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8 Lexemgebundene Varianz in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 221 - 280

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-221

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Lexemgebundene Varianz Substantive ‚Brunnen‘ Als Bezeichnung für den ‚gemauerten Brunnen‘ wird im Westfälischen in der Regel die Variante put bzw. putte verwendet.703 Das Ostfälische benutzt überwiegend die Form born. Als nordniederdeutsche Normalform gilt die Variante sod.704 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheint überwiegend die sonst für das Ostfälische ty‐ pische Variante born: Borne (6), Born (1), Bornesz (1). Die westfälisch anklingende Variante put/putte kommt einmal als Teil eines Toponyms und einmal als Simplex im Verstext vor: Krekelpuͤtt 137r (1), Puͤtte 228v (1). In beiden Fällen gehen die Belege auf die Lübecker Vorlage zurück. Die nordniederdeutsche Normalform sod ist im Untersuchungstext als Simplex ebenfalls nur einmal belegt, nämlich in einer Kapi‐ telglosse: Soedt 231v. ‚Ehefrau‘ Für die Bezeichnung der Ehefrau können im Mittelniederdeutschen einerseits die äl‐ tere Form wîf erscheinen und andererseits auch die modernen Typen vro‐ we / vrûwe.705 Auch diese Formen können durch Adjektive erweitert wie êlĩke oder echte werden.706 8 8.1 8.1.1 8.1.2 703 Schmitt weist darauf hin, dass die Form ‚putte‘ „heute auf das westliche Westfalen und den rhei‐ nisch-niederländischen Raum beschränkt“ ist. Sie führt weiter aus, dass „sein [von putte m.] Ver‐ breitungsgebiet früher weiter ostwärts reichte, aber dem eigentlichen Ostfälischen ist das aus dem Galloromanischen entlehnte Maskulinum offenbar immer fremd geblieben“. Vgl. Schmitt, Der große Seelentrost, S. 134*. Vgl. dazu auch Foerste, Der wortgeographische Aufbau des Westfäli‐ schen, S. 16f. und Karte 5. 704 Frings, Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache, Karte 20, S. 110; Foerste, Der wortgeographische Aufbau des Westfälischen, S. 16-18 und Karte 5; Wortmann, Die Mundart, S. 165-171 und Abb. 105; Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialek‐ te, Bd. 2, Karte 8, S. 22f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 85 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 75]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 261f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 223. 705 Zur graphischen Variation in vrowe/vrûwe vgl. Kap. 5.3.10 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw. 706 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 197, 222; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 231f., 249-256; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 32f.; Bischoff, wif, vrowe und ihres‐ gleichen im mittelalterlichen Elbostfälischen; de Smet, ‚Ehefrau‘ in den altdeutschen Originalur‐ kunden bis zum Jahre 1300; ders., Zum Wortschatz der höfischen Dichtersprache. Die ‚Ehefrau‘, S. 31; König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 112f.; Åsdahl Holmberg, Zur Benennung von Ehe‐ 221 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ liegt eine Variation zwischen der älteren und den jün‐ geren Varianten vor, wobei der Großteil von denen durch Possessivpronomen oder Namen des entsprechenden Ehemannes erweitert ist: – Belege für wîf: wyff (20), wyues (1), wiuē (1), wyf (1), wyue (7); – Belege für vrouwe: frouwen (6), frowen (3), Frouwe (10), Frowe (1), Fruwen (1), frou‐ wenn (1). ‚Fenster‘ Als mittelniederdeutsche Normalform für das Wort ‚Fenster‘ gilt venster. Zum Teil tritt vor Nasalverbindung auch die Hebung e zu i in vinster vor.707 Die Formenvarianz zur Realisierung von ‚Fenster‘ kann im Untersuchungstext leider nicht bewertet werden, weil es sich um einen Einzelbeleg handelt. Dieser ent‐ spricht jedoch der mittelniederdeutschen Normalform ohne Vokalhebung: venster (1). ‚Frau‘ Für die Bezeichnung der Frau erscheint im Mittelniederdeutschen überwiegend die Hauptvariante vrowe / vrûwe.708 Daneben ist im Elbostfälischen seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Variante hûsvrowe gängig, die auf den oberdeutschen Ein‐ fluss zurückzuführen ist, wo dieses Kompositum bereits vor 1300 als nachgewiesen gilt. Ferner kann das Kompositum hûsvrowe im Elbostfälischen durch das Adjektiv echte erweitert werden. Gelegentlich kann das mnd. vrowe vor Vornamen in der Form vor auftreten.709 8.1.3 8.1.4 frauen und anderen Frauen im Mittelniederdeutschen; Erben, ‚Ehefrauen‘ in der Sprache Martin Luthers; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 68f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 273-275; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 212-217; ASnA, Bd. I, Karte 79 ‚Ehefrau‘, Karte 80 ‚Ehefrau (ohne Attribute)‘, Karte 81 ‚Ehefrau (Attribute)‘. 707 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 87, 138 I; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 93f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 32; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 86 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 75]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 264; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 223. 708 Ausführlicher zur graphischen Variation in vrowe / vrûwe vgl. Kap. 5.3.10 Vormnd. auw, euw, ôw, mnd. ûw. 709 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 197, 222; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 231f., 249-256; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 32f.; Bischoff, wif, vrowe und ihres‐ gleichen im mittelalterlichen Elbostfälischen; König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 112f.; Åsdahl Holmberg, Zur Benennung von Ehefrauen und anderen Frauen im Mittelniederdeutschen; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 68]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 273-275; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibspra‐ che Osnabrücks, S. 212-217; ASnA, Bd. I, Karte 78 ‚Frau‘. Teil II A Textinterne Analyse 222 Zur Bezeichnung einer Frau als solcher sowie als Ehrentitel vor den Vornamen kommt im ‚Reynke Vosz de olde‘ das Lexem vrouwe in folgenden Schreibvarianten vor: Frouwe (16), frowen (2), frowe (3), frouwen (16), Fruwen (1), Frouwes (1). Als Bestandteil eines Kompositums erscheint ‚-frau‘ in folgenden Schreibvarianten: Fro‐ wen leue (1), Oldtfrouwen (1). Daneben wird wîf in der Bedeutung ‚Frau, Weib‘ ge‐ braucht: wyff (4), wyue (5), wyue ruwe (1), wyuer (3). ‚Freund‘ Für das Lexem ‚Freund‘ (auch in Bedeutung ‚Verwandter‘) und entsprechende Ablei‐ tungen ‚Freundschaft‘, ‚freundlich‘ etc. sind im Mittelniederdeutschen verschiedene lautliche Formen festzustellen. Die mittelniederdeutsche Normalform ist vrünt. Als typisch westfälische Varianten sind vrent und gerundet vrönt anzusehen. Als nieder‐ ländisches Kennzeichen gilt die Variante vrint bzw. vrient. Diese ist auch am West‐ rand des niederdeutschen Sprachraumes anzutreffen sowie häufiger in der Früh‐ zeit.710 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheint ohne Ausnahmen die allgemein verbreitete Variante mit . Zum Teil kommen für die Substantive und Adjektive Schreibun‐ gen mit Diakritika, v. a. mit übergeschriebenem vor.711 ‚Furcht‘, ‚fürchten‘ Die ostfälische Variante vrocht(e) mit der Senkung u zu o vor cht weicht von der mit‐ telniederdeutschen Normalform vrucht(e) ab. Auch in der verbalen Ableitung ‚fürch‐ ten‘ ist auf dem gesamten Gebiet vrüchten verbreitet. Im Ostfälischen ist auch hier die Senkung vrüchten > vröchten zu verzeichnen.712 8.1.5 8.1.6 710 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 8, 10 Anm. 2, 12, 15, 68.3, 101, 170, 180, 187, 386.2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 234f.; ders. Niederdeutsche Forschungen. II, S. 247; Rooth, Ein Fragment des Passionstraktats von Heinrich von St. Gallen, S. 495-497; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 224; ders., Zum Problem der sog. westfäli‐ schen Strömung, S. 91f.; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 27-29; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 69; Peters, Katalog sprach‐ licher Merkmale II, S. 80 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 70]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 275f.; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 217; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘, S. 404f.; ASnA, Bd. I, Karte 82 ‚Freund (Sg., Pl.), Freundschaft‘. 711 Vgl. Belege im Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 712 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 153; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 108; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 86 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 75f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 264; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 223. 8 Lexemgebundene Varianz 223 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt folgenden konstanten Befund in Bezug auf ‚Furcht‘, ‚fürchten‘ und ‚furcht-, fürcht-‘: – Belege für ‚Furcht‘: Gadesfoͤrchte (1), foͤrchte (7); – Belege für ‚fürchten‘: foͤrchtet (1), foͤrchten (9), foͤrchte dy (1); – Belege für ‚furcht-, fürcht-‘: Godtfoͤrchtich (1), foͤrchtsam (2). Dieser Befund ist in zweierlei Hinsicht interessant. Einerseits findet im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausnahmsweise eine im Vokalismus von der mittelniederdeutschen Norm ab‐ weichende Form Verwendung: es scheint in diesem Fall einen ostfälischen Einfluss gegeben zu haben. Andererseits unterbleibt in allen Belegen die für das Mecklenbur‐ gische, aber auch insgesamt für das Mittelniederdeutsche zu erwartende r-Metathese. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um einen hochdeutschen Einfluss han‐ deln dürfte. Ob dieser von einem Hochdeutsch mächtigen Bearbeiter des ‚Reynke Vosz de olde‘ zeugt, lässt sich nicht eindeutig ermitteln. Abschließend kann man fest‐ halten, dass die o. g. Varianten ohne r-Metathese mit dem Vokalwechsel u > o so‐ wohl im Verstext als auch in den Glossen gleichermaßen verbreitet sind. ‚Geschrei‘, ‚Gerücht‘ Für ‚Geschrei‘, ‚Gerücht‘ konkurrieren im Mittelniederdeutschen die Varianten (ge)rüchte und (ge)röchte miteinander. Im Westfälischen und Ostfälischen soll die Variante (ge)röchte zuhause sein und die Form (ge)rüchte im Nordniedersächsi‐ schen.713 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheinen neben der nordniedersächsischen Leitform auch westfälisch-ostfälische Realisierungen, wobei festzuhalten ist, dass die ü-Vari‐ anten gleichmäßig verteilt im Verstext und Kapitelglossen vorkommen, während die ö-Formen ausschließlich im Verstext belegt sind. Zudem ist eine Varianz der Schrei‐ bung mit und ohne Präfix ge- festzustellen. – Belege für (ge)rüchte: ruͤchte (2), geruchte (1), geruͤchte (2); – Belege für (ge)röchte: geroͤchte (1), rochte (1). ‚Herr‘ Als übliche Bezeichnung des Herren gilt im Mittelniederdeutschen die Form hêre mit Vereinfachung des Konsonanten nach langem Vokal.714 Die doppelte rr-Schreibung 8.1.7 8.1.8 713 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 153 Anm. 1, 296; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. I, S. 234; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 86 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 76]. 714 Zu ê2 vor r vgl. Kap. 5.3.3 Mnd. ê2 und ê3. Teil II A Textinterne Analyse 224 erscheint gerade bei diesem Lexem äußerst selten, gewöhnlich ist sie in frühen Tex‐ ten belegt.715 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnet ausschließlich die mittelniederdeutsche Nor‐ malform hêre mit einfacher Konsonanz: Here (56), HEREN (1), Heren (82), Herē (2). Die Schreibung ist sowohl im Simplex als auch in entsprechenden Komposita mit dem Grundwort ‚-herr‘ konstant: Jaherenn (1), Kerckhere (1). ‚Honig‘ Im ganzen mittelniederdeutschen Sprachgebiet ist die Form honich verbreitet. Aus‐ schließlich auf den westfälischen Sprachraum ist die Form hanich beschränkt.716 Der Untersuchungstext bietet ausschließlich das allgemein verbreitete honich mit markierter Kürzung des tl. Vokals:717 – Belege für ‚Honig‘: Honnich (11), Honnich schyuen (2), Honniges (6), Honnige (1), hon‐ nich marcket (1), Honnig (1), honnich market (1), honnichsemes (1). ‚Jungfrau‘ Als allgemein gültige Normalform für ‚Jungfrau‘ gilt im Mittelniederdeutschen der Typ junkvrouwe. Im Westfälischen dominieren stattdessen die Varianten junfer und juffer.718 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt ausschließlich die überregional verbreitete Form junkvrouwe in der Schreibung Junckfrouwen (2). ‚Knochen‘ Für das Lexem ‚Knochen‘ besteht im Mittelniederdeutschen einerseits eine diachroni‐ sche, andererseits eine diatopische Variation. Die ältere mittelniederdeutsche Form bên begegnet auch in anderen verwandten west- und nordgermanischen Sprachen. In der jüngeren Zeit wird diese alte Form nach dem Typ ‚Bein‘ im gesamten Sprachge‐ biet zunehmend verdrängt. An ihre Stelle kann entweder die aus dem nordniedersäch‐ 8.1.9 8.1.10 8.1.11 715 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 242.2; Rooth, Ein Fragment des Passionstraktats von Heinrich von St. Gallen, S. 498f.; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 32f.; LBCM II, S. 281f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 68]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 276. 716 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 87; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale, S. 84 [= Pe‐ ters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 74]. 717 Vgl. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. 718 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 338; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 68]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 276f.; ASnA, Bd. I, Karte 76 ‚Jungfrau‘ und Karte 77 ‚Jungfrau (Grundwort)‘. 8 Lexemgebundene Varianz 225 sisch-ostfälischen Gebiet stammende Form knoke oder die aus dem ostniederlän‐ disch-niederrheinischen Raum stammende Variante butte kommen.719 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt eine Variation zwischen der älteren Form bên und der jüngeren Konkurrenzform knoke. Die Verteilung der Varianten sieht ziemlich gleichmäßig aus, sodass man aus der Beleglage nicht schließen kann, welche Form tatsächlich dominiert. – Belege für den Typ bên: been (3); – Belege für den Typ knoke: knake (1), knaken (3). ‚Licht‘ Für das Substantiv ‚Licht‘ überwiegt im Nordniederdeutschen und Elbostfälischen die Form licht. Charakteristisch für das Westfälische ist die Variante lecht. Als ostfä‐ lisches Kennzeichen gilt das Nebeneinander von lucht und lecht.720 Für das Substantiv ‚Licht‘ konnte im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die nordniedersächsisch-elbostfälische Hauptform licht nachgewiesen werden. Der Be‐ fund ist in diesem Sinne wenig überraschend: – Belege für ‚Licht‘: licht (5). ‚Mensch‘ Als mittelniederdeutsche Normalform gilt die Variante minsche. Im Westfälischen und Südmärkischen ist hingegen überwiegend die Form mensche belegt. Durch den westfälisch-südmärkischen Einfluss kommt bereits im frühen Ostfälischen die Vari‐ ante mensche neben der dominierenden allgemein mittelniederdeutschen Hauptform minsche vor. Später wird die frühere Hauptform durch die aus den Nachbargebieten übernommene Variante mensche endgültig verdrängt.721 8.1.12 8.1.13 719 Ising, Ausgleichsvorgänge bei der Herausbildung des schriftsprachlichen deutschen Wortschatzes, S. 7 und Karte S. 14; Eickmans, Gerard van der Schueren: Teuthonista, S. 234-237; Peters, Kata‐ log sprachlicher Merkmale II, S. 80 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 70]. 720 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 101.2b; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 105, 234; Dahlberg, Studien über den Wortschatz Südhannovers, S. 61; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 68; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 86 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 76]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 266; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 224; ASnA, Bd. I, Karte 83 ‚Licht‘. 721 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 139; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 94f.; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 221; Dahlberg, Zur Urkunden‐ sprache in Göttingen und Duderstadt, S. 67; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strö‐ mung, S. 96; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 67; Scharnhorst, Un‐ tersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 32; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 78 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 67]; Fedders, Schreibsprache Lem‐ gos, S. 267; Weber, Die mittelniederdeutsche Sprache Osnabrücks, S. 211f. Teil II A Textinterne Analyse 226 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sieht die Variantenverteilung folgendermaßen aus: – Belege für minsche: minschen Dat. Sg. (1), minschē Pl. (1), minschen Pl. (2), minschē blodt (1); – Belege für mynsche: mynschē Pl. (3), mynschen Pl. (10), mynschlick (1), mynsche Nom. Sg. (9), mynschen Dat. Sg. (2), mynschen Gen. Sg. (3), mynschenn Gen. Sg. (1); – Belege für mensche: menschen Pl. (18), menschen Akk. Sg. (1), menschlike (2), menschen Dat. Sg. (2), menschē Pl. (1), mensche Nom. Sg. (8), menschen blodes (1), Chrysten men‐ schen Dat. Sg. (1). Die Verteilung der lautlichen Formen des Lexems ‚Mensch‘ und seiner Ableitungen ist in mancher Hinsicht auffällig. Einerseits besteht eine Variation zwischen der frühe‐ ren mittelniederdeutschen Hauptform minsche / mynsche und der spätmittelnieder‐ deutschen durch das benachbarte Hochdeutsche zusätzlich gestützten Form mensche, wobei die Variantenverteilung im Untersuchungsabschnitt außergewöhnlich gleich‐ mäßig ausfällt: 34 Belege für minsch- / mynsch- und 34 Belege für mensch-. Anderer‐ seits ist festzuhalten, dass im Verstext keine Belege für das untersuchte Lexem und entsprechende Ableitungen vorliegen, d. h. alle Belege sind in den Kapitelglossen und den Randglossenbeiträgen verteilt. Bemerkenswert erscheint außerdem die Tat‐ sache, dass die hochdeutsch gestützte Variante mensch- fast ausschließlich im ersten Buch erscheint. Einige wenige Belege sind im Vorwort zum zweiten Buch zu finden. Die Variante minsch- ist abgesehen von einem Einzelbeleg aus dem vierten Buch ausschließlich im dritten Buch anzutreffen. Die Variante mynsch- ist dagegen sowohl im dritten als auch im vierten Buch zahlreich belegt. Der Umstand, dass die spätmit‐ telniederdeutsche Variante mensch- ausschließlich im ersten Buch vorkommt und im dritten und vierten Buch noch die ältere mittelniederdeutsche Normalform anzutref‐ fen ist, lässt vermuten, dass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Nebeneinan‐ der der beiden Formen bestand, bevor die spätere Form mensch- die ursprünglichere Variante minsch- komplett abgelöst hat. Es ist stark anzunehmen, dass es sich bei die‐ ser Entwicklung um eine Auswirkung des hochdeutschen und weniger des westfä‐ lisch-südmärkischen Einflusses handelt. ‚Mittwoch‘ Für die Bezeichnung von ‚Mittwoch‘ finden sich im Mittelniederdeutschen zwei Hauptvarianten. Im Westfälischen ist am häufigsten die Variante gôdens- bzw. gûdensdach. Diese steht in einem angelsächsisch-niederländischen Zusammenhang. Die nordniederdeutsche und ostfälische Mehrheitsvariante mid(de)wēken steht hinge‐ gen in südlichen und östlichen Zusammenhängen.722 8.1.14 722 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 10, 23 Anm. 3; Frings / Nießen, Zur Geographie und Geschichte von ‚Ostern, Samstag, Mittwoch‘; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strö‐ mung, S. 97; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 83; Foerste, De Neder‐ landse Expansie in Westfalen, Karte 4, S. 23; ders., Der wortgeographische Aufbau des Westfäli‐ 8 Lexemgebundene Varianz 227 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ‚Mittwoch‘ einmal in der nordniederdeutsch-ostfä‐ lischen Form Middeweken dach 174r belegt, was nicht verwundert, denn diese Vari‐ ante ist sowohl durch die Lübecker Vorlage als auch durch den Reim gestützt. Die im angelsächsisch-niederländischen Zusammenhang stehende Form gôdens- bzw. gûdensdach kommt im Untersuchungstext nicht vor. ‚Pfingsten‘ Laut Lasch ist für ‚Pfingsten‘ die Entwicklung te pincoston > pinkesten > pinxten zu kennzeichnen. Für das Südmärkische ist die aus dem Niederländischen übernomme‐ ne Variante pixster(e)n als typisch anzusehen.723 Die von Lasch beschriebene Entwicklung zum allgemein niederdeutschen pinx‐ ten wird durch den Text des ‚Reynke Vosz de olde‘ bestätigt. Es handelt sich hierbei allerdings um einen Einzelbeleg für ‚Pfingstsonntag‘ Pinxte dach 9r (1), der seiner‐ seits in einer ziemlich reimbedingten Position steht und außerdem durch die Lübe‐ cker ‚Reynde de vos‘-Vorlage gestützt ist. Dort heißt es an selber Stelle pynxte dach.724 ‚Richter‘, ‚Gericht‘, ‚richten‘ Im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum sind die Formen (ge)richt725 und richter hochfrequent. Ausschließlich Stader und Bremer Texte weisen zusätzlich die Varianten mit gesenktem Vokal (ge)recht, rechter auf.726 Im Kontext der anderen Variablen erstaunt es kaum, dass die Schreibung für ‚Richter, Gericht, richt-‘ im ‚Reynke Vosz de olde‘ konstant ist und der allgemein verbreiteten Form -richt- entspricht: – Belege für ‚Richter‘: Richter (13), Richtern (1), Richtere (2); – Belege für ‚Gericht‘: gerichte (5), gherychte (1); – Belege für ‚richt-‘: richten (6), richtē (1), gerichtet (1), richt (1), Richtehuͤse (2), richtede (1). 