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1 Einleitung in:

Doris Kölbl

Wenn Mädchen zu Müttern werden, page 1 - 6

Eine sozialpädagogische Betrachtung

2. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4192-5, ISBN online: 978-3-8288-7089-5, https://doi.org/10.5771/9783828870895-1

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Die vorliegende Arbeit möchte einen Beitrag zur sozialpädagogischen Praxis hinsichtlich der Arbeit mit minderjährigen Müttern leisten. Die Idee hierzu entstand im Rahmen meines praktischen Studiensemesters im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Berlin-Neukölln. Während der täglichen Beratungspraxis erlebte ich Mütter, für die sich durch die Geburt des Kindes viele Fragen aufwarfen und die sich neuen Anforderungen in vielen Bereichen des Lebens stellen mussten. Durch den Säugling hatte sich ihr Leben regelhaft völlig verändert, sie mussten sich neu organisieren, sowohl im persönlichen, partnerschaftlichen und familiären Umfeld als auch innerhalb der sozialen Umwelt. Vor allem Mütter, die zum ersten Mal ein Kind bekommen hatten, waren angesichts dieser Anforderungen häufig verunsichert oder gar überfordert. Hin und wieder kamen auch sehr junge Mütter, Mütter unter 18 Jahren, zum Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. Angesichts der Kenntnisse über den Stress und die Belastungen, die die Geburt eines Kindes bei vielen mir bis dahin bekannten Müttern ausgelöst hatte, und des Wissens darüber, wie einschneidend die Geburt eines Kindes und die daraus resultierende Verantwortung für das eigene Leben sein können, fragte ich mich, was es wohl für diese Mädchen bedeuten muss, inmitten ihrer Jugend ein Kind zu bekommen, und ich entschied mich dafür, diese Fragestellung zum Thema meiner Diplomarbeit zu machen und mich intensiver mit der Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter zu beschäftigen. Obwohl das Thema der frühen Mutterschaft von Zeit zu Zeit die Seiten der Bildzeitung oder die Sendeminuten von Boulevardmagazinen im Fernsehen füllt, wird bei der Suche nach geeigneter Fachliteratur schnell klar, dass das Thema der adoleszenten Mutterschaft innerhalb der Fachdiskussion bisher nur einen sehr geringen Stellenwert eingenommen hat und es nur ganz wenige Forschungsarbeiten über minderjährige Mütter gibt. 1 1 Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Lebenssituation minderjähriger Mütter. Mein besonderes Interesse gilt der Herausarbeitung ihrer komplexen Lebenslage, die sich im Wesentlichen aus der Kollision von Entwicklungsaufgaben und damit verbundenen Anforderungen, die jeweils mit dem Jugendalter und der Mutterschaft einhergehen, zusammensetzt. Darüber hinaus richtet sich die Aufmerksamkeit auf die möglichen professionellen Hilfsangebote, die den Mädchen zur Bewältigung ihrer Lebenssituation zur Verfügung stehen. Hierbei werden vor allem die Hilfen ins Blickfeld der Betrachtung genommen, die minderjährigen Müttern zur Verfügung stehen, die außerhalb von Mutter-Kind- Einrichtungen in einer eigenen Wohnung oder noch bei der Herkunftsfamilie leben. Ihre spezifische Situation und die Diskussion möglicher ambulanter Hilfsangebote wurden in der Forschungsdiskussion bisher vernachlässigt, da viele Arbeiten sich mit denjenigen jungen Müttern beschäftigen, die das stationäre Jugendhilfeangebot der Mutter-Kind-Häuser nach § 19 SGB VIII in Anspruch nehmen. Grundsätzlich besteht die Diplomarbeit aus drei großen Hauptteilen, einem theoretischen und einem empirischen Teil und den daraus resultierenden, für die sozialpädagogische Praxis konzipierten Handlungsempfehlungen. Im ersten Teil, dem theoretischen Teil der Arbeit, soll anhand der vorhandenen Fachliteratur das Thema der komplexen Lebenslage adoleszenter Mütter näher erörtert werden und aktuell zur Verfügung stehende Hilfeangebote diskutiert werden. Die Grundlage für die Erarbeitung der Themenstellung bilden drei Hauptthesen, die im Folgenden dargestellt werden: 1. Minderjährige Mütter befinden sich in einer Lebenssituation, die sich schwierig gestaltet, weil die komplexen Anforderungen des Jugendalters mit den Anforderungen der Elternschaft zusammentreffen. 2. Minderjährige Mütter benötigten zur Bewältigung ihrer Lebenssituation spezielle, zielgruppenspezifische professionelle Hilfen und Beratungsangebote. 3. Vorhandene Angebote reichen nicht aus und müssen weiterentwickelt werden. 