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1 Einleitung in:

Sabina Tsapaeva

Das Rostocker Tierepos 'Reynke Vosz de olde' (Ludwig Dietz, 1539) im Kontext der niederdeutschen 'Reynke de Vos'-Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts, page 19 - 28

Philologische Untersuchung und diplomatische Teiledition

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4211-3, ISBN online: 978-3-8288-7104-5, https://doi.org/10.5771/9783828871045-19

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Voruntersuchungen Einleitung Problemstellung Im Fokus der nachfolgenden Untersuchung steht ein für die mediävistische For‐ schung in mancher Hinsicht bedeutsamer mittelniederdeutscher Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, der sich in den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock unter der Signatur Cf-8631 und Cf-8631.a befindet2 und den folgenden Titel trägt: Reynke Vosz de olde / nyge gedruͤcket / mit sidlikem vorstande vnd schonen figuren / er‐ luͤchtet vñ vorbetert. Jn der lauelyken Stadt Rozstock / by Ludowich Dyetz gedrucket. M.D.XXXiX.3 Dieser im Jahre 1539 in der Rostocker Offizin von Ludwig Dietz – des bedeutends‐ ten Mecklenburger Druckers des 16. Jahrhunderts – erschienene Text stellt eine be‐ bilderte Verserzählung in mittelniederdeutscher Sprache4 dar, in deren Mittelpunkt sich die bekannte Figur des Fuchses Reynke (hd. Reineke) steht. Der Druck basiert Teil I 1 1.1 2 Beide Rostocker Exemplare sind nicht ganz vollständig. Auf Anfrage der Universitätsbibliothek Ros‐ tock wurde 2010 vom Göttinger Digitalisierungszentrum der Niedersächsischen Staats- und Univer‐ sitätsbibliothek Göttingen ein Digitalisat des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes aus dem Jah‐ re 1539 erstellt und der breiten Öffentlichkeit online zur Verfügung gestellt. Dieses kann als PDF-Da‐ tei vom Server der SUB Göttingen unter dem Link URL: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?P PN633656895 heruntergeladen werden, letzter Zugriff: 28.09.2017. Sämtliche der nachfolgend zitier‐ ten Belege aus dem ‚Reynke Vosz de olde‘ beziehen sich auf das Digitalisat des vollständigen ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘-Exemplars. Weitere Exemplare finden sich u. a. in Berlin, Bremen, Leiden. Vgl. da‐ zu Kap. 3.1.1 Bestand. 3 [= Reineke Fuchs der Alte. Neu gedruckt und durch eine moralische Auslegung und schöne Abbil‐ dungen erläutert und verbessert. Gedruckt in der lobreichen Stadt Rostock von Ludwig Dietz im Jahre 1539. (Übers.: S.T.)]. Reynke Vosz de olde, Bl. 1r. Diese und die nachfolgenden neuhochdeutschen Übersetzungen stammen, soweit nicht anders vermerkt, von der Verfasserin. 4 Unter dem Mittelniederdeutschen wird eine historische Sprachstufe des Niederdeutschen verstanden, die ungefähr von 1200 n. Chr. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts n. Chr. reicht und sich zwischen der altniederdeutschen/altsächsischen und neuniederdeutschen Periode befindet. Für die Abgrenzung des Mittelniederdeutschen vom vorangehenden Altniederdeutschen und dem nachfolgenden Neunieder‐ deutschen sprechen zum einen die sprachsystemische Veränderungen, wie beispielsweise die Ab‐ schwächung der volltonigen End- und Nebensilbenvokale, zum anderen eine Veränderung des ur‐ sprünglichen Sprachareals (insbesondere durch die deutsche Ostexpansion östlich der Elbe bis in das Baltikum). Des Weiteren werden für die Ansetzung des Mittelniederdeutschen als einer distinkten Sprachgeschichtsperiode die Veränderungen der Sprachfunktionen und der Verwendungsbereiche her‐ angezogen. Schließlich sind tiefgreifende soziokulturelle und wirtschaftliche Wandelprozesse im norddeutschen Sprachraum des Hoch- und Spätmittelalters zu berücksichtigen. Die mittelniederdeut‐ 19 auf der berühmten Inkunabel ‚Reynke de vos‘ der Lübecker Mohnkopfoffizin aus dem Jahre 1498, die ihrerseits eine bearbeitende Neuausgabe und Übersetzung einer nicht erhalten gebliebenen mittelniederländischen Vorlage ist. Die Rostocker ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘-Ausgabe nimmt innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tier‐ epos aus mehrfacher Sicht eine exponierte Stellung ein: Zum einen fungiert sie re‐ zeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, die den Ausgangspunkt der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition formt, den nachfol‐ genden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes, die bis hin zu Gottsched5 und Goethe6 weiterverfolgt werden kann. Zum anderen spiegelt der Text mentalitätsgeschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Dies schlägt sich insbesondere in einer weitreichenden Überarbeitung und signifikanten Erweite‐ rung des Vorwortes und des Prosakommentars, der sogenannten jüngeren Glosse7, nieder, darüber hinaus in der Einbettung von zahlreichen Zitaten in die Kapitel‐ glossen, aber auch der Hinzufügung von Marginalglossen und einem überarbeiteten Programm der beigefügten Holzschnitte. