1.2. Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln in:

Elmar Dod

Der unheimlichste Gast wird heimisch, page 44 - 69

Die Philosophie des Nihilismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4185-7, ISBN online: 978-3-8288-7085-7, https://doi.org/10.5771/9783828870857-44

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie

Tectum, Baden-Baden
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1.2. Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln „Was ist also Wahrheit? … die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern …“ Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, KSA I, S. 880 f. § 16 In Bedeutungsreichtum schwebender Nihilismus Nihilismus ist keine Philosophie des Neinsagens. Er steht nicht unter der Verpflichtung, alle Werte abzulehnen, sondern das Wechselspiel von Position und Negation definiert ihn, ein Schwebezustand, in dem Werte – oder allgemeiner gesagt: Positionierungen – bald auftauchen, bald verschwinden und in diesem Oszillieren ihre letztliche Nichtigkeit wie begrenzte Gültigkeit erweisen. „Nihilism: es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das ‚Warum?‘ was bedeutet Nihilism? – daß die obersten Werthe sich entwerthen. Er ist zweideutig …“ (1) Nietzsches Definition besagt nicht, dass es grundsätzlich keinerlei Werte gebe, was die recht widersprüchliche Aufstellung eines nihilistischen Prinzips der kategorischen Ablehnung wäre, sondern bezieht sich ausdrücklich auf „die obersten Werte“. So steht der Nihilist nicht unter der Verpflichtung, alle Werte abzulehnen (2), sondern das Wechselspiel von Position und Negation macht seinen Nihilismus aus, ein Schwebezustand, in dem Werte bald auftauchen, bald verschwinden und in diesem Oszillieren ihre letztliche Nichtigkeit, aber auch begrenzte Gültigkeit erweisen. (3) Indem dabei kein Summum Bonum mehr die Werteskala regiert, fehlt es zwar nicht grundsätzlich an Werthierarchien, die wie die einzelnen Werte bald auftauchen, bald verschwinden können, wohl aber ist die „einzige, letztgültige“ Wertordnung dem nihilistischen Denken nur noch eine Vorstellung unter anderen und damit keine schlechthin verpflichtende Wirklichkeit und Wahrheit mehr. „Obere“ und „untere“ Werte sind zu perspektivischen Begriffen relativiert, Maßstäbe ändern sich und entgleiten dem nach einem unverrückbaren „Ziel“ und einem 44 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters letztgültig sicheren „Grund“ verlangenden Bewusstsein, das mit seinem „Warum“ nach einer prima Causa wie einem finalen Telos sucht. So meint Nihilismus nicht das Fehlen jeglicher Werte, wie es die gängige Verfälschung und Verunglimpfung dieses Begriffes insinuiert, sondern nähert sich der Haltung des „anything goes“, einer wählerischen Beliebigkeit, wie sie in den als „post-modern“ titulierten Kontexten von Kunst und Lebensstil schon längst zur gängigen Praxis westlicher Kulturen gehört, ohne dass freilich die dahinter stehenden Machtinteressen ebenfalls ihrer Nichtigkeit überführt würden. Solche Beliebigkeit wird in einem weiteren Schritt die Grundlage einer selbstständigen und zielführenden Auswahlentscheidung im aktiven Nihilismus, ohne eine letztbegründete Wahrheit zu reklamieren: Dies ist die Zweideutigkeit, die Nietzsche mit seinem in passiven und aktiven Nihilismus ausdifferenzierten Begriff im Zitat oben verbindet. Selbst die als allgemeinverbindlich proklamierten kulturellen Rechtsvorstellungen, etwa in Form der Menschen- und Grundrechte, sind kollektiv zur Anerkennung gebrachte Spielregeln, die sich zwar auf größtmögliche Evidenz, aber keine Letztbegründung berufen können. Nihilismus ist kein „Neinismus“ „Nihilismus“ darf nicht zum bloß kindlich-trotzigen Neinsagen bzw. zum „Neinismus“ sprachlich-begrifflich degradiert werden. (4) Denn in voller Bedeutung des Wortes meint er nicht nur die Verneinung aller positiven, sondern auch negativen Ansätze, insofern diese zu „Wahrheiten“ festgestellt bzw. hypostasiert werden. Erst in dieser Vielschichtigkeit von passivem und aktivem Nihilismus in Nietzsches Sinne kann der Begriff seinen diffamierenden Beigeschmack verlieren. Das Wechselspiel von Position und Negation meint hier keinen rechnerisch ausgeglichenen Proporz, sondern die Grundierung bleibt negierend, wie dies der Grundzug des nihilistischen Denkens ist. Dessen Regeln ergeben sich als Spielregeln, die nicht in Stein gemeißelt, sondern Bedingungen unterworfene Positionen sind. Anmerkungen 1) Vgl. KSA XII S. 350 und Nietzsches daraus entwickelte Unterscheidung in passiven und aktiven Nihilismus 2) Mephistos Selbstcharakterisierung als „Geist, der stets verneint“ kann im Sinne unserer Differenzierungen als nihilistisch verstanden werden, insofern solche 45 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln Verneinung immer wieder den Aufbau von Positionen voraussetzt, etwa in Form der „Werte“ und „Ziele“, die Faust von Mephisto vorgesetzt werden. Dessen Selbsteinordnung als „Sünde“, „Zerstörung, kurz das Böse“ spiegelt die traditionelle „Verteufelung“ des Nihilismus wider, wobei jedoch daran zu erinnern ist, dass Goethes Theodizee im „Prolog“ zur Faust-Tragödie eine Rechtfertigung von Mephistos „Nihilismus“ als des Bösen einschließt. Goethe 1986. S. 18, V. 336– 343 sowie S. 47, V. 1338–1344 3) Diese Definition von Nihilismus als eines Schwebezustandes hat Müller-Lauter (1974 u. 1975) sehr überzeugend durchgeführt. 4) Friedrich Lebrecht Goetz verwendete 1733 das Wort Neinismus als literarischen Terminus für den Nihilismus. – Auch umgangssprachlich bedeutet Nihilismus die Verneinung aller positiven (seltener auch negativen) Ansätze. Die Parenthese ist aber wichtig, denn erst so tritt der Nihilismus aus dem apodiktischen, dogmatischen, dem Nihilismus im Kern also unangemessenen bloßen Neinsagen heraus. Es ist unschwer zu erkennen, wie Bedeutungsverengung im Sprachgebrauch und Begriffsdiskreditierung sich wechselseitig stützen. – Einen entscheidenden Anstoß zur Abwertung des Begriffs gab Iwan Turgenew mit seinem Roman „Väter und Söhne“ (1862): Vom Standpunkt eines vorgeblichen Idealismus aus werden die Anhänger sozialrevolutionärer Ideen, die auf eine materielle Umgestaltung der russischen Gesellschaft abzielen, als Nihilisten verächtlich gemacht. 