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Einleitung in:

Tobias Schuller

Bewältigung durch Flaschensammeln, page 11 - 16

Eine sozialarbeitswissenschaftliche Betrachtung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4180-2, ISBN online: 978-3-8288-7075-8, https://doi.org/10.5771/9783828870758-11

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 88

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
11 Einleitung Ende der Achtzigerjahre veröffentlichte Norbert Preußer seine Dissertation mit dem Titel „Not macht erfinderisch – Überlebensstrategien der Armenbevölkerung in Deutschland seit 1807“ (Preußer 1989). Hier stellt Preußer „Überlebensstrategien und Widerstandsformen der Armenbevölkerung“ (ebd., S. 69) vor, die er in mehrere Kategorien einteilt, wie etwa den „Handel“ (ebd., S. 124), die Entwicklung von „Armutsbanken“ (ebd., S. 167) oder das „Finden“ (ebd., S. 134) um nur einige zu nennen. Für jede dieser „Überlebensstrategien“ nennt er wiederum Beispiele. So beschreibt er den „Handel“ unter anderem durch den „Kleinhandel und unmittelbare[n] Warentausch“ (ebd., S. 124), die „Armutsbanken“ anhand von „Lotterien“ und „Hazardspiele[n]“ (ebd., S. 171) und das „Finden“ anhand von „‚Finden‘ und Diebstahl“ (ebd., S. 136). Heute, fast dreißig Jahre später, könnte man noch immer die Arbeit zu einer ähnlich angelegten Studie aufnehmen, denn Armut und ebenso „Überlebensstrategien“ gibt es auch gegenwärtig in ähnlicher Form, wie sie von Preußer dargestellt wurden. Nur würde in einer aktuellen Studie wohl eher der Terminus Copingstrategie1 denn Überlebensstrategie Verwendung finden und die Kategorien könnten durch einige Erscheinungen der Neuzeit ergänzt werden. Einige dieser Ergänzungen bestehen zum Beispiel innerhalb der Kategorie „Handel“ aus dem Kauf und Verkauf gebrauchter Sachen auf diversen Internetplattformen sowie in sozialen Netzwerken, und die Kategorie „Armutsbanken“ könnte zum Beispiel um das Thema „Online-Sportwetten“ erweitert werden. Doch gibt es auch ein gegenwärtiges Phänomen, das noch vor dreißig Jahren in der heutigen Form nicht existierte und sich dem „Finden“ zurechnen lässt? Die Antwort lautet Flaschensammeln. Flaschensammelnde Menschen gehören inzwischen in jeder großen und mittelgro- ßen Stadt zum Stadtbild. Das Flaschensammeln als Indikator für Armut und damit zusammenhängende Armutsproblematiken lässt sich aktuell in öffentlichen Diskursen sowohl auf gesellschaftlicher als auch politischer Ebene festmachen. Dabei übt das Flaschensammeln auf gesellschaftlicher Ebene eine gewisse Faszination auf die Menschen aus, wie ein Blick auf diverse Blogeinträge, Artikel und Kommentare im Internet zeigt. Artikelüberschriften wie „Unterwegs als Flaschensammler – wie fühlt sich das an?“ (Mederake 2012, o. S.), „Soziologe erklärt das Flaschensammeln-Phänomen“ (Ventker 2015, o. S.) oder „10 Fragen an einen Flaschensammler, die du dich niemals trauen würdest zu stellen“ (Kutlu 2017, o. S.), sind keine Seltenheit und spiegeln das öffentliche Interesse an diesem Phänomen wieder. Der politische Diskurs zu dem Thema spielt sich auf zwei Ebenen ab. Zum einen werden in verschieden Städten politisch motivierte Maßnahmen getroffen, um direkt 1 Die Begriffe Bewältigungsstrategie und Copingstrategie werden in dieser Arbeit synonym verwendet. Einleitung auf die Tätigkeit des Flaschensammeln zu reagieren: „SPD will Pfandringe an Mülleimern im Frankfurter Süden anbringen“ (Lorenz 2016, o. S.). Zum anderen beschreiben einige Parteien das Phänomen als Symptom von Armutsproblematiken und wollen auf struktureller Ebene dafür sorgen, dass es für die betroffenen Menschen nicht mehr notwendig ist, Flaschen zu sammeln: „Solidarische Rentenversicherung statt Flaschensammeln!