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5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter in:

Doris Kölbl

Wenn Mädchen zu Müttern werden, page 53 - 100

Eine sozialpädagogische Betrachtung

2. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4192-5, ISBN online: 978-3-8288-7089-5, https://doi.org/10.5771/9783828870895-53

Tectum, Baden-Baden
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Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter Daten – Zahlen – Fakten Zu Beginn scheint ein Blick auf relevante statistische Daten interessant, um eine Idee davon zu bekommen, in welcher Größenordnung Schwanger- und Mutterschaft bei Jugendlichen in Deutschland vorkommen. Es gibt in Deutschland keine eigene Statistik über die Zahl der Schwangerschaften bei Minderjährigen, da Schwangerschaften nicht systematisch erhoben werden. Allerdings werden sowohl die Zahl der Lebendgeburten als auch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche statistisch festgehalten. Eine ungefähre Annäherung an die Zahl der minderjährigen Schwangeren in Deutschland kann erreicht werden, indem man die Zahl der Lebendgeburten bei Minderjährigen mit der Zahl der Schwangerschaftsabbrüche der Altersklassen bis zum 18. Lebensjahr aufaddiert. Zu berücksichtigen ist dabei jedoch, dass diese Zahl dahingehend ungenau ist, als dass die nicht-gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche hier nicht berücksichtigt werden können, weil immer noch nicht alle Ärzte der Meldepflicht des Schwangerschaftsabbruchs nachkommen und darüber hinaus die Zahl der Fehlgeburten beziehungsweise Spontanaborte darin nicht erfasst ist.113 Steigende Zahlen an Lebendgeburten und Schwangerschaftsabbrüchen bei minderjährigen Müttern haben in der vergangenen Zeit die Medien alarmiert. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass das statistische Datenmaterial über minderjährige Schwangere je nach Auslegung unterschiedlich interpretiert werden kann: "Die plakative Verwendung von Gesamtzahlen kann gleichsam dazu dienen, auf Nöte hinzuweisen oder schwangere Mädchen zu diskriminieren, 5 5.1 113 vgl. Osthoff; 1999; S. 111f. und vgl. Kluge; 2003; S. 158 53 ebenso ist eine Bagatellisierung der Problematik bei abnehmenden Schwangerschaftsraten … möglich" 114. Die folgende Darstellung der Zahlen möchte sich nicht einreihen in die Reihe derer, die von einem besorgniserregenden Anstieg der Schwangerschaften bei Minderjährigen sprechen. Erstens, weil bei hohen prozentualen Veränderungen die Tatsache berücksichtigt werden muss, dass es sich sowohl bei den Minderjährigen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, als auch bei denen, die das Kind zur Welt bringen, um zahlenmäßig jeweils sehr kleine Gruppen handelt und dadurch Veränderungen, die in Prozenten ausgedrückt werden, ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Situation geben. Prozentual enorme Anstiege sind deshalb angesichts der niedrigen Fallzahlen minderjähriger Schwangerer mit Vorsicht zu betrachten.115 Zweitens, weil die Meldepflicht von Schwangerschaftsabbrüchen seit dem Jahr 1996 verschärft wurde. Während bis 1995 die Auskünfte über Schwangerschaftsabbrüche weitgehend anonym waren und schwer kontrolliert werden konnten, sind Arztpraxen und Krankenhäuser, in denen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, seit dem 1. Januar 1996 auskunftspflichtig, was ebenso einen Anstieg der Zahlen in der Statistik zur Folge hatte und damit einen Vergleich mit früheren Jahren, in denen von einer Untererfassung der Schwangerschaftsabbrüche gesprochen werden kann, schwierig macht.116 Drittens, weil mit dem Jahr 2000 das Methodenspektrum, Geburten zu erfassen, erweitert wurde. Erst seit dem Jahr 2000 wird auch das tatsächliche Alter einer Mutter zum Zeitpunkt der Geburt festgehalten, während vorher alle Geburten ausschließlich nach dem Geburtsjahr erfasst wurden, das heißt Altersangaben aus der Differenz zwischen Berichts- und Geburtsjahr resultieren. Die Geburtsjahrmethode hatte zur Folge, dass beispielsweise im Berichtsjahr 1999 eine Mutter, die im Dezember 1981 geboren wurde, als volljährig gezählt wurde, auch dann, wenn sie bei der Geburt im März 1999 noch 17 Jahre alt war, 114 Osthoff; 1999; S. 112 115 vgl. Busch; 2004; S. 34 und vgl. Sobotta; 2002; S. 22f. 116 vgl. Laue; 2004; S. 3 und vgl. Statistisches Bundesamt Wiesbaden; Gesundheitswesen – Schwangerschaftsabbrüche 2002; URL: http://www.destatis.de und vgl. Statistisches Bundesamt Wiesbaden; Gesundheitswesen – Schwangerschaftsabbrüche 2003; URL: http://www.destatis.de 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 54 aber im Laufe des Jahres, nämlich im Dezember, 18 Jahre wurde. Diese Mutter wurde dann in der Statistik nicht als minderjährige Mutter erfasst, obwohl sie bei der Geburt tatsächlich noch minderjährig gewesen ist. Das hat zur Folge, dass die Zahlen nach dem exakten Alter der Mutter folgerichtig über den Zahlen liegen, die nach der Geburtjahresmethode erfasst wurden: So gab es im Jahr 2000 laut der Geburtsjahrmethode 4796 minderjährige Mütter, nach der Erfassung gemäß dem exakten Alter der Mutter: 7126 Mütter unter 18.117 Andererseits möchte sich diese Arbeit auch nicht zu denjenigen gruppieren, die sich gegen eine wesentliche Zunahme und Veränderung der Zahlen zu den Schwangerschaften bei Minderjährigen aussprechen und betonen, dass der Anteil minderjähriger Mütter in der Gesamtgruppe aller Mütter mit 0,6 % im Jahr 2000 beziehungsweise 0,8 % im Jahr 2002 verschwindend gering ist, weil der Versuch der `ent-dramatisierenden´ Darstellung dazu führen könnte, dass sich dies auf die Beachtung früher Mutterschaft im Generellen und Betrachtungsweise des Phänomens im Speziellen auswirkt und letztlich der Problemlage dieser Mädchen nicht gerecht wird.118 Deshalb sollen folgende Zahlen vielmehr dazu dienen, einen ungefähren Überblick über die Größenordnung der Schwangerschaften bei Minderjährigen in den Jahren 2000–2003 zu bekommen. Sowohl die Zahlen der Schwangerschaftsabbrüche als auch die Zahlen der Geburten beziehen sich jeweils auf das ab dem Jahr 2000 tatsächlich erfasste Alter der Frauen zum Zeitpunkt des Abbruchs beziehungsweise der Geburt. Sie sind damit einheitlich und gut vergleichbar. Die folgenden Tabellen zeigen, dass die Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen im Vergleich der Jahre 2000 – 2003 und den Jahren 2013 – 2016 stark abgenommen haben auch bezogen auf den prozentualen Anteil an der Grundgesamtheit aller Schwangerschaftsbrüche der jeweiligen Jahre. Auf die Ursachen für diese Entwicklung kann das vorliegende Buch keine Antwort geben, dies wäre ein Thema für weitere Forschungsbemühungen: 117 vgl. Laue; 2004; S. 6f. und vgl. Busch; 2004; S. 34 118 vgl. Laue; 2004; S. 6f. und vgl. Bindel – Kögel; 2004; S. 114f. 5.1 Daten – Zahlen – Fakten 55 2000 2001 2002 2003 Abbrüche Gesamt 134.609 134.964 130.387 128.030 unter 15-Jährige 574 696 761 715 15- bis 18-Jährige 5763 6909 6682 6930 Minderjährige gesamt 6337 7605 7443 7645 2013 2014 2015 2016 Abbrüche Gesamt 102.802 99.715 99.237 98.721 unter 15-Jährige 322 369 337 330 15- bis unter 18-Jährige 3297 3191 2970 2750 Minderjährige gesamt 3619 3560 3307 3080 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland 2000–2003 und 2013–2016119 Bei der Zahl der Geburten kann beobachtet werden, dass diese zwischen 2000 und 2002 um 469 Geburten auf 7595 Geburten bei Minderjährigen angestiegen sind, es aber im Jahr 2003 wiederum einen Rückgang um 300 Geburten auf 7295 bei Mädchen unter 18 Jahren zu verzeichnen gibt. Bei dem Vergleich der Geburten Minderjähriger zwischen den Jahren 2000 – 2003 und den Jahren 2013 – 2016 zeigt sich abermals wie bereits bei den Schwangerschaftsabbrüchen ein Rückgang, dessen Ursachen in weiteren wissenschaftlichen Arbeiten zu erforschen ist. 2000 2001 2002 2003 Geburten gesamt 766.999 734.475 719.250 706.721 Minderjährige gesamt 7126 7447 7595 7295 Tabelle 3 119 vgl. Laue, 2004, S. 4 und vgl. www.destatis.de (Stand: 01.10.2018) 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 56 2013 2014 2015 2016 Geburten gesamt 682.069 714.927 737.575 792.131 Unter 18 2823 3071 3041 3415 Lebendgeborene in Deutschland 2000–2003 und 2013–2016120 Betrachtet man die Geburten im Jahr 2016 genauer, ist festzustellen, dass weit über die Hälfte der minderjährigen Mütter zwischen 17 und 18 Jahre alt ist. Auch in der Altersklasse der 16-Jährigen sind es immerhin noch 949 Schwangere, die sich für das Austragen des Kindes entschieden haben. Bei genauer Betrachtung der Altersgruppe der unter 15-Jährigen wird deutlich, dass sich im Jahr 2016 mehr Mädchen für einen Abbruch entschieden haben, nämlich 330 und vergleichsweise wenige, nämlich 77 Mädchen in diesem jungen Alter wirklich Mutter geworden sind. Betrachtet man die Zahlen von 2003 und 2016 im Vergleich so lässt sich in allen Alterskategorien eine deutliche Abnahme der Mutterschaften Minderjähriger feststellen. Im Gesamtvergleich kann festgehalten werden, dass diese sich mehr als halbiert haben. Ob dies beispielsweise auf verstärkte Präventionserfolge oder Veränderung von Lebenswelten zurückzuführen ist, muss die weitere sozialpädagogische Forschung zeigen. 2016 Unter 15 77 15-jährige 316 16-järhige 949 17-jährige 2073 Minderjährige Gesamt 3415 Lebendgeborene nach Altersgruppen 2016121 Tabelle 4 Tabelle 5 120 vgl. Laue, 2004, S 8 und vgl. www.destatis.de (Stand: 01.10.2018) 121 vgl. www.destatis.de (Stand: 01.10.2018) 5.1 Daten – Zahlen – Fakten 57 Wie oben bereits beschrieben, erhält man die Zahlen der minderjährigen Schwangeren durch Addition der Schwangerschaftsabbrüche und Lebendgeborenen in der Gruppe der unter 18-Jährigen. Die Betrachtung der Zeitspanne zwischen den Jahren 2000 und 2003 zeigt, dass es im Jahr 2001 einen Anstieg auf 15052 minderjährige Schwangere in Deutschland gab, damit waren 2001 1589 mehr Mädchen unter 18 schwanger als noch im Jahr 2000. Jedoch ist diese Zahl in den folgenden Jahren wieder minimal zurückgegangen. So waren im Jahr 2003 14940 minderjährige Mädchen schwanger, 112 weniger als noch im Jahr 2001. Die Zahlen der minderjähren Schwangeren haben sich im Vergleich der Jahre 2013 – 2016 und der Jahre 2000 – 2003 ebenfalls nahezu halbiert. Ob verstärkte Präventionsbemühungen, verbesserte Aufklärung und optimiertes Verhütungsverhalten oder andere Erklärungsansätze als ursächlich validiert werden können, muss in weiteren wissenschaftlichen Forschungsarbeiten geklärt werden. 