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1. Einleitung in:

Nikos Wallburger

Aufstand der Unvernunft?, page 1 - 10

Wahrnehmung und Reaktionen auf den Vendéeaufstand im revolutionären Diskurs 1793

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4194-9, ISBN online: 978-3-8288-7084-0, https://doi.org/10.5771/9783828870840-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 37

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Die Französische Revolution war ein zentraler Bestandteil des Übergangs von der feudal-absolutistischen zur modernen, bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Die Herausbildung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Elemente dieser Gesellschaftsordnung reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück, zum Teil auch darüber hinaus. In der Französischen Revolution erfahren sie eine entscheidende revolutionäre Beschleunigung und Universalisierung.1 Die Mehrheit der historischen Akteure vertrat den Anspruch, eine neue, auf den Prinzipien der Aufklärung basierende, Gesellschaft zu begründen. Allerdings kann die Entwicklung der Revolution nur aus dem Zusammenwirken der Handlungen verschiedener gesellschaftlicher Akteure und den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen sowie Strukturen verstanden werden. Die Äußerungen der Revolutionäre zu ihren Vorstellungen und Zielen können als Hinweis dienen, zu verstehen, von welchen Konzeptionen sie ausgingen und welche Entwicklung sie selber anstrebten. Es kann und soll also untersucht werden, welche Grundannahmen ihren Vorstellungen und Gesellschaftskonzeptionen zu Grunde liegen und welche mögliche Logik und Dynamik diesen innewohnt. Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit einem kurzen Ausschnitt der Französischen Revolution und zwar im Wesentlichen mit den Entwicklungen des Jahres 1793, des Jahres der terreur, der Diktatur des Wohlfahrtsausschusses unter der Jakobinerherrschaft.2 Im Zentrum der Untersuchung sollen in diesem Zusammenhang der Vendée-Aufstand und dessen Reflexion durch die politisch maßgebli- 1. 1 Vgl. Wallerstein, Immanuel: Das moderne Weltsystem Bd. 2: Kapitalistische Landwirtschaft und die Entstehung der europäischen Weltwirtschaft im 16. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1986, S. 27. 2 Ich gehe hier von den in der Historiographie der Französischen Revolution gängigen Einteilungen aus. Jedoch scheint mir die Bezeichnung terreur als Epochenbegriff problematisch zu sein, weil ich meine, dass terreur einen spezifischen Bedeutungsgehalt hat, der sich auf eine bestimmte Form von Politik bezieht. 1 chen Revolutionäre in Paris, insbesondere also durch die Jakobiner stehen. Diese Untersuchung reiht sich im weiteren Sinne ein in eine lange und bis heute anhaltende Debatte um die Frage, wie sich die Phase der Jakobinerdiktatur, der Zeit der terreur und grande terreur zu den vorherigen Phasen der Französischen Revolution verhält. An einem ausgewählten historischen Beispiel, dem Vendée-Aufstand, soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Phase der Jakobinerherrschaft eine Abweichung von der ursprünglichen Gesellschaftskonzeption darstellt, wie sie bereits 1789 vorhanden war, oder ob sie das nicht tut. Die Untersuchung der Äußerungen und Stellungnahmen der Revolutionäre zum Vendée-Aufstand erfolgt dabei unter besonderer Berücksichtigung der Frage, wie die Revolutionäre ihr aktuelles und zukünftiges Vorgehen gegen die Aufständischen in der Vendée