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7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … in:

Tobias Schuller

Bewältigung durch Flaschensammeln, page 149 - 182

Eine sozialarbeitswissenschaftliche Betrachtung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4180-2, ISBN online: 978-3-8288-7075-8, https://doi.org/10.5771/9783828870758-149

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 88

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
149 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … Folgend werden die Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse bezüglich der Frage dargestellt, inwieweit Pfandsammeln als Copingstrategie für Stressoren Verwendung findet, die mit Arbeitslosigkeit oder Verrentung im Zusammenhang stehen. Bei diesen Stressoren handelt sich um: • auftretende finanzielle Probleme, • den Verlust einer beruflichen Identität, • die Minderung sozialer Kontakte, • das Abhandenkommen einer als sinnvoll betrachteten Aufgabe, • verlorengegangene Zeitstrukturen • sowie emotionale Bindung an den ehemaligen Arbeitsplatz. Hierbei wird der Blick zunächst auf die Ergebnisse des ersten Durchgangs der Zusammenfassung gelegt. Hier werden die Einzelfälle betrachtet und es wird beschrieben, in welchem Grad den Befragten das Flaschensammeln als Copingstrategie für den jeweiligen Stressor dient (hoch, mittel, niedrig/gar nicht). Anschließend lassen die Ergebnisse des zweiten Durchgangs der Zusammenfassung eine verallgemeinerte Aussage über die Copingstrategie in Verbindung mit dem jeweiligen Stressor zu. Bei den folgenden vier Fällen A bis D handelt es sich, wie bereits beschrieben, um jeweils zwei Interviews, die mit Arbeitslosengeld-II-Empfängern geführt wurden und zwei Interviews, die mit Rentnern geführt wurden. Interviewpartner 1 (vgl. IP1, Anhang) ist 58 Jahre alt. Er hat nach dem Abitur den Zivildienst geleistet und ist im Anschluss daran, bei dem Versuch eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen, an der entscheidenden Prüfung gescheitert. Da ihm jedoch ein Abschluss wichtig war, hat er Mitte der 1990er Jahre eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten absolviert und danach befristet auf verschiedenen Arbeitsstellen gearbeitet, wie dem Werkschutz, diversen Verwaltungen und anderen Bereichen, in denen er jeweils nie richtig Fuß fassen konnte. Die meisten Freunde und Bekannten des ehe- 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … maligen SPD-Mitglieds leben nicht in unmittelbarer Nähe und seit dem Tod seiner Partnerin und seinem Parteiaustritt hat er nur wenige soziale Kontakte in der Stadt. Er lebt seit einigen Jahren von Arbeitslosengeld II und hat sich laut eigener Aussage gut in dieser Lebenssituation eingerichtet. Interviewpartner 1 hat sich telefonisch auf ein Ausschreiben im Büro der Linkspartei bei mir gemeldet, in dem ich potenzielle Interviewpartnerinnen suchte. Das Interview fand im Gastronomiebereich eines großen Warenhauses statt. Interviewpartner 2 (vgl. IP2, Anhang) ist 44 Jahre alt. Er kommt ursprünglich aus Hamburg, ist gelernter Steuermann und lebt seit einigen Jahren in Köln. Er hat auf diversen Schiffen gearbeitet und sich irgendwann mit einer eigen Firma selbständig gemacht. Nach der Insolvenz seiner Firma hat ihn seine Partnerin verlassen und er hat sich mit Gelegenheitsjobs in der Schifffahrt, beim Messebau oder als aktiver Flaschensammler über Wasser gehalten. In dieser Zeit hat er auf der Straße gelebt und sich dem Alkohol zugewandt. Inzwischen lebt der Arbeitslosengeld-II-Empfänger in einer kleinen Wohnung und erzählt für Bargeld an einer Gedenkstätte Interessierten etwas über die ersten Aidstoten in Köln und sammelt nur noch nebenbei. Durch das Leben auf der Straße hat er viele Freunde und Bekannte in der Stadt. Zu dem Interview kam es, nachdem ich ihn auf der Gedenkstätte auf seine Tragetaschen angesprochen hatte. Geführt wurde das Interview direkt vor Ort am Rheinufer. Interviewpartner 3 (vgl. IP3, Anhang) lebt in einer mittelgroßen Stadt in Norddeutschland. Er ist Rentner und geschätzt zwischen siebzig und achtzig Jahre alt. Er hat den größten Teil seiner Arbeitszeit, nach seiner Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur, auf diversen Großbaustellen in ganz Europa auf Montage verbracht und sich zum bauleitenden Monteur hochgearbeitet. Wenige Jahre vor der Verrentung musste er die Berufstätigkeit krankheitsbedingt aufgeben und lebte von da an bis zum Renteneintritt von Arbeitslosengeld II und Flaschensammeln. Seit einiger Zeit trägt er Zeitungen aus und sammelt nur noch sporadisch Flaschen. Er lebt momentan alleine in einer Wohnung, hat jedoch eine Partnerin sowie eine Exfrau und zwei erwachsene Söhne und kennt viele Menschen in der Stadt. Angesprochen auf das Flaschensammeln in einem Stadtpark, hat er mich zu sich nach Hause eingeladen, wo das Gespräch auch stattfand. Interviewpartner 4 (vgl. IP4, Anhang) ist 68 Jahre alt und Erzieher im Ruhestand. Er hat die Ausbildung 1966 begonnen und bis in die 1980er Jahre im Kindergartenbereich gearbeitet. Auf Anfrage eines Freundes, der eine entsprechende Einrichtung leitete, wechselte er in den Jugendbereich, in dem er bis zur Pensionierung arbeitete. Er lebt mit seiner Ehefrau in einem Haus, welches er von seinen Eltern geerbt hat, und hat laut eigener Aussage keine finanziellen Probleme. Er sammelt Flaschen, um Spendengelder für die Ferienfahrten des Jugendwohnheims zu generieren, die er selbst einmal im Jahr als Ehrenamtlicher begleitet. Er hat viele Freunde und Bekannte in Köln, die er relativ regelmäßig trifft. Beim Kölner Karneval wurde ich von ihm angesprochen, weil ich eine leere Plastikflasche in der Hand hielt. Wir kamen ins Gespräch und er erklärte sich bereit, sich etwas Zeit für ein Interview zu nehmen, das wir auf einer Parkbank in einer halbwegs ruhigen Ecke führten. 150 151 7.1 Geldmangel 7.1 Geldmangel Für die deduktive Kategorienanwendung mit Blick auf finanzielle Probleme wurden drei Oberkategorien gebildet, die sich wie folgt unterscheiden: K1 Geld spielt eine tragende Rolle (für die Sammeltätigkeit), K2 Geld spielt eine untergeordnete Rolle und K3 Geld spielt keine Rolle. Tatsächlich konnte unerwarteterweise jeder dieser Kategorien (auch K3) mindestens eine der vier befragten Personen zugeordnet werden. Für Interviewpartner 2 und 3 spielt Geld eine tragende Rolle, wenn es um die Frage geht, warum sie Flaschen sammeln. Für beide ist es „hauptsächlich in allererster Linie mal der finanzielle Ansporn gewesen“ (IP2, Z. 173, Anhang) mit dem Sammeln anzufangen. Auch äußern sich beide positiv zu dem Umstand, dass das Geld früher sofort und unmittelbar zu verdienen war, denn „das war cash und netto […] und das gab es schnell“ (ebd., Z. 446). Ich schreibe hier bewusst „früher“, denn Interviewpartner 2 und Interviewpartner 3 haben noch etwas gemeinsam: Beide sind vom Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für finanzielle Probleme zu einer jeweils anderen und ihrer Meinung nach besseren Strategie gewechselt. Interviewpartner 2, der Arbeitslosengeld II bezieht, ist dazu übergegangen, an einem belebten Platz in der Stadt, an dem sich auch Gedenksteine für an AIDS verstorbene Menschen befinden, Touristen und Interessierte über diese Krankheit aufzuklären. „Joar und wenn man es dann mal genauer weiß und sich in das Ganze hineinarbeitet […] dann, kann man sich ja auch als freiwilliger Fremdenführer […] Ja klar, was will man sonst tun? ja? […] Und das ist auch eigentlich einträglicher wie das Flaschensammeln hier.“ (ebd., Z. 129 ff.)100 Der Rentner Interviewpartner 3 trägt Zeitungen aus, um sich etwas dazu zu verdienen, denn „ein bisschen über 500 Euro Rente […], das reicht ja nun gar nicht“ (IP 3, Z. 14 f., Anhang). Beide haben eine Zeit lang sehr aktiv gesammelt und – im Verhältnis – viel dabei verdient („da bin ich fast die ganze Woche mit ausgekommen“ [ebd., Z. 26 f.]). Dass beide vom sehr aktiven Sammeln abgekommen sind, hängt, laut eigener Aussage bei beiden, mit der in den letzten Jahren immer stärker werdenden Konkurrenz zusammen. Mehr Rivalität bedeutet weniger Einnahmen und macht somit das Flaschensammeln als Bewältigung einer misslichen finanziellen Lage zusehends unattraktiver. Es bedeutet jedoch im Umkehrschluss, dass beide das Flaschensammeln in früheren Zeiten, mit weniger Wettbewerb und höheren Erfolgsaussichten, durchaus als adäquates Mittel ansahen, um die eigene finanzielle Lage zu verbessern. Jedoch weist gerade Interviewpartner 2 darauf hin, dass auch schon in früheren Zeiten das Flaschensammeln immer eine der letzten Maßnahmen war und erst aktiv betrieben wurde, wenn keine bessere Möglichkeit gegeben war. „Messesaison vorbei, Schifffahrt war auch Saisonverkehr […]. Auch vorbei ja, irgendwann, wars Geld verbraucht dann musste man 100 Bei der in der Transkription verwendeten Interpunktion handelt es sich nicht um die in der deutschen Rechtschreibung gebräuchliche Form. Kommata wurde für sehr kleine Sprechpausen eingesetzt, Punkte für etwas längere Sprechpausen, die immer noch unterhalb einer Sekunde lagen. 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … was tun […], damals gings noch mit dem Flaschensammeln […].“ (IP2, Z. 137 ff., Anhang) Dass beide nicht mehr intensiv sammeln, soll allerdings nicht bedeuten, dass sie diese Aktivität gänzlich aufgegeben hätten. Das Sammeln ist zwar für beide nicht mehr lukrativ genug, um ihre ganze Energie durch sehr aktives Suchen in diese Tätigkeit zu investieren, dennoch ist das Geld aus dem weniger aktiven Sammeln immer noch ein willkommener Zuverdienst: „[D]eswegen nehme ich heute auch noch jede, wenn ich eine Pfandflasche irgendwo liegen sehe nehme ich die auch noch mit“ (IP3, Z. 75 f., Anhang). So lässt sich das Flaschensammeln also mit anderen Copingstrategien kombinieren, wobei die Hauptenergie in die effizientere Strategie investiert wird. Für Interviewpartner 1, der wie Interviewpartner 2 Arbeitslosengeld II bezieht, spielt der finanzielle Aspekt beim Sammeln zwar eine Rolle; aber eine eher untergeordnete. Auch er sammelt nicht intensiv, jedoch unterscheidet ihn von den beiden zuvor Genannten, dass er auch weiterhin aktiv keine Strategie verfolgt, um seinen finanziellen Status zu verbessern. Auch er sammelt nur das Pfand, das ihm „so vor die Flinte kommt aber jetzt nicht in dem Sinne zielgerichtet“ (IP1, Z. 17., Anhang), allerdings hat er sich in seiner finanziellen Situation eingerichtet. Interviewpartner 1 hat sein „Leben natürlich auch so organisiert“, dass er „so schnell nicht aus der Bahn“ (ebd., Z. 108 f.) kommt. Er bezieht ein geregeltes Einkommen durch das Jobcenter, er hat durch den „Köln-Pass“ die verschiedensten Vergünstigungen und er hat laut eigener Aussage „in dem Sinne materiell jetzt keine Probleme“ (ebd., Z. 83), beziehungsweise materiell „nichts auszustehen“ (ebd., Z. 100). Ein paar Cents mehr oder weniger machen für ihn in seiner jetzigen Situation einen zu geringen Unterschied, als dass es sich lohnt, einer solch unwirtschaftlichen Beschäftigung intensiv nachzugehen, denn „wenn man das natürlich auf nen Stundenlohn umrechnet ist das völlig unökonomisch“ (ebd., Z. 201 f.). Dass er trotzdem Flaschen sammelt, hängt eher mit seiner Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel zusammen, die er intensiv nutzen will, um das dafür ausgegebene Geld nicht zu verschwenden. Hat er diese nicht, fährt er auch nicht so häufig in die Stadt und sammelt dementsprechend seltener. Des Weiteren nennt er die Freude auch über kleine Geldbeträge als „eine gewisse Belohnung für sich selbst“ (ebd., Z. 927 f.), den Spaß an sozialen Interaktionen und einen gewissen normativen Zwang als Gründe, die Flaschen zu sammeln, denn Pfandflaschen auf der Straße liegen zu sehen, tut ihm auch „einfach manchmal in der Seele weh“ (ebd., Z. 292). Ihm ist