46 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 17 Halt in durchschaubaren Einbildungen In dem, was wir für Wirklichkeit halten, geben uns Hinein-Bildungen in diese Halt, welche die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus als Einbildungen durchschaubar macht: eine von unserer Einbildungskraft durchwirkte Wirklichkeit. Für diese philosophische Position ist nicht die Verneinung, sondern der Schwebezustand zwischen Bejahung und Negation, Sein und Nichtsein charakteristisch. Wechselspiel von Position und Negation, Oszillieren zwischen Sein und Nichtsein bzw. Schwebezustand sind Begriffe, die den Nihilismus in philosophischer Hinsicht definieren. Dass in solchem Schweben der Mensch in seinen empirischen Zuständen nicht fortwährend mit Solidität leben kann, ist kein Widerspruch, denn dort geben uns immer wieder vorübergehend verfestigte Einbildungen Halt, die wir zuweilen für unumstößliche Positionen, schlechthin vorgegebene Wirklichkeiten und Wahrheiten halten mögen. Die philosophische Reflexion ist dann unterbrochen oder hat sich selbst aufgehoben, bis sie intermittierend wieder zurückkehrt und uns innewerden lässt, dass es Hinein-Bildungen in die Wirklichkeit waren, die uns leiteten. Solche Ein-Bildungen als solche durchsichtig werden zu lassen, ist Aufgabe einer Philosophie des aufgeklärten Nihilismus, die diesen Schwebezustand durchschaubar macht. Dabei verwenden wir gelegentlich die Schreibung „Ein-Bildung“, um den aktiven Charakter dieses mentalen Vorgangs hervorzuheben sowie abwertenden Voreinstellungen entgegen zu wirken. (1) Auch der Begriff „Halt“ muss gegen abwertende Voreinstellungen verteidigt werden, die dem Nihilismus für gewöhnlich Halt- und Orientierungslosigkeit vorwerfen. Halt meint in unserem Kontext der nihilistischen Philosophie keinen „Haken“, an den wir unsere Autonomie gleichsam „aufhängen“ (2) und sie abgeben, sondern ein überlegtes Changieren zwischen Orientierungspunkten unterschiedlicher Festigkeit, die aber in keiner dauerhaften Verfestigung erstarren. So legt das Nihil in der Philosophie des aufgeklärten Nihilismus einen Schwerpunkt auf die Abständigkeit, kennt aber auch einen Abstand von diesem Abstandnehmen: in der vorübergehenden Identifikation, einem Ja-Sagen, das sich wieder zurückzunehmen vermag. Ein solches Oszillieren zwischen Nein und Ja, eine solcher Schwebezustand zwischen Sein und Nichts ist für 47 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln den aufgeklärten Nihilismus charakteristisch, auch wenn er für gewöhnlich mit „bloßer“ Negation gleichgesetzt und in solcher Vereinseitigung diskreditiert wird. Anmerkungen 1) Wir folgen der ausführlichen Begründung dieser Schreibung in PhB S. 64, wo nach einem deutschen Wort gesucht wird, das den illusionären Charakter der Wirklichkeit – hier gemäß buddhistischen Erkenntnislehren – wiedergibt: „Schwer ist es nun, im gegenwärtigen Deutsch ein Wort anzugeben, das jene Unterscheidungen, die sich auf die durch den inneren Sinn hervorgerufenen Empfindungen beziehen, treffend und unmissverständlich bezeichnet. Einfacher ist und bleibt es, wenn man sich auf die Terminologie Kants bezieht: Dann ist nämlich ‚Einbildung‘ das hierfür passende Wort, zu lesen als ‚Bildung eines inneren Bildes‘. Aber unglücklicherweise hat dieses Wort seit längerer Zeit in der Psychologie eine Bedeutung erhalten, die ein Krankheitsbild markiert; und im Alltag hat es zudem eine Bedeutung von abschätziger Art. Der Ausdruck ‚Visualisierung‘ trifft, falls er überhaupt alle Seh-Vorstellungen erfasst, nur diese, nicht hingegen die Hör-Vorstellungen, für die man dann das aus dem Ärmel geschüttelte Wort ‚Audialisierung‘ erfinden könnte. Viele Menschen können sich Tastungen – insbesondere Tastungen von sehr angenehmer Art – so intensiv vorstellen, dass sie von den Wahrnehmungstastungen gefühlsmäßig nicht mehr zu unterscheiden sind: Sie haben sich diese dann – im einen Fall gewollt, im anderen Fall ungewollt – eben eingebildet. Wäre man somit in der Lage, das Wort ‚Einbildung‘ ganz auf der Linie von Kants Wortgebrauch zu verwenden oder zumindest vom alltäglichen Gebrauch dieses Wortes abzusehen oder zumindest von dessen abschätziger Komponente, dann hätte man dafür ein die Sache sehr genau treffendes intellektuelles Werkzeug zur Hand. Um auf dieses Werkzeug nicht ganz zu verzichten, aber trotzdem nicht bei den Lesern die nicht-intendierten Assoziationen zu wecken, schreiben wir daher im Folgenden: ‚Ein-Bildung‘“. 2) Vgl. ND S. 371 48 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 18 Spielregeln der Arbeit an Begriffsdomen Denken meint den Prozess der Verstandestätigkeiten sowie deren Selbstreflexion in der Vernunft und schließt die Tätigkeit der Einbildungskraft ein: Mit Vernunft leben wir von bedeutungsvollen Fiktionen, welche in der von der Vernunft freigeräumten Leere eine begrenzte Evidenz entfalten können. Die Frage nach der Wahrheit wird zur Frage nach solchen Evidenzen, welche die Einbildungskraft zu entfalten fähig ist, ohne noch die Wahrheit beanspruchen zu können. Die Begriffe Phantasie, Einbildungskraft und Imagination werden in unserer Studie synonym gebraucht, weil keine signifikante semantische Differenzierung dieser Wörter zu erkennen ist, sondern aus dem jeweiligen Kontext erschlossen werden muss, welche Leistungen dieses facettenreichen Vermögens jeweils gemeint sind. „Einbildungskraft“ hat sich als philosophischer Terminus im Deutschen durchgesetzt, weil er sich vorzüglich eignet, die Tätigkeit des „In-Eins-Bildens“ und „Ein-Bildens“ in seinen verschiedenen Bedeutungen sprachlich auszudrücken. (1) Im Englischen wird „fancy“ zuweilen von „imagination“ unterschieden, um ein bloß assoziierendes, erinnerndes von einem schöpferischen Vermögen abzusetzen. (2) Dt. „Imagination“ oder „Phantasie“ wiederum schafft durch die gr.-lat. Wurzel eine größere Affinität zu anderen Sprachen; (3) Fiktion betont durch lat. fingere den gemachten, erdichteten Charakter der Einbildung. Der sich befreiende wird als sich selbst reflektierender Verstand vernünftig, indem er das Denken denkt. Auch als Vernunft bleibt er das diskursive, im Grundzug negierende Vermögen. Entscheidend ist, dass die Vernunft in solcher Negation, nachdem sie sich von allen ideologischen Bindungen, d. h. undurchschauten Einbildungen frei gemacht und diese Freiheit als leere Form begriffen hat, in die Einbildungskraft übergehen und in ihr Gestalt, d. h. eine scheinhafte Realität annehmen kann, ohne noch „die“ Vernunft sein zu können. Aufgrund der Präponderanz des Anschaulichen ist es dann angemessen, von einer vernünftigen oder bedeutungsvollen Einbildungskraft zu sprechen, deren Ein-Bildungen in der von der Vernunft freigeräumten Leere eine begrenzte Evidenz entfalten können. Es ist die Vernünftigkeit der Einbildungskraft, die schließlich in den Mittelpunkt unseres philosophischen Interesses an der Vali- 49 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln dität der Erkenntnisprozesse rückt. Die Frage nach der Wahrheit wird zur Frage nach den Evidenzen, welche die Einbildungskraft in der nihilistischen Leere zu entfalten fähig ist. Denken