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I. Einleitung in:

Vinzenz Lübben

Bewertung, Übernahme und Nutzung von Schulunterlagen am Beispiel des Kommunalarchivs Minden, page 1 - 4

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4201-4, ISBN online: 978-3-8288-7098-7, https://doi.org/10.5771/9783828870987-1

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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1 I. Einleitung Das Kommunalarchiv Minden ist das gemeinsame Archiv der Stadt Minden und des Kreises Minden-Lübbecke.1 Es ist nach dem Gesetz über die Sicherung und Nutzung öffentlichen Archivguts im Lande Nordrhein-Westfalen vom 16. März 2010 für die Archivierung der bei seinen beiden Trägern entstehenden Unterlagen zuständig.2 Alle Dienststellen und sonstigen Einrichtungen der Stadt und des Kreises müssen daher dem Kommunalarchiv Minden ihre nicht mehr benötigten Unterlagen zur Bewertung und Übernahme anbieten. Hierzu zählen auch alle Schulen in der Trägerschaft der Stadt oder des Kreises. Schulen haben als Bildungs- und Erziehungseinrichtungen nach dem Schulgesetz für das Land Nordrhein-Westfalen vom 15. Februar 2005 den gesellschaftlichen Auftrag, „Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Werthaltungen“ zu vermitteln sowie zur Persönlichkeitsbildung ihrer Schülerinnen und Schülern beizutragen.3 Daneben kommt ihnen für ihr jeweiliges Einzugsgebiet eine große soziale, gesellschaftliche, kulturelle und politische Bedeutung zu. Besonders die früheren Dorfschulen der 1973 eingemeindeten Vororte, aber auch die traditionsreichen Schulen der Mindener Innenstadt trugen nicht unerheblich zur Entstehung und Wahrung eines ausgeprägten Lokalbewusstseins in den jeweiligen Stadtteilen bei.4 Doch nicht nur bei den Schulen selbst, sondern auch bei ihren Trägern und bei ihren Aufsichtsbehörden entstehen Schulunterlagen. Das Kommunalarchiv Minden ist neben der Archivierung von Unterlagen aus schulischer Provenienz auch für die Archivierung von kommunalen Unterlagen zur Schulträgerschaft und zur Schulaufsicht zuständig. Die Schulträgerschaft umfasst die sogenannten äußeren, die Schulaufsicht die sogenannten inneren Schulangelegenheiten. 1 Das Kommunalarchiv Minden wurde durch eine öffentlich-rechtliche Vereinbarung zwischen dem Kreis Minden-Lübbecke und der Stadt Minden vom 20. Dezember 1978 zum 1. Januar 1979 gegründet. Die betreffende öffentlich-rechtliche Vereinbarung findet sich im Amtsblatt für den Regierungsbezirk Detmold, 164. Jahrgang (1979), Nr. 1, S. 2–4, ein zugehöriger Änderungsnachtrag vom 31. Januar 1984 im Amtsblatt für den Regierungsbezirk Detmold, 169. Jahrgang (1984), Nr. 13, S. 68–69. Am 17. Juli 2002 wurde eine novellierte öffentlich-rechtliche Vereinbarung über den Betrieb des Kommunalarchivs Minden abgeschlossen. Diese ist abgedruckt im Amtsblatt für den Regierungsbezirk Detmold, 187. Jahrgang (2002), Nr. 32, S. 194–196. 2 Für das nordrhein-westfälische Archivgesetz wird nachfolgend die Abkürzung ArchivG NRW verwendet. 3 Vgl. § 2 Absatz 4 des nordrhein-westfälischen Schulgesetzes. Dieses Gesetz wird fortan als SchulG NRW abgekürzt. 4 Dies wird z. B. auch daran deutlich, dass in der Stadt Minden mehrere Straßen (Bliefterningweg, Immanuelstraße, Johann-Carl-Plate-Weg, Schraplauweg) und ein Freibad (Fritz-Homann-Bad) nach ehemaligen Schulleitern benannt sind. 2 I. EINLEITUNG Materialien zur Schulträgerschaft sind bei den Schulverwaltungsbehörden der Stadt Minden und des Kreises Minden-Lübbecke bzw. ihrer Rechtsvorgänger zu finden. Zu den wichtigsten zählen die Protokolle der Schulausschusssitzungen. Diese enthalten vielfältige Informationen zu bildungs- und gesellschaftspolitischen Diskussionen der Vergangenheit. Als Beispiele seien hier nur die Schulreformbestrebungen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, die Auflösung der Volksschulen, die schrittweise Einführung der Koedukation, die Gründung von Gesamtschulen und der Aufbau eines inklusiven Schulsystems genannt.5 Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Preußen durch das Gesetz betreffend die Beaufsichtigung des Unterrichts- und Erziehungswesens vom 11. März 18726 die staatliche Schulaufsicht eingeführt. Unterlagen zur Schulaufsicht entstehen seitdem nur noch bei staatlichen