2000 2001 2002 2003 Schwangerschaftsabbrüche 6337 7605 7443 7645 Lebendgeborene 7126 7447 7595 7295 Minderjährige Schwangere gesamt 13463 15052 15038 14940 2013 2014 2015 2016 Schwangerschaftsabbrüche 3666 3528 3300 3030 Lebendgeborene 2823 3071 3041 3415 Minderjährige Schwangere gesamt 6489 6599 6341 6445 Minderjährige Schwangere in Deutschland 2000–2003 und 2013–2016122 Franz & Bush stellen zu den vorliegenden Zahlen Folgendes fest: "Die Zahlen zu frühen Schwangerschaften geben weder aus wissenschaftlichen noch unter pädagogischen Gesichtspunkten Grund zur Panik"123. Tabelle 6 122 vgl. Laue, 2004, S. 8f. und vgl. http://www.destatis.de 123 Franz & Busch; 2004; S. 10 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 58 Dennoch darf die Bedeutung, die eine Schwangerschaft im Jugendalter für jedes einzelne Mädchen hat, nicht vernachlässigt werden oder in den Hintergrund treten.124 Die Tatsache, dass minderjährige Mütter hinsichtlich der Gesamtzahl keine große Problemgruppe sind, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schwanger- und Mutterschaft für das einzelne Mädchen gravierende und facettenreiche Ereignisse darstellen, die eine völlige Veränderung der Lebensperspektive nach sich ziehen und zu Schwierigkeiten in der Entwicklung führen können. Statistische Zahlen dürfen nicht davon ablenken, dass die Mutterschaft für jede minderjährige Mutter eine individuelle Problemsituation darstellt, die sich durch Komplexität der zu bewältigenden Aufgaben auszeichnet. EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze Verhütung und Schwangerschaft Dieser Exkurs bezüglich der Ursachen und Erklärungsansätze für Schwanger- und Mutterschaft in der Adoleszenz dient nicht unmittelbar der Überprüfung der Thesen, sondern wird an dieser Stelle ergänzend angeführt. Dieser Exkurs möchte Antwort geben auf die Frage, warum Minderjährige denn überhaupt schwanger werden und damit den Blick auf das Thema `Minderjährige Mütter´ um den Aspekt der Hintergründe und Entstehungsbedingungen erweitern: Obwohl durch die Möglichkeiten der Verhütung heute nahezu hundertprozentiger Schutz vor Schwangerschaft möglich geworden ist, Sexualität offen thematisiert und die Pille bei jedem Frauenarzt bis zum 18. Lebensjahr kostenlos abgeholt werden kann, werden minderjährige Mädchen schwanger.125 Die Antibabypille macht es seit 1961 für Mädchen und Frauen einerseits möglich, Sexualität ohne die ständige Angst vor Schwangerschaft zu leben, bringt sie aber andererseits bei ungewollten Schwangerschaften in Erklärungsnot. Wenn ein junges Mädchen `ungewollt´ 5.2 5.2.1 124 vgl. Osthoff; 1999; S. 112 125 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 114 5.2 EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze 59 schwanger wird, wird es seine `Nachlässigkeit´ erklären müssen, denn es hätte die Schwangerschaft ja verhindern können:126 "Eine ungewollte Schwangerschaft gilt als persönliches Versagen"127. Die Gründe dafür, warum Jugendliche nicht verhüten, sind vielfältig. Obwohl laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Elternhaus heute weitgehend mehr Mädchen und Jungen aufgeklärt werden und auch der schulischen Sexualerziehung im Rahmen der Aufklärung von Jugendlichen deutschlandweit eine bedeutende Rolle zukommt, ist mangelndes Wissen hinsichtlich der Veränderungsprozesse des eigenen Körpers im Jugendalter, der sexuellen Reife und Fruchtbarkeit und der damit zusammenhängenden Notwendigkeit von Verhütung, dennoch eine häufig angeführte Ursache für das Entstehen von Schwangerschaften bei Minderjährigen. Viele Jugendliche wissen, obwohl sie aufgeklärt wurden, nicht genau, wie sie das Verhütungswissen in die Praxis umsetzen können, ihnen fehlt häufig das Verständnis für wesentliche Zusammenhänge zwischen dem eigenen Körper, Fruchtbarkeit und Verhütung:128 "Viele wissen nicht, dass sie bereits ab der ersten Regel schwanger werden können und weniger als ein Fünftel weiß, wann im Zyklus das Konzeptionsoptimum besteht"129. Verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Sexualität setzt aber Kenntnisse über die eigenen Körpervorgänge und die des Partners voraus, denn wer über die eigene Fruchtbarkeit oder die des Partners nicht Bescheid weiß, kann auch die Wirkungsweise hormoneller Verhütungsmittel nicht verstehen und nicht abschätzen, welche Folgen es hat, die Pille unregelmäßig einzunehmen.130 Die BZgA befragte im Jahr 2001 Jugendliche im Alter von 14–17 Jahren zu ihren Einstellungen und ihrem Verhalten hinsichtlich Verhütung und Sexualität und kam zu dem Ergebnis, dass etwa 83% der Mädchen und 79% der Jungen sich zwar selbst für aufgeklärt halten, 126 vgl. Osthoff; 1999; S. 71ff. 127 Osthoff; 1999; S. 74 128 vgl. Staufer; 2004; S. 16ff. und vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 31f. und vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung; 2002; S. 7–18 129 Klapp; 2003; S. 7 130 vgl. Osthoff; 1999; S. 74 und vgl. Franz & Busch; 2004; S. 12 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 60 jedoch zeigten die Antworten auf die Frage nach dem Empfängniszeitpunkt der Frau ein anderes Bild. 67% der Mädchen und 36% der Jungen glaubten zwar, diese Frage richtig beantworten zu können, mit ihrer Antwort lagen aber nur 43% der Mädchen und 22% der Jungen richtig.131 In ihrer Studie über junge Schwangere und Mütter im Alter von 14–16 Jahren fanden auch Friedrich & Remberg heraus, dass es eine Diskrepanz zwischen dem Wissen, das die jugendlichen Mädchen über Verhütungsmethoden und -mittel haben, und der praktischen Anwendung gibt. Das Wissen, dass es die Pille gibt, schließt nicht zwangsläufig ein, dass man über die Wirkungsweise und die Anwendungsvorschriften Bescheid weiß.132 Als weitere Ursache für die Schwangerschaften bei Minderjährigen wird die sexuelle Akzeleration, das heißt, dass Jugendliche immer früher geschlechtsreif werden und früher mit Sexualität in Kontakt kommen, diskutiert. Während die Zahl der Jugendlichen, die im Alter von 17 Jahren bereits erste Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr gesammelt haben, in den letzten Jahren relativ gleich geblieben ist, ist die Zahl derer, die bereits mit 15 oder 16 auf diese Erfahrung zurückgreifen können, angestiegen.133 Folgende Tabelle zeigt prozentual, wie viele Jugendliche unterschiedlicher Altersgruppen im Jahr 2001 bereits Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr hatten: Mädchen in % Jungen in % 14 Jahre 11 8 15 Jahre 25 18 16 Jahre 40 37 17 Jahre 66 61 Erfahrung mit Geschlechtsverkehr nach Alter 2001 (Quelle: vgl. BZgA; 2002; S. 48) Tabelle 7 131 vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung; 2002; S. 35–39 132 vgl. Friedrich & Remberg; 2005; S. 308 133 vgl. Osthoff; 2003; S. 19ff. und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 116 5.2 EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze 61 Im Vergleich mit Befragungen aus den Jahren 1980, 1994, 1996 und 1998 kommt die BZgA zu dem Ergebnis, dass Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr vor allem bei den jüngeren Jahrgängen zugenommen haben. Speziell im Bereich der Altersgruppen der 15- und 16-Jährigen ist dieser Anstieg laut BZgA besonders deutlich.134 Häufig werden Jugendliche von der Situation des Geschlechtsverkehrs regelrecht überrascht und sind nicht darauf vorbereitet. In der durchgeführten Befragung der BZgA wurde deutlich, dass das `Erste Mal´ eher zufällig als geplant passiert. Für 34% der Jungen und 24% der Mädchen passierte der erste Geschlechtsverkehr völlig überraschend. Betrachtet man hierbei explizit die Gruppe derer, die bereits mit 14 Jahren oder früher ihren ersten Geschlechtsverkehr erlebt haben, zeigt sich, dass in dieser Gruppe Jungen mit 46% und Mädchen mit 33% ihren Geschlechtsverkehr deutlich häufiger als Überraschung erleben, was sich auf den Einsatz von Verhütungsmitteln auswirkt. Ganze 12% der befragten Mädchen und 15% der Jungen verhüten beim ersten Geschlechtsverkehr nicht. Die Untersuchung zeigt darüber hinaus, dass Mädchen, die das `Erste Mal´ erst mit 16 oder 17 Jahren erleben, ein verantwortungsvolleres Verhütungsverhalten an den Tag legen. Als häufigste Gründe für die fehlende Verhütung beim `Ersten Mal´ wird angeführt, dass es zu spontan passiert ist, das Paar es mit `aufpassen´ versuchen wollte oder die Partner sich nicht getraut haben, das Thema Verhütung anzusprechen. Betrachtet man, dass Jugendliche gerade dann, wenn sie beim `Ersten Mal´ noch sehr jung sind oder den Partner nicht gut kennen, häufiger auf Verhütung verzichten oder einfach nicht daran denken, ist dies besonders besorgniserregend.135 In vielen Fällen kann die Kommunikation über Verhütung zwischen den Partnern als nicht zufriedenstellend beschrieben werden. Vielen Jugendlichen fällt es nicht leicht, über ihre Wünsche und Bedürfnisse hinsichtlich Sexualität zu sprechen – vielleicht kennen sie diese selbst noch nicht einmal. Umso schwieriger kann es dann sein, das Thema Verhütung anzusprechen. Peinlichkeit und Scham oder 134 vgl. Osthoff; 2003; S. 19ff. 135 vgl. Mietzel; 2002; S. 375–379 und vgl. Osthoff; 2003; S. 19ff. und vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung; 2002; S. 60–64 und vgl. Osthoff; 1999; S. 75–87 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 62 Angst, durch die Thematisierung von Verhütungsmitteln die Besonderheit des Augenblicks zu zerstören oder gar den Partner zu vergraulen, wenn man gegen seinen Wunsch auf den Einsatz empfängnisverhütender Maßnahmen beharrt, hemmen die Kommunikation rund um das Thema Sexualität und Verhütung:136 "Er geht davon aus, dass sie die Pille nimmt, und sie geht davon aus, dass er ein Kondom dabei hat und damit umzugehen weiß"137. Verhütung wird folglich nicht allein aus reiner Verantwortungs- oder Sorglosigkeit vergessen oder nicht benutzt, sondern vielmehr aufgrund von fehlender Kommunikation innerhalb der Partnerschaft oder aufgrund eines geringen Selbstwertgefühls.138 Darüber hinaus stellen Friedrich & Remberg fest, dass Kommunikation über Verhütungsmittel – wenn sie denn stattfindet – meist von den Mädchen ausgeht. Allerdings stehen die Mädchen häufig vor dem Dilemma, dass die Jungen zu einer Übernahme der Verantwortung hinsichtlich der Verhütung mit Kondomen nicht bereit sind oder diese nicht konsequent anwenden. Verhütung bleibt dann Mädchensache.139 Eine weitere Erklärung für ungewollte Schwangerschaften bei minderjährigen Mädchen sieht Mietzel darin begründet, dass sie ihre Einzigartigkeit überschätzen, davon überzeugt sind, vor besonderen Gefährdungen geschützt zu sein, und glauben, auch dann nicht schwanger werden zu können, wenn sie nicht verhüten:140 "Ich dachte, dass würde anderen passieren, aber mir nicht"141. Sichere Verhütung setzt also viel Planung und Kontrolle voraus, verlangt nach Kommunikation mit dem Partner und muss in das experimentierende Entdecken der Sexualität eingebaut werden. Das sind Anforderungen, die Heranwachsende, die mit Neugierde, Spannung, Erwartungen, Unsicherheit und Zweifeln ihre Sexualität und Lust entdecken, überfordern können. Dazu kommt, dass es keine perfekte Verhü- 136 vgl. Franz & Busch; 2004; S. 12 und vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 31f. und vgl. Osthoff; 1999; S. 75–87 137 Staufer; 2004; S. 17 138 vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 31f. 139 vgl. Friedrich & Remberg; 2005; S. 309f. 140 vgl. Mietzel; 2002; S. 341–344 141 Mietzel; 2002; S. 341 5.2 EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze 63 tungsmethode gibt, die ohne jegliche unangenehmen Nebeneffekte hundertprozentig funktioniert.142 Minderjährige Mütter berufen sich bei der Begründung der frühen Schwangerschaft häufig darauf, dass angewandte Verhütungsmittel versagt hätten. Diese Begründung kann entlastend wirken und befreit einerseits von dem oben bereits thematisierten gesellschaftlichen Vorwurf, nicht verhütet zu haben und andererseits von der eigenen Verantwortung für die Schwangerschaft.143 Sozialisationserfahrungen und Schwangerschaft Neben den Mädchen, die ungewollt schwanger werden, gibt es auch Mädchen, die sich ein Kind wünschen. Diese teils völlig bewusste oder teils gänzlich unbewusste Sehnsucht nach einem Kind kann zu Sorglosigkeit hinsichtlich der Empfängnisverhütung oder dem völligen Verzicht darauf und letztlich zur Schwangerschaft führen.144 Neben mangelnder Aufklärung und Verhütung kann bei einigen Mädchen die Schwangerschaft aufgrund innerpsychischer Konflikte und Prozesse unbewusst oder ganz bewusst herbeigeführt worden sein: "Um zu verstehen, welche möglichen Vorteile Frauen, die riskant verhüten mit einer Schwangerschaft verbinden können, ist es wichtig, sich klar zu machen, daß eine Schwangerschaft nicht nur ein biologisches Ereignis ist – sie ist ein Ereignis mit einer ungeheueren sozialen Bedeutung. Sie enthält Nebenbedeutungen von Fruchtbarkeit, Weiblichkeit, Erwachsensein, Unabhängigkeit und noch andere Assoziationen"145. Darüber hinaus entscheiden sich viele Mädchen, wenn sie – sei es durch mangelnde Verhütung oder Versagen der Kontrazeptiva – dann einmal schwanger sind, gegen eine Abtreibung, auch dann, wenn die Schwangerschaft nicht Folge einer bewussten Entscheidung ist und es sich um ein ungeplantes Kind handelt.146 5.2.2 142 vgl. Osthoff; 1999; S. 75–87 143 vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 31f. 144 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 115 145 Häussler; u.a.; 1983; S. 93 zit. nach Klees-Möller; 1993; S. 103 146 vgl. Franz & Busch; 2004; S. 11 und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 