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9 Zusammenfassung in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 281 - 298

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-281

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Zusammenfassung Abschließend bleibt nun, die Ergebnisse der einzelnen variablenlinguistischen Unter‐ suchungen zusammenzufassen, damit sich ein möglichst überschaubares Gesamtbild der sprachlichen Beschaffenheit von ‚Reynke Vosz de olde‘ ergibt. Um eine unnötige Wiederholung sämtlicher Einzelergebnisse zu meiden, werden hier die wichtigsten Ergebnisse nach diatopischen und diachronischen Aspekten geordnet. Darüber hinaus sollen weitere Einflussfaktoren, die bei der sprachlichen Gestaltung des Textes eine gewisse Rolle gespielt haben können – wie beispielsweise die Lübecker Textvorlage für den Verstext und die zahlreichen Prätexte der Glosse sowie der Randglossenbei‐ träge – thematisiert und eingeordnet werden. Dies soll ermöglichen, nicht nur die im Text vorgefundene Variation zu konstatieren, sondern auch und v. a. die Sprache des ‚Reynke Vosz de olde‘ sprachhistorisch zu verorten. Diatopische Charakterisierung Es konnte gezeigt werden, dass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ aufgrund seiner Produktions- und Überlieferungsgeschichte für unterschiedlichen diatopischen Ein‐ flüssen unterliegt. Wie an einem früheren Punkt angemerkt, stellt der Untersu‐ chungstext eine Art sprachliches Konglomerat dar. Zum einen fungiert der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ als ein konkretes mittelniederdeutsches Textzeugnis, das in ei‐ ner für die Rezipienten verständlichen Sprachvarietät verfasst sein sollte, wobei zu klären war, inwiefern der Text mecklenburgische oder ostelbische Züge trägt und in‐ wieweit nordniederdeutsche oder eben überregionale Merkmale auftreten. Zum an‐ deren basiert der Erzählteil des Untersuchungstextes auf einer Lübecker Vorlage, die ihrerseits niederländische Wurzeln und Antwerpener Sprachmerkmale aufweist. Des Weiteren bediente sich der Bearbeiter des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ beim Ver‐ fassen des neuen Prosakommentars und der Randglossenbeiträge unterschiedlicher hochdeutscher, niederdeutscher und lateinischer Textquellen, die schließlich integra‐ ler Bestandteil der jüngeren Glosse geworden sind. Zudem bleibt in Betracht zu zie‐ hen, dass die Person des Bearbeiters, der Setzer und der Korrektoren nicht eindeutig bestimmt werden kann, sodass regional anderweitig zu verortende Einflüsse nicht apriori auszuschließen sind. Mithilfe der einschlägigen Literatur zum Mecklenburgi‐ schen, ferner des Katalogs sprachlicher Merkmale zur variablenlinguistischen Erfor‐ schung des Mittelniederdeutschen von Robert Peters sowie weiterer bisheriger Er‐ kenntnisse über die diatopische Verteilung von Realisierungsvarianten im Mittelnie‐ derdeutschen konnte die Sprache des ‚Reynke Vosz de olde‘ näher bestimmt und be‐ schrieben werden. 9 9.1 281 Es wurde festgestellt, dass der Sprachstand des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ weitgehend mit dem der „klassischen“ mittelniederdeutschen Schriftsprache überein‐ stimmt. Die Frage nach der sprachlichen Schichtung des Druckes kann somit dahin‐ gehend beantwortet werden, dass der Text relativ fest in der Tradition der mittelnie‐ derdeutschen Schriftsprache lübischer Prägung steht. Es konnte eine Reihe sprachli‐ cher Merkmale festgestellt werden, die im gesamten mittelniederdeutschen Raum als fester Schreibusus fungieren, darunter z. B. die Verdumpfung a > o vor ld, lt. Wenig überraschend handelt es sich gleichzeitig in vielen Fällen um Merkmale, die sich aus dem Norden in Richtung Süden ausgebreitet haben. Des Weiteren konnten Merkmale aufgefunden werden, die zwar keine gesamtniederdeutsche Geltung aufweisen, weil beispielsweise im Westfälischen oder Ostfälischen andere Varianten dominieren oder als Nebenvarianten vorliegen, jedoch als Hauptvarianten im gesamten nordnieder‐ sächsischen Gebiet auftreten. An dieser Stelle kann angemerkt werden, dass im Un‐ tersuchungstext keine direkten Westfalismen, Ostfalismen oder Niederlandismen festgestellt werden konnten, mit der Ausnahme der wenigen ursprünglich westfäli‐ schen Formen, die bedingt durch die Siedlungsgeschichte im Neuland des niederdeutschen Sprachraumes im Mecklenburgischen durchaus akzeptabel sind. Sowohl in der Lautung als auch im Formenbestand bleibt ‚Reynke Vosz de olde‘ im Kontext der Tradition der mittelniederdeutschen Schriftsprache, die generell auch den Sprachstand in Mecklenburg repräsentiert, jedoch werden in ausgewählten Bereichen einige mecklenburgische Spezifika sichtbar. Diese könnten meines Erachtens daher rühren, dass in diesen wenigen Fällen das Mecklenburgische vom Nordniedersächsi‐ schen abweicht oder die Gewichtung der betreffenden Varianten im Variantenspektrum regional unterschiedlich ausfällt. So scheint ‚Reynke Vosz de olde‘ insbesondere im Bereich des Langvokalismus ein guter Vertreter des Mecklenburgischen des 16. Jahr‐ hunderts zu sein. Auch die Labialisierung der Vokale, die prinzipiell dem Nordnieder‐ sächsischen nicht fremd ist, scheint im Untersuchungstext besonders konsequent durchgesführt zu sein, was den mecklenburgischen Sprachverhältnissen zu entsprechen scheint. Hervorzuheben ist an dieser Stelle überdies ein verhältnismäßig geregelter Gebrauch der Umlautkennzeichnung, die allerdings als orthographische Weiterent‐ wicklung gegenüber dem „klassischen“ Mittelniederdeutschen aufgefasst werden kann. Abgesehen von den Fällen, wo die übergeschriebenen oder nachgestellten Vokale durchaus als Längenmarkierung interpretiert werden könnten, gibt ‚Reynke Vosz de olde‘ eine relativ sichere Auskunft über den Umlaut, was laut den vorliegenden Forschungsergebnissen eher für spätmittelniederdeutsche Quellen typisch ist.846 Dieser Aspekt wird im zusammenfassenden Kapitel zur diachronischen Zuordnung des Un‐ tersuchungstextes erneut aufgegriffen und noch ausführlicher erörtert. Ferner wählt der Rostocker Bearbeiter des ‚Reynke Vosz de olde‘ durchgehend regionskonforme Varianten im Bereich der Zahlwörter. Zum Teil entsprechen sie dem nordniedersächsischen Stand, zum Teil handelt es sich aber um mecklenburgische Mehrheitsvarianten, die beispielsweise in Lübeck diesen Status nicht aufweisen. Hier ist insgesamt eine Vereinheitlichungstendenz, wenn nicht gar Normierungstendenz 846 Vgl. Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 179. Teil II A Textinterne Analyse 282 der Vorlage gegenüber festzustellen. Einerseits liegt für alle Zahlwörter im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine Variation vor, d. h. die Variantenwahl und der Variantengebrauch sind bemerkenswert konstant. Andererseits ist auf die Modifikationen gegenüber der Vorlage hinzuweisen, die sich im Variantenersatz äußern, was wiederum sowohl di‐ atopisch als auch diachronisch begründet werden kann. Die Unterschiede in der Vari‐ antenwahl und ihrer Verteilung zwischen dem Lübecker ‚Reynke de vos‘ und dem Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ werden später in einem gesonderten Punkt zusam‐ mengestellt und mit dem Befund zu den Sprachverhältnissen in Lübeck und Mecklen‐ burg in Bezug gesetzt. Kaum Variation besteht ebenfalls im Bereich der Verbalflexion. Zu beachten ist auch hier die größere Abhängigkeit der Variantenwahl von den mecklenburgischen Sprachverhältnissen. In den Fällen, wo mecklenburgische Formen mit denen der mit‐ telniederdeutschen Sprache lübischer Prägung übereinstimmen oder zumindest durch diese gestützt werden, werden diese gebraucht ohne Rückgriff auf weitere möglichen mecklenburgischen Nebenvarianten, beispielsweise bei den Partizip Präteritum-For‐ men der Verben leggen und seggen oder beim Präteritopräsens ‚sollen‘. Liegen Un‐ terschiede im regionalen Gebrauch oder der Variantenverteilung vor, kommen entwe‐ der Abweichungen von der allgemein schriftsprachlichen Norm zugunsten des Meck‐ lenburgischen oder ein Nebeneinander der Formen zustande. Als zusätzlicher Ein‐ flussfaktor fungiert auch hier die zeitliche Komponente, die eng mit dem Vordringen der hochdeutschen Sprache in Mecklenburg und dem Übergang zum Spätmittelnie‐ derdeutschen verbunden ist. In solchen Fällen sowie wenn Abhängigkeit der Textstel‐ le vom Text der Vorlage und ihrer Sprache, beispielsweise aufgrund von Reimbin‐ dung, sichtbar wird, liegt häufiger Variation vor, z. B. beim Partizip Präteritum des Verbs ‚fangen‘, des präteritopräsentischen Verbs ‚wissen‘, bei den unregelmäßigen Verben ‚tun‘, ‚gehen‘, ‚stehen‘ und dem Verbum substantivum ‚sein‘. Die beiden letzteren Bemerkungen betreffen gleichermaßen auch den Bereich der sogenannten Einzelwörter, wie es insbesondere bei den Substantiven ‚Knochen‘, ‚Brunnen‘ und dem Verb ‚warten‘ deutlich wird. Auch wenn ‚Reynke Vosz de olde‘ ein verhältnismäßig einheitliches Bild bezüg‐ lich Variation und eingeschränkter Variantenvielfalt auf vokalischer und konsonanti‐ scher Ebene sowie in Bereichen der Wortbildung und Morphologie liefert, weisen die aus dem Bereich des Kleinwortschatzes stammenden Variablen einen signifikant hö‐ heren Grad an diatopischer und diachronischer Variabilität. Im besonderen Maße be‐ trifft diese Aussage die Demonstrativ- und Indefinitpronomina sowie die Konjunktio‐ nen, bei denen eine höhere Variantenvielfalt aufgrund des hochdeutschen Einflusses der Prätexte der jüngeren Glosse oder der diachronischen Entwicklungen, die sich durch einen Variantenausbau durch spätmittelniederdeutsche und zum Teil literatur‐ sprachlich gestützte Formen kenntlich machen, festzustellen ist. Bei den Personalpro‐ nomina, Adverbien und Präpositionen liegt dagegen häufig keine Variation vor oder sie lässt sich stets durch den direkten Einfluss der Vorlage oder des Prätextes erklären. Auf den hochdeutschen Einfluss und die jeweiligen diachronischen Entwicklungs‐ prozesse wird nun gesondert eingegangen. 9 Zusammenfassung 283 Hochdeutscher Einfluss In einer Reihe von Fällen macht sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ hochdeutscher Ein‐ fluss bemerkbar. So bleibt beispielsweise in aus dem Hochdeutschen entlehnten Wör‐ tern wie ‚Gewalt‘ und ihren Derivaten die Verdumpfung a > o vor ld, lt aus. Des Weiteren ist einmal die a-Schreibung in behalt 23v bei einer sonst durchgehend ge‐ rundeten Realisierung belegt und kann mindestens als hochdeutsch interferiert gelten. Diese nicht velarisierte Wortform erscheint in einem Zitat von Sebastian Brant und deutet so auf einen hochdeutschen Prätext hin. Ein hochdeutscher Prätext als Grund lässt sich ebenfalls für den voll-Gebrauch neben sonst nd. vull vermuten. Diese einzi‐ ge Ausnahme erscheint erwartungsgemäß in einer Kapitelglosse. Ferner schlägt sich hochdeutscher Einfluss in der umlautlosen Form gedrucket auf dem Titelblatt nieder, was recht überraschend wirkt, denn ansonsten hat ‚Reynke Vosz de olde‘ quasi eine durchgehende Umlautmarkierung beim kurzen wie langen ü. Vereinzelt begegnen im Untersuchungstext markierte Schreibungen für mnd. î, die wohl als hochdeutsch be‐ einflusst gelten können: Dyetz, schyer, wyet und wijt. Durch die hochdeutsche Litera‐ tursprache beeinflusst ist zudem die Schreibung vrouwe / frouwe. Diese Entwicklung ist weniger überraschend und v. a. nicht singulär: Belege hierfür finden sich überall im norddeutschen Sprachraum. Überdies kommt neben der normalniederdeutschen Form mynsche bzw. minsche die spätmittelniederdeutsche durch das benachbarte Hochdeutsche zusätzlich gestützte Form mensche. Die Variantenverteilung zwischen mynsche / minsche und mensche fällt im ‚Reynke Vosz de olde‘ erstaunlich gleichmä‐ ßig aus. Zudem ist an dieser Stelle anzumerken, dass alle Belege für ‚Mensch‘ und seine Ableitungen ausschließlich in den Kapitelglossen und den Randglossenbeiträ‐ gen verteilt sind. Außerdem ist festzuhalten, dass die hochdeutsch gestützte Variante mensch- fast ausschließlich im ersten Buch belegt ist. Marginal vertreten sind mensch- Formen auch im Vorwort zum zweiten Buch. Im dritten Buch und einmal im vierten Buch ist die Variante minsch- zu finden. Die Variante mynsch- ist dagegen sowohl im dritten als auch im vierten Buch zahlreich anzutreffen. Die Vermutung liegt nahe, dass der mensch-Gebrauch im ‚Reynke Vosz de olde‘ eher auf den hochdeutschen Einfluss und kaum auf den westfälisch-südmärkischen zurückzuführen ist, der seiner‐ seits gar nicht durch andere Variablen gestützt ist. Hochdeutsche Interferenz ist außerdem bei der Hiattilgung zu verzeichnen, wo‐ bei hochdeutsche Formen neben den niederdeutschen belegt sind. Auch die r-Meta‐ these scheint im Untersuchungstext einen Einfluss seitens des Hochdeutschen erfah‐ ren zu haben, denn im Normalfall erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ Formen ohne r-Umstellung. Allerdings ist zu bedenken, dass dieses Phänomen möglicherweise einfach keinen Eingang in die Schriftlichkeit gefunden hat und ausschließlich sprech‐ sprachlich realisiert wurde. Dies lässt sich jedoch anhand der Untersuchungsgrundla‐ ge leider nicht nachprüfen. Zwar eher ausnahmsweise, aber dennoch signifikant und daher erwähnenswert, erscheinen hochdeutsch beeinflusste schriftliche Realisierungen von stimmlosem k in Adverb- und Adjektivendungen als neben gewöhnlichem . Ebenfalls als orthographischer Einfluss des Hochdeutschen ist die Verwendung von anlautendem 9.2 Teil II A Textinterne Analyse 284 in Konsonantenverbindungen schl < sl und schw < sw anzusehen. Regulär weist ‚Reynke Vosz de olde‘ keine Schreibung sch- + Konsonant auf. Die beiden Ausnahmebelege Voszschwentzer 2v (versus Vosswetzer 132 r) und Anschlege 19r sind dem Prosakommentar entnommen und können wohl als hochdeutsche orthogra‐ phische Interferenzen interpretiert werden. Ansonsten ist für den Untersuchungstext stark anzunehmen, dass die š-Aussprache in Mecklenburg der 1. Hälfte des 16. Jahr‐ hunderts noch nicht eingedrungen ist. Darüber hinaus begegnet im ‚Reynke Vosz de olde‘ die Affrikate ts, die teils in den lateinischen Entlehnungen zu finden ist, teils aber in den aus dem Hochdeutschen entlehnten Wörtern auftaucht wie beispielsweise in gantz, Czegenbock, Czeg, pelze, vortzage, mitswetzer, trotzigem, czaghafftich. Als durchaus hochdeutsch beeinflusst darf auch die verstärkte Verwendung von Präfix ge- bei Abstrakta und bei der Bildung des Partizip Präteritum gelten. Im ‚Reynke Vosz de olde‘ scheint sich die Bildung des Partizip Präteritum mit Präfix gequasi durchgesetzt zu haben. So erscheinen nämlich starke wie schwache Verben im Normalfall mit Präfix ge-. Dabei macht es keinen Unterschied aus, ob es sich um Verben mit einer Partikel oder um nicht präfigierte Verben handelt. Eine deutliche Ausnahme bilden nicht präfigierte Partizipien des Präteritums, die allerdings nur ins‐ gesamt dreimal belegt sind. Es lässt sich jedoch anmerken, dass