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2 Vorüberlegungen in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 29 - 42

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-29

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Vorüberlegungen Forschungsstand zum ‚Reynke Vosz de olde‘ Generell lässt sich vorweg festhalten, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘- Ausgabe trotz ihres außergewöhnlichen Stellenwertes bislang keiner systematischen Untersuchung unterzogen worden ist. Überraschenderweise ist sie überhaupt kaum oder sehr beschränkt in den Fokus der Literatur- wie Sprachwissenschaft gerückt. Si‐ cherlich trägt zu dieser Abseitsstellung in der Forschung nicht zuletzt die Tatsache bei, dass es im Gegensatz zur Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe bislang keine Volledition oder kommentierte Ausgabe existiert.28 Die vorliegende Forschungsliteratur zum ‚Reynke Vosz de olde‘ ist relativ über‐ sichtlich, die jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkte der einzelnen Beiträge lassen sich insgesamt in vier Gruppen zusammenfassen. Während sich die anfänglichen Ausein‐ andersetzungen mit dem Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck auf die Verfasser‐ frage29 beschränken, rückt des Weiteren die Frage nach der Definition bzw. Bezeich‐ nung der Glosse in den Mittelpunkt der Forschung. So hebt Bieling einleitend hervor, dass „die Rostocker Fuchsglosse […] in hervorragender Weise der Ausbreitung des Protestantismus gedient [hat]“.30 Wenig überraschend bekommt die Rostocker Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ anschließend ein Attribut „protestantisch“, das zu einer schärferen Unterscheidung zwischen der sogenannten katholischen Glosse zum Lü‐ becker ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 und der Glosse zur 1539er Ausgabe bei‐ tragen soll. An einer weiteren Stelle unterstreicht jedoch Bieling selber, dass „[d]as Werk […] fast eine Chrestomatie des damaligen Wissens“31 darstelle und bietet da‐ durch eine deutlich breiter aufgestellte Auffassung der Glosse. Daran schließt sich wenige Jahre später Brandes an, der die Bezeichnung als sogenannte protestantische 2 2.1 28 Vgl. ähnliche Bemerkung bei Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatori‐ schen Lehre, S. 255; Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 21: „Since the complete 1539 edition […] is available only on photocopy and Brandes’s 1891 edition of the gloss only in a few libraries, it is not surprising that much less has been written about this work“. Menke und Richards referieren zum einzigen Separatdruck der jüngeren Glosse, die sich bei Brandes findet, vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos. Zur geplanten kommentierten Erstedi‐ tion und Übersetzung vgl. Fn. 10. Die methodologischen Überlegungen zum Editions- und Überset‐ zungsprojekt finden sich bei Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Über‐ legungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers. 29 Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung, insbes. S. 13; Bran‐ des, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. IX-XX; Hofmeister, Der Verfasser der jüngeren Glosse; Stammler, Die deutsche Hanse und die deutsche Literatur, S. 237; Schafferus, Der Verfas‐ ser der jüngeren Glosse, insbes. S. 112-148. Zur Verfasserfrage vgl. Kap. 3.4 Zur Verfasserfrage. 30 Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung, S. 3. 31 Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung, S. 11. 29 Glosse für nicht unproblematisch hält und stattdessen von der jüngeren Glosse spricht.32 Moltzer vertritt in dieser Hinsicht die Meinung Brandes’ und betont in sei‐ ner Abhandlung zur jüngeren Glosse ihren bemerkenswerten Facettenreichtum.33 Den Hauptunterschied zwischen den beiden Glossen sieht Brandes nicht in ihren reli‐ giösen Ausrichtungen, sondern vorwiegend in der Einstellung der beiden Bearbeiter dem Erzähltext gegenüber: Während der ältere glossator stets im engen zusammenhange mit dem werke bleibt, das er commentieren will, und den umfang seiner ausdeutung so bemisst, dass nirgends die wir‐ kung der dichtung beeinträchtigt wird, stützt sich sein nachfolger auf die ältere erklärung und damit auf die dichtung nur insoweit, als sie ihm die handhabe bietet, seine besonde‐ ren absichten zu verwirklichen.34 Darin erkennt Brandes zum einen den Wunsch des Rostocker Glossators, „allen stän‐ den, besonders aber den fürsten, einen spiegel“ vorzuhalten, zum anderen „sucht er der sich steigernden vorliebe seiner zeitgenossen für sprichtwörter- und reimspruch‐ sammlungen rechnung zu tragen“.35 Als besonderes Verdienst ist Hermann Brandes die detaillierte Analyse der Prätexte der Glosse anzurechnen, die später von Ella Schafferus aufgegriffen, fortgesetzt und zum Teil vervollständigt wird.36 Als indirek‐ tes Hauptziel der Untersuchung der Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ von Schaffe‐ rus kann jedoch die Überprüfung der von Brandes geäußerten These von der Verfas‐ serschaft des Ludwig Dietz37 definiert werden. Zu diesem Zweck erfolgt in ihrer Stu‐ die zur jüngeren Glosse einerseits die Analyse des Stils des Verfassers, die Aufde‐ ckung seiner Arbeitsweise mit den Prätexten und Begründung ihrer Wahl sowie an‐ dererseits die Einschätzung seiner Einstellung der Reformation und der weltlichen Macht gegenüber.38 Zudem behandelt Schafferus die Frage der Weltanschauung des jüngeren Glossators und seine Sicht auf die mittelalterliche Ordnung der menschli‐ chen Gesellschaft in Stände.39 Des Weiteren nimmt sie ausgewählte historische Er‐ eignisse, insbesondere die in Mecklenburg, genauer unter die Lupe, um die von ihr vertretene These von der Verfasserschaft von Dietz zusätzlich zu untermauern. Zu‐ letzt wirft sie die Frage auf, ob er [der jüngere Glossator] die Glosse als Selbstzweck und die Dichtung nur als Aus‐ gangspunkt und zur Anknüpfung nimmt, um bestimmte Ideen auszusprechen, oder ob er dem Werke mit den Stilmitteln seiner Zeit dient,40 und kommt dann zum Ergebnis, dass eher Letzteres der Fall ist. 32 Vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos. 33 Vgl. Moltzer, De Reinke-glosse van 1539, insbes. S. 243-244. 