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5. Praxisbeispiel apeiros in:

Julia Wetzel

Bewertungskriterien für Social Enterprises, page 67 - 78

Entscheidungsgrundlage für Investoren - Voraussetzungen für die nachhaltige Gestaltung einer sozial innovativen Wirtschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4179-6, ISBN online: 978-3-8288-7091-8, https://doi.org/10.5771/9783828870918-67

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 87

Tectum, Baden-Baden
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Praxisbeispiel apeiros Die in den vorherigen Kapiteln vorgestellten theoretischen Ansätze zum Forschungsfeld „Social Entrepreneurship“ sollen in diesem Kapitel anhand eines praktischen Beispiels untermauert werden. Im Folgenden wird das Unternehmen (Social Enterprise) apeiros sowie die dazugehörige Gründerpersönlichkeit (Social Entrepreneur) Stefan Schwall vorgestellt. Stefan Schwall ist ein erfolgreicher Social Entrepreneur, der im Jahr zum Ashoka Fellow ernannt und in das Ashoka-Netzwerk aufgenommen wurde. Da die zuvor aufgezeigten Wirkungsmessmethoden aufgrund ihrer abstrakten und regelmäßig nicht monetären Bezugsgrößen nur bedingt als Investitionsgrundlage dienlich sein können, wird davon ausgegangen, dass die unternehmerische Wertschätzung eines Social Enterprise letztlich bestmöglich über ein Reporting System (im Sinne einer darstellenden Berichterstattung) zu vermitteln ist. Die nachfolgende Darstellung orientiert sich an der Reihenfolge des Wirkungskreislaufes der Social Reporting Initiative e.V. , die in ihrer Mitgliederzusammensetzung auf einem sozial-gesellschaftlichen Engagement diverser Unternehmen und Social Entrepreneur-Katalysatoren basiert. Die Kernelemente des Kreislaufes sollen sukzessive und systematisch auf die Organisation apeiros angewendet werden. Anhand der Darstellung werden Merkmale und Besonderheiten in der Person des Gründers und des Unternehmens fokussiert, die exemplarisch aufzeigen, woran sich Investoren bei ihrer Entscheidung, ob sie in ein Social Enterprise investieren wollen oder nicht, orientieren können. 5. Vgl. Ashoka Deutschland, ( ), Fellow Stefan Schwall. Social Reporting Initiative e.V. (Hrsg.) ; es handelt sich dabei um ein Gemeinschaftsprojekt von Ashoka Deutschland gGmbH, Auridis gGmbH, Bon Venture Management GmbH, PHINEO gAG, Vodafone Stiftung Deutschland, Schwab Foundation, Universität Hamburg, TU München mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 67 Darstellung des Social Enterprise apeiros Das Institut apeiros wurde vor mehr als Jahren von Stefan Schwall gegründet. Zunächst begann Stefan Schwall seine Arbeit in Wuppertal und heute verfügt das Institut über mehrere Einrichtungen in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Bayern. Bei apeiros handelt es sich nach Schwall um ein „Bildungsunternehmen“, das sich mit dem Problem oder auch Phänomen der Schulverweigerung beschäftigt und hierfür eigene Lösungsansätze entwickelt hat. Mit seinem interdisziplinären Ansatz zielt er auf eine systemimmanente Lösung unter Einbeziehung der beteiligten Akteure (Schulverweigerer, Familie, Schule, Schulträger, Jugendamt/Ordnungsbehörde/Justiz). Apeiros im Lichte des Wirkungskreislaufes (SRI) Wirkungskreislauf Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Social Reporting Initiative e.V. (Hrsg.) , S. . 