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4. Die Ästhetisierung der Kriegsdarstellung der terroristischen Akteure in:

Juliane Marie Schreiber

Bilder als Waffen, page 31 - 65

Die ikonische Ästhetisierung der neuen Kriege

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4195-6, ISBN online: 978-3-8288-7083-3, https://doi.org/10.5771/9783828870833-31

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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4. Die Ästhetisierung der Kriegsdarstellung der terroristischen Akteure Als geradezu exemplarisch für die Bildstrategie der terroristischen Akteure gilt der als faktenschaffende Bildakt betrachtete Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, den Jean Baudrillard «das absolute Ereignis, die Mutter aller Ereignisse»87 nannte, denn dieser Anschlag habe auch das Bild als Ereignis zu neuem Leben erweckt.88 Das Ereignis «9/11» wurde von zahlreichen Stimmen in seiner ikonischen und eindrücklichen Wirkung beschrieben. So etwa bezeichnet Bredekamp das Ereignis als «Schreckensbildpolitik», Klaus Theweleit als «Gesamtattentat im Götterdämmerungssinn, unüberbietbar im Symbolischen» und der Komponist Karlheinz Stockhausen sprach hochumstritten gar von einem «Kunstwerk».89 Bredekamps Annahme eines Bildakts, der selbst vielmehr Geschichte erzeugt, als sie nur abbildet, liegt hier nahe, denn das Ereignis wurde vor allem als Bild-Ereignis bedeutsam.90 Es wurde vielmehr die Realität der Bilder (oder des ikonischen Bildes, s. Abbildung 1), weniger die tatsächliche Realität vor Ort gewissermaßen zur «Folie», anhand derer Politik und Militär reagierten.91 87 Baudrillard (2002) 88 Vgl. Baudrillard (2002), S. 11 f. 89 Stockhausen erregte Aufsehen, als er zum 11. September konstatierte: «Das war das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat. Dass Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen können, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert, und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, als Komponisten.», vgl. Virilio (2002a), S. 45 und http://www.welt.de/print-welt/article480096/Der-11- September-und-die-Erhabenheit-der-Katastrophe.html, für eine ausführlichere Diskussion siehe Paul (2004). Vgl. hierzu auch Bredekamp (2003), S. 225; Theweleit (2002), S. 265 und Paul (2004), S. 435. 90 Vgl. Paul (2009) 91 Vgl. Paul (2004), S. 438 Paul meint damit im übertragenen Sinne wahrscheinlich auch die «Folie» des kollektiv-traumatisierenden Ereignisses, das in seiner Symbolwirkung als Angriff gegen den gesamten Westen zu verstehen war. Zudem produzierte das Betrachten dieser Bilder durch die Rezipienten so einen Akt der Beteiligung am Geschehen, bei dem der Zuschauer gewissermaßen zum visuellen Komplizen wurde. Vgl. Paul (2009). 31 Abbildung 1 Aufgrund der überdurchschnittlich hohen Kameradichte New Yorks wurde oftmals von einer von den terroristischen Akteuren bewusst gewählten «massenmedialen Konstruktion der Terroranschläge» gesprochen, da die Inszenierung des gesamten Anschlages ohne die umfassende Medienpräsenz in der Form nicht möglich gewesen wäre. Daraus speist sich noch immer häufig der generelle Vorwurf, die Medien würden zu Komplizen des Terrorismus werden.92 Die Behauptung, alle Massenmedien seien systematisch Verbündete des Terrors, indem sie Bilder reproduzierten, welche die Terroristen intendiert hatten, ist natürlich nur teilweise haltbar, da über ein derartiges Ereignis schließlich in irgendeiner Form berichtet werden muss. Es ist jedoch unbestreitbar, dass Medien und Terrorismus in einer besonderen Abhängigkeitsbeziehung zueinander stehen. Wichtig ist hier festzuhalten, dass beide sich gegenseitig nicht gleich stark bedingen; denn selbst unseriöse Massenmedien in ihrem Modus des Sensationsjournalismus – aber auch qualitative Medien, die ebenfalls auf immer neue Impulse angewiesen sind – funktionieren selbstverständlich auch ohne den recht spezifischen Input von Terroranschlägen. Hingegen brauchen die asymmetrisch unterlegenen terroristischen Kräfte die Medien unbedingt, um ihre Botschaft überhaupt verbreiten zu können. 92 Vgl. Münkler (2015a), S. 229 32 Weniger haltbar ist hingegen Pauls Vorwurf, der Terroranschlag selbst wäre erst durch die Medien ästhetisiert worden, indem es zur häufigen Verwendung von ästhetisch ansprechenden Weitwinkelobjektiven und bestimmten Kamera-Filtern kam93. Zum einen wurden im Falle von 9/11 zwangsläufig Weitwinkelobjektive verwendet, um die Gesamtheit der Situation in der Form zeigen zu können. Zum anderen ist davon auszugehen, dass aufgrund einer derart extremen Bilderflut auch zahlreiche ungefilterte, «rohe» Bilder gezeigt wurden. Ohnehin stellt sich die Frage, warum die Einstellung der Totale systematisch ästhetischer sein sollte als beispielsweise eine Halbtotale. Gleichwohl kann man den Diskurs um den Einfluss der Form der Berichterstattung des 11. Septembers als einen exemplarischen Anstoß für den Umgang mit Bildern von terroristischen Angriffen auffassen. Medienpolitische Entscheidungen zur Form der Nachrichtenaufbereitung, wie etwa die Frage, ob man die brennenden Twin Towers auf den Titelseiten der Zeitungen tatsächlich ubiquitär hätte abbilden sollen oder nicht, sind noch immer dringend notwendig,94 betrachtet man etwa die teils reißerische Berichterstattung über jüngere Terroranschläge, wie etwa von Brüssel im März 2016, welche die Panik durch emotional aufgeladene Bebilderung, omnipräsente schier endlose «Live-Ticker» sowie vorschnelle Rückschlüsse über die Motivation potentieller Täter mehr schürte als eindämmte.95 Im Folgenden soll es nun zunächst konkret um die Strategien eines terroristischen Akteurs, des sogenannten «Islamischen Staats» (IS) gehen, der vor allem seit dem Jahr 2014 große mediale Aufmerksamkeit erhalten hat. 4.1 Der «Islamische Staat» als terroristischer Akteur Der sogenannte «Islamische Staat» dominiert nun seit einigen Jahren als wichtigste «terroristische Bedrohung» des Westens beinah täglich die Nachrichtenlage. Ein Satz wie «Der Islamische Staat bekennt sich zu Tat X» ist bereits seit Jahren eine recht geläufige Floskel; so wird die Diagnose «Terroranschlag» heute beinah mit «vom IS verübt» gleichgesetzt. Umfassende Gräueltaten wie Enthauptungen, Verbrennun- 93 Vgl. Paul (2004), S. 439 94 Die Zeitung taz hatte sich damals als einzige deutsche Tageszeitung gegen die Abbildung entschieden, um dem nicht noch mehr Raum zu geben. 95 Zur Notwendigkeit dieser Debatte an späterer Stelle mehr. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt , dass vor allem die letzten Anschläge in London 2017 von der lokalen Polizei durchaus mit sorgfältigerer, ruhigerer Distanz behandelt wurden. 33 gen, Folter und Versklavung: Das ultimativ Böse scheint insbesondere seit Sommer 2014 wieder ein Gesicht zu haben – und bildet ein unumstrittenes Feindbild, zumindest für den gesamten Westen. Die dschihadistisch-salafistische Miliz des IS verfolgt das Ziel der Errichtung und Ausweitung ihres eigenen «Kalifats», das im Jahr 2014 in der Stadt Mossul ausgerufen wurde. Als dessen Anführer gilt Abu Bakr al-Baghdadi, der sich selbst als «Kalif» bezeichnet.96 Der IS formierte sich nach dem Einmarsch US-amerikanischer Truppen im Irak im Jahr 2003 und bekannte sich noch bis zum Sommer 2013 zum Terrornetzwerk Al Qaida. Seitdem operiert er unabhängig und beherrscht bis heute große Gebiete Syriens und des Iraks. Seine Einnahmen bezieht er vor allem durch den Verkauf von Öl sowie durch erhobene «Steuern» in seinem Herrschaftsgebiet.97 Im Jahr 2014, auf seinem Höhepunkt der Macht, nahm der IS nach Schätzungen bis zu 1.8 Milliarden Euro ein. Er gilt bis heute als die weltweit reichste Terrororganisation.98 Verglichen mit dem Stand im Jahre 2014 musste er jedoch herbe Rückschläge hinnehmen: Jüngsten Schätzungen zufolge hat er etwa 60 Prozent seines Gebietes im Irak und 30 Prozent in Syrien verloren, auch die finanziellen Ressourcen und Spielräume werden zunehmend knapper. Zudem verringern sich die Kämpferzahlen konstant: Wurde Anfang 2016 davon berichtet, der IS habe ein Fünftel seiner Kämpfer in Syrien und im Irak verloren, so geht man inzwischen von weiteren, erheblichen Verlusten vor allem im Kampf um die Stadt Mossul aus. Im Zuge der aktuell stattfindenden Mossul-Offensive – parallel zur Offensive in Rakka – rückt die US-gestützte irakische Armee immer weiter vor; angeblich befinden sich dort nur noch «einige hundert» IS-Kämpfer, die noch zehn Prozent der Stadt kontrollieren sollen.99 Viele hätten sich den irakischen Truppen ergeben oder bereits 96 Bisher ist unklar, ob Baghdadi zuletzt bei einem russischen Angriff am 28.05.2017 tatsächlich in Rakka ums Leben gekommen ist, wie es das russische Verteidigungsministerium nahelegt, jedoch noch prüfen will (https://www.welt.de/politik/ausland/article165626479/Ist-Abu-Bakr-al-Baghdadi-dieses- Mal-wirklich-tot.html). 