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10 Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit minderjährigen Müttern in der sozialpädagogischen Praxis in:

Doris Kölbl

Wenn Mädchen zu Müttern werden, page 187 - 198

Eine sozialpädagogische Betrachtung

2. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4192-5, ISBN online: 978-3-8288-7089-5, https://doi.org/10.5771/9783828870895-187

Tectum, Baden-Baden
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Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit minderjährigen Müttern in der sozialpädagogischen Praxis Art und Qualität der Beratung und Begleitung Notwendigkeit zielgruppenspezifische Angebote Minderjährige Schwangere und Mütter benötigen für die Bewältigung der komplexen Anforderungen der Mutterschaft aufgrund ihres Lebensalters besondere professionelle Hilfeangebote – dies ist umso wichtiger, je weniger Unterstützung sie von ihrer Familie und ihren Freunden erhalten. Problematisch kann es dann werden, wenn soziale Netze ausgedünnt sind und die jungen Mütter allein gelassen werden. Dies kann zur Überforderung der jungen Mutter führen. Es kann dann auch zur Vernachlässigung der Mutterpflichten kommen und das Wohl des Kindes in Gefahr sein. Deshalb benötigt die minderjährige Mutter umfassende Beratung und Unterstützung, um sich nicht in den zu bewältigenden Aufgaben und Anforderungen der neuen Lebenssituation zu verlieren. Aber auch wenn private Unterstützung aus dem familiären und sozialen Umfeld vorhanden ist, sollten professionelle Angebote erfolgen, um einseitiger Abhängigkeit entgegenzuwirken und die Selbstständigkeit der jungen Frauen zu fördern. Angebote für junge Mütter müssen auf die Zielgruppe zugeschnitten sein. Es handelt sich um Jugendliche, das darf trotz der Mutterschaft nicht vergessen werden, denn jugendliche Schwangere und Mütter unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Lebenslage und dem Beratungsbedarf von erwachsenen Schwangeren und Müttern. Mutterschaft ist für alle Eltern eine Zeit der Verunsicherung. Gerade aber für jugendliche Mütter ist professionelle Hilfe nötig, um eine sichere Bindung zu ihren Kindern aufbauen zu können und um Verantwortung 10 10.1 10.1.1 187 für die Bedürfnisse des Kindes zu entwickeln. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass minderjährige Mütter geeignete professionelle Hilfe bekommen, damit sie ihren Alltag mit dem Kind besser bewältigen und sich trotz Kind schulisch und beruflich weiterentwickeln können, einerseits gute Mütter für ihre Kinder sein können und sich andererseits aber auch selbst noch entwickeln können. Auch wenn die folgenden Handlungsanweisungen im Wesentlichen auf die Kindesmutter bezogen sind, ist evident, dass für den Fall, dass der Kindesvater zu seiner Erziehungsverantwortung steht, die Kindeseltern eine Lebenspartnerschaft führen oder in einer Ehegemeinschaft leben, es wichtig ist, auch den Kindesvater in die Beratung und Begleitung einzubeziehen. Gerade die Interviews haben überwiegend die Instabilität der Paarbeziehungen der jungen Mütter offengelegt und lassen dahingehend Bedarf vermuten. Grundsätzliche Beratungshaltung Bei der Beratung und Begleitung minderjähriger Mütter müssen Fachkräfte immer auch das Lebensalter der Mutter einbeziehen und berücksichtigen, dass sie sich inmitten des Jugendalters befindet. Die Jugendlichen müssen in ihrer persönlichen und sozialen Lebenssituation, mit ihren Bedürfnissen und Zukunftsvorstellungen wahrgenommen werden, denn die Erziehung des Kindes verlangt von den Müttern, diese Bedürfnisse zurückzustellen. Andererseits müssen die Aufgaben der Mutterschaft und die Bedürfnisse und das Wohl des Kindes in der Arbeit Beachtung finden. Fachkräfte sollten im Hintergrund haben, dass die minderjährige Mutter möglicherweise Ablehnung und Zurückweisung aufgrund ihrer jungen Mutterschaft erlebt hat, ihr