1. Grundlagen der Anwendung subjektiver Wahrscheinlichkeiten auf die Gottesfrage in:

Klaus Mai

Orthodox - Moderat - Säkular, page 5 - 10

Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und deren weltanschauliche Rechtfertigung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4123-9, ISBN online: 978-3-8288-7093-2, https://doi.org/10.5771/9783828870932-5

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Grundlagen der Anwendung subjektiver Wahrscheinlichkeiten auf die Gottesfrage Der Unterschied zwischen Glauben und Wissen ist anderswo schon vielfach untersucht worden8, braucht hier also nicht weiter ausgebreitet zu werden. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Glauben mehr mit religiösen Weltanschauungen, also mit Offenbarungswissen und den allein darauf fußenden Annahmen über die Existenz Gottes – für wahr halten ohne methodische Begründungen9 – zu tun hat, Wissen dagegen auf Alltagserfahrungen bis hin zu wissenschaftlich überprüftem, d.h. epistemischem Wissen gründet, welches die Frage der Existenz Gottes implizit oder explizit beiseiteschiebt oder gänzlich verneint. Strenggenommen ist Glaube und Wissen kein Gegensatz. Der Begriff „Glaube“ meint eigentlich eine „Überzeugung“, die begrifflich von Habermas in seinem berühmten Oxymoron so treffend definiert wurde als „der eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Argumentes“.10 Es geht dabei um die Begründung des gemeinten Wissens. Unabhängig von dem Bereich des Wissens gilt in der Sicht des Begründenden grundsätzlich: Je besser begründet, desto glaubwürdiger. In diesem Sinne kann jedes Wissen sowohl gewusst, als auch geglaubt werden, oder eben nicht. Jedes Wissen, das nicht ausreichend bzw. nicht zufriedenstellend begründet ist, ist unglaubwürdig. Die Besonderheit religiösen Wissens ist, dass es sich als Offenbarungswissen begreift. Danach gilt jede religiöse Aussage als begründet, wenn sie mit dem Offenbarungswissen übereinstimmt. Der religiöse Glaube ist sozusagen Voraussetzung für die Einsicht in Begründungen11. Darüber hinaus ist auch ein religiöses Wissen denkbar ohne eine dogmatische Festlegung auf eine bestimmte Offenbarung, etwa in 1. 8 Z.B. Czermak 2014, S. 42 ff. 9 Mittelstraß 2008, S. 144. 10 Habermas 1981. 11 Honerkamp 2017, S. 281 ff. 5 dem mehr oder weniger vagen Sinne, dass es einen Gott gibt und dass alles, was geschieht, insbesondere, wenn ein Geschehen im Moment unerklärlich scheint, Gottes Fügung ist. Dieses religiöse und religiös anmutende Wissen nenne ich theistisch12. Das säkulare Wissen, d.h. das Erfahrungs- bzw. epistemische Wissen, das der Mensch in seinem Lebensvollzug gewinnt, fußt auf der unmittelbaren Erkenntnis, dass Ereignisse, Vorgänge und Sachverhalte bzw. alles, was geschieht und sinnlich wahrnehmbar ist, Ergebnis von Zufall und naturgesetzlichen Bedingungsgefügen ist. Es gibt keine unerklärlichen, sondern nur ‚noch nicht‘ geklärte Geschehnisse. Säkulare Aussagen setzen die Annahme der Existenz eines Gottes nicht voraus. Im Idealfall ist dieses Wissen in einem nach Maßgabe axiomatischer Grundannahmen nachvollziehbar begründeten Aussagensystem, in einem Begründungsnetz13, repräsentiert. Mehr noch: Das im Zuge der wissenschaftlichen Entwicklung seit dem 19. Jh. zunehmende Gefühl einer zunehmenden Erkennbarkeit und Machbarkeit aller Dinge durch menschliche Wissenschaft und Technik entspricht einer zunehmenden Verdrängung Gottes aus der Welt.14 Deshalb nenne ich dieses Wissen non-theistisch15. Die beiden Begriffe „theistisch“ und „non-theistisch“ bezeichnen zunächst nur