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4. Wirkungsmessung von Social Entrepreneurship/Entrepreneurs in:

Julia Wetzel

Bewertungskriterien für Social Enterprises, page 53 - 66

Entscheidungsgrundlage für Investoren - Voraussetzungen für die nachhaltige Gestaltung einer sozial innovativen Wirtschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4179-6, ISBN online: 978-3-8288-7091-8, https://doi.org/10.5771/9783828870918-53

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 87

Tectum, Baden-Baden
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Wirkungsmessung von Social Entrepreneurship/ Entrepreneurs Einordnung der Wirkungsmessung in den Kontext von Social Entrepreneurship und Social Impact Der klassische Entrepreneur kann interessierten Investoren anhand seiner monetär bezifferbaren Umsatz- und Gewinnentwicklung ein transparentes Bild über seinen wirtschaftlichen Status und seine Zukunftsperspektiven vermitteln. Für den Social Entrepreneur, der nicht auf Gewinnmaximierung im kapitalistischen Sinne ausgerichtet ist, orientiert sich die Erfolgsbilanz hingegen in erster Linie an seinem Social Impact. Das im vorherigen Kapitel dargestellte Thema „Social Impact“ wird zunehmend im Zusammenhang mit dem Thema „Wirkungsmessung“ diskutiert und erfährt derzeit einen regelrechten Boom. Es findet in vielen Forschungsfeldern Einzug und etabliert sich als Querschnittsthema. Als Bereiche, in denen die Thematik „Wirkungsmessung“ von besonderer Relevanz zu sein scheint, lassen sich die Evaluationsforschung, die Umwelt-und Sozialverträglichkeitsprüfung oder die soziale Rechenschaftslegung anführen. Allgemein beschäftigt sich die Wirkungsmessung mit den Aktivitäten von traditionell gewinnorientierten Unternehmen (unter dem Blickwinkel ihres CSR-Engagements), Non- Profit Organisationen (NPO) und Social Entrepreneurs. Auch die Beurteilung staatlicher Aktivitäten wird in die Diskussion der Wirkungsmessung mit einbezogen. Die Herausforderung, der im Folgenden nachgegangen werden soll, besteht in der Beantwortung der Frage, ob in Bezug auf diese Zielgruppen, insbesondere in Bezug auf den Social Entrepreneur der erzielte Social Impact für Investoren konkret gemes- 4. 4.1 Vgl. Schober, C./ Rauscher, O. ( ), S. f. Vgl. Schober, C./ Rauscher, O. , S. . 53 sen werden kann und ob insoweit effiziente Verfahren zur Monetarisierung verfügbar sind. Im betriebswirtschaftlichen Rechenschaftswesen werden die ökonomische, ökologische und soziale Wirkungsmessung seit Jahrzehnten, vor allem unter dem Einfluss des Triple Bottom Line-Ansatzes , unter den Begriffen „Social Accounting“ oder „Environmental Accounting“ diskutiert. Die soziale Wirkungsmessung hat sich sozusagen als dritte Dimension etabliert. Die Ansätze lösen das eindimensionale Verständnis eines rein ökonomisch betriebenen Wirtschaftens, das sich auf den rein finanziellen Erfolg (Gewinn/Verlust) stützt, auf und betrachten ein ganzheitliches Bild der Erfolgsrechnung, welches ökonomisch, ökologisch und soziale Faktoren mit in die unternehmerische Rechenschaftslegung einbezieht. Besonders profitorientierte Unternehmen betätigen sich seither vor allem in den Bereichen Umweltschutz und soziales Engagement. Notwendigkeit einer Wirkungsmessung Nicht nur der Dritte Sektor mit seinen in erster Linie Non-Profit Organisationen, sondern auch gewinnorientierte Unternehmen mit CSR- Engagement werden verstärkt mit der Erwartungshaltung von Investoren und Vorständen konfrontiert, eine evidenzbasierte Erfolgsmessung zu den sozialen und ökologischen Implikationen ihrer Unternehmenstätigkeit vorzulegen. Auch