Unverantwortlichkeit und mangelnde Kompetenz, das Kind zu erziehen, vorgeworfen wurden. Aus diesem Grund fällt es der jungen Mutter möglicherweise schwer, grundsätzlich Hilfen in Anspruch zu nehmen. Möglicherweise fühlt sie sich dadurch bevormundet, nicht ernst genommen oder erneut kritisiert. Der Angst vor Bevormundung muss entgegengewirkt werden, minderjährige Mütter dürfen in der Beratung nicht das Gefühl bekommen, dass sie belehrt werden oder ihre frühe Schwangerschaft kriti- 10.1.2 10 Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit minderjährigen Müttern in der sozialpädagogischen Praxis 188 siert oder bewertet wird. Wichtig ist, den Müttern unvoreingenommen mit einfühlendem Verständnis, Wertschätzung und Respekt vor ihrer Lebenslage gegenüberzutreten und den Heranwachsenden einen Raum zu geben, in dem sie sich als junge Mutter ernst genommen fühlen. Es ist von entscheidender Bedeutung, der jungen Mutter Unterstützung anzubieten, ohne sie zu bevormunden, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, vorhandene Ressourcen und Stärken zu berücksichtigen und damit ihr Selbstvertrauen und ihr Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich der Mutterschaft und letztlich ihre Selbstbestimmung, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu stärken. Hilfen müssen schon vor der Geburt ansetzen Hilfen werden – wie im Theorieteil und durch die Ergebnisse der Interviews gezeigt werden konnte – überwiegend erst zu einem sehr späten Zeitpunkt, nämlich nach der Geburt geleistet. Adäquate Angebote für die jungen Mütter, die ihrer komplexen Lebenssituation frühzeitig begegnen und schon während der Schwangerschaft mögliche Hilfen aufzeigen beziehungsweise anbieten, fehlen. Die jungen Mädchen befinden sich häufig – spätestens nach Wegfall des Erziehungsgeldes – in schwierigen finanziellen und materiellen Lebenslagen, ihre psychosoziale Situation ist nicht selten sehr belastend. Darüber hinaus müssen sie die Schwangerschaft verarbeiten, mit dem Partner sprechen, die Eltern informieren. Hinzu kommt, dass bereits vor der Geburt des Kindes wichtige Dinge organisiert und geregelt werden müssen: – Wahrnehmung der Vorsorgeuntersuchungen – Hebammenhilfe organisieren – Anträge stellen/Kommunikation mit Ämtern – Suche nach einer Wohnung – Suche nach Möglichkeiten hinsichtlich Schule, Ausbildung und Beruf und einer damit in Verbindung stehenden Betreuungsmöglichkeit für das Kind Minderjährige Mütter brauchen bereits vor der Geburt Kontakt zu Beratungsstellen, um bei den Fragestellungen und Aufgaben rund um die 10.1.3 10.1 Art und Qualität der Beratung und Begleitung 189 Mutterschaft nicht völlig auf sich allein gestellt zu bleiben, um über ihre Ansprüche und Möglichkeiten aufgeklärt und informiert zu werden und damit potentieller Überforderung und Hilflosigkeit vorzubeugen. Darüber hinaus müssen junge Mütter verstehen lernen, dass die Geburt des Kindes ihr Leben elementar verändern wird und sie eine wichtige Verantwortung haben – für sich selbst und das Baby. Aus diesen Gründen ist es sinnvoll, die minderjährigen Mütter so früh wie möglich mit Hilfsangeboten hinsichtlich Beratung und Begleitung zu erreichen, bestenfalls schon während der Schwangerschaft. Denkbar wäre hier auch eine Vernetzung von Frauenärzten, Hebammen und sozialpädagogischen Einrichtungen beziehungsweise Angeboten. Die Begleitung von Beginn der Schwangerschaft an sichert darüber hinaus ein kontinuierliches Beziehungsangebot und eröffnet die Möglichkeit, ein Vertrauensverhältnis zwischen der Beraterin und der jungen Mutter aufzubauen. Für die minderjährige Mutter kann es bei Schwierigkeiten nach der Geburt unter Umständen leichter sein, darauf zurückgreifen, als sich einen völlig neuen Ansprechpartner zu suchen. Beratung und Begleitung auch nach der Volljährigkeit Bei einigen jungen Mädchen kann es einen Bedarf an Beratung und Begleitung