1.1. Der unheimlichste Gast wird heimisch in:

Elmar Dod

Der unheimlichste Gast wird heimisch, page 5 - 43

Die Philosophie des Nihilismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4185-7, ISBN online: 978-3-8288-7085-7, https://doi.org/10.5771/9783828870857-5

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie

Tectum, Baden-Baden
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1. Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters „Der Nihilismus steht vor der Thür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? –“ Nietzsche, KSA XII S. 125 1.1. Der unheimlichste Gast wird heimisch § 1 Vom Sinn des Anfangens Mit Vernunft leben wir von Fiktionen. Kaum haben wir das Nichts gedacht, bilden wir etwas hinein, um wirklich denken und leben zu können. Warum nicht ins Nichts hinein die Imagination an den Anfang setzen, dass dieses Leben gut für uns sei? Mit solcher Aktivität entwickeln wir Lebensweisheit im Zeitalter des Nihilismus. Aus der Logik wissen wir, dass sich ein erster Anfang nicht widerspruchsfrei denken lässt: Alles Denkbare, paradoxer Weise auch das Nichts, muss dem Denken als ein Etwas, ein Sein gelten. (1) Wenn aber dieses Sein an sich so leer, so nichtig ist wie das Nichts, dann kann dieses doch als Anfang gelten! Gehen wir also vom Nichts aus, nachdem es so lange gemieden, umgangen, verschwiegen worden ist, nehmen wir dieses Nichts als Anfang! Umso mehr, als uns in diesem Zeitalter des Nihilismus dieses Nichts etwas angeht, die Erfahrung der Sinnlosigkeit oder Sinnwidrigkeit unserer Existenz von uns bewältigt werden muss. (2) Wir haben uns dem Horror Vacui zu stellen, den wir im Begriff des Seins verdrängen konnten, indem wir so taten, als ob dieses Nichts nicht ausgehalten werden müsse! Denn: „Der Nihilismus steht vor der Thür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? –“ (3) Gehen wir ihm gastfreundlich entgegen! Nehmen wir das Nichts an, nehmen wir es endlich bewusst auf in unser Denken in einer Philosophie des aufgeklärten Nihilismus! Mehr noch: Wenn 5 wir dieses Zeitalter mit klarem Verstand besichtigen, dann können wir gewahr werden, dass dieser unheimlichste Gast schon längst heimisch in unserem Zeitalter des Nihilismus geworden ist, das Nietzsche – nicht lange bevor er im Jahre 1900 starb – auf zweihundert Jahre prognostizierte. Wenn wir das Nichts kaum denken können, ohne es sogleich als ein Etwas uns vorzustellen, werden wir gleich zu Beginn einer Philosophie des Nihilismus der Verschränkung unseres Denkens mit dem Einbilden gewahr. Wir leben mit Vernunft von Fiktionen. Kaum haben wir das Nichts gedacht, bilden wir etwas hinein, um wirklich denken und leben zu können. Daran gemessen erscheint die beliebte philosophische Frage, was denn zuerst da sei – das Sein oder das Nichts – spitzfindig und steril. Zumal wenn sie pointiert wird zu der Frage, warum denn überhaupt etwas sei und nicht das Nichts. In uneingestandener Weise wird hier ein Ladenhüter hervorgekramt, die Frage nach dem Ding an sich: Man möchte wissen, was denn von Anfang an da gewesen sei – gleichsam unabhängig von dem Subjekt und dessen Zutun. Doch hier wird eine Grenze überschritten, die schon längst von Kants kritischer Transzendentalphilosophie aufgezeigt worden ist. Statt uns hier in Widersprüche zu verstricken, wäre es ratsam, sich auf unsere Conditio humana zu besinnen: Wir leben mit Vernunft von Fiktionen und wir können allen Anfang mit der heilsamen Fiktion beginnen, dass es trotz allem gut sei, dass wir leben und da sind. Gegenüber der konträren Fiktion, dass dieses Leben ein Irrtum sei, dass wir besser nicht geboren worden wären – auch dies ist von Philosophen gedacht worden (4), haben wir mit der grundsätzlichen Güte des Lebens eine heilsame Fiktion an den Anfang gesetzt. Sie ist nicht wahr gegenüber jener anderen, radikal pessimistischen Ansicht, sondern einfach eine Setzung, die uns einen heilsamen Lebensansatz aus dem Nichts heraus ermöglicht. Diese heilsame Imagination entspringt dem in Nietzsches Sinne aktiven, lebensdienlichen Nihilismus, indem wir selbst ein Ja zum Leben sagen und es zu einem sinnvollen Projekt machen wollen. Dies ist keine Wahrheit im traditionellen Sinne, sondern eine Imagination, die sich auf einer Metaebene befindet, sodass sie andere Imaginationen begründen und ermöglichen kann, die uns zu einer insgesamt lebensdienlichen Einstellung führen. Damit wird kein platter Optimismus pro- 6 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters pagiert, keine Munterkeit, wie sie in Reklame und Medienwelt allgegenwärtig ist. Was wir eher mit Lebensbejahung in Zeiten des Nihilismus meinen, ist das flüchtig auflebende Glück des Sisyphos, zu dem er sich angesichts seiner Mühsal immer wieder durchzuringen vermag. Damit haben wir auch über den Schwerpunkt unserer philosophischen Fragestellung entschieden. Sie lautet nun nicht mehr, was am Anfang war, sondern formuliert den Anfang, den wir setzen wollen. (5) Denn die Imagination ist ein ponierendes, setzendes, schaffendes Vermögen. Um ein bekanntes buddhistisches Gleichnis zur Verdeutlichung aufzugreifen: Wir fragen nicht mehr nach Alter oder Aussehen des Bogenschützen, dessen Pfeil uns verwundet hat, sondern überlegen, wie wir den Pfeil entfernen, die Wunde versorgen und unser Leid überwinden können. (6) Unsere Philosophie ist damit zur Lebensweisheit im Zeitalter des Nihilismus geworden. In diesem Kontext meint der Begriff des Nichts wie der des Nihilismus nicht nur die Negation von Vorhandensein, sondern vielmehr dessen Status. Es geht um eine existenzielle Befindlichkeit des Menschen in Bezug auf die Dinge und einen daraus folgenden Selbstbezug. In dieser Hinsicht definiert Taureck zusammenfassend den Begriff des Nichts bei Nietzsche: „‚Nichts‘ heißt sowohl Nichtsein der wahren Welt als auch das ateleologische Bestehen des Kontingenten. Letzteres wird in Anführungszeichen ‚das Sinnlose‘ genannt, d. h. es ist das Kontingente, das nicht auf ein Absolutes als ein letztes Telos verweist.“ (7) Es ist hilfreich, sich hier an die ursprüngliche Bedeutung von „Sinn“ als „Richtung“ zu erinnern, die sich in der Formulierung „im Uhrzeigersinn“ erhalten hat. Das Nichts „zeigt sich“ auch in der bloß additiven, noch keine sinnvolle Ordnung verratenden Vorhandenheit des Seienden. Es ist nicht nur zu verstehen als „Nicht-Vorhandenheit“ im Sinne von Kants Definition des Nihil privativum (8), sondern als der Bereich der Adiaphora, des Nicht-Unterschiedenen, Gleich-Gültigen in den zunächst bloß additiven Strukturen unseres Lebens. Ratgeber, aber philosophisch begründet Gleich hier zu Beginn sei ein Beispiel gegeben, wie unsere philosophischen Untersuchungen in praktische Ratschläge münden können, die sich von all den Ratgebern darin unterscheiden, dass sie auf der tragfä- 7 Der unheimlichste Gast wird heimisch higen Basis einer philosophischen Begründung gegeben werden. Ohne diese verstärken all die diffusen Ratschläge nur die Orientierungslosigkeit, die sie überwinden wollen. An den Beginn jeden Tages, jeder Episode, jedes Abschnittes in unserem Leben können wir die Imagination eines heilsamen Anfanges setzen, die auf der grundsätzlichen Dankbarkeit aufbaut, welche wir gegen- über diesem Leben empfinden. Dass es gut sei und wir ihm mit Dankbarkeit begegnen sollen, ist eine Setzung, die nicht Ausfluss streng logischer Überlegungen ist – diese können uns vielleicht eher vom Gegenteil überzeugen, sondern unserer aktiven, im weitesten Sinne kreativen und künstlerischen Imagination entstammt. Es ist ein in Nietzsches Sinne aktiver Nihilismus, der uns aus dem passiven herausführt. (9) Retrospektiv können wir diese Imagination vom guten Anfangen durch eine Dankbarkeitsliste unterstützen, die wir am Ende eines Tages oder einer Episode in unserem Leben erstellen. Wir listen all das Gute auf, das wir erfahren haben und schätzen lernen konnten. Gegenüber allen Widrigkeiten ist dies keine Bilanzierung, die rechnerisch aufgehen muss. Die Freude am Kleinsten kann hier große Enttäuschungen aufwiegen. Die Evidenz der Imagination geht hier über den bloß rechnenden Verstand hinaus. Erst wenn wir uns dieser Zusammenhänge bewusst sind, kann uns die Imagination vom heilsamen Anfangen wirklich überzeugen und wirkliche Hilfe der Lebensweisheit sein. Sie entspringt unserer Aktivität, unserem Willen zur Macht, mit dem wir uns selbst ermächtigen und unsere Kräfte voll ausschöpfen. Das janusköpfige Gesicht des Nihilismus vor Augen bezeichnet Nietzsche den „‚Nihilism‘ als Ideal der höchsten Mächtigkeit des Geistes, des überreichsten Lebens …“ (10) Anmerkungen 1) Hegel (1812) 1969 (Werke V) S. 83: „Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe.“ Dass Hegel dem Sein aber eine Präponderanz zubilligt, erweist sich schon im Titel des Ersten Buches der „Wissenschaft der Logik“: „Die Lehre vom Sein“. Zur Zitierweise u. verwendeten Siglen in unserer Studie s. Vorbemerkung zum Literaturverzeichnis 2) Diese existenzielle Betroffenheit ist es, die im Zentrum einer Theorie des Nihilismus stehen muss, nicht die Wortspiele, zu denen „das Nichts“, mit dem es nur „nichts“ sein kann, sodass „über es“ gar „nichts“ auszusagen ist usw., sich in besonderer Weise anbietet. Bei Lütkehaus (1999) rücken solche Wortspiele zu sehr in den Mittelpunkt (besonders deutlich am Schluss S. 758); dabei verschwindet die existenzielle Betroffenheit in verspielten Formulierungen, wenn beispiels- 8 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters weise der Begriff des Nihilismus mit dem der Vollendung verbunden wird: „Die Philosophen haben den Nihilismus immer nur überwunden, es kömmt (sic) darauf an, ihn zu vollenden.“ (Zitat von Lütkehaus im Klappentext). Zumindest müsste geklärt werden, was mit Vollendung gemeint ist. 3) KSA XII S. 125; vgl. S. 120 4) Z. B. Schopenhauer (SchW) II S. 589 u. passim 5) Wie wenig sich solches Anfangen mit den Begriffen von Rationalität oder Irrationalität einordnen lässt, mag folgende Bemerkung Nietzsches verdeutlichen (KSA VIII S. 41): „Das von Vorn Anfangen ist immer eine Täuschung: selbst das was uns zu diesem angeblichen ‚Anfang‘ trieb, ist Wirkung und Resultat des Vorhergehenden. Aber ein so starkes und entscheidendes Abbrechen wird ein Zeichen sein von einem starken und übermässigen ehemaligen Fördern. Der Radikalismus unserer Meinungen und unsrer Wahrheit ist die Folge vom Radikalismus unsrer Irrthümer und Fehler. Das grosse Gesetz der Umsetzung – darin liegt aller sogenannte ‚Fortschritt‘“. 