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2. Theoretische Grundlagen von SocialEntrepreneurship in:

Julia Wetzel

Bewertungskriterien für Social Enterprises, page 7 - 32

Entscheidungsgrundlage für Investoren - Voraussetzungen für die nachhaltige Gestaltung einer sozial innovativen Wirtschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4179-6, ISBN online: 978-3-8288-7091-8, https://doi.org/10.5771/9783828870918-7

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 87

Tectum, Baden-Baden
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Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship Historische Vorläufer und moderne Ausprägung des Begriffs „Social Entrepreneurship“ Beispiele für die Betätigung von Unternehmertum mit einer sozialen Mission bestehen weitaus länger als die neuartig modernen, aus dem angelsächsischen Raum übernommenen Begriffe „Social Entrepreneurship“ oder „Social Business“ vermuten lassen. Es lassen sich schon früh soziales Bestreben einzelner, oftmals aus religiös christlichen Motiven handelnden Menschen beobachten, die Missstände einzelner Bevölkerungsgruppen ihrer Zeit erkannten. In der Literatur wird insbesondere immer wieder das Wirken von Florence Nightingale ( – ) als historisches Beispiel für soziales Handeln im Sinne des Begriffs „Entrepreneurship“ genannt. Sie gilt mit ihren Hilfsaktionen für verletzte Soldaten (Sicherstellung ordentlicher Ernährung, regelmäßiges Wechseln der Verbände und verbesserte hygienische Verhältnisse im Lazarett) als eine der bedeutendsten Begründerinnen des Gesundheitswesens in England. Es folgte die Gründung der ersten Krankenschwesternschule Englands am Londoner St. Thomas‘ Hospital. Damit wurde erstmals eine systematische auf Hygiene und ausreichende Ernährung abzielende medizinische Pflege eingeführt. Krankenschwestern sind fortan nicht mehr notdürftig ausgebildete Hilfskräfte von Ärzten, sondern werden von ihresgleichen professionell ausgebildet. Die von Nightingale entwickelte und durchgesetzte Professionalisierung der Krankenpflege begründete für viele Frauen die Möglichkeit, einen nun staatlich anerkannten Beruf zu erlernen und auf dessen Grundlage ein selbstbestimmtes Leben führen 2. 2.1 Vgl. Beckmann M. ( ), S. ; Achleitner, A.-K./ Pöllath, R./ Stahl, E. ( ), S. . Vgl. z. B. Rummel, M. ( ), S. , Fn. . 7 zu können. Ein für die viktorianische Zeit gesellschaftlich revolutionärer Vorgang. Für den deutschsprachigen Raum sind als historische Vorläufer die im . Jahrhundert unter der Leitung von Friedrich W. Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch gegründeten Genossenschaftsbanken zu nennen. Raiffeisen veränderte genossenschaftliche Ansichten, indem er beschloss, erzielte Dividende nicht auszuschütten, sondern sozialen Projekten zugute kommen zu lassen. Für ihn stand nicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund, sondern vielmehr eine soziale Grundorientierung, nämlich benachteiligten Landwirten Unterstützung zu gewähren. Auch die Ende des . Jahrhunderts von Friedrich von Bodelschwingh gegründete Organisation, „die nach wirtschaftlichen Grundsätzen arbeitete und Handwerksbetriebe, eine Strom- und Wasserversorgung, Schulen und Ausbildungsstätten betrieb“, wird in diesem Zusammenhang genannt. Als Meilenstein zur Entwicklung eines breiten gesellschaftlichen Bewusstseins für ökologische und soziale Fehlentwicklungen wird die im Jahre vom Club of Rome veröffentlichte Studie „Die Grenzen des Wachstums“ angesehen. Zunächst bewirkte diese Studie allerdings eine gestärkte Erwartungshaltung zur Lösung der Probleme gegenüber staatlichem Handeln. Ein vom Staat erlassener verbindlicher Rechtsrahmen sollte Unternehmen und Konsumenten zu einem ökologisch und sozial verträglichen Handeln verpflichten. Erst in den er Jahren setzte sich allmählich das Bewusstsein durch, dass ökologisches Handeln auch ökonomisch sehr gut funktionieren kann. In der Folgezeit entwickelten sich erste Ansätze für ein ökologisch und sozial verträgliches Wirtschaften. Diese Vorstellung wurde durch drei Impulsgeber weiter forciert: zunächst durch Bill Vgl. Gergs, H.-J. ( ), S. . Vgl. Beckmann, M. ( ), S. . Vgl. Raiffeisen-Gesellschaft (Hrsg), , Raiffeisen-Weltbild. Die Ideale und Prinzipien Raiffeisens haben sich erfolgreich weltweit verbreitet, denn in mehr als Ländern sind mittlerweile mehr als Mio. Menschen in rund . Genossenschaften organisiert, vgl. a.a.O., Friedrich-Wilhelm Raiffeisen. Vgl. Rummel, M. ( ), S. . Vgl. Spiegel, P. ( ), S. . Vgl. Spiegel, P. ( ), S. . 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 8 Drayton mit seinem Konzept vom Social Entrepreneurship, dann durch den Impuls des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus für Social Business und schließlich durch den amerikanisch-indischen Wirtschaftswissenschafter Coimbatore Krishnarao Prahalad, der mit seiner Social Impact-Orientierung neue Akzente gesetzt hat. Zudem existieren seit den er Jahren auch weltweit agierende Förderorganisationen für Sozialunternehmen wie zum Beispiel Ashoka oder die Schwab Stiftung. Das Forschungsgebiet „Social Entrepreneurship“ und die damit verbundenen Fragestellungen erhalten seit geraumer Zeit auch in Deutschland vermehrt Aufmerksamkeit in Medien, Politik, Lehre und Wissenschaft. Im Jahr folgte nach einem erfolgreichen VISION SUMMIT in Berlin ( ), bei dem unter anderem auch der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus sein neues Konzept des Social Business vorstellte, auf Initiative des Zukunftsforschers Peter Spiegel die Gründung des in Berlin ansässigen Genisis Institute for Social Innovation and Impact Strategies. Die als gemeinnützige GmbH gegründete Einrichtung verfolgt das Ziel, „die Förderung von Social Entrepreneurship, Social Business, Social Innovation und einer WeQ-Kultur in klugem Zusammenspiel [voranzubringen]“. Die Konferenz des Vision Summit, an dem internationale Akteure des Social Entrepreneurships teilnehmen, um ihre Vorschläge zur Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen der heutigen Zeit vorzustellen, findet seither regelmäßig statt. Im Jahr wurde die erste deutsche Professur für Social Entrepreneurship an der Leuphana Universität Lüneburg vergeben. Seit geraumer Zeit existiert zudem der Mercator For- Vgl. Spiegel, P. ( ), S. . Vgl. Spiegel, P. ( ), S. . Vgl. Genisis (Hrsg.), , Über uns, Historie. Vgl. Genisis (Hrsg.), , Über uns, Historie. WeQ, auch als „Wir-Qualitäten“ bezeichnet, „bilden die DNA vieler zentraler Trends der Gegenwart – von Social Innovation über Social Entrepreneurship bis Design Thinking und vielem mehr … WeQ ist ein übergeordneter Trend, der so etwas wie die DNA vieler bedeutender Trends der jüngeren Zeit darstellt. Ein ständig wachsender Kreis an Vordenkern und Pionieren sieht in ihm alle Merkmale eines Megatrends. WeQ meint vor allem zwei Dinge: Orientierung auf die Stärkung des Empowerment jedes Menschen und des Gemeinwohls – und Orientierung auf partizipative Prozesse, bei denen sich alle einbringen können.