3. Ein umfassendes Lösungspaket in:

Roland Mierzwa

Die Realität von Hartz IV, page 57 - 92

Gegenwart und nachhaltige Perspektiven des Umgangs mit Armut

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4186-4, ISBN online: 978-3-8288-7087-1, https://doi.org/10.5771/9783828870871-57

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 78

Tectum, Baden-Baden
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Ein umfassendes Lösungspaket Schneider (2015 b) betont zurecht, dass die Bereitschaft zum Teilen, zum Umverteilen, zu angemessenen Antworten auf die Armut sich daran entscheidet, ob man mitfühlend und empathisch die Armut sieht (vergl. S. 50). Solange Armut wegdiskutiert wird, Arme stigmatisiert werden, mit Rechentricks die Bedeutung von Armut kleingerechnet wird und noch weitere Verdrängungsmechanismen hier greifen, wird sich hier wenig bewegen. Die „Coolness“ (vergl. Platta, 2012, 31 f.), mit der das Hartz IV-Debakel wegdiskutiert wird, gilt es zu überwinden. Auch die soziale Herkunft wird einen Einfluss darauf haben, ob man zum Teilen rsp. zum Umverteilen bereit ist. Es ist am wenigsten bei der aus dem Großbürgertum stammenden Elite aus dem Sektor Wirtschaft zu erwarten (vergl. Hartmann, 2013, 124, Tab. 3.1.). Es gibt viele Reformvorschläge zu Hartz IV (vergl. z.B. Wagner, 2008, 162-164). Diese bewegen sich allerdings häufig in den Grenzen sozialstaatlicher Arrangements. Deswegen nun nachfolgend ein umfassendes Lösungspaket, das „klassische“ sozialpolitische Empfehlungen – wie die eines „dritten Arbeitsmarktes“ – zurücklässt und sich wesentlich inklusiver versteht. Auch wird in einem umfassenden Sinn mit der Notwendigkeit einer Kultur des Teilens radikal Ernst gemacht, wohl wissend, dass dazu noch mehr Solidarität in der Gesellschaft aufgebaut werden müsste. Die Überlegungen radikalisieren die von Stephan Lessenich und Matthias Möhring-Hesse gemachten Überlegungen zum Leitbild eines „demokratischen Sozialstaates“ (vergl. hier Hans Böckler Stiftung, 2007, 17 f.). Und mit Margalit (1997) gesagt, müsse die Wohltätigkeitsgesellschaft, sprich Gesellschaft der Tafeln, als struktureller Pfeiler der Armutsbekämpfung, überwunden werden, damit es eine anständige Gesellschaft wäre (vergl. S. 256ff.). Die Überlegungen wissen sich auch Margalits Überlegungen zu einer anständigen Gesellschaft dahingehend verpflichtet, wonach ernsthafte Versuche zu unternehmen seien, jedem Bürger „irgendeine 3. 57 Art von sinnvoller Beschäftigung zur Verfügung zu stellen, oden ihn wenigstens bei der Suche nach einer solchen Beschäftigung zu unterstützen“ (S. 291 f.). „Eine anständige Gesellschaft ist nicht verpflichtet, jedem Menschen zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen, wenn sie ihm auch durch andere Mittel ein Mindesteinkommen garantieren kann; sie ist aber verpflichtet, all ihren Mitgliedern die Möglichkeit einer angemessenen und sinnvollen Beschäftigung (…) zu bieten“ (S. 292). Aber die Ausführungen auf Seite 287 f. zeigen, dass im kulturellen Kontext, also im Kontext einer Arbeitsgesellschaft, um Demütigung zu vermeiden, die Partizipation an der Arbeitsgesellschaft sichergestellt werden müsste. Die nachfolgenden Ausführungen können vielleicht eine Antwort liefern auf die vielen Bedenken, die Gerhard Wegner (2017) zum bedingungslosen Grundeinkommen hat. So wie nachfolgend argumentiert und begründet wird, wird sehr wohl ein Handlungsspielraum er- öffnet, damit Ungleichheit verringert und einer Spaltung der Gesellschaft vorgebeugt wird. Auch können Regelungen getroffen werden, damit nicht die Befürchtung von Christoph Butterwegge Wirklichkeit wird, wonach nach ihm vermutlich mit der Einführung des Grundeinkommens Gehälter von z.B. Krankenschwestern, Erzieherinnen und Altenpflegerinnen sinken werden (vergl. ders. in: chrismon 11/2017, 27). Arbeit teilen Teilen,23 das bedeutet zunächst Arbeit zwischen Frauen und Männern teilen, auf allen Ebenen und in allen Dimensionen. Wenn Frauen und Männer wirklich solidarisch hinsichtlich der zu verteilenden Arbeit wären, dann müsste ein Mix von lohnabhängiger Erwerbsarbeit/freiberuflicher Arbeit, Hausarbeit/Care-Arbeit, Ehrenamt und Freizeit (Muße-Zeit, Hobbys) realisiert werden können. Eine 25-25-25-25 Stundenlösung wöchentlich ist anzustreben, für jeden und jede. Damit 3.1. 23 Walter Pfannkuche (2005) geht hier nicht weit genug. Er sah das Teilen entsprechend der konjunkturellen Situation und mit dem dann dementsprechenden Verzicht auf Einkommen. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 58 diese Lösung finanziell gestärkt wird, die Grundbedürfnisbefriedigung und gesellschaftliche Teilhabe besser gelingen, ist dies zu flankieren mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und der Möglichkeit der Erwirtschaftung von Gütern und Dienstleistungen durch die Teilnahme an Tauschringen. Für eine bessere Refinanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens sollte u.a. eine Finanztransaktionssteuer und eine Finanzaktivitätssteuer eingeführt werden. Alle – also auch Beamte und Selbstständige – müssen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zur Finanzierung des Grundeinkommens beitragen. Erheblich mehr steuerliche Spielräume sind auszuschöpfen – aber dazu mehr im Abschnitt zum bedingungslosen Grundeinkommen. Auch sollte die Diskussion zum gerechten Lohn nicht aus den Augen verloren werden: Care-Erwerbsarbeitsplätze sind finanziell besserzustellen, Managergehälter sollten begrenzt werden. Eine Lohnspreizung um das über hundertfache ist nicht akzeptabel und mit dem Aspekt der Leistungsgerechtigkeit nicht zu begründen (vergl. Winkelmann, 2012, 159-161). Diese verletzt auch das Gerechtigkeitsempfinden (vergl. Diefenbacher u.a., 2016, 345). Kommunikation, Beziehungsaufbau und Empathie sind auch Arbeit und für Arbeit wertvoll und daher auch finanziell wertzuschätzen. Selbstsorge, Zeit für Muße und für eigene Interessen ist ein angemessener Raum zu geben. Teilhabe darf nicht ausschließlich über die Teilnahme an der Erwerbsarbeitsgesellschaft katalysiert werden. Hier verschränkt sich „Teilen“ auf unterschiedlichen Ebenen. Das Teilen der Arbeit soll verhindern, das Frauen und Erwerbslose auf Bereiche „neben“ dem Arbeitsmarkt verwiesen werden.24 24 Vergl. zum bedingungslosen Grundeinkommen z.B. Rätz/Paternoga/Steinbach, 2005. Die Überlegungen finden auch statt vor dem Hintergrund der Ausführungen von Winker (2015; s.a. Neumann/Winker, 2017) zur Care Revolution (vergl. besonders S. 159) und von Haug (2012) zur Vier-in-Einem Perspektive sowie von Schnabl (2005) zu Gender Mainstreaming und den darin gemachten kritischen Anmerkungen zur Gleichstellungspolitik (vergl. S. 68ff.) – Frauen müssen nicht automatisch das tun (oder sollen), was Männer in der Regel tun (oder wollen) (vergl. S. 74). Ein Vorläufer dieser Gedanken ist das „postindustrielle Gedankenexperiment“ von Fraser, aus dem Jahr 1994, wo überlegt wurde, dass produktive und reproduktive Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern gleichmäßig verteilt werden müssten. Vor allem die einseitige Zuweisung der Reproduktionsarbeit zu den Frauen gilt es zu überwinden (vergl. Nierling, 2013, 27). In den Ausführungen verschmelzen der Gleichheitsaspekt und der Differenzaspekt, weil etwa sexistische 3.1. Arbeit teilen 59 Teilen, das kann auch bedeuten Rotationsarbeitsplätze zu etablieren. Dadurch wird Verdrängungsspiralen (z.B. in Leiharbeitsplätze)25 vorgebeugt resp. Teilhabe stärker ermöglicht. In der durch die Rotation entstehenden freien Zeit von der Erwerbsarbeit kann dann ein Spielraum für ein Qualifizierungs- resp. Weiterbildungsengagement entstehen. Davon können vor allem ältere Arbeitnehmer profitieren (siehe hierzu auch Straubhaar, 2017, 80-83). Damit das Teilen der Arbeit gelingt, gilt es den Menschen zu vermitteln, dass sinnerfülltes Leben auch jenseits der Erwerbsarbeit möglich ist – auch in der freiwilligen Tätigkeit im Ehrenamt und sogar in der Familienarbeit. Jedes Handlungsfeld birgt seine eigenen unersetzbaren Anerkennungserfahrungen, die das Leben bereichern, so dass kein Handlungsfeld im Leben fehlen darf. Und: Sinnerfülltes Arbeiten in einem Handlungsfeld birgt erst das Potential, um zum sinnerfüllten Handeln in einem anderen Handlungsfeld finden. Wie oft liest man, dass mit der Erwerbsarbeitslosigkeitserfahrung auch die Motivation zum ehrenamtlichen Engagement erlahmt. Und auf eine intensive Care- Arbeit im Haushalt entsteht erst der Raum für das bewusste und intensive Erleben der Muße-Zeit. Teilen von Arbeit gelingt nur, wenn die Persönlichkeit des Menschen sich wandelt. Selbstfindung darf nicht allein über die Teilnahme an der Erwerbsarbeitsgesellschaft definiert werden.26 Care-Arbeit im Tendenzen sich in materieller Ungleichheit und Ungerechtigkeit niederschlagen – Umverteilung und Anerkennung sind nebeneinander zu realisieren, Umverteilung (von Zeit, Arbeit und Einkommen) kann auch Ausdruck von Anerkennung sein (vergl. dazu Spieß, 2008, 531-534). Siehe auch die Diskussion bei Krebs (2002, 205 f.). Diese macht auch deutlich, dass es durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht dazu kommen darf, dass das Recht auf Arbeit ausgehölt wird, weil dadurch in einer Arbeitsgesellschaft soziale Zugehörigkeit ermöglicht wird (vergl. S. 227). S.a. Stahmer (2006; 2007). Für Blaschke (2017, 209) ist die Verkürzung der Erwerbsarbeit und das mehr-Zeit-haben für andere Tätigkeiten ein Transformationsprojekt auf dem Wege zur Postwachstumsgesellschaft (siehe dazu weiter hinten unter 3.10.). 25 Zum Problemhintergrund von Leiharbeitsplätzen vergl. Hannemann (2015, 69-74, 172-185). 26 Thomas Wagners Porträts zeigen, dass diese „Kinder der Arbeitsgesellschaft“ sind. „Ihr Denken und Handeln ist von der Auffassung geprägt, dass Leben sich um Erwerbsarbeit drehe. Sie suchen einen Platz in dieser Gesellschaft, in der vorrangig die Beteiligung an der Erwerbsarbeit über das ´Drinnen´ und ´Draußen´ entscheidet“ (2008, 172). 