umfasst den Prozess solcher Verstandestätigkeiten sowie deren Selbstreflexion in der Vernunft und schließt – insbesondere in seinen Anfangs- und Endphasen – die Tätigkeit der Einbildungskraft ein: Mit Vernunft leben wir von bedeutungsvollen Fiktionen. Selbst wenn wir die Begriffe zu Pyramiden auftürmen, bleibt diese fiktionale Grundierung erhalten, in der das Nichts erahnbar ist. Selbst Kants gewaltiges, bis in alle architektonische Feinheiten hinein ausgearbeitetes Begriffssystem ist in eine solche Leere hineingebaut, die wir kaum denken können, ohne sie mit Bildern zu füllen. Die aus dem östlichen Denken bekannte Metapher vom Schleier der Maya, die Metaphorik der Nacht, der Wolken und der See eignen sich in besonderer Weise, um das Nichts „zur Erscheinung zu bringen“, in das Gestaltlose Gestaltetes ein-zubilden. (4) Nietzsche, der Kants erkenntnistheoretischen Ansatz weiterführt und dessen nihilistische Konsequenzen in seiner eigenen Philosophie hervorkehrt, hat in einer solchen nautischen Metapher die Leere versinnbildlicht, in die solche „Begriffsdome“ hineingebaut sind: „Man darf (…) den Menschen wohl bewundern als ein gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fliessendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich complicirten Begriffsdomes gelingt; freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muss es ein Bau, wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von dem Winde auseinander geblasen zu werden.“ (5) Anmerkungen 1) Dies ist der Grund, weshalb wir im Untertitel von den „Evidenzen der Einbildungskraft“ sprechen. 2) „Fancy“ kommt Kants „reproduktiver Einbildungskraft“ nahe. 3) Zur angelsächsischen Tradition von „imagination“ s. Engell 1981. In Hinblick auf diese Tradition haben wir zu Beginn der Beschäftigung mit der Thematik den Titel „Die Vernünftigkeit der Imagination“ für unsere komparatistische Studie über Schiller und Shelleys ästhetische Theorien gewählt; s. DVI 1985 4) In den Veden „wurde das Denken mit all seinen feinen Unterscheidungen erkannt als eine nur weiter hinausgeschobene Grenze der Unwissenheit, ja als der aller- 50 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters feinste Täuschungskniff der Maya.“ Zimmer („Philosophie und Religion Indiens“) 1961, S. 409. Im Titel unserer den Nihilismus in epischer Form darstellenden Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“ haben wir diese Metapher verwendet. Reichert (2016) entwickelt in „Wolkendienst: Figuren des Flüchtigen“ in sehr beindruckender Weise diese Metaphorik einer Gestaltung des Gestaltlosen. 5) Nietzsches kleines Aufsatz-Manuskript „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ von 1873, dem dieses Zitat entstammt, ist selbst ein solcher „zarter“, aber doch „fester“ „Begriffsdom“, ein Grundlagentext für unsere und – wie wir meinen – jede Auseinandersetzung mit dem Nihilismus. KSA I (S. 873– 890, hier S. 882). Die Übernahme ästhetischer Kategorien in die Erkenntnistheorie, die Welsch als „epistemologische Ästhetisierung“ bezeichnet, wird in Nietzsches Aufsatz begründet (Welsch 1996, siehe sein „Fazit“ S. 52 f.) 51 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln § 19 Bildakte im Selbstverbrennungsprozess des Denkens Bilder sind Anschauungen, deren synthetisierende, interpretierende, „uns ins Bild setzende“ Leistung der Begriff des Bildaktes hervorhebt, der keine Zutat für unser ein-bildendes Denken darstellt, sondern als dessen unverzichtbarer Bestandteil gelten muss. Um der aktiven Rolle des Bildlichen gerecht zu werden, der lebendigen Eigenkraft der Bilder, verwendet Bredekamp in schlüssiger Weise den Begriff des „Bildaktes“, der sich an die Sprechakttheorie von Austin und Searle anlehnt: „Reziprok zum Sprechakt liegt die Problemstellung des Bildakts darin, welche Kraft das Bild dazu befähigt, bei Betrachtung oder Berührung aus der Latenz in die Außenwirkung des Fühlens, Denkens und Handelns zu springen. Im Sinne dieser Frage soll unter dem Bildakt eine Wirkung auf das Empfinden, Denken und Handeln verstanden werden, die aus der Kraft des Bildes und der Wechselwirkung mit dem betrachtenden, berührenden und auch hörenden Gegenüber entsteht.“ (1) Bilder verstehen wir in diesem Sinne als umfassenden Begriff für visuell bzw. sinnlich geprägte Informationen, Prozesse und Situationen visueller bzw. sinnlicher Erfahrung. Wenn Bilder insbesondere durch Sprache in der Einbildungskraft evoziert und durch diese in subjektiver Weise kreativ ausgestaltet werden, verbinden sie sich mit Reflexionselementen und begrifflichem Denken, das von solchen Anschauungen nur in einem arbeitshypothetischen Sinne getrennt werden kann. Insofern Bilder dieser Art durch Texte vermittelt werden, also beispielsweise einer narrativen Textstruktur unterliegen, sind sie nicht nur statisch, sondern eine Bildfolge, in die wiederum reflexive Elemente ordnend, assoziierend, strukturierend und interpretierend eingreifen, sodass eine sinnstiftende, in Bilder aufgefächerte Erzählung entstehen kann. Im Kontext einer den Nihilismus auf den Begriff bringenden Philosophie ist zu reflektieren, dass Bilder wie Gedanken in eine Sogwirkung geraten, in der sie sich gegenseitig negieren, aufheben und verflüchtigen. Besonders in der metastasierenden Bilder-, Gedanken-, Informations-, 52 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters Text- und Bücherflut unserer Kulturen ist eine Überflutung, Abstumpfung und Selbstaufhebung zu beobachten, durch welche eine Leere im einzelnen Rezipienten erzeugt wird, die dieser oft nur erahnt, unsere Philosophie jedoch auf den Begriff zu bringen versucht. Das Denken und seine Bilder bewegen sich in einen kulturellen Selbstverbrennungsprozess, der dem Nichts zutreibt. (2) Erst wenn wir diesen Prozess der sich selbst verschleiernden und verlängernden Selbstnegation registrieren und überdenken, können wir die Aktivität der Bildakte in unser nihilistisches Zeitalter begrifflich einordnen. Anmerkungen 1) Bredekamp („Theorie des Bildakts“) 2010, S. 52 2) Schon der frühbuddhistische Denker Nagarjuna sprach vom „Verbrennungsprozeß des Denkens durch das Denken selbst“; vgl. die Darstellung dieser frühen nihilistischen Philosophie bei Jaspers (NA) S. 943–953, bes. S. 946 53 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln § 20 Werte als Augenpunkte Werte sind Gesichtspunkte, welche die Einbildungskraft als subjektives Vermögen in unser Anschauen und Denken hineinbildet. Für den aufgeklärten Nihilismus gibt es kein Verbot, Werte zu setzen. Doch können wie andere Positionen solche Werte nur begrenzten, flüchtigen, letztlich nichtigen „Wert“ haben. So opponiert der Nihilismus einem Wertdenken, das diese in