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7 Morphemgebundene Varianz in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 213 - 220

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-213

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Morphemgebundene Varianz Präfixe Das Präfix ‚ge-‘ Für das Hochdeutsche sind Substantive, die das Präfix ‚ge-‘ aufweisen, eine typische Erscheinung. Im Mittelniederdeutschen kommen im gesamten Schreibsprachenraum sowohl präfigierte, als auch präfixlose Varianten vor.687 So zeigt auch ‚Reynke Vosz de olde‘ Verwendung von präfigierten und präfixlo‐ sen Varianten, wobei die Formen mit ge- im Text eindeutig dominieren. Variation ist v. a. bei den Lexemen ‚Gebot‘, ‚Gedanke‘, ‚Geschmack‘, ‚Gerücht‘, ‚Geschlecht‘ und ‚Gesang‘ zu verzeichnen. Insgesamt kann festgestellt werden, dass der Gebrauch der jeweiligen Variante lexem- und teilweise positionsabhängig ist, eine weitere Ab‐ hängigkeit kann jedoch nicht erkannt werden. – Belege mit ge-: geswindicheit (1), gebruck (15), gelicknisse (1), gescheffte (5), gedynge (1), gewalt (16), gestalt (3), gestalth (2), gesellen (11), gewerue (1), gebruke (5), geweruen (1), gerichte (4), Gemeine (2), Gesetten (3), gewaldt (2), gebort (7), gedancken (1), gelen‐ de (1), vngeluͤcke (9), gesange (1), geschencke (5), Geschencken (2), Hoffgesindes (1), geslechte (12), geleyde (7), geloue (13), vngefal (1), vordegedingen (1), geslecht (7), ge‐ loͤffte (3), genoͤchtes (1), gelouen (11), gewalth (2), gesetten (1), geprenge (1), geprenges (1), gebruk (1), geluͤcke (16), vngemack (2), vngeual (1), gedinge (1), gerichte ‚Speisen‘ (1), gedrencke (1), gemoͤthe (4), gelouelosen (substantiv. Adj.) (1), geselschop (12), ge‐ moͤte (5), geroͤchte (1), gehoͤr (2), geruchte (1), gebeth (1), gelucke (3), gesette (3), gedult (4), vngelucke (1), gemahels (1), gemahel (1), genoten (1), gemoͤd (1), geschrey (1), vnge‐ luckes (1), gemote (1), gefencknisse (1), geschryuinge (1), gewinne (1), Hoffgesinde (1), gestaldt (5), geberden (1), geschrye (1), gewissen (1), geswetzen (1), gelimpe (1), gerochte (1), vngeuoech (1), geruͤchte (2), gesichte (1), gebodt (1), vngeluͤck (1), gemake (2), ge‐ moͤtes (1), vngeselle (1), Vngeual (1), gelouens (1), Geduldt (1), gewaldes (1), gewyn (1), vordegedyngen (1), geloͤfften (1), geschicklicheyt (4), geweldygen (substantiv. Adj.) (1), gemack (1), gesmides (1), gebruͤke (1), gesteyne (1), gesyndes (1), gesmyde (1), vngestalt (1), vngestalte (2), gelaet (1), gefencknissen (1), geloͤffte (1), vngemake (3), vngeuogh (1), gelouē (1), gelouenn (1), gefalle (4), gebaden (1), gebade (1), gedancken (1), gelate (1), 7 7.1 7.1.1 687 Colliander, Mittelniederdeutsches Elementarbuch, § 151 Anm. 6; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 221.VI; Peters, Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 83f. [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 61]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 249f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 196f.; ASnA, Bd. I, Karte 67 ‚Präfix ge-: Ge‐ burt‘. 213 gesmuͤcke (1), gewandt (1), vngerechtichyt (1), Geboth (1), geneeth (1), gelaeth (1), gesyn‐ de (1), gebrack (1), gemeͤnschop (1), gemeinschop (1), gebreke (4), vngefall (1); – Belege mit ghe-: rotghesellen (1), ghebruke (1), gherede (1), gheborten (1), vngheschicht (1), gherychte (1); – Belege ohne ge-: sanck (2), louen (1), slechte (3), bodt (1), rechticheit688 (1), slecht (1), ruͤchte (2), smake (2), slechten (1), dancken (1), rochte (1), dancken (2). Das Präfix er- Primär im Westfälischen, aber ferner auch im gesamten mittelniederdeutschen Schreibsprachenraum erscheint für das üblichere Präfix er- die Variante ir-.689 ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ kennt ohne Ausnahme ausschließlich die übliche gesamtmittelnie‐ derdeutsche Variante er-. Suffixe Das Suffix -inge, -onge, -unge Zwischen -inge und -unge ist ein enger sprachhistorischer Zusammenhang festzustel‐ len, wobei Lasch und Sarauw das Verhältnis der beiden Varianten unterschiedlich deuten. Während Lasch das Suffix -unge als