97 Vgl. in Zeit-Online (2015): http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-11/islamischer-staatfinanzierung-geiseln-steuern-oel 98 Im Jahr 2016 kamen sie nur noch auf ca. 815 Millionen Euro. Basierend auf einer Studie von International Center for the Study of Radicalization (ICSR) (Zeit Online: 17.2.2017) 99 Zeit Online (15.06.2017): http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-06/anti-is-kampf-iraksyrien-mossul-rakka, Stand der Informationen: 20.06.2017 34 den IS verlassen.100 Trotz allem verläuft der Kampf gegen den IS schleppend; auch wenn Mossul und Rakka befreit werden sollten, ist die gesamte Miliz noch nicht besiegt. Eine politiktheoretische Einordnung des Islamischen Staates ist komplex und lässt sich am besten als Hybrid beschreiben, da es sich, so Wassermann, weder um einen prototypischen Staat, noch um eine prototypische Terrororganisation handelt. Begreift man den IS eher als Staatsbildungs-Konstrukt, der in Syrien und im Irak teilweise konventionell agiert, kann man ihn als staatlich-symmetrischen Akteur begreifen. Betrachtet man ihn jedoch als nichtstaatliches (Terror-)Netzwerk, wird man auch seine nach außen gerichtete Kriegführung mit Fokus auf Anschlägen als terroristisch-asymmetrisch und seine Operationen als irregulär-konventionell begreifen.101 Ähnlich argumentiert auch Michael Lüders, demzufolge der IS zugleich «Guerilla-Bewegung, Terrororganisation und Staatsbildungsprojekt» sei, was es wesentlich erschwere «gegen eine so diffuse Organisation» Krieg zu führen.102 Aufgrund der Themenstellung soll sich hier vor allem auf den IS als asymmetrischer Akteur im «Krieg gegen den Terror» in seiner terroristisch-asymmetrischen Kriegführung und seine irregulär-unkonventionelle Strategie konzentriert werden. So stufen auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und zahlreiche Regierungen, unter ihnen Deutschland, den IS als terroristische Vereinigung ein.103 Der Miliz werden Völkermord, Kriegsverbrechen und weitreichende Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie etwa Massenexekutionen, Folter und Versklavung vorgeworfen.104 Der bisher schwerste Terroranschlag des IS in Westeuropa geschah im November 2015 in Paris, bei dem 130 Menschen getötet wurden. Der damalige Präsident François Hollande hat daraufhin den Ausnahmezustand in Frankreich verhängt, der bis heute auch von Emmanuel Macron noch nicht aufgehoben wurde. Gingen Sicherheitsexperten lange davon aus, dass der IS seinen strategischen Fokus ausschließlich auf die Ausweitung seines «Kalifats» lege, änderte sich diese Einschät- 100 The Guardian (26.04.2017): https://www.theguardian.com/world/2017/apr/26/isis-exodusforeign-fighters-caliphate-crumbles 101 Vgl. Wassermann (2016) 102 Vgl. Lüders (2015) 103 Bericht der Vereinten Nationen: Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (2014) 104 http://www.spiegel.de/politik/ausland/islamischer-staat-internationaler-strafgerichtshof-sollis-wegen-kriegsverbrechen-anklagen-a-1024376.html 35 zung seit jenen Anschlägen von Paris 2015 und Brüssel 2016. Es sei seitdem unzweifelhaft, «dass der IS den Westen bekämpft».105 Dass der IS wie alle terroristischen Akteure den binären Rahmen von Krieg und Frieden sprengen, ist ein Umstand, der seine Bekämpfung wesentlich erschwert. Spätestens seit Mitte 2014 hat der IS «eine Kampagne gegen den Westen» begonnen, die auch eine Reaktion auf die internationale Militärkoalition gegen den IS darstellt, so die Bundesakademie für Sicherheitspolitik.106 Diese sogenannte «Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat», auch Anti-IS-Koalition genannt, formierte sich im September 2014 beim NATO-Gipfel auf Initiative der USA. Erst im Mai dieses Jahres trat die Institution NATO selbst diesem Bündnis bei, nachdem bereits alle 28 NATO-Mitgliedstaaten Teil der Koalition waren. Es ist wahrscheinlich, dass das vom IS verfolgte Feindbild des Westens auch eine Reaktion auf dieses Militärbündnis darstellt.107 Jedoch, und das ist eine essenzielle Beobachtung, stellt der IS keineswegs ausschließlich eine Horde heißblütig mordender Fanatiker dar. Lüders bemerkt hierzu: «Man darf sich nicht von den Bildern martialischer, vollbärtiger Gotteskrieger täuschen lassen, die im IS-Gebiet die Leute köpfen. Das sind die Bodentruppen des IS, die das blutige Geschäft verrichten».108 Die Führungsstruktur der Miliz speist sich vielmehr aus sunnitischen ehemaligen Geheimdienstoffizieren aus Saddam Husseins Truppen.109 Diese seien die «kühl kalkulierende Strategen», die ihren «Machtverlust in der Region wettmachen wollen.»110 Somit ist auch das radikal Neue am IS eben nicht seine «sklavische Gottesergebenheit», wie es zum Beispiel bei Al Qaida der Fall ist, sondern die strategische und nüchterne Verfolgung seiner Ziele.111 «Unsere Erwartungen hat der Islamische Staat gern bedient», beschreibt Reuter, und spielt damit auf die westlichen Vorurteile gegenüber des Nahen Ostens an. «Aber unter der starren Oberfläche des Fanatismus sitzt ein mutationsfreudiger Organismus, flexibel bis zum Äußersten und klüger als all seine Vorgänger.»112 Er bezieht sich dabei 105 Brüggemann (2016), S. 1 106 Ebd. 107 Ebd. 108 Lüders (2015) 109 Vgl. Reuter (2015), S. 323 110 Lüders (2015) 111 Reuter (2015), S. 204 112 Reuter (2015), S. 7 36 auf die zahlreichen «hakenschlagenden Zweckbündnisse»113 des Islamischen Staates, denn taktisch habe dieser seine «Gestalt und seine Allianzen den Umständen angepasst» und, wann immer es zweckmäßig gewesen sei, die Seiten gewechselt.114 Die Miliz entwickelte sich 2010 aus einem «Mafia-Konglomerat im Untergrund von Mossul,» führte ab 2012 Geheimdienstoperationen zur Unterwanderung Nordsyriens aus, hat nun seit 2014 seine eigene Armee und stand immer mal wieder auf gleicher oder verfeindeter Seite mit den Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al Assad.115 Auch daran zeigt sich, dass die dogmatische Fassade des IS nur wenig mit seiner wandlungsfähigen Struktur gemein hat. 4.2 Die Medienstrategie des «Islamischen Staats» Mithilfe verschiedener Propaganda-Mechanismen hat es der Islamische Staat geschafft, ein mediales «Image aus Glauben und Grausamkeit» von sich zu erzeugen.116 Diese außerordentliche Medienkompetenz ist wohl eines der größten Stärken der Miliz, denn das im Westen verbreitete Bild der mordenden Bande ist strategisch beabsichtigt. Nie zuvor hat eine Terrororganisation die Medien derart «virtuos» eingesetzt wie «ausgerechnet der IS, der doch eine Rückkehr zur Herrschaft des Propheten verspricht», so Reuter.117 Tatsächlich beherrschen sie die drehbuchartige Videoproduktion ihrer Propagandafilme, sie konzipieren ihre Inhalte konkret für das entsprechende Medium – und sie verstehen es, ganz gezielt, vor allem ihr westliches Publikum mit gewissen Bildern von sich zu täuschen. Die Kämpfer dieser Kriege würden «vom Internet erzogen», so Hüppauf, denn sie «beherrschen das Twittern ebensogut wie ihre Messer und Kalaschnikows».118 Der IS nutzt vor allem Soziale Medien wie Twitter, YouTube und Facebook für sich – und seine Mitglieder bewegen sich darin gekonnt, weswegen Georg Dietz sie auch als «popkulturell geschulte Horden» bezeichnete.119 Sie schneiden ihre Inhalte 113 Reuter (2015), S. 323 114 Reuter (2015), S. 322 115 Vgl. ebd. 116 Ebd. – für eine weitergehende Diskussion der historischen Entwicklung des IS und seiner Allianzen s. Reuter (2015), S. 41 f. 117 Reuter (2015), S. 232 118 Hüppauf (2015), S. 313 119 Dietz (2014) 37 auf ihr Zielpublikum zu und nutzen bewusst die «Macht der Mitmachenden»: Soziale Netzwerke folgen dem Schneeballprinzip und bilden, wurden sie einmal aktiviert, unaufhaltbare Reproduktionsmaschinen, vor allem in der Verbreitung von Bildern, Videos oder Ankündigungen von Angriffen. So nutzt der IS diese gezielt, gewissermaßen als «Durchlauferhitzer» für seine Propaganda.120 Das strategisch rationale Kalkül des IS schlägt sich auch hier nieder: Er spielt die westlichen Mittel vor allem in der schnelllebigen Welt der sozialen Medien gegen den Westen selbst aus. Wesentlich ist dabei die Beobachtung, dass der IS bewusst mit den «Erwartungen und Bedürfnissen der Medienwelt spielt.121 Denn er, so Reuter, versteht es hervorragend, die «Berichterstattung über ihn und die Bilder, die von ihm kursieren, zu manipulieren ohne, dass es auf Anhieb ersichtlich ist.»122 Geht man der Frage nach, auf welche Art und Weise diese Manipulation derart gelingen kann, stößt man ein