Senkung von e > a vor r + Konsonant, wo die anfängli‐ che Varianz dergestalt aufgelöst wurde, dass im Lübecker ‚Reynke de vos‘ aus‐ nahmslos die er-Schreibung Gebrauch findet. Bemerkenswerterweise weist der Ros‐ tocker Nachdruck einige wenige ar-Belege auf, worauf an einer späteren Stelle beim Vergleich mit dem Rostocker Korpus eingegangen wird. Auch für die Pronomina ‚kein‘ und ‚niemand‘ kann festgehalten werden, dass die Entwicklung von nyn → nen respektive nymant → nemant am Ende des betrachteten Zeitraums bereits statt‐ gefunden und abgeschlossen zu sein scheint. Ferner ist die markante ausschließliche Verwendung der Variante wente für die Präposition ‚bis‘ im ‚Reynke de vos‘ anzu‐ merken, die insofern auffällt, weil in der städtischen Überlieferung eindeutig der Typ Tabelle 1: 936 ASnA, Bd. I, Karte 144 ‚bis‘ (Präp., Konj.). 937 Um diese Variable erfassen zu können, wurde ausnahmsweise der gesamte Erzähltext des ‚Reynke de vos‘ herangezogen. Dies rührt daher, dass alle 4 Belege für wente ‚bis‘ außerhalb des eigentli‐ chen Untersuchungsabschnittes vorkommen. 938 ASnA, Bd. I, Karte 93 ‚gegenwärtig‘ und Karte 146 ‚gegen‘. 939 ASnA, Bd. I, Karte 149 ‚ohne‘. 940 ASnA, Bd. I, Karte 151 ‚zwischen‘. 941 ASnA, Bd. I, Karte 156 ‚oder‘. 942 ASnA, Bd. I, Karte 161 ‚als‘ (beim Komparativ). 943 ASnA, Bd. I, Karte 158 ‚falls‘. 944 ASnA, Bd. I, Karte 159 ‚falls‘ (Auslaut: -f[t][e]/-cht[e]). 10 Kontrastiver Vergleich 307 bet dominiert und erst im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts der Gebrauch von wente anzusteigen scheint, wie man den ASnA-Daten entnehmen kann. Somit muss es sich hierbei um eine recht rezente Entwicklung handeln, die sich dann wohl im ge‐ samten ostelbischen Raum weiterverbreitet, wie es den Rostocker Drucken aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts im zweiten Teil des vorliegenden Vergleichs zu entnehmen ist. Des Weiteren ist das Augenmerk auf die Kennformen zu lenken, die im ‚Reynke de vos‘-Frühdruck eher der Variantenverteilung am Anfang des untersuchten Zeit‐ raums (1470er Jahre) entsprechen, jedoch nicht den ASnA-Daten. Darunter ist zu‐ nächst das Suffix ‚-schaft‘ zu nennen, das im Lübecker ‚Reynke de vos‘ entgegen der festgestellten Entwicklungstendenz zur Ersetzung der Leitvariante und gleichzeiti‐ gem Variantenabbau -schop /-schup / (-schap) → -schup / -schop ausschließlich in der Variante -schop realisiert wird. Ferner sind die Partizip Präteritum-Formen ‚ge‐ legt‘ und ‚gewesen‘ hervorzuheben, die mit dem Lübecker Sprachstand von 1470 übereinstimmen. Zudem verharrt die Dativform des männlichen Personalpronomens auf der älteren Variantenverteilung em / eme. Überdies wird im ‚Reynke de vos‘ die spätere Form tusschen für die Präposition ‚zwischen‘ vermieden, während die ältere Mehrheitsvariante im Text ausnahmslose Verwendung findet. Schließlich ist festzu‐ stellen, dass für die komparativische Konjunktion ‚als‘ immer noch eine Variation vorliegt und die Variantenverteilung eher dem älteren Sprachstand entspricht: dan / wan. Besonders hervorzuheben wäre an dieser Stelle noch die Verteilung der Realisierungsvarianten für die Präposition ‚gegen‘. Während im Lübischen Urkun‐ denbuch aus dem Jahre 1470 jegen und tegen noch nebeneinander gebraucht werden, ist für den Zeitraum 1470-1500 eine Entwicklung jegen / tegen → tegen festzuhalten. Bemerkenswerterweise ist laut ASnA-Ergebnissen im letzten Jahrzehnt des 15. Jahr‐ hunderts jedoch iegen als einzige gebrauchte Variante aufzufassen. Im Lübecker ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 werden dagegen beide Typen verwendet, wobei tegen die Seltenheitsvariante darstellt. An dieser Stelle kann angemerkt werden, dass in der Rostocker bearbeitenden Ausgabe tegen stets durch die regionskonforme Vari‐ ante yegen bzw. jegen ersetzt wird. Den in den ersten drei Spalten der Tabelle beschriebenen Tendenzen und Vertei‐ lungsmustern entspricht weitgehend die Realisierung der folgenden Variablen: Parti‐ zip Präteritum von seggen wird im ‚Reynke de vos‘ ausschließlich als ‚-(ge)secht‘ realisiert; für die Zahlwörter ‚sieben‘ und ‚zwölf‘ werden erwartungsgemäß souen und twelf gebraucht, wobei für ‚zwölf‘ einmal die wohl als niederländisch einzustu‐ fende Variante twalf Verwendung findet. Hier ist jedoch einschränkend festzustellen, dass die Form twalf nicht zwingend niederländischen Ursprungs sein muss, sondern auch unter ostfälischem Einfluss stehen kann, wo twalf als Nebenvariante neben der Mehrheitsvariante twolf zu finden ist. Der ostfälische Einfluss macht sich nämlich auch bei der Realisierung des Zahlwortes ‚sechs‘ bemerkbar, das entgegen den lübi‐ schen Verhältnissen im ‚Reynke de vos‘ als ses realisiert wird.945 In der Dietzschen 945 Vgl. hierzu Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes, S. 300 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 206]. Teil II B Textkontrastive Analyse 308 Ausgabe des ‚Reynke Vosz de olde‘ erfolgt eine regionskonforme Ersetzung des oh‐ nehin als ostfälisch eingestuften ses durch soͤs mit einer eindeutigen Umlautkenn‐ zeichnung. Die Variantenverteilung für die Pronomina ‚solcher, -e, -es‘ und ‚dieser, diese‘ entspricht nicht vollständig den beschriebenen Entwicklungstendenzen des letzten Drittels des 15. Jahrhunderts, die Mehrheitsvarianten stimmen jedoch mit den Forschungsergebnissen für die Stadtsprache Lübecks überein. Auf die Reimbindung für die Seltenheitsvariante dese für ‚dieser, diese‘ wurde bereits oben hingewiesen. Die Interpretation und genauere Zuordnung der Realisierungen für die Konjunktion ‚ob, falls, wenn‘ gestaltet sich problematisch, weil für den Lübecker ‚Reynke de vos‘- Text nur insgesamt zwei Belege für efte vorliegen, die für Lübeck 1470-1500 nicht verzeichnet sind, jedoch in den ASnA-Daten als Nebenform vorkommen. Ostfäli‐ scher Einfluss ist auch an dieser Stelle nicht komplett auszuschließen.946 Als ostfä‐ lisch kann mit Sicherheit die durchgehend verwendete Realisierung drydde für ‚drit‐ te‘ statt lübisch derde, dorde, drudde eingestuft werden. Ebenfalls als Kennzeichen ostfälischer Schreibsprache erscheint die konsequente Verwendung der o-Graphie für tl. ō statt zu erwartendem lübischem . Im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘- Nachdruck wird stattdessen stets die Schreibung gebraucht. Ähnlich auffällig ist die Variantenvielfalt für die Diphthongkennzeichnung für mnd. ou, die in der lübi‐ schen Schreibsprache im gesamten Untersuchungszeitraum konstant als erfolgt. Dagegen wird im ‚Reynke de vos‘ etwas häufiger die ostfälisch induzierte auw- Schreibung, daneben die zu erwartende Variante sowie seltener , und gebraucht. Eine besonders starke Variation in der Schreibung ist dabei für das Substantiv ‚Frau‘ zu verzeichnen. Die Schwankung bei der Kennzeichnung der Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich im Lübecker ‚Reynke de vos‘ ist insgesamt als sehr stark zu beschreiben, wobei die Verteilung der gekürzten und nicht gekürzten Varianten teilweise mit den Forschungsergebnissen für die Stadtsprache Lübecks kor‐ reliert. Abweichend von der generellen Entwicklungstendenz zeigt sich die Varian‐ tenverteilung für die Präposition ‚ohne‘ und die Konjunktion ‚oder‘ im Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druck. Die in der Forschung als Nebenformen beschriebenen Vari‐ anten stellen im ‚Reynke de vos‘ die Mehrheitsvarianten dar, und umgekehrt, die als lübische Mehrheitsvarianten beschriebenen Formen kommen im benannten Druck selten bis äußerst selten vor. Da der Bereich des Kleinwortschatzes insgesamt einen sehr hohen Grad an Variabilität aufweist und die im ‚Reynke de vos‘ von 1498 fest‐ gestellten Varianten für ‚ohne‘ und ‚oder‘ prinzipiell auch in der lübischen Stadtspra‐ che auftauchen, können die Ergebnisse für diese beiden Variablen vorsichtig relati‐ viert werden. Zudem erscheint es in diesem Augenblick nicht möglich, die ange‐ sprochene Besonderheit anhand der vorliegenden Forschungsergebnisse diatopisch oder diachronisch anderweitig zu verorten. Es lässt sich für den Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druck zusammenfassend festhalten, dass sein Sprachstand in einigen Merkmalen vom Variantenbestand der lübischen 946 Vgl. hierzu Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes, S. 301 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 207]. 