begründen und rechtfertigen. Es ist zu fragen, welches die wichtigsten Argumentationsstränge und -figuren in der Begründung der Aufstandsbekämpfung in der Vendée sind und in welcher Beziehung sie zu der Staats- und Gesellschaftskonzeption der Revolutionäre stehen. Weiterhin ist zu bestimmen, ob in der Reflexion des Vendée-Aufstands als Bestandteil des revolutionären Diskurses im Jahr 1793 Positionen zum Tragen kommen, die den ursprünglichen Rahmen der bürgerlichen Revolution verlassen. Es ist so zu erörtern, ob die Revolutionäre in ihren Argumentationen und Begründungen ihrer politischen und militärischen Reaktionen an bereits vorhandene Tendenzen innerhalb des revolutionären Diskurses anknüpfen. Die historiographische Debatte über den Vendéeaufstand Die Geschichtsschreibung zum Vendée-Aufstand war bis ins 20. Jahrhundert durch die Auseinandersetzung zwischen Revolutionsbefürwortern und -gegnern geprägt. Nach Michael Wagner gehen pro-revolutionäre Historiker wie Célestin Port und Charles-Louis Chassin in der Erklärung des Vendée-Aufstands von einem royalistischen und/ oder klerikalen Komplott aus, weil sie glaubten sich den Aufstand nicht anders erklären zu können. Aristokraten und Priester hätten die „verblendeten und ‚fanatischen‘ Bauern der Bretagne und der Vendée“ 1.1 1. Einleitung 2 zu ihren Zwecken „als Werkzeuge zur Durchsetzung ihrer reaktionären politischen und sozialen Interessen mißbraucht.“3 Revolutionsgegner unter den Historikern wie Emile Gabory „ihrerseits behaupten, bei den Aufständischen habe es sich um eine spontane Erhebung einer tiefreligiösen Bevölkerung gegen die kirchenfeindliche und antireligiöse Politik der Revolutionäre gehandelt.“4 Die historiographische Debatte wurde durch die Konflikte zwischen klerikalen Monarchisten und laizistischen Republikanern im 19. und frühen 20. Jahrhundert geprägt. Diese Gegenüberstellung führte dazu, dass sich ab etwa 1930 die Positionen kaum weiterentwickelten.5 Erst in den 1960er Jahren mit den Arbeiten von Paul Bois, „Paysans de l’Ouest“ über das Departement Sarthe, von Charles Tilly „über die südlich der Loire gelegenen Teile der ehemaligen Provinz Anjou sowie Marcel Faucheux über das gesamte Gebiet des Vendée-Aufstands [erhielt die Forschung] eine neue Dimension.“6 Diese Autoren versuchen den Aufstand aus den besonderen sozio-ökonomischen Verhältnissen in Westfrankreich und damit das unterschiedliche politische Bewusstsein der jeweiligen Akteure zu erklären. Das stellt einen Bruch mit den vorherigen Erklärungsansätzen des Aufstandes dar. „Bois, Tilly und Facheux [haben] gezeigt, daß die royalistischen Bauern Westfrankreichs keinesfalls vom Adel und vom Klerus manipulierte Werkzeuge der Konterrevolution waren.“7 Die Ergebnisse der sozialhistorischen Untersuchungen über das Gebiet des Aufstands haben ab den 1970er Jahren Eingang in die meis- 3 Wagner, Michael: Vendée-Aufstand und Chouannerie im Lichte der neueren Forschung, in: Deutsches historisches Institut Paris (Hrg.), Francia. Forschung zur Westeuropäischen Geschichte, Bd. 15, Stuttgart 1987, S. 733-754, hier S. 734. Vgl. Port, Célestin: La Vendée angevine. Les origines de l’insurrection, 2 Bde., Paris 1888; Vgl. Chassin, Charles-Louis: La Vendée Patriote, Paris 1893; Chassin, Charles- Louis: La Préparation de la guerre de Vendée, Paris 1892. 4 Wagner, 1987, S. 734. Vgl. Gabory, Emile: La Révolution et la Vendée, 3. Bde., Paris 1925. 5 Wagner, 1987, S. 734. 