Social Entrepreneurs werden von diesem Trend erfasst; sie können sich bestimmter Erwartungshaltungen ihrer Umwelt nicht mehr entziehen. Für Social Entrepreneurs reicht es heute als Legitimation nicht mehr, nur zu propagieren „Gutes zu tun“. Die Frage nach einem tat- 4.2 Siehe zum Triple Bottom Line-Konzept Eklington, J. ( ) und ( ). Vgl. Schober, C./ Then, V. ( ), S. ; Richmond, B./ Mook, L./ Quarter, J. ( ), S. f.; Mathews, M. R. ( ), S. ff. Vgl. Schober, C./ Then, V. ( ), S. . Vgl. Kuhn, L. ( ). Vgl. z. B. die Ausführungen bei Repp, L. ( ). Vgl. Kuhlemann, A.-K. ( ), S. . 4. Wirkungsmessung von Social Entrepreneurship/Entrepreneurs 54 sächlich entstandenen gesellschaftlichen Mehrwert wird zunehmend diskutiert und erfordert Antworten. Das Themenfeld der Erfassung von Wirkung bzw. die Auseinandersetzung mit dem omnipräsenten gesellschaftlichen Ziel des intendierten Social Impact im gemeinwohlorientierten Sektor manifestiert sich in der Literatur mittlerweile in einer Reihe von unterschiedlichen Ansätzen und Begrifflichkeiten. Dazu gehören Begriffe wie Wirkungsorientierung, Wirkungsanalyse oder Wirkungsmessung. Unter anderem wird eine Skalierung sozialer Wirkung (effektive und effiziente Steigerung sozialer Wirkung) gefordert. Zum Teil werden auch englische, synonym zu verstehende Begriffe wie Social Impact Measurement oder auch Social Impact Assessing verwendet. Sie alle sind letztlich auf ein Ziel fokussiert: Social Impact soll greifbar gemacht werden, um eine solide und transparente Grundlage für Investitionsentscheidung zu bieten und Vertrauen in eine sozial erfolgreiche Geschäftstätigkeit zu vermitteln. Die aktuelle Diskussion und Notwendigkeit einer Wirkungsmessung ist auf vielfältige Gründe zurückzuführen: Wettbewerb um Fördermittel Für einen Großteil sozialunternehmerisch tätiger Akteure bilden öffentliche Fördermittel eine wichtige Finanzierungsquelle. Zunehmende nationale und internationale pekuniäre Beschränkungen sowie Sparkurse öffentlicher Haushalte limitieren den Anteil öffentlicher Fördermittel. Die limitierten Fördergelder werden zudem auch unter strengeren bürokratischen Anforderungen vergeben. Öffentliche Haushalte orientieren sich bei der transparenten Mittelvergabe nicht nur an der Leistungsfähigkeit des Zuwendungsempfängers, sondern sie orientieren sich verstärkt auch an ökonomischen Kennzahlen und Faktoren (z. Vgl. PHINEO gAG ( ), S. .; Münscher, R./ Schober, C. ( ), S. . Vgl. Weber, C./ Kröger A./ Demirtas, C. ( ), S. . Vgl. Schober, C./ Rauscher, O. ( ), S. . Vgl. Repp, L. ( ), S. . Vgl. Greiling, D. ( ), S. f. 4.2 Notwendigkeit einer Wirkungsmessung 55 B. Effizienz/Effektivität). Die Wirtschaftlichkeitsanforderungen finden zum Beispiel Ausdruck in § Abs. Nr. Bundessozialhilfegesetz, nachdem eine reine Leistungsbeurteilung nicht mehr ausreichend ist. Vielmehr werden auch Wirtschaftlichkeitsfaktoren überprüft. Kapitalgeber (Investoren/ Spender) Öffentliche und private Spender, Stiftungen und andere Investoren erwarten zunehmend genauere Wirkungsnachweise für ihr eingesetztes Geld und/oder Beratungstätigkeiten. Die reine Form einer altruistischen Einstellung wird vermehrt verdrängt durch den Wunsch, einer mitgestaltenden Tätigkeit nachzugehen, die nachweislich eine bestimmte Rendite erzielt. Öffentliche Debatte Immer wieder führen die durch die Veruntreuung von Geldern verursachten Spendenskandale zu einem steigenden öffentlichen Interesse. Es wird eine transparentere Dokumentation über den Verbleib der finanziellen Mittel, ihre Wirkung und ihre Ergebnisse gefordert. In den Medien wird die Auffassung