allerdings auch bewusst, dass es Menschen gibt, denen es schlechter geht als ihm, wie etwa Wohnungslose, und er deutet an, dass unter solchen verschlechterten Umständen der Stressor Geld eine andere Rolle spielen könnte. Von Interviewpartner 4, einem pensionierten Erzieher, kann man im Zusammenhang mit dem Pfandsammeln sehr wahrscheinlich von einem Sonderfall ausgehen. Er hat ein Haus, ist mit seiner Rentenzahlung zufrieden und sagt von sich selbst, dass er es finanziell überhaupt nicht nötig hat zu sammeln. Er spendet die gesamten Erlöse, die er durch das Sammeln einnimmt, an seinen ehemaligen Arbeitgeber, ein Jugendwohnheim. Das Geld spendet er dabei zweckgebunden für die jährliche Freizeitfahrt. Auch das Geld, das er aufgrund von Gesprächen mit Flaschenbesitzerinnen als zusätzliche Spenden erhält, gibt er der Einrichtung weiter, wobei er für dieses Geld ein Extraportemonnaie bereithält. Bemerkenswert dabei ist, dass Interviewpartner 4 an einer 152 153 7.1 Geldmangel Stelle sogar glaubhaft erwähnt, dass er das Pfandgeld theoretisch nicht einmal zur Unterstützung der Einrichtung brauche und ohne Weiteres die gleichen Beträge auch aus seinen Privatfinanzen bezahlen könne, was allerdings „witzlos“ (IP 4, Z. 212, Anhang) sei. So tritt bei Interviewpartner 4 mangelnde Finanzmittel überhaupt nicht als Stressfaktor zutage.101 Betrachtet man nun die Einzelfälle im Zusammenhang, lassen sich einige Verallgemeinerungen treffen, die zu neuen Erkenntnissen führen. Wie bereits in der Vorannahme vermutet, liegt im finanziellen Status eine wichtige Bedingung begründet, mit dem Pfandsammeln anzufangen.102 Wer in der Stadt Pfanddosen sammelt, hat in der Regel wenig Geld. Jedoch ist diese Aussage noch zu oberflächlich. Betrachtet man die Aussagen der Befragten, fällt auf, dass mehrere Einflussfaktoren zusammenwirken. Die Bereitschaft zu sammeln und die Intensität, mit der das Pfandsammeln betrieben wird, steigen proportional • zur Verschlechterung der finanziellen Situation und der Unzufriedenheit mit dieser, • zu den Erfolgsaussichten, trotz Konkurrenz lukrative Einnahmen zu erzielen und • zu dem Mangel an alternativen Geldeinnahmequellen. Ich möchte an dieser Stelle der Einfachheit halber zwischen zwei Intensitätsgraden beim Sammeln unterscheiden, durchaus im Bewusstsein, dass es in der Realität mehrere Abstufungen geben wird: sehr aktives Sammeln und weniger aktives Sammeln. Sehr aktives Sammeln ist die intensive, zielgerichtete und zeitaufwendige Suche nach Flaschen und Dosen als Haupttätigkeit, während beim weniger aktiven Sammeln jede Flasche eingesammelt wird, die einem im Alltag und ohne Extraaufwand unmittelbar in die Hände fällt. Interviewpartner 2 und 3 haben beide in finanziell schwierigen Zeiten begonnen, sehr aktiv zu sammeln, als das Sammeln mangels Konkurrenz noch eine attraktive Strategie darstellte. Heute haben sich beide lukrativere Strategien gesucht, wobei zumindest von Interviewpartner 2 bekannt ist, dass solch ein Wechsel jedesmal stattfand, sobald sich eine bessere Möglichkeit zum Gelderwerb bot. Dennoch sammeln beide noch zusätzlich weniger aktiv, um in Kombination mit Sozialleistungen und der besseren Strategie ein gewisses Quantum Geld zu generieren, da sie beide mit ihrer 101 Hier handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Ausnahmeerscheinung. In den letzten zwei Jahren, in denen ich mich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe und in verschiedenen Städten mit Flaschensammlerinnen Gespräche führen konnte, ist mir bis jetzt erst ein einziger vergleichbarer Fall begegnet. Es gibt in Braunschweig einen stadtbekannten, sehr extrovertierten, älteren Sammler, um den sich verschiedene Legenden in der Sammlerszene gebildet haben. Viele sind der Meinung, er würde in einer Stadt in der Nähe Braunschweigs in einem großen Haus mit viel Geld leben, aber Beweise hatte niemand und er selbst gibt nichts über sein Privatleben bekannt. Auch in Medien und anderen wissenschaftlichen Untersuchungen wird das Phänomen Pfandsammeln immer mit Armut in Zusammenhang gebracht. 102 Im Folgenden wird Fall D als untypischer Sonderfall betrachtet. Zu beachten ist zudem, dass, auch wenn Interviewpartner 4 das Geld weder für sich braucht und auch für sein Ziel nicht bräuchte, er eben doch das Pfand gegen Geld eintauscht und dieses zielgerichtet verwendet. Die Bedingung dafür, dass er Flaschen sammelt ist also, dass er dafür einen Geldwert im Tausch erhält. 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … finanziellen Situation unzufrieden sind. Interviewpartner 1, der wie Interviewpartner 2 Arbeitslosengeld II bezieht, sammelt auch wenig aktiv, obwohl er außer Sozialleistungen zu bekommen keine weiteren Maßnahmen ergreift, seine finanzielle Lage zu ver- ändern. Er hat sich im Gegensatz zu Interviewpartner 2 in seiner Armut eingerichtet, kann sich aber vorstellen, dass er, sobald er weniger Geld hätte und dies zu Problemen führte, auf das aktive Sammeln umsteigen würde. Im Moment kommt es ihm auf einen Euro mehr oder weniger nicht an. Als Wohnungsloser ohne Sozialleistungen könnte jedoch das bisschen Geld über die nächste Mahlzeit entscheiden. Als weitere Bedingung wenig aktiv zu sammeln nennt Interviewpartner 1 noch seine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel. Diese Bedingung wohnt der Definition des weniger aktiven Sammelns bereits inne, da es im Alltag und bei Gelegenheit betrieben wird. Ohne dieses Ticket bietet sich Interviewpartner 1 keine Gelegenheit im Alltag. Um Alltag handelt es sich hierbei, weil er sammelt, wenn er das Ticket hat, das Ticket aber nicht hauptsächlich für diesen Zweck kauft. Würde er es andererseits kaufen, damit er in der Stadt sammeln kann, würde es sich um sehr aktives Sammeln handeln, da ein Extraaufwand betrieben worden wäre. Man kann also zusammenfassen, dass sehr aktives Sammeln eine geeignete Strategie für Geldprobleme darstellt, wenn: • die materielle/finanzielle Lage sehr schlecht, • man mit dieser schlechten Lage unzufrieden und • keine bessere/effizientere Strategie vorhanden ist, • erfolgreiches Sammeln möglich ist oder • man bereits so verarmt ist, dass jeder Euro einen Unterschied macht und auch schon weniger erfolgreiches Sammeln eine Hilfe darstellt. Weniger aktives Sammeln ist eine attraktive Copingstrategie wenn: • man verhältnismäßig geringe Geldprobleme hat, • der Alltag das Sammeln ohne Aufwand ermöglicht und • eine Kombination mit anderen Strategien möglich ist. 7.2 Beschädigte Berufsidentität Die Ergebnisse zum Stressfaktor der beschädigten Berufsidentität fallen anders aus, als durch das vorangegangene Forschungsprojekt erwartet. Die teilnehmende Beobachtung im Forschungsprojekt fand in einer aktiven Sammlerszene statt, die den Eindruck 154 155 7.2 Beschädigte Berufsidentität erweckte, alle Beteiligten würden sich in besonderer Weise mit der Tätigkeit des Pfandsammelns identifizieren. Erheblichen Einfluss hatten dabei vor allem die zwei Hauptpersonen, die mich in die Szene eingeführt hatten. Beide hatten keinen Berufsabschluss und sprachen in einer solch positiven Weise über das Flaschensammeln als Beruf und sich selbst als Sammler (inklusive berufsspezifischer Termini wie etwa „Kollegen“, „Spätschicht“ und „Überstunden“), dass die Vermutung nahe lag, das Flaschensammeln wäre in jedem Fall ein geeignetes Mittel, um so etwas wie eine berufliche Identität zu generieren. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass die Ergebnisse in diesem Forschungsschwerpunkt sehr interpretativ ausgefallen sind. Da die Daten auf direktem Wege nur sehr wenig zu diesem Punkt verrieten, wurde versucht, von den berufsbiografischen Erzählungen auf das Flaschensammeln zu abstrahieren. Dabei ließen sich lediglich schwache Hypothesen in Form von Vermutungen aufstellen. Dass die Kategorien für die deduktive Kategorienanwendung nicht gut ausdefiniert wurden und noch einmal überarbeitet werden müssten, soll an dieser Stelle nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Es scheint jedoch wahrscheinlicher, dass einfach nicht die richtigen Fragen gestellt wurden, um für diesen Punkt relevante Daten zu generieren. Trotz allem sind die Ergebnisse insofern zufriedenstellend, als dass sie die vorherige Hypothese glaubhaft falsifizieren konnten und so trotz der Schwäche der Datenlage doch ein Erkenntnisgewinn generiert werden konnte. Für die deduktive Kategorienanwendung wurden wie zuvor wieder drei Oberkategorien gebildet, die sich wie folgt unterscheiden: K4 Flaschensammeln wirkt identitätsstiftend, K5 es liegt eine geringe Identifikation mit der Tätigkeit vor und K6 eine Identität als Flaschensammler wird gänzlich abgelehnt. In die Kategorie 4, in der das Flaschensammeln sehr gut geeignet ist, eine fehlende berufliche Identität zu kompensieren, fällt in dieser Arbeit keiner der vier Befragten. Wie die vorangegangen Forschung zeigt, kann dies aber durchaus zutreffen. Welche Bedingungen für einen solchen Fall eine Rolle spielen könnten, wird am Ende dieses Kapitels, in der die verallgemeinernden Ergebnisse des zweiten Durchgangs der Zusammenfassung behandelt werden, besprochen. Eine geringe Identifikation mit dem Flaschensammeln ist bei drei der vier Befragten zu erkennen. Jedoch macht es den Eindruck, dass sich die Intensität, in der sich das Flaschensammeln als geeignete Strategie erweist, eine berufliche Identität zu generieren, bei allen drei noch einmal stufenweise unterscheidet. Bei den drei erwähnten Befragten handelt es sich um die Interviewpartner 1, 2 und 3. Jeder der drei hat eine abgeschlossene Berufsausbildung, die auch Jahre nach dem Ausstieg aus dem jeweiligen Arbeitsfeld als berufliche Eigenbezeichnung Verwendung findet. Interviewpartner 1 ist gelernter Verwaltungsfachangestellter. Er hat auch noch eine staatliche Anerkennung als geprüfte Sicherheitsfachkraft, die für ihn allerdings eine eher untergeordnete Rolle spielt, da er bis auf ein Praktikum in diesem Arbeitsfeld keine weiteren Berufserfahrungen gemacht hat. Interviewpartner 2 ist ausgebildeter Steuermann und Schiffsmaschinist in der Binnenschifffahrt und wird sogar von allen Bekannten nur Steuermann genannt. Interviewpartner 3 hat eine Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur gemacht und sich zum bauleitenden Monteur für Großbaustellen hochgearbeitet. 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … Interviewpartner 1 hat von allen Befragten am wenigsten in seinem erlernten Beruf gearbeitet. Nachdem er die angestrebte Beamtenlaufbahn durch das Nichtbestehen der entscheidenden Prüfung aufgeben musste, hat er die Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten quasi als Alternative absolviert. Er konnte nach seiner Ausbildung jedoch kein längerfristiges Arbeitsverhältnis aufbauen: „Danach habe ich auch, meistens befristet, bei bestimmten Behörden hier in Köln gearbeitet. Das war aber wirklich fast immer ex tunc von Anfang an befristet“ (IP1, Z. 43 ff., Anhang). Als Beispiel nennt er hier die wiederkehrende, kurzfristige Arbeit im Wahlamt. Unterschwellig und schwer zu fassen schwingt eher eine Identität als Arbeitsloser, der sich in dieser Arbeitslosigkeit eingerichtet hat, denn die eines Verwaltungsfachangestellten mit. Grund für diese (leicht spekulative) Interpretationen geben zum einen Aussagen des Interviewten wie etwa: „Ja und jetzt um auf die aktuelle Situation zurückzukommen ich bin halt sogenannter Hartz 4“ (ebd., Z. 77 f.) oder: „Aber wie gesagt, ich hab trotzdem keine, ich hab keine Probleme, da bin ich auch ein bisschen stolz drauf, weil es gibt ja auch dieses Vorurteil, was heißt stolz, ich sag mal ich, ich hab mein Leben natürlich auch so organisiert dass ich so schnell nicht aus der Bahn komme ne.