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der sche Sprachperiode, die einen Zeitraum von ca. 450 Jahren umfasst, wird ihrerseits auf Basis innerund aussersprachlicher Kriterien in drei Phasen unterteilt: das Frühmittelniederdeutsche, das mittlere oder „klassische“ Mittelniederdeutsche der Hansezeit, das von ca. 1370 bis 1530 gesprochen und ge‐ schrieben wurde, und das Spätmittelniederdeutsche, das durch einen umfassenden Sprachwandelpro‐ zess gekennzeichnet ist, an dessem Ende das Mittelniederdeutsche in der schriftlichen Textproduktion und Kommunikation weitestgehend durch die hochdeutsche Schriftsprache ersetzt worden ist. Zum Mittelniederdeutschen, zur diachronen Dreiteilung des Niederdeutschen und zur diachronen Binnen‐ differenzierung des Mittelniederdeutschen vgl. u. a. Sanders, Sachsensprache, Hansesprache, Platt‐ deutsch; Bischoff, Mittelniederdeutsch; Peters, Mittelniederdeutsche Sprache; Kapitel „XI. Ergeb‐ nisse der Sprachgeschichtsforschung zu den historischen Sprachstufen IV: Das Mittelniederdeutsche“. In: Besch / Betten / Reichmann / Sonderegger (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Ge‐ schichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2., vollst. neu bearb. und erw. Aufl. 2. Teilbd., 1409-1512: Bischoff / Peters, Reflexe gesprochener Sprache im Mittelniederdeutschen, S. 1491-1495; Cordes / Niebaum, Wortbildung des Mittelniederdeutschen, S. 1463-1469; Härd, Mor‐ phologie des Mittelniederdeutschen, S. 1431-1435; ders., Syntax des Mittelniederdeutschen, S. 1456-1463; Meier / Möhn, Die Textsorten des Mittelniederdeutschen, S. 1470-1477; Niebaum, Phonetik und Phonologie, Graphetik und Graphemik des Mittelniederdeutschen, S. 1422-1430; Peters, Soziokulturelle Voraussetzungen und Sprachraum des Mittelniederdeutschen, S. 1409-1422; ders., Die Diagliederung des Mittelniederdeutschen, S. 1478-1490; ders., Die Rolle der Hanse und Lübecks in der mittelniederdeutschen Sprachgeschichte, S. 1496-1505; Schröder / Möhn, Lexikolo‐ gie und Lexikographie des Mittelniederdeutschen, S. 1435-1456; Sodmann, Die Verdrängung des Mittelniederdeutschen als Schreib- und Druckersprache Norddeutschlands, S. 1505-1512. 5 Gottsched, Heinrichs von Alkmar Reineke der Fuchs. 6 Goethe, Reinecke Fuchs. 7 In der älteren Forschung war die Bezeichnung der jüngeren Glosse als sogenannte protestantische Glosse geläufig. Diese scheint recht plakativ zu sein, da sie nur einen Teilaspekt des Kommentarteils zum ‚Reynke Vosz de olde‘ aufgreift, der insgesamt eine geänderte, nicht im strengen Sinne protes‐ tantische versus katholische Sicht auf das Tierepos im Vergleich zur Vorlage anbietet und sich zudem nicht nur auf Kirchenkritik beschränkt. Dem zufolge erscheint es durchaus als sinnvoll, des Weiteren die Lübecker als ältere und die Rostocker als jüngere Glosse zu bezeichnen. Zur Begriffsdiskussion vgl. u. a. Boll, Ueber die sogenannte protestantische Glosse zum Reineke Voß; Bieling, Die Reine‐ ke-Fuchs-Glosse in ihrer Entstehung und Entwicklung; Brandes, Rollenhagens Froschmeuseler und protestantische Glosse zum Reinke Vos; ders., Die Jüngere Glosse zum Reinke de Vos, insbes. S. IX- X; Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos. Teil I Voruntersuchungen 20 Text als ein einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen als auch für die Rostocker Druckersprache der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das Erscheinungsjahr des Textes fällt in eine sprachhistorische Umbruchssituation, in der das Hochdeutsche vom ostmitteldeutschen Sprach- und Kulturraum her stufenweise ins Norddeutsch‐ land vordringt und im Laufe des 16. Jahrhunderts das Mittelniederdeutsche sowohl als Geschäfts- und Verkehrssprache im Ostseeraum als auch als Schriftsprache über‐ haupt ablöst.8 So ist davon auszugehen, dass die Textanalyse eine exemplarische Auskunft über den Sprachstand bzw. Charakter der mittelniederdeutschen Drucker‐ sprache im südlichen Ostseeraum bzw. Mecklenburg geben kann, die wir so den an‐ deren, wenngleich zahlreichen gedruckten Zeugnissen offiziellerer Textsorten dieser Zeitperiode, nicht entnehmen können. Umso mehr verwundert es, dass diese Reynke-Ausgabe trotz ihres hohen Stellen‐ wertes bisher kaum in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist und dass der Sprachbau dieses Textes bislang keiner systematischen Analyse unterzogen wurde.9 Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass es bisher keine vollständige ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘-Edition gibt.10 Zudem konzentriert sich die (nieder-)deutsche Reyn‐ ke-Forschung traditionellerweise vorrangig auf die Lübecker Erstausgabe11, befasst 8 Zum Vordringen des Hochdeutschen in Norddeutschland allgemein und speziell in Rostock und zur Verdrängung des Mittelniederdeutschen vgl. u. a. Gabrielsson, Das Eindringen der hochdeutschen Sprache in die Schulen Niederdeutschlands im 16. und 17. Jahrhundert; Steinmann, Volksdialekt und Schriftsprache in Mecklenburg; ders., Volksdialekt und Schriftsprache in Mecklenburg (Fortset‐ zung); Dahl, Das Eindringen des Neuhochdeutschen in die Rostocker Ratskanzlei; Sanders, Sach‐ sensprache, Hansesprache, Plattdeutsch, S. 153-171; Gabrielsson, Die Verdrängung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache; Gernentz, Die Sprachentwick‐ lung in Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter und in der frühen Neuzeit; Sodmann, Der Un‐ tergang des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache; ders., Die Verdrängung des Mittelniederdeut‐ schen als Schreib- und Druckersprache Norddeutschlands, S. 1505-1512. 9 Es finden sich einige wenige Ausführungen zu einzelnen Aspekten des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes. Hier sind in erster Linie die Studien von Christa Prowatke zu nennen. Vgl. Prowat‐ ke, Zur Ausbildung der Graphie in einer regionalen mittelniederdeutschen Literatursprache; dies., ‚Druckt tho Rostock‘: Rostocks Buchdruck in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Vgl. zudem Rösler, Satz – Text – Sprachhandeln. 10 Brandes liefert neben seinen Ausführungen zur Verfasserfrage und zur Quellenlage des ‚Reynke Vosz de olde‘ nur einen Abdruck der jüngeren Glosse, jedoch keine Gesamtausgabe des Rostocker Tierepos, während Gernentz sich auf einige wenige Abschnitte des Rostocker Kommentarteils be‐ schränkt und diese ausschließlich zum Vergleich mit der Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe ab‐ druckt. Vgl. Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, S. 1-235; Gernentz, Reynke de Vos, S. 530-559. Seit 2010 laufen an der Universität Rostock unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Bieber‐ stedt Vorbereitungen für das Editionsprojekt, das eine erstmalige Herausgabe des im Jahre 1539 in Rostock gedruckten Tierepos in transkribierter, übersetzter und kommentierter Form zum Ziel hat. Vgl. hierzu Bieberstedt, Reynke Vosz de olde (Rostock 1539). Methodische Überlegungen zur Neuübersetzung eines mittelniederdeutschen Klassikers. 11 Als allgemeine Einführungen in den Lübecker ‚Reynke de vos‘ sind v. a. geeignet: Kokott, Reynke de Vos; Berteloot / Gaeraedts / Menke, Reynke de Vos – Lübeck 1498. Zum Sprachbau der Lübe‐ cker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe aus dem Jahre 1498 finden sich ebenfalls einige Darstellungen, die jedoch nicht so zahlreich sind. Vgl. hierzu Frode, Der Genitiv im Reynke de vos; Nybøle, Die Gra‐ phematik und Graphophonemik der 1498 in Lübeck gedruckten Inkunabel ‚Reynke de Vos‘; ders., Reynke de Vos. Ein Beitrag zur Grammatik der frühen Lübecker Druckersprache. 1 Einleitung 21 sich in Form von Überblicks- und Gesamtdarstellungen mit den einzelnen Reynke- Ausgaben und Bearbeitungen12 und beschäftigt sich mit konkreten Figuren, einzel‐ nen Szenen oder ausgewählten Aspekten des Textes13. Eine umfassende sprachhisto‐ rische Analyse der niederdeutschen Reynke-Ausgaben des 16. Jahrhunderts insge‐ samt und des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ aus dem Jahre 1539 im Speziellen steht dagegen weiterhin aus, ebenso die Verortung dieses Druckes in die Rostocker Drucktradition der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Anders als bei der intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Lübecker ‚Reynke de vos‘ be‐ schränkt sich die Erforschung der Rostocker Ausgabe weitestgehend auf die (noch nicht abgeschlossene) Verfasser- bzw. Bearbeiterfrage14 und die Ermittlung der Quel‐ len15 des Prosakommentars und der Marginalglossen. Es bestehen somit in Bezug auf die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe (Ludwig Dietz, 1539) bestehen erheb‐ liche Desiderata und weiterer Forschungsbedarf, insbesondere in sprachhistorischer Hinsicht. Hier setzt das vorliegende Dissertationsprojekt an. Ziele und Fragestellungen der Untersuchung Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist also das 1539 in Rostock erschienene niederdeutsche Tierepos ‚Reynke Vosz de olde‘, das hier erstmals einer systemati‐ schen Analyse unterzogen werden soll. Mit dem, was sich aus den aufgedeckten For‐ schungsdesiderata ergeben hat, ist im Umriss das Ziel dieser Untersuchung bereits angedeutet. Es gilt, diesen Text sprach- und überlieferungshistorisch zu beschreiben, einzuordnen, zu bewerten und zu verorten und seine Stellung sowohl innerhalb der mittelniederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15.