“ (so Vision Summit (Hrsg.), , WeQ – Was ist das?) Vgl. Vision Summit (Hrsg.), , Über uns. 2.1 Historische Vorläufer und moderne Ausprägung des Begriffs „Social Entrepreneurship“ 9 schungsverbund, in dem sich acht renommierte deutsche Universitäten, gefördert von der Mercator Stiftung, dem Themengebiet „Innovatives soziales Handeln – Social Entrepreneurship“ widmen. Ihr Ziel ist es zu erforschen, inwieweit Social Entrepreneurship sich als Modell für unternehmerisches Handeln in Deutschland eignet. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Stiftung Mercator Bernhard Lorentz bringt das Kernproblem und die Defizite aus deutscher Sicht mit folgenden Worten auf den Punkt: „Die Erforschung der Bedingungen für sozialunternehmerisches Handeln ist bislang von der angelsächsischen Sichtweise auf Unternehmertum, Sozialstaat und Gesellschaftsordnung geprägt. Es ist dringend erforderlich, dem eine Sichtweise zu ergänzen, die auf die Erfahrungen des deutschen Sozialstaats zurückgreift und damit erstmals in Deutschland den systematischen Ansatz und die Wirkungsmacht von sogenannten ‚Sozialunternehmern‘ untersucht.“ Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship Bestimmung der Begriffe anhand der Wortbestandteile Beschäftigt man sich mit dem Phänomen bzw. dem Themengebiet „Social Entrepreneurship“ , wird offenkundig, dass der Begriff in Wissenschaft und Praxis durch vielfältige Definitionen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen geprägt ist. Im deutschen Sprachraum wird unter Social Entrepreneurship regelmäßig sozial oder gesellschaftlich motiviertes Unternehmertum verstanden. 2.2 2.2.1 Vgl. Stiftung Mercator (Hrsg.), Pressemitteilung vom . . . Vgl. Stiftung Mercator (Hrsg.), Pressemitteilung vom . . . Anmerkung: Neben den Begriffen „Social Entrepreneurship“ und „Social Entrepreneur“ wird auch der Begriff „Social Enterprise“ in Literatur, Wissenschaft und staatlichen Organisationen nicht einheitlich definiert. Auf diesen Begriff wird in dieser Arbeit nicht näher eingegangen. Social Enterprise, Social Venture oder Sozialunternehmen ist die spezifische Organisationsform, in der ein Social Entrepreneur/Sozialunternehmer agiert und auf dem Markt unternehmerisch tätig wird. Vgl. Weirich, P. ( ), S. . Vgl. Hackl, V. ( ), S. ff. 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 10 Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer einheitlichen Definition sind unter anderem die interdisziplinäre Ausrichtung des Themenfeldes, kulturelle Unterschiede in Bezug auf das Verständnis, welches vor allem in Bezug auf den Begriff „sozial“ zum Tragen kommt, sowie ein außerordentlich subjektiv geprägtes und aus der Praxis heraus entstandenes Forschungsfeld. Die nachfolgende Darstellung geht von dem Grundverständnis aus, dass die Begriffe „Social Entrepreneurship“ und „Social Entrepreneur“ in einer Wechselbeziehung zueinanderstehen. Das heißt, wer den ersten Begriff definiert, wird dabei auch auf den anderen Bezug nehmen und umgekehrt. Erst wenn man beide Begriffe nebeneinander zusammen als Einheit betrachtet, erschließt sich das von ihnen bezeichnete Forschungsfeld und die damit einhergehende Praxis. Um einen eher systematischen Ansatz der Begriffsbestimmung zu wählen, bietet es sich an, zunächst auf die beiden Wortbestandteile der Begriffe „Entrepreneurship“ bzw. „Entrepreneur“ einerseits und „Social“ andererseits einzugehen und sie dann ins Verhältnis zueinander zu setzen. Die Begriffe „Entrepreneur“ und „Entrepreneurship“ Die französischen Begriffe „entrepreneur“ und „entrepreneurship“ (abgewandelt), die sich von dem Verb „entreprendre“, also „unternehmen“ ableiten, werden im Deutschen mit „Unternehmer“ oder „Existenzgründer“ bzw. mit „Unternehmertum, Selbständigkeit, Existenz- oder Unternehmensgründung“ übersetzt. Sämtlichen Übersetzungsversuchen fehlt jedoch ein ganz wesentlicher Bedeutungsinhalt und zwar lassen die deutschen Definitionen das „Dynamische“ bzw. die „kreative Vgl. Balgar, K. ( ), S. ; Leppert, T. ( ), S. ; Heinze, R. G./ Schneiders, K./ Grohs, S. ( ), S. . Vgl. Strauch, M. ( ), S. , der als Kernproblem der Definition von Social Entrepreneurship die Bestimmung des jeweiligen Verständnisses von sozial und ökonomisch und das Verhältnis dieser beiden Aspekte zueinander versteht. Vgl. Malek, M./ Ibach, P. K. ( ), S. . 2.2 Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship 11 Idee“, die dem Entrepreneur/Entrepreneurship originär anhaftet, vermissen. Der Begriff „entrepreneur“ wurde zunächst im frühen . Jahrhundert in Frankreich für den Leiter einer Militärexpedition verwendet. Nachdem der Ire Richard Cantillon erstmals den Entrepreneur in einen ökonomischen Kontext stellte, indem er ihn als einen Wirtschaftsakteur kennzeichnete, der bereit war, ökonomische Risiken einzugehen, indem er Güter und Dienstleistungen einkaufte, um sie später wieder zu einem höheren Preis zu verkaufen, gewann der Begriff weiter eine wagnisorientierte Ausprägung durch den französischen Ökonom Jean Baptiste Say ( – ). Nach Malek/Ibach verband Say mit einem Entrepreneur jemanden, „der den Einsatz von verschiedenen Produktionsfaktoren koordiniert“ und zwar dergestalt, „dass ökonomische Ressourcen aus einem Bereich niedrigerer in einen Bereich höherer Produktivität und größeren Ertrags [verschoben werden].“ Prägend für das deutschsprachige Verständnis des Begriffs „Unternehmer“ sind die Erläuterungen des österreichischen Ökonomen und Soziologen Joseph Alois Schumpeter ( – ). Er wird als wichtigster Impulsgeber für die Definition des Entrepreneurs angesehen, obwohl er selber in seinen Schriften nicht diesen Begriff verwendet, sondern stets vom Unternehmer spricht. Nach Jennings lässt sich der Schumpeter’sche Ansatz wie folgt zusammenfassen: „Entrepreneur is an innovator who carries out new combinations of economic development, which are new goods, a new method of production, new markets, new sources of raw material, or a new organizational form.” Es geht dabei um die Abgrenzung von lediglich statischen Betriebseigentümern zu dynamischen Unternehmern, die nach Schumpeter allein in Vgl. Malek, M./ Ibach; P. K. ( ), S. . Vgl. Aulinger, A. ( ), S. , mit Verweis auf Ellis, B. ( ). Malek, M./ Ibach P. K. ( ), S. , sehen darin auch den Grund, „warum Entrepreneur im Englischen zunächst auch oft als ‚Adventurer‘ oder ‚Merchant Adventurer‘ übersetzt wurde und bis heute mit Aufbruch, Wagnis und auch Spekulation in Verbindung gebracht wird.“ Vgl. Malek, M./ Ibach, P. K. ( ), S. . Malek, M./ Ibach, P. K. ( ), S. . Vgl. Aulinger, A. ( ), S. . Jennings, D. F. ( ), S. ff., zit. nach Aulinger, A. ( ), S. . 