3. Ein umfassendes Lösungspaket 60 Haushalt sollte als die Persönlichkeit bereichernde Tätigkeit entdeckt werden. Es muss als Geschenk des Lebens betrachtet werden können, mit Beziehungsarbeit betraut zu sein. Das Teilen der Arbeit wird nur gelingen, wenn Männer darin einwilligen, eine „hegemoniale Männlichkeit“ abzulegen, „die sie in die Kategorie von Erzeuger, Ernährer und Beschützer einordnet“ (Hengsbach, 2015, 142). „Aufgabe der Männer wird sein, die Rolle der Vater-Kind-Beziehung zu lernen, mehr Familienarbeit zu übernehmen, sich für den Erhalt der natürlichen Umwelt zu sensibilisieren, Gewaltpotentiale abzubauen, ein Leben jenseits der Erwerbsarbeit zu entdecken und sich als Teilzeitarbeiter, Vater und Erzieher zu erleben“ (ders., 142). Das bedeutet auch, dass Männer die Hausarbeit nicht als Frauenarbeit betrachten dürfen und die Sorgfaltspflicht auch hier walten lassen. Frauen müssen Männer in die Küche „hineinlassen“.27 Eitelkeiten müssten zurückgelassen werden, um für den Abwasch und das Bügeln bereit zu sein. Der Ehrenamtssektor darf nicht von „Machern“ und „Macherinnen“ besetzt werden, wo sich „Vielfachehrenämtler“ finden. Zeit für sich zu nehmen, Zeit für Freundschaftskontakte und Zeit für die Natur sich zu nehmen gilt es im Leben einzuüben. Die Zeit zum Staunen zu finden und in der Sehnsucht nach einem guten Leben zu leben, macht einen bereit die toxischen Phänomene von Viel-Arbeit in einem Bereich zurückzulassen. Bei einem Hobby in den „Flow“ (vergl. Ulfig, 2003, 66-77; Terstegge, 2014) zu finden ist als die Persönlichkeit bereichernde Erfahrung zu genießen.28 Durch das Teilen von Arbeit entsteht ein höherer Bedarf an Teamarbeit. Dort wo alleinige Chefs oder Vereinsvorsitzende bisher agierten wird es notwendig Arbeit mehr zu koordinieren, Vertrauen in die Leis- 27 So zeigen aktuelle Befunde, dass Frauen Männern im Bereich der Hausarbeit zum Großteil nicht zutrauen, „diese Aufgaben ebenso gut bewältigen zu können wie sie selbst“ (Beckmann, 2008, 16). 28 Siehe das Fazit von Jutta Meyer-Siebert (2012, 211): „Die Verkürzung muss vielmehr horizontal vorgehen und zugleich die anderen drei Bereiche für alle erstreiten. Das erfordert, anders als die bloße Arbeitszeitverkürzungspolitik, in der ein jeder und eine jede bleiben kann, wie er oder sie ist, eine Veränderung der gesamten Lebensweise und Kultur. Es macht den Marxschen Satz aus den Feuerbachthesen wahr, dass die Veränderung der Umstände und Selbstveränderung Hand in Hand gehen. Das ist es, was wir gemeinsam erstreiten wollen. Es ist ein unabgeschlossener Prozess“. 3.1. Arbeit teilen 61 tung des Anderen aufzubringen, mehr Transparenz zu leben, eine Anerkennungs- und Respektkultur zu pflegen sowie die Arbeit verantwortungsvoll untereinander aufzuteilen und entsprechend Verantwortlichkeit zu teilen. Im Haushalt und bei der dort anfallenden Care-Arbeit ist es besonders wichtig, dass gemeinsame Standards abgesprochen werden, damit keine Beziehungsasymmetrien entstehen, das Niveau des Engagements nicht in eine einseitige Verausgabung mündet und der Hausfrieden gewahrt bleibt. Alle „Arbeits“-Felder/-Sektoren sind kooperativ zu vernetzen, damit der Erwerbsarbeitssektor flexibel mit Care-Herausforderungen oder notwendigem bürgerschaftlichen Engagement umgeht oder damit Selbstverwirklichungsarbeit Respekt neben der Familien- oder der Gemeinschaftsarbeit genießt. Die wöchentliche 25-25-25-25-Stunden-Aufteilung des Zeitbudgets sollte nicht starr betrachtet werden. Es kann dynamische und periodische Verschiebungen geben, aber die Richtung muss stimmen. Wohl aber wird deutlich mit dieser Stundenaufteilung, dass mit einer Kürzung der Erwerbsarbeitszeit es mehr Zeit für Menschen gibt, neue Handlungs- und Engagementsbereiche für sich selbst zu entdecken. Das radikale Teilen von Arbeit hat auch eine Solidarität stiftende Wirkung. Er muss nicht zu migrantischen Sorgearbeitenden geflüchtet oder zu Illegalen in der Hausarbeit ausgewichen werden (vergl. hier u.a. einen Hinweis bei Neumann/Winker, 2017, 85). Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) Das BGE kann dazu da sein, die Krise der Erwerbsarbeit und die damit einhergehende Notwendigkeit des Teilens von Arbeit ohne Angst und Hemmungen konstruktiv mit einem schöpferischen Sprung zu beantworten (vergl. Paternoga, 2007, 41ff.). Bei der Einführung eines BGE wird getrennt zwischen materieller Sicherung und der Teilnahme an der Erwerbsarbeitsgesellschaft. Es wird gesehen, dass Menschen eine menschenwürdige solidarische materielle Sicherung verdienen, auch wenn sie nicht erwerbstätig sind, nicht arbeiten können oder anderweitig aktiv eingebunden sind (z.B. 3.2. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 62 in der Familie, im Ehrenamt, in die Politik oder bei der Fort- und Weiterbildung). In Verbindung mit dem zuvor gemachten Vorschlag zum Teilen von Arbeit wird nicht mehr so stark darauf gesetzt, das Beschäftigungsdefizit durch die Schaffung von Erwerbsarbeitsplätzen zu bekämpfen. Mit einem solide ausgestatteten bedingungslosen Grundeinkommen ist der Spielraum gegeben, auch mit geringfügiger Beschäftigung oder Mini-Jobs "gut zu leben“. Flankiert durch die Teilnahme an Tauschringen und durch Aufwandsentschädigungen bei einem Ehrenamt kann hierbei eine armutsfeste Lösung gefunden werden. Mit dem Blick auf das bedingungslose Grundeinkommen ist soziale Teilhabe nicht zwingend an die Teilnahme an dem Erwerbsarbeitsmarkt gebunden und es muss kein Druck auf Erwerbslose aufgebaut werden, bezahlte Arbeit zu übernehmen. Es besteht der Spielraum, mehr als die unter Hartz IV erlaubten 15 Stunden, sich im Ehrenamt zu engagieren. Zusammen mit einem erfüllenden Hobby werden dadurch antidepressive Wirkungen erzielt. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen würden das politische Taktieren um Freibeträge, Hinzuverdienstgrenzen und das Gerangel darum, wer zur Bedarfsgemeinschaft zählt, wegfallen. Das BGE steht einerseits im Dienst der Gewissens- und Handlungsfreiheit des Einzelnen (vergl. Blaschke, 2007, 5), dann aber auch im Dienst der Menschenwürde und der Wertschätzung der Person (vergl. ders., 6). Das ist hinsichtlich Nonkonformisten besonders bedeutsam, die die Welt aus anderen Augen sehen. „Aus dem Querdenken können neue Ideen und innovative Lösungen entstehen“ (Straubhaar, 2017, 119). Es gibt verschiedene Diskursstränge zum „allgemeinen Grundeinkommen“, zum „Bürgergeld“, zum „Bürgergehalt“, zur „negativen Einkommenssteuer“, zum „garantierten Mindesteinkommen“, zum „Basiseinkommen“ oder zur „Grundsicherung“. Ich will aber von einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) sprechen. Dies soll folgende Merkmale erfüllt haben. 1. Alle Bürgerinnen und Bürger, vom Säugling bis zum Alten, haben einen Rechtsanspruch auf eine „armutsfeste“ und „Teilhabe sichernde“ Geldleistung, die ein menschenwürdiges Leben ermöglicht (gegen neoliberale Grundeinkommensmodelle). 2. Wer als Ausländer(in) nach Deutschland einwandert, erhält nicht sogleich, sondern erst nach einer längeren Wartezeit und sukzessive in 3.2. Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) 63 Abhängigkeit der legalen Aufenthaltsdauer in Deutschland das volle Grundeinkommen (hier abweichend von Rätz/Paternoga, 2017, 10 [Punkt 5] und 15 [Punkt 1.5.]). 3. Mit dem Bezug des BGE bestehen keinerlei besondere Pflichten und vor allem besteht der Anspruch unabhängig davon, ob die Berechtigten irgendeine Vorleistung, wie etwa eine Beitragszahlung zur Sozialversicherung, erbracht haben – worunter Kinder auch einige behinderte Menschen gehören. 4. Die Bezieher des BGE müssen sich nicht um eine Erwerbsarbeit bemühen und zumutbare Arbeiten annehmen. 5. Der Anspruch auf das Grundeinkommen ist unabhängig von einer speziellen Lebenslage wie Alter, Erwerbsminderung oder Erwerbsarbeitslosigkeit. Dadurch unterscheidet sich das Grundeinkommen von Leistungen wie Mindestrenten, die nur ab einem gewissen Lebensalter oder bei Invalidität gezahlt werden (vergl. Ebert, 2012, 258; Straubhaar, 2017, 97ff.). Ich kann mir das Grundeinkommen nur als additives Grundeinkommen vorstellen. Danach erhält jeder das Grundeinkommen unabhängig davon, ob und in welcher Höhe er sonstiges Einkommen bezieht. „Beim additiven bedingungslosen Grundeinkommen (…) erhöht jeder Euro eigenen Erwerbseinkommens in gleichem Umfang das Gesamteinkommen“ (Ebert, 2012, 259). Dadurch ist der fiskalische Aufwand extrem hoch, so dass eine starke steuerliche Umverteilung notwendig wird. Das bedingungslose Grundeinkommen bricht mit dem unter Hartz IV repressiv eingeforderten Zwang zur Erwerbsarbeit und macht gar manches Ehrenamt (mit Aufwandsentschädigung) attraktiver (vergl. zu den bisherigen Problemen von einem ausgeführten Ehrenamt unter Hartz IV-Bedingungen am Beispiel eines „Hartz IV-Bürgermeisters“ in: Apin, 2013, 98-111). Frauen profitieren überproportional vom BGE (vergl. Haywood, 2014, 3).29 Es können Spielräume für eine „solidarisch-aktivierende Bürgergesellschaft“ entstehen, wenn sich da- 29 In einem Diskussionspapier des WIDE-Debattierclubs (http://tinyurl.com/m8owyf b abgerufen am 4.8.15) zum BGE wird bezweifelt, „dass ein BGE Frauen von ihrer gesellschaftlichen Rollenzuteilung, der nach wie vor de facto existierenden Pflichten und Aufgaben als Mütter, Betreuerinnen und Pflegerinnen entlastet, ihnen den Zugang zu anderen Tätigkeiten öffnet und damit ihre Positionen auf den Erwerbsarbeitsmärkten verbessert“. Und die Diskussion zum BGE diskutiert nicht, welche Arbeiten als gut, schlecht oder schädlich gelten bzw. welche Arbeiten bezahlt und nicht bezahlt werden sollten. Die Diskussion zu einer solidarischen Ökonomie (vergl. Voß, 2015) liefert eine Antwort auf die Frage, welche Arbeit als gut, schlecht 3. Ein umfassendes Lösungspaket 64 durch Lotsen und Paten für diejenigen in der Gesellschaft finden, die sich aufgegeben haben, mit Fatalismus geschlagen sind, das Vertrauen in den Staat verloren haben oder durch Depression und Angst gelähmt sind. Natürlich ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass diese nicht paternalistisch, sondern mit Nächstenliebe aktiv werden sollten. Und es besteht mit dem BGE ein Spielraum für alle Arten selbstbestimmter Tätigkeit, für genossenschaftliche Projekte und nicht profitorientierte Unternehmungen (z.B. Kunst und Kultur). Man muss besonders darauf hinweisen, dass das BGE auch diejenigen erreicht, die z.B. aus Scham oder aus Angst vor Repression bisherige Sozialleistungen nicht in Anspruch nahmen. Aktivierung erfolgt nicht durch Anpassungsdruck, Armutsdruck und Missbrauchskontrolle. Es wird viel eher mit dem Optimismus gehandelt, dass Menschen zu einer intrinsischen Motivation finden (können). Menschen haben das Bedürfnis zu werken, wirksam-zu-sein, sich mit anderen zu messen und durch Erwerbsarbeit Anerkennungserfahrungen zu machen (vergl. Blaschke, 2007, 14). Manche werden zur Erwerbsarbeit aus Langeweile fliehen (vergl. Blaschke, 2007, 13). Intrinsisch weniger attraktive Arbeitsstellen werden vermutlich dann eher nachgefragt, wenn bei diesen die Löhne steigen (vergl. Haywood, 2014, 3).30 Und es besteht die Hoffnung und Zuversicht, dass Menschen den Sinn für dem Gemeinwohl dienende Tätigkeiten für sich entdecken (z.B. Feuerwehr). Frei von Existenznöten können die Menoder schädlich zu betrachten ist. Mit den Ausführungen von Winker (2015) zur Care Revolution wird ein Horizont dahingehend eröffnet, dass mehr Arbeit als bisher bezahlte Arbeit sein müsste. Auch der Bielefelder Arbeitskreis „1-Euro-Jobs und gemeinnützige Organisationen“ machte einen Vorschlag wie ehrenamtliche Stellen zu Arbeitsplätzen werden können. 