-16. Jahrhunderts als auch innerhalb der Rostocker Textproduktion der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts he‐ 1.2 12 Einen detaillierten Überblick über die einzelnen Drucke des 16. Jahrhunderts bietet bspw. Dorothe Heselhaus, dabei richtet sie ihr Augenmerk vorwiegend auf die Überlieferungsgeschichte, die Glos‐ sierung der behandelten Drucke sowie die Illustrationen. Hubertus Menke legt dagegen zum einen eine ergänzende (hoch-)deutsche Übersicht der Reineke-Druckausgaben bis hin zu Goethe und zum anderen eine gesamteuropäische Übersicht zu Traditionen und Reineke-Fuchs-Ausgaben bis zum Jahre 1800 vor. Vgl. Heselhaus, Der Rostocker ‚Reyneke Voss‘ von 1510 und seine Bedeutung in‐ nerhalb der niederdeutschen Reynke-Tradition des 16. Jahrhunderts; Menke, Bibliotheca Reinardia‐ na. I; ders., Zuvor niemals also gedruckt. Das (hoch)deutsche Erfolgsbuch vom Reineke Fuchs. 13 Es folgt eine stark reduzierte Auswahl von nicht linguistischen Schwerpunktthemen: Zum Aufbau von ‚Reynke de vos‘ als Rechtsprozess vgl. bspw. Kokott, Id is recht tyd, wylle wy nu klagen. Der ‚Reynke de Vos‘ als Prozess. Zum Aspekt der Gewalt vgl. bspw. Schlusemann, Zur Bedeutung von Gewalt in der Reynaert-Epik des 15. Jahrhundert. Zum Frauenbild im ‚Reynke de vos‘ vgl. bspw. Nybøle, „Wente eyn man is van vaster complexien wan eyne vrouwe“. Zum Frauenbild im ‚Reynke de Vos‘. Zu einzelnen Figuren vgl. u. a. Goossens, Die Rede der Äffin in ‚Reynaerts Historie‘ und im ‚Reynke de Vos‘. Zu einzelnen Szenen vgl. bspw. Goossens, Der Aufzug der Vögel. 14 Ella Schafferus bietet zwar eine Übersicht und Auswertung verschiedener in der Forschungsliteratur präsenter Verfasserthesen, kann schlussfolgernd jedoch keine Einzelperson als Rostocker Bearbeiter des ‚Reynke Vosz de olde‘ nennen, hält Ludwig Dietz persönlich aber für den wahrscheinlichsten Kandidaten. Vgl. Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 112-150. 15 Brandes, Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, insbes. S. XX-XLV; Schafferus, Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Reinke de Vos, S. 13-26. Teil I Voruntersuchungen 22 rauszuarbeiten. Hierzu soll der Text zunächst eingehend linguistisch analysiert wer‐ den. Für die vorliegende Untersuchung werden die ersten zwölf Kapitel des ersten Buches16 und jeweils die ersten vier Kapitel des zweiten, dritten und vierten Buches inklusive dazugehörige Kapitelglossen und Vorreden bzw. Vorwörter herangezogen, die insgesamt über ein Drittel des Gesamttextumfangs – ca. 55000 Wortformen – ausmachen. Diese Stichprobe erhebt somit den Anspruch, repräsentativ für den Un‐ tersuchungstext zu sein.17 Diese Entscheidung ist von der Überlegung geleitet gewe‐ sen, dass auf diese Weise mögliche Unterschiede zwischen den einzelnen Büchern und den Kapitelglossen greifbar werden. In einem zweiten Schritt soll dann ein lin‐ guistischer Vergleich mit der Erstausgabe dieses mittelniederdeutschen Tierepos, dem Lübecker Frühdruck ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498 vorgenommen wer‐ den. Gleichzeitig soll der Sprachstand des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes in Bezug zur Druckersprache weiterer in Rostock erschienenen Werke, u. a. auch aus der Offizin des Ludwig Dietz, gesetzt werden. Als forschungsleitende Fragen und Annahmen der vorliegenden Arbeit werden dieser Untersuchung nun folgende Fragen und Fragenkomplexe zugrunde gelegt, die in insgesamt fünf Gruppen zusammengefasst werden können: a) eine eher regionalbzw. lokalsprachlich orientierte Fragestellung, b) eine an dem Übergang vom „klassi‐ schen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen interessierte Fragestel‐ lung, c) eine der kontinuierlichen Verdrängung der niederdeutschen durch die hoch‐ deutsche Schreibsprache gewidmete Fragestellung, d) eine druckersprachlich ausge‐ richtete Fragestellung und schließlich e) eine allgemeine überlieferungshistorische Fragestellung. Offenbar wirken die beschriebenen Fragestellungen in einigen Berei‐ chen zusammen oder sie bauen aufeinander auf, auch wenn sich der aktuelle Schwer‐ punkt in die jeweilige Richtung verschiebt. Dies schlägt sich wiederum in den fol‐ genden einzelnen Fragen nieder: – Inwieweit entspricht die Sprache des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ der über‐ regionalen mittelniederdeutschen Schriftsprache lübischer Prägung? – Wieweit lassen sich im Text ostelbische Merkmale ausmachen, die