“ (ebd., Z. 106 ff.) Zum anderen hinterließen die Vor- und Nachgespräche im Rahmen des Interviews einen solchen Eindruck. Was die zukünftigen Berufsaussichten angeht, hat Interviewpartner 1, genauso wie die beiden anderen Interviewpartner 2 und 3, inzwischen völlig resigniert. Seine im Vergleich zu den anderen Befragten eher geringe Identifikation mit seinem erlernten Beruf ist, neben dem ausgebliebenden Erfolg, eventuell auch zurückzuführen auf den Misserfolg der eigentlich angestrebten Beamtenkarriere, der von ihm mehrmals im Gespräch als „Zäsur“ bezeichnet wird und dem intensiv erlebten beruflichen Erfolg seiner Schulfreunde. „[D]u kannst dir ja vorstellen, viele meiner Schulfreunde haben halt studiert und sind sehr gut, stehen sehr gut bis gut da. Ich hab zum Beispiel einen guten Schulfreund der ist Rechtsanwalt, Steuerberater oder auch ein weiterer der ist Archivar, ich wollte damit sagen, es gibt halt nur ganz wenige, zunächst aus meiner Kenntnis, die halt nicht, wo das halt so arbeitsmäßig nicht so reingefluppt hat alles ne“ (ebd., Z. 101 ff.) Von allen Befragten sieht sich Interviewpartner 1 noch am ehesten als Flaschensammler im Sinne einer beruflichen Gruppenzugehörigkeit. Er ist der einzige Sammler, der auf den Aushang, in dem Sammlerinnen gesucht wurden, geantwortet hat und lässt auch im Gespräch eine Gruppenzugehörigkeit zu den Flaschensammlern erkennen. Allerdings betont er wiederholt, dass das Sammeln bei ihm keine Haupttätigkeit darstellt und er sich auch nicht der Gruppe der „professionellen Flaschensammler“ zugehörig fühlt. Interviewpartner 2 lässt eine noch geringere Identifikation mit dem Flaschensammeln erkennen. Er ist zwar ähnlich wie Interviewpartner 1 beruflich gescheitert und 156 157 7.2 Beschädigte Berufsidentität hat keinerlei Hoffnung, noch einmal in der Seefahrt Fuß zu fassen, aber er kann in Bezug auf seinen beruflichen Lebenslauf bis zur Arbeitslosigkeit mehr Linearität aufweisen. Er hat sich vom Bootsmann zum Steuermann und Schiffsmaschinisten hochgearbeitet und sogar seine eigene Firma gegründet, die, aus zum Teil unbekannten Gründen, insolvent gegangen ist. Aus dem Gespräch geht jedoch hervor, dass sich in seiner Einstellung zum Flaschensammeln ein Wandel vollzogen hat. Es ist anzunehmen, dass er sich in früheren Zeiten mehr mit dem Pfandsammeln identifizieren konnte. So war er zum Beispiel Teil einer „Sammlerszene“: „Wie gesagt mit dem Matrosen […] zusammen gearbeitet, mit Asif noch (mhm). Der ja auch mehr oder weniger Deutscher war als hier grad, weiß nicht ob Asylant oder Flüchtling oder, hier ist ja auch die halbe Welt gekommen. Und oder Pierre hier, die Jungs die hier unten am Pegel sind. die sich dann noch gegenseitig was verraten aber was das Flaschensammeln angeht“ (IP2, Z. 439 ff., Anhang) Außerdem hat er sehr aktiv und erfolgreich gesammelt: „[J]a wir haben es wie gesagt auch nur mit Hänger gemacht, mit Anhänger. So wie der hier gerade mit seinem Schrott (zeigt auf Mann mit Altmetall im Anhänger). So haben wir damals auch einen Hänger gehabt, allerdings hatten wir einen. da konnte man die Maurerbütten reinsetzten, so hatten wir den Rahmen umgebaut und dann konnten wir die immer schnell wechseln weisste (mhm), pro Bütt waren 160 Flaschen. und dann wusste man immer, also bei 0,5ern, sind 240 bei 0,33ern (mhm). oder 220 so, ich weiß nicht mehr genau (1 Sek.) und dann brauchten wir nur noch immer schnell die Bütt zu wechseln (Ah ok) am Zeltplatz oder auf der Platte (mhm). da ging das noch sehr bequem. Aber um dir das, man hat seine Route gehabt, da biste lang gefahren, das war mehr körperliche Ertüchtigung durch die viele Radfahrerei die man hatte (mhm). bis (2 Sek.) ganze Bergisch Gladbacher Straße, Holweide noch und und und (ebd., Z. 236 ff.) Der heutigen aktiven Sammlerszene steht er skeptisch gegenüber, da es sich dabei laut eigener Aussage hauptsächlich um eine zusammenhängende Gruppe Osteuropäer handelt, die das Sammeln „bandenmäßig professionell betreibt“ (ebd., Z. 141). Mit seinem neuen Gelegenheitsjob als „freiwilliger Fremdenführer“ (ebd., Z. 131) kann er sich schon eher identifizieren, da dieser in gewisser Weise anspruchsvoller ist sowie Menschenkenntnis voraussetzt und zudem erfolgreicher betrieben werden kann: „Naja, siehste […], das ist doch schon besser wie Flaschensammeln“ (ebd., Z. 220) Bei Interviewpartner 3 erscheint die Identifikation mit dem Flaschensammeln von den Befragten, die sich damit gering identifizieren, am geringsten. Interviewpartner 3 ist kurz vor dem Renteneintritt unverschuldet durch Krankheit in die Arbeitslosigkeit gekommen. Er hat in der Arbeitszeit viel Spaß gehabt, sich als bauleitender Monteur eine gewisse Stellung erarbeitet, es gab einen guten kollegialen Zusammenhalt und der Stolz auf die eigene Leistung ist unterschwellig in seinen Erzählungen herauszulesen. 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … Wäre sein gesundheitlicher Zustand besser, bräuchte es nur „ein, zwei Anrufe dann hätte [er] [s]einen Job wieder“ (IP3, Z. 248, Anhang). Dementsprechend hat es „lange Jahre gedauert bis [er] da drüber weg war“ (ebd., Z. 172). Aus seinen Aussagen über den Konkurrenzkampf mit den anderen Sammlern ist ersichtlich, dass er sich der Gruppe der Flaschensammlerinnen in gewisser Weise zugehörig fühlt, allerdings lehnt er es strikt ab, das Flaschensammeln als arbeitsähnliche Tätigkeit zu bezeichnen: „Nö, warum auch […] sind ja viele dabei die die Flaschen sammeln, die keine Lust haben zum Arbeiten (mhm). und machen das deswegen […] aber sonst, verbinde ich das nicht mit Arbeit“ (ebd., Z. 135 ff.) „Ja das ist ein Hobby (mhm) […] theoretisch, also praktisch ist das ein Hobby (mhm) […] also unter Arbeit versteh ich schon was anderes“ (ebd., Z. 146 f.) Interviewpartner 4 schließlich bildet zu diesem Frageschwerpunkt wieder eine Ausnahme. Er ist der einzige, der sich selbst kein bisschen mit der Bezeichnung des Flaschensammlers identifizieren kann. Er unterscheidet sich in einigen Punkten von den anderen drei Befragten. So hat er von der Ausbildung bis zum Renteneintritt in dem von ihm erlernten Beruf gearbeitet, seine Identität als Erzieher hat somit keinen Schaden genommen, er ist immer noch für die Einrichtung, in der er gearbeitet hat, ehrenamtlich tätig und er sammelt die Flaschen nicht für den eigenen Gebrauch, sondern im Auftrag der Einrichtung für die Ferienfahrt. Dennoch lassen sich mit Blick auf die Identitätsfrage interessante Interpretationsversuche machen. Interviewpartner 4 hat keinen aktiven Stressor in Form von beruflichem Identifikationsverlust, den er versucht mit einer neuen Identität als Flaschensammler zu bewältigen. Vielmehr versucht Interviewpartner 4 dem Stressor vorzubeugen, indem er das Flaschensammeln benutzt, um die Identität als Erzieher in der Einrichtung aufrechtzuerhalten. Er ist also kein ehemaliger Erzieher, der nun zum Flaschensammler transformiert ist, sondern aktiver Erzieher in der Einrichtung, der bloß eine neue Aufgabe zugewiesen bekommen hat. So bildet das Flaschensammeln im Fall D eine Sonderform des Copings bei beschädigter Berufsidentität, indem es diese nicht ersetzt, sondern aufrechterhält. Betrachtet man nun die Ergebnisse der zweiten Zusammenfassung, lassen sich einige neue Hypothesen formulieren, die jedoch aufgrund der schwachen Datenlage als sehr interpretativ einzustufen sind. Es zeigt sich, dass der Grad, in dem Flaschensammeln als geeignete Copingstrategie anzusehen ist, sowohl von einigen berufsbiografischen als auch aktuellen, sammelbezogenen Faktoren abhängt. Es ist davon auszugehen, dass Stärke und Häufigkeit, in der diese Faktoren auftreten, die Eignung als brauchbare Bewältigungsstrategie ebenfalls beeinflussen. Eine Vollständigkeit dieser Faktoren soll an dieser Stelle nicht erreicht werden. So lässt sich vermuten, dass die Identifikation mit dem Flaschensammeln abnimmt: • wenn man einen Berufsabschluss vorweisen kann, • je stärker der berufliche Erfolg in der Arbeitszeit war, 158 159 7.2 Beschädigte Berufsidentität • je stärker sich die Identifikation mit dem erlernten Beruf herausstellt, • je zufriedener man im Rückblick mit dem eigenen Karriereverlauf ist (auch trotz Scheitern), • wenn man noch zusätzlich einer anderen Tätigkeit nachgeht, • je weniger man aktiv sammelt, • je geringer der Erfolg beim Sammeln ist und • man keiner Sammlerszene mit kollegialen Zügen angehört. Aus dieser Hypothese lässt sich im Umkehrschluss auch eine Aussage darüber treffen, wann das Flaschensammeln als geeignete Copingstrategie für eine beschädigte oder fehlende Berufsidentität eingesetzt werden kann. Auch hier wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Mögliche Faktoren dafür könnten sein, wenn zum Beispiel: • kein Berufsabschluss vorhanden ist, • man keine oder eine gescheiterte Berufskarriere vorzuweisen hat, • sehr aktiv und erfolgreich gesammelt wird und • man einer Sammlerszene mit kollegialen Zügen angehört. Es ist anzunehmen, dass man das Flaschensammeln nicht als identitätsbildend im Sinne einer Berufsidentität betrachtet, wenn man zum Beispiel: • einen Berufsabschluss vorweisen kann, • als Pensionär eine erfolgreiche Karriere und einen lückenlosen Übergang in die Rente vorzuweisen hat, • sich sehr stark mit dem einmal erlernten Beruf identifiziert und • keine finanzielle Not hat. Auch wenn in dieser Hinsicht einige Fragen geklärt werden konnten, bleibt noch einiges offen. Zudem ergeben sich durch diese Untersuchung des Phänomens Flaschensammeln mit Blick auf das Thema Identität durchaus neue Fragen. So muss in Frage gestellt und diskutiert werden, inwieweit die Identifikation als Flaschensammler der Identifikation mit einem Beruf gleichzusetzen ist und außerdem, inwiefern Berufsidentität neben anderen identitätsgenerierenden Aspekten überhaupt als entscheidendster 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … Aspekt für das eigene Selbst anzusehen ist. Ebenfalls ist anzunehmen, dass eine stigmatisierende Aufgabe wie das Sammeln von Pfandflaschen selbst einen Angriff auf eine bis dahin stabile Berufsidentität darstellen kann. Zu der Themenkombination Arbeitsverlust, Flaschensammeln und Berufsidentität hätte eine eigenständige Masterarbeit geschrieben werden können, weswegen an dieser Stelle mit dem Verweis auf noch zu klärende Fragen für diese Arbeit ein Ende gesetzt wird. 7.3 Soziale Isolation Mit Blick auf den Stressfaktor soziale Isolation waren die drei Oberkategorien für die deduktive Kategorienanwendung: K7 das Flaschensammeln als Strategie, soziale Kontakte zu generieren, ist wichtig, K8 Soziale Kontakte beim Sammeln sind nebensächlich und K9 Soziale Kontakte in Bezug auf das Sammeln werden strikt abgelehnt. Am ehesten von allen Befragten spielt für Interviewpartner 1 das Flaschensammeln eine Rolle in Bezug auf seine sozialen Kontakte. Nachdem er durch seine SPD- und Gewerkschaftsmitgliedschaft, seine Partnerin sowie diverse befristete Arbeitsstellen ein soziales Netzwerk in Köln errichten konnte; fernab seiner Heimat, in der auch heute noch ein Großteil seiner engen Freunde wohnt; fiel dieses Netzwerk nach dem Parteiaustritt, dem Tod seiner Partnerin und dem Beginn seiner Langzeitarbeitslosigkeit weg. Er sagt von sich selbst, er gehe in der „Anonymität der Großstadt unter“ (IP1, Z. 1144, Anhang). Neben den drei genannte Gründen ergibt sich aus dem Interview noch, dass er sehr viel Zeit alleine in seiner Wohnung verbringt: „Ich bin um 9 Uhr aufgestanden, also Mittwoch ne (mhm) und ja das ist wieder das was ich eben erzählt habe. Leider habe ich da manchmal noch nicht diesen Impetus oder krieg den Hintern hoch, also ich hätte auch schon um halb 12 aufbrechen können oder um 11 aber ich habe da halt bestimmte Riten, dann gucke ich mir zum Beispiel ganz bestimmte Sachen im Fernsehen an und dazu stehe ich auch und dann bin ich erst so gegen, […] so gegen 16:30 habe ich mich auf den Weg gemacht und bin mit dem Bus erstmal in Richtung Innenstadt gefahren und ja ein paar Erledigungen gemacht“ (ebd., Z. 550 ff.) Auch wird von ihm mehrmals angedeutet, dass er ein Problem mit der Mentalität der Kölner Menschen hat: „[A]lso ich sag mal so, die Kölner haben die Philosophie für sich in Anspruch genommen, so nach dem Motto „Laissez-faire“ und „Lass mal Fünfe grade sein“ (mhm) aber ich hab schon erlebt, dass das immer nur unilateral oder dass es häufig nur unilateral gilt, das heißt wenn es zu deren Nutzen ist oder Gunsten aber wehe, dass ver, weißte wie ich das meine von meiner Warte, dann wird alles piselig und kleinlich ausgelegt ne (mhm), das hab ich wirklich schon mehr als einmal erlebt, grad im Berufsleben mhm.