3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens in:

Klaus Mai

Orthodox - Moderat - Säkular, page 55 - 64

Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und deren weltanschauliche Rechtfertigung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4123-9, ISBN online: 978-3-8288-7093-2, https://doi.org/10.5771/9783828870932-55

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens Sofern der Wahrscheinlichkeitscharakter der Weltanschauungen respektiert wird, sind argumentative Auseinandersetzungen jederzeit möglich, ja sogar erwünscht. Probleme bereiten eigentlich nur die naiv-orthodox238 Gläubigen bzw. Fundamentalisten, da sie für sich beanspruchen, die sogenannte „wahre“ Religion zu vertreten und jedes Argument, das ihre Dogmen anzweifelt, als Gotteslästerung betrachten. Ihr Alleinvertretungsanspruch qualifiziert andere Glaubensüberzeugungen als unwahr ab und rückt deren Anhänger in die Ecke der „Ungläubigen“. Dort erwarten sie alle Sanktionen, die ihre „wahre“ Religion gegenüber den Ungläubigen bzw. Gotteslästerern kennt, wobei diese von Höllenqualen im Jenseits bis zu sozialer Ächtung, dem Ausschluss aus der Gemeinschaft und zur Ermordung im Diesseits reichen können. Freilich werden nicht alle Protagonisten dieser Glaubensüberzeugung entsprechend radikal handeln. Dennoch legitimieren ihre Dogmen entsprechende Verhaltensweisen, die bei Leichtgläubigen und vor allem meist jugendlichen und suggestiblen Mitgläubigen die Bereitschaft zu Gewalttätigkeit enthemmen und fördern. Was glaubt man, wenn man seines Glaubens zu 100% sicher ist? Jede religiöse Lehre hat einen theoretischen und einen praktischen Teil. Der theoretische Teil umfasst die je spezifische Welterklärung und die darauf bezogene Dogmatik, die die Begründung liefert für den jeweiligen Gottesbegriff, für die Herkunft des Menschen und seine Heilsbestimmung, wenn er im Sinne der religiösen Gebote Gutes tut. Der praktische Teil beinhaltet die Regeln für die Gottesverehrung (Liturgie) und die Vorschriften für den gottgefälligen Lebenswandel. Beide Bereiche sind von mythisch-magischen Aussagen durchsetzt. Kennzei- 3. 238 Der Begriff „naiv-orthodox“ bezieht sich auf Jesu Gebot, der richtige Glaube solle von kindlichem Vertrauen geprägt sein: „Werdet wie die Kinder“ (Matth. 18,3). 55 chen des naiv-orthodoxen Glaubens ist die vollständige und unkritische Akzeptanz der überkommenen Dogmatik der alten Religion. Der in dieser Art Strenggläubige ist nicht mehr i.e.S. gläubig, da er bei seinem Glauben keinerlei Fehlerrisiko anerkennt und deswegen meint, die Wahrheit zu „wissen“. Dies unterscheidet ihn von einem ähnlich Strengglaubenden, der an die Existenz Gottes „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ glaubt und somit wenigstens ein kleines Irrtumsrisiko einräumt. Wer seinen Glauben mit der Wahrheit verwechselt, begibt sich in gefährliche Nähe zum Fanatismus. Wenn ein Rechtgläubiger auf der Gebetbank sitzt, seine Hände faltet, zu Gott nach oben blickt und betet, d.h. um Hilfe bittet, dann ist er sich zumindest gewiss, dass dieser Gott wahrhaftig existiert, aber auch, dass er ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Das Gebet ist Ausdruck seiner Hoffnung, dass ihm geholfen werden kann, denn dem Betenden ist klar, dass die Hilfe eine Gnade darstellt, d.h. er nimmt in Kauf, dass die Gottheit keine Gnade walten lässt und er keine Hilfe bekommt. Seine Gewissheit, dass