Stellen. Allerdings liegt die untere staatliche Schulaufsicht bei den Kreisen und kreisfreien Städten, so dass auch heute noch beim Schulamt des Kreises Minden-Lübbecke Unterlagen zur Schulaufsicht entstehen. Für deren Archivierung ist nach § 3 Absatz 2 ArchivG NRW jedoch das Landesarchiv NRW zuständig. Trotz der großen gesellschaftlichen Bedeutung der Schul- und Bildungspolitik gerieten die Schulen erst Anfang der 1990er Jahre in das Blickfeld der Archive.7 In den Jahren 1992 und 1993 erarbeitete eine von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg eingesetzte Arbeitsgruppe »Bewertung von Schulakten« ein erstes Modell für die Archivierung von Schulunterlagen.8 5 Eine gute Einführung in die Geschichte des deutschen Schul- und Bildungswesens bieten das Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, herausgegeben von Christa Berg u. a., 6 Bände, München: Verlag C. H. Beck, 1987–2005, sowie Hans-Georg Herrlitz, Wulf Hopf, Hartmut Titze und Ernst Cloer: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. Eine Einführung, 5., aktualisierte Auflage, Weinheim und München: Juventa Verlag, 2009. Einen Überblick über die regionalen Verhältnisse in der preußischen Provinz Westfalen bietet Friedrich Wilhelm Saal: „Das Schulund Bildungswesen“, in: Westfälische Geschichte, herausgegeben von Wilhelm Kohl, Band 3: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Wirtschaft und Gesellschaft, Düsseldorf: Schwann, 1984, S. 533–618. Zur Geschichte der unterschiedlichen Schulverwaltungs- und Schulaufsichtsbehörden siehe die betreffenden Aufsätze von Wolfgang Rüfner, Lothar Burchardt, Philipp Eggers, Paul-Ludwig Weinacht und Gustav Grüner in: Deutsche Verwaltungsgeschichte, herausgegeben von Kurt G. A. Jeserich, Hans Pohl und Georg-Christoph von Unruh, 6 Bände, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1983–1988 (genauere Angaben zu den einzelnen Aufsätzen im Literaturverzeichnis). 6 Das Gesetz ist abgedruckt in der Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten, 1872, Nr. 13, S. 183. 7 Vgl. Rainer Hering: „Zur Überlieferung und Bewertung von Schulunterlagen am Beispiel der Freien und Hansestadt Hamburg“, in: Bewahren und Berichten. Festschrift für Hans-Dieter Loose zum 60. Geburtstag, herausgegeben von Hans Wilhelm Eckardt und Klaus Richter, (= Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Band 83, Teil 1), Hamburg: Verlag Verein für Hamburgische Geschichte 1997, S. 93–103, hier S. 93, und Michael Schütz: „Bewertung von Schulakten am Beispiel der Orientierungsstufen“, in: Archiv-Nachrichten Niedersachsen. Mitteilungen aus niedersächsischen Archiven, Heft 9 (2005), S. 52–56, hier S. 52. 8 Vgl. Ernst Otto Bräunche und Kurt Hochstuhl: „Archivierung von Unterlagen der öffentlichen Schulen. Empfehlungen der Arbeitsgruppe »Bewertung von Schulakten«„, in: Robert Kretschmar (Hrsg.): Historische Überlieferung aus Verwaltungsunterlagen. Zur Praxis der archivischen Bewertung in Baden-Württemberg, (= Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Serie A, Heft 7), Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 1997, S. 305–309. 3 Mehrere regionale Archivtage befassten sich in der Folgezeit mit dem Thema Schulunterlagen; so z. B. der 48. Westfälische Archivtag in Borken (1996), der 1. Norddeutsche Archivtag in Hamburg (2000) und eine Tagung der niedersächsischen Kommunalarchivare in Lingen (2005). Im Februar 2013 fand dann ein vom LWL-Archivamt für Westfalen veranstalteter Workshop »Überlieferung aus Schulverwaltung und Schulen« statt.9 Schließlich befasste sich im März 2015 der 67. Westfälische Archivtag mit dem Thema »Überlieferungsbildung zwischen Pädagogik und Paragrafen«.10 Auf der Ebene der staatlichen Archive wurde das Thema Überlieferungsbildung im Schulbereich ebenfalls weiter vorangetrieben. Ende September 2007 legte das Hessische Staatsarchiv Darmstadt ein Bewertungsmodell für die Schulen in seinem Sprengel vor,11 im August 2013 veröffentlichte das Landesarchiv NRW das »Archivierungsmodell Schule und Weiterbildung«12 und im Juni 2015 präsentierte das Staatsarchiv Hamburg sein »Bewertungsmodell Schulen«.13 Auf kommunaler Ebene wurde bislang hingegen noch kein Archivierungsmodell für Schulunterlagen entwickelt. Dies dürfte hauptsächlich daran liegen, dass in den meisten Kommunalarchiven