“ (ebd., Z. 216 ff.) 160 161 7.3 Soziale Isolation „Eher die Rheinwestfalen und auch die Münsterländer, die kann man wirklich ein bisschen, teilweise als Sturköppe bezeichnen aber die Detmolder und Lipper, speziell die Lipper sagen wir mal, die sind zwar erst so ein bisschen […] oder sollen angeblich so ein bisschen, zurückhaltend sein, was auch stimmt aber wenn man mal ihr Vertrauen gewonnen hat und auch wen sie ins Herz geschlossen haben, die anderen, meinetwegen aus einer anderen Region oder was weiß ich, sonst woher, dann ist das auch eine Zuverlässigkeit und das betone ich deshalb so weil im Rheinland kommt es schon des Öfteren vor, dass es bei der Oberflächlichkeit bleibt, das wirst du auch noch erleben.“ (ebd., Z. 879 ff.) Diese angesprochene Oberflächlichkeit findet sich auch bei seinen Nachbarn wieder, die er nur oberflächlich kennt. „Das ist irgendwie ein bisschen bizarr, aber das ist nun mal so. Und das muss ja auch nicht sein. […] Jeder hat halt so seinen Lebensturn, seinen Lebensrhythmus […] muss ja jeder selber wissen.“ (ebd., Z. 1066 ff.) So hat er nur sehr wenige, dafür sehr enge Freundschaften. „Aber das ist ja auch gut so, […] diese Beliebigkeit mag ich auch nicht, […] da trennt sich auch so ein bisschen die Spreu vom Weizen […]. (ebd., Z. 1047 ff.) Trotz der Ablehnung oberflächlicher Bekanntschaften und der relativen Zurückgezogenheit in den eigenen Wohnraum ist Interviewpartner 1 „ein kommunikativer Mensch“ (ebd., Z. 854) und das Flaschensammeln bietet ihm eine gute Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu treten. Seien es passive soziale Kontakte im Sinne vom „unter Menschen kommen“, wenn er zum Beispiel die „Atmosphäre“ (ebd., Z. 338) vorm Fußballstadion erleben will103 oder aktive Kommunikationen, wenn er die Menschen direkt auf die Flaschen anspricht. Dabei reagieren die meisten Menschen aufgrund seiner Höflichkeit positiv auf seine Ansprache, auch wenn selten mehr als eine kurze Unterhaltung zustande kommt. Deswegen erzählt er auch begeistert von einer Interaktion mit einigen jungen Männern, die zunächst aufgrund des Flaschensammelns mit ihm in Kommunikation getreten sind, um ihn anschließend auf ein paar Bier einzuladen und gemeinsam zu trinken und somit die Begegnung auf eine höhere Interaktionsebene gehoben haben. Es wird an mehreren Stellen im Interview ersichtlich, dass dieses Erlebnis etwas Besonderes für Interviewpartner 1 darstellte und ihn sogar dazu bewog, mich zu kontaktieren, um mir davon zu erzählen: „[D]as war auch der Grund warum ich dich kürzlich spontan angerufen habe“ (ebd., Z. 132 f.). Auch für Interviewpartner 4 spielen die sozialen Kontakte im Zusammenhang mit dem Flaschensammeln eine wichtige Rolle, wenn auch in etwas anderer Form. Interviewpartner 4 hat nämlich relativ viele Freunde und soziale Kontakte in Köln, die er zudem regelmäßig sieht. Neben seiner Frau, die er täglich sieht, ist er beteiligt an der Planung für die Ferienreise der Jugendeinrichtung, die er zudem einmal jährlich beglei- 103 Hier soll Erwähnung finden, dass Interviewpartner 1 vermehrt darauf hinweist, der Hauptgrund für ihn, das Haus zu verlassen – und somit unter Menschen zu gehen – sei seine Monatskarte, ohne die er auch nicht sammeln würde. Die Monatskarte bedingt also das Sammeln. Zusätzlich hierzu benutzt er die Karte auch wenn er nicht sammelt, um zum Beispiel den Flughafen zu besichtigen. Für die passiven Kontakte bildet das Sammeln als solches also nur einen von mehreren Gründen. Die aktive Ansprache von Passantinnen geschieht jedoch nur im Zusammenhang mit dem Flaschensammeln. 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … tet. Außerdem trifft er sich von Zeit zu Zeit mit seinen Freunden, die nun auch anfangen, ins Rentenalter zu kommen. Trotzdem scheint Interviewpartner 4 ein größeres Bedürfnis nach sozialen Kontakten zu haben, als es bei Interviewpartner 1 der Fall ist. Während Interviewpartner 1 gerne mal bis zum späten Nachmittag seine Serien guckt, zieht es Interviewpartner 4 hinaus unter Menschen, wenn er nicht gerade eine Aufgabe am Haus zu erledigen hat. Dies stellte sich vor allem in der Anfangszeit nach dem Renteneintritt als problematisch dar. Denn Interviewpartner 4, dessen Hobbys Lesen und Filme gucken einen Ausgleich zu der Arbeit mit Menschen darstellen, langweilte sich nach der Pensionierung alleine zu Hause während seine Frau auf der Arbeit war. Auch seine Freunde hatten damals noch wenig Zeit, da er der erste Rentner im Freundeskreis war und sie arbeiten mussten. Da er die Zeit mit seinen Hobbys und den Reparaturen am Haus nicht überbrücken konnte, fing er an, regelmäßig seine alte Arbeitsstelle zu besuchen und vor allem den jüngeren Kollegen Ratschläge zu erteilen, wie sie ihre Arbeit besser machen könnten. „Aber das kam auf Dauer dann auch nicht so gut an bei denen“ (IP4, Z. 111, Anhang). So hat er angefangen, regelmäßig Großveranstaltungen zu besuchen und Flaschen zu sammeln. Dies gewährt ihm die Möglichkeit, neben den passiven sozialen Kontakten der Menschenmenge und den Gesprächen mit Bekannten, die er zufällig trifft, auch fremde Menschen direkt anzusprechen und in ein Gespräch über seinen ehemaligen Arbeitsplatz zu verwickeln. Gleichzeitig bieten ihm das durchs Sammeln erhaltene Geld und die damit zusammenhängende jährliche zeremonielle Sparschweinöffnung einen weiteren Grund, einmal mehr die ehemaligen Kollegen im Wohnheim zu besuchen. „Naja aber die freuen sich ja auch auf Arbeit wenn sie jedes Mal sehen, wie viel es wohl geworden ist ne? (mhm) Die Kollegen, die Jugendlichen (mhm). Und dann komme ich ja immer mit dem Schwein und wir sitzen zusammen am Tisch (2 Sek.) und die verlassen sich da ja auch ein bisschen auf mich […]“ (IP4, Z. 197 ff.). So bietet das Flaschensammeln, neben den Unternehmungen mit Frau und Freunden, dem Treffen mit Ex-Kolleginnen zur Planung der Ferienreise sowie der Reise an sich, eine Copingstrategie, mit der die durch die Pensionierung verlorengegangen sozialen Kontakte kompensiert werden. Interviewpartner 4 wendet also, ähnlich wie zum Beispiel Interviewpartner 2 beim Geld, eine Kombination verschiedener Bewältigungsstrategien an, um zum erwünschten Ergebnis zu kommen. Für Interviewpartner 2, der viele Freunde und Bekannte hat, spielt die soziale Komponente beim Sammeln eine untergeordnete Rolle; allerdings war dies nicht immer so. Neben den bereits genannten passiven sozialen Kontakten und den Gesprächen mit Flaschenbesitzerinnen, wurde Interviewpartner 2 durch das Sammeln eine Interaktionsform ermöglicht, die am ehesten der Interaktion in einem Arbeitsverhältnis gleicht: kollegiale Zusammenarbeit. Zu Zeiten, als die Konkurrenz noch geringer war und Interviewpartner 2 sehr intensiv gesammelt hat sowie aktiv in eine Sammlerszene eingebunden war, sammelte er häufig mit befreundeten Sammlern im Team. Es herrschte ein kollegiales Verhältnis untereinander und es gab einen guten Zusammenhalt: 162 163 7.3 Soziale Isolation „[A]ber da hat man noch andere zusammengehalten […] man kannte sich ja untereinander und wenn der eine was hat und sagte ‚Mensch komm mal mit‘ dann war das auch schon was anderes […] das ging immer ganz anders vonstatten aber heutzutage geht das nicht (mhm) […] Siehst du ja hier schustern sie sich ja schon gegenseitig wieder die Flaschen zu (mhm) gibts nur unter den Landsleuten bei den Rumänen und so“ (IP2, Z. 424 ff., Anhang) Ein anderer Vorteil des Sammelns, bezogen auf soziale Kontakte, kann indirekt durch das erworbene Geld entstehen. So antwortet Interviewpartner 2 auf die Frage, ob das Sammeln mit den Kollegen Spaß gemacht hat, wie folgt: „Naja […] nicht so aber […] meistens erst beim Zurückkommen (mhm), wenn man das Leergut abgegeben hat und bereits wieder volles hatten, wir haben eigentlich jeden Tag dann Party gefeiert (mhm). Das ist klar, das ist was anderes“ (ebd., Z. 291 ff.) Heute gestaltet sich das Leben von Interviewpartner 2 anders. Die zunehmende Konkurrenz hat dafür gesorgt, dass er nicht mehr sehr aktiv sammelt, aber seine neue Strategie, um an Geld zu kommen, beinhaltet auch eine neue Qualität der sozialen Interaktion. Als „freiwilliger Fremdenführer“ (ebd., Z. 131) braucht er zum einen besondere kommunikative Fähigkeiten, denn das Fragen nach Flaschen ist „unterschiedlich, einfacher, sagen wirs so, es ist einfacher (mhm). Mit Flaschen ist es wesentlich einfacher (ok), da brauchst du nur die richtige Gelegenheit zu haben […] da rennste offene Türen ein“ (ebd., Z. 228 ff.). Zum anderen haben die Gespräche eine andere Qualität als beim Flaschensammeln, bei dem das Gespräch oft nur aus der Frage nach der Flasche mit der anschließenden Übergabe besteht. Das Gespräch mit Interviewpartner 3 weist zu dieser Thematik die geringste Datenmenge auf. Interviewpartner 3 hat regelmäßigen Kontakt zu Freunden, seinen Kindern (Informationen aus den Vor- und Nachgesprächen) und seiner Exfrau sowie zu seiner Partnerin. Er sammelt alleine, wenn er eine Fahrradtour macht. Er erzählt zwar von trinkenden Jugendlichen und Konkurrenzkampf mit anderen Sammler, die er auch zum Großteil kennt, es macht jedoch den Eindruck, dass die soziale Komponente des Sammelns für ihn eine untergeordnete Rolle spielt, was an dieser Stelle rein spekulativ ist. Ein Interview mit einer Sammlerin, die soziale Kontakte im Zusammenhang mit dem Sammeln gänzlich ablehnt oder gar versucht zu vermeiden, wurde nicht gefunden, ist aber aufgrund der stigmatisierenden Tätigkeit durchaus denkbar. So jemanden für ein Interview zu diesem Thema zu bewegen, scheint jedoch aus logischer Sicht ein unmögliches Unterfangen. Betrachtet man die einzelnen Interviews übergreifend, kommt man zu dem Schluss, dass Flaschensammeln eine geeignete Copingstrategie in Bezug auf den Verlust sozialer Kontakte darstellen kann. Jedoch hängt dies von mehreren Faktoren in ihrer jeweiligen Qualität und/oder Quantität ab. Bei diesen Faktoren handelt es sich um: ■ Die Entstehung passiver sozialer Kontakte beim Sammeln ■ Quantität: Großveranstaltung mit mehreren hundert bis tausend Menschen oder ein halb leerer Marktplatz 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … ■ Qualität: Aggressive Stimmung bei einer Demonstration oder friedliche Stimmung bei einem Straßenfest mit Familien • Entstehung direkter Kommunikation ■ Quantität: Viele Menschen mit Getränken zum Ansprechen oder kaum Menschen mit Pfandflaschen und Dosen ■ Qualität: Freundliche Kommunikation, Smalltalk bis hin zu einem Gespräch oder abweisende Haltung, Desinteresse bis hin zu Aggression • Kooperation mit anderen Sammlerinnen ■ Quantität: Viele befreundete Sammlerinnen oder kaum andere Sammler beziehungsweise viele Sammlerinnen ohne Interesse füreinander ■ Qualität: Kollegiales Verhältnis bis hin zur aktiven Kooperation oder extremes Konkurrenzverhalten bis hin zu Aggressionen • Indirekter Einfluss des gesammelten Geldes auf anderweitige soziale Interaktionen (Party IP2, Ferienfahrt IP4) ■ Quantität: Viel Geld oder wenig Geld ■ Qualität: Die Möglichkeit, das gesammelte Geld für soziale Teilhabe einzusetzen oder trotz Geld keine Möglichkeit, das Geld in dieser Hinsicht zu verwenden • Andere Strategien soziale Kontakte zu generieren ■ Quantität: Viele