6) Dieses buddhistisches Gleichnis zeigt in eindrucksvoller Weise, wie wir von den unbeantwortbaren Fragen ablassen und uns dann um unsere Befreiung im menschlichen Rahmen kümmern können: „Gesetzt, ein Mann wäre von einem Giftpfeil getroffen worden und seine Angehörigen hätten einen Arzt herbeigerufen. Der Mann aber sagte: ‚Nicht eher werde ich diesen Pfeil herausziehen lassen, als bis ich den Mann kenne, der mich verwundet hat, und weiß, wie er heißt, aus welcher Kaste und Familie, aus welcher Gegend, von welcher Körpergröße und Hautfarbe er ist und wie beschaffen der Bogen, die Sehne und der Pfeil ist, durch die mir die Wunde beigebracht wurde.‘ Bevor der Mann dies alles festgestellt haben könnte, wäre er längst gestorben. Mag die eine oder die andere dieser zehn Ansichten bestehen oder nicht bestehen, jedenfalls bestehen Geburt, Alter, Tod und Leid, deren Vernichtung schon in diesem Leben ich verkünde. Darum mögt ihr das, was ich erklärt habe, als erklärt, das aber, was ich nicht erklärt habe, als nicht erklärt hinnehmen. Und warum habe ich es nicht erklärt? Weil es nicht zweckdienlich ist, weil es nicht zum heiligen Wandel gehört und nicht zur Weltentsagung, zur Leidenschaftslosigkeit, zur Erkenntnis, zum Nirvana führt.“ Zit. nach Glasenapp, H. v. 1974, S. 68 f. 7) Taureck 1991, S. 479 f. 8) KrV S. 306 f. (A 292) 9) KSA XII S. 350 f. Nietzsche unterscheidet hier: „Nihilism als Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes: als activer Nihilism. Er kann ein Zeichen von Stärke sein … Nihilism als Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes: der passive Nihilism: als ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet, erschöpft sein, so daß die bisherigen Ziele und Werthe unangemessen sind und keinen Glauben mehr finden –“ 10) KSA XII S. 353 9 Der unheimlichste Gast wird heimisch § 2 Diskriminierung des Nichts Die Diskriminierung des Begriffes „Nichts“ hat eine bis auf Parmenides zurückreichende geistesgeschichtliche Tradition. Solche „Tyrannei des Griechentums“ ist eine entscheidende Verständnisbarriere im west-östlichen Dialog gewesen. Die unserem Zeitalter gemäße Philosophie des aufgeklärten Nihilismus hat die Aufgabe, den Begriff des Nichts zusammen mit dem des Nihilismus zu rehabilitieren. „Ein weiteres zentrales Motiv der (östlichen) Interessenahme war das ‚Nichts‘ … Es stand schon in der klassischen indischen Philosophie als ontologisches und erkenntnistheoretisches Thema an. Und ebenso in der Dao-Lehre des Lao Zi und seiner Anhängerschaft, unter welcher sich schon früh eine religiöse Kultvereinigung ähnlich wie bei den Buddhisten herausbildete. Das Thema hat seit Parmenides’ epochaler Propagierung seiner ‚wahren‘ Seinsphilosophie und seiner Diskriminierung des Nichts (griech.: me on) als Sinnesillusion und Inbegriff der Falschheit schlechthin kein Äquivalent in der abendländischen Philosophie. Denn Parmenides hat durch diese ‚Seinsphilosophie‘ vermutlich die entscheidende Abwehrposition gegen eine westliche Buddhismus-Mission errichtet. Seither ist die Betonung von Sein und die Irritation gegenüber dem Nichts eine der entscheidenden Verständnisbarrieren im west-östlichen Dialog geblieben.“ (1) Die „Tyrannei des Griechentums“ (2) in der abendländischen Geistesgeschichte hat diese Einseitigkeit verstärkt und sedimentiert, wie sie in Hegels „Logik“ und Heideggers Seinsphilosophie ihren nachhaltigen Niederschlag gefunden hat. Die unserem Zeitalter gemäße Philosophie des aufgeklärten Nihilismus hat die Aufgabe, den Begriff des Nichts zusammen mit dem des Nihilismus zu rehabilitieren und diesen auch da aufzuspüren, wo er durch Vermeidungsstrategien mit anderen Begriffen verdeckt wird, etwa dem „nichtssagenden“ der Postmoderne. Wenn Terroristen doch Nihilisten wären … Ein praktisches Beispiel für diese Diskreditierung eines philosophischen Begriffs gibt die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus seit dem 11. September 2001 ab. Wie die russischen Anarchisten nach ihren Anschlä- 10 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters gen im 19. Jahrhundert wurden die Terroristen, die das World Trade Center zu Beginn der Jahrtausendwende zerstörten, in der Presse oft als „Nihilisten“ bezeichnet, und diese Einstufung hat sich in den Darstellungen des vielfältigen Terrors in der Folgezeit, etwa der ISIS-Kämpfer, fortgesetzt. Dass solche Terroristen durchaus Vorstellungen von „Werten“ haben – wenn auch inakzeptable, pervertierte etc., die sie mit äußerster Kraft und unter Einsatz ihres Lebens wie der Missachtung des Lebens anderer Menschen verfolgen, dass ihre Motive also für wahr gehaltene „Ideen“ sind, wird dabei unterschlagen. Offensichtlich ist diese Verwendung des Begriffes vom „Nihilisten“, wie sie sich ebenso in der sog. seriösen Presse findet, unpassend und unreflektiert, wobei der Begriff des Nihilismus in unzulässiger Weise verengt und als Schmähwort diskreditiert wird. Die Beispiele hierfür sind Legion, die Belege leicht zu recherchieren. Darüber hinaus eignet sich diese Diskreditierung des Wortes in besonderer Weise zur Beschwörung einer Achse des Bösen, gegen welche die Guten den Kampf antreten müssten. Damit wird ein primitives Freund- Feind-Schema aufgebaut, innerhalb dessen die Rede vom drohenden Nihilismus ihre strategische Wirkung entfaltet und eine sinnvolle politische Auseinandersetzung verhindert. (3) Vielmehr ließe sich die These vertreten, dass diese „Nihilisten“ dem Irrtum verfallen sind, den Nihilismus überwunden zu haben. Stattdessen haben sie die Sinnleere nur mit dogmatischen Ideologien gefüllt, um so dem Horro Vacui zu entgehen. Folglich könnten sie dem Terrorismus nur absagen, indem sie die Nichtigkeit ihrer Ideologien erkennen, d. h. sich dem Nihilismus öffnen. Anmerkungen 1) Nagarjuna („Die Lehre von der Mitte.“ Hrsg. von Lutz Geldsetzer) 2010. S. 100 f. (Kommentarteil. Zusatz von uns). Auch Hisaki Hashi kommt bei einem Vergleich der westlichen und östlichen Philosophiegeschichte unter Berufung auf Nishitani Keiji zu dem Schluss: Die „Tendenz, die Logik der Wahrheit des Seienden hauptsächlich mit dem Grundmodus des Seins zu entwickeln, hat es in der Philosophie und Geistesgeschichte Ostasiens selten gegeben“. Diese Tendenz ist logisch nicht zwingend. Von daher „kann die Bestimmung des Anfangs der Seinslogik Hegels, nämlich die Zusammenstellung des reinen Seins und des reinen Nichts, anders reflektiert und dialektisch neu entfaltet werden.“ Hashi 2004, S. 395 Heisig (Honolulu 2001, S. 222) zum Denkmotiv „Emptiness as a Standpoint“ in der Kyoto-Schule: „Nishitani includes himself in the company of Nishida and 11 Der unheimlichste Gast wird heimisch Tanabe, whose respective logics, he says, ‘share a distinctive and common basis that sets them apart from traditional western philosophy: absolute nothingness.’ As we noted, however, without abandoning this lineage he gradually came to prefer the term ‘emptiness’. As we will see, this also represents the first step in what was to be an ever more courageous attempt to integrate Zen ideas and images into philosophical discourse.“ Folgerichtig betitelt Lütkehaus den zweiten Teil seiner umfangreichen Studie zur abendländischen Diskreditierung des „Nichts“ mit „Nichtsvergessenheit“ (1999. S. 595 ff). 2) Vgl. Butler („The Tyranny of Greece over Germany: A study of the influence exercised by Greek Art and poetry over the great German Writers of the Eighteenth, Nineteenth and Twentieth Centuries“) 1935. Die einseitige Dominanz der griechischen Philosophie nicht nur in der deutschen, sondern der abendländischen Philosophie bis ins 3. Jahrtausend hinein sind die Kapitel, die Butlers Studie hinzuzufügen wären. Dabei wären „östliche“ philosophische Strömungen im westlichen Denken, die bislang marginalisiert worden sind, aufzuarbeiten und aufzuwerten. Einen beachtenswerten Überblick über solche im westlichen „Mainstream“ wenig beachtete Strömungen bietet Zotz („Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur“) 2000 3) Hierzu Schmidt-Salomon 2009, bes. S. 296–302 12 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 3 Der unheimlichste Gast wird heimisch In diesem Zeitalter des Nihilismus kann unser geistiges Selbstverständnis nur entwickelt werden, wenn wir die volle Bedeutung des Begriffes Nihilismus wiederherstellen, d. h. ihn aus seiner Verengung auf eine Befindlichkeit befreien, die als Verirrung abgewertet wird und deshalb sogleich zu überwinden sei. Wir müssen den Nihilismus aushalten und durchstehen. Die Bereitschaft hierfür zu schaffen ist Ziel der Philosophie des aufgeklärten Nihilismus, die sich definieren lässt als bewusste Wiedergewinnung des Nichts als des Fluchtpunktes aller Flüchtigkeit, Nichtigkeit und Vergänglichkeit. Die „Heraufkunft des Nihilismus“ (1) ereignet sich überall, ist in vielgestaltigen „Masken und Metamorphosen“ sichtbar (2); doch wir wollen den Nihilismus nicht „wahrhaben“, ihn nicht annehmen, indem wir schon das Wort vermeiden, tabuisieren, abwerten, um „Nihilismus“ sogleich „überwinden“ und kurieren zu können. (3) So treibt uns ein geistiger Horror Vacui um, der uns unseres Selbstverständnisses um so weiter entfernt, desto deutlichere Konturen die Gestalt dieses „unheimlichsten Gastes“ gewinnt, der längst über die Schwelle unseres Hauses getreten, wenn nicht gar in ihm heimisch geworden ist. Wenn sich im „Nihilismus“ der Geist unseres Zeitalters angemessen ausdrückt, dann ist für unser Selbstverständnis unabweisbar zu fordern, die volle Bedeutung dieses Begriffes wiederherzustellen, d. h. „Nihilismus“ aus seiner Verengung und Verkürzung auf eine Befindlichkeit zu befreien, die „verkehrt“ und zu vermeiden und deshalb