geäußert, dass viele sektorspezifische Organisationen und unter ihnen auch Social Enterprises ihren Erfolg nicht anhand tatsächlicher Wirkungsmessung nachweisen, sondern ihn mittels Anekdoten und Erzählungen kommunizieren. Geht es um die Akquise neuer Investoren und damit einhergehend um die Beschaffung neuer finanzieller Mittel, so steht meistens das Ziel einer erwarteten „sozialen Rendite“ im Fokus. Im Gegensatz zur Ermittlung einer finanziellen Rendite stellt gerade die transparente Er- Vgl. Repp, L. ( ), S. ; Greiling, D. ( ), S. . Vgl. Greiling, D. ( ), S. f.; § Abs. Nr. Bundessozialhilfegesetz. Vgl. Nicholls, A. ( ), S. f. Vgl. Schober, C./ Rauscher, O. ( ), S. . Vgl. Mildenberg, G./ Münscher, R./ Schmitz, B. ( ), S. . Vgl. Kanani, R. ( ). 4. Wirkungsmessung von Social Entrepreneurship/Entrepreneurs 56 mittlung eines sozialen Mehrwertes die größte Schwierigkeit für Social Entrepreneurs dar. In den vergangenen Jahren hat sich hierzu eine beachtliche Anzahl von unterschiedlichen Ansätzen entwickelt, die allesamt den Versuch unternehmen, Messgrößen für die Ermittlung der sozialen Rendite zu liefern. Das in New York ansässige Foundation Center hat beispielsweise eine Übersicht von aktuell verschiedenen Konzepten zusammengestellt, die für die Evaluation, Bewertung und Messung von Social Impact zur Verfügung stehen. Die Spannbreite der extrem unterschiedlichen Evaluierungsansätze resultiert zum einen aus dem Fehlen verbindlicher Standards und zum anderen aus den projektspezifischen Bedürfnissen der jeweiligen gemeinwohlorientierten Organisation. Nach Clark et al. lassen sich die bestehenden sowie die sich weiterentwickelnden Methoden und Konzepte zur Wirkungsmessung im gemeinnützigen Sektor grundsätzlich in die drei Kategorien „Prozessorientierte Ansätze“ (Process Methods), „Monetäre Ansätze“ (Monetization Methods) und „Wirkungsorientierte Ansätze“ (Impact Methods) unterteilen. Prozessorientierte Ansätze umfassen alle Ansätze, die die Effektivität und Effizienz des erreichten Outputs erfassen. Zu der Kategorie „Monetäre Ansätze“ gehören Methoden, die versuchen einen sozialen Mehrwert zu monetarisieren bzw. einfacher formuliert, die den Impact beziffern, indem sie zum Beispiel auf Währungsmittel wie Euro oder Dollar zurückgreifen. Die wirkungsorientierten Ansätze identifizieren schließlich Output und Outcome. Da die Darstellung der verfügbaren Wirkungsmessungsinstrumente den Rahmen der Arbeit überschreiten würde, werden nachfolgend selektiv drei methodische Ansätze, die eine gewisse Breitenwirkung in der öffentlichen Diskussion entfaltet haben, skizziert: Vgl. Vilain, M. ( ), S. . Vgl. Foundation Center ( ). Vgl. Mildenberg, G./ Münscher, R./ Schmitz, B. ( ), S. . Vgl. Clark, C. et al ( ), S. . Vgl. Clark, C. et al ( ), S. . 4.2 Notwendigkeit einer Wirkungsmessung 57 Social Return on Investment (SROI) Das Konzept des Social Return on Investment (SROI) wurde erstmals in den er Jahren vom Robert Enterprise Development Fund (REDF) entwickelt und zwar anhand eines Projektes, bei dem der gesellschaftliche Mehrwert gemessen wurde, der durch die Wiedereingliederung von Erwerbslosen in den Arbeitsmarkt erzielt wird. In Anlehnung an das traditionelle betriebswirtschaftliche Messverfahren des Return on Investment (ROI) wird mit dem SROI versucht, das Verhältnis des monetären Inputs zum geldwerten Social Outcome, dem sog. Social Return on Investment, zu beziffern. Abgeleitet vom klassischen betriebswirtschaftlichen ROI (Return on Investment) werden auch beim SROI die eingesetzten Investitionen den erzielten Erträgen gegenübergestellt. Besonderheit bei