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Geleitwort von Herfried Münkler in:

Juliane Marie Schreiber

Bilder als Waffen, page 7 - 9

Die ikonische Ästhetisierung der neuen Kriege

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4195-6, ISBN online: 978-3-8288-7083-3, https://doi.org/10.5771/9783828870833-7

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Geleitwort von Herfried Münkler Seitdem Krieg und Frieden in rechtlicher wie politischer Hinsicht nicht mehr gleichberechtigte Aggregatzustände des Politischen sind – was sie in der so genannten Westfälischen Ordnung vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein waren –, muss in der Öffentlichkeit um Zustimmung und Unterstützung für den Fall des Einsatzes militärischer Mittel geworben werden. Dieses Werben um political support findet üblicherweise mit Argumenten statt, bei denen auf völkerrechtliche Regelungen, auf politische Sachverhalte, die Rechtsansprüche der konfligierenden Parteien und vieles andere mehr verwiesen wird. Das ist eine Auseinandersetzung mit Worten, die in dieser Weise auch vor einem internationalen Gericht ausgetragen werden könnte, in diesem Fall aber als Legitimation dafür eingesetzt wird, dass die strittigen Fragen und Auffassungen nicht vor einem Schiedsgerichtshof, sondern mit Hilfe von Waffen ausgetragen werden. Dabei richten sich die Argumente an drei voneinander im Prinzip getrennte, aber diffundierende Öffentlichkeiten: die des eigenen Landes, von deren Bevölkerung man nachhaltige Unterstützung erwartet, die des angegriffenen Raumes, wobei es darum geht, einen Teil, wenn nicht die Mehrheit der Bevölkerung von den Politikern und deren Erfüllungsstäben zu trennen, gegen die mit Waffengewalt vorgegangen werden soll bzw. bereits wird, sowie schließlich eine nicht weiter spezifizierte «Weltöffentlichkeit», bei der man zumindest Verständnis für das eigene Vorgehen gewinnen will. In ihrer Untersuchung zeigt Juliane Marie Schreiber nun, dass neben den Argumenten im klassischen Sinn, also der mit Worten geführten Auseinandersetzung, die im klassischen symmetrischen Krieg seit jeher das Gegeneinander der Waffen begleitet hat, auch Bilder eine herausgehobene Rolle spielen, wobei sie eingesetzt werden, die Gegenseite zu desavouieren und die Legitimität der eigenen Seite zu stärken. Das ist im Prinzip nicht neu, denn seit der Verbilligung der Druckkosten infolge der Erfindungen des Johannes Gutenberg haben Druckgraphiken als Mittel der Propaganda gerade in Kriegen eine herausgehobene Rolle gespielt. Seit Erfindung der Fotographie wiederum haben propagandistische Bilder als Begleiter des Kriegsgeschehens noch weiter an Bedeutung gewonnen. Sie blieben indes, wie die 7 Worte auch, Begleiter eines Geschehens, in dem Waffen im konventionellen Sinn die ausschlaggebende Rolle spielten. Solange Kriege in symmetrischer Weise geführt wurden, war auch die Funktion von Worten und Bildern auf beiden Seiten gleich. Man konnte sie auch als «Waffen» bezeichnen, deren Gebrauch sich von der Wissenschaft retrospektiv studieren ließ, doch konnte man nicht sagen, dass aus der Verfügung und dem Gebrauch dieser «Waffen» einseitige Vorteile erwuchsen. Wenn eine Seite Vorteile hatte, dann deswegen, weil die Gegenseite ungeschickt oder inkompetent mit diesen Waffen umging. Das hat sich seit dem Aufkommen der asymmetrischen Kriege grundlegend ge- ändert. Worte und insbesondere Bilder haben im buchstäblichen – und nicht bloß im metaphorischen – Sinn Waffenqualität bekommen, und vor allem Bilder kommen der asymmetrisch unterlegenen Seite zugute, während die überlegene Seite daraus keinen großen Vorteil zu beziehen vermag, sondern weitgehend damit beschäftigt ist, die bildgestützten Vorteile der Gegenseite zu begrenzen oder zu konterkarieren. Pointiert: Für den asymmetrisch Schwachen sind Bilder tatsächlich Waffen, während sie für den asymmetrisch Starken «Waffen» bleiben. Juliane Marie Schreiber zeigt in ihrer Analyse, wie die skizzierte Veränderung des Kriegsgeschehens von der Symmetrie zur Asymmetrie mit einer Umstellung unserer Perzeptionsgewohnheiten zusammentraf, in deren Folge die bisherige Konzentration auf den Text durch sich in den Vordergrund drängende Bilder zunächst überlagert und dann konterkariert wurde. Frau Schreiber bezeichnet dies als die «ikonische Ästhetisierung der neuen Kriege». Indem sie in ihrer Untersuchung sozial- und kulturwissenschaftliche Herangehensweisen miteinander verbindet, verschafft sie sich die Möglichkeit, ganz nah an die von ihr beobachteten Phänomene heranzutreten und sie in der Nahperspektive zu beschreiben, um sodann auch wieder auf Abstand zu gehen und das Beschriebene in eine kritische Theorie der Gesellschaft einzubetten. Im Anschluss an die Theorie der asymmetrischen Kriege stellt Frau Schreiber terroristische Akteure, zu deren Operationsfähigkeit die uneingeschränkte Bereitschaft zum Suizid gehört, postheroischen Gesellschaften und den ihnen Angehörenden gegenüber, in denen sich tendenziell alles um die Bewahrung und Verlängerung des Lebens dreht. Dabei konzentriert sie sich auf die Medienstrategie des «Islamischen 8 Staates» als einem in den Konstellationen der Asymmetrie schwachen Akteur, und dem stellt sie als Repräsentant des Postheroischen die USA gegenüber. Daraus ergibt sich eine Betrachtung politischer Auseinandersetzungen, in denen Bilder als Waffen die mitunter entscheidende Rolle spielen. Wer die Kriege der Gegenwart analysieren will, wird in Zukunft den Einsatz von Bildern als Waffen nicht vernachlässigen dürfen. Und er wird dabei genau im Auge behalten müssen, auf welche Öffentlichkeit jeweils diese Waffen gerichtet sind und welche Wirkung sie dort erzielen sollen. 9

