4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? in:

Klaus Mai

Orthodox - Moderat - Säkular, page 65 - 84

Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und deren weltanschauliche Rechtfertigung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4123-9, ISBN online: 978-3-8288-7093-2, https://doi.org/10.5771/9783828870932-65

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? Das Gegenteil der Glaubensgewissheit ist die völlige Ablehnung des Gottesgedankens, die Glaubenslosigkeit. Diese ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Nihilismus. Nihilismus im eigentlichen Sinne bedeutet den Absturz ins Haltlose und die Ablehnung aller kulturellen und zivilisatorischen Werte des Menschen258. Die in Abschnitt 2.3.9 erläuterten Denkrichtungen des atheistischen Existentialismus und Evolutionären Humanismus stellen dagegen eine Neuausrichtung der Sinn-Bestimmung und Wertegestaltung des menschlichen Lebens im Diesseits dar. Bestandteile einer solchen non-theistischen wissensfundierten Weltanschauung sollen im Folgenden erörtert werden. Ausgangspunkt säkularen Denkens ist das Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, aufgrund seiner Sinne, seines Verstandes und seiner Vernunft Antworten auf die Grundfragen der Menschheit zu finden, welche sind: Woher kommt der Mensch? Wohin geht der Mensch? Was ist der Mensch? Jeder ist aufgerufen, sich dieser Fähigkeit getreu dem Motto Kants „Wage zu wissen (sapere aude)“ seiner berühmten Schrift „Was ist Aufklärung“259 zu bedienen. Einem mündigen Menschen reicht es nicht, sich ohne nachzudenken und ohne genauere Überprüfung einem irgendwie gearteten religiösen Vordenker unterzuordnen. Freilich ist es nicht möglich, bei jeder Frage bei Null zu beginnen. Vertrauen verdienen auch Philosophie und Wissenschaft, deren Vertreter sich seit Menschengedenken bemühen, objektiv und wertfrei, d.h. ohne religiöse Vorurteile, beweisbare Erkenntnisse über den Menschen und die Natur zu gewinnen. Inzwischen ist ein Fundus an sachbezogenem Wissen zusammengetragen worden, der es erlaubt, eine wissensfundierte Weltanschauung zu konzipieren. Diese erhebt nicht den Anspruch, endgültig wahr zu sein. Ihr Ziel ist es, der Wahrheit näher zu kommen bzw. Aussagen zu machen, die plausibel und 4. 258 Weischedel 1983, 2, S. 161 f. 259 Kant 1783, Kant-Werke 1968, Band 9, S. 53–61. 65 der Wahrheit ähnlich sind (s. verisimilitudo nach Popper). Dazu dient auch und vor allem der ständig weitergehende wissenschaftliche Diskurs. Wissenschaftssprachlich gesehen handelt es sich bei religiösen Aussagen über die Existenz Gottes um projektive sozio-, techno- und biomorphe bzw. anthropomorphe Erklärungen, d.h. um Konstrukte260, deren Geltung, wie die Diskussion um die sogenannten Gottesbeweise zeigt, entweder nicht bewiesen werden konnte261 oder nicht überprüfbar262 ist. Aus heutiger Sicht sind es behelfsmäßige Überbrückungen weitgehender Unwissenheit in Fragen der Deutung und Bewältigung unmittelbarer Lebensprobleme. Sie stammen ursprünglich aus einer längst überlebten Mentalität, die geprägt war von magischem Denken, einem altorientalischen Despotismus (Gott der „Herr“) und einer anthropomorphen Sicht von Ursache und Wirkung263. Die Plausibilität und Verbreitung dieser Mentalität wurde und wird über die Jahrhunderte bis Jahrtausende tradiert durch den Einfluss der Priesterschaft, die für sich einen Alleinvertretungsanspruch darauf erhebt, das Wort und den Willen Gottes, d.h. seine Offenbarungen zu kennen und zu verkünden, durch das Solidaritätsgefühl und die Pflege des Zusammenhaltes in der Gemeinschaft der Gläubigen, durch religiöses Brauchtum, Gottesdienst und Seelsorge, durch Rituale bzw. häufige Wiederholung ritualisierter Dogmen als Gebetsformeln (z.B. „Gott ist groß“), durch liebgewordene Folklore, Heiligenkult, Symbole, Bildwerke sowie durch die religiös legitimierte staatliche Macht. Die Beibehaltung bzw. Fortschreibung der Plausibilität dieser Glaubensinhalte264 wie überhaupt der Gotteshypothese erklärt sich aus den Bemühungen 260 Topitsch 1972, S. 10; Topitsch 1988, S. 5. 261 S. Hoerster 1985, S. 16–93; Hoerster 2010, Kptl. III–VI. 262 Marina (2005, S. 60 ff.) unterscheidet zwischen zwei Aussagenbereichen, dem heiligen und dem profanen Kreis, deren Geltungskriterien vom einen auf den anderen nicht ohne weiteres übertragbar sind. 263 S. die sog. „Achsenzeit“, d.i. die Zeitspanne von 800–200 v.Chr., in der die geistigen Grundlagen unserer und anderer Kulturen gelegt wurden (Jaspers, K., 1955, S. 14 ff.); S.a. das Numinose als geschichtlicher Vorhof der Religion (Otto 1979, S. 142). 264 Der Glaube gewisser Protestanten, dass sie, indem sie zweitausend Jahre christlicher Tradition überspringen, ein unmittelbares und existentielles Verhältnis zur Bibel herstellen können, ist naive Selbsttäuschung (Tillich/Baumotte 1980, S. 155 f.). 