nicht mit der überregionalen Form des Mittelniederdeutschen übereinstimmen? Lassen sich dem ‚Reynke Vosz de olde‘ regionale (d. h. mecklenburgische) oder sogar lokale (d. h. spezifische Rostocker) Sprachmerkmale ablesen? Können im Rostocker Text weitere Merkmale nachgewiesen werden, die aus den anderen Regionen des norddeutschen Sprachraumes eingedrungen sind? 16 An dieser Stelle möchte ich mich bei Dr. Ingrid Schröder, der Projektleiterin des interuniversitären Projekts ‚Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200-1650)‘, und ihrer wissenschaft‐ lichen Mitarbeiterin Sarah Ihden (Standort Hamburg) dafür herzlich bedanken, dass sie mir Zugang zur projektinternen Teiltranskription des ersten Buches des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ ge‐ währt haben, die ich für meine Teiledition mitbenutzen durfte. 17 Zu den Stichprobenumfängen in den Geisteswissenschaften vgl. bspw. Bortz / Schuster, Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler, S. 126-128; Bortz / Döring, Forschungsmethoden und Eva‐ luation: für Human- und Sozialwissenschaftler, S. 396-402, 419-478. Für den Bereich der (histori‐ schen) Sprachwissenschaft vgl. z. B. Gries, Statistik für Sprachwissenschaftler, S. 30-32; Flei‐ scher / Schallert, Historische Syntax des Deutschen, S. 71-73; Meindl, Methodik für Linguisten, S. 131-137, 144f. 1 Einleitung 23 – Bis zu welchem Grad ist die Sprache des Rostocker Tierepos von der Sprache sei‐ ner Vorlage aus dem Jahre 1498 abhängig? In welchem Maß lassen sich Einflüsse der mittelniederländischen Vorlage zum Lübecker ‚Reynke de vos‘ in der Rosto‐ cker Bearbeitung erkennen? – Lassen sich sprachliche Unterschiede zwischen dem bearbeiteten Erzähltext und dem Text der jüngeren Glosse feststellen? Wie und in welchen Fällen machen sich die Prätexte der Rostocker Glosse bemerkbar? Welche Bearbeitungsspuren erlau‐ ben es, Rückschlüsse auf den Umgang des Glossators mit seinen Prätexten für die jüngere Glosse zu ziehen? – Wieweit ist der Sprachstand des ‚Reynke Vosz de olde‘ vom Hochdeutschen be‐ einflusst? – Lassen sich Abweichungen von der mittelniederdeutschen Schriftsprache der „klassischen“ Periode festhalten, die als spätmittelniederdeutsch eingestuft wer‐ den können? Können für den Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ Reflexe gespro‐ chener Sprache nachgewiesen werden? – Lassen sich im kontrastiven Vergleich mit weiteren Sprachzeugnissen aus der ers‐ ten Hälfte des 16. Jahrhunderts druckerspezifische Merkmale ausmachen? – Welche Prozesse (Variantenabbau, -ausbau, -ersatz) werden in diesem kontrasti‐ ven Vergleich zudem deutlich? Welche Bereiche sind von diesen Prozessen be‐ sonders betroffen? Die Untersuchung verfolgt somit einen mehrdimensionalen Ansatz und bedient sich Modelle und Methoden unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen (allgemeiner, ver‐ gleichender, kontrastiver Sprachwissenschaft, historischer Dialektgeographie, Variab‐ lenlinguistik, Buchwissenschaft, historischer Rezeptionsanalyse etc.). Sie ist dem Be‐ reich der Germanistischen Mediävistik und gleichzeitig der Niederdeutschen Philolo‐ gie zuzuordnen und steht in der Tradition der synchron wie diachron ausgerichteten Linguistik, der historischen Variablenlinguistik sowie der historischen Rezeptionsfor‐ schung. Der methodische Zugriff auf die Texte erfolgt in erster Linie auf Basis variab‐ lenlinguistischer Konzepte und Modelle. Grundsätzlich werden sämtliche sprachli‐ chen Ebenen außer Syntax in die Analyse einbezogen, um den Fokus auf sprachliche Entwicklungstendenzen und Funktionen von Fassungsdivergenzen im Verstext, aber auch in den Glossen und Randglossen, nicht apriorisch einzuschränken. Aufbau der Arbeit Die Untersuchung weist einen dreigliedrigen Aufbau auf und ist in Vorbetrachtungen zum Forschungsstand, zum Untersuchungsgegenstand und zu den sprachhistorischen und druckhistorischen Rahmenbedingungen (Kapitel 2 und 3) sowie in den zweistufi‐ gen Analyseteil gegliedert. Die variablenlinguistische Analyse erfolgt in zwei Schrit‐ ten, einer textinternen (Kapitel 4 bis 9) sowie einer textkomparativen (Kapitel 10) Analyse. Abgerundet wird die philologische Untersuchung durch eine diplomatische Teiledition des ‚Reynke Vosz de olde‘. 