die abgelautete Variante von -inge be‐ schreibt, deutet Sarauw das Suffix -unge bzw. -unga als die ursprünglichere Form.690 Neben -inge und -unge treten des Weiteren auch gekürzte Varianten -inc, -unc sowie die abgeschwächte Nebenvariante -enge. Hucko stellt fest, dass in der altsächsischen Zeit die Variante -unge als Hauptform fungiert, während die Form -inge nur gele‐ gentlich vorkommt.691 Später ändert sich das Verhältnis der beiden Hauptformen, so‐ dass im gesamten mittelniederdeutschen Schreibsprachenraum üblicherweise das No‐ minalsuffix zur Bildung von Verbalabstrakta -inge begegnet. Das ursprünglichere Nominalsuffix -unge wird im niederdeutschen Sprachareal also durch -inge weitest‐ gehend verdrängt. Das benachbarte und eng mit dem Niederdeutschen verwandte Hochdeutsche zeigt dagegen das Suffix -unge als Normalform, die sich auch auf die benachbarten Gebiete auswirkt. Neben der üblichen -inge-Suffigierung erscheint im Südwestfalen ebenfalls das ältere Suffix -unge, sodass es zur Varianz kommt. Im westlichen Raum des mittelniederdeutschen Schreibsprachengebietes, vor allem im Ripuarischen und in Gebieten mit ripuarischem Einfluss, begegnet die Variante -onge, 7.1.2 7.2 7.2.1 688 Im Text fehlt das Leerzeichen zwischen rechticheit und don: rechticheitdon Bl. 24r. 689 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 221.IV; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 250f. 690 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 50, 54.4; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 48, 262; Möhn / Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 38. 691 Hucko, Bildung der Substantiva durch Ableitung und Zusammensetzung im Altsächsischen, S. 97; Möhn / Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 38. Teil II A Textinterne Analyse 214 die phonologisch durch die Senkung u > o vor gedecktem Nasallaut entstanden ist. Als typisch ostfälisch ist die Variante -ige anzusehen, die sich durch den frühen Aus‐ fall des Nasals ŋ kennzeichnet.692 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ zeigt sich eine ausgeprägte Variation zwischen den beiden Hauptvarianten -inge und -unge sowie ihren apokopierten Nebenformen -ing und -ung. Besonders bemerkenswert ist, dass ausschließlich die Variante -inge im Verstext vorkommt. Ansonsten scheint die Verteilung der Varianten sehr gleichmäßig zu sein: In den Kapitelglossen sind die -inge-Varianten -inge, -ynge und -ing insge‐ samt 38mal vertreten, die -unge-Varianten -unge und -ung kommen zusammen 39mal vor. In den Randglossen erscheinen die -inge- und -unge-Varianten jeweils dreimal, in den Kapitel- und Kapitelglossenüberschriften jeweils zweimal. Eine solche Beleg‐ lage für -unge-Suffigierungen darf vielleicht als Hinweis darauf gelten, dass für die Kapitelglossen im ‚Reynke Vosz de olde‘ eher von einem hochdeutschen Einfluss v. a. seitens der zahlreichen Textvorlagen als von einer Reliktbildung der frühmittel‐ niederdeutschen Zeit oder von einem westfälischen oder elbostfälischen Einfluss aus‐ zugehen ist. Ferner ist zu bemerken, dass zahlreiche Belege für die Apokopierung des Suffixes -unge (24) zu -ung (20) keinerlei positionsbedingt zu sein scheinen, son‐ dern auf eine ziemlich starke Entwicklung der Apokope in der Rostocker Sprache der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hinzudeuten. Diese Annahme korreliert sowohl mit der Beobachtung von Nerger, der bereits für das beginnende 16. Jahrhundert eine stärkere Apokopierung im Mecklenburgischen verzeichnet, als auch mit den Ergeb‐ nissen von Foerste und Scharnhorst, die das Mecklenburgische gar als Zentrum der Apokopierung im niederdeutschen Sprachraum ansehen.693 Die besonders im Ostfäli‐ schen verbreiteten Suffixvarianten -onge und -ige kommen im Text nicht vor. – Belege mit -inge: oͤuinge (3), beschriuinge (1), neringe (1), vorschryuinge (1), voͤdinge (1), tydinge (8), vordruͤckinge (1), beweruinge (1), wickinge (1), antoͤginge (1), ruͤstinge (1), geschryuinge (1), beschuͤttinge (1), vorlatinge (1), Krygeszruͤstinge (1), entschuͤldiginge (1), vortellinge (1), myszhandelinge (1), Regeringe (1), vthduͤdinge (3), voͤdinge (1), erwe‐ lingen (1), meldinge (1), anfechtinge (1), duͤdinge (1), meininge (1), Vortoͤgeringe (1), Vor‐ 692 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 221.IV; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. I, S. 359; ders., Niederdeutsche Forschungen. II, S. 266; Grunewald, Die mittelniederdeutschen Abstraktsuffixe, insb. S. 55-107; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 228f.; ders., Zum Problem der sog. westfälischen Strömung, S. 94f.; Dahlberg, Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 80f.; Munske, Das Suffix *-inga/-unga in den germanischen Sprachen; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 103; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 84 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 61]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 251f.; Möhn/ Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 37f.; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burgsteinfurt, S. 134; Cordes / Niebaum, Wortbil‐ dung des Mittelniederdeutschen, 1465; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks, S. 197-199; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 121f. 693 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 21, 160, S. 19f., 120f.; Foerste, Ge‐ schichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1790f., Karte 3; Teuchert, Beiträge zur Geschichte der mecklenburgischen Mundart, § 19, S. 228; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses, § 50, S. 143-146. 7 Morphemgebundene Varianz 215 klaringe (2), segeninge (1), vorwaringe (1), neeringe (1), besyttinge (1), voruolginge (1), vnderrichtinge (2); – Belege mit -ing: vorschryuing (1), entschulding (1); – Belege mit -ynge: kledynge (2), vthbedynge (1), vorweldynge (1), behuͤsynge (1); – Belege mit -unge: vnderrichtungen (2), vnderwysungen (2), thonegungen (1), beschriuun‐ ge (1), sterckunge (1), wolmenunge (1), handelunge (1), ordenungen (1), beschuͤttunge (1), miszhandelungen (1), afflenunge (1), beterunge (1), vormerungen (1), meldunge (1), be‐ schryuunge (1), auerwinnunge (1), Vnderrichtunge (2), meinunge (1), samlungen (1), eer‐ bedungen (1), vorachtunge (1), vthruͤstunge (1); – Belege mit -ung: erfarung (1), vorleydung (1), warnung (2), vormanung (1), beterung (1), vorachtung (1), vorklenung (1), smehung (1), auertredung (1), vorplichtung (1), regerung (1), ordenung (1), forderung (1), beswerung (1), entschuͤldigung (1), leffhebbung (1), an‐ toͤgung (1), anthoͤgung (1), achtung (1). Das Suffix -nisse, -nüsse Das Westfälische kennt als Abstraktasuffix vorwiegend das Suffix -nisse. Neben dem Westfälischen kommen Abstraktabildungen auf -nisse vor allem im Ostniederländi‐ schen vor. Vermutlich handelt es sich bei den westmittelniederdeutschen Abstrakta‐ bildungen mit dem Suffix -nisse um Übernahmen aus dem Niederländischen. Diese Vermutung wird von der Tatsache unterstützt, dass Abstrakta auf -nisse besonders häufig in der religiösen Literatur der ‚devotio moderna‘, einer besonders einflussrei‐ chen Frömmigkeitsbewebung im späten Mittelalter, erscheinen.694 Im Südwestfäli‐ schen wird das Abstraktasuffix gerundet als -nüsse realisiert, daneben ist die Suffix‐ variante -nüsse in ostfälischen Texten belegt. Im Nordniederdeutschen sind dagegen in der Regel Abstrakta auf -inge anzutreffen. Im Gegensatz zur Suffixform -inge er‐ scheinen beim Suffix -nisse neben von Verben abgeleiteten Substantiven auch deno‐ minative Ableitungen.695 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ begegnet eine übersichtliche Anzahl von suffigierten Abstrakta auf -nisse. Wie oben für den nordniederdeutschen Sprachraum beschrie‐ 7.2.2 694 Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 83f., 103; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘, S. 122. 