möglichst schnell zu überwinden sei. Nihilismus ist zu einem Schmäh- und Schimpfwort, einem „Unwort“ geworden. Dagegen muss heutige Philosophie, wenn sie nach Hegels Forderung „ihre Zeit in Gedanken erfaßt“ (4), allen Ver- ästelungen dieses Wortes „Nihilismus“ geduldig nachgehen, den Nihilismus erkennen und anerkennen. Um Nietzsches Bild aufzugreifen: Wir müssen den unheimlichsten aller Gäste hereinlassen und bereitwillig in unser Haus aufnehmen, wir müssen ihm Gastfreundschaft erweisen. Denn wir selbst haben ihn eingeladen! Den vollen Begriff also, der sich in diesem Bilde des unheimlichsten Gastes darstellt, will die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus entfalten. (5) In diesem Sinne ist sie als die Rehabilitation eines missachteten 13 Der unheimlichste Gast wird heimisch philosophischen Begriffs zu lesen, der doch wie kein anderer geeignet ist, den Geist unserer Zeit auf den Begriff zu bringen. Dies kann nur geschehen, wenn wir nach der langen Zeit der „Nichtsvergessenheit“ unser Denken dem Nichts öffnen und dieses denkend in seiner „ganzen Nichtigkeit“ zurückgewinnen, ohne dem gegenteiligen Irrtum zu erliegen, die uns beunruhigenden und verstörenden Elemente des Nihilismus zu verharmlosen oder zu vernachlässigen. Wir können dem Nihilismus nicht seinen Stachel nehmen, auch wenn wir uns auf seine befreienden Möglichkeiten besinnen. (6) Anmerkungen 1) KSA XII S. 410 2) Rauschning 1954 („Masken und Metamorphosen des Nihilismus“) 3) Als Beispiel hierfür sei Karl Jaspers „Einführung in die Philosophie“ angeführt, der zwölf Radiovorträge mit erheblicher Breitenwirkung zugrunde liegen (Jaspers 1958, S. 37). Während noch die Unumgänglichkeit des Nihilismus erkannt wird, führt ihn schon ein Programm der Überwindung in „das eigentliche Sein.“ 4) Hegel: Werke VII („Grundlinien der Philosophie des Rechts. Vorrede“) S. 26 5) Wir setzen damit das Projekt einer Philosophie des aufgeklärten Nihilismus fort, das wir mit der Studie „Der unheimlichste Gast. Die Philosophie des Nihilismus“ (2013) begonnen haben. 6) Vgl. „Traktat über das Nichts“ in „Nachtfahrt“ (NF, S. 191 u. ff.), dem ersten Band der Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“, die unser Zeitalter des Nihilismus episch darzustellen versucht: „Das Nichts kann schmerzen und ersticken oder heilen und befreien.“ 14 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 4 Paradoxe Anwesenheit des Nichts Die Wiederherstellung der vollen Bandbreite eines Begriffes – zumal wenn er geeignet ist, unsere Zeit in Gedanken zu erfassen – ist als die zentrale Aufgabe der Philosophie anzusehen. Diese Aufgabe geht weit über die Beschäftigung mit den Paradoxien hinaus, die in besonderer Weise im Begriff des Nichts liegen, und muss verdeutlichen, welche existenzielle Bedeutung solche Sprachspiele für uns haben. (1) Dieser existenzielle Aspekt wird deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie das Nichts in allem „anwesend ist“, in unserem Denken, Tun, unserer Sprache. Indem all dies flüchtig, vergänglich, letztlich nichtig ist, macht in solch schleichender Vernichtung sich das Nichts bemerkbar als Fluchtpunkt, auf den alles hinausläuft: Das Nichts ist Etwas. Nichtigkeit, Vergänglichkeit, Bedeutungslosigkeit, Öde des Daseins, Langeweile sind zentrale Begriffe eines über sich selbst aufgeklärten Nihilismus, keineswegs nur das Nichts im Sinne der Abwesenheit von Seiendem, als Nihil privativum. In der Sprache der buddhistischen Philosophie meint dies das Bewusstsein vom abhängigen, bedingten Entstehen aller Dinge, in deren „Mitte“ gemäß der Lehre Nagarjunas das Nichts „ist“. (2) Das Nichts ist anwesend im Sansara, dem leidhaften, ziellosen Rad des Lebens der indischen Religionen und Denksysteme. (3) Mehr noch als logische Argumentationen bieten künstlerische bzw. literarische Darstellungen überzeugende Belege solcher Begegnung mit dem Nichts in der Paradoxie von dessen Anwesenheit, wenn es zum Beispiel als Öde des Daseins erfahren wird. Aus der Fülle der Beispiele, die in unserem Zeitalter des Nihilismus Legion sind, greifen wir eine Passage aus Wolfgang Koeppens Roman „Das Treibhaus“ heraus: „Die Öde hatte sich ihm gezeigt, sie hatte sich mit ihm bekannt gemacht, und nun waren ihm die Augen geöffnet, nun sah er sie, überall, und nie wieder würde die Öde verschwinden, nie wieder würde sie seinen Augen unsichtbar werden. Wer war sie? Sie war das Nichts und hatte kein Aussehen. Sie sah wie alle Dinge aus. Sie sah wie der Ausschuß aus, wie das Parlament, wie die Stadt, wie der Rhein, wie das Land, alles war die Öde, war das Nichts in einer schrecklichen Unendlichkeit, die unzerstörbar war, denn selbst der 15 Der unheimlichste Gast wird heimisch Untergang berührte das Nichts nicht. Das Nichts war die wirkliche Ewigkeit.“ (4) Ein andersartiges erhellendes Beispiel sind die Strichzeichnungen asiatischer Bilder: „Sie bestehen aus flüchtigen, nur andeutenden Pinselstrichen, gleichsam aus Spuren, die nichts festlegen. Die dargestellten Formen wirken mit einer eigentümlichen Abwesenheit überzogen. Alles scheint dazu zu neigen, kaum dagewesen, wieder in die Abwesenheit hinabzutauchen. Die Formen scheinen sich in die unendliche Weite des weißen Grundes zurückzuziehen. Eine Scheu hält die Artikulation in einer eigentümlichen Schwebe. In einer Losgelöstheit schweben die Dinge zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Sein und Nicht-Sein. Sie sprechen nichts Endültiges aus. Nichts drängt sich auf; nichts grenzt sich, schließt sich ab.“ (5) Anmerkungen 1) Lütkehaus (1999, S. 757 f.) versäumt diese existenzielle Fokussierung, wenn er mit solchen Sprachspielen seine Monografie schließt, zu denen „das Nichts“ freilich in besonderer Weise einlädt. 2) NA S. 934 u. ff. 3) Hesses „Siddhartha“ (1953, S. 63–71) bietet in dem Kapitel „Sansara“ ein überzeugendes Beispiel dafür, wie in der Geschäftigkeit des Lebens „Enttäuschung und Ekel“ (S. 65) das Gefühl der Leere, der Nichtigkeit, kurzum des Nichts ausbreiten können. 4) Koeppen 1953, S. 94. Er ist ein herausragender Exponent des nihilistischen Romans als epischer Reflexion unseres Zeitalters. 5) So Han (2002, S. 44 f.) über zen-buddhistisch inspirierte Landschaftsbilder, die sich „als Ansichten der Leere“ im Sinne des buddhistischen Zentralbegriffs sunyata (Leerheit) interpretieren lassen. 16 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 5 Mitspracherecht der Kunst Die Evidenz der Einbildungskraft kann vornehmlich in der Kunst erhellen, was Nihilismus wirklich heißt, gerade wenn das „Andere“ der künstlerischen Aussage, das im Begriff nicht aufgeht, gewürdigt wird. Im Sinne von Nietzsches aktivem Nihilismus vermag die Kunst vernünftige, d. h. evidente Imaginationen zu erschaffen. Wenn unsere „Philosophie des Nihilismus“ häufig Bilder einführt, wie etwa Nietzsches „unheimlichsten Gast“, oder dichterische Werke heranzieht, so ist in diesem Grundriss einem Missverständnis vorzubeugen. Metaphern oder die Bildsprache der Kunst sind nicht bloße Illustrationen begrifflicher Gedankengänge oder Ersatz für diese. Von Aristoteles bis Heidegger hat Kunst Anteil an der Wahrheitssuche – als „Ins-Werk- Setzen der Wahrheit“ (1), deren Verschwinden der Nihilismus indiziert. In diesem Sinne sollen Kunst und Dichtung im Folgenden erhellen, was die Nichtigkeit des Begreifens bedeutet, ohne dass das „Andere“ der künstlerischen Aussage, das im Begriff nicht aufgeht, unterschlagen werden soll. Vielmehr soll dieses Andere das begriffliche Denken auf seine Unzulänglichkeit hinweisen, ohne es dem Irrationalismus preiszugeben. Kunst und Dichtung üben Kritik am ausschließlich begrifflich-berechnenden Denken, ohne sich ihm zu entziehen. (2) Ein solches Mitspracherecht der Kunst ist umso wichtiger, als in der Philosophie des aufgeklärten Nihilismus die Imagination oder Einbildungskraft als besonders bedeutsames Prinzip erkannt wird, da sie im Sinne eines aktiven Nihilismus vernünftige, d. h. evidente Imaginationen erschaffen kann. Die Kunst ist hierfür keineswegs der einzige, aber ein besonders eindrucksvoller Beleg. Personifikationen des Nichts So erscheint in dem Roman „Tag der Erleuchtung“, dem selbstständigen zweiten Band der Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“, der unheimlichste Gast in „Mahlgutt“ als Romanfigur. Auch deren Bildlichkeit darf nicht als Personifikation eines Philosophems missverstanden werden, sondern entwickelt als Romanfigur ein dichterisches Eigenleben (3), wobei es konsequent ist, wenn am Ende dieses Romans sich die Figur als 17 Der unheimlichste Gast wird heimisch Bild auflöst und im Nichts verschwindet. Denn es gehört zu den Paradoxien des Nichts, dass es sich nur als „etwas“ zeigt. Keine Hierarchie von Kunst und Philosophie Wir reden bewusst vom „Anderen“ und nicht vom „Mehr“ der dichterischen Aussage, um das komplexe Verhältnis von Kunst und Philosophie nicht in einer Hierarchisierung zu vereinseitigen (4). Kunst als Bestandteil des Philosophierens So gehört die ästhetische Erziehung zum philosophierenden Menschen, wenn er sich – einer inneren Logik folgend – mit der Bilderwelt von Kunst und Dichtung befasst: nicht als Zutat, sondern als unverzichtbarem Bestandteil seines Philosophierens. Der in Schillers Sinne erzieherische Charakter dieser Beschäftigung liegt in der Gewinnung von Flexibilität, Reichhaltigkeit und Bedeutungstiefe des Imaginierens, das keine Ergänzung zum Denken, sondern selbst eine Weise des vernünftigen Denkens ist. Es wird sich im Verlaufe dieser Studie noch zeigen, wie das, was wir für gewöhnlich Vernunft genannt haben, immer schon eine Weise des Imaginierens, eine Vernünftigkeit der Imagination gewesen ist. Anmerkungen 1) Heidegger 1950 („Der Ursprung des Kunstwerkes“) S. 62 u. ff. 2) „Kunst ist Rationalität, welche diese kritisiert, ohne ihr sich zu entziehen; kein Vorrationales oder Irrationales, wie es angesichts der Verflechtung jeglicher menschlichen Tätigkeit in die gesellschaftliche Totalität vorweg zur Unwahrheit verurteilt wäre.