umfassendes und durchdachtes «Propaganda-Konzept»: So ist immer wieder eine vermeintliche Presseagentur namens Amaq News Agency involviert, die häufig im Rahmen von vermeintlich verifizierten Bekennerschreiben nach Anschlägen auftaucht. Diese «Agentur» betreibt der IS seit 2014 von Syrien aus. Sie gilt als Sprachrohr der IS-Propaganda. Entsprechend der Idee eines islamischen «Staates» übernimmt Amaq hierbei die Rolle einer «staatlichen Nachrichtenagentur», die somit keineswegs vom IS unabhängig zu sein scheint.123 Eine umfassende Bedeutung kommt hierbei auch dem Al-Hayat Media Center zu, dem sogenannten Medienzentrum des Islamischen Staates. Ähnlich einer Auslands-Pressestelle werden dort seit 2014 aufwendige und professionelle Propaganda-Bildmaterialien, allen voran Online-Videos in mehreren Sprachen produziert.124 Auch die Medienfirma Al-Furqan Media soll derartige propagandistische Aufgaben für den IS übernehmen. Zudem betreibt der IS erfolgreich ein eigenes Hochglanz-Magazin. Von 2014 bis 2016 erschien ihr erstes Magazin unter dem Titel Dabiq,125 das eben- 120 Reuter (2015), S. 239 121 Reuter (2015), S. 245 122 Ebd. 123 Zwar hat der IS bisher nicht offiziell bestätigt, dass Amaq zum IS gehört, aber «die Verlautbarungen der Agentur lassen keinen Zweifel daran, dass die Verbindungen sehr eng sind» (Video Spiegel Online: http://www.spiegel.de/video/is-wer-steckt-hinter-dernachrichtenagentur-amaq-video-1692750.html) 124 Vgl. Pfannkuch (2014) 125 Der Name «Dabiq» bezieht sich auf die gleichnamige syrische Stadt bei Aleppo, in der, so die Überzeugung des IS, eines Tages die finale Schlacht (gegen «Rom») stattfinde und die 38 falls vom «Al-Hayat Media Center» herausgegeben wurde. Seit September 2016 wurde es durch das Nachfolge-Magazin Rumiyah ersetzt.126 Dschihadistische Magazine sind an sich keine Innovation, einige von ihnen gab es bereits in den 1980er Jahren127. Häufig werden Dabiq bzw. Rumiyah daher mit Inspire, dem Propaganda- Magazin von Al Qaida verglichen, das seit 2010 erscheint. Allerdings gibt es vor allem hinsichtlich der Zielgruppe und der strategischen Ausrichtung wesentliche Unterschiede: Während Inspire vor allem das Täterprofil der «lone wolves», also des «einsamen Wolfes» anspricht und ihn zu individuellen Anschlägen und Angriffen gegen den Westen motivieren will, zielen Dabiq und nachfolgend Rumiyah auf den größeren Kontext des Kalifats.128 Anders als die Autoren bei Inspire bleiben sie anonym, auch, um sich als religiöse Instanz darzustellen. Indem sie aktiv sunnitische Muslime im Westen dazu aufrufen, sich dem IS anzuschließen und auch physisch nach Syrien oder Irak zu kommen, setzen sie mit ihrem Magazin vielmehr auf eine global angelegte Rekrutierungsstrategie.129 Dieses ist vor allem berüchtigt für seine aufwendig produzierten und qualitativ hochwertigen Bilder – diese gelten inzwischen als Markenzeichen, weswegen es auch als «Glossy» Magazine bezeichnet wird. Die enorme Bedeutung, die das Bild vor allem in den neuen, asymmetrischen Kriegen erhält, wurde bereits erläutert. Der Islamische Staat weiß um diesen Umstand und nutzt ihn für sich: Er kontrolliert seine bildliche Repräsentation in der öffentlichen Medienwelt wie kaum ein terroristischer Akteur jemals zuvor.130 Für den IS gilt, «ein Krieg ohne Bilder wäre schließlich ein Krieg ohne Öffentlichkeit»131, und vor allem mediale Öffentlichkeit ist für ihn von strategischer Bedeutung. Deshalb bestimmt er dabei präzise, welche Bilder an die Öffentlichkeit gelangen. Die Darstellungen, die der westliche Rezipient vom IS kennt, welche erwartete Apokalypse eintreten werde. 126 «Rumiyah» ist, entsprechend der Erläuterung zu Dabiq, das arabische Wort für «Rom». 127 Wie etwa «The Mujahedeen monthly» 128 Vgl. Gambhir (2014) 129 Vgl. Gambhir (2014) – der IS setzt auch im Gegensatz zu Al Qaida in diesem Magazin eher auf eine religiöse Rechtfertigung: «The magazine illuminates how ISIS consolidates its power, justifies its authority, sequences its military strategy, and argues against opposition groups.» Da es sich hier um Tendenzen handelt, wird natürlich nicht ausgeschlossen, dass auch der IS immer wieder Aufrufe an Einzeltäter adressiert (s. Untersuchungen zum jüngsten Anschlag in London 2017) 130 Vgl. Reuter (2015), S. 245 131 Reuter (2015), S. 246 39 über große Nachrichtenagenturen wie DPA oder AP verbreitet werden, entstehen unter «rigider Kontrolle der IS-Aufseher», Fotografen müssten alle Bilder zur Zensur vorlegen: Bevor Bilder versendet werden, werden die MemoryCards der Fotoapparate untersucht.132 Wer versucht, die Kontrolle zu umgehen, riskiert 100 Peitschenhiebe – und wer den Ruf des IS beschädige, werde getötet, so ein IS-Anführer.133 Entsprechend existieren öffentlich kaum bis gar keine authentischen Bilder des IS, wie etwa solche, die als Zeichen von Schwäche deutbar wären: Darstellungen von verwundeten, schlafenden oder verzweifelten IS-Kämpfern.134 Manchmal werden westliche Fotografen sogar zu regelrechten «Bildterminen» vom IS eingeladen – bei denen sie dann bewusst gewählte Inszenierungen wie Paraden und Hinrichtungen zu sehen bekommen. Auf diese Weise werden sie jedoch unfreiwillig «zu Rapporteuren des Images, das der IS über sich verbreitet wissen will».135 Aufgrund dieser Umstände existiert bis auf vereinzelte Handy-Schnappschüsse mit geringer Qualität kein alternatives Bildmaterial. Demnach stelle jedes Bild, das eine gewisse Dramatik habe und technisch gut sei, ein Propagandabild vom IS dar, so Reuter.136 Entsprechend zieht jeder Bildredakteur die «optisch opulenten Bilder rollender Kämpfer» vor, «die gern im farbsatten Licht der tiefstehenden Sonne aufgenommen werden».137 Auch hier zeigt sich die Auswirkung der erwähnten ästhetische Wende auf aktuelle bildästhetische Medien-Entscheidungen: Aufgrund der Armut an authentischem Bildmaterial und den enormen Drohungen, denen freie Fotografen ausgesetzt sind, greifen die meisten Agenturen von vornherein auf vom «Informationsbüro des IS» bereitgestelltes, höchst einseitiges Bildmaterial zurück.138 Patrick Baz, Nahostdirektor der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP), rechtfertigte dies exemplarisch mit der Begründung «Wir alle wissen, dass es Propaganda ist […] aber wir wissen gleichzeitig, dass die Welt sehen muss, was geschieht».139 Dass es sich hier in der Tat um ein Dilemma handelt, wird deutlich – doch nicht immer werden diese einseitigen Bildquellen ausreichend gekennzeich- 132 Meyer, Wittmeyer (2014) 133 Ebd. 134 Vgl. Reuter (2015), S. 246 135 Ebd. 136 Vgl. Reuter (2015b) 137 Ebd. 138 Vgl. Reuter (2015), S. 246 139 Meyer/ Wittmeyer (2014) 40 net. Aidan White drücke diesen Umstand drastisch aus: «Alle, Redakteure und Fotografen, werden somit zu «unfreiwilligen Fußsoldaten im Propagandakrieg der Extremisten».140 Er spielt damit auch auf die Problematik an, dass häufig nicht nur eine mediale Kennzeichnung der internen IS-Bildquellen fehlt – auch die Namen verschiedener Quellen «suggerieren dem Bildrezipienten Seriosität und Vielfalt in der Berichterstattung, die eben nicht existiert».141 Entsprechend erscheint der Vorwurf den westlichen Medien gegenüber durchaus nachvollziehbar. 4.3 Ikonographische Modellierungen des IS: Die Ästhetik des Schreckens Der IS kalkuliert seine Medienstrategie präzise, anstatt Dinge dem Zufall zu überlassen. Das wird vor allem in seiner visuellen Inszenierung deutlich, bei der er ganz bewusst bestimmte ikonographische Grundmotive verwendet. Wie im Folgenden gezeigt wird, kommt es in der bildhaften Darstellung der asymmetrischen Kriege häufig zur Verwendung prototypischer «Frames», mit denen der tatsächliche Akt des Krieges modelliert und spezifisch «eingefärbt» wird. Paul nennt diese Modellierungen «stereotypische ikonographische Bildfloskeln».142 Wie bereits theoretisch erläutert, folgen die asymmetrischen Akteure dabei verschiedenen Prinzipien, um ihre jeweiligen Stärken zu betonen. Der IS als terroristisch asymmetrisch unterlegener Akteur verwendet bestimmte Bild-Rahmungen und Modellierungen. Dabei verfolgt er vor allem zwei wesentliche Ziele: Zum einen Machtdemonstration, besonders durch Abschreckung, sowie zum anderen Rekrutierung von Kämpfern für den Ausbau seines Herrschaftsgebietes. Dabei wiederholen sich dieselben visuellen Grundmotive: Häufig sieht man in den westlichen Tageszeitungen Bilder, beispielsweise von IS-Kämpfern, die auf Geländewagen oder Panzern durch die Städte rollen und ihre Fahnen im Wind schwenken. Derart typische Bild-Rahmungen sollen im Folgenden schlagbildartig erfasst und nach prototypischen Bild-»Frames» analysiert werden. 