8.1.15 8.1.16 schen, S. 19-21 und Karte 6; Pijnenburg, Dinsdag - Woensdag; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1252; Eickmans, Gerard van der Schueren: Teuthonista, S. 220-223; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 76f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 66]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 271; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 209; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 124f.; ASnA, Bd. I, Karte 71 ‚Mittwoch‘. 723 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 138.I; Frings, Grundlegung einer Geschichte der deut‐ schen Sprache, Karte 13, S. 103; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 77 [= Peters, Mit‐ telniederdeutsche Studien, S. 67]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 271; Weber, Die mittelniederdeutsche Sprache Osnabrücks, S. 210f.; ASnA, Bd. I, Karte 74 ‚Pfingsten‘. 724 ‚Reynke de vos‘, Bl. 7r. 725 Zum Gebrauch von Präfix ‚ge-‘ vgl. Kap. 7.1.1 Das Präfix ‚ge-‘. 726 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 99; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 87 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 76]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 265. Teil II A Textinterne Analyse 228 ‚Scheune‘ Im Mittelniederdeutschen konkurrieren zwei Varianten für das Substantiv ‚Scheune‘. Auf dem niederdeutschen Gebiet westlich der Weser ist die Form schü̂re verbreitet. Zum ‚Scheuer‘-Gebiet gehören außerdem auch das Niederländische, das Westmittel‐ deutsche und das Westoberdeutsche. Im Raum östlich der Weser und im östlichen Mitteldeutschen gilt die Form schü̂ne als Normalform.727 ‚Reynke Vosz de olde‘ bietet das erwartete ostmittelniederdeutsche schü̂ne: – Belege für ‚Scheune‘: schuͤne (2). ‚Schmerz(en)‘ Die diatopische Verteilung der Varianten für das Lexem ‚Schmerz(en)‘ ist noch weit‐ gehend unerforscht. Es steht jedoch fest, dass die Variante sêr vor allem in den frü‐ hen Texten verbreitet ist. Im gesamten Gebiet sind Varianten drö̂fnisse, bedrö̂fnisse und drö̂fheit verzeichnet. Daneben sind die Formen smerte(n) / smarte(n) und wêdage belegt. Ising verortet die Formen rü̂we/rouwe und pîne hauptsächlich in den Nord‐ westen.728 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ finden sind Belege für beinahe alle potentiell mögli‐ chen Typen für ‚Schmerz(en)‘. Die Belegzahl für die einzelnen Typen ist jedoch so gering, dass man daraus kaum Schlüsse ziehen, außer dass der Typ pîne insgesamt etwas häufiger vorkommt als die anderen Formen. Es lässt sich also eine starke Vari‐ anz für den Untersuchungstext festhalten. – Belege für den Typ smert: smerte (1), smerten (1); – Belege für den Typ wêdage: wedagen (1); – Belege für den Typ drö̂fnisse / bedrö̂fnisse: bedroͤfnisse (1), droͤfnisse (5); – Belege für den Typ rü̂we / rouwe: ruwe (5); – Belege für den Typ pîne: pynen (3), pyn (4), pyne (1). 8.1.17 8.1.18 727 Ising, Ausgleichsvorgänge bei der Herausbildung des schriftsprachlichen deutschen Wortschatzes, Karte S. 15; ders., Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte, Bd. 2, Karte 10; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 84 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 74]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 264; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 222. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 236 (Karte). 728 Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte, Bd. 1, S. 65, Bd. 2, Karte 2; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 81 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 70]. 8 Lexemgebundene Varianz 229 ‚Siegel‘ In Westfalen begegnet zumeist die Form ingesēgel, daneben erscheint eine seltenere Variante insegel. In den nichtwestfälischen Schreibsprachen herrscht die Form sēgel.729 Der Untersuchungstext weist die Form sēgel auf, jedoch handelt es sich hierbei um einen Einzelbeleg, sodass eine statistische Auswertung nicht möglich ist: – Beleg für ‚Siegel‘: Segel (1). ‚Silber‘ Als ältere Realisierungsform für ‚Silber‘ wird die Variante silver beschrieben. Man geht davon aus, dass der ziemlich frühe Ablösungsprozess von silver durch labiali‐ siertes sülver vom Nordniederdeutschen ausgegangen ist. Neben silver und sülver treten ferner die Nebenformen selver und sölver auf.730 Für ‚Silber‘ tritt im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausschließlich die labialisierte Varian‐ te sülver auf, jedoch kann aufgrund der niedrigen Belegzahl keine genauere Aussage bezüglich der Varianz treffen. – Belege für ‚Silber‘: suluer (1), Suͤluer (1). ‚Stätte‘ Im Mittelniederdeutschen überwiegen für ‚Stätte‘ die Formen stēde und stedde. Eine Weiterentwicklung des Umlauts von a über e zu i in der Realisierung stidde gilt als ostfälisches Kennzeichen.731 Im Untersuchungstext findet sich ausschließlich die mittelniederdeutsche Normal‐ form ohne Markierung der Vokalkürzung Verwendung: 8.1.19 8.1.20 8.1.21 729 Cordes, Studien zu den ältesten ostfälischen Urkunden, S. 126f.; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 87 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 77]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 267f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 224f.; ASnA, Bd. I, Karte 85 ‚Siegel‘. Zur Schreibung von tl. ī vgl. Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. S. auch Kap. 5.2.4 Kürzung tl. Vokale vor -el, -er, -en, -ich und -ing. Zur variablen Schreibung des s vgl. Kap. 5.5.6 Schreibung von s. 730 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 169.Id; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 93; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 64; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 87 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 77]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 268f.; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; ASnA, Bd. I, Karte 86 ‚Silber, silbern‘. 731 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 140; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 87 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 77]. Teil II A Textinterne Analyse 230 – Belege für ‚Stätte‘: stede (9), Steden (1). Verben ‚bekennen‘ In den westfälischen Schreibsprachen tritt für das Verb ‚bekennen‘ neben der mittel‐ niederdeutschen Normalform bekennen auch die Variante en(t)kennen auf. Parallel kann vor Nasalverbindung die Hebung von e zu i erscheinen, was in den Nebenfor‐ men bekinnen und en(t)kinnen resultiert.732 Der Befund für ‚bekennen‘ im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist wenig aussagekräftig aufgrund der allzu spärlichen Beleglage. Es lassen sich erwartungsgemäß keine west‐ fälischen -kinn-Formen oder präfigierten Formen mit en(t)- verzeichnen. – Belege für ‚bekennen‘: bekent (1), bekandt (1). ‚warten‘ Als allgemein kontinentalwestgermanische Form für ‚warten‘ (lat. exspectare) gilt beiden. Diese kommt in den spätmittelalterlichen Schriftdialekten sowohl im nieder‐ ländischen und niederdeutschen als auch im hochdeutschen Sprachgebiet vor. Auf den niederländisch-niederdeutschen Sprachraum sind dagegen die Formen wachten und tö̂ven beschränkt. Als hochdeutsche Form wird harren beschrieben.733 Im Untersuchungstext sind zwei Formen nachweisbar: die kontinentalwestger‐ manische Form beiden und zweimal die eher westliche, jedoch immer noch als nie‐ derdeutsch geltende Form tö̂ven, wobei die beiden tö̂ven-Belege durch die Lübecker Vorlage gestützt werden und zudem reimbedingt sind (toͤuen : louen 43v, toͤuen : bo‐ uen 229r). – Belege für beiden: beyde (1), beiden (1), beyden (2), beydeden (1); – Belege für tö̂ven: toͤuen (2). 8.2 8.2.1 8.2.2 732 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 12 Anm. 3; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 96; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 83; Peters, Katalog sprachli‐ cher Merkmale II, S. 75f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 65]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 260f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 206-208; ASnA, Bd. I, Karte 70 ‚bekennen (1. Pl. Ind. Präs.)‘. 733 Foerste, Der wortgeographische Aufbau des Westfälischen, S. 89f.; Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte, Bd. 2, Karte 24; Peters, Katalog sprachlicher Merk‐ male II, S. 76 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 66]. Vgl. a. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 178f. 8 Lexemgebundene Varianz 231 ‚zeigen‘ Für ‚zeigen‘ konkurrieren im mittelniederdeutschen Sprachraum die Hauptformen wîsen und tö̂gen. Die letztere erscheint im Südmärkischen als teigen. Am Westrand ist zudem die aus dem Mittelniederländischen stammende Variante tônen belegt.734 Für den Untersuchungstext ist eine sehr konstante Verwendung der mittelniederdeutschen Hauptform wîsen festzuhalten. Es besteht keine Formenvarianz. – Belege für wîsen: wysede (4), wiset (1), gewyset (2), wyse (2), wysen (1). Adjektive ‚fremd‘ Im Mittelniederdeutschen kommen für das Adjektiv ‚fremd‘ die Variante mit dem Umlauts-e und ihre labialisierte Ableitung vor: vremde und vrömde. Als mittelnieder‐ deutsche Normalform wird vrömde beschrieben.735 Im Untersuchungstext findet sich ein Nebeneinander des allgemein verbreiteten vrömde und ihrer nicht labialisierten Variante vremde. Aufgrund der Formenvarianz und der relativ niedrigen Belegzahlen lässt sich keine genauere Aussage bezüglich der Variantenverteilung treffen. – Belege für vremde: fremde (2), fremdelinge (1), frembt (1); – Belege für vrömde: froͤmde (1), Froͤmder (1), froͤmden (1). ‚ganz‘ Zur Bezeichnung des Adjektivs ‚ganz‘ gibt es im Mittelniederdeutschen drei etymolo‐ gisch unterschiedliche Realisationsformen: das allgemein niederdeutsche hêil, das aus dem Hochdeutschen entlehnte gans (ganz, gantz) und das westfälische ālinc / ālinge.736 Die Variantenverteilung im ‚Reynke Vosz de olde‘ sieht sehr eindeutig aus. Wäh‐ rend die allgemein niederdeutsche Variante hêil eher eine Randerscheinung darstellt 8.2.3 8.3 8.3.1 8.3.2 734 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12 Anm. 3, 17.1; Eickmans, Gerhard van der Schue‐ ren: Teuthonista, S. 274f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 76 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 66]. 735 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 169, 390; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 303; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 88 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 78]. 736 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12 Anm. 3, 330.II; Mitzka, Niederdeutsch ganz; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 88 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 78]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 279f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 225-227; ASnA, Bd. I, Karte 91 ‚ganz (ohne Belege in Paarformeln)‘ und Karte 92 ‚ganz (Paarformeln)‘. Teil II A Textinterne Analyse 232 und die westfälische Kennform ālinc gar nicht belegt ist, ist die aufgrund ihres Aus‐ lauts als hochdeutsches Lehnwort einzustufende Variante gans sehr zahlreich belegt. – Belege für gans: gantz (60), gantze (10), gentzlyken (1), gantzen (5); – Beleg für hêil: heͤll (1). ‚gegenwärtig‘, ‚Gegenwart‘ In mittelniederdeutschen Texten finden sich unterschiedliche Schreibungen für das Adjektiv ‚gegenwärtig‘ und das entsprechende Substantiv ‚Gegenwart‘. Dabei müs‐ sen in beiden Fällen zwei Variablen betrachtet werden: einerseits das Grundmorphem ‚gegen‘, das als Präposition mit mehreren Varianten belegt ist737, und andererseits das Morphem ‚-wärtig‘ für das Adjektiv bzw. ‚-wart‘ für das Substantiv. Das adjekti‐ vische Morphem ‚-wärtig‘ besitzt im Mittelniederdeutschen zahlreiche Realisie‐ rungsvarianten: -wōrdich, -wārdich, -wērdich sowie möglicherweise auch die gerun‐ dete Variante wȫrdich < wērdich, wobei dir Formen mit o überwiegend im Westfäli‐ schen und Ostfälischen vorkommen. Als mittelniederdeutsche Normalform des Ad‐ jektivs wird jegenwōrdich beschrieben. Die mittelniederdeutsche Normalform im subjektivischen Gebrauch lautet jegenwōrdichêit. Zu untersuchen ist zudem, ob Un‐ terschiede in der räumlichen Verteilung der Varianten bei adjektivischem und sub‐ stantivischem Gebrauch vorliegen.738 Der Befund für ‚Reynke Vosz de olde‘ sieht folgendermaßen aus: Für das Grund‐ morphem kommt ausschließlich die weit verbreitete unmarkierte Form jēgen- vor, das Basismorphem ‚-wart‘ bzw. ‚-wärtig‘ wird mit den Varianten -wardich und -wer‐ dich vorgefunden, wobei die letztere eindeutig dominiert. – Belege für ‚gegenwärtig‘: jegenwerdich (1), yegenwerdige (1), yegenwerdich (2), yegen‐ wardich (1); – Belege für ‚Gegenwart‘: yegenwerdicheit (1), jegenwerdicheit (1). ‚heilig‘ Für das Adjektiv ‚heilig‘ besitzt das Mittelniederdeutsche eine Reihe von phoneti‐ schen Varianten, wobei sich besonders häufig die i-Schreibung findet. Die lautge‐ schichtlich älteste Form lautet allerdings hêlige. Daneben tritt die nach der Synkopie‐ rung des i mit folgender Vokalkürzung vor Doppelkonsonanz entstandene Form hel‐ 8.3.3 8.3.4 737 Vgl. dazu Kap. 8.7.6 ‚gegen‘. 738 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 37, 58.3 und Anm. 3; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 231; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; ders., Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta, S. 15f.; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelnieder‐ deutsch, S. 75; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 88 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 78]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 280f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 229f.; ASnA, Bd. I, Karte 93 ‚gegenwärtig (gegen-)‘. 8 Lexemgebundene Varianz 233 ge auf. Des Weiteren weist das Mittelniederdeutsche die Variante hilge mit einer He‐ bung e > i vor l-Verbindung auf. Nach Einführung des Svarabhaktivokals im Suffix und der daraus resultierenden Verdopplung des l erscheint ferner die Form hilli‐ ge / hillich. Vermutlich als Entlehnung aus dem Hochdeutschen ist die Variante heilig mit ei-Schreibung anzusehen. Es ist jedoch zu beachten, dass im Westfälischen eine Längenbezeichnung des ê durch nachgeschriebenes i oder y durchaus verbreitet ist.739 Der Befund im ‚Reynke Vosz de olde‘ bestätigt die oben beschriebenen Entwick‐ lungstendenzen. Die Variante hillich hat sich offensichtlich zum 16. Jahrhundert durchgesetzt. Es bleibt nur festzuhalten, dass keine hochdeutsch induzierten Formen im Untersuchungstext vorgefunden wurden. – Belege für hillich (flekt. hillige): hillygen (1), hillige (2), hillicheit (1), hilligen (2), hillich (2), hilligedoͤmte (1), hilligedom (1), hillyge (4), hillycheyt (1). ‚sanctus‘ Für das Adjektiv ‚heilig‘ vor Heiligennamen wurde im frühen Mittelniederdeutschen in der Regel das aus dem Lateinischen entlehnte sante gebraucht, bei dessen Über‐ nahme sich der velare Nasal an den Folgedental angepasst hat und das interkonso‐ nantische k als Folge eingebüßt wurde. Durch den häufigen Gebrauch der lateini‐ schen Genitivform sancti entwickelte sich die umgelautete mittelniederdeutsche Form sente. Diese ist besonders häufig im Geldrisch-Kleverländischen anzutreffen. Labialisierte Form sönte ist dagegen kaum verbreitet. Dafür ist die Variante sinte mit Hebung e > i vor gedecktem Nasal bereits früh parallel zur Form mit e-Schreibung belegt. Die labialisierte Realisierung sünte gewinnt überregionale Gültigkeit und wird zur Kennform der mittelniederdeutschen Schriftsprache.740 Der Untersuchungstext kennt ausschließlich die labialisierte Variante sünte ohne explizite Umlautkennzeichnung. Eine genauere Auswertung ist jedoch aufgrund einer niedrigen Beleglage nicht möglich. 8.3.5 739 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 58; ders., Niederdeutsche Studien, S. 32-35; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 68, 101, 123 Anm. 2, 137, 217.I, 220, 254; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 160, 166, 238, 241; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 66f.; Peters, Katalog sprachli‐ cher Merkmale II, S. 89 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 78f.]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 281f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 230-232; ASnA, Bd. I, Karte 95 ‚heilig‘. 740 Weddigen, Beytrag zu einem Westphaͤlischen Idiotikon, S. 42; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 34f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Gram‐ matik, §§ 52, 139, 171, 338; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 381; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 68f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 89 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 79]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 282f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 232f.; ASnA, Bd. I, Karte 96 ‚sanctus‘. Teil II A Textinterne Analyse 234 – Belege für ‚sanctus‘: Sunte (2). ‚viele‘ Die mittelniederdeutsche Mehrheitsvariante für das Adjektiv ‚viele‘ lautet vēle. Da‐ neben begegnet vorwiegend am Westrand des mittelniederdeutschen Sprachraumes die labialisierte Form vȫle. Das Westfälische kennt außerdem die entsprechenden Va‐ rianten mit doppelter l-Schreibung velle und völle.741 Die hochdeutsch induzierte Va‐ riante vi(e)le erscheint vor allem am Südrand des Mittelniederdeutschen.742 Die Schreibung für ‚viele‘ ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ konstant, es erscheint ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform: – Belege für ‚viele‘: velen (12), vele (166), veler (2), velem (1). Zahlwörter ‚zwei‘ Als mittelniederdeutsche Normalformen für ‚zwei‘ gelten twe und twey. Daneben be‐ gegnen in älteren Texten auch fem. Formen tû, tô < twû, twô. Diese finden sich vor‐ wiegend in elbostfälischen Quellen.743 Für ‚zwei‘ tritt in ‚Reynke Vosz de olde‘ durchgehend die mittelniederdeutsche Normalform twê auf. Als Hauptschreibung kann twe gelten, die Schreibvariante twey ist nur einmal belegt. Die aus früheren Quellen bekannte und vorwiegend für das Elbostfälische zu erwartende Variante tû bzw. tô kommt im Untersuchungstext nicht vor. – Belege für ‚zwei, zwei-‘: twen (5), twe (40), twey (1), Twetuͤngyge (2). Etwas überraschend erscheint einmalig die Variante twye. Diese dürfte reimbedingt sein (: drye, Poppelsye 227r). 8.3.6 8.4 8.4.1 741 Vgl. dazu Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 35-45 und Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 742 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 175; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 89 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 79]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 283. 743 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Tümpel, Nie‐ derdeutsche Studien, S. 103f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 299 Anm. 2, 396.b; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 79]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 283f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 233. 8 Lexemgebundene Varianz 235 ‚sechs‘, ‚sechzehn‘, ‚sechste‘ Neben der üblichen Form ses für ‚sechs‘ erscheinen im Mittelniederdeutschen ge‐ dehnte Formen sees und seis sowie die gerundete Variante sös, die v. a. im Nordnie‐ derdeutschen belegt ist. Die langvokalische Variante könnte als Analogiebildung nach seuen oder auch aus der zweisilbigen Form sesse entstanden sein. Im Mecklen‐ burgischen sind vor allem die Varianten ses und sös belegt. Die gerundete Variante soste kommt auch für die Ordinalzahl ‚sechste‘ vor.744 Im Untersuchungstext tritt für ‚sechs‘ und ‚sechste‘ konstant die gerundete Form auf. – Belege für ‚sechs‘: Soͤs (2); – Belege für ‚sechste‘: Soͤste (4), soͤsten (2); – Belege für ‚sechzehn‘: Soͤstyn (1). ‚sieben‘, ‚siebte‘ Für ‚sieben‘ erscheint im Mittelniederdeutschen gewöhnlich die Form sēven. Dane‐ ben begegnet die gerundete Variante sȫven. Beide Varianten treten im Mecklenburgi‐ schen auf. Für ‚siebzig‘ ist am Westrand auch die Variante tseventich belegt.745 Im Untersuchungstexten wurden folgende Formen vorgefunden: – Belege für ‚sieben‘: Soͤuen (2); – Belege für ‚siebte‘: Soͤuende (4). Somit kommt im ‚Reynke Vosz de olde‘ konstant die gerundete Form – auch für das Ordinalzahlwort – vor. Dieses Ergebnis ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, denn die Belegzahl ist ziemlich übersichtlich. 8.4.2 8.4.3 744 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Tümpel, Nie‐ derdeutsche Studien, S. 103f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 41, 175, 397; Højberg Christensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 382-393; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. II, S. 98; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 79f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 284; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 233f.; ASnA, Bd. I, Karte 97 ‚sechs‘. 