“ W. Adorno 1972, S. 87 3) Da die Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“ (Dod 2006, 2007, 2009) um den Kerngedanken des Nihilismus kreist, finden sich im Folgenden Hinweise auf dieses Werk, doch keineswegs immer, wo dies möglich wäre. Es ließe sich sagen, dass die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus – unter Voraussetzung des oben betonten Eigenrechtes der Dichtung – das philosophische Substrat dieser Romantrilogie entwickelt und weiterführt. 4) Zu dem komplexen Verhältnis zwischen ästhetischer Einbildungskraft und Vernunfterkenntnis s. das Kapitel „Zur Begriffsbestimmung der Imagination als noch nicht und schon vollendeter Vernunft“ in DVI S. 62–96 18 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 6 Ich hab‘ Mein Sach‘ auf Nichts gestellt Der Nihilismus ist die Philosophie der Halt– und Grundlosigkeit unserer Existenz, da er die metaphysischen Konstrukte vom Wesen der Dinge, vom Jenseits, vom höchsten Wert sowie einer sinnorientierten Ganzheit als Einbildungen entlarvt. In solcher Bodenlosigkeit der Existenz ergeben sich neue Aspekte von Freiheit, die nun über Einbildungen bewusster, flexibler verfügen kann. „Der radikale Nihilismus ist die Überzeugung einer absoluten Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werthe, die man anerkennt, (handelt), hinzugerechnet die Einsicht, daß wir nicht das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen, das ‚göttlich‘, das leibhafte Moral sei. Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen ‚Wahrhaftigkeit‘: somit selbst eine Folge des Glaubens an die Moral.“ (1) Die Folge des Schwankens und Verschwindens einer unverrückbaren Wertskala ist die „absolute(n) Unhaltbarkeit des Daseins“, dem ein absoluter Halt und Grund nun fehlt, das also halt- und grundlos geworden ist: „Ich hab’ Mein Sach’ auf Nichts gestellt“ könnte eine der Losungen der Nihilisten sein, wenn sie nach Losungen noch suchen möchten. Nicht die Aufforderung zur Lebensverneinung oder gar Selbsttötung spricht aus solcher „Unhaltbarkeit“, sondern nur diese Offenheit einer Grundlosigkeit, in der die Existenz des Menschen zwar an Standfestigkeit verlieren, an Freiheit aber gewinnen mag. Auch die mit einem „Jenseits“ und dem „Ding an sich“ verbundenen „Werte“ sind als illusionäre Einbildungen entlarvt, die an Überzeugungskraft gerade durch die Wahrhaftigkeit des Menschen verloren haben, dessen Verstand sie als bloße Einbildungen im Prozess fortschreitender Aufklärung enttarnen musste. Mit diesem Verlust an Orientierung eröffnen sich aber an den nun offenen Leerstellen Spielräume, die Möglichkeiten für bewusst geschaffene „Ein-Bildungen“ bieten, die sich selbst durchsichtig und ihres eigenen bloß subjektiven Charakters inne sind. Nihilismus ist nicht Lebensverneinung Camus’ These, die Frage nach dem Selbstmord sei das zentrale Thema der Philosophie geworden, wird erst in diesem Kontext einer halt- und 19 Der unheimlichste Gast wird heimisch grundlos gewordenen Existenz verständlich. (2) In ihr lässt sich Nihilismus nicht auf Lebensverneinung festlegen, sondern meint grundsätzlicher die Offenheit, in der erst über unsere Existenz entschieden werden kann. Zu einseitig ist der Nihilismus in unserem Denken und Sprechen zum passiven Nihilismus (in Nietzsches Sinne) verkürzt worden; es gilt die Seite des aktiven Nihilismus mit seinen weitreichenden Möglichkeiten ins Bewusstsein zu rücken als „Ideal der höchsten Mächtigkeit des Geistes, des überreichsten Lebens …“ (3) Anmerkungen 1) KSA XII S. 571. – Zum Motto der Überschrift dieses Paragraphen s. Stirner 1981 (S. 3), dessen Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ (1844) schon vor Nietzsche die Grundlinien eines konsequenten Nihilismus vorzeichnete, wie sie unsere Studie weiterzuführen versucht. 2) Camus 1999, S. 15. Für Camus ist die Situation noch dramatisch: Der „unheimlichste Gast“ steht vor der Tür und klopft an. Wenn er dann heimisch geworden ist, wird die Thematik pragmatischer, wie im Titel der vergleichenden Studie von Stegmaier (2016): „Orientierung im Nihilismus – Luhmann meets Nietzsche.“ 3) KSA XII S. 353 20 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 7 Nihilismus – frei von Fixierungen in Leere und Fülle Der aufgeklärte Nihilismus erhält sich in der Leere und Fülle frei von Fixierungen, die sich nur transitorisch ergeben können. Die Vorstellung der Leere ist dabei eine Arbeitshypothese, die es uns ermöglicht, Fixierungen tendenziell aufzulösen. Dass die Besinnung auf das Nichts eine Leere freilegt, in der sich eine Fülle an Möglichkeiten für die Schaffenskraft des Individuums bietet, ist schon ein Gedanke Stirners gewesen, der sich als Grundlinie durch unsere Philosophie des Nihilismus zieht: „Ich bin (nicht) Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer Alles schaffe.“ (1) Nietzsches sog. „Überwindung“ des Nihilismus in der Metaphysik des „Willens zur Macht“ kündigt sich aber bei Stirner schon an: „Mir geht nichts über Mich!“ (2) Demgegenüber muss der konsequente Nihilismus auch diesen Egoismus des „Einzigen“, der auf „meine Sache“ pocht, wie auch Nietzsches „Willen zur Macht“ in Nichtigkeit auflösen. Der aufgeklärte Nihilismus erhält sich in der Leere und Fülle frei von Fixierungen, die sich nur vorübergehend ergeben können. (3) Dies bedeutet, dass Leere und Fülle verschränkt, wie das Nichts und das Sein zwei Seiten derselben „Sache“ sind. Wir können dies in der Erfahrung überprüfen, wenn wir selbst auf belebten Straßen oder Plätzen, in quirligen Veranstaltungen – bei aller Fülle an Eindrücken und Aktivitäten – Leere empfinden … Dabei ist die Vorstellung einer Leere ein arbeitshypothetisches Konstrukt, das uns ermöglicht, Fixierungen schrittweise aufzulösen. Wir sind auf dem Weg in diese Leere, auch wenn sie de facto noch nicht in uns vollständig freigeräumt ist. Die Vorstellung der Leere ist wie die des Nirwana eine Kompassnadel, die uns den Weg weist, ohne schon der Ort eines Ankommens zu sein. Anmerkungen 1) Stirner, ebd., S. 5 (eingeklammerter Zusatz als Korrektur des Herausgebers) 2) Ebd. S. 5 3) Wie Han ausführt (2002, S. 51), entspricht dies der Vorstellung von Leere bzw. dem Nichts im Zen-Buddhismus, wobei allerdings die reflexhafte Abwehr des Begriffes Nihilismus auch bei diesem Autor deutlich wird: 21 Der unheimlichste Gast wird heimisch „Die Leere oder das Nichts des Zen-Buddhismus ist also keine einfache Negation des Seienden, keine Formel des Nihilismus oder Skeptizismus. Sie stellt vielmehr eine äußerste Bejahung des Seins dar. Verneint wird nur die substanzhafte Abgrenzung …“ Ebd. S. 93: „Die Leere ist jedoch nicht das ganz Andere der vielgestaltigen, vielfältigen Welt. Sie ist zugleich die Welt. Es gibt kein Seins gefälle zwischen der Leere und der vielgestaltigen Welt.“ 22 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 8 Schwierige Gäste eines Symposions: Dunkelmänner Es gibt schwierige Gäste, die zwar manches Hilfreiche zum philosophischen Gespräch beitragen, es aber zuweilen verunklären. Eine Gruppe von ihnen sind die Dunkelmänner, die mit dunklen Worten da imponieren wollen, wo Klarheit möglich ist. Um falsche Tiefe des Denkens vorzutäuschen, vergrößern sie das Dunkel, das uns umgibt, statt in ihm unsere Lichtkreise zu erweitern. Denn Philosophie lässt sich definieren als Prozess solcher Lichtwerdung des Denkens im Dunkeln durch Sprache. Zur Klärung des Begriffes vom Nihilismus wollen wir uns als Arbeitshypothese ein Symposion vorstellen, das diesen Begriff weitestmöglich zu erhellen versucht. Der Vorwurf der Obskurität ist aus der Tradition bekannt und beispielsweise von Schopenhauer sehr nachdrücklich erhoben worden, wobei bekanntlich seine persönliche Missgunst gegenüber Hegel oft die Feder in Verzerrungen hinein geführt hat. Wir wollen auf Beispiele verzichten, denn sie wären in Gefahr ein schiefes Bild zu entwerfen, als ob es um Namen und Personen ginge. Üben wir uns lieber selbst in der Achtsamkeit, Dunkelheit da zu meiden, wo es in der philosophischen Sprache möglich ist. Die schwierigen Gäste des Symposions führen uns unsere eigenen Gefährdungen vor Augen, geben Warnsignale vor Klippen, die wir im Philosophieren umschiffen müssen. Nicht nur eine einzelne Meerenge zwischen einer Scylla und Charybdis liegt vor uns, sondern eine allseits gefährdete Fahrt in schwierigen Gewässern. Die Dunkelmänner unter den Philosophen sind nur Wichtigtuer, die uns das selbstständige Denken abnehmen wollen. Gebannt und ehrfurchtsvoll sollen wir in das Dunkel ihrer Begriffe hineinstarren und sie im Geiste gebückt verehren. Ihr Philosophieren dient letztlich nur ihrer Selbsterhebung, Selbststeigerung, ihrem Willen zur Macht, die sie über andere Geister ausüben möchten, über all die selbsternannten „Intellektuellen“, die bei aller Religionskritik insgeheim noch gerne anbeten, ihren Kotau vor den großen, dunklen Begriffen machen. Den heutigen Typ dieser Wichtigtuer kannten Schopenhauer und Nietzsche schon in Ansätzen. Es sind die Marktschreier, die auf dem entwickelten Markt der Bücher und Ideen um Marktanteile, Aufmerksamkeiten, Einschaltquoten und Auflagenzahlen kämpfen. (1) Eine klärende 23 Der unheimlichste Gast wird heimisch Sprache, die geduldig den Verästelungen von Sachverhalten nachgeht, Begriffe in ihrer vollen Bandbreite abtastet, können diese marktschreienden Philosophaster nicht gebrauchen. Schrill muss es tönen, überraschende Formulierungen müssen wie in Action-Filmen die Aufmerksamkeit in bestimmten Sekundenabständen gefangen nehmen, wobei die Dialektik als ein Hütchenspiel zu Diensten ist, bei dem sich immer die Formulierungen ergeben, die man dort nicht erwartet hat, wo sie plötzlich auftauchen. Fast möchten wir deshalb annehmen, dass Philosophie nur noch außerhalb solchen Geschäftsbetriebes „wild“ wachsen könne, wenn nicht auch solche Residuen schon als neuartige Kontrastangebote dem Marktgeschehen als Alternativangebote bzw. kultureller Underground einverleibt worden wären. Dank für ein Stückchen Geistesbrot Dass es nicht nur um Schopenhauers Privatfehde mit Hegel geht, kann eine Passage aus Heinrich Heines „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ (1852) verdeutlichen: „Große deutsche Philosophen, die etwa zufällig einen Blick in diese Blätter werfen, werden vornehm die Achseln zucken über den dürftigen Zuschnitt alles dessen, was ich hier vorbringe. Aber sie mögen gefälligst bedenken, daß das wenige, was ich sage, ganz klar ausgedrückt ist, während ihre eignen Werke zwar sehr gründlich, unermeßbar gründlich, sehr tiefsinnig, stupend tiefsinnig, aber ebenso unverständlich sind. Was helfen dem Volke die verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat? Das Volk hungert nach Wissen und dankt mir für das Stückchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile.“ (2) Anmerkungen 1) Eine populäre Einführung in die Philosophie umreißt die Situation in den USA: „There are now at least 10,000 professional academic philosophers in the United States. … American philosophy is a vast and industrious enterprise …“ (D. Robinson / J. Groves: „Introducing Philosophy“. London 2007, S. 114) Es ist ersichtlich, was dies unter dem Diktat des „publish or perish“ im Hochschulbetrieb für den philosophischen Diskurs bedeuten kann. – Wer einen Blick in deutsche Lehrbücher zum Philosophieunterricht wirft, wird schnell gewahr, dass es auch hier vor allem um das Abarbeiten von Namen geht, die in Zeiten der Professoren- 24 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters philosophie, wie Schopenhauer sie schon kannte und kritisierte, eifrig auf diesen Markt von Philosophieveröffentlichungen drängen. Die Bildungspläne spiegeln in der Regel diese Tendenz wider und verstärken sie. Das Ergebnis ist ein zu sehr personen- und zu wenig problemorientierter Philosophieunterricht. 2) Heine 1890, IV S. 163 f. 25 Der unheimlichste Gast wird heimisch § 9 Hütchenspieler der Dialektik missbrauchen dialektisches Denken zu Verwirrspielen, die plötzlich etwas da hervorzaubern, wo man es nicht erwartet hat. Solche Überraschungseffekte mögen der Erregung von Aufmerksamkeit zwecks persönlicher Profilierung und Gedankenvermarktung dienen. Begriffe werden so lange gewendet, bis sie ihr Gegenteil bedeuten, (1) Positionen tauchen auf, die niemand erwartet hat. Überhaupt ist das Hervorzaubern von Positionen ein beliebter Taschenspielertrick dieser Philosophaster, denn nur aus Positionen lässt sich irgendein Kapital schlagen. Dabei ist die größte Gefahr solcher Verwirrspiele ihr schleichender Charakter: Die dialektische Erörterung beginnt sachlich, nachvollziehbar, luzid geht sie Schritt für Schritt voran. Sie beweist Seriosität, erwirbt Vertrauen, wie es der Small Talk zu Beginn eines Verkaufsgespräches tut. Doch plötzlich beginnt das Hütchenspiel, dem das Publikum umso hilfloser ausgesetzt ist, je mehr sein Vertrauen zuvor gewonnen wurde. Ist den Hütchenspielern wie den Dunkelmännern ihr eigenes Gehabe bewusst? Täuschen sie sich selbst? Sind sie Täter oder Opfer, wenn ihnen der geduldige, unspektakuläre Gang klaren Denkens entgleitet? Verbringen wir unsere Zeit nicht mit der Erörterung von Schuldfragen! Allzu schnell ist unser Schiff sonst selbst an den Klippen zerschellt. Anmerkungen 1) Die extreme, politisch-propagandistische Form solcher Dialektik findet sich im „Doublethink“ von „Newspeak“ in George Orwells „1984“, dieser unschätzbaren, einzigartigen Fundgrube für Missbrauch der Sprache wie des Denkens. Orwell 1987, bes. S. 312–326 („Appendix: The Principles Of Newspeak“) 26 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 10 Marktschreier, Vereinfacher und Hellseher Marktschreier treiben zu Zeiten dieser Jahrtausendwende und der alle Lebensbereiche okkupierenden Ökonomisierung am häufigsten Missbrauch mit der Philosophie. Vielleicht wird sie sich selbst abschaffen mit solchem Geschrei. Auffallen muss die Sprache dieser Philosophen, Gags in bestimmten Leseabständen bieten analog den Actionfilmen, die solcher Strategie schon lange folgen. So endet Philosophie in schlechtem Journalismus. Über raschende Wendungen und immer kühnere Metaphern kämpfen um Aufmerksamkeit auf einem Kulturmarkt, der nach immer stärkeren Reizen dieser Art verlangt und ihrem Overkill zutreibt. (1) Wer vertritt hier noch geduldig entwickelte, umsichtig nach vielen Seiten Ausschau haltende, differenzierende Mittelpositionen? Knallig muss die Sprache sein, denn nicht ihr Argument zählt, sondern im Endeffekt die Verpackung. Dabei dient als Zusatzstrategie die Vermarktung der Namen wie in den Charts der Hitlisten, über die sich diese Art von Philosophen doch so erhaben dünken. Überhaupt dienen aufgeplusterte Namen als Eintrittskarten zu diesem Marktplatz, von dem der Konkurrent beim Namedropping ausgeschlossen wird. Man muss nur mit gewichtiger Miene die Einbildung erwecken, endlich sei etwas Wichtiges gesagt worden, so trivial und allseits bekannt der Inhalt auch sein mag. Akademische Titel und Personality Shows tragen das Übrige zu solcherlei Marktgeschrei bei, in dessen beständig wechselnden Hypes manches Brauchbare verborgen ist, das als Köder dient. Lassen wir uns von dem pseudodemokratischen Argument, es gehe um eine populäre Darstellung ehedem elitärer Wissenschaft, nicht täuschen! Worum es den Marktschreiern im Grunde geht, ist einfach zu benennen: Selbsterhebung, Profilierung, Geld, Wille zur Macht. Zu den Marktschreiern gesellen sich – oder agieren in Personalunion mit ihnen – die Vereinfacher, welche die Komplexität unserer Welt so weit reduzieren, dass Probleme mundgerecht in Talkshowhäppchen genießbar werden. Unterstützt von dem jeweilig gängigen Outfit, mögen solche Fernseh- oder Youtube-Stimmen sanft ertönen und doch das Marktgeschrei verraten in den Trivialitäten, Phrasen und undifferenzierten Klischées, so kritisch diese auch an der Oberfläche daherkommen mögen. Was bereits in differenzierterer Form gesagt wurde, wird popu- 27 Der unheimlichste Gast wird heimisch larisierend nun noch einmal mit der Miene des Welterklärers gesagt. Dabei werden Vereinfachungen und Reduzierungen von Komplexität nicht als vorläufige Arbeitshypothesen gekennzeichnet, sondern sind schlichtweg verkündete Wahrheiten. Überhaupt sind in einer religionsfernen Zeit nach Nietzsche solche vereinfachenden Welterklärer und Hellseher damit beschäftigt, die Marktlücke Sinn mit ihren pseudophilosophischen Beiträgen zu füllen. Die Dunkelheit, die uns umgibt, scheinen sie nicht zu kennen. Das Nichts oder gar der Nihilismus kann gar nicht ihr Thema werden, denn sie brauchen nicht mehr zu suchen, haben ein „Etwas“ gefunden, das sie anbieten wollen. Die Marktschreier, Vereinfacher und Hellseher gehören zur (post)modernen Typologie der Bildungsphilister, wie sie Nietzsche treffend als selbstgefällig Findende, die nicht mehr Suchende sein wollen, charakterisiert hat. „Denn: es darf nicht mehr gesucht werden; das ist die Philisterlosung.“ (2) Metaphernschaum Schaumschlägerei mit Metaphern, aufgeblähte Begriffsapparate und wichtigtuerische Begriffsakrobatik leisten ihren Beitrag zu dem Marktgeschrei. Da Beispiele hierfür im Überfluss vorhanden und immer wieder mit Brauchbarem vermengt sind, sei am besten jeder angehalten, selbst im Einzelfall zu entscheiden und sich selbst als möglichen Fall aus dem Entscheidungsprozess nicht herauszunehmen. (3) Bilder und Metaphorik, wie wir sie in diese Monographie mit guten Gründen immer wieder einbeziehen, sollten in der Philosophie im Wechselspiel mit Begriffen zur Differenzierung und Präzision von Gedanken beitragen. Dagegen ist die Tendenz in der sog. poststrukturalistischen bzw. postmodernen Philosophie zu beobachten, dieses Wechselspiel zu verlassen zugunsten einer auf Effekthascherei setzenden pseudointellektuellen Metaphorik, die der Präzisierung des Denkens zuwiderläuft und hinter der unschwer die Herrschaft von Vermarktungsstrategien zu erkennen ist. Erfrischender Gang auf den Wochenmarkt Zur Klärung sei hinzugefügt, dass nichts dagegen spricht, wenn Menschen Geld, d. h. ihren Lebensunterhalt verdienen und für die Gestaltung ihres Lebens möglichst gut verdienen wollen. Was den Kulturmarkt hiervon unterscheidet, ist der Grad an Verlogenheit, der für solche Zwecke 28 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters als notwendig erachtet wird, die Verstellung, als ob es um intellektuelle Inhalte, also „die Kultur“ ginge. Der Gang auf den Wochenmarkt um die Ecke mag in erfrischender Weise verdeutlichen, wie Waren eben Waren sein können – und nichts anderes. Anmerkungen 1) Zitko (2012, S. 303 f.) beschreibt in seinen Ausführungen über die Diskurse in der „Kunstwelt“ bzw. auf dem Kunstmarkt sehr präzise eine generelle Tendenz: „Über einen Prozess der Implementierung ökonomischer Standards gewinnt die Theorie den Charakter einer bloßen Systemressource, die bedarfsweise für bestimmte Zwecke mobilisiert, aber ebenso ausgeblendet und vernachlässigt werden kann. Anders als in den alten Wissenschaften wird dabei der leitende Imperativ der Wahrheitsfindung tendenziell marginalisiert. Der rapiden Ausweitung der Wissensbestände in der gegenwärtigen Wissensgesellschaft läuft, wie verschiedentlich bemerkt, eine Zersetzung der argumentativen Konsistenz von geführten Diskursen einher. Kompensiert wird die Abwertung des Prinzips der Wahrheit durch eine strategische Anhebung der ästhetischen Seite der Sprache. Über rhetorische Gesten verschafft der Diskurs den vorgebrachten Thesen, Denkfiguren und Begriffen den Anschein des Exklusiven, Elaborierten und Außeralltäglichen. Die gepflegten Diskurspraktiken, die sich unter anderem des Vokabulars des Poststrukturalismus bedienen, betreiben eine Theatralisierung des kommentierenden Denkens, die eher der Logik der Suggestion als den Forderungen argumentativer Stringenz gehorcht. Hier realisiert sich die unter anderem mit Blick auf Nietzsche entwickelte Idee einer Ästhetik der Intensitäten, die dazu auffordert, sich eher der Kraft des Ausdrucks als dem Sinn der Rede hinzugeben.