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Zusammenfassung

Die neuen Kriege sind asymmetrisch und dezentral. Das zeigt sich derzeit deutlich am sogenannten „Krieg gegen den Terror“. In diesem Konflikt zwischen dem „postheroischen Westen“ und der Terrororganisation IS werden Bilder zu Waffen. Mit einer „Ästhetik des Schreckens“ zielt der IS darauf, die westliche Kollektivpsyche durch schockierende Fotos zu zermürben. Gleichzeitig rekrutiert er Anhänger mit bildlichen Repräsentationen von Heroisierung, Bruderschaft und totaler Okkupation. Der postheroische Westen dagegen zeigt keine Toten und Verletzten, sondern beabsichtigt die maximale Ästhetisierung bei minimaler Darstellung von Leid. Die vorliegende Arbeit analysiert die ikonischen Strategien beider Parteien im Detail und verbindet so zwei Theoreme: die Asymmetrierung von Konflikten aus der aktuellen Kriegsforschung über die neuen Kriege und den Iconic Turn als anthropologischen Wendepunkt aus den Kulturwissenschaften. Konsequent entwickelt die Autorin die Konzeption einer „ästhetischen Wende“: Der Krieg der Bilder basiert auch auf einem Wandel im privaten Rezeptionsverhalten und dem medialen Sensationszwang. Die Arbeit zeigt die hier unbewusste „Komplizenschaft der Medien“ mit beiden Kriegsakteuren auf und schließt mit einem Plädoyer für eine kritische Bildkompetenz.