5.1 5.2 Abbildung . : Der Name apeiros ist abgeleitet von dem griechischen Begriff „apeiron“. Dieser wurde geprägt von dem griechischen Philosophen Anaximander und bezeichnet „das Unbegrenzte, das, woraus das Sein entsteht, der Ursprung, der noch unbestimmt ist“. (Vgl. Schwall, S. ( b), S. ). Vgl. Schwall, S. ( a), S. . 5. Praxisbeispiel apeiros 68 Der Wirkungskreislauf gibt Aufschluss über die logischen Wirkungszusammenhänge der Nachfrage- bzw. Bedarfsseite sowie der Angebotsseite. Er basiert auf dem Aufbau der iooi-Methode und wird ergänzt durch eine Analyse der Visionen und Ziele und der Zielgruppe sowie einer Darstellung des gesellschaftlichen Ausgangsproblems. Auf diese Weise erschließt sich transparent die Gesamtstruktur der Unternehmung und kann so integriert aussagekräftige Anhaltspunkte für spezifische Erfolgsfaktoren der betrachteten Organisation vermitteln. Die wesentlichen Berichtspunkte werden nachfolgend auf apeiros übertragen: . Das gesellschaftliche Problem In Deutschland gehen Schätzungen zufolge rund der Schüler nicht regelmäßig zur Schule und es wird davon ausgegangen, dass sogar (in Zahlen rund . Schüler) den regelmäßigen Schulbesuch vollständig verweigern. Die Folgen der Schulverweigerung sind unübersehbar. Die mangelnde Schulausbildung führt zu Nichterreichen von Schulabschlüssen und damit zusammenhängend zu schlechteren Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Dies kann auf lange Sicht zu einem gesellschaftlichen Ausschluss führen. Die Abwärtsspirale ist sozusagen vorprogrammiert. Schall sieht eine der Hauptursachen für Schulverweigerung in gesellschaftlich strukturell-systematischen Fehlentwicklungen. Er bezeichnet das Problem Schulverweigerung metaphorisch fulminant als Ausdruck gesellschaftlicher „Erosion“ bis hin zur „Denudation“ , der stärksten Form der Erosion . In Deutschland ist die Schulpflicht im Grundgesetz verfassungsrechtlich verankert. Nach Art. Abs. GG steht das gesamte Schulwesen unter der Aufsicht des Staates. Die Bundesländer sind dazu berechtigt, die Schulpflicht in ihren Landesgesetzen zu verankern. Generell besteht deutschlandweit Schulpflicht vom . bis zum Vgl. SRI e.V. (Hrsg.), , S. f. Vgl. Schwall, S./ Metelmann, J. ( ), S. . Vgl. Schwall, S. ( b), S. Schwall, S. ( b), S. . Erosion wird hier aus der Geologie übertragen und beschreibt einen unumkehrbaren Abbau von Oberflächenstrukturen. Dabei versteht man unter Denudation die stärkste Form der Erosion in kürzester Zeit, vgl. Schwall, S. ( b), S. f. 5.2 Apeiros im Lichte des Wirkungskreislaufes (SRI) 69 . Lebensjahr. Ein Verstoß gegen die Schulpflicht führt zu Bußgeldern (in NRW bis zu Euro) oder weiteren Sanktionen wie zur Erzwingungshaft. Die Jugendämter sind bei Gefährdung des Kindeswohls gemäß §§ SGB VIII, BGB zur Erziehungshilfe verpflichtet. Generell existieren zur Bekämpfung dieses Problems zwei verschiedene Lösungsstrategien, die laut Schwall jedoch nur die Systeme Schule und Jugendhilfe entlasten, aber nicht zu einer systematischen Ursachenbeseitigung beitragen. Bei dem einen Ansatz wird der Schüler aus dem System entfernt und in eine sog. Parallelwelt versetzt, in der er mit unterschiedlichen Methoden unterrichtet wird. Der andere Ansatz verschiebt das Problem von der Schule in die Familie, indem die Lösung über individuelle oder familiäre Beratungsangebote gesucht wird. . Vision und Ziele Das übergeordnete Ziel von apeiros besteht in der Reintegration von schulverweigernden Kindern und Jugendlichen in die Bildungsinstitution Schule (Beseitigung