30 Man muss nicht befürchten, dass mit der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommen die Arbeitsmoral sinkt. „Die allermeisten unter den Langfristarbeitslosen wollen etwas für die Gemeinschaft tun, sie suchen ihre Stelle in unserer Gesellschaft. Das hat auch die Untersuchung des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Rheinland zu den sogenannten Ein-Euro-Jobs unterstrichen“ (Huster, 2011, 403). Auch andere erkennen, dass das Problem nicht die Arbeitsmoral ist (vergl. Straubhaar, 2017, 155). Bei einer genaueren Befragung von Hartz IV- Beziehern/-innen zeigt sich, dass diese große Realisten bzgl. fehlender Arbeitsmarktchancen, der Notwendigkeit einer nachhaltigen Qualifizierung bzw. bzgl. Komplikationen beim Familiensetting sind (vergl. z.B. Wagner [2008, 132] bei dem Interview von Anna Prekowsky und Antje Bednarek-Gilland, 2015, 97). 3.2. Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) 65 schen für sich entscheiden, welcher Arbeit sie nachgehen wollen. Dadurch, dass ein additives Grundeinkommen vertreten wird hat weiterhin die Leistungsgerechtigkeit Geltung. So muss das Denken von Leistungsgerechtigkeit aus dem Focus „männlicher Erwerbsarbeit“ und „Erwerbsarbeit schlechthin“ herausgebrochen werden, so dass von Leistungsgerechtigkeit z.B. auch bei „bürgerlichen Engagement“ oder „häuslicher Care-Arbeit“ gesprochen wird. Das BGE soll, entsprechend des Grundeinkommensmodell von Götz W. Werner oder angelehnt an Überlegen von Thomas Straubhaar auf dem Niveau von 1.000 bis 1.500 Euro monatlich pro Person und Monat liegen (vergl. Werner/Goehler, 2010; Ebert, 2012, 264; Straubhaar, 2017, 141ff. und 182ff.). Die Finanzierung erfolgt unter anderem über den Konsum, z.B. mit der Einführung einer Luxussteuer. Eine Finanztransaktionssteuer sowie eine Finanzaktivitätssteuer sind ein weiterer wichtiger Baustein. Höhere Einkommen sind stärker für die Refinanzierung des BGE heranzuziehen. Die Besteuerung von Immobilienerträgen gehört auch zur Finanzierung des BGE. Auch eine Maschinensteuer gilt es zu erwägen.31 Die Freibeträge bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer sind erheblich zu senken und diese dann auch progressiv zu gestalten. Auch eine Vermögenssteuer gilt es zu bedenken. Erträge aus intellektuellem Einkommen sind ebenfalls zu besteuern. Und dann stecken noch Potentiale für steuerliche Erträge bei der Erhöhung des Personals in der Finanzverwaltung, sprich mehr Betriebsprüfern (vergl. u.a. Stierle, 2010, 44 f.; Lehmkuhl, 2013, 23ff.; Brinkmann, 2014, 164-169, 211 f., 228ff.; Sell, 2015, 104ff.; Hengsbach, 2015, 128 und 139 zeigt weitere Aspekte auf, wo steuerlich umzulenken sei. Umfassende Hinweise sind bei Straubhaar zu finden – vergl. 2017, 18, 62, 99 usw.). Weil aber durch das umfassende Teilen der Arbeit und die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens und den damit verbundenen sozia- 31 „Hin zu einer Finanzierung, die auch die Wertschöpfung von Robotern einbezieht“ (Straubhaar, 2017, 13; s.a. 15, 50 und diverse Querverweise zu dem Thema im Buch). In einem Diskussionsbeitrag weist Straubhaar vor dem Hintergrund eines zunehmenden Arbeitsalltages mit Automaten, Robotern, Drohnen, intelligenten Assistenzsystemen und der Digitalisierung darauf hin, dass die gesamte Wertschöpfung zur Finanzierung des Sozialstaates herangezogen werden sollte (vergl. Straubhaar, 2017 b, 13). 3. Ein umfassendes Lösungspaket 66 len Entfaltungspotentialen die Zufriedenheit in der Gesellschaft zunimmt und die Gewalt abnehmen bzw. die Gesellschaft sanfter werden würde, würden sich die Kosten für den Rechtsstaat wie auch für die innere Sicherheit reduzieren, was wiederum für die Refinanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens eingesetzt werden könnte. Im Hintergrund der Überlegungen müssten auch friedenspolitische Überlegungen stehen, so dass militärische Kosten umgelenkt werden könnten – eine Friedensdividende wäre für die Finanzierung des BGE einzusetzen. Hier sehe ich Potentiale für Verschiebungen bei den Etats, die Thomas Straubhaar nicht sieht (vergl. ders., 2017, 145). Es ist abschließend mit Rätz/Paternoga darauf hinzuweisen, dass das durch Umverteilung erschlossene Geldvermögen „eine unbestimmte Größe ist, die sich unter der Hand, im Prozess laufend verändert“ (2017, 27). Das Grundeinkommen ersetzt fast alle steuer- und abgabenfinanzierten Sozialleistungen – so bleibt z.B. eine, in manchen Fällen sehr bescheidene, Rente (im Gegensatz zu Straubhaar, 2017, 100). Dabei gibt es kein festes Renteneintrittsalter. Und dann werden Mittel für die Inklusion bereitgehalten. Aber das BGE soll dabei nicht isoliert von der Diskussion in der solidarischen Ökonomie (vergl. Giegold/Embshoff, 2008; Voss, 2015) und der Gemeinwohl-Ökonomie (vergl. Felber, 2018) stehen und der dort erfolgenden Diskussion um „Commons“ resp. öffentliche Angebote stehen. Mit der Einführung des BGE erledigt sich nicht die Diskussion um einen kostenlosen ÖPNV, preisgünstige vhs-Kurse, geförderte Kultureinrichtungen oder zum Beispiel zuzahlungsfreie Medikamente (vergl. hierbei einen allgemeinen Gedankensplitter bei Kraus, 2007, 62 f.). Mit der Höhe und Intensität des staatlichen/kommunalen Engagements hier reduziert sich der monatlich ausgezahlte Geldbetrag des BGE (vergl. Rätz/Paternoga, 2017, 41 f.). Das Grundeinkommen wird durch ein staatliches Gesundheitswesen ergänzt, wo eine medizinische Grundversorgung für alle kostenlos angeboten wird. Aber es wäre auch zu erwähnen, dass die Gesellschaft gesünder wird und dadurch die Lohnbelastung durch Gesundheitskosten sich reduziert. 3.2. Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) 67 Tafeln, Kleiderkammern und Sozialkaufhäuser? Im Zuge der Diskussion zur neoliberalen Demontage des Sozialstaates wurden das starke Aufkommen von Fürsorgeangeboten wie den Tafeln oder Kleiderkammern als problematische Entwicklung betrachtet (vergl. Butterwegge, 2008, 195ff.; ders., 2015 b, 48). Jeder zweite unter den Ehrenamtlich in NRW in Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern stimmt der Aussage zu, „dass ehrenamtliches Engagement als Einsparmaßnahme durch den Staat missbraucht wird (…)“ (Selke/ Maar, 2011, 59). Problematisiert wird, dass mit der Verschiebung der Existenzsicherung zu den Tafeln kein Sozialanspruch mehr einklagbar ist, sondern diese nur noch durch die Barmherzigkeit des Helfenden sichergestellt wird (vergl. Reif/Prüwer, 2014, 91 f.; Selke, 2013/2015, 153 und 236). Auch wird es kritisch gesehen, dass indem Tafeln inzwischen zur Regelversorgung geworden sind, diese entscheidend zu einer Entpolitisierung von Armut beitragen (vergl. Selke, 2015, 22). Es wird gesehen: mit der Hartz IV-Ökonomie, wozu auch Tafeln gehören, verfestigt sich eine Parallelwelt, die die Hilfsbedürftigen kränkt, stigmatisiert (vergl. KDA, 2011) und beschämt (vergl. Selke, 2013/2015, 43 und 124ff.). Dann war aber auch zu lesen, dass Tafeln nicht flächendeckend die Armut beheben können (vergl. Selke, 2013/2015, 232 f.). Während die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens der Bekämpfung der relativen Armut dient, scheinen mir Tafeln, Kleiderkammern usw. weiterhin die Aufgabe zu haben, periodisch auftretende drohende absolute Armut durch unverschuldete Notlagen (z.B. kaputtes Auto rsp. kaputte Waschmaschine, langer Krankenhausaufenthalt bzw. häufige teure Fahrtkosten zu einem Facharzt) zu kompensieren. Die Tafeln können aber auch „Verwirklichungsmöglichkeiten“ (Amartya Sen) eröffnen, etwa wenn jemand den Druckkostenzuschuss für ein Buch zusammensparen will, jemand die Reise zu einem internationalen Wettkampf antreten will oder jemand ein teures Musikinstrument refinanzieren will. Wie die Vesperkirchen in Süddeutschland können z.B. Tafeln durch das Angebot von einem gemeinsamen Mittagstisch oder von Kochkursen (z.B. die Flensburger Tafel) die Begegnung von Menschen aus verschiedenen Milieus, von Menschen mit unterschiedlichem so- 3.3. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 68 zialem Status und von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ermöglichen. Sie leisten damit einen Beitrag zur sozialen Kohäsion (zum Anliegen der Milieuüberwindung vergl. Banzhaf/Fetzer u.a., 2011, 360). Inklusion Unter den Hartz IV-Beziehern und –Bezieherinnen sind auch Menschen mit Behinderungen. Bevor diese auf Einfacharbeitsplätze abgeschoben werden (vergl. Kohlgrüber/Schröder, 2015, 9) müssten hier verstärkt Inklusionsbemühungen greifen. Durch ein BGE können diese bezüglich Inklusionsanstrengungen selbstbewusster gegenüber den Behörden auftreten (vergl. Rätz/Paternoga, 2017, 71). Im Kontext von Inklusion und Arbeitswelt ist die Ableismus-Forschung und –Diskussion relevant. Sie problematisiert „irrationale, verletzende, grausame und unplausible Konzeptionen von Fähigkeit (und damit auch Behinderung), die eng mit Vorstellungen der Leistungsgesellschaft“ und Leistungsgerechtigkeit verknüpft sind (vergl. Buchner/ Pfahl/Traue, 2015, 1, 3 und 6). Es wird ein kritischer Blick auf den Fähigkeitsdiskurs im Neoliberalismus geworfen und die dort herrschende Neigung, Menschen sehr stark nach Produktivkräften zu sortieren. Hier wird kritisch hinterfragt, was in Blick auf die Arbeitskraft Normalität, Gesundheit und Funktionsfähigkeit bedeuten. Es wird viel zu schnell im Neoliberalismus aussortiert, wie es an meiner Biografie deutlich wird. Unter dem Neoliberalismus ist ein Klima entstanden, das aufgrund des Fähigkeits-Diskurses gegenüber Behinderten eine verbreitet auftretende Haltung der Ausgrenzung und Geringschätzung produzierte. Behinderte werden eher der Zone des „Schonens“ und „Helfens“ zugewiesen. Das „Können-Müssen“, als gesellschaftlicher Zwang, greift bei ihnen weniger/geringer und Prozesse der Befähigung werden weniger initiiert rsp. in Gang gesetzt. Wenn man nach einer inklusiven Arbeitswelt Ausschau hält, dann wird sehr schnell deutlich, dass dies eine Realität mit vielen Brüchen und teilgelungener Wirklichkeit ist. Es gibt aufgeschlossene Arbeitgeber (vergl. Wolters, 2014, 150 f., 154ff., 160ff.), aber es gibt auch viele Unternehmen, die sich „freikaufen“: „Rund 135000 Unternehmen gibt 3.4. 3.4. Inklusion 69 es in Deutschland, die Schwerbehinderte beschäftigen müssten. So weit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus: Etwa 38000 Betriebe täten das nicht (…)“ (dies., 149). Dadurch kommen über die Ausgleichsabgabe im Jahr 2010 466,5 Millionen Euro zusammen (vergl. dies., 165). 