die Gottheit seit jeher und in alle Ewigkeit existiert und in allem das Sagen hat, ficht das aber nicht an, seine Glaubensgewissheit ist sakrosankt. Ist eine derartige Glaubensgewissheit begründet? Gibt es einen wahren Glauben? Gibt es einen falschen Glauben? Weder – noch. Glauben heißt „Für wahr halten“ und nicht „das Wahre wissen“. Indem man etwas für wahr hält, ist man nicht gefeit davor, Falsches für wahr zu halten, also einem Irrglauben zu erliegen. In Bezug auf Dinge, Ereignisse, Vorgänge, die unser Dasein beeinflussen und über deren Zustandekommen wir nichts wissen und womöglich nichts wissen können, kann es allenfalls subjektive Wahrscheinlichkeiten geben. Insofern sind Glaubensrichtungen und Religionen Deutungen der Welt im Sinne von hypothetischen Überbrückungen des Nicht- Wissens. Aussagen wie etwa „Es gibt einen Gott“ oder „Es gibt keinen Gott“ sind in verschiedenen Hinsichten plausibel, aber jeweils auch nicht widerlegbar, da ein objektives Prüfkriterium, nämlich die sinnlich feststellbare oder rational erschließbare Existenz Gottes fehlt. Welcher Glaubensrichtung man zuneigt, ist von mehreren Faktoren abhängig: Von gesellschaftlich-historischen Kontextbedingungen, von Machtkonstellationen, von der Mentalität der Bevölkerung, von sozialen Lebensbedingungen, vom Bildungsgrad, von politischen Ereignis- 3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens 56 sen/Vorgängen, von Eltern und Modellpersonen, vom Lebensalter etc. Die gesellschaftliche Bedeutung einer Glaubensrichtung steht und fällt mit dem zahlenmäßigen Umfang ihrer Anhängerschaft, die freilich historisch nicht konstant bleibt. In Abhängigkeit von den genannten Kontextbedingungen kann sie anwachsen, aber auch schwinden. Da ein wahrer Glauben also prinzipiell nicht möglich ist, wie kommt es dann zu Glaubensgewissheit? Rein theoretisch kann sich jemand für den höchstmöglichen Gewissheitsgrad im Glauben entscheiden, sofern er bei rationaler Überlegung zu dem Ergebnis kommt, dass er die Existenz Gottes für höchstwahrscheinlich bzw. sicher hält. Bis jetzt ist es auch den scharfsinnigsten Theologen nicht gelungen, die Existenz Gottes zu beweisen.239 Die gefühlte Glaubensgewissheit kann also im Falle der orthodoxen Religiosität nur irrational sein und wird es auch bleiben, da der Gläubige in seinem furor fidei keinerlei Veranlassung sieht, nach Argumenten zu suchen, die ihn verunsichern könnten. Er vermeidet tunlichst jeden Diskurs mit anderen, zuvörderst natürlich mit Leuten, die dem Glauben gegenüber kritisch eingestellt sind. Sein Gebet, sein Gottesdienst und die auf die Religion abgestimmten Lebensvollzüge bestätigen ihm stets von neuem das Wahrheitsgefühl im Glauben. Der Betende erlebt dieses Gefühl ganz selbstverständlich in Andacht und Meditation. Ein Gott, der Adressat von Gebetsformeln und Beschwörungsriten ist, erscheint unmittelbar nur in magischer Trance bzw. mystischer Versenkung240. Das dabei Erlebte wird im Gedächtnis und vor allem im Bericht gegenüber anderen Gläubigen durchaus mitunter farbig und rhetorisch bzw. homiletisch als Gotteserfahrung überzeichnet (hyperbolisiert) und als Vision tradiert. Diese wird dann in der Predigt, durch Gottesdienste, musikalische Darbietungen, in Skulpturen und Gemälden dargestellte kanonisierte Modellpersonen (Heilige) den Gläubigen mitgeteilt, damit diese ihrerseits an diesem Erleben teilhaben können (Mysterium fascinans241). Andacht, Kontemplation, Meditation ermöglichen und festigen die Gewissheit im Glauben an die Existenz Gottes242. In der Faszination suggestiv-magischer Liturgie, d.h. in der An- 239 Hoerster 2010, S. 114; Czermak 2014, S. 31-35. 