695 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 213; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 50f.; Grunewald, Die mittelniederdeutschen Abstraktsuffixe, insb. S. 34f.; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 227f.; ders., Zum Problem der sog. westfäli‐ schen Strömung, S. 94f.; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1790; Dahl‐ berg, Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 103; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 84 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 61]; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 253f.; Cordes / Niebaum, Wortbildung des Mittelniederdeutschen, 1465; Möhn/Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 42f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 199f.; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arznei‐ buch‘, S. 122f. Teil II A Textinterne Analyse 216 ben, sind die Belege für Abstrakta auf -inge696 auch im Untersuchungstext deutlich zahlreicher. Es kommen sowohl deverbative als auch denominative Ableitungen auf -nisse vor, wobei die von Verben abgeleitete Abstrakta im Untersuchungsmaterial do‐ minieren (13 : 2).697 Als einzige Schreibvariante ist -nisse belegt: – Belege mit -nisse: gelicknisse (1), vorbuntnissen (2), vorbundtnissen (1), bedroͤffnisse (1), droͤffnisse (5), Duͤsternisse (1), begreffnisse (1), gefencknisse (1), vorsuͤmenisse (1), ge‐ fencknissen (1). Zu den Lexemen mit wechselndem Suffix Im Mittelniederdeutschen können deverbative Abstrakrabildungen sowohl mithilfe des Ableitungssuffixes -inge bzw. -unge / -onge als auch mithilfe von -nisse / -nüsse entstehen. Im Westfälischen werden Verbalabstrakta vorwiegend durch das Suffix -nisse gebildet.698 Laut Cordes spielt hier neben dem rein diatopischen Unterschied ebenfalls der semantische Aspekt eine gewisse Rolle: „Es scheint, daß mit -inge mehr der tatsächliche Vorgang gemeint ist, während -nisse das Ergebnis, den Ab‐ schluß mit einbezieht (z. B. bildinge ‚Bildung‘ versus bildenisse ‚(Ab)bild‘, sēkerin‐ ge ‚Sicherung‘ versus sēkernisse ‚Sicherheit‘)“.699 Weber widerspricht dieser Annah‐ me 1987, indem er für das frühmittelniederdeutsche Korpus nachweisen kann, dass „eine Bedeutungsdifferenzierung der Suffixabstrakta nach den Suffixen -inge bzw. -nisse für bestimmte Lexeme möglich ist, [dass] diese aber nicht für alle Lexeme gel‐ ten kann“.700 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kann kein Nebeneinander von Verbalabstrakta auf -in‐ ge bzw. -nisse mit gleichen Grundmorphemen festgestellt werden. Das Suffix -schap, -schop, -schup Aus dem asächs. Ableitungssuffix -scepi hat sich durch die Abschwächung und Apo‐ kopierung der unbetonten Endsilbe das mittelniederdeutsche -schep gebildet, das noch in den Texten der Frühzeit vorkommt. Durch den Einfluss der benachbarten 7.2.3 7.2.4 696 Vgl. hierzu Kap. 7.2.1 Das Suffix -inge, -onge, -unge. 697 Bei den Lexemen bedroͤffnisse und droͤffnisse handelt es sich m. E. auf deverbative Abstrakta, die ihrerseits von Adjektiven abgeleitet wurden. 698 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, § 213; Sarauw, Niederdeutsche Forschungen. II, S. 50f.; Grunewald, Die mittelniederdeutschen Abstraktsuffixe, insbes. S. 61; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 227f.; ders., Norddeutsche Stadtrechte. I, S. 94f.; Dahlberg, Mittelniederdeutsche Suffixabstrakta; Foerste, Geschichte der niederdeutschen Mundarten, Sp. 1790; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 255; Cordes / Niebaum, Wortbil‐ dung des Mittelniederdeutschen, 1464f.; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osna‐ brücks, S. 201. 699 Cordes / Niebaum, Wortbildung des Mittelniederdeutschen, 1465. 700 Weber, Zur frühmittelniederdeutschen Urkundensprache Osnabrücks, S. 154. Vgl. zu dieser Diffe‐ renzierung in Lemgo Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 255. 