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III. Einleitung in:

Georg Wissner

Üben am Instrument, page 17 - 22

Übertragbarkeit der Expertiseforschung auf normalbegabte, popularmusikalisch interessierte Schüler

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4202-1, ISBN online: 978-3-8288-7099-4, https://doi.org/10.5771/9783828870994-17

Series: Systematische Musikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart, vol. 7

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
III. Einleitung Bereits seit mehr als einhundert Jahren versuchen Forscher die Mechanismen zu ergründen, die sich hinter der Aneignung von Können und Leistungen auf verschiedenen Gebieten wie Sport, Schach oder Musik verbergen (vgl. Jørgensen/Lehmann 1997, S. 5). Die Forschung erstreckt sich dabei allerdings in vielen Fällen ausschließlich auf den Bereich von besonderer Begabung und das Erlangen außergewöhnlicher Expertise, die Untersuchungen bislang fast ausschließlich auf hochbegabte Schüler, Studenten und Experten (z. B. Kaczmarek 2012). Daraus resultiert die Frage, ob die gewonnenen Erkenntnisse sich, wie oft versucht, nahtlos auf den Bereich von Normalbegabung und durchschnittlicher Leistung beziehungsweise einem durchschnittlichen Leistungswillen übertragen lassen. Susan Hallam bemerkt mit Blick auf die Forschung dazu: »Stichproben sind auch so eine Sache. Forschung, die nur definierte Experten ihres Faches berücksichtigt, berücksichtigt nicht jene, die möglicherweise als mittelmäßig zu beschreiben sind, obwohl Individuen in dieser Gruppe vielleicht dieselben langen Übezeiten haben« (Hallam 1998, S. 37). Aufgrund dieser Forschungsfixierung muss auch überprüft werden, inwieweit die oft angeregte Praxisimplikation von Forschungsergebnissen in der musikpädagogischen Realität überhaupt Bestand haben kann. Die musikalische Jugendbildung, wie sie vornehmlich als Instrumentalunterricht in Einzel- oder Gruppenform von den öffentlichen und privaten Musikschulen in Deutschland angeboten wird, erstreckt sich hauptsächlich auf die Arbeit mit normalbegabten Schülern mit durchschnittlichem Leistungsanspruch. Des Weiteren belegt die populäre oder U-Musik seit Jahren einen Platz im Unterricht, der in den meisten Fällen die Beschäftigung mit der klassischen E-Musik, spätestens mit Eintritt in das Jugendalter, weit in den Hintergrund drängt. Aus diesem Grund scheint die Forschung in diesem Gebiet von besonderer Bedeutung. 18 Einleitung »Die Populäre Musik umgibt uns ständig – ob wir sie nun schätzen oder nicht. Das allein sollte für Systematische Musikwissenschaftler, Musikpsychologen und andere Musikforscher Grund genug sein, sich dieser Musik zuzuwenden. Allerdings ist […] international bislang erstaunlicherweise sehr wenig empirische Forschung zu diesem Sujet zu verbuchen« (Lehmann/Kopiez 2013, S. 25). Aus dieser Divergenz zwischen Forschung und Praxis ergibt sich die Problemstellung der empirisch zu prüfenden Vereinbarkeit von Erkenntnissen der Expertiseforschung mit den Gegebenheiten im musikpädagogischen Alltag der Instrumentalerziehung. Schon Günter Kleinen wies darauf hin, dass man im Instrumentalunterricht vorwiegend auf normalbegabte Schüler trifft und bemerkte darüber hinaus: »Daher muss ein entscheidender Ansatzpunkt bei den Musikinteressen liegen, die es zu fördern und auszubauen gilt« (Kleinen 1988, S. 891). Eine Untersuchung zum Einfluss gezielter Übeinstruktionen auf den musikalischen Lernerfolg bei Instrumentalschülern zeigte bereits, dass einfache alltägliche Hinweise – etwa zur Benutzung eines Notenständers oder der Einrichtung eines geeigneten Übeplatzes – keinen signifikanten Nutzen beim Üben haben (vgl. Wissner/Bullerjahn/von Georgi 2006). Eine im Rahmen meiner Magisterarbeit