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6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter in:

Doris Kölbl

Wenn Mädchen zu Müttern werden, page 101 - 122

Eine sozialpädagogische Betrachtung

2. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4192-5, ISBN online: 978-3-8288-7089-5, https://doi.org/10.5771/9783828870895-101

Tectum, Baden-Baden
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Hilfeangebote für minderjährige Mütter Grundlegende rechtliche Ansprüche Mutterschutz Auch wenn die meisten minderjährigen Schwangeren in der Regel aufgrund ihres Alters keine Ausbildung angefangen oder abgeschlossen haben, werden an dieser Stelle die Vorschriften des Mutterschutzes er- örtert, um all den jungen Müttern gerecht zu werden, die vor der Geburt des Kindes in einem Ausbildungs-, Teilzeit- oder Vollzeitarbeitsverhältnis gestanden haben. Sie haben einen gesetzlichen Anspruch auf Mutterschutz nach dem Mutterschutzgesetz. Sechs Wochen vor der Geburt und bis acht Wochen, bei einer Früh- oder Mehrlingsgeburt bis zwölf Wochen nach der Geburt muss die werdende Mutter von der Arbeit freigestellt werden. Die Mutter kann nur dann bis zum Geburtstermin einer Arbeit nachgehen, wenn sie dies wünscht und zustimmt. Nach der Geburt ist jegliche Arbeit während der Mutterschutzfrist jedoch unzulässig. Kommt das Baby zu früh zur Welt, wird die Zeit, die durch die Frühgeburt an Mutterschutz verloren gegangen ist, nach der Geburt an den regulären Mutterschutz angehängt. Die werdende Mutter ist nicht gesetzlich verpflichtet, den Arbeitgeber über ihre Schwangerschaft zu informieren, sollte das aber in ihrem eigenen Interesse tun, denn eine werdende Mutter darf nicht mit Arbeiten betraut werden, die schädigend für ihre und die Gesundheit des Kindes sind. Darunter fallen Arbeiten, bei denen man mit Gasen, Staub, Strahlen, Hitze, Dämpfen, Kälte, Nässe oder anderen Stoffen, die die Gesundheit gefährden, in Berührung kommt. Körperlich anstrengende Arbeit darf nicht verrichtet werden, Akkord-, Fließbandarbeit und Überstunden sind nicht erlaubt. Frauen unter 18 Jahren dürfen täglich höchstens acht Stunden und höchstens 80 Stunden in zwei Wochen arbeiten. Arbeit an Sonn- und Feiertagen sowie in der Zeit zwischen 20:00 und 6:00 Uhr ist für werdende Mütter nicht erlaubt. Stellt ein Arzt fest, 6 6.1 6.1.1 101 dass eine bestimmte Tätigkeit, eine Gefährdung für die Gesundheit und das Leben von Mutter und Kind darstellt, darf die werdende Mutter diese Tätigkeit nicht weiter ausüben. Wenn eine Frau aufgrund der Schutzbestimmungen ihren Arbeitsplatz wechseln muss, darf dies keinen Verdienstausfall für sie nach sich ziehen, und der Arbeitgeber muss den ursprünglichen Lohn weiterbezahlen. Der Kündigungsschutz besteht für (werdende) Mütter ab dem Tag, an dem der Arbeitgeber von der Schwangerschaft erfahren hat, bis vier Monate nach der Geburt des Kindes oder, falls Elternzeit in Anspruch genommen wird, bis zum Ende der mit dem Arbeitgeber vereinbarten Elternzeit.221 Das seit 01.01.2018 geltende Mutterschutzrecht ist auch für Schülerinnen und Studentinnen anzuwenden. Elternzeit Elternzeit kann von dem sorgeberechtigten Vater, der sorgeberechtigten Mutter, dem Partner des sorgeberechtigten Elternteils oder den Adoptiveltern bis zum Ende des 3. Lebensjahres des Kindes genommen werden, um sich um die Betreuung des Kindes zu kümmern. Wenn es sich um einen Härtefall handelt, können auch die Großeltern in Elternzeit gehen. Anspruch auf Elternzeit hat darüber hinaus nur derjenige, der mit dem Kind im selben Haushalt lebt und es überwiegend selbst betreut. Sowohl ArbeitnehmerInnen als auch Auszubildende haben darauf Anspruch. Anspruch auf drei Jahre Elternzeit hat jeder Elternteil unabhängig voneinander. Die 3-jährige Elternzeit kann von beiden Eltern gemeinsam oder abwechselnd genommen werden, ohne dass der Arbeitsplatz dadurch verloren geht. Die Elternzeit muss jedoch nicht zwingend bis zum 3. Geburtstag genommen werden, ein Teil des Anspruchs – bis zu 24 Monate – kann auch erst nach dem 3. bis zum 8. Geburtstag des Kindes eingelöst werden. Dies gilt für alle Geburten nach dem 01. Juli 2015. Die Zustimmung des Arbeitgebers ist hierzu nur noch in Ausnahmefällen erforderlich. Die Elternzeit, die innerhalb der ersten drei Lebensjahre in Anspruch genommen wird, muss dem Arbeitgeber sieben Wochen vor Inanspruchnahme schrift- 6.1.2 221 vgl. Nees-Delaval; 2005; S. 189–191 und vgl. Grönert; 2005; S. 65–73 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 102 lich erklärt werden. Für Elternzeit innerhalb des 3.–8. Lebensjahres gilt eine Anmeldefrist von 13 Wochen im Voraus. Während der Elternzeit kann jeder Elternteil 30 Stunden pro Woche arbeiten. Der Arbeitgeber muss dann, wenn ein Unternehmen mehr als 15 Beschäftigte hat, diese Teilzeitarbeit ermöglichen. Die Elternzeit hat für denjenigen, der sie beansprucht, eine kostenlose Weiterversicherung in der gesetzlichen Kranken- und Arbeitslosenversicherung zur Folge, wenn er keiner Teilzeitbeschäftigung nachgeht. Einen Anspruch auf Krankengeld haben nur die Eltern, die während der Elternzeit einer versicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigung nachgehen. Die Elternzeit kann auch hinsichtlich der Rentenansprüche geltend gemacht werden. Mütter stehen, wie bereits oben aufgezeigt, von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der beanspruchten Elternzeit unter Kündigungsschutz. Für Väter, die Elternzeit nehmen, beginnt der Kündigungsschutz frühestens acht Wochen vor Beginn der Elternzeit oder mit dem Tag der Anmeldung der Elternzeit