andere Copingstrategien wie etwa Vereinseintritt und regelmäßige Familienbesuche oder keine andere Möglichkeit, unter Menschen zu kommen ■ Qualität: Durch andere Copingstrategien entstehen positive soziale Erlebnisse wie gute Gespräche und gemeinsame Unternehmungen oder negative Erlebnisse wie Mobbing oder gruppeninterne Machtkämpfe • Bereits vorhandene regelmäßige soziale Kontakte • Quantität: Großer Freundes- und Familienkreis oder kleiner Freundes- und Familienkreis bis hin zur totalen Vereinsamung 164 165 7.4 Sinnverlust ■ Qualität: Gutes und enges Verhältnis zu Freunden und Verwandten oder oberflächliches Verhältnis bis hin zu gegenseitiger Ablehnung • Individuelles Bedürfnis nach sozialen Kontakten ■ Quantität: Hohes Bedürfnis nach (vielen) sozialen Kontakten oder geringes Bedürfnis nach (vielen) sozialen Kontakten ■ Qualität: Bedürfnis nach engen und vertrauten Freunden oder Bedürfnis nach oberflächlichen Bekanntschaften • Kommunikative Fähigkeiten der Sammlerin ■ Quantität: Sammler spricht viele Menschen an oder Sammlerin spricht wenige Menschen an ■ Qualität: Hohe kommunikative Fähigkeiten des Sammlerin (Beherrschung der Sprache, Empathie, Charme etc.) oder geringe kommunikative Fähigkeiten des Sammlers (Fremdsprachler, keine Empathie, uncharmant etc.) 7.4 Sinnverlust Rein theoretisch wird hier die Frage behandelt, welchen Sinn die Interviewten mit dem Pfandsammeln verbinden. Die Antwort setzt sich aus vielen bewussten und unbewussten Faktoren zusammen, die unter anderem in den hier behandelten Copingstrategien wiederzufinden sind oder auch unerkannt bleiben. Eine direkte Antwort auf die Frage nach dem individuellen Sinn des Sammelns ist somit unmöglich. Für die deduktive Kategorienanwendung in diesem Kapitel wurde dennoch versucht, die Textfragmente herauszufiltern, die eine Art Begründungscharakter aufweisen, also so gelesen werden können, als wären sie die direkte Antwort auf die Frage: „Warum sammeln Sie Flaschen?“ Dies geschieht weniger in der Annahme, eine valide Antwort auf diese Frage zu erhalten, als vielmehr in der Hoffnung, so indirekt eine Aussage darüber treffen zu können, in welchem Maße, beziehungsweise ob überhaupt, der Stressfaktor „Sinnverlust“ für die Befragten eine Rolle spielt und welche vordergründigen Sinnzuschreibungen dieser Tätigkeit zugesprochen werden. Die drei Kategorien der deduktiven Kategorienanwendung sind in diesem Fall: K10 Dem Flaschensammeln wird ein hoher Sinngehalt zugesprochen, K11 Das Sammeln wird als sinnvoll erachtet und K12 Die Sinnhaftigkeit des Sammelns ist nicht erschließbar. Für Interviewpartner 4 ist seine Tätigkeit als Flaschensammler mit einem höheren Ziel verbunden und gestaltet sich so als eine sinnvolle und erfüllende Aufgabe. Bei keinem anderen der Befragten zeichnet sich eine Begründung für das Sammeln so eindeutig heraus und wird so häufig wiederholt, wie die Begründung von Interviewpartner 4. Er sammelt nicht, um selbst daran zu verdienen, sondern „für die Arbeit“ (IP4, 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … Z. 56, Anhang), „im Namen der Einrichtung“ (ebd., Z. 179 f.), „für die Kids […] und die Reise“ (ebd., Z. 189) also schlichtweg „für den guten Zweck“ (ebd., Z. 65). Die grundlegende Bedingung dafür, dass der Sammler diesem höheren karitativen Zweck nachgehen kann, ist zunächst jedoch, dass es für Pfandflaschen Geld gibt. Der finanzielle Aspekt macht das Sammeln sinnvoll; die Verwendung des finanziellen Zugewinns verleiht ihm einen höheren Sinn. Die Verwendung des Pfandgeldes für karitative Zwecke ist, auch wenn dies bestimmt nicht häufig vorkommt, so doch kein Einzelfall. So berichtet zum Beispiel Baderschneider von einer älteren Flaschensammlerin, die ihr gesammeltes Geld regelmäßig einer Tierschutzorganisation spendet (vgl. Baderschneider 2015, S. 88) Auch Interviewpartner 3 spricht dem Flaschensammeln einen höheren Sinn zu. Anders als bei Interviewpartner 4 liegt der höhere Sinn jedoch nicht darin begründet, Gutes mit dem eingetauschten Pfandgeld zu bewirken, sondern in der Handlung des Pfandsammelns selbst. Zwar wird das Geld als Hauptgrund genannt, weswegen überhaupt gesammelt wird und der Nebenaspekt, dass er sich „an der frischen Luft […] ein bisschen körperlich betätigt […] mit dem Fahrradfahren“ (IP3, Z. 121 f., Anhang), erscheint ihm auch sinnvoll; doch hebt er in besonderer Weise den ökologischen Aspekt des Flaschensammelns hervor. Er kritisiert, dass „die Leute viel wegschmeißen“ (ebd., Z. 22). Besonders hat ihn dabei „gestört[,] dass sie die ganzen Flaschen und so hier einfach in der Gegend rumschmeißen“ (ebd., Z. 56 f.). Denn Interviewpartner 3 sagt von sich selbst: „ich bin sowieso ziemlich für Mülltrennung und so (mhm), mache ich schon ziemlich rigoros“ (ebd. Z. 80 f.) Dies lässt die Vermutung zu, dass der Stressor der Sinnentleerung beim Arbeitsverlust durchaus auch mit einer stigmatisierenden Aufgabe wie dem Pfandsammeln bewältigt werden kann, indem versucht wird, der eigenen Tätigkeit einen – für eine als sinnvoll empfundene Arbeit benötigten – „übergeordneten Nutzen“ (Herrmann 2013, S. 160) zuzuschreiben. Aufgrund der geringen Datenlage zu diesem Thema bleibt diese Vermutung jedoch rein spekulativer Natur und bedarf einer eingehendereren Untersuchung. Auch ist darauf hinzuweisen, dass gerade Interviewpartner 3 eine Gleichsetzung von Flaschensammeln und Arbeit strikt ablehnt und diese nicht miteinander in Verbindung bringen möchte. Bei Interviewpartner 1 und 2 lässt sich Geld als Hauptgrund herausinterpretieren, warum ihnen das Flaschensammeln als sinnvolle Tätigkeit erscheint. Sie nennen jedoch noch weitere Gründe, weswegen das Sammeln sinnvoll ist. Interviewpartner 1 weist etwa darauf hin, dass das Sammeln einer hobbymäßigen Betätigung gleichkommt, vor allem wenn er versucht herauszufinden, welcher Getränkemarkt auch „exotisches Leergut“ (IP1, Z. 852, Anhang) entgegennimmt. Auch unter dem Umstand, dass er soziale Kontakte generiert, erscheint ihm das Flaschensammeln sinnvoll. Interviewpartner 2 erwähnt neben dem Geld auch die mit dem Sammeln einhergehende Sauberkeit und Ordnung in den Straßenbahnen, die erworbenen Ortskenntnisse und die „körperliche Ertüchtigung“ (IP2, Z. 245 f., Anhang) als weitere sinnvolle Nebenaspekte des Sammelns. Jedoch hebt keiner der beiden diese Punkte in besonderer Weise in den Vordergrund, weswegen hier nicht von einem höheren Sinngehalt gesprochen werden kann, sondern das Sammeln wohl eher als im normalen Rahmen sinnvolle Tätigkeit betrach- 166 167 7.4 Sinnverlust tet wird. Dafür, dass vor allem bei Interviewpartner 1 der finanzielle Gewinn den entscheidenden Sinnfaktor beim Sammeln darstellt, spricht auch, dass er wegen der starken Konkurrenz nun hauptsächlich als „Fremdenführer“ tätig ist und das Sammeln eingeschränkt hat. Hätte das Sammeln für ihn noch einen weiteren wichtigen Sinn außer dem Geld, hätte er wohl nicht die Strategie gewechselt. Betrachtet man nun die Einzelfälle verallgemeinernd, lassen sich zum Thema Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für den Stressor Sinnverlust einige neue Hypothesen aufstellen: 1. Flaschensammeln ist nur sinnvoll, wenn es Geld einbringt. Ohne den finanziellen Faktor wäre das intensive Sammeln von Pfandflaschen und -dosen sinnlos und keiner der Sammlerinnen würde es betreiben. Pfandgeld bildet somit die Bedingung für das Flaschensammeln. 2. Neben dem Sammeln des Geldes wegen, können weitere individuelle subjektive Sinnzuschreibungen stattfinden, wie etwa Umweltschutz oder Sicherheit bei Fußballspielen. 3. Sinkt die Qualität des Sinngehalts, wird die Strategie gewechselt. Es ist davon auszugehen, da Geld zu verdienen die Hauptbedingung für das Flaschensammeln bildet, dass jeder lukrativere Job als sinnvoller angesehen und bevorzugt wird. Das jemand trotzdem beim Flaschensammeln bleibt, weil sie zum Beispiel Mitglied einer sozialen Gruppe bestehend aus Flaschensammlerinnen ist, soll hier nicht ausgeschlossen werden. Dies steht nicht im Gegensatz zu Hypothese 1, da es zwar für diese Sammlerin subjektiv sinnvoller ist – trotz des wenigen Geldes – bei der Gruppe zu bleiben, statt den neuen Job anzunehmen, aber diese Gruppe in dieser Form nicht existieren könnte, gäbe es gar kein Geld mehr für die Flaschen. 4. Dem Flaschensammeln kann ein höherer Sinn in Form einer erfüllenden Tätigkeit zugesprochen werden indem: A) der Handlung als solcher ein höherer Sinn beigemessen wird, wie etwa Umweltschutz oder B) das erwirtschaftete Geld für einen höheren Zweck eingesetzt wird, wie etwa Spenden. 5. Flaschensammeln erscheint eher als sinnvoll, wenn die normative Regel, Geld zu ehren, verinnerlicht wird. Die letzte Hypothese bedarf noch einer zusätzlichen Erläuterung, da die hierfür zugrundeliegende Beobachtung in den dargestellten Einzelfällen nicht behandelt wurde. In Anbetracht der Tatsache, dass beim Flaschensammeln meist nur Kleinstbeträge verdient werden, beziehungsweise dass für einen größeren Gewinn ein immenser Arbeits- 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … aufwand betrieben werden muss, erscheint es auf den ersten Blick wenig sinnvoll, dass neben den Menschen, für die jeder Euro einen existentiellen Unterschied darstellt, auch so viele Menschen sammeln, für die zwar auch ein Euro, wenn schon einen, so doch keinen wirklich spürbaren Unterschied ausmacht. Beispielhaft soll an dieser Stelle Interviewpartner 1 genannt werden, der von sich selbst sagt, er habe sich in seiner Lebenssituation sehr gut eingerichtet. Andere Menschen in einer ähnlichen Lage oder sogar mit erheblicheren existentiellen Problemen sammeln dafür keine Flaschen. Abgesehen von Gründen wie Schamgefühl, Zeitmangel oder besseren Strategien, um nicht sammeln zu müssen, gibt es einen Punkt in Bezug auf Sinnhaftigkeit, der vielleicht auch einen ausschlaggebenden Entscheidungsfaktor dafür darstellt, mit dem Flaschensammeln anzufangen. Bei allen vier Interviews findet sich einmal im Gespräch eine Aussage, die darauf hinweist, dass alle vier Befragten einem normativen, verinnerlichten Druck ausgesetzt sind, Geld zu ehren. Diese gesellschaftliche Norm lässt sich wohl am ehesten mit dem alten Sprichwort erklären: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“ Interviewpartner 1 „tut das einfach manchmal in der Seele weh“ (IP1, Z. 292, Anhang) wenn er sieht, dass Geld in Form von Pfandflaschen auf der Straße liegt. Für Interviewpartner 2 ist es „eigenartig“ (IP2, Z. 172, Anhang), dass „das Geld quasi weggeworfen wird“ (ebd., Z. 170) und er sagt von sich selbst, dass er sich „darüber amüsiere“ (ebd., Z. 170). Auch Interviewpartner 3 „lässt […] nicht einfach so 25 Cent auf der Straße liegen“ (IP3, Z. 77 f., Anhang). Zuletzt erzählt schließlich auch Interviewpartner 4: „[I]ch habe schon früher immer, auch wenn es nur ein Pfennig war, habe ich das aufgehoben und das mache ich auch jetzt noch mit Cents […] und so wäre das Geld ja weg.