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6 Fazit und Ausblick in:

Maren Waike-Koormann

Elfriede Lohse-Wächtler und Grethe Jürgens, page 367 - 374

Ich-Bildungen und Rezeptionsverläufe zweier Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4199-4, ISBN online: 978-3-8288-7102-1, https://doi.org/10.5771/9783828871021-367

Tectum, Baden-Baden
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367 6 Fazit und Ausblick Eine grundsätzliche These meiner Arbeit lautete, dass ein interdisziplinärer Ansatz in Form einer Gegenüberstellung neue Blickwinkel auf die Künstlerinnen Grethe Jürgens und Elfriede Lohse-Wächtler eröffnen kann. Das Ziel war eine Ergänzung der bisherigen Publikationen um ausführliche Werkbetrachtungen auf der Basis fundierter Bildbeschreibungen und -analysen. Zudem möchte diese Dissertation einen Beitrag zur Künstlerinnenforschung im Allgemeinen leisten, indem sie auf eine Stagnation im Bereich der Rezeption vieler vornehmlich in den 1980er und 1990er Jahren (wieder)entdeckten Künstlerinnen aufmerksam macht. Der hier verwandte Ansatz einer in alle Richtungen offenen Herangehensweise hat meiner Ansicht nach das Potenzial, einseitigen Wahrnehmungsmechanismen entgegenzuwirken und neue diskursive Anknüpfungspunkte zu generieren. Die Grundlage der vorliegenden Untersuchung bildeten ausführliche Betrachtungen zahlreicher Arbeiten von Grethe Jürgens und Elfriede Lohse-Wächtler aus den bedeutenden Werkgruppen der Selbst- und Paardarstellungen. Bildlich gesprochen evozierten die unterschiedlichen künstlerischen Äußerungen bei der gewählten Form der Annäherung den Mittelpunkt einer Kartierung. Von diesem ausgehend ergab sich durch die verschiedenen methodischen und theoretischen Konzepte, aber auch durch neue Funde ein verzweigtes Netz von dynamischen Wegen. Diese führten auch aufgrund ihrer Verknüpfung untereinander zu neuen Sichtweisen, Anschlussmöglichkeiten und letztlich zu neuen Erkenntnissen angesichts einer größeren Anzahl an Werkbeispielen und -gruppen. Für deren Potenzierung sorgte die Gegenüberstellung der beiden Künstlerinnen gerade aufgrund der Unterschiede ihrer Biografien, Werke und Rezeptionsverläufe. Ergänzend wurden exemplarisch ausgewählte Arbeiten von Otto Dix hinzugenommen, eines männlichen Vertreters der Avantgarde jener Zeit. Diese Gegenüberstellung diente im Wesentlichen zur Überprüfung der folgenden Aspekte: 1. Wie gestalten sich Selbst- und Paardarstellungen eines solchen Vertreters, der sich bereits zu Lebzeiten erfolgreich als Künstler etablieren konnte und heute als einer der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts gilt? 2. Was lässt sich aus diesen Werkbeispielen im Hinblick auf die Bildwerdung bestimmter ‚Zutaten‘ schließen, die für den Erfolg des Urhebers und für dessen Mythisierung zuträglich sind? Und was zeigt sich bei einer näheren Betrachtung dieser ‚Zutaten‘ hinsichtlich einer seit Jahrhunderten etablierten bildgewordenen Sprache, die mittels spezifischer Symbole, Anleihen und Zitate, Themen und Dichotomien für eine Festigung bestimmter Wahrnehmungsme- 368 Waike-Koormann: Elfriede Lohse-Wächtler und Grethe Jürgens chanismen, bestehender Hierarchien und Rollenverteilungen für die Legitimation des Künstlers und hier insbesondere für die des weißen, heterosexuellen männlichen Künstlers Sorge trägt? 