und endet mit dem Ende der beanspruchten Elternzeit. Nimmt jemand während der Ausbildung Elternzeit in Anspruch, so verlängert sich die Ausbildung jeweils um die Dauer der beanspruchten Elternzeit.222 Befreiung von der Schulpflicht Während des Mutterschutzes muss die junge Mutter nicht zur Schule gehen, danach kann sie sich für die Dauer der Elternzeit auf Antrag bei der jeweiligen Schule von der Schulpflicht befreien lassen. Voraussetzung für die Befreiung ist allerdings, dass das Baby nicht anderweitig betreut werden kann.223 6.1.3 222 vgl. Nees-Delaval; 2005; S. 295f. und vgl. Grönert; 2005; S. 81–101 und vgl. www.bmfsfj.de (Stand: 27.10.2018) 223 vgl. Lucks-Kuhl; 2003; S. 15 6.1 Grundlegende rechtliche Ansprüche 103 Freistellung bei Krankheit des Kindes Jede alleinerziehende Mutter hat grundsätzlich Anspruch darauf, 20 Tage im Jahr von der Arbeit fernzubleiben, um ihr krankes Kind zu pflegen. Dies gilt grundsätzlich bis zum 12. Geburtstag eines Kindes. Hierzu muss ein Attest des Arztes vorgelegt werden. In Ausnahmefällen kann sich dieser Anspruch durch individuelle Vertragsgestaltung anders gestalten oder ganz entfallen.224 Finanzielle Hilfen Mutterschaftsgeld Jede werdende Mutter, die zur Zeit der Schwangerschaft in einem Arbeitsverhältnis steht, hat Anspruch auf die Zahlung von Mutterschaftsgeld für die Zeit des Mutterschutzes sechs Wochen vor und bis acht oder zwölf Wochen nach der Geburt. Der Lohn wird bei Frauen, die gesetzlich krankenversichert sind, während des Mutterschutzes weiterbezahlt. Einen täglichen Betrag von bis zu 13 € übernimmt die Krankenkasse, den Restbetrag zum bisherigen Nettoverdienst begleicht der Arbeitgeber.225 Elterngeld Das Elterngeld hat im Jahr 2007 das bis dahin gewährtes Erziehungsgeld abgelöst. Es ist im Gegensatz zum Erziehungsgeld eine Familienleistung, die abhängig vom jeweiligen Einkommen gewährt wird und das Ziel der verbesserten Vereinbarkeit von Berufsleben und Elternschaft verfolgt. Das Mindestelterngeld von 300 € wird allen Eltern gewährt, die nach der Geburt des Kindes ihr Kind selbst betreuen und maximal 30 Wochenstunden arbeiten. Allerdings wird auch der Min- 6.1.4 6.2 6.2.1 6.2.2 224 vgl. Verband alleinerziehender Mütter und Väter – Bundesverband e.V.; 2004; S. 145ff. 225 vgl. Grönert; 2005; S. 65–73 und vgl. Nees-Delaval; 2005; S. 191f. 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 104 destbetrag Elterngeld in Höhe von 300 € bei Sozialleistungen wie ALG II und beim Kinderzuschlag als Einkommen voll angerechnet, wenn die Eltern vor der Geburt des Kindes nicht erwerbstätig waren226. Bayerisches Familiengeld Das Bayerische Familiengeld ist eine spezifische Leistung des Freistaates Bayern und löst mit 01.09.2018 das Landeserziehungsgeld und das Betreuungsgeld in Bayern ab. Für Geburten nach dem 01.10.2015 können Eltern für das erste und zweite Kind mtl. 250 € und ab dem dritten Kind mtl. 300 € in der Zeit zwischen dem 13. und 36. Lebensmonat des Kindes erhalten. Das Bayerische Familiengeld ist im Gegensatz zum Elterngeld einkommensunabhängig. Allerdings ist das Bayerische Familiengeld nach einer Entscheidung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales entgegen der Auffassung der Bayerischen Staatsregierung auf Sozialleistungen wie SGB II – Leistungen anzurechnen. Bayern hat damit begonnen das Bayerische Familiengeld auszuzahlen. Rechtsklarheit zur Anrechnung gibt es bis dato nicht.227 Kindergeld Kindergeld erhalten alle Eltern, die in Deutschland mit ihrem Kind zusammen in einem Haushalt leben ab der Geburt des Kindes. Für das Kindergeld ist das Einkommen der Eltern nicht relevant. Für jedes erste und zweite Kind bekommen die Eltern 194 €, für das Dritte 200 € und für das vierte und alle weiteren Kinder 225 € im Monat. Anträge auf Kindergeld werden schriftlich bei der Familienkasse der zuständigen Agentur für Arbeit gestellt.228 6.2.3 6.2.4 226 Weitere Informationen zum Elterngeld finden Sie unter www.zbfs.bayern.de 227 vgl. www.zbfs.bayern.de (Stand 27.10.2018) 228 vgl. Nees-Delaval; 2005; S. 293f. und vgl. Verband alleinerziehender Mütter und Väter – Bundesverband e.V.; 2004; S. 43f. und vgl. www.familienkasse.de (Stand: 27.10.2018) 6.2 Finanzielle Hilfen 105 Unterhaltsvorschuss Wenn ein Vater, mit dem die Mutter nicht verheiratet ist, von dem sie geschieden oder dauerhaft getrennt ist, keinen Unterhalt zahlt oder sein Aufenthaltsort nicht bekannt ist, dann gibt es die Möglichkeit, Unterhaltsvorschuss zu beantragen. Gleiches gilt für verwitwete Frauen. Ein Antrag kann von der Mutter beim zuständigen Jugendamt gestellt werden. Bezieht die Mutter Leistungen nach SGB II oder XII, so ist sie sogar verpflichtet, den Antrag auf Unterhaltsvorschuss zu stellen, da es sich hierbei um eine vorrangige staatliche Leistung handelt. Der gezahlte Unterhaltsvorschuss zählt dann als Einkommen des Kindes und wird auf die Leistungen nach SGB II und XII angerechnet. Unterhaltsvorschuss kann insgesamt für zwölf Jahre gezahlt werden, jedoch nur für Kinder im Alter zwischen null und zwölf Jahren. Zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr kann weiterhin Unterhaltsvorschuss für das Kind bezogen werden, wenn keine SGB II-Leistungen bezogen werden. Ist der Vater des Kindes zu einem späteren Zeitpunkt zahlungsfähig, wird das gewährte Geld von ihm zurückgefordert werden. Aus diesem Grund ist die Mutter gesetzlich verpflichtet, bei der Antragsstellung den Vater und seinen Aufenthaltsort bekannt zu geben, wenn sie diesen kennt. Weigert sie sich, entfällt der Anspruch auf Unterhaltsvorschuss. Ausnahmefälle diesbezüglich sind