“ (IP4, Z. 205 ff., Anhang). So ergibt sich die sehr vage Hypothese, dass Menschen, die dieses normative Verhalten verinnerlicht haben, eher dazu neigen, eine herumliegende Flasche aufzusammeln, als Menschen ohne diese verinnerlichte Norm. 7.5 Strukturverlust Die im Kapitel 5.2.1 Arbeitslosigkeit und ihre Auswirkungen auf das Individuum behandelte Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 2015) zeigt sehr deutlich, dass sich ein sehr großes Quantum freier Zeit, das nicht mit einer als subjektiv sinnvoll empfundenen Tätigkeit gefüllt und somit strukturiert wird, negativ auf die seelische Gesundheit von Menschen auswirken kann. In dem dieser Masterarbeit zugrundeliegenden Forschungsarbeit wurde die Hypothese entwickelt, dass das Flaschensammeln in gleicher Weise zur Strukturierung der freien Zeit eingesetzt werden kann wie jede andere Arbeitstätigkeit. Nachfolgend soll diese Hypothese um weitere Erkenntnisse und Annahmen mit Blick auf die Copingtheorie erweitert werden. Hierfür wurden für die deduktive Kategorienanwendung mit Blick auf den Stressfaktor Strukturverlust drei Oberkategorien gebildet, die sich wie folgt unterscheiden: K13 Der Tages-/Wochenablauf erhält eine Struktur, K14 Sammeln trägt teilweise zur zeitlichen Strukturierung bei und K15 Sammeln wirkt sich nicht bis negativ auf eine geordnete Tagesstruktur aus. 168 169 7.5 Strukturverlust Dass das Pfandsammeln eine geeignete Strategie darstellen kann, ein Übermaß an freier Zeit mit einer Aufgabe zu füllen und so zu seiner Strukturierung beizutragen, zeigt vor allem ein Blick in die Vergangenheit von Interviewpartner 2, in der er dem Sammeln sehr aktiv nachgegangen ist. Sowohl seine Arbeit auf diversen Messen als auch die Arbeit in der Schifffahrt waren saisongebunden und so überbrückte er die freie Zeit zwischen diesen Tätigkeiten, indem er in Vollzeit dem Sammeln nachging: „Messesaison vorbei, Schifffahrt war auch Saisonverkehr […]. Auch vorbei ja, irgendwann, wars Geld verbraucht dann musste man was tun […], damals gings noch mit dem Flaschensammeln“ (IP2, Z. 137 ff., Anhang). Dabei waren er und seine Sammelkollegen, trotz der relativ freien Zeiteinteilung im Sinne einer selbstständigen Arbeit, doch an gewisse äußere Faktoren wie Veranstaltungs- und Ladenöffnungszeiten gebunden. So bedurfte es für eine erfolgreiche Sammeltätigkeit einer genauen Zeit- und Ablaufplanung. Interviewpartner 2 und seine Kollegen haben „natürlich geguckt, wo ist wann was los“ (ebd., Z. 76 f.), mussten früh mit dem Sammeln beginnen, „als Allererster am besten bevor der Abfallwirtschafts, AWB, damals war es noch die Stadtreinigung, gekommen ist“ (ebd., Z. 24 f.) und hatten bei Großveranstaltungen die Arbeitsabläufe im Team abzusprechen, denn „dann musste das schon genau ausgetimed werden wie das […] zu laufen hat.“ (ebd., Z. 189 f.) Diese Aussagen beziehen sich alle auf die Zeit des sehr aktiven und somit automatisch zeitintensiven Sammelns. Inwieweit das Sammeln in der Gegenwart, in der Interviewpartner 2 nur noch wenig aktiv sammelt und die meiste Zeit an den Gedenksteinen verbringt, zur Strukturierung seiner freien Zeit beiträgt, geht aus dem Interview nicht hervor. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es eine geringere Rolle spielt als zu der sehr aktiven Zeit, allein aus dem Umstand, dass er seinen Fremdenführerplatz nicht zu lange verlassen darf. Für Interviewpartner 4 trägt das Flaschensammeln teilweise zur Gestaltung der freien Zeit bei. Er sammelt zwar nicht sehr aktiv, dafür jedoch strukturiert, da die Sammeltätigkeit einer gewissen Planung unterliegt. Er sammelt nämlich ausschließlich bei Großveranstaltungen und informiert sich zu diesem Zweck auch des Öfteren im Internet über die Termine ausstehender Veranstaltungen: „Ich mein wenn die Frau auf Arbeit ist ne (ja, klar). Naja jedenfalls bin ich dann immer in die Stadt wenn was los war (mhm) und habe dann auch irgendwann mal bei köln.de geguckt, da gibt’s so einen Knopf ‚Was ist los?‘“ (IP4, Z. 106 ff., Anhang). Dabei geht es ihm im Speziellen um das tätige Füllen der freien Zeit, die entsteht, während seine Frau auf der Arbeit ist und die er ansonsten meist alleine zu Hause verbrachte. Diese freie Zeit versuchte er zunächst durch Strategien wie Reparaturarbeiten am Haus, seinen beiden Hobbys Lesen und Filme gucken sowie Besuche bei seiner alten Arbeitsstelle zu füllen. Diese Copingstrategien stellten sich jedoch als weniger geeignet heraus, als von ihm anfangs vermutet. „[A]ls wir wieder in Deutschland waren habe ich erstmal Sachen am Haus repariert, Bücher gelesen und Filme geguckt und weiß der Geier was (mhm). Weil meine Frau kommt erst abends nach Hause ne (mhm), ja und meine Freunde sind alle was jünger als ich und da bin ich jetzt fast der erste in Rente (mhm), da war dann ziemlich fix alles erledigt was ich dachte, was ich nicht alles für Aufgaben hätt zu tun (mhm), […] ja und die erste Zeit auch viel zur Arbeit noch gegangen ne (mhm) 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … (1 Sek.) Mal ein bisschen gucken, weil da sind jetzt auch ein paar junge Kollegen, da dachte ich, da kann man ja ein paar Tipps geben. Aber das kam auf Dauer dann auch nicht so gut an bei denen“ (ebd., Z. 100 ff.) Eine weitere und anscheinend erfolgreichere Strategie zu dieser Zeit war das Besuchen von größeren Veranstaltungen, was Interviewpartner 4 zu Beginn noch ohne das Sammeln von Pfandflaschen tat. Interviewpartner 4 betont zudem, dass auch heute noch der Besuch der Feste im Mittelpunkt stehe und das Sammeln nur einen Nebenaspekt dieser Besuche darstelle. Gegen diese Aussage spricht jedoch, dass seine Haupttätigkeit auf diesen Festen aus dem Flaschensammeln besteht und er diese meist sofort verlässt „wenn die Tüten dann voll oder auch halbvoll sind“ (ebd., Z. 66 f.). Es ist zu vermuten, dass das reine Besuchen von Festivitäten zwar eine geeignete Strategie zum Zeitfüllen darstellen kann, auf Dauer jedoch nicht als befriedigende Tätigkeit empfunden wird. Diese Interpretation erinnert an Aussagen aus anderen Untersuchungen zu dem Thema Flaschensammeln in der Fachliteratur, vor allem im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Spazierengehens. „Sollte diese Vermutung104 stimmen, dann ist auffällig, dass diese Begründung der Bewegung alleine nicht ausreicht, sondern dieser eine Zusatzbetätigung wie das Flaschensammeln hinzugefügt wird.“ (Moser 2014, S. 85) Das Flaschensammeln verleiht Interviewpartner 4 also eine gewisse Art Legitimation für das häufige Aufsuchen von Veranstaltungen. Inzwischen verwendet Interviewpartner 4 das Flaschensammeln auf Festen erfolgreich in Kombination mit anderen Copingstrategien, um seine freie Zeit zu füllen und zu strukturieren. „Aber inzwischen hat sich das ja schon ziemlich eingependelt. Mal einen Film gucken, dann Flaschen sammeln auf einem Fest, Zeit mit meiner Frau verbringen, was am Haus machen, Kollegen treffen.“ (IP4, Z. 240 ff., Anhang) Für die Interviewpartner 1 und 2 spielt das Flaschensammeln in Bezug auf eine fehlende Tagesstruktur eine untergeordnete Rolle. Jedoch sind zwischen beiden Fällen erhebliche Unterschiede zu verzeichnen. Interviewpartner 1 weist eine gewisse Strukturierung seiner frei zur Verfügung stehenden Zeit auf. So steht er jeden Tag in etwa zu selben Zeit auf, frühstückt und sucht das Bad auf. In seiner Erzählung bleibt jedoch zunächst unerwähnt, was dann anschließend bis zum Nachmittag geschieht. „Und um auf deine Frage zurückzukommen, ja wie sieht der Tag aus? Also je nachdem wann ich abends schlafen gegangen bin steh ich, also ich schlaf jetzt nicht bis in die Puppen wie man so sagt sondern ich stehe meistens, das ist so ein bisschen meine innere Uhr, zwischen 8 und halb 9 auf (Mhm), ja dann geh ich ins Bad, mache Frühstück ja und obwohl ich es mir anders vorgenommen habe, ist es leider bis jetzt so dass ich meist nicht vor Nachmittag, ich weiß ja auch nicht warum, vielleicht muss ich diese Barriere auch mal durchbrechen, aber wenn ich nicht gerade einen festen verpflichtenden Termin vormittags zum Beispiel habe, meinetwegen mein Jobcenter dann komme ich meistens nicht oder fast nie vor nachmittags dazu aufzubrechen (Mhm).“ (IP1, Z. 299 ff., Anhang) 104 Dass das Spazierengehen aus Gesundheitsgründen betrieben werden muss, Anm. T. S.  170 171 7.5 Strukturverlust Diese Beschreibung des Tagesablaufs erinnert sehr stark an die getroffenen Aussagen in den Zeitverwendungsbögen der Befragten der Marienthalstudie. Ein Auszug aus der Untersuchung zeigt dies wohl am ehesten auf: „Es ist immer dasselbe: nur an wenige ‚Ereignisse‘ erinnert sich der Marienthaler Arbeitslose, wenn er den Bogen ausfüllt. Denn was zwischen den drei Orientierungspunkten Aufstehen – Essen – Schlafengehen liegt, die Pausen, das Nichtstun ist selbst für den Beobachter, sicher für den Arbeitslosen schwer beschreibbar. Er weiß nur: Einstweilen wird es Mittag.“ (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 2015, S. 85) Doch anders als bei den Marienthalern damals, gibt es in der heutigen Gegenwart andere Möglichkeiten diese „Pausen“, dieses „Nichtstun“ zu verbringen als an Zäunen angelehnt ins Nichts zu starren. So lebt Interviewpartner 1 „jetzt nicht in den Tag hinein“ (IP1, Z. 273, Anhang), sondern nennt seine täglichen „festen Rituale“ (ebd., Z. 274), mit denen er seine Zeit bis zum Nachmittag verbringt. So guckt er „ganz bestimmte Sachen im Fernsehen an“ (ebd., Z. 643) wie etwa „diese Krimiserien, die auf ZDF Neo kommen“ (ebd., Z. 274 f.) oder Debatten im Bundestag. Dennoch scheint er mit dieser Beschäftigung nicht zufrieden zu sein, denn er hat es sich „anders vorgenommen“ (ebd. Z. 304) und denkt sich, er müsse vielleicht „diese Barriere auch mal durchbrechen“ (ebd. Z. 305 f.). Allerdings benötigt er einen verpflichtenden Termin, um die Wohnung früher zu verlassen. Dass er die Wohnung trotz allem noch verlässt, hängt mit einer anderen Copingstrategie als dem Sammeln zusammen. Denn neben den alltäglichen Erledigungen wie etwa dem Einkaufen, wird Interviewpartner 1 noch durch etwas anderes aus dem Haus gelockt: er will seine Monatskarte ausnutzen. Die Monatskarte taucht in den Erzählungen immer auf, wenn es darum geht, eine Aktivität zu beschreiben. So macht Interviewpartner 1 Ausflüge wie etwa zum Flughafen und zum Stadion und hat bei unserem Gespräch am 18.05. die Karte „bis auf drei Tage im Mai“ (ebd., Z. 342) genutzt. Dass das Flaschensammeln keine Bedeutung für seine Tagesstruktur hat, liegt darin begründet, dass es zum einen nur wenig aktiv und zum anderen unstrukturiert stattfindet. Anders als Interviewpartner 4, der auch wenig aktiv sammelt, sucht sich Interviewpartner 1 nicht speziell Veranstaltungen heraus, um bei diesen zu sammeln. Er besucht zwar auch Feste und Veranstaltungen, sammelt dort jedoch nicht unbedingt Flaschen. In erster Linie geht es ihm darum, sein Monatsticket so häufig wie möglich zu nutzen. Ob er dabei zu einer Veranstaltung fährt oder zum Einkaufen, ob er dabei Flaschen sammelt oder nicht, ist für ihn nebensächlich. Interviewpartner 3 äußert keine erkenntlichen Beschwerden über eine fehlende Tagesstruktur. Er hat früher sehr viel gearbeitet und musste als bauleitender Monteur Terminbauten betreuen, was ihn sehr unter Stress setzte. An die Umstellung nach der Arbeit musste er sich erst gewöhnen, doch kann heute „auch gut mal faulenzen“ (IP3, Z. 174, Anhang), was er laut eigener Aussage „meistens tagsüber“ (ebd.) mache. In Anbetracht dessen, dass er die ganze Nacht unterwegs ist, um Zeitungen auszutragen, kann man dieses „Faulenzen“ wohl auch als Erholung von der nächtlichen Tätigkeit betrachten. Das Sammeln spielt für ihn heute keine besondere Rolle mehr, um seine freie Zeit 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … zu füllen. Er hat „sowieso Stress genug. (mhm) trotzdem noch, fast jeden Vormittag unterwegs (mhm). hier eben hinfahren, da eben hinfahren (3 Sek.) und (4 Sek.) da ist der Tag immer schnell rum“ (ebd., Z. 261 ff.). Dennoch erinnert auch seine Beschreibung nach der Frage des gestrigen Tagesablaufs an die Ergebnisse der Marienthalstudie. „Gestern? (mhm) (1 Sek.) Kann ich erzählen, ich war von nachts Zeitungen austragen (mhm). dann habe ich hier (2 Sek.) meine Freundin abgeholt (mhm), haben wir zusammen gesessen (2 Sek.) und hier (1 Sek) dann habe ich die mittags (2 Sek.) nachmittags nach Hause gebracht und zwischendurch war ich mal ein bisschen am Delft mal ein bisschen relaxen (mhm) und (1 Sek.) ein bisschen frische Luft schnappen (mhm). und da habe ich unterwegs auch tatsächlich zwei Flaschen eingesteckt (mhm) ja dann habe ich die abends wieder nach Hause gebracht (mhm), also die Freundin (IP3 lacht leicht). und das hier, wars dann auch“ (ebd., Z. 324 ff.). Betrachtet man nun die Ergebnisse der vier