3. Welche von diesen ‚Zutaten‘ machen Grethe Jürgens und Elfriede Lohse- Wächtler für sich auf welche Weise nutzbar und wie transformieren sie sie möglicherweise in ihren Arbeiten und ihrem Habitus? Die unterschiedlich gearteten Selbstdarstellungen von Lohse-Wächtler und Jürgens wurden dabei als Teil ihrer Etablierungsbestrebungen und zugleich als Suchbewegungen nach der eigenen Identität als Frau und Künstlerin verstanden. In ihrer Gegenüberstellung mit ausgewählten Selbstbildnissen von Otto Dix, zeigte sich, dass alle drei Künstler_innen sich traditioneller Darstellungsmodi bedienten. Sowohl Grethe Jürgens und Elfriede Lohse- Wächtler als auch Otto Dix versetzten sich in zeitgenössische Umräume. Autobiografische Elemente und Symbole, die der Darstellung der eigenen Marginalisierung Vorschub leisten können und sollten, finden sich in den Werken aller drei Vertreter. Gleiches gilt für mittels der Selbstdarstellungen formulierte Rollenspiele und Kostümierungen, die als Variationen von Identität unter anderem Erwartungen an Rollenverteilungen und Hierarchien sichtbar werden lassen. Der Bildraum fungiert dabei als eine Art Bühne auf der mittels symbolischer Repräsentationen in Form von tradierten Zeichen und Begrifflichkeiten kulturelle, ideologische, soziale und geschlechtsspezifische Diskurse verhandelt werden. Unterschiede ließen sich in der technisch-stilistischen Umsetzung konstatieren. Elfriede Lohse-Wächtler und Otto Dix stellten sich im Gegensatz zu Grethe Jürgens häufig mittels expressiver Malweise in unterschiedlichen emotionalen Zuständen da. Ihre Werke vermitteln dem bzw. der Betrachtenden das Gefühl von Nähe, Privatheit und auf diese Weise den Eindruck von Authentizität. Durch die überwiegend sachlich gehaltenen Selbstdarstellungen von Grethe Jürgens wirken diese unnahbarer und erschließen sich in ihrer Vielschichtigkeit erst durch zusätzliche Kenntnisse, beispielsweise ihres geografischen oder biografischen Kontextes. Selbstbildnisse als Akt und entblößte Körper wie in den betrachteten Darstellungen von Elfriede Lohse-Wächtler und Otto Dix sucht man in ihren Selbstdarstellungen vergeblich. Sie bieten auf den ersten Blick wenig Raum für sexuell konnotierte, voyeuristische Blicke, wohingegen nicht wenige Arbeiten ihrer beiden Kollegen eben diese Neugierde und das Bedürfnis der bzw. des Rezipienten nach Intimität und privaten Einblicken in das vermeintliche Seelenleben des bzw. der Dargestellten befriedigen. Diese Erkenntnisse wurden mittels der ausführlichen Analysen und Interpretationen ausgewählter Paardarstellungen der drei Künstler überprüft und bestätigt, wobei sich sowohl das Konzept der Gegenüberstellung als auch die Anwendung von Blick und Raum als Grundmuster für die Bildbetrachtungen als effiziente Mittel erwiesen. Es zeigten sich einige inhaltliche Parallelen. Sowohl Elfriede Lohse-Wächtler und Grethe Jürgens als auch Otto Dix bedienten sich auch im Rahmen dieser Werkgruppe traditioneller Darstellungsmodi und fügten ihren Paardarstellungen autobiografische Elemente hinzu. Neben dem sich erneut manifestierenden Versetzen der Protagonisten in zeitgenössische Umräume nahmen alle drei Künstler_innen Typisierungen und Stilisierungen vor. Wiederholt spiegeln die analysierten künstlerischen Arbeiten ihre gute Beobachtungsgabe, das Interesse und Gespür für die sozialen, politischen und kulturellen Phänomene ihrer Zeit. 369 Fazit und Ausblick In