verdinglichender, absoluter Weise zu setzen sucht: „Der Gesichtspunkt des ‚Werths‘ ist der Gesichtspunkt von Erhaltungs-Steigerungs-Bedingungen in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb des Werdens: –: es giebt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome, keine Monaden: auch hier ist ‚das Seiende‘ erst von uns hineingelegt, (aus praktischen, nützlichen perspektivischen Gründen)“ (1) Werte sind Gesichtspunkte. Dieser Bezug auf Visuelles ist nicht nur metaphorischer Art. In der Tat bilden wir Werte ein, indem wir auf sie hinblicken und hindenken, wobei wir damit unseren Erkenntnisapparat vorstrukturieren. Werte als solche Ein-Bildungen in unserem Anschauen und Denken zu erkennen, sie selbstdurchsichtig zu erhalten ist eine Spielregel des aufgeklärten Nihilismus. Werte als Augenpunkte „Das Wesen des Wertes beruht darin, Gesichtspunkt zu sein. Der Wert meint solches, was ins Auge gefaßt ist. Wert bedeutet den Augenpunkt für ein Sehen, das es auf etwas absieht, oder, wie wir sagen, auf etwas rechnet und dabei mit anderem rechnen muß. Wert steht im inneren Bezug zu einem Soviel, zu Quantum und Zahl … Durch die Kennzeichnung des Wertes als eines Gesichtspunktes ergibt sich das Eine und für Nietzsches Wertbegriff Wesentliche: als Gesichtspunkt ist er jeweils von einem Sehen und für dieses gesetzt. Dieses Sehen ist von jener Art, daß es sieht, insofern es gesehen hat; daß es 54 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters gesehen hat, indem es das Gesichtete als ein solches sich vor-gestellt und so gesetzt hat. Durch dieses vorstellende Setzen wird erst der für das Absehen auf etwas nötige und so die Sehbahn des Sehens leitende Punkt zum Augenpunkt, d. h. zu dem, worauf es im Sehen und in allem von der Sicht geleiteten Tun ankommt. Werte sind also nicht zuvor etwas an sich, so daß sie dann gelegentlich als Gesichtspunkte genommen werden können. Der Wert ist Wert, insofern er gilt. Er gilt, insofern er als das gesetzt ist, worauf es ankommt. Er wird so gesetzt durch ein Absehen und Hinsehen auf solches, womit gerechnet werden muß. Der Augenpunkt, die Hinsicht, der Gesichtskreis meint hier Gesicht und Sehen in einem von den Griechen her bestimmten, aber durch die Wandlung der idea vom eidos zur perceptio hindurchgegangenen Sinne. Das Sehen ist solches Vorstellen, das seit Leibniz ausdrücklicher im Grundzug des Strebens (appetitus) gefaßt wird. Alles Seiende ist vorstellendes, insofern zum Sein des Seienden der nisus gehört, der Drang zum Auftreten, der etwas dem Aufkommen (Erscheinen) anbefiehlt und so sein Vorkommen bestimmt. Das dergestalt nisus-hafte Wesen alles Seienden nimmt sich so und setzt für sich einen Augenpunkt. Dieser gibt den Hinblick, dem es zu folgen gilt. Der Augenpunkt ist der Wert.“ (2) Wir haben diese Definition des Begriffes „Wert“ so ausführlich zitiert, weil die Wertediskussion ins Zentrum des Nihilismus-Problems führt. Dabei wird deutlich, dass „Wert“ ein sich verfestigendes Anschauen und Einbilden von Gegenständlichkeit ist, sich also vor allem auf die Tätigkeit der Einbildungskraft als eines subjektiven, ponierenden Vermögens zurückführen lässt. Anmerkungen 1) KSA XIII S. 36 2) Heidegger („Nietzsches Wort ‚Gott ist tot‘“ in: „Holzwege“) 2003, S. 227 f. 55 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln § 21 Das Bildrohr der Einbildungskraft Was wir metaphorisch als Bildrohr der Einbildungskraft bezeichnen, artikuliert in ihren Aktivitäten des Ein-Bildens und In-Eins-Bildens unsere unbewussten, sinnlichen Antriebe, die unser Denken maßgeblich antreiben, begleiten und in Zielvorgaben lenken. Unser Vermögen der Bilder ist die Einbildungskraft. Sie nimmt nicht nur Bilder rezeptiv auf, sondern dieser rezeptive Vorgang ist verbunden mit einer selektierenden, umformenden aktiven Tätigkeit. Solche Spontaneität steigert sich im weglassenden, auswählenden Erinnern, Assoziieren oder Neubilden von Bildern, in denen aus der äußeren Welt Rezipiertes, Erinnertes und neu Geschaffenes verarbeitet und zusammen mit Reflexionselementen „in eins“ gebildet werden kann. Das „Ein-Bilden“ im Sinne der praktischen Tätigkeit des Hineinbildens und das In-Eins-Bilden als synthetisierender Vorgang sind die beiden Grundtätigkeiten der Einbildungskraft in Bezug auf unsere Bildgewinnung. Im weitesten Sinne sind „Bilder“ auch die in einem unbestimmt vorbildlichen Bereich operierenden sinnlichen Antriebe, Stimmungen und Gemütslagen, die potentiell zur Umsetzung in Bildlichkeit drängen oder diese rudimentär und fragmentarisch schon erreichen. Indem die Einbildungskraft solche Bildlichkeit schließlich an die Oberfläche zu bringen vermag, ist sie wie ein Bildrohr, das tief in die vorbegrifflichen, triebhaften, unbewussten und unbildlichen Schichten unseres Bewusstseins hinabreicht und diesen Ausdruck verleiht. Dabei wirken Bilder in einem systematischen Sinn als Grundlage wie Ziel des Denkens. Sie sind nicht gleichsam selbstständig, sondern Produkt der Einbildungskraft, auf die eine Theorie der Bildakte im Zusammenhang von Erkenntnistheorie reflektieren muss. Ikonographien der Aufklärung Der Begriff des Bildaktes und der Einbildungskraft ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Philosophie des Nihilismus, insofern sie diesen über sich selbst aufklären will. In dieser „iconic turn“ zieht die Selbstreflexion der Aufklärung ihre radikale Konsequenz, insofern sie sich auf die irrationalen Antriebe des Denkens im Anschauen besinnt. 56 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters „Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens“ (1) ist in eine Phase eingetreten, in der die Ikonographie der Bildgewinnung und Bildakte integraler Bestandteil der Selbstreflexion in einer „Aufklärung der Aufklärung“ geworden ist: „Anders als in der Theologie haben Bilder in der Philosophie niemals einen zentralen Stellenwert eingenommen. Ein wesentlicher Grund für dieses Defizit liegt in der Annahme, daß Platon den Bildern einen nur minderen, wenn nicht negativen Status zugestanden habe.“ (2) Wie in der Diskreditierung des Nichts hat in der des Bildlichen die „Tyrannei des Griechentums“ – in Verbindung mit einer einseitigen Auslegung Platons – unser Verständnis von Aufklärung verengt. Aber durch solche Verengung haben wir begriffen, welche Fesseln zu sprengen sind, welche neuen Spielregeln des Diskurses jetzt gelten. Damit gewinnt die Auffassung an Boden, „dass von einer vollgültigen Aufklärung erst zu sprechen ist, wenn diese das Visuelle, Haptische und Auditive als Primärfelder ihrer Bewährung einbezieht.