diejenigen, in denen die Mutter den Vater nicht kennt oder es triftige Gründe gibt, den Namen nicht zu nennen. Die monatliche Höhe des Unterhaltsvorschusses beträgt seit dem 01.01.2018 154 € für Kinder von 0–5 Jahren, 205 € für Kinder von 6–11 Jahren und 273 € für Kinder von 12–17 Jahren. Der Anspruch auf Unterhaltsvorschuss bleibt auch dann bestehen, wenn die Mutter mit einem neuen Partner zusammenlebt. Allerdings darf dieser Mann nicht Vater des Kindes sein. Heiratet die Mutter erneut, entfällt der Anspruch.229 6.2.5 229 vgl. Nees-Delaval; 2005; S. 294 und vgl. Verband alleinerziehender Mütter und Väter – Bundesverband e.V.; 2004; S. 89–91 und vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; und vgl. www.bmfsfj.de (Stand: 27.10.2018) 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 106 Zuschuss zur Kinderbetreuung Minderjährige Mütter können beim zuständigen Jugendamt einen Zuschuss zu den Kinderbetreuungskosten beantragen, wenn sie sich in einer Schul- oder Berufsausbildung befinden oder in einem festen Arbeitsverhältnis stehen und unter eine bestimmte Einkommensgrenze fallen.230 Landesstiftung `Hilfe für Mutter und Kind´ Bei der Landesstiftung `Hilfe für Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens´ kann jede schwangere Frau, die ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Bayern hat und sich in einer Notlage befindet – so auch minderjährige Mütter ohne die Einwilligung ihres gesetzlichen Vertreters –, einen Antrag auf einmalige Beihilfe für Anschaffungen wie zum Beispiel Schwangerschaftsbekleidung, Babyausstattung, Kindermöbel oder eine Waschmaschine stellen. Der Antrag kann jedoch nicht direkt bei Landesstiftung, sondern muss über eine vorangestellte staatlich anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen gestellt werden. Der Antrag bei der Stiftung muss vor der Geburt des Kindes gestellt werden, um Förderleistungen zu erhalten. Im Antragsverfahren werden der Mutterpass und die Einkommensverhältnisse überprüft. Stiftungsgelder kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn vorrangige Sozialleistungen nicht gewährt wurden oder nicht ausreichen und sich die Schwangere in einer Notlage befindet. Es besteht allerdings kein Rechtsanspruch auf diese Leistungen. Die gewährten Zuschüsse werden nicht auf die Leistungen des Arbeitslosengeldes II oder der Sozialhilfe angerechnet.231 6.2.6 6.2.7 230 vgl. Lucks-Kuhl; 2003; S. 16 231 www.zbfs.bayern.de (Stand: 27.10.2018) und vgl. www.stmas.bayern.de (Stand: 27.10.2018) 6.2 Finanzielle Hilfen 107 Spezielle Leistungen nach SGB II bei Schwanger- und Mutterschaft Grundsätzlich bildet die minderjährige Mutter, wenn sie alleinerziehend ist, mit ihrem Kind eine eigene Bedarfsgemeinschaft nach § 7 SGB II. Ist die minderjährige Mutter verheiratet, bildet sie im Umkehrschluss zu § 7/Abs. 3/Nr. 4 SGB II mit ihrem Partner und dem Kind ebenso eine eigene Bedarfsgemeinschaft, denn minderjährige verheiratete Kinder gehören nicht zur Bedarfsgemeinschaft ihrer Eltern.232 Für schwangere Frauen gibt es nach § 21/Abs. 2 SGB II ab der 13. Schwangerschaftswoche einen monatlich gewährten Mehrbedarf. Die Zahlung erfolgt bis zum tatsächlichen Entbindungstermin. Darüber hinaus haben Alleinerziehende nach der Entbindung Anspruch auf einen monatlichen Mehrbedarf für Alleinerziehende, der bei einem Kind unter 7 Jahren nach § 21/Abs. 3/S. 1 SBG II 36% des Regelsatzes beträgt. Als einmalige Leistungen im Rahmen des SGB II haben Schwangere sowohl Anspruch auf eine Pauschale für die Erstausstattung des Babys (Kinderwagen, Hochstuhl, Wickeltisch oder Ähnliches) auf eine Pauschale für die eigene Schwangerschaftsbekleidung und die Babyerstausstattung mit Babybekleidung.233 Wohngeld Wohngeld kann von minderjährigen Müttern beantragt werden, die in einem Arbeitsverhältnis stehen, wenn ihr Einkommen nicht ausreicht, um die Kosten für die Miete zu bestreiten. Empfänger von SGB II- Leistungen können kein Wohngeld beantragen, da die Kosten für die Wohnung bereits im Arbeitslosengeld II enthalten sind. Entscheidend für die Gewährung von Wohngeld sind das monatliche Familieneinkommen, die monatliche Miete und die Anzahl der Familienmitglieder, die in der Wohnung leben. Anträge können bei der jeweiligen ört- 6.2.8 6.2.9 232 vgl. Sozialgesetzbuch – Zweites Buch; 2005; S. 7f. und vgl. Arbeitnehmerkammer Bremen: Bedarfsgemeinschaft; URL: http://www.arbeitnehmerkammer24.de/ sozialpolitik/ doku/05.soziales/sgb_ii/alg_ii_abisz.htm 233 vgl. Sozialgesetzbuch – Zweites Buch; 2005; S. 15ff. 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 108 lichen Wohngeldstelle (Stadtverwaltung, Landratsamt, Gemeindeverwaltung) gestellt werden.234 Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen Minderjährige Mütter, die in der gesetzlichen Krankenkasse versichert sind, haben während der Schwangerschaft Anspruch auf die folgenden Leistungen: – Ärztliche Vorsorgeuntersuchungen – Hebammenhilfe – Beratung und Betreuung – Vorsorge – Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden – Geburtsvorbereitung – Begleitung der Geburt – Nachsorge im Wochenbett – Stillberatung und Rückbildungsgymnastik – Versorgung mit Arznei-, Verband- und Heilmitteln – Stationäre Entbindung – Häusliche Pflege – Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung, wenn sie vom Arzt oder der Hebamme als notwendig erachtet wird, z.B. weil eine Fehlgeburt zu befürchten ist und die Pflege von keinem Angehörigen geleistet werden kann – Haushaltshilfe – Wenn die Mutter aufgrund von Schwangerschaft und Entbindung den Haushalt nicht weiterführen kann und dies auch von