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3 Arbeit als kulturelles System in:

Tobias Schuller

Bewältigung durch Flaschensammeln, page 55 - 76

Eine sozialarbeitswissenschaftliche Betrachtung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4180-2, ISBN online: 978-3-8288-7075-8, https://doi.org/10.5771/9783828870758-55

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 88

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
55 3 Arbeit als kulturelles System35 Das „Problem eines allgemeinen Arbeitsbegriffs“ (Voß 2010, S. 23) ist in der Soziologie allgemein bekannt. Teilweise wird dieses Unterfangen sogar als nicht machbar bezeichnet, was mit Blick auf die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich dieses Begriffs annehmen, durchaus nachvollziehbar erscheint. So spielt der Begriff Arbeit in einer umfangreichen Literatur der Soziologie über die Philosophie bis hin zur Physik eine Rolle. (vgl. ebd., S. 24 f.) Wirft man zunächst den Blick in soziologische – denn eben die soziologischen Definitionen sind an dieser Stelle zunächst einmal von Interesse – Lexika, so finden sich auch hier Unterschiede in den am Anfang allgemein gehaltenen Definitionen. So sagt zum Beispiel Mikl-Horke im Lexikon Soziologie und Sozialtheorie: „Als ‚A.‘ […] bezeichnet man eine Tätigkeit, die mit Mühe sowie körperlicher und/ oder geistiger Belastung verbunden ist und deren Zweck die physische Reproduktionstätigkeit zur Sicherung des Lebensunterhalts und der Daseinsvorsorge ist; zudem versteht man unter ‚A.‘ jene Aktivitäten, die Hannah Arendt als ‚Herstellen‘ und ‚Handeln‘ im Sinne des auf andere bezogenen Tuns bezeichnete […]. A. erfüllt auch wichtige psychische und soziale Bedürfnisse des Menschen im Sinne einer Selbstverwirklichung, der Aufgabenerfüllung und gesellschaftlichen Anerkennung.“ (2008a, S. 29 f.) Arbeit dient in dieser Lesart also der Lebenssicherung, ist mit Anstrengungen des Geistes und des Körpers verbunden, kann auch auf andere bezogen sein und kann zur Selbstverwirklichung beitragen. Voß wiederum schreibt in Grundbegriffe der Soziologie: „Arbeit kann soziologisch allgemein als eine zweckgerichtete bewusste Tätigkeit von Menschen definiert werden, die sie unter Einsatz von physischer Kraft und psycho-physischen Fähigkeiten und Fertigkeiten ausüben. Auch wenn Arbeit individuell verrichtet wird, ist sie zumindest indirekt immer in arbeitsteilige und sich 35 Die Anlehnung der Absatzüberschrift an die Titel der von Geertz erbrachten Kapitel „Religion als kulturelles System“ (Geertz 1983, S. 44) und „Common sense als kulturelles System“ (ebd., S. 261) ist bewusst gewählt. Dies vorangebrachte Kapitel soll dazu dienen, den darauffolgenden dichten Beschreibungen des Pfandsammelns eine theoretische Rahmung zu geben und so zur inhaltlichen Verständlichkeit beitragen. 3 Arbeit als kulturelles System historisch verändernde soziale Zusammenhänge (Kooperationen, Institutionen, Organisationen/Betriebe usw.) eingebunden und dadurch geprägt.“ (2016a, S. 15) Auch hier findet Arbeit wieder als Anstrengung geistiger und körperlicher Art statt, jedoch ist sie in ihrer Zweckgerichtetheit nicht näher definiert und auch nicht auf die Lebenssicherung beschränkt. Gleichzeitig wird hier angegeben, dass Arbeit, auch wenn sie individuell geleistet wird, immer Teil eines übergeordneten Ganzen ist. Nun ist es so, dass beide Autor*innen sich in den späteren, vertiefenden Ausführungen auch (unter anderem) mit Aussagen der Grunddefinitionen der bzw. des jeweils anderen beschäftigen; Mikl-Horke verweist darauf, dass es auch Arbeit außerhalb der Erwerbstätigkeit gibt (vgl. 2008a, S. 30 f.) und Voß kommt auf die selbstverwirklichende Eigenschaft von Arbeit zu sprechen (vgl. 2016a, S. 15). Dies zeigt umso mehr, wie vielschichtig und umfangreich der Arbeitsbegriff ist und erklärt warum diesem an dieser Stelle solch eine umfangreiche Beschreibung zu Teil wird. Denn bevor Arbeit als kulturelles System in seinen Teilaspekten beschrieben werden kann, ist zu klären worum es sich bei dem Begriff handelt, welche Dimensionen er einnimmt, wie sich die (soziologische) Bedeutung des Begriffs im Laufe der Geschichte verändert hat und was in diesem Bericht gemeint ist, wenn von Arbeit die Rede ist.36 Laut Voß wurde „das Problem einer allgemeinen Begriffsbestimmung von Arbeit in der Literatur der Arbeitssoziologie bis etwa Mitte der 1980er Jahre“ (2010, S. 28) fast ausnahmslos „ignoriert“ (ebd.). Die wenigen Soziologen, die sich mit einer grundlegenden Bestimmung befassten, taten dies „nur mit minimalem Aufwand“ (ebd.). In der soziologischen Fachwelt handelte es sich bei „Arbeit um die formelle erwerbsförmige Tätigkeit lohnabhängiger Arbeitskräfte in betrieblichen Zusammenhängen“ (ebd., S. 30). Die Überlegungen, was Arbeit außerhalb des Spektrums bezahlter Lohnarbeit noch bedeuten kann, wurden gänzlich den Philosophen überlassen (vgl. ebd.). Diesen Umstand bezeichnet Voß als „[m]erkwürdig“ (ebd., S. 31), da sich fast alle Soziologen, die sich mit dieser Thematik befassen, auf Marx beziehen. Dieser hat, nach Voß, selbst, in einem wenig beachteten Absatz des Kapitals, einen „allgemeine[n] Arbeitsbegriff “ (ebd., S. 31) definiert, welcher seinerseits durchaus als „potentielle Basis eines allgemeinen Arbeitsbegriffs für die Praxis der Arbeitssoziologie“ (ebd.) verwendet werden könnte: „Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, 36 Im Folgenden wird zur Bearbeitung der Frage nach einem allgemeinen Arbeitsbegriffs hauptsächlich auf Voß (2010) zurückgegriffen, da dieser mit seinem Beitrag die umfangreichste (und nach eigener Ausführung in dieser Art nahezu einzige [ebd., S. 23]) Auseinandersetzung zu dieser Thematik liefert. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch Zimmermann erwähnt, der bereits in der 2003 erschienenen „Grundbegriffe der Soziologie“ mit einer äußerst allgemein gehaltenen Definition startet, bevor er in der Vertiefung doch nur auf Arbeit als „Existenzsicherung“ (2003, S. 22) und „Erwerbsarbeit“ (ebd., 24) zu sprechen kommt. So beginnt Zimmermann mit Arbeit als „zielgerichtete, planmäßige und bewusste menschliche Tätigkeit, die unter Einsatz physischer, psychischer und mentaler (geistiger) Fähigkeiten und Fertigkeiten erfolgt.“ (ebd., S. 22) 56 57 3 Arbeit als kulturelles System regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegen- über. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen von Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eigenen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichem Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Form- änderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muss. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt.“ (Marx 1983, S. 192 f.)37 Stark verdichtet fasst Voß diesen Abschnitt in etwa wie folgt zusammen: Arbeit ist eine natürliche „Eigenschaft“ des Menschen, eine „körperlich basierte (aber dabei immer auch geistige) Tätigkeit“, „ein Prozess der Aneignung von Momenten der (natürlichen) Welt durch und für den Menschen“, durch Arbeit wird die vorgefundene Umwelt „lebensdienlich[.]“ verändert, sie „ist aktive Selbstbeherrschung und dadurch Selbstveränderung des Arbeitenden“ und im Unterschied zur tierischen Arbeit ist die menschliche Arbeit „bewusste[.] und zweckgerichtet[..] sowie willentlich beherrscht[..]“. (Voß 2010, S. 39)38 Als zwei Vertreter der Philosophie, die sich vor 1980 mit einem allgemeinen Arbeitsbegriff befassten und sich dabei direkt auf Marx bezogen, nennt Voß beispielhaft Herbert Marcuse, welcher sich, so Voß, mit „Arbeit als Entfaltung der existenziellen Mög- 37 Grund für dieses doch sehr lange Zitat ist, dass sich in den folgenden Kapiteln, in denen der Zweck verfolgt wird, Arbeit als kulturelles System zu beschreiben, immer wieder Verbindungen zu dem grundlegenden Arbeitsbegriff nach Marx herstellen lassen und diese Möglichkeit nicht ungenutzt bleiben soll. 38 Für eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem marxschen Grundbegriff der Arbeit siehe Voß im selben Werk (2010, S. 32–43). 3 Arbeit als kulturelles System lichkeiten des Menschen“39 (ebd., S. 44, Herv. i. O.) beschäftigte und Jürgen Habermas, der laut Voß diese Thematik „[i]n seinem Aufsatz ‚Arbeit und Interaktion‘“40 (ebd., S. 45) behandelte. 39 Laut Marcuse hat die „ökonomische Theorie“ (seiner Zeit T. S.) ein stark eingeschränktes Verständnis von Arbeit im Sinne von „wirtschaftliche[r] Tätigkeit“ und ist an einem „‚allgemeinen‘ Arbeitsbegriff[.]