6 Ebd. Vgl. weiterhin Tilly, Charles: The Vendée. A Sociological Analysis of the Counter Revolution of 1793, Harvard 1964 S. 735. Vgl. des weiteren Bois, Paul: Paysans de l’Ouest. Des structures économiques et sociales aux options politiques depuis l’époque révolutionnaire dans la Sarthe, Le Mans 1960; Faucheux, Marcel: L’insurrection vendéenne de 1793. Aspects économiques et sociaux, 1953. 7 Wagner, 1987, S. 734. 1.1 Die historiographische Debatte über den Vendéeaufstand 3 ten Untersuchungen zur Vendée gefunden. In den 1980er Jahren fand eine erkennbare Vertiefung der sozialgeschichtlichen Untersuchung statt.8 Im Zuge dieser Debatte relativierte Claude Pétitfrère die These von Tilly, dass die Haltung für oder gegen die Revolution von der Marktorientierung der jeweiligen Gegend abhängt.9 Nach Wagner haben Donald Sutherland und Jacques LeGoff die Bedeutung der ländlichen Gesellschaft für den Aufstand bestätigt, aber ohne dem Stadt-Land-Konflikt eine derartig große Bedeutung beizumessen, wie Tilly und Bois es tun.10 Auch der Einfluss von Adel und Klerus wird von ihm relativiert. So bezieht sich Wagner auf die Position von Sutherland, dass die gegenrevolutionären Erhebungen in Westfrankreich kein Werk des Adels, sondern „eine massive und dauerhafte Widerstandsbewegung breiter Volksschichten“ gewesen seien.11 Gestritten wird seit den 1980er Jahren mehr über die Rolle der Religion und ihr Verhältnis zu den sozioökonomischen Bedingungen. Während die eher revolutionsfeindlichen Historiker die eigenständige Bedeutung der Religion betonen, betrachten die Revolutionsbefürworter sie als von den sozioökonomischen Bedingungen bestimmt.12 In den 1980er Jahren wurde nach Wagner die Frage der Religion besonders von Tackett wieder aufgenommen.13 Dieser geht davon aus, dass die Konfrontation von starkem Katholizismus der Landbevölkerung und Antiklerikalismus der städtischen Protagonisten der Revolution die „entscheidende Ursache für die royalistischen Aufstände in Westfrankreich“ war.14 In der Debatte mit den Vertretern der Sozialgeschichte, wie Sutherland und LeGoff, stand vor allem die Frage nach der Autonomie „der religiösen und mentalen Fragen“ oder deren etwaige Verknüpfung mit den sozioökonomischen Bedingungen im Mittelpunkt.15 Die Niederschlagung des Vendée-Aufstands und die darauf folgende Unterdrückungspolitik gegen die Bevölkerung der Vendée gehört 8 Vgl. Petitfrère, Claude: La Vendée et les Vendéens, Paris 1981. 9 Vgl. Wagner, 1987, S. 738. 10 Ebd. S. 741. 11 Ebd. S. 742. 12 Ebd. S. 736. 13 Ebd. S. 744. 14 Ebd. 15 Ebd. S. 744f. 1. Einleitung 4 nach Ansicht einiger Historiker zu den grausamsten Kapiteln16 der Politik der terreur bis ins Jahr 1794.17 Die Zahl der Opfer schwankt zwischen 100.000 und 250.000.18 Eine gewichtige Folge war die tiefgreifende Entfremdung der Region des Aufstands, die damals mehrere Departements umfasste, vom restlichen Frankreich. Eine Entfremdung, die sich ungeachtet einer Neuordnung der Departements bis ins 20. Jahrhundert erhielt und zum Teil bis heute gehalten hat.19 Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre gab es sogar eine Debatte, ob es sich nicht um einen „franco-französischen Völkermord“ gehandelt habe.20 Unabhängig von den konkreten Ergebnissen dieser Debatte verdeutlicht dieser Umstand die noch immer aktuelle Brisanz dieser Thematik. Nach Wagner geht es bei der Frage, ob in der Vendée ein Genozid verübt wurde, um eine „negative Umwertung der Revolution“.21 Diese wurde unter anderem von Reynald Sécher vertreten, der nach Wagner 16 Im Herbst und Winter werden auf Anordnung von Carrier in Nantes 10.000 Gefangene vor allem von den Vendée-Aufständischen hingerichtet. In der Loire werden 4 bis 5.000 Personen ohne Urteil ertränkt. Vgl. Furet, 1996, S. 274f. Die „infernalischen Kolonnen“ unter Befehl des Generals Turreau beginnen im Januar 1794 damit, die Vendée systematisch zu durchforsten. „Die Bäume werden gefällt, die Dörfer niedergebrannt, die Viehherden niedergestochen, die Bevölkerung unterschiedslos massakriert.