10 Kontrastiver Vergleich 309 Schreibsprache abweicht.947 Der Text weist auffällig viele markante ostfälische Merk‐ male auf. Ich stimme an dieser Stelle Robert Peters in seiner Feststellung zu, dass der Bearbeiter des ‚Reynke de vos‘ möglicherweise ein Ostfale gewesen ist.948 Dennoch ist zu betonen, dass sich die Sprachform des Lübecker ‚Reynke de vos‘ weitgehend ho‐ mogen, d. h. variantenarm darstellt, was mit dem Produktionsprozess zusammenhängen mag, dass es sich eben um einen gedruckten Text im Gegensatz zu den (sukzessive erfolgten und von mehreren Schreibern vorgenommenen) handschriftlichen Eintra‐ gungen des Lübischen Urkundenbuches und der Ratsurteile handelt. ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Rostocker Vergleichskorpus und zum Lübecker ‚Reynke de vos‘ (1498) Tabelle 2 soll die Unterschiede zwischen dem Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘- Druck aus dem Jahre 1539, den beiden weiteren Rostocker Vergleichstexten aus den Jahren 1510 und 1523 sowie den Forschungsergebnissen zum Sprachstand in Ros‐ tock und Mecklenburg veranschaulichen. Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses Senkung von e > a vor r + Konsonant er er/(ar 2) er/(ar) er → ar parle barnende harte start barch949 er950 Schreibung von tl. ō o/(a) a/(o) bauen/bouen gespraken bade gade gebroken a/(oͤ 1) bade bauen Gade Haue laue o → a bevalen salen vorlaren namen gades951 a952 10.4 947 Auf die Nichtübereinstimmung der Mohnkopf-Drucke mit der zeitgenössischen städtischen Über‐ lieferung Lübecks weist bereits Peters in seinem Beitrag zur Sprache von Herman Bote hin. Vgl. Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes, S. 307 [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 213]. 948 Diese Feststellung gilt ferner auch für die anderen Mohnkopf-Drucke, insbesondere jedoch für die Lübecker ‚Narrenschyp‘-Ausgabe. Vgl. Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreib‐ sprache Botes, S. 306-307 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 213f.]. 949 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, 19, 159. 950 Zu vermuten ist jedoch ar-Aussprache. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 46f. 951 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 25, 28, 31. 952 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 23. Teil II B Textkontrastive Analyse 310 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich wedder edder nedder weten beter leddich open eddel/(edel 1) hemmel neder/nedder beneden/ (benedden 1) wedder/ (weder 1) beter weten edder ledder somer eddel hemmel nedden, nedder wedder honnich leddich weten beter/(better) eten weten seten953 scheppen bedden redden settinge leddich954 vadder/vader fedder wedder biddent ledder hemmel eddel schottel nedden leddich honnich955 sader schepel reden ketel956 ê2 ey/e/(ee, ei)957 e/ee/ey958 e/ey/ee959 e/ee/ey/(ei)960 e961 e/ee962 e963 ey, ei/ee/eͤ/(e)964 e/(ee)965 ee/(e, eͤ)966 ei/e967 e/ee968 ê3 ey969 ey/e970 e/(ey, ee)971 ey, ei /(e)972 keine Angaben ei/e973 953 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 29. 954 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 20. 955 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 27ff. 956 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 24. 957 In offener Silbe. 958 In geschlossener Silbe. 959 In offener Silbe. 960 In geschlossener Silbe. 961 In offener Silbe bei ê2 → ê4. 962 In geschlossener Silbe bei ê2 → ê4. 963 In offener Silbe. 964 In geschlossener Silbe. 965 In offener Silbe bei ê2 → ê4. 966 In geschlossener Silbe bei ê2 → ê4. 967 Außer vor r oder w. Dort . Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 38. 968 Laut Scharnhorst unterschieden sich ê1, ê2 und ê4 wohl kaum in der Längenbezeichnung. Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 51, 84. Zur Entwick‐ lung von ê2 in den mecklenburgisch-schwerinischen Landmundarten vgl. insbes. die Bemerkung ebd., S. 73. 969 Geringe Beleglage. Keine Belege in der offenen Silbe, nur wenige Belege für die geschlossene Sil‐ be. 970 In offener Silbe. 971 In geschlossener Silbe. Es ist eine geringe Beleglage festzustellen. 972 In offener wie geschlossener Silbe. 973 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 58. 10 Kontrastiver Vergleich 311 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ê4 e974 ee/e975 e/(ee)976 ee/e977 e/(ee)978 ee/(e, eͤ)979 e980 e/ee/(ehe)981 ô1, ö̂1 oe 1 / oͤ 1982 oe/o/ oͤ983 o/(oͤ, oe)984 o/(oe, oͤ)985 keine Angaben o986 oe/oh/(oͤ)987 ô2, ö̂2 o/( oͤ 2)988 o/ oͤ / (oe 2)989 o990 o/(oe)991 o/(oͤ)992 o/(oe)993 keine Angaben994 o995 mnd. ou ouw/(ow) ouw/ow/(uw, auw) ouw ou/(au)996 ouw/ow howen peltzmouwen houwen mouwe anschouwen kouwen997 ‚-schaft‘ -schop -schop -schop -schap → -schop(pe)998 -schop999 974 In offener Silbe. 975 In geschlossener Silbe. 976 In offener Silbe. 977 In geschlossener Silbe. 978 In offener Silbe. 979 In geschlossener Silbe. 980 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 39. 981 Scharnhorst weist darauf hin, dass die ehe-Realisierung auf hochdeutschen Einfluss zurückzuführen ist. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 85. Zu den Frühzeugnissen für die Diphthongierung im Mecklenburgischen vgl. des Weiteren ebd., S. 75. 982 In offener Silbe. Geringe Beleglage. 983 In geschlossener Silbe. 984 In offener Silbe. 985 In offener wie geschlossener Silbe. 986 In offener Silbe keine Bezeichnung. 987 In geschlossener Silbe. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 86 und § 45. 988 In offener Silbe. 989 In geschlossener Silbe. 990 In offener Silbe. 991 In geschlossener Silbe. 992 In offener Silbe. 993 In geschlossener Silbe. 994 Keine scharfe Trennung von ô1, ö̂1 und ô2, ö̂2. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialek‐ tes, § 42. 995 In offener Silbe. 996 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44. Die au-Realisierung kommt aus‐ schließlich in der Rostocker Narrenschiff-Ausgabe und ist wohl auf den Einfluss der Lübecker Vor‐ lage zurückzuführen. 997 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 98f. 998 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 13, 127. 