“ nicht interessiert (Marcuse 1979, S. 7). Diese „Verengung des Arbeitsbegriffs“ (ebd., S. 8) sieht Marcuse als Problem, da hierdurch „eine ganz bestimmte Auffassung von Wesen und Sinn des wirtschaftlichen Seins im Ganzen des menschlichen Daseins“ (ebd., S. 9) zum Ausdruck kommt. Dieses Problem lässt sich ihm nach „nur durch eine grundsätzliche philosophische Diskussion des Arbeitsbegriffs“ (ebd.) lösen, welche die „Bedeutung“ des allgemeinen Arbeitsbegriffs „innerhalb des menschlichen Daseins verläßlich zu umreißen versucht“ (ebd.). Hierzu charakterisiert er zunächst Arbeit als Gegenstück zum Begriff „Spiel“ (ebd., S.  15). Dabei können drei ausschlaggebende Eigenschaften der Arbeit vom Spiel unterschieden werden: die „Dauer der Arbeit“ (ebd., S. 17, Herv. i. O.), was so viel bedeutet, dass, im Gegensatz zum Spiel, welches völlig zusammenhanglos von Zeit zu Zeit stattfindet, der Mensch sein ganzes Leben an der Arbeit ausrichtet, sich also in einem ewigen Prozess des „An-der-Arbeit-sein[s]“ (ebd., S. 18) befindet; die „Ständigkeit der Arbeit“ (ebd., S. 18, Herv. i. O.), was laut Marcuse heißt, dass der Mensch etwas Sinnvolles schafft, das überdauert, einen ‚Gegenstand‘ also der „ein ‚Ständiges‘“ ist oder er sich selbst „vergegenständlicht“ indem er sich „einen Stand in seiner Welt“ schafft, diesen erhält und seinem eigenen „Dasein“ so „wirklich seiende geschichtliche ‚Objektivität‘“ (ebd.) verleiht; und der „Last-Charakter der Arbeit“, denn Arbeit ist dem Menschen eine ‚Last‘ da das „menschliche Tun […] unter das Gesetz der ‚Sache‘, die zu tun ist“ (ebd., S. 19) gestellt wird. Arbeit nach Marcuse bedeutet die Befriedigung von ‚Bedürfnissen‘ in einer „Welt“ die diesen „nicht genügen kann“ (ebd., S. 21). Marcuse meint jedoch nicht Bedürfnisse in Form von Gütern, sondern Bedürfnisse im Zusammenhang mit der bewussten Gestaltung des eigenen „menschlichen Daseins“ (ebd., S. 26), die unter anderem die Nachfrage nach wirtschaftlichen Gütern als Teile dieser Bedürfniswelt bedingen. (vgl. ebd., S. 19–27; vgl. Voß 2010, S. 44) 40 Ob es sich bei Habermas‘ Aufsatz im engeren Sinne um einen, wie Voß sagt, „[Beitrag] zu einem allgemeinen Verständnis von Arbeit […], [der] sich direkt auf das marxsche Konzept [bezieht]“ (Voß 2010, S. 43) handelt, muss kritisch betrachtet werden. „In seinem Aufsatz ‚Arbeit und Interaktion‘ […] greift Jürgen Habermas eine frühe Hegelsche Unterscheidung auf: ‚Sprache‘ […], ‚Werkzeug‘ […] und ‚Familie‘ […] als die drei zentralen Momente für die Bildung des Geistes.“ (ebd., S. 45) Diese drei Kategorien bezeichnen laut Habermas „drei gleichwertige Muster dialektischer Beziehungen: die symbolische Darstellung, der Arbeitsprozeβ und die Interaktion aktion [sic] auf der Grundlage der Reziprozität“ (Habermas 1968, S. 9 f.). Mit „Sprache“ können wir unsere Umwelt und die Dinge in ihr benennen: sie werden symbolisiert. Durch die Fähigkeit mithilfe des Sprechens unsere Umwelt in objektivierten Symbolen darzustellen und uns von diesen als Subjekte abzugrenzen entsteht unser („namengebende[s]“ [ebd., S. 27]) Bewusstsein. (vgl. ebd., S. 24 f.) „Arbeit“ ist laut Habermas dasjenige, das es dem Menschen erlaubt die „unmittelbare[.] Begierde und […] den Prozeß der Triebbefriedigung“ (ebd., S. 25) zurückzuhalten und in geregelten Bahnen ablaufen zu lassen. Eine wichtige Rolle spielt hier das „Werkzeug“ mit dessen Hilfe es der Mensch – der sich in der Arbeit zunächst selbst „[v]erdinglich[t]“ – schafft, die „Natur für [sich] arbeiten [zu] lassen“ (ebd., S. 26) und so sein „listiges Bewußtsein“ (ebd., S. 26 f.) zu entwickeln. Das „anerkannte[.] Bewußtsein“ (ebd., S. 28) schließlich entsteht durch die „Interaktion aktion [sic] auf der Grundlage der Reziprozität“ also dem „Sich-Erkennen[.]-im-Anderen“ (ebd., S. 16) dem ein „Sichunterscheiden vom Anderen“ (ebd.) vorausgeht. Als „existierende Mitte reziproker Verhaltensweisen“ (ebd., S. 23) nennt Hegel, laut Habermas, die „Interaktion innerhalb der Familie“ (ebd.). Alle drei „dialektischen Grundmuster“ (ebd., S. 23) sind eigenständig und unabhängig voneinander an der Bewusstseinsbildung beteiligt (vgl. ebd.), auch wenn „Interaktion“ und „Arbeit“ die „Sprache“ als „notwendig“ voraussetzen (ebd., S. 32). „Eine Zurückführung der Interaktion auf Arbeit oder eine Ableitung der Arbeit aus Interaktion ist nicht möglich.“ (ebd., S. 33) Marx 58 59 3 Arbeit als kulturelles System Eine neue Sicht darauf was Arbeit bedeutet, wurde vor allem durch die Debatte ab den 1980er Jahren geprägt, die sich inhaltlich an der „Entwicklung der modernen Arbeitswelt, ja der Arbeits- und Industriegesellschaft überhaupt“ (ebd., S. 47) orientierte. Als entscheidende, zu der Diskussion beitragende Faktoren nennt Voß: • den Beitrag „Bahrdt[s] auf dem Bamberger Soziologentag41“ (ebd., S. 46), • die feministisch geprägte Diskussion, die „die Anerkennung der weiblichen Reproduktions- (Haushalts-, Familien- usw.) Tätigkeit als substantielle Arbeit in der Gesellschaft“ (ebd., S. 47) forderte, • die Beschäftigung mit Themen wie unter anderem Schwarzarbeit und Arbeit im informellen Sektor42 und • die „explizite philosophische Öffnungen des Arbeitsbegriffs“ (ebd., S. 48). (vgl. ebd., S. 46 ff.) Als zwei starke Vertreterinnen dieser neuen philosophischen Diskussion nennt Voß Hannah Arendt, die „[z]urückgehend auf die aristotelische Unterscheidung zweier grundlegender menschlicher Handlungsformen, ‚Poiesis‘ (Herstellen) und ‚Praxis‘ (Tätigsein), […] drei menschliche Grundtätigkeiten und deren Zusammenhang [entfaltet]: Arbeiten, Herstellen und Handeln43“ (ebd., S. 48) und Angelika Krebs, die die findet hier nur in ein paar Sätzen auf drei der 47 Seiten Erwähnung. Habermas vergleicht Marx‘ Auffassung von Arbeit lediglich mit Hegels Arbeitsbegriff als Teil der Bewusstseinsbildung und nennt Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede (vgl. ebd., S. 44 ff.). Hier von einem „[Beitrag] zu einem allgemeinen Verständnis von Arbeit […] [der] sich direkt auf das marxsche Konzept [bezieht]“ (Voß 2010, S. 43) zu sprechen, ist zumindest fragwürdig. 41 Nachdem Bahrdt zunächst „die Geschichte der Wortbedeutungen“ (1983, S. 120) und „die Geschichte der Sachverhalte“ (ebd.) ausgearbeitet hat, die das gesellschaftliche Verständnis im Laufe der Jahrhunderte bestimmten, liefert er einen eigenen allgemeinen Arbeitsbegriff: „Arbeit ist ein gekonntes, kontinuierliches, geordnetes, anstrengendes [sic] nützliches Handeln, das auf ein Ziel gerichtet ist, welches jenseits des Vollzugs der Arbeitshandlung liegt.“ (ebd., S. 124) Auch weist er im Rahmen dieses Beitrags darauf hin, dass sich „die Arbeitswirklichkeit […] von der vorherrschenden Auffassung von Arbeit unterscheidet“ (ebd., S. 132), da in der Praxis eine genaue Trennung von Arbeit und Freizeit im soziologischen Sinne nicht eindeutig vornehmbar ist. (vgl. ebd., S. 132 ff.) 42 Sehr ausführlich zur informellen Arbeit Ingo Bodes Beitrag im Handbuch Arbeitssoziologie mit speziellem Blick auf gemeinnütziger Arbeit in Form vom Ehrenamt (vgl. Bode 2010), vergleich auch Zapf, der sich mit Bier verkaufenden Einwanderern in Spaniens „informelle[n] urbane[n] Sektor“ (Zapf 2013, S. 29) beschäftigt (dies ist insofern interessant für diese Arbeit, als dass ich im Laufe meiner Forschung auch einen Pfandsammler in Berlin kennenlernen durfte, der zeitgleich zum Sammeln Bier aus seinem Einkaufswagen verkauft hat) und Braun, die sich mit der staatlichen „Regulierung informeller Beschäftigung in China“ (Braun 2011, S. 11) befasst (sehr interessant im Hinblick auf die Idee, offizielle Pfandsammler am Hamburger Flughafen einzustellen [Laufer 2015, S. 13]). 