“ Ebd. S. 275 17 Mathiez, Albert: Die Französische Revolution. Bd. 2, Hamburg 1950, S. 540. 18 Vgl. Sécher,Reynald: La génocide franco-française, (Collection Histoires), Paris 1986, S. 253-264; vgl. weiterhin Martin, Jean-Clement: La Vendée et la France, Paris 1987, S. 312-317. 19 Vgl. Wagner, Michael: Die Gegenrevolution, in: Reichardt, Rolf (Hrg.): PLOETZ. Die Französische Revolution, Freiburg 1988, S. 98-111, hier S. 104. 20 Auf diese sehr emotional und auch häufig polemisch und unwissenschaftlich geführte Debatte werde ich in meiner Arbeit nur am Rande eingehen. Eine Übersicht über die jüngere Literatur zur Vendée findet sich bei Wagner 1987, u. Wagner, Michael: „Normalkrieg“ oder „Völkermord“? Neuere Forschung zur Niederwerfung des Aufstandes in der Vendée, Deutsches historisches Institut Paris, in Francia Bd. 22/2 Stuttgart 1996, S. 177-185. Zur Debatte, ob es sich um einen Völkrmord gehandelt hat, sind weiterhin folgende Werke zu nennen: Gérard, Alain: La Guerre de Vendée, La Roche-sur-Yon 2006; Hussenet, Jacques, Contant, Pierre (Hrsg.): Détruisez la Vendée! : regards croisés sur les victimes et destructions de la guerre de Vendée, La Roche-sur-Yon 2007; Artarit, Jean: Guerre de la Vendée et des chouans, La Roche-sur-Yon 2012 und Le Tannou, Pol-Erwan: Guerre et Génocide de Vendée, Brest 2014. 21 Vgl. Wagner, 1987, S. 749. 1.1 Die historiographische Debatte über den Vendéeaufstand 5 sehr leichtfertig mit dem Begriff Völkermord umgeht.22 Die Unterdrückung des Vendée-Aufstands ist in dieser Lesart der „erste von einem totalitären Regime unternommene Völkermord“.23 Nach Wagner liefert Sécher für diese Interpretation die Faktenbasis und sieht in dem Vendée-Krieg vor allem einen Religionskrieg.24 Dabei konzentriert er sich auf die „Nachzeichnung der Niederwerfung des Aufstands und die Ermittlung der Zahl der Opfer und der Höhe der materiellen Schäden.“25 „Der Massenmord in der Vendée ist für Sécher die logische Konsequenz der revolutionären Ideologie. Ein ganzes ‚Volk‘, das nicht bereit war sich dem Jakobinismus zu unterwerfen, sollte ausgerottet werden.“26 Sécher argumentiere in seiner Bewertung der Ereignisse in der Vendée auf die gleiche Art und Weise, auf die in der alten Frage nach dem ursächlichen Grund der terreur-Politik häufig argumentiert wird.27 Nach Wagner folgen immer weniger Historiker der republikanischen und sozialistisch inspirierten Interpretation, die terreur in den gesellschaftlichen Umständen der Jahre 1793/94 zu begründen, als vielmehr in der ideologischen Dynamik des Jakobinismus begründet sehen.28 Staat und Gesellschaft im revolutionären Diskurs Zum besseren Verständnis ist es nötig die zeitgenössischen Staats- und Gesellschaftskonzeptionen des späten 18. Jahrhunderts nicht nur primär historisch, sondern auch theoretisch zu beschreiben und zu bestimmen.29 Deshalb wird vorab ein begriffliches Fundament für die 1.2. 22 Ebd. 23 Ebd. 24 Ebd. 25 Ebd. 26 Ebd. S. 749f. 27 Ebd. S. 750. 