999 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 128. Teil II B Textkontrastive Analyse 312 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ‚gelegt‘ ‚gesagt‘ gelecht gesecht gesecht 31000 gelecht gesecht gesecht/ gesegget1001 gelecht1002 gelecht1003 ‚gewesen‘ g(h)ewest/ g(h)eweset gewest 1 gewesen/ gewest1004 wesen/ geweset1005 keine Angaben ‚dritte‘ drudden 2 derde druͤdde/ (drudde) dridde/ drudde1006 keine Angaben1007 ‚sechs‘ sos(z) 3 ses(z) soͤs ses/sos1008 sossen1009 soͤsse/soͤß ‚sieben‘ souen soͤuen/(souen) soͤuen seven → soven1010 soͤuen1011 ‚zwölf‘ keine Belege twelff 1 twelff 11012 twelf/twolf1013 twelve/ twolve1014 twolff1015/ twoͤlff1016/ twelff1017 ‚ihm‘ eme em/eme em/(eme 3) eme/em → em1018 keine Angaben 1000 Keine Belege für das Partizip Präteritum ‚gelegt‘. 1001 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 21. 1002 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 110. 1003 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 139. Die Par‐ tizip Präteritum-Form ‚gesagt‘ ist für die Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nico‐ laus Gryses nicht belegt. 1004 Diese Form scheint reimbedingt zu sein und zusätzlich unter dem Einfluss der Lübecker Vorlage zu stehen. 1005 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 112. 1006 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 15, 17, 143. 1007 Für die Rostocker Kanzlei hält Hampel fest, dass dort bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahr‐ hunderts ausschließlich die gerundeten Realisierungsmöglichkeiten drutte, druͦtte und drʉtte Ver‐ wendung fanden, während noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lediglich die Variante dritte zu verzeichnen war. Für das 15. Jahrhundert konnten in der Studien textkorpusbedingt leider keine Belege ausgemacht werden. Vgl. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleispra‐ che in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273. 1008 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 23, 142. 1009 Flektiert. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142. 1010 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 31 Anm. 1, § 142. 1011 Auch soͤuenmal. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133. 1012 Bedingt durch die Lübecker Vorlage. Keine Belege im Untersuchungsabschnitt. 1013 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 19, 142. 1014 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142. 1015 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 104. 1016 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132. 1017 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132. 1018 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, 243. 10 Kontrastiver Vergleich 313 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ‚dieser, diese‘ dusse desse/dusse/ (dese 11019) desse dese/desse/ disse/dusse1020 zunächst desse/ disse, später e → i1021 ‚solcher, -e, -es‘ sulk/(suͦlk 1) sodan/sulk/ sol(c)k solk/soͤlk/ sodan (suͤlk 1) sulk1022 sol(c)k/suͤlck/ soͤlcker/ suͤlcker1023 ‚kein‘ neyn1024 nen 11025 nen/neyn/ (nein 1)1026 neen1027 nen1028 nen/neen/ keine1029/ neͤn 2/ neyn 11030 keine Angaben1031 nene/neine1032 nein/neen/ (kein)1033 ‚niemand‘ nemant nemande1034 nemant nemande1035 neman(d)t nemande1036 nemen/ numment1037 nemende1038 keine Angaben 1019 Die Realisierung desen scheint reimbedingt zu sein (desen : lesen). 1020 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 147. 1021 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 34. Als Kennzeichen der mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock seit dem 14. Jahrhundert be‐ zeichnet Hampel die Variante desse. Vgl. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleispra‐ che in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178-179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273. 1022 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150. 1023 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 118f., 158. 1024 In offener Silbe. 1025 Geringe Beleglage in geschlossener Silbe. 1026 In offener Silbe. 1027 In geschlossener Silbe. 1028 In offener Silbe. 1029 Die Variante kein- ist ausschließlich in den Marginalien anzutreffen. 1030 In geschlossener Silbe. 1031 Für das 14. und 15. Jahrhundert stellt Hampel ein Nebeneinander von nen und nyn in der Rosto‐ cker Kanzleisprache fest, wobei die Hauptform nicht auszumachen ist, weil sich die Varianten in einem Verhältnis von etwa 1:1 gegenüberstehen. Vgl. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274. 1032 In offener Silbe. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 72. 1033 In geschlossener Silbe. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 63, 72. Peters kommt zum Schluss, dass sich die hochdeutsch induzierte Form kein erst Mitte des 17. Jahrhunderts durchsetzen konnte, während sie noch Ende des 16. Jahrhunderts eine Nebenform neben dem vorherrschenden Typ nên darstellte. Vgl. Peters, Variation und Tradition, S. 155 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 11]. 1034 Flektiert. 1035 Geringe Beleglage für die flektierte Form. 1036 Flektiert. 1037 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150. 1038 Flektiert. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150. Teil II B Textkontrastive Analyse 314 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ‚bis‘ bet bet(h)/went(he) bet(h) keine Angaben1039 beth1040 ‚gegen‘ jegen/ (gegen 1) yeg(h)en/ teg(h)en jegen, yegen keine Angaben jegen/gegen1041 ‚ohne‘ ane/ (sunder 1) sunder/ane ane/ (sunder)1042 keine Angaben keine Angaben1043 ‚zwischen‘ tuͤsschen tusken/ twisschen/ (tusschen 1, twischen 1, twyschen 1, twysschen 1) twisschen, twysschen tuschen1044 twischen1045 ‚oder‘ edder/(ofte, offte, offt) effte/offte/offt/ (edder/oft/ efte/ofte/off) edder/effte/ (efte) ofte/efte1046 edder/efte/ oder1047 komp. ‚als‘ dan/dann wen/dan alse/(als)/ dan/(den, denn, wan, wen, wenn) keine Angaben keine Angaben1048 1039 Für das 14. und 15. Jahrhundert wird die Form wente als übliche Variante der Rostocker Kanzlei angesehen, die Form bet ist in diesem Zeitraum nicht anzutreffen. Vgl. Hampel, Studien zur mit‐ telniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Cha‐ rakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274. 1040 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. XI. 1041 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 169. Vgl. auch Peters, Variation und Tradition, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 19]: „Spätmnd. ist […] jēgen vorherrschend; daneben wird, aus dem Hd. übernommen oder von ihm gestützt, gēgen häufiger, ohne jedoch jēgen bis heute völlig verdrängen zu können.“ 1042 In einer Randglosse. 1043 Peters verzeichnet in seinem Beitrag zum Kleinwortschatz des in Rostock im Jahre 1582 gedruck‐ ten ‚Nomenclator latinosaxonicus‘ des Nathan Chytraeus, eines lateinisch-niederdeutschen Wör‐ terbuchs, eine Durchsetzung des Typs âne im Spätmittelniederdeutschen in Mecklenburg. Er be‐ tont jedoch, dass für die „klassische“ mittelniederdeutsche Periode noch ein Nebeneinander der beiden Typen âne und sunder festzustellen ist. Peters, Variation und Tradition, S. 163 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 21]. 