den Paardarstellungen von Elfriede Lohse-Wächtler und Otto Dix gehen die offensichtlichen Entwürfe von antibürgerlichen ‚Typen‘ und Menschenbildern vielfach mit einer erotischen Aura des moralischen Verfalls einher. Durch die Art der Darstellung und deren Inhalt suggerieren sie den Verlust von Kontrolle. Sie fungieren somit als Projektionsfläche für bürgerliche Phantasien und leisten deren Beflügelung Vorschub. Derartige ‚Typen‘ finden sich im Werk von Grethe Jürgens ebenfalls. Entsprechende Andeutungen sind durch Blicke, Körperhaltungen und den Umraum zahlreicher ihrer Paardarstellungen inhärent. Jedoch fehlen ihnen die Nacktheit, das provokative Moment oder auch ein auf den ersten Blick sichtbarer autobiografischer Bezug. Sie sind Zeugnisse von Beobachtungen, die – wie sich zeigte – vielschichtig Eingang in komplexe Bildwerke finden. Des Weiteren schließt die vorliegende Untersuchung an die Forschung zu Grethe Jürgens insofern an, als dass sie den Versuch einer Entmythisierung bestimmter Wahrnehmungsmuster und Erzählungen im Kontext des Verbundes der Hannoveraner Kolleg_innen unternimmt. Dies geschah durch eine kritische Betrachtung bestehender Narrative. Deren partielle Widerlegung gelang zum einen durch die ausführliche Analyse der Etablie rungsbestrebungen von Jürgens. Zum anderen konnte die eigene aktive Rolle der Künstlerin bei der Produktion dieser Erzählungen aufgezeigt werden. In Zusammenhang mit der Darstellung ihrer Etablierungsbestrebungen erfuhr die Werkgruppe der Pflanzenbilder ebenfalls eine weiterführende Betrachtung. In Unterkapitel 5.1 wurde dargelegt, dass für die Etablierung und Festigung des männlichen Avantgarde-Künstlers in der Kunstgeschichtsschreibung spezifische Mechanismen entworfen und kolportiert wurden. Sie reichen bis hin zu einer mythischen Überhöhung bestimmter Künstlerpersönlichkeiten, die wiederum deren Erfolg bedingen. Die nachfolgende Analyse der Rezeption von Grethe Jürgens und Elfriede Lohse-Wächtler fiel gewollt ausführlich aus, um dem bzw. der Lesenden die Redundanz und die zum Teil festgefahrenen Muster der Rezeption der beiden Künstlerinnen aufzuzeigen. Es stellte sich heraus, dass sowohl die Biografie und die Etablierungsbestrebungen als auch das Werk von Elfriede Lohse-Wächtler zahlreiche ‚geeignete Zutaten‘ für eine erfolgreiche Rezeption auf der Basis einer eben solchen mythischen Überhöhung in sich bergen. Wiederholt wurde dies durch die unterschiedlichen Formen der Selbstdarstellungen, Paarbildnisse und anhand des Rezeptionsverlaufs deutlich. Daran schließt sich eine weitere Hauptthese an, die sich auf die unterschiedliche Wahrnehmung von Grethe Jürgens und Elfriede Lohse-Wächtler bezieht. Ich bin von der Annahme ausgegangen, dass sich im Verhalten und angesichts des Rezeptionsverlaufes von Elfriede Lohse-Wächtlers Biografie und Werk bestimmte Vorgehensweisen und Mechanismen konstatieren lassen, die einer mythischen Überhöhung Vorschub leisten. Dies wirkt sich meiner Ansicht nach – neben weiteren Faktoren – positiv auf ihre stetig steigende Bekanntheit aus. Jürgens’ Selbst- und Paardarstellungen operieren partiell zwar ebenfalls beispielsweise mit dem Zitat etablierter Künstler oder der Verortung in zeitgenössische künstlerische und gesellschaftliche Diskurse. Zudem forcierte Grethe Jürgens beständig die eigene gesellschaftliche Marginalisierung bzw. viel eher eine