114 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 64 Die Tatsache, dass viele junge Mädchen trotz widriger Lebensumstände und schwierigen Bedingungen schwanger werden, sich für das Kind entscheiden und eine Abtreibung ablehnen, interpretiert auch Bier-Fleiter dahingehend, dass das Kind als Lösungsweg der eigenen Probleme gesehen werden kann.147 Im Folgenden soll der Blick näher auf diese Motive gerichtet werden, die bewusst oder unbewusst die Entscheidung zur Schwangerund Mutterschaft bei Minderjährigen motivieren können: Eine Schwangerschaft bei minderjährigen Mädchen ist nicht allein Ursache, sondern häufig auch die Folge von psychischen und sozialen Belastungen, Ereignissen und Bedingungen innerhalb der eigenen Sozialisation. Sozialisationserfahrungen, die durch wechselnde Bezugspersonen, brüchige und wenig verlässliche Beziehungen, Trennungserfahrungen, Probleme in der Schule und generell konflikthafte Beziehungen gekennzeichnet sind, kombiniert mit der Unsicherheit des Ablösungsprozesses in der Pubertät, stehen häufig im Zusammenhang mit der Schwangerschaft im Jugendalter und können auch ursächlich dafür sein. Sie können den Wunsch nach einer festen Bindung, nach einem eigenen Kind forcieren.148 Die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, nach einer heilen Familie, die in der eigenen Kindheit so schmerzlich vermisst wurde, kann ebenfalls einen Grund für den frühen Kinderwunsch darstellen:149 "Sie können diese Geborgenheit nicht als ein im Innern verwurzeltes Lebensgefühl mitnehmen, sondern versuchen Geborgenheit ganz konkret durch ein eigenes Kind wieder herzustellen"150. Das Kind wird dann zum Symbolträger für die eigene kleine Familie, mit der sich der Wunsch verbindet, es anders und besser zu machen als die eigenen Eltern und mit dem die idealisierte Vorstellung verbunden ist, dass alle Einsamkeit und das Alleinsein durch die Geburt des Kindes beendet werden. Realistische Vorstellungen bezüglich der Aufgaben, die mit der Mutterschaft verbunden sind, treten dabei in den 147 vgl. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit; 1990; S. 23 148 vgl. Thiessen & Anslinger; 2004; S. 23f. und vgl. Osthoff; 1999; S. 121 149 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 116 150 Löbner; 2003; S. 12 5.2 EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze 65 Hintergrund – auch ein Partner spielt nicht immer zwingend eine wichtige Rolle. Die Hoffnung, durch das Kind gestärkt und selbstbewusster durch das Leben zu gehen, kann zudem den Wunsch nach einem Kind forcieren.151 Vorrangig stehen weniger das Bewusstsein und der Wunsch im Vordergrund, für ein Kind da zu sein und es zu versorgen, sondern die Hoffnung, dass durch das Kind, eigene Wünsche nach Geborgenheit, Anerkennung und Liebe versorgt werden. Eigene, unbefriedigende Erlebnisse und Erfahrungen der Kindheit und die fehlende akzeptierende Mutter werden durch die Wärme und Geborgenheit des dicken Bauches während der Schwangerschaft und die Beziehung zu einem eigenen Kind kompensiert:152 "Die Geborgenheit der Mutter-Kind-Beziehung, die sie in ihrer eigenen frühen Kindheit vermißt hatten, sollte ihnen nun ihr eigenes Kind geben"153. Das Gute, das man sich für das eigene Kind wünscht, kann symbolisch als der Brief an die eigenen Eltern verstanden werden, in dem steht: So hättet ihr das auch machen sollen, so hätte ich mir das für mich gewünscht. Über die eigene Schwanger- und Mutterschaft wird dann die Befriedigung eigener regressiver Wünsche angestrebt. Selbst noch einmal ein Kind sein können, nicht erwachsen und autonom sein müssen und die ganze Liebe, Nähe und den Schutz der eigenen Mutter zu spüren. `Kind-Sein´ und `Mutter-Haben´ verschwimmt dann mit dem `Mutter-Sein´ und `Kind-Haben´.154 Im eigenen Kind die eigene Kindheit noch einmal zu erleben und all die Dinge besser zu machen, an denen man in der eigenen Kindheit gelitten hat, postuliert Merz als mögliche unbewusste Bedingungsursache für die Schwangerschaft im Jugendalter:155 "Darüber hinaus aber muß die Frage aufgeworfen werden, ob nicht die Schwangerschaft selber unbewußt herbeigeführt worden sei, um auf archaischer Erlebnisebene die Situation der Geborgenheit zu realisieren"156. 151 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 116 152 vgl. Sozialdienst katholischer Frauen e.V.; 1994; S. 17 153 Bier-Fleiter & Grossmann; 1989; S. 13 154 vgl. Wimmer-Puchinger; 1992; S. 28f. 155 vgl. Merz; 1988; S. 42–49 156 Merz; 1988; S. 48 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 66 Loslösungsprozess der Adoleszenz und Schwangerschaft Franz & Busch sehen die Schwangerschaft in der Phase des Jugendalters darüber hinaus in Zusammenhang mit folgenden Konflikten: – Abhängigkeit von den Eltern versus dem Wunsch nach Distanz, eigenen Werten und Loslösung – Mangelnde Fähigkeit und Reife zur selbstständigen Problemlösung und Eigenverantwortlichkeit versus den Wunsch, diese zu haben – Wunsch nach materiellem Wohlstand und Familienglück versus geringer werdende Chancen am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und der Realität von langen Ausbildungszeiten – Unbefriedigende Partnerschaft versus dem Wunsch nach Familie und stabiler Paarbeziehung Durch die Schwangerschaft und Geburt des Kindes werden diese oft unbewussten Konflikte evident, und die Mutter ist zur aktiven Auseinandersetzung und Lösung dieser Konflikte gezwungen.157 Wie oben bereits erläutert, ist das Jugendalter geprägt von der Loslösung von den Eltern – womit nicht nur die räumliche Distanz gemeint ist – und der Ausbildung einer eigenen Identität. Die Suche nach der eigenen Autonomie, dem einzigartigen Selbst während des Jugendalters ist, gekennzeichnet durch Rückfälle, ein Hin- und Her zwischen dem Bedürfnis nach Anlehnung und dem Wunsch nach Autonomie und Eigenständigkeit. Gefühle von Einsamkeit können die Suche nach dem unverwechselbaren Selbst begleiten.158 So betrachtet Merz die frühe Schwangerschaft bei jugendlichen Mädchen in diesem Zusammenhang als "Ausdruck für eine krisenhafte Verarbeitung der Anforderungen, die in der Adoleszenz an Menschen gerichtet werden"159. Kann die Heranwachsende in der Phase der unsicheren Suche der Adoleszenz nicht auf Erfahrungen der inneren Geborgenheit, des 5.2.3 157 vgl. Franz & Busch; 2004; S. 11 158 vgl. Wimmer-Puchinger; 1992; S. 28f. und vgl. Franz & Busch; 2004; S. 10f. 159 Schriftenreihe des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit; 1990; S. 22 5.2 EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze 67 `Sich-Angenommen-Fühlens´, zurückgreifen, wird es für sie schwieriger, sich von ihren Eltern loszulösen.160 Sind die Ablösungsthematik und damit verbundene Unsicherheiten und Ambivalenzen für ein Mädchen so bedrohlich, kann eine mögliche Antwort darauf das Eingehen einer neuen verbindlichen Bindung sein, nämlich der Bindung zum eigenen Kind. Die Flucht in die Zukunft ist Ausdruck für die Unfähigkeit der Mädchen, sich von der Vergangenheit in gesunder Weise abzulösen.161 Wird ein Mädchen nun innerhalb dieser Lebensphase schwanger und selbst Mutter, hat das unmittelbare Auswirkungen auf den Ablösungsprozess, die sich jedoch je nach Situation unterschiedlich darstellen und verschiedene Facetten haben können. Mit der Schwangerschaft kann der ersehnte Auszug aus dem Elternhaus verbunden sein, um mit einer eigenen Wohnung der belastenden Situation dort zu entgehen.162 Mit Schwangerschaft kann darüber hinaus der Wunsch verbunden sein, die Beziehung zu den Eltern zu verändern und durch die eigene Mutterschaft den Status eines Erwachsenen zu erreichen.163 Unbefriedigende Lebenssituation und Schwangerschaft Frühe Elternschaft bei adoleszenten Mädchen kann jedoch nicht nur eine Reaktion auf die problematische Situation und unbefriedigenden Verhältnisse im Elternhaus darstellen, aus denen die Mädchen ausbrechen möchten, sondern generell ein "Ausweg aus einer schwierigen sozialen Lebenssituation"164 sein.165 Der Wunsch nach einem Baby resultiert bei Betroffenen nicht selten aus dem tiefen Gefühl heraus, im eigenen Leben etwas verändern zu wollen und vorhandene Probleme durch die Geburt des Kindes zu 5.2.4 160 vgl. Merz; 1988; S. 48 161 vgl. Franz & Busch; 2004; S. 10f. 162 vgl. Osthoff; 1999; S. 122 163 vgl. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit; 1990; S. 22 164 Schöning; 2004; S. 32 165 vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 31 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 68 bewältigen, eigene Defizite im sozialen und emotionalen Bereich durch das kleine Kind zu kompensieren, das einerseits zum Lebensinhalt fingiert wird und dem eigenen Leben wieder Sinn gibt und andererseits zum Status eines Erwachsenen und der damit verbundenen gesellschaftlichen Anerkennung und Wertschätzung verhilft.166 Geringe Selbstachtung und wenig Vertrauen in sich selbst können Ursachen dafür sein, dass mit der Mutterschaft für adoleszente Mädchen die Hoffnung verbunden ist, dem eigenen Leben und der eigenen Existenz durch das Kind einen Wert zu verleihen, über das Kind den eigenen Selbstwert durch das Gefühl des `Gebraucht-Werdens´ aufzuwerten, und damit wichtige Aufgaben der Adoleszenz, nämlich Gewinnung eines Gefühls von Identität und Selbstwert, zu lösen:167 "Mit einem Kind, mit der Sorge für ein Baby hat man eine reale Identität gefunden. Man hat eine wichtige Aufgabe und weiß, wer man zukünftig sein wird: die Mama für sein Kind"168. Die Hoffnung als Mutter gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, endet jedoch nicht selten mit der schmerzlichen Erfahrung, als minderjährige Mutter als Sozialfall angesehen zu werden und mit dem Vorwurf der Unverantwortlichkeit konfrontiert zu sein.169 Mangelnde berufliche Perspektiven und Schwangerschaft Folgende Erklärungsansätze für Schwangerschaften bei Minderjährigen beziehen sich jeweils auf den sozialen Kontext der Mädchen. Gerade dann, wenn die soziale Situation und die Lebensperspektiven der jungen Schwangeren durch geringe Chancen hinsichtlich der beruflichen Ausbildung gekennzeichnet sind, kann ein Kind eine mögliche Alternative sein, um das eigene Leben von dieser Perspektivlosigkeit zu befreien.170 Mutterschaft im Jugendalter kann vor allem dann, wenn kein Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zur Verfügung steht, aus der finanziellen 5.2.5 166 vgl. Löcherbach; 2003; S. 23 und vgl. Klees-Möller; 1993; S. 102 167 vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 31 und vgl. Merz; 1988; S. 53 168 Löbner; 2003; S. 12 169 vgl. Thiessen & Anslinger; 2004; S. 24 170 vgl. Franz & Busch; 2004; S. 11 5.2 EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze 69 Abhängigkeit von den Eltern befreien und dem Jugendlichen zu einer eigenen Wohnung und eigenen monatlichen Einkünften – aus staatlichen Transferleistungen nach SGB II und Erziehungsgeld – verhelfen. Dies kann eine attraktive Perspektive und sinnstiftende Alternative zur Arbeitslosigkeit und finanziellen Abhängigkeit von den Eltern darstellen.171 Thiessen und Anslinger stellen in ihren Ausführungen zur Schwangerschaft bei Minderjährigen einen Zusammenhang zwischen Strukturdaten her. Sie zeigen, dass Geburtenziffern bei jungen Frauen in Stadtstaaten, in strukturschwachen Regionen und in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit und hoher Sozialhilfequote vergleichsweise höher sind.172 Darüber hinaus nennt Pro Familia ungünstige Rahmenbedingungen wie mangelnde Chancen auf Zugang zu Bildung und den damit fehlenden Möglichkeiten, die eigene Zukunft sinnvoll zu gestalten, als Risikofaktoren für das Entstehen ungewollter Schwangerschaften bei Jugendlichen.173 Während für alle Jugendlichen die Berufsorientierung eine zentrale Rolle spielt, müssen Mädchen sowohl ihre Berufswünsche an die Chancen und Möglichkeiten des aktuellen Arbeitsmarktes anpassen als sich bei ihrer Berufsplanung zusätzlich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auseinandersetzen. Beide Ansprüche mit ihren widersprüchlichen Anforderungen zu integrieren stellt