240 Grüter 2010, S. 97 ff., 245 f. 241 Otto 1979, S. 42 ff. 242 Grabowski 2007, S. 37 ff. 3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens 57 betung Gottes, in der Wiederholungsrhetorik von Gebets- und Opferritualen liegt freilich auch die Wurzel fanatisch-religiösen Denkens und Handelns243. Mehr noch: Die magische Gewissheit des Glaubens und die Gottesfurcht (Mysterium tremens244) kann die Bereitschaft zu gewalttätigen Handlungen gegen Andersgläubige und Kritiker hervorrufen oder gar fördern. In Wirklichkeit verbleibt das Erlebnis jedoch im Bannkreis des eigenen Gehirns.245 Das beweist allein schon die Voraussetzung, dass sich das visionäre Erlebnis nur einstellt bei wahrhaft Gläubigen.246 Die Inhalte von Visionen und womöglich auch Halluzinationen sind in der Tat abhängig von den vorgegebenen bzw. zuvor verinnerlichten Glaubensinhalten, die ja in den verschiedenen Religionen und Kulturen ganz unterschiedlich geprägt sind.247 Sie fördern bzw. erzeugen zwar die „Glaubensgewissheit“ des Gläubigen, sind aber keineswegs Beweise für die Existenz Gottes248. Es gibt keine besondere „Glaubenserfah- 243 "Im evangelischen Biblizismus [...] wird die theologische Wahrheit von gestern als unwandelbare Botschaft gegen die theologische Wahrheit von heute und morgen verteidigt. Der Fundamentalismus versagt vor dem Kontakt mit der Gegenwart, und zwar nicht deshalb, weil er der zeitlosen Wahrheit, sondern weil er der gestrigen Wahrheit verhaftet ist. Er macht etwas Zeitbedingtes und Vorübergehendes zu etwas Zeitlosem und ewig Gültigem. Er hat in dieser Hinsicht dämonische Züge. Denn er verletzt die Ehrlichkeit des Suchens nach der Wahrheit, ruft bei seinen denkenden Bekennern eine Bewusstseins- und Gewissensspaltung hervor und macht sie zu Fanatikern, weil sie dauernd Elemente der Wahrheit unterdrücken müssen, deren sie sich dunkel bewusst sind." (Tillich, 1951, in: Manfred Baumotte (Hrsg.): Tillich-Auswahl, Bd. 1, Das Neue Sein, Gütersloh 1980, S. 120 f.). 244 Otto 1979, S. 13 ff. 245 Grüter 2010, S. 97 ff., bes. 100 ff.; s.a. die auf Geistmetaphysik vertrauende Theologie Karl Rahners (1976, S. 31 ff.), dessen „Gotteserfahrung“ als „anonymes und unthematisches Wissen von Gott“ (Rahner a.O., S. 32) womöglich nur auf menschlicher Selbsterfahrung beruht (Fischer 2002, S. 27, 39). 246 Grabowski 2007, S. 41 f.; Grüter weist darauf hin, dass solche ekstatischen Erlebnisse auch bei Epileptikern auftreten können (2010, S. 100 ff.). 247 Meistens sind die „Visionäre“ schlichte Menschen, wie Hirten- oder Bauernkinder, die einfältige Botschaften der „Erscheinung“ weitergeben an ebenso einfältige Gläubige. Im katholischen Milieu überwiegen meistens Marienerscheinungen. Protestanten sind eher gegen solche Visionen immun. 248 Ähnlich sind auch die sog. Nahtoderlebnisse zu verstehen, die neuerdings von manchen Betroffenen als Beweise dafür angesehen werden, dass das Bewusstsein 3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens 58 rung“ im Sinne eines Erkenntnisvermögens besonderer Art249. Die Einordnung eines Erlebnisses als Glaubenserfahrung ist abhängig von vorheriger religiöser Gestimmtheit und Engagiertheit sowie von der nachträglichen religiösen Interpretation des Betroffenen und seiner Gesprächspartner250. Alternative Deutungen des Erlebnisses, etwa (tiefen-)psychologische, soziologische, medizinische Erklärungen werden von theologischer Seite nur unzureichend berücksichtigt. Nichtsdestoweniger werden solche Erlebnisse in Stellungnahmen religiöser Autoritäten und in Berichten über Erscheinungen, Wunderheilungen u.