dem Konzept des SROI ist die Erweiterung um den sozialen bzw. gesellschaftlichen Aspekt der Wirkungsmessung. Bei dieser Methodik werden die gemeinwohlorientierten Projekte als Investition geführt und die erzielten Erträge, beziehungsweise die ableitbaren positiven Auswirkungen, werden als eine Art „soziale Rendite“ gewertet. Die Methodik des SROI kann auf einzelne Projekte oder aber auch auf die gesamte Organisation angewendet werden, von dem bzw. der ein gesellschaftlicher Mehrwert bewirkt wird. Der klassische SROI-Ansatz verfolgt das Ziel, in monetären Einheiten auszudrücken, was pro definierter monetärer Einheit „Soziale Investition“ an sozialem Ertrag an die Gesellschaft zurückgeführt wird. Dabei werden nicht monetäre soziale Outputs unter Zuhilfe- 4.3 Der anglo-amerikanische Raum zeigt zudem sehr starkes Interesse an der Weiterentwicklung der Methodik des SROI. So haben beispielsweise das SROI Network mit Sitz in London in Kooperation mit dem Office of the Third Sector des Vereinigten Königreiches den „Guide to Social Return on Investment“ herausgegeben. Seit beschäftigt sich in Deutschland das Centrum für soziale Investitionen und Innovationen (CSI) der Universität Heidelberg intensiv mit der methodischen Weiterentwicklung des SROI. Vgl. Mildenberger, G./ Münscher R./ Schmitz, B. ( ), S. . Vgl. Mildenberger, G./ Münscher R./ Schmitz, B. ( ), S. . Vgl. Münscher, R. /Eggersglüß, C. ( ), S. . Vgl. Nicholls, J. ( ), S. . Vgl. Mildenberger, G./ Münscher R./ Schmitz, B. ( ), S. . 4. Wirkungsmessung von Social Entrepreneurship/Entrepreneurs 58 nahme von Wirkungen an Quasi-Märkten einer Monetarisierung unterzogen. Es sollen alle relevanten Outputs auf geldwerte Outcomes zurückbezogen werden und daraus soll eine einzige Kennziffer berechnet werden. Kernthema dieser äußerst komplexen Methodik ist die Berechnung der zu bestimmenden monetären Kennziffer, die anhand des Prinzips einer kostenbasierten Monetarisierung ermittelt wird. Simplifizierend werden auf der Basis dieser Vorgehensweise die Kosten analysiert, die verursacht oder vermieden wurden bzw. die entstehen würden. Mit dem Zitat „Ein Spenden-Euro an Menschen für Menschen bringt einen gesamtgesellschaftlichen Wert von , Euro“ lässt sich schlagwortartig veranschaulichen, wie das SROI-Modell ergebnisorientierte Kennziffern validiert. Das Kompetenzzentrum für Nonprofit- Organisationen und Social Entrepreneurship der Wirtschaftsuniversität Wien hat im Jahr im Auftrag der EssI Foundation die entsprechende SROI-Analyse durchgeführt. Gemessen wurde dabei die ökonomische und gesellschaftliche Wirksamkeit eines Frauenprojektes der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ in Äthiopien. Ergebnis dieser Studie ist, dass ein investierter bzw. gespendeter Projekteuro einen Social Return on Investment in Höhe von , Euro erwirtschaftet. iooi-Methode der Bertelsmann-Stiftung Die Bertelsmann Stiftung, eine gemeinnützige deutsche Stiftung, wurde von Reinhard Mohn gegründet. Sie wird als operative Stiftung geführt. Dies bedeutet, dass sie ihr gesamtes Budget lediglich in eigens für sie konzipierte Projekte investiert. Sie befasst sich bereits 4.4 Vgl. Mildenberger, G./ Münscher R./ Schmitz, B. ( ), S. . Vgl. Schober C. ( ), S. . Vgl. Menschen für Menschen ( ). Vgl. Menschen für Menschen ( ). Vgl. Bertelsmann Stiftung, Über uns, Motive des Stifters ( ). Vgl. Bertelsmann Stiftung, Über uns, Grundsätze ( ). Vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen (Hrsg.), . 