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5. Fazit in:

Nikos Wallburger

Aufstand der Unvernunft?, page 99 - 108

Wahrnehmung und Reaktionen auf den Vendéeaufstand im revolutionären Diskurs 1793

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4194-9, ISBN online: 978-3-8288-7084-0, https://doi.org/10.5771/9783828870840-99

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 37

Tectum, Baden-Baden
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Fazit In der Einordnung des Vendée-Aufstandes ist zuerst festzuhalten, dass die politischen Positionen während des Aufstandes nicht so eindeutig zu bestimmen sind, wie es in der Historiographie lange von den Revolutionsgegnern und -befürwortern gemacht worden ist. Die häufig vorgenommene Gegenüberstellung von Revolutionären und Vendée-Aufständischen als absolute Gegensätze im Konflikt zwischen Ancien Régime und Nouveau Régime erscheint nach beiden Seiten hin nicht haltbar. Zum einen ist auf Seiten der Aufständischen in Anbetracht der ökonomischen und sozialen sowie politischen Motivationen der Bauern eine solche Interpretation so nicht aufrecht zu erhalten.420 Die Vielschichtigkeit der Motivation der Bauern lässt sich, wie gezeigt, in den Quellen nachweisen. Zum anderen sind auch auf Seiten der Revolutionäre zunächst durchaus auch differenziertere Wahrnehmungen des Aufstands zu konstatieren. Gleichwohl bleibt aber trotz dieser Ausdifferenzierung der Umstand erhalten, dass die Aufständischen in ihrer Mehrheit sich zunehmend und mehrheitlich einer konterrevolutionären Symbolik bedienten. Sowohl differenzierte Interpretationen des Aufstands durch die Revolutionäre als auch positive Bezüge zur Revolution auf Seiten der Aufständischen Positionen werden im Laufe des Aufstands und der Zuspitzung der Auseinandersetzungen zunehmend marginalisiert. Die Brutalität, mit der schließlich gegen tatsächliche und vermeintliche Feinde vorgegangen wurde, ist aus der politischen und militärischen Entwicklung im Jahr 1793 und wesentlich aus den besonderen Bedingungen der Bekämpfung einer in Teilen erfolgreichen Guerillaarmee erklärbar, mit der die revolutionären Truppen in der Vendée erstmals konfrontiert wurden.421 5. 420 Vor allem der sozioökonomische Ansatz von Bois und Tilly, aber auch die Autonomiethese von Ado und Lefebvre sind hier hervorzuheben. 421 Wagner 1996, S. 184. 99 Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen aber die sich durchsetzenden Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster seitens der Revolutionäre hinsichtlich der Aufständischen und deren Begründungszusammenhang. Auf deren Seite setzte sich schnell die Auffassung von den fanatischen beziehungsweise fanatisierten Bauern durch. Diese seien, soweit sie nicht selbst Feinde sind, von den tatsächlichen Feinden der Revolution, also den Priestern und aristokratischen Emigranten manipuliert und aufgehetzt worden. Eine alternative Motivation der Bauern wurde somit ausgeschlossen. Die dazu komplementäre Konstruktion einer „leicht zu beeinflussenden“ und „unvernünftigen“ Bevölkerung entsprach einerseits der Leugnung jeglicher rationaler Motive der Bauern, sich gegen die Revolution zu stellen, und lässt sich mit der Figur des homme du Midi zusammenbringen, auch wenn Geiger diese Figur in der Sicht der Revolutionäre per se als eigentlich gegenrevolutionär und nicht nur als fanatisiert bezeichnet.422 Insoweit wich die Adaption dieser Figur des homme du Midi von der ursprünglichen Konzeption nach Geiger ab, weil das