140 Ebd. 141 Vgl. Reuter (2015), S. 246 142 Ebd. S. 472 41 (A) Gewalt Den ersten prototypischen Bild-Frame des Islamischen Staates bildet exzessive Gewalt, ist doch die Miliz für ihr hohes Maß an Grausamkeit berüchtigt und gefürchtet. Dabei unterliegt die visuelle Darstellung dieser Gewalt gewissen Regeln und Prinzipien, die durchaus strategisch kalkuliert sind. Bilder und Bewegtbilder, genauer Internet-Videos, werden vom IS für unterschiedliche Adressaten konzipiert und inszeniert; sie decken damit unterschiedliche Bildermärkte mit entsprechenden Botschaften ab. Für den externen Markt der westlichen Zuschauer verfolgt man vor allem eine weitgehend unblutige Bildstrategie, die «cool, clean und überlegen»wirkt.143 Für den internen Markt des heimischen Publikums, das vor allem verängstigt und gefügig gemacht werden soll, steigert man die Brutalität ins Extrem, indem die Gewalt ganz bewusst viel expliziter, gar «blutrünstig» gezeigt wird.144 Freilich dringen im digitalen Zeitalter grauenvolle Bilder, etwa von Massenexekutionen oder expliziten Hinrichtungen auch in den Westen, jedoch folgt der IS je nach Rezipientengruppe unterschiedliche Bildstrategien. Mit Blick auf das asymmetrisch-terroristische Vorgehen im Krieg gegen den Westen soll im Weiteren der Fokus zunächst auf dem externen Bilder-Markt liegen.145 Das sicher bekannteste Beispiel einer bildlichen Botschaft des IS an den westlichen Rezipienten stammt aus August 2014. In diesem Monat verbreiteten sich schockierende Enthauptungsvideos überall auf der Welt. Hier soll es nun nicht um die Videos an sich gehen, sondern vor allem um die Inszenierung zweier Standbilder daraus, die ihrerseits ikonisch geworden sind. Sie sind beinah universell bekannt: die Bilder vom amerikanischen Journalisten James Foley, der im grellen Sonnenlicht in einer leeren Wüstenlandschaft kniet, in einem gleißenden orangefarbenen Einteiler, den auch die Gefangenen von Guantanamo tragen müssen (s. Abbildungen 2 und 3). 143 Vgl. Reuter (2015), S. 232 144 Vgl. ebd. 145 Auf die visuelle Darstellung von Gräuelbildern, auf denen IS-Kämpfer mit abgetrennten Köpfen posieren, soll hier bewusst verzichtet werden. 42 Abbildung 2 Abbildung 3 43 Der Gefangene befindet sich in kniender Position vor seinem schwarz vermummten Henker, der später als der britische IS-Kämpfer Mohammed Emwazi identifiziert wurde. Experten gehen davon aus, dass der Drehort bewusst gewählt und auch die Bildästhetik genau durchdacht ist.146 «Albtraumhaft greller Wüstenhintergrund, eine Welt ohne Zufluchtsmöglichkeiten, keine Zivilisationsmerkmale in Sicht», so kann man mit Clemens Setz die Szenerie beschreiben.147 Das Opfer, das noch vor dem Tod degradiert wird, indem es IS-Propaganda nachsprechen muss, wobei meist die USA als Schuldige und Mörder bezeichnet werden, ist stoisch ruhig – wobei man sich fragt, mit welchem Druckmittel das noch erpresst wurde, denn, so Reuter: «im Angesicht des Todes, so die Botschaft, ist niemand mehr zur Lüge zu zwingen. Somit wird hier die perfekte Umkehrung der Wirklichkeit» inszeniert.148 Auch diese Ruhe des Gefangenen entspricht dem Selbstbild des IS: Es gibt keinen Kampf am Ende, sondern nur noch das stille Akzeptieren, das Anerkennen des Gegners und ein «sich dem Schicksal ergebender Feind, ein «in einen monolithischen Propagandablock verwandelter Mensch.»149 Diese Video-Bilder liefern somit die perfekte Suggestion von Überlegenheit und eine uneingeschränkte Demonstration von Macht. Zahlreiche Analysten glauben, sowohl Foleys als auch Steven Sotloffs (Abbildung 3) Enthauptungen seien nicht in diesem Moment entstanden, unter anderem weil beim Durchtrennen der Haut kein Blut sichtbar wird.150 Denn mit dem angesetzten Schnitt an der Kehle kommt es auch zum «Cut» des Videos – das Bild wird schwarz. Erst danach wird auf einem Standbild der abgetrennte Kopf auf dem Körper gezeigt – es ist ein surreales Bild.151 Ein Novum ist hier, dass der tatsächliche Akt des Tötens «off stage» geschieht, der Zuschauer wird also nicht Zeuge. Verglichen mit anderen Gräuelvideos, die im Internet kursieren, ist dieses Stilmittel der Schwarzblende eher ungewöhnlich. Der Leerstelle kommt bei den Enthauptungsvideos des IS eine wichtige Rolle zu. Denn erstens soll durch sie das grausame Video «ansehbar» für die westlichen Zuschauer 146 Setz (2014) 147 Ebd. 148 Reuter (2015), S. 233 149 Setz (2014) 150 Vgl. Reuter (2015), S. 233 151 Die visuelle Darstellung dieses Bildes soll aus Pietätsgründen hier bewusst nicht erfolgen. 44 bleiben,152 Setz verwendet gar das Wort des «benutzerfreundlichen» Videos. Zweitens zielt das ästhetische Prinzip des Auslassens auf den weiteren wichtigen Umstand, dass der Rezipient das Nicht-Gesehene ganz automatisch mit seiner eigenen Vorstellungskraft auffüllt. Das ganz bewusste Offenlassen des relevanten Tatherganges stellt hier eine dramaturgische Entscheidung dar. Julian Hanich analysiert im Sammelband «Auslassen, Andeuten, Auffüllen», dass beim Zuschauer so auf sehr nachdrückliche Art der Akt des visuellen Imaginierens aktiviert wird. Phänomenologisch gesehen werde dabei «das Bewusstseinsfeld des Zuschauers vorübergehend umorganisiert: Seine vorwiegend auf Wahrnehmung von materiellen Bildern (und Tönen) beruhende Filmrezeption wird mehr als sonst durch seine lebhafte visuelle […] Informationstätigkeit angereichert.»153 Demnach kommt es bei Auslassungen zu größeren Anteilen der «sinnlichen Imagination», was in jeder Art von Filmrezeption von Bedeutung ist. Diese komplexe Verknüpfung der ästhetischen Strategien des Auslassens und Andeutens ist jedoch keineswegs neu, sondern geht in der Filmgeschichte auf eine lange Tradition zurück.154 Setz bezieht sich indirekt auf diesen Umstand, wenn er behauptet, der IS verwende die eigenen Waffen des Westens gegen ihn, indem er «unsere mediale Übersättigung mit Darstellungen blutrünstiger Grausamkeit» gegen den Rezipienten einsetze, da der «durchschnittliche westliche Internetuser schon einige Enthauptungsvideos gesehen» habe155. Doch auch wenn dem Rezipienten dieses Genre bisher erspart geblieben sein sollte, so wird doch auf grausam-kreative Weise die Phantasie angeregt – wodurch die exzessive Gewalt eine ganz neue Qualität bekommt, da sie noch nachhaltiger wirkt. Der Zuschauer wird gewissermaßen zum eigenen visuellen Ergänzen forciert – und kann sich kaum dagegen zur Wehr setzen. Der IS zielt somit erfolgreich auf einen erhöhten emotionalen Effekt – und steigert so auf subtile Weise die Angst des Zuschauers. Setz resümiert dies mit den Worten: «In dem grauenvollen Genre des Hinrichtungsvideos hat sich die Ästhetik der Anspielung […] nun als am effektivsten her- 152 Reuter (2015), S. 234 153 Hanich (2012), S. 9 154 Vgl. Hanich (2012), S. 11 f. 155 Setz (2014) 45 ausgestellt. Unsere Vorstellungskraft ist dazu in der Lage, uns die Bilder jener Hölle zu liefern, welche der Islamische Staat für seine Gegner zu errichten gedenkt.»156 (B) Abenteuer und Heroisierung Zielt der Bild-Frame der extremen Gewalt vor allem auf Machtdemonstration, Abschreckung und Erzeugung von Angst beim westlichen Publikum, so gibt es einen weiteren zentralen IS-typischen Frame, der vor allem die Rekrutierung für eigene Kämpfer aus dem Westen ankurbelt: Der Bild-Frame des real erlebbaren Abenteuers und der Heroisierung seiner Kämpfer. Auch in Kombination mit martialischer Gewalt ist diese Bild-Floskel wirkungsvoll, wird dabei der Eindruck eines abenteuerlich-gefährlichen und heldenhaften Lebensstils erzeugt. Diese IS-typische Inszenierung des Abenteuers Dschihad bedient erfolgreich eine wesentliche, vor allem auf junge Männer wirkende Faszination. Immerhin sind 79 Prozent der aus Deutschland ausreisenden Dschihadisten männlich. Die größte Altersgruppe stellen hierbei die 22- bis 25-Jährigen, gefolgt von der Gruppe der 18- bis 21-Jährigen.157 Der IS konnte nach Schätzungen von Peter Neumann in weniger als vier Jahren circa 21.000 Ausländer rekrutieren, die in dessen Herrschaftsgebiet in Syrien und im Irak gereist sind.158 Davon stammen rund 20 Prozent aus Westeuropa. Neumann bezeichnet diese radikalisierten Westeuropäer als die «loyalsten Truppen» des IS, denn sie täten sich bei Gräueltaten und Kriegsverbrechen hervor, denen sich einheimische Kämpfer verweigerten – vor allem, weil die westeuropäischen Kämpfer «zum Zeitpunkt ihres Anschlusses an den IS bereits hochgradig radikalisiert seien.»159 Angesichts dieser hohen Zahlen stellt sich die Frage, welche Faktoren bei dieser erfolgreichen Bild-Propaganda eine Rolle spielen. Man kann davon ausgehen, dass mehrere Faktoren relevant sind. Zunächst beziehen sich zahlreiche Darstellungen, vor allem in Rekrutierungsmagazinen wie Dabiq und dem Nachfolger Rumiyah, auf die Bildästhetik von Actionfilmen und Ego-Shooter-Computerspielen, wie etwa auf Abbildung 4 (s. S. 43). 