Einleitung in:

Elmar Dod

Der unheimlichste Gast wird heimisch, page 1 - 4

Die Philosophie des Nihilismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4185-7, ISBN online: 978-3-8288-7085-7, https://doi.org/10.5771/9783828870857-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Wer vor dem Wort Nihilismus nicht zurückschreckt, sondern ihn als den Nerv unseres Zeitalters empfindet und erkennt, wer an dem Nachdenken darüber teilnehmen möchte, ohne sich von äußeren Vorgaben bevormunden zu lassen, wer geduldig dem Denken in der Sprache in Differenzierungen zu folgen willig ist und auf die Schaumschlägerei von Metaphern wie die Akrobatik von Begriffsdialektik verzichtet, d. h. sich von der Vermarktung des Denkens befreit, nur weil wir vom Nihilismus betroffen sind und ihn verstehen wollen: der möge diese philosophische Studie zum Projekt des aufgeklärten Nihilismus mit Gewinn lesen. Denn: „Der Nihilismus steht vor der Thür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? –“ (1) Folgen wir also Nietzsches Fragestellung, den Nihilismus unseres Zeitalters zu begreifen, ohne daran zu kleben, was Nietzsche gesagt oder gemeint habe, denn das Nachbeten war auch seine Sache nicht, denken wir also mit Nietzsche den Nihilismus über Nietzsche hinaus, nehmen wir Roland Barthes’ These vom Tod des Autors ernst (2), sagen wir allem Personenkult ab und widmen wir uns der profanen Auferstehung der Sache, unserer Sache, wie sie einzig und allein uns betrifft: dem Nihilismus! Sollten dies nur wenige sein, mögen sie sich wie der Autor mit dem Gedanken trösten, der vielleicht „nur“ eine – wenn auch evidente – Einbildung ist: Paucis natus est, qui populum aetatis suae cogitat. (Für wenige ist geboren, wer an das Volk seiner eigenen Lebenszeit denkt.) (3) Bescheidenheit aber dürfte einer Philosophie des Nihilismus gemäß sein, selbst wenn sie mit unserem Anspruch auftritt, ein Fazit aus der bisherigen abendländischen Philosophie zu ziehen: nicht das einzig mögliche Fazit, sondern eine evidente Schlussfolgerung. Es wird zu zeigen sein, worauf sie beruht und welcher Art diese Evidenz ist im Unterschied zur Wahrheit, von der sich die Philosophie des Nihilismus verabschiedet, wiewohl auch für sie per negationem Wahrheit als Arbeitshypothese, die immer wieder zur Dekonstruktion von Ideologien Anstoß gibt, unum- 1 gänglich bleibt. Wir legen somit eine Philosophie des aufgeklärten Nihilismus vor, welche diesen Zusammenhang ins Bewusstsein hebt – im Gegensatz zu dem unerkannten, noch uneingestandenen Nihilismus, dessen wir überall bei Besichtigung dieses nihilistischen Zeitalters ansichtig werden. Nietzsche hatte schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts dieses Zeitalter vorhergesagt, das er auf zwei Jahrhunderte schätzte. Dass wir mitten in solchen Zeiten des Nihilismus leben, ist die Kernthese dieser Studie, auch wenn dieser Nihilismus nicht erkannt, ja verdrängt, als Unwort und Schmähwort diskreditiert wird. Schon Nietzsche war bemüht, den Nihilismus, den er so scharfsichtig diagnostizierte, eilig zu überwinden. Doch kann gezeigt werden, dass Nietzsche ihn nicht wirklich überwunden hat, sondern dass seine Lehre vom Willen zur Macht noch alle Züge des Nihilismus aufweist. Wir müssen mit Nietzsche über ihn hinaus den Nihilismus weiter denken, ihn aushalten, ihm standhalten, bevor wir uns in zweifelhafte, gar katastrophale Überwindungen im Deckmantel neuer Ideologien stürzen. Das heißt aber auch, dass Nihilismus noch radikaler zu Ende gedacht werden muss, als Nietzsche dies getan hat, wenn wir die volle Bedeutung dieses Begriffes zur Geltung bringen, und dass seine Lehre vom Willen zur Macht nicht das letzte Wort sein kann, das sich in voller Ausschöpfung des Begriffes vom Nihilismus ergibt. Nietzsche hat mit seinem Stichwort vom aktiven Nihilismus einen Weg gewiesen, den Nihilismus in einer lebensbejahenden Praxis zu meistern, einer ideologiefreien Lebenspraxis, die uns ein größtmögliches Maß an Freiheit in der Selbstermächtigung durch den Willen zur Macht gewährt. Doch deutlicher als Nietzsche dies sagte, müssen wir in solcher Selbstermächtigung auch Macht über unseren Willen zur Macht gewinnen. Dieser Weg soll in dieser Studie beschritten werden. Dabei kann dem Nihilismus nicht sein Stachel genommen werden. Er bleibt die große Leere, die große Enttäuschung, der große Verlust an Sinn. Wie wir diesen Verlust aber kompensieren können, das ist die Lebensweisheit, die ein aktiver Nihilismus ermöglicht. Nietzsche hat vom europäischen Buddhismus gesprochen und damit den Hinweis gegeben (4), dass hier Denkmotive zu finden seien, wie wir mit der Nichtigkeit der Dinge und unseres Lebens in praktischer Lebensweisheit umgehen können. Solche Anregungen Nietzsches will die vorliegende Studie aufgreifen und weiterführen, dabei aber auch den