1044 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 17. Die von Hampel beschriebene Ent‐ wicklung im Formengebrauch sieht folgendermaßen aus: In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts benutzt die Rostocker Kanzlei die als nordniedersächsisch geltende Form twischen, während in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts eine Konkurrenz von twischen / twyschen und westfäl. tuͦschen sichtbar wird. Am Ende des 15. Jahrhunderts setzt sich in der Rostocker Kanzleisprache tuschen durch. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274. 1045 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 135. 1046 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 23. 1047 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 25, 161. 1048 Laut Peters verdrängt „[d]er Typ als(e) […] also in spätmnd. Zeit die mnd. Varianten wan / wen, dan / den immer mehr“. Im 16. Jahrhundert scheint in Mecklenburg der Typ den(n) noch durchaus im Gebrauch zu sein. Vgl. Peters, Variation und Tradition, S. 169f. [= Peters, Mittelniederdeut‐ sche Studien, S. 30]. 10 Kontrastiver Vergleich 315 Merkmal Bambergische Halsgerichtsordnung, Rostock 1510 Der schapher‐ ders Kalender, Rostock 1523 Reynke Vosz de olde, Rostock 1539 Nerger, Gram‐ matik des meckl. Dialektes Scharnhorst, Schriften Nico‐ laus Gryses ‚ob, falls, wenn‘ offt1049/ (jfft)/alse offte1050 offte 1 / alse effte 11051 wen/wenn/ effte/(alse wenn, alse effte, yfft) keine Angaben efft1052 ‚Reynke Vosz de olde‘ im Vergleich zum Rostocker Vergleichskorpus Auf den ersten Blick wird eine hohe Übereinstimmung der Kennformen zwi‐ schen allen drei herangezogenen Rostocker Drucken und den Forschungsergebnissen für den Sprachstand in Mecklenburg erkennbar. Bei genauerer Betrachtung werden jedoch einige bemerkenswerte Unterschiede und Entwicklungstendenzen sichtbar, die nun im Einzelnen thematisiert werden sollen. So darf zunächst auf die von Nerger in seiner Grammatik angesprochenen diachronischen Entwicklungen eingegangen werden, die anhand des Vergleichskorpus und des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ verifiziert werden können. Zum einen bestätigt sich Nergers Beobachtung hinsicht‐ lich der Ersetzung der früheren Mehrheitsvariante sēven für das Zahlwort ‚sieben‘ durch die labialisierte Variante sȫven. Letztere ist bereits bei Barckhusen anzutreffen, wird dann ausnahmslos in beiden Dietzschen Drucken verwendet und erscheint schließlich in den Schriften der Rostocker Predigers Nicolaus Gryse. Beachtung ver‐ dient ein sowohl für diese Variable als auch insgesamt verstärkter Gebrauch von Dia‐ kritika im ‚Reynke Vosz de olde‘ zwecks Umlautmarkierung oder Längenbezeich‐ nung gegenüber seiner Vorlage. Zum anderen darf der Verdrängungsprozess des an‐ fänglichen Suffixes -schap durch -schop(pe) ebenso als abgeschlossen gelten. In al‐ len behandelten Texten wird das Abstraktasuffix konsequent in der Form -schop ver‐ wendet. Dagegen ist für die Entwicklung o → a bei der schriftlichen Realisierung von tl. ō festzustellen, dass sie erst später endgültig abgeschlossen wurde. Für die übersetzte ‚Bambergiensis‘ von 1510 kann nämlich noch ein Nebeneinander von ound a-Schreibungen festgestellt werden, wobei die o-Realisierung eindeutig über‐ wiegt. Bereits im Texts des Kalenders von 1523 jedoch wird deutlich, dass sich die Verhältnisse verändert haben und dass die graphische Realisierung des tl. ō als nicht mehr dominiert, sondern im Gegenteil zur Seltenheitsvariante geworden ist. Auch der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ bleibt bei diesem Stand, während bei Gryse durchgehend die a-Schreibung für tl. ō verwendet wird. Dagegen scheint der bei Nerger beschriebene Prozess der Senkung von e > a vor r + Konsonant sich noch nicht wirklich in der Schrift niedergeschlagen zu haben. Der Text der ‚Bambergi‐ schen Halsgerichtsordnung‘ weist eine ausnahmslose Verwendung der er-Schreibung Tabelle 2: 1049 In der Bedeutung ‚falls‘. 1050 In der Bedeutung ‚als ob‘. 1051 Geringe Beleglage. 1052 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 161. Als mecklenburgische Varianten der „klassischen“ Periode bezeichnet Peters oft, eft und ift. Zum Spät‐ mittelniederdeutschen hin scheint sich der Typ eft im Mecklenburgischen durchgesetzt zu haben. Vgl. Peters, Variation und Tradition, S. 170 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 30]. Teil II B Textkontrastive Analyse 316 auf, während in beiden Dietzschen Drucken die ar-Schreibung zwar auftaucht, sich jedoch in einer eindeutigen Minderheit befindet. Für die Schriften Nicolaus Gryses stellt Scharnhorst eine durchgehende er-Realisierung fest, hebt aber gleichzeitig her‐ vor, dass es sich dabei um eine rein schriftliche Erscheinung handelt und dass eine ar- Aussprache anzunehmen ist. Jürgen Scharnhorst spricht in diesem Zusammenhang von einer „historischen, von der Sprachentwicklung überholten Schreibweise“.1053 Beeindruckend einheitlich ist die Tendenz zur Kennzeichnung bzw. in gewissen Fällen zur Nichtkennzeichnung der Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en und -ich. Er‐ wähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Variation zwischen den markierten und nicht markierten Varianten eddel / (edel), beneden / (benedden) und wedder / (we‐ der) im ‚Der schapherders Kalender‘-Druck, die möglicherweise durch den Einfluss der Lübecker Vorlage zu erklären ist. Eine ähnliche Schwankung ist nämlich für das Lübecker Vergleichskorpus im gesamten Zeitraum, aber v. a. für den Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druck aus der Mohnkopf-Offizin festzustellen. In der Kennzeich‐ nung der langen ê- und ô-Vokale werden ebenfalls Vereinheitlichungstendenzen sichtbar, sodass sich für alle Rostocker Vergleichstexte ein sehr einheitliches Bild er‐ gibt, das den in der Forschung beschriebenen mecklenburgischen Sprachverhältnis‐ sen entspricht. Zum mittelniederdeutschen Diphthong ou ist festzuhalten, dass sich die bei Nerger vermerkte Variation zwischen der dominierenden ou-Realisierung und der au-Variante mit marginaler Bedeutung in dieser Form nur in der ‚Der schapher‐ ders Kalender‘-Ausgabe wiederfindet, während die anderen Texte eine eindeutige Tendenz zur ouw-Realisierung demonstrieren und als (marginale) Nebenvari‐ ante aufweisen. Zudem ist in diesem Zusammenhang einschränkend anzumerken, dass Nerger die au-Realisierung für die Rostocker Narrenschiff-Neuausgabe aus dem Jahre 1519 feststellt, die, und hier schließe ich mich Scharnhorst an, „nur bedingt als Widerspiegelung meckl[enburgischer] Lautverhältnisse angesehen werden kann“.1054 Die Entwicklung ou(w) > au(w) kann also für den Rostocker Vergleichskorpus nicht bestätigt werden. In Bezug auf die im ‚Reynke Vosz de olde‘ gegenüber der Lübe‐ cker Vorlage vorgenommenen Veränderungen konnte herausgefunden werden, dass sich die Variantenvielfalt des ‚Reynke de vos‘ in der Rostocker Ausgabe nicht wie‐ derfindet. Auch an dieser Stelle wird eine deutliche Vereinheitlichungstendenz sicht‐ bar. Für die folgenden Kennformen konnte regionskonforme Variabilität oder kon‐ stante Realisierung ohne eindeutigen Einfluss seitens der lübischen Schriftsprache oder diatopisch anders verorteter Vorlagen ermittelt werden: Einerseits werden die Formen des Partizip Präteritum für leggen und seggen im gesamten Rostocker Ver‐ gleichskorpus stabil als gelecht bzw. gesecht realisiert. Bemerkenswerterweise wird im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ im Gegensatz zur gelacht aufweisenden Lübe‐ cker Vorlage ausschließlich gelecht verwendet. Andererseits wird in der Rostocker ‚Bambergiensis‘-Ausgabe und im ‚Der schapherders Kalender‘-Druck die Variante 1053 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 46. 