keiner anderen Person übernommen werden kann – Mutterschaftsgeld An dieser Stelle ist festzuhalten, dass auch Mütter, die arbeitslos sind und Leistungen nach SGB II beziehen, als Pflichtmitglieder in der ge- 6.2.10 234 vgl. Verband alleinerziehender Mütter und Väter – Bundesverband e.V.; 2004; S. 91f. und vgl. Häußler-Sczepan, u.a.; 2005; S. 36 6.2 Finanzielle Hilfen 109 setzlichen Krankenkasse versichert werden und ebenso Anspruch auf die genannten Leistungen haben.235 Berufsausbildungsbeihilfe Im Rahmen einer Erstausbildung oder für Teilnehmer an berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen kann im Fall der Bedürftigkeit Berufsausbildungsbeihilfe bei der Bundesagentur für Arbeit beantragt werden.236 Sozialpädagogische Unterstützung Schwangerenberatung Neben den finanziellen Unterstützungsleistungen haben minderjährige Schwangere auch Anspruch auf sozialpädagogische Beratung und Unterstützung. So sind staatlich anerkannte und kirchliche Schwangerenberatungsstellen mögliche erste Anlaufstellen für die minderjährige Schwangere, bei denen sie kostenlose und vertrauliche Beratung zu Fragen der Schwangerschaft, zu Möglichkeiten der Diagnostik während der Schwangerschaft oder Informationen bezüglich Empfängnisverhütung und Familienplanung nach der Schwangerschaft erhält. Darüber hinaus informiert die Beratungsstelle über staatliche Leistungen, Rechte und Ansprüche. Das Aufsuchen einer Beratungsstelle und das Gespräch mit Fachkräften kann die junge Schwangere dabei unterstützen, ihre Lebenssituation näher zu betrachten, die anstehenden Veränderungen durch das Kind zu thematisieren und mögliche Hilfen zu er- örtern.237 6.2.11 6.3 6.3.1 235 vgl. Verband alleinerziehender Mütter und Väter – Bundesverband e.V.; 2004; S. 30 und vgl. Marburger; 2005; S. 52–70 236 vgl. Verband alleinerziehender Mütter und Väter – Bundesverband e.V.; 2004; S. 124ff. 237 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 117f. und 120f. 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 110 Anonyme und vertrauliche Geburt Bisweilen gestalten sich die Lebenslangen junger Schwangerer so komplex, dass die Entscheidung, das Kind anonym oder vertraulich zu gebären, der einzig gangbare Weg ist. Dieser Schritt ist bedauerlicherweise noch immer gesellschaftlich stigmatisiert und erfährt wenig Anerkennung. Um so wichtiger ist es, junge Mädchen nicht alleine zu lassen und sie durch eine geschützte Beratungssituation und einfühlsames Verständnis auf diesem Weg zu begleiten, um individuelle Lösungswege zu erarbeiten und das Leben des Kindes zu ermöglichen, wenn dies auch nicht immer ein Leben mit der leiblichen Mutter bedeutet. In Bayern gibt es seit dem Jahr 2001 mit dem MOSES-Projekt der staatlich anerkannten Schwangerenberatungsstellen von DONUM VI- TAE für Schwangere, die sich in ausweglosen und belastendenden Lebenswelten befinden, fest implementierte und juristisch abgesicherte Strukturen, ein Kind anonym unter ärztlicher Betreuung und Aufsicht innerhalb eines Klinikums auf die Welt zu bringen. Auch die Beratung und Begleitung der Schwangeren vor, während und nach der Geburt des Kindes erfolgt auf Wunsch unter Zusicherung der Anonymität. Nach der Geburt wird das Neugeborene zuerst acht Wochen in einer Pflegefamilie und danach in einer Adoptionsfamilie untergebracht. Für die leibliche Mutter besteht auch nach der Geburt noch die Möglichkeit, das Kind zu sich zurückzunehmen, sich für die Unterbringung in einer Pflegefamilie zu entscheiden oder das Kind selbst zur Adoption freizugeben. Allerdings erfordert dies die Aufgabe der Anonymität seitens der leiblichen Mutter. Bezogen auf die gesamtdeutsche Situation trat 2014 mit dem Angebot der vertraulichen Geburt eine bundesweit geltende gesetzliche Neuregelung in Kraft. Die vertrauliche Geburt erfordert von der werdenden Mutter einen einmaligen Nachweis ihrer Identität. Die Personalien der Mutter werden zentral verwaltet und können von dem zur Welt gebrachten Kind mit Vollendung des 16. Lebensjahres eingesehen werden. Die Mutter hat darüber hinaus im Falle von schwerwiegenden Gründen das Recht zur Wahrung der Anonymität. Damit ermöglicht die vertrauliche Geburt ebenso eine Geburt unter medizinisch sicheren Rahmenbedingungen und unter Wahrung der Schweigepflicht. 6.3.2 6.3 Sozialpädagogische Unterstützung 111 Die Angebote der anonymen und vertraulichen Geburt sind für junge Frauen, die sich in einer Notlage befinden ein unverzichtbares Hilfeangebot, um die Gesundheit und das Leben der Mutter und des Kindes zu schützen. Weitere detaillierte Informationen zum komplexen Thema, die den Rahmen dieser Publikation sprengen würden, entnehmen Sie bitte den Webseiten, die im Kapitel 12 angeführt sind. Hier erhalten sowohl Betroffene als auch Fachkräfte Informationen sowie Beratung und Unterstützung. Öffentlicher Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Der öffentliche Kinder- und Jugendgesundheitsdienst ist Teil des Gesundheitsamtes. Grundsätzlich können sich Familien oder Mütter und Väter mit Kindern im Alter von null bis zwei Jahren an den Kinderund Jugendgesundheitsdienst wenden. Für Familien mit Kindern über zwei Jahren ist das Jugendamt primärer Ansprechpartner. Das Jugendamt wird generell auch dann hinzugezogen, wenn das Kindeswohl nach § 1666 BGB gefährdet ist. Den Kontakt zum Kinder- und Jugendgesundheitsdienst können die Eltern selbst suchen. Wird in einer Familie ein Kind geboren, erhalten die Eltern einen Informationsbrief für die Angebote des Dienstes. Dem Ziel, alle Familien mit einem Neugeborenen persönlich zu Hause zu besuchen, kann heute