diese lexem‐ gebunden zu sein scheinen oder Lexeme lateinischer Herkunft betreffen. Interessan‐ terweise wird das Partizip Präteritum des Latinismus regeren dagegen mit perfekti‐ vem Präfix gebildet: geregert. Nicht minder auffällig ist der Befund für die Verben ‚bringen‘, ‚finden‘, ‚kommen‘ und ‚werden‘, die im Mittelniederdeutschen üblicher‐ weise seltener präfigiert erscheinen. Im Untersuchungstext sind dagegen ausschließ‐ lich präfigierte Formen für die Verben ‚bringen‘ und ‚finden‘ belegt. Die Verben ‚kommen‘ und ‚werden‘ weisen sowohl präfixlose als auch präfigierte Partizipien des Präteritums auf, wobei die letzteren eindeutig dominieren. Hochdeutsch beeinflusst muss auch die dreimal registrierte Form yst für die 3. Person Singular Präsens des Verbum substantivum ‚sein‘. Die Hauptform lautet allerdings ys, was der überregio‐ nalen Tendenz entspricht, einmal ist daneben ihre graphische Variante is belegt. Die Verwendung der auf den ersten Blick hochdeutsch gestützten Variante kann aller‐ dings auch durch Reimbedingtheit erklärt werden. Alle drei yst-Belege stehen näm‐ lich in der Reimposition zu Wörtern mit einem t-Auslaut: lyst, byst, fryst. In diesem Sinne ist der eventuell hochdeutsche Einfluss nur als orthographischer anzusehen. Die Verwendung von etwes neben nd. wat(h) für ‚(irgend)etwas‘ lässt eindeutiger auf den hochdeutschen Einfluss schließen, jedoch handelt es sich nur um zwei Bele‐ ge, die dies betrifft. Die als spätmittelniederdeutsch eingestufte Variante kein (neben nd. nen) für das Indefinitum ‚kein‘ muss ebenfalls durch den hochdeutschen Einfluss ihren Weg in den Untersuchungstext gefunden haben. Das Vorkommen dieser Varian‐ te ausschließlich im Prosakommentar unterstützt die geäußerte These und kann mög‐ licherweise durch die hochdeutschen Prätexte der jüngeren Glosse erklärt werden. Auch das Indefinitpronomen ‚jeder‘ weist eine Formenvarianz auf, bei der zwei hoch‐ deutsch beeinflusste bzw. gestützte Varianten jēder und jēderman auffallen. Dabei ist die hochdeutsch gestützte Variante jēder und ihre zusammengesetzte Ableitung erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verstärkt zu erwarten. Beide Formen bil‐ 9 Zusammenfassung 285 den im Untersuchungstext eindeutig eine Ausnahme und sind als Spuren der hoch‐ deutschen Prätexte der Glosse aufzufassen. Ganz eindeutig auf den hochdeutschen Einfluss ist die Schreibung durch neben nd. dorch für ‚durch‘ zurückzuführen. Diese ist im Untersuchungstext so stark vertreten, dass sie belegmäßig sogar die niederdeutsche Normalform übertrifft (44 : 36). Allerdings ist auch für diese Variable festzuhalten, dass die hochdeutsch induzierten Formen nicht im Verstext, sondern im Gegensatz zu nd. dorch ausnahmslos im Prosakommentar und den Marginalglossen erscheinen. Dagegen lässt sich eine Lexemgebundenheit bei der hochdeutsch indu‐ zierten Präposition hinder / hynder als häufiger Bestandteil von Abstrakta und ihren Ableitungen feststellen. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass sich alle hinder- bzw. hynder-Abstrakta im Mittelniederdeutschen Handwörterbuch finden lassen und dort nicht als Fremdwörter ausgezeichnet sind, können sie wohl als sehr frühe Entlehnun‐ gen gelten bleiben. Schließlich macht sich der hochdeutsche Einfluss im Bereich der Konjunktionen bemerkbar, wo bei ‚denn, weil‘ und ‚ob, falls‘ neben den mittelniederdeutschen Normalformen und regionalkonformen Varianten auch hoch‐ deutsch induzierte Formen auftreten. Auch wenn die vorstehende Auflistung der festgestellten hochdeutsch beinfluss‐ ten Erscheinungen recht umfangreich erscheint, muss dennoch beachtet werden, dass es sich in der Mehrheit der Fälle eher um Ausnahmen und Nebenvarianten handelt. Es lässt sich außerdem festhalten, dass die meisten hochdeutschen Interferenzen, sei‐ en sie auf der lautlichen Ebene, morphem- oder wortbezogen, im Untersuchungstext zumeist in den Kapitelglossen und Marginalien und nicht im Verstext auftreten. Es darf also als recht gesichert gelten, dass die hochdeutschen Erscheinungen im ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ dem Einfluss der zahlreichen Prätexte der jüngeren Glosse zuzuspre‐ chen oder aber auf den sprachlichen Einfluss des Rostocker Glossators zurückzufüh‐ ren sind. Die daraus resultierende Vermutung liegt also nahe, dass in den Fällen, wo der hochdeutsche Einfluss des Prätextes sichtbar wird, dem Bearbeiter bzw. dem Glossator wohl keine niederdeutsche Übersetzung des hochdeutschen Originals zur Verfügung gestanden haben muss. Diachronische Charakterisierung Aufgrund der Tatsache, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe auf einem mittelniederdeutschen Frühdruck aus dem Jahre 1498 beruht und insgesamt eine Fortsetzung der mittelalterlichen ‚Reynke de Vos‘-Tradition bildet, stellte sich die gerechtfertigte Frage, inwieweit der Lautstand und Formenbestand dieses Rosto‐ cker Druckes aus dem Jahre 1539 dem der „klassischen“ mittelniederdeutschen Pha‐ se entspricht und welche spätmittelniederdeutschen Erscheinungen oder Übergangs‐ phänomene sich im Text bemerkbar machen, die durchaus auch für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zu erwarten sind. Diese Frage kann, basierend auf den Erkennt‐ nissen der einzelnen variablenlinguistischen Untersuchungen, dahingehend beant‐ wortet werden, dass der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ grundsätzlich noch ziem‐ lich in der „klassischen“ mittelniederdeutschen Tradition steht. Anhand einiger Va‐ 9.3 Teil II A Textinterne Analyse 286 riablen konnte jedoch gezeigt werden, dass im Untersuchungstext generell auch Rea‐ lisierungen vorkommen, die als spätmittelniederdeutsche Erscheinungen gewertet werden können. Besonders auffällig ist zunächst ein relativ sicherer Umgang mit der Umlaut‐ kennzeichnung, v. a. beim langen ü̂. Für das kurze ü ließ sich jedoch eine Variation zwischen den markierten und nicht markierten Umlauten feststellen. Bei genauer Be‐ trachtung konnte ermittelt werden, dass die durch e-superscriptum und deutlich selte‐ ner durch übergeschriebenes o gekennzeichneten umgelauteten Formen frequenter als die nicht gekennzeichneten Formen sind. Die Variantenverteilung konstanter u- Realisierungen, konstanter uͤ- bzw. uͦ-Schreibungen und variabler Graphien ließ je‐ doch keine Schlüsse auf Lexemgebundenheit oder extralinguistische Faktoren ziehen. Wenn also beim kurzen ü die nicht markierten Schreibungen durchaus noch stark vertreten sind, muss für ü̂ festgestellt werden, dass sich die Neuerung (Umlautkenn‐ zeichnung) quasi bereits durchgesetzt hat. In der Umlautposition für mnd. ü̂ tritt näm‐ lich nur einmal die einfache u-Schreibung auf, in den Restfällen erscheint die Schrei‐ bung mit übergeschriebenem . Diese Bemerkung ist zusätzlich deswegen von Be‐ lang, weil alle Realisierungen mit eindeutig als markierte Schreibungen für den Umlaut und nicht als Dehnungsmarker gelten können. Eine weitere Neuerung aus dem Bereich des Vokalismus scheint sich ebenfalls bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durchgesetzt zu haben. Es handelt sich hierbei um die regelhafte Be‐ zeichnung des tl. ō durch , die ihrerseits der mecklenburgischen Aussprache die‐ ser Zeitperiode entspricht.847 Als eine wichtige Entwicklung gegenüber der „klassischen“ mittelniederdeutschen Periode ist das verstärkte Erscheinen der Apokopierung des auslautenden -e festzu‐ halten. Zwar kann für ‚Reynke Vosz de olde‘ die Apokopierung noch nicht als absolut konsequent bezeichnet werden, aber der Prozess scheint im Mecklenburgischen tat‐ sächlich recht fortgeschritten zu sein. Am weitesten scheint die Apokopierung im Un‐ tersuchungstext die femininen Abstrakta auf -inge / -unge betroffen zu haben sowie sich bei den obliquen Kasus der geschlechtlichen Personalpronomina niedergeschlagen zu haben. Ferner ist e-Abfall teilweise bei den Konjunktionen ‚als‘ und ‚und‘ festzustellen, wobei auch in diesem Fall Varianz zwischen den Formen mit bewahrtem und Apokope zu verzeichnen ist. Dabei bevorzugt ‚Reynke Vosz de olde‘ immer noch die nicht apokopierten Formen, auch wenn die Verteilungsdivergenzen zwischen den Realisierungen in den einzelnen Variablen unterschiedlich stark sind. Ebenfalls auffällig ist der verstärkte Gebrauch des Präfixes ge- sowohl bei der Bildung des Partizip Präteritum bei schwachen wie bei starken Verben als auch bei deverbativen Abstrakta. Hier weicht ‚Reynke Vosz de olde‘ eher von der „klassi‐ schen“ mittelniederdeutschen Realisierung ab. Zum anderen lässt sich bei diesen Va‐ riablen aber auch hochdeutscher Einfluss auf den Text erkennen (s. d.). Eindeutig durchgesetzt hat sich dagegen die jüngere kurzvokalische Form für die 3. Person Sin‐ gular Präsens Indikativ des Verbs ‚haben‘. Die „klassische“ mittelniederdeutsche Va‐ riante scheint vollständig verdrängt worden zu sein und ist im Untersuchungstext 847 Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 180. 9 Zusammenfassung 287 demnach nicht belegt. Auch beim Präteritopräsens ‚sollen‘ bevorzugt ‚Reynke Vosz de olde‘ jüngere Varianten gegenüber solchen aus der „klassischen“ Periode. Ähnlich verhält sich auch das Präteritopräsens ‚können‘. Im Präsens wird nämlich ausschließ‐ lich die jüngere mecklenburgische Normalform geschrieben. Im Präteritum jedoch variieren die Schreibungen und , wobei die letztere eindeutig dominiert. Eher als spätmittelniederdeutsche Formen können die im ‚Reynke Vosz de olde‘ vertretenen Realisierungen frouwe für ‚Frau‘ und ‚Ehefrau‘ gelten, wobei in beiden Fällen noch eine Variation zwischen den älteren und den jüngeren Varianten vorliegt. Für ‚Jungfrau‘ wird im Untersuchungstext ausschließlich die allgemein gültige jün‐ gere Normalform junkvrouwe in der Schreibung Junckfrouwen (2) verwendet. Auch für das Lexem ‚Knochen‘ kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ eine Variation zwischen der älteren Mehrheitsvariante bên und ihrer jüngeren Konkurrenzform knoke. Die Varian‐ tenverteilung ergibt ein recht gleichmäßiges Bild, sodass keine Schlussfolgerung über die Dominanz einer der beiden Realisierungsformen möglich ist. Dafür lässt sich für den Untersuchungstext eindeutig festhalten, dass für das Adjektiv ‚heilig‘ die jüngere Variante hillich mit der Verdopplung des l nach Einführung des Svarabhak‐ tivokals im Suffix die alleinige Realisierung ist. Dieser Befund bestätigt die oben for‐ mulierte Annahme (vgl. Kap. 8.3.4 ‚heilig‘), dass sich die jüngere Variante hillich zum 16. Jahrhundert hin durchgesetzt haben muss. Interessanterweise bleibt hoch‐ deutscher Einfluss in diesem Fall ganz aus, obwohl sich alle Belege für hillich und die entsprechenden Ableitungen im Prosakommentar befinden und Spuren von Prä‐ texten der Glosse hier durchaus möglich wären. Am weitesten fortgeschritten scheinen die spätmittelniederdeutschen Entwick‐ lungstendenzen im Bereich der Pronomina zu sein. So kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ eine ausgeprägte Formenvarianz zwischen den älteren und jüngeren Varianten v. a. bei den obliquen Kasus der geschlechtlichen Pronomina (Singular wie Plural), bei den Demonstrativpronomina ‚der-, die-, dasselbe‘, ‚solcher, -e, -es‘, ‚welcher, wer‘ sowie beim Indefinitpronomen ‚nichts‘. Während die jüngeren apokopierten Formen em für ‚ihm‘ und en für ‚ihn‘ im Untersuchungstext dominieren, die Varianten mit dem bewahrten -e dennoch präsent sind, hat sich beim geschlechtlosen Personalpro‐ nomen ‚es‘ die neuere Schreibung bereits endgültig durchgesetzt. Die Verteilung der einzelnen Varianten bei den Demonstrativpronomina unterscheidet sich je nach Va‐ riable. So begegnet für das Demonstrativum ‚der-, die-, dasselbe‘ dreimal so häufig die nordniederdeutsche Hauptform der „klassischen“ mittelniederdeutschen Periode de sülve, während die spätmittelniederdeutschen Formen de sülvige und de sülfte ins‐ gesamt seltener vorkommen und die letztere Variante im Untersuchungsabschnitt nur einmal belegt ist. In allen drei Fällen sind ausschließlich gerundete Realisierungen vertreten mit sehr häufiger Umlautmarkierung. Dagegen überwiegt eindeutig der An‐ teil der spätmittelniederdeutschen Formen beim Demonstrativum ‚solcher, -e, -es‘. Der ältere Haupttyp sôdân bildet mit einer übersichtlichen Anzahl der Belege eine Ausnahme, während das moderne sölk im Untersuchungstext fast durchgehende Ver‐ wendung findet. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Hauptform des 15. Jahr‐ hunderts sülk im Untersuchungstext insgesamt nur einmal belegt ist. Ebenfalls inte‐ ressant aus der diachronischen Perspektive ist die Variantenverteilung beim als Rela‐ Teil II A Textinterne Analyse 288 tivum verwendeten Interrogativum ‚welcher, wer‘. Der substantivische Gebrauch ist weniger auffällig: zum einen erscheint die mittelniederdeutsche Normalform wê, zum anderen die nordniedersächsisch-mecklenburgische Form wol, wobei die letztere ein‐ deutig dominiert. Im adjektivischen Gebrauch ist neben dem Interrogativum welk auch seine spätere verlängerte Form welkere belegt. Aufgrund einer übersichtlichen Beleglage scheint eine eindeutige zeitliche Zuordnung nicht möglich zu sein. Ferner kommt das Interrogativpronomen welk neben der verlängerten späteren mecklenbur‐ gischen Variante welker in substantivischer Verwendung vor. Eine genauere Tendenz lässt sich leider auch in diesem Fall aufgrund einer begrenzten Belegzahl nicht aus‐ machen: substantivisches welker ist insgesamt viermal belegt, welk kommt nur ein‐ mal vor. Das als Relativum verwendete Interrogativpronomen welk begegnet im Un‐ tersuchungstext parallel zur verlängerten Nebenform welcker. Hier konnte eindeutig die Dominanz der welker-Belege festgestellt werden. Es kann also eine ausgeprägte Formenvarianz zwischen welk und welker festgehalten werden, wobei insgesamt doch Belege für jüngere Form welker überwiegen. Auch für das negative Indefinit‐ pronomen ‚nichts‘ konnte ein Nebeneinander von mittelniederdeutscher Normalform nicht und der spätmittelniederdeutschen genitivischen Realisierung nicht(e)s nachge‐ wiesen werden, bei dem die jüngere Form dominiert. Für ‚durchaus nicht‘ erschien einmal die spätmittelniederdeutsche Variante nichtes, das Kompositum nichtesnicht dagegen war nicht vertreten. Bei den meisten Konjunktionen, jedoch interessanterweise nicht bei Präpositio‐ nen, ließen sich häufiger spätmittelniederdeutsche Varianten neben den Formen aus der „klassischen“ Periode finden. So sind im Untersuchungstext drei Schreibvarian‐ ten der kopulativen Konjunktion ‚und‘ vertreten: die „klassische“ mittelniederdeut‐ sche Normalform in der Schreibung vnde, die apokopierte spätmittelniederdeutsche Mehrheitsvariante vnd und die durch die Tilde abgekürzte Form vñ, wobei die spät‐ mittelniederdeutsche gekürzte Variante vnd um das Mehrfache überwiegt. Auch bei der adversativen Konjunktion ‚aber, sondern‘ war eine diachronische Formenvarianz festzustellen, bei