3.2. Bilderflucht ins Nichts in:

Elmar Dod

Der unheimlichste Gast wird heimisch, page 440 - 472

Die Philosophie des Nihilismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4185-7, ISBN online: 978-3-8288-7085-7, https://doi.org/10.5771/9783828870857-440

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie

Tectum, Baden-Baden
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3.2. Bilderflucht ins Nichts Alles Göttliche auf Erden Ist ein Lichtgedanke nur … So ist jede schöne Gabe Flüchtig wie des Blitzes Schein, Schnell in ihrem düstern Grabe Schließt die Nacht sie wieder ein. Friedrich Schiller: „Die Gunst des Augenblicks“ „The deep truth is imageless …“ P. B. Shelley: „Prometheus Unbound“, Act II, 116 § 175 Aus der Bildlosigkeit die Entfesselung des Prometheus Das Nichts ist als Kehrseite des reinen Seins die Geburtsstätte aller möglichen Bilder, die – sogar als Gedankenbilder des sich befreienden Menschen: des „entfesselten Prometheus“ – in ihrer Potentialität verbleiben müssen, damit sie ins Nichts zurückgenommen werden können. Während es sich von selbst versteht, das Nichts mit Bildlosigkeit gleichzusetzen, wird es schwieriger, in ihm den Grund oder die Geburtsstätte aller möglichen Bilder zu sehen. Eben diesen Gedanken verfolgt P. B. Shelley in seinem Drama „Prometheus Unbound“. (1) Asia und Panthea steigen hinab zu Demogorgons Höhle, um den Zeitpunkt der Befreiung des Prometheus zu erfragen. Demogorgon, dieses schemenhafte Wesen aus der Vorzeit der olympischen Götter, antwortet ihnen orakelhaft: (2) „If the abysm / Could vomit forth its secrets. … But a voice / Is wanting, the deep truth is imageless; (…)“ Die Wahrheit – in ihrer letzten Tiefe erfasst – ist das bilderlose Nichts und Demogorgon, dieses gestaltlose und doch poetisch gestaltete Wesen, steht für diesen Abgrund, diese Leere, in der alles verschwindet und die 440 Evidenzen der Einbildungskraft doch der Grund ist, aus dem neue Bilder – auch solche der Befreiung des Prometheus – entstehen können. So spricht Demogorgon die letzten Worte in diesem Drama und versucht die Bilder einer befreiten Menschheit in überzeugender Weise vor Augen zu führen: (3) „To suffer woes which Hope thinks infinite; To forgive wrongs darker than death or night; To defy Power, which seems omnipotent; To love, and bear; to hope till Hope creates From its own wreck the thing it contemplates; (…)“ Trotz aller Vereitelungen kann Hoffnung nur weiterbestehen, wenn sie aus der Betrachtung dessen, was sie anstrebt, die Evidenz und Kraft zum Schaffen bezieht. Für Shelley ist es ohne Frage allein die Imagination, die solch evidente Visionen entwerfen kann (4), wie sie Demogorgon in den letzten Versen Prometheus mit auf den Weg gibt: „Neither to change, nor falter, nor repent; This, like thy glory, Titan, is to be Good, great and joyous, beautiful and free; This is alone Life, Joy, Empire, and Victory.“ In Demogorgon hat Shelley in dichterischer Weise das Prinzip der Potentialität gestaltet. (5) Als Dichter musste er den Widerspruch auf sich nehmen, das Nichts bzw. die Leere, der alle möglichen Bilder entstammen, selbst in ein Bild zu kleiden, das jedoch in seiner Konturlosigkeit auf dieses Nichts verweist, das in ihm zum Ausdruck kommen soll. Erst durch solche Potentialität kann sich die erstarrte Herrschaft Jupiters auflösen, der Prometheus an den Felsen schlagen ließ. Aber auch die Bilder des entfesselten Prometheus dürfen sich nicht verfestigen, nicht erstarren, wenn wirkliche Befreiung glücken soll. So hat nicht der befreite Prometheus, sondern der die Potentialität „personifizierende“ Demogorgon das letzte Wort im Drama der sich befreienden Menschheit. Anmerkungen 1) Hegels Gleichsetzung des Nichts mit dem „reinen Sein“ kann die Aporie erklären helfen: Demogorgon „zeigt“ diese Seite des Nichts als Potentialität von möglichem Seienden. Dieser begriffliche Aspekt des Nichts gehört zum nihil privat- 441 Bilderflucht ins Nichts ivum im Sinne der Systematik Kants in der KrV („Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe“) S. 307 2) Shelley („Prometheus Unbound“) 1970, S. 238 (Act II, Scene IV, 114–16) 3) Ebd. S. 268 (Act IV, 570–578); Schlussverse im folgenden Zitat 4) Erläutert von P.B.Shelley (1972) in „A Defence of Poetry“ 5) So Hughes in seinem programmatischen Aufsatz: „Potentialität in Shelleys ‚Prometheus Unbound‘“. 1970 442 Evidenzen der Einbildungskraft § 176 Unaufdringliche Bilder der Befreiung Selbst Bilder der Befreiung müssen im Nichts verschwinden können. Sie müssen sich ihres Status als subjektiver Einbildungen inne sein, sonst schlagen sie um in den Terror neuer Mythologien. Selbst Bilder der Befreiung können in der Verfestigung missraten, gar in Alpträume umschlagen. Nach den verheerenden Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mag hier ein exemplarischer Hinweis genügen; über dem „Arbeitsbesserungslager“ Solowki, dem Modell des stalinistischen Archipel Gulag, stand das Motto: „Mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben.“ (1) Bilder dieser Art wollen nicht nur Bilder der subjektiven Einbildungskraft sein, sondern treten auf im Namen der Vernunft – als sog. „Vernunftwahrheiten“. Kapitalismuskritik misslingt, wenn sie sich starr auf Vernunft beruft, die in Gegenterror mündet, kann aber evidente Imaginationen einer menschlicheren gesellschaftlichen Praxis entwerfen, die – ohne auf Allgemeinheit und Notwendigkeit zu pochen – eine undogmatische Überzeugungskraft an sich haben. Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Definition von Nihilismus als zu Ende geführte Abweisung aller Weltbilder, die Wahrheit, d. h. Allgemeinheit und Notwendigkeit im Sinne einer als neu auftretenden Vernunftforderung beanspruchen. Eine solche Abweisung ist nur denkbar, wenn sie alle Bilder prinzipiell in der Leere, dem Nichts verschwinden lässt, das als zentrales Denkmotiv des Nihilismus bleibt. (2) Wer auch in diesem Nichts ein Bild sehen möchte, gerät in eine windige Argumentation, die dialektisches Denken überdehnt. Auch evidente Imaginationen mögen einen universalen Anspruch erheben. Ihre Selbstdurchsichtigkeit als subjektive Einbildungen schließt aber eine gewaltsame und intolerante Durchsetzung aus. Im Namen einer subjektiv für evident gehaltenen Imagination kann man sicherlich seine Stimme erheben, auch universale Ansprüche in der öffentlichen Diskussion, den sozialen Medien etc. geltend machen, aber nur um Andere dazu zu bewegen, eben diese Evidenz in ihren Vorstellungen ebenfalls in Freiheit zu entwickeln. Ein Paradebeispiel hierfür sind die Menschenrechte, insofern sie universale Geltung beanspruchen. 443 Bilderflucht ins Nichts Nach dem Jahrhundert der Lager Das 20. Jahrhundert lässt sich – neben dem Blick auf die Kriege – in der Perspektive der Lager verstehen, in denen Menschen einander im Namen von Ideologien, d. h. unter Berufung auf Vernunft und Wahrheit, unvorstellbares Leid angetan haben. Wer hier einwendet, es sei bei diesen Ideologien doch um unterschiedliche Inhalte gegangen, hat uneingestanden das Geschäft der Rechtfertigung schon begonnen. Vielmehr muss es – unabhängig von Inhalten – darum gehen, uns Menschen vom Wahn der gefundenen Wahrheit zu befreien. Dies ist das Geschäft der Philosophie des aufgeklärten Nihilismus, für den es nur vorübergehend evidente Einbildungen geben kann. Anmerkungen 1) Vgl. Safranski (1993, bes. S. 135–153) zur Deutung totalitärer Ideologien als Verfallenheit an selbstgemachte Bilder. Feyerabend (1980) verwendet in diesem Zusammenhang das Wort „Ideenfaschisten“. Der Ausdruck zielt auf die Philosophen und sogar „Aufklärer“, die mit ihrer Verabsolutierung der Vernunft Macht und Terror ausüben. In unserem Argumentationszusammenhang bietet sich als Erklärungsmodell für solche Verabsolutierung die Substitution der Einbildungskraft durch Vernunft an: subjektive Bildlichkeit wird zur „Vernunftwahrheit“ und ist dann nicht mehr hinterfragbar. – Zu den praktisch-politischen Folgen solchen Terrors der „Vernunft“ s. Kotek / Rigoulot („Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung“) 2001 2) Es war in seiner Einfachheit ein genialer Einfall von Joseph Beuys, das Wort „Mensch“ mit weißer Kreidehandschrift auf eine