Bild des homme du Midi nicht als ausschließlich gegenrevolutionär angenommen wird. Vielmehr ergibt sich ein alternativer Status neben dem des ennemi. Auf jeden Fall wurde in beiden Fällen der homme du Midi als unvernünftig und damit als Gegenstück zum vernünftigen citoyen, dem Mitglied der Nation und also Revolutionsanhänger, konstruiert. Die Anführer wie Priester, Aristokraten und Emigranten als eigentliche Feinde wurden von den einfachen Aufständischen, die als Fanatisierte‚ Unvernünftige und letztlich Manipulierte erschienen, getrennt. Diese Trennung eröffnete die Möglichkeit, nur die erste Gruppe als Handlungsträger wahrzunehmen und dementsprechend zu bekämpfen. Währenddessen konnte die zweite Gruppe als nicht selber handlungsführend erscheinen. Unabhängig davon, inwieweit diese Charakterisierung der ländlichen Bevölkerung als nicht mündig, im Verständnis der Revolutionäre, also der Vertreter des zu errichtenden bürgerlichen Staates, zutraf, ist festzustellen, dass auch dieser angenommene Zustand relativer Unmündigkeit keinen hinreichenden Schutz vor den re- 422 Vgl. Geiger, http://www.historia-interculturalis.de/historia_interculturalis/Rassis mus.htm, am 4.12.2017. 5. Fazit 100 volutionären Gegenmaßnahmen bot.423 Da dem Aufstand, in den Augen der Revolutionäre, keine vernünftige Motivation zugrunde lag, die die Parteinahme für das Ancien Régime und gegen die Maßnahmen der Revolutionsregierung gerechtfertigt hätten, konnten die Aufständischen als Unvernünftige und somit Auszuschließende und gegebenenfalls zu Vernichtende wahrgenommen werden. Die Leugnung aller rationalen Motive – etwa ökonomischer, sozialer Natur oder auch nur aus dem Widerstand gegen die Truppenaushebung resultierend –, qualifizierte die einfachen Aufständischen, sofern sie keine ennemis waren, als unvernünftig und somit unzurechnungsfähig.424 Die Bedeutung des Vorwurfs, unvernünftig oder nicht vernunftfähig zu sein, ergab sich aus der zentralen Bedeutung des Vernunftanspruchs der Revolutionäre, in Anknüpfung an die Aufklärungsphilosophie, der sich mit dem Verständnis von Staat und Nation innerhalb des revolutionären Diskurses verband. Die in der Reflexion des Vendée-Aufstands verwendeten Charakterisierungen der Aufständischen wohnten dem Aufklärungsdiskurs inne, waren also schon lange vor 1793 vorhanden. Die Figur des ennemi als Feind des Gemeinwesens fand sich, wie gezeigt, bereits bei Rousseau, während die Annahme einer besonderen Natur des Menschen im Süden Frankreichs in ihrer spezifisch abwertenden und dann auch ausgrenzenden Wendung unter anderem bereits von den Physiokraten formuliert wurde.425 Selbstverständlich ergaben sich nicht alle konkreten Maßnahmen in der Bekämpfung der Aufständischen allein aus der Rousseauschen Definition des Feindes des Gemeinwesens, gleichwohl war hier der wesentliche Reflexions- und Begründungszusammenhang gegeben, innerhalb dessen der Umgang mit dem Phänomen eines Aufstands, bis hin zur Vernichtung des Feindes, zu begründen und zu rechtfertigen 423 Wolfgang Geiger geht davon aus, dass der Bevölkerung des Südens vorgeworfen wird, die natürlichen Rechte, wie sie in der „Déclaration“ erklärt werden, vergessen zu haben und damit Unglück zu verursachen. vgl. Geiger, http://www.historia-interculturalis.de/historia_interculturalis/Rassismus.htm, am 4.12.2017. 424 Auf jeden Fall werden sie nicht als gleichwertig, sondern als inferior konstruiert, im Vergleich zu den von den Revolutionären als richtig verstandene citoyens. 