28 Ebd. 29 Ich gehe davon aus, dass es unerlässlich ist, einen Begriff von moderner Staatlichkeit und Gesellschaft zu entwickeln, bevor man sich den Vorstellungen der historischen Akteure unter dieser Fragestellung annähert. Das umgekehrte Verfahren scheint mir weniger sinnvoll zu sein, weil eine ausschließlich an den historischen 1. Einleitung 6 zentralen Begriffe erarbeitet. Dieses Fundament muss den intellektuellen Ausgangspunkt der französischen Revolutionäre hinreichend entwickeln. Im ersten Teil der Untersuchung sollen die verschiedenen Aspekte und Implikationen der neu entstehenden Staats- und Gesellschaftskonzeptionen, auf die sich die französischen Revolutionäre maßgeblich beziehen, erarbeitet werden. Ausgangspunkt sind hierbei die Ver- änderungen im Gesellschafts- und Staatsverständnis im Frankreich des 18. Jahrhunderts, vor allem innerhalb des französischen Aufklärungsdiskurses ab den 1750er Jahren. Dieser Diskurs behandelte maßgeblich die Begriffe Vernunft, Freiheit, Souveränität des Königs und daran anschließend den Begriff der Nation. Die Verbindung der Staatsund Gesellschaftskonzeption mit dem Prinzip der nationalen Souveränität stellte dabei eine der wichtigsten Entwicklungen ab Mitte des 18. Jahrhunderts dar. Diese fand ihren entwickeltsten staatstheoretischen Ausdruck in der Schrift „Was ist der Dritte Stand?“ vom Januar 1789 des Abbé Sieyès. Diese Schrift wurde zu einem der wichtigsten Bezugspunkte bei der Ausarbeitung der Erklärung der „Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen“ von 1789 und bei der Verfassung von 1791. Besonders die staatstheoretische Konzeption des Verhältnisses von Staat, Nation, Volk und Gesellschaft zueinander war dabei von zentraler Bedeutung. Bildete der französische Aufklärungsdiskurs den ideellen Bezugsrahmen der Revolutionäre, so wurde Sieyès Werk für sie zum Orientierungspunkt in der konkreten Frage des Staats- und Gesellschaftsaufbaus. Im zweiten Teil der Untersuchung soll anschließend die herausgearbeitete revolutionäre Staats- und Gesellschaftskonzeption auf ihre Veränderungen, vor allem auch auf ihre Gemeinsamkeiten und Implikationen hin untersucht werden. Die Staats- und Gesellschaftskonzeption, die in der Reflexion des Vendée-Aufstands durch die Revolutionäre im Jahr 1793 für diese als geltend bestimmt werden können, soll in ihrer Kontinuität und Diskontinuität erfasst werden. Diese Staats- Vorstellungen orientierte Begriffsbildung die historische Dimension der Französischen Revolution schwerlich erfassen kann. Die historische Genese von Begriffen und Definitionen ist jedoch auch für das gewählte Vorgehen von entscheidener Bedeutung. 1.2. Staat und Gesellschaft im revolutionären Diskurs 7 und Gesellschaftskonzeption bildeten den intellektuellen Bezugsrahmen für die Wahrnehmung und Interpretation des Vendée-Aufstands. Auf dieser Grundlage wird dann im dritten Teil die Untersuchung des Vendée-Aufstandes erfolgen und die Frage nach der Kontinuität beziehungsweise der Diskontinuität der Revolution von ihrer parlamentarischen Phase über die Herrschaft der Gironde bis hin zur Herrschaft der Jakobiner – der Diktatur des Wohlfahrtsausschusses – bis 1794 behandelt werden. Diskursanalytische Untersuchung des Vendéeaufstandes Als Quellengrundlage dienen die Stellungnahmen und Positionen zum Vendée-Aufstand seitens der Revolutionäre vom Frühjahr bis zum Oktober 1793. Der zu untersuchende Quellenkorpus ergibt sich aus dem vorhandenen und zugänglichen Material. Im Zentrum stehen zwei Quellensammlungen von Chassin „La Vendée Patriote“ und „La Préparation de la guerre de Vendée“ sowie der Sammelband von Petitfrère, „La Vendée et les Vendéens“. Hinzu kommen Quellen, die aus den „Archives Parlementaires“, dem Archiv der Nationalversammlung und den Akten des Wohlfahrtsausschusses für den betreffenden Zeitraum stammen.30 Eine Einschränkung der Untersuchung auf eine bestimmte Kategorie von Personen oder Dokumenten würde eine Begrenzung auf die höchsten Ebenen politischer Entscheidungsfindung bedeuten. Eine solche Einschränkung könnte aber weder etwas über die Verbreitung noch die Wirkungsmächtigkeit des Wahrnehmungs- und Interpretationsmusters des Vendée-Aufstands auf Seiten der Revolutionäre aussagen. Es ist zu kären, ob die Wahrnehmung des Vendée-Aufstands und 1.3 30 Chassin, Charles-Louis: La Préparation de la guerre de Vendée 1789-1793, Paris 1892; Chassin, Charles-Louis: La Vendée Patriote. 1793-1800, 3 Bde., Paris 1893; Petitfrère, Claude: La Vendée et les Vendéens, Éditions Gallimard Paris 1981; Aulard, Alphonse: Recueil des actes du comité de salut public avec la correspondance officielle des représentants en mission et le registre du conseil exécutif provisoire, (16 Bde.), Paris 1889-1904 und Centre National de la Recherche Scientifique (Hrg.): Archives Parlementaires de 1787 à 1860. Recueil complet des débats législatifs et politiques des chambres françaises, 1. Série 1787-1799, 101 Bde., Neudruck Nendeln/Lichtenstein 1969. 1. Einleitung 8 dessen Einordnung primär ein Anliegen und Projekt der revolutionären politischen Elite war oder ob sich die entsprechenden Argumentationslinien und -figuren auch auf den lokalen und regionalen Ebenen wiederfinden lassen. Weiterhin ist zu klären, ob die entscheidenden Beiträge der revolutionären Argumentationen vielleicht ursächlich von den lokalen und regionalen Republikanern stammen. Die Quellenlage zu den Akteuren in der Vendée selber ist schlecht. Dokumente von Seiten der Aufständischen stammen fast nur von den Anführern und Meinungsführern, also Vertretern des Adels und Klerus, die definitiv royalistischer Gesinnung sind. Eindeutige, gesicherte Aussagen über die politische Gesinnung der einfachen, also vor allem bäuerlichen Aufständischen sind dagegen in den verschiedenen Quellensammlungen und Archiven lediglich vereinzelt vorhanden und verstreut. Eine genaue Sichtung dieses Quellenmaterials wird im Rahmen dieser Untersuchung nur sehr bedingt möglich sein und entspricht auch nicht der eigentlichen Fragestellung. Der Fokus liegt auf den Aussagen und Stellungnahmen der jakobinischen Revolutionäre. In der Analyse der Staats- und Gesellschaftskonzeptionen wird davon ausgegangen, dass sich ungefähr ab der Mitte des Jahrhunderts der Aufklärungsdiskurs entwickelt hat, innerhalb dessen sich die Revolutionäre von 1789 bewegen. Diskurs wird hier als eine „Kommunikationsgemeinschaft“ und auch als eine „Debatte“ sowie als ein „komplexe[s] System[…] zur Herstellung von Wissen und Wirklichkeit“ verstanden.31 Die Untersuchung der Argumentations- und Begründungszusammenhänge in der Reflexion des Vendée-Aufstands geht davon aus, dass es sich bei diesen um signifikante Bestandteile des revolutionären Diskurses des Jahres 1793 handelte.32 31 Vgl. Landwehr, Achim: Historische Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2008, S. 15. „Die historische Diskursanalyse geht von der Beobachtung aus, dass zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt nur eine begrenzte Menge von Aussagen zu einem bestimmten Thema gemacht werden kann, obwohl rein sprachlich gesehen eine unendliche Menge von möglichen Aussagen existiert. Es ist der Diskurs, der die Möglichkeiten von Aussagen zu einem bestimmten Gegenstand regelt, der das Sagbare und Denkbare organisiert.