wegen begrenzter Personalressourcen kaum Zeit vorhanden ist, sich neben dem Alltagsgeschäft auch noch „intensiv mit der Entwicklung eines Archivierungsmodells zu beschäftigen“ und dieses anschließend im fachlichen Austausch „mit anderen Archivaren zu diskutieren“.14 Darüber hinaus erschweren die unterschiedlichen schulrechtlichen Bestimmungen der einzelnen Bundesländer eine Kooperation noch weiter.15 Im Nachfolgenden soll nun die Archivierung von Schulunterlagen am Beispiel des Kommunalarchivs Minden näher betrachtet werden. Zwar lassen sich die Mindener Verhältnisse sicherlich nicht ohne Einschränkungen auf andere kommunale Archive 9 Zum Workshop siehe Christa Wilbrand: „Workshop »Überlieferung aus Schulverwaltung und Schulen«„, in Archivpflege in Westfalen-Lippe, Heft 78 (2013), S. 30–31. Die einzelnen Beiträge des Workshops sind online unter http://www.lwl.org/waa-download/tagungen/Workshop_Schule/ Workshop_Schule.pdf abrufbar. 10 Der Autor hat an beiden Veranstaltungen als Referent teilgenommen. 11 Das »Bewertungsmodell für die Schulen im Sprengel des Staatsarchivs Darmstadt« ist online unter https://landesarchiv.hessen.de/sites/landesarchiv.hessen.de/files/content-downloads/Bewertungsmodell_f%C3%BCr_Schulen_im_Sprengel_des_Staatsarchivs_Darmstadt.pdf zu finden. 12 Der Abschlussbericht der Projektgruppe »Archivierungsmodell Schule und Weiterbildung« des Landesarchivs NRW ist online unter http://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/fachbereich_ grundsaetze/BilderKartenLogosDateien/Ueberlieferungsbildung/Schule_Abschlussbericht.pdf abrufbar. 13 Das Hamburgische »Bewertungsmodell Schulen« steht online unter https://www.hamburg.de/contentblob/4579046/data/bewertung-schulen.pdf zur Verfügung. 14 Vgl. Michael Schütz: „Bewertung von Schulunterlagen. Auswahlkriterien des Stadtarchivs Hildesheim für Archivschulen und Schriftgutgruppen“, in: Archivpflege in Westfalen-Lippe, Heft 83 (2015), S. 15–19, hier S. 15. 15 So ist z. B. die Zuständigkeit für die Übernahme von Schulunterlagen in den einzelnen Bundesländern recht unterschiedlich geregelt (vgl. den Abschlussbericht der Projektgruppe »Archivierungsmodell Schule und Weiterbildung« des Landesarchivs NRW, S. 7). 4 I. EINLEITUNG übertragen, dennoch dürfte vieles in ähnlicher Form auch andernorts vorkommen und auch ähnlich gehandhabt werden.16 Die Bewertungsentscheidungen des Kommunalarchivs Minden finden sicherlich nicht die ungeteilte Zustimmung aller Archivarinnen und Archivare. Dennoch könnten sie als Grundlage für eine weitere archivfachliche Diskussion auf dem Weg hin zu einem kommunalen Archivierungsmodell für Schulen dienen. Außerdem könnten die langjährigen Erfahrungen des Kommunalarchivs Minden bei der Erfassung, Bewertung, Übernahme, Erschließung und Bereitstellung von Schulunterlagen in einen praxisorientierten Leitfaden für die Archivierung von Schulunterlagen der Kommunen einfließen. 16 So beschreibt z. B. der langjährige Leiter des Stadtarchivs Paderborn, Rolf-Dietrich Müller, ein recht ähnliches Bild (vgl. Rolf-Dietrich Müller: „Erfahrungen und praktische Fragen im Umgang mit Unterlagen aus Schulen“, in: Archivpflege in Westfalen-Lippe, Heft 83 (2015), S. 20–25).

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Zusammenfassung

Schulunterlagen sind eine sehr wichtige Quelle der Bildungs- und Ortsgeschichte. Neben Unterlagen aus schulischer Provenienz müssen daher auch Unterlagen der Schulträger und der Schulaufsichtsbehörden archiviert werden. Hierfür sind neben den kommunalen auch staatliche Archive zuständig. Zur Sicherung der noch vorhandenen Altunterlagen empfiehlt sich eine systematische Erfassung und Sichtung aller Schulen innerhalb des eigenen Archivsprengels. Im Vorfeld durchgeführte Recherchen zur Entwicklung des lokalen Schulwesens erleichtern dabei das Vorgehen. Die Bewertung von Schulunterlagen kann durch Bewertungsmodelle wesentlich vereinfacht werden. Durch eine gezielte Zusammenarbeit mit dem jeweils regional zuständigen staatlichen Archiv lässt sich zudem eine »Überlieferungsbildung im Verbund« erreichen. Am Beispiel des Kommunalarchivs Minden, das mit seinem Vorgehen seit Jahren gute Erfahrungen gemacht hat, zeigt Vinzenz Lübben praxisnah, wie die Archivierung von Schulunterlagen funktionieren kann.