grundsätzlich eine große Herausforderung für heranwachsende Mädchen und junge Frauen dar. Schwierig wird es aber vor allem dann, wenn Mädchen im Schul- und Ausbildungssystem wenig berufliche Chancen oder keine Perspektiven haben, sei es durch ungünstige persönliche Voraussetzungen, durch die Erfahrungen der Sozialisation oder durch die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt. Erhalten die Mädchen in schulischer und beruflicher Hinsicht nur wenig bis gar keine Anerkennung und Bestätigung, können Mutterschaft und Familienorientierung eine lohnende, identitätsstiftende Alternative und Zukunftsperspektive sein, die einerseits dem eigenen Leben Sinn gibt und andererseits die 171 vgl. Franz & Busch; 2004; S. 11f. 172 vgl. Thiessen & Anslinger; 2004; S. 22 173 vgl. Sobotta; 2002; S. 22 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 70 Möglichkeit eröffnet, "sich als kreativ und potent zu erleben"174. Fehlende berufliche Perspektiven können ursächlich für die Entscheidung zum Kind, Mutterschaft eine psychische Entlastung vom Druck des Bestehens im Schul- und Ausbildungssystem sein. Alternativ zu Schwierigkeiten und Konkurrenzdruck in der Schule und auf dem Ausbildungsmarkt kann Mutterschaft Verantwortung, Bindung und Sinn geben: 175 "Über den Topos "Mutter" werden viele der Gefühle und Wünsche transportiert, die sich immer weniger leben lassen: Harmonie, Wärme, verbindliche Beziehungen, Aufgehobensein, Zuhausesein, Sicherheit, Geborgenheit, Glück und Zufriedenheit"176. Partnerschaft und Schwangerschaft Eine Schwangerschaft im Jugendalter stellt für die Beziehung eines Paares eine schwere Prüfung dar. Unter Umständen ist das Entstehen der Schwangerschaft von Seiten des jungen Mädchens davon unbewusst motiviert, den Partner auf die Probe zu stellen und herauszubekommen, ob er wirklich zu ihr steht. Verstärkt um die Paarbeziehung und weniger um das Baby geht es auch bei der Motivation, mit einem Kind der Partnerschaft eine neue Richtung zu geben und sie erneut zu beleben, den Partner für immer an sich zu binden und die Beziehung zu festigen oder gar zu retten.177 Schwangerschaft im Jugendalter kann also in vielerlei Hinsicht einen Neubeginn bedeuten. Der ersehnte Auszug aus dem Elternhaus und eine eigene Wohnung lassen sich realisieren. Die Mutterschaft ermöglicht nicht nur die Gründung einer eigenen Familie mit dem Freund, mit ihr ist ein gesellschaftlich anerkannter Statuserwerb verbunden, der vorläufig Sicherheit, Orientierung und Anerkennung ver- 5.2.6 174 Thiessen & Anslinger; 2004; S. 24 175 vgl. Thiessen & Anslinger; 2004; S. 23f. und vgl. Klees-Möller; 1993; S. 93f. 176 Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis; 1988; S. 21f. zitiert nach Klees- Möller; 1993; S. 104f. 177 vgl. Klees-Möller; 1993; S. 104 und vgl. Osthoff; 1999; S. 89 und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 116 und vgl. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit; 1990; S. 22 und vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 31 5.2 EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze 71 spricht, der vielen Mädchen angesichts mangelnder Schul- und Ausbildungsplätze versagt bliebe.178 Alle bisher angeführten Erklärungsansätze erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, weil hinsichtlich der Motive, Gründe und Ursachen für Schwangerschaft bei Minderjährigen nur wenig empirisch abgesichertes Wissen vorhanden ist und dahingehend noch dringend Forschungsbedarf besteht.179 Nach diesem Exkurs zu den Hintergründen und Erklärungsansätzen für Mutterschaft in der Adoleszenz wendet sich das folgende Kapitel wieder der Überprüfung der Thesen zu und knüpft direkt an die Kapitel 2, 3 und 4 an, indem es die Entwicklungsaufgaben, die mit der Schwanger- und Mutterschaft verbunden sind, den zentralen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters gegenüberstellt und damit die komplexe Lebenssituation minderjähriger Schwangerer in ausgewählten Teilbereichen ihres Lebens deutlich macht. Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter Frühe Mutterschaft – ein komprimierter Lernprozess Nicht selten wird die Schwangerschaft von den minderjährigen Mädchen erst zu einem relativ späten Zeitpunkt nach der Empfängnis entdeckt, körperliche Signale werden nicht wahrgenommen oder aus Angst verdrängt. Häufig ist auch die für das Alter noch typische Unregelmäßigkeit der Monatsblutung Grund dafür, dass die Mädchen nicht unmittelbar an eine Schwangerschaft denken, wenn die Menstruation ausbleibt. Das Erfahren von der Schwangerschaft kann bei einem jungen Mädchen krisenhaftes Erleben zur Folge haben, bedenkt man, dass viele Lebensbereiche der Minderjährigen von der Schwangerschaft tangiert werden. Die Fragen dahingehend, was wohl die Eltern sagen, ob der Vater des Kindes zu einem steht, wie es mit der Schule weitergeht, wie sich die Zukunft mit dem Kind gestalten wird oder ob man nicht zu jung und überhaupt schon reif für ein Kind ist, können emo- 5.3 5.3.1 178 vgl. Garst; 2003; S. 22f. 179 vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 34 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 72 tional sehr belastend sein und ambivalente Gefühle von Freude bis hin zu Sorge und Verzweiflung hervorrufen.180 Viele Minderjährige entscheiden sich für die Abtreibung, etwa ebenso viele bekommen das Kind, aber nur sehr wenige geben ihr Kind zur Adoption frei: "Sie denken zwar irgendwann an eine solche Möglichkeit, verwerfen diese aber rasch, weil sie glauben, dass sie eine positive Beziehung zum eigenen Kind aufbauen können oder weil sie im Interesse des Kindes argumentieren"181. Die jungen Mütter leiden regelhaft an schwierigen ökonomischen Bedingungen und haben wenig eigene finanzielle Ressourcen, nur wenige der Minderjährigen befinden sich in einer stabilen Paarbeziehung mit dem Kindesvater oder sind mit ihm verheiratet, und in vielen Fällen war die Schwangerschaft zumindest ungeplant, häufig aber auch unerwünscht.182 Junge Mütter stehen vor der Aufgabe, die ungeplante Schwangerschaft zu verarbeiten und nach der Geburt Mutterrolle und die Erziehung des Kindes mit Schule, Ausbildung und Berufsfindung zu vereinen. Sie tragen häufig die Verantwortung für den eigenen Haushalt, müssen Rechnungen begleichen, Reparaturen organisieren, Anträge stellen und Behördengänge erledigen.183 Soziale Geringschätzung der Mutterschaft im Jugendalter, ablehnende oder vorwurfsvolle Reaktionen der Eltern und eine negative Haltung des Partners können die ohnehin komplexe Situation für die junge Mutter zusätzlich erschweren.184 Kollision von Entwicklungsaufgaben Wie in den Kapiteln 2 und 3 ausführlich erläutert, stellen sowohl die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters als auch die Veränderungen, 5.3.2 180 vgl. Osthoff; 1999; S. 127f. 181 Osthoff; 1999; S. 138 182 vgl. Bier-Fleiter & Grossmann; 1989; S. 27 183 vgl. Osthoff; 1999; S. 124 184 vgl. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit; 1990; S. 24 5.3 Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter 73 die mit der Mutterschaft verbunden sind, den Einzelnen vor neue Herausforderungen. All diese Entwicklungsaufgaben und Anforderungen sind einzeln betrachtet schon relativ komplex. Bei minderjährigen Schwangeren kollidieren die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters mit dem für die Adoleszenz non-normativen kritischen Lebensereignis der Mutterschaft und den damit verbundenen Aufgaben. Das bedeutet, dass Entwicklungsaufgaben, die im Leben eines Menschen eigentlich aufeinander folgen, hier gleichzeitig stattfinden. Die folgende Übersicht stellt zentrale Themen und Aufgaben des Jugendalters und der Elternschaft, die in den Kapiteln 2 und 3 herausgearbeitet wurden, einander gegenüber. Jugendalter Mutterschaft IDENTITÄT – Suche nach Individualität – Suche nach Identität – Eigene Gefühle stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit – Gedanken kreisen um die Frage: Wer bin ich selbst? Was macht mich aus? – Identitätssuche geht häufig einher mit – Selbstzweifeln – Verunsicherung – Orientierungslosigkeit – Gefühl von Widersprüchlichkeit – Überforderung – Sorge und Verantwortung für ein Kind – Bedürfnisse des Säuglings stehen im Mittelpunkt – Säugling beansprucht volle Aufmerksamkeit der Mutter – Mutter muss mit diesen Forderungen umgehen lernen, Unabhängigkeit aufgeben und im Sinne des Kindes Kompromisse schließen – Stillen und Pflege des Kindes erfordern viel Zeit und Orientierung an den Bedürfnissen des Säuglings – Eltern müssen dem Kind Geborgenheit und Sicherheit geben – Kind benötigt eine stabile, feste Bindung Gegenüberstellung zentraler Entwicklungsaufgaben zum Themenkreis Identität Die Suche nach Individualität und Identität und die damit verbundene intensive Beschäftigung mit sich selbst, den eigenen Gefühlen, der Egozentrismus, der für die Adoleszenz so typisch ist, stehen den Anforderungen der Mutterschaft und dem bedingungslosen Sorgen für das Kind konträr gegenüber. Im Jugendalter bedingungslos für die Pflege, Erziehung und Bedürfnisse des Säuglings da zu sein, das eigene Zeitmanagement an einem Kind zu orientieren, für dessen gesunde Entwicklung stabile und feste Rahmenbedingungen zu schaffen und Tabelle 8 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 74 eine verlässliche Mutter-Kind-Bindung aufzubauen, kann für die jungen Mütter deshalb schwierig werden, weil sie parallel dazu, noch viel Zeit und Energie für die eigene Entwicklung benötigen. Alles in allem kann festgehalten werden, dass die Entwicklung von Autonomie und Selbstständigkeit und die Herausbildung einer eigenen Identität im Jugendalter sich durch die Mutterschaft schwieriger gestalten, frühzeitig unterbrochen oder gar unmöglich gemacht werden können. Jugendalter Mutterschaft KÖRPER – Körperliche Veränderungen und Entwicklung der Geschlechtsmerkmale im Jugendalter müssen akzeptiert und in das Körperkonzept integriert werden – Mädchen müssen sich allmählich mit dem `Frau-Werden´ und ihrem zunehmend weiblichen Körper auseinandersetzen, Rundungen akzeptieren lernen und ein positives Körperbild entwickeln – Diese Entwicklung geht mit großen Unsicherheiten hinsichtlich des eigenen Körpers einher – Gefühle von Scham und Ambivalenz, Freude und Stolz können sich vermischen – Enorme körperliche Veränderungen durch die Schwangerschaft, die deutlich nach au- ßen sichtbar sind: – Gewichtszunahme – Wachsen des Bauchumfangs – Hormonelle Umstellung vor und nach der Geburt – Müdigkeit – Erbrechen – Stimmungsschwankungen – Kreislaufbeschwerden – … – Schwangerschaft stellt eine körperliche Belastung dar, bringt häufig Beschwerden und Einschränkungen mit sich – Schmerzen bei der Geburt Gegenüberstellung zentraler Entwicklungsaufgaben zum Themenkreis Körper Im Verlauf der Adoleszenz wird das Bild vom eigenen Körper zwar zunehmend stabiler, der Weg dorthin ist aber dennoch von Suche und Auseinandersetzung geprägt. Für heranwachsende Mädchen, die akribisch, unsicher und kritisch jede kleinste Veränderung ihres Körpers begutachten, die damit beschäftigt sind, sich mit den weiblichen Formen ihres Körpers anzufreunden, die sich mit Beginn der Regelblutung erst einmal mit ihrer Fruchtbarkeit und der Möglichkeit, Kinder zu bekommen, auseinandersetzten müssen, stellen die komplexen Prozesse von Schwangerschaft und Geburt und die damit einhergehenden enormen hormonellen und körperlichen Veränderungen, die auch für Tabelle 9 5.3 Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter 75 eine erwachsene Frau Beschwerden und Einschränkungen mit sich bringen, eine zusätzliche Belastung dar, die das junge Mädchen überfordern kann. Durch eine Schwangerschaft muss die werdende junge Mutter, ihr Körperkonzept erneut anpassen. Jugendalter Mutterschaft ELTERN – Ablösung von den Eltern – Emotionale Unabhängigkeit gewinnen – Meinungsverschiedenheiten, Konflikte und Streit, um eigene Normen und Werte zu entwickeln – Räumliche Trennung durch Auszug – Finanzielle Selbstständigkeit – Unterstützung durch die Eltern/ Herkunftsfamilie – in emotionaler Hinsicht – in praktischer Hinsicht – in finanzieller Hinsicht – Praktische Hilfe – durch Reden und Gespräche – durch Kinderbetreuung – durch Begleitung auf Ämter – durch Ratschläge hinsichtlich der Erziehung und Pflege des Kindes Gegenüberstellung zentraler Entwicklungsaufgaben zum Themenkreis Eltern Die ersehnte Eigenständigkeit bezüglich der Lebensgestaltung und gegenüber der Herkunftsfamilie kann sich jedoch durch die Geburt eines Kindes schnell in erneute Abhängigkeit umkehren. Nämlich dann, wenn das junge Mädchen nach der Geburt des Kindes verstärkt auf die Hilfe und Unterstützung, die Erfahrung und Ressourcen der Eltern angewiesen ist und damit in einer starken Abhängigkeit verbleibt. Die Unterstützung durch die eigenen Eltern kann für die junge Mutter sowohl entlastend als auch belastend sein. Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter können die Ablösung von den Eltern behindern, die Unterstützung der eigenen Eltern kann eine erneute Abhängigkeit von der Herkunftsfamilie forcieren. Somit wird es für minderjährige Mütter schwieriger sein, die zentrale Entwicklungsaufgabe der Ablösung im Jugendalter zu bewältigen. Wenn aber die Eltern der minderjährigen Mutter schockiert und ablehnend auf die Mutterschaft ihrer Tochter reagieren und jegliche Unterstützung verweigern, kann ebenfalls keine gesunde Loslösung erfolgen, denn gesunde Ablösung vollzieht Tabelle 10 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 76 sich nicht – wie bereits im Kapitel 2 aufgezeigt wurde – durch Abbruch der Beziehung zu den Eltern. Jugendalter Mutterschaft PARTNERSCHAFT – Zunehmendes Interesse am anderen Geschlecht – Erste sexuelle Empfindungen und gegengeschlechtliche Paarbeziehungen – Testen intimer Beziehungen, um sich mit Themen wie Partnerschaft und Familiengründung auseinanderzusetzen und dahingehend eigene Zukunftsvorstellungen zu entwickeln – Durch Elternschaft wird die Paarbeziehung zu etwas Verbindlichem – Elternschaft als Belastungsprobe und Herausforderung für die Partnerschaft – Elternschaft erfordert Neuorientierung der Partnerschaft – das Paar muss sich an die neue Situation zu dritt gewöhnen – Interaktion verändert sich – Zeit für Zärtlichkeit, Zweisamkeit, Intimität und Gespräche reduziert sich durch das Kind – Paar muss sich über die Aufteilung der anfallenden Arbeiten hinsichtlich der Versorgung des Kindes und der Aufgaben im Haushalt Gedanken machen – Gegebenenfalls muss sich die Mutter mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Partner auseinandersetzen – Vater steht unter dem Druck, jetzt für eine Familie sorgen zu müssen Gegenüberstellung zentraler Entwicklungsaufgaben zum Themenkreis Partnerschaft Eher unverbindliche Beziehungen, das Testen und Ausprobieren von Verbindungen und Sexualität im Jugendalter, stehen der festen Paarbeziehung im Erwachsenenalter gegenüber. Es ist für sehr junge Eltern eine enorme Herausforderung, die komplexen Anforderungen und Veränderungen, die Elternschaft innerhalb einer Paarbeziehung verursacht und die selbst Erwachsene vor große Herausforderungen stellt, zu bewältigen. Die innere Reife, die benötigt wird, um dem in der Tabelle dargestellten Katalog an Veränderungen zu begegnen, kann von einem sich im Jugendalter und damit mitten in der Entwicklung befindenden Menschen nicht selbstverständlich erwartet werden. Tabelle 11 5.3 Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter 77 Jugendalter Mutterschaft FREUNDSCHAFTEN – Peers werden immer wichtiger – Bieten Orientierung hinsichtlich Werten und Normen – Geben Identifikationsmöglichkeiten – Austausch von wichtigen Erfahrungen im Jugendalter – Gemeinschaft und Abgrenzung nach au- ßen, Zusammengehörigkeit, `Wir- Gefühl ´ und ein Gefühl des `Sich-Zugehörig- Fühlens´ – Helfen gegen Einsamkeit und dabei, sich besser von der Familie zu lösen und Autonomie zu entwickeln – Peers geben dem Jugendlichen Sicherheit, Vertrauen und emotionale Unterstützung – Durch die Geburt des Kindes finden auch Veränderungen auf sozialer Ebene statt, Beziehungen zu den Freunden verändern sich – Häufig brechen alte Freundschaften wegen der unterschiedlichen Interessen und ver- änderten Zeitkapazitäten weg – Kontakte zu anderen Familien mit Kindern können intensiver werden – Konzentration auf das Kind macht es häufig schwierig, Freundschaften zu pflegen – Isolation Gegenüberstellung zentraler Entwicklungsaufgaben zum Themenkreis Freundschaften Gleichaltrige nehmen im Leben des Jugendlichen eine zentrale Rolle ein. Den Kontakt zu ihnen durch die Mutterschaft zu verlieren, bedeutet auch, emotionale Unterstützung und die Sicherheit zu verlieren, die Peers inmitten der Orientierungslosigkeit des Jugendalters geben. Gerade für jugendliche Mütter kann der Verlust der Freunde und die bewusste oder unbewusste Ablehnung, weil die Interessen durch die Geburt des Kindes auseinandergehen oder die Versorgung des Kindes den Zeitplan der jungen Mutter dominiert, sehr schmerzlich und verletzend sein. Fehlende Annahme durch Peers und eine möglicherweise daraus resultierende Isolation im Jugendalter können negative Rückwirkung auf das Selbstwertgefühl der jungen Mutter haben. Tabelle 12 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 78 Jugendalter Mutterschaft SCHULE, BERUF und ZUKUNFT – Eigene Stärken und Interessen entdecken – Sich mit Wünschen, Träumen und realen Perspektiven auseinandersetzen – Schule bietet Möglichkeit zu sozialen Lernerfahrungen – Schule ermöglicht soziale Kontakte zu Peers – Berufswunsch entwickeln – Qualifikation als Voraussetzung für die eigene Zukunft begreifen – Eigenverantwortung hinsichtlich der eigenen Zukunft entwickeln – Vorübergehender Ausstieg aus Schule und Beruf – Inanspruchnahme von Elternzeit – Häufig erschwerter Wiedereinstieg nach der Babypause – Häufig keine Selbstständigkeit, sondern wirtschaftliche Abhängigkeit vom Partner oder Staat – Wenn schulische und berufliche Kontakte während der Elternzeit wegfallen, verstärkt das die Isolation – Mit einem Kind trägt man nicht nur Verantwortung für die eigene Zukunft, sondern auch die für die Zukunft des Kindes Gegenüberstellung zentraler Entwicklungsaufgaben zu den Themenkreisen Schule, Beruf und Zukunft Durch den Ausstieg aus Schule und Beruf während der Mutterschaft geht den jungen Müttern nicht nur ein wichtiger Raum für soziale Kontakte und Lernerfahrungen, sondern mindestens vorübergehend auch die Möglichkeit der intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen beruflichen Zukunftsperspektive verloren. Diese Tatsache wiegt umso schwerer, als dass die adoleszenten Mütter nun nicht mehr allein für sich selbst, sondern auch für die Zukunft des Kindes Verantwortung tragen. Die beschriebene komplexe Anforderungssituation in verschiedenen Teilbereichen kann dazu führen, dass die minderjährigen Mädchen mit der Erfüllung der teilweise widersprüchlichen Anforderungen völlig überfordert sind. Sie impliziert Risiken, die durch das Zusammentreffen von Entwicklungsaufgaben entstehen und Verhaltensprobleme und Entwicklungsverzögerungen begünstigen können. Im Folgenden werden ausgewählte Aspekte dieser Anforderungssituation minderjähriger Mütter einer ausführlicheren Analyse unterzogen. Tabelle 13 5.3 Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter 79 Das Moratorium geht zu Ende "Mir macht das Jungsein Spaß. Mir ist voll bewußt, daß ich jetzt und in den nächsten Jahren am meisten Kraft besitze, daß ich in der Jugend am schönsten bin, daß die Jugend die unbeschwerteste Zeit ist, daß ich noch unabhängig und frei bin. Das sind für mich schon genügend Gründe, warum ich froh bin und warum ich versuche, diese Zeit total zu genießen und sie auszukosten"185. Das Moratorium des Jugendalters, die unbeschwerte Zeit des Suchens und Fragens, des Ausprobierens und der Experimente – wie sie in dem obigen Zitat von einer 19-Jährigen beschrieben wird – die Zeit, seine Individualität zu entdecken und sich eine selbst gewählte Identität zu erarbeiten, geht mit der Geburt des Kindes zu Ende. Den im Jugendalter gewährten Aufschub von Verpflichtungen und Verantwortungen, um die Reife zu gewinnen, den Anforderungen der Erwachsenenwelt gewachsen zu sein, hat das junge Mädchen nicht mehr. Sie muss sich nun damit auseinandersetzen, dass sie zuallererst einmal Mutter ist. Einen `normalen´, geregelten Alltag für das Kind zu organisieren, während man sich selbst im mitten im Jugendalter befindet, stellt die junge Mutter vor enorme Herausforderungen, denn wie Anna Freud es formuliert: "…während der Adoleszenz entspricht anormales Verhalten der Norm"186. Die Individuation der Adoleszenz steht der Symbiose der Schwangerschaft völlig konträr gegenüber. Die Freiheit und Unbefangenheit der Jugend, die Suche nach Individualität, der Drang etwas auszuprobieren, der Wunsch nach Konfrontation, aber auch die mit dem Jugendalter einhergehende Orientierungslosigkeit und mögliche Selbstzweifel treffen auf die elementaren Bedürfnisse des Kindes nach Ruhe, Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Halt.187 5.3.3 185 Göppel; 2005; S. 76 186 Freud, Anna; 1958; S. 275; zit. nach Zimbardo & Gerrig; 1999; S. 493 187 vgl. Garst; 2003; S. 24 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 80 Egozentrismus des Jugendalters versus bedingungslose Fürsorge für das Kind Minderjährige Mütter müssen quasi von heute auf morgen `Erwachsen-Werden´ und die Unbeschwertheit des Jugendalters hinter sich lassen. Vor allem nach der Geburt muss die Mutter viele Aufgaben wie wickeln, füttern, pflegen, die tägliche Versorgung des Säuglings bewältigen, die regelhaft völlig neu für sie sind. Die eigenen Bedürfnisse der Jugendlichen nach Freiheiten und die Zeit für sich selbst kollidieren mit den Aufgaben des Mutterseins, der Verantwortung für das Kind und dem Wunsch, alles richtig machen zu wollen – ein Balanceakt zwischen dem Achten auf eigene Bedürfnisse, ohne die Bedürfnisse des Kindes zu vernachlässigen:188 "Junge Mütter durchleben den Prozess des Erwachsenwerdens sehr rapide, sie müssen Verantwortung übernehmen, der sie noch nicht gewachsen sind. Ihr gesamter Alltag strukturiert sich um das Kind und bringt sie manchmal an den Rand ihrer Belastbarkeit"189. Die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen bedeutet auch, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und eigene Bedürfnisse zurückzunehmen. Das fällt vor allem dann schwer, wenn in der eigenen Sozialisation eigene Bedürfnisse nach Zuneigung, Geborgenheit und `Versorgt-Werden´ verwehrt wurden und die jungen Frauen erkennen müssen, dass ihnen ein eigenes Kind diese Sehnsüchte nicht erfüllen wird, sondern verstärkt das von ihnen fordert, was sie in vielen Fällen selbst so schmerzlich vermisst haben. Kollidiert der Anspruch, dem Kind nur das Beste bieten zu wollen, mit den Grenzen der Mutter, dieses Ideal aufgrund eigener negativer Sozialisationserfahrungen oder mangelnder Reife und situativer Überforderung nicht erfüllen zu können, können sich neben liebevoller Zuwendung auch aggressive Tendenzen und eine Ablehnungshaltung der Mutter gegenüber dem Kind zeigen. Gerade deshalb, weil die Mütter noch sehr mit ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen beschäftigt sind, kann es dazu kommen, dass das Kind stört.190 5.3.4 188 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 119f. 189 Garst; 2001; S. 13 190 vgl. Trumm; 2003; S. 7 und vgl. Osthoff; 1999; S. 138 und vgl. Fraas; 2001; S. 98 5.3 Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter 81 Es fällt jugendlichen Müttern häufig schwer, eigene Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und ernst zu nehmen. Sie treten dann in Konkurrenz zu ihrem Kind und betrachten dessen Bedürfnisse gegen sich selbst gerichtet: "Die Mädchen empfinden es oft so, dass das Baby sie bewusst ärgert und ihnen so manches Vergnügen madig macht. Sie verstehen nicht, dass das Baby solche Entscheidungen noch gar nicht treffen kann"191. Eigene ambivalente Gefühle dem Kind gegenüber können auch dazu führen, dass die junge Mutter Ängste entwickelt, jemand anders könnte eine bessere Mutter sein, und deshalb Schwierigkeiten damit hat, angebotene Hilfe anzunehmen oder selbst um Hilfe zu bitten.192 Kontakt zu den Eltern Es gibt Familien, die der schwangeren Tochter intensiven emotionalen, sozialen und materiellen Rückhalt bieten, sie bei der Suche nach geeigneter professioneller Hilfe und Beratung unterstützen und Begleitung bei Ämtern und Behörden anbieten können. Nicht jede minderjährige Mutter wird jedoch diese emotionalen und materiellen Ressourcen in ihrer Familie vorfinden. Eigene materielle Not und räumliche Enge können das Engagement der Eltern für die schwangere Tochter erschweren und zur Folge haben, dass sie sie nur im äußersten Notfall unterstützen können. Schwierig wird es auch, wenn die alterstypische Ablösungsproblematik den Kontakt erschwert oder gar kein Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie besteht oder erwünscht ist oder die Eltern der minderjährigen Mutter genug eigene Probleme haben und der Kontakt zu ihnen schon vor der Schwangerschaft brüchig oder nur sporadisch war. Allein die Kontakte und Beziehungen zu den Gleichaltrigen werden als Unterstützung für die umfassenden Veränderungen durch die Mutterschaft nicht ausreichen, wenn sie überhaupt verlässlich sind und nicht nur vorübergehender Natur waren.193 5.3.5 191 Garst; 2003; S. 24 192 vgl. Garst; 2003; S. 24 193 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 118f. 