von Schulabsentismus) durch eine systemische und strukturelle Behandlung der Schulverweigerer unter gleichzeitiger Einbeziehung der prozessbeteiligten Akteure. . Input (Ressourcen) Nach den Maßgaben des SRS-Leitfadens sind unter der Kategorie „Input“ finanzielle und sachliche Ressourcen einzuordnen. Bei apeiros handelt es sich um ein kostendeckendes Geschäftsmodell, denn die Kosten werden zu durch eigenes Einkommen erwirtschaftet. Die Kostendeckung ist auch in Zukunft aufgrund der gesetzlichen Vorschriften zur Verpflichtung der Jugendhilfe durch die Jugendämter bzw. die öffentliche Hand als Nachfrager Vgl. Schwall, S. ( b), S. f. Vgl. Schwall, S. ( b), S. . Vgl. Schwall, S. ( b), S. f. Vgl. Schwall, S. ( b), S. f. Vgl. Schwall, S. ( b), S. f. Vgl. Repp, L. ( ), S. . Vgl. SRI e.V. (Hrsg.), , S. . Vgl. Repp, L. ( ), S. . 5. Praxisbeispiel apeiros 70 realisierbar. Apeiros ist unter dieser Voraussetzung nicht auf Spenden angewiesen. Die Frage der Ausstattung mit sachlichen Ressourcen bleibt hier aus Gründen fehlender Relevanz dahingestellt. Der SRS-Leitfaden sieht außerdem auch eine Erfassung der immateriellen Ressourcen vor. Die immateriellen Ressourcen bei apeiros liegen vor allem in der Kompetenz des Gründers Stefan Schwall. Der Gründer von apeiros, Stefan Schwall, verfügt über ein sehr spezifisches, über mehrere Jahre und Jahrzehnte entwickeltes Portfolio an Wissen und Erkenntnissen über das Themengebiet „System Schule“ und das Phänomen „Schulverweigerung“. Er verfügt beispielsweise über stark ausgeprägte reflexive Eigenschaften und kann sich aufgrund seines eigenen Werdegangs in die Situation aller an dem Problem beteiligten Akteure hineinversetzen. Schwall hat selbst eine Kindheit erfahren, in der es an festen Strukturen und kontinuierlichen Bezugspersonen mangelte. Er war früh im Heim, lebte dann bei Pflegeeltern und später wieder bei seiner Mutter. Nach der Schule entschied er sich für den Lehrerberuf und studierte die Fächer Biologie und Philosophie. Nachdem er erkannt hatte, dass der Beruf nicht seiner wahren Profession entsprach, gab er seine sichere Beamtenstellung auf und leitete weiter ein Heim für gewalttätige Jugendliche. In dieser Funktion lernte er die Arbeits- und Denkweise von Jugendämtern intensiver kennen. Zudem absolvierte er eine Ausbildung zum Gestalt- und Familientherapeuten. Stefan Schwall verfügt also über außergewöhnlich breit gefächerte Persönlichkeitserfahrungen, die es ihm ermöglicht haben und bis heute ermöglichen, eine -Grad-Analyse des Problems „Schulverweigerung“ vorzunehmen. Schwall besitzt Einblick in die Wirkungsweise und das Management von Netzwerken wie Schule und Vgl. Repp, L. ( ), S. . Vgl. Beeger, B./ Jacobsen, L. ( ). Vgl. SRI e.V. (Hrsg.), , S. . Hier sind insbesondere die Ausführungen von Markus Strauch zu den Innenansichten von Stefan Schwall maßgebend, die weitreichende Erkenntnisse über Stefan Schwall in seiner Funktion als Social Entrepreneur vermitteln (vgl. Strauch, M. ( ), S. ff.). Zur privaten und beruflichen Entwicklung siehe die Interviewaussagen von Stefan Schwall in: Strauch, M. ( ), S. ff. 5.2 Apeiros im Lichte des Wirkungskreislaufes (SRI) 71 Jugendämter und ist psychologisch geschult in Bezug auf die schwierigen Interaktionen und Beziehungsgeflechte zwischen Behörden, Schulen, Eltern und Schülern. Eine hohe fachliche und persönliche Kompetenz (immaterielle Ressource) sind sein Markenzeichen; er gilt als profunder Kenner