Zusammenfassung in:

Klaus Mai

Orthodox - Moderat - Säkular, page 85 - 86

Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und deren weltanschauliche Rechtfertigung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4123-9, ISBN online: 978-3-8288-7093-2, https://doi.org/10.5771/9783828870932-85

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Zusammenfassung Der Beitrag ist ein Versuch, Grade des Glaubens in der christlich abendländischen Gesellschaft an die Existenz Gottes im Rekurs auf anerkannte religiöse bzw. weltanschauliche Lehren darzustellen. Zur Unterscheidung der Glaubensgrade dient eine 9-stufige Skala. Unterscheidendes Kriterium ist dabei die subjektive Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes. Ausgehend von der Annahme, dass jede Weltanschauung einen jeweils spezifischen theistischen (Offenbarungswissen) und einen non-theistischen (Erfahrungswissen) Wissensanteil hat, repräsentiert jeder Skalenwert ein entsprechendes Glaubens- bzw. weltanschauliches Konzept, welches sich aus der ihm zugeordneten Lehre ergibt. Berücksichtigt werden: Orthodox Glaubende, Reformierte, am Nutzen orientierte Glaubende, Deisten, Indifferente, liberal-religiöse Pragmatiker, christliche bzw. religiöse Existentialisten, Atheisten und atheistische Existentialisten bzw. evolutionäre Humanisten. Die Wahrscheinlichkeitsgrade selbst stammen aus der juristischen Beweislehre. Es sind die Grade: mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (fast 100%), überwiegende Wahrscheinlichkeit (> 90%), hohe Wahrscheinlichkeit (> 75%), einfache Wahrscheinlichkeit (> 50%). Im dritten und vierten Kapitel werden die dargestellten Glaubenslehren bzw. Weltanschauungen im Hinblick auf ihre Vereinbarkeit mit einer demokratischen Gesellschaft untersucht. Eine subjektiv empfundene Glaubensgewissheit mit ihrem Konzept des „wahren Glaubens“ erweist sich angesichts der Evidenz säkularen Wissens intersubjektiv als nicht begründbar. Sie leistet der Intoleranz Vorschub. Die dazu gegensätzliche Glaubenslosigkeit ist nicht als Absturz ins weltanschauliche Nichts und als Kulturverlust zu interpretieren, wenn sie mit einer Zuwendung zum diesseitigen Leben und zu einem ethisch verantwortungsbewussten Umgang mit allen Menschen verbunden ist. Ein friedvolles und tolerantes Zusammenleben kann nur gewährleistet sein, wenn die Glaubenden den absoluten Wahrheitsanspruch ihres Glaubens aufgeben und bei allen religiösen Aussagen über die Existenz 85 Gottes einen Wahrscheinlichkeitsvorbehalt als Ausdruck moderater Religiosität akzeptieren. Zum Schluss nennt der Autor einige Argumente für eine non-theistische wissensfundierte – gleichwohl undogmatische und zukunftsoffene – Weltanschauung, hinter der sich sowohl moderat religiös Glaubende als auch säkular überzeugte Menschen versammeln können. Zusammenfassung 86

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Religion und Religiosität spielen wieder eine Rolle im öffentlichen Diskurs. Allerdings sind religiöse Überzeugungen keine monolithischen Blöcke. In jeder Religion finden sich verschiedene Glaubensgrade, die vom Strenggläubigen über Moderat-Gläubige bis zu Nicht-Gläubigen reichen. Für die Praktizierung des jeweiligen Glaubensgrades ist dabei entscheidend, wie ernst der Gläubige die Existenz Gottes nimmt. Klaus Mai untersucht am Beispiel des Christentums Glaubenskonzepte und Weltanschauungen bedeutender Philosophen und Theologen im Hinblick auf ihre explizite oder implizite Stellungnahme zur Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung einer Wahrscheinlichkeitsskala, auf der die erschlossenen Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und ihre weltanschaulichen Unterschiede abgebildet werden können. Nach seiner Auffassung ist Grundlage und Kern moderater Gläubigkeit die Anerkennung eines Wahrscheinlichkeitsvorbehalts für alle religiösen Aussagen über die Existenz Gottes. Nur moderate Gläubigkeit kann Toleranz gewährleisten. Der Autor verwirft Glaubensgewissheit als Rückfall in magisches Denken und plädiert für eine vernunftorientierte Weltsicht verbunden mit einer rational begründeten Ethik.