43 Laut Ahrendt hat das Ansehen der Arbeit im Laufe der Jahrhunderte eine außerordentliche Wandlung vollzogen: vom Altertum, in dem sie als Sklaventätigkeit, die nichts Bleibendes zu 3 Arbeit als kulturelles System „mangelnde gesellschaftliche Anerkennung“ (ebd., S. 49) für Arbeit außerhalb eines ökonomischen Rahmens also zum Beispiel „Sorge- oder Familienarbeit“ (ebd.) bemängelt44. Die Diskussionen um die Anerkennung alternativer Arbeitsformen außerhalb der Erwerbsarbeit haben schließlich dazu geführt, dass sich inzwischen verschiedene Arbeitsbegriffe unter dem Oberbegriff Arbeit subsumieren lassen. So wird heute beispielsweise von „Hausarbeit“, „Familienarbeit“, „ehrenamtliche[r] [Arbeit]“ (Voß 2016a, S. 16; vgl. Voß 2010, S. 46 ff.) und vielen verschiedenen anderen Arbeitsformen gesprochen. Im Rahmen dieses Forschungsberichts wird sich Voß angeschlossen, der vorschlägt, das Verständnis von Arbeit auf Basis des oben ausführlich zitierten marxschen Arbeitsbegriffs um weitere Gesichtspunkte zu öffnen und so ein breiter gefasstes Spektrum von Tätigkeiten einzubeziehen (vgl. Voß 2010, S. 50). Die Frage, der Voß unter anderem nachgeht; ob Arbeit dem Menschen vorbehalten ist oder auch Tiere45, Pflanzen, Maschinen, einzelne Körperteile, „Gruppen, Organisationen, Netzwerke von Organisationen, vielleicht sogar Gesellschaften“ (ebd., S. 52) hinterlassen vermag, „Verachtung“ (Ahrend 2015, S. 100) erhielt, bis hin zur Neuzeit in der eine „Verherrlichung der Arbeit“ (ebd., S. 109) stattfand, die sogar so weit ging, dass selbst die „Intellektuellen sehr bald keinen sehnlicheren Wunsch hegten, als unter die Masse der arbeitenden Bevölkerung gerechnet zu werden“ (ebd.). Besonders interessant für die Thematik dieser Arbeit, ist die Unterscheidung Ahrendts von „Arbeit“ und „Herstellen“ (Ahrendt 2015, Herv. T. S.). Für Ahrend ist Arbeit ausschließlich alles, was mit der Produktion vergänglicher Konsumgüter zu tun hat (etwa die Arbeit eines Bäckers, der ein „Brot, dessen ‚Lebensdauer‘ […] kaum mehr als einen Tag beträgt“ [ebd., S. 111] produziert), während durch Herstellen (beispielsweise die Tätigkeit eines Tischlers, der „einen Tisch [herstellt], der manchmal Generationen von Benutzern überlebt.“ [ebd.]) Dinge von „Dauerhaftigkeit und Beständigkeit“ (ebd., S. 112) erzeugt und in unsere Welt gebracht werden, „ohne die eine [menschliche, T.S. ] Welt schlechthin unmöglich wäre“ (ebd.). (vgl. zum Unterschied zwischen Arbeiten und Herstellen vor allem S. 99–119; S. 161–181.). Auch das im vorliegenden Bericht verwendete Zitat von Marx wird von Ahrend kritisch aufgegriffen und ausführlich behandelt (vgl. ebd., S. 117 f.; S. 441 ff.), da sie sowohl Marx als auch Locke und Smith vorwirft, die Begriffe Arbeit und Herstellen fälschlicherweise synonym zu verwenden. (vgl. ebd. S. 119–129) Im Rahmen dieser Arbeit wird jedoch die marxsche Auffassung geteilt, auch wenn Ahrendts Unterscheidung von Arbeit und Herstellen das Verständnis von Pfandsammeln als Arbeit nicht bedroht, im Gegenteil sogar bestärken würde. 44 Krebs beschäftigt sich ausführlich mit den verschieden, in der Wissenschaft gebräuchlichen Arbeitsdefinitionen (Arbeit als: „zweckrationales Handeln“ [2002, S. 24], „Mühe“ [ebd., S. 26], „entlohnte Tätigkeit“ [ebd.], „Güterproduktion“ [ebd., S. 29], „Güterproduktion, bei der der Produzent durch eine dritte Person ersetzbar ist“ [ebd., S. 31], „gesellschaftlich notwendige Tätigkeit“ [ebd., S. 32] und „Tätigkeit für andere“ [ebd., S. 34]). Hieraus entwickelt Krebs den „institutionelle[n] Arbeitsbegriff “, (ebd., S. 35) der „den Arbeitscharakter einer Tätigkeit davon abhängig [macht], ob sie in die gesellschaftliche Aufgabenteilung, den gesellschaftlichen Leistungsaustausch, eingelassen ist oder nicht.“ (ebd.) Ob vom Pfandsammeln nach dieser Definition als Arbeit gesprochen werden kann, wäre noch zu untersuchen. Auf den ersten Blick scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein, da weder das Wegräumen der Flaschen einen besonderen gesellschaftlichen Wert darstellt – so sammeln Mitarbeiter der Stadtreinigung diese mit dem Müll zusammen ein –, noch entsteht ein ökonomischer Mehrwert, denn ausschließlich die Sammler selbst profitieren finanziell von der Rückgabe der Flaschen. 45 Zwar gesteht Marx im oben genannten Zitat auch Tieren wie etwa der Spinne oder der Biene gewisse „erste[.] tierartig[e] instinktmäßige[.] Formen von Arbeit“ (Marx 1983, S. 193) zu, diese sind jedoch nicht mit der Arbeit des Menschen vergleichbar, die laut Marx durch die planmäßige, 60 61 3 Arbeit als kulturelles System arbeiten oder das Leben als solches, aufgrund des ständig stattfindenden „Stoffwechsel[s]“, als Arbeit gilt, ist für die Fragestellung dieser Arbeit nicht sonderlich relevant und wird deswegen auch nicht ausführlich diskutiert (vgl. ebd., S. 50 ff.). Trotzdem sollten diese Überlegungen nicht unerwähnt bleiben, da es hier um die Bestimmung des allgemeinen Arbeitsbegriffs geht und dieser – in dieser Arbeit verstanden als Oberbegriff über vielen verschiedenen, enger gefassten Arbeitsbegriffen wie Lohnarbeit, Hausarbeit etc. – so breit wie möglich gefächert verstanden werden soll. Eine zusätzliche Erweiterung des marxschen Arbeitsverständnis liefert Voß, indem er unter Betracht der „komplexeren Qualitäten modernen Arbeitens“ (ebd. S. 52) Marx Ansicht, „Arbeit“ sei, so Voß, „als die wesentliche Eigenschaft des Menschen“46 (ebd.) zu verstehen, als nicht zeitgemäß kritisiert. Vielmehr sieht er Arbeit „als eine Eigenschaft des Menschen unter anderen“ (ebd.). Hinzu kommt, dass die heutige Arbeitsauffassung die Grenzen zwischen dem, was Arbeit ausmacht und den Dingen, die den Menschen in seiner Freizeit als Subjekt ausmachen, nicht mehr trennscharf gezogen werden können. „Kaum jemand wird dieser Sichtweise heute zustimmen, gerade auch angesichts der immer komplexeren Qualitäten modernen Arbeitens, bei dem tief liegende allgemeine Eigenschaften des Menschen (Gefühle, Phantasie, Kreativität, Selbstbestimmung usw.) zu entscheidenden Arbeitseigenschaften werden – wodurch die Grenzen zwischen ‚Arbeitskraft‘ und arbeitender ‚Person‘ (und ihrer ‚Lebenskraft‘) wie auch von ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘ verschwimmen.“ (ebd., S. 52 f.) Auch kritisiert Voß, dass Arbeit nicht immer bedeuten kann, sich in „schlichte[r] Produktionslogik“ die Welt untertan zu machen und auf diese nutzbringend verändernd einzuwirken (ebd., S. 53). Er verweist dabei auf Arbeit, die nicht den Zweck verfolgt „ihr Gegenüber […] [zu] unterwerfen oder […] vom Prozess der Arbeit ablösbare Produkte hervorzubringen, um sie einseitig zu konsumieren oder […] zu entäußern“ (ebd.), wie beispielsweise die „schützende[.] und versorgende[.] Arbeit der Hirten“, die „reproduktive Tätigkeit […] im Haushalt und in der Familie“, die „Pflege- und Sorgearbeit in der Gesellschaft“ oder „personenbezogene[.] interaktive[.] Dienstleistungen“47 (ebd., S. 53 f.). gedankliche Vorbereitung bereits „in der Vorstellung des Arbeiters“ (ebd.) beendet wurde, bevor dieser überhaupt zu arbeiten beginnt. (vgl. hierzu auch Voß 2010, S. 50 ff.) 46 Dass der Mensch nach Marx erst durch die Eigenschaft des Arbeitens zum Menschen wird und sich durch diese Fähigkeit vom Tier unterscheidet, wird noch einmal deutlich, wenn man folgendes Zitat aus „Die deutsche Ideologie“ betrachtet: „Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“ (Marx / Engels 1978, S. 21; vgl. Voß 2010, S. 52) 47 Einige Seiten weiter, wenn Voß sich mit der Frage „Ist Arbeit gut oder schlecht?“ (Voß 2010, S. 58, Herv. i. O.) beschäftigt, kommt es zu Widersprüchlichkeiten, wenn er sagt: „Jede Arbeit ist immer auf irgendeine Weise auch ‚zerstörerisch‘, indem sie eine neue Form schafft und dazu eine alte 3 Arbeit als kulturelles System Die vierte Ergänzung zu der oben zitierten Grunddefinition besteht darin, die Arbeit von ihrem Ruf als „bewusst[e] und dabei vor allem auch ziel- oder zweckgerichtet[e], wenn nicht gar planvoll[e]“ (ebd., S. 54) Tätigkeit zu befreien. Voß verweist zu diesem Zweck auf „die qualitäts- und kunstvolle Aktivität eines Künstlers, Sportlers, Chirurgen oder auch Handwerkers“ (ebd.), die in der Praxis meist „keinen festen Plan abarbeiten, sondern situativ höchst kreativ davon abweichen“ (ebd.) und deren Erfolg gerade in diesen intuitiven und „auf sinnlich-körperliche[n] (statt nur kognitive[n]) Ressourcen“ (ebd., S. 55) basierenden Handlungen zu erklären ist.48 Auch nennt er beispielhaft die sich immer wiederholende Büro- oder Bandarbeit, welche auf lange Sicht nur „ausführbar“ und „erträglich“ wird, indem eben das „planende[.] Bewusstsein“ nicht ununterbrochen genutzt wird49 (ebd.). In einem kurzen Abschnitt befasst sich Voß zudem mit der Frage, ob Arbeit als etwas Positives oder als etwas Negatives zu betrachten ist. Dies kann beim Lesen seiner Ausführungen damit beantwortet werden, dass dies sowohl situations- als auch blickwinkelabhängig zu betrachten ist und so der allgemeine Oberbegriff wertneutral verstanden werden kann. (vgl. ebd., S. 58–61) Letztlich beschreibt Voß, dass es für eine Definition des Begriffs Arbeit auch nötig wäre zu klären, was denn keine Arbeit ist. Dies ist insofern unmöglich, als dass eine trennscharfe Unterscheidung von Arbeit und Freizeit50 immer weniger möglich ist, da sich diese Bereiche zunehmend vermischen. So gibt es auf der einen Seite „Aus- und Weiterbildung“ in der Freizeit, „Vor- und Nacharbeiten zur betrieblichen Tätigkeit“ oder „Heimarbeit (im Home Office)“ (ebd., S. 62); und auf der anderen Seite gibt es aufhebt – Zerstörung und Gewaltanwendung sind möglicherweise sogar konstitutive Merkmale von Arbeit überhaupt.