aufgrund von Personalmangel und Sparmaßnahmen nicht immer flächendeckend nachgekommen werden. Allerdings werden bei Alleinerziehenden und minderjährigen Müttern auch heute noch Ersthausbesuche durchgeführt. Beim Hausbesuch beurteilen die Sozialpädagoginnen den Pflegeund Ernährungszustand des Säuglings. Des Weiteren wird die häusliche Umgebung begutachtet und nachgesehen, ob für den Säugling alle relevanten Dinge, die er für eine gesunde Entwicklung benötigt, vorhanden sind. Beim Hausbesuch werden auch Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen kontrolliert und die Eltern über mögliche Angebote und die kostenlose Beratung informiert. Die Eltern können sich grundsätzlich mit allen pädagogischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen an den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst wenden, sie werden präventiv und gesundheitsbezogen in allen Fragen rund um die Pflege, Ernährung, Gesundheit und Entwicklung des Säuglings beraten, 6.3.3 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 112 erhalten Informationen über gesetzliche Leistungen und Ansprüche oder familienrechtliche Fragen. Je nach Bedarf geben die Sozialpädagoginnen auch Hilfestellung bei Fragen zur Erziehung und beraten bei Problemen in Partnerschaft und Familie. Für Säuglinge und Kleinkinder bis zu 2 Jahren werden von den Ärztinnen im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst vor allem bei den Familien, bei denen für die Kinder keine Krankenversicherung besteht oder Termine für die Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen bereits überschritten worden sind, Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen kostenlos durchgeführt. Regelmäßig erteilen die jeweiligen gesetzlichen Vormünder den jungen Müttern die Auflage, sich und das Kind bis zur Volljährigkeit der jungen Mutter regelmäßig im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst vorzustellen. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es sich beim Kinder- und Jugendgesundheitsdienst der Gesundheitsämter um ein Berlinspezifisches Angebot handelt, welches es in dieser Form in Bundesland Bayern nicht gibt.238 KoKi – Koordinierende Kinderschutzstellen Um die Zusammenarbeit der Gesundheitsdienste und der Kinder- und Jugendhilfe zu intensivieren wurden mit dem Ziel der systematischen Vernetzung durch das Bayerische Familienministerium im Jahr 2009 flächendeckend Koordinierende Kinderschutzstellen – KoKi eingeführt. KoKi, das Netzwerk frühe Kindheit ist ein niedrigschwelliges Angebot für Alleinerziehende und Familien. (Werdende) Eltern erhalten bei dieser zentralen Anlaufstelle Informationen zur kindlichen Entwicklung, zu regionalen Unterstützungs- und Hilfeangeboten und Leistungsansprüchen. KoKi hat verfolgt zudem die Intention, Hürden 6.3.4 238 Die Inhalte dieses Abschnitts stammen überwiegend aus den praktischen Erfahrungen, die ich während eines Praxiseinsatzes im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Neukölln sammeln konnte. Sie beschreiben Strukturen des Kinderund Jugendgesundheitsdienstes in Berlin. Sie sind nicht generell auf andere Bundesländer übertragbar, jedoch vor allem in Hinblick auf die geführten Interviews mit minderjährigen Müttern aus dem Bezirk Berlin-Neukölln relevant. Vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 404 vgl. Meireis; URL: http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Programme/a_Angebote_und_Hilfen/s1132.html 6.3 Sozialpädagogische Unterstützung 113 zu Ämtern abzubauen. Die Inanspruchnahme des Angebots basiert auf Freiwilligkeit und erfolgt nicht im Zwangskontext.239 Jugendamt Für Fragen hinsichtlich der Erziehung und Entwicklung des Kindes finden Eltern und Erziehungsberechtigte im Jugendamt einen Ansprechpartner, erhalten dort Beratung, Begleitung und Unterstützung rund um das Thema Familie. Im Folgenden werden einzelne Angebote des Jugendamtes, speziell die Leistungen der Jugendhilfe, näher erläutert, die grundsätzlich allen Eltern zur Verfügung stehen und auch für junge Mütter von besonderem Interesse sein können.240 Ausgewählte Leistungen der Jugendhilfe nach dem SGB VIII § 17 SGB VIII: Beratung hinsichtlich Partnerschaft, Trennung und Scheidung Mütter und Väter, die Personensorgeberechtigte sind oder tatsächlich für ein Kind sorgen, haben gemäß § 17/Abs. 1/Ziff. 1 und 2 SGB VIII einen einklagbaren Rechtsanspruch auf Beratung, die primär den Zweck erfüllt, eine Trennung zu vermeiden und Wege zur Fortführung der Partnerschaft aufzuzeigen, das heißt Hilfe bei Konflikten in der Familie anbietet, zwischen den Partnern vermittelt und bei Partnerschaftskonflikten berät. Ist ein gemeinsamer Weg der Eltern nicht mehr möglich, können Eltern nach § 17/Abs. 1/Ziff. 3 und Abs. 2 SGB VIII dahingehend beraten werden, trotz Trennung und Scheidung die gemeinsame Erziehungsverantwortung für die Kinder weiterhin wahrzunehmen.241 6.3.5 6.4 6.4.1 239 vgl. https://www.blja.bayern.de/hilfen/koki/index.php (Stand: 28.10.2018) 240 vgl. Textor & Winterhalter-Salvatore; URL: http: www.familienhandbuch.de/ cmain/f_ Programm/a_Angebote_und_Hilfen/s83.html 241 vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 22 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 114 § 18 SGB VIII: Beratung und Unterstützung zur Ausübung der Personensorge Gemäß § 18/Abs. 1 SGB VIII haben Mütter, denen die alleinige elterliche Sorge zusteht oder die tatsächlich allein für ein Kind sorgen, Anspruch auf Beratung und Unterstützung bei der Ausübung der Personensorge, hier speziell auch zu Erziehungsfragen und hinsichtlich der Unterhaltsansprüche des