745 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Tümpel, Nie‐ derdeutsche Studien, S. 39; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 175, 397; Højberg Chris‐ tensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 382-393; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 98; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 77; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 80]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 284f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 235; ASnA, Bd. I, Karte 98 ‚sieben‘. Teil II A Textinterne Analyse 236 ‚zehn‘ Die im Mittelniederdeutschen verbreitetste Form für ‚zehn‘ lautet tein/teyn. Selten begegnen die Varianten tên und tîn. Im Nordalbingischen und Ostelbischen ist fol‐ gende Entwicklung zu beobachten: te-in > tegen, teyen > teing, teng. Im Mecklenbur‐ gischen erscheinen alle drei frequentesten Varianten: tegen, teyen und tein. In Kom‐ posita ist ferner eine Abschwächung zu -ten, -tin belegt.746 Die Beleglage für ‚zehn‘ und ‚-zehn‘ ist im Untersuchungstext recht übersichtlich. Für das Simplex weist ‚Reynke Vosz de olde‘ ausnahmslos die Form teyn auf: – Belege für ‚zehn‘: Teyne (1), teyn (3); In Komposita auf ‚-zehn‘ tritt ausschließlich die abgeschwächte Varianten -tin auf: – Belege für ‚-zehn‘: Soͤstyn (1). ‚zwölf‘ Als ältere mittelniederdeutsche Normalform für das Zahlwort ‚zwölf‘ kann twelf gel‐ ten. Diese Variante bleibt in Westfalen auch weiter beibehalten. Hauptsächlich im Nordniederdeutschen und Ostfälischen wird das Umlauts-e in twelf zu twölf gerun‐ det. Twölf kommt hier vereinzelt bereits im 14. Jahrhundert vor und wird im 15. Jahr‐ hundert zur verbreitetsten Variante. Am Westrand des niederdeutschen Sprachraumes kann unter niederländischem Einfluss gelegentlich die Form twalf auftreten. Das häu‐ fige Vorkommen der a-Graphien im Ostfälischen ist jedoch mit dem zu beobachten‐ den Wechsel von a- und e-Schreibung für e zu erklären. Ferner sind ebenfalls For‐ men mit Svarabhakti-Vokal oder dem erhaltenen alten Nebensilbenvokal anzutreffen: twalef, twelef und twölef.747 Im Untersuchungsabschnitt konnten keine Belege für ‚zwölf‘ ermittelt werden.748 8.4.4 8.4.5 746 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, §§ 118 Anm. 2, 345, 397; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 247f., 423; Rooth, Saxonica, S. 165-174; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 80]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 285; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 235f.; ASnA, Bd. I, Karte 99 ‚zehn‘. 747 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, §§ 78, 169b, 397; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 303; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 98; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 77; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 90f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 80]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 285f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 236f.; ASnA, Bd. I, Karte 100 ‚zwölf‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 748 Auf Bl. 93r ist jedoch einmal twelff belegt, das der niederländisch beeinflussten Variante twalff in der Lübecker Vorlage entspricht. Vgl. ‚Reynke de vos‘, Bl. 95r. Daneben erscheint in der Lübecker Vorlage auch die nordniederdeutsche Normalform twelff Bl. 127v. 8 Lexemgebundene Varianz 237 ‚dreizehn‘, ‚dreißig‘ Die mittelniederdeutsche Variantenvielfalt für ‚dreizehn‘ und ‚dreißig‘ ist einerseits mit dem im Altsächsischen bestehenden Nebeneinander von thriutein und thrûtein für ‚dreizehn‘ und thrîtich für ‚dreißig‘ zu erklären. Die sich daraus entwickelten mittelniederdeutschen Formen drüttein ‚dreizehn‘ und drittich bzw. dertich mit r- Metathese und Senkung von i zu e vor r + Konsonant für ‚dreißig‘ durchlaufen im Mittelniederdeutschen zum Teil unterschiedliche Weiterentwicklungen. So kann eine Senkung von e zu a wie in der Form dartich oder auch eine Rundung wie in dörtich stattfinden. Die Varianten drüttich (nach drüttein) bzw. drittein, dertein, dörtein (nach drittich, dertich, dörtich) sind wohl auf gegenseitige Beieinflussungen der For‐ men zurückzuführen. Ferner erscheinen die nach drê gebildeten Formen drettich und drettein. Als vorwiegend westlich sind die Varianten mit r-Metathese anzusehen. Als mecklenburgische Varianten gelten die Formen drüttein für ‚dreizehn‘ und dertich für ‚dreißig‘.749 Für ‚Reynke Vosz de olde‘ kann leider keine Aussage getroffen werden aufgrund von fehlenden Belegen im Untersuchungsabschnitt. ‚fünfzehn‘, ‚fünfzig‘, ‚fünfte‘ Vor der Konsonantenverbindung ft wurde der ursprüngliche lange Stammvokal î häu‐ fig gekürzt wie in fîfte > fifte. Der nach der Kürzung entstandene Kurzvokal i konnte zunächst um eine Stufe gesenkt werden wie in fefte und anschließend zu ö gerundet werden wie in der Form föfte. Als geläufigste Varianten im 15. Jahrhundert werden die gesenkte Form fefte und ihre gerundete Variante föfte beschrieben. Die Formen mit dem Wechsel ft > cht wie in fechtich sind dagegen äußerst selten anzutreffen. Als typisch mecklenburgische Varianten für ‚fünfzehn‘ und ‚fünfzig‘ sind jeweils feftein und feftich und fichtich anzusehen.750 8.4.6 8.4.7 749 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, §§ 137, 230, 292; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 173, 396c, 398; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 311-313; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 99; Dahlberg, Göttingen-Grubenhagensche Studien, S. 61; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts; ders., Zum Problem der sog. westfälischen Strö‐ mung, S. 94; ders., Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 46; Scharnhorst, Untersuchungen zum Laut‐ stand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelnieder‐ deutsch, S. 76f.; ders., Die Urkundensprache Hamelns, S. 76f.; Peters, Katalog sprachlicher Merk‐ male II, S. 91 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 80f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lem‐ gos, S. 286f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 236f.; ASnA, Bd. I, Karte 101 ‚dreizehn‘ und Karte 102 ‚dreißig‘. Zur r-Metathese vgl. Goossens, r-Metathese vor Dental im Westen der kontinentalen Germania. 750 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 142, S. 105f., hier. S. 106; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, §§ 136-1; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 68, 135, 169, 296 Anm. 3, 398; Højberg Christensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 382-393; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 99; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 132; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittel‐ Teil II A Textinterne Analyse 238 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist keine Belege für ‚fünfzehn‘ auf. Für ‚fünfzigste‘ er‐ scheint einmal die gerundete Form voͤfftigste. Für ‚fünfte‘ findet sich zum einen ein kurzvokalischer Beleg ohne weitere Senkung oder Rundung des Stammvokals vyffte, der wohl auf den Einfluss der Lübecker Vorlage zurückzuführen ist, des Weiteren ist die gerundete Variante voͤffte (4) belegt.751 ‚dritte‘ Im Nordniederdeutschen und Ostfälischen begegnet für die Ordinalzahl ‚dritte‘ am häufigsten die Form dridde und die darauf zurückgehende gerundete Variante drüdde. Durch die r-Metathese entstandene Form derde wird in der Regel als typisch westfä‐ lisch beschrieben, erscheint jedoch auch im ostelbischen Raum sowie im Baltikum. Diese Variantenverteilung ist wohl durch die Ostsiedlung im 14. Jahrhundert zu er‐ klären. Durch die Senkung von e > a kann auch die Form darde auftreten. Die Run‐ dung kann zur Variante dörde führen. Als weiteres ostfälisches Kennzeichen gilt die Form dredde, die direkt aus der Kardinalzahl drê entstanden ist. Für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts ist für Lübeck als Hauptform die gerundete Form dorde zu ver‐ zeichnen.752 8.4.8 niederdeutsch, S. 77; ders., Die Urkundensprache Hamelns, S. 77; Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen, S. 283; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 91 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 81]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 287; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 238; ASnA, Bd. I, Karte 104 ‚fünfzig‘. Zur modernen Variantenverteilung vgl. Dahlberg, Zu den ostfälischen Zahlwörtern, S. 10. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 751 Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 752 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 143, S. 106f.; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 41; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 399.I; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 311-313; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 100; Rooth, Ein Fragment des Passionstraktats von Heinrich von St. Gallen, S. 482f., 493-495; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 223; Dahl‐ berg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 69f.; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 94; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Ni‐ colaus Gryses, S. 133; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 25-27; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 76f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkma‐ le II, S. 92 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 81]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 287f.; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 239f.; Tem‐ men, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 138f.; ASnA, Bd. I, Karte 106 ‚dritte‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 8 Lexemgebundene Varianz 239 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt eine konstante Verwendung von gerundeter nordnie‐ derdeutscher Variante drüdde < dridde: – Belege für ‚dritte‘: druͤdde (40), druͤdden (18), drudde (1), druͤddē (1). Pronomina Personalpronomina ‚ich‘ Das Personalpronomen der 1. Person Singular Nominativ kennt im Mittelniederdeut‐ schen verschiedene Realisierungen, die einerseits diachron differieren und anderer‐ seits diatopische Besonderheiten aufweisen.753 Als mittelniederdeutsche Mehrheits‐ form mit weitestem Gebrauchsradius gilt die Variante ik. Daneben erscheint im Süd‐ westfälischen, Ostwestfälischen und Ostfälischen die Variante ek. Diese Erschei‐ nungsform ist insbesondere in der Frühzeit gut belegt, zum 15. Jahrhundert hin wird die Variante ek jedoch durch die im übrigen mittelniederdeutschen Sprachgebiet übli‐ che Variante ik weitestgehend verdrängt. Ferner ist die graphische Variation zwischen der frühmittelniederdeutschen ch- und c-Schreibung gegenüber der häufigeren k- und ck-Realisierung in der späteren Überlieferungsphase zu beachten.754 Im Untersuchungstext sind folgende Formen belegt: ick (365), Jck (15), jck (2), yck (2). Man kann den Belegen entnehmen, dass die Wiedergabe des k im Text nicht variiert und ausschließlich die jüngere Graphie gebraucht wird, während die Wieder‐ gabe des kurzen i zwischen , , und wechselt. Allerdings ist eine eindeu‐ tige Dominanz der i-Schreibung zu vermerken. Zudem lässt sich festhalten, dass es sich bei allen vorgefundenen Formen um mittelniederdeutsche Normalform ik han‐ delt. Es lässt sich weder hochdeutscher noch anderweitiger regionaler Einfluss fest‐ stellen. 8.5 8.5.1 8.5.1.1 753 Taubken, Zur Lautgeographie des Westfälischen, S. 5, Abb. 1. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 92 (Karte). 754 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Tümpel, Niederdeutsche Stu‐ dien, S. 71-77; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 337, 403 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1783; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 69; Bischoff, Über gesprochenes Mittelnieder‐ deutsch, S. 37f.; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 100; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundensprache Attendorns, S. 131; Peters, Katalog sprachlicher Merkma‐ le II, S. 92 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 288ff.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 137 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ders., Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1480f.; Temmen, Abdinghofer Azneibuch, S. 140-143; ASnA, Bd. I, Karte 107 ‚ich‘. Teil II A Textinterne Analyse 240 ‚mir‘, ‚mich‘755 Für den Einheitskasus der 1. Person Singular des Personalpronomens tritt im Nord‐ niederdeutschen, Westfälischen und Südmärkischen als Hauptform mî auf. In den ostfälischen Texten begegnet neben den frequenteren akkusativbasierten Varianten mik und mek durchaus auch die dativbasierte Form mê, zuweilen auch mî. Beeinflusst durch die lübische Schriftsprache findet hier ein späterer Ausgleich zugunsten der da‐ tivischen Form mî statt. Im Mecklenburgischen ist die nordniederdeutsche Normal‐ form mî zu erwarten.756 Diese Annahme wird durch den Untersuchungstext bestätigt, indem sich fast aus‐ schließlich dativische mî-Belege finden lassen: my (218) und mick 179r (1). Der Ein‐ zelbeleg für das akkusativische mik begegnet dabei in einer Randglosse, in der Frei‐ dank zitiert wird. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich in diesem konkreten Fall um eine durch die Textvorlage beeinflusste Form handelt. Zudem lässt sich dieser Ein‐ zelbeleg dadurch erklären, dass mick in dem benannten Autoritätenspruch in der Reimposition zu syck steht. ‚wir‘ Neben der sonst im Mittelniederdeutschen gültigen Variante wî erscheint vielerorts die Nebenform wê. Beide Varianten kommen im Westfälischen vor, das Ostfälische hingegen bevorzugt zunächst wê. Erst im 15. Jahrhundert erfolgt ein Übergang zu wî, wobei die y-Graphie überwiegt. Im Mecklenburgischen dominiert die Form wî, dane‐ ben erscheinen selten auch wê und wie.757 Im Untersuchungstext kommt ausschließlich die für das Mecklenburgische er‐ wartete Hauptform wy (57) vor. Es lässt sich keinerlei graphische Variation feststel‐ len, die Wiedergabe des langen î erfolgt ausschließlich durch . 8.5.1.2 8.5.1.3 755 Zum Einheitskasus für den Dativ und Akkusativ vgl. Kap. 6.2 Pronominalflexion: Der Einheitska‐ sus. 756 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 2, 4; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104-109; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 69f.; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 37f., 42f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 92 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 137 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 108 ‚mir‘ und Karte 109 ‚mich‘. 757 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Tümpel, Niederdeutsche Stu‐ dien, S. 86-91; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 5; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 93 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 137 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreib‐ sprache Osnabrücks, S. 240; ASnA, Bd. I, Karte 110 ‚wir‘. 8 Lexemgebundene Varianz 241 ‚uns-‘ Die obliquen Formen des Personalpronomens der 1. Person Plural und die entspre‐ chenden gleichlautenden Formen des Possessivpronomens lauten ursprünglich ûs-. In der frühmittelniederdeutschen Phase werden im Nordniedersächsischen und Ostfäli‐ schen die Formen dementsprechend als ûs- auch schriftlich realisiert. Bereits seit dem 13. Jahrhundert kommen in der westfälischen Schreibsprache die uns-Varianten vor, wobei die ûs-Varianten im mundartlichen Gebrauch durchaus erscheinen. In den nordniedersächsischen und ostfälischen Texten des 14. Jahrhunderts sind u. a. alte Akkusativformen unsik, ü̂sik, üsek und ösek belegt. Man geht davon aus, dass in Lü‐ beck zunächst überwiegend ûs- gesprochen sein muss. Eine solche Annahme wird dadurch gerechtfertigt, dass die ersten Lübecker Einwohner aus nordniedersächsi‐ schem, westfälischem und ostfälischem Sprachraum kamen. In der frühen Lübecker Überlieferung begegnen sowohl die ûs- als auch die uns-Formen. Im 14. Jahrhundert sind die nasallosen Varianten frequenter, danach überwiegen in Lübeck eher die aus dem Westfälischen stammenden und durch das mittelniederländische ons gestützten uns-Varianten. Von Lübeck aus dringt uns- in das nordniedersächsische und ostfäli‐ sche Altland zurück und wird dadurch zur überregionalen Hauptvariante. Auch das Mecklenburgische und Südmärkische schreiben in der Regel uns-. In einer ganzen Reihe von mecklenburgischen Urkunden und im Redentiner Osterspiel finden sich jedoch bis in das 15. Jahrhundert hinein die alten n-losen Formen. Fast ausschließlich am westlichen Rand des mittelniederdeutschen Sprachraumes erscheint ons-, gestützt durch die mittelniederländische Normalform im Grenzgebiet.758 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lassen sich ausschließlich nasalhaltige uns-Varianten ermitteln, an keiner Stelle lässt sich eine Verdumpfung von u zu o feststellen, die auf einen westlichen Einfluss hinweisen könnte. Somit kann festgehalten werden, dass im Untersuchungstext lediglich regionskonforme Schreibungen vorkommen: vnse (13), vns (63), vnsen (2), vnser (4), vnsem (1). 8.5.1.4 758 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107, § 146, S. 108; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 69f.; ders., Niederdeutsche Studien, S. 95-102; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 6, 7; Højberg Christensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 337-342; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 59f.; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 105; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 95; Bischoff, Über die Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 20f.; ders., Zu mnd. ûs und uns; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 157; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 70; Goos‐ sens, Sprache, S. 65; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 137 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1432; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1479, 1481; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 93 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 82f.]; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 240; ASnA, Bd. I, Karte 111 ‚uns‘ und Karte 117 ‚unser‘. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 160 (Kar‐ te). Vgl. auch Kap. 5.1.4 Senkung von u > o vor gedecktem Nasal. Teil II A Textinterne Analyse 242 ‚dir‘, ‚dich‘759 Das Nordniederdeutsche, Südmärkische und Westfälische bilden den Einheitskasus der 2. Person Singular des Personalpronomens auf der dativischen Grundlage und sind Teil des dî-Gebiets. Dî stellt ebenfalls die Form der sogenannten „lübischen Norm“ dar, die im 15. Jahrhundert die im Ostfälischen ursprünglich verbreitete akku‐ sativbasierte Variante dek und ihre Nebenform dik verdrängt. Als mecklenburgisch gilt der Ausgleich auf der dativischen Grundlage dî.760 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt ausschließlich die dativbasierte Variante: dy (101). Die akkusativische Form dek und ihre Nebenform dik erscheint erwartungsgemäß nicht. ‚ihr‘ Für den Nominativ der 2. Person des Personalpronomens lautet die mittelniederdeut‐ sche Hauptform gî. Im Westfälischen ist die j-lose Form i anzutreffen.761 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnet ausschließlich die nicht markierte mittelnie‐ derdeutsche Hauptform gy (147) mit konsonantischem Anlaut. Es erfolgt keine wei‐ tere Differenzierung der Wiedergabe des langen î. Genauso wie bei ‚wir‘ erscheint in dieser Position ausnahmslos das . ‚euch‘ Als verbreitetste ‚euch‘-Formen der 2. Person Plural (Dativ, Akkusativ) des Personal‐ pronomens gelten im Mittelniederdeutschen jû, jûw. Diese Formen entsprechen auch der sogenannten „lübischen Norm“ und kommen u. a. auch im Mecklenburgischen vor. Im westlichen Westfälischen erscheint hingegen die j-lose Form û. Als südwest‐ fälische Kennform gilt ûch. Die ostelbische Nebenform lautet juch. In der ostfäli‐ schen Schreibsprache sind die an gî angelehnten Akkusativformen jük und gik sowie die an mek angelehnte Form gek > jök belegt.762 8.5.1.5 8.5.1.6 8.5.1.7 759 Zum Einheitskasus für den Dativ und Akkusativ vgl. Kap. 6.2 Pronominalflexion: Der Einheitska‐ sus. 760 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 104-109; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 37f., 42f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 93 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 83]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 160 (Karte). 761 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 9; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 83]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]. 762 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 144, S. 107; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 11; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 105f.; Bischoff, Über ge‐ sprochenes Mittelniederdeutsch, S. 42f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 83f.]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ 8 Lexemgebundene Varianz 243 Der Befund im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt eine ziemlich konstante Verwendung der gemeinmittelniederdeutschen und regionskonformen Variante juw (119). Dane‐ ben erscheint einmal die ebenfalls für Mecklenburg zu erwartende graphische Neben‐ variante yuw (1) sowie der Einzelbeleg für ju (1). Des Weiteren sind zwei graphische u-lose Varianten zu nennen: jw (5), yw (1). Es lassen sich im Text keine Belege für die weitere ostelbische Nebenvariante juch konstatieren. ‚er‘ Die mittelniederdeutsche Normalform für die 3. Person Singular maskulinum Nomi‐ nativ lautet hê. Manchmal erscheinen die Schreibungen mit nachgeschriebenem Buchstaben als Dehnungsbezeichnung wie hey. Das Elbostfälische und das Zerbsti‐ sche kennen außerdem die Variante hî. Im niederdeutsch-mitteldeutschen Grenzge‐ biet tritt auch die aus dem Hochdeutschen entlehnte Form er auf.763 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ finden sich zahlreiche Belege für die regionskonforme und gleichzeitig allgemein mittelniederdeutsche Normalform he (592). Es kommen keine Entlehnungen oder durch fremde Einflüsse bedingte Nebenvarianten vor. ‚ihm‘ Für die 3. Person Singular maskulinum und neutrum Dativ gilt als gebräuchlichste Variante im gesamten mittelniederdeutschen Schreibsprachenraum die Form eme. V. a. in frühen Texten kommt für das anaphorische Pronomen ebenfalls die Variante ime vor. Im Ostfälischen ist die gerundete Form öme häufig anzutreffen764 und die Variante hem findet sich im Ostniederländischen und Ostfriesischen. Im Auslaut kann zudem eme zu em > en werden.765 8.5.1.8 8.5.1.9 schen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273. Zur mo‐ dernen Variantenverteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 156f. 763 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., hier S. 107; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 5c; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 290; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 241; ASnA, Bd. I, Karte 112 ‚er‘. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 164 (Karte). 764 Nerger weist darauf hin, dass im ‚Narrenschyp‘ von 1519 sowie in einer kleinen Anzahl von Mecklenburger Urkunden „neben den mit e anlautenden Formen […] andere mit o oder oͤ anlauten‐ den Formen“ anzutreffen sind. Vgl. dazu Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., hier S. 108. 765 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., hier S. 107; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, § 404 Anm. 3; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 290f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 113 ‚ihm‘. Teil II A Textinterne Analyse 244 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ erscheint äußerst selten die ältere allgemein mittelnie‐ derdeutsche Variante eme (3). Gerundete Formen oder Varianten mit konsonanti‐ schem Anlaut fehlen im Untersuchungstext. Dagegen ist die spätere gekürzte Form em (184) sehr gut belegt, wodurch die allgemeine Tendenz zur Apokopierung im Mecklenburgischen zusätzlich untermauert wird wird.766 ‚ihn‘ Für die 3. Person Singular maskulinum Akkusativ des geschlechtlichen Pronomens wird ene als mittelniederdeutsche Hauptform beschrieben. Als ostfälisches Kennzei‐ chen gilt die gerundete Form öne. Bisweilen kürzt sich die die Hauptform ene zu en.767 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ variiert die Realisierung der akkusativischen Form des geschlechtlichen Pronomens ‚ihn‘. Als dominierende Hauptform gilt eindeutig die apokopierte Variante en (56), die im Zusammenhang mit anderen Variablen wenig er‐ staunt und der ausgeprägten mecklenburgischen Tendenz zur Apokopierung ent‐ spricht. Die ungekürzte mittelniederdeutsche Hauptvariante erscheint im Untersu‐ chungstext dagegen nur halb so häufig: ene (23). Daneben kommt im akkusativi‐ schen Gebrauch die sonst für den Dativ belegte Variante em vor und bietet eine pro‐ funde Beleglage: em (19). ‚es‘ Die mittelniederdeutsche Hauptform für die 3. Person Singular neutrum Nominativ und Akkusativ ist it. Et gilt als Nebenform und steht üblicherweise in enklitischer Stellung. Eine Senkung von i zu e ist außerdem für das Westfälische und Ostfälische charakteristisch. Neben et tritt im Ostfälischen zudem die gerundete Form öt auf. Während die Formen mit s-Schreibung eher Seltenheitsvarianten darstellen und wohl auf die Sprachkontakte mit dem Hochdeutschen zurückzuführen sind, kommt die d- Schreibung im Auslaut ziemlich häufig vor, vermutlich durch das lateinische Prono‐ men id irregeleitet, allerdings zumeist in frühmittelniederdeutschen Texten.768 8.5.1.10 8.5.1.11 766 Vgl. dazu auch Kap. 7.2.1 Das Suffix -inge, -onge, -unge. 767 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., hier S. 107; Lasch, Mittel‐ niederdeutsche Grammatik, § 404; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112; Peters, Kata‐ log sprachlicher Merkmale II, S. 94 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 291f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 114 ‚ihn‘. 768 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 40; ders., Niederdeutsche Studien, S. 86-91; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 300 Anm. 4; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 109, 305, 404 Anm. 5; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 71; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 95 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 292f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 241. 8 Lexemgebundene Varianz 245 Im Untersuchungstext ist ausschließlich die überregional verbreitete hochdeutsch nicht beeinflusste Hauptform it in moderneren Schreibvarianten belegt: ydt (167), Jdt (18), jdt (3), idt (2). Die älteren Graphien auf -d lassen sich im Text nicht ermitteln genauso wie westfälische oder ostfälische Nebenformen. Es ergibt sich dadurch ein ziemlich einheitliches Bild, auch wenn die Wiedergabe des anlautenden kurzen i dif‐ feriert. Die Wahl der bestimmten Graphie im Anlaut lässt sich nicht durch extralingu‐ istische oder intralinguistische Einflussfaktoren erklären. ‚sie‘ Die mittelniederdeutsche Normalform sê für die 3. Person Singular femininum No‐ minativ und Akkusativ und die 3. Person Plural Nominativ und Akkusativ zeigt die Nebenform mit Dehnungsbezeichnung sey. Neben der überregional verbreiteten Form des geschlechtlichen Pronomens sê steht sî hauptsächlich in elbostfälischen Texten, wobei die letztere Variante auch als südmärkisches Kennzeichen gilt. Aus‐ schließlich in älteren Texten zeigt sich die zu erwartende Form sü̂ < asächs. siu für die 3. Person Singular femininum Nominativ, die in den späteren Phasen durch die akkusativische Form sê < asächs. sia verdrängt wird.769 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist für ‚sie‘ ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform ohne Dehnungskennzeichnung zu konstatieren: se (367). Die ältere ge‐ rundete Form sü̂ und die elbostfälische Nebenform sî erscheinen im Untersuchungs‐ text nicht. ‚ihr-‘ Die ‚ihr-‘-Formen der 3. Person Singular femininum Genitiv und Dativ des ge‐ schlechtlichen Personalpronomens sowie der 3. Person Plural und die gleichlauten‐ den Formen des Possessivpronomens lauten im Frühmittelniederdeutschen noch ire-. Als mittelniederdeutsche Normalform gilt später ere-. In ostfälischen Texten wird erezu öre- gerundet, während im Ostniederländischen und Ostfriesischen die Formen mit h-Anlaut auftreten. Ferner sind Schreibvarianten mit Doppelkonsonanz belegt. Seltener kann im Mecklenburgischen für 3. Person Singular femininum Genitiv und Genitiv Plural neben der apokopierten Variante er auch die verlängerte Form erer erscheinen.770 8.5.1.12 8.5.1.13 769 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., insbes. S. 107; Lasch, Mit‐ telniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 5e; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 95 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 84f.]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]. 770 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f., insbes. S. 107, § 146, S. 108; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 404 Anm. 3, 6, § 405 Anm. 1; Peters, Katalog sprachli‐ cher Merkmale II, S. 95 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; ders., Von der Verhoch‐ deutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 118 ‚ihr-‘. Vgl. auch Kap. 5.2.1 Schreibung von tl. ī. Teil II A Textinterne Analyse 246 Im Untersuchungstext erscheinen ausschließlich für das Mecklenburgische typi‐ sche Formen, die teilweise eine überregionale Bedeutung aufweisen. So ist für die ‚ihr-‘-Formen der 3. Person Singular femininum Genitiv und Dativ des geschlechtli‐ chen Personalpronomens erwartungsgemäß die apokopierte mecklenburgische Hauptvariante er (32) belegt. Die mecklenburgische verlängerte Form erer und die lange mittelniederdeutsche Form mit überregionaler Geltung ere kommen im ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ dagegen nicht vor. Als Realisierung der mit der 3. Person Plural gleichlautenden Formen des Possessivpronomens ‚ihr-‘ sind im Untersuchungstext ausschließlich mittelniederdeutsche Normalformen belegt: eren (20), erer (21), ere (76), erem (27), erē (1), ereme (1), er (5), wobei auch hier die Neigung zur e-Apoko‐ pierung u. a. bei erem versus ereme sichtbar wird. Belege für die 3. Person Plural Ge‐ nitiv oder Dativ liegen allerdings nicht vor. Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass sich an keiner Stelle im Untersuchungstext regional anders verorteter sprachli‐ cher Einfluss, sei es ein ostfälischer, ostfriesischer oder ostniederländischer, feststel‐ len lässt. ‚ihnen‘ Als mittelniederdeutsche Normalformen für die 3. Person Plural Dativ gelten em und en. Die auf -m endenden Formen sind im Nordniedersächsischen vertreten, im West‐ fälischen und Ostfälischen sind hingegen die Formen auf -n stärker belegt. Als ostfä‐ lisches Merkmal gilt außerdem die Rundung von en zu ön, hier sind ebenfalls die er‐ weiterten Formen ene und öne vertreten. Bis in das 15. Jahrhundert hinein wird jüm als nordniedersächsische Kennform beschrieben. Durch den Ausgleichsprozess wird jüm später durch die überregional verbreitete Form em weitestgehend verdrängt. Das Mecklenburgische kennt en als Hauptform für die 3. Person Plural Dativ. En kann je‐ doch ähnlich die die Genitivformen durch die entsprechende Kasusendung erweitert werden: en > ennen. Äußerst selten ist hier ene für Dativ Plural anzutreffen. Im nie‐ derdeutsch-niederländischen Grenzgebiet begegnen zudem Formen mit h-Anlaut.771 Der Untersuchungstext bestätigt die Annahme, dass im Mecklenburgischen en als Hauptform zu erwarten ist. So erscheint für die 3. Person Plural Dativ die Reali‐ sierung en sehr häufig (65 Belege) und bildet die Hauptvariante des Textes. Die in Mecklenburg seltene, aber dennoch durchaus vertretene Variante ene für Dativ Plural ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ nur einmal belegt: ene 187r (1). Es lassen sich keine gerundeten Nebenformen aus dem ostfälischen Sprachraum konstatieren, genauso wenig wie die ältere nordniedersächsische Form jüm oder die westlichen Nebenfor‐ men mit konsonantischem Anlaut. 8.5.1.14 771 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 145, S. 107f.; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 112f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 95 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 138 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 119]; ASnA, Bd. I, Karte 115 ‚ihnen‘. 8 Lexemgebundene Varianz 247 Possessivpronomina ‚meine‘ Am häufigsten erscheint das Possessivpronomen der 1. Person Singular Dativ masku‐ linum und neutrum in der längeren Form mînem. Daneben existieren die kontrahierte Variante mîme und die lange Form mîneme. Neben der überregional verbreiteten Form mîner für den Genitiv und Dativ Singular femininum sowie für den Genitiv Plural begegnet die Variante mînre. Als westfälisches Kennzeichen wird die kontra‐ hierte Variante mîr angesehen.772 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kommende folgende Possessivpronomina der 1. Per‐ son vor: – Sg. fem.: mynem Dat. (1), myne Akk. (7), myner Dat. (8), myne Nom. (8), mine Akk. (1), myn Postposition (5), myn Nom. (3), myn Akk. (1), – Sg. neut.: myn Akk. (12), myn Nom. (16), myn Postposition (1), mynes Gen. (1), minem Dat. (2), mynem Dat. (7); – Sg. mask.: myn Postposition (2), mynem Dat. (4), mynes Gen. (1), myn Nom. (16), mynen Akk. (7), myneme (1), myn Akk. (1); – Pl.: myner Gen. (3), mynen Dat. (16), myne Akk. (10), myn Postposition (1), myn Akk. (1), myne Nom. (5). Im Dativ Singular maskulinum und neutrum erscheint im ‚Reynke Vosz de olde‘ die mittelniederdeutsche Normalform in den Schreibvarianten minem (2) und mynem (11), nur einmal ist die lange Realisierung myneme 33v für Dativ Singular maskuli‐ num festzustellen. Kontrahierte Schreibungen bleiben im Untersuchungstext aus. Für Dativ Singular femininum sowie für den Genitiv Plural ist ebenso ausschließlich die überregional verbreitete Schreibform mîner anzutreffen. Für den Genitiv Singular fe‐ mininum finden sich im Untersuchungstext keine Belege. Zudem bleibt anzumerken, dass in Postposition im ‚Reynke Vosz de olde‘ ausnahmslos die unflektierte Form myn (9) vorkommt. ‚seine‘ Das Possessivpronomen 3. Person Singular kann im Dativ maskulinum und neutrum als sînen, sîneme oder als verkürztes sîme realisiert werden. Für den Genitiv und Da‐ 8.5.2 8.5.2.1 8.5.2.2 772 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 146, S. 108; Colliander, Mittelnieder‐ deutsches Elementarbuch, § 301 Anm. 2; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 402, 405; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 114-117; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 300. Teil II A Textinterne Analyse 248 tiv femininum und den Genitiv Plural begegnen analog zu ‚meiner‘ die längeren Va‐ rianten sîner und sînre sowie kontrahiertes sîr.773 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt ausschließlich überregional verbreitete längere For‐ men für das Possessivpronomen der 3. Person. Weder im Versepos noch im Glossen‐ teil lassen sich kontrahierte oder regional beeinflusste Formen finden. Selten sind reimbedingt veränderte Formen anzutreffen sowie vereinzelt Druckfehler: – Sg. fem.: syner Dat. (25), syner Gen. (16), syne Akk. (55), syne Nom. (11), sine Akk. (1), syn Nom. (2)774, sine Nom. (1), syne Dat. (1)775, synem Dat. (1)776; – Sg. neut.: synem Dat. (32), syn Akk. (58), syn Postposition (1), syn Nom. (26), synes Gen. (7), synē Dat. (1), synen Dat. (1)777, synem Akk. (1)778; – Sg. mask.: synen Akk. (31), synem Dat. (34), synē Akk. (2), syn Nom. (13), syn Akk. (2)779, synes Gen. (11), syne Dat. (1)780, syner Nom. (1)781, syne Nom. (1)782, synen Dat. (1)783; – Pl.: synen Dat. (33), syne Nom. (11), syner Gen. (21), syne Akk. (18), synen Gen. (1), synē Dat. (1), sine Nom. (1). Das Reflexivpronomen ‚sich‘ Als mittelniederdeutsche Hauptform für das Reflexivum der 3. Person Dativ und Ak‐ kusativ gilt die Variante sik. Im Ostfälischen kommt die Variante mit e-Schreibung vor: sek.784 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ausnahmslos die mittelniederdeutsche Hauptform sik in drei Schreibvarianten belegt: syck (275), sick (17), syk (2). 8.5.3 773 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 146, S. 108; Colliander, Mittelnieder‐ deutsches Elementarbuch, § 301 Anm. 2; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 402, 405; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 114-117; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 300f. 774 Bl. 35r und 37r. Beide Formen scheinen reimbedingt zu sein. 775 Bl. 127r. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 776 Bl. 232v. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 777 Bl. 180r. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 778 Bl. 227v. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 779 Bl. 27v. Diese Form scheint reimbedingt zu sein. 780 Bl. 133r. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 781 Bl. 133v. Diese Form scheint reimbedingt zu sein. 782 Bl. 173r. Diese Form scheint reimbedingt zu sein. 783 Bl. 184r. Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler. 784 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 403 Anm. 2; Frings, Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache, Karte 51, S. 141; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 85]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 301f.; König, dtv- Atlas Deutsche Sprache, S. 155 (Karte). 8 Lexemgebundene Varianz 249 Demonstrativpronomina ‚dieser, diese‘ Als frühe Mehrheitsvariante des Demonstrativpronomens ‚diese‘ gilt in den oldenbur‐ gischen und den nordwestfälischen Schreibsprachen die ursprüngliche zerdehnte Form dēse mit einfacher s-Schreibung. Dēse kann sich im Nordwesten, gestützt durch das Niederländische, jedoch nur bis ins 14. Jahrhundert halten und erscheint ausschließlich nur in älteren Texten. Die Form dēse ist darüber hinaus unter ripuari‐ schem Einfluss in Südwestfalen anzutreffen. Ferner ist in dieser Region die hoch‐ deutsch induzierte Variante dies(s)e vertreten. Die frühe Form dīse mit tl. Vokal könnte nach Peters’ Vermutung unter Umständen als Abwandlung von dese entstan‐ den und von dit beeinflusst worden sein.785 Die beiden späteren Formen mit doppel‐ ter ss-Schreibung, desse und disse, haben sich wohl aus den synkopierten Dativen der beiden ursprünglichen Formen dēse (desme, desre) und dīse (disme, disre) ent‐ wickelt. Die Form desse verbreitet sich im 14. und 15. Jahrhundert vor allem im nördlichen Westfälischen und im Nordniederdeutschen und wird zur dortigen Leit‐ form. Daneben ist im Nordniederdeutschen die Variante disse belegt, sie stellt in die‐ sem Sprachgebiet jedoch nur eine Nebenvariante dar. Im Ostfälischen hingegen er‐ scheint sie als Leitvariante im 14. Jahrhundert. Parallel zu den neuen Varianten mit -ss- begegnen die gerundeten Varianten dösse und düsse, wobei dösse kaum im desse- Gebiet auftritt und düsse überwiegend im Ostfälischen des 15. Jahrhunderts belegt ist und dort die Leitform disse ablöst. Als „klassische“ mittelniederdeutsche Form mit weitestem Gebrauchsradius und die schriftsprachliche Variante gilt die Realisierung desse. Seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wird die gemein mittelniederdeutsche Variante desse durch ostfälische Leitformen disse und düsse verdrängt. Die nicht ge‐ rundete Variante disse ist dabei überwiegend im Nordniederdeutschen der spätmittel‐ niederdeutschen Zeit vertreten. In Westfalen setzt sich eher die gerundete Realisati‐ onsform düsse durch.786 8.5.4 8.5.4.1 785 Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 86]. 786 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 45f.; Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik, S. 110; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementar‐ buch, § 304; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 173, 227, 407; Højberg Christen‐ sen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 355-359; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 119; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 68; Scharnhorst, Un‐ tersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 34; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1786; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 71f.; Peters, Variation und Tradition, S. 152 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 6f.]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 96 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 86]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 215; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 302-306; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 139 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 120]; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 138f.; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 173f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1433; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1479-1482; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 178; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanz‐ Teil II A Textinterne Analyse 250 Im Untersuchungstext ist ausschließlich die gemein niederdeutsche nicht labiali‐ sierte kurzvokalische Variante desse belegt. Die Kürzung des tl. Vokals wird in allen Fällen durch die Gemination angezeigt. – Belege mit : dessen (36), desser (23), Desse (71), dessem (47), desses (11). ‚dies(es)‘ Als mittelniederdeutsche Normalschreibung des neutralen Demonstrativums ‚dies(es)‘ gilt dit. Die gerundete Form düt begegnet im Ostfälischen und stellt die dortige Mehrheitsvariante dar. Selten erscheint die Analogiebildung desset ebenso wie die erweiterten Formen des Demonstrativpronomens ditte und dütte.787 Im Untersuchungstext kommt ausschließlich die mittelniederdeutsche Normal‐ form in vier verschiedenen Schreibvarianten vor: Dith (6), dit (1), dyt (60), dyth (11). Es lässt sich kein ostfälischer Einfluss feststellen. ‚der-, die-, dasjenige‘ Das Demonstrativum ‚der-, die-, dasjenige‘ weist im Mittelniederdeutschen eine viel‐ fache Variation auf. Zum einen kann der auf j zurückgehende Anlaut als j oder g rea‐ lisiert werden, sodass eine Variation zwischen den Typen de jēne und de g(h)ēne möglich ist. Zum anderen kann eine Rundung des Stammvokals von tl. ē > ȫ stattfin‐ den, die jeweils in folgenden Typen mündet: de jēne / de jȫne und de g(h)ēne / de g(h)ȫne. Eine weitere Ressource für die Variabilität liefert die mögliche Kürzung des tl. ē und ihre Markierung durch Doppelkonsonanz: de jēne / de jenne und de g(h)ēne / de g(h)enne. Auch beim daraus entstandenen Kurzvokal kann eine Rundung erfolgen, die zu den Typen wie de jönne neben de jenne und de g(h)önne neben de g(h)enne führt. Als Kennzeichen der westfälischen Schriftsprache gilt die Kombinati‐ on aus dem g-Anlaut und dem tl. ē im Stamm. Das Geldrisch-Kleverländische schreibt die gerundete Variante de g(h)ȫne. Im Nordniedersächsischen erscheint zu‐ meist neben der gekürzten und gerundeten Form mit dem j-Anlaut de jönne die ähnli‐ che Variante mit dem g-Anlaut de g(h)önne. Das Mecklenburgische zeigt die Formen de ghene und de yenne. Als mittelniederdeutsche Normalform des 15. Jahrhunderts wird die gekürzte nicht gerundete Variante de jenne beschrieben.788 8.5.4.2 8.5.4.3 leischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 273; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 145-147; ASnA, Bd. I, Karte 119 ‚diese(r)‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 787 Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 304 Anm. 3; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 173, 407 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 119; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 72; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 97 [= Peters, Mit‐ telniederdeutsche Studien, S. 86]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 215; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 306f.; Härd, Morphologie des Mittelniederdeut‐ schen, S. 1433; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 147f. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 788 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 147, S. 108f., hier S. 109; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 58, 67; Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 163 Anm. 1, § 305; Lasch, Mittelniederdeutsche Gramma‐ 8 Lexemgebundene Varianz 251 Für das Demonstrativum ‚der-, die-, dasjenige‘ begegnen im ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ ausschließlich gekürzte Formen ohne Rundung mit dem j- bzw. y-Anlaut, wobei beide Formen ziemlich gleichmäßig verteilt sind. – Belege für de jenne: de jēnen (1), der jennen (2), den jennen (1), de jennen (2), de jenne (1); – Belege für de yenne: de yennen (1), der yennen (3), de yenne (1). ‚der-, die-, dasselbe‘ Vor l-Verbindung konnte das zweite e in de selve zu i gehoben werden. Diese Entwick‐ lung scheint vom Nordniedersächsischen auszugehen. Des Weiteren konnte das zweite e auch zu ö, genauso wie das i seinerseits zu ü gerundet werden. Im Westfälischen sind hauptsächlich die mittelvokalischen Varianten de selve und de sölve belegt. Auch im frühen Ostfälischen und Nordniedersächsischen erscheint die Form de selve, die im 14. Jahrhundert durch die gerundete Form de sülve weitestgehend verdrängt wird. In ostwestfälischen Texten herrscht ein Nebeneinander von de selve und gerundetem de sülve. Im 15. Jahrhundert wird die ungerundete Form de selve als westfälische Haupt‐ form beschrieben, das Nordniedersächsische und Ostfälische zeigen hingegen gerun‐ detes de sülve. Als spätmittelniederdeutsche Entwicklungen gelten die Formen de selvige neben gerundetem de sülvige und de selfte neben de sülfte.789 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ sind ausschließlich gerundete Realisierungen für das Demonstrativum ‚der-, die-, dasselbe‘ belegt, wobei der Umlaut zumeist markiert ist. Es zeigt sich zudem Variation zwischen der nordniederdeutschen Hauptform der „klassischen“ mittelniederdeutschen Zeit de sülve und den beiden spätmittelnieder‐ deutschen Varianten de sülvige und de sülfte, die letztere von denen allerdings nur einmal belegt ist und somit eine deutliche Ausnahme bildet. Bemerkenswert ist die 8.5.4.4 tik, §§ 15.2, 175, 342, 408; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 119f.; Peters, Variation und Tradition, S. 152f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 7]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 97 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 86f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 307f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 139 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 120]; ASnA, Bd. I, Karte 120 ‚der-, die-, dasjenige‘. 789 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150, S. 110; Colliander, Mittelniederdeut‐ sches Elementarbuch, § 306; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 137, 169d, 408; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 377-379; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 93, 304f.; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 119; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 221f.; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 69; Korlén, Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 51; ders., Norddeutsche Stadtrech‐ te. I, S. 96; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 133f.; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 68; Peters, Variation und Tradition, S. 153 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 7f.]; ders., Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1479-1482; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, 97f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 87]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 308-310; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 139 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 120f.]; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274; ASnA, Bd. I, Karte 121 ‚der-, die-, dasselbe‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut und Kap. 5.1.9 Schreibung von ü. Teil II A Textinterne Analyse 252 Tatsache, dass die mittelniederdeutsche Normalform de sülve dreimal so häufig im Untersuchungstext vorkommt wie die spätmittelniederdeutsche Kennform de sülvige. Zuletzt kann festgehalten werden, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ die Getrennt- und Zusammenschreibung für de sülve und de sülvige variiert. Es konnte ermittelt wer‐ den, dass in beiden Fällen die zusammengeschriebenen Formen leicht dominieren, auch wenn die getrennt geschriebenen Formen ebenfalls ziemlich gut belegt sind: de sülve (31) versus desülve (40) und de sülvige (9) versus desülvige (14). – Belege für de sülve: desuͤluen (9), desuͤlue (8), de suͤlue (5), den suͤluen (5), thor suͤluen (2), Dersuͤluen (1), der suͤluen (3), datsuͤlue (1), dem suͤluen (4), thom suͤluen (1), Dat suͤlue (2), dat sulue (1), dessuͤluen (1), dersuͤluen (6), De suͤluen (4), desuͤluē (2), densuͤluen (3), dyt‐ suͤlue (1), datsuͤlue (7), Dyth suͤlue (2), de suͤlff (1), Demsuͤluen (1), Dat suͤlue (2); – Belege für de sülvige: der suͤluigen (1), Desuͤluigen (3), de suͤluighe (1), de suluige (2), de suͤluigen (1), densuͤluigen (4), de suͤluige (2), den suͤluigē (1), dessuͤluigen (2), desuͤluige (1), dat suluige (1), desuluigen (1), dersuͤluigen (3); – Belege für de sülfte: Dyt suͤlffte (2). ‚solcher, -e, -es‘ Beim Demonstrativum ‚solcher, -e, -es‘ besteht im Mittelniederdeutschen vielfache diatopische und diachronische Variation, die bislang nur ungenügend erforscht ist. Als beide Haupttypen gelten alsô-, sô-, aldüs-, düs-, alsüs-, süs-, -dân, -g(h)edân, -dânich und sölk, sülk neben alsölk, alsülk. Ferner sind Formen mit einem Vokal zwi‐ schen l und k wie söllik und süllik belegt, daneben können auch Formen mit l- Schwund erscheinen: sök, sük. Es kann jedoch vermerkt werden, dass die Variante alsôdân wohl frequenter im 14. Jahrhundert als in späterer Zeit ist. Im 15. Jahrhun‐ dert gilt als eine der Hauptformen die gerundete Variante sülk, die im 16. Jahrhundert weitestgehend durch sölk verdrängt wird.790 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ variieren die beiden Haupttypen sôdân und sölk / sülk. Hauptsächlich wird im Text das moderne sölk verwendet, während älteres sôdân nur einige Belege zählt. Die mittelniederdeutsche Hauptform des 15. Jahrhunderts sülk erscheint im Untersuchungstext insgesamt nur einmal. – Belege für sôdân: sodanem (1), Sodane (3), Sodaner (substantiv.) (1), Sodan (1), Sodaner (1), sodanes (1); – Belege für sölk: solcker (4), solcke (23), Solckes (substantiv.) (28), solcken (7), solcke (substantiv.) (5), soͤlke (substantiv.) (1), soͤlken (substantiv.) (1), Soͤlcken (4), soͤlkem (1), 8.5.4.5 790 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150, S. 110; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 183, 220, 256, 408; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 122f.; Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 118f.; Peters, Variati‐ on und Tradition, S. 153f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 8f.]; ders., Katalog sprachli‐ cher Merkmale II, S. 98 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 87f.]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 311; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 140 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 121]; ASnA, Bd. I, Karte 122 ‚solcher, solche, solches‘. Vgl. auch Kap. 5.1.3 Wechsel von vormnd. u und o. 8 Lexemgebundene Varianz 253 solck (1), soͤlcke (3), Soͤlcken (substantiv.) (1), soͤlckes (substantiv.) 24v (6), soͤlckē (1), sol‐ ckem (substantiv.) (1), soͤlcker (3), soͤlck (3), soͤlckem (1), soͤlke (3), solckem (2), solcks (1), soͤlcke (substantiv.) (2); – Beleg für sölkên: soͤlkeynen (1); – Beleg für sülk: suͤlcke (1). Das als Relativpronomen verwendete Interrogativ ‚welcher‘, ‚wer‘ Die Variante wê, die im Südmärkischen eine Nebenvariante wi(e) aufweist, wird im Mittelniederdeutschen ausschließlich substantivisch gebraucht. Für das Mecklenbur‐ gische scheinen beide Formen typisch zu sein. Das zunächst adjektivisch und später auch substantivisch verwendete Interrogativ welk weist folgende Nebenvarianten auf: wel(l)ik, wil(l)ik, wilk und wolk. Als ältere Variante wird welik beschrieben, welk gilt als jüngere Variante. Im späten Mecklenburgischen ist die verlängerte Variante wel‐ kere belegt. Einige Texte zeigen ebenfalls Varianten mit l-Schwund (wek), solche mit k-Schwund (nach Lasch): wel sowie in Zusammensetzungen welkēr, welkȫr und welkên (nach Foerste) und infolge falscher Silbentrennung daraus entstandene Form wol. Die Variante wel kommt häufiger im Ostniederländischen und Westfälischen vor, die Form wol hingegen ist vornehmlich nordniedersächsisch und erscheint zu‐ weilen auch im Mecklenburgischen. Das Interrogativum welk sowie seine zahlrei‐ chen Nebenvarianten werden ebenfalls als Relativum verwendet.791 Im substantivischen Gebrauch kennt ‚Reynke Vosz de olde‘ zum einen die mittel‐ niederdeutsche Normalform wê, zum anderen die nordniedersächsisch-mecklenburgi‐ sche Form wol, wobei die letztere im Untersuchungstext eindeutig dominiert. In ad‐ jektivischer Verwendung kommen das Interrogativ welk und seine spätere verlängerte Form welkere, die als späte mecklenburgische Kennform beschrieben wird, vor. Hier ist die Beleglage ziemlich übersichtlich, sodass eine eindeutige zeitliche Zuordnung nicht möglich ist. Zudem ist das Interrogativ welk neben der verlängerten mecklenburgischen Variante welker in substantivischer Verwendung belegt, wobei auch hier die Belegsi‐ tuation keine genauere Aussage bezüglich der zeitlichen Verteilung der Varianten erlaubt. Es kann nur festgehalten werden, dass substantivisches welker insgesamt viermal im Text vorkommt, während welk nur einmal belegt ist. Das als Relativum 8.5.5 791 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 148, S. 109f.; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 38f.; Colliander, Mittelniederdeut‐ sches Elementarbuch, § 308-3 und Anm. 7; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 177, 256, 410; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 124; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1786f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 134; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 101; Härd, Morphologie des Mittelniederdeutschen, S. 1433; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 98f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 88]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 311f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 140 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 121]; ASnA, Bd. I, Karte 123 ‚wer‘. Teil II A Textinterne Analyse 254 verwendetete Interrogativ welk tritt im ‚Reynke Vosz de olde‘ neben der verlängerten Nebenform welcker auf. Hier ist eindeutig zu konstatieren, dass die welker-Belege im Untersuchungstext stark überwiegen. Somit lässt sich zusammenfassend festhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ zwar eine Variation zwischen welk und welker besteht, insgesamt jedoch Belege für jüngeres welker zahlreicher sind. – Beleg für substantiv. wê: we (1); – Belege für substantiv. wol: Wol (70), woll (4); – Belege für adjektiv. welk: welcker (6), welke (1); – Belege für adjektiv. welker(e): welcker (3); – Beleg für substantiv. welk: welcke (1); – Belege für substantiv. welker(e): Welcker (4); – Belege für relativ. welk: welcke (1), Welckes (2); – Belege für relativ. welker(e): welcker (29), Welckeres (5), welckeren (4), welker (2), wel‐ ckerer (5), welckere (1). Indefinitpronomina Das Mittelniederdeutsche besitzt eine Reihe von Indefinitpronomina, die sich durch eine starke Variabilität kennzeichnen und verschiedene diatopische und diachroni‐ sche Verteilungsmuster aufweisen. Doch ist dieser Bereich zumeist nicht ausreichend erforscht, wodurch sich die Analyse der vorgefundenen Formen etwas problemati‐ scher als bei den anderen Variablen gestaltet. Der spezifische Anspruch, diese For‐ schungslücke für sämtliche Formen hier zu schließen, würde weiter über den Rah‐ men dieser Arbeit hinausgehen, deswegen werden im Folgenden keine weiterführen‐ den etymologischen Erklärungen gemacht, sondern der Fokus wird auf die vorge‐ fundenen Varianten gelegt. Diese werden gemäß dem aktuellen Forschungsstand be‐ leuchtet.792 ‚(irgend)etwas‘ Beim Indefinitpronomen ‚(irgend)etwas‘ besteht eine Formenvariation zwischen den auf das asächs. eowicht zurückgehenden Varianten icht, gicht, jocht und der durch den ch-Ausfall enstandenen Variante ît. Letztere kommt vorwiegend am westlichen Rand des mittelniederdeutschen Sprachraumes vor. Ferner begegnet durch die Voran‐ stellung des Genitivs entstandene Form ichtesicht. Das genitivische ichtes wird zu‐ weilen auch als Nominativ verwendet. Als weitere Realisierungen des indefiniten Pronomens sind der Typ wat und die mit ichtes- zusammengesetzten Nebenvarianten ichteswat, gichteswat bekannt. Die Varianten et(te)-, it(te)-, et(te)s-, it(te)swat und 8.5.6 8.5.6.1 792 Vgl. die angegebene Sekundärliteratur in den jeweiligen Kapiteln. 8 Lexemgebundene Varianz 255 die genitivischen Formen etwes, etteswes sind aufgrund ihrer Vorsilben auf den Kon‐ takt mit dem Hochdeutschen zurückzuführen.793 Für ‚(irgend)etwas‘ erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ zwei Varianten: wat(h) und die hochdeutsch beeinflusste Form etwes. Es lässt sich zudem festhalten, dass die Beleglage für diese Variable im Untersuchungstext insgesamt nicht optimal ist: etwes kommt im Text nur zweimal vor und ist allem Anschein nach auf den Einfluss des hochdeutschen Prätextes zurückführen. Wat(h) ist zwar häufiger vertreten, man kann dieser Variante jedoch wenig in Bezug auf die diatopische oder diachronische Zuord‐ nung abgewinnen. – Belege für wat(h): wat (13), wath (3); – Belege für etwes: etwes (2). ‚nichts‘ Die mittelniederdeutsche Hauptform lautet nicht < asächs. neowiht. Aufgrund der Tat‐ sache, dass bereits in frühen Texten vereinzelt Schreibungen mit t-Ausfall vorkommen, kann man davon ausgehen, dass die gesprochene Form t-los war. Am Westrand des niederdeutschen Sprachraumes erscheinen die ostniederländisch beeinflussten Formen nît und nêt. In der Bedeutung ‚durchaus nicht‘ erscheint das Pronomen vorangestellt im Genitiv in der Form nichtesnicht. In spätmittelniederdeutscher Zeit wird der Genitiv durchaus als Simplex verwendet. Die spätmittelniederdeutsche schriftsprachliche Rea‐ lisierung nich ist als Reflex gesprochener Sprache zu werten.794 In der Bedeutung ‚nichts‘ erscheinen im Untersuchungstext zwei Varianten: die mittelniederdeutsche Hauptform nicht und die spätmittelniederdeutsche genitivische Variante nicht(e)s, wobei die letztere dominiert. Für ‚durchaus nicht‘ findet sich im ‚Reynke Vosz de olde‘ ein Einzelbeleg ebenfalls in der spätmittelniederdeutschen Schreibung nichtes, während für das Kompositum nichtesnicht keine Belege ermittelt werden konnten. – Belege für ‚nichts‘: nichtes (21), nicht (9), nichts (1); – Belege für ‚durchaus nicht‘: nichts (1). 8.5.6.2 793 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150, S. 110; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 411.I; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 126, 133; Peters, Variation und Tradition, S. 156 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 12]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 99 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 88f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 313; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 141 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 122]. 794 Tümpel, Niederdeutsche Studien, S. 60-63; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 300, 310, 357, 411; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 133; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 73; Peters, Variation und Tradition, S. 157 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 12]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 99 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 89]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 141 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 122]. Teil II A Textinterne Analyse 256 ‚jemand‘ Das Positivum des Indefinitpronomens ‚jemand‘ lässt sich im Mittelniederdeutschen weitaus seltener belegen als das Negativum ‚niemand‘. Dahlberg begründet das da‐ mit, dass „es sich [beim Negativum, S. T.] um Ausdrücke handelt, deren natürliches Milieu vor allem Statuten oder statutenähnliche Urkunden sind, Texte, die […] ihrem allgemeinen Charakter nach mehr Verbote als Aufforderungen enthalten“.795 Zu den wichtigsten Realisierungsvarianten des Indefinitpronomens ‚jemand‘ zählen die über‐ regional gültige Form jeman und ihre gerundete Variante jümman, denen im Auslaut häufig ein Dental (-t, flekt. -d-) angefügt wird. Die gerundete Form jümman(t) gilt als westfälisches und nordniedersächsisches Kennzeichen, im Südwestfälischen ist hinge‐ gen die j-lose Form ümmant häufiger belegt. Typisch für den ostfälischen Schreib‐ raum ist die Form jemet, die durch den n-Ausfall in der unbetonten Silbe zustande gekommen ist: jemand > jement > jemet. Am Westrand des niederdeutschen Sprach‐ raumes sowie im südwestlichen Westfälischen, südlichen Ostfälischen, Elb‐ ostfälischen und im Südmärkischen begegnen die Varianten yman(t) und iman(t). Zu‐ weilen kommt êman vor, die in Anlehnung an das Negativum nêman(t) entstanden ist. Mecklenburgisch sind iemand und jumment.796 Im Untersuchungstext findet eine konstante Verwendung der nicht gerundeten überregional verbreiteten Variante jemant statt. Lediglich der Anlaut variiert zwi‐ schen j- und y-Schreibung. – Belege für ‚jemand‘: yemande (1), jemande (2), jemandt (1), jemant (1), yemandt (5), ye‐ mant (1), yemāt (1). ‚niemand‘ Die mittelniederdeutsche Normalform für das Negativum ‚niemand‘ lautet nêman(t) mit Anfügung des -t im Auslaut < nêman < asächs. neoman. Dieser auch in Lübeck ver‐ breitete Typ wird zusätzlich durch die gängige Verbindung nên man in seinem Gebrauch gestützt. Am Westrand des niederdeutschen Sprachraumes sowie im Elbostfälischen und Südmärkischen begegnet häufiger die Variante nîman, die durchaus auch im Ostelbischen des 14. Jahrhunderts zu erwarten ist. Auch diese Form wird durch die mögliche Assimilation der Verbindung nîn man zusätzlich gestützt. Die ausschließlich für den ostfälischen Schreibsprachenraum typische Variante nêmet ist auf den n- Schwund in der unbetonten Silbe -mant zurückzuführen. So erscheint laut Dahlberg 8.5.6.3 8.5.6.4 795 Dahlberg, Niederdeutsch jemet ‚jemand‘ und nemet ‚niemand‘ in dialektgeographischer Bedeu‐ tung, S. 76. 796 Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik nebst Chrestomatie und Glossar, S. 115, 212; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 133, 176, 207, 274, 308, 411; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 125-135; Dahlberg, Niederdeutsch jemet ‚jemand‘ und nemet ‚niemand‘ in dia‐ lektgeographischer Bedeutung; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 72f.; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 100 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 89f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 315f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 141f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 122]; ASnA, Bd. I, Karte 124 ‚jemand‘. 8 Lexemgebundene Varianz 257 nêmet in Braunschweig, Hildesheim, Göslar und Göttingen.797 Im Nordniedersächsi‐ schen und Westfälischen sind ebenfalls gerundete Varianten nümmant, nümmandes, nümmes belegt. Als Mecklenburgisch gelten nêmen, nümment, flekt. nêmande.798 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist das negative Indefinitpronomen zahlreich belegt. Es dominiert die nicht labialisierte Form nêmant, flekt. nêmande. Zweimal erscheint die n-lose Form nêmat, flekt. nêmade. Es ist zu vermuten, dass es sich hierbei nicht um einen Ostfalismus, sondern allem Anschein nach um einen fehlenden Nasalstrich handelt. – Belege für ‚niemand‘: nemande (22), nemandt (23), nemant (6), nemandes (1), nemāde (1), nemadt (1), nemaden (1). ‚(irgend)ein(er)‘ Für das Indefinitpronomen ‚irgendein‘ liegen im Mittelniederdeutschen zahlreiche Formenvarianten vor. Zum einen erscheint neben ên die flektierte Form êner. Aus‐ schließlich in frühmittelniederdeutscher Zeit sind jên mit entsprechenden Schreibva‐ rianten ien, yen, jen und gen sowie die präfigierte Variante jegên belegt. Zum anderen kann für ‚irgendein‘ jênich erscheinen. Anlautend können für jênich folgende Schrei‐ bungen auftreten: ge-, ie-, je-, ye-, i-, y- oder die Variante mit vokalischem e-Anlaut. Die Variante înich scheint in Anlehnung an îman(t), îder gebildet worden zu sein. Die gerundete Form iö̂nich ist ausschließlich in Halle belegt. Ferner sind Varianten mit durch Verdoppelung des n markierter Kürzung des Langvokals vor -ich vorhan‐ den: ennich, iennich, yennich, jennich, gennich, innich, ynnich.799 Des Weiteren ent‐ wickelte sich aus den einzelnen Pronomina man und jênich die zusammengesetzte Form jênichman. In westfälischen Texten begegnen Varianten sum und som mit wei‐ teren Ableitungen. Diese finden sich in spätmittelniederdeutscher Zeit auch im über‐ regionalen Gebrauch. Das als Relativpronomen verwendete Interrogativ wê wird so‐ wohl als Simplex als auch in Verbindung mit icht ebenfalls für ‚irgendein‘ gebraucht. Im adjektivischen Gebrauch ist außerdem welk für ‚irgendwelch‘ bekannt. Die Ver‐ bindung mit icht ergibt ichteswelk, gichteswelk, etwelk und itwelk. Schließlich sind die Varianten et(te)lik und it(te)lik zu erwähnen.800 8.5.6.5 797 Dahlberg, Niederdeutsch jemet ‚jemand‘ und nemet ‚niemand‘ in dialektgeographischer Bedeutung. 798 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, § 150, S. 110; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 207.1.2.3, 273f., 308; Højberg Christensen, Studier over Lybæks Kancellisprog, S. 368-372; Dahlberg, Niederdeutsch jemet ‚jemand‘ und nemet ‚niemand‘ in dialektgeographischer Bedeutung; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 73; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 101 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 90f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 317f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 141f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 122]; ASnA, Bd. I, Karte 125 ‚niemand‘. 