156 Ebd. 157 Vgl. BKA-Bericht (2016) 158 Neumann (2016) 159 Ebd. 46 Die Abbildung zeigt mehrere IS-Kämpfer in plastischer, kontrastreicher Farbgebung. Zwei seitliche Kämpferfiguren flankieren eine mittige frontale Hauptfigur, beide feuern mit Maschinengewehren Schüsse ab, wobei das Mündungsfeuer übertrieben hineinmontiert ist. Im Hintergrund sieht man Explosionen auf einem düsteren Schlachtfeld. Mit der Bildunterschrift, «Let them find harshness in you», die optisch wie sprachlich wie ein Filmtitel anmutet, spielt der IS auf den Mut und die Brutalität an, die die Kämpfer gegen ihre Gegner aufbringen sollen. Auch die schnellen Bilder vieler IS-Videos zeigen beliebte Action- Motive, wie etwa «Feuerbälle und Explosionen», die Reuter zufolge so wirken wie «HD-Filmversionen der Videospiele Counter Strike oder Call of Duty. Sie tragen dabei jedoch die Botschaft: «Bei uns sind die Spiele real.»160 Die New York Times sprach entsprechend vom Islamischen Staat als dem «Online-Dschihad 3.0».161 Dabei ist davon auszugehen, dass gerade die Zielgruppe der westlich akkulturierten, jungen Männer um die 20 Jahre, eine Vorprägung durch Computerspiele haben. Gleichzeitig zeigen sozialpsychologische Studien, dass besonders junge Männer in der frühen Adoleszenz von Abenteuerlust angezogen sind, auch bekannt als sensation seeking162, sowie Konkurrenz und Wettbewerb163, die in Form von Sport, aber auch im Kampf ihren Ausdruck finden können, und somit auch universellen Konzepten von Maskulinität entsprechen. Auf Abbildung 5 werden laut Bildunterschrift der Originalquelle Kämpfer des «islamischen Dschihad» gezeigt, die die Erschießung von Gefangenen üben, womit der Tagesspiegel einen Artikel bebilderte. Dabei handelt es sich sogar um ein Stock- Image, also ein prototypisches Bild, das, der hohen Bildqualität nach zu urteilen, vermutlich vom IS selbst inszeniert oder in Auftrag gegeben worden ist: Die Kämpfer sind darauf in prototypischer maskuliner Pose abgebildet: Martialisch, muskulös und gebräunt in der Nachmittagssonne. 160 Vgl. Reuter (2015), S. 236 161 Hubbard/Shane (2014) 162 Romer et al. (2010) 163 Archer (2006) 47 Abbildung 5 Ein weiterer wesentlicher Rekrutierungsfaktor des IS zielt auf Erfahrungen des biographischen Scheiterns der zu Rekrutierenden.164 Wie andere Menschen mit Migrationshintergrund erfahren auch Muslime in vielen Ländern Europas schon als Jugendliche Marginalisierung und Diskriminierung und sind teilweise im Konkurrenzkampf um Status, Anerkennung und somit auch um Attraktivität für das andere Geschlecht eher benachteiligt.165 Nicht nur leiden sie unter einer strukturellen Chancenungleichheit, auch fehlt ihnen häufig im Gegensatz zu ihrer Elterngeneration, gegen die die Jugendlichen dann eine mögliche (salafistische) Gegenidentität aufbauen, ein Ziel im Leben: So zeigen niederländische und dänische Studien, dass «die jugendliche Suche nach Identität und Lebenssinn einen wichtigen Hintergrund für das Interesse am gewaltorientierten Islamismus darstellen kann».166 So ist es nicht verwunderlich, dass gerade die jungen Männer für zwei wesentliche inhaltliche Topoi des IS empfänglich sind, nämlich einerseits den «pseudo-romantischen Topos der Hingabe, alles hinter sich zu lassen und sich für einen höheren Lebenssinn «hinzugeben für die richtige, gottgewollte Sache», wie auch Reuter betont.167 Andererseits wirkt vor allem bei ihnen der Topos der Aussicht auf Anerkennung durch Macht; einer reizvollen Verlockung, neben Abenteuer auch Status, Einfluss und Verfügungsgewalt über zu Frauen zu erhalten und von anderen ge- 164 Vgl. Wiktorowicz (2005) 165 Heitmeyer et al (1997); Wiktorowicz (2005); Slootman/Tillie (2006) 166 Herding et al (2015); siehe auch de Koning (2009), Hemmingsen (2010) 167 Vgl. Reuter (2015), S. 291 48 fürchtet und respektiert zu werden. Mit den Worten von Reuter ausgedrückt: «Im Namen Gottes zu herrschen und jeden Widerstand als Frevel denunzieren zu können, ist eine immense Verlockung für die aus aller Welt Anreisenden».168 Der Ruf zum Dschihad stellt dabei ein «grandioses Mittel zum Machterwerb» dar.169 Dass dieser Abenteuer- und Heroisierungs-Frame eng mit dem Umstand des persönlichen Scheiterns verbunden ist, zeigt sich visuell eindrucksvoll auf Abbildung 6. Abbildung 6 Dargestellt ist hier eine Kämpferfigur in Rückenansicht, die mit einem Gewehr bewaffnet maskulin-breitbeinig auf gleißendes Licht zuläuft. Der Untertitel «Sometimes people with the worst pasts create the best futures» zeigt, dass hier gezielt Menschen mit einer problematischen Vergangenheit adressiert werden, denen eine glorreiche, errettende Zukunft versprochen wird. Deutlich wird so eine gewisse Veredlung des biographischen Scheiterns, eine Aufwertung der erfolglosen Existenz, die noch brauchbar für ein höheres Ziel sei, konkret: den Dschihad. Der IS präsentiert 168 Reuter (2015), S. 329 169 Ebd. 49 sich hierbei gewissermaßen als ein Auffangbecken für Gescheiterte.170 Denn was sie eint, so Neumann, ist vor allem eine «fehlende Identifikation mit den westlichen Gesellschaften, in denen sie (zumeist) geboren und aufgewachsen sind».171 Den Zusammenhang zwischen Kampfbereitschaft und Brüchen im Lebenslauf zeigt auch eine Analyse des Bundeskriminalamts und des Verfassungsschutzes von 2016. Die nach Syrien und Irak Ausgereisten, zu denen polizeiliche Vorerkenntnisse vorliegen, haben «eine offensichtlich deutlich stärkere Affinität zum Dschihadismus» als Ausgereiste ohne polizeiliche Vorerkenntnisse. Auch ist diese Gruppe signifikant häufiger explizit an der Teilnahme von jihadistischen Kampfhandlungen interessiert.172 Pinker zufolge rekrutieren sich terroristische Gruppen anfangs häufig aus «alleinstehenden, jungen Männern», die «plötzlich mit dem Engagement in der neuen Gruppe einen Sinn in ihrem Leben finden.»173 Der IS adressiert in seiner visuellen «Image-Kampagne» genau diese junge Zielgruppe: Mit dem Untertitel «YODO – You only die once, why not make it martyrdom» in Abbildung 7 (s. S. 51) wird explizit auf den jugendsprachlichen Ausdruck «YOLO» angespielt, der «You only live once» bedeutet und hier ins Gegenteil verkehrt wird. Auch hier kommt es zu einer Mischung des Heroisierungs- und Abenteuer-Frames. Heroisierung wird inhaltlich suggeriert, denn der Kämpfer kann seinen Tod wählen und so zum tapferen Märtyrer werden. Den Anschein von Abenteuer erhält die Botschaft vor allem durch die Bildsprache der perfekt ausgeleuchteten, blutbespritzten Handfeuerwaffe, die einmal mehr an ein Filmplakat eines Action- oder Agentenfilmes erinnert. Konsequent weitergedacht schlägt sich dieser Ansatz auch in der visuellen Heroisierung der bereits rekrutierten IS-Kämpfer nieder. Unter dem Titel «Just Terror» im Dabiq-Magazin Nr. 13 (Abbildung 8) werden die Attentäter vom Anschlag in Paris von 2015 in martialischer Pose in beachtlicher Filmplakat-Ästhetik präsentiert. 170 Vgl. Wiktorowicz (2005) und auch Neumann (2015): «In Deutschland und Skandinavien kommt die große Mehrheit (der Auslandskämpfer) aus prekären Verhältnissen, ist häufig ohne Schulabschluss, Ausbildung und ohne Aussicht auf einen guten Job.» (vgl. ebd. S. 113) 171 Vgl. Neumann (2015), S. 113 172 BKA-Analyse der Radikalisierungshintergründe (2016) 173 Pinker (2011), S. 531 50 Abbildung 7 51 Den Hintergrund bildet eine Luftaufnahme in schwarz-weiß der Stadt Paris. Der Eiffelturm trennt darin die Worte «Just» und «Terror», was als Wortspiel mit der Mehrdeutigkeit von «just» spielt: der «pure» Terror ist ihrer Meinung nach «gerecht». Im Vordergrund werden farbig die im Pariser Anschlag involvierten IS- Kämpfer gezeigt, allen voran der Hauptdrahtzieher Abdelhamid Abaaoud. Sogar ihre vollen Kampfnamen finden «ehrenvolle» Erwähnung. Die gesamte Bildästhetik deutet die Terroristen so zu Märtyrern und Helden um. Mit dieser posthumen Glorifizierung arbeitet der IS häufig. Erwähnenswert ist außerdem die Bildsymbolik, in der das produzierte Leid durch die Darstellung von Blaulicht der Rettungswagen gezeigt wird, das sich im todbringenden Sturmgewehr von Abaaoud widerspiegelt. Dieses bildliche Stilmittel ist vergleichbar mit der rhetorischen Figur der Synekdoche: Das Blaulicht steht stellvertretend für alle Opfer in Paris und ist gleichzeitig, wie auch der cineastischen Bildunterschrift «Let Paris be a lesson for those nations that wish to take heed» entnommen werden kann, als Drohung für weitere Gewalttaten zu verstehen. Im Bild-Frame der Heroisierung der IS-Kämpfer kommt auch der bereits thematisierte David-gegen-Goliath-Effekt zum Tragen. Der IS besetzt dabei demonstrativ die