1.3 Teil I Voruntersuchungen 24 Einleitend erfolgt im Kapitel 2 die Darstellung des Forschungsstandes bezüglich des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes. Ferner werden die sprachlichen Ver‐ hältnisse in Mecklenburg und die allgemeine Sprachsituation in Norddeutschland der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts beleuchtet, um eine Ausgangsposition für die Be‐ trachtung der stattgefundenen sprachlichen Prozesse zu finden. Des Weiteren soll in diesem Teil auf die Tätigkeit des Buchdruckers und Verlegers Ludwig Dietz sowie sein Druckprogramm, aber auch auf den Buchdruck und das Buchdruckwesen in Mecklenburg insgesamt eingegangen werden, um eine nachfolgende Zuordnung des ‚Reynke Vosz de olde‘-Druckes im Kontext der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts zu ermöglichen. Anschließend wird im Kapitel 3 der Untersuchungstext detailliert vorgestellt. Zu‐ nächst wird in diesem Teil die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe als Druckerzeugnis aus buchgeschichtlicher Perspektive ausführlich beschrieben. Gelie‐ fert werden Angaben zu Buchformat und Kollation, bemerkenswerten Fehlsignierun‐ gen und Fehlfoliierungen, aber auch Typographie und Holzschnittillustrationen. Fer‐ ner wird in diesem Teil auf die Aspekte der Regelung der Groß- und Kleinschreibung sowie der Interpunktion eingegangen. Darüber hinaus werden bis heute erhalten ge‐ bliebene Druckexemplare des ‚Reynke Vosz de olde‘ dokumentiert. Außerdem wird in diesem Kapitel eine kurze Beschreibung des Textes aus literarhistorischer Sicht so‐ wie in Bezug auf seinen Textaufbau auf der Makro- und Mesoebene18 gegeben, und schließlich werden die Überlieferungsgeschichte des Rostocker ‚Reynke Vosz de ol‐ de‘ und sein Rezeptionszusammenhang im engeren Sinne sowie die Verfasserfrage beleuchtet. Der Beschreibung der Textgrundlage folgen im Kapitel 4 Hinweise zu der me‐ thodologischen Herangehensweise im Analyseteil. Die Beschreibung des Aufbaus des Untersuchungsteils insgesamt und der nachfolgenden einzelnen Artikel sowie der Präsentation des gesammelten Sprachmaterials und seiner Interpretation bietet die Überleitung zur variablenlingistischen Analyse. Diese nimmt die sprachliche Be‐ schaffenheit des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Textes aus dem Jahre 1539 auf verschiedenen linguistischen Ebenen in den Blick. Der Hauptteil der Arbeit beinhal‐ tet eine systematische sprachstrukturelle Untersuchung des ‚Reynke Vosz de olde‘- Textes auf Basis eines Variablenkatalogs, der spezifisch für die vorliegende Untersu‐ 18 Die Tektonik und Struktur des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Textes kann prinzipiell auf drei Ebenen beschrieben werden: auf der Makro-, Meso- und Mikroebene. Die logische Struktur des Werkes und sein genereller Aufbau werden dabei auf der Makroebene beschrieben, während auf der Mesoebene die Struktur der Einzelkapitel erfasst wird. Unter der Mikroebene wird hier die Struktur auf der syntaktischen Ebene bzw. Vers- und Zeilenebene verstanden. Zu Erfassungszwecken sind für die vorliegende Untersuchung an dieser Stelle die Makro- und Mesoebene relevant. Zur Unterschei‐ dung von Makro-, Meso-/Medio- und Mikroebene als semantischen und / oder strukturellen Organi‐ sationsebenen von Texten in der Lexikographie vgl. etwa Kammerer, Die Mediostruktur in Langen‐ scheidts Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache; Schlaefer, Lexikologie und Lexikographie, S. 190f. Für den Bereich der Textlinguistik vgl. v. a. van Dijk, Macrostructures; Brinker, Linguisti‐ sche Textanalyse, S. 52-55. In abweichender Bedeutung findet sich die Dichotomie von Makro- und Mikroebene in der jüngeren Textlinguistik bspw. bei Ziegler, Städtische Kommunikationspraxis im Spätmittelalter, S. 250f. Zur Begriffsdiskussion vgl. auch Bieberstedt, Textstruktur, Textstrukturva‐ riation, Textstrukturmuster, S. 32-34. 1 Einleitung 25 chung entworfen wurde. Dieser Katalog orientiert sich in weiten Teilen an der von Robert Peters entworfenen Systematik, deren Reliabilität und Erklärungswirksamkeit anhand zahlreicher Textkorpusanalysen aus den Bereichen der historischen Sprach‐ geographie und der historischen Stadtsprachenforschung19, aber auch von Untersu‐ chungen fachliterarischer Texte20 – überwiegend Handschriften – nachgewiesen wer‐ den konnte. Somit wird in der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen, aufzu‐ zeigen, dass variablenlinguistische Methoden für die Analyse auch nicht formelhaf‐ ten und nicht fachliterarischen historischen Quellenmaterials einsetzbar sind und dass sie sich auch auf gedruckte Einzeltexte anwenden lassen. Im Kapitel 5 werden Variationsphänomene auf der phonologisch-graphemati‐ schen Beschreibungsebene sowie ausgewählte rein graphische Phänomene behan‐ delt,21 wobei der Schwerpunkt den niederdeutschen Begebenheiten entsprechend auf der vokalischen Ebene liegt.22 Die Beschreibung lautlicher Variabilität im Mittelniederdeutschen beruht hierbei als Bezugspunkt auf einem überlandschaftli‐ chen vormittelniederdeutschen Overall-System.23 In den Kapiteln 6 und 7 werden ausgewählte bereits in der Forschungsliteratur