34 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. IX. 35 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. X. 36 Vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. XX-XLV, 239-314; Schafferus, Der Ver‐ fasser der jüngeren Glosse, S. 26-43, 151-159. 37 Vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. XIX. Die Ersterwähnung findet sich be‐ reits bei Rollenhangen. Vgl. Rollenhagen, ‚Froschmeuseler‘, Bl. B 3r-B 4v. 38 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 13-84. 39 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 84-99. 40 Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 12. Teil I Voruntersuchungen 30 Auch Richards’ vergleichend angelegte Studie41 ist den Verfassereinstellungen (attitudes) gewidmet. In ihrer Dissertation untersucht sie die Unterschiede zwischen vier Glossenkommentaren zu den volkssprachlichen Reineke-Ausgaben von 1498-1650.42 Sie versucht herauszufinden, inwieweit die Glossen die sozial- und kul‐ turgeschichtlichen Gegebenheiten der damaligen Zeit widerspiegeln.43 Als grundle‐ gende Einflussfaktoren gelten für sie dabei einerseits die vornehmlich moraldidak‐ tisch ausgerichtete Literatur, andererseits der Renaissance-Humanismus und schließ‐ lich die katholische bzw. protestantische Kirche. Neben den Verfasserintentionen44 unternimmt sie den Versuch die jeweiligen potentiellen Zielgruppen zu definieren und vergleicht eingehend zwei Glossenkommentare, um Unterschiede in der Glossie‐ rung und der Arbeitsweise der Bearbeiter zu greifen. Sie kommt zum Schluss, dass der Rostocker Glossator im Gegensatz zu seinem Lübecker Vorgänger, der in seiner Kommentierung näher am Textgeschehen bleibt und eher zu allgemeinen Vermerken neigt, sehr sorgfältig mit dem Erzähltext umgeht, was sich vor allem in der Verwen‐ dung von zahlreichen zu illustrativen Zwecken eingesetzten Prätexten äußert.45 Die Äußerungen seines Frankfurter Nachfolgers schätzt Richards dagegen als recht sub‐ jektiv ein: Since his aim is to derive from the narrative text pointers for day-to-day conduct, he is more concerned to provide maxims in his glosses, such as that a judge must not respect persons etc. He is also at pains to give illustrations taken, one imagines, from his own experience, concerning what should and should not happen.46 Bezüglich der Glosse der Rostocker Ausgabe von 1650 hält Richards fest, dass sie sich ungefähr so zur hochdeutschen Vorlage aus dem Jahre 1544 wie die Rostocker jüngere zur Lübecker älteren Glosse verhält.47 Im Hauptteil ihrer Untersuchung schaut sich Richards die Glossen im Hinblick auf die oben bereits erwähnten Einflussfaktoren genauer an. Zunächst beschreibt sie, inwieweit die Glossen als Fürstenspiegel48 fungieren, wie sie zur Obrigkeit, zum Rechtsystem und zur Rechtsausübung49 stehen, bevor sie sich mit der Reflexion von 41 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650. 42 Während Richards’ Untersuchungskorpus aus der Glosse zur präreformatorischen ‚Reynke de vos‘- Ausgabe aus Lübeck, der jüngeren Glosse zum Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘, der Glosse zur hochdeutschen Ausgabe aus Frankfurt von 1544 und der wiederum in Rostock im Jahre 1650 er‐ schienenen ‚Reineke Fuchs‘-Ausgabe besteht, zieht Bieling insgesamt fünf Glossen inklusive der la‐ teinischen Ausgabe von 1567 heran. Vgl. Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung. 43 Vgl. hierzu zudem später Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century. 44 Zu den Verfasserintentionen vgl. ferner Tsapaeva, Zur textuellen und metatextuellen Umsetzung di‐ daktischer Intentionen im „Reynke Vosz de olde“. 45 Vgl. dazu auch Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low Ger‐ man Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century. 46 Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 114. 47 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 114. 48 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 119-145. 49 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 146-207. 2 Vorüberlegungen 31 kirchlichen Gegebenheiten50 wie Beichte, Absolution, Kirchenbann, Pilgerreisen, Heiligenverehrung etc. befasst. Des Weiteren untersucht sie, welche Beleuchtung in den Glossen die Ständegesellschaft findet und wie die rechtliche und gesellschaftli‐ che Stellung der Frauen, die Rolle der Ehe etc. reflektiert werden. Zuletzt überprüft Richards, inwiefern die Glossen als Sittenspiegel gedeutet51 werden können und wie sie zur Fuchsfigur52 stehen, und hält dann zusammenfassend fest, dass alle vier Glos‐ sen als reflektierte und höchst aufschlussreiche Indikatoren für die kulturhistorische Situation der Zeitperioden, in denen sie erschienen sind, interpretiert werden kön‐ nen.53 Als vorletzter Schwerpunkt der ‚Reynke Vosz de olde‘-Forschung ist die weitere Rezeption dieses Druckes – insbesondere im skandinavischen Raum – anzusehen. An dieser Stelle sind die Untersuchung von Munske54 zur Übersetzung der Glosse ins Dänische (1555) und Schwedische (1621) sowie die Abhandlung von Hubertus Men‐ ke55 zu den Rezeptionsdetails des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ und seinem er‐ staunlichen nachhaltigen Erfolg sowie der verhältnismäßig umfassenden