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2 Das Forschungsdesign – erster Teil in:

Tobias Schuller

Bewältigung durch Flaschensammeln, page 43 - 54

Eine sozialarbeitswissenschaftliche Betrachtung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4180-2, ISBN online: 978-3-8288-7075-8, https://doi.org/10.5771/9783828870758-43

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 88

Tectum, Baden-Baden
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43 2 Das Forschungsdesign – erster Teil Im Folgenden soll dargestellt werden, wie die zuvor dargelegte Fragestellung – nämlich welche Interpretationen die kulturelle Arbeitspraxis des Flaschensammelns über die moderne Arbeitsgesellschaft und über das Prekariat als Teil dieser Gesellschaft zulässt? – anhand qualitativer Forschungsmethoden beantwortet werden konnte. Doch zunächst soll an dieser Stelle die Frage beantwortet werden, warum überhaupt qualitative Methoden verwendet wurden. Diese grundlegende Frage nach der Methodenausrichtung – also ob man qualitativ oder quantitativ forschen sollte – hängt voll und ganz vom jeweiligen Forschungsinteresse ab. Um es mit den Worten von Przyborski und Wohlrab-Sahr zu sagen: „Gibt es in dem Forschungsfeld etwas, das sich nicht ohne weiteres oder nicht sinnvoll mittels Fragebogenerhebung erforschen lässt?“ (Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014, S. 122) oder anders ausgedrückt: „Gibt es an dem, was uns interessiert, etwas, das z. B. offene Beobachtungs- oder Befragungsformen braucht, das man also ohne diese nicht herausbekommen würde.“ (ebd., Herv. i. O.). Beide Fragen lassen sich mit ja beantworten und die Begründung lässt sich im explorativen Charakter des Forschungsvorhabens finden. Denn wie beispielsweise Flick, von Kardorff und Steinke erklären, brauchen quantitative, also „[s]tandardisierte Methoden […] für die Konzipierung ihrer Erhebungsinstrumente (zum Beispiel ein Fragebogen) eine feste Vorstellung über den untersuchten Gegenstand“ (2015, S. 17). Dies war zu Beginn der Forschung nicht gegeben. Es gab lediglich das Interesse am Gegenstand, zu dem es zum Zeitpunkt des Forschungsbeginns erst eine erwähnenswerte Veröffentlichung gab (Moser 2014), und das Vorhaben, diese unbekannte Lebenswelt zu erforschen. Hier liegt nun auch die Erklärung, warum sich von allen qualitativen Vorgehensweisen für eine ethnografische Forschung und somit für die teilnehmende Beobachtung als ihre wichtigste Erhebungsmethode entschieden wurde, denn es sollte „die soziale Wirklichkeit im Vollzug“ (Knoblauch 2014, S. 523) untersucht werden. Das unbekannte und fast unerforschte Feld musste zunächst grundlegend erkundet werden. Relativ schnell kam die Vermutung auf, dass es sich beim Flaschensammeln um einen Arbeitsvorgang handelt, der weder richtig der Lohnarbeit noch der informellen Arbeit in Form von Schwarzarbeit oder einer sonst bekannten Arbeitsform zuzuschreiben ist (ehrenamtliche Arbeit, Hausarbeit, Dienstleistungen). Aus diesem Grund wurde ein ethnografisches Vorgehen beibehalten, da für die weitere Entwicklung der genauen Forschungsfrage und ihrer anschlie- ßenden Beantwortung die „Perspektiven der Teilnehmer, ihre Wissensbestände und -formen, ihre Interaktionen, Praktiken und Diskurse“ (Lüders 2015, S. 390) von Bedeutung schienen. 2 Das Forschungsdesign – erster Teil Zunächst wird nun die Ethnografie, mit besonderem Schwerpunkt auf die teilnehmende Beobachtung und dem „ero-epischen Gespräch“ nach Girtler (2001) theoretisch beschrieben und an gegebenen Stellen mit Beispielen aus der eigenen Forschungspraxis unterfüttert. Die teilnehmende Beobachtung wird so ausführlich beschrieben, da sie, wenn auch nicht die einzige, doch die meistgenutzte Methode der Datenerhebung innerhalb dieser Arbeit darstellt und zudem innerhalb „der deskriptiven Feldforschung […] als wichtigste Methode“ (Schreier 2013, S. 203) gilt. Das ero-epische Gespräch wird erklärt, da alle während der Beobachtungen geführten Gespräche sich Girtlers Beschreibung eines ero-epischen Gesprächs zuschreiben lassen. Zudem wurde eines dieser Gespräche, welches spontan aufgezeichnet wurde, als transkribierte Datenquelle mit den Beobachtungen und den Daten der in Kapitel 1.4 vorgestellten Studien trianguliert. Anschließend wird die in dieser Arbeit verwendete Methode der Datenauswertung beschrieben: die „dichte Beschreibung“ nach Geertz (1983). „Die dichte Beschreibung setzt auf das Entschlüsseln und Beschreiben kulturell und gesellschaftlich geprägter subjektiver Sinnstrukturen, die das Handeln von Personen in einem bestimmten Kontext motivieren.“ (Meyer/Meier zu Verl 2014, S. 247 Herv. i. O.) Somit ist sie die bestmögliche Methode um die gewonnenen Daten der Fragestellung entsprechend auszuwerten und darzustellen. 