Einzelfälle abstrahierend von den drei deduktiven Kategorien im Ganzen, lassen sich einige verallgemeinernde Aussagen treffen: • Zunächst kann festgehalten werden, dass sich die Ergebnisse aus der Fachliteratur zum Thema Arbeitslosigkeit und Zeit bestätigen lassen. Fehlende oder ungenügende Strategien, mit der freien Zeit umzugehen, können die betroffene Person unzufrieden machen. • Flaschensammeln ist keine geeignete Strategie für den Stressor unstrukturierter Lebenszeit, wenn wenig aktiv und unstrukturiert gesammelt wird. • Pfandsammeln kann eine Copingstrategie mittlerer Güte für zu viel ungenutzte Zeit darstellen, wenn wenig aktiv, doch dafür strukturiert gesammelt wird und eine Kombination mit anderen Strategien stattfindet. Wahrscheinlich entsteht bei Umkehrung der beiden Bedingungen (sehr aktives, dafür unstrukturiertes Sammeln) ein ähnliches Ergebnis, da eine Struktur allein durch den täglichen Zeitaufwand entsteht. • Das Sammeln von Flaschen kann eine geeignete Bewältigungsstrategie darstellen, um mit dem Stress, der bei zu viel unstrukturierter Zeit entstehen kann, umzugehen, wenn sehr aktiv und strukturiert gesammelt wird. 7.6 Verlust der Bindung zum ehemaligen Arbeitgeber Der Stressfaktor der verlorengegangenen Bindung an den Arbeitsplatz war, abweichend von den davor behandelten Stressoren, nicht als von vornherein zu untersuchendes Phänomen im Zusammenhang mit dem Flaschensammeln geplant worden. Anders als 172 173 7.6 Verlust der Bindung zum ehemaligen Arbeitgeber bei den anderen Stressoren sowie den dazugehörigen Copingstrategien, handelt es sich bei der Vermutung, das Flaschensammeln könne als Bewältigungsstrategie für einen erlittenen Bindungsverlust zum Arbeitsplatz eingesetzt werden, nicht um eine Hypothese, die aus dem zuvor durchgeführten Forschungsprojekt entstanden ist. Die Idee für die drei Kategorien der deduktiven Kategorienanwendung, die wiederum die Grundlage für die induktive Kategorienbildung darstellen, entstanden ihrerseits bereits induktiv, nämlich beim ersten Durchgang durch das Datenmaterial. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das in dieser Weise in noch keiner Studie zum Flaschensammeln beschrieben wurde. Auch ist mir aus meiner bisherigen Forschung in diesem Feld kein solcher Fall bekannt. Dies hat sicher damit zu tun, dass eine ganze Reihe von Faktoren gegeben sein muss, damit eine Bewältigung in diesem Sinne überhaupt möglich ist. Es sind jedoch einige Fälle von Sammlerinnen bekannt, die arbeiten und im Bereich ihrer Arbeit sammeln, wie etwa Bahnangestellte, Reinigungskräfte oder Hausmeister. Da sie dies auch nach einem Arbeitsplatzverlust weiterhin tun könnten, soll hier von einem besonderen Fall, aber nicht unbedingt von einem Einzelfall gesprochen werden. Auch wenn von Anfang an klar war, dass diese Kategorie nur für Interviewpartner 4 von Bedeutung ist, wurden pro forma und für den Fall weiterer passender Interviews für die deduktive Kategorienanwendung drei Oberkategorien gebildet, die sich wie folgt unterscheiden: K16 Durch das Sammeln wird versucht sich an den ehemaligen Arbeitgeber zu binden, K17 Durch das Sammeln kommt es zufälligerweise zu Kontakt zum ehemaligen Arbeitgeber und K18 Der ehemalige Arbeitgeber spielt keine Rolle im Zusammenhang mit dem Sammeln. Für die Interviewpartner 1 bis 3 spielt die Bindung zum ehemaligen Arbeitgeber im Zusammenhang mit dem Flaschensammeln keine Rolle. Es ist an dieser Stelle lediglich anzumerken, dass Interviewpartner 2 als Sicherungsaufsicht bei den Kölner Verkehrs- Betrieben gearbeitet hat und zu dieser Zeit bereits nebenbei sammelte. Es wäre also durchaus möglich, dass er durch das Flaschensammeln in Kontakt mit seinem ehemaligen Arbeitgeber kommt. Für Interviewpartner 4 fällt die Arbeitsplatzbindung im Zusammenhang mit dem Sammeln von Pfandflaschen besonders ins Gewicht. Er besitzt eine stark ausgeprägte emotionale Bindung zur Einrichtung. Diese Bindung lässt sich unter anderem mit den guten Beziehungen zu diversen Kollegen und der starken Identifikation mit seiner Arbeit erklären. Auch auf privater Ebene steht er in besonderer Verbindung mit der Einrichtung, denn er hat zum einen seine Frau auf der Arbeit kennengelernt und zum anderen verbindet ihn ein enges Band mit dem ehemaligen Einrichtungsleiter. Mit ihm zusammen hat er die Ausbildung begonnen und dessen Homosexualität war in dieser Zeit ein Geheimnis zwischen ihnen beiden, „da vertraut man einander dann auch“ (IP4, Z. 289, Anhang). Interviewpartner 4 scheint zu den Mitarbeitern und den Jugendlichen im Generellen eher ein familiäres denn ein professionelles Verhältnis zu pflegen. Er nennt die Jugendlichen Pänz, was rheinländisch für Kinder ist. Betrachtet man den Umstand, dass viele der Jugendlichen bereits an der Schwelle zu Volljährigkeit stehen, ist eine Bezeichnung als Kinder wohl eher nur von Eltern gebräuchlich. Zudem trägt er ein Gruppenfoto von einigen der Jugendlichen im Portemonnaie mit sich herum. Die jün- 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … geren Mitarbeitern hat er am Arbeitsplatz besucht und ihnen Ratschläge für ihre Arbeit erteilt, was diese jedoch als übergriffig empfanden und ablehnten. Zu erklären ist dieses Verhalten eventuell mit dem nicht in Erfüllung gegangen Kinderwunsch von seiner Frau und ihm. Da sie keine Kinder haben, denen sie das ehemalige Elternhaus von Interviewpartner 4 vererben können, wollen sie dieses nach ihrem Ableben der Einrichtung hinterlassen. Interviewpartner 4 hat mehrere Copingstrategien ausprobiert, um in Kontakt mit seinem ehemaligen Arbeitgeber zu bleiben, von denen jedoch einige vonseiten der Einrichtung auf Widerstand stießen. Neben der von den Mitarbeitern abgelehnten Tätigkeit des freiberuflichen Beraters für Berufseinsteiger, hatte er bereits kurz nach dem Renteneintritt, im Urlaub mit seiner Frau, die Idee, als ehrenamtlicher Reisebetreuer die Ausflugsfahrten der Jugendlichen zu begleiten, um so schnell wie möglich wieder ein aktiver Mitarbeiter der Einrichtung zu werden. Bemerkenswert ist hierbei, dass es Interviewpartner 4 während seiner aktiven Arbeitszeit stets vermieden hat, die Reisen zu besuchen: „Nicht den ganzen Stress mit der Reise und dann drehen die da alle am Rad (mhm), in der Jugendherberge (mhm).“ (ebd., Z. 168 f.) Jedoch findet die Reise nur einmal im Jahr statt und zudem sind dort auch andere Freiwillige aktiv, was einem richtigen Mitarbeiterverhältnis mit der Einrichtung nicht ganz entspricht. So kam Interviewpartner 4 auf die Idee Flaschen „im Namen der Einrichtung“ (ebd., Z. 179 f.) zu sammeln und fing kurz darauf auch an, Passantinnen über die Einrichtung zu informieren und Spendengelder zu sammeln. Diese Tätigkeit birgt für ihn mehrere Vorteile: Er hat im übertragenen Sinne zwei neue Jobs und zwar als Fundraiser, der Spendengelder eintreibt und als Mitarbeiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, der über die Tätigkeiten der Einrichtung informiert. Nebenbei ermöglicht ihm die Zeremonie des gemeinsamen Sparschweinöffnens mit Kollegen und Jugendlichen auch noch einen zusätzlichen Besuch in der Einrichtung. „[U]nd dann wissen die auch, dass ich die nicht vergessen habe und immer noch Teil der Mannschaft bin, sage ich mal“ (ebd., Z. 202 f.). Als Teil des Teams ist es auch nachvollziehbar, dass Interviewpartner 4 immer von seinen Kollegen und nie von seinen ehemaligen oder Ex-Kollegen spricht. Durch die strikte Trennung von erwirtschaftetem und privatem Geld in verschiedenen Portemonnaies und der getrennten Lagerung der gesammelten und der privaten Flaschen im Haus, erhält die Tätigkeit einen zusätzlichen professionellen Anschein. Zu seinem Unmut gerät er jedoch mit dem neuen Einrichtungsleiter aneinander, da dieser das Flaschensammeln in Verbindung mit der Einrichtung ablehnt. Nach einer Diskussion mit Interviewpartner 4 schlägt dieser den Kompromiss vor, dass er weiter für die Reise sammeln kann, aber dabei den Namen der Einrichtung nicht mehr nennen soll. Somit stößt zwar die Tätigkeit von Interviewpartner 4 als Mitarbeiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf Ablehnung – was ihn allerdings nicht davon abzuhalten scheint, dieser Tätigkeit weiter nachzugehen –, die Arbeit als Fundraiser bekommt jedoch durch dieses Gespräch so etwas wie einen offiziellen Charakter, da sie durch den Einrichtungsleiter eine Legitimierung erhalten hat. So lassen sich zusammenfassend folgende Hypothesen aufstellen: 174 175 7.7 Zusammenfassung 1. Der Kontakt zu einer ehemaligen Arbeitgeberin durch das Flaschensammeln ist generell möglich. 2. Eine Bindung zum Arbeitsplatz wird wahrscheinlich aufrechterhalten werden wollen, wenn: A) eine gute Beziehung zu den ehemaligen Kolleginnen, B) eine starke emotionale Bindung zur Einrichtung, C) eine starke Identifikation mit dem Beruf und D) eine fehlende Bindung zu einer gleichwertigen Institution oder Gruppe wie einem Verein oder einer Familie besteht. 3. Flaschensammeln kann eine geeignete Strategie darstellen, um im aktiven Kontakt zum ehemaligen Arbeitsplatz zu bleiben, wenn: A) durch das Flaschensammeln Kontakt zum Arbeitsplatz und B) Kontakt zu Kollegen entsteht sowie C) es eine gewisse Akzeptanz von Seiten des Arbeitgebers gibt. 7.7 Zusammenfassung Die Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse zeigen sehr gut auf, dass das Flaschensammeln als Copingstrategie für Stressoren im Zusammenhang mit einem Arbeitsverlust, sei es durch eintretende Arbeitslosigkeit oder den Renteneintritt, Verwendung finden kann und auch verwendet wird. Inwieweit das Flaschensammeln als Copingstrategie eingesetzt wird, hängt von verschiedenen individuellen und allgemeinen Faktoren ab, die sich von Stressor zu Stressor unterscheiden. Allen Einsatzgebieten gleich ist die Abhängigkeit davon, inwieweit der Stressor individuell als solcher empfunden wird und welche anderen Bewältigungsstrategien den Befragten zur Verfügung stehen. An dieser Stelle findet sich also eine Bestätigung des transaktionalen Stressmodells von Lazarus, nach dem laut Christmann verschiedene „Persönlichkeitsfaktoren“ und „bewusste oder unbewusste Umweltfaktoren“ Einfluss auf die Bewertung eines Stressors nehmen. (vgl. Christmann 2013, S. 31 f.). Der Blick der Untersuchung wurde dabei hauptsächlich auf das Flaschensammeln in Sinne eines problemorientierten Copings gelegt (vgl. ebd., S. 40). Ein Vergleich der spezifischen Einsatzgrade in der Strategieanwendung der verschiedenen Befragten macht noch einmal deutlich, wie verschiedenartig sich die Einsatzmöglichkeiten des Flaschensammelns als Copingstrategie für die verschiedenen Stressoren einsetzen lassen. 