“ 2) KSA I S. 168 3) Es wäre somit im Einzelfall zu entscheiden, ob es sich um solcherlei „Metaphernschaum“ handelt oder um die „ästhetische Imprägnierung“ eines (post)modernen „ästhetischen Denkens“, das von „Metaphorizität“ durchzogen sei, wie Welsch (2017, S. 117 f.) dies in Hinblick auf Sloterdijk für „offenkundig“ hält. 29 Der unheimlichste Gast wird heimisch § 11 Vormünder der Philosophical Correctness Neben den äußeren stehen in den modernen, sog. westlich-liberalen Demokratien vor allem die selbsternannten Vormünder auf dem Markt der Meinungen in subtiler Weise unserer Aufklärung entgegen. Mit anderer Zielrichtung bleibt Kants Formulierung für den „freien“ Markt der Meinungen und Ideen gültig: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ (1) Nachdem die äußeren Vormünder, „die Heiligkeit der Religion“ wie die „Majestät der Gesetzgebung“ ihre Ansprüche zurückgenommen und uns in eine schwierige Freiheit entlassen haben (2), sind es die selbsternannten und selbsterwählten Vormünder, die unserer Aufklärung entgegenstehen, weil solche internalisierte Herrschaft in subtileren Formen sich in uns selbst manifestiert. Lautstark und mit der bekannten rhetorischen Persuasio werden ausgerechnet im nihilistischen Zeitalter „Wahrheiten“ verkündet, die andere einschüchtern sollen. Deren Selbstbewusstsein wird auf psychologisch geschicktem Wege beschädigt, indem sie als naiv etc. abqualifiziert werden und sie solche Demütigungen verinnerlichen, wobei wiederum Titel, Auswüchse der Professorenphilosophie, Namen etc. als flankierende Hilfsmittel dienen. Es versteht sich, dass die zuvor beschriebenen Techniken: dunkles Reden, Missbrauch der Dialektik und marktschreierische Sprache mit solcher Bevormundung in einem Paket oft zusammenwirken. Leicht wird es den Vormündern durch unsere Tendenz gemacht, anbeten, einem Großen in Demut lauschen zu wollen. Dahinter verbirgt sich schlichtweg Bequemlichkeit, die zu unserer Selbstdemütigung führt. Denn „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“ (3) Auch Denk- und Phantasieverbote, politische und sonstige Korrektheiten im Sprach-, Denk- und Phantasiegebrauch gehören zu den unsichtbaren Bevormundungen. Im Kampf um Anerkennung nehmen sie vielen die Kraft, „Selbstdenkende“ zu werden (4), worunter wir auch den selbst- 30 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters ständigen Gebrauch unserer Einbildungskraft verstehen: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (5) Zu ergänzen ist also: Imaginari aude! Wo allerdings Verlage ihre marktführende Position in Sachen Kulturwissenschaften erobert, wo sich Kartelle und mafiöse Strukturen im Kultubetrieb etabliert haben, gelten nicht mehr der vielbeschworene „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (6) bzw. die Inhalte dessen, was in künstlerischer und philosophischer Absicht veröffentlicht werden könnte, sondern solch ideologisierter, angeblich freier Wettbewerb von Inhalten und Ideen ist dort schon lange in der Festlegung dessen verzerrt worden, was als wertvoll, fortschrittlich bzw. philosophisch korrekt im Sinne der den Markt dominierenden und verwertenden Verlagsphilosophien zu gelten hat. Sicherlich trägt der Nihilismus mit seiner durchdachten Respektlosigkeit dazu bei, alle selbsternannten, renommierten Vormünder von ihren Thronen zu stürzen, die Machenschaften von Dunkelmännern, Hütchenspielern, Marktschreiern, Vereinfachern und Hellsehern zu durchleuchten und ihre Wirkung ins Nichts laufen zu lassen. Nicht umsonst ist es gerade das Nichts und der Nihilismus, die mit einem mehr oder weniger deutlichen Denkverbot der Philosophical Correctness belegt werden, das auch dann indirekt zur Geltung gebracht wird, wenn Nihilist als Schmähwort verwendet wird für jemanden, der es noch nicht geschafft habe, eine respektable moralische Gesinnung und eine positive philosophische Position zu finden. Einbildungen in der Sprache Dass wir bei unserer personifizierenden Darstellung von Klippen des philosophischen Diskurses die weiblichen Formen nicht mitbenennen: Dunkelfrauen, Marktschreierinnen bzw. Marktweiber etc. mögen uns alle verzeihen, welche die philosophische Szenerie aufmerksam verfolgen. Sie wissen, dass es kein „gender issue“ ist, um den es hier geht, und dass Sprache nicht alle Irrtümer abschütteln kann, die ihr die Tradition aufgebürdet hat. So war der Irrtum in die Sprache eingebildet, dass die männliche Form – aufgrund der angemaßten Überlegenheit des Mannes – als generalisierende Form unbefragt tauglich sei. Nachdem dies als Einbildung entlarvt ist, können wir die selbstdurchsichtige Einbildung unverkrampft verwenden, dass die männliche Form aus rein technischen, 31 Der unheimlichste Gast wird heimisch arbeitshypothetischen Gründen, d. h. ohne „natürliche“ Überlegenheitsansprüche, als generalisierende und die Sprache entlastende Ausdrucksform genommen werden kann. Dies kann als Beleg für unsere allgemeine These genommen werden, dass Einbildungen, die als solche erkannt sind, in selbstdurchsichtiger Weise zu freiem Gebrauche verfügbar werden, wenn die hypostasierenden Festlegungen abgeschüttelt worden sind. Erziehung zu wohlverstandenem Nihilismus Es ist ein Dilemma der westlichen Demokratien, dass trotz einer äußeren freiheitlich-demokratischen Grundordnung die innere Freiheit durch Bevormundungen subtiler Art immer wieder vereitelt wird. Einer der Lösungsansätze wäre ein Bildungsauftrag für das Schulwesen zu einer Erziehung zu umfassendem Skeptizismus und einer konsequenten Ideologiekritik, welche die Ideologie der freien Marktwirtschaft einschließt. Es ist keine paradoxe Forderung, eine Erziehung zum wohlverstandenen Nihilismus zu fordern statt auf die propagierten Injektionen von „Wertvermittlungen“ zu setzen, die zumeist hohle Phrasen bleiben und Selbstständigkeit des Denkens tendenziell blockieren. Interdependenz von äußerer und innerer Freiheit Wir müssen uns in diesem Zusammenhang an den Grundsatz erinnern, dass die geschichtliche Verwirklichung von Freiheit in der Interdependenz von äußerer, legalistisch garantierter und innerer Freiheit des Individuums zu suchen ist. Kants Aufklärungsschrift ist noch ganz von der Thematik der äußerlichen Bevormundung geprägt, die es abzuschütteln gelte. Was in unserem Zeitalter not tut, ist darüber hinaus die Ermöglichung innerer Freiheit, die erst in einer selbsttätigen Entleerung unseres Denkens und Imaginierens erfolgen kann, einem Durchgang durch diese Leere, aus der heraus im Sinne eines aktiven Nihilismus authentische Positionierungen möglich sind. Damit sei hier nur skizzenhaft der Weg vorgezeichnet, mit dem unsere Philosophie des Nihilismus sich als eine Fortführung des Projektes der Aufklärung versteht. Anmerkungen 1) KW XI („Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“) S. 53 2) Vgl. KrV (Vorrede zur 1. Aufl.) S. 13 Anm. 3) KW XI, S. 53 32 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters 4) Ebd. S. 54 5) Ebd. S. 53 Es ist bemerkenswert, wie Kant bereits in seiner vorkritischen Periode die Herausforderung zum wissenschaftlichen Selbstdenken gegen die großen Namen seiner Zeit, Newton und Leibniz, in deren Disput um den Begriff der Kraft mit der Entwicklung einer selbstständigen Position angenommen hat (Geier 2003, S. 46 f.): „Wie Kant diesen Streitfall für sich entschieden hat, liest sich noch heute als eine philosophische Untersuchung, in der sein kritisches Genie zum ersten Mal sichtbar wurde. Um zu einer Lösung des Problems gelangen zu können, musste Kant zunächst seine eigene Stellung reflektieren. War es nicht vermessen, als junger unbekannter Schriftsteller ohne Studienabschluss die Gedanken der berühmtesten und bekanntesten Denker zu widerlegen oder zu verwerfen? Was legitimierte den Studenten dazu, die Großmeister der Erkenntnis als Gegner herauszufordern und dabei seinen ‚eigenen Gedanken den Vorzug einzuräumen‘ (I, 15)? Seine Antwort zeigte bereits, welchen Weg Kant als Philosoph einzuschlagen vorhatte. Er verstand sich als freier Denker, der von seinem eigenen Verstand Gebrauch machte. Bei der Suche nach wahrer Erkenntnis wollte er sich auf keine Autoritäten verlassen. Denn auch die größten Wissenschaftler und Philosophen können irren. Fehltritte, Irrtümer und Verblendungen des menschlichen Verstandes hat es zu allen Zeiten gegeben, und es wird sie auch in Zukunft geben. Angesichts dieser Situation war es nicht nur erlaubt, sondern auch ein Zeichen kritischer Vernunft, dass es Kant, der sich als ‚Gelehrter von Zwerggröße‘ (I, 18) vorstellte, in bestimmten Fragen mit den Geistesriesen aufnahm, die ihn mit dem ganzen Umfang ihres Wissens überragten. Auf dem Feld des Wissens zählt das bessere Argument, nicht die höhere Stellung.“ Kants „Was ist Aufklärung?“ ist die Krönung „der Absicht, die er selbst philosophisch sein Leben lang verfolgt hat …“ (Geier, ebd. S. 195) Kurzum, das „Modell dazu bietet jene Existenzweise, die Kant als ‚Selbstdenker‘ für sich gewählt hat.“ (Geier 2012, S. 259 zusammenfassend) 6) Vgl. die von Habermas (1983, S. 99) entwickelten Regeln eines „idealen, herrschaftsfreien“ Diskurses 33 Der unheimlichste Gast wird heimisch § 12 Über Nietzsche hinaus Nihilismus weiterdenken ist die vornehmste Aufgabe der Rezeption Nietzsches, der mit seinem Zarathustra zur Loslösung von den Lehrmeinungen durch Selbstdenken aufgefordert hat. Dies ist umso mehr geboten, als Nietzsche zu keiner Überwindung des Nihilismus gelangt ist, wie er sie in der Lehre vom Willen zur Macht und vom Übermenschen hypostasierte, sondern sich in neuen Ideologien verfing, welche der weiter schreitende Nihilismus erst dekonstruieren muss, wenn er seinem Begriff gerecht werden will. Über Nietzsche hinaus dessen Begriff des Nihilismus weiterzuentwickeln ist das Programm unserer Studie, die sich als wesentliches Moment eines unabgeschlossenen Projektes des aufgeklärten Nihilismus versteht. In der Rezeption von Nietzsches Werk kann es nicht allein darum gehen herauszufinden, was Nietzsche „wirklich“ gedacht oder gemeint habe, „eigentlich“ habe sagen wollen oder welche verborgene Systematik – bei allen ersichtlichen Widersprüchen – doch gleichsam insgeheim seiner Philosophie zugrunde liegen könnte, obwohl Nietzsche selbst von solchem Systemdenken Abstand genommen hat. Doch eben darauf fokussiert sich zumeist die metastasierende Sekundärliteratur, in der Nietzsche damit uneingestanden zum Vormund gemacht wird, der das Selbstdenken verhindert. Gegenüber diesem Philosophiebetrieb mit seinen hierarchischen Machtstrukturen und Institutionen, die das Erbe des „großen Denkers“ gleichsam industriell verwalten, ist es heilsam, sich die provokante These von Roland Barthes vom „Tod des Autors“ ins Gedächtnis zu rufen: Nicht Nietzsche soll das thematische Zentrum unserer Studie sein, sondern die von ihm initiierte Beschäftigung mit dem Nihilismus, der unser Zeitalter auch nach Nietzsches Tod immer noch prägt. (1) Dabei bietet sich gerade Nietzsche mit seinen einerseits bahnbrechenden, aber auch widersprüchlichen bis abstrusen oder verwerflichen Gedanken an, Abschied von einer Art des Philosophierens zu nehmen, die sich nur mit der Pflege des Erbes der großen Namen beschäftigt. Thomas Mann hat diese Zweiseitigkeit, gar Zwielichtigkeit in Nietzsches Philosophie eindrucksvoll auf den Punkt gebracht: 34 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters „… und wahrlich, nach einer Gestalt, faszinierender als die des Einsiedlers von Sils Maria, sieht man sich in aller Weltliteratur und Geistesgeschichte vergebens um.