799 Lasch nimmt an, dass die kurzvokalischen Varianten auf die Übertragung aus den flektierten For‐ men wie iengerhande und nicht auf die Vokalkürzung vor -ich zurückzuführen sind. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 341. 800 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 69 Anm. 2, 133.4, 175, 341, 411; Sarauw, Nieder‐ deutsche Forschungen. II, S. 126-130; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 102f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 91f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 313f.; Teil II A Textinterne Analyse 258 Der Untersuchungstext zeigt Varianz zwischen den folgenden Varianten zur Be‐ zeichnung des unbestimmten Pronomens ‚irgendein‘: ên, flekt. êner, jennich mit mar‐ kierter Vokalkürzung vor -ich und Adj. welk. Am häufigsten ist im ‚Reynke Vosz de olde‘ der Typ ên neben seiner flektierten Form êner belegt. Deutlich seltener er‐ scheint im Text dagegen die Variante jennich. Das adjektivisch gebrauchte welk mit der Semantik ‚irgendwelch‘ kommt nur einmal vor. – Belege für ên / êner: eyner (15), eyn (5), einem (5), einer (22), einen (3), eynen (1), eynem (4); – Belege für jennich: jennich (2), jennigen (2), yenniger (1), yennich (1); – Beleg für Adj. welk: welke (1). ‚kein‘ Im Mittelniederdeutschen sind für das Indefinitpronomen ‚kein‘ zwei Hauptvarianten bekannt: nên und nîn, die sich aus der Zusammensetzung der Verneinungspartikel nî bzw. nê mit dem unbestimmten Artikel entwickelt haben. In den meisten Teilen des Nordniedersächsischen (etwa in Bremen und Hamburg), in Ostfalen sowie in Teilen des südöstlichen Westfalens herrscht die kontrahierte Variante nên. Die zweite kon‐ trahierte Variante nîn wird als westfälische Kennform beschrieben und begegnet schwerpunktmäßig im Nordwestfälischen. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt im Raum Dortmund – Münster – Osnabrück. Daneben erscheint die Variante nîn in Ol‐ denburg. Erst im 15. Jahrhundert wechselt Oldenburg von nîn zu nên beeinflusst durch den Sprachgebrauch in der Hanse. Im Groningisch-Ostfriesischen liegt eine vierfache Variation vor. In diesem Sprachareal variiert die Realisierung zwischen dem präfixlosen und eher für die Frühzeit typischen gên, gîn (Mischform aus gên und nîn) und den kontrahierten Formen nên und nîn. Lübeck schreibt zunächst überwie‐ gend nên (insbesondere im 14. Jahrhundert). Die Variante nîn kommt daneben als Minderheitenvariante vor (vor allem im 15. Jahrhundert), genauso wie im übrigen Ostelbischen. Das hd. kein dringt ins Niederdeutsche erst in spätmittelniederdeut‐ scher Zeit ein, wobei insbesondere das Südmärkische von diesem Prozess betroffen ist. Auch die an das hochdeutsche Sprachgebiet direkt angrenzenden Teile des Elb‐ ostfälischen, etwa Halle und Zerbst, lassen sich früher beeinflussen. Davon zeugen die hier früher als im übrigen Gebiet belegten Formen enkein und kein. Ansonsten bleibt die mittelniederdeutsche Norm bis zum Ende des 16. Jahrhunderts stabil.801 8.5.6.6 Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 142 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 123]; ASnA, Bd. I, Karte 126 ‚irgendein‘. Zu den Formen et(te)lik und it(te)lik vgl. auch Kap. 8.5.6.10 ‚einige‘, ‚etliche‘. 801 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 59; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 10, 17.1, 341, 411; Højberg Christensen, Studier over Lybæks kancellisprog, S. 360-367; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 196; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 196; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 17; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 93f.; ders., Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 71; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 73; Peters, Variation und Tradition, S. 155 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 10f.]; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkunden‐ sprache Attendorns, S. 132; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 103f. [= Peters, 8 Lexemgebundene Varianz 259 Im Untersuchungstext konnte Varianz zwischen der nordniederdeutschen Haupt‐ variante nên und der im Spätmittelniederdeutschen vorkommenden hochdeutsch in‐ duzierten Form kein ermittelt werden, wobei die letztere eher eine Ausnahme bildet. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass die wenigen vorgefundenen kein-Belege ohne Ausnahme aus den Kapitelglossen stammen, sodass es sich um hochdeutschen Ein‐ fluss der Prätexte für die jüngere Glosse oder des Bearbeiters handeln muss. – Belege für nên: nener (3), nenen (15), nen (30), neyn (1), neen (9), nenem (5), neͤn (2); – Beleg für ‚keinerlei‘: nenerleye (1); – Belege für kein: keiner (4), keine (1). ‚jeder‘ Für das Indefinitpronomen ‚jeder‘ gibt es im Mittelniederdeutschen zahlreiche Vari‐ anten. Als überregional am häufigsten vertretene Variante gilt îder, die auf die Grundform ieweder zurückgeht und als ieweder in den ältesten Quellen belegt ist. Insbesondere im Nordniederdeutschen und in der lübischen Schriftsprache ist jewelik verbreitet, jedoch kommt diese Variante auch in anderen Sprachregionen vor. Als speziell ostfälische Variante wird jö̂wel(i)k beschrieben, in der frühen Phase ist hier ioiewelik vertreten. Der Typ jü̂wel(i)k tritt insbesondere im Südwestfälischen auf, er‐ scheint jedoch ferner auch im Nordwestfälischen und im Ostfälischen. Assimiliertes malk < mallik < manlik gilt im Kleverländischen, ist aber auch in Westfalen und Ost‐ falen durchaus belegt. Im Ostelbischen und Südmärkischen ist îslik zu erwarten. Der hochdeutsch induzierte Typ it(te)lik – mit s-Einschub its(e)lik – ist durchaus im ge‐ samten Sprachraum bekannt; er erscheint im Normalfall in Begleitung des unbe‐ stimmten Artikels ên. Im westlichen Westfälischen und im groningisch-oldenburgi‐ schen Sprachareal, aber vor allem in den Texten, die niederländischen Einfluss auf‐ weisen, findet sich die synkopierte Form elk < ellik < ên + lik. Zudem sind zusam‐ mengesetzte Formen mit man belegt: iederman, al(le)man. Zum 16. Jahrhundert hin fndet ein Variantenabbau statt, sodass als spätmittelniederdeutsche Hauptform îder gelten kann. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert dringt nach und nach die 8.5.6.7 Mittelniederdeutsche Studien, S. 92f.]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 152 und 156 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 301 und 306]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 216; Fedders, Zur ravensbergisch-lippischen Schreibsprachland‐ schaft, S. 62; ders., Die Schreibsprache Lemgos, S. 316f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 142f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 123]; Fischer, Die Stadt‐ sprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 176.; Pilkmann-Pohl, Mittelniederdeutsch in Minden, Nr. 10; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1479-1482, 1484; Ham‐ pel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 152f.; ASnA, Bd. I, Karte 127 ‚kein (geschlos‐ sene Silbe)‘ und Karte 128 ‚kein (offene Silbe). Teil II A Textinterne Analyse 260 hochdeutsch gestützte Form jēder durch, bis sie die anderen Varianten mehr oder minder verdrängt.802 Der Untersuchungstext kennt folgende Typen zur Bezeichnung des Indefinitums ‚jeder‘: îder, îderman, jēder, jēderman und îslik. Am häufigsten erscheint ganz ein‐ deutig der allgemein niederdeutsche Typ îder und seine zusammengesetzte Variante mit -man. Typisch ostelbisches îslik und hochdeutsch gestütztes jēder mit der daraus abgeleiteten Zusammensetzung jēderman kommen jeweils einmal vor und bilden eine Ausnahme. – Belege für îder: ydern (6), yder (18), yderen (1), jder (1), jdern (1); – Belege für îderman: ydermanne (1), yderman (9), Jdermanne (1), jderman (1), ydermans (2); – Beleg für jēder: jeder (1); – Beleg für jēderman: jederman (1); – Beleg für îslik: Jslick (1). ‚man‘ Das Indefinitpronomen ‚man‘ hat im Mittelniederdeutschen folgende Entwicklung durchgemacht: zunächst wurde man zu men abgeschwächt, des Weiteren hat men eine Abschwächung zu me durch n-Ausfall erfahren, bis me schließlich auf -m redu‐ ziert worden ist. Die Abschwächung zu men und dann zu me war zuerst in enkliti‐ scher Stellung verzeichnet. Neben dem für das unbetonte e ist in frühmittelnie‐ derdeutschen Texten ebenfalls die Schreibung mit belegt. Als mittelniederdeut‐ sche Normalform wird die Form men beschrieben.803 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist für das Indefinitum ‚man‘ fast ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform belegt: men (190) neben menn (8). Zudem er‐ scheint zweimal die abgeschwächte Form me mit n-Ausfall. 8.5.6.8 802 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 411; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 131; Jaatinen, Das Pronomen ‚jeder‘ im Mittelniederdeutschen, S. 315, 317f., 320, 370-375; LBCM II,1, Sp. 409, 465; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 72; Peters, Variation und Traditi‐ on, S. 154f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 9f.]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, 104f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 93-95]; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundensprache Attendorns, S. 132; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 314f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 143 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 123f.]; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahr‐ hundert, S. 177f.; Pilkmann-Pohl, Mittelniederdeutsch in Minden, Nr. 10; Temmen, Das ‚Abding‐ hofer Arzneibuch‘, S. 150-152; ASnA, Bd. I, Karte 130 ‚jeder (pronominal)‘, Karte 131 ‚jeder (Ar‐ tikelwort)‘, Karte 132 ‚jeder (je-, jo-, juwel(i)k)‘. 803 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 82, 139.IV, 216, 274; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 131f.; Peters, Variation und Tradition, S. 156 [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 11f.]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 105f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 95]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 143 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 124]. 8 Lexemgebundene Varianz 261 ‚mancher‘ Für das Indefinitpronomen ‚mancher‘ erscheinen im Mittelniederdeutschen die nicht umgelautete Form manich und ihre Umlautvariante menich. Vor dem Suffix -ich konnte der tonlange Vokal gekürzt werden. Selten ist die gerundete Variante mönnich neben mennich anzutreffen. Als Realisierungsformen für ‚mancherlei‘ kommen manigerhande und maniger‐ ley(e) sowie ihre umgelauteten Varianten und Formen mit gekürztem Vokal vor.804 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist Varianz zwischen den umgelauteten und nicht um‐ gelauteten Varianten für ‚mancher‘ und ‚mancherlei‘ zu verzeichnen, wobei umge‐ lautete Formen deutlich überwiegen. Dabei wird ein deutliches Verteilungsmuster sichtbar: Die mannich-Formen tauchen ausschließlich im Verstext auf. Es lässt sich daher vorsichtig vermuten, dass bei diesen Fällen ohne gekennzeichneten Umlaut ein Einfluss der Lübecker Vorlage vorliegt, da in der letzteren die a-Graphie stark über‐ wiegt und die e-Schreibung äußerst selten vorkommt. Ferner ist festzustellen, dass bei allen Belegen ohne Ausnahme Markierung der Vokalkürzung erfolgt, und näm‐ lich entweder durch doppelte Konsonanz oder durch Nasalstrich und Konsonanten. Gerundete Realisierungen sind im Untersuchungstext nicht anzutreffen. – Belege für mennich: mennigen (11), mennich (20), menniger (1), mēniger (1), mēnich (2), mennygem (1), mennige (1), mēnigen (2), mēnigem (1); – Belege für mannich: mannigem (2), mannyghen (2), mannygem (1), mannich (3), manni‐ gen (1); – Belege für mennigerhande: menniger hande (1); – Belege für mannigerhande: mannigerhande (1); – Belege für mannigerley(e): mennigerley (3), mennigerleye (1). ‚einige‘‚ ‚etliche‘ Für das Indefinitpronomen ‚einige, etliche‘ werden im Mittelniederdeutschen fol‐ gende Typen verwendet: it(te)like, it(te)welke, sowie die Variante mit dem s-Ein‐ schub it(tes)welke. Des Weiteren ist et(te)lik zu erwähnen. Ferner besitzt die Plural‐ form von manich die Bedeutung ‚einige‘, ‚etliche‘. Ebenfalls im Plural ist das Indefi‐ nitpronomen sum mit den Ableitungen sümich, sumelik gebräuchlich.805 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt eine stabile Verwendung des Typs etlik für ‚einige, etliche‘. – Belege für etlik: etliken (3), etlicke (1), etlike (9), Etlyke (14), etlyken (1), etlycke (2). 8.5.6.9 8.5.6.10 804 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 69; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale II, S. 106 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 95]. 805 Peters, Variation und Tradition, S. 156 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 11]; ders., Ka‐ talog sprachlicher Merkmale II, S. 106 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 95]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 318; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 143 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 124]. Teil II A Textinterne Analyse 262 Adverbien Das Interrogativadverb ‚wo‘ Für das Interrogativadverb ‚wo‘ gibt es im mittelniederdeutschen Sprachraum drei Hauptvarianten: wâr, wôr und wûr. Im Anschluss an den Westen erscheint die auf das altsächsische hwâr zurückgehende Realisierung wâr schwerpunktmäßig in West‐ falen. Das auf w folgende â wurde im Nordniederdeutschen zu ô velarisiert. Als ost‐ fälische Kennform gilt die Variante wûr mit einer weiteren Hebung von ô zu û.806 Der Untersuchungstext kennt ohne Ausnahmen die nordniederdeutsche Realisie‐ rung wor (19). Das Interrogativadverb ‚wie‘ Für das Interrogativadverb ‚wie‘ existieren im Mittelniederdeutschen drei Hauptrea‐ lisierungen, die sich recht deutlich regional verteilen. So weisen Teile des Ostfälischen, Westfälischen und Elbostfälischen die Variante wû auf, während das Nordniederdeut‐ sche zu wô tendiert. Die Variante wô bildet ebenfalls die Nebenvariante im Ostfälischen und Westfälischen. Bisweilen tritt auch wâ auf. Als westlich beeinflusste Variante gilt hô. Als mittelniederdeutsche Normalform wird wô beschrieben. Als hochdeutsche Varianten bzw. hochdeutsch induzierte Varianten sind wie und we zu nennen, wobei der letzteren eine niederdeutsche Hyperkorrektur entsprechen dürfte.807 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lässt sich fast ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform wô in der Schreibvariante wo (170) ermitteln. Als abweichender Einzel‐ beleg erscheint die hochdeutsch induzierte Variante we 139v (1), die wohl auf eine hyperkorrekte Lautung mit ê4 schließen lässt. 8.6 8.6.1 8.6.2 806 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 394; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 302; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 140; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. II, S. 54f.; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 87; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale III, S. 1 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 97]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 318f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 144 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 124]; Pilkmann-Pohl, Mittelniederdeutsch in Minden. Nr. 10; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 262; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 154; ASnA, Bd. I, Karte 133 ‚wo‘. 807 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 163, 299 Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. I, S. 201, 212; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 141; Frings, Zur Grundlegung einer Ge‐ schichte der deutschen Sprache, S. 409-413; ders., Grundlegung einer Geschichte der deutschen Spra‐ che, Karte 50, S. 140; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 73f.; Peters, Variation und Tradition, S. 160 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 18]; ders., Katalog sprachlicher Merkmale III, S. 1f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 97f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 321; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 144 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 124f.]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks, S. 263; ASnA, Bd. I, Karte 134 ‚wie‘. 8 Lexemgebundene Varianz 263 Präpositionen ‚ab‘ Die verbreitetste mittelniederdeutsche Variante für die Präposition ‚ab, herunter, von – weg‘ lautet af. Daneben kann am Westrand des mittelniederdeutschen Schreibspra‐ chenareals die Variante of erscheinen, deren Auftreten durch den mittelniederländi‐ schen Einfluss in der Grenzregion zu erklären ist.808 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ tritt ohne Ausnahme die überregional gültige Variante aff mit einer charakteristischen Vokalkürzemarkierung auf. Diese für den gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum übliche Variante begegnet im Untersuchungstext allerdings kein einziges Mal in der Präposition ‚ab‘ als Simplex, sondern erscheint entweder als Partikel bei den Partikelverben (33) und ihren Ableitungen (7) oder als Präfix bei präfigierten Substantiven (2) und ihren Ableitungen (1) oder als Teil der Pronominaladverbien (4): – Belege für ‚ab-‘, ‚herab-‘ als Teil von Partikelverben und ihren Ableitungen: affgemalet (1), afftheen (2), affthosundern (1), affwyken (1), affgedrungen (1), affellige (1), affmalet (1), afflenunghe (1), afflenunge (1), aff wesen (Inf.) (1), affwesen (substantiv. Inf.) (2), nimpt aff (1), aff gebeten (1), sleit … aff (1), aff laten (1), affgeyaget (1), affgehouwen (1), affgesneden (1), roͤmet aff (1), affrichten (1), affbidden (1), affgemercket (1), affgewaschen (1), affkamest (1), affwesent (substantiv. Inf.) (1), affwesen (Inf.) (1), spleth … aff (1), leth … heraff (1), aff spreken (1), affwesende (substantiv. Inf., flekt.) (2), affsleyt (1), aff‐ thostaen (1), affwenden (1), affgesecht (1), affgedrungen (1), nympt … aff (1), affthogna‐ gen (1), affgnagen (1); – Belege für ‚ab‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitungen: Affgoͤde (1), affgunst (2), affgunstich (1); – Belege für ‚ab‘ als Teil von Pronominaladverbien: dar aff / daraff (3), hyr aff (1). Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass im Untersuchungstext die allgemein gültige mittelniederdeutsche Variante af in der Realisierung aff vertreten ist. Es las‐ sen sich keine regionsfremden Formen finden. ‚auf‘ Für die Präposition ‚auf‘ treten in den mittelniederdeutschen Schreibsprachen vor al‐ lem Varianten up und uppe auf. Für das einsilbige up kommt die Nebenvariante op vor, für das zweisilbige uppe ebenfalls die o-Nebenvariante oppe. Die o-Varianten sind vornehmlich am Westrand des mittelniederdeutschen Sprachraums nahe der nie‐ derfränkischen Grenze, in südwestfälischen Texten sowie im nordniedersächsischen 8.7 8.7.1 8.7.2 808 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38.3 und Anm. 2; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. II, S. 231; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 327; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 150 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 129]. Teil II A Textinterne Analyse 264 Sprachgebiet um Hamburg anzutreffen. In der Frühzeit sind o-Realisationsformen durchaus auch im u-Gebiet belegt.809 Für ‚Reynke Vosz de olde‘ ist keine Variation zwischen den o- und u-Formen zu verzeichnen. Es kommen ausschließlich u-Belege vor. Die Schreibung wechselt un‐ bedeutend zwischen vp und vppe, wobei es sich bei vppe um eine Seltenheitsvariante handelt (Verhältnis 144 : 3).810 ‚außer, ausgenommen‘ Die Realisationsform behalven für die Präposition ‚außer, ausgenommen‘ sowie zum Teil in der Bedeutung ‚ohne‘ erscheint im gesamten mittelniederdeutschen Sprachge‐ biet. Die Nebenvariante behalver ist im östlichen Westfalen und westlichen Ostfalen anzutreffen. Ferner begegnet die Nebenform behalver im ostelbischen Sprachareal sowie im Baltikum.811 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt keine der beiden Varianten. ‚bis‘ Als mittelniederdeutsche Normalform für die Präposition ‚bis‘ kann man die Schreib‐ variante wente bezeichnen. Die Varianten mit a- oder i-Schreibung, wante oder winte, gelten im Westfälischen als die häufigsten Nebenformen. Außerdem sind hier einsil‐ bige Formen bet und bit belegt, die auf den westmitteldeutschen Einfluss zurückzu‐ führen sind. Ferner begegnen in westfälischen, vor allem nordwestfälischen Quellen die Nebenformen hent(e) und tot. Die erstere von beiden erscheint auch im ostfrie‐ sisch-oldenburgischen Sprachareal, die letztere ist mittelniederländisch beeinflusst. Auch die Variante hent / hente lässt sich durch die unmittelbare Nähe des Ostnieder‐ ländischen erklären. Im Ostfälischen des 14. Jahrhunderts ist die kontaminierte Reali‐ 8.7.3 8.7.4 809 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 42; ders., Die Bielefelder Urkundensprache, S. 81; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 184; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 65; Korlén, Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 32; Peters, Variation und Tradition, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studi‐ en, S. 18]; Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, S. 17-20; Peters, Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 158f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 307]; Fed‐ ders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 216; Peters, Sprachgeschichte, S. 628; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 328f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 150 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 129]; Taubken, Zur Lautgeo‐ graphie des Westfälischen, S. 8 und 9 Abb. 10; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 167ff.; König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 165 (Karte); Pilkmann-Pohl, Mit‐ telniederdeutsch in Minden, Nr. 10; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 155ff.; ASnA, Bd. I, Karte 143 ‚auf‘. 