Eigenschaften des hier interessierenden Wissens im Sinne eines kategorialen Referenzrahmens in einem Kontinuum. Inhaltlich besteht das Kontinuum aus verschiedenen Varianten der Antworten auf die Frage nach der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes. Da diese Frage bis heute nicht abschließend beantwortet werden konnte und wohl auch nicht beantwortet werden kann, lassen sich nur Antworten abbilden, die unterhalb der Wahrheitsebene mehr oder weniger beweiskräftig scheinen. Demzufolge ist es sinnvoll, die Frage nach der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes mit dem Konzept der Wahrscheinlichkeit in Verbindung zu bringen. Zur Rechtfertigung der Aussagen über die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes sind neben reli- 12 Dieser Begriff ist hauptsächlich zu beziehen auf den abendländischen Kulturraum. Der Buddhismus bspw. ist hiervon nicht betroffen, weil er zwar eine Religion ist, aber keine Gottheit nach unseren Begriffen anerkennt. 13 Honerkamp 2017, S. 2 ff., insb. S. 8. 14 Zahrnt 1966, S. 163. 15 Diese Begriffswahl entspricht dem Postulat des „methodischen Atheismus“, das im Sinne von ‚Wertfreiheit‘ als eine unabdingbare Voraussetzung wissenschaftlicher Forschung angesehen werden kann (Honerkamp 2017, S. 281 und 292). 1. Grundlagen der Anwendung subjektiver Wahrscheinlichkeiten auf die Gottesfrage 6 gionsphilosophischen auch und gerade naturwissenschaftliche Argumente erforderlich, da wissenschaftliche Aussagen empirisch und in ihrer logisch-begrifflichen bzw. philosophischen Präzision ziemlich genau bemessen sind. In Begriffen der Wahrscheinlichkeitstheorie gilt: P(G): Wahrscheinlichkeit P, dass Gott (G) existiert und P(-G): Wahrscheinlichkeit P, dass Gott nicht existiert (-G). Weiter gilt, dass die genannten Wahrscheinlichkeiten je nach theistischer (religiöser) oder non-theistischer (säkularer) Sichtweise verschiedene Werte annehmen können, die auf einem Kontinuum von O, d.h. total unwahrscheinlich, über 0,5, d.h. weder/noch bis zu 1, d.h. unumschränkt gültig, angeordnet werden können. Diese Anordnung entspricht einer zweipoligen Skala, einer sogenannten Likert-Skala16. Die entsprechenden Aussagen nehmen allerdings nicht Bezug auf den klassischen Wahrscheinlichkeitsbegriff der relativen Häufigkeiten, sondern verstehen sich als subjektive Wahrscheinlichkeiten. Damit sind Intensitätsgrade des Vertrauens in die Geltungskraft einer Aussage bzw. Theorie oder in die Vorhersage eines Ereignisses/Vorgangs oder m.a.W. Grade der Überzeugung von der Richtigkeit der Aussage oder vom Eintritt eines Ereignisses gemeint.17 Angewandt auf die Gottesfrage, also die Frage, ob Gott existiert oder nicht, setzt sich jede darauf bezogene Antwort aus zwei Anteilen zusammen, dem religiösen bzw. theistischen Wissen und dem säkularen bzw. non-theistischen Wissen. Unter der Annahme, dass jeder Mensch nach einer Welterklärung sucht und deshalb eine mehr oder weniger durchdachte Antwort auf die Gottesfrage hat, kann gelten, dass das Vorliegen der Gottesfrage (abgekürzt GF) zu 100 % wahrscheinlich, also sicher ist, d.h.: P(GF) = 1 Im Weiteren wird angenommen, dass es grundsätzlich zwei Antwortmöglichkeiten auf die Gottesfrage gibt, nämlich eine theistische und eine non-theistische Antwort, es also keine dritte Option gibt18. Beide 16 So genannt nach dem amerikanischen Psychologen R. Likert. 17 Nell 1983, S. 35. 18 Unwin 2003, S. 59 f., und S. 66. 