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 12 der Lage sind, „Führerschaft“ zu übernehmen, indem sie die „Routine“ verlassen, um „neue Möglichkeiten“ durchzusetzen. Für einen Unternehmer im Sinne des Schumpeter‘schen Verständnisses steht dabei das Neue, das Andere, die Innovation im Vordergrund. Das Handeln eines Unternehmers muss eine schöpferische und eine zerstörende Wirkung beinhalten. Nur wenn Bestehendes in Frage gestellt wird, kann Innovation stattfinden. Unternehmer ist nur derjenige, dessen Lust auf zukünftigen Wandel ausgerichtet ist; nur Bestehendes optimieren zu wollen, wird diesem Anspruch nicht gerecht. So ist nicht jeder Besitzer eines Betriebes schon Unternehmer. Dies wird an folgendem Beispiel deutlich: Die bloße Eröffnung und das Betreiben eines Restaurants machen aus dem Handelnden noch keinen Unternehmer. Vielmehr sind die Schaffung neuer Verbrauchernachfrage bzw. Befriedigung neuer Verbraucherbedürfnisse entscheidende Elemente. Ein Unternehmer entwickelt eine neue Form der Bewirtung, wie z. B. die der Erlebnisgastronomie. Dabei ist Entrepreneurship im Schumpeter‘schen Sinne nicht mit Erfindertum zu verwechseln. Ein Entrepreneur erfindet nicht, „sondern setzt Bestehendes durch Neuordnung und analytisches Verständnis des Marktes in erfolgreiche Innovationen um.“ Nach Schumpeter konkretisiert sich dies zum Beispiel in der Schaffung und Nutzung von Patenten, Einführung neuer Produktionsmethoden oder auch in der Erschließung neuer Bezugsquellen und Absatzmärkte . Der Unternehmer erkennt und befriedigt die Bedürfnisse seiner Kunden und erzeugt dadurch Wertschöpfung und volkswirtschaftlichen Aufschwung. Im organisationssoziologischen Sinne ist unternehmerisches Handeln durch drei wesentliche Kriterien gekennzeichnet: Dazu gehört zunächst die strategische Ausrichtung des Handelns. Es werden nicht lediglich vorgegebene Aufgaben bürokratisch abgearbeitet, sondern eigene Ziele und Ergebnisse verfolgt. Es werden Verfahren und Instru- Vgl. Schumpeter, J. A. ( / ), S. ff.; Gergs, H.-J. ( ), S. . Vgl. Gergs, H.-J. ( ), S. . Vgl. Gergs, H.-J. ( ), S. . Vgl. Gergs, H.-J. ( ), S. . Gründerszene (Hrsg.), Lexikon, „Entrepreneurship“. Vgl. Harbrecht, A. ( ), S. f. Vgl. Harbrecht, A. ( ), S. , . Vgl. Heinze R. G./ Scheiders, K/ Grohs, S. ( ), S. . 2.2 Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship 13 mente genutzt, die ein zeitnahes Reagieren auf Probleme ermöglichen. Zweites wesentliches Merkmal ist die Innovationsorientierung des Handelns. Es gilt, neue Handlungsfelder zu identifizieren und zu bearbeiten bzw. bestehende Felder mit neuen Methoden anzugehen. Schließlich erfordert unternehmerisches Handeln drittens die Bereitschaft, für mögliches Scheitern Verantwortung zu übernehmen. Das Anforderungsprofil an einen Entrepreneur ist gekennzeichnet durch das Vorhandensein ausgeprägter Persönlichkeitsmerkmale in Form von außergewöhnlicher Kreativität, Intuition, Phantasie, Durchsetzungs-, Integrations- und Kooperationsfähigkeit sowie Risikobereitschaft. Er muss über die Fähigkeiten verfügen, „zu überreden, zu begeistern, zu betören, Ängste zu beschwichtigen, Wahrnehmungen zu ver- ändern“ . Entrepreneurs sind sozusagen „Ideenpropagandisten“; sie verfügen über ein überdurchschnittliches Talent, ihre Ideen auch gegen Widerstände durchzusetzen und sie nehmen dabei bewusst Risiken in Kauf. Der Begriff „social“ Während also die Begriffe „Entrepreneurship/Entrepreneur“ schon seit Jahrhunderten in die Sprache Eingang gefunden haben, sind ihre Verwendung mit Ergänzung des Adjektivs „social“ eine Erscheinung des ausgehenden . Jahrhunderts. Wenn man zunächst die Grundbedeutung des lateinischen Wortes „socius“, das heißt der Gefährte, von dem Begriff „sozial/social“ ableitet, so ist ein Social Entrepreneur ein Unternehmer in Bezug auf den Anderen, und zwar in Bezug auf dessen Entwicklung bzw. Befähigung. In der Wissenschaft beinhaltet der Begriff „sozial“ eine Gemeinwohlorientierung bzw. die Übernahme einer gesellschaftlichen Aufga- Vgl. Gergs, H.-J. ( ), S. . Gergs, H.-J. ( ), S. . Vgl. Gergs, H.-J. ( ), S. . Vgl. Harbrecht, R. ( ), S. , der darauf hinweist, dass nach seinen Erkenntnissen erstmals in dem Buch „Rapids of Change: Social Entrepreneurship in Turbulent Times“ von Theobald im Jahr der Begriff „Social Entrepreneurship“ verwendet wurde. Vgl. Strauch, M. ( ), S. . 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 14 be. Dies kann die Produktion und Bereitstellung eines öffentlichen Gutes und/oder die Erbringung einer Dienstleistung im Sinne einer auf andere Menschen bezogenen altruistischen Hilfestellung beinhalten. Die Verbindung von „social“ und „Entrepreneur/Entrepreneurship“ Unter Berücksichtigung der zuvor dargestellten Bedeutung beider Begriffsbestandteile haben sich in der Wissenschaft eine Reihe von Begriffsbestimmungen zum Social Entrepreneur bzw. Social Entrepreneurship herausgebildet. So werden unter Social Entrepreneurs Menschen verstanden, die gesellschaftliche, gemeint sind damit soziale oder ökologische Probleme, mit unternehmerischen Mitteln lösen. Entscheidend ist dabei die Ausrichtung auf eine gesellschaftliche Wertschöpfung und nicht die Erreichung einer maximalen finanziellen Rendite. Es wird in der Literatur betont, dass als zentrales Bestimmungselement der Social Entrepreneurship-Idee die Verbindung von sozialer Mission und unternehmerischen Methoden zu benennen ist. Dabei wird dem unternehmerischen Gedanken u. a. durch eine Marktorientierung, dem Wettbewerbsgedanken (im Sinne der Durchsetzung eigener gegenüber anderen Lösungen), einer Finanzplanung sowie dem Übernehmen unternehmerischen Risikos Rechnung getragen. Als weiteres konstituierendes Merkmal des Begriffs „Social Entrepreneurship“ wird Innovationsfähigkeit genannt. So etablieren Social Entrepreneurs etwa neue Praktiken und nachhaltige Methoden zur Überwindung von Sektorengrenzen. In diesem Zusammenhang ist auch der geforderte gesellschaftliche Wandel zu nennen, der durch Schaffung neuer Systeme und Strukturen ausgelöst wird. Ausdruck der Innovation ist unter anderem auch ein neuer Umgang mit Ressourcen. Dazu gehört die Entdeckung einer neuen Zielgruppe, die an Vgl. Strauch, M. ( ), S. . Vgl. zum Beispiel die Begriffsinterpretationen bei Harbrecht, R. ( ), S. ff. Vgl. Rummel, M. ( ), S. . Vgl. Rummel, M. ( ), S. . Vgl. Rummel, M. ( ), S. . Vgl. Rummel, M. ( ), S. . 