2.1 Die Ethnografie in Theorie und Praxis Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich um eine ethnografische Studie. Knoblauch sagt über die Ethnografie, es handele sich bei ihr „um eine […] Forschungsstrategie, bei der mehr oder weniger unbekannte ethnische Gruppen, Gemeinschaften oder andere soziale Einheiten und deren Handlungsweisen, Wissensformen und materiale Kulturen untersucht werden“ (2014, S. 521). Anders ausgedrückt kann man ethnografische Forschungen auch „als Beschreibungen von kleinen Lebenswelten verstehen“ (Lüders 2015, S. 389). Dabei kann es sich sowohl um eine Untersuchung einer fremdländischen Kultur als auch um eine Forschung innerhalb der „eigenen Gesellschaft“ (Knoblauch 2014, S. 522) handeln. Die wichtigste Datenerhebungsmethode der Ethnografie ist die teilnehmende Beobachtung (vgl. Knoblauch 2014, S. 521; vgl. Friebertshäuser/Panagiotopoulou 2010, S. 309; vgl. Girtler 2001, S. 147). Dennoch benutzen Forscherinnen in der Ethnografie „prinzipiell das gesamte Methoden-Arsenal empirischer Sozialforschung“ (Hitzler 2006, S. 50) um zu Ergebnissen zu kommen. „Allerdings hat sich gezeigt, dass sich sogenannte nichtstandardisierte Verfahren für ethnografische Erkenntnisinteressen in der Regel besonders gut eignen, […] zum Beispiel und vor allem, wenn es darum geht, (relativ) unerforschte Phänomene zu entdecken und zu erkunden, wenn das ‚Feld‘ sich als ‚sperrig‘ erweist gegenüber standardisierten Methoden, wenn sich das Erkenntnisinteresse auf typologische Konstruktionen (statt auf kategoriale Zuordnung) oder auf die empirisch begründete Bildung von Theorie (statt auf die ‚Prüfung‘ von Hypothesen) richtet, 44 45 2.1 Die Ethnografie in Theorie und Praxis und vor allem wenn der Forscher geneigt ist sich von […] den ‚im Feld‘ geltenden statt von seinen professionellen Relevanzsystemen leiten zu lassen“ (ebd.) So findet auch innerhalb dieser Forschungsarbeit eine Triangulation aus Erhebungsmethoden statt. Die Daten aus den teilnehmenden Beobachtungen und einem aufgezeichneten ero-epischen Gespräch wurden durch Erkenntnisse vorangegangener Forschungsarbeiten (1.4 Dritter Akt – Aktueller Forschungsstand), aus Zeitungsartikeln und selbstgemachtem Bildmaterial ergänzt. Trotz allem sollen hier nun die teilnehmende Beobachtung und das ero-epische Gespräch nach Girtler erläutert und mit Beispielen aus der eigenen Forschungspraxis ergänzt werden, da mit diesen beiden Methoden das Gros meiner relevanten Daten erhoben wurde. Zur besseren Darstellung des Feldforschungsverlaufs wird sich hier im Groben des von Friebertshäuser und Panagiotopoulou verwendeten Schemas bedient, welches, so die beiden, auf Fischer zurückgeht. Demnach wird der Forschungsprozess in zehn Schritte unterteilt, wobei sich die Reihenfolge der ersten vier Schritte jeweils unterscheiden kann. Diese ersten vier Schritte sollen hier nur kurz zusammengefasst werden, da sie bereits ausführlich in Kapitel 1 dieser Arbeit besprochen wurden. Die ersten vier Schritte sind: 1. „Ein Forschungsthema wird formuliert“ (Friebertshäuser/ Panagiotopoulou 2010, S. 306, Herv. i. O.), 2. „Theoretische Bezüge werden hergestellt“ (ebd., Herv. i. O.), 3. „Methoden werden ausgewählt“ (ebd., Herv. i. O.), 4. „Das Untersuchungsgebiet, die Untersuchungsgruppe wird ausgewählt“ (ebd., S. 307 Herv. i. O.).23 Schritt Nummer 5 und 6 bestehen darin „Vorarbeiten“ (ebd., Herv. i. O.) zu leisten und „[d]ie Feldforschung zu organisieren“ (ebd., Herv. i. O.). Hierzu habe ich mich, neben aktuellen Forschungsarbeiten zum Thema Flaschensammeln, mit allem was ich in den Medien zum Thema finden konnte, beschäftigt. Des Weiteren habe ich mich mit Literatur zu den Themen Ethnografie und im Besonderen mit der teilnehmenden Beobachtung befasst.24 Unter teilnehmender Beobachtung ist die direkte Teilnahme des Forschenden im untersuchten Feld zu verstehen. Er nimmt am Leben der untersuchten Menschen teil, um Daten zu generieren. Dabei kommt es zu einer gegenseitigen Beeinflussung aller Beteiligten. (vgl. Girtler 2001, S. 63) Zur Vorbereitung gehörte es aber auch, über bestimmte grundlegende Schwierigkeiten zu reflektieren. Der erste Gedankengang beschäftigte sich mit der Frage der offenen oder verdeckten Beobachtung. Mit Blick auf den „§ 2 Rechte der Proband/innen“ des Ethik-Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbandes 23 Zu 1.: Die genaue Ausformulierung der Forschungsfrage fand im laufenden Forschungsprozess statt. Zu 2.: Dies geschah durch die Auseinandersetzung mit Sozialer Kohäsion (Kapitel 1.3), die Aufarbeitung der aktuellen Forschungsstandes (Kapitel 1.4) und die Ausarbeitung zum allgemeinen Arbeitsbegriff (Kapitel 3). Zu 3.: Erhebungs- und Auswertungsmethoden wurden durch das Feld und die entwickelte Fragestellung bestimmt. Zu 4.: Das Interesse an der Untersuchungsgruppe stand von vornherein fest. 24 Auch Studien, die mit Teilnehmender Beobachtung entstanden sind, habe ich gelesen. Hier sei besonders Girtlers Untersuchung zu Wohnungslosen in Wien erwähnt, in der er mir mit seinem Kapitel über die „Kontaktaufnahme“, in der er unter anderem erwähnt wie schnell falsche Kleidung oder falsche Sprache den Zugang zu einer gewissen Gruppe stören kann (vgl. Girtler 1980b, S. 4 ff.), eine großen Dienst für die praktische Ausführung der Forschung erwies. 2 Das Forschungsdesign – erster Teil Deutscher Soziologinnen und Soziologen (2014) stand jedoch ziemlich schnell fest, aus ethischen Gründen offen vorzugehen. Hierzu ist auch Girtler zu zitieren der sagt: „Grundsätzlich hat die ‚offene Befragung‘ den Vorrang, da der Forscher dadurch in einer fairen, aber auch egalitären Beziehung zu den Beobachteten steht.