“ (ebd., S. 59) 48 Ob die genannten Berufsgruppen gänzlich, bzw. immer ohne Plan arbeiten können ist sicherlich fragwürdig: so weiß ein Künstler (mit Ausnahmen) was er kreieren will, bevor er den Stift, Pinsel oder Meißel ansetzt, der Sportler hat einen Trainingsplan und der Trainer gibt ihm im Spiel normalerweise eine Strategie vor, auch der Chirurg schneidet nicht nach Gutdünken Menschen auf und einen Handwerker, der ohne Plan arbeitet, will sicherlich niemand beim Hausbau in der Nähe wissen. Auch wenn die spontanen und kreativen Abweichungen von einem vorgefertigten Plan in diesen Arbeitsfeldern sicherlich zur Arbeit gehören und oftmals unerlässlich sind, müssen zunächst Pläne, von denen man abweichen kann, erdacht werden. 49 Hier lässt sich, mit Blick auf die von Marx stattgefundene Abgrenzung der menschlichen von der tierischen Arbeit, relativierend sagen: „Genau dieses Andere verweist darauf, dass menschliche Arbeit offensichtlich immer auch ‚tierische‘ Arbeit ist. Wenn wir diese Qualität der menschlichen Arbeit nicht als schändliches evolutionäres Relikt, sondern als konstitutives Moment unserer eigenen Existenzweise anerkennen, ist ein solcher Ansatz potenziell von großer Tragweite.“ (Voß 2010, S. 55) Doch auch hier lässt sich sicherlich diskutieren ob nicht auch die „dahingleitenden Routinetätigkeiten eines Arbeiters am Band oder eines einfachen Angestellten im Büro“ (ebd.) von Zeit zu Zeit ein geplantes und bewusstes Handeln benötigen. 50 Voß gibt hier eine Reihe von Alternativbegriffen wie etwa „Spiel“ oder „Muße“ an, um einen Gegenbegriff zur Arbeit zu benennen (vgl. 2010, S. 61). Er bezieht sich dann jedoch auf „Freizeit“, auch wenn es sich bei diesem Begriff, wie er selbst schreibt, um eine „gesellschaftliche, ja sogar gesellschaftspolitische und sozialrechtliche ‚Erfindung‘“ (ebd.) handelt, die eher in „mehr oder weniger entwickelten Gesellschaften“ denn in „traditionalen Gesellschaften“ zu finden ist (ebd., S.  61 f.). Auch ist dieser Begriff nicht überall eindeutig einsetzbar wie beispielsweise bei „Selbstständige[n]“, „Arbeitslose[n] oder „Hausfrau[en]“ (ebd., S. 62) 62 63 3 Arbeit als kulturelles System den Wunsch „bei der beruflichen Arbeit ,Spaß‘ zu haben, etwas zu erleben, sich zu entfalten, schöpferisch zu sein usw.“ (ebd., S. 63). So schließt er daraus, „dass man sich im Umgang mit dem Problem eines allgemeinen Arbeitsbegriffs von der Suche nach einer endgültigen kategorialen Festlegung und Abgrenzung verabschieden sollte“ (ebd., S. 65). Als Umgang mit dem Arbeitsbegriff schlägt Voß vor: „Wesentlich sinnvoller erscheint es, einen Apparat von Aspekten zu entwickeln, die man relational aus philosophischen oder historischen Gründen mit Arbeit verbinden möchte. Diese können analytisch flexibel vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Konstellationen Aktivitäten zugeordnet werden, um diese zu beurteilen. Dann geht es nicht mehr um die auf eine Definition abzielende Frage ‚Was ist Arbeit?‘ (und was nicht), sondern darum, in welchem Ausmaß und hinsichtlich welcher Aspekte unterschiedlichste Aktivitäten verschiedenartiger Akteure in der Gesellschaft ‚Arbeits-Charakter‘ haben, warum das so ist, wie es sich ändert und was daraus folgt, etwa für eine Diagnose über den Zustand der Gesellschaft.“ (ebd.) Diesem Vorschlag soll nun nicht in Gänze entsprochen werden. In Anbetracht des Marxzitats und der Erweiterungen von Voß soll sich an dieser Stelle doch an eine Definition gewagt werden, die in ihrem Inhalt allumfassend und gleichzeitig aussagekräftig genug ist, um, zumindest im Rahmen dieser Forschungsarbeit, als Grundlage zu dienen, die das Pfandsammeln als Tätigkeit, die einer Arbeit entspricht, mit einzubeziehen. Mit (menschlicher) Arbeit, verstanden als wertneutraler, allgemeiner Oberbegriff bestimmter Tätigkeiten, die sich diesem anhand dieser Definition unterordnen lassen, ist innerhalb dieses Forschungsberichtes eine Tätigkeit gemeint • die eine entscheidende Eigenschaft des Menschen ausmacht, • der eine geistige und/oder körperliche Anstrengung zugrunde liegt, • die immer in gewisser Weise auf ihre Umwelt verändernd einwirkt, • meistens zielgerichtet und nach Plan abläuft und • die individuell, subjektiv und stark situationsabhängig als solche (also Arbeit), definiert werden kann.51 51 Ein Gedanke hierzu, der nicht in der Literatur gefunden wurde und zu dem auch keinerlei Datenmaterial als empirischer Beleg vorliegt, der trotz allem nicht unerwähnt bleiben soll, ist die Frage, ob eine Tätigkeit vielleicht auch nachträglich als Arbeit eingestuft werden kann, also den Arbeitscharakter erst im Rückblick und durch eine Veränderung der Umstände zugesprochen bekommt. Wenn zum Beispiel ein Kind einen Turm aus Bausteinen baut und den Spaß gerade im Aufeinanderstapeln der Steine sieht, könnte es enttäuscht sein, wenn keine Steine mehr zum Stapeln übrig sind. Stößt nun ein anderes Kind den Stapel um, ist das erste Kind zwar traurig, dass sein Werk kaputt ist, hat aber – in Erinnerung daran wie viel „Arbeit“ es in den vorherigen 3 Arbeit als kulturelles System Die bisherigen Ausführungen haben nun verdeutlicht, was unter dem Begriff Arbeit zu verstehen ist oder besser gesagt verstanden werden kann. Im Anschluss soll nun ausgearbeitet werden, wie Arbeit – in Anlehnung der Beschreibungen kultureller Systeme bei Geertz – als kulturelles System zu verstehen ist. Hierzu wurden immer wiederkehrende, hervorstechende Eigenschaften der Arbeit aus verschieden arbeitstheoretischen Werken gezogen und in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Dies ist sicherlich als erster Versuch zu sehen und muss unter Umständen in einer späteren Arbeit noch inhaltlich angepasst, gekürzt oder gar erweitert werden. Spätestens wenn die Kombination mit dem erhobenen Datenmaterial stattfindet, wird sich jedoch zeigen, dass sich mit den an dieser Stelle ausgearbeiteten Überlegungen zu der Thematik durchaus sehr gut arbeiten lässt. Auch muss angemerkt werden, dass mit der Betrachtung von Arbeit als kulturellem System nun eher die kulturelle bzw. individuelle Zweckmäßigkeit des Gegenstandes denn die Bedeutung des Begriffes als solcher in Betracht gezogen wird. Arbeit lässt sich also im Sinne eines kulturellen Systems wie folgt erklären: Arbeit ist (1) ein Symbolsystem, das neben dem Zweck der (2) Lebenssicherung dazu dienen kann, (3) den Tagesablauf eines Menschen strukturierend zu gestalten, (4) sinnstiftend zu wirken, (5) soziale Kontakte entstehen zu lassen und (6) (etwa in Form von Berufen) zur Identitätsbildung beizutragen.52 3.1 Arbeit als Symbolsystem Wie schon der bereits ausführlich behandelte Arbeitsbegriff oder der zuvor in wenigen Sätzen erläuterte Kulturbegriff unterliegt der Begriff des Symbols in der Soziologie verschiedenen Definitionen. Dies macht eine genaue Bestimmung des Gemeinten schwierig, oder, um mit Geertz zu sprechen: „Das ist gar nicht so leicht, da mit ‚Symbol‘ (ähnlich wie mit ‚Kultur‘) sehr verschiedene Dinge – oft sogar gleichzeitig – bezeichnet worden sind.“ (Geertz 1983, S. 49) Aus diesem Grund (und vor allem weil die Ausführungen Geertz‘ als theoretische Rahmung dieser Arbeit dienen) wird sich im Folgenden – nach einigen allgemeinen Ausführungen, entnommen aus Lexika der Soziologie – auf die Ausführungen Geertz’ bezogen. Turm gesteckt hat – kein Interesse daran, den Stapel erneut zu bauen. Dasselbe lässt sich zum Beispiel auf einen Sammler von Briefmarken, dessen Sammlung durch einen Wasserschaden zerstört wurde oder einen Hobbymusiker, dessen Studioaufnahme versehentlich gelöscht wurde, übertragen. 52 Auch an dieser Stelle ist die Nähe zu Geertz’ Ausarbeitung zur „Religion als kulturelle[m] System“ (Geertz 1983, S. 44) bewusst gewählt, wenn Arbeit als kulturelles System in Anlehnung an die geertzsche Darstellung zur Religion aufgezeigt wird: „Religion ist (1) ein Symbolsystem, das darauf zielt, (2) starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen, (3) indem es Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und (4) diese Vorstellungen mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, daß (5) die Stimmungen und Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen.“ (ebd., S. 48) 64 65 3.1 Arbeit als Symbolsystem Bei Schneider gilt als Symbol „allgemein die Verknüpfung eines Objekts mit einem ideellen Inhalt“ (Schneider 2008, S. 291), wobei „[e]in und dasselbe Objekt […] aus mannigfachen Blickwinkeln zu unterschiedlichen Symbolisierungen dienen [kann]“ (ebd.). Als Objekte sind hier „Gegenstände der äußeren Natur oder Kunst, Sprachgebilde, Gesten, […] Handlungen usw.