1054 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 44; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 97. 10 Kontrastiver Vergleich 317 gewes(e)t für ‚gewesen‘ gebraucht, die bei Nerger neben dem Typ ‚gewesen‘, der ne‐ ben gewest für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck festgehalten werden konnte, verzeichnet ist. Für den Kalender-Druck ist die gemachte Feststellung nur be‐ dingt verallgemeinerbar, da es sich um einen Einzelbeleg für das Partizip Präteritum gewest handelt. Der Vergleich zwischen den beiden Reynke-Ausgaben gestaltet sich an dieser Stelle schwierig, weil sich im Lübecker ‚Reynke de vos‘ insgesamt nur fünf Belege für diese Variable finden. Es kann nur soweit gesagt werden, dass die Varian‐ tenverteilung in beiden Drucken in diesem Fall unterschiedlich ausfällt. Etwas ambi‐ valent erscheint in dieser Hinsicht die Variantenverteilung für das Zahlwort ‚sechs‘. In der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ kommt genauso wie im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck und den Schriften Nicolaus Gryses die für Mecklen‐ burg zu erwartende labialisierte Form sos(z) jeweils mit und ohne Umlautkennzeich‐ nung. Neben dieser Form erwähnt Nerger auch die Variante ses, die im Rostocker Vergleichskorpus jedoch ausschließlich für den ‚Der schapherders Kalender‘-Druck bezeugt ist. Es stellt sich nun die berechtigte Frage, ob im Dietzschen Druck aus dem Jahre 1523 die mecklenburgische Variante gebraucht wird oder ob in diesem Fall der Einfluss der Lübecker Textvorlage sichtbar wird. Schließlich ist die Nebenform ses im Lübecker Vergleichskorpus, darunter auch im Lübecker ‚Reynke de vos‘-Druck, häufiger zu registrieren. Leider gibt Nerger in diesem Falle keine Quelle für ses an, sodass diesbezüglich keine eindeutige Aussage getroffen werden kann. Ebenfalls auf‐ fällig erscheint der Befund für das Zahlwort ‚dritte(r)‘. Während in der ‚Bambergi‐ schen Halsgerichtsordnung‘ die gerundete Variante drudde erscheint, was des Weite‐ ren auch dem Befund für ‚Reynke Vosz de olde‘ und der Feststellung Nergers ent‐ spricht, ist für den ‚Der schapherders Kalender‘-Druck die ältere lübische und nicht mecklenburgische Form belegt, die in der Lübecker Schriftsprache später verdrängt wird. An dieser Stelle kann mit relativer Sicherheit eine Beeinflussung durch den Text der Vorlage angenommen werden. Außerdem muss leider die Frage offen blei‐ ben, warum die bei Nerger als Hauptform deklarierte Variante dridde in den Rosto‐ cker Drucken gemieden wird und stattdessen die von ihm als Nebenform bezeichnete gerundete Variante erscheint. Es bleibt an dieser Stelle anzumerken, dass die orts‐ fremde Variante dridde des Lübecker ‚Reynke de vos‘ in der Rostocker Bearbeitung ohne Ausnahmen an die mecklenburgischen Verhältnisse angeglichen wird. Im Bereich der Zahlwörter ist darüber hinaus auf die besondere Verteilung der Realisierungen für ‚zwölf‘ hinzuweisen. In der Rostocker ‚Bambergiensis‘ fehlen be‐ dauerlicherweise entsprechende Belege, sodass keine konkrete Aussage bezüglich ihrer diatopischen Zuordnung gemacht werden kann. In den beiden Drucken von Dietz findet der nicht gerundete grundsätzlich als mecklenburgisch einzuschätzende Typ twelff Verwendung, der zudem die nordniederdeutsche Normalform darstellt. An dieser Stelle muss jedoch einschränkend eingeräumt werden, dass es sich in beiden Fällen um Einzelbelege handelt, die durchaus auch in Anlehnung an die Lübecker Textvorlagen zustande kommen konnten. Für die lübische Schriftsprache ist nämlich keine Formenvarianz festzustellen, das Nebeneinander von twalff und twelf im Lübe‐ cker ‚Reynke de vos‘-Druck kann nicht als Maßstab gelten. Interessanterweise stimmt der Befund für die Schriften Gryses mit den Angaben von Nerger überein. Teil II B Textkontrastive Analyse 318 Mit anderen Worten ist für Mecklenburg noch für die Übergangsphase vom „klassi‐ schen“ zum Spätmittelniederdeutschen ein Nebeneinander von gerundetem twolf (flekt. twolve) und nicht gerundetem twelf (flekt. twelve) anzunehmen. Eine diachronische Entwicklung wird anhand der Kennform ‚ihm‘ sichtbar. Wäh‐ rend in der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ noch ausschließlich die ältere mecklenburgische Form eme gebraucht wird, findet im ‚Der schapherders Kalender‘- Druck ein Variantenausbau statt. Für ‚ihm‘ erscheint die jüngere apokopierte Form em, der ältere Typ eme kann als Nebenform gelten. Dieser Prozess setzt sich offenbar weiter fort und so findet im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ der apokopierte Typ em beinahe durchgehende Verwendung, während das ältere eme eine Seltenheitsvari‐ ante darstellt. Dies entspricht insgesamt der in der Grammatik des mecklenburgi‐ schen Dialektes beschriebenen Entwicklung, stellt aber auch eine logische Fortset‐ zung des Befunds für die ‚Reynke de vos‘-Vorlage aus dem Jahre 1498. Bemerkenswerte Überschneidungen in der Variantenverteilung ergeben sich bei der Vollform des Demonstrativpronomens ‚dieser‘. Als mecklenburgisch bezeichnet Nerger die Varianten dēse mit tl. Stammvokal, desse mit Vokalkürzung, disse und dusse, wobei die erstere zunächst dominiert. Scharnhorst hebt das anfängliche Ne‐ beneinander von desse und disse hervor, merkt anschließend aber an, dass später ein Übergang von e → i stattfindet, sodass die mittelniederdeutsche Nebenform in Meck‐ lenburg zur spätmittelniederdeutschen Hauptform wird. In den herangezogenen Ros‐ tocker Drucken aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist ein Nebeneinander von der im „klassischen“ Mittelniederdeutschen überwiegenden Form desse und den bei‐ den Nebenformen dusse und dēse ausschließlich für den ‚Der schapherders Kalen‐ der‘-Druck festzustellen, wobei die erstere vorherrscht. Barckhusen entscheidet sich dagegen eindeutig für die Nebenform dusse, Dietz seinerseits im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ für die mittelniederdeutsche Normalform desse. Daraus kann man schließen, dass sich die mittelniederdeutsche Nebenform disse tatsächlich erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durchgesetzt hat, ohne dass es in den Drucken der ersten Hälfte desselben Jahrhunderts Voraussetzungen dafür gegeben hätte. Es spricht alles dafür, dass es sich dabei um eine relativ zügige Entwicklung handelt. Beachtet man den diachronischen Aspekt zusammen mit dem Einfluss der vor‐ dringenden hochdeutschen Sprache, wird ersichtlich, dass für das Demonstrativpro‐ nomen ‚solcher, -e, -es‘ ein Variantenausbau stattfindet. Als mecklenburgisch be‐ zeichnet Nerger die Form sulk, die als alleinige bei Barckhusen Verwendung findet. Im Dietzschen ‚Der schapherders Kalender‘-Druck kommen jedoch zwei weitere Va‐ rianten sodan und sol(c)k dazu, von denen vor allem die erstere wohl auf den lübi‐ schen Einfluss schließen lässt. Ähnlich sieht die Variantenverteilung im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus, wobei der Typ solk mit und ohne Umlautkenn‐ zeichnung eindeutig dominiert und sulk lediglich eine Seltenheitsvariante