David-Position, indem er sich aufgrund seiner asymmetrischen Unterlegenheit als eine Gruppe starker, mutiger Kämpfer inszeniert, die sich dem militärisch weit überlegenen Westen gegenüberstellen. Wassermann begreift diese Methode als Bewältigungsstrategie der asymmetrisch unterlegenen Akteure, um das Dilemma zwischen Asymmetrierung der Kampfstrategie und Symmetrierung der Legitimität aufzulösen174: Da die Grand Strategy nichtstaatlicher Terrororganisationen darin besteht, ihre militärstrategische Effektivität (Gewalt, Selbstmordattentate) und dabei gleichzeitig ihre öffentliche Legitimität zu erhöhen,175 kann ein Dilemma entstehen. Inszeniert man sich jedoch als unterlegener «Hirtenjunge», lässt sich das irreguläre und oft drastisch-gewaltvolle Vorgehen gegen den «Goliath» der westlichen hochgerüsteten Staaten eher legitimieren, da man so eher zum Sympathieträger wird.176 Geradezu exemplarisch verdeutlicht sich dieses Prinzip ästhetisch eindrucksvoll bei Abbildung 9; auch sie mutet wie ein Filmplakat an. 174 Wassermann (2015), S. 251 175 Wassermann (2015), S. 250 176 Vgl. Wassermann (2015), S. 251 f. 52 Abbildung 9 Der zum Betrachter mit dem Rücken stehende IS-Kämpfer stellt sich kampfbereit und ganz allein – tapfer, maskulin breitschultrig und breitbeinig – gegen acht Militärflugzeuge und Hubschrauber, die in streng geordneten Bahnen auf ihn zufliegen. Schon allein durch die Bildperspektive nimmt man die Position des unterlegenen Kämpfers, des Davids, ein und blickt gemeinsam mit ihm auf die zahlreichen westlichen Kampfflugzeuge. Die optische Perspektive suggeriert so eine Parteinahme für den unterlegenen, schwächeren Akteur. Und dennoch: Bei den Versprechungen des verheißungsvollen Abenteuers, der Macht und des Heroismus klaffen Realität und Propaganda selbstverständlich weit auseinander – und die Realität hält selten, was zuvor versprochen wurde. Oft werden gerade westliche Rekruten vom IS benutzt, vor allem als «Laiendarsteller für Werbevideos, Geiselwächter, Henker, Kanonenfutter oder Selbstmordattentäter».177 Doch trotzdem rückt die IS-PR-Maschinerie sie oft ins Rampenlicht, etwa wie sie 177 Reuter (2015), S. 292 53 unter schattigen Bäumen mit abgetrennten Köpfen posieren. Sie wirken so wie eine Art perverser «Lockvogel», um nur noch mehr ausländische Kämpfer anzuziehen.178 Nach Angaben von Neumann liegt die Rückkehrerquote in Deutschland «je nach Bundesland bei etwa 25 bis 40 Prozent der ursprünglich Ausgereisten».179 Das Bundeskriminalamt und der Verfassungsschutz gingen im Bericht von 2016 bei den Rückkehrern von einer Gruppe von etwa 10 Prozent aus, die aufgrund von Desillusionierung und/oder Frustration wieder nach Deutschland kamen.180 Diese Kämpfer sind enttäuscht, denn statt in den großen Kampf zu ziehen, seien sie vor allem in einen «Kleinkrieg der Gruppen» verwickelt gewesen.181 Die abenteuerlichen Verheißungen treten natürlich nicht ein, und kaum jemand steigt innerhalb der Miliz hierarchisch auf.182 (C) Gruppenerlebnis und Bruderschaft Ein weiteres einschlägiges Bild-Thema stellt das des Gruppenerlebnisses und der Bruderschaft dar. Das Aufgehen in einer Gruppe ist sicherlich ein typischer Aspekt aller militärischen Einheiten, die nur dann funktionieren, wenn der Einzelne seine zugewiesene Rolle im Kollektiv übernimmt. In der Bildsprache vom IS liegt allerdings ein besonderer Schwerpunkt auf der Entindividualisierung der einzelnen Kämpfer. So sind – abgesehen von den angepriesenen Märtyrern – die meisten Kämpfer ohne die im Westen typischen Merkmale von Individualität abgebildet: Man kann auf vielen Bildern weder Gesichter noch andere individualisierende Merkmale erkennen. Oftmals haben sich die Kämpfer alle auf dieselbe Weise mit 178 Ebd. 179 Vgl. Neumann (2015), S. 131 180 BKA Bericht (2016), S. 31 Peter Neumann zufolge lassen sich die bereits Zurückgekehrten zudem in drei Gruppen einteilen: Die erste Gruppe bildet die der bereits beschriebenen Desillusionierten, die meist offen seien für eine Deradikalisierung. Zweitens gibt es die Traumatisierten, denen psychologisch geholfen werden muss. Schließlich gibt es Rückkehrer, die weiterhin radikalisiert sind und für den IS kämpfen wollen. Diese Gruppe sei es, die vor allem Gefährder hervorbringe, und denen Sicherheitsbehörden in den Heimatländern begegnen müssen. Neumann, zitiert nach http://www.dw.com/de/bka-studie-immer-schnellerdschihadist/a-19087194. 181 Ebd. 182 In der Hierarchie aufgestiegen sind bis dato extrem wenige Kämpfer, eine Ausnahme bildet vielleicht der deutsche Rapper Denis Cuspert, den Reuter als den «Andreas Baader der Generation Whatsapp» bezeichnet. 54 Gesichtstüchern verdeckt, exemplarisch verdeutlicht sich das auf Abbildung 10. Hier sind die vermummten Gestalten in hohem Hell-Dunkel-Kontrast dargestellt, sodass man beinah nur noch ihre Silhouetten erkennen kann.183 Abbildung 10 Uniformierung ist zwar typisch für viele militärisch operierende Gruppen, aber bei der Selbstinszenierung des IS handelt es sich oft um eine extreme Form der Maskierung: der anonymisierenden Vermummung. Ein Grund dafür ist sicherlich der Wunsch nach Anonymität, auch angesichts von international greifender Gesichtserkennungssoftware. Gleichzeitig entsteht eine starke Bildsprache, die aus den IS- Kämpfern ein mächtiges Kollektiv konstruiert. Eine geschlossen auftretende Gruppe demonstriert Macht, denn sie wirkt so nach dem Prinzip der Schwarmbildung nach außen als organische Einheit, die ihre Kräfte gezielt bündeln kann. Das zeigt sich deutlich auf Abbildung 11 mit dem Titel «The Pledge» aus dem Magazin Dabiq (s. S. 56). Dort schwören die Kämpfer dem IS ihre Treue. Das Bild mutet dabei durch seine Farbgebung, Schattensetzung und Komposition wie ein hochwertiges Filmplakat an. Nicht nur sind alle Kämpfer körperlich in einem ästhetisierten mandala-artigen Zirkel miteinander verbunden, sie scheinen auch gleichsam einen neuen, eigenen Organismus zu bilden, der größer und stärker ist als sie selbst. 183 Bemerkenswert ist, dass es sich hierbei um ein Bild aus der «Al-Furqan» Medienproduktionsfirma des IS handelt, welches genau so von der Nachrichtenagentur AFP und dann auch vom Spiegel weiterverwendet wurde. 55 Abbildung 11 Diese Form des Gruppenerlebnisses kann ein starkes Gefühl von Wir-Intentionalität, (auch «kollektive Intentionalität» genannt) erzeugen, weshalb sie in der vorliegenden Analyse mit «Bruderschaft» umschrieben werden soll.184 Die Darstellung dieser Bruderschaft zielt auf die Rekrutierung von neuen Kämpfern, ähnlich wie der Frame des Abenteuers und der Heroisierung. Schwache Formen von Wir-Intentionalität, also von koordinierten Gemeinschafts-gefühlen, -absichten oder -handlungen, sind zwar auch im Westen typisch, zum Beispiel in Form von Sport-Teams oder politischen Gruppierungen. Die Bildsprache des IS appelliert jedoch an eine stärkere Form, nämlich an das völlige Dissoziieren in einer Gruppe, das mit der Abgabe von Autonomie und eigener Individualität einhergeht und auch oft als angenehm und bereichernd empfunden wird.185 Die Bild-Botschaft lautet gleichsam: Bei uns wirst du in einer Schicksalsgemeinschaft aufgenommen, und wir kämpfen als eine Einheit. Gerade der IS setzt auf das Image des Aufgehens in der brüderlichen Gruppe. Entspricht das organisatorische Merkmal anderer Terrororganisationen wie beispielsweise Al Quaida eher dem einer Zellstruktur, bei der zwar alle ein gemeinsames Ziel verfolgen, die Gruppen jedoch für sich stehen, ist das Ziel des IS eine Gruppenbildung in Form einer organischen Einheit. Der Rekrutierungs-gedanke bei Al Qaida lässt sich somit überspitzt auf die Aufforderung «Kämpfe für uns, aber 184 Siehe z.B. Schmid (2005) und Schmid (2009) 185 Siehe Diener et al. (1980) 56 bleib, wo du bist» bringen, während er beim IS das Motto verfolgt: «Komm zu uns und kämpfe als Teil unserer Gruppe».186 Wie Studien zeigen, sind Menschen im asiatischen und arabischen Kulturraum etwas empfänglicher für diese Art von Gruppenerlebnissen.187 Gleichzeitig ist der Mensch natürlich als «Zoon Politikon» ein soziales Wesen, dem Stammeszugehörigkeit wichtig ist.188 Dieses Bedürfnis wird mitunter im individualisierten urbanen Westen weniger befriedigt, so dass der IS auch jene Menschen anlocken kann, die eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Gemeinschaftsgefühl hegen. Diese radikale Kollektivierung hat, wie angedeutet, auch aus spieltheoretischer Sicht militärische Vorteile: So kämpfen Soldaten besser, wenn sie sich blind darauf verlassen können, dass sich die anderen jederzeit für sie opfern würden.189 Die sozialpsychologischen Mechanismen, die eine absolute Aufopferung in Kämpfergruppen begünstigen, sind gut untersucht. So wurde gezeigt, dass Menschen eher ihr Leben opfern, wenn sie es einem «höheren Zweck», einer «größeren Sache» unterordnen können. Das kann das «Volk» oder «Reinheit der Rasse» sein, wie Christopher Browning, Harald Welzer und andere in ihren Studien zum Gehorsam im Nationalsozialismus gezeigt haben, ebenso aber auch der Dschihad, als der «heilige Krieg».190 In diesem Zusammenhang spricht Scott Atran über die psychologische Verfassung von Terroristen, insbesondere Selbstmordattentätern davon, dass diese vor allem aus nepotistischem Altruismus handeln: Sie opfern sich für ihren eigenen «Stamm», in diesem Fall allerdings nicht den biologischen Verwandten, sondern ihrer pseudofamiliären Schicksalsgemeinschaft.191 186 In Anlehnung an Gambhir (2014) 187 Vgl. Nisbett (2004) 188 Aristoteles Politik 1253a, 1–11 und Greene (2014) 189 Dies zeigte sich schon bei der Schlacht um die Thermopylen. Wenn man Herodot wörtlich nimmt, haben 300 spartanische Elite-Soldaten auch deswegen über 100.000 Gegner aufgehalten, weil sie als Einheit mit kooperativer Kampftaktik und mit hoher Aufopferungsbereitschaft kämpften. 