und Unterstützung über das 18. Lebensjahr hinausgehen, deshalb darf das Unterstützungsangebot nicht mit Erreichen der Volljährigkeit enden, sondern sollte darüber hinaus vorhanden sein, wenn sich im Zusammenhang mit der Mutterschaft Fragen und Unsicherheiten ergeben. Geh-Struktur der Angebote Die Motivation, eine Beratungsstelle aufzusuchen, ist nicht immer vorhanden, sei es, weil die minderjährige Mutter keine Einsicht hinsichtlich des Hilfebedarfs hat oder die Schwelle, auf eine Beratungsstelle zu- 10.1.4 10.1.5 10 Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit minderjährigen Müttern in der sozialpädagogischen Praxis 190 zugehen, deswegen zu hoch ist, weil sie beweisen möchte, dass sie es als junge Mutter allein schafft und keine Hilfe benötigt. Nötig ist an dieser Stelle aufsuchende Beratung für junge Mütter, weil junge Mütter nicht selten Angst vor Abwertung haben und aus diesem Grund häufig keine Initiative hinsichtlich der Suche nach geeigneten Hilfen zeigen. Es ist in vielen Fällen notwendig, auf die minderjährigen Mütter zuzugehen und ihnen konkrete Angebote zu machen, die nicht von der Komm-Struktur abhängig sind, bei der die Initiative der minderjährigen Schwangeren Voraussetzung ist, sondern auch Angebote zu entwickeln, die sich durch eine Geh-Struktur auszeichnen. Ambulante Hilfeformen schaffen Wie oben bereits erwähnt, ist die stationäre Hilfeform nach § 19 SGB VIII nicht für alle jungen Schwangeren und Mütter geeignet. Dennoch beinhaltet diese Hilfe Aspekte, wie zum Beispiel die Anleitung bei der Pflege und Erziehung des Kindes, die Unterstützung bei der Alltagsbewältigung mit dem Kind und der Ermöglichung des Abschlusses von Schule und Ausbildung bei gleichzeitiger Kinderbetreuung, die auch für junge Mütter wichtig sind, die nicht stationär wohnen, sondern eine eigene Wohnung haben oder noch bei den Eltern leben. Derartige Angebote einer intensiven ambulanten Betreuung und Begleitung junger Mütter müssen geschaffen werden. Eine Möglichkeit wäre, ausgewählte Inhalte des § 19 SGB VIII mit der Hilfeform der intensiven sozialpädagogischen Begleitung nach § 35 SGB VIII zu koppeln und damit eine flexiblere Hilfegestaltung zu ermöglichen. Beratung, Betreuung und Begleitung können für junge Mütter unterstützend und entlastend sein und ihnen die Möglichkeit geben, selbstständig mit ihrem Kind zu leben. Die Angebote müssen hier stärker am Bedarf der minderjährigen Mutter orientiert werden, denn die Lebenslagen der Mütter unterscheiden sich interindividuell, und die Mütter benötigen deshalb jeweils unterschiedlich intensive Betreuung. Denkbar sind auch Modelle, bei denen die ambulante Betreuung und Begleitung nach der Geburt sehr intensiv ist und dann allmählich weni- 10.1.6 10.1 Art und Qualität der Beratung und Begleitung 191 ger wird oder nur noch bei Bedarf oder in Krisensituationen unterstützend tätig wird. Niedrigschwellige und sozialraumorientierte Angebote Neben den existierenden Beratungsangeboten des Jugendamtes einschließlich der Hilfen zur Erziehung nach § 27 SGB VIII werden niedrigschwellige Angebote benötigt, die die jungen Mütter nutzen können, ohne große Hürden überwinden zu müssen. Es müssen Angebote geschaffen werden, die es der Mutter ermöglichen, diese auch nutzen zu können, ohne dass vorher ein Erziehungsdefizit festgestellt wird oder sie sich Schwierigkeiten und Probleme im Umgang mit ihrem Kind eingestehen und diese einem Berater mitteilen muss. Darüber hinaus ist es wichtig, dass Angebote ortsnah und sozialraumorientiert gestaltet sind, um die jungen Schwangeren und Mütter auch wirklich im Alltag zu erreichen. Die Hürde, zuerst einmal in einen anderen Bezirk zu fahren, um über Sorgen und Probleme im Zusammenhang mit der Schwangerschaft zu reden und sich zu öffnen, werden viele junge Mütter nicht nehmen können. Kostengünstige und kostenfreie Angebote Wie bereits in der Theorie