nihilistischen Kern im buddhistischen 2 Einleitung Denken freilegen, den dieses in der Ideologisierung von Schulungswegen oft verdeckt. Im Aufbau unserer Studie zeigt sich der aktive Nihilismus. Orientierungslosigkeit schließt nicht aus, sondern fordert vielmehr dazu heraus, dass wir vorläufige Strukturen schaffen, die ein wenig Ordnung ins Chaos bringen. Es sind Strukturen, die immer wieder in dem Nichts verschwinden, dem sie entstammen. Es sind Strukturen, die das Bewusstsein ihrer Vorläufigkeit und Bedingtheit an sich haben, Paragraphen, welche die Strenge einer Ordnung ausstrahlen, die doch nur Gegenbild der Unordnung ist, die uns im nihilistischen Zeitalter allerorts umgibt. Kants Grundfragen der Philosophie ergeben einen Rahmen für die nummerierten Einzeltexte. Der Titel jedes dieser Paragraphen wird durch die Zusammenfassung eines Kerngedankens erläutert, den der Haupttext des Paragraphen ausdifferenziert und weiterführt, wonach Zusätze mit eigenen Untertiteln Ergänzungen bieten. Unsere Studie „zerfällt“ nicht in solche Paragraphen, sondern sollte nach Möglichkeit im Zusammenhang gelesen werden. Wer sie so als ein in aphoristische Abschnitte gegliedertes Ganzes liest, wird auf manche Wiederholungen bzw. Variationen von Kerngedanken, auch Widersprüche im Sinne von Nietzsches Perspektivismus stoßen: Das Nichts ist von vielen verschiedenen Seiten her zugänglich, von diesen her läuft alles auf das Nichts hinaus. Eben dieser Zusammenhang soll immer wieder verdeutlicht werden, wobei Querverweise auf die vielfältigen Verbindungen innerhalb der Studie entfallen sollen, um den Apparat der Anmerkungen zu entlasten. Wer nur Stichwörter aus den Paragraphen herausgreifen möchte, kann sicher sein, dass der Zusammenhang sich jeweils von Neuem erschließt. Auch auf Querverweise zu der vorangegangenen Arbeit „Der unheimlichste Gast. Die Philosophie des Nihilismus“ (5) haben wir bewusst verzichtet. Die aufklärende Arbeit am Nihilismus wird ein langfristiges Projekt sein, innerhalb dessen es zu Variationen, Neuformulierungen, Weiterführungen von Gedanken kommen muss, die zunächst aufzugreifen, also schon da sind. Fortschritt ist dabei nie sicher; es bleibt sogar fraglich, ob es einen solchen Fortschritt überhaupt geben kann. Vieles weist darauf hin, dass in diesem Kontext das traditionelle Projekt Aufklärung (6) schrittweise in das Projekt eines aufgeklärten Nihilismus mündet, zu dessen Entwicklung wir einen weiteren grundlegenden Beitrag leisten möchten. 3 Einleitung Wer in diesem Sinne die Lektüre dieses Buches zur Lebensweisheit im Nihilismus und den Evidenzen unserer Einbildungskraft vorantreibt, wird erkennen, dass sich zugleich eine unserem Zeitalter gemäße, ideologiefreie Lebenspraxis hilfreich erschließt. Diese ist bewusst nicht eigens kenntlich gemacht oder als Anleitung wie in all den Ratgebern formuliert worden, wie sie in ihrer Vielzahl nur die Orientierungslosigkeit unseres nihilistischen Zeitalters spiegeln. Vielmehr soll diese Orientierungslosigkeit selbst in einer Philosophie des Nihilismus zur Sprache gebracht werden. Erst im Eingehen auf die Grundlosigkeit unserer Existenz kann diese Studie zu einer begründeten Lebenshilfe werden. Erst so kann sie wissenschaftlichem Anspruch gerecht werden und zugleich in solcher philosophischen Nachforschung ein Wissen schaffen, mit dem sich jeder sein Leben auf seine Weise erleichtern möge. Denn es wird zusehends unübersehbar, wie unser Zeitalter vom Nihilismus gezeichnet ist: Der unheimlichste Gast wird heimisch. Anmerkungen 1) KSA XII S. 125 2) Barthes („Der Tod des Autors“) 2000 3) Seneca (Epistulae 79, 17) 2011, IV S. 156 f. 4) „Europäische Form des Buddhismus“ als unausgeführtes Denkmotiv in KSA XII S. 213; ebenso KSA XI S. 512. 5) Dod 2013 6) Geier („Aufklärung. Das europäische Projekt“) 2012 4 Einleitung

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References

Zusammenfassung

Nihilismus, dieser „unheimlichste Gast“, wie Nietzsche ihn nannte, hat sich schon längst in unserem Hause bequem eingerichtet. Er ist heimisch geworden: im „anything goes“ der Postmoderne, dem Relativismus der Werte, den Fake News, dem Verlust an Wahrheit und Lebenssinn, dem Willen zur Macht, dem unsere Welt ausgeliefert zu sein scheint.

Trotzdem hat unsere politische und philosophische Korrektheit den Nihilismus zum Unwort und Schmähwort erklärt, will ihn sogleich überwinden, sobald das tabuisierte Wort gefallen ist. Doch können wir mit dem Nihilismus, diesem Abgrund an Leere und Sinnlosigkeit überhaupt leben?

Ganz gut sogar, meint Elmar Dod in seiner Philosophie des radikalen, aufgeklärten Nihilismus – wenn wir bei aller Skepsis den Evidenzen unserer Einbildungskraft mehr zutrauen und mit ihnen unser Leben jenseits der großen wie kleinen Alltagsideologien selbstständig und zielführend gestalten.