1 Einleitung 2 Im Zusammenhang mit der Überprüfung dieser Thesen sind folgende Fragestellungen von besonderem Interesse: – Mit welchen Entwicklungsaufgaben und Anforderungen sind Jugendliche, speziell Mädchen, im Jugendalter konfrontiert? – Welche spezifischen Herausforderungen sind mit der Schwangerschaft und Mutterschaft verbunden? – Wie gestaltet sich die Lage alleinerziehender Mütter im Besonderen? – Was ist ein kritisches Lebensereignis und wodurch unterscheidet es sich von anderen Lebensereignissen? – Inwieweit kollidieren bei der Mutterschaft in der Adoleszenz Anforderungen und Aufgaben des Jugendalters mit denen der Mutterschaft und welche besonderen Belastungen und Schwierigkeiten ergeben sich daraus für die Lebenssituation junger Mütter? – Wie stellt sich die rechtliche Lage minderjähriger Mütter dar? – Welche spezifischen professionellen Angebote und Hilfen gibt es? Um diese Fragen beantworten zu können, wird der Blick zu Beginn der vorliegenden Arbeit im Kapitel 2 auf das Jugendalter mit seinen spezifischen Besonderheiten gelenkt. Hier wird speziell auf den komplexen Veränderungsprozess und die damit verbundenen Anforderungen und Entwicklungsaufgaben eingegangen, die das Jugendalter an junge Menschen – und speziell an junge Mädchen – stellt. Darüber hinaus werden die Lebenswelten thematisiert, in denen sich Jugendliche bewegen, um besser zu verstehen, was es bedeutet, inmitten dieser Phase Mutter zu werden. Anschließend werden im Kapitel 3 die Veränderungsprozesse, die sich durch Schwanger-, Mutter- und Elternschaft – alles typische Entwicklungsaufgaben des Erwachsenenalters – in der Lebenswelt der Mutter beziehungsweise Eltern auf individueller, partnerbezogener, kindzentrierter und sozialer Ebene ereignen, näher untersucht. Das besondere Augenmerk richtet sich hier speziell auf die Aufgaben und Anforderungen, die sowohl an die werdende Mutter als auch an die werdenden Eltern im Laufe der Schwanger-, Mutter- beziehungsweise Elternschaft gestellt werden, um diese Anforderungen im Kapitel 5 den Anforderungen des Jugendalters gegenüberstellen zu können und damit eine differenzierte Vorstellung von den besonderen Herausforde- 1 Einleitung 3 rungen zu bekommen, die die Mutterschaft an Mädchen inmitten ihrer Adoleszenz stellt. Abgerundet wird dieses Kapitel mit einem speziellen Fokus auf die Situation alleinerziehender Mütter, die diesen Anforderungs- und Aufgabenkatalog allein bewältigen und darüber hinaus spezifischen Risiken gegenüberstehen, die aus ihrer Situation als Alleinerziehende resultieren. Das nächste Kapitel – Kapitel 4 – bildet den Übergang zum zentralen Thema der Mutterschaft im Jugendalter, indem es ganz allgemein erklärt, was kritische Lebensereignisse sind. Es wird in diesem Kapitel aufgezeigt, was es bedeutet, wenn Lebensereignisse völlig unerwartet und außerhalb des Lebensalters auftreten, in denen sie normalerweise regelhaft stattfinden und den Einzelnen vor Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben stellen, auf die er sich im Gegensatz zu normativen Lebensereignissen und Entwicklungsaufgaben, die mit einem bestimmten Lebensalter verbunden und damit vorhersehbar sind, nicht vorbereiten konnte. Dieses Kapitel erörtert darüber hinaus die Ressourcen, die für die Bewältigung dieser non-normativen kritischen Lebensereignisse und den daraus erwachsenden Entwicklungsaufgaben von Bedeutung sind und diese besser gelingen lassen. Nach den Überlegungen zum Jugendalter, zu Schwanger- und Mutterschaft und der Reflexion über kritische Lebensereignisse wird im 5. Kapitel der Fokus auf die komplexe Situation der Mutterschaft im Jugendalter gelenkt. Hier werden einleitend Daten, Fakten und Zahlen zu minderjährigen Schwangeren und Müttern in Deutschland dargestellt. Darüber hinaus wird es in diesem Kapitel einen Exkurs zu den Ursachen, Hintergründen und Motiven für die frühe Schwangerschaft geben. Dieses Thema wird deswegen als Exkurs in die Diplomarbeit eingeschoben, weil es zwar nicht zwingend zur Beantwortung der oben genannten Thesen und zur Darstellung der komplexen Lebenssituation minderjähriger Mütter notwendig ist, für den Leser dennoch dahingehend bereichernd sein kann, als dass er einen Einblick in mögliche Erklärungsansätze für Schwangerschaft in der Adoleszenz bekommt. Darüber hinaus beschäftigt sich das 5. Kapitel jedoch hauptsächlich intensiv mit der komplexen Anforderungssituation, mit der minderjährige Mütter konfrontiert sind, indem die in Kapitel 2 und 3 erarbeiteten Entwicklungsaufgaben und Anforderungen, die jeweils mit dem Jugendalter und der Elternschaft verbunden sind, hier 