auf dem Gebiet, in dem er sein Social Entrepreneurship etabliert hat. . Output (Leistungen) Hier sind die diversen Unterstützungsleistungen zu quantifizieren, die apeiros für seine Zielgruppen leistet. Es sind umfangreiche Beratungsangebote verfügbar für Jugendämter (Diagnostik, ambulante Einzelfallhilfe, pädagogische Gruppen), Schulen (Beratungsgespräche, Implementierung des softwarebasierten Präventionsangebotes ‚Early Bird‘) und individuell für betroffene Familien. Beratungsleistungen, das heißt die Fachleistungsstunden pro Betreuungsfall oder Betreuungsgruppe sind im Rahmen der Output-Darstellung zu quantifizieren. Im Jahr betrugen die Kosten bei apeiros für eine Fachleistungsstunde , ; pro Fall wurden bis Ende Durchschnittskosten in Höhe von . veranschlagt. . Zielgruppen Als Zielgruppen lassen sich die betreuten Jugendlichen, ihre Familien, Jugendämter als Kostenträger im Rahmen der Jugendhilfe, Schulen und die Gesellschaft, welche die Kosten der Sozialproblematik über Steuerlasten zu tragen hat, anführen. . Erreichte Wirkungen (Outcome und Impact) Die Interessen aller Zielgruppen sind auf „eine dauerhafte Reintegration in das gewöhnliche Bildungssystem, das Erreichen eines Schulabschlusses oder einer erfolgreichen kompensatorischen Maßnahme“ gerichtet. Aus dem Blickwinkel von apeiros bestehen die wesentlichen Wirkungs- bzw. Erfolgsindikatoren in dem Erreichen von drei wesentlichen Kenngrößen und zwar in der Senkung sozia- Siehe apeiros ( ), Über uns, Gezielte Informationen. Vgl. Repp, L. ( ), S. . Vgl. Repp, L ( ), S. . Repp, L. ( ), S. . 5. Praxisbeispiel apeiros 72 ler Folgekosten, in erfolgreichen Lebensläufen der betreuten Jugendlichen und in der gesellschaftlichen Sensibilisierung in Bezug auf die Schulabstinenzproblematik . Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene kann das apeiros-Engagement langfristig zu sinkenden Arbeitslosenzahlen, einer Steigerung der generellen Arbeitsproduktivität und einer Reduzierung der Strafanfälligkeit bei Jugendlichen führen. Apeiros als Beispiel für die generellen Implikationen auf Investoren Im Rahmen der wirkungsorientierten Berichterstattung nach SRS tauchen Bewertungsaspekte auf, denen eine besondere Aussagekraft im Hinblick auf Investitionsentscheidungen zugeschrieben werden könnte. Insoweit erscheinen die immaterielle Ressource im Sinne personenbezogener Fähigkeiten, die Zielgruppe als kritischer Punkt sowie die Überwindung des Zielkonfliktes einen mitunter relevanten Einfluss auf Investoren auszuüben. Bedeutung der immateriellen Ressourcen von Stefan Schwall Apeiros verfügt mit seiner Gründerpersönlichkeit über besondere immaterielle Ressourcen. Sein Know-how und seine Persönlichkeit haben den Erfolg der Unternehmung maßgeblich beeinflusst. Die Diskussionen um unternehmensspezifische Ressourcen als entscheidende Wettbewerbsvorteile sind nicht neu. Zur Erklärung von unternehmerischem Erfolg haben sich insoweit zwei Denkschulen etabliert und zwar zum einen der ressourcenorientierte Ansatz (Resource-Based-View, RBV) und zum anderen der marktorientierte Ansatz (Market-Based- View, MBV). Während der RBV-Ansatz unternehmerischen Erfolg an- 5.3 5.3.1 Vgl. Repp, L. ( ), S. . Repp, L. ( ), S. . So stellte Penrose bereits Ende der er Jahre fest: „A firm is more than an administrative unit; it is also a collection of productive resources.“ (Vgl. Penrose, E., / , S. ). 