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2. Ikonologie in der gegenwärtigen Kultur: Die ästhetische Wende in:

Juliane Marie Schreiber

Bilder als Waffen, page 21 - 23

Die ikonische Ästhetisierung der neuen Kriege

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4195-6, ISBN online: 978-3-8288-7083-3, https://doi.org/10.5771/9783828870833-21

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
2. Ikonologie in der gegenwärtigen Kultur: Die ästhetische Wende Die Geisteswissenschaften haben den «iconic turn» in den letzten Jahren aufgenommen und theoretisch reflektiert.48 Der «iconic turn» bezeichnet hier eine Abwendung vom Text als Mittel der – oder Scheitern von – Repräsentationen bei Hinwendung zum Bild als Vermittler – oder Erschaffer – von Realitäten.49 Dabei scheint es konsequent, von einem «aesthetic turn», also einer «ästhetischen Wende», als Folge oder Zuspitzung und konsequenter Weiterentwicklung der ikonischen Wende zu sprechen. Die «ästhetische Wende» bezeichnet dann nicht nur ein Erstarken ästhetischer Fragestellungen im akademischen Diskurs, sondern auch als Kulturphänomen eine allgemeine ästhetische Haltung der Lebenswelt gegen- über. Wichtig ist in diesem Kontext anzumerken, dass mit dem Terminus «ästhetisch» oder «Ästhetik” nicht nur die Schönheit gemeint sein soll, sondern jede Art einer über die Wahrnehmung vermittelten Rezeption, die auf einer zweiten Ebene in irgendeiner Weise wertend ist.50 Hierbei wird die These vertreten, dass es in den letzten Jahrzehnten in der westlichen Welt eine Zunahme an positiver Ästhetisierung der Lebenswelt gegeben hat. Mit «Ästhetisierung» ist dann entsprechend eine allgemeine Haltung gemeint, seine Welt gewissermaßen durch die «Brille der Ästhetik» zu betrachten, also die Lebenswelt auf die ästhetischen Kategorien hin abzufragen, wie etwa ob ein Urlaubsort idyllisch ist oder ein Foto atmosphärisch wirkt. In vielen Fällen entsprechen die ästhetischen Wertungen denjenigen Emotionen, die man beim Betrachten der Bilder empfindet. Ein ästhetisch ansprechendes Bild löst entsprechend Vergnügen aus, oder «interesseloses Wohlgefallen» wie Kant sa- 48 Burda (2004) 49 Gottfried Böhm prägte den Begriff wesentlich und stellte heraus, dass vor allem die Philosophie in ihren Gegenständen und Sprachgebrauch den Bildern verpflichtet sei, man denke etwa an die Rolle der Metapher bei Nietzsche. Vgl. Kruse (2010), S. 85 und vgl. Luhmann (1996), S. 23 f. 50 Ein Gemälde ist dann nicht nur beispielsweise primär farbig und gegenständlich, sondern sekundär vielleicht anmutig oder verstörend. Typische positive Wertungen sind: schön, ausgewogen, symmetrisch, einfach, elegant, durchkomponiert oder eindrucksvoll. Typische negative Wertungen sind: hässlich, unausgewogen, überladen, langweilig, abstoßend oder erschreckend; vgl. Sibley (1959) 21 gen würde, ein abstoßendes Bild vielleicht Ekel oder Wut und ein melancholisches Bild vielleicht Wehmut.51 Ästhetisierung als Haltung betrifft aber nicht nur die Wahrnehmung der Kultur, also beispielsweise das Phänomen, dass der ästhetische Anspruch des Publikums an die Lebenswelt auch durch den technischen Fortschritt größer geworden ist, speziell der Wunsch, fotografisch anspruchsvolle Bilder sowie grafisch ausgewogen gestaltete Webseiten oder Werbeanzeigen anzusehen. Gleichzeitig, sozusagen als Rückseite der Medaille, ist auch die Produktion von Kultur zumindest in der westlichen Welt ästhetisierter, vor allem weil die Rezipienten selbst mehr Zeit, Mittel und Interesse haben, ein ästhetisch ansprechendes Leben zu führen. Auch wenn ein grundlegender quantitativer Nachweis für dieses Phänomen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, scheint es doch evident zu sein, da man es in vielen Lebensbereichen nachweisen kann: Beispiele hierfür sind die Zunahme von hochwertig designten Alltagsgegenständen in allen Lebensbereichen; hochfrequentierte Zeitschriften, Blogs und Webseiten zu Stil, Einrichtung und Mode. Weitere Indizien sind die allgegenwärtige Benutzung von Bildbearbeitungsprogrammen und Filtern für Fotos im Alltagsgebrauch; die Verwandlung des marktführenden schwedischen Möbelhauses vom Lieferanten einfacher Holzregale zum Anbieter vielfältig eleganten Designs; der Wechsel von vornehmlich informativer Produkt-Werbung hin zu aufwendig produzierter Werbung über Image und Atmosphäre, und so weiter.52 Auch wenn der Mensch schon immer ein Interesse an Ästhetik, speziell an Schönheit gehabt haben mag, waren doch die Möglichkeiten und Mittel der Auseinandersetzung damit nie so umfangreich und egalitär zugänglich, und gleichzeitig die Rezipienten diesbezüglich so anspruchsvoll wie heute. Diese universelle positive Ästhetisierung macht auch vor der Welt der Fakten nicht halt: In den Naturwissenschaften sind bei Veröffentlichungen ansprechende Bilder wichtiger geworden, auch die Nachrichtenmedien setzen zunehmend auf Bewegtbild und ausdrucksstarke Fotos in Nachrichtenmagazinen. Es scheint augenscheinlich zu sein, dass durch die Nachfrage nach Ästhetischem der allgemeine Druck auf die Medien zugenommen hat, ästhetische Bilder zu präsentieren. Die ästhetische Wende markiert somit eine höhere Forderung nach, Bereitschaft für und Rezeptivität gegenüber ästheti- 51 Kant (1790) 52 Für einen Überblick siehe Reckwitz (2012), S. 21 f – siehe auch Schneider (1998) und Rupp (1998), S. 143–178 22 sierten Bildern, die zusammen den Nährboden für eine verzerrende Bebilderung der westlichen Kriege und sogar den terroristischen Akteuren wie dem IS dienen, wie in dieser Arbeit gezeigt wird.53 Zunächst soll es aber um die Bildästhetik der «unterlegenen» Seite im asymmetrischen Krieg gehen. 53 Für vergleichbare Überlegungen zum «aesthetic turn» speziell im politischen Denken, s. Kompridis (2014). 23