“ (DIE LINKE 2017, S. 1) Das Phänomen Flaschensammeln erfährt nicht bloß Interesse von Seiten der Gesellschaft und der Politik, es schafft es sogar, Teile der Gesellschaft zu politisieren, beziehungsweise zu solidarisieren, wie die Internetseite pfandgeben.de2, die Aktion „Pfand gehört daneben“3 (vgl. pfand-gehoert-daneben.de 2016, o. S.; Abb. 15 u. 22) oder die 2014 gestartete Petition der Hamburger Wohnungslosen-Zeitschrift Hinz& Kunzt (Abb. 25) gegen das Flaschensammelverbot am Hamburger Flughafen4 zeigen. Doch trotz gesellschaftlicher Solidarität kommt es, ähnlich wie am Hamburger Flughafen, von staatlicher und institutioneller Seite immer wieder zu Versuchen, die Flaschensammler aus dem Blickfeld von Touristen, Kunden und Passanten zu verbannen. Bahnangestellte berufen sich bei der Verbannung von Sammlerinnen zum Beispiel auf die Hausordnung der Bahn, die das „Durchsuchen von Abfallbehältern“ (Deutsche Bahn 2015, S. 1) verbietet, selbst wenn der betroffene Sammler gar nicht in einen Abfallbehälter gegriffen hat. Stadtverwaltungen wiederum bringen spezielle Abfallbehälter in der Innenstadt an, in die aufgrund ihrer Form das Hineingreifen unmöglich gemacht wird. Zum Ausgleich gibt es in vielen Städten Pfandregale, die das Sammeln erleichtern und in die Gebiete verdrängen, wo der Anblick sammelnder Menschen keine vermeintlich negativen Auswirkungen auf das Kaufverhalten der übrigen Menschen hat (vgl. Abb. 14, 16, 17, 18 u. 20). Neben der gesellschaftlichen und politischen Relevanz die das Thema einnimmt, hat das Flaschensammeln, wenn auch in einem sehr überschaubaren Rahmen, Einzug in die Sozialwissenschaften gehalten. Egal ob Soziologen (Moser 2014), Ethnologinnen (Rau 2016) oder Sozialarbeiter (Catterfeld/Knecht 2015) das Flaschensammeln, von Engel „als eine von Marktinputs stark abhängige Subsistenzproduktion mit monetären Tauschverhältnissen“ (Engel 2014, o. S.) bezeichnet, untersucht haben, sie haben alle trotz abweichender Erkenntnisse herausgearbeitet, dass ein Mangel an Einkommen Auslöser für eine Sammeltätigkeit ist, sich aber dahinter noch mehr verbirgt als der Versuch, an Geld zu kommen. 2 „Das Prinzip ist einfach: Pfandgebende können Pfandnehmende auf simple Art und Weise im eigenen Stadtteil finden und per Handy erreichen. Dadurch profitieren beide Seiten: Pfandgebende werden ihre angesammelten Flaschen los, Pfandnehmenden wird die Suche nach Pfand erleichtert.“ (pfandgeben.de o. J., o. S., Hervorhebungen im Original) 3 „Wer Dosen und Flaschen nicht in Mülleimer wirft, sondern danebenstellt, zeigt eine kleine Geste der Solidarität mit Menschen, die mithilfe von Pfandgut ihr tägliches Leben meistern.“ (pfandgehoert-daneben.de 2016, o. S.) 4 Die Petition war aufgrund der vielen Unterschriften erfolgreich und inzwischen hat das Hamburger Flughafenmanagement ein Konzept entwickelt, das es ermöglicht hat, spezielle Pfandcontainer aufzustellen und versicherungspflichtig angestellte Pfandsammler einzustellen. Dies wiederum wird von einigen Flaschensammlern kritisiert, da sie nun nicht mehr die Möglichkeit haben, an die Flaschen in den Spezialcontainern heranzukommen und sich ihr Einkommen erheblich verschlechtert. (vgl. Sat.1 Frühstücksfernehen 2016, o. S.) 12 13 Einleitung Das vorliegende Buch soll nun einen kleinen Beitrag zur Erweiterung der Datenlage leisten und vor allem verdeutlichen, warum das Phänomen Flaschensammeln auch für die Profession Soziale Arbeit relevant ist. Es besteht aus zwei Teilen, da sich der Inhalt dieses Buches aus zwei unterschiedlichen Studien zusammensetzt, die jedoch aufeinander aufbauen und zusammen ein geschlossenes Ganzes bilden. Der erste Teil dieses Buches beinhaltet die Ergebnisse eines zweijährigen, explorativen Forschungsprojektes, das im Rahmen des Masterstudienganges „Soziale