beschriebene morphologische und morphemgebundene Phänomene sowie einige wenige Aspekte der Wortbildung un‐ tersucht. Für beide Kapitel ist darauf hinzuweisen, dass die dort behandelten Phäno‐ mene mehrheitlich entweder dem Bereich des Vokalismus entstammen oder auch auf mehreren Beschreibungsebenen behandelt werden könnten. Die abweichende Zuwei‐ sung dieser Phänomene kann einerseits mit ihrer problematischen Zuweisung zu einer bestimmten Ebene (d. h. phonologisch-graphematischer, flexionsmorphologi‐ scher oder lexikalischer Ebene) gerechtfertigt werden. Andererseits orientiert sich die Klassifizierung an entsprechenden Einteilungen in der vorliegenden Forschungslite‐ 19 Vgl. zum Beispiel Fedders, Variablenlinguistische Studien zur mittelniederdeutschen Urkunden‐ sprache Coesfelds; ders., Die Schreibsprache Lemgos; Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks. 20 Vgl. zum Beispiel Peters, Zur Sprache der sogenannten Münsterschen Grammatik [= Peters, Mit‐ telniederdeutsche Studien, S. 217-233]; Roolfs, Untersuchungen zur Sprache des Braunschweiger St.-Annen-Büchleins; Temmen, Zur Sprache der medizinischen Rezepthandschrift Hs. 15 aus Burg‐ steinfurt; Peters, Zur Sprache der Bordesholmer Marienklage [= Peters, Mittelniederdeutsche Stu‐ dien, S. 235-252]; Roolfs, Der ‚Spieghel der leyen‘; Temmen, Das ‚Abdinghofer Arzneibuch‘. 21 Eine eindeutige Zuordnung der zu untersuchenden Phänomene im Bereich der Lautlehre und der Or‐ thographie ist nicht in jedem Fall möglich. Auf solche Problemfälle wird in jeweiligen Kapiteln extra hingewiesen, die letztendliche Entscheidung bzw. Ausnahmen werden begründet. 22 Vgl. hierzu auch Bemerkung von Wolfgang Fedders. Fedders, Die Schreibsprache Lemgos, S. 149. 23 Christian Fischer weist zurecht darauf hin, dass es aufgrund der Tatsache, dass „die Beleglage nur selten erlaubt, die sprachhistorische Realität mit den dazugehörigen Bewertungssystemen ohne grö‐ ßere Lücken zu rekonstruieren“, in der auf historische Sprachstufen abzielenden Variablenlinguistik zu theoretischen Problemen mit dem Bezugssystem kommen kann. Damit begründet Fischer dann die „Annahme eines sogenannten Overall-Systems als Vorstufe der zu untersuchenden Varietät“. Un‐ ter dem Overall-System wird ein angenommenes von räumlichen, zeitlichen und anderen Differen‐ zierungen abstrahiertes und mehr oder minder intaktes System verstanden, aus dem die belegten For‐ men hergeleitet werden können. Vgl. Fischer, Variation und Korrelation im Mittelniederdeutschen, S. 152. Teil I Voruntersuchungen 26 ratur24, wodurch eine Vergleichbarkeit der Untersuchungsergebnisse erreicht und zu‐ gleich eine redundante Auflistung derselben Belege in unterschiedlichen Kapiteln meistens gemieden werden kann.25 Im Kapitel 8 erfolgt anschließend die Analyse so‐ genannter lexemgebundener Varianz, wobei es sich hierbei – ähnlich wie in den Ka‐ piteln 6 und 7 – nicht um Untersuchung lexikalischer Phänomene im engeren Sinne handelt, sondern um Besonderheiten ausgewählter Einzelwörter, deren Varianz sich z. T. auf mehrere Sprachebenen gleichzeitig erstreckt. Die Erforschung der Variablen aus dem Bereich des Kleinwortschatzes ist wegen der starken diatopischen und dia‐ chronischen Variabilität von besonderem Interesse und bildet nicht zuletzt aus diesem Grund einen Großteil dieses Kapitels. Im Kapitel 9 wird schließlich eine zusammenfassende Interpretation der in die‐ sem Hauptteil gewonnenen Einzelergebnisse gegeben. Auf Basis des analysierten Va‐ riantenbestandes erfolgt eine diatopische und diachronische Verortung des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Textes. Fremdsprachliche – insbesondere hochdeutsche – Ein‐ flüsse auf den Text, aber auch überregionale Ausgleichstendenzen sowie im Text re‐ gistrierte Reflexe gesprochener Sprache werden ebenfalls in diesem Kapitel zusam‐ menfassend beschrieben und genauso wie die diatopischen und diachronischen Un‐ tersuchungsergebnisse mit spezifischen extralinguistischen Faktoren wie beispiels‐ weise Textstruktur (Verstext versus Kapitelglossen) korreliert. Im zweiten Analyseteil (Kapitel 10) wird eine kontrastive Analyse des Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘ mit dem Lübecker Vorlagentext ‚Reynke de vos‘ aus dem Jah‐ re 1498 sowie zwei in Rostock in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gedruckten Vergleichstexten vorgenommen, um eine genauere Zuordnung des Rostocker ‚Reyn‐ ke Vosz de olde‘ in die niederdeutsche ‚Reynke de Vos‘-Tradition und die Rostocker Drucktradition vornehmen zu können. Zunächst werden hier die Vergleichstexte, die der kontrastiven Analyse zugrunde gelegt werden, charakterisiert. Auch die Entschei‐ dung, aus welchen Gründen