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Zusammenfassung

Die neuen Kriege sind asymmetrisch und dezentral. Das zeigt sich derzeit deutlich am sogenannten „Krieg gegen den Terror“. In diesem Konflikt zwischen dem „postheroischen Westen“ und der Terrororganisation IS werden Bilder zu Waffen. Mit einer „Ästhetik des Schreckens“ zielt der IS darauf, die westliche Kollektivpsyche durch schockierende Fotos zu zermürben. Gleichzeitig rekrutiert er Anhänger mit bildlichen Repräsentationen von Heroisierung, Bruderschaft und totaler Okkupation. Der postheroische Westen dagegen zeigt keine Toten und Verletzten, sondern beabsichtigt die maximale Ästhetisierung bei minimaler Darstellung von Leid. Die vorliegende Arbeit analysiert die ikonischen Strategien beider Parteien im Detail und verbindet so zwei Theoreme: die Asymmetrierung von Konflikten aus der aktuellen Kriegsforschung über die neuen Kriege und den Iconic Turn als anthropologischen Wendepunkt aus den Kulturwissenschaften. Konsequent entwickelt die Autorin die Konzeption einer „ästhetischen Wende“: Der Krieg der Bilder basiert auch auf einem Wandel im privaten Rezeptionsverhalten und dem medialen Sensationszwang. Die Arbeit zeigt die hier unbewusste „Komplizenschaft der Medien“ mit beiden Kriegsakteuren auf und schließt mit einem Plädoyer für eine kritische Bildkompetenz.