5.3 Apeiros als Beispiel für die generellen Implikationen auf Investoren 73 hand der Qualität unternehmensinterner Ressourcen definiert, macht der MBV-Ansatz den Geschäftserfolg in erster Linie an der Reaktionsfähigkeit und strategischen Ausrichtung am Marktgeschehen fest. Der RBV-Ansatz hat sich vor allem durch die Arbeiten von Prahalad und Hamel entwickelt, die der Bedeutung von Kernkompetenzen eine zentrale Bedeutung beigemessen haben. In der wissenschaftlichen Literatur wird die Bedeutung der Kernkompetenz übereinstimmend auf drei Charakteristika zurückgeführt: . Die Kernkompetenz ist ursächlich für den Wettbewerbsvorteil und wird vom Kunden als besonderer Nutzen wahrgenommen. . Mit Hilfe der Kernkompetenz sind eine Vielzahl von Märkten zu erschließen; das Geschäftsmodell ist also übertragbar. . Die besonderen Fähigkeiten oder spezifischen materiellen Ressourcen sind von der Konkurrenz nur schwer imitierbar. Die Merkmale scheinen bei apeiros bzw. in Bezug auf den Gründer Stefan Schwall übertragbar zu sein. Die besonderen Fähigkeiten bzw. das spezifische Know-how von Schwall bilden die Grundlage des Erfolges von apeiros und sie werden auch von seinen „Kundengruppen“ (Schule, Eltern, Jugendamt) als besonderer Nutzen wahrgenommen. Das Konzept von apeiros ist zudem übertragbar. Es lassen sich verschiedene Märkte, in diesem Fall Standorte erschließen. Zu erkennen ist dies bereits an der Expansion des Social Entrepreneurship in NRW selbst sowie der Ausweitung des Geschäftsmodells nach Augsburg und München. Schlussendlich sind die Erkenntnisse Schwalls auch als nur schwer imitierbar einzustufen. Es bedarf einer geraumen Zeit bis es ein Konkurrenzunternehmeng schafft, eine vergleichbar effiziente Geschäftsstruktur zu rekrutieren. Apeiros hat quasi eine Art „Alleinstellungsmerkmal“ und erreicht mit seinem einzigartigen Präventiv- und Netzwerkkonzept Monopolstellung auf dem Gebiet der Lösungsansät- Matzler, K. /Müller, J. /Moordian, T. A. ( ), S. . Vgl. Prahalad, C. K. / Hamel, G. ( ), S. . Siehe z. B. Prahalad, C. K. / Hamel, G. ( ), S. ff. Vgl. apeiros, Unsere Arbeit ( ). 5. Praxisbeispiel apeiros 74 ze für Schulverweigerung. Apeiros sichert sich damit einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil. Zielgruppenfokussierung Die Ermittlung, welche „Zielgruppe“ ein Social Entrepreneurs genau fokussiert, ist nicht immer offenkundig. Nach einer vom Mercator- Forschungsverbund erstellten Studie werden Einnahmen lediglich zu durch die eigentliche Zielgruppe generiert. Weitere Einnahmequellen, die in der Studie untersucht wurden, sind unter anderem Spenden, Zuschüsse und Mitgliedsbeiträge. Teilweise wird kritisiert, dass nicht die eigentliche direkte Zielgruppe im Zentrum der Arbeit des Social Entrepreneurs steht, sondern vielmehr eine reine Orientierung hin zu der Finanzierungsquelle stattfindet, was seine klare Ausprägung in dem Zitat „Die Finanziers werden zur Zielgruppe der von ihnen abhängigen Unternehmen“ findet. Die Abhängigkeit der Social Entrepreneurs von ihren Investoren kann auf Dauer zu einer „verdeckten Zielgruppenfokussierung“ bis hin zu einer Art „symbiotischen Beziehung“ zwischen Investor und Social Entrepreneur führen. Social Entrepreneurs haben in der Regel ein umfassendes Portfolio an Finanzierungsquellen bzw. Spendern. Der Druck mit jedem einzelnen Förderer, Gespräche zu führen und zu kooperieren, ist dementsprechend als hoch einzustufen. Die Akquise finanzieller Mittel kann zu einer sehr zeitaufwendigen