“ (ebd.) zu verstehen. Zifonun versteht „[u]nter einem Symbol […] im allgemein [sic!] einen Bedeutungsträger, dessen Sinngehalt gesellschaftlich konventionalisiert ist und der durch Deuten und Verstehen des Symbols erfahrbar wird.“53 (Zifonun 2016, S. 326) Geertz‘ verwendete Begriffsbestimmung unterscheidet sich nicht wesentlich von den allgemeinen Erklärungen der Lexika. Bei Geertz handelt es sich bei einem Symbol um „alle Gegenstände, Handlungen, Ereignisse, Eigenschaften oder Beziehungen, die Ausdrucksmittel einer Vorstellung sind, wobei diese Vorstellung die ‚Bedeutung‘ des Symbols ist“ (Geertz 1983, S. 49). Anhand dieser beobachtbaren Symbole lässt sich die „Untersuchung von Gesellschaften“ (ebd., S. 50) bewerkstelligen: „Kulturelle Handlungen – das Bilden, Auffassen und Verwenden symbolischer Formen – sind soziale Ereignisse wie all die anderen auch; sie sind ebenso öffentlich wie eine Heirat und ebenso beobachtbar wie etwa die Landwirtschaft. Sie sind jedoch nicht ganz dasselbe; genauer gesagt, die symbolische Dimension sozialer Ereignisse kann wie die psychologische getrennt von diesen Ereignissen als empirischen Gesamtheiten [sic!] betrachtet werden.“ (ebd.) „Symbolsysteme“ sind für Geertz „extrinsische Informationsquellen“ (ebd., S. 51). Das bedeutet, dass sie „außerhalb der Grenzen des einzelnen Organismus […] angesiedelt sind“ (ebd.), sich in dessen und aller anderer Lebenswelt befinden und sie dort auch „nach ihrem Tod [der einzelnen Organismen, T.S. ] ohne sie weiterbesteh[en]“ (ebd.). Sie können als „Baupläne oder Schablonen“ (ebd.) betrachtet werden, „mit deren Hilfe Prozessen, die ihnen nicht angehören, eine bestimmte Form verliehen werden kann“ (ebd.). Im Unterschied zu den Tieren, welche sich mehr durch ihre „intrinsische[n] Informationsquellen“ (ebd.) in Form von Instinkten leiten lassen, ist „das menschliche Verhalten“ (ebd.) eher durch die in der „Kultur programmierten“ (ebd.) Symbolsysteme bestimmt.54 Deswegen wird auch davon gesprochen, dass Symbolsysteme Modelle von 53 In der vorherigen Auflage des Lehrbuchs beschreibt eine andere Autorin, nämlich Köhler, das Symbol als „etwas Wahrnehmbares (z. B. ein Gegenstand, ein Bild, eine Farbe, ein Schriftzeichen, Laute und Gerüche, oder auch eine Handlung), das auf etwas nicht unmittelbar Wahrnehmbares (den Sinngehalt) verweist. Das Nichtwahrnehmbare (z. B. eine Idee, der Glaube, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Erfahrungen und Empfindungen, auch z. B. eine naturwissenschaftliche Größe) wird durch das S. repräsentiert.“ (Köhler 2010, S. 320) Diese (wenn auch ältere) Definition soll hier nicht unerwähnt bleiben, da sie zum einen exakter ist und zum anderen die verständlichere Erklärung liefert als Zifonun in der aktuellen Auflage. 54 Interessant ist hier, dass Geertz, um den Unterschied zwischen „intrinsische[n] Informationsquellen“ (Geertz 1983, S. 51) und Symbolsystemen zu erklären, auf ein Beispiel aus der Arbeitswelt zurückgreift. Er erklärt ihn anhand eines Bibers, der „zum Bau eines Dammes nur den richtigen Platz und die geeigneten Materialien“ (ebd.) benötigt, da „seine Vorgehensweise […] durch seine Physiologie bestimmt [ist]“ (ebd.). Der Mensch hingegen benötigt „eine Vorstellung davon, was 3 Arbeit als kulturelles System „physikalischen, organischen, sozialen und psychologischen Systemen“ (ebd., S. 52) sind und diese nachbilden. Geertz unterscheidet hierbei zwischen einem „Modell von etwas“ (ebd.) (beispielsweise ein Lehrbuch, in dem einem erklärt wird, was unter Sozialer Arbeit zu verstehen ist) und einem „Modell für etwas“ (ebd.) (zum Beispiel ein Handbuch im Qualitätsmanagement, in dem durch Anweisungen verdeutlicht wird, wie die Sozialarbeiter ihre Arbeit im jeweiligen Betrieb ausführen sollen). Während in der Natur nur „Modelle für etwas“ vorkommen (wie etwa beim tierischen „Lernen durch Prägung“ [ebd., S. 53]), können die menschlichen Symbolsysteme beide Modellaspekte aufweisen, was diese einzigartig macht. „Die gegenseitige Übertragbarkeit von Modellen für etwas und Modellen von etwas, die durch die symbolische Formulierung möglich wird, ist das besondere Merkmal unserer Denkweise.“ (ebd., S. 54, Herv. i. O.) Dafür, dass es sich bei Arbeit um ein eigenständiges Symbolsystem handelt gibt es unzählige Beispiele. Hier sollen nun auszugsweise einige genannt werden, die diese Aussage stützen: • Es gibt in der symbolischen Darstellung unserer Umwelt durch Sprache (siehe hierzu Fußnote 40) eine Vielzahl von Beispielen. Neben Sprichwörtern wie „Arbeit ist das halbe Leben“, gibt es Worte und Bezeichnungen für Dinge, die von den Menschen automatisch mit Arbeit in Verbindung gebracht werden, wie zum Beispiel Schichtsystem, Urlaub, Fließband und so weiter. • Innerhalb der Arbeitswelt gibt es typische Symbole in Form von Abbildungen, die international verständlich sind, wie beispielsweise Piktogramme der Arbeitssicherheit. • Wie Geertz’ Beispiel mit dem Bauplan (Fußnote 54) zeigt, gibt es verschiedene symbolische Darstellungen, die den Menschen zeigen, wie eine Arbeit verrichtet werden soll. Weitere Beispiele wären die Verfahrensanweisungen in einem Qualitätsmanagement-Handbuch oder die Bedienungsanleitung einer Arbeitsmaschine. • Als letztes Beispiel soll an dieser Stelle genannt werden, dass es sogar Symbole in Form von Fotografien oder Gemälden gibt, die vom Betrachter sofort mit Arbeit assoziiert werden55 3.2 Lebenssicherung durch Arbeit Der ursprüngliche Arbeitstitel dieses Kapitels hieß Lebensunterhaltssicherung durch Arbeit. Er wurde jedoch geändert, da das bloße Beschaffen des „gesamte[n] finanzielle[n] Aufwand[s] für die lebensnotwendigen Dinge (Ernährung, Kleidung, Wohnung es heißt, einen Damm zu bauen […], die er nur aus einer symbolischen Quelle beziehen kann – aus einem Bauplan, einem Lehrbuch oder aus verschiedenen Äußerungen von jemandem, der bereits weiß, wie man Dämme baut“ (ebd., S. 51 f.). 55 So schlägt Türk sogar vor, „Bilder als arbeitssoziologische Quellen“ (Türk 2010, S. 983) zu benutzen. 66 67 3.2 Lebenssicherung durch Arbeit usw.)“ (duden.de o. J., Stichwort: Lebensunterhalt, der) im ökonomischen Sinne zwar Teil des Gemeinten ist, aber nicht weit genug reicht. Mit Lebenssicherung sind hier noch zwei weitere Dinge gemeint: • Zum einen, dass der Mensch als „Homo faber“ und „Animal laborans“56 (Arendt 2015) bzw. als Wesen, dessen Mensch-Sein, nach Marx und Engels, eben darin besteht, dass er arbeitet (vgl. Marx / Engels 1978, S. 21), ohne diese Tätigkeit überhaupt nicht lebensfähig wäre. • Zum anderen, dass auch Tätigkeiten, die allgemein unter den Begriffen Freizeitaktivitäten oder Hobby subsumiert werden könnten, die bei uns jedoch in bestimmten Situationen als Arbeit definiert werden (vgl. Fußnote 50), zum Lebenserhalt gebraucht werden. Um die drei Eigenschaften von Arbeit als Lebenssicherung zu erläutern, wird im Folgenden die Theorie der „Grundbedürfnis-Befriedigung“ von Maslow (2008) zu Hilfe genommen.57 Dadurch soll aufgezeigt werden, dass es Zusammenhänge zwischen den Tätigkeiten, die in dieser Forschung als Arbeit verstanden werden, und der Befriedigung einiger grundlegender menschlicher Bedürfnisse gibt. Die erste Behauptung (Arbeit dient der Lebenssicherung im ökonomischen Sinne) soll hier nicht vertiefend erläutert werden, da dies zur Genüge anhand der Auseinandersetzung mit der wirtschaftswissenschaftlichen Sicht auf Arbeit in Kapitel 3 Arbeit als kulturelles System geschehen ist. Zudem stellt diese erste Form indirekt eine Erweiterung der zweiten Form dar, die sich in der Praxis nicht so einfach trennen lassen wie 56 Wie in Fußnote 43 bereits dargestellt, wird in dieser Arbeit der Homo faber (der herstellende Mensch) nicht so strikt vom Animal laborans (dem Menschen als arbeitendes Tier) unterschieden wie bei Arendt (2015, S. 33; vgl. auch S. 300f.), da hier Herstellen als Arbeitsprozess betrachtet wird. 57 Es gibt unterschiedliche Kritiken an Maslows Bedürfnishierarchie. So sagt etwa Myers: „Maslows Hierarchie ist zum Teil willkürlich festgelegt.“ (2014a, S. 442) Des Weiteren sagt er, dass „[d]ie Rangfolge […] [der] Bedürfnisse […] nicht universell“ (ebd.) sei. „Menschen haben sich schon zu Tode gehungert, um ihren politischen Standpunkt darzulegen.“ (ebd.) Dem ist entgegenzusetzen, dass dies von Maslow nicht bestritten wird. Im Gegenteil sagt er sogar selbst: „Es stimmt wahrscheinlich auch, daß die höheren Bedürfnisse zuweilen nicht nur nach der Befriedigung, sondern auch nach erzwungener oder freiwilliger Entbehrung, Verneinung und Unterdrückung der niedrigeren Grundbedürfnisse und Befriedigungen auftauchen (Asketismus, […] Disziplin, […] und so weiter).