“ (Girtler 2001, S. 61)25 Der zweite Gedankengang beschäftigte sich mit der Frage nach der „Intersubjektivität“ (Knoblauch 2014, S. 522), also „wie wir Andere verstehen“ (ebd.). Denn selbst wenn man davon ausgeht, dass ein gewisses „Vorverständnis“ (Girtler 2001, S. 53) über das Forschungsfeld unausweichlich ist, bzw. man es sogar benötigt „um einen Sachverhalt interpretieren zu können“ (ebd.) und trotz der postmodernistisch angelehnten Forschungshaltung26, die dieser Arbeit zugrunde liegt, erfordert es die teilnehmende Beobachtung in der Ethnografie, dass man sich „der Fremdheit des Bekannten und Vertrauten in der ‚eigenen‘ Gesellschaft durch eine artifizielle Einstellungsänderung erst wieder bewusst“ (Hitzler 2003, S. 48) wird. Hitzler sagt hierzu erklärend: „Diese ‚Befremdung der eigenen Kultur‘ […] dient dazu, die Relativität jedweder Art von sozialen Konstruktionen zu erkennen, und sie geschieht, erkenntnistheoretisch gesprochen, wesentlich durch artifizielles, methodisches Ausklammern ‚vorgängiger‘ Alltagsgewissheiten, also durch so etwas wie ‚künstliche Dummheit‘ […] bzw. durch das, was etwa Blanche Geer (1964) ‚Neutralität‘ genannt hat.“ (ebd., S. 49) Knoblauch unterscheidet mit Blick auf die Intersubjektivität zwei „idealtypische Modelle“ (Knoblauch 2014, S. 523): 1. Fremdheit: „Die klassische Form der Ethnographie zielt auf das Andere als ein Fremdes, zunächst auch an einem anderen Ort, das in einem Kontrast zum Eigenen steht. Dieses Modell der Fremdheit (‚Alienetät‘) betrachtet das Andere als eine Art ‚Black Box‘. Aus diesem Modell leitet sich auch das ‚Othering‘ ab, die Betrachtung des Anderen (und der anderen Kultur) als wesentlich unterschiedlich von der eigenen, 25 Wie sich herausstellen sollte, waren meine Befürchtungen, nämlich dass sich der Forschungsprozess als nahezu unmöglich gestalten werde, wenn ich mich direkt als Forscher zu erkennen gebe, unbegründet. Ich stieß zwar bei einigen Sammlerinnen auf Ablehnung, aber bei denen, die bereit waren, mich auf ihre Touren mitzunehmen, konnte ich ohne Probleme Fragen stellen und Notizen anfertigen, was mir die Forschung sehr erleichterte. 26 Die postmodernistischen Forscherinnen gehen davon aus, dass es in der Sozialforschung keine eindeutige Wahrheit geben kann und deswegen auch keine Rechtfertigung nötig ist, Qualitätskriterien in Form von „Reliabilität“ (Steinke 2015, S. 320) oder „Objektivität“ (ebd.) der Forschung anzustreben. Sie gehen davon aus, „dass die Annahme, die Welt sei sozial konstruiert, nicht mit Standards für die Bewertung von Erkenntnisansprüchen vereinbar ist“ (ebd., S. 321). Reckwitz sagt hierzu: „Wenn es keinen Weg gibt, um eine Korrespondenz zwischen wissenschaftlichen Aussagen und einer vorsprachlichen Welt der Tatsachen auszumachen, dann lässt sich auch keine neutrale prozedurale Instanz begründen, die die Gültigkeit eines wissenschaftlichen Aussagesystems gewissermaßen innerkommunikativ prüfen kann.“ (Reckwitz 2003, S. 92) 46 47 2.1 Die Ethnografie in Theorie und Praxis der Ethnozentrismus (der Andere wird mit den eigenen Kategorien erfasst) und der Exotismus (Andere werden als different stilisiert).“ (ebd., S. 524 Herv. i. O.) 2. Andersheit: „Das Konzept der Andersheit (‚Alterität‘) geht dagegen von einer Differenz aus, unterstellt aber Gemeinsamkeiten. Das Andere wird nicht einseitig nach Maßgabe der Vorstellungswelt der Forschenden und ihrer Kultur erfasst, sondern beidseitig und sozusagen ‚symmetrisch‘. Theoretisch gelten die Strukturen der Lebenswelt […] als eine gemeinsame Grundlage, die sich empirisch durch die zwischen ihnen ablaufende Kommunikation bewährt. In der Folge von Schütz und der interpretativen Methodologie wird das Andere also wesentlich durch Ähnlichkeit bestimmt, so dass die teilnehmende Beobachtung […] als Erwerb des Wissens und der Praktiken des Feldes verstanden werden kann, die zu einer Angleichung an die Anderen führt (das als ‚going native‘ bezeichnet wird).“ (ebd., Herv. i. O.) Das Konzept der Andersheit, welches auch Girtler vertritt, wird ebenfalls in dieser Arbeit bevorzugt. Er nennt die Gefahr, „die Urteilsmaßstäbe und Verhaltensmuster der Akteure im Feld“ (Girtler 2001, S. 78) zu übernehmen: „Das Scheinproblem des going native“ (ebd.). Laut Girtler lässt sich das Problem der Intersubjektivität und des „Alltagswissen[s] des Forschers“ nur dadurch lösen, dass man die untersuchte Kultur voll und ganz kennenlernt, lernt ihre „Sprache“ (ebd., S. 53) zu sprechen und über die Unterschiede zur eigenen Kultur reflektiert. (vgl. ebd., S. 19 f.; S. 53 f.; S. 78–82) Im Verlauf der Forschung wurde versucht durch Empathie, durchgehende Reflexion27 und Austausch über Interpretationen mit den Erforschten möglichst nah an eine gewisse Art des Verstehens heranzukommen. Nummer 7 und 8 des Schemas sind die „Kontaktaufnahme und erste Orientierung im Feld“ (Friebertshäuser/Panagiotopoulou 2010, S. 307, Herv. i. O.) und die „explorative Phase“ (ebd., Herv. i. O.). Diese beiden Schritte können in der vorliegenden Forschung nicht getrennt voneinander betrachtet werden, da die erste Orientierung im Feld – abgesehen von einem Gespräch mit drei Männern in Hamburg – ohne Kontaktaufnahme vonstattenging. Es konnten lediglich Beobachtungen aus einer gewissen Distanz gemacht und Selbstversuche