Arbeit und Gesundheit im Kontext Sozialer Kohäsion“ der Hochschule Emden/Leer stattfand. Zunächst findet in Kapitel 1 die Herleitung der Untersuchungsfrage statt. Dargestellt als Drama in vier Akten wird, inklusive Prolog und Epilog, in sechs Unterkapiteln auf reflexive Weise dargestellt, wie sich der Weg zur Fragefindung im Laufe des Forschungsprozesses gestaltet hat. Vom ersten bewussten Kontakt mit einem Pfandsammler5 zur Zeit des Bachelorstudiums im Prolog; über den ersten Akt, in dem ich6 beschreibe, wie ich mich zum ersten Mal bewusst mit dem Thema Forschung, Methodenwahl und Erkenntnisinteresse auseinandergesetzt habe; den zweiten Akt, in dem ich darauf hinweise, dass auch die Beschäftigung mit der Bedeutung des Studienschwerpunkts – der Sozialen Arbeit im Kontext Sozialer Kohäsion – bei der Forschungsarbeit eine Rolle spielte und hierbei gleich die Gelegenheit genutzt wird, den Begriff der Sozialen Kohäsion zu erläutern; den dritten Akt, der sich mit dem im Laufe der Forschung erweiternden, aktuellen Forschungsstand beschäftigt, den ich während der Forschungstätigkeit immer im Auge behalten musste; den vierten Akt, in dem beschrieben wird, wie sich die konkrete Forschungsfrage ergeben hat und wie sich diese ausformuliert darstellt; bis hin zum Epilog, in dem darauf hingewiesen wird, dass sich durch dieses Forschungsprojekt die Möglichkeit ergeben hat, zum Thema Flaschensammeln in der folgenden Masterarbeit weiterzuforschen. Im zweiten Kapitel wird das dem ersten Teil dieses Buches zugrunde liegende Forschungsdesign dargestellt. Im Unterkapitel 2.1 wird dabei die verwendete Methodik der Ethnographie mit besonderem Blick auf die teilnehmende Beobachtung beschrieben und die theoretischen Aussagen mit Beispielen aus der eigenen Forschungspraxis unterfüttert. Unterkapitel 2.2 widmet sich der dichten Beschreibung nach Geertz. In Kapitel 3 wird zunächst der aktuelle Arbeitsbegriff geklärt, um im Anschluss die Funktionen, die eine Arbeitstätigkeit im Leben eines Menschen einnehmen kann, zu benennen und zu beschreiben. Dabei wird Arbeit als Symbolsystem betrachtet (3.1), dass die Funktion der Lebenssicherung einnimmt (3.2), den Tagesablauf strukturieren (3.3), 5 Aus Gründen der Vereinfachung und besseren Lesbarkeit wird, wenn von allgemeinen Menschengruppen die Rede ist, zufällig wechselnd die feminine und die maskuline Form verwendet. Um eine ausgeglichene Verwendung wurde sich dabei bemüht. Es sind immer alle Menschen jedweder Geschlechtszuschreibung gemeint. 6 Bei der umstrittenen Verwendung des Wortes „ich“ in wissenschaftlichen Arbeiten wurde sich nach den Angaben im Reader „Hilfen zur Gestaltung wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten – ein Reader“ (Griese o. J.) gerichtet, in der Griese Franck wie folgt zitiert: ‚Wer in einer Hausoder Diplomarbeit Fragen formuliert und Schwerpunkte setzt, meint, feststellt oder schlussfolgert, sollte ich schreiben: ‚Ich gehe der Frage nach, …‘ ‚Deshalb konzentriere ich mich auf …‘ […].‘ (Franck in Griese o. J., S. 9) Einleitung Sinn stiften (3.4), soziale Kontakte ermöglichen (3.5) und zur Identitätsbildung (3.6) beitragen kann. Kapitel 4 bezieht sich direkt auf die in Kapitel 3 gemachten Aussagen. Hier werden die Symbole des Pfandsammelns und die Symbole der Arbeit beim Pfandsammeln beschrieben (4.1), die Möglichkeit des Zuverdiensts durch das Flaschensammeln erläutert (4.2), dargestellt, wie das Sammeln von Flaschen zur Strukturierung der Zeit beitragen kann (4.3), erklärt, wie durch Sammlerinnen eine Sinnzuschreibung für die eigene Tätigkeit stattfindet (4.4), beleuchtet, welche Art sozialer Kontakte durch das Sammeln von Dosen entsteht (4.5) und aufgezeigt, dass sich einige Flaschensammler durchaus mit ihrer Tätigkeit identifizieren können (4.6). Der zweite Teil dieses Buches speist sich direkt aus den Ergebnissen des ersten Teils. Er besteht aus meiner Masterarbeit, in der ich die Erkenntnisse des Forschungsprojektes über die Eigenschaften des Flaschensammelns als Arbeitstätigkeit erweitere und darauf aufbauend das Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie entsprechend einer kompensierenden Tätigkeit für erwerbslose Menschen (Menschen ohne Arbeit sowie Rentnerinnen) untersuche. Die Hypothese, die sich aus dem ersten Teil ergibt – dass Flaschensammeln in seinen Teileigenschaften den immanenten Eigenschaften einer Berufsarbeit entspricht –, soll im zweiten Teil durch qualitative Interviews mit Flaschensammlern überprüft und um den stresstheoretischen Blickwinkel erweitert werden. Zunächst wird hierzu, in Kapitel 5 und dessen Unterkapiteln, die forschungspraktische und sozialwissenschaftstheoretische Rahmung des zweiten Teils vorgestellt, der die Grundlage für das Verständnis der weiteren Kapitel bildet. Das Erkenntnisinteresse für den zweiten Teil dieses Buches und dessen Entwicklung werden in Kapitel 5.1 ausführlich erläuternd dargestellt. Im zweiten Teil sollen Hypothesen getestet werden, die sich aus dem aktuellen Forschungsstand und den Erkenntnissen des ersten Forschungsabschnitts entwickelt haben. Hauptaussage der ersten Buchhälfte ist, dass die Kategorien Gelderwerb, Tagesstrukturierung, Sinngebung, Generierung sozialer Kontakte und Identitätsbildung immanente Eigenschaften von Arbeit darstellen, die sich auch beim Flaschensammeln nachweisen lassen. Die Schlussfolgerung daraus, dass ein Verlust von Arbeit gleichzeitig einen Verlust dieser Eigenschaften von Arbeit darstellt, jedoch durch das Flaschensammeln – welches die gleichen Eigenschaften besitzt – bewältigt werden kann, soll nun im zweiten Teil überprüft werden. Neben den Daten der bereits geleisteten forschungspraktischen Vorarbeit sind auch drei Bereiche sozialwissenschaftstheoretischer Wissenschaft für das Verständnis dieses Abschnitts von Bedeutung, die in Kapitel 5.2 und dessen Unterkapiteln behandelt werden. Da davon ausgegangen wird, dass es sich bei dem Verlust arbeitsimmanenter Eigenschaften durch Arbeitslosigkeit oder Verrentung um ein negatives Erleben handelt, das in Form mehrerer Stressoren, die es zu bewältigen gilt, auftritt, muss zunächst einmal der aktuelle Forschungsstand zu den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Renteneintritt auf die Betroffenen dargestellt werden. So können grundlegende Kenntnisse über das erforschte Feld helfen, die späteren Untersuchungsergebnisse richtig einzuordnen und ihre theoretische Grundlage zu überprüfen. In Kapitel 5.2.1 Arbeitslosigkeit und ihre Auswirkungen auf das Individuum wird zunächst der Blick auf arbeitslose Menschen und den Einfluss der Arbeitslosigkeit auf sie betrachtet. Hier werden verschiedene Studien und theoretische Konzepte 14 15 Einleitung dargestellt, die erklären sollen, welche Eigenschaften von Berufsarbeit sich durch ein Fehlen bei Arbeitslosigkeit negativ auf die psychische Gesundheit der Betroffenen auswirken können. Kapitel 5.2.2 Ruhestand und dessen Auswirkungen auf das Individuum beinhaltet verschiedene theoretische Konzepte über den Übergang in den Ruhestand und die Auswirkungen fehlender Berufsarbeit auf Rentnerinnen. Hier zeigen sich bereits erste Parallelen zum vorangegangen Kapitel. Um die Eignung des Pfandsammelns als Bewältigungsstrategie für den Arbeitsverlust bei der Dateninterpretation korrekt einschätzen zu können, ist auch ein theoretisches Vorwissen über das Konzept des Copings unumgänglich. Das Copingkonzept wird in Kapitel 5.2.3 Coping ausführlich erläutert. Im abschließenden Unterkapitel von Kapitel 5, dem Kapitel 5.3 Schnittstellen des Forschungsfeldes