der ein Nebeneinander von men, sunder und spätmittelniederdeut‐ sche Varianten āvers(t) und ȫverst konstatiert werden konnte. Als Hauptvarianten konnten men und āverst ausgemacht werden, wobei auch die t-lose Nebenvariante āvers im Text gut vertreten war. Dagegen konnten die Varianten sunder und ȫverst als Ausnahmen beschrieben werden. Genauso wie bei den anderen Variablen konnten in diesem Fall keine frühmittelniederdeutschen Erscheinungen ermittelt werden. Eine erstaunlich starke Variation konnte für die Konjunktionen ‚wenn, als‘ und komparati‐ visches ‚als‘ erkannt werden. So hat ‚Reynke Vosz de olde‘ zum einen die ältere Form dô neben der spätmittelniederdeutschen überregionalen Mehrheitsvariante wen / wan für ‚wenn, als‘ behalten, wovon zahlreiche Belege zeugen, zum anderen aber die Variante alse zusätzlich mit dem Aspekt der Einmaligkeit versehen, was bei den anderen Varianten nicht der Fall ist. Auch für das komparativische ‚als‘ war recht aktiver Gebrauch eher der älteren Form dan überraschend. Dennoch konnte ein Ne‐ beneinander von „klassischen“ mittelniederdeutschen und spätmittelniederdeutschen Varianten festgestellt werden bei einer erwartungsgemäßen Dominanz der jüngeren Form alse. 9 Zusammenfassung 289 Zusammenfassend kann man sagen, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ v. a. bei den Pronomina und den Konjunktionen ältere und jüngere Formen noch miteinander kon‐ kurrieren, während insbesondere die Bildung des Partizip Präteritum mit ge- sowie weitere Entwicklungen im Bereich der Konjugation im Wesentlichen den spätmittel‐ niederdeutschen Stand erreicht haben. Als wichtigste Neuerung ist dennoch der rela‐ tiv sichere Umgang mit der Umlautkennzeichnung zu nennen. Reflexe gesprochener Sprache Zwar sind Reflexe gesprochener Sprache eher in frühmittelniederdeutscher Zeit zu erwarten, da diese Sprachstufe insgesamt als sprechsprachen- oder mundartnah848 gilt, sowie eher für Handschriften und nicht für Drucke anzunehmen, es finden sich jedoch im ‚Reynke Vosz de olde‘ durchaus sprechsprachliche Spuren, die allerdings vergleichsweise selten zu konstatieren sind. Von diesen Phänomenen sind im Untersu‐ chungstext zum einen relativ zahlreiche Kontraktionen zu finden, die eher der Sprechals Schriftsprache zuzuordnen sind, wie beispielsweise Verschmelzungen von Präpo‐ sition und bestimmtem Artikel jnt(h) ‚in das‘, thor ‚zu der‘, thom ‚zu dem‘, seltener auch thon ‚zu den‘ (Pl.) und vppet ‚auf das‘, deutlich seltener auch Verschmelzungen von Personalpronomen und enklitischem Personalpronomen ‚es‘ ickt ‚ich es‘ oder Verb und enklitischem Personalpronomen ‚es‘ wilt ‚will es‘. Vergleichsweise häufig sind Kontraktionsformen von Modalverb oder Auxiliarverb und Pronomen ‚du‘ an‐ zutreffen, wobei auch sonstige Verschmelzungen von Vollverb und Personalprono‐ men der 2. Person Singular im Nominativ vorkommen. Dabei ist festzustellen, dass unabhängig von Verbtyp (Vollverb, Hilfsverb, Modalverb), Zeitform (Präsens, Präte‐ ritum), Modus (Indikativ, Konjunktiv) oder Lautkontext (Verbformen mit auslauten‐ dem Kurzvokal, Langvokal, Diphthong, Schwa mit oder ohne Konsonant) bei den Kontraktionsformen die beiden Plosive zu einem stimmlosen Plosiv zusammenfallen und der volle Vokal stets erhalten bleibt und nicht zu einem Schwa abgeschwächt wird:849 scholdestu ‚solltest du‘, machstu ‚magst du‘, mostu ‚musst du‘, kanstu ‚kannst du‘, willstu ‚würdest du wollen‘, heffstu ‚hast du‘, heddestu ‚hättest du‘, wer‐ stu ‚wirst du‘, deystu/deistu ‚tust du‘, merckedestu ‚merktest du‘, makestu ‚machst du‘, kumpstu ‚kommst du‘, Meinstu ‚meinst du‘, Bystu ‚bist du‘, segestu/sechstu ‚sagst du‘, bryngstu ‚bringst du‘, Beueͤlstu ‚befiehlst du‘, Vorbergestu ‚verbirgst du‘, Vorbuͤtstu ‚verbietest du‘, nympst ‚nimmst du‘, Entloͤpstu ‚läufst du weg‘. Deutlich seltener geht das -s- an der Kontaktstelle zwischen Endung und Personalpronomen verloren wie beispielsweise in wiltu ‚willst du‘ und schaltu ‚sollst du‘. Bei den Ver‐ ben ‚kommen‘ und ‚nehmen‘ ist zudem anzumerken, dass die synkopierten Formen mit Wiedergabe des epenthetischen p zwischen m und Dental sehr frequent sind. Im 9.4 848 Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch; Fedders, die Schreibsprache Lemgos, S. 363; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 293. 849 Zur modernen Verteilung der einzelnen Typen bei der Kontraktion von Verb und Personalpronomen ‚du‘ vgl. Elmentaler / Rosenberg, Norddeutscher Sprachatlas (NOSA). Bd. 1: Regiolektale Sprachlagen, S. 369-381. Teil II A Textinterne Analyse 290 Gegensatz zu diesen sprechsprachlichen Erscheinungen werden die Assimilationen ld, lt > ll und nd > nn im ‚Reynke Vosz de olde‘ nicht bezeichnet. Unterschiede zwischen dem Verstext und den Glossen Aufgrund ihrer unterschiedlichen Entstehungsgeschichte lassen der bearbeitete Verstext und die einen Konglomeratcharakter aufweisende jüngere Glosse samt Margina‐ lien potentielle sprachliche Unterschiede vermuten. Schließlich folgt der Rostocker Bearbeiter im Erzähltext weitestgehend der Lübecker Vorlage, wenn auch an zahlrei‐ chen Stellen geringe Modifikationen auffallen, wie u. a. Bieberstedt (2015) hervor‐ hebt: Die Hinzufügungen, Auslassungen, Umstellungen, Ersetzungen von Einzelwörtern und seltener Wortgruppen erfolgen aus stilistischen, sprachgeographischen oder sprachhistori‐ schen Gründen. Wörter werden eingefügt, getilgt oder ausgetauscht, um die Metrik zu verbessern, regional ungebräuchliche Wörter durch die entsprechende Regionalvariante ersetzt, veraltete durch die entsprechende aktuelle Variante. Hinzu kommen zahlreiche Veränderungen im graphematischen Bereich wie eine Systematisierung von Groß- und Kleinschreibung […], von Interpunktion und von Getrennt- und Zusammenschreibung.850 Diese kleineren Modifikationen können eher als ein Adaptations-, d. h. Anglei‐ chungsversuch, und gewissermaßen Modernisierungsversuch und nicht als Überset‐ zungsresultat im engeren Sinne, d. h. Ergebnis einer systematischen Umbildung, auf‐ gefasst werden, was sicherlich auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass es sich bereits bei der Vorlage um einen Text in mittelniederdeutscher Sprache handelt. Zu‐ dem muss beachtet werden, dass schon die Vorlage in Reimpaaren gestaltet ist und dies eine gewisse Einschränkung für den Bearbeiter mit sich bringt. Eine eingehende Untersuchung der einzelnen Modifikationen sowie eine systematische Analyse der jeweiligen Einflussfaktoren und Änderungsmotivationen, die verallgemeinernde Aussagen erlauben würden, steht bislang noch aus. Sicherlich könnte eine detaillierte vergleichende Darstellung beider Versionen zum einen Aufschluss darüber geben, wie die diachronischen und diatopischen Variantenabbau- und -ausbauprozesse851 im südlichen Ostseeraum in der Übergangsphase vom „klassischen“ zum späten Mittel‐ niederdeutschen verlaufen sind, zum anderen aber auch mehr zur Verfahrensweise 9.5 850 Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuüberset‐ zung eines mittelniederdeutschen Klassikers, S. 373. Vgl. hierzu früher Tsapaeva, Reynke Vosz de olde (Rostock, 1539) in context of the Middle Low German Reynke de Vos tradition in the 15th-16th century, S. 184. Vgl. auch Richards, An examination of the Reineke Fuchs glosses 1498-1650, S. 15: „Here the text of the poem remains to all intents and purposes the same, apart from some dialectal variations and some filling out of the lines“. 