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 82 Kontakt zum Kindesvater In der Praxis sind die Hilfe und Unterstützung durch den Kindesvater und sein Rückhalt nicht immer vorhanden, viele Väter ziehen sich angesichts der bereits geschilderten immensen Belastung aus der Verantwortung der Vaterschaft oder beteiligen sich nur am Rande oder gar nicht an den Aufgaben der Elternschaft. Zu der ohnehin schwierigen Aufgabe der jungen Mutterschaft kommt bei vielen adoleszenten Müttern folglich die Herausforderung hinzu, ihr Kind allein, ohne den Vater großzuziehen, was letztlich bedeutet, alleinerziehend zu sein und auch die damit zusätzlich verbundenen Belastungen – wie sie in Kapitel 3.5 geschildert wurden – zu bewältigen.194 `Zwischen den Stühlen´ Junge Mütter nehmen innerhalb der Gesellschaft eine Zwischenstellung ein, sie sind Grenzgängerinnen zwischen der Jugend und dem `Erwachsen-Sein´. Einerseits wirken sie durch die Verantwortung der Mutterschaft zu reif, um noch zur Altersgruppe der Teenager zu gehören. Häufig werden sie von den Peers auch so charakterisiert und wegen konträrer Interessen und mangelnder Zeit und Flexibilität aufgrund der Versorgung des Babys von diesen auch verlassen. Darüber hinaus besitzen Gleichaltrige selbst in der Regel keine Erfahrung mit der Mutterschaft und der Bewältigung dieser Aufgabe, da diese nicht zu den typischen Herausforderungen des Jugendalters gehört und damit "on-time"195 ist, sondern es sich um eine Entwicklungsaufgabe handelt, die "off-time"196 stattfindet. Peers sind mit dem Thema in der Regel nicht vertraut und können dahingehend mit Ratschlägen nicht unterstützend weiterhelfen. Andererseits stehen Erwachsene ihnen skeptisch gegenüber, weil sie den noch Minderjährigen die Verantwortung für ein Kind nicht zutrauen und ihnen mangelnde Reife unterstellen. Die Tatsache, dass sich das Durchschnittsalter der Erstgebären- 5.3.6 5.3.7 194 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 118f. 195 Gloger-Tippelt; 1988; S. 12 196 Gloger-Tippelt; 1988; S. 12 5.3 Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter 83 den während der letzten Jahre nach hinten verlagert hat und Frauen durchschnittlich immer später ihr erstes Kind bekommen, macht minderjährige Mütter noch deutlicher zur Ausnahme von der Regel.197 Berufliche Lebensplanung Wenn Heranwachsende schwanger werden, befinden sie sich noch in der Schule oder haben gerade eine Ausbildung begonnen. Die frühe Mutterschaft verhindert dann meist den Abschluss von Schule und Ausbildung. Die Regelschule zu besuchen oder sich auf dem Ausbildungsmarkt zu behaupten und eine Vollzeitausbildung zu absolvieren, ist neben den Versorgungsaufgaben für das Kind, der gleichzeitigen Bewältigung des Haushaltes und darüber hinaus dem Mangel an Kinderbetreuungsplätzen äußerst schwierig. Teilzeitausbildungen, die sich leichter mit den Öffnungszeiten der Kinderkrippen und -gärten vereinbaren ließen und der Mutter darüber hinaus die Möglichkeit offerieren würden, auch selbst noch Zeit für das Kind zu haben, sind in Deutschland kaum vorhanden. Beginnen die jungen Mütter nicht bald nach der Mutterschaft ihre schulische oder berufliche Ausbildung, sondern erst Jahre später, kann es sein, dass sie im Klassen- oder Ausbildungsverband die Ältesten und auch dadurch wieder Außenseiter sind. Fehlzeiten durch Krankheit des Kindes können den Abschluss der Ausbildung zusätzlich gefährden.198 Bühnemann de Falcón gibt eine gute Zusammenfassung der Gründe, weshalb eine Schul- und Berufsausbildung gerade für junge Mütter von großer Bedeutung wäre: "1. Arbeit als Gegengewicht zur Familie 2. Arbeit als Selbstfindung und Weiterentwicklung 3. Arbeit als Kontaktmöglichkeit 4. Arbeit als Weg, die Welt neu zu erleben und dem Kind etwas zu bieten 5. Arbeit als Geldverdienst, um unabhängig zu sein"199. 5.3.8 197 vgl. Bühnemann de Falcón & Bindel-Kögel; 1993; S. 1f. und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 114 198 vgl. Klees-Möller; 1993; S. 106 und vgl. Helmken, u.a.; 2001; S. 32 und vgl. Schäfer, u.a.; 2001; S. 84 und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 123f. 199 Bühnemann de Falcón; 1993; S. 26 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 84 Viele junge Mütter starten stattdessen nicht zuletzt aufgrund ihrer vielfältigen Belastungssituation und der oben genannten Rahmenbedingungen ohne jegliche berufliche Qualifikation in eine Zukunft, die wenig Hoffnung auf ein eigenständiges Leben zulässt. Klees-Möller hält dazu treffend fest:200 "Die frühe Schwangerschaft stellt … eine Krisensituation dar, weil die Übernahme der Mutterrolle in dieser Phase der Berufsfindung und Lebensplanung stört und der gesamte Lebenszusammenhang noch instabil ist"201. Soziale Lage und finanzielle Situation Mit der Geburt des Kindes unterbrechen junge Frauen überwiegend ihre Bildungsbiographie, bevor sie einen Abschluss erreicht haben, nehmen die Elternzeit in Anspruch und werden dafür von der Schulpflicht befreit. Es ist das Recht der minderjährigen Mutter, die Elternzeit in Anspruch zu nehmen, Schule und Ausbildung erst einmal für bis zu drei Jahre zu unterbrechen. Die Befreiung vom vielleicht ohnehin lästigen und anstrengenden Schulbesuch kann anfangs für manche Minderjährige durchaus attraktiv erscheinen. Problematisch ist diese Perspektive dahingehend, als dass sie während der ersten beiden Lebensjahre des Kindes durch staatliche Transferleistungen wie Kindergeld, Erziehungsgeld, Unterhalt und Leistungen nach SGB II eine relativ gute `Einkommenssituation´ sichert, wie folgende Übersicht zeigt:202 5.3.9 200 vgl. Klees-Möller; 1993; S. 106 201 Klees-Möller; 1993; S. 99 202 vgl. Pregitzer & Jones; 2004; S. 27 und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 123f. und vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 32f. 5.3 Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter 85 Jahr 2006 Übernahme der Kosten für angemessenen Wohnraum (Bruttowarmmiete) gemäß § 22/Abs. 1/S. 1 SGB II 444 € (Obergrenze für einen 2 Personen-Haushalt/Berlin) Regelsatz für die Mutter nach § 20 SGB II 345 € Regelsatz für das Kind nach § 20 SGB II 207 € Zuschlag für Alleinerziehende nach § 21/Abs. 3 SGB II 124 € Erziehungsgeld 300 € Kindergeld 154 € Unterhaltsvorschuss 127 € Rechnung: Kindergeld und Unterhaltsvorschuss zählen im Rahmen des SGB II als Einkommen des Kindes und müssen vom Regelsatz nach SGB II wieder abgezogen werden: 444 € + 300 € + 154 € + 127 € + 271 € + 124 € Miete Erziehungsgeld Kindergeld Unterhaltsvorschuss Regelleistung für Mutter und Kind nach SGB II (345€ + 207€ – 154€ – 127€) Alleinerziehendenzuschlag Gesamt: = 1420 € 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 86 Jahr 2019 Übernahme der Kosten für angemessenen Wohnraum (Bruttokaltmiete) gemäß § 22/ Abs. 1/S. 1 SGB II 472,20 € (Obergrenze für einen 2 Personen-Haushalt/ Berlin 2018) Regelsatz für die Mutter nach § 20 SGB II 424 € (ab 01.01.2019) Regelsatz für das Kind nach § 20 SGB II 245 € (ab 01.01.2019) Mehrbedarf für Alleinerziehende nach § 21/Abs. 3 SGB II 152,64 € (Alleinerziehend mit 1 Kind unter 7 Jahren = 36 % vom Regelsatz) Elterngeld 300 € (wird seit 01.01.2011 als Einkommen auf das ALG II angerechnet) Kindergeld für das 1. Kind 204 € (ab 01.01.2019) Unterhaltsvorschuss 154 € Rechnung: Elterngeld, Kindergeld und Unterhaltsvorschuss zählen im Rahmen des SGB II als Einkommen des Kindes und müssen vom Regelsatz nach SGB II wieder abgezogen werden: 472,20 € + 300 € + 204 € + 154 € + 88 € + 152,64 € Miete Elterngeld Kindergeld Unterhaltsvorschuss Regelleistung für Mutter und Kind nach SGB II (424 € + 245€ – 300 € -154€ – 127€) Alleinerziehendenzuschlag Gesamt: = 1370,84€ Beispielrechnungen: Monatliche staatliche Transferleistungen auf die eine minderjährige, alleinerziehende Mutter während der ersten beiden Lebensjahre des Kindes Anspruch hat im Vergleich: 2006 und Jahr 2019 Tabelle 14 5.3 Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter 87 Der vergleichende Blick auf die Jahre 2006 und 2019 zeigt, dass eine alleinerziehende Mutter, die in Berlin auf SGB II Leistungen angewiesen ist, im Jahr 2019 weniger Geld zur Verfügung hat als noch im Jahr 2006. Als ursächlich hierfür ist anzuführen, dass das 2006 noch gewährte Erziehungsgeld im Jahr 2007 durch das Elterngeld ersetzt wurde. Dieses wurde inzwischen als anrechenbares Einkommen auf Sozialleistungen deklariert. Trotz Steigerungen im Bereich der Kosten für die Unterkunft, der Anhebung der Regelsätze und infolge der prozentual errechneten Zuschläge bleiben einer alleinerziehenden Mutter im Vergleich zu 2006 heute weniger Mittel. Im Jahr 2006 hatte eine junge Mutter in den ersten beiden Jahren monatlich 300 € Erziehungsgeld. Dieses fällt nun weg. Jedoch wird spätestens mit dem Ende der Elternzeit, nämlich dann, wenn von der jungen Mutter gesetzlich gefordert wird, nun eigenständig durch Erwerbsarbeit den Lebensunterhalt für sich und das Kind zu sichern, deutlich, dass die vorläufige Unterbrechung der Schullaufbahn enorme Nachteile mit sich bringt. In Zeiten, in denen es ohnehin schwierig geworden ist, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, sind Mütter ohne Schulabschluss keine Konkurrenz für andere Bewerber. Durch die Inanspruchnahme von Elternzeit haben die jungen Mütter wertvolle Jahre hinsichtlich Schule und Ausbildung verloren. Dies zeigt, dass Chancen sich durch das Kind auf einem ohnehin knappen Arbeitsmarkt zusätzlich verschlechtern und die Zukunftsperspektiven minderjähriger Mütter sich schwierig gestalten. Ohne die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren, bleibt die Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen mit großer Wahrscheinlichkeit bestehen, Handlungsspielräume und die Teilhabe am regulären Leben eingeschränkt und der für einige junge Mädchen einstige` Ausweg Mutterschaft´ erweist sich letztlich als Sackgasse.203 Für jugendliche Mütter, die das Ideal der heilen Familie und liebenden, fürsorglichen Mutter, die ihren Kindern etwas bietet, realisieren möchten, wird es gerade dann, wenn sie noch nicht einmal einen Schulabschluss besitzen und auch der Kindesvater nicht in der Lage ist, einen finanziellen Beitrag zum Familienleben zu leisten, das heißt 203 vgl. Thiessen & Anslinger; 2004; S. 23ff. und vgl. Pregitzer & Jones; 2004; S. 27 und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 123f. 