“ (Maslow 2008, S. 88) Auch wird laut Myers oft kritisiert, dass „die Konzepte verschwommen und subjektiv“ (Myers 2014b, S. 567, Herv. i. O.; vgl. Scheffer / Heckhausen 2010, S. 59) seien und der „humanistischen Psychologie“ (Myers 2014b, S. 568) eine gewisse „Naivität“ (ebd., Herv. i. O.) nachgesagt wird. Boeree kritisiert, dass nach Maslow „unsere niedrigeren Bedürfnisse sehr weitgehend abgedeckt sein müssen, damit Selbstverwirklichung überhaupt vordergründig werden kann“ (2006, S. 12). Dem kann, neben dem hier bereits angegebenen Maslow-Zitat, entgegnet werden, dass Maslow bereits eine „[r]elative Befriedigung“ (2008, S. 88) von Bedürfnissen genügt, um sich „dem nächst höheren Ensemble von Bedürfnissen“ (ebd.) zuzuwenden. Er geht sogar noch weiter, wenn er relativierend sagt: „Die leichteste Art […], den Organismus von den Fesseln der niedrigeren […] Bedürfnisse zu befreien, ist, sie zu befriedigen. (Überflüssig zu sagen, daß es auch andere Verfahren gibt.)“ (ebd., S. 90) 3 Arbeit als kulturelles System in der Theorie. Denn warum wäre der Mensch ohne Arbeit nicht lebensfähig? Nach Marx und Engels gesprochen, weil die grundlegendste Arbeit des Menschen (die uns vom Tier unterscheidet) das Produzieren von Lebensmitteln darstellt. „Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“ (Marx/Engels 1978, S. 21) Oder um beim oben ausführlich zitierten marxschen Arbeitsbegriff zu bleiben: Der Mensch muss arbeiten „um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen“58 (Marx 1983, S. 192). So ist also das Erarbeiten der finanziellen Mittel, um sich Dinge zu beschaffen, die man zum Leben braucht, nur eine weiterentwickelte Form des eigenständigen Herstellens eben dieser. Hier soll nun die „Bedürfnishierarchie nach Maslow“ (Heckhausen 2010, S. 29) Erwähnung finden. Nach Maslow, so Heckhausen, sind die Bedürfnisse des Menschen in einer hierarchischen Rangordnung gegliedert, die sich in folgender Weise darstellen lässt: • „Physiologische Bedürfnisse“, • „Sicherheitsbedürfnisse“, • „Gesellungsbedürfnisse“, • „Geltungsbedürfnisse“ und • „Selbstverwirklichungsbedürfnisse“. (ebd.) Trotz der Rangordnung handelt es sich bei all diesen Bedürfnissen um Grundbedürfnisse des Menschen. Sowohl bei dem Bedürfnis zu essen auf der „physiologischen Ebene“ (Maslow 2008, S. 95), als auch bei den „grundlegenden emotionellen Bedürfnisse[n] nach Zugehörigkeit, Liebe, Achtung und Selbstachtung“ (ebd.). Von der Befriedigung dieser Grundbedürfnisse hängt laut Maslow im Wesentlichen die „psychologische[.] Gesundheit“ (ebd., S. 96, Herv. i. O.) ab. Dass die Möglichkeit, physiologische Bedürfnisse zu befriedigen, durch Arbeit gesichert ist, braucht hier sicherlich keine weiteren Ausführungen. Auch dass gewisse Sicherheitsbedürfnisse, etwa in Form einer sicheren Behausung direkt oder indirekt durch Arbeit befriedigt werden, wurde in diesem Kapitel dargestellt. Ob jedoch Gesellungs-, Geltungs- und Selbstverwirklichungsbedürfnisse durch Arbeit befriedigt werden, ist stark vom jeweiligen Individuum und noch stärker von der jeweiligen Arbeit abhängig. Es scheint jedoch durchaus möglich, wie später aus den Kapiteln 3.4 Arbeit als Sinnstifter, 3.5 Soziale Kontakte durch Arbeit und 3.6 Arbeit als Identitätsstifter abzuleiten ist. Weniger offensichtlich lebenssichernd als die ersten beiden Arbeitsarten wirkt, mit Blick auf die Grundbedürfnisse des Menschen, die dritte Arbeitstätigkeit, die sich in einer Grauzone zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit befindet. Hier soll als Beispiel die Arbeit eines Künstlers herangezogen werden, der malt, ohne einen Auftrag bekommen 58 Hierzu zählt neben der Herstellung verzehrbarer Lebensmittel sicherlich auch das Herstellen von Kleidung oder einer sicheren Unterkunft. 68 69 3.3 Tagesstruktur durch Arbeit zu haben und zudem die ziemliche Gewissheit hat, dass sein Gemälde nicht verkauft werden kann. Dass diese Art der Tätigkeit, unter gewissen Umständen, für die jeweilige Person Arbeit bedeuten kann, wurde bereits geklärt. Nun stellt sich die Frage, inwieweit diese Tätigkeit als lebenssichernd betrachtet werden kann. Hierzu soll stellvertretend der Künstler Otto Dix genannt werden, der während des ersten Weltkrieges mehrere hundert Bilder direkt im Schützengraben anfertigte (vgl. welt.de 2014, o. S.). Mit Blick auf die Bedürfnishierarchie wird deutlich, dass zumindest sein Bedürfnis nach Sicherheit nicht im vollen Umfang befriedigt gewesen sein konnte. Dennoch machte er sich die Arbeit, dieses in der Hierarchie sehr weit höher einzustufendes Bedürfnis nach kreativer Arbeit zu befriedigen, obwohl er dessen Ergebnis weder essen noch veräußern konnte. Ein noch extremeres Beispiel nennt Boeree wenn er sagt: „Es gibt auch Beispiele für Menschen, die selbst im Konzentrationslager noch kreativ waren. Trachtenberg entwickelte eine neue Verfahrensweise für Arithmetik, während er inhaftiert war. Viktor Frankl entwickelte seine Therapieform in einem Konzentrationslager. Und es gibt viele weitere Beispiele.“ (Boeree 2006, S. 12) Dies spricht dafür, dass auch eine Arbeitstätigkeit, die unter Umständen auch einem Hobby zugeordnet werden könnte, lebensnotwendig ist – zumindest im Hinblick auf ein psychologisch gesundes Leben. 3.3 Tagesstruktur durch Arbeit Beschäftigt man sich mit der Auswirkung von Arbeit auf das Alltagsleben und den Tagesablauf der Menschen, kommt man nicht umhin, irgendwann auf Jahodas, Lazarfelds und Zeisels Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (1983) zu stoßen. Diese „erste empirische Untersuchung von Arbeitslosigkeit“ (Negt 2001, S. 681) aus den 1930er Jahren findet bis in die Gegenwart hinein Erwähnung, wenn sich mit Arbeit oder Arbeitslosigkeit befasst wird (vgl. Negt 2001, S. 681; vgl. Krebs 2002, S. 198 f.). In der Studie wurden die Auswirkungen langanhaltender, massenhafter Arbeitslosigkeit in einem Industriedorf untersucht, dessen Hauptarbeitgeber (eine Textilfabrik) geschlossen wurde. Hier von Interesse sind vor allem die Beobachtungen zur „Zeit“ (Jahoda/Lazarfeld/Zeisel 1983, S. 85). Anhand von Beobachtungen und den von den Marienthalern ausgefüllten „Zeitverwendungsbögen“ konnte verglichen werden, wie die arbeitslosen Männer, die Männer mit einer Anstellung und die Hausfrauen ihre am Tag zur Verfügung stehende Zeit nutzten. Dabei ist auffällig, dass sowohl arbeitenden Männern als auch den Frauen, die die Hausarbeit zu erledigen hatten, zwar weniger Freizeit zur Verfügung stand, diese jedoch intensiver genutzt wurde, während sich die Tagesstruktur der arbeitslosen Männer in Luft aufzulösen schien. (vgl. ebd., S. 85–95) „Doppelt verläuft die Zeit in Marienthal, anders den Frauen und anders den Männern. Für die letzteren hat die Stundeneinteilung längst ihren Sinn verloren. Aufstehen – Mittagessen – Schlafengehen sind die Orientierungspunkte im Tag, die 3 Arbeit als kulturelles System übriggeblieben sind. Zwischendurch vergeht die Zeit, ohne daß man recht weiß, was geschehen ist.“ (ebd., S. 86) Kritisch zu den Ergebnissen äußert sich Krebs, wenn sie sagt: „Doch ist auch bei dieser Argumentation klar, dass nicht alle Arbeit und nicht Arbeit allein das Leben zeitlich strukturiert.“ (Krebs 2002, S. 198) Dem wird in diesem Bericht nicht widersprochen, weswegen in der vorangegangenen Definition von Arbeit als kulturellem System auch davon gesprochen wird, dass Arbeit dazu dienen kann59 den Tagesablauf eines Menschen strukturierend zu gestalten.60 Ein gegenteiliges Problem, welches hier zumindest kurz Erwähnung finden soll, ist, dass zu viel Arbeit den Tagesablauf durch Überstrukturierung praktisch übernimmt und sich so negativ (vor allem) auf die psychische Gesundheit der Menschen auswirken kann. Ein Thema, dass vor allem in unzähligen Publikationen zur Work-Life- Balance behandelt wird (vgl. Schnetzler 2014a; vgl. Schnetzler 2014b; Walther 2013; Seiwert 2011; Schobert 2007) 3.4 Arbeit als Sinnstifter61 Arbeit kann durchaus sinnstiftend wirken. „In einer Studie […] gab die Mehrheit der befragten Teilnehmer an, ihre Arbeit sei einer der wichtigsten Aspekte auf der Suche 59 Das gleiche gilt für Arbeit als Sinnstifter und Arbeit als Identitätsstifter. 60 Auch hier findet sich wieder (zumindest indirekt) ein Bezug zum ursprünglichen Marxzitat. Wenn die Stelle: „[u]nd diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt“ (Marx 1983, S. 193); von Voß als „zweckgerichtete und kontinuierlich willentlich kontrollierte und dabei Aufmerksamkeit erfordernde Tätigkeit“ (Voß 2010, S. 37) interpretiert wird, kommt der auf die Zeit des Arbeitenden einflussnehmende Charakter der Arbeit sehr gut zur Geltung. 