4.4 iooi-Methode der Bertelsmann-Stiftung 59 seit geraumer Zeit mit der Wirkungsmessung und Skalierung (Verbreitung) von sozialen Aktivitäten. Im Jahr hat die Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit einigen namhaften Unternehmen aus verschiedensten Branchen einen Leitfaden erstellt, um Unternehmen bei der Evaluation ihres gesellschaftlichen Engagements (Corporate Citizenship) zu unterstützen. In diesem Leitfaden wird die sog. „input-output-outcome-impact“-Methode (iooi-Methode) vorgestellt. iooi-Wirkungskette Quelle: vereinfachte Darstellung in Anlehnung an Bertelsmann Stiftung ( ), S. . Die Einführung der Wirkungsmessung erfolgt in fünf Schritten und zwar über Bestandsaufnahme, gemeinsame Festlegung des Corporate- Citizenship-Engagements, Aufwandserhebung (finanzielle, materielle und personelle Aufwendungen), Ergebniserfassung und -bewertung und abschließend die Wirkungserfassung und -bewertung. Dabei orientieren sich die einzelnen Schritte an den iooi-Kriterien, denen klare Definitionsinhalte zugemessen werden und die im Rahmen einer dezidierten Planungs- und Evalutionsmatrix bewertet werden. Abbildung . : Beispielsweise: Beiersdorf AG, Bertelsmann AG, BMW Group, Deutsche Bank AG, Deutsche Post DHL u.v.m. Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), . Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), , S. . Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), , S. . 4. Wirkungsmessung von Social Entrepreneurship/Entrepreneurs 60 Die von der Bertelsmann Stiftung entwickelte iooi-Methodik dient zwar der Evaluation; sie beinhaltet aber keine einheitliche Methodik zur monetären Bemessung von Outcome oder Impact. Es handelt sich vielmehr um eine Prozessbeschreibung, die zugleich ein fortlaufendes Projektcontrolling und eine nachträgliche Rechenschaftslegung ermöglicht. Der Leitfaden richtet sich zwar in erster Linie an Corporate-Citizenship-Manager und an gemeinnützige Organisationen, aber er kann auch genauso gut für Social Entrepreneurship verwendet werden. Mit der Transparenz des Modells, der klaren Verwendung von Begrifflichkeiten und anzuwendenden Prüf- und Wertungskriterien kann Social Entrepreneurship für Investoren zumindest wirkungsvoller im Sinne eines Benchmarking-Modells dargestellt werden. Europäische Kommission (GECES) Die Europäische Kommission hat bereits in einer Mitteilung aus dem Jahr die Bedeutung der Sozialunternehmen für die gesellschaftliche Entwicklung in der Europäischen Union betont. Der Anteil der in Sozialunternehmen tätigen Erwerbsbevölkerung wird zunehmen. Auch im aktuellen Forschungsprogramm der Europäischen Union, dem Horizon , wird der Bedeutung von Sozialunternehmen Rechnung getragen. Die Europäische Union stellt speziell für Sozialunternehmen Fördermittel in Höhe von Mio. Euro zur Verfügung. Die Fördermittelvergabe steht jedoch unter der Prämisse, dass die geförderten Sozialunternehmen eine „messbare soziale Wirkung“ erzielen. Die Europäische Kommission hat weiterhin im Jahr die Sachverständigengruppe für soziales Unternehmertum (GECES) gegründet, um sich der Thematik der sozialen Wirkungsmessung im europäischen Raum anzunähern. Die GECES-Expertengruppe wurde beauftragt, ein Verfahren zu konzipieren, das die Arbeit von Sozialunter- 4.5 Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), , S. f. Vgl. Europäische Kommission ( b), S. . Vgl. Europäische Kommission ( b), S. . Vgl. Europäische Kommission ( ), S. . Vgl. Europäische Kommission ( ), S. . 