schwarze, sonst unbeschriebene Tafel zu schreiben. Josef Beuys: „Mensch“ (1972). Installation. Kreide auf Tafel, Bräter, gefüllt mit Steinen und Telefon, Kabelverbindung zu Wandanschluss. Dass die Komplexität des Menschen im nihilistischen Zeitalter unauslotbar geworden ist, bedeutet nicht, dass wir die Rede von „dem Menschen“ als eine rückwärtsgewandte humanistische Semantik aufgeben sollten, wie Luhmann meint (s. die Belege u. Darstellung bei Stegmaier 2016, bes. S. 144 f.) In analoger Weise verwenden wir – wie in dieser Studie – den Begriff „Wahrheit“, wohl wissend, dass er nicht in einem positiven Sinne inhaltlich fixiert werden kann. Ebenso ermöglicht der ganzheitlich orientierte Begriff von „dem Menschen“, einzelne Versuche, diesen in einem einseitigen Menschenbild festzustellen, per negationem aufzulösen, indem mit Hilfe eben dieses Allgemeinbegriffes gezeigt werden kann, dass einzelne Definitionsversuche der Reichhaltigkeit des Phänomens „Mensch“ nicht entsprechen. Der nihilistische „Sinnverlust“ (vgl. ebd. S. 145) bedeutet nicht, die Rede vom „Sinn“ aufzugeben. Einen Begriff aufgrund seiner unübersehbaren Komplexität zu umgehen ist nicht zwingend; vielmehr droht dann gerade der begriffliche Verlust jener Komplexität. 444 Evidenzen der Einbildungskraft § 177 Lebensalter Wir beginnen unser Leben in starken Einbildungen, die wir als solche kaum erkennen, während im Alter die Leere und das Nichts in Ent-Täuschungen „sichtbar“ werden können. Durch Kultivierung des Loslassens möge dann Gelassenheit der Trost des aufgeklärten Nihilismus sein. Wir wachsen mit Bildern auf, beginnen unser Leben in starken Einbildungen, die wir als solche nicht erkennen, sondern für objektiv gegebene oder erreichbare Realitäten halten. Wir arbeiten auf erstrebenswerte, in der Zukunft zu verwirklichende Realitäten hin, die unserem Leben Ziel und Sinn geben, und erkennen diese Realitäten kaum als unsere Phantasmagorien und Wunschprojektionen, die aus unsrem Inneren aufgestiegen bzw. von außen in uns hineingedrängt worden sind. Zuweilen wird selbst ein junger Mensch schon die Leere erahnen oder gar erfahren, aus der alle Bilder aufgestiegen sind und in der sie wieder verschwinden werden. (1) Spätestens in unserem letzten Lebensabschnitt – wenn er uns ein reifes, philosophisches Bewusstsein ermöglicht – haben wir dann die Ent-Täuschungen erfahren, in denen unsere Bilder als Einbildungen vor- übergehender Art zergangen sind. Der Schmerz der Ent-Täuschungen mag aufgewogen werden durch das Bewusstsein der Leere und des Nichts als negativer „Wahrheit“, die uns zuteil geworden ist und Gelassenheit gewähren kann. Die Vergeblichkeit des Ein-Bildens wird uns bewusst und doch wollen wir die gro- ße Leere mit neuen Bildern erfüllen oder in ihr evidente Fragmente der alten Bilder erhalten – wie flüchtiges Feuerwerk, dessen Spuren wir am Nachthimmel bis zum letzten Glimmen verfolgen. Wir wissen aber nun, dass solche Bilder unsere Einbildungen sind. Sie sind selbstdurchsichtig geworden und zeigen wie hinter einer hauchdünnen Folie die Leere, aus der sie als bloße Gestaltungen unseres vorübergehenden Einbildens und Träumens aufgestiegen sind und in der sie wieder verschwinden werden. Wenn wir nach einem Bild für unseren aufgeklärten Nihilismus suchen, dann ist es diese hauchdünne Folie, die uns nun in der Mitte all unseres Denkens und Tuns bis zum Ende begleitet und durch die das Nichts für uns in der Mitte aller Dinge durchscheint, „sichtbar“ wird. Es „zeigt sich“ 445 Bilderflucht ins Nichts im Abstand, den wir nun gewonnen haben, in Gleichmut und Gelassenheit, die der Gewinn des letzten Lebensabschnittes sein können. Wir haben gelernt, die Bilder der Dinge ins Nichts loszulassen. Lebenslügen oder Ent-Täuschungen Manche Menschen mögen von Lebenslügen bis in den Tod begleitet werden. Da sie nur in der Außenperspektive als Lügen, d. h. sich selbst undurchsichtige Einbildungen erscheinen, ist es schwierig zu beurteilen, ob ein Leben in solchen Lügen, die in der Innenperspektive als „Wahrheit“ erscheinen, der Außenperspektive vorzuziehen sei. Wie in der sog. „Überwindung“ des Nihilismus haben wir dabei das Glück der Unwissenheit gegen das Unglück der Desillusionierung jenseits des rechnerisch Kalkulierbaren abzuwägen. Dieses Unglück kann aber auch in jene Gleichmut und Gelassenheit führen, wie sie das Alter in besonderer Weise ausprägt. Gleichmut und Gelassenheit mögen der Trost, ja das besondere lucide Glück der Philosophie des aufgeklärten Nihilismus angesichts aller Enttäuschungen sein. Anmerkungen 1) SchW IV („Vom Unterschiede der Lebensalter“) S. 467–483, bes. S. 470: „Was nun den Rest der ersten Lebenshälfte, die so viele Vorzüge vor der zweiten hat, also das jugendliche Alter, trübt, ja unglücklich macht, ist das Jagen nach Glück, in der festen Voraussetzung, es müsse im Leben anzutreffen seyn. Daraus entspringt die fortwährend getäuschte Hoffnung und aus dieser die Unzufriedenheit. Gauckelnde Bilder eines geträumten, unbestimmten Glückes schweben, unter kapriziös gewählten Gestalten, uns vor, und wir suchen vergebens ihr Urbild … Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht nach Glück; so ist der der zweiten Besorgniß vor Unglück. Denn mit ihr ist, mehr oder weniger deutlich, die Erkenntniß eingetreten, daß alles Glück chimärisch, hingegen das Leiden real sei.“ Vgl. SchW II S. 742 zur „Euthanasie des Willens“, der nach Schopenhauer im Alter zur „Erkenntniß der Nichtigkeit aller irdischen Güter“ führe. 446 Evidenzen der Einbildungskraft § 178 Jenseits des Glücksstrebens: erleuchtete Gegenwart Jenseits des irrenden Glücksstrebens schafft die Achtsamkeit gegen- über den Ein-bildungen in das Hier und Jetzt die Möglichkeit des erträglichen, erleuchteten Lebens. Jenseits des Glücksstrebens, das Schopenhauer als Grundirrtum des menschlichen Wesens aufdeckte (1), gewinnt der Nihilist Bilder erleuchteter Gegenwart. Die Schimären des Glücks sind verblasst und der Achtsamkeit gegenüber den Ein-bildungen in das Hier und Jetzt gewichen: Die triviale Redensart von der Kostbarkeit der kleinen Dinge bestätigt sich in diesem Zusammenhang. Die Imagination, dass es diese zufällige Gegenwart sei, die zähle, hat in ihrer Evidenz dann die Oberhand gewonnen. Das Warten auf das Glück oder dessen Narreteien kann nun einer Erträglichkeit weichen, die im teilnehmenden Abstand zu den Dingen eine friedvolle Balance herstellt und gar die Evidenz einer Erleuchtung gewinnt. Wie Wahrheit im Nihilismus in flüchtige Evidenzen zerfallen ist, hat sich der einst umfassende Glücksanspruch in erträgliche, erleuchtete Momente aufgelöst, die an jene vergangene Illusion des großen Glücks nur erinnern. Jenseits des hedonistischen Kalküls können es wenige, nach außen hin unscheinbare Momente solcher Erträglichkeit und Erleuchtung sein, die das Leben – auch in der Retrospektive – für den Nihilisten lebenswert erscheinen lassen. Keine quantifizierende Rechnung, kein über Qualitäten hinwegschreitender Zahlenaberglaube kann ihm diese Gewissheit nehmen, so instabil sie auch ist angesichts der ins Nichts sich verflüchtigenden Bilder. Wenn unser Denken sich solcher theoretischer Zusammenhänge vergewissert, öffnen sich Zugänge zu evidenten Imaginationen, die uns sonst verschlossen geblieben wären. Auch hier zeigt sich nicht nur das Zusammenspiel, sondern die unauflösliche Verschränktheit von Denken und Imaginieren. Anmerkungen 1) SchW II S. 737 u. ff. 447 Bilderflucht ins Nichts § 179 Nachtwanderungen an Abgründen Für den Nihilisten bietet die Bilderwelt der Mystik eine verlockende wie gefährliche Gratwanderung in die Nacht über den Abgründen an, deren Faszination ein sich auf die Nichtigkeit unseres Daseins konzentrierendes Bewusstsein leicht erliegen und sich in einem dieser Bilder verlieren kann. Die mystischen Metaphern des Abgrundes und der Nacht sind für eine Philosophie des Nihilismus von besonderem Interesse, ist diese Bilderwelt doch deutlich auf das Nichts bezogen, das für eine innere Schau Gestalt annehmen soll. (1) Bei Meister Eckhart gar taucht der Abgrund als philosophischer Begriff auf, der als Ort mystischer Versenkung Vorstellungsqualitäten gewinnt. (2) Oft verbleibt diese Bildlichkeit in einem abstrakten