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Klaus Mai

Orthodox - Moderat - Säkular, page I - XII

Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und deren weltanschauliche Rechtfertigung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4123-9, ISBN online: 978-3-8288-7093-2, https://doi.org/10.5771/9783828870932-I

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Religionswissenschaften Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Religionswissenschaften Band 11 Klaus Mai Orthodox – Moderat – Säkular Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und deren weltanschauliche Rechtfertigung Tectum Verlag Klaus Mai Orthodox – Moderat – Säkular Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und deren weltanschauliche Rechtfertigung Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Religionswissenschaften; Bd. 11 © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 ePDF: 978-3-8288-7093-2 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4123-9 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1867-7711 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung einer Fotografie des Gemäldes „Dio Padre benedicente“ von Luca Cambiaso aus dem Jahr 1565 | Sailko, Wikimedia Commons Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Vorwort „Orthodox“, „moderat“, „säkular“ – drei häufig zu hörende Begriffe, wenn es darum geht, unterschiedliche Intensitäten von Religiosität bzw. des religiösen Glaubens auszudrücken. In den Zuschreibungen „streng religiös“, „gemäßigt religiös“ und „areligiös“ kommt noch deutlicher zum Ausdruck, dass dahinter ein Kontinuum steht, welches von „sehr stark“, „gemäßigt“, bis „gar nicht“ reicht. Die Absicht des vorliegenden Textes ist, dieses Kontinuum in eine Skala zu übersetzen, welche Grade der Religiosität qualitativ und quantitativ abgestuft unterscheidbar macht. Dabei geht es um die folgenden drei Fragen: 1. Wie lassen sich die verschiedenen Intensitäten unterscheiden? 2. Wie werden diese Unterschiede weltanschaulich gerechtfertigt? 3. Welcher Glaubensgrad lässt sich am ehesten mit einem friedlichen Zusammenleben der Menschen in einer offenen Gesellschaft vereinbaren und welcher nicht? Religiosität ist in erster Linie der Glaube an die Existenz Gottes. Glauben heißt „für wahr halten“, d.h. der Glaube als solcher garantiert prinzipiell nicht, dass die Sache, an die ich glaube, wahr ist. Wenn ich etwas für wahr halte, aber nicht weiß, ob es auch stimmt, so ist der entsprechende Glaube gleichbedeutend mit dem Ausdruck „etwas für wahrscheinlich halten“. Während der Glaube, dass etwas wahr ist, nur die Alternative zulässt, dass das Gegenteil des Geglaubten falsch ist, erlaubt der Begriff der Wahrscheinlichkeit ein Mehr oder Weniger, bzw. die Auffassung, dass es zwischen wahr und falsch unterschiedliche Grade geben kann, mit denen etwas geglaubt werden kann. Bei Entscheidungen unter Unsicherheit, d.h. wenn man nicht genau weiß, wie die Situation zu beurteilen ist, und welche Folgen bei welchen Handlungen zu erwarten sind, sind Wahrscheinlichkeiten das einzige Mittel, um die zu treffende Entscheidung zu begründen. Daher scheint auch der Begriff der Wahrscheinlichkeit für die Beurteilung der Existenz Gottes eher zu taugen als der Begriff der Wahrheit, die sowieso nie- V mand kennt. Die Variationsbreite der Glaubensintensitäten ist somit darstellbar als Skala von Wahrscheinlichkeiten. Für die Darstellung der Glaubensintensitäten ist im Weiteren die Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen erforderlich. Der christliche religiöse Glauben, auf den ich mich in dieser Darstellung hauptsächlich beziehe, gründet sich im Wesentlichen auf die Offenbarung Gottes in der Bibel. Wissen bezieht sich im Unterschied dazu auf die Erfahrung des Menschen im Vollzug seiner Lebenspraxis und auf Ergebnisse philosophischer bzw. wissenschaftlicher Untersuchungen. Der Strenggläubige legitimiert sein Verhalten mit dem Willen Gottes, den ihm sein Gott über einen Priester kraft dessen theologischer Legitimation mitteilt, oder aber in Eigeninterpretation der heiligen Schriften. Der wissensorientierte Mensch dagegen legitimiert sein Handeln mit den Notwendigkeiten des Alltags. Mit dem Anwachsen des „Know how“ von Wissenschaft und Technik schwindet bei vielen zunehmend die Überzeugung, durch Gebet und Gotteslob Katastrophen und Leid vermeiden oder zumindest abmildern zu können. Trotzdem denken nicht wenige darüber nach, ob Gott bei Problemen zugegen ist und wie er zu deren Lösung hilft. Diese Frage wird sicherlich je nach Glaubensgrad unterschiedlich beantwortet. Zwischen beiden Bereichen, also Offenbarungs- und Erfahrungswissen, klafft eine Spannung, die sich bei den Glaubenden unterschiedlich deutlich artikuliert und bei der Darstellung von Glaubensgraden berücksichtigt werden muss. Jeder Mensch ist frei, sich seine Weltanschauung selbst nach eigener Überzeugung zu wählen und danach zu leben. Für je wahrscheinlicher ein Glaubender die Existenz Gottes hält, desto intensiver praktiziert er seine Religiosität und umgekehrt. Allerdings gibt es ein Problem, wenn eine Religion für sich allein beansprucht, die einzig wahre zu sein und dies mit missionarischem Eifer vertritt. Glaubensgewissheit darf nicht dazu führen, anderen Menschen seinen Glauben aufzwingen zu wollen oder sie auszugrenzen. Zwar muss hingenommen werden, dass Menschen für sich aufgrund ihrer Religion die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft negieren und auf uralte Offenbarungen zurückgreifen; wenn jedoch der individuelle Glaube dazu führt, andere zu missionieren oder einen politischen Machtanspruch zu erheben, kann dies nicht akzeptiert werden. Wie die islamistischen Terrorangriffe zeigen, schreckt der durch Glaubensgewissheit „geheiligte“ Vorwort VI Eifer bei der Durchsetzung des Glaubens auch vor Gewaltanwendung nicht zurück. Unser Stand des Wissens ist weit über die Weltsicht der Antike hinausgekommen. Dieses heute zu bestreiten ist letztendlich ein Rückfall in das magische Denken unserer Altvorderen. Um den Frieden zu erhalten, ist eine moderate Glaubens- und Weltanschauung notwendig, die anderen Auffassungen gegenüber gleichzeitig Toleranz als Prinzip akzeptiert und praktiziert. Diesem Anliegen will der folgende Text dienen. Die Argumentation gliedert sich in vier Teile. Zuerst wird der verwendete Wahrscheinlichkeitsbegriff definiert und die Konstruktionsbedingungen der Skala werden erläutert. Im Anschluss daran werden die Glaubensgrade erörtert, die sich mit maßgeblichen theologischen und philosophischen Lehrmeinungen zur Gottesfrage verbinden und rechtfertigen lassen. Die Lehrmeinungen, die aus Schriften der Primärliteratur, aber auch aus den jeweiligen Gottesbegriff präzisierenden Untersuchungen der Sekundärliteratur entnommen werden, beziehen sich auf unterschiedliche Epochen der Geschichte der Religionskritik und der Philosophiegeschichte. Sie bestimmen einen Großteil des heutigen theologischen und philosophischen Meinungsspektrums. Die graduellen Unterschiede werden entsprechend der Annahme, dass zwischen den Glaubensgraden und der subjektiven Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes eine korrelative Übereinstimmung besteht, in die Skala eingeordnet. Es folgt eine Diskussion von Problemen, die eine Anwendung der Skala für die individuelle Wahl des Glaubensgrades mit sich bringt. Der dritte Abschnitt widmet sich der Frage nach der Begründbarkeit von Glaubensgewissheit, die als subjektives Gefühl zwar möglich ist, als Beweis eines außer uns existierenden Gottes aber nicht taugt. Im letzten Teil folgt eine Erörterung der Frage, ob Glaubenslosigkeit einen Absturz ins weltanschauliche Nichts mit sich bringt. In diesem Zusammenhang werden Elemente einer non-theistischen Weltanschauung genannt, die die Basis für ein friedliches Zusammenleben der Menschen bilden können. Allen, die zum Gelingen dieses Buches direkt oder auch indirekt beigetragen haben, sei hier gedankt. Besonders gilt mein Dank meiner Ehefrau, die mich immer wieder zur Weiterarbeit ermuntert hat und mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Es ist mir wichtig darauf hinzuweisen, dass meine Arbeit angesichts der reichhaltigen Geschichte der Vorwort VII europäischen Religionskritik nicht als abschließender, sondern als zur Diskussion anregender Beitrag verstanden werden will. Vorwort VIII Für meine Familie IX Inhaltsverzeichnis Zur Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Grundlagen der Anwendung subjektiver Wahrscheinlichkeiten auf die Gottesfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. 5 Glaubensgrade und Gottesfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 11 Skala der Wahrscheinlichkeiten der Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes . . . . . . . .2.1 12 Die Gottesfrage: Theistische Glaubenslehren und non-theistische Welterklärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2 16 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3 17 Orthodoxe bzw. fundamentale Dogmatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3.1 17 Korrigierte (reformierte) Dogmatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3.2 20 Nutzenkalkulierte Dogmatik (Pascalsche Wette) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3.3 24 Verworfene Dogmatik (= Deismus) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3.4 26 Religiöse Indifferenz, Agnostizismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3.5 30 Liberal-Religiöser Pragmatismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3.6 32 Christlicher bzw. religiöser Existentialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3.7 39 Atheismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3.8 42 Atheistischer Existentialismus, Evolutionärer Humanismus . . . . . . . . . . . . .2.3.9 46 Die Wahlentscheidung zwischen den dargestellten Glaubensgraden . . . . . . . . . . .2.4 50 Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 55 Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 65 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 XI