851 Vgl. diesbezüglich neuerdings auch Bemerkung von Bieberstedt. Siehe Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeut‐ schen Klassikers, S. 373. 9 Zusammenfassung 291 des Rostocker Bearbeiters852 verraten, was freilich in vollem Umfang im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden kann. Im Gegensatz zum Verstext bediente sich der Rostocker Bearbeiter bei der Ab‐ fassung bzw. Zusammenstellung der Glosse unterschiedlichster Textquellen, was der kompilatorischen Arbeitsweise der Renaissancezeit853 durchaus entspricht. Viele die‐ ser Prätexte, die nicht als bloßes Anhängsel, sondern als ein natürlicher, integraler Bestandteil der Kapitelglossen und der Marginalien einzustufen sind, kommen ur‐ sprünglich aus dem hochdeutschen Sprachraum.854 Es kann leider nicht in jedem Ein‐ zelfall geklärt werden, wann der jüngere Glossator bereits eine niederdeutsche Über‐ setzung parat hatte und inwiefern er sich dieser anschloss und in welchen Fällen er die Rolle eines Übersetzers im eigentlichen Sinne des Wortes übernommen hat, um einen passenden, zitierfähigen und v. a. allgemein verständlichen Reimspruch oder Zitat zu haben.855 Es lässt sich zunächst vermuten, dass der Rostocker Bearbeiter mit den Textvorlagen zum Kommentarteil zumindest ähnlich wie mit der Vorlage zum Erzähltext umgegangen ist, allerdings mit der Einschränkung, dass der sprachliche Abstand zu den übernommenen Sprüchen und Zitaten als größer einzuschätzen ist und sich die kompilatorische Arbeitsweise von der reinen Adaptation unterscheidet. Die Ergebnisse der Studie von Ella Schafferus ergeben jedoch ein von dieser Annah‐ me ziemlich abweichendes Bild. So ist es durchaus bemerkenswert, dass der Glossator in den meisten Fällen so‐ wohl den Verfasser als auch den entsprechenden Werktitel, dessen er sich bedient hat, nennt.856 In vielen Fällen jedoch, wo der Rostocker Bearbeiter offensichtlich eine Übersetzung heranzieht, nennt er den eigentlichen Verfasser und nicht den Überset‐ zer des jeweiligen Textes, selbst dann nicht, wenn er bekannt ist.857 Es stellt sich nun doch die Frage, in welcher Weise der Glossator diese Prätexte benutzt und v. a. wie er sie zu seinen Zwecken modifiziert. Hier können zum einen sehr enge neben freien Übersetzungen hochdeutscher Vorlagen, zum anderen aber auch nicht wortgetreue 852 Zur Arbeitsweise des jüngeren Glossators vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, insbes. S. 26-43. Leider äußert sich Schafferus nicht ausführlich zu seiner Arbeits‐ weise als Bearbeiter des Erzähltextes und konzentriert sich voll und ganz auf die Glosse und die Arbeit mit den Prätexten der Glosse. 853 Vgl. Müller, Deutsche Dichtung von der Renaissance bis zum Ausgang des Barock, insbes. S. 81. 854 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 15: „Sie [die Vorlagen der Glossen, S. T.] scheiden sich sprachlich in eine niederdeutsche und hochdeutsche Gruppe. Die niederdeutsche ist auffallend klein […]“. 855 Als eine solide Stütze erweisen sich in dieser Hinsicht zwar die Studien zur jüngeren Glosse und ihren Quellen von Brandes und Schafferus, jedoch sind die dort aufgeführten Informationen nicht vollständig – es konnten nicht alle Prätexte ermittelt werden – und demnach nicht ausreichend, um eine genauere Aussage bezüglich sprachwissenschaftlicher Veränderungen und Übersetzungsleis‐ tung zu treffen. Zu den Problemfällen vgl. insbes. Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 19, 23, 25. 856 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 17. In den Marginalien fehlen häufiger die Verfasserangaben, was sich sicherlich leicht durch den Platzmangel erklären lässt. Vgl. Schaffe‐ rus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 38-39. 857 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 18. Teil II A Textinterne Analyse 292 Übernahmen aus den niederdeutschen Prätexten festgehalten werden.858 Schafferus kommt in ihrer Untersuchung der Arbeitsweise des Glossators zum Schluss, dass die‐ ser seine Prätexte nicht wirklich zitiert, sondern „die Gedanken anderer übernimmt, weil sie ihm den Sinn der Dichtung zu treffen scheinen, oder weil er sie als Fragen von allgemeinem Interesse ansieht und sie sich lose an den dichterischen Text knüp‐ fen lassen“.859 Sie fährt fort und hält fest, dass „[er] sie in der Form der Vorlage [übernimmt], wenn diese sich dem Ganzen einfügt, und sie seinem Stilbewusstsein entgegenkommt, andernfalls ändert er, oft nur die Form, in seltenen Fällen den Sinn […]“.860 An einer Stelle verbindet der Bearbeiter beispielsweise zwei Sprüche Agricolas miteinander und verändert gleichzeitig geschickt die einleitenden Sätze, um die Fuge zwischen den Zitaten zu verwischen.861 In anderen Fällen bedient sich der Bearbeiter sogar mehrerer Prätexte gleichzeitig, indem er z. B. in der Wortwahl der einen Vorla‐ ge und im Satzbau wiederum der anderen Vorlage folgt, wie es u. a. bei einigen Kon‐ taminationen von Bibelzitaten der Fall ist.862 An zahlreichen anderen Stellen wird eine weitere Eigentümlichkeit seines Schreibstils sichtbar, nämlich die der Wortstel‐ lung: Der Glossator tendiert hier eindeutig zur Endstellung der flektierten Verbfor‐ men im Spannsatz, wodurch die Sätze, die in der jeweiligen Vorlage noch ziemlich diffus und unübersichtlich waren, an Geschlossenheit und Organisation gewinnen.863 Insgesamt lässt sich für die jüngere Glosse „[d]ie Flüssigkeit des Stils, ein gewisses Gleiten der Sprache“ feststellen, die u. a. „durch einen klaren architektonischen Satz‐ bau“ erreicht werden.864 Besonders deutlich wird dieses Bestreben, so Schafferus, in den Abschnitten, die auf Sebastian Franks Schriften zurückzuführen sind.865 Ver‐ gleicht man den dynamischen, jedoch recht zerhakten Stil Franks mit dem des Rosto‐ cker Glossators, so wirkt letzterer deutlich strukturierter und konzentrierter, aber zu‐ gleich auch eher schlicht und zurückgehalten.866 Darin kann man wohl das Bestreben des Glossators zu einer insgesamt klaren Ausdrucksweise erkennen, die auch andere Abweichungen vom Text der Vorlage erklären würde.867 In dieser Hinsicht scheint der Eingriff des Bearbeiters des ‚Reynke Vosz de olde‘ in die Wortwahl und die Er‐ 858 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31. Bereits Brandes macht darauf aufmerk‐ sam, dass das Verhalten des Glossators seinen Quellen gegenüber eher schwankend ist: „Sklavische treue und äusserste willkür wechseln mit einander ab. Einen unterschied macht er in dieser bezie‐ hung weder zwischen den hochdeutschen und niederdeutschen noch zwischen den poetischen und prosaischen darstellungen, aus denen er schöpft. Es ist auch nur im allgemeinen richtig, dass er we‐ niger zu auslassungen, umstellungen, zusammenziehungen von sätzen und ähnlichen starken mit‐ teln greift, wenn er seinen gewährsmann oder das werk, dem er folgt, nennt, als wenn er seine vor‐ lage nicht bezeichnet“. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. XXI. 859 Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31. 860 Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31. 861 Vgl. das Beispiel bei Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31-32. 862 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 28, 49-55. 863 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32. 864 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32. 865 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32. 866 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32. 