unternommen werden. Die erste ernst zu nehmende Kontaktaufnahme ging sofort in die explorative Phase über. Die erste Kontaktaufnahme mit dem Feld – besonders wenn es sich um ein von Stigmatisierung bedrohtes Feld handelt – ist mit verschiedenen möglichen Problemen behaftet. Als eine Möglichkeit des Zugangs nennt Girtler die Kontaktaufnahme über eine Person aus dem Umfeld der zu untersuchenden Personen, etwas „einen Missionar oder einen Verwaltungsbeamten“28 (Girtler 2001, S. 83). Besser eignet sich seiner Mei- 27 Vor allem beim nächtlichen Niederschreiben der Protokolle dachte ich noch einmal darüber nach, ob die Aussagen und Handlungen wirklich so gemeint sind, wie ich sie interpretiere. Wenn ich mir nicht sicher war, fragte ich beim nächsten Treffen noch einmal nach. 28 Tatsächlich wurde im Vorfeld der Untersuchung darüber nachgedacht, sich zum Beispiel durch eine Mitarbeiterin der Tafel oder der Bahnhofsmission in das Feld einführen zu lassen. Diese Idee 2 Das Forschungsdesign – erster Teil nung nach jemand, der selbst eine Person der untersuchten Gruppe darstellt. Hierzu empfiehlt er „möglichst viele Mitglieder zu kontaktieren und ihnen eventuell von dem Forschungsvorhaben zu erzählen“ (ebd., S. 84), bis man eine Person findet, die einen in die Gruppe einführt, über Verhaltensregeln aufklärt und durch deren Einführung weniger Misstrauen entsteht. (vgl. ebd., S. 83–89) Die Kontaktaufnahme und das Erklären meines Forschungsvorhabens mussten in meinem Fall innerhalb von wenigen Sekunden geschehen. Ich sprach die Menschen, die ich als Sammlerinnen identifizierte, einfach an und holte mir dabei überwiegend – mal mehr, mal weniger freundliche – Absagen. Wobei aber auch das Ansprechen als solches nicht immer wie gerade beschrieben „einfach“ war. Schoneville beschreibt etwa, wie er und eine Forschungskollegin lange Zeit vor dem Zelt eines Wohnungslosen hinund hergingen und aus „Unsicherheit“ (2010, S. 99) lange überlegten, bevor sie es wagten, den völlig Fremden anzusprechen und mit privaten Fragen in sein Leben zu treten (vgl., ebd.). Ähnlich erging es auch mir und teilweise entschied ich mich nach längerer Beobachtung und aus verschieden Gründen, die jeweilige Person gar nicht erst anzusprechen. Den Sammler, der mir schließlich als Schlüsselperson diente und mich in die Braunschweiger Sammlerszene einführte, verfolgte ich gar über eine Stunde lang, bevor ich mich traute, ihn anzusprechen. Dies geschah vor allem, da es so anmutete, als ob er mich bewusst wahrnahm und mir aus dem Weg zu gehen schien. Wie sich später herausstellen sollte, traf meine Vermutung zu, der Grund seines Ausweichens war jedoch ein ganz anderer als von mir erwartet: Er hielt mich für einen konkurrierenden Sammler.29 Nachdem der erste Kontakt geglückt ist, ist es von Bedeutung, eine Beziehung zu den Menschen im Feld aufzubauen und ihnen glaubhaft zu vermitteln, dass man vertrauenswürdig ist (vgl. Girtler 2001, S. 93–97). Dies gelang mir besonders bei meiner Schlüsselperson. Ein erster Vertrauensbeweis seitens des Sammlers fand bereits wenige Stunden nach dem Kennenlernen statt. Er bat mich, während einer Toilettenpause auf seinen Trolley mit den Flaschen aufzupassen. Den Vertrauensbeweis erwiderte ich, indem ich bei meinem Toilettengang mein Fahrrad unabgeschlossen bei ihm ließ. Auch war ich mit Sammlern essen, wobei ich diese zum Essen einlud, aber auch mich einladen ließ, was eine Begegnung auf Augenhöhe zuließ. Am zweiten Sammeltag mit meiner Schlüsselperson machte ich jedoch einen Fehler. Interessiert daran, wie er die Flaschen in seiner Wohnung zwischenlagert, überschritt ich eine Grenze, indem ich ihn wurde allerdings wieder verworfen, da der Forscher in so einem Fall den Erforschten nicht auf Augenhöhe begegnet und es länger dauert, dass „Mißtrauen“ (Girtler 2001, S. 84) abzubauen und nicht als „Fremdkörper“ (ebd.) zu erscheinen. 29 Hier zeigte es sich, dass ich dem Vorschlag Girtlers, sich dem Sprach- und Kleidungsgewohnheiten“ (1980b, S. 5) des Feldes anzupassen um weniger als „Fremdkörper“ (ebd.) zu wirken, ohne sich jedoch dabei „zu ‚verkleiden‘“ (ebd.), zumindest in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild bereits entsprach. Und verkleiden musste ich mich wirklich nicht, da meine Alltagskleidung von vornherein durch mein Hobby, das Skateboardfahren, verschiedene Verschleißerscheinungen aufwies. Das soll nicht heißen, dass auch die Sammlerinnen alle in verschlissener Kleidung unterwegs sind. Auch wenn sich niemand zum Sammeln in seinem besten Anzug einkleidet, gibt es doch auffallend viele Sammler, die auf ein gepflegtes Äußeres Wert legen. Einen Flaschensammler am äußeren Erscheinungsbild zu erkennen, ist unmöglich. Dennoch wurde mir von einem Sammler gesagt, dass ich mit meiner Kleidung und meinem Vollbart aussehe wie ein Sammler. 48 49 2.1 Die Ethnografie in Theorie und Praxis fragte, ob ich ihn nach Hause begleiten solle, um ihm zu helfen seinen Trolley in die Wohnung zu bringen. Er lehnte dies offensichtlich ab und meinte, mit Verweis auf seine ängstliche Katze, dass dies nicht möglich sei. Ich habe danach keinen Vorstoß mehr in diese Richtung gewagt, bis er mich ca. fünf Monate später eigenständig zu sich nach Hause einlud, um die Sammelaktion an Karneval gemeinsam bei ihm zu starten und zu beenden. Ist man im Feld tätig, stellt sich einem die Frage: „Wie und was ist zu protokollieren?