Kindes. Darüber hinaus können sie nach § 18/Abs. 2 SGB VIII hinsichtlich ihrer Unterhaltsansprüche nach § 1615 l BGB beraten werden. Nach § 18/Abs. 3/S. 3 SGB VIII haben Eltern darüber hinaus Anspruch auf Beratung hinsichtlich des Umgangs mit dem Kind. Diese Beratung kann auch von dem Elternteil in Anspruch genommen werden, der nicht mit dem Kind zusammenlebt, sowie von Großeltern, Geschwistern, Stiefeltern und ehemaligen Pflegeeltern. Im Rahmen der Beratungsangebote nach § 18 SGB VIII kann die Mutter zudem über die Möglichkeit der Beistandschaft durch das Jugendamt, die oben bereits erläutert wurde, aufgeklärt werden.242 § 19 SGB VIII: Gemeinsame Wohnform für Mutter und Kind Bei Mutter/Vater-Kind-Einrichtungen nach § 19 SGB VIII handelt es sich um eine stationäre Wohnform für Schwangere und Mütter/Väter mit ihren Kindern. Das Angebot richtet sich an junge Eltern, die allein für ein Kind sorgen und die aufgrund ihrer Persönlichkeitsentwicklung mit der Verantwortung für die Erziehung und Pflege eines Kindes und der Bewältigung des Lebensalltags überfordert sind. Allerdings kann jeweils nur ein Elternteil mit Kind aufgenommen werden und das nur bis zum 6. Geburtstag des Kindes. Das Angebot soll die Persönlichkeitsentwicklung fördern, auf ein eigenständiges Leben vorbereiten und die Möglichkeit des Absolvierens einer Schulausbildung oder Lehre bei gleichzeitiger flexibler Kinderbetreuung ermöglichen.243 6.4.2 6.4.3 242 vgl. Tammen; 2004a; S. 325f. und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 22f. und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 394 243 vgl. Klees-Möller; 1993; S. 1f. und vgl. Tammen; 2004a; S. 326 und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 23 6.4 Ausgewählte Leistungen der Jugendhilfe nach dem SGB VIII 115 Da minderjährige Mütter selbst noch Kinder sind, müssen ihre Eltern als Sorgeberechtigte im Rahmen des Aufenthaltsbestimmungsrechts ihre Ermächtigung zu dem Aufenthalt in der gemeinsamen Wohnform gemäß § 1688 BGB erteilen, das heißt, die Mitarbeiter der Einrichtung werden zur Wahrnehmung von Angelegenheiten der tatsächlichen Personensorge ermächtigt. Der gesetzliche Amtsvormund des Kindes der minderjährigen Mutter muss ebenfalls zustimmen, da er sich mit der minderjährigen Mutter die tatsächliche Personensorge, die auch das Aufenthaltsbestimmungsrecht beinhaltet, teilt. Stimmen die Eltern der minderjährigen Tochter der Maßnahme nach § 19 SGB VIII nicht zu, obwohl der Aufenthalt im Mutter-Kind-Heim zum Wohl der Minderjährigen beitragen würde, kann ein Antrag beim Familiengericht über den § 1666 BGB folgen und den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen werden, so dass die Minderjährige letztlich auch ohne Zustimmung ihrer Eltern in die Einrichtung ziehen kann.244 In neueren Ansätzen wird versucht, das stationäre Wohnen so zu gestalten, dass der spätere Übergang in eine eigene Wohnung leichter fällt. In manchen Einrichtungen ist es nun möglich, dass auch der Vater mit der Mutter und dem Kind zusammenwohnt. Häufig werden Kurse zu Themen wie Säuglingspflege, Erziehung und Führung eines eigenen Haushaltes angeboten.245 § 23 SGB VIII: Tagespflege Tagespflege nach § 23 SGB VIII umfasst die stundenweise bis ganztägige Betreuung eines Kindes in den ersten Lebensjahren durch eine Tagesmutter. Eine Tagespflegeperson können sich die Eltern entweder selbst suchen oder diese durch das Jugendamt vermittelt bekommen. Tagesmütter, die das Jugendamt vermittelt, werden auch durch das Jugendamt finanziert, privat organisierte nicht. Allerdings erhebt auch 6.4.4 244 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 122f. und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 23 und vgl. Bürgerliches Gesetzbuch; 2003; S. 404 und S. 408 245 vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 122f. 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 116 das Jugendamt für die Tagespflege einen Kostenbeitrag in Abhängigkeit vom elterlichen Einkommen.246 § 24 SGB VIII: Tageseinrichtungen Tageseinrichtungen können in Form von Krippen, Krabbelstuben, einem Kindergarten oder Kinderhort organisiert sein und sollen den Eltern eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Erziehung ermöglichen. Im Mittelpunkt stehen jedoch die Förderung der Persönlichkeit und die Entwicklung des Kindes. Gebühren, die die Eltern für Tagesbetreuung leisten müssen, sind abhängig vom Einkommen und der Kinderzahl. Einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz, der sich nicht an weitere Voraussetzungen knüpft, haben die Eltern ab dem 3. Geburtstag des Kindes. Allerdings wird kein Anspruch auf einen Ganztagsplatz garantiert. Auf die Betreuung ihrer Kinder, die unter drei Jahre alt sind, haben Eltern keinen Rechtsanspruch. Sind in einer Krippeneinrichtung mehr Bewerber als Plätze vorhanden, sind Kriterien für die Vergabe häufig folgende: Frühzeitige Anmeldung, Alleinerziehend, sich in Ausbildung befindend oder volle Berufstätigkeit beider Eltern.247 § 27 SGB VIII: Hilfen zur Erziehung Hilfen zur Erziehung nach § 27 SGB VIII in Verbindung mit § 2/ Abs. 2/Nr. 4 SGB VIII kann die minderjährige Mutter ab dem vollendeten 15. Lebensjahr aufgrund des § 36/Abs. 1/SGB I selbst beantragen. Der gesetzliche Amtsvormund muss der Hilfe zwar zustimmen, jedoch kann er nicht gegen den Willen der minderjährigen Mutter Hilfen zur Erziehung beantragen. Denkbare Hilfen für minderjährige Mütter wären beispielsweise Erziehungsberatung nach § 28 SGB VIII, Sozialpädagogische Familienhilfe nach § 31 SGB VIII, die im Alltag 6.4.5 6.4.6 246 vgl. Tammen; 2004a; S. 329 