1.3. Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen in:

Elmar Dod

Der unheimlichste Gast wird heimisch, page 70 - 94

Die Philosophie des Nihilismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4185-7, ISBN online: 978-3-8288-7085-7, https://doi.org/10.5771/9783828870857-70

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie

Tectum, Baden-Baden
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1.3. Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus … weil der Nihilismus die zu Ende gedachte Logik unserer großen Werte und Ideale ist, – Nietzsche, KSA XIII S. 189 f. § 27 Verführungen der „Post-Truth Era“ Vor der globale Ausmaße annehmenden Herrschaft des berechnenden Denkens ist der Nihilismus eine Rettung ohne sichere Zuflucht, ein lichtvoller Weg in die Nacht. Zugleich vermeidet das Reden vom Postfaktischen eine gehaltvolle Auseinandersetzung mit dem Nihilismus. Was der Aufklärung über unseren Nihilismus nach dieser Wende ins 3. Jahrtausend der Menschheitsgeschichte entgegensteht, ist die globale Ausmaße annehmende Herrschaft des verdinglichenden, berechnenden und ökonomisierenden Denkens, das auf Positionen, ein „Etwas“ aus ist, dessen es im Ausrechnen habhaft zu werden wähnt. Solchen Wahn zu durchschauen, solch unerkannte Einbildung aufzudecken ist Ziel des aufgeklärten wie aufklärenden Nihilismus. Gerade in diesen Zeiten der „Nichtsvergessenheit“ ist die Bewusstmachung unseres grundlegenden Nihilismus so fällig und not-wendig wie nie zuvor. Es scheint, als werde er im Abstoß von dem Denken immer weiter hervorgetrieben, welches sich der Welt im Zählen, das der Nihilismus ins Leere laufen lässt, zu bemächtigen sucht: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ (1) In solch „dürftiger Zeit“ aber tun sich die Antinomien einer negativen Dialektik auf: Der Nihilismus ist eine Rettung ohne Sicherheiten, eine Zuflucht in vielleicht neue Gefährdungen, ein lichtvoller Weg in die Nacht … Parallel zu dem sich verbreitenden Zahlenaberglauben mit seinem Angebot an Scheingewissheiten versucht das Reden von der „Post-Truth Era“ oder dem Postfaktischen den überall durchbrechenden Nihilismus einzugrenzen und gedanklich zu bewältigen, indem man ihn einer angeb- 70 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters lich neu angebrochenen Epoche zuschreibt. Dabei ist an Nietzsches Analyse zu erinnern, dass der Nihilismus eine lange Vorgeschichte hat. Wir sind immer schon Nihilisten gewesen. Doch die bereits idiomatisch gewordene Wendung vom „Post-Truth“ suggeriert in naiver Weise, dass es vordem eine Zeit der Wahrheit gegeben habe, die einer gerade angebrochenen Zeit deren Auflösung gewichen sei. Damit wird die überfällige Diskussion des Nihilismus wenn nicht gänzlich vermieden, so doch unzulässig vereinfacht, zumal diejenigen, welche die Phrase vom Post-Faktischen verwenden, oft selbst nur Strategien ihres Machtwillens damit verfolgen. Anmerkungen 1) Hölderlin 1965 („Patmos“. V. 2 f.) Werke II. S. 173. –Vgl. „Brot und Wein“, V. 11–14, ebd. S. 98: „(…) Indessen dünket mir öfters / Besser zu schlafen, wie so ohne Genossen zu sein, / So zu harren, und was zu tun indes und zu sagen, / Weiß ich nicht, und wozu Dichter in dürftiger Zeit.“ 71 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen § 28 Zuflucht ohne Ort Der Nihilismus bietet „Zuflucht“ in der Bewusstmachung allumfassender Nichtigkeit und den befreienden, heilenden Bildern, die in ihr verschwinden. „Zuflucht“ wie andere Denkmotive des Buddhismus können – losgelöst aus ihren dogmatischen Verfestigungen – als flexible, evidente Imaginationen für die nihilistische Nichtsgewinnung förderlich sein. Zunächst mag es als Ungereimtheit erscheinen, den Gedanken der Zuflucht, die einen Aufenthaltsort suggeriert, mit dem ortlosen Nichts zu verbinden. Doch ist gerade mit dieser Ortlosigkeit des Nichts die Befreiung von aller Anhaftung auch an Leidvolles verbunden. In dieser ursprünglichen Denkverbindung mit dem Nichts steht das Denkmotiv der Zuflucht im Zentrum des Buddhismus. Zuflucht sucht der Mensch in den „Drei Juwelen“ (Tripitaka): dem Buddha (einer geistigen Möglichkeit in jedem einzelnen Menschen), dem Dharma (der Lehre des historischen Buddha bzw. Prinzen Siddhartha) und der Sangha (der buddhistischen Gemeinde). Es ist – wird der Buddhismus ursprünglich, d. h. ohne falsche Metaphysik verstanden – eine Zuflucht, deren Hauptziel die „Nichtsgewinnung“ im Nirwana ist. Es bleibt ein Weg in eine gefährdete Zuflucht, die ihrer Widersprüchlichkeit immer wieder innewird und in das Nichts führt, das in Allem in dieser Welt erschlossen werden kann. (1) Soll das Nichts zur wirksamen Zuflucht werden, verbinden wir es mit heilenden und befreienden Bildern und lassen diese in seiner abgründigen Nichtigkeit verschwinden. Erst die Entwicklung der vollen Breite des Begriffes Nihilismus kann zu solcher Imaginationsleistung führen: „Das Nichts kann uns schmerzen und ersticken oder heilen und befreien.“ (2) Falsche Metaphysik harter Diamanten im Buddhismus In den verschiedenen buddhistischen Richtungen kann die Tendenz verfolgt werden, dass sich die „Drei Juwelen“ verdinglichen, d. h. zu einer in sich verfestigten Zuflucht werden, die den Bezug zum Nirwana-Gedanken verloren hat. Diese Entwicklungen zu einer „schlechten“ buddhistischen Metaphysik verstärken sich im späteren Buddhismus, insbesondere im Tantrismus und tibetischen Vajrayana bzw. „Diamantweg“, der 72 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters von geistlichen Führerpersönlichkeiten verschiedener, teilweise miteinander konkurrierender Reinkarnationslinien vorgezeichnet wird. Wir können diese These von der Dogmatisierung des Buddhismus, die sich sicherlich auch hinsichtlich dessen späterer Erscheinungsformen nicht verallgemeinern lässt und nur Tendenzen bezeichnet, im Kontext dieser Studie freilich nicht ausführlich belegen. Der Buddha wird in solchen Tendenzen zu „schlechter“ Metaphysik zum angebeteten Gott, nicht selten zum Gegenstand eines Götzendienstes; der Dharma zu einem absolut herrschenden Gesetzeskanon sich verselbstständigender Pflichtübungen; die Sangha zur Herrschaft