Breitenwir‐ kung zu nennen, wobei im letzteren Beitrag auch ein Deutungsversuch der Glosse unternommen wird und die Sorgfalt der Druckaufbereitung mehrmals betont wird.56 Explizit mit der sprachlichen Seite beschäftigt sich außer Prowatke, die den ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck neben elf weiteren Quellen im Rahmen ihrer Untersu‐ chung zur Ausbildung der Graphie in der Druckerei des Ludwig Dietz57 betrachtet, neuerdings Andreas Bieberstedt.58 In ihrer Habilitationsschrift behandelt zudem Rös‐ ler die jüngere Glosse zum ‚Reynke Vosz de olde‘ als Vertreter der Unterhaltungslite‐ ratur unter funktionalen und strukturellen sowie syntaktischen Gesichtspunkten.59 Einen weiteren Einblick in die sprachlichen Gegebenheiten des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes bieten insbesondere die Vorarbeiten der Verfasserin, die zum Teil dieser Arbeit zugrunde liegen.60 Anhand der computergestützten graphischen Analyse versucht Prowatke zum einen die Frage zu beantworten, inwieweit die Schreibung der Dietzschen Drucke mit 50 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 208-311. 51 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 312-489. 52 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 490-516. 53 Vgl. Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 516-531, insbes. S. 531. Vgl. dazu früher Bieling, Die Reineke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung. 54 Munske, Die skandinavischen Reineke-Fuchs-Übersetzungen des 16. bis 18. Jahrhunderts. 55 Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatorischen Lehre. 56 So äußert sich Menke u. a. zu den vereinheitlichten Holzschnittillustrationen, vgl. Menke, Populäre ‚Gelehrtendichtung‘ im Dienste der reformatorischen Lehre, S. 261. Zu den Illustrationen vgl. auch Vedder, Die Illustrationen in den frühen Drucken des Reynke de vos. 57 Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache; dies., Druckt tho Rozstock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 58 Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers. 59 Rösler, Satz – Text – Sprachhandeln. 60 Die dem Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck gewidmeten Aufsätze, die bereits in unterschiedli‐ chen Tagungsbänden in russischer Sprache erschienen sind, wurden 2015 in Form eines kleinen Sam‐ melbandes veröffentlicht. Vgl. Цапаева, Лингвистические и литературоведческие исследования животного эпоса «Рейнке лис» (Росток, 1539 г.). Teil I Voruntersuchungen 32 der überregionalen mittelniederdeutschen Schreib- und Literatursprache lübischer Prägung korreliert und ob die gedruckte Schreibung zum anderen auch lokale oder regionale sprachliche Besonderheiten aufdecken lässt. Ferner überprüft sie ihr Text‐ korpus auf die Belegformen, die entweder aus anderen mittelniederdeutschen Regio‐ nen oder aus dem hochdeutschen Sprachgebiet eingedrungen sind. In der graphischen Gestaltung der zur Analyse herangezogenen Texte sucht sie ferner Antworten auf die Fragen, wie die Rostocker Druckerei des Ludwig Dietz zu Problemen der Schrei‐ bung, wie sie für den hochdeutschen Sprachraum von Belang sind, steht und welche Faktoren sich auf die Schreibung – darunter auf die Interpunktion, den Majuskelge‐ brauch, die Dehnungkennzeichnung usw. – ausgewirkt haben.61 Einige Bemerkungen von Prowatke zur graphischen Gestaltung von ‚Reynke Vosz de olde‘ sind allerdings als korrekturbedürftig einzusehen, was mit der Tatsache in Verbindung zu setzen ist, dass sie in ihrer Studie insgesamt mit sehr kleinen Stichproben operiert. In seinem Beitrag zu den methodischen Überlegungen zur Neuübersetzung des ‚Reynke Vosz de olde‘ stellt Bieberstedt das Vorhaben vor, das von Ludwig Dietz in Rostock gedruckte Tierepos erstmals in transkribierter und sprach- wie literaturwissenschaftlich kommentierter Form herauszugeben und mit einer kommunikativ-funk‐ tional orientierten neuhochdeutschen Übersetzung zu versehen.62 Er setzt sich in ers‐ ter Linie mit den methodischen Grundlagen63 der geplanten intralingualen Überset‐ zung auseinander und legt die mit dem Übersetzten aus historischen Sprachstufen verbundenen spezifischen Problembereiche – hier hebt er beispielsweise historische Phraseologismen als eine besondere übersetzerische Herausforderung hervor – und Anforderungen64 dar. Schließlich stellt er den Untersuchungsgegenstand auch in sei‐ ner formalen und inhaltlichen Beschaffenheit vor.65 Abgesehen von den bereits erwähnten Beiträgen ist der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck selbstverständlich in verschiedenen literaturgeschichtlichen Überbli‐ cken und entsprechenden Katalogen erfasst.66 61 Vgl. Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatur‐ sprache, insbes. S. 6-7. 62 Vgl. Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüber‐ setzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 361-362. 63 Vgl. Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüber‐ setzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 365-371. 64 Vgl. Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüber‐ setzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 375-385. 65 Vgl. Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüber‐ setzung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 371-374. 66 Zum Beispiel bei Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 181; Wiechmann, Beiträge zur ältern Buchdruckergeschichte Meklenburgs, S. 36; Wiechmann, Meklenburgs altsächsische Literatur. I, Nr. LXXXIX; Prien, Reinke de vos, S. XXIX; BC I, Nr. 1312; von Radziewsky, Ludwig Dietz, Nr. 1395; Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 280-281. Für weitere bibliographische Nachweise siehe Menke, Bibliotheca Reinardiana. I, S. 281. 