3000 Behinderte mit Abitur, Hochschulabschluss oder Promotion suchen eine Berufsperspektive (vergl. dies., 149). „Das Risiko ist zu hoch, der gute Wille zu schwach und der mutige Chef fehlt zu oft. So übergehen Arbeitgeber Behinderte weiter. Sie laden pro forma zu Vorstellungsgesprächen, weil das Gesetz sie zwingt, und kaufen sich dann doch lieber frei“, schreibt Yvonne Weindel (vergl. dies., 150). Und dennoch ist Bewegung möglich, wenn Inklusion eingefordert wird. Allerdings besteht eine „Kommstruktur“ bei den Behörden, d.h. sie reagieren zum Teil häufig erst, wenn nachgefragt wird. Das führt dazu, dass Inklusionspotentiale unausgeschöpft sind (vergl. dies., 161 und 163). Die Integrationsfachdienste machen im Kontext von Inklusion viel möglich – sie klären auf, sie sensibilisieren und setzen Notwendiges um (vergl. dies., 166). Aber dennoch haben wir es in Deutschland mit einer „selektiven“ Inklusion zu tun (vergl. Römisch, 2018, 145).32 32 „In Deutschland besteht die Gefahr, dass die Gruppe der behinderten Menschen auf eine bestimmte Gruppe ´reduziert´ wird. Die meisten statistischen Daten über die Lebenssituation behinderter Menschen, so auch der Teilhabebericht, beziehen sich vor allem auf die Personen mit Schwerbehindertenausweis, die im Laufe ihres Lebens eine Schwerbehinderung erlangen. Dies ist insbesondere im Arbeitsleben der Fall. Als ein Beispiel sei die Ausgleichsabgabe erwähnt. Private und öffentliche Arbeitgeber mit 20 Arbeitsplätzen sind in Deutschland verpflichtet, 5% ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Personen zu besetzen. Wenn sie dies nicht tun, müssen sie eine Ausgleichsabgabe bezahlen (SGB IX). Im öffentlichen Sektor wird die Quote über-, im privaten Sektor nicht ganz erfüllt (…). Hiervon profitieren in der Regel aber diejenigen Arbeitnehmer*innen, die im Laufe[korrigiert R.M.] ihres Arbeitslebens eine Schwerbehinderung zum Beispiel durch eine chronische Erkrankung erlangen. Menschen, die von Geburt an eine Behinderung haben, insbesondere Menschen mit geistiger Behinderung und Menschen mit schwersten Behinderungen profitieren hiervon kaum. Die Lebenssituationen dieser Personengruppen unterscheiden sich erheblich. Schon die Personen, die im Laufe ihres Berufslebens eine Beeinträchtigung erlangen, erfahren auf dem Arbeitsmarkt eine deutlich schwierigere Situation als nichtbehinderte Menschen. Das wird in allen Arbeitsmarktstatistiken deutlich. Umso schwieriger gestaltet sich die Situation für Menschen, die von Geburt an eine Beeinträchtigung haben. Aber auch innerhalb dieser Personengruppe zeigen sich erhebliche Unterschiede, nämlich zwischen körperlich- und sinnesbeeinträchtigten Menschen und den eben genannten Menschen mit geistiger und schwerster Beeinträchtigung. Insgesamt zeigt sich eine gesell- 3. Ein umfassendes Lösungspaket 70 Ähnlich wie im Bildungsbereich wird diskutiert, ob „beschützende“ Beschäftigungseinrichtungen wie die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) gänzlich abzuschaffen seien oder ob jedenfalls ihre Laufzeit (bis zur Abschaffung) zu begrenzen sei, „weil die Segregation in solchen Einrichtungen als Verletzung der Menschenrechte einzustufen sei“ (Trenk-Hinterberger, 2015, 108). Ein vorläufige Antwort auf die Diskussion dieser Position (vergl. ders., 108) könnte sein: „Anstatt zwischen der (sofortigen oder zumindest baldigen) Abschaffung der WfbM bis hin zum weitgehenden Bewahren der Einrichtungen in ihrer jetzigen Gestalt zu polarisieren, dürfte es den Vorgaben des Artikels 27 UN-BRK eher entsprechen, faktische Monopole im Bereich der ´geschützten Beschäftigung´ zu beseitigen, den öffentlichen Beschäftigungssektor auszubauen und innerhalb dieses Sektors die WfbM zu sozialräumlich organisierten ´Sozialunternehmen´ zu entwickeln, die mit dem allgemeinen Arbeitsmarkt (im Sinne einer Brückenfunktion) vielfältig vernetzt sind, die differenzierte Beschäftigungsmöglichkeiten organisieren und die solche Teilhabe am Arbeitsleben für alle behinderten Menschen bieten, die am allgemeinen Arbeitsmarkt ohne Chancen bleiben (…)“ (ders., 109). Zukunftsperspektive ist ein „Arbeits-Markt-für-Alle“, wo „Menschen mit und Menschen ohne Behinderungen“ zusammen arbeiten sollen können. „Alle sind bei der Arbeit dabei“. Und: „Alle arbeiten mit“. Bei einer Orientierung an der Perspektive „Arbeits-Markt-für- Alle“ können alle Menschen Arbeit bekommen und es ist dabei egal, ob eine Behinderung vorliegt. Dabei muss die Unterstützung zu dem Menschen (mit Behinderung) passen. Hindernisse bei der Arbeit werden mit Hilfsmitteln beiseite geräumt. Jede/r im „Arbeits-Markt-für- Alle“ ist für Bildung ansprechbar bzw. für jede/n müssen gut zum Arbeitsplatz passende Bildungsangebote gemacht werden. Alle können hierbei so gut verdienen, dass sie die Grundbedürfnisse gut befriedischaftliche Tendenz, Inklusion für einen bestimmten Personenkreis zu sehen und Gruppen auszumachen, die als inkludierbar gelten. Inklusion fragt aber ´nicht nach dem Grad der Behinderung. Wer Inklusion an der Schwere der Behinderung festmacht, hat nicht verstanden, um was es geht´(Reimann 2014). (…) Diejenigen, die als schwer beeinträchtigt bezeichnet werden, laufen Gefahr, von Inklusionsprozessen ausgeschlossen zu werden und als ´Restgruppe´ in den bestehenden Sonderinstitutionen zu verbleiben“ (Römisch, 2018, 145). 3.4. Inklusion 71 gen können. Weitere Optionen, die als Grenzüberschreitung bisheriger arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen für Behinderte anzusehen sind, sind, dass den Behinderten eine echte Wahlfreiheit hinsichtlich Arbeit zugestanden werden muss und dass Menschen mit Behinderung eine eigene Firma haben sollen können. Frauen mit Behinderungen müssen mehr Möglichkeiten bekommen. Die Ausgleichs-Abgabe muss teurer für die Firmen/Betriebe werden, so dass das Einstellen von Behinderten günstiger ist. Es soll auf dem Weg dorthin an dem Abbau von „mentalen“ und „sachlichen“ Hürden gearbeitet werden, damit der Transfer von einer Werkstatt für Behinderte zu „anderen Arbeitsplatzanbietern“ leichter fällt. Der Assistenzbedarf kann hierbei eventuell steigen. Das Management eines „Arbeits-Marktes-für-Alle“ soll nicht zu sehr aufgesplittert sein in diverse verschiedene Zuständigkeiten (vergl. Vieweg, 2018). Unter Rücksicht auf die bisherige Diskussion sei daher auf die CAP-Lebensmittelmärkte hingewiesen. Das CAP-Lebensmittelmärkte- Konzept ist ein gelungenes Projekt zur Inklusion (www.cap-markt.de). Bei den CAP-Lebensmittelmärkten wird nicht gewinnmaximierend gewirtschaftet, auch wenn geplante Umsatzzahlen erreicht werden sollten. Hier werden im großen Umfang Menschen mit Behinderung beschäftigt. Und die Arbeitsplätze werden entsprechend den Erfordernissen gestaltet – z.B. barrierefreie Kassentische, Sondertastaturen mit Brailleschrift, elektronische Lupe usw. Die Inklusionsquote ist hier hoch. Die CAP-Märkte im Verbund der Neuen Arbeit (Stuttgart) beschäftigten Ende 2015 278 Menschen, davon 129 Mitarbeitende mit Behinderung. Aber es werden auch Standards gesetzt, weil sich die behinderten Mitarbeiter_innen ihren Arbeitsplatz erwirtschaften müssen. Daher wird zwar alles getan, um die Behinderung zu kompensieren; wenn aber der/die behinderte Mitarbeiter_in nicht die notwendige Leistung erbringen, kann er/sie nicht eingestellt bzw. weiterbeschäftigt werden. Aber es wird auch Inklusion beim Service gelebt. Geh- und sehbehinderte Menschen werden auf Wunsch beim Einkaufen im Markt begleitet. Und es gibt zusätzlich einen kostenlosen Lieferservice, der auch von älteren Menschen gerne angenommen wird. Es gibt Grenzen der Handhabbarkeit von psychologischen Problemen rsp. privatem und finanziellem Kummer. Hier steht der Integrationsfachdienst im Hintergrund, der bei Bedarf eingeschaltet wird. Es wird mit 3. Ein umfassendes Lösungspaket 72 viel Empathie, Mitmenschlichkeit und Respekt geführt und geleitet (vergl. Infoprospekt zu den CAP-Lebensmittelmärkten im Verbund Neue Arbeit). Ein anderes gutes Inklusionsprojekt ist das Restaurant Freistil in Kiel. Inklusion findet hier „still“ statt, um einerseits zu vermeiden, dass jemanden ein Stempel aufgedrückt wird und um andererseits den Teamgeist zu fördern. „Etwa die Hälfte der 20 Mitarbeiter sind Menschen mit Handicap“. „Nur die Posten des Restaurantleiters und Küchenchefs ´sind Spezialisten vorbehalten´“. Alle anderen Aufgaben werden von Menschen mit und ohne Handicap übernommen – weder in der Küche noch im Service gibt es eine Abgrenzung. Gelingt etwas beim Servieren nicht, dann entschuldigt man sich beim Gast, ohne auf das Handicap hinzuweisen. Im Freistil darf nie Hektik aufkommen; die Dinge werden den Menschen mit Handicap ganz ruhig erklärt, selbst wenn es stressig ist. Auch in der Küche herrscht kein rauer Ton, was im Gastronomiebereich eher ungewöhnlich ist. Eine Kultur des Vertrauens gibt den Menschen mit Handicap die Kraft alles gut zu machen (Georg Meggers in: HEMPELS Nr. 262 2/2018, 10-16). Einfacharbeitsplätze Unter den Langzeitarbeitslosen, sind viele Un- und Angelernte, Geringqualifizierte, Personen ohne Schulabschluss und Dequalifizierte. Eine Perspektive wären für sie Einfacharbeitsplätze, wenn es hier nicht einen Verdrängungsprozess durch Bewerber mit formalen Berufsabschluss (vergl. Leicht u.a., 2004, 39; DGB, 2015, 4; Kohlgrüber/Schröder, 2015, 9) gäbe und eine Mismatch-Situation in mehrfacher Hinsicht bestehen würde (vergl. Kohlgrüber/Schröder, 2015, 8). So werden die Langzeitarbeitslosen z.B. von Arbeitgebern häufiger nicht auf Einfacharbeitsplätze eingestellt, weil diese bei jenen aufgrund der langen Arbeitslosigkeit den Verlust von Sekundärtugenden und von Grundwissen annehmen. Ungezielte Vermittlungsvorschläge durch Jobcenter und Agenturen für Arbeit sind selten eine Brücke zum Einfacharbeitsplatz – die Arbeitgeber setzen hierbei eher auf persönliche Kontakte. Und dann gibt es die Schwelle der Qualifizierung. Viele Einfacharbeitsplätze sind, auch wenn sie Einfacharbeitsplätze genannt werden, 3.5. 