einer geschlossenen Gesellschaft, in der die Gurus – ganz im Widerspruch zur Rolle, die der ursprüngliche Buddha spielen wollte – als autoritäre Führerfiguren fungieren. Die „Drei Juwelen“ der Zuflucht werden dabei gegen- über dem Gedanken der allumfassenden Nichtigkeit verselbstständigt und von ihm abgelöst. Dabei verlieren sie ihren bildlich-metaphorischen Charakter und nehmen – wiederum bildlich gesprochen – den Wert „harter“ Diamanten an. Der Buddhismus tut in dieser Hinsicht gut daran, sich seiner Verwandtschaft mit dem westlichen Nihilismus zu vergewissern. Buddha, Dharma und Sangha sind für den aufgeklärten Nihilismus evidente Imaginationen, die ihre Evidenz in jedem Einzelfall immer wieder unter Beweis stellen müssen und – gerade dem buddhistischen Gesetz vom Bedingten Entstehen gemäß – verschieden interpretierbar, veränderbar und vergänglich bleiben. Anmerkungen 1) „Das Nirgends-Wohnen stellt keine Weltflucht dar. Verneint wird nicht der Aufenthalt in dieser Welt. Der Erleuchtete schweift nicht in einer Wüste des ‚Nichts‘ umher. Er wohnt vielmehr ‚inmitten des Gedränges der befahrenen Straße‘ … Die Leere formuliert ein gewisses Nein. Der zen-buddhistische Weg endet aber nicht in diesem Nein. Er führt wieder ins Ja, nämlich in die bewohnte, vielgestaltige Welt.“ Byung-Chul Han 2002, S. 93 f. Damit ist hier eine beispielhaft undogmatische, offene Interpretation des Zufluchtsgedankens in einem buddhistischen Denkkontext selbst gefunden worden, wie wir sie als eine evidente Imagination von Zuflucht im nihilistischen Zeitalter der Wertschätzung empfehlen. 2) NF („Traktat über das Nichts“) S. 191 73 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen § 29 Luftfülle der Heimatlosigkeit Orte der Zuflucht erkundet der Nihilist als Nicht-Orte, an denen in allem Umhertreiben das Nichts erahnbar wird. In solcher Heimatlosigkeit liegt seine Heimat. Solche Heimatlosigkeit der Nicht-Orte hält im Sinne des Wortes Utopie den Gedanken an eine wirkliche Heimat wach. (1) Es sind Orte, an denen inmitten allen geschäftigen Treibens (dem Sansara des buddhistischen Rades) das Nichts, der Stillstand (in der Nabe dieses Rades) erahnbar wird: vielleicht an der belebten Straßenkreuzung, vielleicht dem Hauptbahnhof, vielleicht in dem Einkaufszentrum, bei einer Strandwanderung – trivialen Plätzen also, den profanen Kathedralen des Nihilismus. Unzählig viele solcher Orte und Wege gibt es, wenn in Allem das Nichts sich verbirgt, im Hohen wie im Niedrigen, d. h. Begriffen, die als Adiaphora ihre unterscheidende Bedeutung verlieren. Auch die Beschäftigung mit der Weltgeschichte mag den ewigen Kreislauf vor Augen führen, das „Eadem, sed aliter“. (2) In eindrucksvoller Weise aber drückt das Nichts sich aus in der Kunst, ihrer Zwecklosigkeit ohne Zweck (Kant), ihrer Unbestimmtheit, solcher Mimesis des Nichts. Denn die Kunst ist das Weltauge (Schopenhauer), das die Dinge aus ihren Festlegungen in ihre Unbestimmtheit und Nichtigkeit zurückführt. In all solchen Zufluchtmöglichkeiten findet – auf dem ihm eigenen, individuellen Wege – der Nihilist seine in Einsamkeiten zerstreute Sangha, in der aufgeklärten Philosophie des Nihilismus seinen Dharma und in der individuellen Erfahrung des Nichts seine Buddhanatur; zumindest wäre dies eine Möglichkeit, Kategorien des buddhistischen Denkens im Sinne evidenter Imaginationen anzuverwandeln, insofern Philosophie am Gedanken des Nirwana als des Nichts festhält und nicht westliche Diskreditierungsversuche des Nichts übernimmt. Ähnlich der „Hauslosigkeit“ des Buddhismus ist unsere Philosophie des aufgeklärten Nihilismus die der Heimat in der Heimatlosigkeit, der Möglichkeiten, in ihr „die freie Luft und mächtige Lichtfülle“ uns zueigen zu machen. (3) Anmerkungen 1) Die Paradoxie von Heimatlosigkeit als Heimat im Buddhismus fasst Byung-Chul Han (2002, S. 95) überzeugend zusammen: 74 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters „Diese Leere macht das Wohnen zum Wandern. Das Nirgends-Wohnen verneint also nicht einfach das Haus und das Wohnen. Es eröffnet vielmehr eine ursprüngliche Dimension des Wohnens. Es läßt wohnen, ohne bei sich zu Hause zu sein, ohne sich in sich einzuhausen, ohne an sich und seinem Besitz festzuhalten. Es öffnet das Haus, stimmt es freundlich. Das Haus verliert dadurch das Haushälterische, die Enge des Interieurs und der Innerlichkeit. Es ent-innerlicht sich zu einem Gasthaus.“ 2) Vgl. SchW („Die Welt als Wille und Vorstellung“, Bd. II, Drittes Buch, Kap. 38: “Über Geschichte“) S. 517. Auch das folgende Denkmotiv der Kunst bzw. des rein kontemplativen ästhetischen Subjekts als des „Weltauges“ findet sich bei Schopenhauer (SchW I, S. 267). Zu Kants „Zweckmäßigkeit … ohne Vorstellung eines Zwecks“ in KU § 17, S. 319 3) Wir greifen hier wie im Titel des Paragraphen Nietzsches Aphorismus auf (KSA XII, S. 163): „Wir Heimatlosen – ja! Aber wir wollen die Vortheile unserer Lage ausnützen und, geschweige an ihr zu Grunde zu gehn, uns die freie Luft und mächtige Lichtfülle zu Gute kommen lassen.“ (Herv. im Text) 75 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen § 30 Negative Dialektik im Stillstand Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil die Verwirklichung ihrer Versprechungen sich in nichts aufgelöst hat. (1) In immer neuen Variationen umkreist sie den Punkt, auf den ihre „Sache“ zu bringen sie sich scheut und der nichts herzugeben vermag als: das Nichts. Theodor W. Adornos „Negative Dialektik“, deren Anfänge in eine „Logik des Zerfalls“ zurückreichen (2), zeigt bis in die Satzstrukturen hinein das beständige Versprechen von Positionen, die im nächsten Satz sogleich eingeschränkt oder negiert werden, wobei solche Negation in neue Positionen mündet, von denen man ahnt, dass sie sich nach demselben Muster bald auflösen werden. Was bleibt ist ein oszillierender Schwebezustand, in dem die Kaskaden des dialektischen Denkens ihre sprachliche Brillanz entfalten, funkeln und schäumen, aufsteigen und niederfallen wie der Wasserkreislauf eines Brunnens, durch dessen geschäftiges Umhertreiben des Wassers das Nichts in Aktion vorgeführt wird. (3) Benjamins