“ (ebd., S. 133) Wie oft empfohlen, wurden zur Datenaufnahme „Feldnotizen“ (Münst 2010, S. 382) angefertigt30, die möglichst unmittelbar nach dem Feldzugang handschriftlich protokolliert wurden, was zumeist in der Nacht geschah. (vgl. ebd.) Am nächsten Tag wurden die handschriftlichen Protokolle noch einmal abgetippt. Wie von Girtler geraten, wurde auf die Verwendung von Geräten zur Tonaufnahme während der teilnehmenden Beobachtung und den währenddessen geführten ero-epischen Gesprächen verzichtet (vgl. Girtler 2001, S. 141). Lediglich bei einem unserer (zwischen meiner Schlüsselperson und mir geführten) ero-epischen Gespräch entschlossen wir uns spontan, die Aufnahmefunktion meines Mobiltelefons laufen zu lassen.31 Als ero-episches Gespräch wird bei Girtler eine Form der Datengewinnung benannt, die sich im Wesentlichen vom Interview unterscheidet. Beim ero-epischen Gespräch herrscht „das Prinzip der Gleichheit“ (ebd., S. 47). Das bedeutet, dass der Erforschte nicht ausgefragt wird, dass keinerlei „Druck“ zu antworten entsteht und dass die For- 30 Münst empfiehlt das Niederschreiben von Notizen direkt während der Teilnahme am Feld nur in „sozialen Kontexten, in denen Schreiben eine übliche Praxis ist“ (Münst 2010, S. 282). Ansonsten rät sie davon ab, da das Schreiben von Notizen „als fremde Praxis […] die sozialen Prozesse stören“ (ebd.) könnte. Ich habe jedoch bei dem Sammler den ich hauptsächlich begleitete, die Raucherpausen, bei denen wir zusammensaßen, genutzt, um meine Notizen zu machen. Von Zeit zu Zeit haben wir uns auch, wenn ich Fragen hatte oder er wissen wollte, was ich da schreibe, über die Notizen ausgetauscht. Oft hat er die Gelegenheit genutzt, mich auf Dinge hinzuweisen die ich „vergessen“ hatte, die aber interessant sein könnten. So konnte er in gewisser Weise am Forschungsprozess partizipieren. Gleichzeitig wollte ich beim Notieren von Begebenheiten keine Zeit verlieren, da ich aus meiner Erfahrung beim ersten Beobachtungsversuch in Hamburg wusste, wie schnell sich Fehler einschleichen und die Daten verfälschen. So war ich fest davon überzeugt, dass einer der drei Männer mit denen ich sprach, eine Schiffermütze trug. Als ich wenig später zu der Gruppe zurückkehrte, merkte ich, dass er die ganze Zeit eine Baseballcap getragen hat. Das nächtliche Hamburg, die Aufregung und der lange weiße Bart des Probanden, der mich an einen alten Seemann denken ließ, hatten mir trotz völliger Nüchternheit ein Trugbild ins Gedächtnis gezaubert. Dieser Schock über die eigene Vorstellungskraft hatte jedoch etwas Gutes, denn ich war mit einem Schlag für die Problematik sensibilisiert. 31 Die Aufnahme entstand während unserer Nachbesprechung der Sammelaktion zum Karnevalsumzug beim Abendessen in einem Fast-Food-Restaurant. Die Idee dahinter war, dass sich beim gemeinsamen Essen eines unserer natürlichen „Arbeitsgespräche“ entwickelte. Allerdings wirkte sich das Wissen um die Aufnahme merklich sowohl auf den Probanden als auch auf mich aus. Es verlief zunächst etwas gezwungen und er versuchte, die erste Zeit ins Mobiltelefon zu sprechen. Auch kam kein gutes ero-episches Gespräch zustande, da ich mich verleiten ließ, die Position eines Interviewers einzunehmen, der sein Gegenüber ausfragt und ihn noch dazu mit den Fragen in eine bestimmte thematische Richtung drängt. Dennoch kamen bei diesem letzten Gespräch noch sehr brauchbare Daten zustande. Allein durch einige sehr markante Begrifflichkeiten wie beispielsweise „Topverdiener“ oder „Pfandsammler im Ruhestand“ hat sich die Aufzeichnung gelohnt. 2 Das Forschungsdesign – erster Teil scherin auch etwas über sich selber preisgibt, wenn sie gefragt wird. Diese Art der erforschten Person entgegenzutreten erfordert eine gewisse Gelassenheit, denn die relevanten Informationen kommen oft nur Stück für Stück und teilweise beiläufig zwischen den Gesprächen zutage. Die Idee dahinter ist, neben der ethischen Perspektive, dass die Forscherin das Feld noch nicht kennt und sich deshalb von den Personen im Feld „leiten“ (ebd., S. 150) lässt, um zu lernen, was dort eigentlich relevant ist. (vgl. ebd., S. 147–155) So führte ich viele interessante Gespräche über Themen wie Familie, Studium oder Arbeit. Durch die Gespräche auf Augenhöhe entstand eine ungezwungene Atmosphäre und es fiel mir nicht schwer, das Vertrauen der Sammler zu gewinnen. Die letzten beiden Punkte des Schemas sind Schritt 9: „Ein spezielles Problem wird untersucht“ (Friebertshäuser/Panagiotopoulou 2010, S. 307, Herv. i. O.) und Schritt 10: „Auswertung und Veröffentlichung“ (ebd., Herv. i. O.). Die aufgeworfene Frage danach, „wie“ zu protokollieren ist, wurde bereits geklärt. Allerdings stellt sich nun die zuvor bereits aufgeworfene Frage nach dem „was“. Zu Schritt 9 sagen Friebertshäuser und Panagiotopoulou: „Dabei kristallisiert sich die Problemformulierung meist erst während der Feldphase heraus.