425 Vgl. Rousseau 1896, S. 61f.; vgl. weiterhin Geiger, unter http://www.historia-inter culturalis.de/historia_interculturalis/Rassismus.htm, am 4.12.2017. 5. Fazit 101 war. Die Einordnung der Aufständischen als Feinde entsprach der Logik moderner Souveränität, jeden Widerstand als Begrenzung der eigenen nationalen Souveränität zu begreifen und dementsprechend zu versuchen, die eigene Hoheitsgewalt wieder allgemein, mit allen notwendigen Mitteln, durchzusetzen.426 In der konkreten gesellschaftlich-politischen Auseinandersetzung entsprach die Einordnung der Vendée-Aufständischen als Royalisten weitestgehend ihrem politischen Selbstausdruck, ebenso wie die Vorstellung von einer allgemeinen Bedrohungssituation mit der die militärische Lage der Republik im Sommer 1793 korrelierte. Die Annahme eines gegenrevolutionären Komplotts, das mit den übrigen inneren und äußeren Feinden in Verbindung gestanden hätte, konnte sich unter anderem auf Berichte berufen, nach denen die Aufständischen versuchten, mit den Engländern Kontakt aufzunehmen. Das Bedrohungsszenario, von dem die Revolutionäre ausgingen, entsprach insofern wesentlich der politischen und militärischen Realität und machte vom Standpunkt der Revolutionäre aus außerordentliche Maßnahmen und eine außerordentliche Vertretung der Nation, das heißt die Ausnahmeregierung, notwendig und legitim, um dieser Bedrohung zu begegnen.427 Gemäß der Figur der außerordentlichen Vertretung, wie sie bei Sieyès entwickelt wurde, begann mit der Verabschiedung erster „Wohlfahrtsmaßnahmen“ ab dem 10. März 1793428 eine Entwicklung, die mit der Etablierung der Schreckensherrschaft im September 1793 und der Herausbildung der Revolutionsregierung als Kriegsregierung bis zum April 1794 ihren entwickelten staatsrechtlichen Ausdruck erhielt.429 Die angekündigten und geforderten Maßnahmen zur Bekämpfung des Vendée-Aufstandes passten sich dem Inhalt wie auch ihrer Rhetorik nach in diese Logik und das Selbstverständnis einer Ausnahmeregierung ein. 426 Klippel 1990, S. 126f. 427 Bei aller Problematik von „Realität“ und „Wirklichkeit“ im historischen Kontext zu sprechen, wird hier davon auszugegangen, dass es möglich ist, eine konkrete politische, militärische Situation der Republik als bedroht zu bezeichnen. 428 Vgl. Soboul 1985, S. 268. 429 Vgl. Soboul 1985, S. 344 u. S. 306 5. Fazit 102 Einer solchen Ausnahmeregierung ging es um die Erhaltung und die Durchsetzung der staatlichen Souveränität gegen eine angenommene höchste Bedrohung, während derer die theoretisch konzipierte Gegensätzlichkeit von Souverän und Regierung aufgehoben war und beides unmittelbar zusammenfiel.430 Die Macht einer außerordentlichen Vertretung war damit im Prinzip unbeschränkt. Hinzu kam der Umstand, dass nach der Rechtstheorie jede ihrer Handlungen als Handlung der souveränen Nation und aus der grundsätzlichen Zweckbestimmung des Staates heraus legitimiert wäre. Mit Böckenförde lässt sich diese Entwicklung als Übergang der „subjektiven“ Freiheitsgarantie zu einer bloß „objektiven“ bezeichnen. Die geforderten Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen gegenüber der Vendée waren daher nicht nur legitimiert, weil sie einer militärischen Notwendigkeit entsprachen. Vielmehr dienten sie, dem Selbstverständnis der Revolutionäre nach, der Verteidigung des revolutionären Staats und dessen Zweckbestimmung, die Freiheit und das Glück seiner Einwohner zu garantieren.431 Gemäß dieser Logik, die unabhängig vom konkreten Anlass eines Aufstandes funktionierte, war die