durchgeführte Studie zu Konzepten zum Üben am Instrument, deren Stichprobe sich aus dem Schülerstamm verschiedener, populär-musikalisch ausgerichteter Musikschulen sowie aus Studenten verschiedener Fachbereiche speiste, lässt darüber hinaus Zweifel an einigen tradierten Feststellungen der Expertiseforschung aufkommen (vgl. Wissner 2010). Wie erklärt es sich beispielsweise, dass Teilnehmer, die sich eher als Autodidakten einschätzen, in der durchgeführten Studie längere tägliche Übezeiten aufweisen als Instrumentalschüler? Und warum üben diese Autodidakten häufiger mit innovativen Übetechniken wie Playalongs, Tutorials oder Selbstaufnahme als ihre durch Unterricht angeleiteten Altersgenossen? Hier liegt die Vermutung nahe, dass auch die zumeist populär orientierten, vorwiegend Einleitung 19 von autodidaktischem Lernen geprägten Schüler ein hochwertiges Üben praktizieren, welches aber in seiner Ausgestaltung nicht zwingend den Grundsätzen der deliberate practice folgen muss. Dahingehende Vermutungen äußern auch Andreas Lehmann und Reinhard Kopiez: »Die an klassischer Musik gewonnenen musikpsychologischen Erkenntnisse sind nicht auf die Populäre Musik übertragbar: So verläuft die Expertisierung von Popmusikern häufig informell (z. B. autodidaktisch), das Songwriting ist etwas anders als das Komponieren und die Persönlichkeitsmerkmale klassischer Musiker unterscheiden sich höchstwahrscheinlich von denen der Popmusiker.« (Lehmann/Kopiez 2013, S. 27). Ebenso interessant erscheint, dass im Falle einer intrinsischen, lustbetonten Motivation hinsichtlich des Instrumentalspiels höhere Übezeiten angegeben werden als bei extrinsischer Motivation. Dies wirkt auf den ersten Blick vollkommen logisch, wirft aber Fragen in Bezug auf das Konzept der deliberate practice auf, welches hohe Übezeiten erfordert, aber gleichzeitig wiederholt betont wird, dass ein Üben im Sinne der deliberate practice selten lustbetont sei (vgl. Ericsson/Krampe/Tesch-Römer 1993). Auch im Hinblick auf das geforderte informative Feedback ergab sich in der durchgeführten Studie eine interessante Tendenz bezüglich der schriftlichen Fixierung von Hausaufgaben im Instrumentalunterricht: Je weniger schriftlich festgehalten wurde, umso höher waren die täglichen Übezeiten (vgl. Wissner 2010, S. 86). Auch hierbei stellt sich die Frage nach der Ausgestaltung des Übens und des damit verbundenen Ergebnisses. Eine durch den Lehrer fixierte Festlegung von Hausaufgaben, wie sie im Konzept der deliberate practice als wichtig erachtet wird, schränkt möglicherweise den eigenen kreativen Umgang mit dem Übematerial ein und verhindert somit eventuell eine selbstgewählte, möglicherweise lustbetontere Gestaltung des Übens. Hinsichtlich der Rolle der Eltern, welchen in der Expertiseforschung eine zentrale Rolle zugeschrieben wird, zeigte sich, dass in 20 Einleitung über 75 Prozent der Fälle die Eltern (oder der Partner) nicht am Übeprozess teilhaben. Dieser Umstand korreliert aber nicht mit der Dauer der Übezeit (vgl. Wissner 2010, S. 62). Offensichtlich gibt es also tatsächlich deutliche Diskrepanzen im Üben von populär und klassisch geprägten Instrumentalisten. Diese Diskrepanzen und Forschungslücken müssen aufgeklärt und verstanden werden, um letztlich zu Empfehlungen und einem Unterricht zu gelangen, der alle Instrumentalschüler auf ihrem jeweiligen Niveau, ihrer musikalischen Ausrichtung und ihrem spezifischen Leistungsanspruch umfassend fördern kann. »Obwohl das Thema Üben für jeden Musiker von großer Bedeutung ist, gibt es in der deutschen Literatur sehr wenig Forschung auf diesem Gebiet. Dokumentierte Reflexionen oder Beobachtungen des Übens bzw. des Übeverhaltens sind selten zu finden. […] Gleichzeitig wurden aber nicht viele