“ (ebd.) Und genau so war auch das Vorgehen in dieser Forschung. Zunächst wurde so gut wie alles, was nur irgendwie relevant sein könnte, notiert. Im Laufe der Forschung trat dann irgendwann das Thema „Arbeit“ in den Vordergrund. Während ich am Schreibtisch an der Ausformulierung des Forschungsinteresses saß, fing ich langsam an, die Unmengen an Daten zu ordnen, und betrachtete bei meinen Felderkundungen das Gesehene immer mit dem Fokus auf Arbeit. Als irgendwann das Gefühl eintrat, nichts Neues mehr über das Feld herauszufinden, und es parallel dazu, mit Blick auf die vergangene Zeit, aus forschungspragmatischen Gründen ratsam schien, sich langsam intensiver dem Schreiben der Forschungsarbeit zu widmen, wurde die Feldphase beendet und mit der Auswertung der Daten begonnen (Kapitel 4 – 4.6). Eine Veröffentlichung der Forschungsarbeit ist nicht geplant. 2.2 Die dichte Beschreibung Clifford Geertz, der die dichte Beschreibung als Forschungsmethode einführte, war laut Reckwitz ein Vertreter einer „postmodernistische[n], radikalkonstruktivistische[n]“ (Reckwitz 2003, S. 92) Forschungshaltung32, welche sich in einer „interpretativen Eth- 32 Im Rahmen dieser Forschungsarbeit wurde versucht, sich Reckwitz‘ Vorschlag anzuschließen, eine „Haltung des ‚reflexiven Kontingenzbewusstseins‘“ (2003, S. 96) zu entwickeln. Dies geschah durch beständig wiederkehrende Phasen der Selbstreflexion über die Auswirkungen der getroffenen Aussagen auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der untersuchten Gruppe. Zudem wurde versucht „die gesellschaftlichen Invisibilisierungen von Kontingenz zu unterminieren“ (ebd., S. 98), indem flaschensammelnde Menschen als die aktiven, strategisch vorgehenden und arbeitswilligen Personen, die sie nach meinen Erkenntnissen sind, dargestellt wurden – um dem Klischee des faulen, arbeitsscheuen und selbstverschuldeten Sozialverlierers entgegenzuwirken. Auch in der schlussfolgernden Auswertung der Daten und der anschließenden Reflexion über ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit lässt sich eine offene „Selbstpositionierung der intellektuellen Tätigkeit in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen politischer und ethischer Bezüge“ (ebd., S. 96) erkennen. Diese Vorgehensweise – eine andere als die von Geertz vertretene Forschungshaltung des 50 51 2.2 Die dichte Beschreibung nologie33“ (ebd., S. 93) widerspiegelt. Geertz ist laut Reckwitz der Meinung, dass es die Aufgabe eines Ethnografen darstellt, Kulturen wie Texte zu lesen und dementsprechend zu interpretieren (vgl. ebd.). Bevor hier also die Ausführung der dichten Beschreibung erläutert werden kann, ist es ratsam, sich zunächst mit dem Kulturverständnis von Geertz auseinanderzusetzen. Eine einheitliche Definition von Kultur erweist sich als relativ schwierig, da der Inhalt des Wortes Kultur weit über dessen allgemein gebräuchliche und sehr oberflächliche Nutzung hinausgeht. So kann man zum Beispiel eine Kultur im Sinne einer Volksgemeinschaft nicht als homogene Gruppe definieren. „Es gibt in Wahrheit so starke kulturelle Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft, zwischen ihren verschiedenen Teilen, daß sie unter Umständen größer sind als die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen.“ (König 2008, S. 45) Geertz bemerkt hierzu passend: „Der Begriff ‚Kultur‘ ist wegen seiner vielfältigen Bezüge und der geflissentlichen Verschwommenheit, in der er nur zu häufig verwendet wurde, bei vielen heutigen Ethnologen in Verruf geraten.“ (Geertz 1983, S. 46) Jedoch ist für Geertz ein Kulturverständnis zentral, ohne dies eine dichte Beschreibung nicht möglich wäre und das somit auch für diese Forschungsarbeit als Grundlage dient. So sagt Geertz: „Der Kulturbegriff, den ich verwende, bezieht sich jedenfalls nicht auf mehrere Referenten und weist, soweit ich sehe, auch keine besonderen Vieldeutigkeit auf: er bezeichnet ein historisch überliefertes System von Bedeutungen, die in symbolischer Gestalt auftreten, ein System überkommener Vorstellungen, die sich in symbolischen Formen ausdrücken, ein System, mit dessen Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben und ihre Einstellungen zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln.“ (ebd.)34 An anderer Stelle und mit Blick auf die dichte Beschreibung bemerkt Geertz, dass es sich bei dem von ihm vertretenen Kulturbegriff um das „selbstgesponnene Bedeu- Postmodernismus zu vertreten – schließt die Verwendung der dichten Beschreibung als Methode nicht aus, da die Haltung des reflexiven Kontingenzbewusstseins lediglich eine selbstreflexive Erweiterung des Postmodernismus darstellt. (vgl. ebd., S. 95–101) 33 Im Folgenden ist in den direkten Zitaten wechselseitig einmal von der Ethnologie und an anderer Stelle von der Ethnografie beziehungsweise von Ethnologen und Ethnografen die Rede. Vor allem Geertz verwendet diese beiden Begriffe synonym. Wie jedoch bereits im vorherigen Kapitel dargestellt, wird in dieser Arbeit zwischen der Ethnografie als Erforschung der „eigene[n] Kultur“ und der Ethnologie als Erforschung einer fremden Kultur unterschieden (vgl. Lüders 2015, S. 390). Da die vorliegende Arbeit ein Phänomen der deutschen Kultur untersucht, wird in paraphrasierenden Textstellen immer von Ethnografie und von Ethnografinnen gesprochen. 