und durch die Interviews gezeigt, leiden die minderjährigen Mütter häufig an einer finanziellen Situation, die es ihnen spätestens nach dem Wegfall des Erziehungsgeldes nicht mehr ermöglicht, kostenpflichtige Angebote wie die Teilnahme am Babyschwimmen, einer Pekip-Gruppe298 oder anderen kostenpflichtigen Angeboten zu finanzieren. Die jungen Mütter, die in den Interviews befragt wurden, hatten keine feste Arbeitsstelle, sondern erhielten alle Leistungen nach SGB II. Deshalb müssen wichtige pädagogische Ange- 10.1.7 10.1.8 298 Prager-Eltern-Kind-Programm; Spiel- und Bewegungsanregungen für Eltern mit ihren Babys ab der sechsten Lebenswoche. Dieses Programm unterstützt die natürliche Entwicklung des Babys, dient der Vertiefung der Beziehung zwischen Eltern und Kind, ermöglicht Kontakt zu gleichaltrigen Babys und anderen Erwachsenen und kann dadurch auch den Erfahrungsaustausch zwischen Eltern anregen. 10 Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit minderjährigen Müttern in der sozialpädagogischen Praxis 192 bote für die Mutter und das Kind kostengünstig oder kostenlos sein, weil die finanzielle Situation oft ein Hindernis darstellt, wichtige Angebote anzunehmen. So könnte beispielsweise kostenlose Teilnahme am Babyschwimmen, einer Pekip-Gruppe oder einem Kurs zur Babymassage die Mutter-Kind-Bindung stärken und das Kind in positiver Weise fördern. Inhalte der Beratung und Begleitung Information und Beratung zu vorhandenen Angeboten Minderjährige Mütter müssen über konkrete Angebote informiert werden, weil sie häufig – wie die Interviews zeigen konnten – nicht ausreichend Kenntnisse über ihre rechtlichen Ansprüche und Angebote, wie zum Beispiel die Möglichkeit nach der Geburt Hebammenhilfe in Anspruch zu nehmen oder mit ihrem Kind eine Mutter-Kind-Gruppe zu besuchen, haben und sie deshalb diese Angebote gar nicht nutzen konnten. Minderjährige Mütter benötigen sowohl Informationen über Rechtsansprüche, finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten und relevante Anlauf- und Beratungsstellen als auch Informationen über Möglichkeiten einer Berufsausbildung, mögliche Angebote der Kinderbetreuung, aber auch über andere Angebote wie Babyschwimmen, Krabbelgruppen, Mutter-Kind-Treffs. Nur wenn sie über die in Kapitel 6 angeführten grundsätzlichen Hilfemöglichkeiten Bescheid wissen und darüber hinaus über Angebote spezifischer regionaler Projekte und Beratungsstellen informiert werden, können sie diese auch nutzen. Praktische Anleitung im Alltag mit dem Kind Nicht wenige Jugendliche wünschen sich ein Baby zum Liebhaben und denken, dass Erfahrungen im Babysitting ausreichen, um ein Kind großzuziehen. Auf die Elternschaft und die damit verbundene dauerhafte Verantwortung sind sie jedoch häufig nicht vorbereitet. Mangelnde Information und Vorbereitung auf neue Aufgaben wie Alltags- 10.2 10.2.1 10.2.2 10.2 Inhalte der Beratung und Begleitung 193 bewältigung mit Kind, die Haushaltführung, Pflege und Erziehung des Kindes können zu Stress und Überforderung nach der Geburt führen. Hier ist es wichtig, der Mutter bereits während der Schwangerschaft Wissen über folgend genannte Themenbereiche zu vermitteln, damit die junge Mutter gut vorbereitet ist und gestärkt und mit Selbstvertrauen in ihre Kompetenzen in die Mutterschaft gehen kann: – Schwangerschaft und Geburt – Bedürfnisse des Kindes nach Liebe und Geborgenheit – Säuglingspflege und Ernährung des Kindes – Erziehung und Entwicklung des Kindes – Strukturierung des Tagesablaufs mit Kind – Führung des Haushaltes – Umgang mit Finanzen Auch nach der Geburt ist es wichtig, das Selbstbewusstsein und die Kompetenzen der jungen Mutter zu stärken und sie dabei zu unterstützen, zunehmend Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten als Mutter zu entwickeln und das Verantwortungsbewusstsein für das Kind zu stärken. Umfassende Information und Beratung der