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 88 unter ökonomisch und privat ungünstigen Rahmenbedingungen, schwierig, dieses Ideal auch zu erreichen:204 "Die Mutterschaft wird verbunden mit der Hoffnung auf Glück, Sinnerfüllung, Stabilität, Liebe und Anerkennung. Dabei hat die Mehrzahl der Teenager-Mütter wenig emotionale, soziale und finanzielle Ressourcen für die Erfüllung dieser Wünsche"205. Minderjährige Mütter befinden sich nicht nur in psychosozialer Hinsicht in einer besonderen Lebenslage. Sie werden Mütter, obwohl sie selbst noch Jugendliche und nach dem deutschen Recht noch nicht volljährig sind. Welche Konsequenzen das für ihre rechtliche Situation als Mutter hat und welche rechtlichen Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit der Elternschaft darüber hinaus von zentraler Bedeutung für die jungen Mütter sind, soll im Folgenden dargestellt werden. Rechtliche Rahmenbedingungen Mutterschaft und Vaterschaft Die Mutter eines Kindes ist nach § 1591 BGB die Frau, die das Kind geboren hat. Hinsichtlich der Vaterschaft muss der biologische Vater eines Kindes nicht zwingend der rechtliche Vater des Kindes sein. Ist der biologische Vater bei Geburt des Kindes mit der Mutter verheiratet, ist er automatisch auch der rechtliche Vater des Kindes. Sind die Eltern nicht miteinander verheiratet, kann durch die Anerkennung der Vaterschaft nach § 1592 BGB in Verbindung mit § 1594 BGB eine rechtliche Vaterschaft erreicht werden. Hierzu wird allerdings nach § 1595 BGB die Zustimmung der Mutter benötigt. Ist die Mutter minderjährig und deshalb nur beschränkt geschäftsfähig, so kann sie zwar auch nach § 1596/Abs. 1 BGB nur selbst der Vaterschaftsanerkennung zustimmen, benötigt darüber hinaus aber nach § 1596/Abs. 2 BGB die Zustimmung ihres gesetzlichen Vertreters. Da der Mutter die elterliche Sorge und die Vertretung des Kindes aufgrund ihrer Minderjährigkeit 5.4 5.4.1 204 vgl. Friese; u.a.; 2001; S. 5f. 205 Lucks-Kuhl; 2003; S. 15f. 5.4 Rechtliche Rahmenbedingungen 89 gemäß § 1673/Abs. 1 und 2 BGB nicht zusteht, bedarf die Anerkennung nach § 1595/Abs. 2 BGB der Zustimmung des Kindes. Weil der Säugling selbst aber nicht zustimmen kann, tut dies sein gesetzlicher Vertreter, der gesetzliche Amtsvormund206. Darüber hinaus kann im Konfliktfall auch ein Gericht nach § 1592 BGB in Verbindung mit § 1600d BGB die Vaterschaft feststellen. Diese Vaterschaftsanerkennung per Gerichtsgutachten kann sowohl von der Kindesmutter und dem Mann, der vermutet, biologischer Vater zu sein, als auch von dem Kind selbst erhoben werden.207 Elterliche Sorge Wer rechtlicher Vater eines Kindes ist, ist nicht automatisch sorgeberechtigt. Die Frage der Vaterschaft ist folglich von der Frage der elterlichen Sorge getrennt. Die elterliche Sorge umfasst Personen- und Vermögenssorge und kann sowohl von der volljährigen Mutter als auch dem rechtlichen und volljährigen Vater ausgeübt werden. Ein Vater ohne rechtliche Vaterschaft kann auch die elterliche Sorge nicht aus- üben. Miteinander verheiratete volljährige Eltern sind automatisch auch Träger der elterlichen Sorge. Wenn die Eltern nicht miteinander verheiratet sind und der Vater die Vaterschaft anerkannt hat, kann er gemeinsam mit der Mutter des Kindes eine Sorgerechtserklärung nach § 1626a/Abs. 1/Nr. 1 BGB abgeben.208 Die beschriebenen Vorschriften zur elterlichen Sorge beziehen sich auf Eltern, die volljährig sind. Für unverheiratete minderjährige Mütter müssen hinsichtlich der elterlichen Sorge spezielle Regelungen beachtet werden, die sich aufgrund der Minderjährigkeit ergeben. Diese werden im folgenden Abschnitt dargestellt. 5.4.2 206 Nähere Erläuterungen zur gesetzlichen Amtsvormundschaft folgen im Kapitel 5.4.3 dieser Arbeit 207 vgl. Tammen; 2004c; S. 362–365 und vgl. Meysen; 2003; S. 12 und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 385f. und S. 388 und S. 405f. 208 vgl. Tammen; 2004c; S. 365f. und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 398 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 90 Gesetzliche Amtsvormundschaft nach § 1791c BGB Da die Mutter die Volljährigkeit gemäß § 2 BGB noch nicht erreicht hat, ist sie folglich nach § 106 BGB beschränkt geschäftsfähig. Aus der beschränkten Geschäftsfähigkeit resultiert ein Ruhen der elterlichen Sorge hinsichtlich der gesetzlichen Vertretung des Kindes und der tatsächlichen Vermögenssorge aufgrund eines rechtlichen Hindernisses gemäß § 1673/Abs. 2 BGB. Die Folge dieses Ruhens der elterlichen Sorge ist, dass die minderjährige Mutter gemäß § 1675 BGB nicht berechtigt ist, die elterliche Sorge auszuüben. Damit sind die Voraussetzungen gegeben, dass das Kind der minderjährigen Mutter einen Vormund erhält, denn wer nicht unter elterlicher Sorge steht, erhält gemäß § 1773 BGB einen Vormund. Mit der Geburt des Kindes einer minderjährigen Mutter tritt nach § 1791 c/Abs. 1 BGB dann die gesetzliche Amtsvormundschaft für das Baby ein, wenn die Mutter nicht verheiratet ist:209 "Die Vormundschaft für ein Kind einer minderjährigen, nicht verheirateten Mutter tritt Kraft Gesetz mit der Geburt ein"210. In diesem Fall erhält das Standesamt des Geburtsortes von der Klinik oder der Hebamme nach § 21b PstG eine Mitteilung über die Geburt des Kindes. Dieses leitet die Geburtsmeldung an das zuständige Jugendamt weiter. Zuständig nach § 87 c/Abs. 1/S. 1 SBG VIII in Verbindung mit § 30/Abs. 3/S. 1 und 2 SGB I ist immer das Jugendamt, in dessen Zuständigkeitsbereich die minderjährige Mutter mit ihrem Baby wohnt. Das Jugendamt meldet pflichtgemäß nach § 57 SGB VIII die Geburt des Kindes und die aus der minderjährigen Mutterschaft resultierende Vormundschaft gemäß § 1791c BGB unverzüglich dem Vormundschaftsgericht. Daraufhin erhält das Jugendamt nach § 1791 c/ Abs. 3 BGB eine Bescheinigung des Vormundschaftsgerichtes über den Eintritt der gesetzlichen Amtsvormundschaft, so dass das Jugendamt die minderjährige Mutter unverzüglich davon unterrichten kann. Die gesetzliche Amtsvormundschaft zählt nach § 2/Abs. 3/Nr. 11 SGB VIII zu den anderen Aufgaben des Jugendamtes, die das Jugendamt nach 5.4.3 209 vgl. Schlüter; 2001; S. 241 und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 61 und S. 76 und S. 405f. und S. 420 und S. 424 210 Meysen; 2003; S. 11 5.4 Rechtliche Rahmenbedingungen 91 § 55/Abs. 1 und 2 SGB VIII einzelnen Beamten und Angestellten überträgt.211 Nach § 56/Abs. 1 SGB VIII müssen bei der Führung der Amtsvormundschaft die Bestimmungen des BGB beachtet und angewandt werden. Daraus ergeben sich folgende Aufgaben für den Amtsvormund. Er übernimmt gemäß § 1793 BGB die Personen- und Vermögenssorge. Der gesetzliche Amtsvormund hat zum einen die Aufgabe, die Mutter mit Informationen und Beratung zu unterstützen, zum anderen vertritt er die Interessen des Kindes und ist folglich für das Wohl des Kindes verantwortlich. Er ist gesetzlicher Vertreter des Kindes in persönlichen Angelegenheiten, hat damit die rechtliche Personensorge inne und ist verantwortlich für die Vermögenssorge. Hierzu ist die minderjährige Mutter nach § 1673/Abs. 2/S. 2/Hs. 2 BGB nicht befugt. Neben dem Amtsvormund steht jedoch auch der minderjährigen Mutter die tatsächliche Personensorge für das Kind zu. Die Kindesmutter behält das Recht, die tatsächliche Personensorge auszuüben, das heißt ihr Kind zu versorgen, zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und Entscheidungen des Alltags zu treffen. Die Kindesmutter und der gesetzliche Amtsvormund teilen sich folglich nach § 1673/Abs. 2/S. 2 BGB die Personensorge. Kommt es dahingehend zwischen der Mutter und dem Amtsvormund zu Meinungsverschiedenheiten, geht gemäß § 1673/ Abs. 2/S. 3 BGB die Meinung der minderjährigen Mutter vor. In diesem Fall kann der Vormund nicht gegen den Willen der Mutter handeln, sondern allenfalls versuchen, sie in einem Gespräch zu informieren und aufzuklären. Erst wenn das Wohl des Kindes nach § 1666 BGB in Gefahr ist, kann er auch gegen den Willen der Mutter Entscheidungen treffen und Maßnahmen einleiten.212 Eine weitere Aufgabe des Vormundes ist nach § 52a SGB VIII in Verbindung mit § 2/Abs. 3/Nr. 9 SGB VIII das Erreichen der Vaterschaftsanerkennung nach § 1592 BGB in Verbindung mit § 1594 BGB. 211 vgl. Bundesministerium der Justiz: Personenstandsgesetz § 21b; URL: http:// www.gesetze-im-internet.de/persstdg/_21b.html und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 17 und S. 38 und S. 56 und vgl. Sozialgesetzbuch – Erstes Buch; 2004; S. 13 und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 424 212 vgl. Meysen; 2003; S. 12f. und vgl. Ollmann; 2003; S. 572 – 576 und vgl. Schlüter; 2001; S. 241 und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 120 und vgl. Mutke; 2004; S. 250–253 und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 38f. und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 404f. und S. 420 und S. 424 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 92 Die Kindesmutter muss dieser Anerkennung nach § 1595/Abs. 1 BGB zustimmen. Darüber hinaus müssen auch die Unterhaltszahlungen durch den Amtsvormund geregelt werden. Hierzu muss er den Vater heranziehen, der die Vaterschaft anerkannt hat.213 Gemäß § 1882 BGB in Verbindung mit § 1773 /Abs. 1 BGB endet die gesetzliche Amtsvormundschaft für das Kind einer minderjährigen Mutter, sobald diese volljährig wird, da die Voraussetzungen des § 1773 BGB dann nicht mehr gegeben sind. Die volljährige Mutter ist dann gemäß § 7/Abs. 1/Nr. 5 SGB VIII in Verbindung mit § 1626 BGB und § 1626a/Abs. 2 BGB die Inhaberin der elterlichen Sorge. Hat die Mutter die alleinige elterliche Sorge inne und teilt sie sich diese nicht mit dem Vater des Kindes, so kann sie darüber nach § 58a SGB VIII beim Jugendamt eine Negativbescheinigung beantragen. Darüber hinaus kann die Vormundschaft nach § 1882 BGB in Verbindung mit § 1773/Abs. 1 BGB auch dann früher enden, wenn die minderjährige Mutter ihren volljährigen Partner heiratet. Ihr Ehemann übt dann gemäß § 1678/Abs. 1 BGB die elterliche Sorge solange allein aus, bis die Mutter volljährig wird und damit das Ruhen der elterlichen Sorge der Kindesmutter gemäß § 1673/Abs. 2 BGB mit ihrer Volljährigkeit endet. Dasselbe gilt, wenn die Eltern zwar nicht miteinander verheiratet sind, der Kindesvater aber schon volljährig ist, die Vaterschaft gemäß § 1592 BGB anerkannt hat und eine gemeinsame Sorgeerklärung nach § 1626a/Abs. 1/S. 1 BGB vorliegt.214 Ehefähigkeit Mit dem 18. Geburtstag, dem Eintritt der Volljährigkeit, ist man in Deutschland gemäß § 1303/Abs. 1 BGB in Verbindung mit § 2 BGB berechtigt, die Ehe einzugehen, das heißt man erhält die Ehemündigkeit. Die Ehe kann auch schon ab dem 16. Geburtstag geschlossen werden, wenn der zukünftige Ehepartner bereits volljährig ist, der gesetzli- 5.4.4 213 vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 17 und S. 36f. und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 385 214 vgl. Meysen; 2003; S. 11f. und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 19 und S. 39 und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 385 und S. 398 und S. 405f. und S. 420 und S. 438 5.4 Rechtliche Rahmenbedingungen 93 che Vertreter der Minderjährigen der Eheschließung nicht mit einem triftigen Grund widerspricht und das Familiengericht die Eheschlie- ßung genehmigt und die Minderjährige gemäß § 1303/Abs. 2 und 3 BGB von der Vorschrift der Ehemündigkeit nach § 1303/Abs. 1 BGB befreit. Wenn das Familiengericht die Minderjährige von dieser Vorschrift befreit hat, kann die Minderjährige die Ehe eingehen, ohne hierfür zusätzlich gemäß § 1303/Abs. 4 BGB die Erlaubnis der Personensorgeberechtigten zu benötigen.215 Beistandschaft Sobald die minderjährige Mutter mit dem 18. Geburtstag die Volljährigkeit erreicht, kann sie, wenn sie die alleinige Sorge für ein Kind hat oder es überwiegend alleine betreut, gemäß § 1712 – § 1716 BGB beim Jugendamt einen formlosen schriftlichen Antrag auf Beistandschaft stellen. Das Jugendamt wird dann Beistand der Alleinerziehenden und unterstützt diese hinsichtlich der Vaterschaftsfeststellung und Durchsetzung von Unterhaltsansprüchen für das Kind, ohne ihre Rechte als Sorgeberechtigte einzuschränken. Die Beistandschaft beginnt unmittelbar nach Antragseingang und endet ebenfalls auf schriftlichen Antrag. Das Jugendamt wird gemäß § 2/Abs. 3/Nr. 11 SGB VIII in Verbindung mit § 55/Abs. 1 und 2 SGB VIII Beistand und überträgt die Führung der Beistandschaft an einzelne Mitarbeiter, das heißt an Angestellte und Beamte des Jugendamtes. Dies kann für junge Mütter gerade dann relevant sein, wenn die gesetzliche Amtsvormundschaft endet und sich darüber hinaus noch Fragen zu Vaterschaft und Unterhalt stellen.216 5.4.5 215 vgl. Tammen; 2004b; S. 360 und vgl. Schlüter; 2001; S. 12–15 und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 61 und S. 333 216 vgl. Tammen; 2004a; S. S. 337 und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 17 und S. 38 und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 410f. 