2 Vorüberlegungen 33 Sprachliche Verhältnisse in Mecklenburg und die allgemeine Sprachsituation in Norddeutschland der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Das 16. Jahrhundert kann wohl als einer der bewegtesten und vor allem folgenreichsten Abschnitte der Sprachgeschichte Mecklenburgs, aber auch ganz Norddeutsch‐ lands bezeichnet werden.67 Noch Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts erlebt das Mittelniederdeutsche, gefördert offenbar durch die Einführung und Verbreitung des Buchdrucks in Norddeutschland, einen herausragenden Höhepunkt seiner Schriftlichkeit. Jedoch signalisiert dieser letzte Höhepunkt zugleich auch den konti‐ nuierlichen, schleichenden Kraftverlust der als Handels- und Verkehrssprache der Hanse in Norddeutschland sowie darüber hinaus im gesamten Ostseeraum gegolte‐ nen mittelniederdeutschen Schriftsprache und ihre allmähliche Ersetzung durch das Hochdeutsche, dessen sukzessive Vordringung vom ostmitteldeutschen Kulturraum ausgehend bereits seit dem Ende des 15. Jahrhunderts zu verzeichnen ist.68 Bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts beginnt sich der Niedergang der mittelniederdeutschen Schriftsprache, einhergehend mit dem wirtschaftlichen und politischen Niedergang des Hansebundes, abzuzeichnen. Einige südöstliche Areale des mittelniederdeutschen Sprachraumes gehen sogar bereits Ende des 14., Anfang des 15. Jahrhunderts zur hochdeutschen Schriftsprache über.69 2.2 67 Vgl. Steinmann, Volksdialekt und Schriftsprache in Mecklenburg; Dahl, Das Eindringen des Neu‐ hochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, bes. S. 3-4, 15-18, 180-184; Gabrielsson, Die Verdrängung der mittel‐ niederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache, S. 139-140, 146-150; Rösler, Soziale und funktionale Aspekte der Durchsetzung des Hochdeutschen; dies., Soziale und funktionale As‐ pekte der Durchsetzung des Hochdeutschen im offiziellen Schriftverkehr Mecklenburgs; Gernentz, Die Sprachentwicklung in Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter und in der frühen Neuzeit; Rösler, Aspekte einer Sprachgeschichte des Ostniederdeutschen. Zum Schreibusus und zum Varian‐ tenabbau in der Rostocker Kanzlei im 14. und 15. Jahrhundert vgl. Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert; dies., Zur Charakteri‐ sierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert. 68 Die Ursachen für den relativ raschen Niedergang der mittelniederdeutschen Schriftsprache und ihrer vergleichsweise zügigen Ablösung durch das Hochdeutsche werden in der Forschung bereits seit lan‐ gem kontrovers diskutiert. Betont werden sowohl außersprachliche, sozioökonomische und histo‐ risch-politische Faktoren als auch sprachbezogene Aspekte, die unter anderem den wachsenden Ein‐ fluss des ostmitteldeutschen Sprachraumes betreffen, der die traditionelle Konkurrenzsituation zwi‐ schen dem Niederdeutschen und Hochdeutschen nachhaltig zugunsten des Hochdeutschen verändert. Vgl. hierzu Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache, S. 120-125; Sanders, Sachsensprache, Hansesprache, Plattdeutsch, S. 155-156; Sod‐ mann, Der Untergang des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache, S. 118-119 und insbes. S. 125-127; ders., Die Verdrängung des Mittelniederdeutschen als Schreib- und Druckersprache Norddeutschlands, S. 1509-1510. Speziell zu den Einflüssen, die den Niedergang des Mittelniederdeutschen in Rostock begünstigten vgl. Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei, S. 156-172. 69 Aufgrund ihrer Grenzlage zum mitteldeutschen Raum sind der elbostfälische und südliche märkischbrandenburgische Raum traditionell deutlich stärker sprachlichen Einflüssen seitens des Hochdeut‐ schen ausgesetzt als andere Regionen Norddeutschlands. Teil I Voruntersuchungen 34 Für den Bereich des Buchdruckes kann zwar eine allmähliche Zunahme der Zahl der niederdeutschen Drucke bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts verzeichnet werden, jedoch muss in Anbetracht gezogen werden, dass sich das quantitative Verhältnis von Druckerzeugnissen in niederdeutscher und hochdeutscher Sprache immer mehr zu‐ gunsten des Hochdeutschen verschiebt.70 Ein letzter Höhepunkt des niederdeutschen Buchdrucks lässt sich im Zeitalter der Reformation, deren Einführung und Ausbrei‐ tung in Norddeutschland71 einen ausschlaggebenden Faktor bei der Durchsetzung der hochdeutschen Schriftsprache darstellt, beobachten. Dies lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass die zahlreichen reformatorischen und gegenreformatorischen Schriften in den 20er und 30er Jahren des 16. Jahrhunderts mit Rücksicht auf die Sprachkom‐ petenz der Bevölkerung in niederdeutscher Sprache erscheinen.72 Die Verdrängung und anschließende Ablösung des Mittelniederdeutschen durch die hochdeutsche Schriftsprache betrifft jedoch nicht ausschließlich religiöse Litera‐ tur, es werden sämtliche Erscheinungsformen und Bereiche der zeitgenössischen Schriftproduktion erfasst.73 Am differenziertesten lässt sich der Übergang von der mittelniederdeutschen zur hochdeutschen Schriftlichkeit wohl im Bereich des Rechtsund Verwaltungsschrifttums der Kanzleien beobachten. Die städtischen, fürstlichen und geistlichen Kanzleien können als wesentliche Träger der mittelniederdeutschen Schriftsprache aufgefasst werden. Schließlich werden hier Verträge, Verordnungen, Testamente, Protokolle, Register und andere juristische Texte kontinuierlich und in Fülle produziert. Zum einen hat das den Vorteil, dass der Übergang zur hochdeut‐ schen Schriftlichkeit im städtischen Kanzleischrifttum quasi lückenlos nachvollzogen werden kann. Für das Heranziehen solcher Textzeugnisse spricht neben ihrer guten Zugänglichkeit zum anderen aber auch ihre Vergleichbarkeit aufgrund von relativ festen Textsortenkonventionen und Produktionsbedingungen sowie ihre normaler‐ weise eindeutige zeitliche und regionale Situierbarkeit. Der Verlauf der Ablösung des Mittelniederdeutschen in den Kanzleisprachen scheint von mehreren Faktoren, darunter zeitlichen, geographischen, funktionalen und textsortenbezogenen, beeinflusst zu sein. Unter dem zeitlichen Aspekt verläuft die Verdrängung der mittelniederdeutschen Sprache in drei Phasen, die eine Süd- Nord-Staffelung aufweisen.74 Beginnend im Südosten des niederdeutschen Sprach‐ raumes erfolgt die Ausbreitung der hochdeutschen Schriftsprache Richtung Ostsee‐ küste und von dort nachfolgend Richtung Nord- und Südwesten. Bereits zum Anfang des 16. Jahrhunderts lässt sich für Schwerin ein zunehmender Einfluss der hochdeut‐ 70 Vgl. insbes. Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei, S. 149-150; Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftspra‐ che, S. 136-137; König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 102 (Karte). 71 In Rostock setzt sich die neue Glaubenslehre im Jahre 1531 endgültig durch. 72 Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzen sich jedoch die ostmitteldeutsche Lutherbibel und der hochdeutsche Katechismus sowohl in der Lithurgie und kirchlichen Paxis als auch im Schulunter‐ richt durch. 73 Ausführlicher zum Sprachübergang in Rostock vgl. insbes. Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeut‐ schen in die Rostocker Ratskanzlei. 74 Vgl. insbes. Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache, S. 147-149. 2 Vorüberlegungen 35 schen Sprache abzeichnen, was sich u. a. durch die Beziehungen der fürstlichen Kanzlei in den hochdeutschen Sprachraum erklären lässt. Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts ist dieser Prozess für die sprachlich konservativen städtischen Kanzlei‐ en der Seestädte Wismar und Rostock festzustellen. Jedoch lässt sich die Durchset‐ zung des Hochdeutschen nicht nur in einer zeitlichen oder geographischen Staffelung darstellen, sondern es lassen sich ferner institutionenabhängige Unterschiede im Ver‐ lauf und Geschwindigkeit des Übergangs beobachten.75 So lässt sich in Bezug auf die institutionelle Gebundenheit feststellen, dass in Mecklenburg die Umstellung auf die hochdeutsche Sprache zunächst in der herzoglichen Familie und mit ihr in der fürstli‐ chen Kanzlei erfolgt. Im Gegensatz zu den städtischen Kanzleien solcher Handels‐ städte wie Stralsund, Rostock und Wismar, wo sich das Niederdeutsche noch länger hält, halten die Kanzleien der Residenzstädte Güstrow und Schwerin und ihnen fol‐ gend die Landstädte nicht lange am niederdeutschen Schreibusus. Zu beachten ist auch längeres Beharren auf der niederdeutschen Schriftlichkeit in den kirchlichen In‐ stitutionen, an der Universität und im schulischen Bereich. In Bezug auf die textsortenorientierte Gebundenheit kann konstatiert werden, dass sich der Schriftsprachenwechsel in den einzelnen Textsorten ebenfalls unter‐ schiedlich schnell manifestiert. So zeigen sich im Verwaltungsschrifttum der Kanz‐ leien adressatbezogene Präferenzen im Sprachgebrauch. Im auswärtigen Schriftver‐ kehr, etwa in den Briefen und Vertragsurkunden, ist in Abhängigkeit vom Sprachge‐ brauch der empfangenden Institution oder Person ein relativ frühzeitiger Übergang zum Hochdeutschen zu verzeichnen. In der institutionsinternen Kommunikation, et‐ wa in solchen stark konventionalisierten Textsorten wie Protokollen, Registern oder Stadtbüchern, bleibt das Niederdeutsche dagegen längere Zeit im Gebrauch. Insge‐ samt lässt sich festhalten, dass der Ablöseprozess des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache, der in Mecklenburg Ende des 15. Jahrhunderts einsetzt, erst um das Jahr 1600 als abgeschlossen gelten kann. Ludwig Dietz, seine Tätigkeit und Druckprogramm Vor der Erfindung des Buchdrucks76 war die Verbreitung des Wissens eher eine elitä‐ re Angelegenheit, die vornehmlich Adligen und Geistlichen vorbehalten war. In mü‐ hevoller, bald jahrelanger Handarbeit wurden gelehrte Schriften und Bücher vorran‐ gig von Mönchen und Priestern angefertigt. Jedes einzelne Buch, jede kunstvoll und 2.3 75 Zur institutionenabhängigen Ablösung des Mittelniederdeutschen zugunsten des Hochdeutschen am Beispiel des spätmittelalterlichen Mecklenburg vgl. v. a. Rösler, Soziale und funktionale Aspekte der Durchsetzung des Hochdeutschen; dies., Soziale und funktionale Aspekte der Durchsetzung des Hochdeutschen im offiziellen Schriftverkehr Mecklenburgs. Speziell zu Rostock vgl. Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei. 76 Einführend zur Erfindung und Entwicklung des Buchdrucks vgl. zum Beispiel Lorck, Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst; Nowottnick, Johannes Gutenberg und die Erfindung der Buch‐ druckerkunst; Geldner, Inkunabelkunde; Kästner, Johannes Gutenberg; Füssel, Johannes Guten‐ berg; Giesecke, Der Buchdruck in der frühen Neuzeit; Reske, Buchdruck (15./16. Jahrhundert). Teil I Voruntersuchungen 36 sorgfältig ausgearbeitete Abschrift stellte somit ein Unikat von unschätzbarem Wert dar, der jedoch nur für eine sehr begrenzte Gruppe von Belang war. Schließlich konn‐ te in der damaligen Zeit noch nicht jeder lesen und schreiben. Um 1450 brach nach der Erfindung des modernen Buchdruckverfahrens mit beweglichen Metalllettern von Johannes Gutenberg in Mainz dagegen wahrlich das neue Zeitalter ein, in dem zum einen Bücher relativ schnell, verhältnismäßig preiswert und v. a. in hoher Stück‐ zahl vervielfältigt werden konnten und zum anderen das bisherhige Bildungsmono‐ pol des Klerus und der Klöster aufgehoben wurde. Die neue revolutionäre Druck‐ technik ermöglichte