zu Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit, werden jene sozialarbeiterischen Tätigkeitsfelder vorgestellt, die das praxisrelevante Pendant zu den zuvor einzeln vorgestellten sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldern darstellen. Hier wird zunächst ein Überblick über die verschiedenen Arbeitsfelder Sozialer Arbeit gegeben. Anschließend wird die Soziale Arbeit mit erwerbslosen Menschen innerhalb dieser Praxisfelder verortet und die Aufgaben innerhalb dieses Arbeitsbereichs werden ausführlich dargestellt. Dasselbe geschieht daraufhin mit der Sozialen Arbeit im Kontext älterer Menschen, um abschließend mit Böhnisch (2012) das Konzept der „Lebensbewältigung“ innerhalb der Sozialen Arbeit vorzustellen. Das Forschungsdesign des zweiten Teils wird in Kapitel 6 und seinen Unterkapiteln vorgestellt. Dabei wird in Kapitel 6.1 ausführlich die Erhebungsmethode des episodischen Interviews erklärt, dessen zentraler Ansatzpunkt es ist, Situationserzählungen zu generieren. Das episodische Interview bietet jedoch zusätzlich den Vorteil, dass auch alle anderen Erzählformen wie „Repisoden“, „Beispielschilderungen“, „Stereotype“, „subjektive Definitionen“ und „Argumentative Aussagen“ (Flick 2011a S. 38) als geeignetes Datenmaterial verwendet werden können. In Kapitel 6.2 Kontaktaufnahme und Erhebung der episodischen Interviews wird dargestellt, wie die Kontaktaufnahme zu den interviewten Flaschensammlern vonstatten ging und wie sich die Vorbereitung und die Umsetzung der episodischen Interviews ereignete. In diesem Kapitel findet auch ein reflektierter Umgang mit Problemen der Datenerhebung und möglichen zukünftigen Verbesserungen statt. Darauf folgt die Vorstellung der Auswertungsmethode, die in Kapitel 6.3 erläutert wird. Nach einem einleitenden Exkurs, der beschreibt wie ich durch Recherchearbeit zu der geeigneten Auswertungsmethode in Form der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) gelangt bin, wird die methodische Anpassung an die Erhebungsdaten und Umsetzung der Interpretation geschildert. In Kapitel 7 und dessen Unterkapiteln werden die durch die qualitative Inhaltsanalyse ausgewerteten Daten in Form von Falldarstellungen präsentiert. Die vier erhobenen Interviews wurden nacheinander auf jeweils einen arbeitslosigkeitsbedingten Stressfaktor im Zusammenhang mit dem Flaschensammeln als Copingstrategie hin untersucht. Zunächst werden die jeweiligen Einzelfälle mit ihren Besonderheiten zum einzelnen Stressor dargestellt, um anschließend in der Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels allgemeine Aussagen zu den Faktoren treffen zu können, die das jeweilige Stressor-Coping-Verhältnis bedingen. Fünf der Stresskategorien sind dabei von außen in Form von fertigen Hypothesen des ersten Buchabschnitts an das Datenmaterial heran- Einleitung getragen worden, eine Kategorie hat sich aus der Arbeit mit den Interviews heraus ergeben. Bei den jeweiligen Kategorien handelt es sich um Flaschensammeln als Bewältigungsstrategie für die Stressoren Geldmangel (Kapitel 7.1), beschädigte Berufsidentität (Kapitel 7.2), soziale Isolation (Kapitel 7.3), Sinnverlust (Kapitel 7.4), Strukturverlust (Kapitel 7.5) und Verlust der Bindung zum ehemaligen Arbeitgeber (Kapitel 7.6). Zu allen Kategorien konnten die bestehenden Hypothesen geprüft und um neue Hypothesen erweitert werden. In der Zusammenfassung in Kapitel 7.7 werden die einzelnen Stressoren noch einmal im Gesamtzusammenhang auf die einzelnen Interviewpartner bezogen und diese untereinander verglichen. So kann herausgestellt werden, wie individuell sich das Empfinden einzelner Stressoren auszeichnet und wie unterschiedlich damit umgegangen wird. Abschließend werden, nach einer Kritik am aktuellen Arbeitsverständnis im Kapitel