“ (3) Hinzuzufügen wäre, dass es die Einbildungskraft ist, die als Trägerin dieser vernachlässigten Bereiche Teil einer Selbstreflexion von Aufklärung werden muss. Damit ist der Begriff des Bildaktes und grundsätzlicher: der Einbildungskraft ein unverzichtbarer Bestandteil der fälligen Philosophie des Nihilismus geworden, insofern sie uns in einer „iconic turn“ (4) der Aufklärung über unser Haften an Bildern aufklären und immer wieder von diesen zu befreien sucht. Bildgewinnung wie Bildvernichtung sind gleichermaßen integrale Bestandteile des aufgeklärten Nihlismus. Anmerkungen 1) DA („Begriff der Aufklärung“) S. 7 2) Bredekamp 2010, S. 36: Platons Sicht der Bilder sei in der Rezeption einseitig dargestellt worden. Hierzu S. 36 ff. („Platons Begründung des Bildakts“) 3) Ebd. S. 56 4) Der Begriff „iconic turn“ ebd. S. 51 u. passim 57 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln § 22 Nihilistische simplicitas Der Nihilismus vernichtet den gordischen Knoten: Seine Problemverschlingungen lösen sich auf ins Nichts. Ist erst einmal das Nichts als Thema erkannt worden, werden die Gespräche einfacher. All das Herumreden, Ausweichen, all die Verstellungen sind nicht mehr nötig und möglich. Die Probleme der Philosophie lassen sich nun leichter ihrer „Lösung“ zuführen. Es ist, als ob man den gordischen Knoten durchschlagen hat und auf die kurzen, geraden Seil-Enden in beiden Händen blickt, sich wundernd, wie verschlungen, verknotet, verwickelt sie doch vormals waren! Die Sprache kann jetzt an Klarheit gewinnen. Denn in die Verquastheiten des Knotens, die mäandrierenden Verschlingungen der Seile muss mit dialektischer Finesse nicht mehr zurückgedacht werden. Alles marktschreierische Gestikulieren mit dem unbrauchbar gewordenen Seil erübrigt sich von selbst. All die Gags der überraschenden Wendungen und Windungen, angereichert mit dem Zierrat jahrtausendealter Bildungstraditionen, sind nach dem Schwertschlag des Wortes „Nichts“ verpufft. Unwiderruflich halten wir die Seil-Enden in Händen: Es sind zwei Stummel eines Seiles, auf die wir blicken. Das Nichts beim Namen nennen dürfen wir endlich im aufgeklärten Nihilismus – und mit diesem Nichts auch die letztliche Sinnlosigkeit bzw. Sinnwidrigkeit, die Leere unserer menschlichen Existenz zugeben. Die alten Tabuisierungen können wir hinter uns lassen, für die wir in noch so gelehrten Unterhaltungen mühelos Beispiele finden werden, wenn wir diese Wörter zur Sprache und auf den Begriff zu bringen den Mut haben – und eine neue Klarheit des Sprechens und Denkens gegen den Vorwurf der Naivität verbreiten. 58 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 23 Philosophische Metastasen Verlieren wir nicht den Mut, uns unseres eigenen Verstandes und unserer eigenen Einbildungskraft gegenüber den neuen Autoritäten des Philosophiebetriebes und Philosophiemarktes zu bedienen! Denken wir – befreit von Bevormundung durch Namedropping, Demut vor Lehrstühlen und Titeln – nur über die Gedanken selbst nach, die geäu- ßert und geschrieben werden, jenseits des dröhnenden Marketings, von wem auch immer, wo auch immer! Philosophie erstickt im Philosophiebetrieb. Lehrstühle und Namen zählen auf dem Markt der Veröffentlichungen, nicht der Gedanke selbst, das Argument selbst – trotz aller scheinheiliger Beteuerungen einer Diskursethik, nach der angeblich der zwanglose Zwang des besseren Argumentes den Ausschlag geben soll. Doch der verinnerlichte Zwang, sich im Philosophiebetrieb und auf dem Philosophiemarkt zu qualifizieren und zu profilieren, die Forderung des „publish or perish“ hat zu einer metastasierenden Veröffentlichungsflut geführt, in der die Exponenten des Wissenschaftsbetriebes einander kaum noch wahrnehmen, kaum noch verstehen wollen. Ein solcher Betrieb trägt die Keime seiner eigenen Vernichtung in sich, negiert sich selbst (1), auch wenn als Nebeneffekt sehr eindrucksvolle Leistungen gegen alle Tendenzen eines solchen Philosophiebetriebes entstehen. Leicht könnten wir die Schlussfolgerung ziehen, dass authentisches Philosophieren nur außerhalb eines solchen Betriebes möglich sei – wenn sich mit dieser Festlegung nicht eine neue Marktlücke für die auftäte, die sich solche Residuen begierig einverleiben. Verlieren wir nicht den Mut, uns unseres eigenen Verstandes und unserer eigenen Einbildungskraft gegenüber den neuen Autoritäten des Philosophiebetriebes und Philosophiemarktes zu bedienen! Denken wir – befreit von Bevormundung durch Namedropping, Demut vor Lehrstühlen und Titeln und gefeit gegen den Vorwurf der Naivität – über die Gedanken und Einbildungen selbst nach, die mitgeteilt werden, jenseits des dröhnenden Marketings, von wem auch immer, wo auch immer! Diese Spielregel möge größtmögliche Evidenz entwickeln. 59 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln In den Mahlwerken des Wissenschaftsbetriebs Zur Klärung sei hinzugefügt, dass es hier um die bestimmte Negation von Auswüchsen im Wissenschaftsbetrieb der Philosophie geht. Dass es prinzipiell in den Bildungseinrichtungen eine Organisation der Philosophie als Disziplin geben sollte, ihre institutionelle Verankerung in der Gesellschaft sowie gesellschaftlich anerkannte Qualifikationsnachweise wird nicht bestritten. Gleichzeitig muss deutlich bleiben, dass eine solche organisatorische Verankerung von Philosophie in der Gesellschaft sinnvoll ist, aber keineswegs ein intellektuelles Machtmonopol etabliert. Auch außerhalb solcher Organisationsstrukturen kann mit demselben Geltungsanspruch authentische Philosophie entstehen. Das Urteil über ihre Qualität sollte sich an ihrem Inhalt orientieren und jedermann gleichermaßen zustehen, also von keiner „Interpretationshoheit“ bzw. einem Verlagsmonopol usurpiert werden. Dies klingt einleuchtend genug, stellt aber angesichts unserer gesellschaftlichen Praxis noch eine gewaltige Aufgabe dar. Anmerkungen 1) Die sekundierenden Dienste ästhetischer Theorien in der „Kunstwelt“ sind hierfür ein Beispiel: „Diskurse, die die Abwertung der Position des Werks zunächst ausgleichen, unterliegen in der Folge selbst einem verstärkten Rechtfertigungsdruck. Diese Situation mobilisiert die Bereitschaft aufseiten der entsprechenden Akteure, die Produktion theoretischer Modelle, Begriffe und Denkfiguren weiter anzuheben, um so die im Diskursraum sich verschärfenden Inflationstendenzen aufzufangen. Das bis heute immer wieder bemerkte Wuchern der Kunstkommentare ist in diesem Sinne nicht unbedingt ein Zeichen für den Triumpf eines selbstgewissen, als unfraglich legitim angesehenen Denkens in der Welt der Kunst, sondern eher Folge einer zunehmenden Instabilität des Faktors Theorie. Wie auf einem Segelschiff in einem tobenden Sturm intensiviert und beschleunigt die Gruppe der Kritiker und Kommentatoren ihre Aktivitäten, nur um nicht unterzugehen, während die verwendeten Instrumente ihrer Rettungsmaßnahmen zunehmend an innerer Solidität einbüßen.