190 Siehe Welzer (2005) und Browning (1996) 191 Vgl. Atran (2006). Entgegen der Annahme waren die von Atran interviewten gescheiterten und potentiellen Attentäter übrigens keineswegs ungebildet, sondern entsprangen häufig einer gebildeten Mittelschicht (Atran 2006 und Atran 2010). 57 (D) Totale Okkupation Vor allem auf die mediale Außenwirkung zielt ein weiterer, vom IS häufig verwendeter Frame: Die totale Okkupation. Einerseits dargestellt durch die geographische Besetzung von Gebieten mit Flaggen, die tatsächlich umfassende Verwendung finden und an vielfältigsten Orten gehisst werden. Andererseits wird die Topographie der Macht durch die mutwillige Zerstörung von historischen Kulturgütern und kulturhistorisch wertvollen Denkmälern verdeutlicht. Die Demonstration von Macht und Okkupation geschah in der Kulturgeschichte schon seit jeher bevorzugt mithilfe von Flaggen und Fahnen. Sie gelten prototypisch als Sichtbarmachung von Herrschaft und besetzen Gebiete somit auch visuell. Es finden sich in den westlichen Medien zahlreiche Bilder, auf denen IS-Kämpfer in Konvois mit gehissten Flaggen abgebildet sind, wie exemplarisch auf Abbildung 12: Im Licht der tiefstehenden Sonne nutzt vor allem dieser Bildframe häufig das ästhetische Mittel der Reihung. Auf Abbildung 13 ist ein lachender IS-Kämpfer dargestellt, der ausgelassen eine große IS-Flagge über sich hält. Dass Flaggen ein besonders verbreitetes Bildmotiv darstellen, erscheint einleuchtend: Für die Erzeugung einer kollektiven Identität und eine gewisse Form des Tribalismus sind Symbole von besonderer Bedeutung. So zeigt schon ein klassischer Versuch aus der Sozialpsychologie von Mzafar Sherif, das sogenannte Ferienlagerexperiment, dass bereits zwölfjährige Jungen, die sich vorher nicht kannten, und in einem Ferienlager in zwei Gruppen geteilt wurden – welche sich jeweils mit Fahnen, Kampfliedern und Erkennungsfarben identifizierten – bald die jeweils andere Gruppe angriffen, wobei sie vor allem zum Ziel hatten, die Fahnen der anderen zu zerstören.192 Jonathan Haidt geht mit Blick auf aktuelle sozialpsychologische Studien im Übrigen sogar so weit, zu behaupten, der männliche Tribalismus sei angeboren.193 Der IS geht über diese historische Praxis der symbolischen Besetzung von Gebieten allerdings noch hinaus, indem er für die ganze Welt sichtbar wertvolle, historische Kulturgüter vernichtet. So gingen etwa die Bilder der zerstörten antiken Stadt Palmyra um die Welt und lösten überall Bestürzung aus. 192 Sherif et al. (1961) 193 Haidt (2012), S. 162 f. 58 Abbildung 12 Abbildung 13 59 «Die brutale Ermordung von Menschen wird begleitet von der Zerstörung des Weltkulturerbes», präzisierte es die Akademie der Künste mit Horst Bredekamp.194 Diese Bilder «sollen wirken, und sie wirken auch», lässt sich mit Georg Dietz festhalten, denn es handelt sich hierbei um eine durchaus «kalkulierte Eskalation».195 Die Zerstörung der antiken Stätten mit Hilfe von Sprengungen wird auf Abbildung 14 (s. S. 59) besonders physisch deutlich. Eine pilzförmige Wolke aus Staub und Schutt einer soeben gezündeten Detonation steigt eindrucksvoll in den blauen Himmel von Palmyra. Kulturelles Erbe wird hier vor allem zu dem Zweck gesprengt, um den Akt der umfassenden Zerstörung – ebenso wie bei den Bildern von Hinrichtungen – zu medienwirksam reproduzierbaren Bildern zu machen. Die Botschaft auf der pragmatischer Ebene ist unübersehbar: es handelt sich um demonstrativ provokante Formen des Kulturvandalismus und Bildersturms, wie auch Abbildung 15 verdeutlicht. Das Standbild stammt aus einem weltweit verbreiteten IS-Video, das die Zerstörung von bis zu 3000 Jahre alten assyrischen Statuen im Museum von Mossul aus dem Jahr 2015 zeigt, welche buchstäblich mithilfe des Vorschlaghammers geschieht. Abbildung 15 194 Vgl. Akademie der Künste http://www.adk.de/de/programm/?we_objectID=55964 195 Dietz (2015) 60 Vor allem drei Botschaften macht diese Bildpragmatik deutlich: Erstens erfolgt die Okkupation nicht bloß als Besitznahme von Land, sondern als totale Zerstörung der bisherigen Ordnung. Die Kulturgüter werden im wahrsten Sinne des Wortes dem Erdboden gleichgemacht. Bei diesen umfassenden Zerstörungen durch den IS handelt es sich um eine Form des Ikonoklasmus, der auf eine lange Tradition zurückgeht.196 Meist spricht man vor allem seit dem «Reformatorischen Bildersturm» im 16. Jahrhundert von der Praxis, Abbilder symbolisch zu zerstören. Doch die damnatio morae, ein Rechtsakt zur Auslöschung der Erinnerung eines der Tyrannei bezichtigten Kaisers existierte bereits zur Zeit Neros im römischen Senat:197 Politische Dekrete wurden für ungültig erklärt, Bilder eingezogen, Namen aus Schriften herausgemeißelt.198 Obgleich das Bildverbot im Islam sicher noch stärker im Vordergrund steht als in anderen Religionen, ist diese extreme Form des Ikonoklasmus, die hier zur Schau gestellt wird, auch immer aus politischen Motiven betrieben worden, denn die Zerstörung demonstriert Überlegenheit und Macht. Bredekamp beschreibt die Methoden des IS entsprechend als eine neue Qualität ikonoklastischer Praxis.199 Zweitens wird durch diesen Bildersturm verdeutlicht, dass der IS keine andere Kultur anerkennt, nicht einmal die Antike. Die Zerstörung richtet sich hierbei auch gegen ein Ideal des Westens: den Pluralismus der Kulturen. Die mutwillige Verwüstung Palmyras ist dabei gewissermaßen exemplarisch als die Vernichtung einer historischen Stätte assyrischer, altgriechischer, römischer und christlicher Kulturgüter anzusehen. Dieser Bildersturm macht so auch die Aussage sichtbar: Es darf keine «alternativen» Götter geben, sondern Allah ist der einzige Gott – ein Motiv monotheistischer Religion, das sich schon bei Moses in der Zerstörung des Goldenen Kalbs findet oder bei Mohammeds Zerstörung der «Kultstätte der Schikane».200 196 Freilich gibt es zahlreiche weitere Beispiele in der Kulturgeschichte, man denke etwa an die Zerstörung der Symbole und Statuen des Adels nach der Französische Revolution oder die Zerstörung der Lenin-Statuen in den neuen Bundesländern nach dem Mauerfall. Für eine umfassende Betrachtung des Ikonoklasmus s. Bredekamp (2010). 197 Münkler (1994), S. 13 f 198 Ebd. 199 Vgl. Akademie der Künste: http://www.adk.de/de/programm/?we_objectID=55964 200 Vgl. Koran Sure 9 Vers 107-108 61 Die polytheistischen Assyrer hätten «Götzendienst» betrieben und darum müssten ihre Hinterlassenschaften vernichtet werden, so die Rechtfertigung der Zerstörung zahlreicher Kulturgüter in Mossul.201 In diesem Sinne spricht Bernard Haykel davon, dass das Zeigen des «Hyper-Pietismus» beim IS Teil einer «publicity campaign» darstelle, vor allem mit dem Ziel, den vermeintlich «echten Islam» für sich zu beanspruchen.202 Drittens funktioniert dieser Gegenwartskult gewissermaßen ahistorisch, denn er lässt keinerlei Besinnung auf die tatsächliche vorherige Historie zu, sondern versinnbildlicht ein neues Leben in der absoluten Gegenwart. Ganz im Sinne der Propaganda des «Islamischen Staates» wird ihre Auslegung des Islam an die Stelle jeglicher anderweitiger historischer Chronologie gesetzt – und somit total okkupiert. 