nämlich eine massenhafte Verbreitung von neuen Ideen und In‐ formationen – vor allem in einer im Gegensatz zu handschriftlich angefertigten Kopi‐ en einheitlichen Form – und sorgte dafür, dass sich Bücher zu einem Medium mit bislang nicht vorstellbarer gewaltiger Macht, gar zu einer geistigen, religiösen wie politischen Waffe im Kampf um die öffentliche Meinung entwickelten. Das Wissen über die neuartige Drucktechnik verbreitete sich rasant, und so ent‐ standen in ganz Mitteleuropa – zunächst in Süddeutschland, der Schweiz und in Itali‐ en – bedeutende Druckereien.77 Der Druckoffizin in Mainz folgten in den 60er und 70er Jahren des 15. Jahrhunderts Bamberg78 (um 1457), Straßburg (um 1458), Basel (um 1464), Köln (um 1465), Eltville (1467), Augsburg79 (1468), Nürnberg80 (um 1470), Speyer (1471), Ulm (um 1472) und Erfurt (um 1473).81 Im norditalieni‐ schen Venedig begann der humanistische Gelehrte und geschäftstüchtige Verleger Aldus Manutius82 (it. Aldo Manuzio), der hier seine Offizin im Jahre 1496 eröffnete, antike – vor allem griechische – Klassiker zu drucken. Von hier aus revolutionierte er ferner erneut das europäische Buchdruckwesen, indem er quasi zeitgleich zwei neue Errungenschaften auf den Markt brachte: kleinformatige Bücher im Oktav (libri por‐ tatiles) und die erste gedruckte Kursivschrift, die er zusammen mit seinem wichtigs‐ ten Mitarbeiter Francesco da Bologna, genannt Griffo, entwickelte. Die neue Schrift 77 Zur Ausbreitung des Buchdrucks vgl. zum Beispiel Kästner, Johannes Gutenberg, S. 55-65; Ame‐ lung, Der Frühdruck im deutschen Südwesten; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer re‐ gionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 12; Reske, Buchdruck (15./16. Jahrhundert). 78 Zur Entwicklung des Buchdrucks in Bamberg liegen bereits gesonderte Studien vor, vgl. u. a. Schus‐ ter, Die Erfindung der Buchdruckerkunst und deren Verbreitung in Bamberg; Geldner, Die Buch‐ druckerkunst im alten Bamberg 1458/59 bis 1519. 79 Zum Buchdruck und Buchhandel in Augsburg vgl. zum Beispiel Gier / Janota, Augsburger Buch‐ druck und Verlagswesen; Künast, „Getruckt zu Augspurg“. Buchdruck und Buchhandel in Augs‐ burg zwischen 1468 und 1555; Hägele / Thierbach, Augsburg macht Druck. Vgl. auch den Exkurs bei Hermann, Worttrennung in Handschrift und Druck, S. 78-83. 80 Als einführende Literatur zum Buchdruck in Nürnberg empfiehlt sich Diefenbacher / Grieb, Das Nürnberger Buchgewerbe. 81 Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts gab es allein in Deutschland etwa 400 Druckereien. Vgl. u. a. den Exkurs bei Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 12. Zur Chronologie der Druckorte vgl. u. a. Teichl, Wiegendruck im Karten‐ bild; Kästner, Johannes Gutenberg, S. 56; Reske, Buchdruck (15./16. Jahrhundert). Siehe auch Ge‐ samtkatalog der Wiegendrucke und Incunabula Short Title Catalogue. 82 Zum Leben und Werk von Aldus Manutius vgl. zum Beispiel Schück, Aldus Manutius und seine Zeitgenossen in Italien und Deutschland; Лазурский, Альд и альдины; Fletcher III., New Aldine Studies; Davies, Aldus Manutius. Printer and publisher of Renaissance Venice; Nuovo, Manutius, Aldus; Infelise, Manuzio, Aldo, il Vecchio; ders., Aldo Manuzio: la construzione del mito. 2 Vorüberlegungen 37 erschien platzmäßig deutlich ökonomischer als die zuvor verwendeten Antiquaschrif‐ ten – im deutschen Sprachraum auch als die den damaligen Handschriften der Mön‐ che nachempfundenen gotischen Schriften – und wurde sofort von anderen Druckern kopiert und weiterverwendet. Auch diese beiden Erfindungen unterstützten sicherlich die bereits seit Gutenberg steigende Buchnachfrage und waren eine willkommene Er‐ gänzung im Zeitalter der ersten Medienrevolution. Auch Rostock, das zur damaligen Zeit eine nicht unbedeutende Rolle im Kauf‐ manns- und Städtebund der Hanse spielte, gewann nach Lübeck83 (1473), wo Lucas Brandis84 und später Bartholomäus Ghotan85 wirkten, als zweitältester Druckort Norddeutschlands eine herausragende Bedeutung für den gesamten nordeuropäischen Raum.86 So erschien in Rostock bei den Brüdern vom gemeinsamen Leben87 (Frater‐ 83 Vgl. Peters, Die Rolle der Hanse und Lübecks in der mittelniederdeutschen Sprachgeschichte, S. 1502. Zum Buchdruck in Lübeck vgl. zum Beispiel Gläser, Bruchstücke zur Kenntnis der Lübe‐ cker Erstdrucke von 1464 bis 1524; Menke, Druckt to Lübeck. Niederdeutsche Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts aus norddeutschen Bibliotheken; Sodmann, Buchdruck, Buchhandel und Sprachkontakt; ders., Die Druckerei mit den drei Mohnköpfen; Bruns / Lohmeier, Die Lübecker Buchdrucker im 15. und 16. Jahrhundert: Buchdruck für den Ostseeraum; Menke, „Ghedichtet unde ghesath in der Keyserliken Stadt Lubeck“: der frühe Lübecker Buchdruck. 84 Vgl. zum Beispiel Gläser, Bruchstücke zur Kenntnis der Lübecker Erstdrucke von 1464 bis 1524, H. 1, S. 131-133; Altmann, Die Leistungen der Buchdrucker mit Namen Brandis im Rahmen der Buchdruckgeschichte des 15. Jahrhunderts, S. 29-34, 41-52; Debes, Lucas Brandis; Lohmeier, Bran‐ dis, Lucas. 85 Zum Leben und Werk Ghotans auch außerhalb Lübecks vgl. zum Beispiel Gläser, Bruchstücke zur Kenntnis der Lübecker Erstdrucke von 1464 bis 1524, H. 1, S. 139-165; ebd., H. 2 und Anhang; von Brandt, Bartholomäus Ghotan in Åbo; Angermann, Bartholomäus Ghotan in Novgorod; Altmann, Bartholomäus Ghotan, Magdeburgs Erstdrucker um 1480; Häkli, Bartholomäus Ghotan, der Dru‐ cker des ersten Buches für Finnland; Seidensticker, Bartholomäus Ghotan, Druckerzeugnisse und Bibliographie; Lohmeier, Nachträge und Berichtigungen zum Verzeichnis der Drucke Bartholomäus Ghotans; Seidensticker, Ghotan, Bartholomäus. 