2.2 Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship 15 der Lösung mitwirken kann, statt (nur) Leistungen zu empfangen. Die als gesellschaftlich problematisch identifizierte Zielgruppe wird so zum Multiplikator einer Lösung. Die Innovation bewirkt damit eine Hebelwirkung. Social Entrepreneurs unterscheiden sich von etablierten Unternehmen im Kern weder in der Thematik ihrer Aktivität noch in der betriebswirtschaftlichen Ausrichtung, sondern vielmehr in ihrer im Schumpeter‘schen Sinne unternehmerischen Wirkungsabsicht. Diese ist bei Social Entrepreneurs auf die Veränderung eines bestehenden Systems durch „eine kreative und gelegentlich sogar zerstörerisch–schöpferische Innovation und zwar jenseits des Einzelfalls und mit dem Motiv der Marktdurchdringung“ gerichtet. Allerdings bedeutet ihr Erfolg nicht, einen Markt zu erobern, sondern mit der Lösung des gesellschaftlichen Problems letztlich ihre eigene Geschäftsgrundlage zu beseitigen. Dies wird auch mit der Formel beschrieben: „Empowerment statt Dienstleistung, Koproduktion statt Fertigprodukt“. Diesen Erfolg zu erreichen, setzt voraus, dass der Social Entrepreneur über professionelle Eigenschaften und persönliche Motivation verfügt, die in ihrer Wirkung dem traditionellen Entrepreneur ähnlich sind. Dazu gehören unter anderem die Eigenschaften, unternehmerische Entscheidungen zu treffen, Innovationen zu entwickeln, eigene finanzielle, persönliche und soziale Risiken einzugehen, Verantwortung zu tragen, Ressourcen zu koordinieren und Netzwerke zu knüpfen. Daraus folgt, dass insbesondere für Förderstrategien im Bereich „Social Entrepreneurship“ die Gründerperson selbst im Mittelpunkt der Entscheidungsfindung steht. Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung zum Thema „Social Entrepreneurship“ stehen oftmals „besondere“ Einzelpersonen und de- Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . So Oldenburg, F. ( ), S. . Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . Vgl. Oldenburg, F. ( ), S. . 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 16 ren Projekte. Man bezeichnet sie als „Helden“ oder „herausragende Individuen“ (Ashoka) und verbindet mit ihnen ausgeprägte positive Persönlichkeitsmerkmale wie z. B. „Motivation und Engagement“ (Bon- Venture), „unternehmerischer Eifer“ (Schwab Foundation) oder auch „unerschöpfliche Energie und Konzentration“ sowie „Kreativität und Ehrgeiz“. Deutsche Social Entrepreneurs werden beispielsweise bezeichnet als „engagierte Bürger, die nicht mehr auf den Staat oder auf etablierte Institutionen warten, stattdessen handeln sie selbst.“ Der Social Entrepreneur ist eine Art „soziale Leistungselite“. Die wesentlichen Social-Entrepreneur-Definitionen Bill Drayton (Gründer von Asoka) Der Amerikaner Bill Drayton war ursprünglich stellvertretender Leiter der amerikanischen Umweltschutzbehörde. Er gründete die Non- Profit-Organisation Ashoka. Diese unterstützt weltweit Social Entrepreneurs mit dem Ziel, auf mehr Sozialgerechtigkeit hinzuwirken. In ihrer Strategie wird diese Organisation durchaus mit einer Venture- Capital Firma verglichen. Allerdings besteht der angestrebte Gewinn nicht in der Realisierung von materiellen Profiten, sondern in dem Bewirken sozialen Wandels. Im Fokus stehen zum Beispiel Fortschritte in den Bereichen Bildung, Umweltschutz, ländliche Bevölkerung und Gesundheitswesen oder auch verbesserte Bedingungen für Menschenrechte. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, Gründerpersönlichkeiten – also Social Entrepreneurs – mit Hilfe eines allumfassenden Bera- 2.2.2 Vgl. Rummel, M. ( ), S. , m. w. N. Rummel, M. ( ), S. . Vgl. Leppert, T. ( ), S. . Das Wort „Ashoka“ kommt aus dem Sanskrit und heißt übersetzt so viel wie „das aktive Überwinden von Missständen“. Der Name geht zurück auf den indischen Fürsten Ashoka, der im . Jahrhundert v. C. lebte und sich für Freiheit, Toleranz und wirtschaftlichen Wohlstand einsetzte, vgl. Ashoka Deutschland, FAQ. Vgl. Rummel, M. ( ), S. . Vgl. Rummel, M. ( ), S. . 2.2 Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship 17 tungsnetzwerkes zu fördern und zu unterstützen. Die möglichen Förderungen bestehen aus vorübergehenden Lebensunterhaltsstipendien, der Einbindung in das Netzwerk der sog. Ashoka Fellows und in dem Angebot, im Rahmen einer gemeinsamen Plattform als Social Entrepreneur, Unternehmer und Wissenschaftler zusammen zu kommen. Ashoka unterstützt derzeit in über Länder weltweit um die Sozialunternehmer (Ashoka Fellows). Im Jahr wurde Ashoka Deutschland als eine der zahlreichen gemeinnützigen Tochtergesellschaften gegründet. Das Netzwerk Ashoka leistet außerdem einen strategischen Beitrag zur Weiterentwicklung von Social Entrepreneurship, indem es beispielsweise die Implementierung des Social Reporting Standards oder Projekte zur besseren Finanzierung von Social Entrepreneurship über die Gründung einer Finanzagentur initiiert hat. Bill Drayton stellte als Initiator von Ashoka erstmals die Gründerpersönlichkeit von Social Entrepreneurship in den Mittelpunkt seiner sozial-gesellschaftlich motivierten Unternehmenskultur. Er füllte als einer der ersten den überwiegend nur theoretisch fundierten Begriff „Social Entrepreneur“ mit Leben. Für Bill Drayton ist ein Social Entrepreneur jemand, der soziale Probleme löst, indem er gesellschaftliche Verhaltensweisen und Systematiken aufbricht und verändert. Ashoka Fellow wird in diesem Sinne nur derjenige, der sein Modell an vielen Orten verbreiten möchte und einen übergreifenden Ansatz verfolgt, um positiven gesellschaftlichen Wandel zu erzielen. Drayton sieht in der Persönlichkeit des Gründers einen der bedeutendsten Erfolgsfaktoren für ein Sozialunternehmen. Nach dieser Grundauffassung sind Social Entrepreneurs primär an der Lösung sozialer Probleme interessiert. Dies unterscheidet sie von Menschen, die ein ethisch orientiertes Unternehmen leiten, aber dabei Die nachfolgenden Unternehmensdarstellungen basieren auf den Informationen von Ashoka Deutschland, siehe FAQ. Vgl. Ashoka Deutschland, FAQ. Die Fokussierung gerade auf den Social Entrepreneur als Persönlichkeit unterstreicht Ashoka Deutschland mit folgenden Worten: „Social Entrepreneurs treten mit dem Ziel an, innovative unternehmerische Lösungen für drängende soziale Probleme zu finden und umzusetzen. Sie sind in einer ‚Everyone a changemaker‘-Gesellschaft diejenigen, welche die Organisationen, sozialen Bewegungen und Mechanismen zur Überwindung gesellschaftlicher Probleme schaffen.“ Vgl. Ashoka Deutschland, FAQ. 