1. Grundlagen der Anwendung subjektiver Wahrscheinlichkeiten auf die Gottesfrage 7 Antworten können nur hypothetisch sein, d.h. es sind ungeprüfte bzw. nicht überprüfbare Wahrscheinlichkeitsaussagen. Dann gilt P(GF) = P(G) + P(-G) Daraus folgt das Additivitätsaxiom der Wahrscheinlichkeitstheorie19 P(G) + P(-G) = 1 Unterschiede ergeben sich in der Ausprägung der Einzelwahrscheinlichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit für die Existenz Gottes ist P(G) = 1 – P(-G) Und die Wahrscheinlichkeit für die Nicht-Existenz Gottes ist P(-G) = 1 – P(G) Dabei erhebt sich die weitergehende Frage, wie hoch der Glaubensgrad für die Akzeptanz bzw. Verbreitung der Gotteshypothese anzusetzen ist. Diese Frage ist zu klären mit Bezug auf den Vergleich der beiden Einzelwahrscheinlichkeiten. Für Gläubige gilt grundsätzlich P(G) > P(- G), für Nicht-Gläubige gilt P(-G) > P(G). Das Verhältnis zwischen P(G) und P(-G) wird als umgekehrt proportional unterstellt, d.h. je höher die subjektive Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes, desto geringer die subjektive Wahrscheinlichkeit der Nicht-Existenz Gottes und umgekehrt. Darüber hinaus können quantitative Unterschiede festgelegt werden, nach denen die Bedeutung jeweiliger Wahrscheinlichkeiten für die Gläubigen/Nicht-Gläubigen bemessen werden kann. Es ist zweckmäßig, diese Wahrscheinlichkeiten nicht einfach punktuell zu bestimmen, sondern nach Intervallen zu ordnen. Die Grenzwerte dieser Glaubens- bzw. Überzeugungsbereiche lassen sich mit Blick auf die Beweismaße bei der Beurteilung von Sachverhaltsaussagen im Rechtsbereich, d.h. bei rechtlichen Streitigkeiten definieren. Im Bereich z.B. des Zivilrechts lassen sich viele Streitfälle nicht entscheiden, wenn nur Sachaussagen zugelassen werden, die dem Ideal voller Wahrheit entsprechen. Um trotzdem zu der notwendigen Entscheidung zu kommen, muss deshalb auf Wahrscheinlichkeitswerte Bezug genommen werden. Es gibt dabei vier Wahrscheinlichkeitsty- 19 Unwin 2003, S. 67 f.; Phillips 1973, S. 34. 1. Grundlagen der Anwendung subjektiver Wahrscheinlichkeiten auf die Gottesfrage 8 pen, die als Beweismaße in Rechtsstreitigkeiten Anwendung finden.20 Danach sind Sachaussagen – Annähernd sicher ab einem Wahrscheinlichkeitsgrad > 90% 21 – Hochwahrscheinlich bei einem Wahrscheinlichkeitsgrad > 75% 22 – Einfach wahrscheinlich bei einem Wahrscheinlichkeitsgrad > 50% 23 – Gering wahrscheinlich bei einem Wahrscheinlichkeitsgrad < 50% Ideal erwiesen ist ein Sachverhalt bei an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: > 97%. Deshalb gilt dieser Überzeugungsgrad als Regelbeweismaß. Unterhalb von 50% gilt ein Beweis als nicht erbracht, da nur gering wahrscheinlich. Dies gilt vor allem für den sogenannten Anscheinsbeweis oder „prima facie“-Beweis 24. Übertragen auf die vorliegende Fragestellung ist ebenfalls das Ideal der Wahrheit bzw. Glaubensgewissheit maßgeblich. Angesichts von Zweifeln an der Realgeltung einiger religiöser Aussagen bezüglich der Existenz Gottes können jedoch auch geringere Wahrscheinlichkeitsgrade Plausibilität beanspruchen. Die wichtigste Grenze liegt bei 50%. Liegt die subjektive Wahrscheinlichkeit für P(G) bei 50% oder darunter, so gilt die Annahme der Existenz als unwahrscheinlich. Entsprechend ist für P(-G) < 50% die Existenz Gottes wahrscheinlich. Die Ermittlung des zutreffenden Wahrscheinlichkeitsbereiches erfordert Erfahrungen bzw. Informationen über die Beschaffenheit von Sachverhalten, Ereignissen, Vorgängen, die für die Beurteilung der Frage nach der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes von Bedeutung sind. Dafür liefert das Bayes-Theorem den mathematischen Rahmen, auf dessen Grundlage Swinburne seine Theorie der Existenz Gottes entwickelt hat, auf welche hier verwiesen wird.25 Für die vorliegende Fragestellung reicht es, die Ausgangswahrscheinlichkeiten als Aus- 20 Berger-Steiner 2008, Katalog verbindlicher Beweismasse für das schweizerische Privatrecht, S. 239 ff.; s.a. Schweizer 2015, S. 471 f. 21 Berger-Steiner a.O. S. 240–249, S. 249. 