4.5 Europäische Kommission (GECES) 61 nehmen messbar macht. In ihrem Abschlussbericht versucht die Expertengruppe, einen Standard zu definieren, der qualitative Anforderungen an das Verfahren zur Messung der sozialen Wirkung ausweist. Dieser Standard impliziert jedoch nicht konkrete Vorgaben für eine monetäre Bewertung. Zu den wesentlichen Ergebnissen gehört, dass das angestrebte Verfahren zur Messung relevant, nützlich, einfach, sachbezogen, sicher, verstanden, akzeptiert, transparent und gut erklärt sowie evidenzbasiert sein soll. Das Verfahren soll unter anderem erstens die sozialen Auswirkungen auf Gemeinschaften und Einzelpersonen, zweitens die langfristige soziale Wirkung, drittens den Umfang oder die Reichweite der sozialen Wirkung in Bezug auf den geografischen Aktionsradius und viertens die Intensität und das Ausmaß der Wirkung in Bezug auf die Erfassung bestimmter (benachteiligter, gefährdeter, bedrohter usw.) Bevölkerungsgruppen beinhalten. Dabei soll in die Bewertung einbezogen werden, inwieweit – das Sozialunternehmen für das Ergebnis verantwortlich ist bzw. es der Intervention anderer zuzuschreiben ist (Zurechnung), – Ergebnisse herauszurechnen sind, die ohnehin eingetreten wären, – sich die nachlassende Tendenz der Auswirkungen einer Intervention auswirkt. Bei der Festlegung der Indikatoren für eine Wirkungsmessung ist aus Sicht der Europäischen Kommission eine Absprache zwischen Sozialunternehmer und Stakeholdern (Investoren) unumgänglich, da es bei der Vielfältigkeit von Sozialunternehmen schwer ist, einheitliche Normen festzulegen. Allgemeingültig anwendbare Indikatoren lassen sich nur in einem sehr begrenzten Umfang bestimmen. Europäische Kommission ( ), S. . Vgl. Europäische Kommission ( ), S. . Vgl. Europäische Kommission ( ), S. . Vgl. Europäische Kommission ( ), S. . Vgl. Europäische Kommission ( ), S. . 4. Wirkungsmessung von Social Entrepreneurship/Entrepreneurs 62 Kritische Reflexion und Praxistauglichkeit einer monetären Bewertung von Social Impact Die Wirkungsmessung von Social Impact scheint von dem Gedanken getragen zu sein, monetäre Bewertungskennziffern einführen zu wollen. Dieser Ansatz wird in der Literatur kritisch reflektiert: Fehlende Zurechenbarkeit (Attribution) der Ergebnisse Es lässt sich häufig nicht genau bestimmen, inwieweit ein bestimmter festgestellter Social Impact auf das Wirken des Social Entrepreneurs oder auf Einflüsse zurückzuführen ist, die in keinem Zusammenhang mit dessen Tätigwerden stehen. Fehlende Nachhaltigkeit Es wird kritisch angemerkt, dass der monetären Erfolgsbewertung häufig ein viel zu kurzer Beobachtungszeitraum zugrunde gelegt wird und damit die nachhaltige Lösung eines sozialen Problems gar nicht abgefragt wird. Fehlende Messbarkeit Vielfach sind die von Social Entrepreneurs verfolgten Ziele nicht monetär messbar. Zudem sind alle Aktivitäten im Social Entrepreneurship stark geprägt durch individuelle Wertvorstellungen, die eine rein monetäre Messung erschweren. Genannt seien hier sogenannte Soft- Outcomes wie z. B. Lebensqualität, Einstellungen gegenüber Minder- 4.6 Vgl. Kehl, K./ Then, V./ Münscher, R. ( ), S. ff.; Mildenberger, G./ Münscher, R./ Schmitz, B. ( ), S. ff.; Kuhlemann, A.-K. ( ), S. ff. Vgl. Kehl, K./ Then, V./ Münscher, R. ( ), S. ; Mildenberger, G./ Münscher, R. /Schmitz, B. ( ), S. . Vgl. Kehl, K./ Then, V./ Münscher, R. ( ), S. Vgl. Kuhlemann, A.-K. ( ), S. . 