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 66 der Theologen, mit der Zeit zu gehen, d.h. sie stilistisch, argumentativ und metaphorisch an den jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Um in der Konfrontation religiöser Erklärungen und Begriffe mit säkularem Wissen265 bestehen zu können, werden religiöse Tatsachenbehauptungen durch Zusatzhypothesen gerettet266 und durch symbolische Deutung unangreifbar gemacht267. Am Ende stehen magisch aufgeladene begriffliche Leerformeln268, die dann zwar gegen Widerlegungen immun sind, jedoch keinen fassbaren Sachverhalt mehr bezeichnen. Beispiele für solche Entwicklungen sind Ortsbezeichnungen wie „Himmel“ und „Hölle“ , deren örtliche Unerreichbarkeit und zugleich unbegreiflich lebensbestimmende Gestaltungskraft (Meteorologie, Vulkanismus) in der Steinzeit theologisch überhöht wurde und seitdem begrifflich tradiert wird als Wohnsitz Gottes bzw. der Götter, als Ort des Guten, des Lichtes bzw. Wohnsitz des Teufels und der Dämonen, Ort des Bösen, der Finsternis269 d.h. in der Erde, „wo Heulen und Zähneknirschen ist“ (im NT mehrfach genannt). Nach der naturwissenschaftlichen Entzauberung und Verortung des Himmels als Wetterzone, als Atmosphäre und Zugang zum Weltraum und der Hölle als Erdhöhle oder geodynamische Erdformation sowie der Erkenntnis, dass Licht und Finsternis bzw. Tag und Nacht abhängig sind von der Drehung des Planeten um sich selbst, bleiben Himmel und Hölle theologisch nur noch als Metaphern für Gottesnähe und Glückseligkeit bzw. Gottesferne und Verzweiflung. Der Widerspruch zwischen der theologischen Metaphorik und der bloßen Ortsbezeichnung artikuliert sich augenfällig im religiösen Kniefall und Gebetsgestus, d.h. in der körpersprachlichen Hinwendung nach oben zu dem früher im „Himmel“270 verorteten vermeintlichen Gott, die sich in Wirklichkeit aber bloß an das Wetterge- 265 Widersprüche lassen sich oft in klerikalen Witzen, Satiren und Karikaturen finden, wie z.B. die Frage eines Kindes, wie Gott den Lärm der Flugzeuge aushalte, die täglich in seiner himmlischen Nachbarschaft herumfliegen. 266 Am Beispiel des „Paradieses“ s. hierzu Bellarmin (1873), zit. i. Flasch 2015, S. 83 f., Flasch 2004, S. 70 f. 267 Flasch 2015, S. 86. 268 Topitsch 1960, S. 233 ff.; Wehler 2007, S. 193 f.; Hoerster 2010, S. 117/118; Degenkolbe 1965, S. 327 ff. 269 S. Flasch 2015, S. 247 ff., S. 160, 165: Der Gott Israels ist lt. Bibel (Exodus 3,2 und 3.6) ursprünglich ein Berggott, Feuergott und Wettergott. 270 Flasch 2013, S. 165. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 67 schehen, die Atmosphäre und den darüber liegenden lebensfeindlichen Weltraum richtet, also natürliche Gegebenheiten, die leider „unerbittlich“ sind. Das Fehlen einer augenscheinlichen Präsenz und direkten Ansprechbarkeit Gottes sowie das Auftreten von Krankheiten, Katastrophen, Kriegen, die jeden Menschen ungeachtet seiner Frömmigkeit und seines Lebenswandels treffen können und die der allgütige Gott zulässt (Theodizee), kommentieren Gläubige oftmals mit resignativen Redensarten wie „Gottes Ratschluss ist unergründlich“.271 Angesichts ihrer Erklärungsnot liegt jedoch eine ganz andere Feststellung nahe: Es gibt keinen personalen Gott und deshalb auch keinen göttlichen Schöpfer, Erzieher und Richter, der im Himmel residiert und von dort aus wie ein Buchhalter unser Leben bis ins einzelne kontrolliert. Diese Gottes-Rollen (eigentlich feudale „Herren-Rollen“) sind nur Projektionen bzw. anthropomorphe Zuschreibungen, welches schon antike Philosophen (z.B. Xenophanes (570–470 v.Chr.))272 gesehen haben. Umso weniger ist die Vehemenz zeitgenössischer Glaubenseiferer akzeptabel, die ihren Glauben für eine Offenbarung Gottes halten und deshalb mit der Wahrheit gleichsetzen. Auch wenn der Glaube noch so fanatisch und womöglich unter Androhung von Sanktionen oder nackter Gewalt eingefordert wird – den Wissensmangel kann er nicht kompensieren. Immer mehr Glaubensinhalte verlieren ihre Jahrhunderte- bzw. Jahrtausende lang geübte magische Evidenz durch den Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis und das dadurch erhaltene bessere Wissen, das auf unvoreingenommenen, sachbezogenen, logisch begründeten Evidenzen, empirisch begründeten Wahrscheinlichkeiten und Beweisen fußt. Der rationale und vernunftgeleitete Fortschritt des Wissens ist inzwischen so weit gediehen, dass wir Menschen nun in der Lage sind, die Voraussetzungen unserer Existenz, unser Sosein und die weitere Entwicklung unserer Lebensbedingungen real angemessen und ohne einen Gottesbezug zu definieren und zu er- 271 Das hier angesprochene Problem der Theodizee ist bis heute nicht gelöst und auch nicht lösbar (Hoerster 2010, S. 87 ff.; Mackie 1985, S. 239 ff.). 272 S. Mauthner 2011, S. 73 ff.; Lohfink weist darauf hin, dass wir bei religiösen Aussagen immer auf Projektionen angewiesen sind (Lohfink 2014, S. 34), und begründet das damit, dass der Mensch Gott nur mit Hilfe sprachlicher Bilder erfassen kann, die von seiner Erfahrung ausgehen. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 68 klären. Der Wissensfortschritt ist freilich nicht zu Ende, sondern bedarf eines dauerhaften Diskurses, zu dem tätig beizutragen jeder denkende Mensch aufgerufen ist. Vernunft und Rationalität wirken durch sich selbst. Die religiöse Weltanschauung ist eine Epoche der menschlichen Geistesgeschichte, die ihrem Ende zugeht. Sie ist zu ersetzen durch eine Wissenskultur, in der die Vervollkommnung des Wissens durch Wissenschaft zugleich Weg und Ziel ist. Die Erde, unser Heimatplanet Ort unserer Existenz ist der Planet Erde. Er befindet sich in einem Sonnensystem der Galaxie „Milchstraße“. Das ist der Inhalt einer Botschaft, die seit den 70er Jahren des 20. Jhs. auf einer Datenplatte an Bord der Weltraumsonden Voyager 1 und 2 einer angenommenen Zivilisation im Weltraum zur Kenntnis gebracht wird, die sie zu lesen versteht. Die Botschaft enthält eine Positionsbestimmung der Sonne bzw. Erde in Relation zu 14 Pulsaren und zum Zentrum der Milchstra- ße sowie eine schematische Darstellung des Sonnensystems. Darüber hinaus sind auf der Platte wissenschaftliche, technische und künstlerische Daten gespeichert, die den Empfänger der Botschaft über die wichtigsten Leistungen der Menschheit und ihres kulturellen Entwicklungsstandes informieren sollen. Insgesamt enthält die Platte somit ein Profil des Wissens und Könnens unserer Zeit. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 69 Plakette der Voyager-Sonden 1 und 2 (Quelle: NASA) Mit zunehmendem Wissen über den Weltraum und seine strukturelle Ordnung ist die religiöse Bedeutung des Planeten deutlich relativiert worden. Nicht mehr bloß die Erde steht in Frage, sondern die komplexe Organisation des Kosmos und die Erde als ein kleiner Bestandteil desselben ist das zu klärende Problem. Weder ist die Erde eine Scheibe, um die sich eine Sonne dreht, noch ist das Sonnensystem, in dem sie sich befindet, unter den Sonnensystemen hervorgehoben. Mit der Erkenntnis der Kugelgestalt des Planeten und der anderen Himmelskörper verliert vor allem die religiöse Oben-Unten-Metaphorik ihren Sinn. Im Weltraum gibt es weder einen Himmel (oben) als Wohnstatt Gottes bzw. des Guten, noch eine Hölle (unten) als Ort des Teufels bzw. des Bösen oder gar des Reiches des Todes. Im Blick auf die Erde vom Weltraum her273 erweist sich die Oben/Unten-Struktur als eine Abb. 3: 273 In moderner Weltsicht ist das eigentlich der Standort und die Perspektive des biblischen Gottes (s. Genesis 1, 31: Und Gott sah alles, was er gemacht hatte.). Merkwürdig ist, dass im biblischen Schöpfungsbericht nicht die Kugelgestalt des Planeten erwähnt wird, die selbst Gott doch hätte sehen müssen. Der Blick aus dem Weltraum auf den Planeten steht jedenfalls im Widerspruch zu der biblischen Ganzheitsvorstellung „Himmel und Erde“ und ihre Vielfalt (Genesis 2, 1), die dem ptolemäischen Weltbild, oder vermutlich noch älteren, vielleicht jungsteinu/o bronzezeitlichen Konstrukten entspricht. Eine interessante Frage ist, wie man sich das Leben, die Natur und die Umweltbedingungen (z.B. Klima/Wetter) vorzustellen hätte, wenn die Sonne sich tatsächlich um die Erde drehen würde und/ oder die Erde eine Scheibe wäre!? 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 70 Frage des Standortes und der damit verbundenen Perspektive. Sie ist erdgebunden und tritt mit zunehmender Entfernung von der Erde in ihrer Bedeutung immer weiter zurück.274 Gleichermaßen sind auch der blaue Himmel und die darauf bezogene göttliche Lichtmetaphorik nur der irdischen Atmosphäre und der sie erhellenden Sonne zu verdanken. Der Gegensatz von Licht und Finsternis hat nichts mit „Gut“ und „Böse“ zu tun, sondern ist mit der Drehung der Erde um sich selbst (Tag/Nacht-Rhythmus) sowie um die Sonne (jahreszeitliche Ver- änderungen der Tag/Nacht-Längen) zu erklären. Ebenso sind weder Sonnenfinsternisse noch Sternschnuppen, Kometen und andere Himmelskörper göttliche Zeichen. Nichtsdestoweniger entsteht in uns angesichts der schwarzen Unendlichkeit des Weltalls und der Begrenztheit unseres Lebensraums das beklemmende Gefühl der Verlorenheit sowie die Erkenntnis, dass wir als Individuen und als Gattung existentiell auf diesen Planeten angewiesen sind, und schließlich, dass wir als Menschen solidarisch sein müssen, wenn wir unsere Existenz erhalten wollen. Bild des Planeten Erde (Quelle: NASA)Abb. 4: 274 Im Weltraum haben Zeit und Raum nur relativ zu einem Referenzpunkt eine Bedeutung. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 71 Die Erde als winziger hellblauer Punkt (Pale Blue Dot) (aufgenommen am 14.02.1990 von Voyager 1 aus 6,4 Milliarden Km Entfernung)(Quelle: NASA) Der Planet Erde ist nicht die Schöpfung einer göttlichen Person275; er entwickelte sich durch eine spezifische Konstellation kosmischer Kräfte, welche eine lebensfreundliche Umwelt, die Entstehung der Natur und damit biologischer Systeme bis hin zum Menschen als evolutionäres System permanenter Bewegung zwischen Werden und Vergehen ermöglicht hat.276 Diese Konstellation ist veränderlich und nicht auf Dauer stabil. Die Natur, der Planet, das Sonnensystem, die Galaxien, das Weltall haben keinen Sinn, der über sie selbst hinausweist. Die Kräfte der Natur sind weder göttliche Erziehungsmaßnahmen, Bestrafungen oder Belohnungen, Rache- oder gar Gnadenakte noch durch religiöses bzw. moralisches Wohlverhalten, Opfer, Gebete, Wünsche und Beschwörungen von Menschen zu beeinflussen. Sie agieren und reagieren in einem mehr oder weniger komplexen selbstreferentiellen Funktionsgefüge, dessen Bestandteile, Ereignisse und Vorgänge sowie dessen Ursachen, Bedingungen und Folgewirkungen wir dank (natur-) wissenschaftlicher Forschung immer besser verstehen und mehr oder Abb. 5: 275 Der Schöpfungsmythos der Bibel ist nur auf den Planeten Erde zu beziehen. Die Entstehung anderer Planeten oder gar des Weltraums insgesamt ist darin nicht angesprochen. 276 Vgl. Oschmann 2016 und Walter 2016. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 72 weniger für unsere Zwecke nutzen können277. Auch wenn wir in der Lage sind, schädliche Prozesse wie Krankheiten, Katastrophen und Kriege durch technische und organisatorische Maßnahmen z.T. abzumildern und mitunter auch abzuwenden, gilt: Wenn wir überleben wollen, müssen wir uns durch besonnenes Handeln an dieses Funktionsgefüge anpassen und es beherrschen lernen. Unser Leben ist in die Natur eingebettet und nur in ihr und mit ihr sinnvoll. Wir Menschen sind selbst Natur, evolutionär durch Mutation und Selektion als Gattung entstanden und der weiteren Evolution in unseren Kindern unterworfen. In unserem Sein und Handeln sind wir verantwortlich für die Schaffung und Erhaltung natürlicher Lebensbedingungen, also lebensfreundlicher natürlicher Gegebenheiten und Prozesse, soweit sie unserer Einwirkung zugänglich sind. Angelehnt an Kants kategorischen Imperativ ist hierfür der Imperativ der Verantwortungsethik von Jonas konstitutiv: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“278 . Toleranz gegenüber Andersgläubigen Die durchaus verdienstvolle kulturprägende und staatstragende, d.h. die Macht des Klerus und des Adels legitimierende Funktion der Religion früherer Epochen hat sich im Zuge der Aufklärung und Demokratisierung inzwischen überlebt. Nicht mehr die den angeblichen Willen Gottes auslegenden Priester entscheiden über gesellschaftliche Machtpositionen, sondern das Volk in der Wahlabstimmung. Religionen sind mehr oder weniger zur Privatsache geworden, denen gegen- über der Staat neutral und tolerant ist, obwohl nicht alle Religionen gleichermaßen die Menschenrechte im Sinne der UNO-Charta (Toleranz gegenüber Andersgläubigen, körperliche Unversehrtheit, Gleichheit von Mann und Frau etc.) achten. Die christlichen Kirchen haben 277 S. das Konzept der habitablen Zone: Leben ist nur auf Planeten möglich, die in der Umlaufbahn um ein Zentralgestirn drei Bedingungen enthalten, Komplexe Chemie, Energie und flüssiges Wasser (Stracke und Michel, in: Anderl, S.: Fremde Welten, fremdes Leben. FAZ 27.05.2015, Nr. 120, S. N2). 278 Jonas,H. (1979): Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt (Insel), S. 36. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 73 diese Toleranz akzeptiert und gelernt, sie zu leben; nicht jedoch der Islam. Seine „Dogmen“, wie die Auffassung des Korans als unveränderliches Gotteswort, das Bilderverbot, die rechtliche Zurücksetzung der Frau gegenüber dem Mann und die Todesdrohung gegenüber Ungläubigen und Austrittswilligen verhindern jede Toleranz. Ausdruck dieses Denkens ist das islamische Gesetzeswerk, die Scharia, die deshalb mit unserer Rechtsordnung, vor allem mit den Grundrechten, nicht vereinbar ist. Gerade im Hinblick auf den gegenwärtig grassierenden IS- Terrorismus bzw. das IS-Kalifat279 ist eine Reform der islamischen Religion deshalb unverzichtbar. Im Wesentlichen geht es um eine Überwindung des islamischen Dogmas, der Koran sei Gottes Wort, das der Mensch bzw. der Gläubige nicht verändern dürfe. Demgegenüber steht die Auffassung, dass der Koran eben nicht Gottes Wort ist, sondern von islamischen Autoritäten des 7. Jhs., zu denen auch Mohammed zu zählen ist, aus Gründen der Erringung und des Erhalts von Machtpositionen hervorgebracht wurde. Neueste historisch-kritische Untersuchungen der Korantexte belegen deren Geschichtlichkeit und damit auch die Selbstverständlichkeit, dass der Koran im Kontext seiner Entstehungszeit zu sehen und zu deuten ist280. Nicht nur in religiös bedingten Streitigkeiten, auch in weltlichen Konflikten betrachten wir es als ein unverzichtbares Ziel, den Ausgleich unterschiedlicher Interessen und Wertvorstellungen durch Verhandlungen und argumentativ begründete Entscheidungen