ä. als Gewissheit vermittelnd betrachtet und verteidigt. Ein interessantes Beispiel in diesem Zusammenhang ist das Erleben, von einem Teufel bzw. Dämon besessen zu sein, und das Ritual der Teufelsaustreibung (Exorzismus), dessen Veranstaltung von der Katholischen Kirche nach wie vor als legitim betrachtet wird. Glaubensgewissheit wird freilich auch gefördert in einem strenggläubigen religiös-fundamentalistischen subkulturellen Milieu, welches gekennzeichnet ist durch eine rigorose Anerkennung des Alleinvertretungsanspruchs der Religion und eine ausgeprägte in-group- Kommunikation, die noch verstärkt wird durch eine sehr vereinfachende Alles-oder-Nichts-Logik (z.B. das islamische Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Allah“ und die islamistische Formel „Allahu akbar“). Diese meint eine strikte Einteilung der Menschen in Gläubige und Ungläubige bzw. in Gute und Böse, wobei die Ungläubigen – zu denen nach diesem Denken auch die Andersgläubigen zähunabhängig vom Gehirn funktionieren könne (Schmied-Knittel 2012, S. 74). Diese „Belege“ sind jedoch problematisch, da die Erlebnisse erst nach einer gewissen Zeit berichtet werden und die Berichte deshalb womöglich von der jeweiligen Kultur der Erlebenden beeinflusst werden (Schmied-Knittel a.O., S. 74 f.). Zudem sind die daraus gefolgerten Vorstellungen von der Existenz der Seele außerhalb des Organismus absurd, weil wegen des Ausfalls des Gehirns, der Sinnesorgane, Verstand und Vernunft die Aufnahme, Verarbeitung und Weitergabe von Informationen ausgeschlossen ist. 249 Hoye 1993, S. 51. Tillich 1951, in Baumotte 1980, S. 127: Beide, Empirie und Metaphysik, gründen auf einer apriorischen mystischen Erfahrung. James (1902) 2014, S. 60: „Es gibt keinen Grund für die Annahme, es existiere eine einfache abstrakte ‚religiöse Emotion‘ als eine eigenständige elementare Gemütsbewegung“. Ebensowenig gibt es ein Gottes-Gen oder Spiritualitäts-Gen oder gar im Gehirn ein Zentrum für religiöse Erfahrung (Dennett (2006), dt. 2016, S. 384). 250 Einige Beispiele dafür finden sich bei Zahrnt 1977, S. 168 ff. 3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens 59 len – zu bekämpfen sind, insbesondere wenn die eigene Religion politische Macht erringen will. Solche Gruppen bilden durch ihre repressiven Regeln, religiösen Indoktrinationen und rigiden Überwachungsstrukturen den Nährboden für die Hervorbringung terrorbereiter Religiosität und die potentielle Bereitschaft, sich selbst zu opfern und „Ungläubige“ zu schlachten251. Die Radikalisierung und Ausbildung eines leicht entfesselbaren Aggressionspotentials sind dann die Folge der vermeintlichen Kenntnis des göttlichen Willens und der Selbstsicht des Gläubigen als dessen Vollstrecker. Das religiöse Versprechen ewiger Paradiesesfreude entlastet den gewaltbereiten Gläubigen schließlich von irdisch-moralischer Verantwortung252. Besonders gefährlich ist in dieser Hinsicht der Koran, der in Sure 2 zur Ermordung der Ungläubigen aufruft und damit der Anwendung von Gewalt Vorschub leistet oder – besser gesagt – sie legitimiert. Deshalb ist es erforderlich, den Wahrheitsanspruch des naiv-orthodoxen islamischen Glaubens im Sinne philosophischer Aufklärung zu überdenken. „Der Wahnglaube ist das Grundübel, das es zu bekämpfen gilt“253. Die Erwartung, dass ein moderater Islam akzeptabel sei, kann nur realistisch sein, wenn der Wahrheitsanspruch des Korans relativiert wird. Solange die Moslems darauf beharren, dass der Koran Gottes Wort und damit unveränderlich sei, ist für einen moderaten Islam kein Platz. Es ist deshalb mindestens notwendig, dass sich der islamische Klerus einhellig von der o.g. und ähnlichen Suren distanziert.254 251 Krauss 2005, S. 12. 252 Krauss 2005, S. 12, dort auch Weinrich 2001, S. 59. 253 Nach Cassirer 1932, S. 169 die von Bayle geprägte Grundthese der französischen enzyklopädischen Religionskritik. 254 S. hierzu die 40 Thesen zur Reform des Islam von Ourghi 2017. 3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens 60 Francisco de Goya: Der Schlaf der Vernunft produziert Monster. Radierung, ca. 1797/1798 (Wikimedia Commons, gemeinfrei) Einem friedvollen Zusammenleben der Religionen steht somit die Glaubensgewissheit entgegen. Sie kann nicht allgemeines Gesetz sein, wie es Kants kategorischer Imperativ als Grundbedingung der Moral verlangt. Glaubensgewissheit heute – das ist der Ausdruck des selbstverschuldeten Rückfalls in die Unmündigkeit der Zeit vor der Aufklärung. Selbst verschuldet ist dieser Rückfall deshalb, weil es in unserer Zeit genug Bildungsmöglichkeiten gibt, die über religiöse Ansprüche und philosophische Widerlegungen aufklären. Deren Nutzung erlaubt eine vernunftgemäße Einschätzung der Religion und des Glaubens sowie eine Einübung in Toleranz. Ein paradigmatisches Beispiel hierfür ist die aus der Holocaust-Erfahrung, also der Vernichtung des von Gott „auserwählten“ Volkes der Juden, gewonnene Erkenntnis des Philosophen Jonas, nach der die Doktrin der Allmacht Gottes nicht aufrecht erhalten werden kann255. Die magisch aufgeladene Glaubensgewissheit verhindert die Suche nach widersprechender Information oder taucht jede neutrale Information in das Licht angeblich gottgewollter Bewertung. Die Verhinderung von radikaler bzw. fanatischer Glaubensgewissheit ist natürlich auch eine Aufgabe der Religionspäd- Abb. 2: 255 Jonas 1987, S. 33. 3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens 61 agogik, der Predigt in Gottesdiensten, der Berichterstattung in Massenmedien und professioneller psychosozialer Intervention bei gefährdeten Individuen oder Familien256. Darüber hinaus kann der visionäre Zauber magischer Glaubensgewissheit durch sachbezogenes Nachfragen in Situationen direkter Kommunikation gebrochen werden. An dogmatischen All-Sätzen, wie sie in Gebetstexten vorkommen, lässt sich das leicht demonstrieren: Ein Beispiel ist der Satz „Gott ist groß“. In islamischen Gebetsritualen wie auch bei der Tatbegehung von islamistischen Terroristen spielt er eine wichtige Rolle als rituelle Einstimmung in Andacht und Meditation bzw. in das terroristische Mordszenario257. Da der Informationsgehalt des Satzes nach Maßgabe des gesunden Menschenverstandes sehr dürftig ist, liegt die Annahme nahe, dass der Satz hauptsächlich aus Gründen der Erzeugung einer magischreligiös aufgeladenen Stimmung gesprochen wird, die besonders unterstrichen wird, wenn er mit tiefer Stimme und im Chor, d.h. gleichzeitig von mehreren männlichen Gläubigen