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … Für Interviewpartner 1 sind Geldprobleme nicht von entscheidender Bedeutung, wenn es um das Sammeln von Flaschen geht. Er hat sich in seiner finanziellen Situation eingerichtet und wirtschaftet, ohne existentielle Probleme befürchten zu müssen, so dass sich der Grad, in der das Sammeln eine Copingstrategie für Geldprobleme darstellt, im mittleren Bereich einordnen lässt. Eine Identität als Profisammler ist bei ihm auch nicht zu verzeichnen. Einer Bezeichnung als Flaschensammler steht er nicht ablehnend gegenüber, da er ja Flaschen sammelt, aber einer Berufsbezeichnung kommt dies nicht gleich. Eine betonte Identifikation mit seinem erlernten Beruf des Verwaltungsfachangestellten ist nicht festzustellen. So landet auch dieser Intensitätsmesser im mittleren Bereich. Fast alle Freunde von Interviewpartner 1 leben außerhalb seiner alltäglichen Lebenswelt und er sagt von sich selbst, er gehe in der Anonymität der Großstadt unter. Die meisten zwischenmenschlichen Kontakte erlebt er tatsächlich durch die Ansprache von Passanten beim Flaschensammeln, weswegen der Gradmesser hier im oberen Bereich anzusiedeln ist. Dem Flaschensammeln misst Interviewpartner 1 keinen höheren Sinn zu, empfindet es aber auch nicht als sinnlos, weswegen sich der Gradmesser hier im mittleren Bereich befindet. Mit der aktiven Ausgestaltung seiner zur Verfügung stehenden Zeit ist Interviewpartner 1 unzufrieden. Er erhält etwas Struktur durch den Einsatz seiner Monatskarte, seine Fernsehserien und alltäglichen Erledigungen. Das Flaschensammeln spielt hierbei jedoch keine Rolle und deswegen steht das Diagramm auf niedrig. Dasselbe gilt für die Arbeitsplatzgebundenheit, die sich weder als Stressor im Gespräch zeigt noch durch das Sammeln hergestellt wird. Der einzige logische Grund für Interviewpartner 2 Flaschen zu sammeln ist, weil man dadurch Geld erhält. Deswegen gab er das Flaschensammeln auch sofort auf, sobald sich eine bessere Gelegenheit des Gelderwerbs ergab oder schränkte es ein, um in Kom- Interviewpartner 1 Geld Sinn Arbeitsplatzgebundenheit S0ziale Kontakte Identität Interviewpartner Struktur Abbildung 9: Netzdiagramm Interviewpartner 1 176 177 7.7 Zusammenfassung bination mit anderen Strategien so gut wie möglich Gewinne zu erzielen. Eine Zugehörigkeit zur Gruppe der Flaschensammler streitet er nicht ab, allerdings ist und bleibt seine Berufsidentität die des Steuermannes, die sich sogar in seinem Spitznamen manifestiert. Deswegen bleibt der Gradmesser hier auf der mittleren Stufe stehen. Interviewpartner 2 hat zu seiner sehr aktiven Sammlerzeit mit vielen anderen Sammlern im Team gearbeitet. Allerdings kannte er diese schon, bevor sie das Sammeln begonnen hatten und zudem hat er auch jetzt noch, nachdem er das Sammeln nicht mehr intensiv betreibt, viele Freunde und Bekannte in der Stadt. Dennoch geht er sozialen Kontakten beim Sammeln nicht aus dem Weg, weswegen die Intensität der Bewältigungsqualität im mittleren Bereich anzusiedeln ist. Einen höheren Sinn schreibt er dem Sammeln nicht zu, empfindet es aber auch nicht als sinnlose Tätigkeit. Zur Strukturierung seines Alltags hat das Sammeln besonders in seiner sehr aktiven Zeit beigetragen, was sich darin zeigt, dass er und seine Kollegen Termine und Arbeitsabläufe planen und koordinieren mussten. Die Sammeltätigkeit wurde sehr zeitintensiv betrieben, weswegen sich das Sammeln für Interviewpartner 2 als geeignete Strategie darstellt, um mit zu viel freier Zeit umzugehen, auch wenn er es heute nicht mehr sehr aktiv betreibt. Interviewpartner 2 hat zwar kurzzeitig bei den Kölner Verkehrs-Betrieben gearbeitet, weswegen er indirekt sicherlich beim Sammeln mit dem ehemaligen Arbeitgeber in Berührung gekommen ist. Allerdings wird die Arbeitsplatzgebundenheit in dem Gespräch nicht explizit erwähnt und würde – mit Blick auf seine Berufsidentität – sicherlich eher im Bereich der Schifffahrt eine Rolle spielen. Auch für Interviewpartner 3 ist Geld der wichtigste Grund, Flaschen zu sammeln, weswegen er es auch zugunsten der lukrativeren Einnahmequelle des Zeitungsaustragens eingeschränkt hat und nun beide Strategien kombiniert. Seine jahrelange Arbeit Interviewpartner 2 Geld Sinn Arbeitsplatzgebundenheit S0ziale Kontakte Identität Interviewpartner Struktur Abbildung 10: Netzdiagramm Interviewpartner 2 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … als Gas- und Wasserinstallateur, mit anschließender Beförderung zum bauleitenden Monteur auf diversen Großbaustellen, hat seine Berufsidentität geprägt. Seine Erzählungen vom Konkurrenzkampf mit den anderen Sammlerinnen lassen darauf schlie- ßen, dass eine gewisse Gruppenzugehörigkeit vorhanden sein muss, aber mit Sicherheit nicht im Sinne einer professionellen Berufsidentität, da er die Bezeichnung des Flaschensammelns als Arbeit kategorisch ablehnt. Interviewpartner 3 hat eine Partnerin sowie Freunde und Bekannte in der Stadt, die er regelmäßig sieht. Dennoch lassen die Erzählungen des Konkurrenzkampfes und der Hinweis, er habe da gesammelt, wo die Jugendlichen trinken, darauf schließen, dass er soziale Kontakte beim Sammeln nicht vermieden hat, weswegen hier die mittlere Stufe als angemessen erscheint. Dem Flaschensammeln schreibt Interviewpartner 3, neben dem Sinn des Gelderwerbs und der körperlichen Ertüchtigung, auch noch einen höheren Sinn zu. Anscheinend hat Interviewpartner 3 das Bedürfnis nach einer sinnvollen Tätigkeit, denn er betont wiederholt, dass er auch Flaschen einsammelt, damit diese nicht auf der Straße liegen. Generell betreibt er rigorose Mülltrennung und kann auf diesem Wege dem Pfandsammeln einen höheren Sinn zusprechen, weswegen das Diagramm hier im oberen Bereich steht. Zu den Punkten Struktur und Arbeitsplatzgebundenheit lassen die Daten keine Aussage zu, weswegen beide Punkte im niedrigen Bereich angesiedelt sind. Geld spielt für Interviewpartner 4 keine Rolle im Zusammenhang mit dem Flaschensammeln. Er sammelt zwar Flaschen, um das eingelöste Pfandgeld für den guten Zweck zu spenden, konnte aber glaubhaft versichern, dass er denselben Effekt auch ohne das Sammeln erzielen könnte, ohne in eine finanzielle Notlage zu geraten. Seine Berufsidentität wird voll und ganz durch seinen gelernten Beruf des Erziehers gebildet, wes- Interviewpartner 3 Geld Sinn Arbeitsplatzgebundenheit S0ziale Kontakte Identität Interviewpartner Struktur Abbildung 11: Netzdiagramm Interviewpartner 3 178 179 7.7 Zusammenfassung wegen auch hier das Netzdiagramm im unteren Bereich anzusiedeln ist. Interviewpartner 4 hat zwar eine Ehefrau sowie viele Bekannte und Freunde in der Stadt, jedoch hat er gleichzeitig ein so großes Bedürfnis nach sozialen Kontakten, dass ihm das Flaschensammeln, in Kombination mit weiteren Bewältigungsstrategien, sehr gelegen kommt, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Er schreibt dem Flaschensammeln einen höheren Sinn zu, denn er betreibt es für den guten Zweck. Die gesammelten Gelder gehen geschlossen an seinen ehemaligen Arbeitgeber, eine Jugendeinrichtung, und werden für eine Ferienfahrt eingesetzt. Der Grad der Strukturierung bleibt im mittleren Bereich, da er nach anfänglichen Schwierigkeiten nun neben dem Flaschensammeln eine weitere Reihe von zeitfüllenden Beschäftigungen hat, die er alle in kombinierter Form einsetzt. Der Stressor des Arbeitsplatzverlustes trifft Interviewpartner 4 besonders hart. Er hat eine starke emotionale Bindung zum Arbeitsplatz und den Menschen, die mit diesem zusammenhängen. Deswegen versucht er auch, durch das Sammeln den Kontakt zu der Einrichtung aufrechtzuerhalten und eine Art Angestelltenverhältnis herzustellen. Diese Kategorie wurde eigens für Interviewpartner 4 in die Gruppe der Stressoren aufgenommen. Betrachtet man nun die vier Einzelfälle im Vergleich, fällt die Heterogenität des Feldes auf. Schon vier verschiedene Fälle weisen vier verschiedene Ausprägungen in Bezug darauf auf, welche Stressoren in welcher Intensität auf die Personen einwirken und inwieweit das Flaschensammeln als geeignete Copingstrategie zu deren Bekämpfung eingesetzt wird. In der bisherigen Literatur wird zumeist zwischen zwei Arten von Sammlern unterschieden: „zwischen Routensammlern und Veranstaltungssammlern“ (Moser 2014, S. 44), wobei eine Sammlerin durchaus beides sein kann. Die Unterschei- Interviewpartner 4 Geld Sinn Arbeitsplatzgebundenheit S0ziale Kontakte Identität Interviewpartner Struktur Abbildung 12: Netzdiagramm Interviewpartner 4 7 Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für … dung nach der Intensität der Sammeltätigkeit in sehr aktive und weniger aktive Sammlerinnen lässt eine neue Betrachtungsweise zu, die sich vor allem in Bezug auf die Copingtheorie und mit Blick auf die Kombination verschiedener Strategien als sehr praktikabel erweist. Die gewonnene Erkenntnis darüber, dass das Sammeln gar nicht, in intensiver Form oder in abgeschwächter Form und dafür in Kombination mit anderen Strategien Verwendung finden kann, um mit erwerbslosigkeitsbedingten Stressoren umzugehen, lässt die Vermutung zu, dass sich dieses Konzept der Copingstrategien verschiedener Ausprägung auch auf andere Bewältigungsstrategien übertragen und systematisieren lässt. So sollte der Blick einer weiteren Erforschung von Stressoren und Copingstrategien im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit und Verrentung weg von der Betrachtung einer einzigen Strategie als universelles Bewältigungsmittel und hin zu den einzelnen Stressoren führen. So kann untersucht werden, welche Strategien oder auch Strategiekombinationen für welche Art von Stressor besonders praktikabel sind. Interessant ist zudem, dass durch die Darstellung der Arbeitsplatzbindung eine neue Eigenschaft zu den Charakteristika moderner Berufsarbeit hinzukommt, die in der vorangegangen Forschungsarbeit nicht mitgedacht wurde. Dies soll nun in einem Erklärungsversuch begründet werden. Ähnlich der Zuschreibung eines höheren subjektiven Kategoriestärke im Vergleich Geld Sinn Arbeitsplatzgebundenheit S0ziale Kontakte Identität Struktur Abbildung 13: Netzdiagramme im Vergleich Interviewpartner Interviewpartner Interviewpartner Interviewpartner 180 181 7.7 Zusammenfassung Sinns der eigenen Berufstätigkeit, die sich aus einer Kombination der anderen hier behandelten, der Berufsarbeit immanenten Wesensmerkmale, wie Vergütung, Identifikation, Generierung sozialer Kontakte und Strukturierung der freien Zeit, ergibt, scheint sich das Phänomen der Arbeitsplatzbindung aus einer Verknüpfung eben dieser Eigenschaften, inklusive des empfundenen höheren Sinns, zu speisen. Es handelt sich also um eine Eigenschaft moderner Berufsarbeit, die ihrerseits aus einer Kombination anderer Eigenschaften moderner Berufsarbeit hervorgerufen wird, denen zum Teil ihrerseits eine Kombination dieser Eigenschaften zugrunde liegt und die sich zudem wechselseitig bedingen können. So ist eine plastische Darstellung der einzelnen Teilaspekte von Arbeit nicht ganz einfach, da sich einige nicht sofort offen zu erkennen geben. Zudem wurde der Blick auf diese Eigenschaften über das Phänomen des Flaschensammelns in seiner Rolle als Arbeit gerichtet; beim Flaschensammeln jedoch spielt in den meisten Fällen die Bindung an einen Arbeitsplatz keinerlei Rolle. Dies ist ein weiterer Grund, den Blick von den Copingstrategien zunächst auf die typischen Stressoren eines Arbeitsplatzverlustes zu lenken und anschießend zu untersuchen, welche Copingstrategien erfolgreich von Betroffenen eingesetzt werden.

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References

Zusammenfassung

Flaschensammelnde Menschen begegnen einem an den unterschiedlichsten Orten im öffentlichen Leben. Man trifft sie an Bahnhöfen, in Einkaufspassagen oder bei Veranstaltungen wie etwa Fußballspielen oder Konzerten. Dieses Phänomen ist inzwischen so im gesellschaftlichen Alltag verwurzelt, dass das Abstellen leerer Flaschen neben dem Mülleimer eine selbstverständliche Handlung darstellt.

Tobias Schuller erweitert dieses in der bisherigen Forschung noch recht unbetretene Feld um den sozialarbeitswissenschaftlichen Blick. So erschließt er aufbauend auf bisherigen Ergebnissen einen neuen Pfad. Dabei werden in diesem Buch nicht allein Fragen in Bezug auf das Phänomen Flaschensammeln beleuchtet. Durch eine kritisch reflektierte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Arbeitsbegriff in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft geht Tobias Schuller der grundlegenden arbeitssoziologischen Fragestellung nach unserem gegenwärtigen Verständnis von Arbeit nach. Des Weiteren liefern die umfangreichen forschungspraktischen Beschreibungen, die ausführlichen methodologischen Passagen und der offene Umgang mit den erhobenen Daten erkenntnisreiche Informationen für Forscher*innen und Forschungsinteressierte, die sich mit diversen qualitativen Methoden beschäftigen.

Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Sylke Bartmann, Prof. Dr. paed. Carsten Müller und Prof. Dr. Martina Weber (Hochschule Emden/Leer).