3.5. Einfacharbeitsplätze 73 durchaus anspruchsvoll. Die Anlernzeiten sind zum Teil erheblich und es dauert manchmal eine gewisse Zeit, bis durch eine gewonnene Routine eine Arbeit qualitativ gut gemacht wird (vergl. Jürgenhake/Sczesny/Wiengarten, 2015, 16). Und der Anspruch an die Soft Skills steigt, die bei der Zielgruppe manchmal nicht besonders ausgebildet sind (vergl. Leicht u.a., 2004). So kann der Anspruch des Arbeitgebers mit der Frage nach notwendiger Qualifizierung kollidieren mit der geringen Weiterbildungsnachfrage bei gering qualifizierten Beschäftigten. Eine fehlende Anerkennungskultur senkt darüber hinaus die Bereitschaft bei gering Qualifizierten oder Un- und Angelernten sich auf Einfacharbeitsplätze einzulassen. Wenn also Einfacharbeitsplätze eine Perspektive für die Un- und Angelernten, Geringqualifizierten, Personen ohne Schulabschluss und die Dequalifizierten unter den Langzeitarbeitslosen darstellen sollen, dann muss ein Kultur der Wertschätzung in Bezug auf die Welt der Einfacharbeitsplätze einziehen – das drückt sich zunächst in guten Arbeitsbedingungen und einer anständigen Bezahlung aus (vergl. KDA, 2015, 17). Aber auch das Sprechen in der Gesellschaft über Einfacharbeitsplätze infolge eines Bewusstseinswandels müsste sich verändern – herablassende, stigmatisierende Sprache sollte verschwinden (siehe dazu Leicht u.a., 2004, 21). Gar mancher Langzeitarbeitslose bedarf, wenn er einen Einfacharbeitsplatz ausfüllen will, der langfristigen Qualifizierung, der Arbeit am Aufbau einer intrinsischen Motivation, der Vermittlung einer Sinnperspektive und dann werden vermutlich auch die Sekundärtugenden wieder zurückgewonnen werden können. Dann müssen aber auch vermehrt Einfacharbeitsplätze erfunden werde, wie es z.B. mit bei den Alltagsbegleiterinnen in Seniorenheimen der Fall gewesen ist. Nicht wenige Grünanlagen in der Stadt braucht keinen ausgebildeten Gärtner – hier kann für Menschen mit dem „grünen Daumen“ ein sinnvoller Arbeitsplatz geschaffen werden, weit über einen 450-Euro-Arbeitsplatz hinaus. Im Bereich der personenund haushaltsbezogenen Dienstleistungen kann gar manche Arbeit entstehen. Es ist deutlich zu machen, dass die Geringqualifizierten, Un- und Angelernten sowie Dequalifizerten durch die Ausfüllung eines Einfacharbeitsplatzes Teilhabe haben an der Erwerbsarbeitsgesellschaft. „Auf die Reinigungskraft kann man letztendlich ebenso wenig verzich- 3. Ein umfassendes Lösungspaket 74 ten wie auf die Führungskraft oder den Ingenieur“, schreibt der KDA (2015, 16). Es muss deutlich werden: „Die einfachen, oft gering entlohnten Tätigkeiten ermöglichen auch den Erfolg der besser bezahlten Fachkräfte“ (ders., 17). Einfacharbeitsarbeitsplätze können der Ausgangspunkt für einen Qualifizierungsweg sein (vergl. Jürgenhake/ Sczesny/Wiengarten, 2015, 17). Für die Schritte auf diesem Weg dreht sich viel um Fähigkeiten (Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen). Es kann nicht der Weg auf formale Bildungsabschlüsse hin sein, wohl aber auf eine Qualifikation auf Fachkraftniveau. Damit dieser Bildungsprozess aber gelingt, sind Lernentwöhnungsprozesse zu beachten, aber auch schlechte Erfahrungen mit Lernprozessen (vergl. Kohlgrüber/Schröder, 2015, 10). Dazu sind Evaluierungsmittel bedeutsam, um nicht-formale Qualifikationen zu erheben. Viele Personen aus dieser Zielgruppe sind, damit sie sich auf diesen Weg überhaupt einlassen, auf Hoffnung hin zu beraten (vergl. Tobler, 2004). Wenn die Einfacharbeitsplätze mit einer Betriebsratskultur verbunden sind, dann können sie ein Ort für eine Einübung in eine Demokratiekultur sein. Langzeitarbeitslose zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich nicht mehr so sehr an Wahlen beteiligen. Hier kann durch die konkrete Ausgestaltung von Einfacharbeitsplätzen gegengesteuert werden. Eine Brücke zur einfachen Arbeit kann das sich-Bewähren im Ehrenamt sein (vergl. Bednarek-Gilland, 2015, 83ff.). Handwerkliche Hilfstätigkeiten können z.B. in einer Kirchengemeinde erprobt werden, um dann schließlich in einem Altenheim auf einem Einfacharbeitsplatz Anwendung zu finden. Ein ehrenamtlicher Vorlauf für die Arbeit in der Logistik kann z.B. im Lager einer Nichtregierungsorganisation stattfinden. Durch den ehrenamtlichen Fahr- und Botendienst für ein großes Krankenhaus kann man sich die Infrastruktur einer Stadt erschließen, was dann wiederum eine Grundlage für einen Einfacharbeitsplatz darstellen kann. Und auch für den Verwaltungsbereich, wenn keine formale Qualifikation oder einschlägige Berufserfahrung verlangt wird, gibt es Erprobungsmöglichkeiten im Ehrenamtssektor (z.B. in kleinen Vereinen). Hier wären auch mal Ehrenamtsphasen von bis zu einem Jahr mit 20/30 Stunden wöchentlich sinnvoll. Manchmal braucht es einer längeren Anlaufphase, um zu den Sekundärtugenden/ Arbeitstugenden (Pünktlichkeit, Engagement, Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit usw.) oder 3.5. Einfacharbeitsplätze 75 zu einem Selbstvertrauen zurückzufinden bzw. um ein Auge für die Aufgaben eines Handlungsfeldes zu bekommen. Damit man einen Arbeitsplatz durchschaut bedarf es manchmal etwas Zeit und der intensiveren Auseinandersetzung mit dem Arbeitsfeld. Die Schwäche bei sozialen und kommunikativen Kompetenzen bei niedrig Qualifizierten (vergl. Leicht u.a., 2004, 30) kann durch ehrenamtliches Engagement eventuell ausgebügelt werden, wenn man das Ehrenamtsengagement mit Ehrenamtsstammtischen, Fortbildungsangeboten und Dienstbesprechungen kompetent gestaltet. Für manche Langzeitarbeitslose ist der Schritt zum Einfacharbeitsplatz ein großer Schritt. Persönliche rsp. subjektive Faktoren bremsen die Bereitschaft zu regelmäßiger Erwerbsarbeit aus – z.B. Verschuldung infolge von Unterhaltsforderungen, Fahruntüchtigkeit infolge regelmäßiger Medikamenteneinnahme oder infolge von Alkoholismus, starke Arbeitseinschränkungen infolge gesundheitlicher Beschwerden, finanzielle Schlechterstellung durch eine Arbeitsaufnahme, Selbstaufgabe und ein damit einhergehender Verlust der Arbeitsmotivation. Hier müsste eine Lebensberatung und ein Coaching ansetzen. Es müssten Coaches, Lotsen33 und Paten gefunden werden, die verlässlich über einen langen Zeitraum die ersten Schritte in das Arbeitsleben zurück begleiten – dabei auch etwas die Funktion eines ehrenamtlichen Betreuers übernehmen. Dabei werden diese schon aktiv, bei der so wichtigen Pünktlichkeit oder bei der regelmäßigen Bearbeitung der Post. Manche Langzeitarbeitslose kommen an einem Umzug vom Land in die Stadt nicht vorbei, wenn z.B. die Mobilität eingeschränkt ist und diese auf den ÖPNV angewiesen sind (vergl. auch zum Problem der geringen Mobilitätsquote bei gering Qualifizierten bei: Leicht u.a., 2004, 24 f.). 33 Vergleiche zur den Aspekten „kontrollierte Offensive“, zu „Mobilisierung durch verstehende Akzeptanz“, zu einem „Schritt für Schritt in Bewegung bringen“, zum „Zeit gewähren“, zum „Schaffen von Räumen der Wertschätzung“ durch Lotsen. Die Lotsen sind dabei in besonderer Weise kompetent, weil sie eine eigene Hartz IV-Erfahrung haben. Sie werden durch ein Coaching unterstützt (vergl. DISW/ FREIE WOHLFAHRTSPFLEGE NRW, 2016). An einer Kompetenz der Lotsen dahingehend ist zu arbeiten, dass diese wieder loslassen lernen können, zum richtigen Zeitpunkt. Das wurde als Problemwahrnehmung bei Lotsen deutlich, die sich bei Flüchtlingen engagierten. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 76 Der Mindestlohn bei den Einfacharbeitsplätzen sollte nicht sehr stark unterhalb der Niedriglohnschwelle liegen (vergl. dazu Aust, 2008, 80). Ehrenamt „Betrachten wir zunächst den Erwerbsstatus, dann erkennen wir die bereits vermutete Tatsache, dass das Schicksal der Arbeitslosigkeit, welches mit Einkommens- und Statusverlusten sowie mit psychologisch negativen Erlebnissen und Gefühlen einhergeht, nicht gerade die Neigung verstärkt, sich freiwillig zu engagieren“ (Gensicke, 2000, 43). Aber man musste dennoch festhalten, dass die Erwerbslosen der Neuen Bundesländer (vergl. Freiwilligensurvey 1999) noch engagierter waren als die der alten Länder. Wenn es ein freiwilliges Engagement von Erwerbslosen gibt, dann ist damit das Motiv verbunden, sich eine Tagesstruktur zu bewahren (Coping-Ansatz), Sozialkontakte zu erhalten (im Interesse der Selbstwirksamkeit), aber auch irgendwie ein Versuch, der Berufsbiografie eine Kontinuität zu geben, indem berufsnahe Engagementfelder aufgesucht werden. Schließlich ist das ehrenamtliche Engagement präventiv wirksam – es beugt dem Problem „erlernte Hilflosigkeit“ vor, das sich im Verlauf einer längeren Erwerbslosigkeit aufbauen kann. Nicht selten besteht auch das Motiv, vor allem in den Neuen Ländern, „über eine freiwillige Tätigkeit auch die Chance auf einen bezahlten Job zu verbessern (…)“ (Gensicke, 2000, 88). Dabei hat das freiwillige Engagement rsp. das Ehrenamt fünf Funktionen: a) Sozialkontakte unter dem jeweiligen Engagement stellen eine Chance dar, um informell intensiver mit dem ersten Erwerbsarbeitsmarkt in Verbindung zu bleiben. b) Führungszeugnisse von qualitativ hochwertigen Ehrenamts-Tätigkeiten beugen dem Eindruck einer Dequalifizierung vor. c) Im Kontext von freiwilligem Engagement oder Ehrenämtern kann die Möglichkeiten zu für den Beruf vorteilhaften Fortbildungen bestehen. d) Ehrenamt kann den potentiellen Arbeitgebern signalisieren, dass die Sekundärtugenden „frisch“ sind. e) Letztlich ist das Ehrenamt eine gute Chance gesellschaftliche Teilhabe zu erfahren, wodurch Scham reduziert wird und damit einhergehende Spiralen der (Selbst-)Isolation vermieden werden können, was wiederum negativ 3.6. 3.6. Ehrenamt 77 für die Arbeitssuche sein würde (vergl. dazu z.B. Prechel, 2015, 201 f. vor allem in Bezug auf Frauen im Ehrenamt; s.a. 203, 242 f., 246). Das ehrenamtliche Engagement bei Arbeitslosen liegt weiterhin unter dem von anderen Erwerbsstatusgruppen, ist jedoch in den letzten Jahren gestiegen (vergl. Bednarek-Gilland, 2015, 39 und Prechel, 2015, 198 f.; s.a. zum deutschen Freiwilligensurvey 2014 bei: Simonson/Hameister, 2017, 451, Abb. 16-3). Das Engagement im Ehrenamt hängt auch ab vom Einkommen. Unterdurchschnittlich engagiert sind diejenigen, die arm sind oder in prekärem Wohlstand leben (vergl. Böhnke/Dathe, 2010, 15, Abb. 1).34 „Wer langfristig arm ist (…) hat die niedrigsten Engagementquoten“ (dies., 16). Aber: diejenigen Armen, die eine höhere Bildung und gute Qualifikation aufweisen, sind noch am ehesten freiwillig aktiv. Und: „Menschen, die sich als phantasievoll, originell und kreativ einschätzen und glauben, dass man die Verhältnisse auch selber beeinflussen kann, sind trotz Armut engagiert“ (dies., 17). Daher korreliert ehrenamtliches Engagement etwas mit Armut, dahingehend wenn Fatalismus, Scham einen Rückzug aus der Öffentlichkeit befördern und damit einhergehend das ehrenamtliche Engagement sinkt. Aber Bildungsnähe und die Persönlichkeit können dazu beitragen, dass man sich trotz Armut engagiert. Weitere Gründe dafür sind, dass sozial benachteiligte Gruppen weniger im Ehrenamtsbereich zu finden sind, dass die emotionale, gestikulierende und besondere Sprechweise von diesen, in der Sphäre des bürgerschaftlichen Engagements nicht hineinpasst. Und so fühlen sich diese mit ihrer Kommunikationskultur nicht angenommen und zu Hause. Bei ihnen haben leidenschaftliche Betroffenheit, die Sorge um alltägliche und existenzielle Fragen und Emotionen wie Wut eine her- 34 „Weniger als ein Drittel der armen allein erziehenden Mütter sind ehrenamtlich aktiv, aber die Hälfte der allein erziehenden Mütter, die nicht arm sind. Diese Relation gilt auch abgeschwächter für die Elternpaare, für Väter und Mütter. Das Vorhandensein eines Armutsrisikos hat also größeren Einfluss darauf, ob ehrenamtliche Aufgaben oder Ehrenämter übernommen werden als die Familienform einer allein erziehenden Familie oder einer Paarfamilie“ (Holz, 2004, 52). Der Zusammenhang von einer ungünstigen finanziellen Situation und einem geringen freiwilligen Engagement wurde auch beim deutschen Freiwilligensurvey 2014 bestätigt (Simonson/Hameister, 2017, 455). Dabei schnitten Frauen schlechter ab als Männer (vergl. S. 456, Abb. 16-9). 