Denkfiguren einer „Dialektik im Stillstand“ deuten in dieselbe Richtung. (4) In solch beständiger Selbstnegation des positionierenden Denkens hat die „Negative Dialektik“ ihre reinigende und aufklärende Wirkung, indem sie die scheinbaren Gewissheiten eines positivistischen, sich selbst verdinglichenden Denkens entmystifiziert. Sie lässt sich als der Versuch lesen, den Missbrauch von Dialektik durch ein die Negation ernst nehmendes Denken zu vermeiden, als Entlarvung all der Hütchenspieler, die immer wieder „etwas“ da hervorzaubern möchten, wo es doch niemand erwartet hatte, etwa durch eine Positionierung, die sich aus einer Negation der Negation ergäbe. Doch scheut sich Theodor W. Adorno – wie sein scheinbarer Widersacher Heidegger, neben den ihn die Tischordnung eines Symposions über den Nihilismus setzen sollte (5) – vor dem Eingeständnis, dass es dieses Thema ist, von dem seine dialektische Philosophie „handelt“. Aus einer verständlichen Ablehnung gegenüber „Ismen“ und verfestigten Positionen heraus wird dieses Wort und damit das, was es bedeutet, vermieden. Wie bei Heidegger begegnen wir auch hier der heute allseits symptomatischen Vermeidungsstrategie gegenüber dem Nihilismus, einer „Nichts-Vergessenheit“. Wäre die „Negative Dialektik“ hier zu einem klaren Wort über 76 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters ihr Thema gekommen, hätte sie manche Vagheiten vermieden und Irritationen verloren, die sie hervorgerufen hat. Es ist eine Selbstentlarvung, wenn W. Adorno da, wo er als ein Stichwort unter anderen Nihilismus abhandeln möchte, diesem in ungewohnt ehrenvoller Diktion Respekt zollt und mit einer Apologie dieses Begriffes schließt (6). Hätte die „Negative Dialektik“ durchweg im Nihilismus ihr Thema erkannt, wären manche ihrer Geschraubtheiten vermieden worden, weil dann die „Sache“ klarer hervorgetreten wäre, um die es einer „Negativen Dialektik“ gehen muss. Negation als Grundierung Die Metapher vom „Schwebezustand“ meint kein völlig ausgewogenes Verhältnis von Position und Negation, sondern diese bleibt das dominierende Element der „Negativen Dialektik“, ihre „Grundierung“: „Denken ist, an sich schon, vor allem besonderen Inhalt Negieren, Resistenz gegen das ihm Aufgedrängte …“ (7) Die verlöschende Flamme des Denkens Ein Festhalten der Negation im Denken – freilich ohne Rekurs auf eine zur Methode entwickelte Dialektik – findet sich bereits bei dem indischen Philosophen Nagarjuna (2. Jh. n. Chr.). Jaspers fasst zusammen: „Die Forderung ist, nirgends eine Position festzuhalten, vielmehr von allen sich zu lösen, sich nicht auf irgendein dharma, nicht auf Töne und Tastbares, auf Gedachtes und Vorgestelltes zu stützen, in allen Begründungen die Begründung zu zersetzen (…), daher kein alternatives Denken zur Entscheidung zwischen Entgegengesetztem zuzulassen, vielmehr alle Unterscheidungen wieder aufzuheben. (…) Daher wird das Denken zu einem ständigen Sichüberschlagen. In jeder Aussage als solcher liegt schon das Widersinnige. Das Sagen wird begriffen als notwendig sich selber aufhebend. Dieses Sichaufheben ist die Möglichkeit des Erweckens der Wahrheit. – Die eigentliche Wahrheit kann nur dadurch offenbar werden, dass sie als ausgesagte sich verneint. Daher führt der Weg durch eine Wahrheit, die als gedachte keine ist, zur Wahrheit, die als nicht mehr gedachte sich zeigt. Diese eigentliche Wahrheit lebt als Denken von dem Verbrennungsprozeß der vorläufigen Wahrheit.“ 77 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen Indem das Denken sich so schließlich selbst aufhebt und die Negation vollendet, ist bei Nagarjuna bereits eine Alternative zu Hegels Logik entwickelt, die solche Selbstaufhebung des Geistes im „absoluten“ Geist nicht betreibt. Jaspers formuliert den Unterschied: „Sie (die Erfüllung bei Hegel) wird gedacht und vollzogen als die Wirklichkeit, in der die Negation der Negation das Positive hervortreibt; man erwartet im verneinenden Denken und Tun die gleichsam automatische Geburt des Neuen durch diesen Prozeß selber. – Keine dieser Weisen ist wesentlich in der Dialektik der Buddhisten. Hier wird die Dialektik zum Mittel des Aufhebens des Denkens in das Undenkbare, das, am Maße des Denkbaren, weder Sein noch Nichts, ebensosehr beides, aber auch nicht einmal in solchen Aussagen faßbar, ist.“ (8) Anmerkungen 1) Vgl. den Beginn der Einleitung zur ND 2) Ebd. Notiz S. 407. Vgl. S. 146 3) Cioran (1993, S. 112) bezeichnet treffend die Langeweile als das „Nichts in Aktion.“ 4) Tiedemann 1983. S. 9–41 5) Zu Parallelen zwischen Adorno und Heidegger s. Safranski 2001, S. 457 (u. ff.): „Adorno und Heidegger stellen der Moderne eine ähnliche Krankheitsdiagnose aus.“ Hierzu Mörchen ( „Adorno und Heidegger. Untersuchung einer philosophischen Kommunikationsverweigerung“) 1981 6) ND S. 370–372 7) Ebd. S. 28 8) NA S. 943 u. 953 78 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 31 Überwindung der Nichtsvergessenheit Philosophie heute muss sich verstehen als Bemühung um Rückgewinnung eines Begriffes vom Nichts. Wenn Heidegger vom „Sein“ redet, spricht er „eigentlich“ vom Nichts. Seine Vorlesung: „Was ist Metaphysik?“ bietet hierzu – neben vielen anderen seiner Schriften – eine Fülle von Beispielen, denn es ist „(d)as Nichts, das die Vorlesung als ihr einziges Thema bedacht hat.“ (1) Heideggers Denkbemühungen, die um den Begriff des Seins kreisen, stoßen immer wieder auf den des Nichts: „Wie ist es mit dem Sein? Mit dem Sein ist es nichts.“ (2) Es fragt sich, weshalb es der Begriff des Seins ist, den Heidegger gegen seine eigenen Argumentationsgänge in den Mittelpunkt rücken möchte. Schreckt er vor dem Vorwurf des Nihilismus zurück, wie er schon während seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus gegen ihn laut wurde? (3) Ist der Begriff des Seins der apartere Begriff, der sich – noch dazu durchgestrichen oder in anderer Schreibung zum „Seyn“ mystifiziert – besser zur Beachtung in den Kämpfen um Anerkennung eignet? Ist es die „Tyrannei des Griechentums“, die – verständlich in Heideggers Verwurzelung in griechischer Philosophie – durchschlägt und zur Abwertung des Begriffes vom Nichts führt? In der Stellung der Fragen formuliert sich die Antwort, dass Heideggers Philosophie ein abschließendes großes Beispiel für die Diskreditierung des Nichts in der westlichen, abendländischen Philosophie geworden ist im Abstoß von der ausgeblendeten östlichen. Wie ein spätes Eingeständnis klingt das letzte Gespräch, zu dem Heidegger den Freiburger Theologieprofessor Bernhard Welte im Jahre 1976 bat: „,Es schwebte‘, so berichtet Welte, ‚auch der eckhartische Gedanke im Raum, daß Gott dem Nichts gleich sei.