Bereich, wenn vom Umgreifenden, Allumfassenden etc. gesprochen wird. Für den Nihilisten bietet sich hier eine verlockende wie gefährliche Gratwanderung in die Nacht über den Abgründen an, deren Faszination ein sich auf die Nichtigkeit unseres Daseins konzentrierendes Bewusstsein leicht erliegen und sich in einem dieser Bilder verlieren kann. Dies wäre eine „Überwindung“ des Nihilismus, die uns in neue Himmel des Glücks oder Höllen der Verirrung führen mag und von einem Standpunkt außerhalb solch mystischer Schau gar nicht mehr zugänglich ist. Für den aufgeklärten Nihilismus müssen solche „Wahrheiten“, die wie auch immer durch „Erleuchtung“, „Erweckung“, „Offenbarung“, „Intuition“, „visionäre Schau“ etc. „gefunden“ wurden, als Produkte der subjektiven Einbildungskraft, eben als Einbildungen eingeordnet werden, so vernünftig oder evident auch im Einzelnen ihre Inhalte erscheinen mögen. Dieses ceterum censeo gegenüber der reichhaltigen und anspruchsvollen Bilderwelt der Mystik und der Überzeugungskraft des Lebens der Mystiker durchzuhalten ist gewiss nicht leicht und mag bald als sterile, trockene, eintönige Formel der Rationalität erscheinen. Es bleibt aber festzuhalten, dass mit dem Diktum der bloßen Einbildung keine generelle Disqualifizierung der Mystik verbunden ist. Ihre Bilderwelt behält in ihrem deiktischen Charakter ihren Wert, indem sie auf das Nichts verweist, das sie als subjektive Veranstaltung der Einbildungskraft noch nicht ist. So bleibt die Metaphorik der Mystik ein überaus lohnender Ort, an 448 Evidenzen der Einbildungskraft dem wir dem Nichts vielleicht am nächsten kommen, die Tür zu ihm aufstoßen können – ohne dabei den Nihilismus unter Verzicht auf ein aufgeklärtes Bewusstsein „überwinden“ zu wollen. In der Vernunft wird der Verstand seiner Leere inne Ein Weg der Mystik verstrickt den Verstand in Widersprüche und bringt ihn in Gegensatz zu seiner eigenen Forderung nach Widerspruchsfreiheit, z. B. in der Kabbala, dem Taoismus, den Koans (3) des Zen-Buddhismus. Diese Diskreditierung des Verstandes schafft eine „Verstandesleere“, in der sich mystische Bildlichkeit leicht entfalten kann. Bei aller Bedingtheit des Verstandes, wie sie mit ihm selbst nachzuweisen ist, muss aber der Nihilismus, wenn er aufgeklärt bleiben will, an der Verstandesoperation festhalten, dass die so entstandenen Bilder Produkte der menschlichen Einbildungskraft sind. Das ceterum censeo des aufgeklärten Nihilismus ist aufrechtzuerhalten. Aber ach! ein Schauspiel nur! Endet das mystische Erleben wie Fausts Ent-Täuschung über das Zeichen des Makrokosmos: „Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!“ (4), wird also die Unio mystica im Nachhinein vom Mystiker als „bloß“ subjektive Veranstaltung mit den Worten des Erdgeistes erkannt: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir!“ – erst dann ist der Standpunkt des aufgeklärten Nihilismus zurückgewonnen. Es stellt sich ein Übergang zwischen Mystik und Nihilismus her, insofern mystisches Erleben als bloß augenblickshaftes und punktuelles seiner Subjektivität wieder innewird. Anmerkungen 1) Es soll hier nicht um die Bilderwelt der Mystik im Einzelnen gehen. Hierzu u. a. Bock („Die Mystik in den Religionen der Welt“) 2009 2) Hierzu Jung („Meister Eckharts philosophische Mystik“) 2010 3) Zu den Koans: „Es kommt im Zen nur auf das Erwachen an, nicht auf Erklärungen, die das Denken stimulieren und damit ablenken können. Das Erwachen aber ist ein Durchbruch durch jede Konzeptualisierung und Analyse. Die Rhetorik ist ‚mystagogisch‘, nicht deskriptiv. Jedes Wort will einen Schock, ein Erschrecken, einen Zweifel erwecken, damit der Schüler Konzepte aufgeben kann, und die Zen-Sprache soll auf den Zustand des Erwachens hinweisen. Da der Inhalt des Erwachens die sich einende Bewußtheit in jedem Augenblick ist, eine nicht-dualistische Wahrnehmung, kann das Erwachen nicht in Sprache erfaßt werden. 449 Bilderflucht ins Nichts Infolgedessen kann eine Sprache, die auf das Erwachen verweist oder das Erlebnis ausdrückt, nur nicht-rational und paradox sein. Genau das ist das Eigentümliche der Zen-Koans. (…) die paradoxe Sprache wird selbst zum Werkzeug des sich von Begriffen befreienden Bewußtseins.“ Brück 2004, S. 94 f. 4) Goethe („Faust I“, V. 454 u. 512 f.) 1986, S. 22 u. 24 450 Evidenzen der Einbildungskraft § 180 Mystik – die erschlichene Einsicht Die Umdeutung des imaginativen Erlebens in der Mystik als Offenbarung folgte pragmatischen Herrschaftsansprüchen, da gegenüber den etablierten Religionen höhere Einsicht geltend zu machen war. Im Kampf der verschiedenen religiösen Imaginationen um Anerkennung ist bis heute diese Kategorienverwechslung als strategisches Mittel verbreitet. So gelangte die Einbildungskraft als erkenntnisfähiges Vermögen nicht zu gebührender Anerkennung. Schon etymologisch deutet das Wort Mystik auf die innere Bilderwelt hin, welche die Einbildungskraft selbst bei geschlossenen Augen zu produzieren fähig ist. (1) Die Unio mystica ist Beleg für diese imaginative Fähigkeit, Subjekt und Objekt, Individuum und Göttliches in Eins zu bilden. Doch die damit verbundene innere Schau soll gerade keine Ein-bildung des höchsten Wesens, sondern Gewissheit und Wahrheit an sich haben. So wird der Mystiker sich nicht auf seine Einbildungskraft berufen, sondern von Intuition, Berufungs- und Erweckungserlebnissen, höherer Vernunft oder Einsicht oder schlichtweg von Offenbarung reden. Denn die Berufung auf die Einbildungskraft würde das mystische Erleben zu einer bloß subjektiven Veranstaltung degradieren. Dabei wird die Einbildungskraft nach einer langer Tradition des Misstrauens gegenüber der imaginativen Fähigkeit, die den Menschen in Täuschungen, Irrtümer und sinnliches Begehren verstricke, nicht für fähig gehalten, Träger von Wahrheit zu sein. Mit der kopernikanischen Wende der Erkenntniskritik geht die Einbildungskraft als subjektives Vermögen, das sich dem Verstand und der Vernunft unterordnet, jeder Möglichkeit der Gewährleistung letztbegründeter Wahrheit verlustig, wiewohl Kants Vernunftideen Fiktionen der Einbildungskraft meinen. Die Umdeutung des imaginativen Erlebens in der Mystik als höhere Offenbarung folgte pragmatischen Durchsetzungs- und Herrschaftsansprüchen, da gegenüber den etablierten Religionen höhere Einsicht – ein Wort das Visuelles gegen die Ausklammerung der Imagination impliziert – geltend zu machen war. Im Kampf der verschiedenen religiösen Imaginationen um Anerkennung ist bis heute jene Kategorienverwechslung als probates strategisches Mittel im Einsatz. Wenn die Offenbarung gesprochen hat, bleiben nur noch Anerkennungsprobleme zu lösen und 451 Bilderflucht ins Nichts Machtansprüche durchzusetzen. Die Inhalte selbst, die als subjektive imaginative Konstrukte sich in einen die Rationalität einbeziehenden Diskurs begeben müssten, werden ihm als Offenbarungswahrheiten durch die Rhetorik performativer Sätze des Typs „Der Prophet hat gesagt, dass …“ entzogen. Dabei darf es nicht die Imagination sein, die doch im Spiel ist. Kaum ein Mystiker dürfte so selbstbewusst wie G. B. Shaws Heilige Johanna gewesen sein, die auf den inquisitorischen Vorwurf, die Stimmen, die sie zu hören meine, seien nur Einbildung, antwortet, gerade durch die Imagination kämen die Botschaften Gottes zum Menschen. (2) Dieses stolze Bekenntnis zu ihrer Imagination hat die historische Johanna nicht ablegen können. Es ist eine Pointe der Ideengeschichte, dass erst die Imagination des Dramatikers der Mystikerin die „Wahrheit“ ihrer Imagination zurückgeben konnte. Anmerkungen 1) Das zugrundeliegende altgriechische Verb meint das Schließen von Lippen und Augen. 