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 18 vorrangig materielle Profite erwirtschaften wollen. Mit Social Entrepreneurship verbindet sich zentral die Schaffung neuer Systeme, Strukturen und Rollen. Die Organisation Ashoka betont auf ihrer Website, dass sie sich bei der Förderung auf Social Entrepreneurs konzentrieren, deren Unternehmenspotential nachweislich so ausgerichtet ist, ein spezifisches gesellschaftliches Problem lösen zu wollen. Denn nur solche Social Entrepreneurs haben die größtmögliche Wirkung auf den von ihnen anvisierten gesellschaftlichen Bereich. Überdies können sie durch ihr Wirken weitere Menschen für ihr Engagement gewinnen und entfalten so wichtige Multiplikatoreffekte. Bei der Suche und Auswahl der sogenannten Fellows lässt sich Ashoka von den fünf, weltweit einheitlich angewandten Entscheidungskriterien „neue Idee“, „gesellschaftliche Wirkung/Potential zur Problemlösung“, „unternehmerische Umsetzung“, „Kreativität“ und „Vertrauenswürdigkeit/Integrität“ leiten. Auch daran wird deutlich, dass es sich bei dem Social Entrepreneur im Sinne Draytons um eine sozial engagierte, verantwortungsvolle und charakterlich gefestigte Persönlichkeit handeln muss. Damit hat Drayton einen wesentlichen Beitrag zum positiven Image von Sozialunternehmern geleistet. Anmerkung: Das Phänomen „Social Entrepreneurship“ ist von dem Konzept „Corporate Social Responsibility“ (CSR = soziale Verantwortung der Unternehmen) zu unterscheiden. CSR ist ein Konzept, das nach der Definition der EU-Kommission „den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren“ (KOM , S. ). Bei CSR handelt es sich allgemein um eine Tätigkeit von klassischen Unternehmen, die neben ihrem eigentlichen Kerngeschäft verläuft beziehungsweise in ihr Kerngeschäft integriert wird. Bei Social Entrepreneurship hingegen ist das Kerngeschäft sozial orientierte Unternehmenstätigkeit, das heißt auf der Basis von Social Entrepreneurship werden alle unternehmerischen Aktivitäten entlang eines sozialen Ziels orientiert. Siehe dazu ausführlicher Harbrecht, A. ( ), S. . Vgl. Rummel, M. ( ), S. . Vgl. Ashoka Deutschland, FAQ. Vgl. Ashoka Deutschland, FAQ. 2.2 Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship 19 J. Gregory Dees Eine in der wissenschaftlichen Literatur viel zitierte Social-Entrepreneur-Definition basiert auf den Erläuterungen von J. Gregory Dees. In seinen Abhandlungen aus den Jahren und definierte er Social Entrepreneurs vereinfacht als „entrepreneurs with a social mission“ und darüber hinaus in einer eher idealisierten Variante als „change agents in the social sector“ . Für ihn verbindet der Social Entrepreneur „the passion of a social mission with an image of businesslike discipline, innovation, and determination (…).” In der Literatur wird Dees‘ Begriffsverständnis vom Social Entrepreneur wie folgt zusammengefasst: . Schaffung eines sozialen Mehrwerts Im Mittelpunkt des Strebens des Social Entrepreneurs steht nicht eine finanzielle, sondern eine soziale Mission, an der er sich messen lassen muss. Sein Wirken ist auf eine nachhaltige Entwicklung ausgerichtet. . Beständige Suche nach neuen Möglichkeiten und deren konsequente Umsetzung Die Leistung des Social Entrepreneurs besteht in der Identifizierung von Chancen und Strategien, die andere bisher nicht gesehen haben. . Etablierung eines kontinuierlichen Lern- und Innovationsprozesses Social Entrepreneurs haben Freude und Innovationskraft zur Entwicklung neuartiger Modelle oder substantieller Weiterentwicklung bestehender Konzepte. Sie leisten daher Pionierarbeit. . Mut und Beharrlichkeit auch in Zeiten fehlender Ressourcen Der Social Entrepreneur ist darin geübt, gerade in der Aufbauphase mit knappen Ressourcen zu agieren. Er übernimmt verantwortungsbewusst kalkulierbare finanzielle Risiken und ist besonders Vgl. Dees, J. G. ( / ). Dees, J. G. ( ), S. . Dees, J. G. ( ), S. . Vgl. Dees, J. G. ( ), S. . Vgl. Gergs, H.-J. ( ), S. f. unter Bezugnahme auf Dees, J. G. ( ), S. f. 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 20 talentiert darin, die notwendigen Ressourcen über andere Einrichtungen und Dritte – wie Stiftungen, staatliche Institutionen, vermögende Privatpersonen – zu akquirieren. . Gefühl der Verantwortlichkeit für die Gesellschaft Der Social Entrepreneur überprüft stetig den sozialen Mehrwert seines Handelns und berücksichtigt auch die Erwartungen und Wertvorstellungen seiner Investoren und gegebenenfalls auch die Wertbilder seiner ehrenamtlich mitwirkenden Unterstützer. In der Literatur wird aus der Verwendung der aufgezeigten Kriterien gefolgert, dass sich der Entrepreneur vom Social Entrepreneur ganz wesentlich im Hinblick auf seine jeweilige Orientierung am finanziellen Erfolg unterscheidet. Für den Entrepreneur ist das materielle Profitstreben von zentraler Bedeutung. Dies ist beim Social Entrepreneur hingegen nur mittelbar der Fall, denn er orientiert sein Handeln in erster Linie am sozialen Mehrwert für die Gesellschaft. Der Social Entrepreneur entwickelt und realisiert innovative Initiativen, mobilisiert finanzielle und personelle Ressourcen zur Bewältigung sozialer Probleme in der Gesellschaft. Muhammad Yunus „Wenn man die profit-maximierende Brille abnimmt und zur sozialen Brille greift, sieht man die Welt in einer anderen Perspektive.“ Dieser viel zitierte Satz stammt von Muhammad Yunus, der in der „Social Entrepreneurship-Szene“ als „Paradebeispiel eines Social Entrepreneurs“ gilt. Bekannt geworden ist Yunus durch die im Jahr erfolgte Gründung der in Bangladesch ansässigen Grameen Bank sowie durch die Entwicklung seines Social Business-Ansatzes. Im Jahr erhielten die Bank und ihr Gründer Muhammad Yunus als Aus- Vgl. Gergs, H.-J. ( ), S. . Zitiert nach Brand, J.-U. et al. ( ), S. . Vgl. Achleitner, A.-K./ Pöllath, R./ Stahl, E. ( ), S. . Siehe zu seinem Konzept und Gründung der Grameen Bank insgesamt Yunus, M. ( ) und ( ); Münkner, H.-H. ( ); Internetauftritt der Grameen Bank, History, Grameen Research Inc. 2.2 Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship 21 zeichnung für ihren außergewöhnlichen Erfolg zu gleichen Teilen den Friedensnobelpreis. Nach dem Motto „Arme brauchen keine Almosen, sondern Kredite“ entwickelte Yunus das Konzept eines Mikrofinanz- Kreditinstituts, das Mikrokredite an Menschen ohne Einkommenssicherheiten vergibt. Damit erhielt auch die ärmste Bevölkerungsschicht Indiens Zugang zu finanziellen Mitteln. Das Wort „Grameen“ leitet sich von dem indischen Wort „gram“ ab, was mit „Dorf“ ins Deutsche übersetzt werden kann. Grameen Bank steht dann sozusagen für die „Dorf Bank“. Yunus war der Überzeugung, dass die Einkommensschwachen nur wenig Kapital benötigen, um Materialien und Rohstoffe zur Ausübung eines Handwerks zu erwerben. Da die Geldverleiher jedoch horrende Zinsen verlangten, konnten die ärmsten Menschen kaum Gewinn erzielen. Yunus änderte das System grundlegend, indem er über seine Bank Mikrokredite zu marktüblichen Zinsen unter der Bedingung vergab, dass sich in den Dörfern kleinere Gruppen zusammenschlossen, die von Bankmitarbeitern geschult wurden. Die Antragsteller waren verpflichtet zu erklären, wofür der Kredit eingesetzt werden sollte und es war ihnen untersagt, das geliehene Geld für den Erwerb von Radiooder Fernsehgeräten einzusetzen. Mit dieser Form der Kreditvergabe eröffnete sich für einkommensschwache und arme Menschen die Möglichkeit, unkompliziert unternehmerisch tätig zu werden. Das System funktionierte, weil sich die Kreditnehmer, bei denen es sich fast ausschließlich um Frauen handelte, aufgrund persönlicher Bindung zur Rückzahlung verpflichtet fühlten. Die „Bankkunden“ wurden zugleich Miteigentümer der Bank, was die Bindung noch verstärkte. Das Bankmodell hat sich mittlerweile international erfolgreich durchgesetzt, denn das Konzept wurde bereits in Ländern praktiziert; Schätzungen zufolge gab es zu diesem Zeitpunkt bereits . Mikrokredit-Institute mit ca. Mio. Mitgliedern. Parallel zur Grameen Bank erfolgte die Entwicklung des Social Business Ansatzes. Yunus grenzt diesen Ansatz eindeutig von dem Konzept „Social Entrepreneurship“ und der Definitionsauslegung nach Ashoka ab. Social Entrepreneurship ist nach seinem Verständnis ein Zitiert nach WDR Stichtag ( . . ). Vgl. WDR Stichtag ( . . ). Vgl. Münkner, H.