3. Ein umfassendes Lösungspaket 78 ausragende Bedeutung. Dies wird in der öffentlich-politischen Sphäre und in Vereinen und Kirchen weniger respektiert – Sachlichkeit, Apersonalität, Distanziertheit und Verfahrensregulierung dominieren hier hingegen. Und so sind die Bedürfnisse nicht kompatibel. Auch werden bestimmte Themen ausgegrenzt, weil sie dem privaten Raum zugeschrieben werden bzw. in den Verantwortungsbereich von Selbsthilfegruppen ausgegliedert werden. Engagement kommt nur zustande, wenn mit der Übernahme des Engagements Bezüge zur eigenen Biografie hergestellt werden können bzw. dieses im Kontext der eigenen Lebensbewältigung gesehen werden kann – hier gibt es für die sozial Benachteiligten in einem Mittelschicht-dominierten-Ehrenamt hinsichtlich ihrer Lebenslage weniger Anknüpfungspunkte, thematisch wie praktisch. Ehrenamt muss effizient sein und damit werden bestimmte Formen der Interaktion, der Kommunikation und der Regeln verknüpft – hier ist der Stil der sozial Benachteiligten häufig eine Praxis der Umwege und wird von daher als störend empfunden. Auch die Ästhetik der Räume, in denen sich die Engagierten treffen, entscheiden darüber, ob sich die Menschen zugehörig fühlen oder nicht zugehörig bzw. ausgegrenzt fühlen. Und es ist noch anzumerken, dass angesichts ihrer existenziellen Notlage zumeist weniger Ressourcen bleiben, um sich „für andere“ rsp. „für die Allgemeinheit“ zu engagieren (vergl. hierzu Schulz, 2007; Munsch, 2011, Voigtländer, 2015, 135ff. bzgl. Bezüge zur eigenen Biografie hinsichtlich einem Ehrenamt). Erfahrungen in einem evangelischen Krankenhaus mit ehrenamtlichen Personen aus dem Kreis der Armen und Arbeitslosen zeigten, dass reduzierte Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit dazu führten, dass diese nicht nachhaltig ihren ehrenamtlichen Platz ausfüllten. Hier muss eine Ehrenamtsförderung auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Im Vorfeld der konkreten Ehrenamtsförderung wäre es im Interesse einer stärkeren Ehrenamtsneigung bei Arbeitslosen und Armen hilfreich, wenn Initiativen zu deren stärkeren zivilgesellschaftlichen Einbindung erfolgen würden. Die zivilgesellschaftliche Einbindung stellte eine Brückenfunktion zu einem stärkeren ehrenamtlichen Engagement dar, weil dadurch nicht nur Beziehungen geknüpft werden, sondern auch die Informiertheit über ein potentielles ehrenamtliches Engagement steigt (vergl. hier Prechel, 2015, 222 f.). Ehrenamt 3.6. Ehrenamt 79 darf nicht nur Helfertätigkeit sein, man muss auch etwas den Betroffenen zutrauen und muss ihnen einen Bereich mit tatsächlich eigener Verantwortung übergeben, damit Ehrenamt attraktiv wird, wie es am Beispiel Herr Bär deutlich wird (vergl. Bednarek-Gilland, 2015, 92). Paten können dazu beitragen, dass diese Zielgruppe wieder den Engagementsbereich für sich entdeckt und Anlaufschwierigkeiten überwunden werden. Dann müssen aber auch Kirchengemeinden ihre Milieuenge zurücklassen und sich für diese Zielgruppe öffnen (vergl. S. Mierzwa, 2016). Wenn die Zielgruppe der Hartz IV-Bezieher das ehrenamtliche Engagement für sich entdecken soll, dann darf hierbei nicht instrumentalisierend mit ihnen umgegangen werden; sie dürfen nicht nur wegen einer Aufgabe engagiert werden. Auch Anerkennung müssen sie erfahren können. Dann blühen die Menschen auf (vergl. Bednarek-Gilland, 2015, 92). Und dabei bedeutet Anerkennung zuvorderst Beziehungsaufnahme. Anerkennung ist dort, „wo es zu einer Kultur der Begegnung kommt, zu einem menschlichen Miteinander, das von gegenseitigem Respekt gekennzeichnet ist“ (Grosse, 2011, 315; Herv. i. Orig.). Unter dieser Anerkennungspraxis gilt das Subjekt etwas, mit seinen eigenen Vorstellungen und Kompetenzen (vergl. ders., 316). Es muss zur tatsächlichen Beziehungsaufnahme kommen, d.h. man darf sich nicht innerlich, vom Herzen her, der intensiven Begegnung und dem Gespräch entziehen. Der gemeinsame Weg mit den Armen kann kompliziert, ja sogar konfliktträchtig sein (vergl. ders., 317). Die Armen dürfen nicht als Zielgruppe für Bildung aufgegeben werden. Es muss überlegt werden, wie kirchliche Erwachsenenbildung diese Zielgruppe erreicht. Erwachsenenbildung muss so angelegt sein, dass nicht eine Konzentration der Aktivitäten auf die besseren sozialen Risiken unter Ausgrenzung der (noch) Schlechteren erfolgt (vergl. dazu bei Huster, 2011, 404). Auf existenzielle Nöte muss bei der Ehrenamtsförderung eingegangen werden. So war der zweithäufigste Grund für Arbeitslose in Westdeutschland kein Ehrenamt zu ergreifen, dass dieses „zu kostspielig“ sei (vergl. Prechel, 2015, 211). Deswegen muss hier stärker über Aufwandsentschädigungen nachgedacht werden. Diese dürfen aber wirklich nur Aufwandsentschädigungen und keine verdeckte Bezahlung sein, weil dadurch die intrinsische Motivation leidet (vergl. Prechel, 2015, 221 f.). Und es bedarf auch großer Erzählungen von einer besseren Gesellschaft, die ansteckend wirken. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 80 Auch für das ehrenamtliche Engagement von behinderten Menschen aus der Perspektive der Lebenshilfe (Lebenshilfe Landesverband Bayern, 2015) gibt es Spielräume – dazu müssen aber nicht nur Vorurteile in der Bevölkerung abgebaut werden (S. 42), auch eine Anerkennungskultur ist bedeutsam (S. 40 und 47). Leicht lassen sich behinderte Menschen in Wohlfahrtsverbände, Vereine und Senioreneinrichtungen einbinden. Sie können u.a. beim Auf- und Abbau bei öffentlichen Veranstaltungen, beim Sauberhalten und Verschönern von Grünanlagen oder bei Besuchsdiensten in Seniorenheimen eingesetzt werden (S. 45). Die individuellen Fähigkeiten und eigenen Wünsche sind zu beachten und eine intensivere Begleitung in der Anfangsphase ist sicherzustellen (S. 47). Behinderte Menschen brauchen einen verlässlichen Ansprechpartner in den Organisationen/Vereinen.35 Ehrenamtliche Beteiligung entscheidet über politische Beteiligung. Gesellschaftliche Mitwirkung leistet einen wichtigen eigenständigen Beitrag zur Verbesserung der Verwirklichungschancen (vergl. Schneider/Volkert, 2005). Bildung, Qualifizierung, Fort- und Weiterbildung Bildung ist ein entscheidender Schlüssel, um am Erwerbsleben zu partizipieren. Bildung muss zugleich so konzipiert und strukturiert sein, dass der Weg in eine Postwachstumsgesellschaft eröffnet wird (vergl. Diefenbacher u.a., 2016, 284) (siehe weiter bei Abschnitt 3.10.). Über Anstrengungen zur Karriereförderung durch Qualifizierung und Weiterbildung bzw. durch die Aushändigung von Bildungszertifikaten machen Menschen Anerkennungserfahrungen. Durch das Sichtbarmachen eines Kompetenzprofils über die Partizipation an Qualifizierungsund Bildungsmaßnahmen wird ein Anerkennungsimpuls gesetzt. Die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen gilt es zu wecken, um die Entwertung von Bildung im weiteren Berufsleben zu lindern. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass man mit wenig Bildung über 3.7. 35 Dass es mit einem Grundeinkommen bei Behinderten nicht getan ist, sondern dass Inklusionsanstrengungen auf breiter Ebene dazu treten müssen wird an der Kritik von Angelika Krebs an Van Parijs´Grundeinkommensüberlegungen deutlich (vergl. 2002, 226). 3.7. Bildung, Qualifizierung, Fort- und Weiterbildung 81 die Runden kommt. Vererbter Bildungsarmut bei Kindern und Jugendlichen ist offensiv zu begegnen36 – ein liebevolles Fordern gilt es hier zu etablieren (vergl. Hannemann, 2015, 43 f.), wobei die Anerkennung von schlechten Bildungserfahrungen, von subjektiven Lernbarrieren usw. ihren angemessenen Platz bekommt. Bildung muss eine konzertierte Aktion von Staat, Kommunen, Arbeitgebern/Unternehmen, Kirchen und ehrenamtlich getragenen Einrichtungen sein. Sie darf nicht das Privileg von Kernbelegschaften, von Jüngeren oder von arbeitsmarktnahen Migranten sein. Bildung muss eine Bildung „vom Rande her“ sein, sie muss jeden Bürger des Landes in die Mitte der Gesellschaft hereinholen. Besonders die „Bürde“ der Schwachen und Geringqualifizierten, konkrete Berufs- und Qualifizierungswünsche zu kommunizieren, hat hierbei Beachtung zu finden. Bildung muss als wichtiger Baustein für ein kompetentes Ehrenamt, zur Möglichkeit der Partizipation an Tauschbörsen oder auch als Möglichkeitsbedingung für einen gesunden und umsichtigen Lebensstil vermittelt werden. Es müsste die Pflicht vermittelt werden, Bildung beständig im Leben nachzufragen und dementsprechende Angebote zu nutzen. Auch bei den Schwächsten ist die Neugier auf einen mit einem Bildungszugewinn verbundenen Lebensqualitätszugewinn zu wecken. Es verbessern sich nicht nur die Arbeitsplatzchancen – in Bildungsprozessen sich aufhaltend, verändern sich durch die Partizipation an Lerngruppen auch die Soft Skills. Die Persönlichkeit entwickelt sich durch das beständige Aufsuchen von (ganzheitlichen und ethisch gehaltvollen) Bildungsangeboten. Man kommt als Mensch weiter (vergl. in diesem Kontext u.a. Eichhorst, 2008, 104 f.; DGB, 2015; Mierzwa 2016 b, Zahradnik u.a., 2016). Während unter Hartz eine Kundensegmentierung stattfindet, wo zwischen marktnahen Kunden, Beratungskunden und Betreuungskunden37 unterschieden wurde und entsprechend differenziert unter- 36 Dazu ist es notwendig das BGE so auszugestalten, dass bei Kindern und Jugendlichen das BGE zur Hälfte als Bildungskonto eingerichtet wird. Und über dieses Bildungskonto dürfen nur solche Bildungsangebote abgerechnet werden, die ähnlich wie es ein „Spendensiegel“ gibt ein „Bildungssiegel“ aufweisen. 37 Zum Problem der „Betreuungskunden“ im Hartz-System vergl. Mosley, 2008, 133ff. und Jakob, 2008, 140. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 82 schiedlich das Fördern ausfiel38 und es dadurch zu Gerechtigkeitslücken kam, gilt es nun jedem nach seinen Bedarfen, Bedürfnissen, Kompetenzen und Lernfähigkeiten ein Bildungsangebot zu unterbreiten. Niemand ist mehr von bedarfsgerechten Bildungsangeboten ausgeschlossen, wird in minderwertige Trainingsmaßnahmen abgeschoben oder von nachhaltigen Umschulungsmaßnahmen ferngehalten, wenn ein neuer Berufswunsch sich angesichts der Arbeitsmarktlage ausgebildet hat. Ein Teil der Qualifizierungskosten kann durch das bedingungslose Grundeinkommen finanziert werden und wenn es nur die Mobilitätskosten sind. Andere Kostenbestandteile des Bildungspaketes können in den Verantwortungsbereichs des Arbeitgebers, der Kommune, des Staates oder des ehrenamtlichen Trägers fallen. Eine „Qualifizierungssäule“, die vor allem Erwerbstätige anspricht, die auf Arbeitsplätzen eingesetzt werden, die wenig lernförderlich sind bzw. die Bildungsbereitschaft aushölen, ist in der Gesellschaft zu etablieren. Auch ältere Arbeitnehmer, die meinen genug qualifiziert und gebildet zu sein, können eine Zielgruppe dieser „Qualifizierungssäule“ in der Gesellschaft sein. Deren Angebote gehen fachlich über gar manche Angebote der Volkshochschulen hinaus und umfassen betriebliche Sozialisationsangebote. Bildungslotsen resp. –paten können einen Beitrag dazu leisten, damit diese Zielgruppe nicht mit der Auswahl der Bildungsträger überfordert ist, Mut zum Aufbau einer Bildungsbiografie entwickelt und die Angebote innerhalb der „Qualifizierungssäule“ transparent sind. Diese „Qualifizierungssäule“ ist verknüpft mit einer Bildungspflicht, etwa dahingehend, alle 7 Jahre ein Bildungsangebot nachzufragen. Von der Ausgabe von Bildungsgutscheinen, die einen Sockelbeitrag des Qualifizierungsangebotes abdecken, erhoffe ich mir hierbei eine größere Lernmotivation. Die Zuweisungspraxis zu Maßnahmen unter dem Hartz IV-Sanktionsregime war diesbezüglich kontraproduktiv. Qualifizierungspässe dokumentieren dieses Bildungsengagement und sind wirksam bei der Rentenanwartschaft, ähnlich wie die Erziehungszeiten. Es gibt bildungsferne Gruppen, die langsam an regelmäßige Bildungsherausforderungen herangeführt werden müssen sowie einer 38 Bei dem statistischen Profiling der „Kunden“ gab es eine hohe Fehlerquote, wurden Kompetenzprofile „geschluckt“ oder wurde der subjektive Faktor (z.B. psychische/ seelische Belastung durch die Arbeitslosigkeit) nicht hinreichend gewürdigt. 