Fazit und Ausblick, die Ergebnisse des ersten Teils und der Falldarstellungen des zweiten Teils dieses Buches auf drei Ebenen besprochen. Bei diesen drei Ebenen handelt es sich erstens um die sozialwissenschaftliche Perspektive der Daten, spezieller um den kritischen Umgang mit den Erkenntnissen in Bezug auf eine Theoriebildung. Zudem wird aus sozialwissenschaftlicher Perspektive besprochen, wie eine weitere Forschung die gewonnenen Kenntnisse erweitern und für die Praxis der Sozialen Arbeit aufbereiten könnte. Auf der zweiten Ebene wird eben diese Praxis der Sozialen Arbeit behandelt. Es wird dabei besprochen, auf welcher Grundlage das Wissen um das Konzept der Bewältigung in der praktischen Arbeit umgesetzt und eingesetzt werden kann. Auch auf der dritten Ebene wird die Soziale Arbeit betrachtet. Hier allerdings im Sinne einer Profession mit politischem Mandat, die aktive Lobbyarbeit leistet und versucht, einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. In diesem Rahmen wird ein Konzept bezahlter gemeinnütziger Arbeit vorgestellt, welches sich aus der Reflexion der Thematik und der Ergebnisse dieser Arbeit als lose Idee entwickelt hat und das es zu diskutieren gilt. Abschließend folgt die Nennung einiger nicht behandelter oder noch offener Fragen mit einem Ausblick auf weitere zukünftige Forschungsfragen. Abschließend soll an dieser Stelle noch der Anhang dieses Buches Erwähnung finden. Kaufmanns Forderung „die tatsächlichen Abläufe in der empirischen Forschung offenzulegen“ (2015, S. 10) da „Wissenschaftler nur selten die tastenden Versuche ihres Vorgehens preisgeben, weil sie befürchten, dass diese wie tadelnswertes Flickwerk erscheinen könnten“ (ebd., S. 9 f.), soll mit diesem Buch entsprochen werden. So befinden sich im Anhang Beobachtungs- und Interviewprotokolle, Bildaufnahmen und Abbildungen meiner Arbeitsschritte während der qualitativen Inhaltsanalyse. So ist dieses Buch nicht nur für Sozialarbeiter, Wissenschaftlerinnen, Studierende und Menschen, die sich für das Phänomen Flaschensammeln interessieren, informativ, sondern auch für Interessierte an qualitativer Sozialforschung lehr- oder hilfreich. Die Namen der an der Forschung beteiligten Sammler wurden hierbei aus datenschutzrechtlichen Gründen verändert. 16

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Flaschensammelnde Menschen begegnen einem an den unterschiedlichsten Orten im öffentlichen Leben. Man trifft sie an Bahnhöfen, in Einkaufspassagen oder bei Veranstaltungen wie etwa Fußballspielen oder Konzerten. Dieses Phänomen ist inzwischen so im gesellschaftlichen Alltag verwurzelt, dass das Abstellen leerer Flaschen neben dem Mülleimer eine selbstverständliche Handlung darstellt.

Tobias Schuller erweitert dieses in der bisherigen Forschung noch recht unbetretene Feld um den sozialarbeitswissenschaftlichen Blick. So erschließt er aufbauend auf bisherigen Ergebnissen einen neuen Pfad. Dabei werden in diesem Buch nicht allein Fragen in Bezug auf das Phänomen Flaschensammeln beleuchtet. Durch eine kritisch reflektierte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Arbeitsbegriff in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft geht Tobias Schuller der grundlegenden arbeitssoziologischen Fragestellung nach unserem gegenwärtigen Verständnis von Arbeit nach. Des Weiteren liefern die umfangreichen forschungspraktischen Beschreibungen, die ausführlichen methodologischen Passagen und der offene Umgang mit den erhobenen Daten erkenntnisreiche Informationen für Forscher*innen und Forschungsinteressierte, die sich mit diversen qualitativen Methoden beschäftigen.

Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Sylke Bartmann, Prof. Dr. paed. Carsten Müller und Prof. Dr. Martina Weber (Hochschule Emden/Leer).