Aufstandsbekämpfung in der Vendée im allgemeinen Interesse aller Bürger des Staates, wurde dementsprechend verfolgt und konnte auch nicht in Frage gestellt werden. Diese theoretische Unfähigkeit, eine bestimmte Politik hinterfragen zu können, lässt sich innerhalb meines Ansatzes als Verselbstständigung des Staates begreifen, für den es im Zustand seiner Bedrohung keinerlei Beschränkungen seiner Handlungen geben kann.432 Ist eine bestimmte Forderung erst als notwendig zur Verteidigung des Staates ausgewiesen, so existiert keine immanente Begrenzung mehr in der Auswahl der anzuwendenden Mittel. Die Frage, ob die Vendée zerstört werden sollte, entschied sich nur noch nach dem Gesichtspunkt der 430 „Zu dem, was eine Definition des Ausnahmezustands schwierig macht, gehört zweifellos seine enge Beziehung zu Bürgerkrieg, Aufstand und Widerstandsrecht. Weil der Bürgerkrieg das Gegenteil des Normalzustands ist, befindet er sich hinsichtlich des Ausnahmezustands – als der unmittelbaren Antwort der Staatsgewalt auf schwerste innere Konflikte – in einer Zone der Unentscheidbarkeit.“ Agamben 2004, S, 8. 431 Vgl. Soboul 1985, S. 280. 432 Diese Entwicklung entspricht der Tendenz des modernen Staates, seinen Kompetenzbereich und den Zugriff auf seine Bürger immer weiter auszudehnen. Vgl. Reinhard 1999, S. 406. 5. Fazit 103 Zweckmäßigkeit für die nationale Verteidigung und der Durchführbarkeit. Eine grundsätzliche Reflexion über den zu erreichenden Zweck und die dafür legitimen Mittel fand nicht mehr statt. Die hier betrachtete Entwicklung kann begrifflich-analytisch gefasst werden durch den Bezug auf Horkheimers und Adornos Gedanken des Zusammenhangs von Freiheit und Unterdrückung in der modernen Rationalität. Hiernach schlägt die auf die Herrschaft von Vernunft gegründete Freiheit und die Idee der Freiheit als Selbstherrschaft des Subjekts im Sinne der Selbstgesetzgebung durch Vernunft, wie sie von der Aufklärungsphilosophie – und in deren Folge von den französischen Revolutionären – angestrebt wird, in der Praxis in Herrschaft und Unterdrückung um. Um seine Freiheit zu erlangen, muss der Mensch seine äußere und innere Natur beherrschen. Dieses Prinzip der Naturbeherrschung bedeutet, dass er alles beherrschen muss, was als nicht rational gilt. Im Sinne der Kritischen Theorie lässt sich sagen, dass Vernunft in Unvernunft umschlägt oder dass die konsequente Durchsetzung der aufklärerischen Vernunft mit der Setzung der Freiheit als Subjektherrschaft zugleich auch eine neue Form von Herrschaft etabliert.433 Der entsprechende Ansatz, Freiheit als Gehorsam, also als Unterdrückung zu denken, findet sich gerade auch bei der für die Revolutionäre wesentlichen Bezugsgröße, nämlich bei Rousseau. Bedeutete der Sieg der Vernunft über die Unvernunft – der Sieg der Revolution über die Gegenrevolution – auf der allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Ebene die Überwindung traditioneller, überkommener Herrschaftsstrukturen und insofern auch einen Zugewinn an Freiheiten, so stellte sich diese Entwicklung in der ländlichen Gesellschaft, hier in der Vendée, anders dar. Hier trat die Revolution vor allem als Durchsetzung einer neuen Herrschaft und Zerstörerin traditioneller gesellschaftlicher, politischer und sozialer Strukturen auf. Die Durchsetzung der revolutionären Gesellschaftsordnung, also des Vernunftprinzips, musste dabei sich ergebende Widerstände mit allen nötigen Mitteln beseitigen. Die Vernunft in diesem Sinne begreift diese Widerstände durch Feinde und hommes du midi grundsätzlich unterschiedslos als unvernünftig und nicht vernunftbegabt, mit sich also 433 Die erste Formulierung geht von einem normativen Vernunftbegriff aus. Vgl. Adorno/Horkheimer, 2006, S. 9. 