22 Berger-Steiner a.O. S. 249–269, S. 269. 23 Berger-Steiner a.O., S. 269–283, S. 281. 24 Berger-Steiner a.O., S. 281 ff., S. 294, Fußnote 1076. 25 Swinburne 1979, dt. 1987, insb. S. 79 ff.; Löffler 2007, S. 103 f. Das Bayes-Theorem lautet:P h|i + w = P h|w  x P i|h + wP i|w   1. Grundlagen der Anwendung subjektiver Wahrscheinlichkeiten auf die Gottesfrage 9 druck der jeweiligen Glaubensgrade zu bestimmen. Die Berechnung der Nachwahrscheinlichkeiten – also nach Anwendung der Bayes-Formel – wird hier nicht angezielt, zumal die rechnerischen Bestimmungsgrößen Swinburnes in der Literatur nicht einhellig Zustimmung finden.26 Der Wahrscheinlichkeitsbegriff dient in vorliegendem Zusammenhang hauptsächlich als Ordnungs- bzw. Unterscheidungskriterium zwischen den Glaubensgraden und ihren sie rechtfertigenden weltanschaulichen Lehrgebäuden. Dabei wird nur vorausgesetzt, dass die Glaubensgrade konsistent sind, d.h. sich im Sinne der Wahrscheinlichkeitsaxiome nicht widersprechen27. Erläuterung: h steht für Hypothese I steht für Indizien w steht für Hintergrundwissen Es geht um die Nachwahrscheinlichkeit P der Hypothese h, gegeben i und w P (h|w) ist die Ausgangswahrscheinlichkeit der Hypothese h, gegeben w P (i|h+w) ist die Wahrscheinlichkeit der Indizien i bei gegebener Hypothese h und gegebenem Hintergrundwissen w 26 Löffler 2007, S. 114 f.; Bartelborth 1996, S. 207; Unwin (2003) bietet beispielhaft eine Anwendung des Bayes-Theorems. Die dabei herausgearbeiteten Wahrscheinlichkeitsziffern bei 6 Evidenzbereichen (=Indizien) (S. 113 ff.) sind jedoch nicht sehr überzeugend begründet, wie er auch selbst einräumt (S. 150): „Ihre Bewertung (gemeint ist die des Lesers; K.M.) der Indizien kann anders ausfallen“. Auf S. 263 ff. gibt der Autor eine Anleitung für eigene Berechnungen. 27 Bartelborth 1996, S. 209. 1. Grundlagen der Anwendung subjektiver Wahrscheinlichkeiten auf die Gottesfrage 10

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Zusammenfassung

Religion und Religiosität spielen wieder eine Rolle im öffentlichen Diskurs. Allerdings sind religiöse Überzeugungen keine monolithischen Blöcke. In jeder Religion finden sich verschiedene Glaubensgrade, die vom Strenggläubigen über Moderat-Gläubige bis zu Nicht-Gläubigen reichen. Für die Praktizierung des jeweiligen Glaubensgrades ist dabei entscheidend, wie ernst der Gläubige die Existenz Gottes nimmt. Klaus Mai untersucht am Beispiel des Christentums Glaubenskonzepte und Weltanschauungen bedeutender Philosophen und Theologen im Hinblick auf ihre explizite oder implizite Stellungnahme zur Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung einer Wahrscheinlichkeitsskala, auf der die erschlossenen Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und ihre weltanschaulichen Unterschiede abgebildet werden können. Nach seiner Auffassung ist Grundlage und Kern moderater Gläubigkeit die Anerkennung eines Wahrscheinlichkeitsvorbehalts für alle religiösen Aussagen über die Existenz Gottes. Nur moderate Gläubigkeit kann Toleranz gewährleisten. Der Autor verwirft Glaubensgewissheit als Rückfall in magisches Denken und plädiert für eine vernunftorientierte Weltsicht verbunden mit einer rational begründeten Ethik.