2) G. B. Shaw („Saint Joan“) 1946. (Scene I), p. 59. – Im Vorwort („Joan’s voices and visions“) führt Shaw zu dieser Apologie der Imagination durch seine Johanna aus (ebd. S. 13): „Joan’s voices and visions have played many tricks with her reputation. They have been held to prove that she was mad, that she was a liar and impostor, that she was a sorceress (she was burned for this), and finally that she was a saint. They do not prove any of these things; but the variety of the conclusions reached shew how little our matter-of-fact historians know about other people’s minds, or even about their own. There are people in the world whose imagination is so vivid that when they have an idea it comes to them as an audible voice, sometimes uttered by a visual figure. … The inspirations and intuitions and unconsciously reasoned conclusions of genius sometimes assume similar illusions. Socrates, Luther, Swedenborg, Blake saw visions and heard voices just as Saint Francis and Saint Joan did. If Newton’s imagination had been of the same vividly dramatic kind he might have seen the ghost of Pythagoras walk into the orchard and explain why the apples were falling. Such an illusion would have invalidated neither the theory of gravitation nor Newton’s general sanity. What is more, the visionary method of making the discovery would not be a whit more miraculous than the normal method. The test of sanity is not the normality of the method but the reasonableness of the discovery.“ 452 Evidenzen der Einbildungskraft § 181 Auflösung von Bildern als Erlösung Das Nirwana bewegt sich an der Grenzlinie von Wissen und Einbilden: Bilder ins Nichts auflösend und uns von Bildern erlösend. Das Nirwana verbildlicht in offen gehaltener, abstrakter Weise die erlösende Seite des janusköpfigen Nichts und ist eine großartige Vision unserer Imagination, in der das Nichts für uns die Erlösung und nicht die völlige Vernichtung bedeuten könnte. (1) Diese Evidenz ausstrahlende Imagination bewegt sich an der schwierigen Grenzlinie von Glauben und Wissen: Unser körperlicher Zerfall ist offensichtlich. Dass diese Auflösung unserer Individualität sie der Erlösung nahe bringen könnte, ist eine Vorstellung, die uns überzeugen mag. Als „Verwehen“, als Befreiung vom Lebensdrang bleibt sie in Einklang mit dem, was wir für die Fakten halten. Können wir die Einbildung vom erlösenden Nirwana gar zur Stetigkeit eines geglaubten Bildes steigern? Solche Auflösung wäre die Befreiung vom Lebensdrang, wie er sich in den uns antreibenden Bildern manifestiert. Wir kennen die Redensart, man könne bestimmte, zumeist belastende Bilder „nicht mehr aus dem Kopf bekommen“ bzw. man müsse „den Kopf von etwa frei bekommen.“ Das Nirwana wäre Befreiung auch von solchen Bildern. „Das Nichts kann uns schmerzen und ersticken oder heilen und befreien.“ (2) Wenn wir den Erlösungsgedanken im aktiven Nihilismus mit dem Nichts als dem Nirwana verbinden (2), haben wir nach dem befreienden Bildersturz heilsame Bilder der Erlösung wiedererschaffen. Wir können schon im Hier und Jetzt mit Hilfe der Philosophie des aufgeklärten Nihilismus inmitten unseres Lebensdranges solche „Entleerung“ (3) von allen Bildern und Gedanken in uns intermittierend herstellen: die Leere als Vorgeschmack des Nirwana. Anmerkungen 1) Wir erinnern daran, dass Nirwana, Nichts und Leere in unserer Studie als Synonyma verwendet werden, auch wenn manche – vor allem westlich orientierte – Vertreter des Buddhismus die Vermeidungsstrategie gegenüber dem Begriff Nihilismus bzw. Nichts übernehmen; so auch Han 2002, S. 51: „Die Leere oder das Nichts des Zen-Buddhismus ist also keine einfache Negation des Seienden, keine Formel des Nihilismus oder des Skeptizismus.“ 2) Wir greifen die Sentenz aus dem „Traktat über das Nichts“ auf (NF S. 191). 3) Zu Leere, Leerheit u. Entleerung im Buddhismus s. Han 2002, S. 44 u. ff. 453 Bilderflucht ins Nichts § 182 Ausblicke auf Gratwanderungen Wo wir uns dem Nichts ganz öffnen und dieser Erfahrung standhalten, an eben dieser Grenzlinie sind wir dem Bereich, der mit Gott umschrieben worden ist, in der Evidenzfähigkeit unserer Einbildungskraft vielleicht am nächsten. Die Ahnung solcher coincidentia oppositorum ist so stark, dass sie in Glauben übergehen möchte: „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ (1) Ob sich hier eine negative Theologie entwickeln ließe, die zugleich am vollen Begriff des Nihilismus festzuhalten vermöchte? Cioran bewegt sich auf einer solchen Gratwanderung: „Wenn das Nichts über mich hereinbricht und ich, im Sinne einer fernöstlichen Formel die ‚Leerheit des Leeren‘ erreiche, dann geschieht es mir, dass ich, von einem solchen Übermaß erschüttert, auf Gott zurückgreife, und sei es auch nur aus dem Verlagen, meine Zweifel mit Füßen zu treten, mir zu widersprechen, meine Schauer zu vervielfachen und darin ein Stimulans zu suchen. Die Erfahrung des Leeren ist die mystische Versuchung des Ungläubigen, seine Gebetsmöglichkeit, sein Erfüllungsmoment. An den Grenzen unseres Gesichtsfeldes taucht ein Gott empor oder irgendetwas, das seine Stelle vertritt.“ (2) Östliches Denken neigt stärker dazu, die Erfahrung der Leere mit religiösen Erfahrungen zu verbinden. (3) Da sich die Begriffe der Leere und des Nichts mit der Aufhebung des Ich notwendiger Weise verbinden, entsteht hier der erkenntnistheoretische Verlegenheitspunkt, an dem die Überwindung von Subjektivität gedacht wird und doch nur vom Subjekt her denkbar bleibt. Nicht nur buddhistisches Denken ist an diesem Verlegenheitspunkt oft in die Konstruktion der Erfahrung einer wahren Welt des „Dings an sich“, in eine spiritualistische Metaphysik hineingeraten. Was aber dem aufgeklärten Nihilisten bleibt, sind Gratwanderungen – mit erleuchteten Ausblicken. Anmerkungen 1) Hölderlin („Patmos“) 1965 II, S. 173 (V. 1–4) 454 Evidenzen der Einbildungskraft 2) Cioran 1993, S. 123 f. 3) James W. Heisig („Philosophers of Nothingness“, Honululu 2001, S. 267) zur Kyoto – Schule: „This means that the ambiguity in the Kyoto philosophers due to their parallel ideas of God – their own and classical Christian ideas – has in fact become a mainline question for the west as well, and that the possibility of transferring the weight of ‘God exists’ to ‘God is nothingness’ is no longer as farfetched as it once seemed.” 455 Bilderflucht ins Nichts § 183 Die Strahlkraft der Menschenrechte hat globale Ausmaße erreicht, wobei innerhalb der westlich-liberalen Imagination ein „Bildbruch“ zu beobachten ist zwischen der Vorstellung vom „freien“ Markt und dem um die Menschenrechte zentrierten Menschenbild, dessen Evidenz jedem einzelnen Individuum einleuchten darf und dessen Status als sich selbst durchsichtige, überzeugende Einbildung keinen missionarischen Eifer zu entfachen vermag. Was der westlich-demokratischen Imagination die größere Evidenz verleihen könnte, sind die liberalen Grundrechte, die gerade im Verzicht auf totale Sinnstiftung den individuellen Spielraum für eigene Lebensentwürfe eröffnen und als universell deklarierte Menschenrechte den Interessen der Menschen am überzeugendsten zu entsprechen scheinen. Freilich täuscht der generalisierende Charakter solcher Vorstellungen zuweilen darüber hinweg, dass sie in ihren Konkretisierungen zu recht unterschiedlichen, sich widersprechenden Bildern zerbrechen können. In der Formulierung vom „pursuit of happiness“ der Declaration of Independence (1776) hat der Spielraum für individuelle Lebensentwürfe nachhaltigen Ausdruck gefunden, auch wenn inzwischen zweifelhaft geworden ist, ob der „freie“ Markt dieses Bedürfnis nach Glücksstreben angemessen befördert. Hinzu tritt die Frage, ob solche an Macht und Konsum orientierten Glücksschimären nicht gerade die Irrtümer befördern, nach deren Erkenntnis und Negation erst authentische Glücksmomente möglich werden. Es ist innerhalb der westlich-liberalen Imagination ein „Bildbruch“ zu beobachten zwischen der Vorstellung von einem solchen „freien“ Markt und dem um die Menschenrechte zentrierten Menschenbild. Nicht umsonst wurde die Formulierung „marktkonforme Demokratie“ als eines der Unworte des Jahres 2011 in der Bundesrepublik gerügt. (1) Doch lassen sich die Menschenrechte nicht als „Vernunft“-Ideen an die Spitze einer Fiktionshierarchie setzen. Denn Einbildungen bleiben schlichtweg Einbildungen und können ihre Überzeugungskraft nur aus sich selbst heraus im jeweiligen einzelnen Individuum entfalten. Dies mag all jene beruhigen, die zu Recht westliche „Kreuzzüge“ im Namen der Menschenrechte ablehnen. Wenn Einbildungen als Einbildungen 456 Evidenzen der Einbildungskraft durchschaut werden, können sie keinen missionarischen Eifer mehr entfachen. Erst in ihrem Umschlag in vorgebliche Vernunftwahrheiten drohen Terror und Schreckensherrschaft im Namen des Guten. Von daher muss auch die Frage nach der Universalität der Menschenrechte beantwortet werden. Wenn sie nicht in den Ländern selbst, in denen sie leider noch verletzt werden, ihre Evidenz entfalten, d. h. für die Menschen selbst dort einsichtig und erstrebenswert werden, ist ihnen der Boden einer sinnvollen Universalisierung entzogen. (2) Dabei macht es insbesondere von der Wirkung her einen entscheidenden Unterschied, ob wir uns auf eine Vernunftforderung oder eine uns einleuchtende Vorstellung bzw. Imagination berufen, wobei auch letztere von großer Überzeugungskraft und großem Engagement getragen sein kann. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Hoffnung, auf diesem Wege Menschenrechten zu weltweiter Geltung zu verhelfen, nicht unbegründet ist. Anmerkungen 1) Vgl. die Website der sprachkritischen Aktion: Unwort des Jahres: www.unwortdesjahres.net 2) Schmidt-Salomon („Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“; 2009) verfährt inkonsequent: Nachdem er den nihilistischen Standpunkt jenseits von Gut und Böse schlüssig begründet hat (und sich vom angeblich bedrohlichen Nihilismus auf S. 99 distanziert), werden durch die Hintertür eben diese Begriffe in neuem Gewande eingeführt: „Mittels Logik und Empirie lässt sich also trefflich zwischen vernünftigen und unvernünftigen Memplexen unterscheiden“ (S. 194). Empirisch nachweisbar ist gerade, dass sich unter Berufung auf Logik alleine die Menschenrechte nicht universalisieren lassen. Denn es geht primär um die Evidenz von Einbildungen, die nur im einzelnen Individuum selbst Überzeugungskraft gewinnen und im strikten Sinne der Logik nicht beweisbar sind. Die Berufung auf eine behauptete allgemeingültige, objektive Vernunft setzt sich nur dem berechtigten Vorwurf der Intoleranz aus, wenn ein solcher vernünftiger Zwang ausgeübt werden soll. Auch Schmidt-Salomons wissenschaftlich wenig abgesicherte Rede von „Memplexen“, welche die Analogie zu biologischen Gesetzmäßigkeiten der Vererbungslehre behauptet, hilft nicht weiter (vgl. S. 82 u. passim). Wollen wir den Menschenrechten zu universaler Leuchtkraft verhelfen, sollten wir insbesondere die Menschenrechtsaktivisten in den Ländern unterstützen, in denen solche Hilfe notwendig ist, um in den betroffenen Menschen dieser Länder selbst unseren Rechtsvorstellungen zur Evidenz zu verhelfen, die nicht in logischer Zwangsläufigkeit aufgeht. 457 Bilderflucht ins Nichts § 184 Gretchens vernünftige Imaginationen Gretchens Visionen in der „Kerkerszene“ am Ende von Goethes „Faust I“ sind Imaginationen, in denen die spirituelle Kraft und Evidenz der Imagination in hervorragender Weise hervortritt. Die Imaginationen wirken hier mit den Verstandeskräften zusammen und überbieten diese, indem sie auf die metaphysische Frage nach einer höheren Gerechtigkeit und einem Wiedersehen in der „Ewigkeit“ eines Jenseits bildhafte Antworten entwerfen. Gretchen ist – gemessen am Alltagsverstand – „ver-rückt“, wie sich dies in ihrer verwirrten Sprache dartut, hat aber andererseits die menschliche Vernunft voll entfaltet und in der Spiritualität der Imagination vollendet. Fausts Intellektualität dagegen erweist sich in dieser letzten Szene als eine unvernünftige Vernunft, ein dürrer Verstand. Sein platter, positivistischer Hinweis, sie beide zusammen könnten doch durch die offene Kerkertüre entfliehen, wirkt geradezu dümmlich verglichen mit Gretchens spiritueller, übersinnlicher Einsicht, dass hinter dieser offenen Tür keine wirkliche Freiheit zu finden sei: (1) Margarete: … Du gehst nun fort? O Heinrich, könnt’ ich mit! Faust: Du kannst! So wolle nur! Die Tür steht offen. Margarete: Ich darf nicht fort; für mich ist nichts zu hoffen. Was hilft es fliehn? Sie lauern doch mir auf. Es ist so elend, betteln zu müssen, Und noch dazu mit bösem Gewissen! Es ist so elend, in der Fremde schweifen, Und sie werden mich doch ergreifen!“ Rationale Argumentationen vermischen sich mit visionären Bildern, etwa dem Elend der Bettlerin, der Festnahme, d. h. Reflexionen gehen in die Imagination ein. Das Bild des Kindes, das ertränkt wurde, aber doch noch lebt bzw. gerade ertränkt wird, zeigt im Gebrauch des Präsens die Wahrheit, dass das Vergangene nicht vergangen ist, sondern die Gegenwärtigkeit der bösen Tat bleibt und jeden Weg „Ins Freie“, wie Faust ihn zu sehen glaubt, tatsächlich versperrt: (2) 458 Evidenzen der Einbildungskraft Margarete: Geschwind! Geschwind! Rette dein armes Kind. … Faß es nur gleich! Es will sich heben, Es zappelt noch! Rette! rette!“ Faust: Besinne dich doch! Nur e i n e n Schritt, so bist du frei!“ Gretchen hat hier Faust geistig bei Weitem übertroffen, eine den Verstand überbietende spirituelle Imagination entwickelt. Es gehört zur tragischen Ironie in diesem Welttheater, dass Gretchen, die als naives, „arm unwissend Kind“ (3) sich mit dem Gelehrten Faust zunächst nicht auf eine gleichartige Ebene der Bildung und des Diskurses begeben kann, ihn hier geistig-spirituell überflügelt hat und ihn trotz all seiner Bildung, an deren Wert er freilich selbst schon im Anfangsmonolog zweifelte, der Unwissenheit überführt. Damit geht die These, Gretchen phantasiere oder spintisiere nur, sei bloß in ihren Imaginationen gefangen, an der Sache vorbei. So wie die fiktive Realität dieser Tragödie ihre Wahrheit hat, so haben auch Gretchens Visionen im Kerker ihren Wahrheitsgehalt. Von einem Standpunkt außerhalb lässt sich dieser gar nicht mehr bestimmen, da Gretchen die Einzige ist, deren Eigentum diese Imaginationen sind (4). Gretchen hat das erfahren, was in der Sprache der theologischen Tradition als Offenbarung bezeichnet wird, und es ist ihre Imagination, die ihr den Zugang zu dieser Evidenz einer überirdischen Wirklichkeit verliehen hat, auch wenn ihr selbst dieser Prozess als imaginative Wahrheit nicht durchsichtig ist und sich ihr in Form einer Seinsgewissheit erschließt. Die Frage nach Wahrheit oder Lüge, Illusion oder Realität dieser Imaginationen lässt sich von einem externen, gleichsam „objektiven“ Standpunkt außerhalb gar nicht mehr sinnvoll stellen, da nur Gretchen selbst – freilich im Kontext der fiktiven Wirklichkeit dieser Tragödie – diese Frage beantworten kann und in ihrer Gläubigkeit beantwortet hat. Anmerkungen 1) Goethe 1986 (Faust I, Kerkerszene) V. 4542–4549 2) Ebd. V. 4537, V. 4551–4564 3) Ebd. V. 3215 4) „Wahrheit“ ist hier zum Eigentum eines Einzigen geworden. Vgl. Stirner 1981 459 Bilderflucht ins Nichts § 185 Männer-Frauen-Phantasien Unsere geschlechtsspezifischen Rollenbilder werden noch immer von abergläubisch-metaphysischen Vorgaben, zumeist biologistischer Art, getrübt. Erst die nihilistische Negation schafft hier Offenheit, den klaren, auf unsere selbsttätige Einbildungskraft setzenden Blick. Was Nihilismus bedeutet, lässt sich überzeugend an der Frage nach unserem Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit demonstrieren, wobei die Frage: „Was ist der Mensch?“ eine spezifischere Wendung erhält. Nihilismus bedeutet in dieser Hinsicht offensichtlich nicht die prinzipielle Negation oder Ablehnung eines jeden bestimmten Bildes vom Mann oder der Frau, sondern eine Vielzahl solcher Entwürfe der Geschlechterrollen, wobei eine verbindliche Bewertung und Hierarchisierung fehlt oder nur in einzelnen Kontexten stattfindet, die ihrerseits wiederum unabsehbaren Veränderungen unterliegen können. In der vollen Weite des Begriffes Nihilismus bewirkt solche Beliebigkeit für das einzelne Individuum einerseits Verlust an vorgegebener Identität und Orientierung, andererseits die Freiheit, aus der Bilderfülle heraus die eigene Existenz für sich selbst glaubwürdig zu entwerfen. Dass ein solcher Lebensentwurf nicht „der Vernunft“ folgt, sondern ein primär imaginativer Entwurf ist, der sich dabei begrifflich-logischer Kategorien bedient, wird an dieser Stelle einsichtig. Denn die Frage nach der rechten Männlichkeit und Weiblichkeit muss sich in der Evidenz vernünftiger Imaginationen entscheiden, einer Präponderanz der Anschaulichkeit innerhalb der Dialektik von Anschauung und Begriff. Es wird deutlich, dass wir in dieser Frage mit dem Plural „Phantasien“ gut leben können, der auf eine einzige Evidenz verzichtet, die das Bild des Mannes oder der Frau