5. Fazit 104 unvereinbar. Alle konkreten und individuellen Besonderheiten dieser Widerstände wurden in der Reduktion auf die allgemeinen Kategorien Unvernunft und Gegenrevolution ausgelöscht.434 In diesem Sinn lässt sich der Vernunftanspruch der Revolutionäre als „totalitär“ bezeichnen.435 Diese Wahrnehmung und Reflexion galt historisch vor allem für den ennemi, der kategorial als zu vernichtender konzipiert wurde. Hingegen konnte der homme du midi entweder erzogen und aufgeklärt oder bekämpft werden. In der Interpretation des Vendée-Aufstands und der Praxis der Aufstandsbekämpfung hatte sich – offensichtlich unter dem Druck der Ereignisse, also der durch die Revolutionäre so bezeichneten inneren und äußeren Bedrohung – die letztere Option durchgesetzt. Die Begründung der Aufstandsbekämpfung blieb also streng innerhalb des in sich kohärenten politik- und rechtstheoretischen Bezugsrahmens des revolutionären Diskurses, der seinerseits wesentlich in der Kontinuität zum Aufklärungsdiskurs gesehen werden muss. Es lag keine grundsätzliche Abweichung von einer innerhalb dieses Diskurses entwickelten Konzeption des Staates vor. Vielmehr ist seine Entwicklung in der Zeit der Jakobinerherrschaft zu verstehen als eine Entwicklung im Rahmen seiner diskursiv gesetzten immanenten Zweckbestimmung und Logik. Dieser Logik nach erfolgte im Zustand seiner Bedrohung ein Umschlagen zugunsten der objektiven Freiheitsgarantie, das zugleich, vor dem Hintergrund der obigen Bestimmungen, als ein „Umschlagen von Vernunft in Unvernunft“ zu fassen ist. 434 Wie in der Arbeit gezeigt, waren gerade zu Beginn des Aufstandes in der Vendée die Aufständischen der Revolution nicht immer unbedingt grundsätzlich feindlich gesonnen. In eine ähnliche Richtung geht auch die Argumentation von Rolf Reichardt in der Bewertung des Vendée-Aufstandes: „In extrem gesteigerter Ausprägung spiegelte der Bürgerkrieg in der Vendée und den angrenzenden Departements allgemeine Verständnis- und Koordinationsprobleme zwischen der nationalen Programmatik der radikalen Revolutionäre in Paris auf der einen und dem Autonomiestreben der ländlichen Bevölkerung, die sich weiterhin zentralistischer ‚Modernisierung‘ widersetzte, auf der anderen Seite.“ Hierzu auch Reichardt 1998, S. 54. 435 Auch hier ist „totalitär“ nicht im Sinne totalitärer Regimes im 20. Jahrhundert zu verstehen. Stattdessen geht es hier um den allumfassenden Charakter des aufklärerischen Vernunftanspruchs. 5. Fazit 105 Von dieser Entwicklungsmöglichkeit des Staates ausgehend, ist das militärische Vorgehen gegen die Vendée-Aufständischen vor allem auch vor dem Hintergrund einer sich entwickelnden Ausnahmepolitik einzuordnen. Dabei geht es nicht um eine Rechtfertigung der Politik der terreur in der Vendée oder in anderen Regionen. Vielmehr wird diese Politik in einen spezifischen historischen gesellschaftlichen Kontext eingeordnet und die der neuen politischen Ordnung innewohnende besondere Entwicklungsdynamik des Ausnahmezustands berücksichtigt. Das heißt, dass der Ausnahmezustand als außerordentliche Vertretung systematisch auf die ordentliche Vertretung, die konstitutionelle Ordnung zu beziehen ist. Nach Sieyès machte bereits der Akt der Verfassungsgebung eine solche außerordentliche Vertretung notwendig. In inhaltlicher Übereinstimmung mit Sieyès formulierte Robespierre in den „Principes du gouvernement révolutionnaire“ das Ziel einer außerordentlichen, revolutionären Regierung: „Le but du gouvernement constitutionnel est de conserver la république, celui du gouvernement révolutionnaire est de la fonder.