7 Morphemgebundene Varianz 217 Sprachen wurde dieses Suffix im Mittelniederdeutschen allmählich durch nl. und hd. -schap bzw. -schaft ersetzt. Als Normalform in den mittelniederdeutschen Schreib‐ sprachen gilt das ältere -schap, das später durch die Variante -schop mehr oder min‐ der abgelöst worden ist. Neben diesen Varianten begegnet außerdem die Suffixform -schup. Sowohl die regionale als auch die zeitliche Verteilung der vokaldifferierten Varianten bedarf genauerer Klärung.701 Abstrakta mit Suffix ‚-schaft‘ sind im ‚Reynke Vosz de olde‘ reichlich belegt, v. a. im Kapitelglossenteil und den Marginalien. Ferner kommen im Text eine verbale Ableitung (beispielsweise vorkuntschoppet) und eine doppelt suffigierte feminine Abstraktabildung (beispielsweise Herschopye) vor, die auf entsprechende Abstrakta auf ‚-schaft‘ zurückgehen. Der Untersuchungstext kennt ausschließlich die mittelnie‐ derdeutsche Normalform in ihrer späteren Schreibung -schop. Es lässt sich keinerlei hochdeutscher oder anderweitiger Einfluss ermitteln: – Belege mit -schop: egenschop (2), egenschoppen (1), rekenschop (1), Kopenschop (1), fruͤntschop (1), baͤdeschop (1), vyentschop (2), fruͤndtschop (6), boͤdeschop (2), geselschop (12), frūtschop (1), baͤdesschop (1), kuntschop (2), Herschop (1), fruͤndtschoppe (1), vy‐ endtschop (1), gemeͤnschop (1), gemeinschop (1); – Belege mit -schop in abgeleiteten Formen: vorkuntschoppet (1), Herschopye (1). Das Suffix der movierten Feminina Als typisches Ableitungssuffix der movierten Feminina im Mittelniederdeutschen gilt das Suffix -sche. Neben dieser im gesamten mittelniederdeutschen Schreibsprachen‐ areal vorkommenden Suffixform erscheint im südlichen Elbostfälischen das speziell für diese Region charakteristische Suffix -inne.702 7.2.5 701 Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes, §§ 13, 127, S. 12f., hier S. 12, 96f., hier S. 97; Tümpel, Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebietes zwischen 1300 und 1500, S. 35f.; Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 14, 213; Sarauw, Niederdeutsche Forschun‐ gen. II, S. 55f.; Grunewald, Die mittelniederdeutschen Abstraktsuffixe; Korlén, Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts, S. 230; Dahlberg, Mittelniederdeutsche Suffix‐ abstrakta; Ahlsson, Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch, S. 82; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache, S. 104; ders., Katalog sprachlicher Merkmale I, S. 84 [= Peters, Mittelniederdeutsche Studien, S. 62]; Ahlsson, Mnd. -schap (-schop, -schup); Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 254f.; Cordes / Niebaum, Wortbildung des Mittelniederdeutschen, 1466; Möhn/Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 44; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks, S. 200f.; ASnA, Bd. I, Karte 69 ‚Suffix -schaft: Bruder-, Freund-, Gewähr-, Herrschaft‘. 702 Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 213, 377 Anm. 2; Bischoff, Zur Sprache des Sachsen‐ spiegels von Eike von Repgow, S. 18-20; ders., Elbostfälische Studien, 107-109, Abb. 16, S. 108; Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 255f.; Möhn / Schröder, Vorstudien zu einer mittelniederdeutschen Grammatik I, S. 38, 45. Teil II A Textinterne Analyse 218 Im ‚Reynke Vosz de olde‘ kommen beide Ableitungssuffixe vor: – Belege mit -sche: koͤkesche (1), nabersche (1); – Belege mit -inne / -ynne: meysterynne (1), meisterinne (1), Wulffynne (1), Voͤszynne (1), Apynne (9), Kreynne (1), doͤrynnen (1), Koͤniginnen (2), Koͤniginne (3), Koͤnigynne (1), Koͤninginnen (2), Apinnen (1), Koͤningynne (2), Apynnen (6), Koͤningynnen (2), dorynne (1), Wuͤlfynnen (4), Wuͤlfynne (1), Meerapynne (1). Für die eher beschaulichen movierten Lexeme kann man vorsichtig festhalten, dass im ‚Reynke Vosz de olde‘ prinzipiell die mittelniederdeutsche Normalform -sche ge‐ braucht wird. Eine dagegen auf den ersten Blick eher erstaunliche Vielzahl an -inne- Movierungen rührt daher, dass es sich bei diesen Formen um autonom movierte Le‐ xeme handelt, die zum einen aus dem Lateinischen entlehnt wurden (meisterinne, Koͤnigynne etc.) und üblicherweise mit Suffix -inne moviert werden, zum anderen keine im engeren Sinne Berufsbezeichnungen, sondern charakterisierende Personen‐ bezeichnungen darstellen (dorynne) und schließlich Tierbezeichnungen sind, die im‐ mer mit Suffix -inne gebildet werden (Wulffynne, Voͤszynne, Apynne etc.). 7 Morphemgebundene Varianz 219

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References

Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.