‘“ (4) Es ist konsequent, wenn Lütkehaus die Heideggersche „Seinsvergessenheit“ in eine „Nichtsvergessenheit“ zurückgeprägt hat. (5) Wie das Beispiel Heidegger zeigt, müssen wir uns dem Nichts, gerade weil es nichts „ist“, „stellen“, es aushalten und durchhalten, es in unser Denken einlassen. Philosophie heute muss sich verstehen als bewusster Weg der Rückgewinnung des Nichts. 79 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen Anmerkungen 1) Heidegger 1969. S. 22 2) Heidegger 1977. S. 259 Belege und zugespitzte Argumente zu Heideggers Seinsbegriff als einem sprachlichen „(Selbst-)Betrug“ bei Hübner („Die Nacht des Seins. Vierzig Jahre Denken, um nur noch schwarz zu sehen.“) 2007. Hübner geht es um den „Nachweis des Heideggerschen Irrtums, des metaphysischen Sprungs in die ‚Wahrheit des Seins‘ als in Wahrheit eines Sprunges ins Nichts (…)“ Hierzu Safranski (2001, S. 338), der ausführt, wie Heidegger sich gegen den Nihillismus-Vorwurf der Nazi-Ideologen verteidigen wollte. Noch im Nachwort zur Vorlesung „Was ist Metaphysik?“ (1969, S. 45) meint Heidegger sich gegen den Vorwurf des Nihilismus verteidigen zu müssen. 4) Zit. nach Safranski 2001, S. 476 f. 5) „So elementar das Nichts für das menschliche Selbstverständnis ist, so wenig wollen die Menschen in der Regel davon wissen – aus naheliegenden Gründen, die Schopenhauer erhellt hat: Was lebt und leben will, scheut seinen Antipoden, seinen Gegenbegriff und seine Gegenmöglichkeit. Viel lieber vergißt es das Nichts – obwohl dieses ihm als solches eigentlich nichts anhaben kann. Und das gilt auch für die Philosophie, soweit sie noch im Denken des fraglos sich selber wollenden Lebens ist: Weit mehr als von ‚Seinsvergessenheit‘, wie es Heideggers seinshöriges Denken unterstellt, ist sie von Nichtsvergessenheit bestimmt. Wegen der Fixierung auf die ‚Seinsvergessenheit‘ wurde die Nichtsvergessenheit ihrerseits stets vergessen: eine vergessene Nichtsvergessenheit.“ Lütkehaus 1999. S. 599 80 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 32 Nach der nihilistischen Katharsis Das Denken zielt nicht mehr auf die Lösung der großen philosophischen Probleme bzw. letztgültige Positionen ab. Vielmehr versucht es, das Fehlen solcher Lösungen zu kompensieren. Dabei entwickelt der aufgeklärte Nihilismus wie der frühe Buddhismus pragmatische Formen individueller Selbsterlösung im Diesseits, „Aphorismen zur Lebensweisheit“. Denn nach der nihilistischen Katharsis bedrängt uns die Sorge um das, was die Fiktion unserer „Seele“ genannt werden könnte. Der Begriff des aufgeklärten Nihilismus impliziert, dass seine Ziele bescheiden sind. Eine Philosophie, die der Logik folgt, sich dem Nichts endlich zu öffnen, wird nicht den großen Wurf der Weltinterpretation oder Weltveränderung versuchen, denn die aufgeblähten Illusionen und falschen Versprechungen sind zerplatzt. Eine neue Bescheidenheit und unspektakuläre Ehrlichkeit macht sich breit. Was erreicht werden kann, ist nicht viel, aber immerhin erreichbar. Der Gewinn dieses Verlustes ist ein Zug zur pragmatischen Überlebensstrategie, wie sie in Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ vorgezeichnet ist. (1) Die großen Fragen sind nicht lösbar, die falschen Erwartungen des metaphysischen Denkens sind ent-täuscht worden. Dafür sind im Kleinen Kompensationsstrategien möglich. (2) Sie sind sogar chancenreicher, da wir unsere Erwartungen und Energien nicht mehr in die falsche Richtung lenken. Statt uns mit jenseitsgerichteten Fragen zu beschäftigen, haben wir die Erde wiedergewonnen, auch wenn wir Nietzsches Pathos des Übermenschen nicht teilen und keine neuen „Werte“ des „Willens zur Macht“ hochhalten können, da auch den „umgewerteten Werten“ gegenüber wir uns der Spielregel der nihilistischen Logik, dem radikalen Skeptizismus verpflichtet fühlen. Wir wissen, dass wir über diese Erde hinaus streben, uns aber bescheiden müssen. Wenn wir ohne Diesseits- wie Jenseitsgläubigkeit auf ihr weiterleben wollen, suchen wir Zuflucht in Gedankensplittern zur Lebensweisheit. Dann können uns versprengte „Feuerfunken“ helfen in der Nacht, die uns umgibt. (3) Dann können wir nach der nihilistischen Katharsis, die alle Sicherheiten hinwegfegte, uns der drängenden Sorge um das widmen, was – vielleicht nur noch als vernünftige 81 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen Einbildung und fernherkommender Nachhall eines sokratischen Gedankens – unsere Seele genannt werden könnte. Unsere selbst errungene, individuelle geistige Entwicklung konzentriert sich auf die Befreiung von unserem „Durst“ nach „Etwas“, auf die Loslösung von unserem Streben und Leiden. In der geistigen Gewinnung des „Nichts“ lassen wir das los, was an unstillbarem Verlangen auf uns lastet. Eine bescheidene Selbsterlösung erscheint nun als realisierbare Möglichkeit im Nirwana, das als Vorgeschmack schon hier und jetzt überall „da ist“. Anmerkungen 1) SchW Bd. IV. Noch ohne nihilistische Grundierung ist ein solches Denken eindrucksvoll vorbereitet in Graciáns „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ (1647), übersetzt von Schopenhauer 1862 2) Unter diesem Aspekt ist Marquards Kompensationstheorie ein wertvoller Beitrag zur Bewältigung, nicht Überwindung des Nihilismus: „Abschied vom Prinzipiellen“ (1981); „Philosophie des Stattdessen“ (2000), bes. S. 30–49 („Einige Aspekte der Kompensationstheorie“); S. 41: „Wer mehr will als Kompensationen, schürt im Endlichkeitsfelde der Menschen die Absolutheitsillusion, also den Größenwahn.