-H. ( ), S. . 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 22 Konzept, das sich auf die soziale Vision einer Person, die ein soziales Problem lösen möchte, zuspitzt und sich in einer großen Vielzahl von unterschiedlichen Initiativen und Formen wiederfinden lässt. Eine Übereinstimmung der beiden Konzepte sieht Yunus lediglich bei den gesellschaftlichen Fragestellungen, denen sich die Konzepte widmen. Sein ideales Bild eines Social Business beschreibt jedoch ein ganz spezifisches unternehmerisches Modell. Yunus definiert ein Social Business als „non-loss, non-dividend company“, welches vorrangig stets das soziale Ziel verfolgt. Der Unterschied liegt also in der Ausgestaltung des unternehmerischen Gedankens. Yunus‘ Unternehmensphilosophie findet zusammenfassend ihren Niederschlag in seiner nachfolgenden Definition: „Das Sozialunternehmen ist keine gemeinnützige Einrichtung. Es ist in jeder Hinsicht ein Wirtschaftsbetrieb. Es muss sämtliche Betriebskosten decken, während es seine soziale Aufgabe erfüllt. Wer ein Unternehmen betreibt, der denkt und arbeitet anders als jemand, der eine gemeinnützige Organisation betreibt. Und dieser Unterschied ist entscheidend für die Definition des Sozialunternehmens und seiner gesellschaftlichen Wirkung.“ Allgemein umfasst die Definition eines Social Business im Yunus’schen Sinne damit „Unternehmen, deren alleiniger Gründungs- und Unternehmenszweck die Lösung eines gesellschaftlichen Problems ist (…). Sie sollen gewinnorientiert arbeiten, mindestens jedoch selbsttragend, also vollumfänglich wirtschaftlich.“ Damit erfüllt eine Organisation, die zwar primär ein soziales Unternehmensziel verfolgt, aber aus eigener Unternehmenstätigkeit nicht kostendeckend arbeitet, nicht die Kriterien eines Sozialunternehmens nach Yunus. Die erzielten Gewinne dienen bei ihm ausschließlich der Reinvestition, um den sozialen Zweck zu verfolgen. Eine Gewinnausschüttung an Kapitalgeber ist hierbei gerade nicht erwünscht. Der Social Business-Ansatz sieht lediglich vor, dass Yunus, M. ( ), S. . Vgl. Yunus, M. ( ), S. . Yunus, M. ( ), S. . Vgl. Spiegel, P. ( ), S. . Vgl. Weirich, P. ( ), S. . 2.2 Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship 23 Anleger ihre Einlagen zurückerhalten können, dies jedoch ohne Inflationsausgleich oder Zinszahlungen. Ein weiterer Ansatz ist der des Social Impact Business. Dieser Ansatz, der als Weiterführung des Ansatzes von Yunus verstanden werden kann, geht noch einen Schritt über die reine selbsttragende Gewinnerzielung hinaus. Die Kapitalgeber können bei dieser Form auch eine Dividende erwarten. Der Schwerpunkt verlagert sich tendenziell in Richtung Erzielung einer finanziellen Rendite. Definitionen staatlicher Institutionen Bundesregierung In der im Auftrag des BMWi erstellten Forschungsstudie „Herausforderungen bei der Gründung und Skalierung von Sozialunternehmen. Welche Rahmenbedingungen benötigen Social Entrepreneurs?“ wird der englische Begriff „Social Entrepreneurship“ mit dem deutschen Ausdruck „Sozialunternehmertum“ übersetzt und auch durchgehend terminologisch verwendet. „Sozialunternehmen sind nach dem Verständnis der vorliegenden Studie: – Gründungsorganisationen (…) bzw. Ausgründungen aus bestehenden Sozialorganisationen in eigenständigen Organisationseinheiten (…); – auf die Schaffung eines überprüfbaren, gesellschaftlichen Mehrwertes durch eine unternehmerische Lösung von klar benannten gesellschaftlichen Problemen ausgerichtet; – auf freien und gesetzlich geregelten Märkten (…) durch die Herstellung von Waren und die Erbringung von Dienstleistungen unternehmerisch und innovativ tätig; – Organisationen, die über festgelegte Regeln und Prozeduren sicherstellen, dass erwirtschaftete Überschüsse in erster Linie für die Verwirklichung der gesellschaftlichen Zielsetzung der Organisation verwendet werden; 2.2.3 Vgl. Spiegel, P. ( ), S. . Vgl. Spiegel, P. ( ), S. . Vgl. BMWi (Hrsg.), , S. ff. 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 24 – in Rechtsformen organisiert, die eine verantwortliche und transparente Verwaltung der Organisation ermöglichen. Hierfür ist die steuerrechtliche Behandlung der Organisation unerheblich.“ Im Rahmen der Studie wird das besondere Augenmerk auf Charakteristika von Sozialunternehmen gerichtet, die als Zielgruppe für Förderaufträge des Bundes in Betracht kommen. So eingegrenzt verfolgt die Studie einen eher selektiven Ansatz, indem sie folgende Unternehmensformen in den besonderen Fokus nimmt: – „Sozialunternehmen mit Skalierungsabsicht und -potenzial: Das Skalierungspotenzial ist vorrangig abhängig von der finanziellen Tragfähigkeit der Organisation und des Geschäftsmodells (…). – Sozialunternehmen mit hohem Innovationsgehalt. – Sozialunternehmen mit den Voraussetzungen, Überschüsse zu erwirtschaften, die für die Realisierung von Investitionen (direkt oder über die Deckung von Kapitaldienstkosten) aufgewendet werden können.“ OECD Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat bereits im Jahr eine Definition für Social Enterprise veröffentlicht. Die Definition umfasste zunächst lediglich Organisationen, die als Agenturen der öffentlichen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik für Maßnahmen der Beschäftigungsintegration zuständig waren. Heutzutage legt die OECD ein weiteres, nicht nur auf den Arbeitsmarkt bezogenes Begriffsverständnis zugrunde, was zum Beispiel in folgendem definitorischen Ansatz zum Tragen kommt: „It is the entrepreneurship that has as main goal to address pressing social challenges and meet social needs in an innovative way while serving the BMWi (Hrsg.), , S. . Vgl. BMWi (Hrsg.), , S. . Vgl. OECD ( ), nach der Social Enterprises definiert waren als “any private activity conducted in the public interest, organised with an entrepreneurial strategy, but whose main purpose is not the maximisation of profit but the attainment of certain economic and social goals, and which has the capacity for bringing innovative solutions to the problems of social exclusion and unemployment.” 