4.6 Kritische Reflexion und Praxistauglichkeit einer monetären Bewertung von Social Impact 63 heiten, langfristige Ziele wie z. B. Begrenzung der Erderwärmung oder auch Präventionsziele wie z. B Vermeidung von Teenager-Schwangerschaften, Vermeidung familiärer Gewalt, oder Drogensuchtbekämpfung. In der Sozialforschung wird die Auffassung vertreten, dass soziale Tatsachen nicht objektiv identifiziert werden können. Sie sind als soziale Handlungen von ihrem Bedeutungsgehalt her bzw. je nach der individuell anders aussehenden Situation unterschiedlich zu interpretieren. Besonders die Anwendung und Übertragung naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten auf soziologische und ethnologische Fragestellungen wird hier eher abgelehnt. Fehlende Standards Soweit überhaupt eine ökonomische Bewertung vorgenommen wird, erfolgt dies individuell, auf das Projekt des jeweiligen Social Entrepreneurs bezogen. Es fehlen allgemeine und branchenspezifische Standards. Effekte im Bildungswesen können nicht mit Effekten im Gesundheitswesen verglichen werden. Der schon kaum zu definierende monetäre Wert einer Impfung von Kindern ist nicht mit einem wohl ebenfalls nur schwerlich festzulegenden monetären Wert einer Alphabetisierung von Kindern zu vergleichen bzw. nach gleicher Methodik zu ermitteln. Die Entwicklung interdisziplinärer Standards scheitert schon an der notwendigen Vergleichbarkeit der Bezugsgruppen. Die eigentliche Leistung der SROI-Methode, stellvertretend für weitere monetäre Verfahren, besteht in der Erkenntnis, dass es überhaupt möglich ist, Wertsteigerungen monetär darzustellen und soziale Wirkungen geldwert zu beziffern. Gleichwohl ist die monetäre Bewertung von Social Impact in vielen Fällen gar nicht möglich und – wenn überhaupt – sind die sich daraus ergebenden Bezugsgrößen empirisch nur als grobe Annäherungswerte zu interpretieren. Vgl. Mildenberger, G. /Münscher, R. /Schmitz, ( ), S. . Vgl. Lamnek, S./ Krell, C. ( ), S. , zit. nach Girtler, R. ( ). Vgl. Kuhlemann, A.-K. ( ), S. . Vgl. Kehl, K./ Then, V./ Münscher, R. ( ), S. . 4. Wirkungsmessung von Social Entrepreneurship/Entrepreneurs 64 Abschließend lässt sich zu diesem Kapitel festhalten, dass die bisher entwickelten Systeme zur monetären Bewertung von Social Impact nur sehr bedingt anwendbar sind und daher kaum Argumentationshilfen für potentielle Investoren und deren Entscheidungen implizieren. 4.6 Kritische Reflexion und Praxistauglichkeit einer monetären Bewertung von Social Impact 65

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der globalisierte Kapitalismus, Umweltkatastrophen, Überbevölkerung sowie zunehmende politisch und religiös motivierte Konflikte fordern ein Umdenken ökonomischer Konzepte. Allein mit den herkömmlichen Sozial- und Wirtschaftssystemen lassen sich existenzbedrohende Probleme wie Armut, Hunger, Krankheit, mangelnde Bildung und Betreuung nicht lösen. Es gilt dringend, neue, zukunftsweisende unternehmerische Konzepte zu entwickeln und zu fördern. Seit geraumer Zeit hat sich unter dem Begriff „Social Entrepreneurship“ eine Bewegung etabliert, die versucht, unter Beachtung klassischer Ökonomiegrundsätze gesellschaftliche Herausforderungen nachhaltig zu lösen.

Nun gilt es, die mit dem Begriff „Social Entrepreneurship“ verbundene Interdependenz sozialer und unternehmerischer Zielsetzung zu konkretisieren. Private und öffentliche Investoren benötigen eine effiziente Wirkungsmessung für die unternehmensbezogene Risikoeinschätzung und den Social Return on Invest. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Social Entrepreneurship kann zur Überwindung des traditionell angenommenen Zielkonfliktes zwischen Social und Financial Impact essentiell beitragen. Das Mut machende Fazit: Social Entrepreneurship kann als Alternative zu reinem Gewinnstreben und karitativem Unternehmensengagement ein erstrebenswertes Wachstumspotential entfalten, wenn evaluierbare rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen für potenzielle Investoren verlässlich zur Verfügung stehen.