“ Dabei ergibt sich für die philosophische Anthropologie das Menschenbild des „Homo compensator“; ebd. S. 11 ff. 3) Zum Denkmotiv solcher „Feuerfunken“, dem Titel des letzten Bandes der nihilistischen Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“, siehe insbesondere einen der in den Roman eingeflochtenen Aphorismen (FF S. 170): „Feuerfunken sind Lichtgedanken, Vorstellungen, dass Göttliches in uns wach wird, die Gewissheit, dass wir Antwort erhalten auf das von uns Geschaffene, wir uns verbinden – über einen Regenbogen steigend – mit dem, was uns begegnet und zu uns gehört. In dieser Vorstellung, dass sie Göttliches sei, gewinnt unsere Einbildung ihre Evidenz, bildet sie sich mit Leuchtkraft in uns hinein.“ 82 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 33 Pseudo-Überwindungen des Nihilismus Nietzsche ist nicht der radikale Nihilist geworden, der er sein wollte, hat sich in seiner „Überwindung“ des Nihilismus in einer neuen Ersatzreligion des „Willens zur Macht“ verfangen, die noch zu überwinden ist. Wenn Nietzsche selbst zu unserem Gastmahl geladen wäre, müssten deutliche Worte an ihn gerichtet werden, auch wenn er wütend die Tafel verließe: Er ist nicht zu dem radikalen Nihilisten geworden, der er sein wollte (1), hat sich in seiner Überwindung des Nihilismus in einem neue Werte setzenden Denken verfangen, das der radikale Nihilismus – folgt er seiner eigenen Logik – überwinden muss. Wie andere Gäste ist Nietzsche ein schwieriger Gast, dessen Schwierigkeiten uns eigene Gefährdungen vor Augen führen, die unser Symposion vermeiden sollte: Kaum ist der Begriff des Nihilismus gefallen, da wird schon seine Überwindung verkündet. Für solche Pseudo-Überwindungen gilt – und Nietzsches Auslieferung an die Vereinnahmung durch Ideologien ist hierfür nur ein Beispiel: „Überwindungen, auch die des Nihilismus samt der Nietzscheschen, die es anders meinte und doch dem Faschismus Parolen lieferte, sind allemal schlimmer als das Überwundene. Das mittelalterliche nihil privativum, das den Begriff des Nichts als Negation von Etwas anstatt eines autosemantischen erkannte, hat vor den beflissenen Überwindungen ebensoviel voraus wie die imago des Nirwana, des Nichts als eines Etwas … Der Gedanke hat seine Ehre daran, zu verteidigen, was Nihilismus gescholten wird.“ (2) Wir haben uns damit abzufinden: Der Nihilismus könnte unüberwindbar sein, die Null, die all unsere Multiplikationen zu Nichts werden lässt, wenn einmal dieser Faktor in unseren Rechnungen aufgetaucht ist. Ihr Ergebnis ist eine einfache, wenn auch unbequeme negative „Wahrheit“: Wir müssen den Nihilismus aushalten, ihm standhalten und ihn durchstehen. Dabei sollten wir seine volle Bandbreite entwickeln, aufrechterhalten und auch seine Möglichkeiten auskosten. Wir dürfen in einem 83 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen Symposion über den Nihilismus nicht das Thema verfehlen: Es ist der Nihilismus, nicht seine Überwindung. Anmerkungen 1) Nietzsche verstand sich „als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, – der ihn hinter sich, unter sich außer sich hat …“ (KSA XIII S. 190) 2) ND S. 371 f. 84 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 34 Aufgeklärte Erleuchtung, erleuchtete Aufklärung Aufklärung könnte sich aus ihrer Selbstverstrickung befreien, indem sie ihren Eurozentrismus überwindet und in der Begegnung mit der „Erleuchtung“ der östlichen Aufklärung den Begriff des Nichts zurückgewinnt. An diesem muss wiederum der Buddhismus festhalten. Buddhismus und Nihilismus bedürfen einander, um sich selbst gerecht zu werden. Unsere eurozentrische Vorstellung, die Aufklärung sei eine spezifisch europäische Erscheinung des 18. Jahrhunderts, ist einseitig und in dieser Einseitigkeit falsch. Bis ins Wort hinein meint Erleuchtung im Buddhismus dasselbe Bemühen, auch wenn es zu anderen Schwerpunktbildungen und Zielsetzungen führt, insbesondere der Gewinnung des Nichts, des „Nirwana“ anstelle des Seins, das im Logozentrismus der europäischen Aufklärung eine einseitige Aufwertung erfahren hat. Um Aufklärung aus ihrer Selbstverstrickung und Selbstzerstörung zu befreien, gilt es ihren vollen Gehalt auch dadurch herzustellen, dass westliche und östliche Aufklärung zusammen denken und sich zusammen finden, ohne dass dies in einem bloßen „Vergleich“ oder rechnerischen „Kompromiss“ enden sollte. (1) Dabei muss der Buddhismus seines nihilistischen Kerns – im wesentlichen Sinne – eingedenk bleiben, um der Gefahr zu entgehen, dass sich seine Techniken oder Organisationsstrukturen verselbstständigen oder er gar instrumentalisiert wird, wie dies in militaristischen Zusammenhängen schon geschehen ist. Buddhismus und Nihilismus bedürfen einander, um ihrem Kernthema gerecht zu werden. Anmerkungen 1) In Carl Friedrich von Weizsäckers Sicht ist „jeder Versuch, Europäern heute Buddhismus verständlich zu machen, zugleich ein Stück Arbeit an unserer unvollendeten Selbsterkenntnis“. 1977, S. 529; zu dieser These Zotz 2000, S. 27–31. Jaspers versucht Nagarjunas Buddhismus in der abendländischen Philosophie zu positionieren (NA S. 944): „Die Tiefe trotz des Trüben in den indischen Texten könnte in der heute möglichen Helle, die als bloße Helle eine nichtige Spielerei bleibt, Anstoß zur Selbstbesinnung werden.“ 85 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen § 35 Die kosmologische Probe Selbst die Vernunft und die höchsten Errungenschaften des Geistes verfallen der Nichtigkeit, wiewohl die Wertschätzung solcher kultureller Leistungen nach der kosmologischen Probe in neuem Licht erscheint. Selbst unsere stolze Vernunft verfällt der Nichtigkeit. Zudem brauchen wir nur umherzusehen, wozu die Menschen sie auf ihren Irrwegen missbraucht haben. (1) Auch Bildung, Kultur und die höchsten Errungenschaften des Geistes werden dem Nihilisten nicht zum Fetisch, sind letztlich ein Nichts. Auch hier hilft die kosmologische Probe sub specie aeternitatis: Wir brauchen nur eine Milliarde Jahre zurück oder voraus zu imaginieren, einen lächerlich kleinen Zeitraum im vermuteten Ganzen der Weltzeit: “… dann kann man sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ (2) Doch führt die kosmologische Probe, wenn sie im Sinne eines aufgeklärten Nihilismus ziel- und sinnführend eingesetzt wird, nicht in die Haltung hinein, die landläufig eben als „nihilistisch“ gescholten wird: Weltverneinung, Gleichgültigkeit oder Zynismus. Im Sinne des aktiven Nihilismus führt die kosmologische Probe eher zur Hochschätzung dessen, was trotz aller Fragilität und Nichtigkeit aller menschlichen Werke doch zur ihren – wenn auch letztlich ephemeren – Glanzleistungen gehört: Wir bringen dann in der uns umgebenden „Weltnacht“ unsere neu begründete Wertschätzung solchen „Feuerfunken“ entgegen. (3) Anmerkungen 1) Goethes Mephisto formuliert über die Vernunft des Menschen in unübertroffener Prägnanz: „Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein / Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“ Andererseits sind auch in Mephistos Munde „Vernunft und Wissenschaft / Des Menschen allerhöchste Kraft“. „Faust I“ (V. 285 f., 1851 f.) München 1986. 