zu suchen. Kompromisse sind für religiös Gläubige nur dann möglich, wenn sie den Wahrheits- bzw. Absolutheitsanspruch ihres Glaubens aufgeben und den Glauben Andersgläubiger respektieren. Einen wahren Glauben kann es prinzipiell nicht geben, da die letztgültige Entscheidung darüber, ob etwas wahr ist, nur auf Wissensgrundlagen getroffen werden kann. Der Glaube kann allenfalls subjektive Wahrscheinlichkeit beanspruchen. Das Konzept von Wahrscheinlichkeit räumt grundsätzlich ein, dass es auch Evidenzen gibt für andere Glaubensinhalte. Diese zu respektieren verlangt nach Toleranz und von einem Gläubigen damit auch die Bereitschaft, zu einer Gottheit zu beten, von deren Wirklichkeit er nur mit einer Wahrscheinlichkeit zwischen 75 % und 51 % 279 S. Geus 2015. 280 S. neuerdings Abdel-Samad 2015, S. 151 ff. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 74 überzeugt ist281. Die Kehrseite ist eine breite geschichtliche Erfahrung, dass die 100-prozentige „Gottesgewissheit“ der Nährboden für Intoleranz, Hass, Missgunst und Feindschaft gegenüber Andersgläubigen ist. Ihre orthodoxen Protagonisten wollen durch Missionierung und Zwang Toleranz und Glaubensfreiheit beseitigen, wobei ihr Einfluss letztlich zu Gewalttaten führt, die immer neue Gewalttaten nach sich ziehen. Gewaltherrschaft und Krieg können Glaubensprobleme nicht nachhaltig lösen. Sie sind Teil des Problems.282 Rathaus Münster, Friedenssaal: „Die Streitenden“ (ca. 1536) © LWL-Medienzentrum für Westfalen283 Prosoziales Handeln Neben der Überbrückung von Nicht-Wissen und der – religiösen – Erklärung natürlicher Ereignisse ist der wichtigste Grund religiösen Denkens, die Gläubigen dazu anzuhalten, ethisch-moralische Regeln Abb. 6: 281 S. Schnädelbach (2007), 2009, S. 84. 282 Diese historische Erfahrung vermittelt in eindrucksvoller Weise der westfälische Friede von 1648 (Mauthner 2011, S. 278). 283 Moralisierende Darstellung „sinnloser Streitlust“ als einem menschlichen Laster (Dethlefs 1996, S. 49). 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 75 im Umgang miteinander und gegenüber Andersgläubigen zu achten bzw. umzusetzen. Dazu braucht es eine subjektiv notwendige und hinreichende Begründung für gutes, d.h. prosoziales Handeln. In den abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) geschieht dies durch die Konstruktion einer außerirdischen bzw. jenseitigen Macht, die unsere Geschicke lenkt, sich selbst aber nicht zu erkennen gibt. Diese Macht heißt Gott und ihr Reich ist der Himmel. In Gottes Reich können nur Menschen bzw. deren unsterbliche Seelen eingehen, die Gutes tun. Bösen Menschen ist der Zugang in dieses Reich verwehrt. Sie sind des Teufels und ihr ewiger Platz ist die Hölle. Die einfache Sinnformel nach dieser Theorie: Wer nach dem Tode ewig und gleichzeitig angenehm leben will, muss in seinem irdischen Leben Gutes tun bzw. darf keine Sünden begehen. Was gut und böse ist, bestimmt und überwacht die Priesterschaft im Auftrag Gottes. Religionsgeschichtlich bzw. paradigmatisch ist dieser Zusammenhang in der biblischen Erzählung von Gottes Proklamation des jüdischen Volkes zu einem Königreich von Priestern284 und der Übergabe der Tafeln mit den Zehn Geboten an Moses (religiöse Legitimation der Ethik)285 belegt. In allen Religionen ist das Verhältnis zwischen Religion und Ethik konvergent, wenn auch verschieden begründet286. Schon in den Anfängen der Aufklärung erhob sich die Frage, wie jemand dazu veranlasst werden kann, moralisch/ethisch gut zu handeln, wenn er nicht an einen Gott glaubt. Die Vertreter der Religion argumentieren stets, dass nur der Gläubige nach Maßgabe seiner Religion dazu in der Lage ist. Demgegenüber führen Atheisten Beispiele an, aus denen hervorgeht, dass auch Ungläubige prosozial handeln können, mehr noch: dass die Moral natürliche Wurzeln hat.287 Aus den Missbrauchsfällen, die im Jahr 2015 bekannt wurden, geht außerdem hervor, dass Gläubige, ja sogar Priester, obwohl zutiefst religiös, moralisch schlecht handeln können. 284 Exodus 19, 6. 285 Exodus 20. Dass diese nicht konfliktfrei verlief, zeigt die Geschichte vom Goldenen Kalb (Exodus 32). 286 Ratschow (1980, S. 72). Der Autor zeigt diesen Zusammenhang am Christentum und Buddhismus, zu dessen ethischen Fundamenten auch ein Dekalog zählt (S. 64 f.). 287 Verplaetse (2011), Roth (2015). 