darstellt. Hier hebt sich das Rostocker Tierepos von seiner Lübecker Vorlage ab. Gryse meidet die Form sodan und verwendet sol(c)k neben suͤlck. Auffällig ist der Gebrauch der hochdeutsch induzierten Varianten soͤlcker und suͤlcker, die für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts noch nicht festzustellen sind. Es scheint eine Entwicklung von sulk > solk zu geben. Somit stimmt der Befund im Großen und Ganzen mit Feststellung 10 Kontrastiver Vergleich 319 Peters’ überein, dass die Variante solk „als eine im Mecklenb[urgischen] des 16. Jahrhunderts gebräuchlichere Form angesehen werden [kann]“.1055 Ferner wird ein Übergang zum spätmittelniederdeutschen Formenstand beim Negativpronomen ‚kein‘ sichtbar. In den älteren Vergleichsdrucken von 1510 und 1523 wird noch aus‐ schließlich die mecklenburgische Normalform nên verwendet, während im Text des ‚Reynke Vosz de olde‘ sowie in den Schriften Gryses daneben gelegentlich die hoch‐ deutsche Form kein erscheint. Jedoch muss angemerkt werden, dass die Verwendung des Typs kein im ‚Reynke Vosz de olde‘ höchst wahrscheinlich durch den Einfluss der Prätexte der jüngeren Glosse bedingt ist, die Lübecker Vorlage für den Erzähltext gibt in dieser Hinsicht keine Unterstützung. Der Ersetzungsprozess der niederdeut‐ schen durch die hochdeutsche Form kann noch lange nicht als abgeschlossen gelten, was wiederum mit der Aussage von Robert Peters übereinstimmt, der in seiner Un‐ tersuchung zum Kleinwortschatz im ‚Nomenclator latinosaxonicus‘ feststellt, dass „sich kein in der Mitte des 17. [Jahrhunderts, S. T.] durchgesetzt“ hat.1056 Zu ähnli‐ chen Ergebnissen führt die Betrachtung der Variantenverteilung für ‚gegen‘. Jedoch entspricht hier den mecklenburgischen Sprachverhältnissen nur der ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck, obwohl seine Vorlage durchaus die lübische Nebenform teghen verwen‐ det. Die ‚Bambergiensis‘ weist nämlich neben der dominierenden Variante jegen den einmaligen Gebrauch von gegen, der offenbar auf den Einfluss der hochdeutschen Textvorlage zurückzuführen ist. Interessanterweise passt der Rostocker Bearbeiter des ‚Schapherders Kalenders‘ den Sprachstand seiner Textvorlage an die mecklen‐ burgischen Gegebenheiten nur oberflächlich an, sodass in der 1523 erschienenen Neuausgabe sowohl die zu erwartende Form yeg(h)en als auch lübische Nebenform teg(h)en auftauchen. Bei Gryse macht sich dagegen eine spätmittelniederdeutsche Entwicklung bemerkbar, wo die Variante gegen, beeinflusst und gestützt durch das Hochdeutsche, immer häufiger vorkommt, aber den führenden Typ jegen nicht voll‐ ständig verdrängt. Eine besondere Stellung nimmt die Variantenverteilung für die Präposition ‚bis‘ ein. Während Barckhusen den Typ wente, der neben bet als mittelniederdeutsche Normalform gilt, in seiner bearbeitenden Ausgabe der ‚Bambergiensis‘ meidet und ausschließlich die Variante bet benutzt, findet sich im Dietzschen ‚Der schapherders Kalender‘-Druck ein Nebeneinander von bet(h) und went(he). Es stellt sich die be‐ rechtigte Frage, inwiefern hier die Abhängigkeit der mecklenburgischen Sprachver‐ hältnisse von der hansischen Schriftsprache lübischer Prägung eine Rolle gespielt hat oder ob es sich rein um den Einfluss der Lübecker Vorlage aus dem Jahre 1519 han‐ delt. Schließlich verwendet Dietz im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus‐ nahmslos die als spätmittelniederdeutsche Normalform geltende Form bet(h) und weicht hiermit von der Lübecker Vorlage ab. Erstaunlich einheitlich erscheint die Realisierung neman(d)t, flekt. nemande für das Pronomen ‚niemand‘ in beiden Dietz‐ 1055 Peters, Variation und Tradition, S. 154 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 9]. 1056 Peters, Variation und Tradition, S. 155 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 10]. Vgl. zu‐ dem Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 63, Anm. 1; Wossidlo / Teuchert, Mecklenburgisches Wörterbuch, Bd. IV, 212 ff. Teil II B Textkontrastive Analyse 320 schen Drucken und dem Vergleichsdruck von Hermann Barckhusen. Diese Einheit‐ lichkeit erstaunt v. a. deswegen, weil bei Nerger durchaus gerundete Varianten belegt sind. Peters ordnet labialisierte Formen v. a. dem westfälischen und nordniedersäch‐ sischen Raum zu und stellt diese dem ostfälischen Typ nêmet entgegen.1057 Zudem ist bei Nerger die t-lose Variante nemen verzeichnet, die wohl als ältere ostelbische bzw. mecklenburgische Form zu interpretieren ist. Die Distribution der Realisierungsvarianten bei den Präpositionen ‚ohne‘ und ‚zwischen‘ ist auch bemerkenswert, v. a. weil sie mit Abstand nicht so einheitlich wie bei ‚bis‘ oder ‚gegen‘ ausfällt. Für die Präposition ‚ohne‘ ist festzustellen, dass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck dieselbe Variantenverteilung wie die ‚Bam‐ bergische Halsgerichtsordnung‘ aufweist, nämlich es wird fast durchgehend der Typ âne verwendet, sunder stellt gleichzeitig eine Seltenheitsvariante dar. Eine solche Va‐ riantenverteilung entspricht durchaus den späteren mecklenburgischen Sprachverhält‐ nissen, wo im 14. und 15. Jahrhundert noch der Typ sunder prävaliert und sich im Spätmittelniederdeutschen hingegen ausschließlich der Typ âne findet. Gleichzeitig spiegelt diese Verteilung den Stand der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Vorlage wider. Im ‚Der schapherders Kalender‘-Druck entspricht die Variantenverteilung jedoch noch dem älteren Stand, d. h. sunder ist die Hauptvariante, âne die Nebenvariante. Sicher‐ lich könnte eine solche Variantenverteilung im ‚Der schapherders Kalender‘-Druck daher rühren, dass der Text der Vorlage sie ebenfalls aufweist. Dies wäre wiederum nicht überraschend, schließlich hält sich der Typ sunder im Lübischen länger als im Mecklenburgischen. Für die Präposition ‚zwischen‘ ist zunächst festzuhalten, dass Nerger nur die ältere mecklenburgische Form tuschen verzeichnet, die in dieser Form ausschließlich in der niederdeutschen ‚Bambergiensis‘ vorzufinden ist. Bischoff stellt jedoch in seiner Untersuchung zur Präposition ‚zwischen‘ fest, dass sowohl in Lü‐ beck als auch in Mecklenburg beide in Norddeutschland vorherrschenden Formen gebraucht wurden, d. h. die ursprünglich ostfälische Form twischen und die aus dem Westfälischen kommende Form tuschen.1058 Dies bestätigt ferner der Befund für den ‚Der schapherders Kalender‘-Druck, wobei die Form tusken noch überwiegt. Für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ und die Schriften Nicolaus Gryses liegt konstanter Gebrauch der spätmittelniederdeutschen, auch im Mecklenburgischen zu erwarten‐ den Normalform twi(s)schen vor, was wiederum heißt, dass der Prozess des Varian‐ tenabbaus wohl bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts abgeschlossen wurde. Schließlich ist anzumerken, dass das Rostocker Tierepos in diesem Fall seiner Vorla‐ ge folgt, die ebenfalls einen konstanten Gebrauch von twysschen aufweist. Zudem werden anfängliche Variantenausbau- und anschließende Variantenabbau‐ prozesse im Bereich der Konjunktionen sichtbar. Im besonderen Maße betrifft diese Feststellung die Konjunktion ‚oder‘, die laut Nerger im Mecklenburgischen in den Va‐ rianten efte und ofte vorliegt. Dieser widerspricht jedoch Härd, der den Gebrauch von 1057 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 101 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 90f.]