“ Landwehr, Achim: Geschichte des Sagbaren. Einführung in die Historische Diskursanalyse, Tübingen 2001, S. 7. 32 Diese Argumentationszusammenhänge setzen sich aus Aussagen und Äußerungen zusammen. Nach Reiner Keller ist eine Äußerung eine „konkret dokumentierte, für sich genommen je einmalige sprachliche Materialisierung eines Diskurses bzw. ei- 1.3 Diskursanalytische Untersuchung des Vendéeaufstandes 9 In der vorliegenden Untersuchung werden die Äußerungen der Revolutionäre zum Vendée-Aufstand als Teil dieses Diskurses, als auch als Begründungen und Legitimationen der Reaktionen der Revolutionäre verstanden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Begründungszusammenhänge und -strategien der gesellschaftlichen Praxis nicht etwa vorgelagert sind, sondern bereits zu dieser gehören.33 Zu klären ist daher die Frage, welchen Einfluss Diskurse genau auf die Handlungen, jenseits der rein intellektuellen Ebene besitzen. Unklar ist insbesondere die Frage, welchen Anteil die reflektierende Reaktion auf den Vendée-Aufstand genau für die militärisch handelnde Reaktion besitzt. Eine auf die Äußerungen zum Vendée-Aufstand beschränkte diskursanalytische Untersuchung erscheint als unzureichend. Stattdessen werden die Äu- ßerungen zur Vendée seitens der Revolutionäre vor dem gesellschaftlichen, politischen und militärischen Hintergrund des Jahres 1793 analysiert. nes Diskursfragments.“ Demgegenüber ist eine Aussage „der typisierbare und typische Gehalt einer konkreten Äußerung bzw. einzelner darin enthaltener Sprachsequenzen, der sich in zahlreichen verstreuten Äußerungen rekonstruieren lässt.“ Diskurs ist nach Keller „eine nach unterschiedlichen Kriterien abgrenzbare Aussagepraxis bzw. Gesamtheit von Aussageereignissen, die im Hinblick auf institutionell stabilisierte gemeinsame Strukturmuster, Praktiken, Regeln und Ressourcen der Bedeutungserzeugung untersucht werden.“ Keller, Reiner: Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen, Opladen 2004, S. 64f. 33 Ebd. S. 18f. 1. Einleitung 10

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Zusammenfassung

Der Vendée-Aufstand war die größte gegenrevolutionäre Erhebung gegen die Französische Revolution im Jahr 1793 während der Jakobinerherrschaft. Seine Niederschlagung gehört zu den blutigsten und häufig diskutierten Kapiteln der Revolution. Die vorliegende Studie untersucht, ob die massiven Reaktionen der Revolutionäre auf diesen Aufstand Abweichungen von der ursprünglichen Gesellschaftskonzeption darstellen, wie sie bereits 1789 vorhanden war.

Welches waren die wichtigsten Argumentationsstränge und -figuren in der Begründung der Aufstandsbekämpfung in der Vendée und in welcher Beziehung standen sie zu der Staats- und Gesellschaftskonzeption der Revolutionäre? Welche Rolle spielte die Reflexion des Vendée-Aufstands als Bestandteil des revolutionären Diskurses im Jahr 1793?

Es wird erörtert, ob die Revolutionäre in der Begründung ihrer politischen und militärischen Reaktionen an bereits vorhandene Tendenzen innerhalb des revolutionären Diskurses anknüpften. Denn die Mehrheit der historischen Akteure innerhalb des revolutionären Diskurses vertrat den Anspruch, eine neue, auf den Prinzipien der Aufklärung basierende, Gesellschaft zu begründen.