“ Doch „(w)er Nietzsche ‚eigentlich‘ nimmt, wörtlich nimmt, wer ihm glaubt, ist verloren.“ (2) Dabei hat Nietzsche selbst in seinem „Zarathustra“ davor gewarnt, sich in die Abhängigkeit von Namen bzw. Lehrern zu begeben; erst in der Absage an solche Abhängigkeit erfüllt sich paradoxer Weise der Sinn der Lehre: „Wahrlich, ich rate euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! … Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. … Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.“ (3) In diesem Sinne wollen wir nicht der Nietzsche-Exegese einen weiteren Band hinzufügen, sondern das von ihm begonnene Projekt einer im Nihilismus zentrierten Philosophie weiterführen. Denn es gibt gute Gründe für die zu verfolgende Hypothese, dass Nietzsches Diagnose des Nihilismus als einer umfassenden Kulturkritik den neuralgischen Punkt der Geschichte unseres Denkens getroffen hat, aber die Therapie einer „Überwindung“ des Nihilismus in der Lehre vom Willen zur Macht und vom Übermenschen in Selbstwidersprüchen stecken geblieben ist. Nietzsche ist nicht „der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon zu Ende gelebt hat, – der ihn hinter sich, unter sich, außer sich hat“ (4): Vielmehr verfing sich Nietzsche in einer neuen Ersatzreligion des „Willens zur Macht“, die als unerkannte Erscheinungsform des Nihilismus selbst noch zu entlarven ist, bevor von Überwindung des Nihilismus überhaupt die Rede sein kann. Somit wäre der Frage nachzugehen: Wie kann über Nietzsche hinaus sein Begriff des Nihilismus weiterentwickelt werden, um unser Zeitalter, das wir mit nachvollziehbaren Gründen als Zeitalter des Nihilismus apostrophieren, besser zu verstehen? (5) Welchen Stellenwert können dabei Nietzsches Denkmotive vom Willen zur Macht, vom Übermenschen und der ewigen Wiederkehr behalten? Vielleicht führt Nietzsches missglückter Versuch einer Überwindung des Nihilismus gar zu der Einsicht: 35 Der unheimlichste Gast wird heimisch „Überwindungen des Nihilismus … sind allemal schlimmer als das Überwundene. Der Gedanke hat seine Ehre daran, zu verteidigen, was Nihilismus gescholten wird.“ (6) Anmerkungen 1) Barthes („Der Tod des Autors“) 2000 2) Thomas Mann („Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung“) 1947, S. 5 u. 47 3) KSA IV S. 101 (Ende des 1. Teils von „Also sprach Zarathustra“) Dieses Paradoxon der Pädagogik („Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt“) könnte als Motto über Lehranstalten eingraviert werden. Im Sinne dieses pädagogischen Paradoxons ist auch Zarathustras Antwort zu verstehen, als er nach dem rechten Weg gefragt wird: „Das – ist nun mein Weg, – wo ist der eure?“ So antwortete ich denen, welche mich ‚nach dem Wege‘ fragten. Den Weg nämlich – den gibt es nicht!“ KSA IV („Also sprach Zarathustra“ III) S. 245 4) KSA XIII S. 190 5) Auch Taureck (1991) deckt zwar Restbestände schlechter Metaphysik bei Nietzsche auf, gelangt aber kaum darüber hinaus, nach „Nietzsches Alternativen zum Nihilismus“ zu fahnden (vgl. S. 124 f., S. 297 f., S. 484). Nach Taureck ist „Denken des Nihilismus“ (vgl. S. 472 u. ff.) die einfachste Formel für Nietzsches Philosophie; wir wollen aber dieses Thema weiterdenken, statt – wie ein Großteil der Sekundärliteratur – im Bannkreis von Nietzsches misslungenen Versuchen einer Überwindung des Nihilismus zu verbleiben. 6) ND, S. 371 f. 36 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 13 Buddhismus – Gäste aus dem Osten Unsere Imagination eines Symposions zum Nihilismus führt in die Begegnung mit der östlichen Philosophie, welche die Fokussierung auf den Seinsbegriff zugunsten einer Logik des Nihilismus auflöst. Zu ihr gehört die phänomenologische Bedeutungsebene des Nichts, das uns „etwas“ angeht und beispielsweise in der Stille erfahrbar wird. „Der Nihilismus steht vor der Thür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“ (1) Der Plural lässt aufhorchen. So erscheint auch ein Gast aus dem Osten, den wir uns als den Buddha Sakyamuni, den vormaligen Prinzen Siddhartha vorstellen mögen. Es könnte auch Nagarjuna sein, ein durch die „Tyrannei des Griechentums“ weniger bekannter Philosoph, der schon lange vor Hegel eine anspruchsvolle Philosophie des Seins und Nichts vorgelegt hat. (2) Das Nichts oder die Leere (shunja) ist hier weder ein Sein noch ein Nicht-Sein, sondern in der Mitte „zwischen“ beiden, sodass eine Lehre von der Mitte des Nichts (die sog. Madyamikha-Philosophie) entstanden ist, die eine gültige Alternative zu Hegels Fokussierung auf den Seinsbegriff bietet. Das logische Problem des „Nihil ex nihilo fit“ ist durch diese Mittelstellung bei Nagarjuna einer Lösung zugeführt. Durch sie wird – anders als bei Hegel – eine Präponderanz des Seins über das Nichts vermieden. Wenn das Nichts nicht nur als Nicht-Vorhandensein, sondern auf der Bedeutungsebene als Nichtigkeit und Unbeständigkeit verstanden wird, ist es kein Widerspruch, wenn Seiendes ins Nichts verschwindet oder aus diesem hervorgeht. Wir müssen die Einseitigkeit der rein begrifflich-abstrakten Verstehensdimension verlassen und zur phänomenologischen Bedeutungsebene des Nichts zurückfinden. Die Stille eröffnet einen dieser Zugänge zum Nichts, auch wenn dieses in ihr nur als Fluchtpunkt erscheint und noch unvollständig „vorhanden“ ist. Das Nichts kann in der norwegischen Bergwelt, im Schweigen der Musik eines John Cage oder in einer überfüllten U-Bahn erfahren werden: Aus solchen Erfahrungen von Stille auf der Bedeutungsebene spricht das Nichts uns an (3). Östliches – westliches Denken als arbeitshypothetische Fiktionen Die pointierte Entgegenstellung von „westlicher“ und „östlicher“ Philosophie enthält Mythenbildungen, die nicht nur geografisch-historischen 37 Der unheimlichste Gast wird heimisch Grenzen, sondern auch ideologischen Machtpositionen folgen. Die westliche Kultur ist von Anfang an viel stärker mit asiatischen Einflüssen verwoben gewesen, als sie dies eingestehen wollte. (4) Wenn wir trotzdem die Gegenüberstellung von westlicher und östlicher Philosophie übernehmen, sind wir uns der darin enthaltenen Vereinfachungen bewusst. Es ließe sich sagen, dass es sich um synthetisierende In-Eins-Bildungen bzw. Bilder von westlicher und östlicher Denkweise handelt, die als solche aber durchschaubar und hinsichtlich ihrer Vereinfachungen, Weglassungen etc. transparent bleiben. Erst dann werden sie zu vernünftigen Fiktionen, die für uns arbeitshypothetischen Wert gewinnen. Anmerkungen 1) KSA XII S. 125 2) Butler 1935. – Eine gute Zusammenfassung dieses in der westlichen Philosophie zu wenig beachteten Denkers bringt Jaspers, der als erster auf Nagarjunas Bedeutung hingewiesen hat: NA („Die großen Philosophen“) S. 934–956. – Als wichtige Ergänzung hierzu dient die kommentierende Übersetzung von Geldsetzer („Nagarjuna. Die Lehre von der Mitte“) 2010 3) Vgl. die eindrucksvollen Beispiele, die Kagge in seinem „Wegweiser“ zur Stille ausgebreitet hat. Von daher kommentiert er den Lehrsatz des Parmenides: „Im ersten Jahr des Philosophiestudiums lernt man ex nihilo nihil fit – aus dem Nichts entsteht nichts. Dieser Lehrsatz ist ebenso richtig wie alt – der Philosoph Parmenides behauptete, dass es nicht möglich ist, über etwas zu sprechen, das es nicht gibt, und damit unterlief er zum Vergnügen sehr vieler Menschen seinen eigenen Lehrsatz –, aber ich glaube, die Schlussfolgerung basiert auf einem winzig kleinen Missverständnis. Die Stille ist ja nicht nichts. Es ist besser, wenn man sagen kann, dass da etwas aus etwas entsteht.“ 4) Dies gilt auch für die arabischen Einflüsse, über die oft asiatisches Gedankengut vermittelt wurde. Zur Auflösung solcher Mythenbildungen s. die „Fünf Thesen zu Europa und Asien“ von Zotz 2000, S. 15–31 38 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 14 Vergleichendes Erhellen In der Begegnung von Nihilismus und Buddhismus erhellt sich unser Begriff der Nichtigkeit, reinigt sich östliches Denken von verdinglichender Metaphysik. In seinen grundlegenden Ausführungen zum Nihilismus führt Nietzsche stichwortartig an: „Buddhistischer Zug, Sehnsucht in’s Nichts“; an anderer Stelle deutet er „die ewige Wiederkehr“, diese „extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das ,Sinnlose‘) ewig!