86 Zur Geschichte des Buchdrucks in Rostock vgl. zum Beispiel Lisch, Geschichte der Buchdrucker‐ kunst in Mecklenburg bis zum Jahr 1540; Möhlmann, Kritische Bemerkungen zur Geschichte der Buchdruckerei in Mecklenburg; Wiechmann, Beiträge zur ältern Buchdruckergeschichte Meklen‐ burgs; Crull, Rostocker Universitätsbuchdrucker im 16. Jahrhundert; Hofmeister, Beiträge zur Ge‐ schichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg; Wiechmann, Mecklenburgs altniedersächsische Li‐ teratur; Hofmeister, Weitere Beiträge zur Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg; Stieda, Studien zur Geschichte des Buchdruckes und Buchhandels in Mecklenburg; Prowatke, Zur Ausbil‐ dung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache; dies., Druckt tho Rozs‐ tock. Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Für weiterführende Literatur vgl. u. a. Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 791-792. 87 Zur Druckerei der Michaelisbrüder vgl. u. a. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklen‐ burg, S. 1-62; Meltz, Die Drucke der Michaelisbrüder zu Rostock 1476 bis 1530; von Radziewsky, Die Brüder vom gemeinsamen Leben (Michaelisbrüder); Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, insbes. S. 12-15; Händel, Der frühe Buch‐ druck in Rostock, S. 13-16; Pettke, Neuzuordnung von Drucken der Michaelisbrüder und der Offi‐ zin Ludwig Dietz; dies., Aus dem Druckschaffen der Rostocker Brüder vom gemeinsamen Leben; Krüger, 525 Jahre Buchdruck in Rostock: die Druckerei der Brüder vom Gemeinsamen Leben; dies., Von der Klosterdruckerei zur wissenschaftlichen Bibliothek: das Michaeliskloster der Brüder vom Gemeinsamen Leben in Rostock. Für weiterführende Literatur vgl. v. a. Reske, Die Buchdru‐ cker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 792-794. Für weiterführende Litera‐ tur s. d. Teil I Voruntersuchungen 38 herren) im Jahre 1476 das erste mit einem Datum versehene Buch. Die Brüder vom gemeinsamen Leben, die nach ihrem Schutzpatron auch Michaelisbrüder genannt wurden, kamen um das Jahr 1462 von Münster in Westfalen in die Hansestadt und fanden hier eine nicht zuletzt durch das Universitätswesen und den Humanismus ge‐ prägte Atmosphäre der Büchergelehrsamkeit vor. Das Buchdruckgewerbe der fratres domus Sanctem Michaelem wurde explizit von der Universität Rostock, die 1419 als erste nordeuropäische Universität gegründet wurde, unterstützt und gefördert. Es ist zudem bekannt, dass die Rostocker Universitätsgelehrten ihre Bücher bei den Brü‐ dern binden ließen.88 Des Weiteren ist zu vermerken, dass die Druckerpresse der Fra‐ terherren, die von 1476-1532/1533 offenbar mit zweimaliger Unterbrechung (1477-1481, 1502-1519) arbeitete und durch den Einzug der Reformation in Rostock dann zum Stillstand gebracht wurde, in erster Linie kirchlichen und schulpraktischen Zwecken diente. Nachweislich bestand die Werkstatt der Brüder noch bis in das Jahr 1542 hinein, ansonsten stand nach dem 1532 vom Rat erteilten Druck- und Verviel‐ fältigungsverbot die Bücherei der fratres den Stadtbewohnern offen. Bereits seit 1505 gab es in Rostock eine zweite Druckerei, die des seit 1480 an der Universität Rostock immatrikulierten Hermann Barckhusen.89 Der in westfäli‐ schen Warburg geborene Barckhusen, der ab 1500 als Rostocker Ratsschreiber und Notar tätig war, beschäftigte in seiner Privatdruckerei mehrere Setzer und Drucker, die er die Druckarbeiten ausführen ließ. So auch nacheinander Bernhard von dem Berge und Ludwig Dietz, der die Werkstatt 1512-1559 unter seinem Namen weiter‐ führte.90 Im Jahre 1514 kam eine weitere Offizin des aus Roßla in Thüringen stam‐ menden und in Erfurt studierten Dr. Nikolaus Marschalk, genannt Thurius, der be‐ reits in Erfurt (1501-1502) und Wittenberg (1502-1504), wo er als einer der ersten Universitätsprofessoren gelehrt hatte, für den Eigenbedarf eine Druckerei betrieb.91 Auch für Marschalk trifft zu, dass er lediglich Druckherr war. In Rostock druckte Marschalk, der ein bedeutender humanistischer Gelehrter war, vorwiegend seine ei‐ genen Schriften, jedoch gehörte zu seinem Druckprogramm neben den für die Uni‐ versität bestimmten Werken auch das erste Anatomiebuch des Mundinus (it. Mondi‐ no dei Luzzi). 88 Pettke, Der frühe Buchdruck in Rostock, S. 14. 89 Zur Privatpresse des Hermann Barckhusen und seinem Druckprogramm vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg, S. 63-91; Möhlmann, Druckerei von Hermann Barckhusen; Wiechmann, Drucke von Hermann Barckhusen; Hofmeister, Weitere Beiträge zur Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg, S. 192-206; von Radziewsky, Hermann Barckhusen; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 15-16; Händel, Der frühe Buchdruck in Rostock, S. 17-19; Grewolls, Barckhusen, Hermann. Für weiter‐ führende Literatur s. insbes. Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 793. 90 Vgl. Angaben bei Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 794-795. 91 Für weiterführende Informationen und Literatur vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklenburg bis zum Jahre 1540, S. 92-133; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regio‐ nalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 15-16; Händel, Der frühe Buchdruck in Rostock, S. 17-19; Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 794. 