die Lübecker ‚Reynke de vos‘-Ausgabe aus dem Jahre 1498, die in Rostock erschienene Bambergische Halsgerichtsordnung (1510) und die Rostocker ‚Der schapherders kalender‘-Ausgabe (1523) zur Vergleichsanalyse heran‐ gezogen wurden, wird an dieser Stelle ausführlicher begründet. Zusätzlich zu den ge‐ nannten Texten werden weitere historische Sprachdaten und relevante Untersuchun‐ gen aus dem interessierenden Zeitraum herangezogen, um einen engeren Sprachver‐ gleich zwischen potentiellen lübischen und rostockischen Kennformen und -wörtern zu ermöglichen und einen potentiellen Variantenabbau, -umbau und ggf. -ausbau in der jeweiligen Druckersprache zu ermitteln. Für Lübeck werden bereits von Robert Peters ausgewertete Daten zum letzten Drittel des 15. Jahrhunderts, dem Entste‐ hungs- und Veröffentlichungszeitraum des ‚Reynke de vos‘ aus dem Jahre 1498, ein‐ 24 Vgl. zum Beispiel Fedders, Die Schreibsprache Lemgos; Lehmberg, Der Amtssprachenwechsel im 16. Jahrhundert; Weber, Die mittelniederdeutsche Schreibsprache Osnabrücks. Christian Fischer weicht in seinen Untersuchungen zur Stadtsprache von Soest von dieser Einteilung etwas ab. Vgl. hierzu Fischer, Die Stadtsprache von Soest im 16. und 17. Jahrhundert. 25 An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass in den Fällen, in denen Wortformen doch in mehreren Kategorien besprochen werden, werden sie unter Umständen aus Gründen der Lesefreund‐ lichkeit mehrfach aufgeführt. 1 Einleitung 27 bezogen. Diese basieren auf den Texten des Lübischen Urkundenbuches aus dem Jahre 1470 und der Ratsurteile der Jahre 1470-1500.26 Als indirektes Quellenkorpus für die Schreib- und Druckersprache der Stadt Rostock und den mecklenburgischen Dialekt der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts dienen die Untersuchungen zur Spra‐ che des in Rostock gebürtigen und tätigen Predigers Nicolaus Gryse von Jürgen Scharnhorst und die Grammatik des me[c]klenburgischen Dialektes von Karl Nerger, der vorwiegend Rostocker Schrift- und Druckzeugnisse nicht fachliterarischen In‐ halts sowie Urkunden und die Rostocker Chronik zugrunde liegen.27 Im abschließenden Teil der Arbeit befinden sich ein Fazit, das die wesentlichen Untersuchungsergebnisse rekapituliert und einordnet und einen Ausblick auf weiter‐ führende Fragestellungen und Forschungsfelder eröffnet (Kapitel 11), sowie das Ta‐ bellenverzeichnis (Kapitel 12), die Verzeichnisse der Quellen und Forschungslitera‐ tur (Kapitel 13). Der Textanhang enthält die für die Analysezwecke vorbereitete di‐ plomatische Teiledition der Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe aus dem Jah‐ re 1539, inklusive einer einführenden Erläuterung der editorischen Grundsätze. 26 Vgl. Peters, Braunschweigisches und Lübisches in der Schreibsprache Botes [= Peters, Mittelnie‐ derdeutsche Studien, S. 201-215]. 27 Vgl. Nerger, Grammatik des meklenburgischen Dialektes; Scharnhorst, Untersuchungen zum Lautstand in den Schriften Nicolaus Gryses. Teil I Voruntersuchungen 28

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Zusammenfassung

In den Beständen der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Rostock befindet sich ein aus mehrfacher Sicht interessanter ‚Reynke Vosz de olde‘-Druck aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dieser in der Rostocker Offizin des bedeutendsten Druckers Mecklenburgs erschienene Text stellt eine bebilderte Verserzählung dar, in deren Mittelpunkt die bekannte Figur des Fuchses Reineke steht. Innerhalb der Überlieferungsgeschichte dieses Tierepos nimmt die Rostocker Ausgabe zweifelsohne eine exponierte Stellung ein. Zum einen fungiert sie rezeptionsgeschichtlich als Bindeglied zwischen der Lübecker Erstausgabe, den nachfolgenden niederdeutschen Reynke-Versionen und der hochdeutschen Rezeption des Reynke-Stoffes im 16. und 17. Jahrhundert. Zum anderen spiegelt der Text mentalitäts­geschichtlich und kulturhistorisch gesehen die historischen und religiösen Umbrüche der Reformationszeit wider. Aus sprachhistorischer Sicht erscheint der Text als einzigartiges Zeugnis für die Übergangsphase vom „klassischen“ Mittelniederdeutschen zum Spätmittelniederdeutschen. Umso mehr verwundert es, dass die Rostocker ‚Reynke Vosz de olde‘-Ausgabe trotz ihres hohen Stellenwertes bisher kaum bzw. sehr eingeschränkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Die hier präsentierte Arbeit bietet eine erstmalige sprach- und überlieferungshistorische Beschreibung, Einordnung, Bewertung und Verortung des Tierepos sowie seine Inkontextsetzung innerhalb der niederdeutschen ‚Reynke de Vos‘-Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts und der Rostocker Drucktradition der Mitte des 16. Jahrhunderts.