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KAPITEL I in:

Amalia Sdroulia

Die Sprache auf die Bühne bringen, page 17 - 20

Spracherwerb durch Theaterspiel und Szenisches Schreiben am Beispiel von Zweitsprachenlernenden in den Integrationskursen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4158-1, ISBN online: 978-3-8288-7095-6, https://doi.org/10.5771/9783828870956-17

Tectum, Baden-Baden
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KAPITEL I Vor dem Einstieg in die Bühnenarbeit Was muss ich beachten, wenn ich das Projekt starten will? Wie bringe ich die Gruppe dazu, ein „Wir-Gefühl“ zu erzeugen? Aller Anfang ist bekanntlich schwer. Mit diesen Tipps wird es Ihnen leichter fallen, den Einstieg zu meistern! 17 Vor dem Einstieg in die Bühnenarbeit Allgemeiner Ratgeber zur Organisation Zu Beginn des Theaterprojektes wurden die Schüler ermutigt, keinerlei Angst vor Fehlern zu haben. Es wurde ihnen sogar geraten, falsch zu spielen, den Text zu vergessen, sich bei Bühnenpannen locker zu fühlen und lachend weiter zu machen. Dieser charakteristische Appell half den Schülern, sich zu entspannen und aus Fehlern zu lernen. Solche Erfahrungen waren sogar sehr produktiv, da die Spieler daran wuchsen und bei der nächsten Probe beeindruckend viel weiter kamen als zuvor. Jedes Mal, wenn sie Angst davor hatten, auf der Bühne sich selbst zu zeigen, wurden sie lachend, witzig und freundlich von der Gruppe gelobt. Die Spieler unterstützten sich gegenseitig, aufrichtig, offen und sensibel. Jedes Mal, wenn eine Ausdrucksart bei der Szene nicht funktionierte, diskutierten wir alle zusammen über die problematische Darstellung und entweder suchten wir nach neuen Entwürfen oder verabschiedeten uns von dieser Szene. So entwickelten wir als Gruppe ein Vertrauensgefühl zueinander zum couragierten Ausprobieren bei der Bühnenarbeit. Was ich während der Proben beobachtet habe, ist, dass die Spieler langsam zu kreativen Akteuren verzaubert wurden, da sie spielerische Vorschläge untereinander machten, neue Ideen beim Improvisieren entwickelten und sich stärker mit ihren selbst geschriebenen Stücken identifizierten, besonders wenn ihre Stücke autobiografisch über ihr Leben, ihre traumatisierten Erlebnisse, ihre tiefen Wünsche und Fantasien erzählten. Alle Spieler waren stolz darauf, dass sie Sketche und Theatercollagen entwickelten, auf die sie im Alltagsleben niemals gekommen wären. Rituale Ein bemerkenswerter Bestandteil der Bühnenarbeit sind Rituale. In unseren Theaterproben sind Rituale erst einmal in Form einer Begrüßungsrunde durchgeführt worden, bei der ausgetauscht wurde, wie es den Spielern ging, ob sie neue Ideen zur Bühnencollage hatten, ob es 1. 1.1 KAPITEL I 18 offene Fragen bezüglich der Arbeitsziele gab. Yoga-Übungen, das Anhören eines Musikstückes oder Aufwärmübungen ließen auch die Spieler ihre Alltäglichkeit vergessen, bereiteten ihren Körper und ihre Stimme auf die Theaterbühnenarbeit vor und ließen Platz für Kreativität entstehen. Durch eine Reflexion über das Ergebnis einer Probe machten die Spieler sich Gedanken über das Erlernte, stellten offene Fragen und klärten Arbeitsziele. Außerdem konnten sie konstruktive und nützliche Vorschläge einbringen und sich gegenseitig helfen. Enthusiasmus – Leidenschaft Wir hatten sehr viel Spaß, Freude und Lust in der Gruppe. Das war der Grund, dass die Spieler schnell ans Ziel kamen. Sie übten entspannt vertrauensvoll und dynamisch. Manche Spieler betrachteten die Übungen als Herausforderung, andere als uninteressant und ausdruckslos. Sie wurden jedoch nicht gezwungen, eine Übung mitzumachen, wenn sie sich unwohl bei dieser Übung fühlten. Es gab Spieler, die eine Szene improvisierten. Bei der Improvisation fühlte sich manchmal einer von den Darstellern dabei nicht wohl und sagte: „Ich kann diese Rolle nicht spielen.“ Das wurde natürlich respektiert und entweder änderten wir die Szene oder verabschiedeten uns komplett von ihr. Theater ist lebendig. Deshalb durften die Spieler riskieren, sich selbst auf der Bühne zu präsentieren. Wenn sie verrückte Ideen hatten, mit denen sie sich wohl und authentisch fühlten, wurden auch diese verrückten Ideen und Fantasien gestärkt. Es war wichtig, dass die Akteure sich in jeder Szene wiederfinden konnten. Eine Fremdbestimmung der Akteure auf der Bühne war nicht erwünscht. Zutrauen und Freundlichkeit halfen ihnen, alles zu geben, um Anerkennung und Lob zu erhalten. Talente und Begabungen, die die Spieler mitbrachten, wurden durch Spaß, Leidenschaft und Dynamik weiter entwickelt. Zuverlässigkeit – Ordnung Die Theaterbühnenarbeit machte allen Darstellern Spaß und führte langfristig zum Erfolg, wenn alle aufrichtig, korrekt und diszipliniert arbeiteten. Es gab Teilnehmer, die bei den Proben verspätet auftauch- 1. Vor dem Einstieg in die Bühnenarbeit 19 ten oder ihre Texte nicht geübt und auswendig gelernt hatten. Solche Situationen wurden deutlich und offen mit allen Teilnehmern besprochen, so dass ein notwendiges Arbeitsumfeld für eine erfolgreiche Theateraufführung geschaffen werden konnte. Es war wichtig, dass alle Spieler regelmäßig kamen und pünktlich und zuverlässig waren. Wir versuchten, immer zur vereinbarten Zeit mit unseren Proben zu beginnen und nicht auf Nachzügler zu warten. Konzentration – Aufmerksamkeit Es war wichtig, dass sich die Spieler niemals selbst unterbrachen, pausierten oder aus einer laufenden Szene ausstiegen. Dies hätte ihre Fantasie und Kreativität gestoppt. Die Spieler sollten konzentriert und aufmerksam vom Beginn bis zum Ende einer Szene oder Übung bleiben. Zudem wurde in der Theaterbühnenarbeit enorm viel durch Konzentration und Aufmerksamkeit erlernt. Termine – Anwesenheitsliste – Telefon-, E-Mail- und WhatsApp-Verteiler – Probentagebuch Vor dem Einstieg in die Bühnenarbeit wurden der Gruppe alle vereinbarten Probentermine und gegebenenfalls zusätzliche Probentermine mitgeteilt. Ein Telefon- und E-Mailverteiler erwies sich als außerordentlich praktisch, da in der Regel jeder Teilnehmer über einen Internetzugang verfügte. Die Erstellung einer WhatsApp-Gruppe hielt uns in engem Kontakt, da die Teilnehmer die Chance hatten, kurzfristig dringende Mitteilungen, Informationen, Nachrichten und Aussagen schnell an die Gruppe weiterzuleiten. Ich konnte auch korrigierte Texte an die Gruppe weiterleiten oder Terminänderungen kurzfristig bekannt geben. Dies intensivierte unser Gemeinschaftsgefühl und es wurde eine freundschaftliche Atmosphäre geschaffen. Um den Ablauf jeder Probe, alle Szenen, selbst verfasste Texte der Spieler, sowie neue Vorschläge und Entwürfe zu dokumentieren, war es sinnvoll, als Projektleiterin ein Tagebuch zu führen. So konnte ich einen Überblick über die Textsammlung und die Entwicklung der gemeinsamen Arbeit bekommen. KAPITEL I 20

