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II. Vorwort des Autors in:

Georg Wissner

Üben am Instrument, page 13 - 16

Übertragbarkeit der Expertiseforschung auf normalbegabte, popularmusikalisch interessierte Schüler

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4202-1, ISBN online: 978-3-8288-7099-4, https://doi.org/10.5771/9783828870994-13

Series: Systematische Musikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart, vol. 7

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
II. Vorwort des Autors Bereits seit über zwanzig Jahren gebe ich Instrumentalunterricht und habe dabei Schüler jeden Alters und jeder Leistungsklasse unterrichtet. Eines hat sich dabei immer wieder deutlich gezeigt: Lehrbücher, Tipps zum Üben und generelle Empfehlungen zur Erreichung eines Fortschritts am Instrument müssen zum einen für den jeweiligen Schüler gezielt ausgesucht werden und zum anderen auf ihre Eignung für den jeweiligen Unterricht, vor allem im popularmusikalischen Bereich, überprüft werden. Der überwiegende Anteil der vorhandenen Literatur und Lehrwerke zum Üben entstammt einer an klassischer Musik und deren Methodenrepertoire orientierten Lehre. Allerdings finden sich solche rein klassisch orientierten Schüler im heutigen Instrumentalunterricht kaum noch. Die populäre Musik ist gegenüber der Klassik ein Teil der Lebenswirklichkeit der Schüler und beeinflusst in starkem und immer noch zunehmendem Maße auch die Inhalte im Unterricht. Wie also soll man mit Schülern umgehen, die einerseits klar an der populären Musik interessiert und orientiert sind und andererseits mit klassischer Musik und deren Methodenrepertoire nicht zufriedenstellend zu unterrichten sind? Sicher können einige der bekannten Methoden und Techniken beim Üben auch in der populären Musik Anwendung finden, eine direkte Eins-zu-eins-Übertragung ist aber kontraproduktiv und führt langfristig zu Unmut und Demotivation bei Schülern und Lehrern. Muss ein Schüler, der beispielsweise ein bestimmtes Gitarrensolo lernen möchte, wirklich unweigerlich zuerst die entsprechend zugrunde liegende Skala perfekt als Fingerübung beherrschen oder sind vielleicht andere Herangehensweisen, gerade vor dem Hintergrund eines nicht expertiseorientierten Anspruches, denkbar? Muss zuerst ein bestimmtes Repertoire an Etüden und Übungen durchgearbeitet 14 Vorwort des Autors werden, bevor man sich an ›echte‹ Werke heranwagen darf, oder können erforderliche Kenntnisse möglicherweise auch direkt am konkreten Stück vermittelt werden? Aus der Sicht des Lehrers heraus kann ich die tradierten Methoden nicht per se als schlecht, altmodisch oder überkommen verurteilen. Generationen von Musikern haben damit gelernt und ihre Ziele erreicht. Doch kann dies im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass aktuelle Strömungen, wie zum Beispiel die Flut von Lernangeboten im Internet als Randerscheinungen oder kurzlebige Trends abgetan und in der Unterrichtsdidaktik nicht behandelt werden sollten. Im Gegenteil! Die vielfältigen Möglichkeiten, die sich durch neue Medien, neue Musikrichtungen und auch durch das technische und methodische Repertoire der populären Musik ergeben, müssen in einen modernen, zeitgemäßen Unterricht Eingang finden und können letztlich nur zu einer Verbesserung des Unterrichts insgesamt und somit zu einer Verbesserung des häuslichen Übeverhaltens der Schüler und deren Motivation beitragen. Was mir in der Unterrichtsvorbereitung immer wieder aufgefallen ist, sind die großen Lücken in der Forschung und damit auch der angebotenen Literatur in diesem Bereich. Zwar sind im Rock/Pop-Bereich vielfältige Lehrwerke vorhanden, doch orientieren sich deren Aufbau und die darin verwendeten Methoden doch immer wieder an klassischen Techniken und Althergebrachtem. Offensichtlich wird die Übemethodik weitgehend unreflektiert von Generation zu Generation übernommen. Dem unbestreitbaren Wandel jugendlicher Lebenswelten trägt dies nicht Rechnung. Dabei müssten gerade populär orientierte Musiker um die Besonderheiten ihres Genres hinsichtlich des Übens wissen. Diese Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit des alltäglichen Musikunterrichts und dem Angebot an Lehrwerken, den Tipps und Meinungen anderer Lehrer und Musiker und den Wünschen und Motivationen der Schüler hat mich dazu veranlasst, den Grundlagen des Vorwort des Autors 15 Übens bei populär orientierten Instrumentalschülern auf den Grund zu gehen, um zum einen herauszufinden, wie das häusliche Üben jugendlicher normalbegabter Instrumentalschüler vor allem im popularmusikalischen Bereich tatsächlich abläuft und zum anderen, wie man dieses optimiert, zeitgemäß und motivierend gestalten kann. »Forschung zur populären Musik führt in der Musikpsychologie ein Schattendasein. Die Gründe hierfür sind vielfältig und das Forschungsdefizit widerspricht der großen gesellschaftlichen Bedeutung dieser Musik« (Lehmann/Kopiez 2013, S. 26). Zu Gunsten der besseren Lesbarkeit des Textes wurde auf eine durchgängige zweigeschlechtliche Bezeichnung verzichtet und stattdessen nur die männliche Form verwendet. Grundsätzlich sollen aber alle Aussagen stets für beide Geschlechter gelten, wenn nicht anders erwähnt. Mein Dank gilt allen Personen, die während der Promotionsphase und der Erstellung meiner Dissertation mit hilfreicher Kritik, anregenden Hinweisen und emotionaler Unterstützung dafür gesorgt haben, dass ich diese Arbeit zu einem erfolgreichen Abschluss bringen konnte. Besonders bedanken möchte ich mich beim Verband Deutscher Musikschulen (VDM), der die Benutzung des offiziellen Verbandslogos für die Umfrage freigegeben hat und diese über den Email-Verteiler des Verbands mehrfach in den Mitgliedsschulen publik gemacht hat. Darüber hinaus gilt mein Dank dem Inhaber des Musikhauses Schönau in Gießen, Herrn Hans-Joachim Reh, der die Studie durch mehrere Gutscheine zur Verlosung finanziell unterstützt hat. Ganz besonders hervorheben möchte ich alle meine Schüler, die ich in den letzten zwanzig Jahren unterrichten durfte, und die durch ihre Anregungen und ihre individuellen Persönlichkeiten den Anstoß zu dieser Arbeit gaben. Pohlheim, im Februar 2018 Georg Wissner

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Zusammenfassung

Wie soll man mit Instrumentalschülern umgehen, die klar an populärer Musik orientiert sind und mit klassischer Musik und deren Methodenrepertoire im Unterricht nicht zufriedenzustellen sind? Wie üben normalbegabte jugendliche Instrumentalschüler heutzutage eigentlich, und sind die immer häufiger genutzten online verfügbaren Lernquellen dabei eher Segen oder Fluch? Um diesen Fragen auf einer verlässlichen, repräsentativen Grundlage nachzugehen, befragte Georg Wissner über 600 Musikschüler zu insgesamt 8 Einflussfaktoren auf das Üben zu Hause, von Übeverhalten und -motivation bis zur elterlichen Förderung. Die dabei auftretenden Diskrepanzen zwischen dem alltäglichen, zumeist klassisch geprägten Musikunterricht und der Lebenswirklichkeit der Schüler veranlassen den Autor dazu, althergebrachte Konventionen kritisch zu hinterfragen und modernen, multimedial geprägten Übemethoden gegenüberzustellen.