4.4 Die Hyper-Visibilität der Gewalt »If he were killing a mouse he would know how to make it seem like a dragon” sagte George Orwell 1940 über Adolf Hitler203. Die Kämpfer des Islamischen Staates verfolgten prinzipiell ein ähnliches Ziel, so Graeme Wood.204 Dies mag zunächst überspitzt klingen, jedoch scheint eines plausibel: Der IS nutzt ganz bewusst Täuschungsmechanismen, Falschmeldungen und mediale Inszenierungen, um mehr Angst und Panik zu generieren. Reuter verdeutlicht diesen Umstand mit dem Motto «wer köpft, dem glaubt man», denn im Westen scheint die primäre Annahme zu sein: «Terroristen lügen nicht». Der IS tue dies jedoch ständig.205 Das Problem der Glaubwürdigkeit dabei sei, dass es eben nicht nach Propaganda klinge, «die Mordankündigungen einer Mördertruppe zu veröffentlichen».206So täuscht der IS beispielsweise medial eine größere Mitgliederzahl vor, in dem er vor allem auf Twitter vermeintlich private 201 Sie sehen sich somit in der Tradition des Propheten Mohammed, der angeblich auch um 630 «altarabische» Kulturgüter zerstören lies. (Spiegel Online: http://www.spiegel.de/politik/ausland/islamischer-staat-is-museen-in-mossul-verwuestet-a- 1020685.html) 202 Haykel zitiert nach http://www.economist.com/news/middle-east-and-africa/21645749jihadists-are-attacking-more-regions-people-destroying-historys 203 https://www.washingtonpost.com/news/worldviews/wp/2015/02/25/what-george-orwellsaid-about-hitlers-mein-kampf/?utm_term=.6c3e1745510d 204 Vgl. Wood (2015) 205 Reuter (2015), S. 245 206 Reuter (2015), S. 247 62 Nutzer-Konten mit seiner Medienzentrale fremdsteuert.207 Auch setzt er bewusst Falschmeldungen und Irreführungen ein, wie sich etwa im Juni 2014 zeigte, als Mossul gerade eingenommen wurde. Damals erschienen 40.000 Nachrichten über den Nachrichtendienst Twitter, in denen unter dem in diesem Zeitraum populärsten Hashtag «Bagdad» die Drohung fiel: «Bagdad, wir kommen!».208 Diese Ankündigung stellte eine bewusste Irreführung dar. Der IS hatte gar nicht vor, die Stadt anzugreifen, die Iraker mobilisierten jedoch panisch ihre Truppen. So kommt es gewissermaßen zur Weiterentwicklung eines bei zahlreichen Terrororganisationen verbreiteten Konzeptes, der sogenannten Propaganda der Tat, das auf Carlo Pisacane zurückgeht.209 Dieses ergänzt der IS nämlich (vor allem in der Türkei) durch das «Geschäftsmodell der Drohung», so Reuter.210 Demnach muss der IS nicht unbedingt einen Anschlag ausführen, um von ihm zu profitieren. Manchmal ist allein seine Androhung ausreichend. Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Effekt der Abschreckung wird meist erzielt, ohne dabei zu riskieren, dass es erstens zu einem Verlust des eigenen Rufes oder der Legitimität kommt – oder zweitens, dass der Gegner etwa mit militärischen Luftschlägen kontert.211 Doch die stärkste Motivation nennt Reuter hierbei nicht: Die eigenen Leute werden nicht gefährdet, wobei der Gegner trotzdem abgeschreckt wird. Zudem korrigierte der IS bei tatsächlich durchgeführten Anschlägen bereits einige Opferzahlen nach oben: So gab die Miliz – unter Veröffentlichung zahlreicher Gräuelbilder – an, ebenfalls im Juni 2014 in der Stadt Tikrit 1700 Schiiten ermordet zu haben. Recherchen von Human Rights Watch mittels Satellitenbilder zu entsprechend großen Massengräbern über frisch ausgehobene Erdmassen ergaben jedoch, dass wahrscheinlich eher um die 200 Menschen getötet wurden.212 Dabei soll diese Opferzahl natürlich keineswegs relativiert werden. Es wird jedoch deutlich, dass der IS mit seinen Massenmorden regelrecht «Werbung» betreibt. Aufgrund 207 Berger (2014) 208 Ebd. 209 Als Anhänger der liberalen Revolutionen formulierte Pisacane den prägenden Satz: «Ideen entspringen Taten und nicht umgekehrt» – in eine gewaltsame terroristische Strategie wurde das Konzept jedoch erst später von Kropotkin geändert und dann schließlich von Paul Brousse aufgenommen, vgl. Neumann (2015). 210 Reuter (2015), S. 327 211 Vgl. Reuter (2015), S. 328 212 Reuter (2015), S. 240 63 dieser oftmals großen Kluft zwischen seinen verbreiteten Botschaften und den tatsächlichen Handlungen beschreibt Reuter den IS als «janusköpfig».213 Aber warum funktioniert diese Form der Täuschung überhaupt und fällt im Westen auf einen derart fruchtbaren Boden? Reuter bemerkt dazu: «Die Manipulation der Wahrnehmung im Westen gelingt den Dschihadisten auch, weil sich das Bild, das der IS von sich selbst in der Weltöffentlichkeit zeichnen will, mit Erwartungen des westlichen Publikums deckt.214 Denn bisher habe der IS davon profitiert, vom Westen als «reiner Fanatikerhaufen unterschätzt zu werden».215 Das vom Westen übernommene Image der Horde, die an ihre eigene Ideologie bedingungslos glaubt und vor allem Brutalität gegen alle Andersgläubigen walten lässt, entspricht dabei vielmehr einem Klischee, das der Realität kaum standhält: Denn die Gewalt richtete sich im Jahr 2014 vor allem gegen Sunniten und somit gegen ihre eigenen Glaubensbrüder, «als deren Schutzherr sich der IS doch öffentlich empfiehlt».216 Der IS verfolge dabei perfide eine sogenannte «Massaker-Strategie», die zum Ziel habe, vor allem schiitische Gewalt gegen Sunniten zu provozieren, damit er dann sich wiederum die Sunniten vermeintlich beschützend, hervortun kann, um so seine Macht über sunnitische Gebiete zu verfestigen.217 Gewalt gegen Minderheiten wird zwar Reuter zufolge wahrgenommen, gegen die sunnitische Mehrheit jedoch medial meist ignoriert, auch, da es nicht «ins Bild passt das wir uns vom IS machen».218 Dem IS soll hier freilich nicht das Ausmaß der real existierenden Gewalt abgesprochen werden. Doch: Aus dem medialen Aufbauschen und Hochstilisieren, seiner Strategie einer Hyper-Visibilität der Gewalt kreiert er seinen angsteinflößenden Ruf, von dem er profitiert. Auch darum sollte man Vorsicht walten lassen, wenn der IS nach einem Anschlag oder Amoklauf eine Tat für sich beansprucht, nährt dies doch genau die intendierte Reputation einer permanent schlagfähigen und gefährlichen Miliz, zudem auf diese Weise die Asymmetrie der psychischen Vulnerabilität weiterhin perpetuiert wird, in welcher der IS so deutlich überlegen und der 213 Reuter (2015), S. 291 214 Reuter (2015), S. 243 215 Reuter (2015), S. 328 216 Reuter (2015), S. 243 217 Vgl. Reuter (2015), S. 241. Der Begriff der «Massaker-Strategie geht auf Aaron Y. Zelin zurück, s. Zelin (2014) «The Massacre Strategy» 218 Reuter (2015), S. 242 64 Westen unterlegen ist. Man könnte ihn darum vielmehr als «Scheinriesen» bezeichnen: Vor allem aus der Ferne erscheint er mächtig und furchteinflößend, doch nähert man sich, schrumpft er. Vergleicht man das Ausmaß der Gewalt beispielsweise mit dem Al-Kaida-Ableger, der Al-Nusra-Front, so wird deutlich: Diese stehen hinsichtlich ihres Gewaltpotentials dem IS kaum nach, sie sind als ähnlich brutal und gefährlich einzustufen. Al Nusra ist im Schatten des Medienrummels um den IS unbemerkt stärker geworden219, dabei hat die Miliz eine deutlich geringere Medienpräsenz. Zwar ist auch Al Nusra bestrebt, Aufmerksamkeit vor allem in Sozialen Medien wie Twitter zu generieren, dennoch fallen sie hierbei deutlich hinter den Medienstrategien des IS zurück.220 In jedem Fall sollte man also im Auge zu behalten, wie auch Wassermann betont, dass es sich hier um eine Strategie der «Schwachen» handelt, die sich systematisch größer und gefährlicher machen müssen, als sie eigentlich sind.221 219 Vgl. Ehrhardt (2016) 220 So hat J.M.Berger analysiert, dass Hashtags, die im Zusammenhang mit dem IS standen, im Jahr 2014 viermal mehr Aufmerksamkeit («mentions», also Erwähnungen) bekamen, als Hashtags im Zusammenhang mit Al Nusra. Vgl. Kingsley (2014) 221 Vgl. Wassermann (2016) 65

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References

Zusammenfassung

Die neuen Kriege sind asymmetrisch und dezentral. Das zeigt sich derzeit deutlich am sogenannten „Krieg gegen den Terror“. In diesem Konflikt zwischen dem „postheroischen Westen“ und der Terrororganisation IS werden Bilder zu Waffen. Mit einer „Ästhetik des Schreckens“ zielt der IS darauf, die westliche Kollektivpsyche durch schockierende Fotos zu zermürben. Gleichzeitig rekrutiert er Anhänger mit bildlichen Repräsentationen von Heroisierung, Bruderschaft und totaler Okkupation. Der postheroische Westen dagegen zeigt keine Toten und Verletzten, sondern beabsichtigt die maximale Ästhetisierung bei minimaler Darstellung von Leid. Die vorliegende Arbeit analysiert die ikonischen Strategien beider Parteien im Detail und verbindet so zwei Theoreme: die Asymmetrierung von Konflikten aus der aktuellen Kriegsforschung über die neuen Kriege und den Iconic Turn als anthropologischen Wendepunkt aus den Kulturwissenschaften. Konsequent entwickelt die Autorin die Konzeption einer „ästhetischen Wende“: Der Krieg der Bilder basiert auch auf einem Wandel im privaten Rezeptionsverhalten und dem medialen Sensationszwang. Die Arbeit zeigt die hier unbewusste „Komplizenschaft der Medien“ mit beiden Kriegsakteuren auf und schließt mit einem Plädoyer für eine kritische Bildkompetenz.