3.7. Bildung, Qualifizierung, Fort- und Weiterbildung 83 umfassenden Beratung und Unterstützung bedürfen (vergl. DGB, 2015, 15). Bildungsangebote können z.B. niedrigschwellig an der Zurückfindung der Selbstachtung ansetzen, entlang des Empowermentgedankens konzipiert sein oder im Dienst eines vitalen und gesunden Lebensstils stehen (vergl. Förderverein gewerkschaftliche Arbeitslosenarbeit e.V., 2001; Mierzwa, 2016 b). Es gilt manchmal, dass Betroffene sich als Lernende wiederentdecken sowie annehmen lernen müssen und eine Freude für Bildungsstoffe entwickeln sollten. Erfolgsprämien für die Zwischenprüfung und die Abschlussprüfung (vergl. DGB, 2015, 14 zu Thüringen) können eventuell lernmotivierend sein. Manchmal sind Bildungsprozesse so anzulegen, dass sie eine Trauerarbeit über untergegangene Berufsmöglichkeiten beinhalten oder aus dem „Trauma“ der Langzeitarbeitslosigkeit unter Hartz IV heraus begleiten. D.h. sie müssen psychologisch-seelsorgerlichen Begleitschutz erfahren. Manchmal müssen Bildungsferne mit Hardware ausgestattet werden. Das kann eine Wohnung sein, in der Bildung möglich ist. Das kann in der Bereitstellung eines Schreibtisches, von Bücherregalen und von Lernmaterial bestehen. Auch die Anschaffung eines Computerarbeitsplatzes als Erstausstattung gehören dazu, um die erste Hürde vor dem Lernen herabzusetzen. Erst die Bewirtschaftung des neuen Lernortes wird über das bedingungslose Grundeinkommen abzudecken sein (z.B. höherer Stromverbrauch, höhere Miete, weitere Anschaffung von Büchern usw.). Zu einer Bildung im Horizont eines Weges zur Postwachstumsgesellschaft (vergl. Abschnitt 3.10.) gehört es, dass die handwerklichen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen verbessert werden sowie die Kompetenz verbessert wird, den Haushalt zu führen (vergl. Diefenbacher u.a., 2016, 285). Erwachsenenbildungsangebote dürfen nicht fehlen, um die Verständigungs- und Kooperationsfähigkeit sowie Entscheidungs- und Mitwirkungsfähigkeit der Menschen zu verbessern (vergl. dies., 288). Dadurch werden die Menschen eher in die Lage versetzt die Herausforderungen umzusetzen, die sich mit einer langsam ausweitenden Degrowth- resp. Transition-Town-Bewegung (vergl. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 84 dies., 184ff.)39 als Teile eines Weges in die Postwachstumsgesellschaft ergeben. Das zeigt sich z.B. an der Etablierung von Repair-Cafés (vergl. dies., 291). Bei Geringqualifizierten mit Migrationshintergrund ist nicht nur an der fehlenden Qualifikation anzusetzen, sondern es sind auch die Sprachkenntnisse zu verbessern. Bildung gelingt hier nur mit einer interkulturellen Kompetenz (vergl. DGB, 2015, 15 f.). Es sollte sich eine Evaluation und Zertifizierung von nicht-formal erworbenen Qualifikationen etablieren. Bildung darf nicht nur den Refugien formaler Bildungsangebote vorbehalten werden, sondern es muss auch „learning by doing“ wertgeschätzt werden. Der Ruf nach 39 Die Transition-Town-Bewegung (vergl. Maschkowski/Wanner, 2014; Maschkowski, 2015; Krehl, 2015; Maschkowski/Ristig-Bresser/Hable/Rost/Schem, 2017) stellt sich als eine weitere Bewegung an der Schnittstelle zur Etablierung des Nachhaltigkeitsgedankens im Horizont der Überlegungen zur Postwachstumsgesellschaft dar, auch wenn Rob Hopkins, der Initiator dieser Bewegung, diesem Begriff ausweicht (vergl. Tügel o.D.). Im Mittelpunkt steht die „Entwöhnung von der Erdölabhängigkeit“ (Maschkowski/Wanner, 2014). Und mit einer Sympathie für eine Philosophie des „Weniger“ (vergl. Tügel, o.D.) gibt es auch eine Schnittstelle zur Degrowth-Bewegung (dazu näher unter 3.10.). Zur ihr gehören die solidarische Landwirtschaft oder Repair-Cafés, aber auch die urbanen Gärten, Umsonst- und Tauschläden, Doit-Your-self-Workshops oder Projekte zur alternativen Mobilität (z.B. Lastenfahrradprojekte). Ausdruck der Nachhaltigkeitsorientierung in der Transition-Town- Bewegung ist vor allem das schon erwähnte urbane Gärtnern, Permakultur sowie die solidarische Landwirtschaft. Als Beitrag zur Nachhaltigkeit wird gehofft, dass über die Relokalisierung der Produktionsindustrie Transportwege wegfallen (vergl. Krehl, 2015, 29). Transition-Initiativen wachsen nur gut in einer „Mischkultur“, das heißt in guter Nachbarschaft mit anderen Initiativen des Wandels. Die Transition-Town-Bewegung teilt nicht den Glauben an eine alles heilende Technik. Vom Bildungsansatz her wird nicht die Top-Down-Strategie gewählt, sondern es werden Geschichten von Gelungenem erzählt, die zum Nachmachen ermutigen. Die positiven Beispiele sollen Mut machen, selbst die Initiative zu ergreifen und positive Veränderungserfahrungen zu machen (vergl. Maschkowski/Wanner, 2014, 3). Es geht um Selbstermächtigung im Sinne Gandhis, der sagte. „Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst“. Sie vernetzt Erfahrungen über erprobte Wege in die Postwachstumsgesellschaft hinein. Die Transition-Town-Bewegung verrennt sich nicht in der kritischen Bewertung, führt keinen Kampf gegen Missstände und reibt sich nicht an Feinbildern, sondern geht munter ans Tagwerk, ausgehend von positiven Zukunftsbildern und sieht mit viel Hoffnung Gestaltungsmöglichkeiten auf die Postwachstumsgesellschaft hin (vergl. Maschkowski/Wanner, 2014, 2). Der hohe Bildungsstand der Engagierten wirft die Frage auf, wie auch (bildungsrelevante) Zugänge für andere Bevölkerungsgruppen geschaffen werden können (vergl. dies., 2014, 9). 3.7. Bildung, Qualifizierung, Fort- und Weiterbildung 85 Bildung darf nicht in die Professionalisierungsfalle laufen, sondern es müssen auch Bildungsprozesse im häuslichen Bereich, bei nachbarschaftlichen Tätigkeiten oder durch die Mitarbeit in einem Ehrenamt zertifiziert werden können. Bildungsangebote innerhalb von Tauschbörsen oder im Ehrenamtssektor sollten nachträglich zertifizierbar sein. Über Partnerbörsen können Menschen zur Bildung zusammenfinden. Online-Partnerschaften und –Gruppen können für einen bildungsrelevanten Austausch in Frage kommen (vergl. Diefenbacher u.a., 2016, 292). Modulare Bildung kann es möglich machen, dass Bausteine eines Bildungsweges auch in nicht-formalen und informellen Weiterbildungsprozessen bearbeitet werden können. Diese Ausführungen zur Bildung sind Teil des gesamten Maßnahmenbündels und dürfen nicht isoliert davon betrachtet werden. Und sie erfolgen im Horizont der kritischen Ausführungen von Alexander Dietz: „Durch Bildung werden nach Niebuhr benachteiligte Schichten zwar einerseits befähigt, ihr Interessen zu vertreten, aber andererseits auch gezähmt und dadurch leichter beherrschbar gemacht“ (2016, 331). Bildung muss auch im Dienst einer sozialethischen und charakterlichen Bildung für alle Bürger stehen, um diese zu einer angemessenen Situationsanalyse und zu einer Bereitschaft zum Einsatz für gerechte Strukturen zu befähigen (vergl. ders., 332). Haushalt Schon vor zehn Jahren formulierte Antje Schupp (2007) die Notwendigkeit, die Kultur der gegenseitigen Sorge zu verallgemeinern und mit der Grundeinkommensidee zu verknüpfen (S. 92). Und Straubhaar sieht grundsätzlich das Potential im BGE, dass Beruf und Familie leichter miteinander verbunden werden können (vergl. ders., 2017, 178). Hierbei werden sich aber, damit sich das auf breiter Ebene etabliert, vor allem die Männer bewegen müssen (vergl. Hengsbach, 2015, 142), damit nicht die Befürchtungen des WIDE-Debattierclub Realität werden und das BGE Frauen wieder stärker auf Haushalt und Care- Arbeit festlegt. Haushalts- und Care-Arbeit müssen, damit sie stärkere Anerkennung erfahren, bei dem Erzielen von Rentenpunkten gleich- 3.8. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 86 berechtigt neben der Erwerbsarbeit und dem Ehrenamt berücksichtigt werden.40 Die Zahl der „modernen“ Männer nimmt in Deutschland zu – abhängig vom Alter. Je jünger sie sind, desto höher ist deren Anteil. Und diese übernehmen weit mehr Hausarbeit als traditionelle Männer (vergl. Beckmann, 2008, 16 [Abb. 4]). Aber es gibt immer noch viele Männer, die von der Erosion des hegemonialen, traditionellen Männlichkeitsbildes nicht erfasst sind. Vor allem „wohlhabende“ Männer sind hier zu erwähnen (vergl. dies., 17). Es ist zu hoffen, dass durch das Teilen der Arbeit, durch das Grundeinkommen und durch eine verstärkte Anerkennungskultur der Haus- und Familienarbeit die häufig zu beobachtende Traditionalisierung der Männer bei mehr Kindern im Haushalt weniger häufiger greift. Männer werden auch „unattraktive“ Hausarbeiten für sich entdecken müssen, das zeigt eine Zeitvolumenstudie für unbezahlte Arbeit, aus dem Jahr 2000, für die Schweiz. Männer engagieren sich viel zu wenig bei der Zubereitung von Mahlzeiten, beim Abwasch, beim Putzen und beim Waschen (vergl. Schweizerischer Katholischer Frauenbund, 2003, 7). Daran hat sich auch 2016 nichts wesentlich geändert (vergl. Diefenbacher u.a., 2016, 300 f.). Ein wenig wurde die „unattraktive“ Hausarbeit durch Technik substituiert und dadurch für Männer „attraktiver“. Durch den Zivildienst erwarben Männer in Deutschland eine bessere Kompetenz für die Regenerationsarbeit im Haushalt. Sie lernten besser Zuwendung zu üben, waren geübter im Zuhören, verbesserten 40 Dazu müsste eine Formel gefunden werden, die die Haushalts- und Care-Arbeit zu Hause vergleichbar bewertet wie die Erwerbsarbeit im Hausmeister-, Küchen-, Reinigungs-, Pflege-, Bildungs- und Erziehungsbereich. Darüber hinaus müsste ein besonderes Gewicht hinsichtlich der Managementkompetenz bei Mehrpersonenhaushalten enthalten sein. Auch das Profil eines hauptberuflichen Betreuers kann in den Schlüssel hineinfließen. Christof Arn (2000) zeigt auf, dass die Kompetenzen/Qualifikationsanforderungen für die Haus- und Familienarbeit im Vergleich zu anderen Berufen auf einem erheblichen Niveau liegen und bisher unterbewertet sind (vergl. S. 521 f., Grafik 25 und 26). Ich folge der grundsätzlichen These von Angelika Krebs, dass Haus- und Familienarbeit ökonomische Anerkennung verdient (2002, 40), aber nicht in Form eines direkten Lohnes, sondern in einer sehr viel stärkeren Berücksichtigung bei der Höhe der Rente. Das BGE stellt eine indirekt ökonomische Anerkennung der Haus- und Familienarbeit dar (vergl. in diesem Zusammenhang die Argumentationen bei Krebs, 2002, 70, 78, 83ff., 212). 