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 76 Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass der religiöse Glaube traditionell der Idee des Guten bzw. des ethisch richtigen Handelns im Sinne uneigennütziger prosozialer Mitmenschlichkeit (Zehn Gebote im jüdisch-christlichen Glauben, Fünf Silas im Buddhismus) verpflichtet ist288. Die Vermittlung, Etablierung und Wahrung prosozialer Werthaltungen in der Gesellschaft ist und bleibt eine wichtige Aufgabe weltanschaulicher bzw. ethischer Lehre. Die religiös-metaphysische Verankerung prosozialen Handelns – d.h. das Versprechen himmlischer Belohnung bei gutem Handeln bzw. die Androhung höllischer Bestrafung/Verdammnis289 bei bösem, d.h. asozialem bzw. antisozialem Handeln – ist freilich nur eine von vielen religiösen und weltlichen Möglichkeiten seiner Motivierung. Angesichts der Erkenntnis sozialwissenschaftlicher Forschung, dass die Definition dessen, was gut ist, je nach Interessen und Mentalitäten historisch und örtlich wandelbar und im Hinblick auf die situative Komplexität des Handelns sorgfältiger Auslegung bedarf, bietet ein pragmatisches und historisch-kritisches Denken in dieser Frage eine überzeugendere Lösung. Religion ist kein notwendiger Bestandteil des menschlichen Lebens290. Grundsätzlich lässt sich prosoziales Handeln als ein von der Vernunft geleitetes ethisches Grundmotiv begreifen, das sich in den Verhaltenszielen der Selbsterhaltung und der Arterhaltung manifestiert.291 Getreu dem Motto „Der Sinn des Lebens ist das Leben“ kann es als regulatives Prinzip einer moralischen Grundorientierung begriffen werden, das keiner weiteren Legitimation bedarf292. Dem entspre- 288 Mauthner 1920–1923 bzw. 2011, 4, S. 158 zit. Schopenhauer (1851), 1986, Bd. V, S. 402: „In allen Religionen sei das Metaphysische falsch, das Moralische wahr“. „Dies ist ein Beleg für die Regel aus der formalen Logik, dass aus falschen Prämissen eine wahre Konklusion folgen kann“ (Schopenhauer a.O.); s.a. Forberg (1798, S. 46). 289 Die Vorstellung einer „ewigen“ Strafe ist widersprüchlich, da der Zweck der Strafe per definitionem Besserung und nicht Rache ist (s. Stosch 1692, zit. bei Mauthner 1920–1923 bzw. 2011, 3, S. 208). 290 Kahl 2011, S. 87. 291 Der Vorschlag des Philosophen J.G.Fichte, das Gute bzw. prosoziale Handeln selbst als moralische Weltordnung zu vergöttlichen, bietet eine religionsähnliche, aber nicht metaphysische Basis der Verankerung dieses ethischen Grundmotivs in der Gesellschaft (Fichte 1798 bzw. 1969, S. 35). Eine systematische Ausarbeitung und rationale Begründung der Moral hat Gert (1983) vorgelegt. 292 Vgl. Kadlec 1976, S. 13. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 77 chend besteht „eine unbedingte Pflicht der Menschheit zum Dasein“293. Dennoch braucht es eine Ethik, die alle rationalen Menschen als verbindlich anerkennen294. Getragen vom Motiv des Mitleids295, von dem Prinzip „Jeder ist verpflichtet, den anderen als Person zu achten“296 und analog „Jeder hat das Recht, von anderen als Person geachtet zu werden“297 lässt sich als rationaler Hauptgrund moralischen Handelns „die Vermeidung der Verursachung von Übeln bei anderen Menschen“298 nennen. Dieser Grund liegt auch im rationalen Selbstinteresse des handelnden Menschen 299. So begründet gibt Gert300 zehn Regeln an, die jeder rationale Mensch einhalten soll: 1. Du sollst nicht töten 2. Du sollst keine Schmerzen verursachen 3. Du sollst nicht unfähig machen 4. Du sollst nicht Freiheit oder Chancen entziehen 5. Du sollst nicht Lust entziehen 6. Du sollst nicht täuschen 7. Du sollst Deine Versprechen halten 8. Du sollst nicht betrügen 9. Du sollst dem Gesetz gehorchen 10. Du sollst Deine Pflicht tun Gegenüber dem Mittelalter ist das prosoziale Handeln heute im Wesentlichen gesetzlich normiert und in Gesetzbüchern kodifiziert, d.h. die Einhaltung der Normen kann durch die Staatsmacht erzwungen werden. Für ethisch richtiges Handeln genügt es freilich nicht, die durch die Volksvertretung legitimierten Gesetze buchstabengetreu einzuhalten. Es braucht auch den guten Willen, sie mit Leben zu erfüllen, wobei freilich auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Selbstbezug 293 S. Jonas 1979, S. 80, 85, 86, 186. 294 Gert 1983, S. 262. 295 Schopenhauer (1840), 1986, S. 740 ff. 296 Kutschera 1982, S. 309 betrachtet dieses Prinzip als „ethisches Grundprinzip“. 297 Kutschera 1982, S. 315/316. 298 Gert 1983, S. 272 f. 299 Gert 1983, S. 129, 272 f. 300 Gert 1983, S. 176. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 78 und Fremdbezug zu achten ist.301 In seinem „Manifest des evolutionären Humanismus“ hat Schmidt-Salomon einen Katalog von 10 Geboten als Grundlage einer säkularen Ethik des Verhaltens302 vorgeschlagen, der im wesentlichen Fairness im Umgang mit anderen und mit sich selbst – also Offenheit für bessere Argumente, Selbstvertrauen und Kritikfestigkeit – empfiehlt. In einem weiteren Rahmen entspricht dies den Regeln der kommunikativen Verständigung303 und vor allem der kommunikativen Ethik, wie sie Habermas unter dem Begriff der Diskursethik mit dem Ziel des „herrschaftsfreien Dialoges“ versteht304. Der Mensch und seine sterbliche Seele Das Leben jedes einzelnen Menschen hat einen biologischen Anfang, d.i. die Zeugung bzw. Geburt bzw. der erste Atemzug und ein biologisches Ende, d.i. der Tod bzw. der letzte Atemzug. Bei der Zeugung kombinieren sich die Gene des Vaters und der Mutter in einem komplexen Zusammenspiel zu einem