“ Zitko 2012, S. 302 60 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 24 Kosmologischer Erzählanfang als Befreiung von Namen Die Berufung auf autoritative Namen kann im philosophischen Diskurs hinderlich sein. Statt Namedropping sollte die eigene Denkfähigkeit bzw. deren evidente Demonstration den Ausschlag geben. Da reden sie vom idealen Diskurs und erkennen nicht ihre eigenen Eitelkeiten, Selbsterhebungen über andere, ihre Profilbildungsstrategien, Selbstinszenierungen, ihr Imponiergehabe, kurzum: all ihre Heuchelei, all ihre Verstellungen, denen ihre Bildung dient (1)! Dies alles fegt der Nihilismus hinweg, denn all die großen Namen, all die Bildungsgüter und Werte des Kulturbetriebs sind ihm letztlich – ein Nichts! Als hilfreiche Vorstellung brauchen wir nur etwa drei Milliarden Jahre vorauszudenken, einen lächerlich kleinen Zeitraum im vermuteten Ganzen der Weltzeit: All die Namen auch der Größten – Platon, Shakespeare, Goethe, Mozart, Einstein etc. in langer Gipsstatuettenreihe, die vor unserem vorausschauenden Blick zerbröselt – sie alle sind dahin, wenn einst die intergalaktischen Winde über den wüsten Raum unseres Planeten fegen werden oder über den leeren Ort, an dem er einst verglühte. Niemand wird dann da sein, sich an jene Namen nur zu erinnern, nur zu wissen, dass es Namen gibt … Selbst die Vorstellung an eine Erinnerung wird dann wohl nicht mehr existieren. (2) Lasst uns – wenigstens für eine friedliche Zeitspanne in unseren Gesprächen – die Waffen strecken, also auf Wendungen verzichten, mit denen wir uns auf Autoritäten berufen, denen sich andere zu beugen haben – oder gegen die sie andere, stärkere Autoritätswaffen ins Gesprächsfeld auffahren müssen. Verzichten wir also auf Wendungen wie: Kant hätte dem nicht zugestimmt, Hegel aber hat gesagt, Heidegger würde dies ablehnen, schon bei Platon finden wir … etc. Lassen wir ab von der Berufung auf Autoritäten! Hinweg mit allen Vormündern, die uns am selbstständigen Denken hindern! Auch den selbsternannten und selbstgewählten Vormündern auf unserem Kulturmarkt, aufgebläht durch Titel, Lehrstühle und Einschaltquoten! Denn nur unser Argument zählt, nur dieses Argument selbst soll Geltung beanspruchen dürfen – als Spielregel für uns selbst und die anderen! Lösen wir alle Autoritäten auf – bis auch diese letzte schwankende Gestalt sich auflösen wird: unser eigener Gedanke, unser eigenes Argument hier und jetzt in den endlosen Räumen der Zeit! 61 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln Überzeugungskraft liegt nicht in Namen Wir hoffen, dass es unnötig ist hinzuzufügen, dass es Namen in der geistesgeschichtlichen Tradition gibt, die durch die Überzeugungskraft ihrer Gedanken und Systeme eine Autorität darstellen, auf die wir uns berufen können, wenn es solche Überzeugungskraft ist, die uns zu solchem Rückgriff drängt. Nietzsche ist für die Bedeutung von Namen in der Philosophie ein treffendes Beispiel: Viele der Gedanken in seinen Fragmenten und Aphorismen erscheinen uns dürftig oder gar unsinnig, andere von höchster Überzeugungskraft. Es versteht sich, dass wir in dieser Studie nur die letzteren zu Wort kommen lassen. All der Unsinn, den Nietzsche auch geschrieben hat, nimmt dem Nietzsche-Kult und seinen Nietzsche-Verwaltern den Wind aus den Segeln. Nietzsche ist ein Philosoph, der es in besonderer Weise leicht macht, sich ihm zu nähern und sich auch wieder von ihm zu entfernen, als wolle er sagen: Vergesst doch meinen Namen! Es geht um Anderes, um die Bewältigung des Nihilismus, es geht um Euch! „Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt … Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.“ (3) Philosophieunterricht ohne Namedropping Ein Blick in schulische Lehrwerke zur Philosophie mag Beispiele dafür liefern, wie hier zu sehr der Focus auf dem Abarbeiten von Namen der Celebrities der Philosophiegeschichte liegt, also nicht vorrangig auf dem selbsttätigen Gebrauch des eigenen Verstandes im Sinne von Kants „sapere aude“. – Es ist dies auch ein Beispiel für das von Nietzsche in „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ kritisierte Überwuchern des historischen Bewusstseins, das sich im Archivieren und Horten von Vergangenem erschöpft – ohne Kraft, das eigene Bewusstsein auf die gegenwärtigen Fragen zu richten. Diesen Auswuchs hat Nietzsche im Typ des „Bildungsphilisters“ bloßgestellt. Kosmologische Anfänge großer Erzählungen Ein Blick sub specie aeternitatis auf die Höhepunkte unserer kulturellen Leistungen mag eine deprimierende, in diesem negativen Sinne „nihilistische“ Wirkung auf uns haben. Es geht von ihm aber auch eine befreiende und humanisierende Wirkung aus, wenn wir der Nichtigkeit 62 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters unserer aufgeblähten Egozentrismen inne werden und die Kämpfe um Selbstbehauptung und Anerkennung – und damit ist auch ein Denk-, Imaginations-, Schreib- und Gesprächsverhalten gemeint – an Wichtigkeit verlieren, d. h. „nichtig“ werden. Wir werden entlastet von dem Druck, unser Ego behaupten zu müssen. (4) Wieder geht es darum, die nihilistische Perspektive nicht verkürzt, sondern in voller Breite zu entfalten. Die angeführte Imagination kann ihren praktischen Wert als Diskursregel, gar als festes Besinnungsritual in Gesprächen, Tagesplanungen, Meditationen etc. haben. Dabei ist diese „Einbildung“ nicht „ver nünftig“ durch ihre faktische Richtigkeit (im obigen Beispiel müssen es nicht drei Milliarden und die intergalaktischen Winde sein), sondern durch ihre heuristische, selbstdurchsichtige Funktion der „Nihilierung“ unserer als positiv gesetzten, bloß eingebildeten Wichtigkeiten, deren fiktiver Charakter vorher nicht mehr durchschaut wurde. Anmerkungen 1) Nietzsche (KSA I S. 378) bezieht sich in diesem Zusammenhang treffend auf „die verfeinerten Raubthiere“, wobei ihm der Basler Universitätsbetrieb offenbar hinreichend Beispiele lieferte. 2) Vgl. den Roman „Tag der Erleuchtung“ (Dod 2007, S. 42 f.), wo der „Cocktail“ unserer Menschheitsgeschichten durch eine solche kosmische Perspektive eingeleitet und relativiert wird. E. L. Doctorow verwendet in seinem Roman „City of God“ (New York 2000) in ähnlicher Absicht eine episodenhafte Schilderung des „Urknalls“ gemäß den Big-Bang-Theorien. Solche kosmologischen Romananfänge oder diesen verwandte Erzähleinschübe können als erzähltechnische Besinnungsrituale gelten, durch welche die Handlung und ihre Bedeutung im nihilistischen bzw. „postmodernen“ Roman in ihrer richtigen, d. h. relativierten und „nichtigen“ Perspektive erscheint. 