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 94 Umgangsrecht Sind die Eltern getrennt und leben nicht miteinander zusammen oder besitzt die bereits volljährige Mutter die elterliche Sorge nach § 1626a/ Abs. 2 BGB alleine, hat das Kind darüber hinaus gemäß § 1684/Abs. 1 BGB ein Recht auf Umgang mit dem Elternteil, der nicht unmittelbar die elterliche Sorge besitzt. Erwähnenswert scheint an dieser Stelle, dass die Eltern nicht nur das Recht auf Umgang, sondern auch die Pflicht dazu haben. Zu beachten ist nach § 1684/Abs. 4 BGB stets, dass der Umgang zum Kindeswohl nach § 1697a BGB beiträgt. Möchte der biologische Vater, der nicht rechtlicher Vater ist, Umgang mit dem Kind haben, hat auch er gemäß § 1685/Abs. 2 BGB Anspruch darauf, jedoch ist hierbei Voraussetzung, dass er eine Beziehung zu dem Kind hat und im besten Fall auch schon mit dem Kind zusammengelebt hat. Anspruch auf Beratung hinsichtlich des Umgangsrechtes besteht nach § 18/Abs. 3 SGB VIII beim zuständigen Jugendamt.217 Unterhalt Gegenseitig unterhaltspflichtig sind sich nach § 1601 BGB jeweils Verwandte in gerader Linie immer dann, wenn der Unterhaltsberechtigte gemäß § 1602 BGB bedürftig und der Unterhaltsverpflichtete gemäß § 1603 BGB leistungsfähig ist. Eine gesteigerte Unterhaltspflicht haben Eltern gegenüber ihren minderjährigen, unverheirateten Kindern gemäß § 1603 BGB. Der Elternteil, der mit dem Kind zusammenlebt, leistet seinen Beitrag zum Unterhalt durch Pflege und Erziehung des Kindes, der Elternteil, der nicht mit dem Kind zusammenlebt, ist barunterhaltspflichtig. Für den Unterhalt nach § 1601 BGB für ein Kind muss vorher die Verwandtschaft nach § 1589 BGB und die Vaterschaft nach § 1592 BGB geprüft werden. Mindestvoraussetzung für den Anspruch auf Unterhalt ist die oben bereits erläuterte Anerkennung der Vaterschaft oder die gerichtliche Feststellung der Vaterschaft. Darüber hinaus muss die Bedürftigkeit des Kindes nach § 1602 BGB und die 5.4.6 5.4.7 217 vgl. Tammen; 2004c; S. 369 und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 22f. und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 398 und S. 407f. und S. 409 5.4 Rechtliche Rahmenbedingungen 95 Leistungsfähigkeit nach § 1603 BGB gegeben sein. Wenn der Vater nicht zahlen kann, weil er leistungsunfähig ist, hat die Mutter die Möglichkeit, einen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss für das Kind bei der Unterhaltsvorschusskasse des Jugendamtes geltend zu machen.218 Unterhalt für die Mutter nach § 1615l BGB setzt voraus, dass die Mutterschaft nach § 1591 BGB vorliegt und die Vaterschaft nach § 1592 BGB geprüft wurde. Wenn die Mutter selbst nicht erwerbstätig ist, hat sie Anspruch auf Unterhalt durch den Kindesvater. Ist der Kindesvater allerdings gemäß § 1603 BGB nicht leistungsfähig, muss die Kindesmutter auf staatliche Leistungen zurückgreifen. Beratung hierzu erhält die Kindesmutter nach § 18 SGB VIII.219 Zusammenfassung220 Das statistische Datenmaterial zu den Schwangerschaftsabbrüchen und Lebendgeburten in Deutschland zeigt, dass es sich bei den minderjährigen Schwangeren und minderjährigen Müttern gesamtgesellschaftlich betrachtet um eine zahlenmäßig relativ kleine Gruppe handelt. `Groß´ sind im Gegensatz dazu die Veränderungen, Herausforderungen und Belastungen, die sich durch die Mutterschaft in zentralen Lebensbereichen der betroffenen Mädchen ergeben. Die Gegenüberstellung von zentralen Entwicklungsaufgaben, die jeweils mit dem Jugendalter und der Mutterschaft verbunden sind, hat gezeigt, dass die jungen Mütter in den Bereichen der Identitätsarbeit, der körperlichen Auseinandersetzung, den Beziehungen zu den Eltern, Freunden und dem Partner und in beruflicher Hinsicht Anforderungen in doppelter Weise ausgesetzt sind. Da die Anforderungen einzeln betrachtet schon relativ komplex sind, bündelt gerade die Kombination Jugendalter und Schwangerschaft einen Aufgabenkatalog für die 5.5 218 vgl. Tammen; 2004c; S. 371 und vgl. Verband alleinerziehender Mütter und Väter – Bundesverband e.V.; 2004; S. 76 und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 384f. und S. 388f. 219 vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 22f. und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 385 und S. 389 und S. 394 220 Der Exkurs über Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze wird in die Zusammenfassung des Kapitels 5 nicht einbezogen, da er nicht unmittelbar zur Überprüfung der Thesen dient, sondern ergänzend angeführt wurde. 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 96 junge Mutter, der leicht zu Überforderung führen kann, denn folgende Themen stehen sich völlig konträr gegenüber: – Egozentrismus im Jugendalter – Bedingungslose Sorge und – Verantwortung für die Bedürfnisse des Kindes – Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel im Jugendalter – Bedürfnis des Kindes nach Geborgenheit, Stabilität und Halt – Veränderungen des Körpers in der Adoleszenz und damit verbundene Unsicherheiten im Jugendalter – Enorme körperliche und hormonelle Veränderungen durch die Schwangerschaft – Ablösung von den Eltern im Jugendalter – Erneute Abhängigkeit und erschwerte Loslösung durch die Mutterschaft – Unverbindliches Testen und Ausprobieren von Partnerschaft und ersten intimen Beziehungen im Jugendalter – Vater- und Mutterschaft und die damit verbundene Verantwortung als Paar dem Kind gegenüber – Zentrale Rolle der Peers im Jugendalter – Verlust alter Freundschaften aufgrund der Mutterschaft, mögliche Isolation – Schule als wichtiger Ort für Qualifikation, Bildung, soziale Lernerfahrungen und Kontakte – Elternzeit, (vorübergehender) Ausstieg aus Schule und Beruf Darüber hinaus gesellen sich zu diesen zentralen Entwicklungsherausforderungen häufig zusätzlich schwierige Lebensumstände, die es nicht leicht machen, eine junge Mutter zu sein. Ein großes Dilemma der Situation minderjähriger Mütter ist, dass sie Verantwortung tragen müssen, die sie eigentlich noch nicht tragen können, dass sie bereits selbst Mütter sind, obwohl sie noch Jugendliche sind. Einerseits wird von ihnen die Ausfüllung der Mutterrolle erwartet und andererseits wird ihnen dies aufgrund ihrer Jugendlichkeit häufig gar nicht zugetraut: – Negative Reaktionen aus der Umwelt – Soziale Geringschätzung früher Mutterschaft – Vorwurf der Unverantwortlichkeit 5.5 Zusammenfassung 97 So bleiben minderjährige Mütter mit ihrer problematischen Lebenssituation häufig allein, können nicht auf die Hilfe Gleichaltriger zählen, weil diese mit dem Thema Mutterschaft ebenso wenig Erfahrung haben, noch immer auf die unvoreingenommene Unterstützung Erwachsener vertrauen, weil diese ihnen nicht selten mangelnde Reife unterstellen und ihnen die Bewältigung der Mutterschaft gar nicht zutrauen. Die Reaktion vieler adoleszenter Mütter, von vornherein völlig auf Hilfe verzichten zu wollen, um zu demonstrieren, dass sie es alleine schaffen und den Vorurteilen mit denen sie täglich konfrontiert werden, zu trotzen, erscheint hier nahezu verständlich, birgt aber das große Risiko, sich im tatsächlichen Fall von Überforderung keine Hilfe, sei sie privater oder professioneller Art, zu organisieren. Nicht selten leiden minderjährige Mütter unter dem Fehlen des Kindesvaters, wenn sie sich nicht in einer stabilen Partnerschaft befinden oder der Vater sich aus seiner Verantwortung für das Kind völlig zurückgezogen hat, und daran, dass sie dann letztlich alleinerziehend sind und die tatsächliche alleinige Erziehungsverantwortung tragen müssen. Die Ausführungen hinsichtlich der sozialen Lage und finanziellen Situation haben in diesem Kapitel darüber hinaus gezeigt, dass minderjährige Mütter regelhaft an einer schwierigen ökonomischen Situation leiden. Das Dilemma daran ist, dass sich an dieser Situation ohne einen Schulabschluss und fundierte Ausbildung wohl kaum etwas ändern lässt und die gesetzlich gewährte Erziehungszeit den Bruch in der Bildungslaufbahn überhaupt erst ermöglicht. Minderjährige Mütter können sich so in den ersten beiden Jahren nach der Geburt in finanzieller Sicherheit wiegen, auf die nach Ablauf der Gewährung von Erziehungsgeld ein böses Erwachen folgt. Wenig finanzielle Ressourcen aufgrund von fehlender Ausbildung und Qualifikation schränken die Teilhabe der minderjährigen Mutter am sozialen Leben zusätzlich ein und machen sie damit einmal mehr zur Außenseiterin. Der Blick auf die rechtliche Situation der minderjährigen Mutter zeigt zwei zentrale Aspekte auf. Zum einen wird deutlich, dass die gesetzlichen Regelungen zur Vaterschaft, elterlichen Sorge, Umgang und Unterhalt relativ komplex sind und es für ein junges Mädchen schwierig sein dürfte, diese Zusammenhänge ohne Probleme zu verstehen. Zum anderen machen die gesetzlichen Regelungen der minderjährigen 5 Minderjährige Mütter – Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter 98 Mutter einmal mehr deutlich, dass sie zwar tatsächlich Mutter, aber vor dem Gesetz eben noch nicht erwachsen und damit nicht voll geschäftsfähig ist und deshalb für zentrale Entscheidungen wie beispielsweise hinsichtlich der Vaterschaftsanerkennung und der Eheschlie- ßung die Zustimmung der Eltern, des gesetzlichen Amtsvormundes oder des Familiengerichts benötigt. Dies mag einerseits rechtlich und im Sinne des Kindes durchaus sinnvoll sein, konfrontiert andererseits die Heranwachsende, die nach Unabhängigkeit strebt und unter Umständen zeigen möchte, dass sie eine gute Mutter sein kann, obwohl sie noch sehr jung ist, mit Grenzen von außen, die in ihrer Situation unter Umständen nur schwer zu akzeptieren sind. Nachdem die bisherigen Kapitel zentrale Aspekte der Lebenslagen minderjähriger Mütter näher dargestellt und erläutert haben, wird nun das Augenmerk auf die professionellen Hilfeangebote gerichtet, die minderjährigen Müttern grundsätzlich zur Verfügung stehen, um ihre Situation zu bewältigen, um dann in einem weiteren Schritt zu diskutieren, ob diese Angebote für die Lebenslagen der jungen Mütter angemessen und geeignet sind. 5.5 Zusammenfassung 99

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Zusammenfassung

Jedes zehnte Kind weltweit wird von einer Mutter geboren, die selbst noch keine 20 Jahre alt ist. Auch in Deutschland sind Teenagerschwangerschaften ein Thema – eines, das bisher in der sozialpädagogischen Fachdiskussion nur wenig Beachtung gefunden hat. Vor allem die Lebenslagen von jungen Mädchen, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen leben, wurden vernachlässigt. Um diesen weißen Fleck zu füllen, befasst sich Doris Kölbl mit der frühen Mutterschaft – speziell mit der komplexen Lebenslage, in der sich minderjährige Mütter befinden. Sie durchleben einen Spagat: Die eigene Entwicklung zum Erwachsenen und die Anforderungen an eine versorgende und erziehende Mutter fordern besondere Anpassungsleistungen. Werden die bisherigen Hilfeangebote für die Mädchen dieser Herausforderung gerecht? Das vorliegende Buch gibt Anregungen, wie sozialpädagogische Hilfen für junge Mütter gestaltet werden können, um auf deren Lebenssituation als Jugendliche und Mutter adäquat einzugehen und enthält eine Zusammenstellung von relevanten Hilfeangeboten und Kontaktadressen.