1 Einleitung 4 einander gegenübergestellt werden. Am Ende rundet ein Blick auf die rechtliche Situation der Mutter, die ja selbst nach dem Gesetz noch minderjährig ist, dieses zentrale Kapitel der Arbeit ab. Das letzte Kapitel der theoretischen Auseinandersetzung mit der Mutterschaft im Jugendalter umfasst eine Analyse grundlegender Hilfeangebote, die minderjährige Mütter vor, während und nach der Geburt beanspruchen können. Hierbei werden sowohl rechtliche Ansprüche berücksichtigt als auch finanzielle Hilfen und sozialpädagogische Beratungsangebote diskutiert. Die Auseinandersetzung mit den Hilfeangeboten für minderjährige Mütter soll nicht zuletzt dazu dienen, die Anforderungen, die die Mutterschaft im Jugendalter an die jungen Mädchen stellt, den tatsächlich vorhandenen Angeboten zur Bewältigung dieser Anforderungssituation gegenüberzustellen, um daraus Erkenntnisse über die Angemessenheit und Qualität der Angebote zu gewinnen, die Ergebnisse in die sozialpädagogische Praxis zu transportieren und mögliche Verbesserungen und neue Ansätze und Ideen dort umzusetzen. Im zweiten, dem empirischen Teil der Diplomarbeit, wird mit der Auswertung von persönlichen Face-to-face-Interviews, die mit fünf minderjährigen Müttern aus dem Berliner Bezirk Neukölln geführt wurden, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen leben, ein Beitrag dazu geliefert, die Mutterschaft im Jugendalter aus der Sicht von betroffenen Minderjährigen darzustellen. Es wird hier zum einen der Frage nachgegangen, welche Bedeutung die frühe Mutterschaft im Leben der Mädchen hat. Des Weiteren wird untersucht, welche neuen Aufgaben und einschneidenden Veränderungen sich aus Sicht der jungen Mütter durch die Mutterschaft ergeben haben. Darüber hinaus liegt das Erkenntnisinteresse darin, herauszufinden, welche Art der privaten Unterstützung die Befragten erhalten haben und welche professionellen Hilfeangebote sie als junge Mütter, die nicht in einer stationären Wohnform für Mutter und Kind nach § 19 SGB VIII leben, in Anspruch genommen haben, um ihre Lebenssituation und die damit verbundenen Anforderungen besser bewältigen zu können. 1 Einleitung 5 Die folgenden Themenkomplexe werden deshalb in den Interviews näher erörtert: – Leben und Lebenssituation vor der Schwangerschaft – Subjektive Bedeutung der Schwanger- und Mutterschaft – Neue Aufgaben und einschneidende Veränderungen, die sich durch die Mutterschaft ergeben haben – Reaktionen auf die Schwangerschaft – Private Unterstützung – Professionelle Hilfeangebote – Zukunftsvorstellungen der jungen Mutter Im dritten Teil der Diplomarbeit werden auf der Grundlage der theoretischen Reflexion und der Ergebnisse der empirischen Untersuchung Handlungsempfehlungen für die sozialpädagogische Praxis mit minderjährigen Müttern erarbeitet, die die komplexe Anforderungssituation der Mutterschaft im Jugendalter und die Lebenswelten minderjähriger Mütter im Blickfeld haben und einen adäquaten Umgang mit früher Mutterschaft in Beratung, Begleitung und bei der Konzeption neuer Angebote ermöglichen sollen. Diese Arbeit ist für alle geschrieben, die ein grundlegendes Interesse für das Thema minderjährige Mütter mitbringen, für Fachkräfte, die in diesem spezifischen Feld der Sozialpädagogik tätig sind oder immer wieder damit in Berührung kommen oder künftig kommen möchten. 1 Einleitung 6

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Zusammenfassung

Jedes zehnte Kind weltweit wird von einer Mutter geboren, die selbst noch keine 20 Jahre alt ist. Auch in Deutschland sind Teenagerschwangerschaften ein Thema – eines, das bisher in der sozialpädagogischen Fachdiskussion nur wenig Beachtung gefunden hat. Vor allem die Lebenslagen von jungen Mädchen, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen leben, wurden vernachlässigt. Um diesen weißen Fleck zu füllen, befasst sich Doris Kölbl mit der frühen Mutterschaft – speziell mit der komplexen Lebenslage, in der sich minderjährige Mütter befinden. Sie durchleben einen Spagat: Die eigene Entwicklung zum Erwachsenen und die Anforderungen an eine versorgende und erziehende Mutter fordern besondere Anpassungsleistungen. Werden die bisherigen Hilfeangebote für die Mädchen dieser Herausforderung gerecht? Das vorliegende Buch gibt Anregungen, wie sozialpädagogische Hilfen für junge Mütter gestaltet werden können, um auf deren Lebenssituation als Jugendliche und Mutter adäquat einzugehen und enthält eine Zusammenstellung von relevanten Hilfeangeboten und Kontaktadressen.