zelebriert wird. Man kann diesem magischen Einfluss entgegenwirken, wenn man den Satz als hypothetische Sachaussage mit Wahrscheinlichkeitscharakter auffasst, deren Realgeltung zu prüfen ist. Zur Klärung müsste man dann nachfragen: Wie groß? Mit welcher Größe ist Gott vergleichbar? Kann man seine Größe messen? Die magische Wirkung wäre schnell verflogen, wenn sich der Betende gedanklich diesen Fragen stellen und einen Wahrscheinlichkeitsvorbehalt anerkennen würde. Vermutlich wäre das Gebet dann allerdings nicht mehr möglich. Allgemein gesagt kann man die Zauberwirkung magisch-religiöser Sätze durch deren Transformierung als empirische Hypothese mit Wahrscheinlichkeitsvorbehalt begrenzen. Dieser Wahrscheinlichkeitsvorbehalt sollte bei allen religiös-dogmatischen Aussagen über die Existenz Gottes zur Regel gemacht werden. Die Formulierung „Es gibt einen Gott“ suggeriert eine Glaubensgewissheit, die nicht begründet ist. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit weist auf diese unbegründete und deshalb irrtümliche Gewissheit hin. Die Formulierung „Es gibt wahr- 256 S. Neumann 2013; Vidino 2013; Mansour 2016. 257 Das Argument der Islam-Apologeten, dass die IS-Mörder nichts mit dem Islam zu tun hätten, ist durch die Beobachtung widerlegt, dass die Täter vor Beginn der Tat „Allahu akbar“ rufen. Diese Formel wird bei vielen religiösen Ritualen verwendet. Sie zeigt, dass der jeweilige Mord als islamisches Ritual zu verstehen ist. 3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens 62 scheinlich einen Gott“ ist wegen der definitiv eingeräumten Irrtumsmöglichkeit weitaus besser begründet. Aufgrund der Wahrscheinlichkeitsbedingung entfällt das magische Gewissheitserlebnis und die daraus gelegentlich folgende Gewaltbereitschaft. Im Gegensatz zu der Glaubensgewissheit ist das Konzept der Wahrscheinlichkeit in der heutigen säkularen Gesellschaft mehrheitsfähig, da es die geschichtliche Weiterentwicklung des Denkens zu Rationalität und Wissenschaft repräsentiert. Wahrscheinlichkeit ist der Kernbegriff moderater Religiosität. 3. Glaubensgewissheit, ein Relikt magischen Denkens 63

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Zusammenfassung

Religion und Religiosität spielen wieder eine Rolle im öffentlichen Diskurs. Allerdings sind religiöse Überzeugungen keine monolithischen Blöcke. In jeder Religion finden sich verschiedene Glaubensgrade, die vom Strenggläubigen über Moderat-Gläubige bis zu Nicht-Gläubigen reichen. Für die Praktizierung des jeweiligen Glaubensgrades ist dabei entscheidend, wie ernst der Gläubige die Existenz Gottes nimmt. Klaus Mai untersucht am Beispiel des Christentums Glaubenskonzepte und Weltanschauungen bedeutender Philosophen und Theologen im Hinblick auf ihre explizite oder implizite Stellungnahme zur Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung einer Wahrscheinlichkeitsskala, auf der die erschlossenen Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und ihre weltanschaulichen Unterschiede abgebildet werden können. Nach seiner Auffassung ist Grundlage und Kern moderater Gläubigkeit die Anerkennung eines Wahrscheinlichkeitsvorbehalts für alle religiösen Aussagen über die Existenz Gottes. Nur moderate Gläubigkeit kann Toleranz gewährleisten. Der Autor verwirft Glaubensgewissheit als Rückfall in magisches Denken und plädiert für eine vernunftorientierte Weltsicht verbunden mit einer rational begründeten Ethik.