Mutter fördern deren Selbstbewusstsein, und dies stärkt am Ende die Mutter-Kind-Bindung. Die Beratung und Begleitung sind darüber hinaus sinnvoll und notwendig, um gesundheitlichen Risiken, Vernachlässigung oder unzureichender Versorgung des Kindes vorzubeugen. Soziale Kontakte stärken Im theoretischen Teil konnte gezeigt werden, dass Kontakte zu Gleichaltrigen im Jugendalter enorm wichtig sind. Die Interviews haben deutlich gemacht, dass bei den befragten jungen Müttern der Austausch mit Gleichaltrigen und Freunden überwiegend fehlt und der Kontakt zur Mutter oder Schwiegermutter dominiert. Die junge Mutter benötigt deshalb Angebote, die es ihr ermöglichen, sich selbstständig außerhalb der eigenen Familie zu bewegen. Hierzu muss ihr soziales Netz gestärkt werden, denn vor allem dann, wenn soziale Netzwerke ausgedünnt sind, minderjährige Mütter häufig allein sind oder der einzige Ansprechpartner die Mutter beziehungsweise Schwiegermutter 10.2.3 10 Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit minderjährigen Müttern in der sozialpädagogischen Praxis 194 ist, kann Sozialarbeit dahingehend unterstützend wirken, dass Kontakte außerhalb der Herkunftsfamilie aufgebaut und neue Kontakte geknüpft werden, zum Beispiel mit Gleichaltrigen oder zu anderen jungen Müttern, zu Babygruppen, Krabbelgruppen, Mütter- oder Familientreffs. Sozialarbeit kann dabei helfen, Netzwerke zu aktivieren und beispielsweise Selbsthilfegruppen zu initiieren: In Selbsthilfegruppen finden minderjährige Mütter Kontakt zu anderen jungen Müttern, haben die Möglichkeit, sich auszutauschen, von den Erfahrungen der anderen Betroffenen zu profitieren, neue Blickrichtungen zu entwickeln und sich gegenseitig zu unterstützen. So können beispielsweise auch Treffmöglichkeiten oder Cafés für Mutter und Kind ein Angebot für junge Mütter darstellen, welches ihnen die Möglichkeit gibt, sich mit anderen Müttern auszutauschen. Hier können sie freiwillig teilnehmen und auch einmal einen Kurs über Säuglingspflege oder gesundes Kochen belegen, ohne das Gefühl zu haben, sie müssen hierherkommen, weil sie jung sind, deswegen Fehler machen oder nicht fähig sind, ihr Kind zu erziehen. Gemeinsame Gruppenangebote, die sich auch an den Interessen Jugendlicher orientieren, wie Sport und Kreativangebote, Ausflüge oder Kino können hier realisiert werden. Entlastung schaffen Für die junge Mutter stellt die Geburt des Kindes einen enormen Einschnitt in ihr bisheriges Leben als Jugendliche dar. In den Interviews wurde deutlich, dass die enorme Verantwortung für das Kind eine bedeutende Zäsur für die jungen Mütter darstellt. Vor allem dann, wenn sie alleinerziehend sind oder das Kind überwiegend allein betreuen, kann dies auf Dauer sehr belastend sein. Nach der Geburt des Kindes ist es wichtig, für die junge Mutter Möglichkeiten der Entlastung zu schaffen. Die noch jugendliche Mutter muss die Chance haben, sich mit Freunden zu treffen und auch einmal ins Kino oder Café gehen zu können oder eine Disko zu besuchen. Wenn die Mutter Zeit hat, etwas für sich zu tun und auch ihren Bedürfnissen als Jugendliche nachkommen kann, dann kann sie sich auch wieder verstärkt den Bedürfnissen 10.2.4 10.2 Inhalte der Beratung und Begleitung 195 ihres Kindes widmen. Diese Entlastung der Mutter stärkt die Mutter- Kind-Beziehung. Flexible Betreuungsmöglichkeiten wie Angebote für die stundenweise Übernahme der Betreuung oder die Kinderbetreuung an Wochenenden sind hierzu erforderlich. Zusätzliche professionelle Betreuungsangebote für das Kind vermeiden überdies eine zu starke Abhängigkeit der jungen Mutter von ihren eigenen Eltern oder den Schwiegereltern, weil diese dann auch auf Alternativen zurückgreifen kann, wenn ihr Kind betreut werden muss. Gerade junge Mütter benötigen flexible Betreuungsmöglichkeiten, damit sie Zeit haben, einmal ohne Kind einen Amtsbesuch zu machen, einkaufen zu