34 Geertz favorisiert hier also, so Wolff, „eine systemische[.] gegenüber einer personen-zentrierten Herangehensweise“ (2015, S. 85). Wolff stellt in Bezug auf Geertz Kulturverständnis weiterhin fest: „Kultur bezieht sich demzufolge auf Werte, Ideen und Symbole und nur darüber vermittelt auf soziale Interaktion. Wie bei Weber, Durkheim und Parsons bleiben Geertz` Individuen kollektiv und anonym.“ (ebd., Herv. i. O.) Demnach beschäftigt man sich dem Geertzschen Verständnis folgend mit der Frage, „wie Kultur Handeln steuert und bestimmt, und nicht, wie Gesellschaftsmitglieder aktiv von sich aus kulturelle Ausdrucksformen in sinnvolle Erfahrungsmuster integrieren oder für ihre praktischen Zwecke einsetzen.“ (ebd.) 2 Das Forschungsdesign – erster Teil tungsgewebe“ (ebd., S. 9) handele, in das der Mensch „verstrickt“ (ebd.) sei. Somit ist laut Geertz die Erforschung von Kultur „keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht“ (ebd.). Ihm geht es also „um Erläuterungen, um das Deuten gesellschaftlicher Ausdrucksformen, die zunächst rätselhaft scheinen“ (ebd.). Was kann man sich nun unter einer dichten Beschreibung vorstellen? Geertz erklärt den Unterschied zwischen einer dichten und einer „‚dünne[n] Beschreibung‘“ (ebd., S. 11 f.) anhand eines Beispiels zwinkernder Jungen, welches in der folgenden Tabelle der besseren Verständlichkeit halber zusammengefasst wurde: Beim Anfertigen einer dichten Beschreibung interpretiert also die Forscherin das Gesehene und versucht, der Leserin dessen Bedeutung näher zu bringen. Weiterhin geht Geertz davon aus, dass Ethnografen selbst in ihren „ganz elementaren Beschreibung[en]“ (ebd., S. 14) gar nicht umhinkönnen, eigene Interpretationen des Gesehenen zu liefern. Er geht sogar noch weiter, indem er sagt, dass der Forscher lediglich die Interpretationen der Erforschten interpretiert – jedoch meist ohne dass dieser Umstand offengelegt wird: „Dieser Sachverhalt – daß nämlich das, was wir als unsere Daten bezeichnen, in Wirklichkeit unsere Auslegungen davon sind, wie andere Menschen ihr eigenes Tun und das ihrer Mitmenschen auslegen – tritt in den fertigen Texten der ethnologischen Literatur […] nicht mehr zutage, weil das meiste dessen, was wir zum Verständnis eines bestimmten Ereignisses, Rituals, Brauchs, Gedankens oder was Junge 1 Junge 2a Junge 2b Junge 3a Junge 3b Was tut der jeweilige Junge „vom Standpunkt einer photographischen, ‚phänomenologischen‘ Wahrnehmung“ (Geertz 1983, S. 10) aus betrachtet? Er bewegt „blitzschnell das Lid des rechten Auges“ (ebd.) Er bewegt „blitzschnell das Lid des rechten Auges“ (ebd.) Er bewegt „blitzschnell das Lid des rechten Auges“ (ebd.) Er bewegt „blitzschnell das Lid des rechten Auges“ (ebd.) Er bewegt „blitzschnell das Lid des rechten Auges“ (ebd.). (Hier vor einem Spiegel) Was tut der jeweilige Junge, wenn man reflektiert nachdenkt und eine dichte Beschreibung des Gesehenen anfertigt? Er „zuckt“ ungewollt mit seinem Auge. Er „zwinkert“ absichtlich, um einem Freund ein Zeichen zu geben. Er tut nur so als würde er zwinkern, um andere glauben zu lassen er gäbe seinem Freund ein Zeichen. Er „parodiert“ das Zucken des ersten Jungen. Er „probt“, um das Zucken vom ersten Jungen besser parodieren zu können. Tabelle 1: Unterschied zwischen dünner und dichter Beschreibung (eigene Darstellung nach Geertz 1983, S. 10 ff.) 52 53 2.2 Die dichte Beschreibung immer sonst brauchen, sich als Hintergrundinformation einschleicht, bevor die Sache selbst direkt untersucht wird.“ (ebd.) Der Umstand, dass mit Geertz Kultur als Anhäufung „ineinandergreifender Systeme auslegbarer Zeichen“ (ebd., S. 21) verstanden wird, die „verständlich – nämlich dicht – beschreibbar sind“ (ebd.) bedeutet jedoch nicht, dass die Ethnografinnen willkürliche Interpretationen des Untersuchten liefern können, die fernab jeder – wenn auch konstruierter – Realität sind. „[Es] bedeutet, daß Beschreibungen der berberischen, jüdischen, oder französischen Kultur unter Zuhilfenahme jener Deutungen vorgenommen werden müssen, die unserer Vorstellung nach die Berber, Juden und Franzosen ihrem Leben geben, jener Formel, die sie zur Erklärung dessen, was mit ihnen geschieht, heranziehen. Aus diesem Postulat folgt nicht, daß solche Beschreibungen selbst berberisch, jüdisch oder französisch zu sein hätten, d. h. jener Wirklichkeit angehören müßten, die sie angeblich beschreiben. […] Sie müssen im Rahmen der Interpretationen vorgenommen werden, die die Erfahrungen von Personen bestimmter Herkunft leiten, weil sie ja eben diese Erfahrung beschreiben wollen.“ (ebd., S. 22) Dennoch muss sich der Forscher im Klaren sein, dass seine Texte „Interpretationen und obendrein solche zweiter und dritter Ordnung“ (ebd., S. 22 f.) sind, „daß sie ‚etwas Gemachtes‘ sind, ‚etwas Hergestelltes‘“ (ebd., S. 23). Dieser Umstand wiederum wirft Bedenken ob des „objektiven Status“ (ebd., S. 24) des erlangten Wissensstandes auf, da man nie sicher sein kann „ob Zwinkern von Zucken und wirkliches Zwinkern von parodiertem Zwinkern“ (ebd.) korrekt unterschieden werden konnte. Dem entgegnet Geertz, dass es nicht die Aufgabe des Ethnografen ist, rohe Daten zu gewinnen, sondern die eigentliche Frage darin besteht, „inwieweit er zu erhellen vermag, was sich an derartigen Orten ereignet, und die Rätsel zu lösen weiß – was für Leute sind das? –, die befremdliche Handlungen