entsprechende Wahrnehmung. Dennoch fehlen in der Biografie und in dem Œuvre neben vermeintlich privaten und bestenfalls auf das Leben rekurrierende künstlerische Äußerungen weitere entscheidende Faktoren. Ge- 370 Waike-Koormann: Elfriede Lohse-Wächtler und Grethe Jürgens meint ist hier verkürzt zusammengefasst körperliches und physisches Leid, das wiederum in Bezug zu ihren künstlerischen Äußerungen gesetzt werden könnte. Hinsichtlich der künstlerischen Arbeiten von Elfriede Lohse-Wächtler und ihres Habitus’ zeigte sich – wenn auch nicht in der Drastik –, dass diese eher jenen von Dix entsprechen bzw. entsprachen. Die für eine Künstlerwahrnehmung essenziellen bildkünstlerischen Selbstporträts von Grethe Jürgens wirken bereits rein stilistisch betrachtet wenig emotional. Das Gefühl von Intimität und Nähe stellt sich bei dem bzw. der Betrachter_in kaum ein. Diese Zeugnisse und auch ihre Paardarstellungen setzen teilweise ein spezifisches Wissen voraus, das ein tradiertes, allgemein als bekannt vorauszusetzendes Bildgedächtnis übersteigt. Die Werke öffnen sich in ihrer Vielschichtigkeit in diesen Fällen erst in Folge einer ausführlichen Bildanalyse. Dass diese Mechanismen und Strukturen für eine Anerkennung als Künstlerin nach wie vor wirksam sind, zeigte die Analyse der unterschiedlich erfolgreich verlaufenden Rezeptionen. Bescheidene Lebensverhältnisse und die Nähe zu gesellschaftlichen ‚Randgruppen‘ konnten für beide Künstlerinnen als wiederkehrende, für eine Marginalisierung wirksame Erzählungen herausgestellt werden. Doch auch hier gehen die ‚Entbehrungen‘ und die ‚Leiden‘, die Elfriede Lohse-Wächtler für ihr Dasein als Künstlerin ‚erdulden musste‘, über jene von Grethe Jürgens hinaus. Diese verfügte zeitlebens über einen Raum zum Leben und Arbeiten sowie über ein – wenn auch über lange Zeit geringes – Einkommen. Elfriede Lohse-Wächtlers biografische Erzählungen hingegen sind geprägt von existenzieller Not, Obdachlosigkeit, Krankheit, einer gescheiterten Ehe, einem frühen, gewaltsamen Tod und von Spekulationen um Drogenmissbrauch und Prostitution. Als besonderer Faktor kommt ihre Wahrnehmung im Rahmen der Aufarbeitung nationalsozialistischer Geschichte hinzu. Auf diese Weise verbindet sich der Umstand ihrer Tötung meiner Ansicht nach mit einem nach wie vor bestehenden kollektiven und persönlichen Schuldempfinden und dem Bedürfnis nach Wiedergutmachung. An diese zentralen ‚Zutaten‘ eines bewegten Künstler_innendaseins lassen sich Gedanken über das spezifisch weibliche ‚Leiden‘ der Kinderlosigkeit anschließen. Diese ‚betrifft‘ beide Künstlerinnen, sie wird jedoch im Rahmen ihrer Rezeption unterschiedlich verwertet. Hinsichtlich der Intentionen oder den Umständen der Kinderlosigkeit von Grethe Jürgens bestehen nach bisherigem Kenntnisstand keine schriftlich, mündlich oder künstlerisch überlieferten Äußerungen oder Dokumente. Die Kinderlosigkeit ‚eignet‘ sich daher nicht für eine die Rezeption beeinflussende Erzählung. Wie die vorliegende Untersuchung zeigen konnte, bildet die Kinderlosigkeit von Elfriede Lohse-Wächtler hingegen einen entscheidenden, wiederkehrenden Erzählstrang. Er stilisiert die Künstlerin auf mehrfache Weise zu einem Opfer im oben definierten Sinne. Als ‚Täter‘ werden die wirtschaftlichen Gegebenheiten, ihr Ehemann und aufgrund der Sterilisierung letztlich die Nationalsozialisten verantwortlich