3) KSA IV S. 101 4) Dass diese kosmische Perspektive eine therapeutische Wirkung hat, wird in der fiktiven Psychotherapie, in der Nietzsche bald als Patient, bald als Therapeut erscheint, in „Und Nietzsche weinte“ (von Irvin D. Yalom 1994) einleuchtend dargestellt. Aus der Sicht des Arztes und Patienten Dr. Breuer stellt sich Nietzsches Therapiemodell so dar: „Er spricht von den Kunstgriffen, welche er anwendet, um sich selbst zu helfen – etwa seinem ‚Perspektivwechsel‘, vermöge dessen er sich aus einer fernen kosmischen Warte betrachtet. Er hat recht: Wägt man den trivialen Gegenwartsmoment vor dem Hintergrund eines langen Lebens, der Geschichte der Menschheit, der Evolution des Bewußtseins, dann verliert dieser natürlich seine überragende Bedeutung.“ (S. 260, vgl. S. 219) 63 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln § 25 Wichtige nichtige Prolegomena Der Nihilismus braucht Regeln, wenn er über sich selbst aufklären will. Diese Spielregeln der Logik haben jedoch keine letztgültige Verbindlichkeit. Sie sind nur ein logisches Spiel der Spezies Mensch. Die Erörterung der Spielregeln gehört zu den Prolegomena, die auch für andere gelten werden, wenn sie sich mit dem Thema Nihilismus befassen: Es wird eine Sprache notwendig sein, die den Anforderungen der grammatischen Korrektheit, der Verständlichkeit und Klarheit genügen muss. Es ist eine Logik vonnöten, die andere überzeugen soll; eine Struktur der Gedankenführung, wie sie sich in unserem Werk gar in Paragraphen äußert. All diese Grundlegungen aber widersprechen nicht der Auffassung, dass wir in einem vom Nihilismus maßgeblich geprägten Zeitalter leben. Selbstverständlich gibt es auch Nihilismus (dies ist sogar seine verbreitetste Form), der nichts von sich weiß, nichts über sich zu äußern vermag, keine Philosophie des Nihilismus kennt. Gerade dies ist Nietzsches These, dass Nihilismus – wenn auch unerkannt und uneingestanden – immer schon unsere geistige Geschichte der „abendländischen Werte“ geprägt hat. Was wir hier vorlegen, ist folglich eine Philosophie des aufgeklärten Nihilismus, der sich verstehen will – und sich dazu einer bestimmten klärenden Sprache und der Logik bedient. Zu ihren Regeln gehört, dass unser Nihilismus sich zu weitestgehender Konsequenz verpflichtet. Es sind Spielregeln, auf die wir uns einlassen, die wir mitspielen können – oder auch nicht, wenn wir auf die Aufklärung des Nihilismus verzichten wollen. So sind unsere Paragraphen als ein Vorschlag gemeint, wie ein wenig Struktur ins Chaos gebracht werden könnte, das sich doch immer wieder in ihnen und zwischen ihnen breit zu machen droht. Dass diese Paragraphen auch anders gegliedert werden könnten, in vielfältiger Weise miteinander verschränkt sind, nur eine fiktive Ordnung vorschlagen, die keineswegs so und nicht anders sein muss – das wird der zum Nihilismus geneigte Leser unschwer erkennen, ja diese Erkenntnis zu fördern ist Absicht unserer Abhandlung. Unsere Grundlegungen sind wichtige nichtige Prolegomena – oder mit einem leichteren Wort gesagt: Eintrittskarten zu einem Spiel, dessen Sinn nur darin evident werden kann, dass wir mit Interesse und Überzeugung mitzuspielen vermögen. 64 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters Spielregeln um Nichts Wir verzichten auf all die Querverweise zwischen unseren Paragraphen, wie sie auf jeder Seite möglich wären. Von allen verschiedenen Seiten eröffnet sich ein Zugang zu demselben Grundthema, weil das Nichts zum Vorwurf des Denkens geworden ist: Da ihm keine eigene „Existenz“ zukommt, kann es gleichsam in allem und von überall her „durchscheinen“. Gleichgültig, wo das Denken seinen Ausgangspunkt nimmt, wird es auf das Nichts hinauslaufen, wenn das Denken sich selbst zu Ende denkt. Es mag aber wichtig sein, diesen Weg von verschiedenen Seiten her zu gehen, um einen Probierstein dafür zu finden, dass das Ziel jeweils dasselbe ist und wir in die Grundlinien des Zeitalters des Nihilismus von allen Seiten her einmünden. Wer hieraus nun doch einen allgemeingültigen Wahrheitsanspruch und damit einen Selbstwiderspruch der Philosophie des Nihilismus konstruieren möchte, sei daran erinnert, dass dieser unmissverständlich die Negation eines solchen letztgültigen Wahrheitsanspruches meint, was nicht durch windige Dialektik und Kategorienverwechslung zu einer „Position“ umgedeutet und aufgebauscht werden kann. Eingebildete Logik Hegels „Logik“ ist ein Beispiel dafür, wie im Gegensatz zur Philosophie des Nihilismus ein majestätischer Wahrheitsanspruch erhoben wird. Seine Gedanken sollen die göttlichen Fußstapfen in der Welt sein. (1) Wenn hier überhaupt von einem „Spiel“ gesprochen werden kann, dann ist so verstandene Logik das Gedankenspiel schlechthin. Für den Nihilismus ist die Logik nur ein mögliches Spiel. Dabei ist schärfer als im Idealismus darauf zu achten, ob es um logische Schlussfolgerungen oder überzeugende Einbildungen geht, die sich mit verstandesmäßigen Konklusionen verbinden. Zugespitzt ließe sich behaupten, dass die Vorstellung, es müsse oder könne alles logisch durchdacht werden, selbst auf der Einbildung beruht, dass logisches Denken, d. h. dieses spezifische Vermögen der Spezies Mensch, schlechthin maßgebend sei – was bei Betrachtung des Weltlaufes sich als höchst zweifelhaft erweisen dürfte. Wir stoßen in solchem Zweifeln auf die Hybris der Logik, wie sie in Hegels System ihren verführerischen Glanz entfaltet, indem sie die Welt als logisch restlos ausdeutbar wähnt. Trotz ihres wohl nur relativ kurzen Gastspieles auf dieser Erde ist die Spezies Mensch geneigt, der selbstgefälligen Einbildung 65 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln zu verfallen, ihre Logik sei „die“ Logik schlechthin. Zur Erhellung dieser selbstgefälligen Einbildung eignet sich wohl am besten Nietzsches einleitende Fabel zu „Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“. An den Krücken der Sprache Der Nihilismus will kein Ismus sein, da er den behaupteten absoluten Wahrheitsanspruch von Ideologien und Weltanschauungen auflöst. Doch auch er geht an den Krücken der Sprache: muss sich einen Nihilismus nennen. Anmerkungen 1) Hegel: Werke V (1812) 1969 (Wissenschaft der Logik 1) S. 44 (Hervorhebungen im Text): „Die Logik ist sonach als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen. Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist. Man kann sich deswegen ausdrücken, dass dieser Inhalt die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist.“ 66 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters § 26 Nichts als Wille zur Macht? Nihilismus selbst bedeutet nicht schon ein philosophisches Bemühen. Er ist ein in Erscheinung getretener Tatbestand, den erst die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus nach den Spielregeln der Logik zu begreifen sucht: als Methode der Negation von Wahrheiten und als Aufklärung über den sich verstellenden Willen zur Macht. Das Wort „Nihilismus“ in seiner vollen Bedeutung wiederherstellen heißt: ins Bewusstsein rücken, was nach Nietzsches Diagnose immer schon der Fall gewesen ist. (1) Wir müssen uns zu unserem Nihilismus bekennen, der immer schon hinter unseren christlich-abendländischen Werten lauerte, uns unsere Verlogenheiten eingestehen, die Maske vom Gesicht nehmen. Auch hierin liegt ein Grund für unser Zögern und unsere Abwehrhaltung, uns unseren Nihilismus einzugestehen. Wir empfinden Schuld- und Schamgefühle, wollen das Lügenspiel lieber noch ein wenig weiter spielen als in unser Bewusstsein zu heben, dass wir immer schon Nihilisten waren. Wie in Nietzsches Aphorismus wollen wir alten Nihilisten nicht den Ruf des tollen Menschen mit der Lampe hören, dass wir die Verräter an unseren eigenen „Werten“ immer schon gewesen sind, die Mörder an unseren Göttern. (2) Was uns nach dem Verlust der Wahrheit bleibt, sind die Spielregeln der Logik, mit denen wir einst die Wahrheit suchten und mit denen wir diese in unserem Zeitalter des Nihilismus negieren. Philosophie ist die Methode der Negation von Wahrheiten, an deren Stelle der Wille zur Macht als bislang verdecktes und aufzudeckendes Prinzip erkannt wird. Er ist die Spielregel, nach der immer schon gespielt wurde und die nun als solche erkannt worden ist. Es kann hilfreich sein von der Arbeitshypothese auszugehen, dass der Wille zur Macht auch das Leben des „reinen“ Geistes prägt. Oft erleben wir in Diskussionen mit denen, die unser Sprachgebrauch als Intellektuelle apostrophiert, eben dies: die Sicherung von Machtansprüchen in subtiler Art, die Selbsterhebung über andere, das Territorialverhalten in der Verteidigung philosophischer Positionen, das Absichern von Spielwiesen der Theorie durch die Duftmarken des Namedropping … (3) Solche Beobachtungen sollten zunächst analytisch und deskriptiv, nicht normativ und moralisch abwertend ausgerichtet sein. Wir können uns selbst in 67 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln sie einbeziehen und nicht abstreiten, dass der Wille zur Macht im kulturellen und geistigen Bereich auch glanzvolle Leistungen befördert hat. Nietzsche, der diese Analyse schonungslos und unbarmherzig vorangetrieben hat, ist in dieser Hinsicht ganz materialistischer Ideologiekritiker psychologisch–biologischer Provenienz, ganz ähnlich der Ideologiekritik (neo)marxistischer Kulturkritiker unter soziologischem Vorzeichen. Nietzsches analytische Grundlage ist hier der Determinismus, mit dem er noch in den subtilsten geistigen und künstlerischen Regungen die psychologisch-biologische Kausalkette zurückverfolgt, wiewohl er in einem Perspektivenwechsel ebenso den Aspekt der Freiheit kennt: „Menschliches, Allzumenschliches“ ist „Ein Buch für freie Geister“. (4) Damit haben wir den Grundriss einer Position entworfen, in der wir nicht mehr so leicht das Opfer geistig-moralisch verbrämter Machtansprüche werden können. Wir fragen – auch in Gesprächen, kulturellen Zusammenhängen und philosophischen Diskursen – nach den verdeckten Machtansprüchen, den Verstellungen der Geltungssucht, werden unserer eigenen sublimierten Eitelkeiten gewahr. Nun erst können wir den Willen zur Macht, alle Machtspiele bewusst ausleben und auskosten, sie reflektieren, zurücknehmen oder gar aufgeben. Wir können sie mit den Inhalten verbinden, welche uns evident erscheinen. (5) Nun erst sind wir Herr über die Spielregeln geworden. Wir haben die Selbstermächtigung auch über unseren Willen zur Macht erreicht – in einem freien Geist. Anmerkungen 1) „Es ist von größter Wichtigkeit, daß Nietzsche die nihilistische Entwertung der bisherigen Werte nicht als Folge eines neuen gegensätzlichen Lebensgefühls ansieht, sondern als eine Konsequenz der Werte selber: der Nihilismus ist in ihnen angelegt, ist die verborgene Mitgift von Anfang an.“ Fink 1960, S. 152 2) KSA III („Die fröhliche Wissenschaft“ Nr. 125) S. 480–82 3) Nietzsche, nachdem er den Basler Universitätsbetrieb kennengelernt hatte, drängte sich das lucide Bild auf: „… da laufen die verfeinerten Raubthiere und wir mitten unter ihnen.“ Vgl. KSA I S. 378 4) KSA II (Untertitel) 5) Hier hat Nietzsche ein weites Feld für Untersuchungen eröffnet, das er selbst nicht im Einzelnen systematisch bearbeitet hat, da der „Wille zur Macht“ für ihn weitgehend ein Lehrsatz blieb, dessen Inhalte unbestimmt blieben oder nicht im Einzelnen ausdifferenziert wurden. Die Frage, ob es sich um einen zentralen Lehrsatz oder gar Nietzsches unvollendetes Hauptwerk handelt, ist ausführlich diskutiert worden; s. KSA 14 S. 383 ff. 68 Grundriss einer Philosophie des nihilistischen Zeitalters Die Arbeit einer Ausdifferenzierung von Nietzsches philosophischem Lehrsatz unternimmt beispielsweise in gesellschaftlich-politischer Hinsicht Stegmaier in seiner Studie „Orientierung im Nihilismus: Luhmann meets Nietzsche“ (2016). Ebenso ist die Problematik der Anerkennung als Form der Machtgewinnung zu verfolgen, deren Analyse sich Honneth (1992) u. Taylor (1993) widmen. Wichtig bei der Behandlung dieser Problemfelder, in die wir in unserer Studie nur partiell eindringen, ist der Zusammenhang mit dem Grundproblem des Nihilismus, dessen durchdachte Fundierung unser Hauptthema bleiben soll: Wird diese „nihilistische Grundierung“ von Machtdebatten vergessen, drohen diese sich zu verselbstständigen und in dogmatischen Positionen zu verfestigen, in denen die Philosophie des Nihilismus zugunsten der Eigendynamik von Machtstrukturen vergessen wird. 69 Lebensdienliche Fiktionen als Spielregeln

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Zusammenfassung

Nihilismus, dieser „unheimlichste Gast“, wie Nietzsche ihn nannte, hat sich schon längst in unserem Hause bequem eingerichtet. Er ist heimisch geworden: im „anything goes“ der Postmoderne, dem Relativismus der Werte, den Fake News, dem Verlust an Wahrheit und Lebenssinn, dem Willen zur Macht, dem unsere Welt ausgeliefert zu sein scheint.

Trotzdem hat unsere politische und philosophische Korrektheit den Nihilismus zum Unwort und Schmähwort erklärt, will ihn sogleich überwinden, sobald das tabuisierte Wort gefallen ist. Doch können wir mit dem Nihilismus, diesem Abgrund an Leere und Sinnlosigkeit überhaupt leben?

Ganz gut sogar, meint Elmar Dod in seiner Philosophie des radikalen, aufgeklärten Nihilismus – wenn wir bei aller Skepsis den Evidenzen unserer Einbildungskraft mehr zutrauen und mit ihnen unser Leben jenseits der großen wie kleinen Alltagsideologien selbstständig und zielführend gestalten.