. 1058 Bischoff, Zu niederdeutsch twisken, twischen: tüsken, tüschen, S. 6. 10 Kontrastiver Vergleich 321 ofte in mecklenburgischen Quellen nicht bestätigt.1059 Interessanterweise findet sich bei Barckhusen jedoch ein Nebeneinander von in der hansischen Schriftsprache do‐ minierenden Form edder und ofte, offte, offt. Wenn die Feststellung stimmt, dass Her‐ mann Barckhusen aus der Wesergegend stammt, wäre das eine weitere mögliche Er‐ klärung für die Verwendung der ofte-Varianten, die sonst eher im nordwestlichen Mittelniederdeutschen anzutreffen sind.1060 Auf den Einfluss der hochdeutschen Vor‐ lage für die Rostocker ‚Bambergiensis‘ ist der Befund wohl nicht zurückzuführen. Ebenfalls eigentümlich erscheint der Befund für den ‚Der schapherders Kalender‘- Druck. Neben den zahlreichen ofte-Varianten und edder, hier mit geringer Bedeu‐ tung, taucht im Druck von 1523 die eigentlich für Mecklenburg zu erwartende Form effte. Während effte in der ‚Der schapherders Kalender‘-Ausgabe überwiegt, domi‐ niert im ‚Reynke Vosz de olde‘ eindeutig der edder-Gebrauch. Daneben erscheint eff‐ te / efte. Der Befund für das Rostocker Tierepos lässt sich auf diese Weise in den Trend der hansischen Schriftsprache einordnen. Gleichzeitig fällt der Variantenabbau gegenüber dem früheren Druck des Ludwig Dietz, ein Variantenersatz gegenüber dem Text der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ und eine abweichende Präfe‐ renzensetzung als in der Lübecker Vorlage aus dem Jahre 1498 auf. Der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ kann diesbezüglich eher als charakteristischer Vertreter der spätmittelniederdeutschen Phase bezeichnet werden. Für Gryses Schriften ist ein er‐ neuter Variantenausbau festzustellen, der durch die spätmittelniederdeutsche, hoch‐ deutsch gestützte Variante oder zustande kommt, die zusätzlich zu edder und effte Verwendung findet. Für die konditionale Konjunktion ‚ob, falls, wenn‘ lässt sich fol‐ gende Variantendistribution festhalten: Barckhusen bleibt beim für mecklenburgische Quellen typischen Nebeneinander von offt, jfft und alse offte. Erstaunlicherweise meidet er den Gebrauch der ebenfalls mecklenburgischen Variante eft. Diese ist je‐ doch in der ‚Der schapherders Kalender‘-Ausgabe neben offte vertreten. Insgesamt ist die Beleglage in diesem Druck nicht dicht genug, um differenziertere Aussagen treffen zu können. Für ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ein vielfältiges Nebeneinander von mecklenburgischen effte, alse effte, yfft und den hochdeutsch induzierten, erst für das Spätmittelniederdeutsche zu erwartenden Varianten wen, wenn, alse wenn zu konsta‐ tieren. Es erstaunt v. a. die Dominanz der aus dem Hochdeutschen eingedrungenen Variante wen, obwohl ansonsten ‚Reynke Vosz de olde‘ noch ziemlich fest in der „klassischen“ mittelniederdeutschen Tradition mit einigen spätmittelniederdeutschen Einsprengseln steht. Der Einblick in die Lübecker Vorlage ergibt bedauerlicherweise kein klares Bild, es finden sich nur insgesamt zwei Belege für efte. Scharnhorst ver‐ zeichnet seinerseits einen ausnahmslosen Gebrauch des Typs efft für die Schriften des Predigers Gryse, der nach Angaben Peters’ erst in den Quellen des 16. und 17. Jahr‐ hunderts dominiert.1061 Schließlich ist auf die Varianz bei der Realisierung des komparativischen ‚als‘ einzugehen. Der Gebrauch bei Barckhusen ist als bemerkenswert einheitlich einzu‐ 1059 Vgl. Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 114f. 1060 Vgl. Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 114f. 1061 Vgl. Peters, Variation und Tradition, S. 170 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 30]. Teil II B Textkontrastive Analyse 322 schätzen. In seiner Übersetzung der ‚Bambergischen Halsgerichtsordnung‘ verwen‐ det er ausschließlich die Variante dan(n), die wohl auch durch ihre Nähe zum Hoch‐ deutschen der Textvorlage gestützt wurde. Die Variantenkombination dan neben do‐ minierendem wen ist für den ‚Der schapherders Kalender‘-Druck kennzeichnend. Zwar kann der verstärkte wen-Gebrauch auch durch die Lübecker Vorlage bedingt sein, jedoch scheint diese Kombination insgesamt regionskonform zu sein. Schließ‐ lich wird die Variante wen als die im Ostelbischen führende Form beschrieben.1062 Auffällig ist dagegen die Variantenvielfalt bei sonst einheitlichem ‚Reynke Vosz de olde‘. Neben der seit dem 14. Jahrhundert in der ostelbischen Sprache geläufigen Form wan / wen findet im Rostocker Tierepos die Variante dan / den(n) Verwendung, so wie es für das 16. Jahrhundert durchaus zu erwarten ist. Charakteristisch für das Spätmittelniederdeutsche ist das allmähliche Eindringen der hochdeutsch gestützten Variante als(e), die für den behandelten Text sogar als die dominierende Form zu be‐ zeichnen ist. Zudem ist nicht außer Acht zu lassen, dass die Lübecker Vorlage nur über zwei Varianten – nämlich dan und wan – verfügt, die im bearbeitenden Nach‐ druck aus dem Jahre 1539 zu Nebenvarianten werden. Der Befund für diese Variable gegenüber dem Vergleichskorpus ist somit einmalig. Zusammenfassung Es konnte gezeigt werden, dass der Sprachstand des Rostocker Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht identisch mit dem der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Vorlage ist. Die im Mohnkopf-Druck gebräuchlichen Ostfalismen und weitere nicht gebräuchliche, regionsfremde Elemente werden in der Rostocker bearbeitenden Ausgabe stets elimi‐ niert und durch regionskonforme Varianten ersetzt. Hierin wird eine Art diatopischer Normierungs- bzw. Vereinheitlichungstendenz deutlich. Ein Variantenabbau gegen‐ über der Lübecker Textvorlage findet überwiegend in den Fällen statt, wenn ‚Reynke de vos‘ eine besonders starke Variation aufweist oder wenn die jeweiligen Varianten miteinander nicht korrelieren, oder wenn der Variantenbestand insgesamt als unüb‐ lich für den behandelten Sprachraum, sei es Lübeck oder Mecklenburg, erscheint, wie es beispielsweise der Fall mit der schwankenden Verwendung von Simplex und Geminata bei weten / wetten oder edel / eddel ist. Vermutlich spielt hier eine nicht un‐ bedeutende Rolle die Auffälligkeit der betroffenen Merkmale: Besonders auffällige Merkmale werden durch regional nicht markierte ersetzt, weniger auffällige Formen können dagegen als Nebenformen wiederauftauchen. Ein Variantenausbau gegenüber dem Lübecker ‚Reynke de vos‘ kann vor allem dann beobachtet werden, wenn der Formenbestand durch entsprechende Regionalvarianten oder aktuellere, zum Teil auch spätmittelniederdeutsche oder hochdeutsch induzierte Formen vervollständigt wird. Es kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass die einzelnen Veränderungen entweder aus sprachgeographischen oder aus sprachhistorischen Gründen vorgenom‐ men werden. Das insgesamt einheitlichere Erscheinungsbild des Rostocker ‚Reynke 10.5 1062 Vgl. Peters, Variation und Tradition, S. 169 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 29f.]. 