spezifischen Genprofil bzw. Genom, welches die Entwicklung und Ausformung des Organismus, seinen Phänotypus bestimmt. Die in manchen Religionen vorherrschende Annahme einer irgendwie gearteten Vorrangigkeit des Männlichen gegenüber dem Weiblichen oder umgekehrt entbehrt jeder Grundlage. Für das in seiner Komplexität einzigartige Individuum gibt es kein Leben vor oder nach dem Leben. Sein Leben ist zwar von der Todesgewissheit begrenzt, verläuft aber nicht nach einem vorgegebenen Schicksalsplan, sondern entwickelt sich in Abhängigkeit von der persönlichen Interaktion mit situativen und Umweltbedingungen, sowie nach Zufall und Notwendigkeit305. Mit der Geburt beginnt ein Prozess der Enkulturation in die Gesellschaft durch Reifung und Erziehung, an dessen gelungenem Ende ein Individuum steht, dessen Bewusstsein 301 Dieser Ausgleich wird besonders betont in der „Goldenen Regel“: „Behandle den anderen so, wie du selbst behandelt werden willst“ und im Gebot der Nächstenliebe: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. 302 Schmidt-Salomon 2006, S. 156 ff. 303 Schulz von Thun 1981; Watzlawick/Beavin/Jackson 1969. 304 Habermas 1983, S. 53 ff. und S. 127 ff. 305 Monod 1975. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 79 und Denkvermögen im Unterschied zu anderen Lebewesen des Planeten ihm die Möglichkeit bietet, seine Bedürfnisse und deren Befriedigung selbstbestimmt und in Abwägung gesellschaftlicher Wertvorstellungen zu realisieren. Es gibt zwar eine Seele; sie ist aber nicht unsterblich306. Das als Ausdruck der Seele aufgefasste Gefühl der Selbstidentität, d.i. das mit dem Personennamen und Personalpronomen bezeichnete einzigartige307, komplexe, seiner selbst bewusst seiende Individuum bezieht sich auf den Organismus insgesamt und ist mit diesem schicksalhaft verbunden. Selbst-Bewusstsein, Denkvermögen und Handlungsfähigkeit sind gekoppelt an das Funktionsgefüge unseres Organismus308, das im Stadium des Erwachsenenalters am besten entwickelt ist. Das Kind, der Jugendliche, verfügen noch nicht, der Kranke vorübergehend nicht und der hochbetagte Greis oft nicht mehr über die Fähigkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie brauchen mehr oder weniger die Hilfe gesunder Erwachsener. Das Ende des Lebens bedeutet das Aufhören der organismischen Funktionen, d.h. auch das Ende des Denkens und des Bewusstseins. Nach Tod und Verwesung gehen die Bestandteile unseres Körpers über die Humusschicht des Erdbodens in den biologischen Kreislauf des Lebens über und ermöglichen damit die Fortsetzung der Evolution d.h. neues Leben, freilich in anderer Form309. Der Name des einzigartigen Individuums und somit seine Identität bleiben so lange im Gedächtnis, so lange sich irgendein lebender Mensch daran erinnert.310 306 Diese Erkenntnis findet sich bereits bei Lucretius (100–55 v.Chr.) in dem Gedicht „De rerum natura“, s. Mauthner 2011, Band 1, S. 120; s.a. Hume (1757), 2000, S. XL und S. 84 ff. 307 Unverwechselbare Erkennungsmerkmale sind der Gesichtsschnitt (Passbild), der Fingerabdruck und die DNA-Struktur. 308 Bering 2010, S. 177; s.a. Roth, G. (2015), ders. In FAZ 03.08.2015, Nr. 179, S. N 2. 309 In ritualisierter Form ist diese Erkenntnis bei vielen Beerdigungen zu hören: Von Erde kommst du, Erde bist du, zu Erde kehrst du zurück. 310 Leute, die sich durch ihre Leistung u/o gesellschaftliche Position einen Namen gemacht haben, können freilich noch in Äonen im Gedächtnis bleiben. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 80 Lebenstreppe, anonym bei F. Campe, Nürnberg, 1.Hälfte des 19.Jhs. (gemeinfrei) Beachtung der Menschenrechte Unser Denken und Handeln richtet sich nach zwei grundlegenden Wertvorstellungen: dem Streben nach Erhaltung und Entfaltung von uns selbst als Individuen und dem Streben nach Erhaltung und Entfaltung unserer Gattung (Art) bzw. unserer Referenzpopulation311. Diese Werte sind zwar schon in unserer Natur genetisch vorgegeben bzw. auf der Triebebene angelegt312 und durch die Sozialisation als egoistische versus altruistische Verhaltenstendenzen in ihrer Ausprägung akzentuiert; ihre gesellschaftliche und je persönliche Ausgestaltung, d.h. die Ausgewogenheit des Verhältnisses zwischen Egoismus und Altruismus (selfishness und benevolence)313 ist jedoch kulturell von Verstand und Vernunft vermittelt. Die durch geschichtliche Tradition vermittelten und aus paradigmatischen Konflikten abgeleiteten komplexen Wertdefinitionen begründen und verändern Kultur und schaffen Sinn und Abb. 7: 311 vgl. Kadlec 1976. 312 S. Mohr 1995, S. 84: „Wir brauchen moralisches Verhalten nicht zu lernen – es ist eine angeborene Disposition, die uns befähigt, das moralisch Richtige zu tun“. 313 Kutschera 1982, S. 151. 