2.2 Begriffsbestimmungen: Social Entrepreneur – Social Entrepreneurship 25 general interest and common good for the benefit of the community. In a nutshell, social entrepreneurship targets to social impact primarily rather than profit maximisation in their effort to reach the most vulnerable groups and to contribute to inclusive and sustainable growth“. Europäische Kommission Eine erste Definition der in der englischen Fassung synonym benutzten Begriffe „social enterprise/social business“ findet sich auf Seiten der Europäischen Kommission in der Mitteilung zur Social Business Initiative, die gestartet wurde. Als „Sozialunternehmen“ definiert die Kommission danach Unternehmen, – deren Geschäftstätigkeit auf die Verwirklichung eines sozialen oder gesellschaftlichen Ziels ausgerichtet ist und zugleich geprägt ist von einem hohen Maß an sozialer Innovation; – das seine Gewinne hauptsächlich wieder zur Erreichung seiner sozialen oder gesellschaftlichen Ziele einsetzt und – deren Organisationsform und Eigentumsverhältnisse ebenfalls konform gehen mit den Zielvorstellungen und sich insbesondere an den Prinzipien der Mitbestimmung oder Mitarbeiterbeteiligung als Ausdruck sozialer Gerechtigkeit orientieren. Die EU-Definition wird von Seiten der Fachliteratur als relativ weit gefasst interpretiert. Zwischenfazit Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass es keine allseits verbindlichen Begriffsdefinitionen zum Social Entrepreneur/Social Entre- 2.3 OECD, ( ), S. . Anmerkung: In der deutschen Fassung werden stattdessen die Begriffe „soziales Unternehmertum/Sozialunternehmen“ synonym benutzt. Vgl. Europäische Kommission, Social Business Initiative ( ), S. f. Vgl. Weirich, P. ( ), S. . 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 26 preneurship gibt, vielmehr die Begrifflichkeiten synonym unter Einbeziehung der weiteren Bezeichnungen Sozialunternehmen, Social Business oder Social Enterprise verwendet werden. Die Begrifflichkeiten bieten aufgrund unterschiedlicher kultureller, sozialer oder gesellschaftlicher Anknüpfungspunkte Interpretationsspielräume für ein engeres oder weiteres Verständnis. Die internationalen Entwicklungen auf dem Gebiet des Social Entrepreneurship sind maßgeblich beeinflusst durch das Entstehen von Social Entrepreneur-Katalysatoren wie Ashoka oder Grameen Bank, die ausweislich der vorstehenden Erörterungen eine Begriffsdefinition verwenden, die beiden Begriffsbestandteilen, sowohl der „sozialen“ Komponente als auch dem „Entrepreneur-Gedanken“ zugleich Rechnung tragen. Die geforderte Wirtschaftlichkeit der Unternehmung wird im Lichte des Sozialinputs gemessen, eine Gewinnmaximierung als finanzielle Rendite ist dem Social Entrepreneur fremd; er verfolgt das Ziel einer nachhaltigen sozialen oder ökologischen Rendite. Es existiert letztlich eine Spannbreite von sozial motivierten Unternehmenstypen, die sich am besten anhand der von John ( ) erstellten Abbildung darstellen lässt: Abgrenzung der Unternehmenstypen Quelle: in Anlehnung an John, R. ( ), S. . Abbildung . : 2.3 Zwischenfazit 27 Auch wenn man den konkreten Prozentangaben von John nicht folgen muss, liefert seine Darstellung dennoch hinreichend konkrete Abgrenzungs- und Bestimmungsmerkmale und bietet daher eine für die Praxis verständliche und taugliche Abgrenzung. Im Rahmen der sich weiter anschließenden Erörterungen wird die Unternehmensform näher betrachtet werden, die sog. „Revenue Generating Social Enterprises“ erfasst und mit dem von Yunus entwickelten Social Business-Ansatz (aus eigener Geschäftstätigkeit kostendeckend arbeiten) korrespondiert und damit am ehesten mit der von Say/ Schumpeter beschriebenen Unternehmensphilosophie in Übereinklang gebracht werden kann. Ein Entrepreneur bleibt ein Entrepreneur, auch wenn er sein klassisches Profitstreben mit einem sozial-gesellschaftlichen Streben tauscht. Soziale, kulturelle, rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Social Entrepreneurship in Deutschland Die soziale Marktwirtschaft Die Rahmenbedingungen für Social Entrepreneurship in Deutschland sind maßgeblich geprägt von der hierzulande wohl vorherrschenden Mentalität, dass Staat und Kirchen für Soziales zuständig sind. Dies scheint historisch seinen Ursprung in dem von Bismarck eingeführten staatlichen Sozialsystem zu haben. Mit ihrer Gründung hat sich die Bundesrepublik Deutschland in Art. Abs. GG dazu bekannt, ein „demokratischer und sozialer Bundesstaat“ zu sein. Weiterhin bekennt sich die Bundesrepublik Deutschland seit Mitte des . Jahrhunderts volkswirtschaftlich zu den Grundsätzen einer sozialen Marktwirtschaft. Dies hat dazu geführt, dass Deutschland eine sehr ausgeprägte und differenzierte Landschaft an staatlichen und kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen aufweist, die Maßnahmen im Bereich der sozialen Dienstleistung/Sozialhilfe mittels 2.4 2.4.1 Vgl. Rummel, M. ( ), S. m. w. N. Vgl. Rummel, M. ( ), S. . Vgl. BMWi ( ), S. . 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 28 staatlicher Zuwendungen und der vom Staat für die Kirchen eingezogenen Kirchensteuer finanzieren. Hierzu gehören zum Beispiel „Caritas“ und „Diakonie“, die mit ihren christlichen Werten auf jahrhundertelanges Bestehen zurückblicken und somit das Feld der sozialen Dienstleistungen entscheidend geprägt haben und immer noch einen starken Einfluss im deutschen Sozialwesen ausüben. In der Literatur wird die Auffassung vertreten, dass das „Geflecht staatlich- kollektiver Sicherungssysteme“ in Deutschland und die damit verbundene Institutionalisierung sozialer Problem- und Hilfestellungen zu einer „ausgeprägten Anspruchshaltung“ der Menschen gegen- über staatlichen Leistungen geführt hat. Es bestehe ein breiter Konsens, dass die Behebung sozialer Missstände und die Absicherung von Lebensrisiken vorrangig durch staatliche Fürsorge zu erfolgen habe. Ein solches Verständnis sei nicht dazu angetan, eine Verantwortungs- übernahme auf individueller Ebene zu fördern. Privat organisierte Daseinsvorsorge und eine gewisse Ökonomisierung gemeinwohlorientierter Arbeit werden in Deutschland eher skeptisch beurteilt. Zum Grundverständnis von Social Entrepreneurship gehört die Wahrnehmung von Eigenverantwortlichkeit. Die spezifische Verantwortung des Staates in Deutschland hat zu einer späten Entwicklung des Themenfeldes beigetragen und wirkt sich bis heute hemmend auf die weitere Entwicklung aus. Fehlende Kultur des Scheiterns, der Anerkennung, des Gründens123 Deutschland nimmt bezüglich der Bereitschaft, profitorientierte Unternehmen zu gründen, im internationalen Vergleich aktuell einen der 2.4.2 Vgl. Grohs, S. /Schneiders, K./ Heinze, R. G. ( ), S. ff.; Achleitner, A.