allgemeinverbindlich festschreibt und somit subjektiv Entworfenes hypostasiert. Die Geschichte mag uns lehren, dass solche für objektiv gehaltenen Mythen der rechten Geschlechterrollen in der fluktuierend verunsichernden, aber auch befreienden Beliebigkeit des Nihilismus mit Gewinn vergessen und durch ganz unterschiedliche, individuelle Entwürfe des Bildes vom Mann und der Frau ersetzt werden, wie sie jedes Ich hier und jetzt imaginiert. Biologistische Vorgaben der Aussageart „Der Mensch / der Mann / die Frau ist von Natur aus …“ trüben mit ihren zahlreichen Mythenbildun- 460 Evidenzen der Einbildungskraft gen und ihren naturalistischen Fehlschlüssen immer noch unsere Selbstund Fremdbilder und verhindern die Offenheit unseres anthropologischen Verständnisses vom Menschen. Erst die nihilistische, ins Prinzipielle gewendete Negation schafft hier Offenheit, den klaren, auf unsere selbsttätige Einbildungskraft setzenden Blick. (1) Vielleicht wollen wir gerne Nihilisten bleiben. Untrennbare Rollenbilder Die Verbindung von Männer-Frauen-Phantasien soll die wechselseitige Abhängigkeit dieser Bilder voneinander betonen. Projektionen, (eingebildete) Erwartungshaltungen dem anderen Geschlecht gegenüber, die auf es projiziert werden und dann nach Erfüllung drängen, fremd- und eigenbestimmte Bilder gehen als „Cluster“ schwer entwirrbare Geflechte ein, bei deren ideologiekritischer Entwirrung das methodische Problem auftaucht, dass die eigenen Bilder, die der Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin hat, durchschaut werden müssen. (2) Ohne „den“ Mann, ohne „die“ Frau In sozialen und politischen Kontexten oder Beziehungsgeflechten werden solche Bilder von rechter Männlichkeit oder Weiblichkeit in pragmatischer Hinsicht oft als vernünftig oder natürlich oder wirksamer noch: als beides zugleich bewertet. Es entstehen so Mythenbildungen, die rein rhetorischen Charakter haben und der Durchsetzung bestimmter Interessen in Alltagssituationen dienen. Solcherlei „Wahrheiten“ über „den“ Mann oder „die“ Frau „an sich“ sind Restbestände von Metaphysik, die nicht mehr durchschaut werden, Verdinglichungen von Denken, dessen Hypostasierungen in einer philosophischen Analyse des aufgeklärten Nihilismus in bloß subjektive Konstrukte aufgelöst und in ihrem Wahrheitsanspruch negiert werden. Naturalistische Fehlschlüsse Für gewöhnlich taucht in diesem Zusammenhang das Argument auf, es gebe doch bestimmte biologische Grundtatsachen oder genetische Fakten, die das Frauen- bzw. Männerbild „objektiv“ bestimmen würden. Es bleibt aber daran zu erinnern, dass es hier um die Interpretation und Bewertung dieser Fakten geht, wenn ein gültiges geschlechterspezifisches Menschenbild entstehen soll. Auch für die Biologie und die modernen 461 Bilderflucht ins Nichts Mythenbildungen der Genetik gilt in diesem Diskurs die Regel, dass es keine Fakten, sondern nur die Interpretation von Fakten gibt. Deskriptiv gemeinte Aussagen dürfen nicht durch den naturalistischen Fehlschluss als normative missverstanden werden. Anmerkungen 1) Vor diesem Hintergrund zieht Heidegger in seiner latent nihilistischen Argumentation die Konsequenz, auf Anthropologie zu verzichten: „Anthropologie ist jene Deutung des Menschen, die im Grunde schon weiß, was der Mensch ist und daher nie fragen kann, wer er sei. Denn mit dieser Frage müßte sie sich selbst als erschüttert und überwunden bekennen. Wie soll dies der Anthropologie zugemutet werden, wo sie doch eigens und nur die nachträgliche Sicherung der Selbstsicherheit des Subjectum zu leisten hat?“ Heidegger („Die Zeit des Weltbildes“. Zusätze Nr. 10. In: „Holzwege“) 2003, S. 111 f. 2) Zu den sich im Einzelnen eröffnenden Bilderwelten mit besonderem Hinblick auf das Faschismus-Problem s. Theweleit 2000. Die fortwährende Unsicherheit in den Rollenbildern spiegelt sich bereits im Titel weiterer Publikationen wider: Richter, Horst-Eberhard: „Die Krise der Männlichkeit“, Gießen 2006. – Hüther, Gerald: „Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn.“ Göttingen 2009. – Rosin, Hanna: „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen.“ Berlin 2013. – Etc. 462 Evidenzen der Einbildungskraft § 186 Ikonografien von Stärken und Schwächen Vorstellungen von Stärken und Schwächen – nur lose mit Genderzugehörigkeiten verbunden – erweisen sich als zu Bildern verfestigte Ikonen, deren identitätsbildende Kraft zugleich in Auflösung begriffen ist und nur vorübergehenden Charakter hat. Es sind Adiaphora, wie sie im Nihilismus beständig auftauchen. Biologische Fakten und Fiktionen bilden in diesem Problemzusammenhang ein schwer entwirrbares Geflecht. Natürlich gibt beispielsweise das biologische Faktum des Gebärvorganges der Frau eine Möglichkeit für ihr Rollenverständnis vor. Doch auch bei Fertilitätsstörungen – eigenen oder des Partners – ist es einer Frau möglich, ein gültiges Bild ihrer Rolle zu entwerfen. Bekanntlich entscheiden sich heutzutage Paare auch gegen die biologisch vorhandene Möglichkeit, Nachwuchs zu bekommen, oder ziehen mit guten sozialen bzw. weltbevölkerungspolitischen Gründen die Adoption von Waisenkindern vor. Kommt es zur eigenen biologischen Mutterschaft, so liegt es an der Frau, die Wichtigkeit dieser Mutterschaft für ihr Leben zu dimensionieren: Sie kann aufopferungsvoll Kindererziehung und Familie zu ihrem Lebensinhalt machen oder – am anderen Extrem des Spektrums – wie Medea gegen ihre eigene Brut wüten. Dass hier irgendwelche „objektiven“ Fakten vorgegeben seien, gehört in den Bereich der modernen, sich gerne mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Weihe umgebenden Mythen. Solche Restbestände schlechter Metaphysik vom Tisch zu fegen ist eine der vornehmsten Aufgaben des alles hinterfragenden, alles seiner letztendlichen Nichtigkeit überführenden Nihilismus. Natürlich gibt beispielsweise die physische Konstitution dem Mann in der Regel eine Stärke, die sein Rollenverständnis sich selbst und der Frau gegenüber prägen kann. Doch auch physisch schwächliche, kranke, ältere oder behinderte Männer werden ein gültiges Rollenverständnis entwickeln können. Hinzu tritt die Frage, wie die Bedeutung der (nur in der Regel) größeren physischen Stärke des Mannes im Vergleich zur Frau dimensioniert wird. Welche Funktion hat diese Manneskraft, welche Aufgaben, Rechte und Pflichten verleiht sie dem Mann? Welche mentale Stärke muss zu der physischen hinzutreten? Sind solche psychischen Stärken gar wichtiger als die physische Kraft? Ist es gar eine Stärke, die bloß 463 Bilderflucht ins Nichts physische Überlegenheit nicht auszuspielen? Nicht auf den bloßen Willen zur Macht zu setzen oder ihn wenigstens zum Schein auszusetzen? Sich wie Christus ans Kreuz schlagen zu lassen? Als ein gehaltvolles Beispiel für die Umdeutungen von Stärke und Schwäche, denen wir nur im Grundsätzlichen nachgehen, erweist sich Laotses Lehre, wie sie der Marxist Brecht rezipiert hat, „daß das weiche Wasser in Bewegung / Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. / Du verstehst, das Harte unterliegt.