Content

4 Kritische Lebensereignisse, Entwicklungsaufgaben und Krisen in:

Doris Kölbl

Wenn Mädchen zu Müttern werden, page 47 - 52

Eine sozialpädagogische Betrachtung

2. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4192-5, ISBN online: 978-3-8288-7089-5, https://doi.org/10.5771/9783828870895-47

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Kritische Lebensereignisse, Entwicklungsaufgaben und Krisen Kritische Lebensereignisse Jedem Menschen widerfahren im Laufe seines Lebens Ereignisse, die ihn belasten, verunsichern oder überfordern können. Beispiele für solche kritischen Lebensereignisse sind der Verlust eines Freundes, Arbeitslosigkeit, Krankheit, ein Wohnortwechsel, ein Lottogewinn, die Geburt eines Kindes oder auch die erfreuliche Begebenheit des Bestehens der Abschlussprüfung. Cornelius und Hultsch unterteilen diese Lebensereignisse in die folgenden drei Klassen: Die erste Klasse umfasst Lebensereignisse wie beispielsweise Krieg, Vertreibung, technischen Fortschritt oder ökonomische Veränderungen, die sich auf eine historische Zeit und die damit verbundenen Ereignisse und Veränderungen beziehen. Darüber hinaus gibt es normative Lebensereignisse wie beispielsweise den Schulanfang oder die Menopause, die eng mit einem bestimmten Lebensalter verknüpft sind, und non-normative Lebensereignisse, die weder an eine historische Epoche gebunden noch mit einem bestimmten Lebensalter verknüpft sind und plötzlich und völlig unerwartet in das Leben eines Menschen treten.104 Normative Lebensereignisse und Entwicklungsaufgaben Analog gibt es Entwicklungsaufgaben, die durch normative Lebensereignisse ausgelöst werden. Normative Entwicklungsaufgaben sind 4 4.1 4.2 104 vgl. Cornelius & Hultsch; 1995; S. 76 47 „Entwicklungsaufgaben, die für alle Menschen einer bestimmten Kultur auf einem bestimmten Entwicklungsniveau gelten“105. Hierzu zählen beispielsweise die oben bereits dargestellten Kataloge an Entwicklungsaufgaben, von Havighurst und Dreher & Dreher, die eng mit einem bestimmten Lebensalter oder einer Lebensphase verknüpft sind und in dieser mit großer Wahrscheinlichkeit auftreten, wie zum Beispiel der Abschluss der Schule im Jugendalter, die Heirat und die Geburt eines Kindes im Erwachsenenalter.106 Non-normative Lebensereignisse und Entwicklungsaufgaben Im Gegensatz dazu rufen non-normative Lebensereignisse auch nonnormative Entwicklungsaufgaben hervor. Hierzu gehören diejenigen kritischen Lebensereignisse, "stressfull life events"107, die im Leben plötzlich und unvorhersehbar auftreten, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, der Tod des eigenen Kindes, eine schwere Krankheit, eine ungeplante Schwangerschaft. Non-normative Entwicklungsaufgaben können jeweils zu völlig verschiedenen Zeitpunkten im Lebenslauf eines Menschen auftreten, sie sind keinem bestimmten Lebensalter zugeordnet, und nicht alle Menschen werden mit den gleichen non-normativen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Non-normative Entwicklungsaufgaben sind indes schwerer zu bewältigen als Entwicklungsaufgaben, die normativ innerhalb eines bestimmten Lebensabschnitts bewältigt werden müssen, weil sie nicht plan- und kalkulierbar sind. Der Einzelne und auch dessen soziales Umfeld, Freunde und Angehörige, die bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen unterstützend wirken können, sind nicht darauf vorbereitet und werden im Alltag regelrecht davon überrascht.108 4.3 105 Flammer & Alasker; 2002; S. 59 106 vgl. Cornelius & Hultsch; 1995; S. 76 und vgl. Faltermaier, u.a.; 2002; S. 74ff. 107 Filipp; 1995; S. 23 108 vgl. Faltermaier, u.a.; 2002; S. 76f. und vgl. Flammer & Alasker; 2002; S. 59–63 und vgl. Mietzel; 1997; S. 30–35 4 Kritische Lebensereignisse, Entwicklungsaufgaben und Krisen 48 Bewältigung von Entwicklungsaufgaben Kritische Lebensereignisse und Entwicklungsaufgaben erfordern eine Umorientierung, Veränderung und Neuanpassung gewohnter Verhaltensmuster, weil diese angesichts der neuen Bedingungen und der ver- änderten Lebenswelt des Betroffenen nicht mehr greifen. Die damit verbundenen Anforderungen, Herausforderungen und Krisen haben eine Rückwirkung auf die personale Entwicklung des Einzelnen. Sie bieten einerseits die Chance auf persönliches Wachstum, Fortschritt und Entwicklung, können aber auch zu Behinderungen, Rückschlägen und Regression innerhalb der persönlichen Entwicklung führen. Kritische Lebensereignisse und Entwicklungsaufgaben können in besonderem Maße belasten, verunsichern, überfordern, Ängste hervorrufen und Krisen auslösen. Dies ist umso wahrscheinlicher, je mehr nonnormative Lebensereignisse mit regulären Entwicklungsaufgaben kollidieren.109 Havighurst postuliert darüber hinaus, dass es während der Entwicklung des Menschen Zeiträume gibt, die sich als besonders günstig erweisen, eine bestimmte Lernerfahrung zu machen: "Thus, some of developmental tasks may be located at the ages of special sensitivity for learning them. When the body is ripe, and the society requires, and the self is ready to achieve a certain task, the teachable moment has come"110. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Entwicklungsaufgaben nicht auch zu anderen Zeitpunkten bewältigt werden können, wohl aber, dass der Bewältigungsprozess sich dann aufwendiger gestaltet. Bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen spielt es eine wesentliche Rolle, welche subjektive Bedeutung ein Ereignis im Leben des betroffenen Menschen hat. Die subjektive Wahrnehmung, Einschätzung und Bewertung eines Ereignisses hat einen erheblichen Einfluss darauf, ob ein Lebensereignis belastend oder erfreulich, herausfordernd oder überfordernd im Leben eines Menschen erscheint. Zu den personalen Ressourcen gehören des Weiteren zum einen das 4.4 109 vgl. Faltermaier, u.a.; 2002; S. 74ff. und vgl. Filipp; 1995; S. 23f. 110 Havighurst; 1982; S. 7 zit. nach Oerter & Dreher; 1998; S. 327 4.4 Bewältigung von Entwicklungsaufgaben 49 Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Talente, zum anderen Ich- Stärke und darüber hinaus die finanzielle und die soziale Situation.111 Die Qualität des sozialen Stützsystems ist darüber hinaus von entscheidender Bedeutung für die Bewältigung von kritischen Lebensereignissen. Umweltressourcen, das heißt, die sozialen Ressourcen umfassen die sozialen Netze, in die jemand eingebunden ist. Hierzu zählen die Familie, Freunde, Verwandte, Vereine – das gesamte familiäre und außerfamiliäre Netz. Adäquate soziale Unterstützung kann sich positiv auf die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben auswirken, negative Konsequenzen eines kritischen Lebensereignisses mit der Hilfe von Verwandten, Freunden, Bekannten oder professioneller Hilfe und Beratung verringert werden. Das soziale Netz kann einerseits sowohl durch emotionale Unterstützung als auch durch pragmatische Informationen unterstützend wirken, andererseits aber durchaus auch sehr fordernd und belastend sein.112 Zusammenfassung Aus den Ausführungen dieses Kapitels wird deutlich, dass die Geburt eines Kindes in der Phase des Erwachsenenalters ein durchaus normatives Lebensereignis darstellt, das eine Entwicklungsaufgabe zur Folge hat, die zur Lebensphase des Erwachsenen gehört und als typisch für diesen Lebensabschnitt betrachtet werden kann, folglich ein normatives Lebensereignis darstellt. Treten die Schwangerschaft und Geburt jedoch im Jugendalter auf, handelt es sich hierbei um ein non-normatives Lebensereignis, das Entwicklungsaufgaben nach sich zieht, die für das Jugendalter untypisch sind. Im Jugendalter ist die Entwicklungsaufgabe Mutter- beziehungsweise Elternschaft deswegen schwieriger zu bewältigen und kann die Entwicklung betroffener Mädchen erschweren bis behindern, weil die non-normativen Entwicklungsaufgaben der Schwanger- und Mut- 4.5 111 vgl. Filipp; 1995; S. 31f. und vgl. Faltermaier, u.a.; 2002; S. 76f. und vgl. Flammer & Alasker; 2002; S. 63–68 112 vgl. Mietzel; 1997; S. 25 und vgl. Bleich; 1996; S. 8f. und vgl. Filipp; 1995; S. 23f. und vgl. D´Augelli & Danish; 1995; S. 164f. und vgl. Flammer & Alasker; 2002; S. 63–68 und vgl. Olbrich; 1995; S. 133f. 4 Kritische Lebensereignisse, Entwicklungsaufgaben und Krisen 50 terschaft mit den regulären Entwicklungsaufgaben des Jugendalters kollidieren und adoleszente Mädchen damit einer doppelten Belastungssituation gegenüberstehen, die bewältigt werden muss. Wie sich die Lebenssituation von minderjährigen Müttern in einzelnen Teilbereichen darstellt, soll im folgenden Kapitel näher erörtert werden. 4.5 Zusammenfassung 51

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Jedes zehnte Kind weltweit wird von einer Mutter geboren, die selbst noch keine 20 Jahre alt ist. Auch in Deutschland sind Teenagerschwangerschaften ein Thema – eines, das bisher in der sozialpädagogischen Fachdiskussion nur wenig Beachtung gefunden hat. Vor allem die Lebenslagen von jungen Mädchen, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen leben, wurden vernachlässigt. Um diesen weißen Fleck zu füllen, befasst sich Doris Kölbl mit der frühen Mutterschaft – speziell mit der komplexen Lebenslage, in der sich minderjährige Mütter befinden. Sie durchleben einen Spagat: Die eigene Entwicklung zum Erwachsenen und die Anforderungen an eine versorgende und erziehende Mutter fordern besondere Anpassungsleistungen. Werden die bisherigen Hilfeangebote für die Mädchen dieser Herausforderung gerecht? Das vorliegende Buch gibt Anregungen, wie sozialpädagogische Hilfen für junge Mütter gestaltet werden können, um auf deren Lebenssituation als Jugendliche und Mutter adäquat einzugehen und enthält eine Zusammenstellung von relevanten Hilfeangeboten und Kontaktadressen.