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I. Vorwort der Herausgeberin in:

Georg Wissner

Üben am Instrument, page 9 - 12

Übertragbarkeit der Expertiseforschung auf normalbegabte, popularmusikalisch interessierte Schüler

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4202-1, ISBN online: 978-3-8288-7099-4, https://doi.org/10.5771/9783828870994-9

Series: Systematische Musikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart, vol. 7

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
I. Vorwort der Herausgeberin Musik ist zweifelsohne ein wichtiger Bestandteil im Leben heutiger Kinder und Jugendlicher. Dies hat vor allem mit der generellen, unmittelbaren und häufig kostenlosen Verfügbarkeit von Musik über heutige Medien zu tun, die eine eigenständige Rezeption und damit Abgrenzung von Eltern und sonstigen Autoritätspersonen ermöglicht. Jedoch erfolgt eine Beschäftigung mit Musik zumeist nur über das Hören und gegebenenfalls Tanzen, wobei populäre Musik im Vordergrund steht. Viel weniger Kinder und Jugendliche unterziehen sich zusätzlich den Mühen des Erlernens eines Instruments und dies zumeist unter Anleitung eines Lehrers oder einer Lehrerin, mit dem oder der zusammen vornehmlich ein klassisches Repertoire an Musikstücken erarbeitet wird. Allerdings ist gerade im Jugendalter die autodidaktische Aneignung von Techniken des Instrumentalspiels oder der vielfältigen Möglichkeiten elektronischer Musikproduktion ebenfalls verbreitet, was individuelles und/oder gemeinsames Songwriting und Jammen ermöglicht. Ist für den musizierenden Zugang zu populärem Repertoire somit überhaupt eine Instrumentallehrkraft erforderlich? Unbestreitbar erfordert auch das autodidaktische Lernen Übung: Über das Ausprobieren, das Konsultieren von Instrumentalschulen für Selbstlerner und YouTube-Lehrgängen sowie die Beobachtung von musizierenden Peers und anderen Vorbildern erkunden Jugendliche die Möglichkeiten ihres Instruments und eignen sich nach und nach verschiedene Techniken zum Spielen konkreter Songs an. Das autodidaktische Üben war bisher jedoch selten Gegenstand der Forschung (vgl. z. B. Green 2002). Ein noch größeres Forschungsdefizit ist bezogen auf das Üben von solchen Jugendlichen auszumachen, welche bei einem Lehrer an einer Musikschule ein Instrument erlernen, das mehrheitlich in der populären Musik Verwendung findet (z. B. E-Gitarre) oder mit dem ein populäres Repertoire aufgebaut 10 Vorwort der Herausgeberin werden soll. Zwar handelt es sich beim Thema ›Üben‹ um eines der wichtigsten Forschungsfelder in der Musikpädagogik und in der Musikpsychologie (vgl. z. B. Miksza 2011; Lehmann/Jørgensen 2012; Jørgensen/Hallam 2016), jedoch spielt dabei das Erlernen von populären Musikstilen oder von Instrumenten, die Standard einer Rockband sind, keine Rolle. Allerdings deuten bisherige Ergebnisse zum Aufbau einer musikalischen Expertise über Üben darauf hin, dass bestimmte Überstrategien effektiver sind als andere und dass ein Lehrer dabei helfen kann oder vielleicht sogar erforderlich ist, die effektivsten Übestrategien kennenzulernen und die Einsicht zu gewinnen, welche Strategien wenig effizient und deshalb nur Zeitverschwendung sind (vgl. z. B. den Forschungsüberblick in Heller/Bullerjahn/von Georgi 2015, S. 2 f.). Denn auch wenn Jugendliche mehrheitlich keine virtuosen Leistungen anstreben, mit denen sie internationale Wettbewerbe gewinnen könnten, so geht es ihnen doch darum, eine gewisse Kompetenz aufzubauen, und sollte diese auch nur darin bestehen, endlich mit der eigenen Band ein Cover von Smoke On The Water spielen zu können. Ausgangspunkt des vorliegenden Buches, dem eine von mir betreute Dissertation am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen zugrunde liegt, sind vor allem eigene Erfahrungen Georg Wissners als Gitarrenlehrer an verschiedenen Musikschulen sowie bereits durchgeführte eigene empirische Studien zum Thema Üben beispielsweise im Rahmen seiner Magisterarbeit. Im Mittelpunkt seiner Forschung steht der durchschnittliche, von ihm »normalbegabt« genannte Instrumentalschüler, der wie die Mehrheit seiner Altersgenossen frühestens in der