experimentelle Untersuchungen auf diesem Gebiet gemacht« (Kaczmarek 2012, S. 56). In vorliegender Arbeit sollen entgegen der gängigen Praxis vor allem jene Aspekte Berücksichtigung finden, die bislang in der Übeforschung vernachlässigt wurden. Dies bedeutet insbesondere eine Fokussierung auf ganz gewöhnliche, ›normalbegabte‹ jugendliche Instrumentalschüler, die sich vorwiegend im Bereich der Rock- und Popmusik heimisch fühlen beziehungsweise ein Instrument des Pop/Rockinstrumentariums spielen und sich in der Regel in ihrem Leistungsanspruch jenseits von außergewöhnlicher Expertise, wie etwa bei musikalischen Preisträgern unter ihren Altersgenossen, bewegen. Sie verfolgen weder das Ziel, virtuose Fähigkeiten auf einem Instrument zu erlangen, noch haben sie die Absicht, sich ein umfangreiches Spielrepertoire des klassischen Werkekanons anzueignen. Oft streben sie sogar nur an, ein ganz bestimmtes, ihnen schon vorher bekanntes Stück zu erlernen. Einleitung 21 Da das Konzept der ›deliberate practice‹ bislang nur in Verbindung mit klassischer Musik und dem klassischen Instrumentenrepertoire an Experten oder weit fortgeschrittenen Schülern untersucht wurde, stellt sich ferner die Frage, ob sich populär und klassisch orientierte Schüler in ihrem Übeverhalten unterscheiden und inwieweit das Konzept der deliberate practice überhaupt bei diesen Gruppen greifen kann. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, das Üben und die Motivationen zum Erlernen eines Instrumentes bei diesen normalbegabten Schülern mit durchschnittlichem Anspruch an die eigene Leistung besser zu verstehen und mit den bisherigen Erkenntnissen aus der Übe- und Expertiseforschung, wie beispielsweise dem Zeitpunkt des Unterrichtsbeginns, der elterlichen Teilhabe, der Übezeit, des sozialen Umfeldes und Fragen der Motivation, abzugleichen. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, ob es gravierende Unterschiede im Üben von Schülern im populären und klassischen Bereich gibt. Dies soll zur Beantwortung der Frage führen, ob die tradierten Empfehlungen zum Üben, die sich zumeist aus den Erkenntnissen der Expertiseforschung ableiten, überhaupt auf die alltägliche Übepraxis normalbegabter Schüler und deren Lebenswirklichkeit anwendbar sind. Im Anschluss an definitorische Überlegungen und eine Aufarbeitung des Forschungsstandes in den Bereichen musikalische Übe- und Expertiseforschung wird eine eigene empirische Untersuchung vorgestellt, die auf der Befragung von mehreren hundert Instrumentalschülern verschiedener Musikschulen mit einem umfangreichen Fragebogen basiert und in die Bildung und Überprüfung eines linearen Strukturgleichungsmodells (SEM) mündet, wofür das Modul AMOS des statistischen Softwarepakets SPSS (Version 22) Verwendung fand.

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Zusammenfassung

Wie soll man mit Instrumentalschülern umgehen, die klar an populärer Musik orientiert sind und mit klassischer Musik und deren Methodenrepertoire im Unterricht nicht zufriedenzustellen sind? Wie üben normalbegabte jugendliche Instrumentalschüler heutzutage eigentlich, und sind die immer häufiger genutzten online verfügbaren Lernquellen dabei eher Segen oder Fluch? Um diesen Fragen auf einer verlässlichen, repräsentativen Grundlage nachzugehen, befragte Georg Wissner über 600 Musikschüler zu insgesamt 8 Einflussfaktoren auf das Üben zu Hause, von Übeverhalten und -motivation bis zur elterlichen Förderung. Die dabei auftretenden Diskrepanzen zwischen dem alltäglichen, zumeist klassisch geprägten Musikunterricht und der Lebenswirklichkeit der Schüler veranlassen den Autor dazu, althergebrachte Konventionen kritisch zu hinterfragen und modernen, multimedial geprägten Übemethoden gegenüberzustellen.