61 Mit Sinn ist in dieser Arbeit gemeint, was Schützeichel als „nomischen“ Sinn in Abgrenzung vom „subjektiven“ und „sozialen“ Sinn bezeichnet (2008, S. 250). „Dabei steht nicht der Aspekt des Sinnhaften im Vordergrund, sondern die Frage, ob etwas von einem Subjekt als sinnvoll erlebt wird.“ (ebd., S. 251). Bongaerts wiederum unterscheidet zwischen „subjektiver Sinn“, „objektiver Sinn“ und „inkorporierter Sinn“ (2016, S. 300 f.). Hierbei ist der subjektive Sinn Bongaerts weitgehend gleichbedeutend mit Schützeichels nomischen Sinn, weswegen in den weiteren Ausführungen dieser Begriff übernommen wird. Während bei Schützeichel durch den subjektiven Sinn der „Grund oder das Ziel“ (Schützeichel 2008, S. 250) für das „Verhalten und Handeln“ (ebd.) eines Subjektes bezeichnet wird, handelt es sich bei Bongaerts dabei um „Sinnsetzungen und Sinndeutungen [die] auf bewusste Leistungen individueller Akteure zurückzuführen sind“ (Bongaerts 2016, S. 301). Jedoch erwähnt Bongaerts hierzu, dass das als sinnvoll Erlebte nicht durch „[d]ie einzelnen Akteure“ erf[u]nden [wird] […], […] sie haben die entsprechenden (typischen) Wissensvorräte im Laufe der Sozialisation als typische Motive erlernt und können diese mehr oder minder unmittelbar reflexiv aufrufen.“ (ebd.) Hier sieht Sprondel eine Gefahr darin, dass „differenzierte Gesellschaften keine sozialstrukturell gestützten, die Teilbereiche übergreifenden und integrierenden, infolgedessen für alle Gesellschaftsmitglieder verbindlich geltenden S. zusammenhänge [sic] kennen.“ (Sprondel 2010, S. 256) Dies bedeutet, dass „moderne Gesellschaften [nicht] ‚zu wenig‘ oder ‚keinen‘ Lebens-S. [sic] erzeugen, sondern dass vielmehr 70 71 3.4 Arbeit als Sinnstifter nach dem Sinn im Leben.“ (Herrmann 2013, S. 159) Damit Arbeit zur subjektiven Sinnfindung beiträgt, macht Herrmann zwei für ihn entscheidende Voraussetzungen aus: 1. Dass das Individuum ein entwickeltes „Selbstverständnis“ (ebd., S. 161) besitzt. „Jeder hat ein eigenes Verständnis von sich selbst, ein eigenes Verständnis von der Welt, in der er lebt, und eine eigene Vorstellung von seiner individuellen Nische, seinem Platz und seiner Rolle in dieser Welt […]. Und natürlich auch eigene Ziele, Wünsche, Fähigkeiten, Kenntnisse oder Stärken, die eben nicht auf jeden Beruf passen.“ (ebd.) 2. Dass die Arbeit für das Individuum einen „übergeordneten Nutzen“ (ebd., S. 160) hat. „Einen übergeordneten Nutzen in seiner Arbeit zu finden, scheint weitestgehend unabhängig vom eigentlichen Beruf ein sinnstiftendes Element zu sein. Es erhöht sowohl die Arbeitsmotivation als auch die Arbeitszufriedenheit. Die Arbeit bekommt einen Zweck, mit dem sich die Mitarbeiter identifizieren. Der übergeordnete Nutzen gibt ihnen einen Kurs vor, dem sie in ihren Tätigkeiten folgen.“ (ebd.) Laut Hardering ist die „Erwerbsarbeit als dominante Sinnquelle“ (2015, S. 394) vor allem „in Gesellschaften, die sich als Erwerbsarbeitsgesellschaften begreifen“ (ebd.) zu finden. „Ein sinnerfülltes Leben ohne Arbeit ist aus dieser Perspektive kaum möglich.“ (ebd.) Diese Festschreibung von „Arbeit als unhintergehbare Quelle des Lebenssinns“ (ebd., S. 395) erschwert ihrer Ansicht nach ein „Nachdenken über alternative Gesellschafts- und Arbeitsformen“ (ebd.) Für Hardering spielen drei Einflussfaktoren zusammen, die auf uns dahingehend Einfluss nehmen, ob wir eine Arbeit als sinnvoll betrachten oder nicht. Diese drei Einflussfaktoren sind: 1. Die „Arbeitsgestaltung“ (ebd.), 2. der „gesellschaftlich wahrgenommene Nutzen“ (ebd.) und 3. die „Subjektperspektive“ (ebd.). Die Arbeitsgestaltung meint, „[w]ie Arbeit gestaltet sein muss, damit sie von Beschäftigten als anregend und kompetenzfördernd wahrgenommen wird“ (ebd., S. 396). Hier zeigt sich sehr gut das Zusammenspiel dieser drei Faktoren, denn die Wahrnehmung auf der Subjektebene hängt unter anderem davon ab, ob der gesellschaftliche Nutzen durch die Arbeitsgestaltung vermittelt wird. „Ermöglicht werde dieses Erleben durch die Erzeugung von Gütern, die allgemein als gesellschaftlich nützlich angesehen werviele ‚Lebens-S. e‘ [sic], die gleichwohl mit dem Anspruch auf verbindliche Geltung gegenübertreten, existieren.“ (ebd.) 3 Arbeit als kulturelles System den und deren ‚ökologische Unbedenklichkeit überprüft und sichergestellt werden kann.‘“ (ebd.) Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr einer „Entfremdung von der eigenen Tätigkeit“ (ebd., S. 397). Auch wenn „die Arbeitsgestaltung als auch der gesellschaftlich wahrgenommene Nutzen der Arbeit […] zentrale Bezugspunkte subjektiver Bedeutungszuschreibung“ (ebd., S. 405) darstellen, weist Hardering darauf hin, dass die „Entscheidende[n] VermittlerInnen des eigenen Sinnerlebens […] immer die Subjekte selbst“ (ebd.) sind. Hierbei unterscheidet sie drei „verschiedene Ebenen von sinnvoller Arbeit aus der Subjektperspektive“ (ebd.) • „Erstens ließe sich nach dem Ausmaß des Erlebens der Sinnhaftigkeit von Arbeit fragen (Sinnerfüllung) […].“ (ebd., Herv. i. O.) • „Zweitens lässt sich anhand der individuell genutzten Sinnquellen nachvollziehen, wie die Einbettung der Arbeit in den eigenen Wertekontext gelingt und wie der Arbeit Bedeutung zugeschrieben wird (Sinnzuschreibung).“ (ebd., S. 406, Herv. i. O.) • „Drittens lässt sich fragen, wie die Beschäftigten ihre Arbeit praktisch umgestalten, um sie als bedeutsam zu erleben, und was sie tun, um ihre Wertansprüche in der Arbeit aufrecht zu erhalten (Praktiken subjektiver Arbeitsgestaltung).“ (ebd., Herv. i. O.) Kritik an der Vorstellung von Arbeit als Sinnstifter, besser gesagt an deren Stellenwert, äußern sowohl Röttgers als auch Arlt und Zech in ähnlicher Weise. Alle drei verweisen auf die ursprüngliche Bedeutung von Arbeit als „Mühsal und Qual“ (Arlt/Zech 2015, S. 1) und ihrer erst durch den „Protestantismus“ (ebd., S. 3) angestoßenen und in der kapitalistischen Neuzeit vollendeten Zuschreibung als etwas Positivem unter die zudem „alle anderen Tätigkeitsformen“ (ebd.) untergeordnet werden können. (vgl. Arlt / Zech 2015, S. 1–6; vgl. Röttgers 2014, S. 19 f.) So fordern alle drei Autoren als Gegenbegriff zur Arbeit nicht von Freizeit zu sprechen – welche einer Erholung gleichkommt, um wieder arbeitsfähig zu werden – sondern den Begriff der Muße wieder einzuführen – die ihren Zweck in sich selbst, unabhängig von der Arbeit hat – und ihr einen ebenbürtigen Wert einzugestehen. (vgl. Arlt / Zech 2015, S. 8; S. 19–23) Dieser Forderung liegt ein viel enger gefasster Arbeitsbegriff als der in diesem Bericht ausgearbeitete zugrunde. Vor allem Arlt und Zech kritisieren das gegenwärtig „der Arbeitsbegriff universalisiert und für alle menschlichen Tätigkeiten verwendet“62 (Arlt/ Zech 2015, S. 5) wird. 62 Mit der Kritik von Arlt und Zech wird sich im Schlussteil noch einmal ausführlich auseinander gesetzt. 72 73 3.5 Soziale Kontakte durch Arbeit 3.5 Soziale Kontakte durch Arbeit Der indirekte soziale Charakter von Arbeit, den diese auf der Makroebene besitzt, wurde bereits in den Ausführungen zu Durkheims sozialer Arbeitsteilung, welche wiederum die Grundlage für „organische Solidarität“ (Durkheim 2012, S. 162) bildet, besprochen (vgl. Kapitel 1.3; vgl. in diesem Zusammenhang auch Dunkel/Weihrich 2010, S. 179). Doch Arbeit hat sehr häufig auch eine direkte Art, Soziales entstehen zu lassen und zwar dadurch, dass unmittelbare soziale Kontakte entstehen. Dunkel und Weihrich befassen sich in ihrem Aufsatz „Arbeit als Interaktion“63 (ebd., S. 177) genau mit diesem Umstand und unterscheiden dabei zwei Arten von arbeitsbezogenen Interaktionen: 1. „Interaktion in der Arbeit“ (ebd., S. 186): Kontakte zu Kollegen, Vorgesetzten und Kunden. (vgl. ebd., S. 186–189) 2. „Interaktion als Arbeit: Personenbezogene Dienstleistungsarbeit“ (ebd., S. 189) „Eine gute Arbeitsatmosphäre kann motivieren und dabei helfen, Schwierigkeiten gemeinsam zu meistern.“ (Müller 2013, S. 109) Soziale Kontakte und die daraus entstehenden Interaktionen im Arbeitsprozess, sind jedoch nicht ausschließlich positiv zu bewerten, da „Organisation, Dienstleister und Bedienter je eigene Interessen haben, die nicht ohne Weiteres zusammengehen müssen“ (Dunkel/Weihrich 2010, S. 188). Krebs sieht die Behauptung, dass der Umstand, soziale Kontakte zu generieren eine Eigenschaft von Arbeit sei, kritisch wenn sie sagt: „Auch hier ist offenbar, dass nicht jede Arbeit diese Qualität hat (Heimarbeit, Nachtwachen) und vieles andere als Arbeit diese Qualität hat (Selbsthilfegruppen, Sportclubs, religiöse Gemeinschaften).