810 Ausgewählte Belege finden sich im Kap. 5.1.3 Wechsel von vormnd. u und o. S. d. 811 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Åsdahl Holmberg, Mittelniederdeutsch behal‐ ven, behalver; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 329; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 150 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130]. 8 Lexemgebundene Varianz 265 sationsform bente (< bet + wente) anzutreffen. Die spätmittelniederdeutsche Normal‐ form ist bet, die später durch den hochdeutschen Typ bis immer weiter verdrängt wurde.812 ‚Reynke Vosz de olde‘ bietet insgesamt nur acht Belege für die Präposition ‚bis‘. Beide Varianten entsprechen der spätmittelniederdeutschen Normalform: bet (2) und beth (6). Die graphische Variation ist weniger signifikant. ‚durch‘ Als Realisierungsformen für die Präposition ‚durch‘ konkurrieren in den mittelnieder‐ deutschen Schreibsprachen die Varianten dörch und dȫr. Im Westfälischen begegnet vornehmlich die Form dȫr. Unter hochdeutschem Einfluss wird die westfälische Vari‐ ante dȫr allerdings allmählich verdrängt, sodass die Variante mit ch-Graphie auch dort zur Hauptvariante wird.813 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnen ungefähr gleich häufig die allgemein mittel‐ niederdeutsche Form dorch (36) und die hochdeutsch beeinflusste Form durch (44) neben duͤrch (2), wobei die letztere ausschließlich in den Kapitelglossen und dazu ge‐ hörigen Marginalien anzutreffen ist. Die Realisierung dorch ist dagegen sowohl im Verstext, als auch in den Glossen zu finden. Es lassen sich keine alten westfälischen Varianten erkennen. ‚gegen‘ Von den beiden im Mittelniederdeutschen für die Präposition ‚gegen‘ nebeneinander vorkommenden Varianten jēgen und tēgen, die aus der Verbindung tô gēgen entstan‐ 8.7.5 8.7.6 812 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 80, 139, 284a; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. I, S. 347; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Frings und Schieb, bis; Schieb, BIS; Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 167-172; Ising, Zur Wortgeographie spätmittelalterlicher deutscher Schriftdialekte. II, Karte 29, S. 64f.; Peters, Variation und Tradition, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 18]; Eickmans, Gerhard van der Schueren: Teuthonista, S. 241-244; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 329f.; Peters, Von der Verhoch‐ deutschung des Niederdeutschen, S. 150 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130]; Hampel, Studien zur mittelniederdeutschen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274; ASnA, Bd. I, Karte 144 ‚bis (Präposition + Konjunktion)‘. 813 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 156; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 300; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 62; Ahlsson, Die Urkunden‐ sprache Hamelns, S. 75; Peters, Variation und Tradition, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 19]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 217; Fedders, As‐ pekte einer variablenlinguistischen Untersuchung zur ravensbergisch-lippischen Schreibsprachland‐ schaft, S. 60; ders., Die Schreibsprache Lemgos, S. 330f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 151 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130]; Pilkmann-Pohl, Mittel‐ niederdeutsch in Minden, Nr. 10; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 157; ASnA, Bd. I, Karte 145 ‚durch (Präposition + Präverb)‘. Vgl. auch Kap. 5.1.5 Senkung von i, u, ü vor r + Konso‐ nant. Teil II A Textinterne Analyse 266 den sind, kommt die letztere Hauptvariante überwiegend im Westen des niederdeut‐ schen Sprachraumes vor. In der Schreibsprache Münsters konnte sie sich gar durch‐ setzen.814 Die Variante tēgen ist allerdings auch in nordniederdeutschen und ostfäli‐ schen Texten belegt, sodass eine eindeutige diatopische Abgrenzung und Zuordnung der einzelnen Realisationsformen eher schwierig sind. Anzumerken ist eine Beson‐ derheit der ostfälischen Variante, die sich durch ein inlautendes i kennzeichnet und tīgen lautet. Das Westfälische und zum Teil Elbostfälische kennen außerdem die mit‐ teldeutsch induzierte Variante kēgen. Im Spätmittelniederdeutschen begegnet zudem die hochdeutsch beeinflusste Variante gēgen.815 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ besteht eine ausschließlich graphische Variation zwi‐ schen den Formen jegen und yegen, die für das Simplex jēgen stehen. Es finden sich keine westlich gestützten Schreibformen, die auf tēgen oder ostfäl. tīgen deuten könnten, genauso wie Belege für mitteldeutsch induzierte Variante kēgen oder früh‐ mittelniederdeutsche wie später hochdeutsch beeinflusste Variante gēgen gänzlich fehlen. – Belege für jēgen mit : jegen (7); – Belege für jēgen mit : yegen (11), yeghen (2). In Komposita mit der ‚gegen‘-Komponente wie ‚Gegenwart‘, ‚gegenwärtig‘, ‚Gegen‐ teil‘, ‚Gegenrede‘ und den Ableitungen von ‚gegen‘ wie in ‚begegnen‘ erscheinen im ‚Reynke Vosz de olde‘ ebenfalls ausschließlich Schreibformen, die auf die Hauptvari‐ ante jēgen hinweisen: – Belege mit : jegenrede (1), jegenwerdich (1), jegenwerdicheit (1); – Belege mit : beyegenth (1), beyegent (2), yegenwerdicheit (1), yegenwerdige (1), ye‐ genwerdich (2), yegenwardich (1), yegendeͤl (1), daryegen (2). Man kann abschließend festhalten, dass es im ‚Reynke Vosz de olde‘ keine diatopische oder diachronische Differenzierung der Verwendung von ‚gegen‘ als Simplex und als Grundmorphem in Komposita oder Ableitungen gibt. In beiden Fällen wird die über‐ regional verbreitete mittelniederdeutsche Hauptform jēgen benutzt. Die Variation zwi‐ schen den Realisierungen jegen und yegen für jēgen ist rein graphischer Natur, wobei die Variante yegen sowohl als Simplex als auch als Teil der Kompositionsbildungen und Ableitungen im Untersuchungsmaterial überwiegt. Es lassen sich keine signifikanten 814 Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 151 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130f.]. 815 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 188, 229, 335, 348; Sarauw, Niederdeutsche For‐ schungen. II, S. 231; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 58; ders., Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta, S. 15f.; Peters, Variation und Tradition, S. 161f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 19]; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundenspra‐ che Attendorns, S. 134; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 331f.; Peters, Von der Verhoch‐ deutschung des Niederdeutschen, S. 151 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 130f.]; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 170f.; Pilkmann-Pohl, Mittel‐ niederdeutsch in Minden, Nr. 10; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 158f.; ASnA, Bd. I, Karte 146 ‚gegen‘. 8 Lexemgebundene Varianz 267 Unterschiede in der Verteilung der beiden verwendeten Varianten zwischen dem Verstext und den Kapitelglossen und Randglossenbeiträgen ausmachen. ‚hinter‘ Neben der mittelniederdeutschen Normalform achter begegnet im gesamten nord‐ deutschen Gebiet die umgelautete Form echter. Im Elbostfälischen erscheint außer‐ dem die hochdeutsch induzierte Form hinder und das Sauerländische kennt ferner die Form hinger.816 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnet für die Präposition ‚hinter‘ ausschließlich die hochdeutsch beeinflusste Variante. Die wenigen Belege finden sich im Text der Kapi‐ telglossen und in gereimten Zitaten in den Kapitelglossen: – Belege für ‚hinter‘: hinder (2), hynder (1). Als Präfix bzw. Partikel sind im ‚Reynke Vosz de olde‘ sowohl achter- als auch hin‐ der- belegt. Allerdings scheint hinder- lexemgebunden zu sein, es begegnet nur im Substantiv ‚Hinterlistigkeit, Hinterhältigkeit‘, den entsprechenden Ableitungen und dem Adverb ‚heimtückisch, hinter dem Rücken‘. Die mittelniederdeutsche Normal‐ form achter- ist ziemlich zahlreich in anderen Kombinationen belegt. – Belege für achter- ‚hinter‘ als Teil von Partikelverben und ihren Ableitungen: Achterre‐ dent (1), achterredende (1), achter blyuen (1), achter stan (1), achter bleue (1); – Belege für achter- ‚hinter‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitungen: achterholt (1), achterhode (1); – Belege für hinder- ‚hinter‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitungen: hynderlistich (2), hynderlist (3), Hinderlist (3), hinderlyst (1), hinderlistich (1), hinderlisti‐ gen (3), hynderlyst (1), hynderlystiger (1), hynder ruͤgge (1). ‚mit‘ In den meisten mittelniederdeutschen Schreibsprachen erscheint die Präposition ‚mit‘ in der Form mit. Daneben kann vor allem im Westfälischen die Variante met auftre‐ ten. Als überregionale Mehrheitsvariante für das aus der Präposition gebildete Ad‐ verb gilt die Variante mēde mit Tondehnung in offener Silbe. Im Ostfälischen kann 8.7.7 8.7.8 816 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38.3; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 63; Bischoff, Elbostfälische Studien, S. 112; Peters, Variation und Tradition, S. 162 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 19f.]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 332f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 151 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 131]; ASnA, Bd. I, Karte 147 ‚hinter‘. Zur modernen Verteilung vgl. König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 152 (Karte). Teil II A Textinterne Analyse 268 für das Adverb aber auch bisweilen die gekürzte Form midde in Erscheinung tre‐ ten.817 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt eine Variation zwischen kurzvokalischen und ton‐ langen Schreibvarianten sowohl für die Präposition ‚mit‘, als auch für das entspre‐ chende Pronominaladverb. In beiden Fällen sind kurzvokalische Realisierungen mit auslautendem t als frequentere anzusehen. Als Teil von Partikelverben und entspre‐ chenden Ableitungen erscheint jedoch die Tonlänge etwas häufiger. Insgesamt wer‐ den durchgehend überregionale Schreibungen verwendet, westfälische oder ostfäli‐ sche Nebenformen kommen im Text nicht vor. – kurzvokalische Belege für ‚mit‘: mit (280), mith (119), Myt (4), myth (2); – tl. Belege für ‚mit‘: mede (5); – kurzvokalische Belege für ‚mit‘ als Teil von Partikelverben und ihren Ableitungen: mitdei‐ len (3), mitweten (1); – tl. Belege für ‚mit‘ als Teil von Partikelverben und ihren Ableitungen: medelydent (1), me‐ de nemen (1), mede brochte (1), hoͤret mede (1), dachte mede (1), mede tho ethen (1); – kurzvokalische Belege für ‚mit‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitun‐ gen: mitswetzer (1); – tl. Belege für ‚mit‘ als Teil von präfigierten Substantiven und ihren Ableitungen: mede schuͤldich (1); – kurzvokalische Belege für ‚mit‘ als Teil von Pronominaladverbien: Hyrmit (3), Darmit (37), darmith (2), Wormith (3), wormit (1), woͤrmith (2); – tl. Belege für ‚mit‘ als Teil von Pronominaladverbien: dar … mede (10), hyr mede (1). ‚neben‘ In mittelniederdeutschen Schreibsprachen begegnen für die Präposition ‚neben‘ ver‐ schiedene Realisierungen. Zu diesen gehören sowohl präfigierte Formen mit Tondeh‐ nung wie benēven / bonēven und benēvens(t) / bonēvens(t) als auch präfixlose Varian‐ ten wie nēven und nēvens(t) und schließlich gekürzte Formen wie beneffen und nef‐ fen.818 8.7.9 817 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 39; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 107; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 324f.; Peters, Variation und Tradition, S. 162 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 20]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 333; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 152 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 131]; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arz‐ neibuch‘, S. 159f.; ASnA, Bd. I, Karte 148 ‚mit (Präposition)‘. 818 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 69, 223; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 324f.; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231f.; Peters, Variation und Tradition, S. 163 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 21]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 333; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 152 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 131]. 8 Lexemgebundene Varianz 269 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ lassen sich keine Belege für die Präposition ‚neben‘ finden, jedoch ist ein Einzelbeleg für das Pronominaladverb ‚daneben‘ vorhanden: Darneuen (1). Bei diesem Einzelbeleg handelt es sich um einen Beleg mit tonlanger Schreibung. Aufgrund von mangelnder Variation und weiteren Belegen lassen sich keine weiteren Aussagen treffen. ‚ohne‘ Zur Realisierung der Präposition ‚ohne‘ erscheinen im Mittelniederdeutschen neben‐ einander die Form sünder / sunder und die Variante âne. Im westfälischen Sprachare‐ al überwiegt die Wiedergabe der Präposition durch sunder, daneben begegnet die as‐ similierte Form sünner. Ebenfalls als westlich wird die Nebenform sonder beschrie‐ ben. Das Ostfälische bevorzugt die Variante âne. Im Nordniedersächsischen erschei‐ nen beide Realisierungen, wobei die Form sünder als frequenter anzusehen ist. In der spätmittelniederdeutschen Phase setzt sich die Form âne allmählich durch und ver‐ drängt sünder / sunder im gesamten Gebiet. Die Schreibvariante sonder ist eher in frühmittelniederdeutscher Zeit anzutreffen.819 ‚Reynke Vosz de olde‘ weist zwar beide Formen auf, die spätmittelniederdeut‐ sche Variante âne hat sich aber weitestgehend durchgesetzt. Für den Typ sün‐ der / sunder findet sich nur ein Einzelbeleg in einer Randglosse (43v), die Variante âne ist mit 44 Belegen jedoch zahlreich vertreten. ‚um‘ Im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum wird für die Präposition ‚um‘ die Form ümme gebraucht. V. a. im Spätmittelniederdeutschen kommt es durch den Aus‐ fall des -e im Auslaut zur kürzeren Form üm.820 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist die spätmittelniederdeutsche Variante üm mit e- Apokope einmal als Teil der Partikel ‚herum-‘ belegt: tuͤmelde herum 35r (1). Dage‐ gen finden sind zahlreiche Belege für die Form ümme. Diese erscheinen sowohl un‐ mittelbar als Präposition oder als Teil der Zirkumposition ‚um … willen‘ als auch als 8.7.10 8.7.11 819 Weddigen, Beytrag zu einem Westphaͤlischen Idiotikon, S. 42; Lasch, Mittelniederdeutsche Gram‐ matik, §§ 10 Anm. 2, 45, 58, 275; Åsdahl Holmberg, Einschränkende Konjunktionen im Niederdeutschen, S. 36-38; Peters, Variation und Tradition, S. 163 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 21]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 159 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 307]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 217; Fedders, Zur ravensbergisch-lippischen Schreibsprachenlandschaft, S. 61f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 333-335; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 153 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 132]; Pilkmann-Pohl, Mittelniederdeutsch in Minden, Nr. 10; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 173; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 160f.; ASnA, Bd. I, Karte 149 ‚ohne‘. 820 Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 153 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 132]. Vgl. auch Kap. 5.1.9 Schreibung von ü. Teil II A Textinterne Analyse 270 Teil von Pronominaladverbien oder auch als Präfix oder Partikel bei Verben und als Präfix bei deverbativen Substantiven. Festzuhalten ist außerdem, dass die Umlaut‐ kennzeichnung im Großteil der Fälle unterbleibt. Zudem treten einige Formen mit Nasalstrich auf. Die Verteilung der Belege für ‚um‘ in diversen Positionen sieht fol‐ gendermaßen aus: – Belege für ‚um‘, ‚um-‘ ohne Umlautkennzeichnung: vmmeslage (1), vmme (70)821, vmmer (2), vmmegeit (1), vmmekamen (1), vmmestendicheyt (2), vmmestendicheit (1), vmmefel‐ lich (1), vmme geit (1), vmme gaet (1), vmmefangende (1), Vmmefange (1), vmmegheit (1), vmmeflegenden (1), vmmeher (1), vmmegekert (1), vmmegebracht (1), vmmehange (1); – Belege für ‚um‘, ‚um-‘ mit Nasalstrich: vm̃e (5)822, vm̃estenden (1), vm̃er (1), vmm̃e (3)823, vmm̃e gan (1), vmm̃e gestelt (1); – Belege für ‚darum‘ ohne Umlautkennzeichnung: Darumme (54)824; – Belege für ‚darum‘ mit Umlautkennzeichnung: daruͤmme (4); – Belege für ‚hierum‘ ohne Umlautkennzeichnung: Hyrumme (6);825 – Belege für ‚wiederum‘ ohne Umlautkennzeichnung: Wedderumme (7); – Belege für ‚wiederum‘ mit Umlautkennzeichnung: Wedderuͤmme (2); – Belege für Pronominaladverbien mit Nasalstrich: darūme (8), herūme (1). ‚unter‘ Die mittelniederdeutsche Normalform für die Präposition ‚unter‘ lautet under. Als Reflex gesprochener Sprache ist außerdem vielerorts die assimilierte Form unner in der geschriebenen Sprache belegt.826 Im Untersuchungstext ist für die Präposition ‚unter‘ wie für das Präfix ‚unter-‘ ausnahmslos die schriftsprachliche nicht assimilierte Form vnder anzutreffen.827 ‚von‘ Die mittelniederdeutsche Normalform für die Präposition ‚von‘ lautet van. Wohl durch den Einfluss des Hochdeutschen kommt es im Ostfälischen und im Branden‐ burgischen gelegentlich auch zur Schreibung von. Agathe Lasch geht allerdings da‐ von aus, dass es sich beim ostfälischen von um eine heimische Besonderheit handelt, 8.7.12 8.7.13 821 Inklusive Belege für die Zirkumposition ‚um … willen‘. 822 Kommt ausschließlich im ersten Buch vor. 823 Kommt ausschließlich im ersten Buch vor. 824 In der Distanzstellung als dar … vmme. 825 In der Distanzstellung als hyr … vmme. 826 Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 153 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 132]. 827 Für Belege s. Kap. 5.1.4 Senkung u > o vor gedecktem Nasal. 8 Lexemgebundene Varianz 271 denn beide Formen von und van kommen bereits in den älteren Texten nebeneinander vor. Erst in der Blütezeit übernimmt hier die sonst im gesamten mittelniederdeut‐ schen Sprachgebiet frequenteste Variante van die Führung.828 Beim brandenburgi‐ schen von sind sich die Forscher jedoch ziemlich einig, dass diese Form hochdeutsch induziert sein muss.829 Der Text des ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt keine Variation in Bezug auf diese Va‐ riable. Es kommt ausschließlich die mittelniederdeutsche Normalform sowohl zum Ausdruck der Präposition als auch des Präfixes oder auch als Teil der Pronominalad‐ verbien ‚davon‘, ‚wovon‘ und ‚hiervon‘ vor: van bzw. van-/-uan (349) und vā (7). ‚vor‘ Für die Präposition ‚vor‘, die auch als Präfix Verwendung findet, begegnet im Mittel‐ niederdeutschen neben der Mehrheitsvariante vö̂r auch die Variante vü̂r. Die letztere erscheint nach Feststellung Agathe Laschs besonders häufig bei den Lexemen vurbe‐ nomd und vurgenant.830 ‚Reynke Vosz de olde‘ kennt ausschließlich die mittelniederdeutsche Mehrheits‐ variante vö̂r mit und ohne Markierung des Umlauts: anlautend vor bzw. inlautend uor- (315) und voͤr (21). ‚zwischen‘ Zur Bezeichnung der Präposition ‚zwischen‘ schreibt das Westfälische fast aus‐ schließlich tüschen, während im Ostfälischen und Nordniedersächsischen die Varian‐ te twischen vorherrscht. D. h. so wie in Ostfalen und weiter im Norden tüschen zu‐ nächst eine seltene Ausnahme darstellt, ist twischen das für das Westfälische. In Bre‐ men, Lüneburg und Hamburg bildet die Variante tüschen nämlich eine seltene Aus‐ nahme. Erst im 16. Jahrhundert scheint die südlich beeinflusste w-lose Form tüschen im Oldenburgischen angekommen zu sein und sich dort einigermaßen verbreitet zu haben. Für Lübeck ist ein Nebeneinander von tüschen und twischen anzusetzen, der 8.7.14 8.7.15 828 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38; Peters, Variation und Tradition, S. 163 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 21f.]. 829 Tümpel, Die Bielefelder Urkundensprache, S. 81; ders., Niederdeutsche Studien, S. 11-14; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 38; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 62; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 65; Bischoff, Elbostfälische Studien, S. 109-112, Karte 17, S. 111; Ahlsson, Die Urkundensprache Hamelns, S. 75f.; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundensprache Attendorns, S. 134; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 336; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 154 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 133]; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 161. 