gehen, zu bummeln, sich hübsch zu machen oder einfach einmal wieder auszuschlafen, um neue Kraft zu tanken. Selbstständigkeit fördern Der Weg in die stationäre Einrichtung des Mutter-Kind-Heims kann nicht die Patent-Lösung sein und ist sicherlich nicht für alle minderjährigen Mütter geeignet. Die jungen Mütter müssen deshalb Unterstützung bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung erfahren, wenn es nicht möglich ist, dass sie mit ihrem Kind weiterhin zu Hause leben oder dies hinderlich für ihre Persönlichkeitsentwicklung ist. Notwendig sind sozialpädagogische Angebote, die auch Müttern, die alleine in einer Wohnung leben, ambulante Beratung und Begleitung zukommen lassen, die die Selbstständigkeit und Eigeninitiative der jungen Mutter fördern, die Ablösung von den Eltern und Schwiegereltern erleichtern, helfen Abhängigkeiten abzubauen und die junge Mutter darin unterstützen, Verantwortung für das eigene Leben und das des Kindes zu übernehmen. Schulabschluss, Ausbildung und Qualifikation ermöglichen Damit die junge Mutter dauerhaft aktiv etwas für die Eigene und die Zukunft des Kindes tun kann und ihr der Schritt in ein unabhängiges, autonomes und selbstbestimmtes Leben gelingt, benötigt sie Unter- 10.2.5 10.2.6 10 Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit minderjährigen Müttern in der sozialpädagogischen Praxis 196 stützung darin, ihren Schulabschluss zu machen oder eine Ausbildung zu absolvieren: – Beratung hinsichtlich des Berufes, Schule und Qualifizierung – Stärkung der Motivation, eine Ausbildung anzufangen oder einen Schulabschluss nachzuholen – Hilfe bei der Suche nach einer geeigneten Schul- oder Berufsausbildung – Unterstützung bei der Suche nach einem konkreten Schul-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz Diese Unterstützung hinsichtlich der eigenverantwortlichen Zukunftsund Lebensgestaltung und eine zur Mutterschaft parallele Ausbildung schaffen die Chance auf ein unabhängiges autonomes Leben und damit größere emotionale und finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern, die im Jugendalter so wichtig ist, und können die finanzielle Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen verringern oder unnötig machen. Nötig sind angesichts der immensen Anforderungen der Kindererziehung und Hausarbeit, Möglichkeiten zur Teilzeitausbildung, flexiblere Ausbildungszeiten und parallele Kinderbetreuung, um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Diese Aspekte müssen angesichts der schwierigen Situation auf dem deutschen Ausbildungsmarkt berücksichtigt werden, um jungen Mädchen andere Perspektiven zu geben, als die Entscheidung zu einem weiteren Kind im Jugendalter. 10.2 Inhalte der Beratung und Begleitung 197

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Zusammenfassung

Jedes zehnte Kind weltweit wird von einer Mutter geboren, die selbst noch keine 20 Jahre alt ist. Auch in Deutschland sind Teenagerschwangerschaften ein Thema – eines, das bisher in der sozialpädagogischen Fachdiskussion nur wenig Beachtung gefunden hat. Vor allem die Lebenslagen von jungen Mädchen, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen leben, wurden vernachlässigt. Um diesen weißen Fleck zu füllen, befasst sich Doris Kölbl mit der frühen Mutterschaft – speziell mit der komplexen Lebenslage, in der sich minderjährige Mütter befinden. Sie durchleben einen Spagat: Die eigene Entwicklung zum Erwachsenen und die Anforderungen an eine versorgende und erziehende Mutter fordern besondere Anpassungsleistungen. Werden die bisherigen Hilfeangebote für die Mädchen dieser Herausforderung gerecht? Das vorliegende Buch gibt Anregungen, wie sozialpädagogische Hilfen für junge Mütter gestaltet werden können, um auf deren Lebenssituation als Jugendliche und Mutter adäquat einzugehen und enthält eine Zusammenstellung von relevanten Hilfeangeboten und Kontaktadressen.