“ (Krebs 2002, S. 198) Hier ist jedoch anzumerken, dass Arbeit im aktuellen Verständnis nicht zwingend alle hier aufgeführten Eigenschaften besitzen muss, um als solche zu gelten. Zwingend ist lediglich, dass die Tätigkeit einer gewissen Art der Lebenssicherung zweckdienlich ist, wie im Rahmen dieser Arbeit beschrieben. 63 Die zuvor von Habermas zitierte Aussage, dass „[e]ine Zurückführung der Interaktion auf Arbeit oder eine Ableitung der Arbeit aus Interaktion […] nicht möglich“ (Habermas 1968, S. 33) ist (vgl. Fußnote 40), wird von Dunkel und Weihrich bestritten: „Dabei kommt er zu dem auch von uns geteilten Schluss, dass instrumentelles (Arbeit) und kommunikatives Handeln (Interaktion) nicht, wie von Jürgen Habermas vertreten, als Handlungsformen zu begreifen sind, die voneinander getrennten gesellschaftlichen Sphären jeweils exklusiv angehören, sondern beide als Aspekte von Arbeit (bei Uwe Vormbusch von Gruppenarbeit) im Zusammenhang zu sehen sind.“ (Dunkel / Weihrich 2010, S. 187) 3 Arbeit als kulturelles System 3.6 Arbeit als Identitätsstifter Arbeit kann dazu beitragen Identität zu bilden. Möchte man es sich einfach machen, kann man behaupten: „Die individuelle und soziale Identitätsbildung eines Menschen vollzieht sich heute vornehmlich über die Arbeit beziehungsweise über eine berufliche Rolle64. Auf die Frage: ‚Was sind Sie?‘, wird geantwortet: Ich bin Stahlarbeiter; ich arbeite bei Siemens; ich bin Anwalt.“ (Büchele/Wohlgenannt 1985, o. S.)65 Die Identitätsbildung des Menschen ist sicherlich komplexer, als dass man sie hauptsächlich auf Arbeit zurückführen kann und doch kann Arbeit einen gewissen Teil dazu beitragen. Identität kann laut Keupp „als die Antwort auf die Frage verstanden werden, wer man selbst oder wer jemand anderer sei“ (Keupp 2008, S. 107). Dabei unterscheidet er zwischen einer „individuellen“ und einer „kollektiven“66 Identität. (vgl. ebd.) Gebildet wird die Identität zum einen durch eine reflexive Auseinandersetzung mit dem „eigene[n] Selbst“ (Straub 2016, S. 126) und zum anderen durch soziale Interaktion „als Konstruktion, die auf wechselseitige soziale Anerkennung angewiesen“ (Keupp 2008, S. 108) ist. Bei der Identitätsbildung handelt es sich um einen das ganze Leben lang andauernden Prozess. (vgl. Keupp 2008, S. 107–110; vgl. Straub 2016, S. 126 f.) Als eine aktuelle Untersuchung zum Thema Identitätsbildung und Arbeit – welche sicherlich (mehr oder weniger) auch auf andere Berufszweige übertragbar wäre –, soll hier beispielhaft die Forschungsarbeit „Professionelle Identität im Bachelorstudium Soziale Arbeit“ (Harmsen 2014) von Harmsen Erwähnung finden. Harmsen, der sich ebenfalls auf den Identitätsbegriff nach Keupp bezieht (vgl. ebd., S. 26), geht der Frage nach, ob bei Bachelorstudierenden der Sozialen Arbeit während der Ausbildung die Entwicklung einer „professionellen Identität Sozialer Arbeit“ (ebd.) stattfindet und „wie Studierende mit der Identitätsthematik individuell umgehen, äußere Rahmenbedingen 64 Der Begriff Arbeit ist von dem Begriff Beruf abzugrenzen und nicht synonym zu verwenden. „Im Unterschied zur […] Arbeit beruht diese Tätigkeit auf der Spezialisierung und Kombination von Leistungen, die eine besondere Ausbildung […] erfordern.“ (Mikl-Horke 2008b, S. 35) Neben der Spezialisierung auf ein Tätigkeitsfeld und der Ausbildung ist entscheidend, dass ein Beruf zur „Erfüllung gesellschaftlicher […] Funktionen“ (Voß 2016b, S.  25) und zum „Erwerb von Geldeinkommen“ (ebd.) ausgeübt wird. 65 Wichtig zu erwähnen ist, dass dieses Zitat nicht der Meinung Bücheles und Wohlgenannts entspricht. Diese Aussage dient ihnen beispielhaft als gängiger Einwand zeitgenössischer Wissenschaftler gegen ein arbeitsunabhängiges Grundeinkommen für das Büchele und Wohlgenannt plädieren. Dieser Aussage entgegnen sie, dass die Identitätsentwicklung durch Interaktion mit der Gesellschaft stattfindet. Die Arbeit nimmt ihrer Meinung nach nur indirekt Einfluss darauf, da ihr in der Gesellschaft ein zu hoher Stellenwert eingeräumt wird und man identitätsstiftende „Anerkennung“ nur durch erbrachte und erwartete „Leistung“ im Beruf erhält. (vgl. Büchele / Wohlgenannt 1985, o. S.) 66 Näher beschrieben findet sich die kollektive Identität bei Straub. Dieser spricht von kollektiver Identität als Werkzeug, welches häufig zur politischen Einflussnahme genutzt wird, indem ein politischer Akteur eine Gemeinschaft erdenkt, der er gewisse Eigenschaften zuspricht und diese dadurch von anderen Gruppen abgrenzt. (vgl. Straub 2016, S. 130) 74 75 3.6 Arbeit als Identitätsstifter und eigene Vorstellungen miteinander in Einklang bringen“ (ebd.). Die (auszugsweisen) Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich eine professionelle Identität in der Ausbildung zum Sozialarbeiter noch nicht verstärkt in den ersten Semestern bildet. Die ersten Schritte hin zu einer Identität als Sozialarbeiter sind: der Vergleich mit anderen Berufsgruppen und die Unterscheidung von diesen (vgl. ebd., S. 58 ff.) und der „Austausch der Studierenden untereinander“ (ebd., S. 61). Ausschlaggebend für die Bildung einer beruflichen Identität ist letztendlich die direkte Arbeit in der Praxis. „Der Bezug zur Praxis Sozialer Arbeit ist das zentrale Element professioneller Identitätsbildung im Studium.“ (ebd., S. 62) Der oben genannten Studie ist zu entnehmen, dass bereits die Ausbildung zu einem Beruf und in ihr insbesondere die praktische Arbeit Einfluss auf unsere Identitätsentwicklung nimmt. Jedoch ist nicht jede Arbeitstätigkeit im selben Maße identitätsstiftend. Dass sich in der modernen Gesellschaft vor allem die erbrachte Leistung einer Tätigkeit und die damit zusammenhängende „Anerkennung“ (Lindner 2012, S. 121) und weniger die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Berufsstand auf die Identitätsentwicklung auswirkt, wird in Lindners Dissertation „Identitätskonstruktion zwischen Anspruchs- und Leistungsindividualismus“ sichtbar. „Somit verläuft Anerkennung aus sozialstruktureller Perspektive nicht mehr asymmetrisch, sondern grundsätzlich symmetrisch, d. h. sie kann und muss in der modernen Gesellschaft prinzipiell von jedem errungen werden […]. Grundlage dafür ist das mit dem zweiten Individualisierungsschub einsetzende Leistungsprinzip. Seitdem gehören Leistung und Selbstverwirklichung zusammen und die Anerkennung der individuellen Fähigkeiten und Leistungen wird für die Entwicklung eines stabilen Selbstbildes unabdingbar.“ (ebd., S. 122) Boysen, der bei der Identitätsentwicklung vom „klassisch-soziologische[n] Verhältnis von Individuum und Gesellschaft“ (2000, S. 94) ausgeht, sieht Arbeit als „Spiegelbild des gesellschaftlichen Status Quo […] und somit als Stellvertreter der Gesellschaft […], mit welchem sich das Individuum auseinanderzusetzen hat“ (ebd.). Abschließend soll hier noch aufgezeigt werden, dass der identitätsstiftende Charakter der Arbeit auch schon im oben ausführlich wiedergegebenen Marxzitat zu finden ist: „Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit.“ (Marx 1983, S. 192) Voß spricht, bezogen auf diesen Zitatausschnitt, von „Arbeit als aktive Selbstveränderung und Selbsterzeugung des Menschen durch den Menschen“ (Voß 2010, S. 35).

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References

Zusammenfassung

Flaschensammelnde Menschen begegnen einem an den unterschiedlichsten Orten im öffentlichen Leben. Man trifft sie an Bahnhöfen, in Einkaufspassagen oder bei Veranstaltungen wie etwa Fußballspielen oder Konzerten. Dieses Phänomen ist inzwischen so im gesellschaftlichen Alltag verwurzelt, dass das Abstellen leerer Flaschen neben dem Mülleimer eine selbstverständliche Handlung darstellt.

Tobias Schuller erweitert dieses in der bisherigen Forschung noch recht unbetretene Feld um den sozialarbeitswissenschaftlichen Blick. So erschließt er aufbauend auf bisherigen Ergebnissen einen neuen Pfad. Dabei werden in diesem Buch nicht allein Fragen in Bezug auf das Phänomen Flaschensammeln beleuchtet. Durch eine kritisch reflektierte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Arbeitsbegriff in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft geht Tobias Schuller der grundlegenden arbeitssoziologischen Fragestellung nach unserem gegenwärtigen Verständnis von Arbeit nach. Des Weiteren liefern die umfangreichen forschungspraktischen Beschreibungen, die ausführlichen methodologischen Passagen und der offene Umgang mit den erhobenen Daten erkenntnisreiche Informationen für Forscher*innen und Forschungsinteressierte, die sich mit diversen qualitativen Methoden beschäftigen.

Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Sylke Bartmann, Prof. Dr. paed. Carsten Müller und Prof. Dr. Martina Weber (Hochschule Emden/Leer).