2 Vorüberlegungen 39 Mit dem in oberrheinischem Speyer, wo es mit Peter Drach dem Älteren bereits 1471 die erste Druckerei gab, gebürtigen Ludwig Dietz92 gab es in Rostock also den ersten Buchdrucker und Verleger, der diesen Beruf als Hauptberuf ausübte. Als einer der insgesamt vier Rostocker Buchdrucker wurde er und seine Druckerei am histori‐ schen Hopfenmarkt an der Ecke zur Eselföterstraße ziemlich schnell bekannt. Es war Ludwig Dietz, der die „schwarze Kunst“ der Stadt zur Blüte brachte. Der als ein jun‐ ger Mann nach Rostock gekommene Dietz gilt u. a. als Drucker und Verfasser des ‚Lübischen Rechts‘ von 1509, das allerdings noch in der Offizin des Hermann Barck‐ husen erschien. Als sein erster eigener Druck darf wohl der mit dem 6. März 1510 datierte und einem Druckvermerk versehene ‚Eyn schon spegel der christene men‐ schen‘ des Dietrich Coelde gelten. Nach seinem Noviziat im Kartäuserkloster Mari‐ enehe, wo er hauptsächlich Einblattdrucke für den Klostergebrauch anfertigte, er‐ schien am 23. Mai 1515 sein erster nach dem Klosteraufenthalt datierter Druck ‚Der sele rychtestych‘. Im Jahre 1529, nachdem seine Versuche, in Lübeck Fuß zu fassen und sesshaft zu werden, endgültig scheiterten, wurde Dietz Bürger der Stadt Ros‐ tock.93 Am 1. April 1534 noch vor der hochdeutschen Gesamtausgabe im September 1534 erschien bei Dietz in seiner Lübecker Zweigstelle die erste niederdeutsche Voll‐ bibel nach Martin Luthers Übersetzung, wegen der Herausgeberschaft des bedeuten‐ den norddeutschen Reformators Johannes Bugenhagen auch Bugenhagenbibel ge‐ nannt, die mit beachtenswert sorgfältig ausgearbeiteten Illustrationen von Erhard Alt‐ dorfer ausgestattet war.94 Es kann mit Sicherheit behauptet werden, dass dieser Druck Ludwig Dietz weit über den niederdeutschen Sprachraum berühmt machte. Das nächste bedeutendste Werk, der nach seinem Lübecker Aufenthalt seine Druckpresse verließ, war die ebenfalls mit den Holzschnittillustrationen des Schweriner Hofma‐ lers Altdorfer versehene ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe aus dem Jahre 1539, deren zweite Auflage bereits zehn Jahre später erschien. Neben Erhard Altdorfer arbeiteten der Holzschneider Melchior Schwarzenberg und der Meister MP für Dietz.95 In den Jahren 1548-1550 hielt sich Dietz auf Einladung des dänischen Königs Christian III. häufig in Kopenhagen auf, wo er 1550 die erste dänische Bibelübersetzung mit den Lettern und Holzschnitten der Lübecker Ausgabe von 1534 druckte.96 Am 25. April 1558 wurde Dietz, der sich vor allem auch durch seine Leistungen auf dem Gebiet 92 Zum Leben und Werk von Ludwig Dietz vgl. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Meklen‐ burg bis zum Jahre 1540, S. 134-185; Möhlmann, Druckerei des Ludwig Dietz; Wiechmann, Dru‐ cke von Ludwig Dietz; Hofmeister, Ludwig Dietz; Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, insbes. S. 16-20, 23; Pettke, Neuzuordnung von Drucken der Michaelisbrüder und der Offizin Ludwig Dietz; Lohmeier, Ludwig Dietz; Händel, Dietz, Ludwig; Pettke, Ludwig Dietz – zwei Anmerkungen zu Lebensweg und Druckwerken. Für weiterführende Angaben vgl. Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 794-795, jedoch insbes. Händel, Dietz, Ludwig, S. 93. Folgende biographische An‐ gaben vorwiegend nach Händel, Dietz, Ludwig. 93 Vgl. die Angaben bei Händel, Dietz, Ludwig, S. 90-91; Pettke, Ludwig Dietz – zwei Anmerkun‐ gen zu Lebensweg und Druckwesen, S. 113-114. 94 Astrid Händel bezeichnet den Meister MP fälschlicherweise als Meister PB. S. Händel, Dietz, Lud‐ wig, S. 91. 95 Vgl. Händel, Dietz, Ludwig, S. 92. 96 Vgl. Händel, Dietz, Ludwig, S. 92. Teil I Voruntersuchungen 40 des Buchschmucks verdient machte, zum ersten Universitätsbuchdrucker auf Lebens‐ zeit ernannt. Leider konnte sich Ludwig Dietz nicht lange seiner jährlichen Besol‐ dung und Bestallung erfreuen, weil er kurz darauf am 1. September 1559 starb. Mit dem Tod von Ludwig Dietz ging die Blüte der „schwarzen Kunst“ in Rostock zu En‐ de, wo ab nun der Buchdruck hauptsächlich durch die Universität ausgeübt wurde. Das Druckprogramm von Ludwig Dietz kann zurecht als ausgesprochen umfang‐ reich und vielseitig bezeichnet werden, denn zum einen verließen seine Druckpresse zwischen 1512-1559 insgesamt über 17597 niederdeutsche Drucke, was etwa ein Siebtel der niederdeutschen Gesamtproduktion von ihren Anfängen bis zum Jahre 1560 darstellt. Zum anderen gehörten zu seinem Publikationsangebot98 neben den unterhaltenden und naturwissenschaftlich belehrenden Schriften (Sachprosa, Kalen‐ der, Almanache, Theater- und Lotterieankündigungen) auch unterhaltende und religi‐ ös unterhaltende Werke (Belletristik, Legenden, Mariendichtung, weltliche und geist‐ liche Lieder). Zudem zählten zu seinem Druckprogramm amtliche Aufrufe, Land‐ tagsschreiben, Verträge, Kirchenordnungen und weitere gesetzliche und kirchliche Bestimmungen, aber auch Schriften zu ideologischen Grundfragen zunächst beider Glaubensrichtungen und später ausschließlich Druckerzeugnisse, die zur Verbreitung reformatorischer Ideen dienten. Zuletzt sind an dieser Stelle religiös belehrende Schriften und Bibelübertragungen ins Niederdeutsche und Dänische zu erwähnen, die die Kenntnis und Sorgfalt in der Ausübung seiner Kunst besonders betonen. 97 Mit den lateinischen Drucken zusammen insgesamt über 200 Drucke. Zum Vergleich: Die Brüder vom gemeinsamen Leben kommen im gesamten Zeitraum ihrer Tätigkeit in Rostock auf lediglich 17 niederdeutsche Drucke, was sicherlich auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass sie textsortenbe‐ dingt vor allem lateinische Texte gedruckt haben. Vgl. dazu Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache, S. 19; Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, S. 795. 98 Weitere Angaben nach Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeut‐ schen Literatursprache, S. 17, 23. Zu einem unbekannten niederdeutschen Druck von Dietz vgl. auch Jügelt, „Von denen Academischen Güttern nichts zu verendern noch zu veralieniren“. 2 Vorüberlegungen 41

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References

Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.