Hauptaufgabe werden. Die eigentliche Zielgruppe sowie die parallele Zielverfolgung eines Social Entrepreneurs können letztlich in den Hintergrund treten. Die starke Einbeziehung von Geldgebern wird zum Beispiel anhand verschiedener Internetauftritte von Social Entrepreneurs in 5.3.2 Vgl. Spiess-Knaffl et al. ( ), S. , und Täubner, M. ( ), S. . Vgl. Spiess-Knaffl et al. ( ), S. . Vgl. Täubner, M. ( ), S. . Zacharias, C. ( ), S. . Entstanden im wissenschaftlichen Gespräch mit Prof. Dr. C. Zacharias. Vgl. Kramer, M. R. ( ), S. . Vgl. Täubner, M. ( ), S. . 5.3 Apeiros als Beispiel für die generellen Implikationen auf Investoren 75 Deutschland sichtbar. Hier sei nur exemplarisch auf den Internetauftritt des Social Enterprises Chancenwerk e.V., einer Institution die Schüler mit Migrationshintergrund beim erfolgreichen Lernen unterstützt, hingewiesen. Dieses Unternehmen listet derzeit unter der Rubrik „Förderer und Partner“ ganze Unterstützer, hierunter eine Vielzahl von Stiftungen und Unternehmen, auf. Ohne diese finanziellen Unterstützungen wäre das Geschäftsmodell selbstständig nicht tragbar. Es funktioniert also lediglich über ein hohes Spendenaufkommen. Im Gegenzug haben die geldgebenden Unternehmen die Möglichkeit, ihr Engagement auf ihren Internetauftritten als „soziales Engagement“ darzustellen. Kritisch anzumerken ist, dass es hier oft nicht um die Nachhaltigkeit des Konzepts geht. Besonders Social Impactorientierte Investoren befürchten hier nicht selten verstecktes „Greenwashing“ und meiden so Investitionen in das Geschäftsfeld „Social Entrepreneurship“. Das Geschäftsmodell von apeiros zeichnet sich dadurch aus, dass ein nachfrageorientierter Kundenstamm tatsächlich existent ist. Die Zielgruppe, die auch für die Leistung bezahlt, ist in diesem Fall nicht die eigentliche Betroffenengruppe (Jugendliche), sondern die öffentliche Hand bzw. die Jugendämter. Die Kommunen fragen – basierend auf gesetzlichen Anforderungen – die Leistungen von apeiros nach, um Folgekosten (Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Probleme von sozialen Randgruppen) so gering wie möglich zu halten. Viele Social Enterprises haben demgegenüber allgemein das Problem, dass keine wirkliche „Käuferschaft“ vorhanden ist. Ein klassisches Marktverhalten (Nachfrage/ Angebot) existiert nicht. Es scheint also besonders wichtig zu sein, dass das Geschäftsmodell eines Social Entrepreneurs kostendeckend agiert und durch eine sozial oder ökologisch bedingte nachhaltige Nachfrage gerechtfertigt ist. Vgl. Chancenwerk e.V. ( ), Förderer. Vgl. Chancenwerk e.V. ( ), Förderer. Vgl. hierzu beispielhaft die Internetauftritte der Unternehmen Butlers ( ), Was uns bewegt; Lufthansa Group ( ), Verantwortung, Flüchtlingshilfe. Vgl. Forum Nachhaltige Geldanlagen e. V. (Hrsg.), , S. . Vgl. Kuhlemann, A.-K. ( ), S. . 5. Praxisbeispiel apeiros 76 Überwindung des vermeintlichen Zielkonfliktes Stefan Schwall hat mit seinem Geschäftsmodell apeiros ein Konzept entwickelt, das soziale und finanzwirtschaftliche Ziele in Übereinklang bringt. Bei apeiros existieren beide Ziele in einem Nebeneinander und erfahren gleichzeitige Berücksichtigung. Er schafft es also, den in Kapitel drei dargestellten Zielkonflikt zu überwinden; er verfolgt und praktiziert erfolgreich einen komplementären Ansatz. Die Kosten bei apeiros werden aufgrund der Zahlungen durch das Jugendamt (Auftraggeber) zu hundert Prozent durch selbst generiertes Einkommen