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 81 Identität, die sich freilich interkulturell unterscheiden. Die Unterschiede zeigen sich in den Religionen, philosophischen Lehrmeinungen, den Lebensarten und Sitten sowie in Kunst und Literatur.314 Entsprechend entwickelt sich das Identitätsgefühl im Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer Referenzpopulation, die die jeweilige Kultur hervorgebracht hat und weiterentwickelt. Auf die Mitglieder dieser Gemeinschaft bezieht sich unser „Wir“-Gefühl, d.h. es sind die Leute, mit denen wir gemeinsame Werte teilen, die gleiche Sprache sprechen und solidarisch sind. Sie sind für uns im ethischen Sinne die „Nächsten“. Das prosoziale Gefühl für „die anderen“ hat sich im Laufe der Geschichte immer mehr erweitert, d.h. von der Horde über die Sippe zum Stamm, zur Volksgemeinschaft, zum Nationalstaat, zum Staatenbund und schließlich zur Weltgemeinschaft in Gestalt der Vereinten Nationen. Für prosoziales Handeln sind die Menschenrechte und das Völkerrecht die ethisch-rechtliche Grundlage. Mit der UNO-Charta der Menschenrechte sind wir nun zum ersten Male in der Menschheitsgeschichte auf dem Weg zu einem Identitätsbewusstsein, welches sich auf die gesamte Menschheit bezieht315.Das Zusammenleben der Menschen untereinander gestaltet sich nach Gesetzen, Regeln und Konventionen, die aus ethischen, religiös fundierten, inzwischen teilweise kulturell verweltlichten Traditionen und aus der Auseinandersetzung mit Herrschaftsverhältnissen stammen, sowie nach Rechten und Pflichten aus vertraglichen Abmachungen. Eine zukunftsweisende Ethik mit Weltgeltung verkörpert das Projekt „Weltethos“, das auf Initiative des Theologen Hans Küng 1990316 entstand und im Jahre 1993 vom „Parlament der Religionen“ in einer gemeinsamen Erklärung vorgestellt wurde. Aufbauend auf der „Goldenen Regel“317, die zum Kernbestand der Moralphilosophie gehört, werden darin ethische Grundsätze formu- 314 Der über die Jahrhunderte angesammelte Fundus an künstlerischen Darstellungen religiöser Symbole und Inhalte in Architektur, Bildhauerei und Gemälden gehört zu unserem kulturellen Erbe und ist Bestandteil unserer Kultur. 315 Diesen Weltbezug hat schon Kant 1795 in der Schrift „Zum ewigen Frieden“ angesprochen, wonach „…die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird“ (Kant-Werke, Band 9, S. 194 ff., hier S. 216). 316 Küng 1990; 1993. 317 Die „Goldene Regel“ als Maxime der Reflexivethik ist bereits bei Kung fu tse (lat.: Konfuzius)(551-479 v.Chr.)(Wilhelm 1967, Buch XII, 2; Philippidis 1929, S. 62 ff.) und im Buddhismus belegt (Philippidis a.O., S. 74 ff.). Offen ist, ob die Regel in 4. Glaubenslosigkeit – Absturz ins Nichts? 82 liert, die so oder so ähnlich in vielen Religionen der Welt vorkommen. Sie sind als Beitrag der Religionen für ein friedliches Miteinander der Menschheit von großer Bedeutung. Wissensfortschritt und Besonnenheit, Toleranz und Kompromissbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Vernunft und Bindung an die Menschenrechte – das sind die Werte, deren Berücksichtigung ein freies und selbstbestimmtes, menschenwürdiges und weitgehend friedvolles Leben in der Gesellschaft ermöglicht. Es sind die Werte der westlichen Zivilisation. Sie sind in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO (1948) weltweit akzeptiert318. Eine weitergehende Ergänzung wurde in dem Entwurf für eine „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ der UNO am 1. Sept. 1997 vorgelegt, bisher aber noch nicht angenommen. mündlicher Tradition (Wilhelm, a.O., S. 33) über die Seidenstrasse in den Nahen Osten gelangt ist oder umgekehrt (Dihle 1962, S. 10, Fußnote 2), oder ob sie unabhängig an mehreren Orten entstanden ist (Pilippidis a.O., S. 96). 318 Fassbender, B. (2009). 4. 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Zusammenfassung

Religion und Religiosität spielen wieder eine Rolle im öffentlichen Diskurs. Allerdings sind religiöse Überzeugungen keine monolithischen Blöcke. In jeder Religion finden sich verschiedene Glaubensgrade, die vom Strenggläubigen über Moderat-Gläubige bis zu Nicht-Gläubigen reichen. Für die Praktizierung des jeweiligen Glaubensgrades ist dabei entscheidend, wie ernst der Gläubige die Existenz Gottes nimmt. Klaus Mai untersucht am Beispiel des Christentums Glaubenskonzepte und Weltanschauungen bedeutender Philosophen und Theologen im Hinblick auf ihre explizite oder implizite Stellungnahme zur Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung einer Wahrscheinlichkeitsskala, auf der die erschlossenen Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und ihre weltanschaulichen Unterschiede abgebildet werden können. Nach seiner Auffassung ist Grundlage und Kern moderater Gläubigkeit die Anerkennung eines Wahrscheinlichkeitsvorbehalts für alle religiösen Aussagen über die Existenz Gottes. Nur moderate Gläubigkeit kann Toleranz gewährleisten. Der Autor verwirft Glaubensgewissheit als Rückfall in magisches Denken und plädiert für eine vernunftorientierte Weltsicht verbunden mit einer rational begründeten Ethik.