3.8. Haushalt 87 ihre Empathie und Fürsorglichkeit usw. Das Freiwillige Soziale Jahr kompensiert dies nur bedingt, weil nicht flächendeckend die Männer angesprochen werden würden. Es wäre daher zu überlegen, ob das Freiwillige Soziale Jahr zu einer verpflichtenden und zeitlich erweiterten Einrichtung für junge Menschen werden müsste. Dadurch dass die Familie als Anerkennungsraum für den „eigensinnigen“ Menschen mit speziellen Eigenschaften und Fähigkeiten (vergl. Nierling, 2013, 96) entdeckt wird, könnte sie für Frauen wie Männer attraktiv werden. Die individuelle Einzigartigkeit täglich zu verspüren ist eine wesentliche Anerkennungserfahrung. Die Erwägungen wurden gemacht vor dem Hintergrund der Feststellung, dass erweiterte Konzepte von Arbeit eine geschlechtergerechte Verteilung von Tätigkeiten jedoch nicht explizit gefordert haben. Hausarbeit und Fürsorgetätigkeit sollten im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit für beide Geschlechter selbstverständlich sein (vergl. Nierling, 2013, 37). Dafür bedarf es aber einer stärkeren Anerkennung der Sorgearbeit, damit nicht wegen der Entwertung der Sorgearbeit in „andere“ Arbeit – z.B. die Erwerbsarbeit oder ein bürgerschaftliches Engagement „geflüchtet“ wird (siehe dazu auch dies., 48). Svenja Hofert (2007) stellte Fragen, die helfen, um aus den Sackgassen althergebrachter Rollenbilder herauszukommen, Prioritäten zu überdenken (z.B. beim Geld S. 240 f.), Kompetenzen zu entdecken usw. Sie stellte familienfreundliche Unternehmen vor, wo nicht nur auf das veränderte Selbstbild von Männern respektvoll eingegangen wird, sondern auch Angebote für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gemacht werden. Sie entdeckt den (immer häufiger) auftretenden „neuen“ Mann, wie den Fairpas, der allerdings nur begrenzt bei der real existierenden Arbeitswelt realisierbar ist (vergl. S. 37 f.). Mit den Vorschlägen, die ich in den bisherigen Ausführungen gemacht habe, wird es eher möglich, dass die Frau vormittags und der Mann nachmittags arbeitet. Papi die Kleinen vormittags hütet und nachmittags dies die Mami tut. Die Kombination von zwei „Teilzeitjobs“ incl. BGE ist finanziell ausreichend. Beispielhafte Jobsharingmodelle zeigen, dass Firmen die Herausforderung lösen können – sie müssen sich nur darauf einlassen. Bei manchem Beruf scheint es nicht möglich, den Fairpas zu realisieren. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 88 Zeit für Muße und Hobby In dem Dreieck von Armut – Macht – Ohnmacht gilt es, die Armen zunächst einmal so anzunehmen, wie sie sind. Die Ohnmachtserfahrungen sind zu würdigen, eine Ermutigung zum Bejahen der eigenen Wissensbestände und „Weisheiten des Lebens“ sollte dazu treten. Eine „Aktivierung durch Muße“ (vergl. David, 2016, 345) ist als möglich zu erachten, vor allem um einer Entmündigung vorzubeugen. Mit der Betonung der Muße wird das protestantische Arbeitsethos relativiert. Wer Muße übt, muss nicht gleichzeitig „arbeitsscheu“ sein. Es gibt einen Spielraum für eine Sabbatkultur jenseits der Kultur der „Forderns und Förderns“. Das ganze Leben muss nicht der Persönlichkeitsentwicklung, der Qualifizierung, der Arbeitserprobung, sei es im Ehrenamt, in der Care-Arbeit oder in Ein-Euro-Jobs, gewidmet sein. Die Wertschätzung der Mußezeit ist die Antipode zu einem gnadenlosen Leistungsdenken und der damit verbundenen existenziellen Angst, die der Ausgrenzung von bestimmten Gruppen, wie derjenigen der Langzeiterwerbslosen, zugrunde liegt (vergl. hier: Dietz, 2016, 327). In der Muße-Zeit werden die Menschen befreit zur Selbst-Fürsorge, zur Selbst-Achtsamkeit und zur Selbst-Entfaltung. Die Zeit der Muße, der selbstbestimmten Eigenarbeit kann ein besonderer Raum der Selbstverwirklichung, des Erlebens von Autonomie oder der selbstbestimmten Suche nach der eigenen Berufung sein. Hier kann besonders stark die Gelegenheit zu „intrinsisch motivierten“ Handelns erfahren werden. „Auch können damit Erfahrungen verbunden sein, an der Auseinandersetzung mit etwas Widerspenstigen zu wachsen“ (Nierling, 2013, 98). Die Muße-Zeit ist ein wesentlicher Baustein, um die volle Entwicklung des Individuums zu ermöglichen (vergl. Gorz, 2007, 76). Durch die Muße-Zeit finden die Menschen wieder zu „Hingabe“, Imagination, Kreativität und so weiter (vergl. ders., 75), was wiederum bedeutsam dafür ist, dass „höhere Fähigkeiten“ vertieft und weiterentwickelt werden. Mittels eines solide ausgestatten BGE sollten die bisher unter Armut beschränkten Möglichkeiten zu einem Hobby rsp. einer Sportaktivität (vergl. Andresen/Galic, 2015, 63 und 90) überwunden werden können. „Zweckfreies Spielen übt nicht nur Kinder in sozialer Kooperation. Sport, ohne einen Wettbewerb gewinnen zu wollen, Bewegung, 3.9. 3.9. Zeit für Muße und Hobby 89 ohne an einem bestimmten Ort ankommen zu müssen, tun nicht nur dem individuellen Körper gut, sondern auch der Wahrnehmung der Person neben dir als Menschen“ (Rätz/Paternoga, 2017, 38). Auch wenn Hobbys manchmal finanziell sehr anspruchsvoll sind, so sind doch auch interessante Hobbys mit geringem finanziellem Spielraum zu realisieren. Es ist möglich komplexe Aktivitäten zu organisieren – diese können die Bereiche Kultur, Sport und Technik umgreifen (vergl. Bednarek-Gilland, 2015, 24-26). Postwachstumsgesellschaft/Degrowth Die bisher gemachten Vorschläge sind nur sinnvoll vor dem Hintergrund eines mentalen Wandelns in der Gesamtgesellschaft vorstellbar. Ein anderer Lebensstil müsste sich etablieren – weg vom Immer-Mehr, Immer-Besser, Immer-Schneller. Ein Kampf gegen die Maßlosigkeit muss beginnen. Es geht bei der Degrowth-Bewegung (vergl. oya 28 September/Oktober 2014; Konzeptwerk Neue Ökonomie & DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften, 2017; Acosta/Brand, 2018, 98ff.) darum, den Rückgang von einer Massenproduktion und von einem Massenkonsum (vergl. Methmann, 2007), den Wandel vom Haben zum Sein (vergl. Fromm, 2006/2007), sozial zu gestalten. Der Umgang mit Vorstellungsbildern und gesellschaftlichen Annahmen zu dem, was man mit „Status“ verbindet, wird sich wandeln müssen. Und in dem, was man denkt, was „Sinn“ stiften müsste, werden Verschiebungen erfolgen müssen. Hinter Degrowth steckt ein anderes Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität als es durch das Wachstums-, Konsum- und exorbitante Technikparadigma41 vermittelt wird. Das gemeinsame solidarische Zusammenleben soll die Chancen zum Langsamer, Weniger und Bescheidener eröffnen. Beziehungserfahrungen und Gemeinschaftserfahrungen sollen zu einer Neujustierung der Nachfrage von einer Konsumnachfrage zu einer Bildungsnachfrage beitragen. „Die „Logik der Gabe“, wie sie vor allem unter Freunden, Verwandten und Menschen in Kommunitäten gelebt wird, hat ihren Stellenwert. 3.10. 41 Verschiedene Autoren weisen darauf hin, dass ein Teil der Degrowth-Bewegung zuweilen extrem technikfeindlich ist. 3. Ein umfassendes Lösungspaket 90 Mit einer Etablierung des Geistes einer „Logik der Gabe“ funktionieren dann auch Tauschbörsen besser, weil dann z.B. Englischnachhilfe gegen Kuchenbacken, Rasenmähen gegen Haushaltsgerät-reparieren leichter getauscht werden können. Die individualistischen Lebensentwürfe erfahren eine Korrektur; gemeinschaftliche Orientierung im Leben und solidarische Vernetzung – zum Beispiel in Kontrastgesellschaften42 – sind angesagt. Dadurch funktioniert dann z.B. auch vielleicht das Prinzip Car-Sharing vielleicht auf breiterer Ebene und der Bedarf des Autokaufs reduziert sich. Die bisherige Vollzeit-Erwerbsbiografie wird als latent „toxischer Raum“ entlarvt – sie macht manchmal häufiger krank, stiftet manchmal weniger erfüllende Erfahrungen, ist manchmal weniger geeignet zur Sinnfindung beizutragen und manchmal kann sie nicht dazu beitragen, vertrauensvolle zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Damit steigt dann auch die Bereitschaft, sich auf ein Ehrenamt einzulassen, sich in der Care-Arbeit zu engagieren und Muße-Zeiten für sich zu organisieren. Und das über die Globalisierung leichter ermöglichte Immer-Mehr und das Abdriften in eine Maßlosigkeit wird sich über eine stärker regionalisierte Wirtschaft wandeln müssen zu einer bescheideneren, nachhaltigeren Nachfrage. Die mit der Globalisierung entstandenen Produktionsketten (z.B. bei Kleidung) werden in regionalere Zusammenhänge zurückgeführt. Mit einer stärker regionalisierten Ökonomie wird auch „Ungerechtigkeit“ leichter sichtbar und dadurch die Bereitschaft steigen, eher „gerechte Preise“ zu zahlen (siehe auch die Ausführungen zu Niko Paech in: Diefenbacher u.a., 2016, 260-266). 42 Es gibt schon Kontrastgesellschaften in denen etwas von dem anbricht, was unter Degrowth angedacht, diskutiert, erprobt und praktiziert wird. So möchte ich auf die Basisgemeinde Wulfshagenerhütten (vergl. Meyer-Stromfeldt, 2012), die Kommunität Brot und Rosen – Hamburg (vergl. http://www.brot-und-rosen.de/ueberuns.2.0.html sowie Ausgaben des im Internet verfügbaren Rundbriefes) und die Firma Lebensbaum Ulrich Walter GmbH (vergl. Pufé, 2017, 129 f.) hinweisen. Reinhard Hütter (vergl. 1993, 177) weist u.a. darauf hin, dass Kontrastgesellschaften keine Gesellschaften mit „Getto“-Mentalität seien, auch wenn sie nicht in der Gestalt und dem Geist mit dem Geist und der Gestalt der übrigen Gesellschaft angepasst seien. Kontrastgesellschaften sind eine Alternative zu verbürgerlichten, saturierten und selbstbezüglichen Milieus. Kontrastgesellschaften arbeiten mit einem Graswurzelkonzept (vergl. auch Mierzwa, 2017, 235 f. Anm. 70). 3.10. Postwachstumsgesellschaft/Degrowth 91

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References

Zusammenfassung

Die hier vorliegende Untersuchung ist der dritte Teil einer Trilogie, die sich vertieft der „vorrangigen Option für die Armen“ zuwendet. Im einführenden Kapitel, wo eine Analyse der Realität von Hartz IV erfolgt, wird herausgearbeitet, dass wir es mit „struktureller Gewalt“ zu tun haben. Eine grundlegende ethische Neuorientierung der Politik entlang der Prinzipien „Anerkennung“, „vorrangige Option für die Armen“, „Nächstenliebe, „Gerechtigkeit“ und „Menschenrechte“ bietet einen zukunftsweisenden Lösungsansatz. In dessen Mittelpunkt stehen nicht nur das Teilen aller Formen von Arbeit und Tätigkeit zwischen den Geschlechtern, sondern auch das bedingungslose Grundeinkommen und Maßnahmen der Inklusion sowie eine mitfühlende Bildungsinitiative. Diese Neujustierung gesellschaftlichen Handelns wird vor allem dann gelingen, wenn sie sich in gewissem Maße in die Degrowth-Bewegung einbettet.