gezeichnet. Folgt man der These von Reinhild Feldhaus, wurde anhand dieses Beispiels besonders deutlich, dass im Rahmen ihrer Rezeption auch Elfriede Lohse-Wächtlers Kreativität wiederholt an ihren Körper rückgebunden wird. Die Künstlerin selbst nutzte diesen in ihren Werken als eine ‚Bühne‘ der Repräsentation. Auf dieser verhandelte sie unterschiedliche Diskurse, so unter anderem Mythen um weibliche Emanzipation und die Entdeckung einer individuellen Körperlichkeit. In einer sehr viel drastischeren Weise als bei Grethe Jürgens ist Lohse-Wächtlers Körper Schauplatz von Emotionen, Zuschreibungen und immer wieder Ausdruck von 371 Fazit und Ausblick Kreativität, selbst dann, wenn das Blatt vor ihr auf dem Tisch leer verbleibt. Die andauernde Internierung in einer psychiatrischen Einrichtung, die sich verschlechternden Lebensumstände dort und die erfahrene Demütigung durch die Sterilisation betreffen erneut ihren Körper. Sie werden im Rahmen der Rezeption als Ursache für den Verlust dieser Kreativität bis hin zu der gewaltsamen, endgültigen Vernichtung der Körperlichkeit wahrgenommen. Somit lautet eine weitere Schlussfolgerung, dass für den erfolgreichen Verlauf der Rezeption von Elfriede Lohse-Wächtler drei Faktoren maßgeblich mitbestimmend sind.1269 Diese sind untrennbar miteinander verbunden. Zum einen erweitern ihre Aufenthalte in der Psychiatrie, ihr dortiges künstlerisches Schaffen und ihre Ermordung durch die Nationalsozialisten das Themenspektrum, in denen eine Rezeption ihrer Biografie und ihrer Arbeiten erfolgen kann. Zum anderen begünstigen bestimmte Vorgehensweisen und Mechanismen eine mythische Überhöhung in Anlehnung an jene, die für die Wahrnehmung von herausragenden männlichen Künstlerpersönlichkeiten seit Jahrhunderten verfestigt wurden. Dabei zeigte sich als ein weiterer Faktor, dass für eine erfolgreiche Rezeption im Fall von Lohse-Wächtler die oben näher benannte Rückbindung an ihren weiblichen Körper von nicht unerheblicher Bedeutung ist. Auch wenn frühe Publikationen die ‚Befreiung des Ingeniums‘ der Künstlerin proklamierten, steht ihr eigener Körper in der nachfolgenden Rezeption im Fokus der Wahrnehmung. Es wurde deutlich, dass er – eben auch aufgrund seines vielgestaltigen Einsatzes durch die Künstlerin selbst – den Anlass für vielfältige, spezifisch weibliche Opfer-Erzählungen bildet. Entscheidend ist dabei meiner Ansicht nach zudem, dass der bzw. die Rezipient_in hinsichtlich einer derartigen Wahrnehmung durch bestimmte Formen der Kunstgeschichtsschreibung und (Markt-)Mechanismen geschult wurde. Die entsprechenden Denkmuster und Sprechweisen sind etabliert und geläufig. Dies wurde unter anderem anhand der zahlreich angeführten Veröffentlichungen zu Ausstellungen deutlich. So sollen beispielsweise bestimmte Werke, Zitate und Kontextualisierungen legitimerweise Interesse bei potenziellen Besucher_innen evozieren. Geschlechtliche Dominanzgefüge und die mehrfach angeführten, etablierten Dichotomien von weiblich konnotierter Natur und männlicher Kultur, Körper und Geist bleiben durch die bisherige Art der Rezeption bestehen. Eine hier in Ansätzen erfolgte kritische Betrachtung auf der Basis feministischer Forschungsansätze kann und will derartige Strukturen nicht auflösen. Das Ziel der vorliegenden Untersuchung ist vielmehr eine Sensibilisierung anhand konkreter Beispiele und die Öffnung