“436 Im revolutionären Selbstverständnis schaffte also die Ausnahmeregierung erst die Möglichkeit der Existenz einer konstitutionellen politischen Ordnung und Regierung. Die Ausnahmeregelungen kamen also dem neuen Staat als konstitutives Moment zu. Im Hinblick auf die konkrete historische Entwicklung ist festzustellen, dass der Ausnahmecharakter der Politik der terreur bis zur Ablösung der Herrschaft der Jakobiner praktisch erhalten blieb. Dabei ging es den Revolutionären, ihrem eigenen Verständnis nach, nicht um die Etablierung der terreur-Politik als alltägliche Regierungspraxis, sondern um die Herstellung eines Zustands, in dem eine reguläre Regierung wieder möglich ist.437 An dem Zitat von Robespierre vom Dezember 1793 ist dieses Selbstverständnis deutlich zu sehen. Die revolutionäre Regierung sollte keine dauerhafte Einrichtung sein, sondern die Existenz einer konstitutionellen Regierung ermöglichen. 436 Robespierre: Sur les principes du gouvernement révolutionnaire (25.12.1793), S. 42. 437 Agamben spricht in Anknüpfung an Walter Benjamin davon, dass die Ausnahme zur Regel wird, um den Zustand eines permanenten Ausnahmezustands zu charakterisieren. Für die untersuchte Phase der Französischen Revolution gilt diese Charakterisierung sicherlich nicht. Vgl. Agamben 2004, S. 16. 5. Fazit 106 Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass innerhalb der für die Revolutionäre bestimmenden Logik, ihrer diskursiv bestimmten Verständigungs- und Orientierungsmuster sowie in dem daraus resultierenden politischen Handeln die Ausnahme immer auch gegenwärtige Möglichkeit bleibt. In der Reflexion des Vendée-Aufstandes und dessen politischer und militärischer Bekämpfung manifestierte sich ein Staatsund Selbstverständnis der politischen Akteure, das die Setzung und Durchsetzung des eigenen politischen Vernunftanspruchs jederzeit, gegebenenfalls auch mit außerordentlichen Mitteln, nicht nur möglich, sondern, innerhalb seiner eigenen Logik, auch notwendig machte. 5. Fazit 107

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Zusammenfassung

Der Vendée-Aufstand war die größte gegenrevolutionäre Erhebung gegen die Französische Revolution im Jahr 1793 während der Jakobinerherrschaft. Seine Niederschlagung gehört zu den blutigsten und häufig diskutierten Kapiteln der Revolution. Die vorliegende Studie untersucht, ob die massiven Reaktionen der Revolutionäre auf diesen Aufstand Abweichungen von der ursprünglichen Gesellschaftskonzeption darstellen, wie sie bereits 1789 vorhanden war.

Welches waren die wichtigsten Argumentationsstränge und -figuren in der Begründung der Aufstandsbekämpfung in der Vendée und in welcher Beziehung standen sie zu der Staats- und Gesellschaftskonzeption der Revolutionäre? Welche Rolle spielte die Reflexion des Vendée-Aufstands als Bestandteil des revolutionären Diskurses im Jahr 1793?

Es wird erörtert, ob die Revolutionäre in der Begründung ihrer politischen und militärischen Reaktionen an bereits vorhandene Tendenzen innerhalb des revolutionären Diskurses anknüpften. Denn die Mehrheit der historischen Akteure innerhalb des revolutionären Diskurses vertrat den Anspruch, eine neue, auf den Prinzipien der Aufklärung basierende, Gesellschaft zu begründen.