gedeckt. Zudem erfüllt apeiros auch die Prinzipien eines Social Business im Sinne von Yunus. Die erwirtschafteten Gewinne fließen wieder in die Organisation zurück und werden zur Erzielung des sozialen Zweckes reinvestiert. Repp bezeichnet apeiros zu Recht als „Sozialunternehmen moderner Art“ und betont damit den innovativen und nachhaltigen Charakter des Lösungsansatzes von apeiros, der soziale sowie ökonomische Perspektiven integriert. Im Schumpeter’schen Sinne findet auch bei apeiros die „kreative Zerstörung“ statt, indem Bestehendes (das System Schule) in Frage gestellt wird und durch richtungsweisende Veränderungen des ursprünglichen Systems Neues entsteht. Es findet eine ursachenbezogene Problembehandlung statt. Stefan Schwall behandelt damit im Sinne von Crutchfield und Grant „the root causes of social ills.“ Apeiros ist kein Projekt, welches einzig und allein systematische Fehlentwicklungen durch ein Angebot an symptomatischen Behandlungsalternativen anbietet. An dieser Stelle ist das Nachhilfesystem in Deutschland zu nennen, welches bereits ein Umsatzvolumen von rund Mrd. Euro jährlich aufweist. Das Konzept „Schule“ wäre ohne ein solches Parallelsystem nicht mehr denkbar und wird wahrscheinlich in Zukunft weiterwachsen, wenn strukturelle Missstände 5.3.3 Vgl. Repp, L. ( ), S. . Vgl. Repp, L. ( ), S. . Vgl. Repp, L. ( ), S. . Repp, L. ( ), S. . Crutchfield, L. R. /McLeod Grant, H. ( ), S. . Vgl. Schwall, S. ( b), S. . 5.3 Apeiros als Beispiel für die generellen Implikationen auf Investoren 77 des ursprünglichen Systems nicht erkannt und gelöst werden. Apeiros ist vor diesem Hintergrund als ein besonders innovatives Geschäftsmodell im Schumpeter‘schen Sinne einzustufen. Dabei kommt den Kernkompetenzen der Gründerpersönlichkeit Schwall bei der Umsetzung und Entwicklung der Geschäftsidee eine zentrale Bedeutung zu. 5. Praxisbeispiel apeiros 78

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Zusammenfassung

Der globalisierte Kapitalismus, Umweltkatastrophen, Überbevölkerung sowie zunehmende politisch und religiös motivierte Konflikte fordern ein Umdenken ökonomischer Konzepte. Allein mit den herkömmlichen Sozial- und Wirtschaftssystemen lassen sich existenzbedrohende Probleme wie Armut, Hunger, Krankheit, mangelnde Bildung und Betreuung nicht lösen. Es gilt dringend, neue, zukunftsweisende unternehmerische Konzepte zu entwickeln und zu fördern. Seit geraumer Zeit hat sich unter dem Begriff „Social Entrepreneurship“ eine Bewegung etabliert, die versucht, unter Beachtung klassischer Ökonomiegrundsätze gesellschaftliche Herausforderungen nachhaltig zu lösen.

Nun gilt es, die mit dem Begriff „Social Entrepreneurship“ verbundene Interdependenz sozialer und unternehmerischer Zielsetzung zu konkretisieren. Private und öffentliche Investoren benötigen eine effiziente Wirkungsmessung für die unternehmensbezogene Risikoeinschätzung und den Social Return on Invest. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Social Entrepreneurship kann zur Überwindung des traditionell angenommenen Zielkonfliktes zwischen Social und Financial Impact essentiell beitragen. Das Mut machende Fazit: Social Entrepreneurship kann als Alternative zu reinem Gewinnstreben und karitativem Unternehmensengagement ein erstrebenswertes Wachstumspotential entfalten, wenn evaluierbare rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen für potenzielle Investoren verlässlich zur Verfügung stehen.