830 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 156, 185, 221.V, 321, 394; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I., S. 322; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 231; Fedders, Die Schreibspra‐ che Lemgos, S. 336f. Teil II A Textinterne Analyse 272 wohl auf den Einfluss der sogenannten westfälischen Strömung zurückzuführen ist. Auch in den mecklenburgisch-pommerschen Quellen findet sich ein buntes Nebenei‐ nander von tw- und tü-Formen, wobei die w-losen Varianten hier fast durchgehend überwiegen. Dies könnte darin begründet sein, dass die Form tüschen eine Art Re‐ likterscheinung westfälischer Siedlersprache in Mecklenburg und Pommern darstellt oder einen niederländischen Einfluss erfahren hat. Eine hundertprozentige Erklärung für das starke Vorkommen der w-losen Formen lässt sich in diesem Fall nicht ermit‐ teln. Es kann festgestellt werden, dass auch ansonsten das Nordniederdeutsche beide Varianten nebeneinander benutzt. Karl Bischoff weist bereits 1961 in seinem Aufsatz zur Präposition ‚zwischen‘ auf eine ziemlich deutliche diatopische Verteilung der beiden Hauptausprägungen hin und zieht die Grenze zwischen der westlichen Form twischen und östlichen w-losen Form tüschen die Weser entlang. In der ostwestfäli‐ schen Übergangszone ist jedoch die Variante twuschen registriert, die die Merkmale beider Hauptvarianten in sich trägt und eine labialisierte Mischform darstellt.831 Einen weiteren Übergang von twüschen zu twöschen im westlichen Sprachraum er‐ wähnt Agathe Lasch für jüngere Quellen, bezeichnet ihn aber als selten. Im Ripuari‐ schen soll ferner auch die Variante tösche vorkommen.832 Für das Spätmittelnieder‐ deutsche ist ein Ausgleichsprozess zugunsten der aus dem Westfälischen ausgehen‐ den Form tüschen anzusetzen. Die mecklenburgischen Texte kennen jedoch aus‐ schließlich twischen in der spätmittelniederdeutschen Zeit. Die Forschung geht davon aus, dass es sich hierbei um ein Kennzeichen der Schriftlichkeit handelt, während in der gesprochenen Sprache weiterhin beide Varianten twischen und tüschen Verwen‐ dung fanden.833 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ausschließlich die mecklenburgische schriftsprach‐ liche Ausgleichsform twischen anzutreffen: twysschen (4), twisschen (8), Twisschenn (1). Als Synonym erscheint die Form manck (17). 831 Bischoff, Zu niederdeutsch twisken, twischen: tüsken, tüschen. 832 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 174. 833 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 172, 174; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 232; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 65; Korlén, Norddeut‐ sche Stadtrechte. II, S. 57; Bischoff, Zu niederdeutsch twisken, twischen: tüsken, tüschen; Scharn‐ horst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 135; Ahlsson, Die Ur‐ kundensprache Hamelns, S. 76; Peters, Variation und Tradition, S. 163f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 22f.]; Goebel / Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkunden‐ sprache Attendorns, S. 134; Peters, Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 156f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 305f.]; Fedders, Zur ravensbergisch-lippischen Schreib‐ sprachlandschaft, S. 61; ders., Die Schreibsprache Lemgos, S. 337f.; Peters, Von der Verhochdeut‐ schung des Niederdeutschen, S. 154 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 133]; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 171; Hampel, Studien zur mittelniederdeut‐ schen Kanzleisprache in Rostock im 14. und 15. Jahrhundert, S. 179; dies., Zur Charakterisierung des Rostocker Kanzleischreibusus im 14. und 15. Jahrhundert, S. 274; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 162f.; ASnA, Bd. I, Karte 151 ‚zwischen‘. Vgl. auch Kap. 5.1.8 e > ö und i > ü im Inlaut. 8 Lexemgebundene Varianz 273 Konjunktionen Die kopulative Konjunktion ‚und‘ Die eingliedrige kopulative Konjunktion ‚und‘ kommt im Mittelniederdeutschen am häufigsten in der Form unde vor. Vor der Durchsetzung der mittelniederdeutschen Normalform begegnet im westfälischen Schreibsprachenraum ebenfalls die Variante ande, die allerdings in der Mitte des 14. Jahrhunderts durch die Hauptform verdrängt wird. In der niederdeutsch-niederländischen Grenzregion erfolgte dagegen eine Um‐ lautung von ande zu ende. Im Ripuarischen entwickelte sich aus dem am Westrand des mittelniederdeutschen Sprachareals vorkommenden ende die Form inde, die sich durch stattgefundene Vokalhebung e > i kennzeichnet. Ab dem 15. Jahrhundert er‐ scheint die ripuarische inde-Variante außerdem im benachbarten Südwestfälischen. Durch e-Apokopierung entwickelt sich in spätmittelniederdeutscher Phase die übli‐ chere Form der Konjunktion ‚und‘ von unde zu und.834 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnen drei Schreibvarianten der Konjunktion ‚und‘: die „klassische“ mittelniederdeutsche Normalform in der Schreibung vnde (17) mit der Schreibvariante vnnde (2), die apokopierte spätmittelniederdeutsche Mehrheitsvariante vnd (1630) mit der Schreibvariante vnnd (157) und die durch die Tilde abgekürzte Form vñ (193). Es finden sich keinerlei Spuren des westlichen Ein‐ flusses. Die adversative Konjunktion ‚aber, sondern‘ Für die adversative Konjunktion ‚aber‘ begegnen im nordniederdeutsch-westfäli‐ schen Sprachareal vor allem die synonymischen Varianten mêr und men. Neben den genannten Varianten erscheinen im Westfälischen ferner die Formen den und dan. Als Normalform für den ostfälischen Sprachraum gilt hingegen die Variante sunder. Wenn man die sprachgeographische Verteilung der beiden ersten Synonyme unter die Lupe nimmt, stellt sich heraus, dass die Form men überwiegend im Raum Münster- Oldenburg heimisch ist und die Variante mêr vor allem in den Raum Bremen-Ham‐ burg sowie in Südwestfalen einzuordnen ist. In der Frühzeit ist die Vorstufe von men, 8.8 8.8.1 8.8.2 834 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 35; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 60, 139, 212, 216.IV; Rooth, Eine westfälische Psalmenübersetzung, S. IX-XIII; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 232; Angermann, Untersuchungen über das Urkundenwesen der Grafen von Ravensberg, S. 116; Bischoff, Über Grundlagen der mittelniederdeutschen Schriftsprache, S. 29; Ahlsson, Die Urkundensprache Ha‐ melns, S. 76; Peters, Variation und Tradition, S. 165 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 23]; Goebel/Fedders, Zur mittelniederdeutschen Urkundensprache Attendorns, S. 134, Abb. 9; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 338; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 155 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 133]; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 161f.; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthand‐ schrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 142; dies., Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 168f.; ASnA, Bd. I, Karte 152 ‚und‘. Vgl. auch Kap. 5.1.4 Senkung von u > o vor gedecktem Nasal. Teil II A Textinterne Analyse 274 mēven, belegt. Bis in das 15. Jahrhundert hinein treten die beiden konkurrierenden Formen men und mêr sowohl in der Bedeutung ‚aber‘ als auch in der Bedeutung ‚sondern‘ vor. Erst ab dem 16. Jahrhundert kann man von einer scharfen Trennung der beiden Bedeutungen ausgehen. Die spätmittelniederdeutsche Normalform für die Konjunktion ‚aber‘ lautet āverst / ȫverst. Für ‚sondern‘ schreibt man in der spätmit‐ telniederdeutschen Zeit hingegen üblicherweise sondern. Seltener kommen die Vari‐ anten sundern bzw. sündern vor.835 Von den oben beschriebenen Varianten erscheinen im Untersuchungstext die Va‐ rianten men, sunder und āvers(t) / ȫverst, wobei v. a. men und āverst miteinander konkurrieren. Die t-lose Nebenvariante āvers ist ebenfalls ziemlich gut belegt, sun‐ der836 und ȫverst stellen eher Randerscheinungen dar: – Belege für men: men (62); – Belege für sunder: sunder (4); – Belege für āvers: auers (26); – Belege für āverst: auerst (64); – Belege für ȫverst: ouerst (2). Die disjunktive Konjunktion ‚oder‘ Für die eingliedrige disjunktive Konjunktion ‚oder‘ existieren im Mittelniederdeut‐ schen zahlreiche synonyme Entsprechungen. Als die am häufigsten belegten Typen sind Varianten eder / edder, ofte und efte zu nennen. Da für bestimmte regionale Schreibsprachen ein gleichzeitiges Nebeneinandervorkommen von mehreren Varian‐ ten der Konjunktion ‚oder‘ zu verzeichnen ist, scheint eine strikte diatopische For‐ menunterscheidung kaum möglich zu sein.837 Im westfälischen Schreibsprachenraum sind die Variantenpaare eder + ofte in Nordwestfalen und eder + efte in Süd- und Ostwestfalen vertreten. Die gebräuchlichsten geschriebenen Varianten im ostfäli‐ schen Sprachareal sind ifte und ichte. Neben diesen typisch ostfälischen Kennformen begegnen hier die süd- und ostwestfälischen Synonyme eder / edder und efte. Als fre‐ 8.8.3 835 Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 232f.; Åsdahl Holmberg, Einschränkende Konjunk‐ tionen im Niederdeutschen, S. 19-30, insbes. S. 21ff., 38; Peters, Variation und Tradition, S. 168 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 28]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 158 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 306]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 338f.; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 156f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 135]; ders., Zur Stellung Hamburgs in der mittelniederdeutschen Schreibsprachenlandschaft, S. 71 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 157]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 279-281; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 163f.; ASnA, Bd. I, Karte 153 ‚aber‘, Karte 154 ‚sondern‘, Karte 155 ‚aber : sondern‘. 836 Es muss allerdings vermerkt werden, dass sunder in der Kombination ‚nicht nur / alleine … son‐ dern (auch)‘ u. ä. im Untersuchungstext zahlreich belegt ist; an dieser Stelle sind diese Belege nicht in die Zählung mit reingenommen worden, um das Ergebnis für ‚aber‘ nicht zu verfälschen. 837 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 223; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 165-168, hier insbes. S. 165. 8 Lexemgebundene Varianz 275 quenteste Form für das Ostfälische und das Ostelbische gilt die Variante eder.838 Im nordniederdeutschen Schreibsprachenraum sind vornehmlich die Formen eder / edder, efte und ofte anzutreffen. In Texten der frühmittelniederdeutschen Überlieferungs‐ phase ist ferner die Variante oder belegt. Diese taucht später wieder im gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum auf, wobei dieses Vorkommen auf den hochdeut‐ schen Einfluss zurückzuführen ist. Für das Elbostfälische gilt oder allgemein als Hauptform, was mit der Nähe des mitteldeutschen Sprachraums zu erklären ist. Die drei Formen der disjunktiven Konjunktion ‚oder‘ ave, ove und eve werden dagegen ausschließlich in frühen Texten gebraucht.839 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ treten insgesamt drei Schreibvarianten (davon zwei Hauptvarianten) auf: die für den ostelbischen Sprachraum als frequenteste zu be‐ zeichnende Form effte (58), ihre schriftsprachliche Entsprechung ohne explizite Vo‐ kalkürzekennzeichnung efte (2) und die auch sonst am häufigsten im nordniederdeut‐ schen Sprachareal anzutreffende Schreibvariante edder (82) mit Markierung der Vo‐ kalkürzung. Es lassen sich also weder frühmittelniederdeutsche Formen noch hoch‐ deutsch beeinflusste spätmittelniederdeutsche Schreibvarianten auffinden, genauso wenig wie regional anderweitig zu verortende schriftsprachliche Realisierungen oder sprechsprachliche Varianten. Die beiden im Text belegten Hauptformen edder und effte erscheinen als übliche Kombination für die untersuchte Region und den Unter‐ suchungszeitraum. Es ist ebenfalls als typisch anzusehen, dass beide Hauptformen im Textmaterial ohne signifikante Unterschiede in ihrer Semantik oder Gebrauch neben‐ einander verwendet werden. Die Minderheitsvariante efte, die dennoch als übliche Variante für den Untersuchungsraum anzusehen ist, erscheint auf zwei aufeinander‐ folgenden Seiten (34v und 35r) – einmal im Verstext und einmal im Randglossenbei‐ trag – und ist wohl als Druckfehler aufzufassen. Es scheint eher unwahrscheinlich zu sein, dass es sich in diesen beiden Fällen um eine bewusste Entscheidung gegen die doppelkonsonantische Mehrheitsvariante handelt. Es fällt ferner auf, dass die beiden Hauptvarianten edder und effte gleichzeitig auch die überregional verständlichen und arealübergreifend verbreiteten Formen darstellen, was mit den Ergebnissen anderer Variablen korreliert. 838 Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 339; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 165-168, hier insbes. S. 165f. 839 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 47f.; ders., Niederdeutsche Studien, S. 18-22; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 223; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 232; Jülicher, Zur Charakteristik des Elbostfälischen, S. 14; Dahlberg, Zur Urkundensprache in Göttingen und Duderstadt, S. 62; Bischoff, Elbostfälische Studien, S. 125f.; Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes; Peters, Variation und Tradition, S. 165-168, [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 24-28]; Fedders, Die Schreib‐ sprache Lemgos, S. 339-343; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 158 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 136]; ders., Die Diagliederung des Mittelniederdeut‐ schen, S. 1480ff.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 281-286; Tem‐ men, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 165-168; ASnA, Bd. I, Karte 156 ‚oder‘. Teil II A Textinterne Analyse 276 Die temporale Konjunktion ‚wenn, als‘840 Die im Mittelniederdeutschen verbreitetsten Formen für die Konjunktion ‚wenn, als‘ sind wan und wannêr. In den früheren Texten begegnet außerdem der Typ dô. Ferner begegnet die wan-Variante mit e-Schreibung. Diese gilt als spätmittelniederdeutsche Normalform. Daneben erscheint die Form alsô.841 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ konnte neben der älteren Form dô und der in der spät‐ mittelniederdeutschen Phase überregional verbreitetsten Variante wen / wan die Form alse ermittelt werden, wobei bei der letzteren Form die Komponente ‚Einmaligkeit‘ deutlich mehr hervorsticht als bei den erstgenannten Varianten. – Belege für dô: Do (22); – Belege für wen: wen (14); – Belege für wan: wan (1); – Belege für alse: Alse (12). Die temporale Konjunktion ‚ehe‚ bevor‘ Für die temporale Konjunktion ‚ehe, bevor‘ stehen die mittelniederdeutsche Form êr und die mecklenburgische Variante ihr gegenüber.842 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ ist ausschließlich die allgemein mittelniederdeutsche Normalform belegt, lediglich die Schreibung variiert zwischen der markierten und nicht markierten Vokallänge. – Belege für ‚bevor, ehe‘: er (2), ehr (7). Die kausale Konjunktion ‚denn‚ weil‘ Als Hauptform für die kausale Konjunktion ‚denn, weil‘ gilt im Mittelniederdeut‐ schen die Form wente. Im Frühmittelniederdeutschen ist eher die Form want(e) die Leitvariante. Im 15. Jahrhundert gilt diese hingegen als westfälisches Kennzeichen. Des Weiteren ist in westfälischen Quellen die Form winte belegt.843 8.8.4 8.8.5 8.8.6 840 Sobald eine konditionale Komponente vorliegt, werden die Belege im Kap. 8.8.7 Die konditionale Konjunktion ‚ob, falls, wenn‘ behandelt. 841 Peters, Variation und Tradition, S. 169 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 28]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 159 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 137]. 842 Wossidlo / Teuchert, Mecklenburgisches Wörterbuch, Bd. III, 944ff.; Peters, Variation und Tra‐ dition, S. 169 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 29]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 159 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 137]. 843 Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 36; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 12, 139; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 344; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 159f. [= Peters, 8 Lexemgebundene Varianz 277 Für die kausale Konjunktion ‚denn, weil‘ tritt im Untersuchungstext zum einen die mittelniederdeutsche Normalform wente auf, zum anderen zeigt ‚Reynke Vosz de olde‘ auch weitere Varianten, von denen dan(n) besonders häufig vorkommt. Als weitere Typen sind noch dô und denn zu nennen. – Belege für wente: Wenthe (4), Wente (104); – Belege für dan(n): dan (116), dann (19); – Belege für dô: do (29); – Belege für denn: denn (1). Die konditionale Konjunktion ‚ob, falls, wenn‘ Als ursprüngliche Bezeichnungen für die konditionale Konjunktion mit den Bedeu‐ tungen ‚ob‘, ‚falls‘, ‚wenn‘ werden die Typen of und ef beschrieben. Aufgrund der lautlichen Ähnlichkeit kommt es zu einer Annäherung dieser Formen an die mittel‐ niederdeutschen Realisierungen der Konjunktion ‚oder‘, nämlich ofte und efte. Diese Formenannäherung resultiert in den Kompromissbildungen oft und eft zur Bezeich‐ nung von modalem ‚ob, wenn, als ob‘. Als ostfälische und ostelbische Kennformen gelten ferner ift / icht zur Bezeichnung von ‚ob, wenn‘. So ist für das Mecklenburgi‐ sche zunächst ein Nebeneinander der Realisierungen oft, eft und ift zu verzeichnen, während in den Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts die Form eft zu dominieren scheint, wobei andere Varianten noch gelegentlich vorkommen. Unter hochdeut‐ schem Einfluss erscheinen in den spätmittelniederdeutschen Quellen Mecklenburgs des Weiteren auch die Variante als wen für modales ‚als wenn‘ und off ‚ob‘. Das mo‐ derne Mecklenburgische hat das of gegen wat und hd. ob ersetzt.844 ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt folgende Varianten für konditionales ‚ob, falls, wenn‘ und modales ,als wenn, als ob‘: effte, yfft, alse wenn, alse effte, wenn, wen und wan. Von den aufgefundenen Belegen dominiert eindeutig die Realisierung wen, ver‐ gleichsweise häufig kommen die Varianten effte und wenn vor. Der Anteil der ande‐ ren Varianten ist gering. Typisch mecklenburgische Formen sind im Text nicht wirk‐ lich belegt (außer einmal yfft 230v in der Kapitelglosse), an ihrer Stelle erscheinen überregional verbreitete Varianten sowie zum Teil hochdeutsch interferierte Formen. – Belege für wen: wen (59); – Belege für wenn: wenn (17); 8.8.7 Mittelniederdeutsche Studien, S. 137f.]; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks, S. 286f.; ASnA, Bd. I, Karte 157 ‚weil‘. 844 Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 104, 119ff.; Scharnhorst, Untersu‐ chungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, S. 161; Wossidlo/Teuchert, Mecklen‐ burgisches Wörterbuch, Bd. 2, S. 665, Bd. V, S. 158; Lauremberg, Scherzgedichte, S. 6, V. 32, 46; Peters, Variation und Tradition, S. 170 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 30]; ders., Von der Verhochdeutschung des Niederdeutschen, S. 160 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 138]; ASnA, Bd. I, Karte 158 ‚falls‘ und Karte 159 ‚falls (Auslaut: -f(t)(e)/-cht(e))‘. Teil II A Textinterne Analyse 278 – Belege für wan: wan (3); – Beleg für alse wenn ‚als wenn, als ob‘: alse wenn (1); – Belege für effte: effte (12); – Beleg für alse effte ‚als wenn, als ob‘: alse effte (1); – Beleg für yffte: yfft (1). Komparativisches ‚als‘ Für die komparativische Konjunktion ‚als‘ weisen das Westfälische und das frühe Nordniederdeutsche die Form dan / den auf. Im Ostfälischen begegnet hingegen die Variante wan / wen. Zu diesem Gegensatz kam es dadurch, weil die ostfälische Form wan in der Bedeutung ‚außer‘ auch die Bedeutung ‚als‘ erhielt und die westfälische Variante dan für ‚als‘ auch die Bedeutung ‚außer‘ bekommen hat. Die ostfälische Va‐ riante wan / wen soll sich dann allmählich weiter in Richtung Norden ausgebreitet ha‐ ben, sodass die Variante wen für ‚als‘ nach Komparativ und Negationen auch im ost‐ elbischen Gebiet am häufigsten vorkommt. Diese Verdrängung ist seit dem 14. Jahr‐ hundert zu verzeichnen. Auch in der Lübecker Schreibsprache wird die ursprünglich dominierende Form dan allmählich von wan abgelöst, bis die letztere Form zum fre‐ quentesten Typ wird. Im Mecklenburgischen ist die Variante den(n) für komparativi‐ sches ‚als‘ noch im 16. Jahrhundert zahlreich belegt. Daneben erscheint in diesem Sprachgebiet vor allem in der spätmittelniederdeutschen Zeit auch die Form alse bzw. gekürzt als, die die älteren mittelniederdeutschen Varianten wan / wen und dan / den schließlich verdrängt und immer mehr mit der vergleichenden Konjunktion ‚wie‘ in ihrem Gebrauch zusammenfällt.845 Für den Untersuchungstext ist eine starke Varianz zwischen den einzelnen Reali‐ sierungen des komparativischen ‚als‘ zu verzeichnen, wobei dan bemerkenswerter‐ weise noch stark vertreten ist und die Form alse dominiert: – Belege für alse: alse (30); – Belege für als: als (2); – Belege für dan: dan (14); – Belege für den: den (1); 8.8.8 845 Härd, Mittelniederdeutsch ‚oder‘, ‚oft‘ und Verwandtes, S. 176-178; Åsdahl Holmberg, Ein‐ schränkende Konjunktionen im Niederdeutschen, S. 30-36; Peters, Variation und Tradition, S. 169f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 29f.]; ders., Zur Entstehung der lübischen Schreibsprache, S. 158 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 306]; Fedders / Peters, Zur Sprache des Herforder Rechtsbuches, S. 217; Peters, Von der Verhochdeutschung des Niederdeut‐ schen, S. 161 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 139]; Fedders, Aspekte einer variablen‐ linguistischen Untersuchung zur ravensbergisch-lippischen Schreibsprachenlandschaft, S. 60; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert, S. 165; Pilkmann-Pohl, Mittel‐ niederdeutsch in Minden, Nr. 10; Peters, Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1480f.; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 344; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 164f.; ASnA, Bd. I, Karte 161 ‚als (beim Komparativ)‘. 8 Lexemgebundene Varianz 279 – Belege für denn: denn (4); – Belege für wan: wan (3); – Belege für wen: wen (4); – Belege für wenn: wenn (2). Teil II A Textinterne Analyse 280

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Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.