“ als „(e)uropäische Form des Buddhismus“. (1) Diese Stichwörter gilt es auszuführen. Wenn das Nichts die grundlegende begriffliche Kategorie des Nihilismus ist, dann muss dessen Philosophie Nietzsches Hinweisen auf eine geistige Strömung nachgehen, die eben dieses Nichts als „Nirwana“ ins Zentrum gerückt hat. Dabei soll nicht nur der philosophische Gehalt des Buddhismus hervorgekehrt und gleichsam importiert werden, sondern wir wollen das buddhistische Denken auch von einem externen Standpunkt her begreifen, es dem „westlichen“ Nihilismus anverwandeln und das heißt auch: buddhistisches Denken in einer Philosophie des Nihilismus umwandeln. Dies kann in diesem Rahmen nur hinsichtlich einiger wichtiger Aspekte geschehen. Ein umfassender Vergleich von Nihilismus und Buddhismus ist nicht das Ziel dieser Arbeit, zumal dabei der Vielgestaltigkeit der buddhistischen Strömungen und den Verästelungen ihrer schwierigen Terminologie sowie Textüberlieferung nachgegangen werden müsste. (2) Unser Ziel ist die durch den Vergleich mit dem Buddhismus beförderte Erhellung des Nihilismus. Dabei ist der Buddhismus von seinen metaphysischen Restbeständen zu reinigen, vor allem den Fluchtversuchen des späteren Buddhismus vor dem ihm inhärenten Nihilismus in allen drei von Kant definierten Bereichen: der Erkenntnistheorie, der Ethik und der Teleologie. Auch im Buddhismus begegnen wir dem Horror Vacui, der sich dem Nichts, das im Nirwana doch so eindrucksvoll formuliert wurde, nicht zu öffnen traut, der flüchtet in schlechte metaphysische Konstrukte, die da substanzhafte Wesensbestimmungen und anbetungswürdige Gurus oder Gottheiten suggerieren wollen, wo es darum geht, den Begriff des Nichts bzw. des Nihilismus durchzuhalten. Gegenüber solchen Verunklärungen des ursprünglichen Buddhismus gilt es (3), mit Hilfe der kritischen Philoso- 39 Der unheimlichste Gast wird heimisch phie Kants – in ihrer Weiterentwicklung sowohl durch Hegel als auch durch Schopenhauer (4) – und mit Hilfe von Nietzsches Nihilismus, den dieser vorschnell zu überwinden glaubte, dem Buddhismus zu helfen, seiner nihilistischen Grundkonzeption als einer philosophischen Lehre, die ohne Gott auszukommen versucht, gerecht zu werden. Nur ist der im Westen nach Anerkennung und Markterfolg strebende Buddhismus bemüht, immer wieder zu betonen, dass er mit Nihilismus nichts zu tun habe, diesem Schmähwort westlicher Philosophical Correctness. Der Buddhismus könnte jedoch durch seine Begegnung mit der abendländisch-westlichen Philosophie wieder zu sich selbst kommen – im Rahmen der Philosophie des aufgeklärten Nihilismus, der sich zu sich selbst bekennt und durch buddhistisches Gedankengut wiederum entscheidend bereichert wird. Nihilismus in östlichen wie westlichen Umklammerungen Vergleichen sollte über die Feststellung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden hinaus ein Ziel verfolgen, Komparatistik der Erhellung ihres Gegenstandes dienen. Unsere komparatistische Philosophie treibt als Tertium Comparationis die Erhellung des Nihilismus hervor, indem sie ihn aus seiner Verengung und Verklammerung in einseitigen kulturellen Traditionen – westlicher wie östlicher Provenienz – zu befreien sucht (5). Die buddhistische Lehre vom Bedingten Entstehen präzisiert in Kurzform, was für den aufgeklärten Nihilismus die Nichtigkeit aller Dinge bedeutet: sie sind bedingt und vergänglich. Diese Gesetzmäßigkeit (Pratityasamutpada) nicht zu verstehen treibt nach buddhistischer Auffassung undurchschaute, letztlich leidvolle Einbildungen hervor. Sie durchschaubar zu machen und durch selbstdurchsichtige, evidente Einbildungen zu ersetzen ist Ziel des aufgeklärten Nihilismus. Er möchte die Nichtsgewinnung, in buddhistischer Terminologie den Vorgeschmack des Nirwana erreichen. Behalten wir dieses Ziel im Auge, entwickeln wir Vorsicht gegenüber der Tendenz, die allerorts in buddhistischen Vereinigungen zu beobachten ist, Schulungswege und Meditationspraktiken aller Art zu verselbstständigen, zu dogmatisieren, sodass sie Konkurrenzunternehmen werden, die einander zu verdrängen trachten. Demgegenüber vermag der aufgeklärte Nihilist seine auf die Nichtsgewinnung gerichtete Meditation beispielsweise an belebten 40 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters Plätzen, beim Schwimmen oder Abwaschen praktizieren. Denn so wichtig Rhythmen, Rituale und Regeln sind, bleiben auch sie Bedingungen unterworfen, sind auch sie relativ und vergänglich: Stadien auf dem Wege ins „Verwehen“ des Nichts. Anmerkungen 1) KSA XII S. 126, 213. – Panaioti (2013) gliedert seinen Abschnitt „Nihilism and Buddhism“ in die Kapitel „Nietzsche as Buddha“ (S. 17–54) und „Nietzsche as Anti-Buddha“ (S. 55–87). Es ist kennzeichnend für Nietzsches nihilistischen Denkansatz und ein Verlegenheitspunkt der Nietzsche-Forschung, dass zu jeder seiner Thesen in der Regel eine Antithese zu finden ist. 2) Aus der Fülle an Sekundärliteratur sei auf drei Arbeiten verwiesen, anhand derer Argumentationsgänge zum Nihilismus im Rahmen buddhistischer Philosophie verfolgt werden können: Essler/Mamat (PdB = „Die Philosophie des Buddhismus“); ebenso die zur Kyoto – Schule von James W. Heisig: „Philosophers of Nothingness“. Honolulu 2001; zur wechselseitigen Erhellung von östlicher und westlicher Philosophie s. das Schlusskapitel “Prospectus” S. 259 ff. – Han, Byung-Schul: „Philosophie des Zen-Buddhismus“. Stuttgart 2002 3) Mit dem ursprünglichen Buddhismus wird für gewöhnlich der Theravada-Buddhismus (oder zunächst abwertend der Hinayana-Buddhismus) gemeint. Wir verzichten aber auf eine Unterteilung in solche Schulen, da dies eine detaillierte Darstellung der Geschichte des Buddhismus bedeuten würde, die hier nicht das Thema und andernorts zu finden ist; z. B. bei Conze 1986, 1988 4) Wir übergehen bewusst die Polarisierung Hegels und Schopenhauers, die unter anderem dessen Privatfehde gegen Hegel entstammt. Vielmehr liefern beide nach-kantische Philosophen glaubwürdige „Erzählungen“, die Kants „großer Erzählung“ weitere Kapitel hinzufügen. 5) Hashis umfangreiche komparatistische Arbeit über die Begriffe Sein und Nichts in westlicher und östlicher Philosophie versucht zumeist, ohne einen deutlichen Standpunkt außerhalb der verglichenen Texte auszukommen („Die Dynamik von Sein und Nichts: Dimensionen der vergleichenden Philosophie“) 2004 41 Der unheimlichste Gast wird heimisch § 15 Aufgeklärter Nihilismus Das Bild vom unheimlichsten Gast besagt: Ich selbst bin es, den ich empfangen und aufklären muss. Denn der Nihilismus war immer schon unerkannt und unaufgeklärt mein Schicksal. Der unheimlichste Gast bin ich selbst. Den Nihilismus, der immer schon da war, der sich verborgen hatte hinter den bunten Masken des Willens zur Macht, diesen Nihilismus über sich selbst aufzuklären, mit sich selbst bekannt und vertraut werden zu lassen: das heißt, den unheimlichsten Gast zu empfangen! Wir haben erkannt, dass wir selbst dieser Gast sind, wir, die wir fremd im eigenen Hause waren und endlich merken, dass der Nihilist in uns es ist, mit dem wir vertrauter werden, den wir annehmen müssen! Im unheimlichsten Gast erkennen wir uns selbst. Hauslosigkeit Die Fremdheit unseres „Hauses“ bleibt, ja steigert sich nach solchem Empfang des unheimlichsten Gastes. Es ist eine Fremdheit, die wir nun durchschauen, zu der wir uns bekennen müssen. Es ist eine Fremdheit, die der Buddhist die „Hauslosigkeit“ nennt. Wir lebten in dem Wahn, zu Hause zu sein. Aber auch wenn wir nicht wie buddhistische Wandermönche unsere Behausungen verlassen, erleben wir und wissen wir wie Faust, dass wir „der Flüchtling“, „der Unbehauste“ sind, „der Unmensch ohne Zweck und Ruh’“. (1) Wir sind heimatlos geworden, brauchen Heimat nicht mehr zu suchen: Sie ist überall und nirgendwo. Selbsterkenntnis ist das altehrwürdige Ziel unserer um Seelenheil bemühten Philosophien gewesen. In letzter, nihilistischer Konsequenz aber ist die Erkenntnis unseres Selbst eine negative Wahrheit, insofern im Sinne des Buddhismus solche Selbsterkenntnis in die Depotenzierung des Selbst führt, das als abhängig und illusorisch erkannt wird. Das Selbst wird seiner Nichtigkeit inne, die sich in Allem verbirgt und an der es teilhat. Erst in seiner Selbsterkenntnis als Fiktion gewinnt das Selbst wieder an Bedeutung, da diese Fiktion nun verfügbar geworden ist. 42 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters Nichtigkeit oder Leere meint das Fehlen eines durchgängig verbindlichen Sinnzusammenhanges, eine Befindlichkeit, die in der nihilistischen Situation in der Metaphorik der Nacht angemessenen Ausdruck findet. Aufklärung erscheint somit als Versuch der partiellen Aufhellung unserer unaufhebbaren Umnächtigung. Dies ist nur einer der zentralen Zugänge zu dem, was wir das Nichts oder die Leere nennen, die in ihrer vielgestaltigen Ortlosigkeit nicht nur im Sinne des nihil privativum die Abwesenheit von Seiendem meint, sondern auch eine ontologische Bezogenheit, die sich aus der Sinnlosigkeit bzw. Sinnwidrigkeit unserer Existenz ergibt. (2) Pseudo-Nihilismen sind über sich selbst noch nicht vollends aufgeklärte Vorformen des Nihilismus; ihre Exponenten schleichen sich noch insgeheim fort zu ihren Götzen: dem Egoismus, Geld-, Macht-, Erfolgsstreben etc. Erst wenn auch diese in der Nichtigkeit verschwinden bzw. ein Bewusstsein von dieser Nichtigkeit entsteht, ist der Nihilismus seinem Begriff gerecht geworden und über sich aufgeklärt. Anmerkungen 1) Goethe (Faust I, „Wald und Höhle“, V. 3348 f. ) 1986, S. 107 2) Zu Kants logischer Positionierung des Nichts als nihil privativum s. KrV, S. 306 f. – Was wir hier Sinnwidrigkeit nennen, entspricht dem Begriff des Absurden bei Camus (1999). 43 Der unheimlichste Gast wird heimisch

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Zusammenfassung

Nihilismus, dieser „unheimlichste Gast“, wie Nietzsche ihn nannte, hat sich schon längst in unserem Hause bequem eingerichtet. Er ist heimisch geworden: im „anything goes“ der Postmoderne, dem Relativismus der Werte, den Fake News, dem Verlust an Wahrheit und Lebenssinn, dem Willen zur Macht, dem unsere Welt ausgeliefert zu sein scheint.

Trotzdem hat unsere politische und philosophische Korrektheit den Nihilismus zum Unwort und Schmähwort erklärt, will ihn sogleich überwinden, sobald das tabuisierte Wort gefallen ist. Doch können wir mit dem Nihilismus, diesem Abgrund an Leere und Sinnlosigkeit überhaupt leben?

Ganz gut sogar, meint Elmar Dod in seiner Philosophie des radikalen, aufgeklärten Nihilismus – wenn wir bei aller Skepsis den Evidenzen unserer Einbildungskraft mehr zutrauen und mit ihnen unser Leben jenseits der großen wie kleinen Alltagsideologien selbstständig und zielführend gestalten.