mittleren Grundschulzeit mit dem Instrumentalunterricht beginnt, eine Präferenz für das Hören und Musizieren von Popularmusik hat und wenig Zeit und Lust zum Üben. Georg Wissner interessiert, ob die im Rahmen der Expertiseforschung als am wichtigsten proklamierten Einflussfaktoren, wie eine hohe Anzahl an Übungsstunden, das hoch Vorwort der Herausgeberin 11 strukturierte, zielgerichtete, anstrengende und von einem qualifizierten Lehrer überwachte Üben (›deliberate practice‹) mit bewussten Pausen sowie große elterliche Unterstützung für diese Klientel in gleicher Weise von Bedeutung sind, oder ob sie vielleicht durch weitere Faktoren aus der allgemeinen Übeforschung (wie Motivation, infrastruktureller Hintergrund und externale Handlungshemmnisse) zu ergänzen oder durch andere Konzepte vielleicht sogar zu ersetzen sind. Sein Wunsch ist dabei auch, dass seine Erkenntnisse später in Lehrwerken für Instrumentallehrer und -schüler Berücksichtigung finden mögen, um einen zeitgemäßen, an den Zielsetzungen der durchschnittlichen Schüler ausgerichteten und für beide Seiten gewinnbringenden Unterricht zu ermöglichen. Georg Wissner beginnt als Ausgangspunkt für seine eigene Untersuchung mit einem umfassenden Theorieüberblick, wobei er Begriffe wie ›Üben‹, ›Normalbegabung‹ und ›Experte‹ erläutert und Erkenntnisse der Expertise- und Übeforschung zusammenfasst. Dabei werden auch Probleme und Versäumnisse bisheriger Forschung nicht ausgespart. Diese Betrachtungen münden in sein Modell zur ›amateur practice‹, also der Übepraxis normalbegabter jugendlicher Instrumentalschüler, und Forschungsfragen sowie Hypothesen. Als Methode zur Datenerfassung wählt er die Befragung von Instrumentalschülern über einen längeren Fragebogen, der die musikalische Vorerfahrung, das Übeverhalten, die Übemotivation, den infrastrukturellen Background, externale Handlungshemmungen, elterliche Unterstützung, musikalische Aktivität und Musikpräferenz erfasst. Die vielen gesammelten Einzeldaten dienen der Bildung und Überprüfung eines linearen Strukturgleichungsmodells (SEM), um einen tiefergehenden Einblick in das Beziehungsgeflecht der relevanten Faktoren für das Üben jugendlicher Instrumentalschüler zu erlangen. Dabei geht es ihm letztlich auch um einen Vergleich zwischen Schülern, die eher am Musizieren klassischer Musik interessiert sind, und solchen, die populäre Musik machen wollen. 12 Vorwort der Herausgeberin Mögen die Ergebnisse des vorliegenden Buches, dessen besondere Stärke die Überprüfung von Erkenntnissen der Übe- und Expertiseforschung hinsichtlich ihrer Relevanz für den Unterricht von normalbegabten Instrumentalschülern ist und welches populäre Musik nicht wie bisher viele Publikationen marginalisiert, möglichst bald Eingang in den Unterricht an deutschen Musikschulen und den von Privatmusiklehrern finden und dabei helfen, die Effektivität des Unterrichts in Hinblick auf eine Vorbereitung des Übens zu steigern, indem die Ziele und Wünsche solcher Jugendlichen nicht nur erkannt, sondern auch ernst genommen werden und sie von Lehrern und Eltern die Unterstützung beim Musik machen erhalten, die sie auch brauchen. Gießen, im März 2018 Claudia Bullerjahn

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Zusammenfassung

Wie soll man mit Instrumentalschülern umgehen, die klar an populärer Musik orientiert sind und mit klassischer Musik und deren Methodenrepertoire im Unterricht nicht zufriedenzustellen sind? Wie üben normalbegabte jugendliche Instrumentalschüler heutzutage eigentlich, und sind die immer häufiger genutzten online verfügbaren Lernquellen dabei eher Segen oder Fluch? Um diesen Fragen auf einer verlässlichen, repräsentativen Grundlage nachzugehen, befragte Georg Wissner über 600 Musikschüler zu insgesamt 8 Einflussfaktoren auf das Üben zu Hause, von Übeverhalten und -motivation bis zur elterlichen Förderung. Die dabei auftretenden Diskrepanzen zwischen dem alltäglichen, zumeist klassisch geprägten Musikunterricht und der Lebenswirklichkeit der Schüler veranlassen den Autor dazu, althergebrachte Konventionen kritisch zu hinterfragen und modernen, multimedial geprägten Übemethoden gegenüberzustellen.