festgefahrener Wahrnehmungen. Diese Öffnung birgt auch für nachfolgende Untersuchungen eine Vielzahl an Anknüpfungsmöglichkeiten, von denen im Folgenden eine Auswahl vorgestellt wird. Möglich sind in Anbetracht der hier angeführten Bildbetrachtungen die Sichtbarmachung zahlreicher weiterer ‚Verästelungen‘ sowie die Übertragung des verwandten inter- 1269 Mit einem erfolgreichen Verlauf sind eine zum jetzigen Zeitpunkt erkennbare stetige Zunahme der Bekanntheit von Elfriede Lohse-Wächtler und eine Wertsteigerung ihrer Werke am Kunstmarkt gemeint. Erneut sei an dieser Stelle betont, dass der engagierte und verdienstvolle Einsatz der Nachlassverwaltung, deren Vernetzung zu privaten Sammler_innen sowie die Existenz eines Förderkreises die positive Entwicklung der Rezeption von Elfriede Lohse-Wächtler maßgeblich mit beeinflusst haben und weiterhin tragen. Jedoch kann meiner Ansicht nach auch derartiges Engagement nicht den gewünschten Erfolg erzielen, wenn die hier herausgestellten weiteren Faktoren nicht gegeben wären. 372 Waike-Koormann: Elfriede Lohse-Wächtler und Grethe Jürgens disziplinären Ansatzes auf andere Werkgruppen. Beispielsweise könnten die oben benannten, von Olaf Peters für Arbeiten der Neuen Sachlichkeit nutzbar gemachten Begrifflichkeiten „Bruch – Kontinuität – Transformation“1270 auf die gegenständlichen Landschaftsdarstellungen von Grethe Jürgens angewendet werden. Eine derartige Betrachtung konnte diese Arbeit nicht in allen Einzelheiten leisten. Viel eher erfolgte sie basierend auf den oben dargestellten Verdienstmöglichkeiten, Ausstellungstätigkeiten und zusammenfassend im Hinblick auf die während der 1930er und 1940er Jahre entstandenen Werkgruppen. Anschließenden wissenschaftlichen Untersuchungen obliegt zudem die ausführliche Analyse und Betrachtung der Pflanzendarstellungen sowie der von Grethe Jürgens erstellten Illustrationen und werbegrafischen Arbeiten. Deren detaillierte kontextualisierende Betrachtung mit ihren bildkünstlerischen Werken steht zu diesem Zeitpunkt noch aus. In Bezug auf Elfriede Lohse-Wächtler wäre auch im Hinblick auf eine stärkere Fokussierung zugunsten ihres vielfältigen Schaffens eine Aufarbeitung ihrer kunstgewerblichen Arbeiten wünschenswert. Bedauerlicherweise erschwerten die Quellenlage und ein praktischer bzw. vornehmlich privat intendierter Nutzen bisher die weitere Entdeckung textiler, illustratorischer und grafischer Zeugnisse. Ein weiteres, bedeutendes Anliegen der vorliegenden Studie war und ist es, einen Beitrag zur Künstlerinnenforschung im Allgemeinen zu leisten. Der hier verwandte Ansatz könnte insofern nutzbar gemacht werden, als dass zum einen der Fokus wieder vermehrt auf die künstlerischen Arbeiten denn auf die Biografie verlegt wird. Die Basis sollten ausführliche Werkbetrachtungen bilden, die über eine Grundlagenforschung hinaus unterschiedliche Aspekte im Œuvre einer Künstlerin beleuchten. Zum anderen wäre eine Rezeptionsanalyse weiterer um 1900 geborener und zahlreich im Rahmen der ‚verschollenen Generation‘ rezipierter Künstlerinnen von Interesse. So bliebe in größerem Umfang nachzuvollziehen, wie sich die Wahrnehmung anderer weiblicher Kunstschaffender nach ihrer Wiederentdeckung und dem Erscheinen erster Monografien im Detail gestaltet. Dies wiederum evoziert die Frage, ob sich die in der vorliegenden Untersuchung konsta tier ten Muster übertragen