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Zusammenfassung

Dieses Buch stellt die Ergebnisse eines im Rahmen des 9. Ideenwettbewerbs der Landeshauptstadt Hannover geförderten Projekts dar, welches zum Ziel hatte, mithilfe von Schauspiel und szenischem Schreiben die deutsche Sprache zu vermitteln. Über einen Zeitraum von zwölf Monaten entstand dieses didaktische und methodische Praxisbuch für Integrationslehrer, die Zweitsprachenlernenden mit kreativer Spracharbeit, Theater und Musik ein bewusstes und flexibles Grammatiklernen ermöglichen möchten. Geleitet von einer eigens entwickelten autodidaktischen Methode zeigt Amalia Sdroulia, dass Lernfortschritte in der Zweitsprache nicht allein von der Leistungsbereitschaft oder den Begabungen eines Lernenden abhängig sind. Es kommt zusätzlich auf die kreativen Interaktionsmöglichkeiten im Klassenraum an. Autobiografische Texte und Dialoge über Situationen des Alltags in Kombination mit Schauspiel eröffnen freien Raum zur Entfaltung der Sprachkompetenz. Die Teilnahme am Projekt „Die Sprache auf die Bühne bringen“ ermöglichte den Integrationsschülern, die Bereiche Syntax und Morphologie deutlich zu erweitern und Sicherheit im Umgang mit der deutschen Sprache zu gewinnen. Gleichzeitig gewährleisten höhere Bildungschancen interkulturelle Kompetenz und zukünftige politische Partizipation.