“ (1) Es gibt Hinweise darauf, dass zu Zeiten dieser Jahrtausendwende die für typisch weiblich gehaltenen mentalen Stärken, die sich um die Fürsorglichkeit der Frau zentrieren, selbst für den Mann stärkere Evidenz gewonnen haben als die klassischen männlichen Tugenden, die in den Sog militärischer Leitbilder gerieten und sich spätestens in den Ideologien zweier Weltkriege ausgetobt haben. Hitler, Stalin u. a. sind als Frau kaum vorstellbar. In besonderer Weise ist der Mann verunsichert bei seiner Suche nach einem neuen, überzeugenden Bild von Männlichkeit im Zeitalter des Nihilismus. Vielleicht können in einem „Heroischen Nihilismus“ Momente der ehemals soldatischen Tugenden in neuem Kontext umgewandelt und überzeugend, d. h. im Sinne einer evidenten Imagination als „neue Männlichkeit“, wenn nicht „neue Menschlichkeit“ angeeignet werden. Es bleibt zusammenzufassen, dass auch das biologische Faktum der in der Regel größeren physischen Stärke des Mannes keine „objektive“ Vorgabe für unser Bild von Männlichkeit bedeutet. Die Bilder der sog. Genderstudies sind in stetem Fluss, tun gut daran, sich selbst im Modus einer Bilderflucht ins Nichts zu präsentieren, sodass wir immer wieder von Neuem unsere menschlichen Rollen zu erfinden haben. Wir können uns dem klaren Fazit Martha C. Nussbaums anschließen: „Es geht nicht darum, traditionelle Formen des Mannseins oder Frauseins abzulehnen, sondern zu begreifen, daß eine Kultur reicher ist, wenn diese Traditionen hinterfragt und ergänzt werden“. (2) Vorbilder sind in gleicher Weise in den Sog einer Bilderflucht ins Nichts zu positionieren. Wir tun gut daran, Menschen nicht als Vorbilder zu nehmen, indem wir sie mit Schimären von Vollkommenheiten ausstaffieren. Dies 464 Evidenzen der Einbildungskraft geschieht allzu oft nur um den Preis der Mystifizierung, Legendenbildung und Ideologisierung. Menschen leuchten in ihrer Vorbildlichkeit allenfalls nur partiell und kurzfristig auf, mit einzelnen vorbildlich erscheinenden Zügen, Handlungen, Worten. Als Ganzheit sind Menschen untauglich als Vorbilder: Kein Mensch vermag den anderen zu erlösen. (3) Dieser defizitäre Status entspricht unserer Befindlichkeit im Nihilismus. Bilder werden zu Bilderfluchten, werden fragmentarisiert, ohne dass das eine, gültige Bild festzuhalten wäre. (4) Um so authentischer mögen uns die vereinzelten Lichtblicke erscheinen, die von Persönlichkeiten ausgehen und von uns gedeutete vorbildliche Lichtspuren weisen. Anmerkungen 1) Vgl. Detering 2008, bes. S. 11 ff. 2) Nussbaum 2014, S. 572 3) Vgl. dieses Denkmotiv in TE S. 266 u. passim 4) Dieser nihilistische Zerfall unseres Weltbildes wird im Lynkeus-Gedicht des Romans „Nachtfahrt“ dargestellt (NF S. 80). 465 Bilderflucht ins Nichts § 187 Chiffren des Todes Warum sollten nicht heilsame Bilder von uns kultiviert werden, in denen das janusköpfige Gesicht des Todes seine friedlichen und befreienden Züge zeigt? In der Vorläufigkeit solcher Bilder widersteht der Nihilismus den Ideologisierungen des Todes, hält dessen Schrecken wie die Möglichkeit aufrecht, uns in Frieden Ruhe finden zu lassen. Dabei zeigt sich eine Vielgestaltigkeit von Bildern, die jeweils einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben und doch in ihrer Pluralität von „Wahrheiten“ nebeneinander existieren können. Gerade weil wir nichts über den Tod aussagen können, bietet dieses Nichts eine Projektionsfläche für Ahnungen, Vermutungen, Bilder. Sie enthalten keine letztgültige Aussage über den Tod, bieten aber Evidenzen wie Kompassnadeln, welche uns in die richtige Richtung weisen könnten. Es sind Fingerzeige, ohne dass der Finger schon das wäre, worauf er zeigt. Es sind diesseitige Pfeiler einer Brücke, die sich ins Dunkel hineinschwingt und deren Pfeiler am jenseitigen Ufer wir nur erahnen können. Eine weitläufige „nichtssagende“ Beliebigkeit tut sich hier auf, die uns in passive Gleichgültigkeit hineinführen mag oder uns Chancen ergreifen lässt, im Sinne eines aktiven Nihilismus uns den Bildern zuzuwenden, die uns ansprechen und unseren tiefsten Bedürfnissen entsprechen. Warum sollten nicht heilsame Bilder von uns kultiviert werden und an Stärke gewinnen, in denen – wie im Nirwana – das janusköpfige Gesicht des Todes seine friedlichen, befreienden Züge zeigt? Verglichen mit der stupiden Diesseitsgläubigkeit, die uns ans Hier und Jetzt fesselt, sind solche Imaginationen ein Befreiungsschlag, eine Erleuchtung, die das Anhaften an die vor uns liegenden Dinge überstrahlt. Sentenzen über den Tod mit ihrer uns anrührenden und bedeutungsvollen Bildlichkeit sind Legion. Aus dieser Fülle seien hier nur einige wenige Beispiele in den Zusätzen ausgewählt. Was bleibt ist die Vorläufigkeit all dieser Bilder. In ihr widersteht der Nihilismus allen Ideologisierungen des Todes, hält dessen Schrecken wie die Möglichkeit aufrecht, uns in Frieden Ruhe finden zu lassen. Dabei sollen Beispiele für unsere Kernthese gegeben werden, dass es Evidenzen der Einbildungskraft gibt, die nur aus sich selbst heraus ihre Überzeugungskraft zu entwickeln vermögen, und dass solche bildlichen Vorstellungen nicht in gleicher Wei- 466 Evidenzen der Einbildungskraft se für uns gültig sind, sondern unterschiedliche Qualitäten in einer immanenten Logik entwickeln, sodass eine Pluralität unterschiedlicher Antworten mit ihrer jeweiligen „Wahrheit“ sich zeigt: „Auf der Flucht vor dem Tod leben wir eine Weile.“ Diese Sentenz fasst prägnant unsere existenzielle Situation in ihrer Auswirkung auf unser Denken zusammen. (1) Da wir die Gedanken an Vergänglichkeit und Tod nicht aushalten können, flüchten wir in lebensermöglichende und lebenserhaltende Fiktionen, die gerade in der Negation von Todesgedanken ihre Vernünftigkeit entfalten. Diese eindrucksvolle Sentenz dient als Kapitelüberschrift in dem Roman „Feuerfunken“, der die existenzielle Befindlichkeit des nihilistischen Zeitalters zum epischen Hintergrund hat. Die edelste Empfindung „Mir kommt vor, das sei die edelste von unsern Empfindungen, die Hoffnung, auch dann zu bleiben, wenn das Schicksal uns zur allgemeinen Nonexistenz zurückgeführt zu haben scheint. Dieses Leben, meine Herren, ist für unsere Seele viel zu kurz, Zeuge, daß jeder Mensch, der geringste wie der höchste, der unfähigste wie der würdigste, eher alles müd’ wird, als zu leben; und daß keiner sein Ziel erreicht, wonach er so sehnlich ausging – denn wenn es einem auf seinem Gange auch noch so lang’ glückt, fällt er doch endlich, und oft im Angesicht des gehofften Zweckes, in eine Grube, die ihm, Gott weiß wer, gegraben hat, und wird für nichts gerechnet. Für nichts gerechnet! Ich! Der ich mir alles bin, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft jeder, der sich fühlt, und macht große Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weg drüben. Freilich jeder nach seinem Maß …“ (2) Kennt ihr denn diesen Staub? „‚Wie?‘ wird man sagen, ‚das Beharren des bloßen Staubes, der rohen Materie, sollte als eine Fortdauer unsers Wesens angesehen werden?‘ – Oho! Kennt ihr denn diesen Staub? Wißt ihr, was er ist und was er vermag? Lernt ihn kennen, ehe ihr ihn verachtet. Diese Materie, die jetzt als Staub und Asche daliegt, wird bald, im Wasser aufgelöst, als 467 Bilderflucht ins Nichts Krystall anschießen, wird als Metall glänzen, wird dann elektrische Funken sprühen, wird mittelst ihrer galvanischen Spannung eine Kraft äußern, welche, die festesten Verbindungen zersetzend, Erden zu Metallen reducirt: ja, sie wird von selbst sich zu Pflanze und Thier gestalten und aus ihrem gemheimnißvollen Schooß jenes Leben entwickeln, vor dessen Verlust ihr in eurer Beschränktheit so ängstlich besorgt seid. Ist nun, als eine solche Materie fortzudauern, so ganz und gar nichts? Ja, ich behaupte im Ernst, daß selbst diese Beharrlichkeit der Materie von der Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens Zeugniß ablegt, wenn auch nur im Bilde und Gleichniß, oder vielmehr nur wie im Schattenriß.“ (3) Ströme, die ins Weltmeer fließen „Wie Ströme, die ins Weltmeer fließen, Namen und Form verlieren, so geht der Weise, befreit von Name und Gestalt, in das höchste Wesen ein, ins Ewige, aus sich selbst Leuchtende.“ (4) Nicht kann unglücklich sein, wer nichts ist „Der Tod ist aller Schmerzen Lösung und das Ende, über das hinaus unsere Leiden nicht gehen; er versetzt uns wieder in jene Ruhe, in der wir uns befunden haben, bevor wir geboren wurden. Wenn einer die Toten bedauert, bedauert er auch die Ungeborenen. Der Tod ist weder ein Gutes noch ein Schlechtes. Das nämlich kann entweder gut oder schlecht sein, was etwas ist; was aber selber nichts ist und alles zu nichts macht, liefert uns nicht dem Schicksal aus: Schlechtes nämlich und Gutes sind an eine Art von Materie gebunden. Nicht kann dies das Schicksal in seiner Gewalt haben, was die Natur entlassen hat, und nicht kann unglücklich sein, wer nichts ist. Verlassen hat dein Sohn die Grenzen, innerhalb derer man Sklave ist, aufgenommen hat ihn der große und ewige Friede.“ (5) Niemand ist eine Insel „No man is an Iland, intire of it selfe; every man is a peece of the Continent, a part of the maine; if a Clod bee washed away by the Sea, Europe is the lesse, as well as if a Promontorie were, as well as if a Mannor of thy friends or of thine owne were; any mans 468 Evidenzen der Einbildungskraft death diminishes me, because I am involved in Mankinde; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.