10 Kontrastiver Vergleich 323 Vosz de olde‘-Druckes gegenüber seiner Vorlage, das zusätzlich durch eine konse‐ quentere Substantivgroßschreibung und eine systematisiertere Zeichensetzung ge‐ stützt wird, macht deutlich, dass es sich um keinerlei oberflächliche Übertragung des Erzähltextes, sondern um eine sorgfältige Überarbeitung und v. a. Aktualisierung des sprachlichen Stoffes handelt. Der Vergleich der beiden Reynke-Ausgaben scheint auch aufschlussreich in Hinsicht auf die diatopische und diachronische Variation so‐ wie ausgewählte Sprachausgleichbewegungen im südlichen Ostseeraum in einem Zeitraum von weniger als einem halben Jahrhundert zu sein. Stellt man den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ aus dem Jahre 1539, der insge‐ samt noch in der mittelniederdeutschen Schrifttradition steht, weiteren Rostocker Drucken aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entgegen, wird deutlich, dass er sich ziemlich gut in das Gesamtbild der Rostocker Drucktradition des 16. Jahrhun‐ derts einfügt. Allerdings scheinen sich in ausgewählten Fällen einige Neuerungen durchgesetzt oder beinahe durchgesetzt zu haben, die wohl dem spätmittelniederdeut‐ schen Stand entsprechen, diese hat ‚Reynke Vosz de olde‘ mit den Schriften Nicolaus Gryses gemeinsam. Nur wenige dieser Erscheinungen sind bereits den Vergleichstex‐ ten aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, der ‚Bambergischen Halsgerichtsord‐ nung‘ und dem ‚Der schapherders Kalender‘-Druck, eigen, was davon zeugt, dass der Übergang vom „klassischen“ zum späten Mittelniederdeutschen in gewissen Berei‐ chen etwas später angesetzt hat. Ein wichtiger graphematischer Fortschritt, der der konsequenteren Umlautkennzeichnung, scheint sich erst später durchgesetzt zu haben. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ und in den Schriften Gryses erfährt die Umlautkennzeich‐ nung nämlich eine solche Verwendung, die deutlich über das Maß der Umlautmarkie‐ rungen in der niederdeutschen ‚Bambergiensis‘ und der Dietzschen Kalender-Ausga‐ be hinausgeht, und weist einen quasi systemhaften Charakter auf. Zahlreiche Kleinwörter stehen noch in der Tradition der hansischen Schriftspra‐ che lübischer Prägung, während andere, insbesondere Präpositionen und Konjunktio‐ nen, bereits als sprachliche Eigenständigkeiten des Spätmittelniederdeutschen gewer‐ tet werden können. In solchen Fällen werden Sprachwandelprozesse sichtbar, die sich jeweils im Variantenabbau- respektive -ausbau niederschlagen. Variantenabbau und Variantenersatz sind überwiegend in den Fällen zu verzeichnen, wenn die beiden frü‐ heren Drucke aus den Jahren 1510 und 1523 ältere mecklenburgische Formen benut‐ zen oder unter dem Einfluss ihrer Textvorlagen stehen und mitunter außermecklen‐ burgische Kennzeichen aufweisen. Variantenausbau findet vor allem dann statt, wenn hochdeutscher Einfluss auf die Texte vorliegt, dies ist bei der jüngeren Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ und bei Gryse der Fall, oder wenn andere diachronische Ten‐ denzen Anlauf nehmen. Hier weicht ‚Reynke Vosz de olde‘ von der Tradition der Drucke der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ab und verhält sich eher wie die Schriften des Nicolaus Gryse des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Allen drei zur Ana‐ lyse herangezogenen Rostocker Drucken ist jedoch eine auffällige Gemeinsamkeit abzunehmen, nämlich die der relativen Abhängigkeit von den jeweiligen Textvorla‐ gen bzw. Prätexten, die sich gelegentlich bemerkbar machen. Bei der ‚Bambergien‐ sis‘-Übertragung des Hermann Barckhusen sind es wie im Dietzschen ‚Reynke Vosz de olde‘ sporadische hochdeutsche Einsprengsel, im Rostocker ‚Der schapherders Teil II B Textkontrastive Analyse 324 Kalender‘-Druck geht es dagegen um den Einfluss der Lübecker Vorlage und eher lü‐ bische Merkmale. Des Weiteren wird der Einfluss der außermecklenburgischen Vor‐ lagen auf die Sprache der Rostocker Drucke sichtbar, indem die Variantenwahl durch die der Originaldrucke gestützt wird. So erscheinen beispielsweise Formen, die im Lübischen Mehrheitsvarianten darstellen und im Mecklenburgischen als Nebenvari‐ anten fungieren, durchaus vereinzelt in den Rostocker Drucken. Insgesamt kann man festhalten, dass der Einfluss der Vorlagen als relativ gering einzuschätzen ist, die meisten hochdeutschen Erscheinungen und lübischen Kennformen, die von den mecklenburgischen abweichen, kommen wirklich verhältnismäßig selten in den Tex‐ ten des Vergleichskorpus vor. Dagegen sind mundartliche Merkmale in den Drucken aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch nicht zu beobachten. Dieser Befund kann folgendermaßen in‐ terpretiert werden: Die „klassische“ mittelniederdeutsche Drucktradition, sicherlich auch die Schreibtradition, scheint im 16. Jahrhundert noch zu bestehen. Sie bricht al‐ so nicht ab, sondern lebt weiter nicht nur in das 16., sondern vielmehr in das 17. Jahr‐ hundert hinein, wovon prinzipiell auch der Sprachstand der Schriften Nicolaus Gry‐ ses zeugt. Dieses Fortleben der bestehenden Tradition kennt nur wenige Ausnahmen im Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘, jedoch sind diese weniger mundartlicher Natur, sondern sie sind auf den Einfluss der vordringenden hochdeutschen Sprache zurück‐ zuführen. Dieses Nebeneinander von mittelniederdeutschen Formen und den weni‐ gen hochdeutschen Elementen kann wohl bereits als erstes Kennzeichen des Über‐ gangs zum Spätmittelniederdeutschen gelten. Diese Aussage gilt sowohl für den ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck als auch ferner für die Schriften Gryses. Ansonsten macht sich der künftige Verfall des Mittelniederdeutschen und seine Abstufung wei‐ testgehend zum Dialekt in den Texten der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch nicht bemerkbar. Zusätzlich kann für die fehlenden mundartlichen Elemente in den behandelten Druckerzeugnissen des 16. Jahrhunderts eine Vermutung geäußert wer‐ den, dass sie im Vergleichskorpus textsortenbedingt ausbleiben. Bei der ‚Bambergi‐ schen Halsgerichtsordnung‘ handelt es sich um einen rechtlichen Text, ‚Der scha‐ pherders Kalender‘ kann als Vertreter des Bereichs der Wissensvermittlung gelten und ‚Reynke Vosz de olde‘ vereint in sich Merkmale rein unterhaltender und moral‐ didaktischer Literatur. Typisch mundartliche Wortformen sind dagegen eher im Be‐ reich der erheiternden Gelegenheitsdichtung und insgesamt der Gebrauchsliteratur zu erwarten.1063 Schließlich kann zusammenfassend festgehalten werden, dass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ insgesamt als ein charakteristischer Vertreter der Rostocker Druckersprache und der Rostocker Drucktradition der ersten Hälfte des 16. Jahrhun‐ derts aufgefasst werden kann. Die Rostocker Drucktradition des betrachteten Zeit‐ raums kann ihrerseits als ziemlich ausgeglichen und zur Vereinheitlichung neigend bezeichnet werden. Um die sprachliche Homogenität der Rostocker Drucke, die Pro‐ zesse des diachronischen Variantenabbaus und -ausbaus systematisch erfassen zu können, müsste der Untersuchungskorpus allerdings zum einen deutlich erweitert 1063 Vgl. auch Peters, Variation und Tradition, S. 175 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 36]. 10 Kontrastiver Vergleich 325 werden, zum anderen müsste überprüft werden, inwieweit die Textsortenproblematik eine Rolle bei den Tendenzen des Sprachausgleichs spielt. Teil II B Textkontrastive Analyse 326

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Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.