in unbegriffenen Zusammenhängen zwangsläufig hervorrufen“ (ebd.). Bei dieser Erhellung des Unbekannten legt Geertz besonderen Wert auf die Beschreibung des Verhaltens, „weil es nämlich der Ablauf des Verhaltens ist – oder genauer gesagt, der Ablauf des sozialen Handelns –, in dessen Rahmen kulturelle Formen ihren Ausdruck finden“ (ebd., S. 25). Durch das Interpretieren oder „Deuten“ des sozialen Handelns wird versucht, „den Bogen eines sozialen Diskurses nachzuzeichnen“ (ebd., S. 28) und ihn durch die Niederschrift „in einer nachvollziehbaren Form festzuhalten“ (ebd.). Des Weiteren ist für ihn essenziell, dass dichte Beschreibungen in ihrer Ausrichtung auf kulturelle Gegebenheiten „mikroskopisch“ (ebd., S. 30) sind (ich erforsche pfandsammelnde Menschen, nicht das gesamte Prekariat geschweige denn die gesamtdeutsche Gesellschaft), aber sich dadurch durchaus Aussagen über „ganze[.] Gesellschaften, Zivilisationen, Weltereignisse usw.“ (ebd.) ergeben können (ich treffe Aussagen über den Einfluss der modernen Arbeitsgesellschaft auf die untersuchten Personen). Dabei ist es bezeichnend, „daß sich der Ethnologe typischerweise solchen umfassenden Interpretationen und abstrakteren Analysen von der sehr intensiven Bekanntschaft 2 Das Forschungsdesign – erster Teil mit äußerst kleinen Sachen her nähert“ (ebd.). Um eine umfassendere Theoriebildung zu ermöglichen, reicht allerdings eine einzige Studie nicht aus: „Untersuchungen bauen auf anderen Untersuchungen auf, […] in dem Sinne, daß sie mit besseren Kenntnissen und Begriffen ausgerüstet noch einmal tiefer in die gleichen Dinge eintauchen.“ (ebd., S. 36) Aus diesem Grund werden auch die in Kapitel 1.4 Dritter Akt – Aktueller Forschungsstand vorgestellten Studien als Datenquellen genutzt, wenn an gegebener Stelle die eigenen erhobenen Daten nicht ausreichend vorhanden sind. Die in den nächsten Kapiteln folgenden dichten Beschreibungen des Pfandsammelns sollen nachvollziehbar verdeutlichen, dass das Sammeln von Pfandflaschen dem Symbolsystem Arbeit unterzuordnen ist, um anschließend durch ein stark interpretatives Vorgehen theoretische Aussagen über die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit zu treffen. Um dies verständlich darzustellen, wird zunächst der allgemeine Arbeitsbegriff, der hier Verwendung findet, geklärt sowie aufgezeigt, was hier unter Arbeit als kulturellem System verstanden wird. Dafür wurden Arbeit sechs entscheidende Eigenschaften zugesprochen, nämlich das erstens Arbeit ein Symbolsystem ist, das zweitens durch Arbeit die Lebenssicherung gewährleistet wird, das drittens durch Arbeit dem Tagesablauf eine Struktur gegeben werden kann, das viertens durch Arbeit unter Umständen das Gefühl von Sinnhaftigkeit vermittelt werden kann, das fünftens durch Arbeit soziale Kontakte entstehen können und das sechstens Arbeit zur Identitätsbildung beitragen kann. Anschließend wurden die bereits dichten Beschreibungen der niedergeschrieben Beobachtungsprotokolle (Anhang) und das Transkript des ero-epischen Gesprächs (Anhang) mit Zuhilfenahme des Computerprogramms MaxQDA auf diese vorher festgelegten Eigenschaften untersucht, um die Parallelen zwischen dem hier entwickelten Arbeitsverständnis und der Praxis des Flaschensammelns aufzuzeigen. Daraufhin wurden die Daten noch einmal zusätzlich themenzentriert auf die jeweilige Eigenschaft verdichtet, was mit einem Anstieg des Interpretationsgehalts einhergeht. In einer reflexiven Schlussbetrachtung schließlich werden durch erneute Interpretation der dichten Beschreibungen Theorien generiert, die Aussagen über die Bedeutung des Pfandsammelns für die Sammlerinnen in Bezug auf ihre Stellung in der modernen Arbeitsgesellschaft zulassen. 54

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References

Zusammenfassung

Flaschensammelnde Menschen begegnen einem an den unterschiedlichsten Orten im öffentlichen Leben. Man trifft sie an Bahnhöfen, in Einkaufspassagen oder bei Veranstaltungen wie etwa Fußballspielen oder Konzerten. Dieses Phänomen ist inzwischen so im gesellschaftlichen Alltag verwurzelt, dass das Abstellen leerer Flaschen neben dem Mülleimer eine selbstverständliche Handlung darstellt.

Tobias Schuller erweitert dieses in der bisherigen Forschung noch recht unbetretene Feld um den sozialarbeitswissenschaftlichen Blick. So erschließt er aufbauend auf bisherigen Ergebnissen einen neuen Pfad. Dabei werden in diesem Buch nicht allein Fragen in Bezug auf das Phänomen Flaschensammeln beleuchtet. Durch eine kritisch reflektierte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Arbeitsbegriff in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft geht Tobias Schuller der grundlegenden arbeitssoziologischen Fragestellung nach unserem gegenwärtigen Verständnis von Arbeit nach. Des Weiteren liefern die umfangreichen forschungspraktischen Beschreibungen, die ausführlichen methodologischen Passagen und der offene Umgang mit den erhobenen Daten erkenntnisreiche Informationen für Forscher*innen und Forschungsinteressierte, die sich mit diversen qualitativen Methoden beschäftigen.

Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Sylke Bartmann, Prof. Dr. paed. Carsten Müller und Prof. Dr. Martina Weber (Hochschule Emden/Leer).