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Zusammenfassung

Religion und Religiosität spielen wieder eine Rolle im öffentlichen Diskurs. Allerdings sind religiöse Überzeugungen keine monolithischen Blöcke. In jeder Religion finden sich verschiedene Glaubensgrade, die vom Strenggläubigen über Moderat-Gläubige bis zu Nicht-Gläubigen reichen. Für die Praktizierung des jeweiligen Glaubensgrades ist dabei entscheidend, wie ernst der Gläubige die Existenz Gottes nimmt. Klaus Mai untersucht am Beispiel des Christentums Glaubenskonzepte und Weltanschauungen bedeutender Philosophen und Theologen im Hinblick auf ihre explizite oder implizite Stellungnahme zur Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung einer Wahrscheinlichkeitsskala, auf der die erschlossenen Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und ihre weltanschaulichen Unterschiede abgebildet werden können. Nach seiner Auffassung ist Grundlage und Kern moderater Gläubigkeit die Anerkennung eines Wahrscheinlichkeitsvorbehalts für alle religiösen Aussagen über die Existenz Gottes. Nur moderate Gläubigkeit kann Toleranz gewährleisten. Der Autor verwirft Glaubensgewissheit als Rückfall in magisches Denken und plädiert für eine vernunftorientierte Weltsicht verbunden mit einer rational begründeten Ethik.