867 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 33. 9 Zusammenfassung 293 setzung besonders derber oder allzu starker Ausdrücke durch neutralere bemerkens‐ wert zu sein. Teilweise lässt der Rostocker Glossator solche Ausdrücke sogar kom‐ plett aus, dafür macht er an anderen Stellen wiederum Zusätze erklärender, verstär‐ kender oder rein schmückender Natur.868 Als Pendant zu solchen verdeutlichenden Zusätzen und hinzugefügten Erklärungen kann man längere Kürzungen und Abstri‐ che von Beispielen und Bildern an anderen Textstellen gelten lassen, wobei auf die Neutralisierung und Tilgung besonders starker Ausdrücke bereits oben hingewiesen wurde.869 Wie man nun erkennen kann, gibt es recht diverse Gründe, warum der Glossator den Prätext nicht nur sprachlich im engeren Sinne verändert, d. h. übersetzt oder adaptiert, sondern auch im stilistischen, syntaktischen etc. Sinne eingreift, diver‐ se Texte in einem Satz oder Gedankenablauf kontaminiert und dadurch die Lesart verändert.870 Die Frage der Benutzung der Originalquellen oder ihrer jeweiligen Übersetzun‐ gen wird zudem dadurch erschwert, dass die ursprünglichen sprachlichen Besonder‐ heiten, seien es auch nur die (ortho)graphischen bei den niederdeutschen Originalen oder Unterschiede in der Wortwahl, Wortfolge, Satzbau etc. bei den hochdeutschen Prätexten, stets an die insgesamt sehr einheitliche Sprache des ‚Reynke Vosz de olde‘- Druckes angeglichen werden. Dennoch fallen beim Vergleich einige wenige Unter‐ schiede in der sprachlichen – teilweise jedoch nur (ortho)graphischen – Gestaltung des Verstextes, der jüngeren Glosse und der Randglossenbeiträge auf. Auf rein gra‐ phischer Ebene ist für die in den Kapitelglossen verwendeten größeren Zitaten ver‐ stärkter Gebrauch der y-Schreibung gegenüber der sonst im Text vorherrschenden j- Realisierung für den stimmhaften palatalen Approximanten j zu verzeichnen. Für die Randglossen ist zudem eine besonders intensive Verwendung des Nasalstrichs (Tilde) zu vermerken, die sicherlich auch mit dem Platzmangel zusammenhängt. Bei einigen Zitaten in den Kapitelglossen scheint die hochdeutsche Vorlage durchzudringen, so wie es beispielsweise der Fall bei behalt (statt beholt) auf Bl. 23v oder voll (statt vull) auf Bl. 127v ist. Einmalig kommt ebenfalls in einem Glossenzitat die Realisierung sterck Bl. 231v mit der Entwicklung a > e vor r + Konsonant vor, die ansonsten so‐ wohl im Verstext als auch in den Glossen unterbleibt. Des Weiteren ist eine markante Variantenverteilung für die Bezeichnung des Schlosses von Reynke zu nennen: Wenn im Verstext beide Realisierungen (Malepartus neben Malepertus) vorkommen, be‐ schränkt sich der Gebrauch in der Glosse auf Malepartus. Auffallend häufig begeg‐ nen die -he- und -ehe-Schreibungen bei der Untergruppe von ê2 vor r in den Kapitel‐ glossen und Marginalien. Auch sonstige Formen mit eingeschobenem treten fast 868 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 32-34, insbes. S. 34: „Der Wunsch, zu ver‐ deutlichen, zu unterstreichen, zu schmücken, verbunden mit der ausgesprochenen Bevorzugung der Vollformen und dem Streben nach grammatischer Vollständigkeit, wird besonders auffällig gegen‐ über den Reimvorlagen; auch der gesamte dichterische Text des Reinke wird in der gleichen Weise überarbeitet“. 869 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 35-36. 870 Es liegen selbstverständlich auch extralinguistische, d. h. weltanschauliche und religiöse Gründe für Veränderungen vor, auf die an dieser Stelle nicht ausführlich eingegangen werden kann. Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 31 und insbes. S. 60-99. Teil II A Textinterne Analyse 294 ausschließlich in den Kapitelglossen und den eingebetteten Zitaten auf (Kap. 5.4.1 Hiattilgung). Keine Senkung u > o und ü > ö vor r findet vorwiegend in den Kapitelund Randglossen statt, auch wenn sich Beispiele dafür zum Teil im Erzähltext finden. Als Suffixabstrakta sind im Verstext ausschließlich die -inge-Formen vertreten, die als Normalform gelten, während in den Kapitelglossen und den Marginalien da‐ neben auch die -unge-Varianten nachgewiesen sind. Diese als jüngere einzustufende und durchaus als hochdeutsch induziert zu beschreibende Erscheinung überrascht vor allem durch die äußerst gleichmäßige Verteilung der -inge- und -unge-Varianten (Kap. 7.2.1 Das Suffix -inge, -onge, -unge). In der 3. Person Singular Präsens Indika‐ tiv des unregelmäßigen Verbs ‚tun‘ erscheint überwiegend in den Kapitelglossen und den dort eingebetteten Zitaten die oe-Schreibung, die dem dominierenden ey-/ei-Ge‐ brauch im Gesamttext und somit auch im Verstext gegenübersteht (Kap. 6.1.17 Die unregelmäßigen Verben ‚tun‘, ‚gehen‘, ‚stehen‘). Fast ausschließlich in den Kapitelund Randglossen begegnet die erhaltene langvokalische ae-Realisierung für die 3. Person Singular Präsens Indikativ des unregelmäßigen Verbs ‚gehen‘, die im Text mit der überregional vertretenen und auch der für das Mecklenburgische zu erwartenden ei-/ey-Schreibung variiert (Kap. 6.1.17 Die unregelmäßigen Verben ‚tun‘, ‚gehen‘, ‚stehen‘). Hervorzuheben sei ferner die Verteilung der Infinitivformen des Verbs ‚sein‘, bei der die mittelniederdeutsche Normalform wēsen deutlich seltener in den Glossen als im Erzähltext vorkommt und die hochdeutsch gestützte Variante sîn als insgesamt dominierende zu bezeichnen ist (Kap. 6.1.18 Das Verbum substantivum ‚sein‘). Für das Lexem ‚Geschrei, Gerücht‘ sind im Versteil des ‚Reynke Vosz de olde‘ neben der nordniedersächsischen Leitform (ge)röchte auch westfälisch-ostfälische Realisierungen überliefert, während in den Kapitelglossen keine ö-Formen zu ver‐ zeichnen sind. Dafür ist sowohl für den Erzähltext als auch für die Kapitelglossen eine Varianz mit und ohne Präfix ge- festzuhalten (Kap. 8.1.7 ‚Geschrei‘, ‚Gerücht‘). Als Einfluss des Freidank-Prätextes ist die einmalige ausnahmsweise in der Rand‐ glosse vorkommende mick-Realisierung für den Akkusativ des Personalpronomens der 1. Person Singular zu interpretieren. Ebenfalls in einer Randglosse erscheint der Einzelbeleg für den Typ sunder / sünder für die Präposition ‚ohne‘, der sonst weder im Erzähltext noch in den Glossenkommentaren zu finden ist. Für die hochdeutsch beeinflusste und sehr zahlreich vertretene Realisierung durch finden sich keine Bele‐ ge im Versteil, während die allgemein mittelniederdeutsche Variante dorch im ge‐ samten Teil verteilt ist. Die Präposition ‚hinter‘ wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ aus‐ schließlich in der hochdeutsch induzierten Variante hinder / hynder realisiert, wobei zu vermerken sei, dass alle Belege in den Kapitelglossen und den integrierten ge‐ reimten Zitaten vorkommen. Bei der sonst sehr gleichmäßigen Verteilung der einzel‐ nen überregionalen und hochdeutsch gestützten Varianten für die Konjunktion ‚oder‘ fällt der einmalige Gebrauch der für den Text als markiert aufzufassenden mecklen‐ burgischen Form yfft, die sich in einer Kapitelglosse findet. Für das Indefinitprono‐ men ‚kein‘ wird im ‚Reynke Vosz de olde‘ normalerweise mnd. nen / neyn geschrie‐ ben, aber der hochdeutsch beeinflusste Typ kein ist im Text der Glossenkommentare, jedoch bemerkenswerterweise nicht in Zitaten, auch vertreten. 