2) Vgl. Foucault 1971, S. 462 3) In diesem Sinne sind die Titel der nihilistischen Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“ gemeint: „Nachtfahrt“ (Bd. 1/ Sigle NF) und „Feuerfunken“ (Bd. 3/ Sigle FF). 86 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 36 Symposion des Schweigens Wie Sprache und Denken umfasst der Nihilismus das Schweigen und Nicht-Denken. Auch dieses Gastmahl scheint zu Ende gegangen zu sein. Ein Symposion, wie die Gebildeten sagen. Die Tafel wird aufgehoben. Die Dunkelmänner sinnieren noch im Hinausgehen mit wichtigtuerischer Miene. Die Hütchenspieler schmunzeln, weil sie gewonnen haben. Die Marktschreier tragen ihre Ergebnisse des Symposions zur Überwindung des Nihilismus nach draußen. Und die Vormünder haben Recht behalten. Wir aber lassen uns nicht beirren und hegen das Denken ein. Wir folgen im Hinausgehen unseren heilsamen Imaginationen. Wie Rieux, der die Pest bekämpft, die er nicht besiegen kann. (1) Oder Sisyphos, der den Stein wieder hochzurollen beginnt. Wie sie machen wir uns an die Arbeit. Schweigend. Schweigen – das Haus des Nichts Wenn die „Sprache (…) das Haus des Seins“ ist (2), wohnt das Nichts im Schweigen. Es gibt viele Belege aus den verschiedensten lebenspraktischen und kulturellen Bereichen dafür, dass es ein beredtes Schweigen gibt, dessen Sprache für die nihilistische Philosophie von besonderer Bedeutung ist. Auch hier wird das Nichts zu einem Etwas, gewinnt eine Aussage. Es muss im Sinne eines aufgeklärten Nihilismus aber daran festgehalten werden, dass ein solch „beredtes Schweigen“ eine Metapher ist, wenn die Erfahrung des Nichts nicht mystifiziert und als Eintritt in eine Welt des „Dings an sich“ missverstanden werden soll. Die Erfahrung des Nichts setzt besondere Imaginationen in uns selbst in Gang, welche wir ohne jenen Ruhepunkt nicht hätten entwickeln können. Mit dieser grundsätzlichen Überlegung sollten wir all die Belege und Beispiele – auch aus dem Bereich der im weitesten Sinne ästhetischen Erfahrungen – sichten, wie sie Corbin und Kagge zusammengetragen haben. (3) In dieser Sichtung wird deutlich, wie die Erfahrung des Nichts der ambivalenten Struktur des Nihilismus entspricht und Angst vor der Leere wie auch Bereicherung bedeuten kann. (4) Dabei spricht entgegen unserer kulturellen Fixierung auf Visuelles die Stille gerade unseren akus- 87 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen tischen Sinn an und vermag Klangimaginationen in uns zu erwecken. Ohne all die gewöhnlichen Ablenkungen ermöglicht uns die Stille die Konzentration auf eine Imagination, die in diesem partiellen, akustischen Nichts eine besondere Bedeutung gewinnt. Nihilismus ohne Demutsstarre Der Nihilismus kennt nicht das Anbeten, die Demutsstarre. Denn das Nichts ist allseitig offen. Ins Leere griffe, wer in ihm einen Götzen berühren wollte. Anmerkungen 1) Vgl. den Protagonisten in Albert Camus (1958): „Die Pest“ 2) Heidegger (im „Brief über den ‚Humanismus“, Werke IX, S. 313) bringt auch hier ein Beispiel seiner Nichtsvergessenheit. 3) Corbin 2018, Kagge 2017 4) Unsere Sentenz in NF S. 191 fasst diesen Doppelaspekt zusammen: „Das Nichts kann uns schmerzen und ersticken oder heilen und befreien.“ 88 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 37 Umnächtigung des Denkens Die radikale nihilistische Skepsis kann selbst vor dem Denken nicht haltmachen: Es muss seine eigene Aufhebung im Denken bewirken – seine „Umnächtigung“ anerkennen. Dem aufgeklärten Nihilismus ist der Logos nicht alles. Er ist nur ein Sprach- und Denkspiel unter anderen. Die Menschen, diese „klugen Tiere“, erfanden ihn für einen flüchtigen Zeitraum der Weltgeschichte. (1) In ihm mag er eine besondere Evidenz haben, wie sie sich in Hegels Metapher von den göttlichen Fußstapfen ausdrückt. (2) Die „Wahrheit“ solcher Einbildungen zergeht dem Nihilismus in der großen Leere. Damit wird auch deutlich, dass es Bereiche gibt, die dem Logos nicht zugänglich sind und ihn „umnächtigen“. Er selbst ist negierbar, wie er selbst negierend mit sich und Anderem verfährt. Das in den Nihilismus mündende philosophische Denken betreibt in solch negativer Dialektik seine Selbstaufhebung. Wir sind von der großen Nacht des Nichts umgeben und müssen diesen Gedanken der Selbstaufhebung des Denkens im Denken in eine Philosophie des Nihilismus einbeziehen. (3) Der Verlegenheitspunkt: das „Ding an sich“ Diesen Verlegenheitspunkt des Denkens hat Kant in der Rede vom Ding an sich zu markieren versucht und sich dabei in notwendig widersprüchlicher Weise der Sprache bedienen müssen, obwohl diese im „Ding an sich“ über das in Sprache Sagbare hinausweist. Das „Ding an sich“ ist – metaphorisch bzw. deiktisch gesprochen – die Nacht, die unser Denken umgibt. Sie gewinnt nicht an Helligkeit, nur weil wir auf sie mit den Worten unseres Logos hinweisen müssen. Als „Punkt“ der Verlegenheit „ist“ das „Ding an sich“ das Nichts bzw. nichts Dinghaftes in Raum und Zeit: „ein Unding“. Anmerkungen 1) Vgl. Nietzsches einleitende Fabel in „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“, KSA I S. 875 f. 2) Vgl. Hegel (1812) 1969 (Wissenschaft der Logik 1. Werke V) S. 44 3) SchW II S. 215: „Welche Fackel wir auch anzünden und welchen Raum sie auch erleuchten mag; stets wird unser Horizont von tiefer Nacht umgränzt bleiben. Denn die letzte Lösung des Räthsels der Welt müßte nothwendig bloß von den Dingen an sich, nicht mehr von den Erscheinungen reden.