“ (6) John Donnes Bild zeigt sehr überzeugend, dass lebensdienliche Einbildungen keineswegs nur ich-fixiert sind, sondern gerade in der Hinein-Bildung dieses Ichs in einen größeren, gar universalen Zusammenhang ihre Heilsamkeit entfalten. Zerfließende Bilder des Nichts „Nothing of him that doth fade But doth suffer a sea-change Into something rich and strange“ (7) Die Faszination dieses Bildes vom Tod rührt daher, dass es ein Bild des Unbildlichen ist, ein zerfließendes Bild des Nichts, wie Shelleys Epitaph auf seinem Grabstein im protestantischen Friedhof von Rom: „Here lies one Whose name was writ in water –“ Anmerkungen 1) FF, Kap. 4, S. 50 ff. – Karlhans Frank 2006, S. 11 2) Goethe („Zum Schäkespears Tag“, Rede am 14. 10. 1771 in Frankfurt am Main) 1999 XII S. 224 3) SchW II, S. 547 f. 4) Dispeker („Die schönsten Upanischaden: Der Hauch des Ewigen“) 1994, S. 66 („Mundaka“) 5) Seneca I („Trostschrift an Marcia“) 2011, S. 371 6) Das Zitat von John Donne aus „Meditation XVII“ ist als Titel und Motto in Ernest Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“ eingegangen (1941). 7) Shakespeare („The Tempest“) 1999, S. 178 (V. 400–402). 469 Bilderflucht ins Nichts § 188 Selbstbestimmtes Sterben Was hindert uns Nihilisten daran, in der Diskussion um verantwortungsvolle Sterbehilfe und selbstbestimmten Tod die medizinischen Möglichkeiten zu nutzen, über die unsere Gesellschaft verfügt? Es sind moderne Mythen, die uns zu Opfern unserer eigenen Begriffsbilder werden lassen. Sie müssen in der Leere des nihilistischen Abgrundes verschwinden! Erst dann kann die Würde des Menschen als unser Bild wieder auferstehen: unsere Würde wirksam und wirklich befördern. Die Diskussionen um verantwortungsvolle Sterbehilfe und selbstbestimmtes Sterben zeigen, wie eine vernünftige Fiktion, hier die von der Würde des Menschen, sich verhärten und trotz ihres humanen Anspruches sich gegen den Menschen wenden kann. (1) Zum anschauungsleeren, bloßen Begriff geworden, wird sie selbst da ins Feld geführt, wo das Bild des Sterbenden oder Sterbewilligen nach einem würdevollen Sterben ruft. Die pharmakologischen Mittel sind vorhanden, um ein schmerzfreies Sterben, gar einen Tod in Gefühlen des Glückes zu ermöglichen, doch verselbstständigen sich auch hier unsere Mittel zu Zwecken, indem ein würdevolles Sterben – und das heißt auch: ein Sterben ohne schweres Leiden – dem Sterbewilligen mit einer sinnentleerten juristischen Begriffslogik verweigert wird. Dabei sind aus der kulturellen Tradition die Beispiele hinreichend bekannt, wie gerade der selbstbestimmte Tod einen Höhepunkt menschlicher Freiheit vor Augen führen kann. Dem Schicksal trotzen zu können, ihm nicht ausgeliefert zu sein und im Freitod über ein als unwürdig empfundenes Leben und Los zu triumphieren ist ein ehrenwertes stoisches Gedankengut, das durch allseits bekannte historische Beispiele in überzeugender Weise befestigt worden ist. Was also hindert uns daran, für Sterbewillige diesen Weg in einer Gesellschaft zu ebnen, die für diesen entscheidenden Schritt die materiellen, medizinischen und organisatorischen Möglichkeiten bereitstellen könnte? Einer Gesellschaft, die Sterbezentren einzurichten in der Lage ist, in denen nach intensiver Beratung jeder sein Leben zum selbst gewählten Zeitpunkt einem für ihn als sinnvoll empfundenen Ende zuführen könnte? Es sind Reste von schlechter, weil undurchschauter Metaphysik, die uns zu Opfern unserer eigenen Begriffsbilder werden lassen. Die Leere 470 Evidenzen der Einbildungskraft des nihilistischen Abgrundes möge sie verschlingen! Erst dann kann die Würde des Menschen als unser Bild, das nur uns zur Verfügung steht, wieder auferstehen: unsere Würde wirksam und wirklich befördern. Sisyphos’ letzter Abstieg „Feuerfunken“, der dritte Teil der Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“, stellt das Denkmotiv des selbstbestimmten Sterbens dar – bis hin zur Nacherzählung des Mythos von Sisyphos, der als undurchschaute Einbildung entlarvt und von Sisyphos selbst im freiwillig letzten Abstieg in den Abgrund zu einer durchsichtigen Einbildung angeeignet wird (2). Jenseits aller Ordnungsversuche: der Tod Gerade für den Nihilisten, der es sich nicht so leicht verbieten lassen wird, mit für ihn einsichtigen Gründen „Hand an sich zu legen“, ist es verführerisch, im Chaos des Lebens den Tod in die Aufräumversuche einbeziehen zu wollen. Doch nicht nur durch die kontingenten Bedingungen des Sterbens werden solche allzu weit getriebenen Ordnungsversuche durchkreuzt oder in den zögerlichen Hilfen, die eine Gesellschaft in dem Aberglauben zurückhält, es müsse um jeden Preis gelebt werden. Vielmehr merken wir: Es hat seinen eigenen Reiz, in die Geheimnisse und den Zauber der Nacht hineinzublicken, diese Dunkelheit ziehen wir dem kalten Licht der Kliniksäle vor, in denen unser Sterben durchorganisiert und vorprogrammiert abläuft. Wir brauchen nur diese Imagination zu entwickeln, wir könnten um unseren Todestag wissen, ihn entsprechend einplanen und vorbereiten. Viele von uns werden von dieser Imagination gerne Abstand nehmen, denn sie hat keine Evidenz, nichts von dem an sich, was man früher „Wahrheit“ nannte. Der Tod bleibt Teil der Nachtfahrt, die wir nicht erhellen können und wollen. Der Tod bleibt die Endphase der Nacht, in die wir hineinfahren. Um Evidenz konkurrierende Bilder vom Menschen Die Diskussion um selbstbestimmtes Sterben ließe sich dahingehend zusammenfassen, dass es ein Recht des Menschen auf Leben, aber keine Pflicht um jeden Preis zu leben gibt. Dies sind jedoch abstrakte Formulierungen, die erst durch anschauliche Bilder vom Menschen gesättigt sein müssen, um Evidenz zu entfalten. Nicht durch begriffliche Logik alleine, sondern erst durch solche Evidenz können die Menschenbilder 471 Bilderflucht ins Nichts ihre allgemeinverbindliche Kraft entfalten, die sich in der Konkurrenz mit anderen Bildern durchzusetzen vermag. Anmerkungen 1) Es versteht sich, dass wir den Verästelungen der Diskussion in ihre medizinischen und juristischen Aspekte nicht im Einzelnen nachgehen können. Sie muss aber auf eine angemessene Grundlage gestellt werden, d. h. als Diskurs über die vernünftige Imagination von der Würde des Menschen geführt werden. Ein herausragendes Beispiel der öffentlichen Diskussion ist der von Hans Küng und Walter Jens (der später selbst ein Fall möglicher Sterbehilfe wurde) herausgegebene Band: „Menschenwürdig sterben – Ein Plädoyer für Selbstverantwortung“ (1996). Das folgende Zitat von Walter Jens mag unterstreichen, wie dieser Diskussion die Frage nach Menschenbildern zugrunde liegt (S. 196): „Darf ich (…) nach einem selbstbestimmten Leben nicht auch einen selbstbestimmten Tod haben, statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fernher an mich erinnert? Und dieses letzte Bild wird bleiben und überdauert, für die Nachfahren, auf lange Zeit die Impressionen aus Tagen, da ich ein ‚Ich‘ und kein ‚Es‘, ein denkendes Wesen und kein zuckendes Muskelpaket war, kein Drahtmensch, sondern ein Wesen, dessen Stolz vielleicht in seiner Schwäche bestand – aber einer bedachten und eingestandenen Schwäche.“ 2) FF S. 187 ff. 472 Evidenzen der Einbildungskraft

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References

Zusammenfassung

Nihilismus, dieser „unheimlichste Gast“, wie Nietzsche ihn nannte, hat sich schon längst in unserem Hause bequem eingerichtet. Er ist heimisch geworden: im „anything goes“ der Postmoderne, dem Relativismus der Werte, den Fake News, dem Verlust an Wahrheit und Lebenssinn, dem Willen zur Macht, dem unsere Welt ausgeliefert zu sein scheint.

Trotzdem hat unsere politische und philosophische Korrektheit den Nihilismus zum Unwort und Schmähwort erklärt, will ihn sogleich überwinden, sobald das tabuisierte Wort gefallen ist. Doch können wir mit dem Nihilismus, diesem Abgrund an Leere und Sinnlosigkeit überhaupt leben?

Ganz gut sogar, meint Elmar Dod in seiner Philosophie des radikalen, aufgeklärten Nihilismus – wenn wir bei aller Skepsis den Evidenzen unserer Einbildungskraft mehr zutrauen und mit ihnen unser Leben jenseits der großen wie kleinen Alltagsideologien selbstständig und zielführend gestalten.