9 Zusammenfassung 295 Möchte man die Ergebnisse dieses Vergleiches kurz zusammenfassen, so kann man sagen, dass die bereits von Schafferus unterstrichene Sorgfalt871, mit der der Rostocker Bearbeiter an seine Textvorlagen herangegangen ist, hier nochmals bestä‐ tigt werden konnte. Die Gründlichkeit der sprachlichen und (ortho)graphischen An‐ passung der einzelnen adaptierten und übersetzten Textpassagen sowie die allgemei‐ ne bemerkenswerte Einheitlichkeit des Textes stellen eine besondere Leistung des Bearbeiters dar und können kaum genug betont und hervorgehoben werden. Resümee Die Variablenanalyse des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ hat gezeigt, dass sich sei‐ ne Sprache als Nordniederdeutsch lübischer Prägung mit mecklenburgischem Ein‐ fluss sowie mit gelegentlichen Einflüssen der hochdeutschen Prätexte der jüngeren Glosse beschreiben lässt. Der Sprachstand des Tierepos entspricht im Wesentlichen noch der mittelniederdeutschen Schriftsprache mit überregionaler Geltung, was sich in einem verhältnismäßig eingeschränkten Variantenbestand niederschlägt, jedoch lassen sich bereits einige Entwicklungen registrieren, die für den Übergang zum Spätmittelniederdeutschen charakteristisch sind, darunter beispielsweise der Varian‐ tenausbau im Bereich der Kleinwörter. Bemerkenswerterweise liegt beinahe keine Variation im Bereich der Präpositionen (außer ‚durch‘ und gewissermaßen ‚bis‘), Ad‐ verbien und Personalpronomina vor, während die Demonstrativ- und Indefinitprono‐ mina sowie insbesondere Konjunktionen für fremdsprachliche, nämlich hochdeut‐ sche Einflüsse und spätmittelalterliche Entwicklungstendenzen durchlässiger zu sein scheinen. Eine solche Prädestinierung im Bereich der Konjunktionen kann wohl kaum dadurch erklärt werden, dass die Konjunktionen dem Bearbeiter des ‚Reynke Vosz de olde‘ schlicht und ergreifend als unwichtig erschienen, sodass er sich keine Mühe gemacht hat, diese anzupassen.872 Dagegen spricht vor allem seine sonst sehr akribische Arbeitsweise. Zusätzlich ist zu vermerken, dass die Konnektoren naturge‐ mäß eine textstrukturierende Funktion erfüllen und die Kohäsion sichern sowie Satz‐ teile, Hauptsätze und Nebensätze miteinander verbinden, was schon rein funktionell gesehen signifikanter für Sinnzusammenhänge und Textverständnis als beispielswei‐ se beim Präpositionsgebrauch ist. Es lässt sich eher vermuten, dass die Kleinwörter insgesamt und speziell die Konjunktionen aus den folgenden Gründen sozusagen „anfälliger“ für hochdeutsche Interferenzen waren: Einerseits kennzeichnen sich Kleinwörter generell durch eine große Frequenz im Auftreten, die so für andere Wortarten nicht vorliegt. Eine besonders stark erhöhte Okkurrenz wie bei Personal‐ pronomina oder Präpositionen scheint allerdings zumindest im ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ ein Hinderungsfaktor für einen Variantenausbau oder Variantenersatz zu sein. Andererseits kann angenommen werden, dass Pronomina, Adverbien, Präpositionen 9.6 871 Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse, S. 36. 872 Vgl. Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 13; Peters, Variation und Traditi‐ on, S. 148 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 36]. Teil II A Textinterne Analyse 296 und Konjunktionen aufgrund ihres relativ geringen Wortumfangs keine besonders ho‐ he Gedächtnisbelastung darstellen, sodass eine Übernahme von Fremdelementen und die gleichzeitige Erweiterung des vorliegenden Variantenspektrums als nicht störend wahrgenommen wird.873 Schließlich könnte das Aufnehmen der hochdeutschen „Ein‐ dringlinge“ gerade im Bereich des Kleinwortschatzes darauf zurückzuführen sein, dass es sich um eine Art neue Modeerscheinung handelt.874 Mit dem letzteren Argu‐ ment des Bestrebens, sich der neuen Mode anzupassen, erklärt Gabrielsson beispiels‐ weise auch den verstärkten durch das Hochdeutsche gestützten Gebrauch der Adjek‐ tive und Adverbien auf -lich, der durchaus ebenfalls für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ charakteristisch ist.875 Bei der Betrachtung der Ergebnisse der variablenlinguistischen Untersuchung ist es ferner klar geworden, dass sich der Rostocker Bearbeiter sehr viel Mühe sowohl bei der Adaptation des auf einer Lübecker Vorlage basierenden Erzählteils als auch bei der Kompilierung und Angleichung der einzelnen Prätexte für die jüngere Glosse gemacht hat. Eine gewisse Rolle scheint dabei die sprachliche Nähe der niederdeut‐ schen Erzähltextvorlage und der größtenteils hochdeutschen Prätexte zu spielen, die einem offenbar sprachgewandten Bearbeiter verhältnismäßig viel Freiraum in Bezug auf die Übersetzung gelassen haben. Der Bearbeiter, dem offenbar nicht nur ein sehr gutes Sprachgefühl und lückenloses Textverständnis, sondern auch ein sehr bewuss‐ ter und reflektierter Umgang mit Textquellen, der sich wiederum in zahlreichen äs‐ thetischen, stilistischen und syntaktischen Modifikationen gegenüber den Vorlagen äußert, zugeschrieben werden kann, scheint ein sehr sorgfältig ausgearbeitetes Text‐ konzept gehabt zu haben. Diese bedeutend höhere Qualität der Textaufbereitung fällt insbesondere im Vergleich mit der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe auf. Die sprachliche Einheitlichheit des ‚Reynke Vosz de olde‘ hängt sicherlich auch mit seinem Erscheinungsort zusammen. Die Zugehörigkeit des Untersuchungstextes zum Druckprogramm des Ludwig Dietz, auch wenn dieser möglicherweise nicht der eigentliche Verfasser bzw. Bearbeiter des Rostocker Tierepos gewesen ist, legt nahe, dass im Text vorwiegend Varianten mit maximal großem Geltungsradius sowie „tren‐ dige“ hochdeutsch induzierte Formen im Interesse einer Allgemeinverständlichkeit und zwecks möglichst weiter Verbreitung des Buches Gebrauch finden. Vorlagenspe‐ zifische sowie autorenspezifische Einflüsse – letztere betreffen insbesondere die sti‐ listischen Eigentümlichkeiten der hochdeutschen Prätexte der Kapitelglossen – wer‐ den dabei weitestgehend zurückgedrängt, auch wenn einige Spuren dennoch auffind‐ bar bleiben, um ein möglichst harmonisches, ansprechendes Bild zu ergeben.876 Im 873 Vgl. ähnlich Maas, Die sprachlichen Verhältnisse in Osnabrück zu Beginn des 17. Jahrhunderts, S. 119. 874 Vgl. hierzu u. a. Bemerkung Gabrielssons zum Verlauf der ersten Phase und zu den möglichen Gründen der Ablösung des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache. Gabrielsson, Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache, S. 127-128. 875 Vgl. Gabrielsson, Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftspra‐ che, S. 127-128. 876 Vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Lite‐ ratursprache, S. 195-196. 9 Zusammenfassung 297 Lichte dessen, dass Dietz neben den unterhaltenden, naturwissenschaftlich und religi‐ ös belehrenden Schriften auch zahlreiche Amtsschreiben, amtliche Aufrufe, Verträge, Gesetze und Verordnungen, mit anderen Worten sprachlich ausgewogene und traditi‐ onsbewusste Schriften aus dem öffentlichen Verkehr, gedruckt hat, lässt sich eine weitgehende Orientierung seiner Druckwerkstatt an den Vorstellungen von einer gu‐ ten, d. h. einheitlichen Druckpraxis vermuten.877 Die fundierte Klärung der Frage nach dem Verhältnis Vorlage – Bearbeiter – Setzer – Korrektor muss leider aufgrund der fehlenden Informationen zu den Mitarbeitern der Offizin des Ludwig Dietz aus‐ bleiben. 877 Vgl. auch Prowatke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Lite‐ ratursprache, S. 157. Teil II A Textinterne Analyse 298

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References

Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.