“ Schopenhauers tiefgründiger Skeptizismus ist eine Vorform des von Nietzsche begründeten Nihilismus. 89 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen § 38 Auf großer Nachtfahrt „Nachtfahrt“ oder „Umnachtung“ unserer Existenz ist als Entwurf eines überzeugenden Bildes für unsere im Nihilismus befindliche Existenz gedacht. Was uns bleibt, ist das Hüten und Ausdehnen unsteter Lichtkreise in dieser Weltnacht. Das Gastmahl ist zu später Stunde zu Ende gegangen, die Gläser sind ausgetrunken, die letzten Worte verhallt. Wir sind für heute auseinander gegangen, haben uns vorübergehend ein wenig geholfen. Aber wir wissen auch: Kein Mensch vermag den anderen zu erlösen. (1) Wir blicken in die Nacht hinaus …, wir warten weiter … Es liegt in der Konsequenz unserer Gedankengänge, wenn die Grundlinien einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters in ein Bild münden, denn solche imaginativen Entwürfe gewinnen in ihrem geistigen wie sinnlichen, begrifflichen wie bildlichen Gehalt besondere Evidenz. Die Begriffsstrukturen und -ränder werden hier gleichsam nicht mit letzter Schärfe profiliert, sondern in provozierender Unbestimmtheit belassen, sodass Konnotationen, Gefühlsqualitäten und sinnliche wie sinnvolle Irritationen mit der Begrifflichkeit zusammen ausgedrückt werden. Wir begegnen der Vernünftigkeit der „ein-bildenden“ und „in-eins-bildenden“ Imagination, welche die Spaltung von Subjekt und Objekt zu überspielen und uns in der Ganzheitlichkeit unserer Existenz anzusprechen vermag. Ein überzeugendes Bild für die im Nihilismus befindliche Existenz des Menschen ist seine „Nachtfahrt“, ein Topos, der im Denken und Dichten des nihilistischen Zeitalters beständig wiederkehrt und leitmotivischen Charakter gewonnen hat, d. h. den Grundriss unseres Zeitalters bildlich andeutet. Auf einer „Nachtfahrt“ sind wir in einem zugespitzten Sinne: Nicht nur befinden wir uns auf einer Fahrt durch eine Landschaft, die im Dunkeln liegt und nur hin und wieder schlaglichtartig erhellt wird, sondern Ziel und Zweck unserer Lebensreise selbst liegen im Dunkeln wie das Mysterium des Todes, von dem wir nicht einmal den Zeitpunkt wissen und dem wir in der Vergänglichkeit unseres Daseins in jedem Augenblick unversehens entgegenfahren. Erhellte Ausschnitte und verschwommene Perspektiven vorbeifliegender Landschaften sehen wir zwar, und unsere Angst vor dem Unbekannten mag sogar einer tempo- 90 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters rären Behaglichkeit weichen, mit der wir das vorbeihuschende Lichterspiel genießen und fasziniert ins Dunkel hinausblicken. Zumal bietet der Ort, an dem wir uns unmittelbar einrichten können, unser Sitzplatz, Abteil oder Wagen, eine gewisse Übersichtlichkeit, die uns die Dunkelheit, durch die wir dahinjagen, sogar vergessen lassen kann. (2) Sind es nicht gerade solche Lichtkreise, die uns verbleiben, Lichtblicke, die ein wenig Sinn schaffen in dieser Grauen erregenden Nacht, die uns umgibt? Wenn „Nachtfahrt“ den Modus unserer Existenz zutreffend bezeichnet, dann wird es für uns vordringlich, uns ein wenig mit Licht zu umgeben, solche Lichtblicke zu schaffen und zu vergrößern, selbst eine verschwindende Lichtspur zu sein, die das allgemeine Dunkel blitzartig aufhellt. Die „Nachtfahrt“ oder „Umnachtung“ unserer Existenz ist ein Leitbild, das für den Umgang des Nihilismus mit den traditionellen philosophischen Fragen in ihrer Neuformulierung von grundlegender Bedeutung ist. Kafkas Nihilismus steigert das Bild von der Nachtfahrt der menschlichen Existenz in das eines Zugunglückes „Im Tunnel“ (3), in dem wir zu Fuß unseren Weg fortsetzen müssen, unsteten Lichtern möglicher Orientierung folgend, „und zwar an einer Stelle, wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, daß der Blick es immerfort suchen muß und immerfort verliert, wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind.“ Die Überlebens- und Aufräumversuche, das sisyphushafte Bemühen und Scheitern des Menschen gelangen hier wie in Kafkas Werk insgesamt zur vielleicht eindringlichsten dichterische Darstellung des Menschen im nihilistischen Zeitalter. Es versteht sich, dass diese Deutungshypothese hier nicht im Einzelnen verfolgt werden kann. Anmerkungen 1) Als Sentenz ist dieser Gedanke der Erlösungbedürftigkeit des Menschen in „Tag der Erleuchtung“, den 2. Band der nihilistischen Romantrilogie „Schleier des Nichts“, erzählerisch integriert worden. Vgl. TE S. 266 u. passim 2) Kants Bild der Insel, auf der wir leben und etwas Überblick beanspruchen können, die aber von einem unübersichtlichen Ozean mit täuschenden Nebelbänken und „leeren Hoffnungen“ umgeben ist, bietet ein etwas helleres Szenario, wie es der optimistischeren Sicht des 18. Jahrhunderts entspricht, ist aber im Prinzip von unserem Topos der Nachtfahrt kaum entfernt. Vgl. KW II S. 267 f. 3) Kafka 2008, S. 1371 (Der Titel „Im Tunnel“ wurde dieser Parabel Kafkas im Nachhinein gegeben). 91 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen § 39 Von der Nacht her den Tag denken heißt die Helligkeit unserer Erkenntnisse, Urteile, Zwecke und Ziele von ihrer grundsätzlichen „Umnachtung“, d. h. Nichtigkeit her denken. Dabei sollten die Evidenzen nicht verloren gehen, die jenes Dunkel intermittierend zu erhellen vermögen. Erst im Wechselspiel von Nacht und Tag findet der Nihilismus seine angemessene Metaphorik, für welche die Nacht innerhalb der Helle des Tages „sichtbar“ bleiben muss. (1) Den Grundlinien dieser Philosophie des Nihilismus nachzugehen bedeutet sich in die Verwobenheiten der Metaphorik von Tag und Nacht einzulassen. Dabei wird das Tagesbewusstsein seiner Umnachtung inne, die Nacht drängt nach Helligkeit, einer „Reise ans Ende der Nacht“. (2) Das Licht kann zum Irrlicht werden, gerade wenn es seine Umnachtung vergisst: „Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden?“ (3) In solch verwirrender Dialektik von Nacht und Licht im Wechselspiel von Bildern und Begriffen muss die Philosophie des Nihilismus der Präponderanz der Nacht eingedenk bleiben: „Die Welt ist tief, / Und tiefer als der Tag gedacht.“ (4) Wenn wir also in den folgenden Kapiteln unseren Erkenntnismöglichkeiten, dem Status unserer Urteile, Zweck- und Zielsetzungen nachgehen, muss diese grundsätzliche Umnachtung unseres Bewusstseins für die philosophische Reflexion im nihilistischen Zeitalter gegenwärtig bleiben. Andererseits kann sich nicht alles im Dunkel der Nacht verlieren, ohne dass Evidenzen zur Geltung kommen, die jenes Dunkel intermittierend zu erhellen vermögen. Unsere Ordnungsversuche im Chaos folgen den berühmten Leitfragen aus Kants Einleitung in die Logik, welche in der letzten Frage: „Was ist der Mensch?“ zusammengefasst werden. (5) Dabei wird unser vom Nihilismus geprägter Diskurs auch die Formulierung und den Sinn der Fragen selbst in Frage stellen. Insbesondere werden wir Nietzsches nihilistischem Denkansatz folgend den allgegenwärtigen Willen zur Macht ausdrücklich in diese Leitfragen einbeziehen. Auch wenn wir ihm ausgeliefert sein sollten, können wir ihn selbstdurchsichtig werden lassen, die Inhalte reflektieren, die wir mit ihm verbinden, d. h. Abstand zu unserem Willen zur Macht gewinnen und ihn vielleicht loslassen, ins Nichts verschwinden lassen. Selbst über den Willen zur Macht könnten wir 92 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters Macht gewinnen, denn in ihm ist der Nihilismus noch nicht überwunden. Unsere Leitfragen werden also lauten: Was kann und will ich wissen? Was soll und will ich tun? Was darf und will ich hoffen? Und zusammenfassend: Was will ich als Mensch sein? Verlust der Dialektik von Nacht und Tag Es lässt sich zusammenfassend sagen, dass Aufklärung misslingt und in neue Mythologien umschlägt, wenn das Licht seine Umnachtung vergisst und den Schein ungebrochener Erkenntnis beansprucht: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“. (6) Umgekehrt darf nicht in einer umfassenden Nacht von Nichtigkeiten – wie in manchen buddhistischen Denkfiguren – alle lichtvolle Evidenz dieser Welt verschwinden oder gleich-gültig werden. Denken bezieht die Vernünftigkeit der Imagination ein So reizvoll es ist, den Denkfiguren einer Metaphorik von Nacht und Licht nachzugehen, so wichtig ist es auch, sich nicht in dieser Metaphorik zu verlieren, sondern zu den Begriffen zurückzukehren, zu denen diese Metaphorik als notwendige Ergänzung gehört. Ein ausschließliches Verweilen in den Lichterspielen der Nacht wie auch den „rein“ formalbegrifflichen Distinktionen gehört zu den Vereinseitigungen, die dialektisches, um Aufklärung bemühtes Denken bedrohen. Auch hier muss Denken Begriffe und Bilder umfassen, die Vernünftigkeit der Imagination einbeziehen. Anmerkungen 1) Die Bilder der Nacht für die existenzielle Situation des nihilistischen Zeitalters sind Legion. So tastete sich Descartes, der die im Nihilismus endende moderne Subjektphilosophie einläutete, bereits durch diese Nacht: „Aber wie ein Mensch, der alleine und in der Dunkelheit voranschreitet, entschloß ich mich, so langsam zu gehen und in allen Dingen so viel Umsicht zu gebrauchen, daß, auch wenn ich nicht weit vorankäme, ich mich wenigstens davor bewahrte hinzufallen.“ (2011, S. 29) Bronfen (2008) bietet hervorragende Beispiele für die Nacht – Tag – Metaphorik aus dichterischen Schlüsseltexten der Moderne, am eindrucksvollsten aus den Romanen Virginia Woolfs, S. 571 ff. Eindrucksvolle Beispiele der Licht-Nacht-Metaphorik finden sich auch bei John Locke, die Geier (2012, S. 34–36) zitiert: Das Licht des menschlichen Verstan- 93 Das nihilistische Zeitalter hat längst begonnen des „konnte für Locke nicht das Licht einer Sonne sein, die alles hell erleuchtet, als läge es schattenlos da auf der grenzenlosen Ebene des Seins. Es glich eher einem Kerzenlicht, das den Menschen hilft, sich in den dunklen Räumen zu orientieren, in denen sie sich befinden, umgeben von grauen Schatten und tiefster Schwärze.“ Deshalb schien Locke der Glauben an Gott – ähnlich wie Descartes – noch notwendig (ebd. S. 42 f.). 2) Celine 1958. Zu diesem Roman Bronfen 2008, S. 489 ff. 3) KSA III S. 481. In „Tag der Erleuchtung“, dem 2. Band der nihilistischen Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“, dient diese rhetorische Frage aus Nietzsches Aphorismus Nr. 125 (in „Die fröhliche Wissenschaft“, 3. Buch) als zentrales Denkmotiv. 4) KSA IV S. 404 („Das Nachtwandler-Lied“). Hier ist die von Bronfen (S. 609 u. passim) verwendete Denkfigur, „den Tag von der Nacht her zu denken“, angelegt: „Den Tag von der Nacht her zu denken, damit die Nacht für den Tag Texte erschafft, heißt für Woolf, Dasein ausgehend von der Unheimlichkeit der Angst in eine ästhetische Formalisierung zu übertragen, die das Nichts mitdenkt.“ In diesen philosophischen Zusammenhang sind David Humes „Nachtgedanken eines Zweiflers“ zu rücken, denen Kant seine Aufklärung und sein Erwachen aus seinem „dogmatischen Schlummer“ verdankt. Hierzu Geier 2003, S. 151 ff., 162 f. 5) KW III S. 447 f. 6) DA S. 7 94 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters

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References

Zusammenfassung

Nihilismus, dieser „unheimlichste Gast“, wie Nietzsche ihn nannte, hat sich schon längst in unserem Hause bequem eingerichtet. Er ist heimisch geworden: im „anything goes“ der Postmoderne, dem Relativismus der Werte, den Fake News, dem Verlust an Wahrheit und Lebenssinn, dem Willen zur Macht, dem unsere Welt ausgeliefert zu sein scheint.

Trotzdem hat unsere politische und philosophische Korrektheit den Nihilismus zum Unwort und Schmähwort erklärt, will ihn sogleich überwinden, sobald das tabuisierte Wort gefallen ist. Doch können wir mit dem Nihilismus, diesem Abgrund an Leere und Sinnlosigkeit überhaupt leben?

Ganz gut sogar, meint Elmar Dod in seiner Philosophie des radikalen, aufgeklärten Nihilismus – wenn wir bei aller Skepsis den Evidenzen unserer Einbildungskraft mehr zutrauen und mit ihnen unser Leben jenseits der großen wie kleinen Alltagsideologien selbstständig und zielführend gestalten.