-K./ Pöllath, R./ Stahl, E. ( ), S. f. Vgl. Leppert, T. ( ), S. . So Leppert, T. ( ), S. . Vgl. Leppert, T. ( ), S. . Vgl. Leppert, T. ( ), S. . Vgl. H. Heinze, R. G. et al. ( ), S. f. In Anlehnung an Leppert ( ), S. ff. 2.4 Recht der Jugend und des Bildungswesens 29 letzten Plätze ein. Als Ursache dafür wird unter anderem angeführt, dass das Scheitern unternehmerischer Betätigung in Deutschland nachhaltig negativ besetzt ist. Die Ursachen für das Scheitern werden hauptsächlich im Unvermögen des Betroffenen vermutet. Erfolgte Fehler sind eher unverzeihlich, als dass sie Anlass geben, den Betroffenen zu ermutigen, bei einem neuen Versuch aus diesen Fehlern zu lernen. Des Weiteren fehlt es an der hinreichenden Anerkennung für soziales Engagement, und dies sowohl in ideeller als auch materieller Hinsicht. Die Bereitschaft, soziale Initiativen und Einrichtungen kontinuierlich zu unterstützen, bezeichnet als „philanthropische Grundhaltung“, ist in Deutschland im internationalen Vergleich geringer ausgeprägt. Die vorgenannten Umstände lassen den Schluss zu, dass die notwendige ideelle und materielle gesellschaftliche Unterstützung für Social Entrepreneurship eher als schwierig einzustufen ist. Rechtliche Rahmenbedingungen In Deutschland gibt es – anders als zum Beispiel in den USA, Großbritannien oder Frankreich – keine speziell auf Sozialunternehmen zugeschnittene Rechtsform. Wenn ein Social Entrepreneurship etabliert werden soll, geschieht dies insbesondere in den Rechtsformen AG, GmbH, Stiftung und in der Gründungsphase vielfach auch als eingetragener Verein. Teilweise kommt es in Abhängigkeit der Ziele und Absichten der Unternehmer auch zu mehreren nebeneinander existierenden Rechtsformen, wie beispielsweise die Gründung sowohl eines Vereins als auch einer GmbH. Dabei stellt sich – insbesondere im 2.4.3 Vgl. Sternberg, R. /Bloh v., J. /Brixy, U ( ), S. ff., zur internationalen Platzierung Deutschlands unter innovationsbasierten Volkswirtschaften. Vgl. Leppert, T. ( ), S. . Vgl. Leppert, T. ( ), S. . Vgl. Leppert, T. ( ), S. f. Vgl. BMWi (Hrsg.), , S. ff.: USA: Low-profit Limited Liability Company und Benefit Corporation; Großbritannien: Community Interest Company; Frankreich: Société Coopérative d’intérêt Collectif. Vgl. Höll, R. ( ), S. . Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.), , S. ff.; Oldenburg, F. ( ), S. . 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 30 Zeitpunkt der Gründung eines Sozialunternehmens – häufig die Frage nach dem Ausmaß der Gemeinnützigkeit. Der Gemeinnützigkeitsstatus bedingt Restriktionen, die für unternehmerische Aktivitäten im Social Entrepreneurship äußerst hinderlich sein können. Sozialunternehmer neigen daher dazu, sowohl auf gemeinnützige als auch gewerbliche Rechtsformen zurückzugreifen. Aus steuerlichen Gesichtspunkten kann es aber auch empfehlenswert sein, auf die Rechtsform einer Personengesellschaft zu verzichten. Um in den Genuss von Steuervergünstigungen zu kommen, ist es erforderlich, dass die Rechtsform einer „Körperschaft, Personenvereinigung oder Vermögensmasse“ gewählt wird. Grundlagen der Finanzierungsmöglichkeiten Eine umfassende Bestandsaufnahme über Finanzierungsmöglichkeiten für Social Entrepreneurs findet sich in dem bereits benannten BMWi- Bericht, der im Dezember veröffentlicht wurde. Der Bericht unterscheidet zwischen den Finanzierungsmöglichkeiten im traditionellen Kapitalmarkt und den Finanzquellen im sozialen Kapitalmarkt. Zu den wesentlichen Ergebnissen zählt, dass Kreditfinanzierungen über Banken (traditioneller Kapitalmarkt) als Finanzierungsoption für Sozialunternehmer immer noch eher schwierig zu realisieren sind. Zum einen sind die Geschäftsmodelle von Sozialunternehmen mit den etablierten Ratingmethoden der Banken nur schwerlich bewertbar und damit kaum finanzierbar. Und des anderen entsprechen die Ertragsmargen regelmäßig nicht den Erwartungen der Banken und reduzieren so die Rückzahlungsfähigkeiten. In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass Unternehmen, denen es gelungen ist, hohe Kredite zu akquirieren, in der Regel folgende 2.4.4 Vgl. Höll, R. ( ), S. ff. Vgl. BMWi (Hrsg.), , S. . Vgl. BMWi (Hrsg.), , S. . Vgl. Deutscher Bundestag ( ), S. ; die steuerrechtlichen Anforderungen an ein Sozialunternehmen sind in §§ – AO geregelt. Vgl. BMWi (Hrsg.), , S. ff. Vgl. BMWi ( ), S. . 2.4 Recht der Jugend und des Bildungswesens 31 Kriterien erfüllen: „Einheitliches Fachvokabular, Transparenz, Standardisierte Buchhaltungspraxis, Regulierung durch Dritte, Investmentrating Dienstleister, Vergleichsdaten zu Fonds, Versicherungen und Liquidität durch Sekundärmärkte.“ Diese Voraussetzungen würden bei Unternehmen im Social Investment-Sektor in der Regel fehlen. Im Bericht des BMWi wird weiter festgestellt, dass sich in Deutschland in den letzten Jahren dennoch ein sozialer Kapitalmarkt zur Finanzierung von Sozialunternehmen entwickelt hat. Finanzierungsinstitutionen würden sich den Bedürfnissen von Sozialunternehmen anpassen und entsprechende Finanzierungsmodelle anbieten. Zu den wichtigsten Investoren gehören dabei Stiftungen, private Kapitalgeber (inkl. Großunternehmen mit CSR-Abteilungen), sowie institutionelle Anbieter. Als Intermediäre zwischen Anbieter und Nachfrageseite (Social Entrepreneurs) dienen spezialisierte Fondsmanagement-Unternehmen. Es wird empfohlen, dass die Beteiligten sich im Entscheidungsprozess über die Bereitstellung finanzieller Mittel insbesondere über ihre Zielsetzungen, Wertvorstellungen, Zielmessbarkeiten, branchenspezifische Entwicklungsmöglichkeiten, Finanzbedürfnisse und Finanzierungskonzepte verständigen. Vgl. Kuhlemann, A.-K. ( ), S. , zit. nach Samans R. ( ), S. . Vgl. Kuhlemann, A.-K. ( ), S. . Vgl. BMWi ( ), S. . Vgl. BMWi ( ), S. . Vgl. Kuhlemann, A.-K. ( ), S. ff. 2. Theoretische Grundlagen von Social Entrepreneurship 32

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Zusammenfassung

Der globalisierte Kapitalismus, Umweltkatastrophen, Überbevölkerung sowie zunehmende politisch und religiös motivierte Konflikte fordern ein Umdenken ökonomischer Konzepte. Allein mit den herkömmlichen Sozial- und Wirtschaftssystemen lassen sich existenzbedrohende Probleme wie Armut, Hunger, Krankheit, mangelnde Bildung und Betreuung nicht lösen. Es gilt dringend, neue, zukunftsweisende unternehmerische Konzepte zu entwickeln und zu fördern. Seit geraumer Zeit hat sich unter dem Begriff „Social Entrepreneurship“ eine Bewegung etabliert, die versucht, unter Beachtung klassischer Ökonomiegrundsätze gesellschaftliche Herausforderungen nachhaltig zu lösen.

Nun gilt es, die mit dem Begriff „Social Entrepreneurship“ verbundene Interdependenz sozialer und unternehmerischer Zielsetzung zu konkretisieren. Private und öffentliche Investoren benötigen eine effiziente Wirkungsmessung für die unternehmensbezogene Risikoeinschätzung und den Social Return on Invest. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Social Entrepreneurship kann zur Überwindung des traditionell angenommenen Zielkonfliktes zwischen Social und Financial Impact essentiell beitragen. Das Mut machende Fazit: Social Entrepreneurship kann als Alternative zu reinem Gewinnstreben und karitativem Unternehmensengagement ein erstrebenswertes Wachstumspotential entfalten, wenn evaluierbare rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen für potenzielle Investoren verlässlich zur Verfügung stehen.