und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 24f. 247 vgl. Tammen; 2004a; S. 327 – 329 und vgl. Verband alleinerziehender Mütter und Väter – Bundesverband e.V.; 2004; S. 140–143 und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 25 6.4 Ausgewählte Leistungen der Jugendhilfe nach dem SGB VIII 117 der jungen Familie unterstützend wirkt, oder auch eine intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung nach § 35 SGB VIII, das bedeutet eine Betreuung, die speziell an der Lebenssituation der minderjährigen Mütter orientiert ist, ihre Kompetenzen stärkt, Lernprozesse fördert und sowohl die soziale Integration als auch die eigenverantwortliche Lebensführung fördert.248 Zusammenfassung und Diskussion der Hilfen Die Darstellung der Hilfeangebote in Kapitel 6 zeigt, dass es in Deutschland ein durchaus vielseitiges Angebot an rechtlichen Ansprüchen, finanziellen Hilfen und sozialpädagogischer Unterstützung für Schwangere, Eltern und Alleinerziehende gibt. Allerdings erscheinen nicht alle Angebote für die besondere Lage der minderjährigen Mütter geeignet. Hinsichtlich der rechtlichen Ansprüche ist – wie bereits in Kapitel 5.3.9 angedeutet – anzumerken, dass die Kombination von Mutterschutz, Elternzeit und die damit zusammenhängende Befreiung von der Schulpflicht oder der Ausbildung einen Bruch in der Bildungsbiographie der jungen Mädchen bedeutet, bei dem ihnen wichtige Jahre im Ausbildungssystem verloren gehen. Wenn die jugendlichen Mütter den Wiedereinstieg nach der Elternzeit überhaupt schaffen, sind sie häufig die Ältesten der Klasse oder des Ausbildungsverbandes und wieder Außenseiter. Wenn nicht, besteht die Gefahr, dass sie dauerhaft ohne Schulabschluss, Qualifikation und Ausbildung und damit auf dem Arbeitsmarkt chancenlos bleiben. Die Betrachtung der finanziellen Hilfen zeigt – wie dies bereits das Kapitel 5.3.9 in Zahlen getan hat -, dass minderjährige Mütter während der ersten zwei Lebensjahre des Kindes auch ohne eigenständige Erwerbsarbeit relativ gut abgesichert sind. Problematisch ist dies dahingehend, als dass der minderjährigen Mutter durch den Bezug von SGB II Leistungen und Erziehungsgeld eine finanzielle Situation er- 6.5 248 vgl. Meysen; 2003; S. 12 und vgl. Bindel-Kögel; 2004; S. 123 und vgl. Tammen; 2004a; S. 330f. und vgl. Sozialgesetzbuch – Achtes Buch; 2004; S. 17 und S. 26f. und vgl. Sozialgesetzbuch – Erstes Buch; 2004; S. 15 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 118 möglicht wird, die sie – ohne Abschluss und Ausbildung – nach Wegfall des Erziehungsgeldes nicht aufrechterhalten kann. Die relativ gute Versorgung in den ersten Jahren kann dazu führen, dass die Minderjährige sich gar nicht mit der Möglichkeit einer Ausbildung auseinandersetzen muss, weil sie erst einmal alles hat, was sie braucht. Wenn die Mutter nach der Elternzeit mit ihrer Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert wird und der Wegfall des Erziehungsgeldes finanziell spürbar wird, besteht die Gefahr, dass dann eine erneute Mutterschaft die gute Versorgungslage wiederherstellt. Der scheinbare `Ausweg Mutterschaft´ kann dann wieder zu einer sinn- und identitätsstiftenden und vorübergehend absichernden Alternative zur Erwerbsarbeit werden. Im Vergleich zu 2006 haben sich diese Rahmenbedingungen dahingehend verändert, dass das Erziehungsgeld durch das Elterngeld ersetzt wurde. Elterngeld wird als Einkommen gewertet und auf die SGB II Leistungen angerechnet, so dass sich die Versorgungssituation für Mutter und Kind in den ersten Lebensjahren des Kindes deutlich verschlechtert hat. Ebenso ambivalent erscheint die Gewährung von Arbeitslosengeld II für minderjährige Mütter und ihre Kinder. Die Möglichkeit als eigene Bedarfsgemeinschaft betrachtet zu werden, bietet den Vorteil, dass sich die minderjährige Mutter mit einer eigenen Wohnung und einem eigenen Haushalt verstärkt von den Eltern lösen kann und nicht in der Abhängigkeit verbleiben muss. Dieses Angebot unterstützt die Loslösung vom Elternhaus trotz Schwanger- und Mutterschaft. Andererseits könnte diese Hilfe für junge Mädchen dahingehend verlockend sein, dass ein Kind überhaupt erst die Möglichkeit zu räumlicher und finanzieller Selbstständigkeit eröffnet und sie dadurch Unabhängigkeit von den Eltern erreichen, eine eigene Wohnung bekommen und der ohnehin oft lästigen Schule fernbleiben können – Dinge, die ihnen ohne Kind versagt bleiben. Als besonders positiv sind die kostenlosen Leistungen der Krankenkassen zu bewerten, die auch jungen Müttern, die SGB II-Leistungen empfangen, eine umfassende medizinische Versorgung vor und nach der Geburt gewähren und ein umfassendes Angebot für die Gesundheit von Mutter und Kind zur Verfügung stellen. Die Betrachtung der sozialpädagogischen Unterstützungsangebote macht deutlich, dass es nach dem SGB VIII nur ein einziges Angebot 6.5 Zusammenfassung und Diskussion der Hilfen 119 gibt, das eine spezielle sozialpädagogische Begleitung und Unterstützung für minderjährige Mütter offeriert, nämlich die Mutter-Kind- Heime nach § 19 SGB VIII. Hierbei handelt es sich allerdings um eine stationäre Wohnform für Mutter und Kind, die nicht zwingend für alle minderjährigen Mütter geeignet ist. Nicht alle junge Mütter benötigen diese intensive Betreuung. Ambulante Angebote für minderjährige Mütter, die einen Teil des Leistungsspektrums nach § 19 SGB VIII beinhalten, wie beispielsweise Unterstützung und praktische Anleitung bei der Pflege und Erziehung des Kindes, hinsichtlich der Führung des eigenen Haushalts und der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung der jungen Mutter, fehlen weitgehend. Zwar haben die Mädchen die Möglichkeit, Schwangerenberatungsstellen aufzusuchen, die grundsätzlich in Bezug auf die Aufklärung über Leistungen, Rechte und Ansprüche ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot bereitstellen. Diese Beratungsstellen sind aber grundsätzlich Anlaufstellen für alle Schwangeren und bieten darüber hinaus nicht zwingend spezielle Hilfen an, die unmittelbar an der Lebenslage minderjähriger Mütter orientiert sind. Ein Beratungsund Betreuungsangebot, bei dem direkt auf die junge Mutter zugegangen wird, stellt die Beratung im Rahmen der gesetzlichen Amtsvormundschaft dar, unter der der Säugling einer minderjährigen unverheirateten Mutter steht, bis diese volljährig wird oder ihren volljährigen Partner heiratet. Problematisch an diesem Angebot ist, dass es verpflichtend ist und die minderjährige unverheiratete Mutter nicht wählen kann, ob sie dieses Beratungs- und Betreuungsangebot möchte oder nicht. Das kann als Belastung und Kontrolle erlebt werden (`Jetzt werde ich vom Jugendamt betreut, weil die glauben, ich schaff´ das nicht´) und eine innere Haltung der Abwehr gegen das Beratungsangebot forcieren, obwohl die Inhalte der Beratung hinsichtlich Vaterschaftsanerkennung und Unterhaltsgewährung und Vermittlung zu weiteren Hilfen durchaus als sinnvoll und passend für die Lebenslage der Minderjährigen zu betrachten und die gesetzlichen Amtsvormünder inhaltlich darauf spezialisiert sind. Darüber hinaus ist an dieser Stelle kritisch anzumerken, dass verheirateten minderjährigen Müttern dieses Angebot nicht zur Verfügung steht, obwohl sie sich grundsätzlich in einer ähnlichen Lebenssituation befinden und aufgrund der 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 120 Kombination Jugendalter und Elternschaft ebenso Beratung und Unterstützung benötigen. Beim Angebot des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes finden die minderjährigen Mütter über die Beratung hinsichtlich der Rechte und Ansprüche hinaus Ansprechpartner zu den Themen der Pflege, Ernährung, Erziehung und Entwicklung und werden zu weiteren Hilfen beraten und im Umgang mit anderen Ämtern begleitet. Im Bezirk Berlin-Neukölln, dem Bezirk, in dem auch die nachfolgenden Interviews geführt wurden, ist es Praxis, dass alle minderjährigen Mütter und deren Säuglinge verpflichtend vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst bis zur Volljährigkeit sozialpädagogisch – die Säuglinge auch ärztlich – betreut und begleitet werden. Der verpflichtende Charakter des Angebotes sichert zwar den Schutz des Kindes, die begleitende Hilfe kann aber von der Mutter als Bevormundung erlebt werden und dadurch gegebenenfalls weniger gut angenommen werden. Ein Nachteil der Organisation des Angebotes ist zudem, dass es erst nach der Geburt einsetzt, nämlich dann, wenn dem Gesundheitsamt durch die Geburtsmeldung bekannt wird, dass ein Kind geboren wurde. Während der Schwangerschaft und vor der Geburt ist dadurch regelhaft kein Angebot möglich. Weitere Hilfen des Jugendamtes nach § 27 SGB VIII, wie beispielsweise Sozialpädagogische Familienhilfe oder Erziehungsberatung, erfordern die Erfüllung der Voraussetzung, dass ein Erziehungsdefizit vorliegt, ein Hilfeplanverfahren nach § 36 SGB VIII stattfindet und damit ein `Vertragsabschluss´ über die Hilfe zwischen dem Jugendamt und der minderjährigen Mutter erfolgt. Angesichts der oben bereits angesprochenen Tatsache, dass minderjährige Mütter häufig mit dem Vorurteil konfrontiert sind, sie könnten es nicht leisten, ihr Kind zu erziehen, kann es einer minderjährigen Mutter unter Umständen schwerfallen, eine derartige Hilfe beim Jugendamt anzunehmen. Niedrigschwellige Hilfen mit ähnlichen Inhalten fehlen hier. Als positiv kann an dieser Stelle bewertet werden, dass minderjährige Mütter, die eine Ausbildung absolvieren, oder minderjährige Alleinerziehende in der Regel Vorrang bei der Belegung der in Deutschland knappen Krippenplätze genießen. Die angeführten Aspekte zeigen, dass es einen Mangel an sozialpädagogischen Hilfen für minderjährige Mütter gibt, die ihre komplexe 6.5 Zusammenfassung und Diskussion der Hilfen 121 Lebenslage im Blickfeld haben. Es fehlen darüber hinaus ambulante Hilfen, die von den Müttern freiwillig in Anspruch genommen werden können und niedrigschwellige Angebote, die einen vereinfachten Zugang zu Hilfen gewähren. 6 Hilfeangebote für minderjährige Mütter 122

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Zusammenfassung

Jedes zehnte Kind weltweit wird von einer Mutter geboren, die selbst noch keine 20 Jahre alt ist. Auch in Deutschland sind Teenagerschwangerschaften ein Thema – eines, das bisher in der sozialpädagogischen Fachdiskussion nur wenig Beachtung gefunden hat. Vor allem die Lebenslagen von jungen Mädchen, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen leben, wurden vernachlässigt. Um diesen weißen Fleck zu füllen, befasst sich Doris Kölbl mit der frühen Mutterschaft – speziell mit der komplexen Lebenslage, in der sich minderjährige Mütter befinden. Sie durchleben einen Spagat: Die eigene Entwicklung zum Erwachsenen und die Anforderungen an eine versorgende und erziehende Mutter fordern besondere Anpassungsleistungen. Werden die bisherigen Hilfeangebote für die Mädchen dieser Herausforderung gerecht? Das vorliegende Buch gibt Anregungen, wie sozialpädagogische Hilfen für junge Mütter gestaltet werden können, um auf deren Lebenssituation als Jugendliche und Mutter adäquat einzugehen und enthält eine Zusammenstellung von relevanten Hilfeangeboten und Kontaktadressen.