und möglicherweise bis zu einem gewissen Maße für die Rezeption und den Erfolg von Künstlerinnen systematisieren ließen. Voraussetzung dafür wäre das Erstellen eines Leitfadens, der aus der vorligenden, beispielhaften Untersuchung heraus bestimmte Parameter entwickelt, die sich im Anschluss auf weitere Künstlerinnen, ihre Werke und bisherige Rezeption anwenden ließen. Spezifische Fragestellungen könnten auf die Erfassung von Informationen zur absolvierten Ausbildung, zu dem jeweiligen persönlichen, sozialen, politischen und kulturellen Umfeld und den unternommenen Etablierungsbestrebungen hin zielen. Dabei sollten die künstlerischen Arbeiten als bedeutende Zeugnisse der Etablierung und Auseinandersetzung mit den Phänomenen ihrer Zeit und persönlichen Gegebenheiten im Fokus der Betrachtung stehen. Wichtig ist zudem, die jeweiligen äußeren Umstände mitzubedenken, so zum Beispiel, welcher Avantgardebegriff vorherrscht. Eine Eingrenzung auf die Analyse von Angehörigen einer Generation wäre daher zunächst sinnvoll. Für eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse wären weitere Parameter notwendig. So müsste man beispielsweise definieren, welche Medien man mit welchem Stellenwert in die Rezepionsanalyse einbezieht und woran sich die erfolgreiche Etablierung eines Künstlers bzw. einer Künstlerin konkret messen lässt. 1270 Peters 2001, S. 83. 373 Fazit und Ausblick So interessant die Überprüfung einer Übertragbarkeit der Vorgehensweise und Erkenntnisse dieser Studie auf andere Künstlerinnen wäre, so möchte ich abschließend betonen, dass gerade die nach allen Seiten hin offene und von den Werken selbst ausgehende Betrachtungsweise ein zentrales Anliegen der vorliegenden Untersuchung ist. Ein standardisiertes Vorgehen könnte dem entgegenwirken. Denkbar wäre die Erstellung und Anwendung daher meiner Ansicht nach zunächst am ehesten für den Bereich der Rezeptionsanalyse, um beispielsweise vergleichbare Erkenntnisse zu den bisherigen Rezeptionen weiterer um 1900 geborener Künstlerinnen zu generieren. Ob in Anbetracht der Individualität der Frauen, ihrer Lebenswege und -umstände ein derartig standardisiertes Vorgehen überhaupt möglich oder sinnvoll ist, bliebe zu überprüfen.

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Zusammenfassung

Mit dem vorliegenden Band eröffnet Maren Waike-Koormann neue Blickwinkel auf das Werk, die Biografie und die Wahrnehmung der beiden 1899 geborenen Künstlerinnen Elfriede Lohse-Wächtler und Grethe Jürgens. Durch Betrachtung ihrer Ausbildungswege, ihrer Etablierungsbestrebungen und Rezeptionsgeschichten wird die Wirkmächtigkeit von Strukturmustern und tradierten Erzählweisen bis hin zu Mythisierungen sichtbar. Kern der Untersuchung ist die Analyse von unterschiedlich gearteten Selbstzeugnissen und Paardarstellungen aus den 1920er und 1930er Jahren mit dem Fokus auf Konstellationen von Bild, Raum und Geschlecht. Eine Analyse von ausgewählten Arbeiten des Künstlers Otto Dix als erfolgreichem männlichen Vertreter der modernen Avantgarde lässt Machtmechanismen, Hierarchien, Abgrenzungsmechanismen und deren Bildwerdung zusätzlich deutlich werden.

Im Ausblick plädiert die Autorin für eine Öffnung teilweise „festgefahrener“ Interpretationsweisen, Erzählstrategien und Rezeptionsmechanismen in Bezug auf das künstlerische Schaffen von Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.